image
 
100 Jahre
Lehre und Forschung
für den Gartenbau
in Dresden-Pillnitz

 
| 01
Inhalt
03
Vorwort
04
Der Dresdner Hof und Pillnitz als Ort der Gartenkunst bis 1918
08
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung
in Pillnitz
08
1922 – 1951
08
Zur Vorgeschichte der Höheren Staatslehranstalt für Gartenbau
Dresden-Pillnitz
10
Errichtung der Staatslehranstalt für Gartenbau Pillnitz
12
Das erste Jahrzehnt 1922 - 1932
32
Die Jahre 1933 - 1945
38
Neubeginn 1945 -1951
44
1952 – 1991
44
Die Forschungsinstitute für Gartenbau
64
Die gärtnerische Fortbildung an den Fachschulen
70
Zierpflanzenproduktion in Dresden-Pillnitz
75
1992 - 2022
75
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung
75
Die Abteilung Gartenbau im Sächsischen Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie
124
Das Institut für Züchtungsforschung an Obst Dresden-Pillnitz
im Julius Kühn-Institut
148
Die Genbank Obst
152
Die Hochschule für Technik und Wirtschaft
161
Die Außenstelle Dresden-Pillnitz des Institutes für
Pflanzenschutz im Gartenbau der BBA
162
Schloss und Park Pillnitz
170
Der Verband ehemaliger Dresden-Pillnitzer e.V.
171
Pillnitzer Persönlichkeiten
190
Quellenangaben und Bildnachweis

image
02 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Pillnitz und die Entwicklung des Gartenbaus in Sachsen

image
image
image
image
image
 
| 03
Liebe Leserinnen und Leser,
Vor 100 Jahren, in Zeiten wirtschaftlich größter Not in Deutschland, wurde die „Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau in Pillnitz
an der Elbe“ gegründet. Es zeugte von großer Weitsicht und Verantwortung des Sächsischen Staates, den Gartenbau in Sachsen
durch staatlich finanzierte Ausbildung und Forschungstätigkeit zu fördern. Mit der Gründung der „Höheren Staatslehranstalt für
Gartenbau“ und der „Lehr- und Beispielsgärtnerei“ wurden dafür die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Die enge Verzahnung
von höherer gärtnerischer Ausbildung und praxisorientierter regionaler Versuchs- und Forschungstätigkeit war von außerordent-
licher Bedeutung für den Erfolg der Einrichtung. Wichtige Versuchs- und Forschungsergebnisse wurden unmittelbar in die Lehre
einbezogen und in der Weiterbildung dem gärtnerischen Berufsstand vermittelt. Dieses Pillnitzer Markenzeichen hat sich bis heute
bewährt und ist von großer Aktualität. Entscheidend für die erfolgreiche Entwicklung waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die durch ihre Kompetenz und ihr Engagement die Pillnitzer Einrichtung prägten.
In der vorliegenden Broschüre werden die in Pillnitz im Verlauf der Zeit wirkenden Einrichtungen dargestellt, ohne den Anspruch
auf Vollständigkeit zu erheben. Natürlich prägten die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen die Tätigkeit. Von herausragender
Bedeutung für die Existenz der heutigen Pillnitzer Einrichtungen waren zwei Dinge. Erstens 1991 die Empfehlungen aus der Evalu-
ierung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit des Instituts für Obstforschung Dresden-Pillnitz durch den Wissenschaftsrat der
Bundesrepublik Deutschland. Zweitens das große basisdemokratische Engagement für die Rückkehr der Fachschulen von Bannewitz
an ihren angestammten Platz in Pillnitz.
Im Ergebnis entstanden vier neue Einrichtungen, die heute gemeinsam ihren spezifischen Beitrag leisten und unter dem Dach
„Grünes Forum Pillnitz“ zusammenarbeiten. Dafür danken wir den Verantwortlichen im Bund und im Freistaat Sachsen.
Heute stellen wir uns den Herausforderungen, die sich aus dem Klimawandel, dem Ressourcenschutz und dem Schutz der Biodiversität
für den Gartenbau ableiten. Ein wichtiges Anliegen ist darüber hinaus die Information aller Freizeitgärtner zum umweltgerechten
Gärtnern.
Dresden-Pillnitz, im Mai 2022
Vorwort
Prof. Dr. Marina Vogel
Dekanin
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden,
Fakultät Landbau/Umwelt/Chemie
Norbert Eichkorn
Präsident
Sächsisches Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie
Dr. Dirk Welich
Schlossleiter
Schloss & Park Pillnitz
Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz
Vorsitzender
Verband ehemaliger Dresden-Pillnitzer e. V.
Prof. Dr. Frank Ordon
Präsident
Julius Kühn-Institut (JKI)
Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen

image
image
 
04 |
Der Dresdner Hof und Pillnitz als Ort der Gartenkunst bis 1918
Pillnitz hat bei vielen Menschen einen ganz besonderen Klang
und weckt die vielfältigsten Bilder im Kopf. Da sind zum einen
die traumhafte Schlossanlage und der Park mit seinen vielfälti-
gen botanischen Besonderheiten, die ehemalige Sommerresi-
denz der sächsischen Kurfürsten und Könige. Dann ist da die
liebliche Landschaft zwischen der meist friedlichen Elbe und den
nun wieder revitalisierten Weinbergen, eine wunderbare Kultur-
landschaft mit ganz besonderem Reiz. Und viele Menschen
verbinden Pillnitz einfach nur mit Gartenbau – in seinen viel-
fältigsten Ausprägungen.
Diese Empfindungen sind völlig verständlich, hängen sie doch
irgendwie alle zusammen.
Die Schlossanlage und der Park wurden über die Jahrhunderte
immer wieder erweitert, abhängig von den Interessen und
Zielen des jeweiligen Kurfürsten oder Königs. August der Starke
(1670 bis 1733), sicher der Bekannteste unter ihnen, war be-
rühmt und bekannt für sein Faible für alles Schöne und Wert-
volle. Dazu gehörten auch Pflanzen. Zu diesem Zweck ließ er den
Dresdner Zwinger erbauen, eine große Orangerie, um dort in
Glanzzeiten über 1300 Zitrusbäume zu präsentieren. Die „Gol-
denen Äpfel“ waren zu dieser Zeit das Symbol für Macht und
Der Dresdner Hof und Pillnitz als Ort der
Gartenkunst bis 1918
König Friedrich August I. (der Gerechte) von Sachsen
Über 300 Jahre alte Pomeranze vor der Pillnitzer Orangerie

image
image
| 05
Unsterblichkeit. Hervorragende Hofgärtner waren notwendig,
um diese wertvollen Pflanzen zu pflegen. Die Kultur war auf-
wendig und nur wenige konnten sich die entstehenden Ausga-
ben leisten. Damit entsprachen die Zitruskulturen auch dem
Repräsentationswillen des Kurfürsten. Noch heute befinden sich
im Bestand der Pillnitzer Orangerie ein paar wenige Exemplare
dieser sehr alten Pomeranzen.
Mit Kurfürst Friedrich August III., dem späteren König Friedrich
August dem Gerechten (1750 bis 1827), begann die botanisch
geprägte Zeit. Auf der politischen Bühne agierte er eher glück-
los, seine Leidenschaft galt mehr der Botanik und den Pflanzen
und das war überall in Dresden sichtbar. Zu dieser Zeit kamen
aus der ganzen Welt neue Pflanzen nach Europa, sehr schnell
fanden viele davon auch den Weg nach Sachsen. Friedrich
August, in der Botanik hochgebildet, beschäftigt sich intensiv
mit Pflanzen. Er sammelte, legte Herbarien an und führte
Kreuzungsversuche mit verschiedenen Pflanzenarten durch.
Im Herzogin Garten begann die große Ära des Hofgärtners
Johann Heinrich Seidel (1744 bis 1815), dessen Nachkommen
den sächsischen Gartenbau über Jahrhunderte prägen sollten.
Seidel, ein begnadeter Gärtner, konnte in diesem Umfeld seine
Fähigkeiten voll entwickeln. Wer irgendwo in Europa umfang-
reiche Pflanzensammlungen in hervorragender Qualität bewun-
dern wollte, musste nach Dresden reisen.
In Pillnitz wurden neue Ländereien erworben, der Park systema-
tisch erweitert und im Stil der Zeit Gartenteile gestaltet. Dabei
wurden neue Pflanzen verwendet, besonders der Englische
Garten ist hier vor allem durch die „neuenglischen“ Gehölze aus
Nordamerika gekennzeichnet. Aber auch viele Pflanzen, die im
Haus überwintert werden mussten, fanden den Weg hierher und
bald war Pillnitz einer der wichtigsten Pflanzensammelorte in
Europa. Die „botanische Schule“, wie man die Pflanzensamm-
lungen auch bezeichnete, bot den Studenten der botanischen
Fakultät lebendige Anschauung, denn ein botanischer Garten
wurde in Dresden erst später gegründet.
Im Holländischen Garten errichtete man Gewächshäuser, um die
Pflanzen im Winter zu schützen. Bald entstand eine richtige
Gärtnerei, denn die verschiedenen Pflanzenarten stellten unter-
schiedliche Ansprüche an Pflege und Überwinterung. Einen
Sammlungsschwerpunkt bildeten Pflanzen aus Südafrika sowie
aus Australien und Neuseeland. Die weltberühmte Pillnitzer
Kamelie und das inzwischen wieder rekonstruierte und mit
Pillnitzer Centurien, Mesembryanthemum roseum, 1812
Pillnitzer Centurien, Königskerze

image
image
06 |
Der Dresdner Hof und Pillnitz als Ort der Gartenkunst bis 1918
Leben erfüllte Pillnitzer Palmenhaus, wie auch die Sammlungen
im Park, zeugen heute noch von der enormen botanischen
Sammelleidenschaft sächsischer Herrscher. Gerade die Kamelie,
die älteste und größte ihrer Art in Europa nördlich der Alpen,
lockt jedes Jahr viele Besucher von überall her an.
Mit diesen Sammlungen und den verschiedenen, gartenkünst-
lerisch gestalteten Parkteilen, die reiches Anschauungsmaterial
für Studierende boten, war Pillnitz 1922 ein sehr guter Ort, um
hier eine Höhere Lehranstalt für Gartenbau zu gründen.
Pillnitzer Kamelie
Pillnitzer Kamelie 2016

image
image
| 07
Frühling im Floragarten
Palmenhaus zur Orangerieschau vom 21. – 26. März 1951 mit Dresdner Azaleen

image
image
 
08 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Die Jahre 1922 – 1951
Zur Vorgeschichte der Höheren Staatslehr­
anstalt für Gartenbau Dresden­Pillnitz
Die erste Initiative zur Gründung einer „Schule für die theore-
tische Ausbildung tüchtiger junger Gärtnergehilfen“ ging von
der Hauptversammlung des „Verbandes sächsischer Gartenbau-
vereine“ am 6. Februar 1888 aus. Es wurde eine Kommission aus
sieben namhaften Berufskollegen gebildet, die bei der Verbands-
versammlung 1889 folgende Empfehlungen zu einer Dreiteilung
der gärtnerischen Aus- und Weiterbildung aussprach:
• Vermehrung der an einzelnen Orten bereits bestehenden
gärtnerischen Fachschulen für Lehrlinge
• Errichtung einer Gartenbauschule für Gehilfen mit besserer
Schulbildung
• Gründung einer Akademie für Gartenkunst
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen
Lehre und Forschung in Pillnitz
Friedrich Tamms, Direktor der Laubegaster Gartenbauschule, anschließend bis 1924
Lehrer an der Staatslehranstalt
Gartenseite des Minnahofes, dem Sitz der Gartenbauschule in Laubegast

| 09
Die Verbandsversammlung stimmte diesen Empfehlungen zu. In
der Folge wurde dem Königlichen Ministerium des Innern eine
Denkschrift übergeben, die auf die Errichtung einer Garten-
bauschule und einer Akademie für Gartenkunst in Dresden ab-
zielte. Das Ministerium sagte hierauf die Unterstützung für eine
vom Verband zu begründende Gartenbauschule zu, setzte aber
gleichzeitig die Entscheidung zur Errichtung einer Hochschule
für Gartenkunst aus. Bis Anfang 1892 waren die Vorbereitungen,
wie die Erarbeitung der Lehrpläne, der Schulordnung u. ä., soweit
gediehen, dass das Ministerium am 12. April 1892 die Eröffnung
der Schule genehmigte. Bereits am 15. Mai 1892 konnte die
Schule in gemieteten Räumen des Wohnhauses Hassestraße 1 in
Striesen mit 7 Schülern und 9 Lehrern eröffnet werden. Träger
der Schule war der Gartenbauverband für das Königreich Sach-
sen, ihr erster Direktor Max Bertram, der als Gartenarchitekt
weithin anerkannt war. Er führte neben der Leitung der Garten-
bauschule auch sein Gartenarchitekturbüro weiter. Die näheren
Ziele der Schule werden in einem Informationsblatt aus den
Anfangsjahren folgendermaßen beschrieben:
„Sitz der Gartenbauschule ist Dresden, ihr Zweck: jungen Gärtnern
durch planmäßige Unterweisung eine theoretische Ausbildung zu
vermitteln, die ihnen für die spätere erfolgreiche Ausübung ihres
Berufes förderlich ist. Wie will sie diesen Zweck erreichen? Sie
berücksichtigt bei dem Aufbau ihres Lehrplanes alle Verhältnisse,
die dem jungen Manne bei Gründung, Einrichtung und Erbauung
einer Gärtnerei, bei Ausführung der verschiedensten Culturen und
bei dem Vertriebe der fertigen Erzeugnisse begegnen können.“
Zur Landschaftsgärtnerei heißt es nach der Darstellung des
Unterrichtes für den Produktionsgartenbau:
„Wer sich durch Befähigung und Neigung darauf hingewiesen
fühlt, die Landschaftsgärtnerei zum Felde seiner Thätigkeit zu
wählen, vermag sich durch die bisher genannten Unterrichts­
fächer die erforderliche Allgemeinbildung und Pflanzenkenntnis
zu erwerben. Im Besonderen aber sucht die Anstalt ihre Zöglinge
durch Unterweisung in Geometrie, Feldmessen, Freihand­, Plan­,
Linear­ und Landschaftszeichnen zu nützlichen Hilfskräften für
die Gartenkünstler heranzubilden und ihnen zu ermöglichen,
innerhalb gewisser Grenzen später auch auf diesem Gebiete
Selbständiges zu leisten.“
Der Unterricht erstreckt sich über zwei Jahre. In den Folgejahren
erfährt die Gartenbauschule wachsenden Zuspruch. Dabei zeigt
sich, dass sich entgegen den ursprünglichen Erwartungen das
Interesse der Schüler stärker auf die Landschaftsgärtnerei fo-
kussiert als auf den Gartenbau.
Es gelingt jedoch nicht, aus dem Schulgeld und aus Spenden
den Betrieb der Schule vollständig zu finanzieren. Das Kurato-
rium des Gartenbauverbandes muss jährlich beim Ministerium
um einen Zuschuss bitten, um den Haushalt auszugleichen.
Am 18. April 1907 überreicht der Berufsstand dem Ministerium
des Innern eine „Denkschrift über die Umgestaltung der Garten-
bauschule“. Sie beschreibt zwei wesentliche Missstände der
Schule, nämlich
• ein jährlich ungünstiges finanzielles Ergebnis, und außerdem
• trage die Schule in ihrem Zweck den heutigen Bedürfnissen
nicht mehr genügend Rechnung.
Zur Verbesserung gibt es folgende Vorschläge:
• Einrichtung eines neuen, einjährigen Kurses (ohne Garten-
kunst) mit Betonung der praktischen Fähigkeiten,
• Fortführung des bisherigen zweijährigen Kurses,
• Einführung der Obergärtnerprüfung,
• Verlegung der Schule, um den auftretenden, größeren Raum-
bedarf zu befriedigen. Das Kuratorium und der Verband ha-
ben dazu beschlossen, das Grundstück „Minnahof“ in Laube-
gast, Poststraße 17, anzumieten, wo neben der Schule auch
das Internat eingerichtet werden kann und ein großer
Garten zur Verfügung steht.
• Einrichtung einer Abendschule für Gärtnergehilfen im Winter,
wo Buchführung, Rechnen, Deutsch, Geometrie und Zeich-
nen unterrichtet werden.
• Zur Begründung werden auch finanzielle Vorteile angeführt,
insbesondere mehr Schulgeldeinahmen und weniger Miete.
Die Eröffnung der neuen Schule erfolgt am 12. August 1907 in
Laubegast, im Herbst 1907 wird die Obergärtnerprüfung einge-
führt. In Laubegast erfährt die Schule einen weiteren Auf-
schwung. Dabei hält der Trend an, dass sich immer mehr
Schüler für die gartenkünstlerische Ausbildung interessieren,
worauf die Schule die Ausbildung in diesem Bereich weiter
vertieft. Die Schuljahre 1912/13 und 1913/14 stellen sicher den
Höhepunkt in der Geschichte der Laubegaster Gartenbauschule
bezüglich Schülerzahl und Qualität der Ausbildung dar. Im
Frühjahr 1913 gab es mehr Bewerber, als die Schule aufnehmen
konnte. Insgesamt waren zusammen mit dem Winterkurs für
Gehilfen 50 Schüler an der Schule angemeldet. Der Unterricht
wurde von 15 Lehrern erteilt. Diese Entwicklung wird durch den
1. Weltkrieg jäh unterbrochen. Es gelingt zwar, den Unterricht
aufrecht zu erhalten, die Schülerzahl reduziert sich während der
Kriegsjahre jedoch drastisch auf 10 bis 15. Im Oktober 1916 gibt
es nur noch fünf Lehrer an der Schule, von denen vier das
Dienstalter für den Militärdienst überschritten haben.

10 |
Errichtung der Staatslehranstalt für
Gartenbau Pillnitz
Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage nach dem 1. Weltkrieg
verfasst der Ausschuss für Gartenbau beim Landeskulturrat des
Königreichs Sachsen 1919 eine „Denkschrift zur Errichtung einer
staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Garten- und Obstbau
in Sachsen“. Es wird darauf verwiesen, dass der Gartenbau mit
6.227 Betrieben im Jahr 1917 und einer geschätzten Erzeugung
von 69 Millionen Mark (1914) im sächsischen Wirtschaftsleben
eine hervorragende Stellung einnimmt. Zu den Folgen des Krieges
gehöre aber durch die Abwesenheit der Betriebsinhaber und den
Mangel an Arbeitskräften und Material eine Verwahrlosung der
Betriebe und ihre wachsende Verschuldung. Gleichzeitig seien die
Betriebe durch die stark gestiegenen Lohnkosten gegenüber
ausländischen Erzeugnissen nicht wettbewerbsfähig. Als Weg für
den Wiederaufbau wird die möglichst hohe technische Vervoll-
kommnung (der Produktion) genannt. Dazu sieht der Ausschuss
für Gartenbau zwei Dinge als notwendig an:
• die bestmögliche berufliche Ausbildung des gärtnerischen
Nachwuchses, und
• die Möglichkeit, auf breiter Grundlage praktische und wis-
senschaftliche Versuche und Forschungen für die Praxis
anstellen zu können.
• Der Ausschuss schlägt daher vor,
• die Laubegaster Gartenbauschule zu verstaatlichen und zu
einer höheren Lehranstalt für Garten- und Obstbau auszu-
bauen, und
• eine staatliche Versuchs- und Forschungsanstalt für Garten-
und Obstbau zu errichten.
Zu beiden Anliegen wird darauf verwiesen, dass in Preußen,
Bayern und Württemberg entsprechende staatliche Einrichtun-
gen bestehen. Weiterhin schlägt der Ausschuss vor, die in
Pillnitz vorhandene Beispielsgärtnerei sowie Schlossgebäude,
Schlosspark, Wirtschaftsgebäude und Ländereien für diese
Zwecke zu nutzen.
Zeitgleich strebt die Gemeinde Laubegast den Erwerb des
„Minna hofes“ an, in dem die Gartenbauschule eingemietet ist,
um hier ihr neues Rathaus unterzubringen. Der Gartenbauver-
band teilt dem Wirtschaftsministerium im März 1919 mit, dass
entsprechende Verkaufsverhandlungen laufen und zu erwarten
ist, dass die Schule das Grundstück zum 1. Oktober 1919 räu-
men muss. Er bittet, dem Antrag auf Übernahme der Schule auf
Staatskosten noch im Laufe des Jahres stattzugeben und die
Schule nach Pillnitz zu verlegen. Die notwendigen Räume
sollen im Küchen- und im Kapellenflügel des Pillnitzer Schlos-
ses bereitgestellt werden.
Das zuständige Wirtschaftsministerium steht der Verstaatli-
chung der Schule grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Es
beabsichtigt, in Pillnitz nicht nur die Gartenbauschule und eine
Versuchsanstalt für Garten- und Obstbau anzusiedeln, sondern
auch der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt, die bis dahin an
den Botanischen Garten Dresden angekoppelt war, erweiterte
Räumlichkeiten und Flächen in Pillnitz zur Verfügung zu stellen
und außerdem das Pillnitzer Kammergut zu einer Beispiels-
wirtschaft auszubauen. Zur Umsetzung dieser Pläne wird dem
Finanzministerium ein Nachtragshaushalt vorgelegt, den dieses
jedoch ablehnt. Dem folgt Ende Januar 1920 eine gemeinsame
Beratung beider Ministerien. Grundsätzlich einigt man sich auf
die Errichtung der Gartenbauschule und der Versuchsanstalt in
Pillnitz, wobei die Frage der Unterbringung nicht abschließend
geklärt wird.
Die Schule in Laubegast kommt zwischenzeitlich immer weiter
in Bedrängnis, was ihren Verbleib im „Minnahof“ betrifft. Zum
ursprünglich geplanten Räumungstermin Anfang Oktober 1919
hatte das Wirtschaftsministerium unter dem Hinweis, dass die
Schule in staatliche Hand übernommen werden soll, die Ge-
meinde Laubegast gebeten, den Schulbetrieb noch über den
Winter 1919/20 zu ermöglichen. Im März 1920 drängt dann die
Gemeinde immer nachdrücklicher auf die Räumung des Grund-
stücks. Die Klärung des Raumbedarfs in Pillnitz gestaltet sich
jedoch schwierig. Seitens des Wirtschaftsministeriums und des
Finanzministeriums gibt es unterschiedliche Auffassungen,
welche Räume zur Verfügung gestellt werden können. In Er-
wägung gezogen werden insbesondere der Küchen- und der
Kapellenflügel des Schlosses, das ehemalige Hofwaschhaus
(heute der Mitschurinbau) und die beiden Stallgebäude am
heutigen Pillnitzer Platz. Zu diesen Gebäuden gibt es allerdings
gegensätzliche Interessenlagen zwischen dem Wirtschaftsmi-
nisterium und dem Finanzministerium, in dessen Zuständigkeit
sich die Gebäude befinden. Während das Wirtschaftsministe-
rium eine Lösung in den vorhandenen Räumen des Küchen- und
des Kapellenflügels anstrebt, hat das Finanzministerium hier
bereits Räume an eine Werkstatt für Bildwirkerei vergeben. Es
verweist zu Recht auch darauf, dass die Erdgeschossräume nicht
hochwassersicher sind. Das Hofwaschhaus, das seinem Zweck
entsprechend modern ausgerüstet ist, will das Finanzministe-
rium an einen Schokoladenfabrikanten verpachten. Auch der
Nutzung der Marstallgebäude stellt sich das Finanzministerium
teilweise entgegen, da die Absicht besteht, die Straßenbahnlinie
bis nach Copitz zu verlängern und in diesem Zuge der Gemeinde
Pillnitz zugesagt wurde, in einem der beiden Marstallgebäude
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951

| 11
ein Straßenbahndepot unterzubringen. Das Finanzministerium
schlägt vor, die Gartenbauschule entweder dem Botanischen
Garten oder der Technischen Hochschule anzugliedern, was
aber vom Wirtschaftsministerium und von der Gärtnerschaft
abgelehnt wird. Das Hochbauamt wird daher beauftragt, für
den Küchen- und den Kapellenflügel Unterbringungspläne
einschließlich notwendiger Bauarbeiten zu erarbeiten. Es
werden mehrfach Varianten entwickelt, ohne dass letztendlich
eine Lösung gefunden wird, die den Wünschen aller Beteiligten
gerecht wird.
Im Juni 1920 lehnt die Volkskammer den Teil des Haushaltsent-
wurfs ab, der die Übersiedlung der Gartenbauschule nach Pillnitz
und den Aufbau einer Versuchsanstalt für Gartenbau betrifft.
Damit ist der 1. Oktober 1920, der letzte Aufschubtermin, der zur
Räumung des „Minnahofes“ erreicht werden konnte, mit einem
planmäßigen Umzug nicht zu halten. Auf Bitte des Kuratoriums
des Gartenbauverbandes erfolgt deshalb eine behelfsmäßige
Unterbringung der Gartenbauschule in den Räumen des leerste-
henden Gehilfenhauses in der ehemaligen Hofgärtnerei.
Neben der Suche nach geeigneten Räumen für die Gartenbau-
schule wird nach geeignetem Personal gesucht. Bereits im Au-
gust 1919 waren vom Ausschuss für Gartenbau beim Landes-
kulturrat Vorschläge für die Besetzung der Lehrerstellen an das
Wirtschaftsministerium übermittelt worden. Zu diesen gehörten
Ökonomierat Schindler, bis dahin Leiter der Höheren Preußi-
schen Gärtnerlehranstalt in Proskau (Schlesien), der als Direktor
vorgeschlagen wird, Direktor Tamms von der Laubegaster Gar-
tenbauschule, der Gartenlehrer Louis Kniese, der bereits 1914
für die Nachfolge von Max Bertram vorgeschlagen worden war,
und Prof. Naumann, der bis dahin an der pflanzenphysiologi-
schen Anstalt in Dresden tätig war.
Nachdem die Kostenschätzung für die Unterbringung der Schule
im Schloss noch einmal überarbeitet wurde, genehmigt der
Sächsische Landtag im April 1921 die Mittel für die Übernahme
der Gartenbauschule und für die Errichtung einer Lehranstalt
für Garten- und Obstbau. In der Tagespresse findet sich 1921
folgende Notiz von L. Haucke, dem damaligen Geschäftsführer
des Verbandes der Gärtner und Gärtnereiarbeiter, Bezirk Frei-
staat Sachsen:
„Errichtung einer Gartenbauschule und einer sächsischen Ver­
suchs­ und Beispielsgärtnerei in Pillnitz
Nach zweijährigen Verhandlungen hat die sächsische Volks­
kammer vor kurzem die Mittel zur Errichtung einer staatlichen
Gartenbauschule und einer Versuchs­ und Beispielsgärtnerei
bewilligt. Die bisherige Dresdner bzw. Laubegaster Gartenbau­
schule geht in diese auf. Die neue Schule wird im Schloss unter­
gebracht und am 1. Oktober d. J. eröffnet werden. … Damit geht
ein alter Wunsch des sächsischen Gartenbaus in Erfüllung, da
dieser bisher die Mittel für die Schule meist selbst aufbringen
musste. In dem vorbereitendem Ausschuß habe ich ebenfalls
meinen Einfluß auf die Regierung und Volkskammer­Abgeord­
neten ausgeübt, um den Entwurf zur Annahme zu bringen, der
einigemal wacklig stand. Bei dieser Frage zogen die Unternehmer
und wir einmütig an einem Strang, was selten mal vorkommt….“
Ökonomierat Schindler wird nach seiner Zusage zur Übernahme
der Leitung der Staatslehranstalt eng in die Planungen für die
Unterbringung einbezogen. Diese waren seitens des vormaligen
Hochbauamtes von Regierungsbaurat Dachselt übernommen
worden, der immer wieder versucht hatte, allen Wünschen
Rechnung zu tragen. Nach den ersten Beratungen mit Schindler
schreibt er im Mai 1921 an ihn:
„Ich habe bei Beurteilung Ihrer Vorschläge mich des Eindrucks
nicht erwehren können, als ob Ihnen selbst die Unterbringung
wegen der ungenügenden Raumgröße große Schwierigkeiten
verursacht hätte und dass Sie gern eine bessere Lösung geschaf­
fen hätten, wenn es nur möglich wäre. Sollte ich hiermit Ihre
Empfindung getroffen haben, so muss ich bekennen, dass ich sie
voll und ganz teile. … Die Betrachtung von Blatt 2 (1. Oberge­
schoss des Küchen­ und des Kapellenflügels) zeigt ohne weiteres,
dass durch das Dazwischenschieben der Kapelle, des Kongreß­
und Kaffeesaales und der Bildwirkerei, die Schulanlage völlig
zerrissen und verzettelt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, wie
bei einer solchen, unter dem Zwang der örtlichen Verhältnisse
geschaffenen Anlage ein regelrechter Schulbetrieb stattfinden
kann. Ich finde meine des öfteren kundgegebene Meinung bestä­
tigt, dass das Schloss sich trotz seiner vielen Räume für Ihre
Schule überhaupt nicht eignet …“.
Er unterbreitet nachfolgend den Vorschlag, für die Gartenbau-
schule die beiden Marställe am heutigen Pillnitzer Platz zu
nutzen, wobei auch Teile der landwirtschaftlichen Versuchsan-
stalt dort bleiben sollen.
Obwohl sich das Finanzministerium zunächst gegen diesen
Vorschlag ausspricht, kommt es letztlich zu dessen Annahme.
Im Januar 1922 werden die Pläne und die Finanzierung vom
Wirtschaftsministerium genehmigt. Später wird auch noch er-
reicht, dass im Schloss außer der Wohnung für den Direktor im
Küchenflügel auch noch zwei Wohnungen für Lehrer im Ober-
geschoss des Neuen Palais eingerichtet werden.

image
12 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Das erste Jahrzehnt 1922 – 1932
Am 20. Februar 1922 schaltet das Sächsische Wirtschaftsminis-
terium die nebenstehende Anzeige, mit der über die angebote-
nen Lehrgänge und erreichbaren Abschlüsse informiert wird. Die
„Verordnung über die Errichtung der Höheren Staatslehranstalt
für Gartenbau in Pillnitz“ vom 27. Mai 1922 enthält detailliert
die Festlegungen zum Zweck der Anstalt, zu Zugangsvorausset-
zungen, den angebotenen Lehrgängen und den Prüfungen.
Der Zweck wird wie folgt beschrieben:
(1) Zur beruflichen Ausbildung der Gärtner, zur Anleitung und
Weiterbildung der Gartenbautreibenden sowie zur allgemeinen
Förderung des Gartenbaus wird eine höhere Staatslehranstalt
für Gartenbau mit Laboratorien, Gewächshaus, Versuchs­ und
Lehrgarten sowie Obst­ und Gemüseverwertungsanlage in Pill­
nitz errichtet.
(2) Als weiteres Lehrmittel dient der Staatslehranstalt die Ver­
suchs­ und Beispielsgärtnerei in Pillnitz.
Die Eröffnung der Lehranstalt erfolgt am 1. Juni 1922 in Anwe-
senheit des Reichswirtschaftsministers und des Sächsischen
Wirtschaftsministers. Dieser Schritt trifft offensichtlich auf breite
Zustimmung. So erscheint am 27. Juni 1922 in der Presse ein
Beitrag über die neue Staatslehranstalt mit folgender Passage:
… Auf die Frage, ob eine derartige Anstalt nötig ist, geben die
Ziele der Anstalt Antwort. Sie dient in erster Linie dem Erwerbs­
gartenbau. Wie nötig intensivste Ausnutzung des Gartenbodens
ist, lehren uns die heutigen Verhältnisse, die dazu zwingen, alle
Kräfte zusammenzufassen, um die Ernährung unseres Volkes
sicherzustellen. Einen großen Teil trägt hierzu bei der Garten­
bau, speziell die Anzucht von Obst und Gemüse. Hier müssen
Praxis und Wissenschaft zusammenarbeiten, um die denkbar
besten Erfolge zu erzielen. Die Grundlagen hierzu kann sich der
Gärtner auf der Lehranstalt holen und sie dann zum Wohle seiner
Mitmenschen in die Tat umsetzen. Sonderkurse für Gartenlieb­
haber und Siedler sollen diese darüber belehren, wie sie ihr
Gartenland sachgemäß bestellen und einrichten können, um das
Land nicht zu vergeuden, sondern alles herauszuholen, was
möglich ist. …“
Anzeige des Sächsischen Wirtschaftsministeriums vom 20. Februar 1922 zur
Eröffnung der Höheren Staatslehranstalt für Gartenbau Dresden-Pillnitz

image
image
| 13
Die angebotenen Lehrgänge schlossen nach einem Stufenprin-
zip mit unterschiedlichen Prüfungen ab. Nach dem Besuch des
allgemeinen Lehrganges, des Winter- und des Seminarlehrgan-
ges erhielt man ein Abgangszeugnis. Wer den zweijährigen
Lehrgang, bestehend aus einem einjährigen allgemeinen
Lehrgang und anschließend entweder dem einjährigen Lehr-
gang für Erwerbsgartenbau oder dem für Gartenkunst, besucht
hatte, konnte die erste staatliche Prüfung ablegen und bei
Bestehen die Bezeichnung „Staatlich geprüfter Gartenbautech-
niker“ führen.
Nach weiteren Praxisjahren konnte man die zweite staatliche
Prüfung zum „Staatlich diplomierten Gartenbauinspektor“
ablegen. Diese konnten dann nach dem Besuch des Seminar-
lehrganges auch die Prüfung zum „Staatlich diplomierten
Gartenbaulehrer“ ablegen.
Wer als Schüler aufgenommen werden wollte, musste in der
Regel mindestens 20 Jahre alt sein, die Obersekundareife einer
neunklassigen höheren Lehranstalt erreicht haben und mindes-
tens 4 Praxisjahre vorweisen.
Hofrat Prof. Dr. Naumann
Gartenbauinspektor Louis Kniese, Oekonomierat Otto Schindler, Gartenbauinspektor Felix Kammeyer, 1923 (v. l. n. r.)

image
14 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Der Besuch der Anstalt war nicht kostenlos. Die sogenannten
Lehrbeiträge betrugen für die Jahreslehrgänge zunächst 400
Mark im Halbjahr, beim Winterlehrgang 200 Mark. Ab März 1924
waren die Beiträge in Goldmark zu entrichten (Jahreslehrgänge
6 Goldmark/Monat), wobei Ausländer den dreifachen Betrag zu
zahlen hatten.
Die Lehranstalt war verwaltungsseitig dem Wirtschaftsminis-
terium, Abteilung Landwirtschaft, zugeordnet. Der Verbindung
zum Berufsstand, zum Landeskulturrat und anderen Lehr- und
Versuchseinrichtungen diente ein Verwaltungsrat, dem 22
Mitglieder angehörten.
Außer dem Direktor Ökonomierat Schindler, der zugleich in
Obstbau unterrichtete, waren folgende Lehrer als erste festan-
gestellt: Prof. Dr. Naumann (Botanik und Pflanzenschutz),
Gartenbauinspektor Kniese (Gartenkunst), Gartenbauinspektor
Kammeyer (Gartenkunst) und Gartenbauinspektor Binder
(Erwerbsgartenbau). Wenig später folgten Dr. Gahlnbäck (Che-
mie, Bodenkunde, Düngerlehre) und Dr. Wissmann (wissen-
schaftlicher Assistent der Pflanzenschutzstelle). Neben ihrem
Lehrauftrag leiteten die Mitglieder dieses Kollegiums auch die
entsprechenden Versuchsabteilungen.
Mehrere Fächer wurden durch Lehrer anderer Lehranstalten
oder durch Fachleute aus der Praxis unterrichtet, so zum Beispiel
gärtnerische Baukunde und Heizungslehre durch den Inhaber
der Gewächshausbaufirma Höntsch in Niedersedlitz.
Für den Ausbau der Marställe war der Zeitraum zwischen der
Genehmigung der Baupläne und der Eröffnung zu kurz. Da die
Räume im Gehilfenhaus bereits zum 1. April 1922 wieder zu
räumen waren, musste der Unterricht übergangsweise nun doch
noch im Schloss stattfinden. Der Umbau erfolgte aber sehr
zügig, so dass im Dezember 1922 die Gebäude bezogen werden
konnten. Im östlichen Gebäude, dem Marstallgebäude B, ent-
stehen im Erdgeschoß die Unterrichtsräume. Für rund 40
Schüler werden im Obergeschoß Unterkunftsräume eingerichtet.
Im westlichen Gebäude, dem Marstallgebäude A, wird im
Nordflügel die Obstverwertungsanstalt untergebracht.
Das Hauptgebäude der Staatslehranstalt, das ehemalige Marstallgebäude B, von Süden im Jahr 1928

image
image
| 15
Das Lehrerkollegium im Februar 1928, auf der Bank v.l.n.r.: Gartenbauinspektor Kniese, Dr. Wissmann, Hofrat Prof. Dr. Naumann, Ökonomierat Schindler; stehend v.l.n.r:
Gartenbauinspektor Binder, Dr. Gahlnbäck, Gartenbauinspektor Kammeyer, Prof. Dr. Gleisberg, Wiss. Assistent Wetzel
Einzug in das Hauptgebäude der Staatslehranstalt im Dezember 1922

image
image
16 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Das Aulagebäude um 1926
Hauptgebäude der Staatslehranstalt um 1926

image
image
image
| 17
Unterricht in der Beispielsgärtnerei
Die Beispielsgärtnerei von Süden 1930
Der Vortragssaal (Aula) im Aulagebäude um 1930 mit
dem Wandteppich von Max Wislicenius und Wanda
Bibrowicz

image
18 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Die Jahre 1922 – 1932
Lehrtätigkeit
Vorrang bei den Aufgaben der Lehranstalt hat der Unterricht.
Schindler betont im ersten Bericht der Anstalt für die Jahre
1922 – 25 ausdrücklich: „… Sie ist in erster Linie Unterrichtsan-
stalt, in zweiter Forschungs- und Versuchsanstalt.“
Die Lehrpläne zielen wie schon bei der vorherigen Gartenbau-
schule auf eine umfassende Ausbildung ab. Neben den Grundla-
gen werden alle Gebiete des Gartenbaus einschließlich Betriebs-
wirtschaft gelehrt. Zum Aufbaulehrgang für Erwerbsgartenbau
gehören sogar landwirtschaftlicher Pflanzenbau und Tierzucht,
zum Aufbaulehrgang für Gartenkunst Malen und Baukunst. Als
Wahlfächer werden auch Photographie, Bienenzucht und Steno-
graphie angeboten. Für den Unterricht stehen gute Räumlichkei-
ten zur Verfügung, darunter mehrere Zeichen säle und ein mit
moderner Vorführtechnik ausgestatteter Vortragssaal.
Auf den Flächen nahe den Schulgebäuden werden Lehrgärten
und Schauanlagen angelegt. Der Lehrgarten befand sich zwi-
schen dem heutigen Mitschurinbau und der östlichen Mauer
des Schlossparks. Er beinhaltete neben kleineren Flächen für den
Obst- und Gemüsebau vor allem die Anlagen für den Unterricht
in Botanik und Gartenkunst mit einem Teich, Staudenbeeten,
Trockenmauern und Sommerblumenpflanzungen. Auf der ehe-
maligen Reitbahn südlich des Hauptgebäudes entstand das
sogenannte Lindendreieck mit einer überwiegend formalen
Gestaltung. 1925 kaufte das Wirtschaftsministerium noch das
Grundstück Dresdner Str. 10 d. Der zugehörige Garten wurde ab
1926 schrittweise als ländlicher Garten mit einzelnen Sonder-
gärten gestaltet. Außerdem dienten der Schlosspark und Flächen
an der Beispielsgärtnerei dem Unterricht in Gartenkunst und
Botanik. Für den Obst- und Gemüsebau werden hauptsächlich
Flächen im westlichen Teil des Weinberges genutzt, für den
Unterricht im Zierpflanzenbau neben dem Lehrgarten insbeson-
dere die nahegelegene Beispielsgärtnerei. Trotz der Ausrichtung
auf den Erwerbsgartenbau bestand hier dank der Bemühungen
von Alexander Steffen eine beachtliche Pflanzensammlung.
Die Lehranstalt erfreut sich eines wachsenden Zuspruchs. 1922
beginnen 23 Schüler die Jahreskurse, 14 den Winterkurs. In der
zweiten Hälfte der zwanziger Jahre liegen die Zahlen bei 60 – 90
Schülern in den Jahres- und 35 – 55 Schülern in den Winterkur-
sen. Die Bedeutung der Lehranstalt wird auch daran deutlich,
dass etliche Ausländer zur Ausbildung nach Pillnitz kommen. Bei
denen, die einen einjährigen Lehrgang besuchen, erreicht ihr
Anteil etwa 10 %, bei den Gasthörern fast ein Viertel. Auffällig
ist, dass nur etwa jeder 5. Schüler aus einer Gärtnerfamilie
stammt, dagegen jeder 3. aus einer Beamten- oder Angestellten-
familie. Letztere dürften vor allem den Lehrgang „Gartenkunst“
besucht haben, der auch insgesamt am stärksten belegt wird.
Bereits in den zwanziger Jahren wird versucht, die Lehrinhalte
neben dem regulären Unterricht auch durch Exkursionen zu
vermitteln. Es gab Exkursionen in die nähere Umgebung, vor
allem nach Dresden, Pirna und in die Sächsische Schweiz. Dane-
ben standen aber auch mehrtägige Fahrten z.B. nach Köln,
Hamburg und Berlin. Außer den regulären Kursen wurden
zahlreiche Sonderlehrgänge durchgeführt. Sie richteten sich
sowohl an Erwerbsgärtner als auch an Mitarbeiter von Stadtgar-
tenämtern und ähnlichen Einrichtungen und erreichten regel-
mäßig hohe Teilnehmerzahlen.
Bei der Betrachtung der Lehre kann man die außerunterricht-
lichen Aktivitäten nicht unberücksichtigt lassen. Zu nennen
sind hier insbesondere die Studentenverbindungen „Hortania“
und „Arminia“, die als Burschenschaften wirkten. Als Vereini-
gung der Absolventen gründete sich im Juni 1922 der „Ehema-
ligenverband der Höheren Lehranstalt für Gartenbau“. Ihr erster
Vorsitzender war der Dendrologe und Gartenarchitekt Camillo
Schneider aus Berlin, der 1894 – 1896 die Gartenbauschule in
Striesen besucht hatte. Der Ehemaligenverband stellte sich das
Ziel, die Lehranstalt zu fördern und an ihrer Ausgestaltung
mitzuwirken. Bereits 1922 erwarb der Verband die Bibliothek
des verstorbenen ehemaligen Direktors der Laubegaster Gar-
tenbauschule, Max Bertram, und machte sie der Lehranstalt
zum Geschenk.
Der Zeichensaal im Hauptgebäude um 1924

image
image
image
image
| 19
Mahlen und Pressen von Äpfeln zur
Süßmostherstellung in den Räumen
der Abteilung Obst- und Gemüsever-
wertung im ehemaligen Hofwasch-
haus
Unterricht im neuen Zeichensaal im
Aulagebäude um 1930
Übungen mit der Rückenspritze
Botanikunterricht bei Professor Naumann

image
image
20 |
Der Lehrgarten der Staatslehranstalt
Auf dem Gelände der Gartenbauschule des Gartenbauverban-
des in Laubegast gab es einen größeren Garten. Er umfasste
einen parkähnlichen Teil, ornamentale Beete, einen Versuchs-
garten und einen Turn- und Spielplatz. Ein Lehrgarten im en-
geren Sinne, der dem Studium von Pflanzen dienen konnte, war
er aber nicht.
Bei der Einrichtung der Staatslehranstalt in Pillnitz stand außer
Frage, dass ein Lehrgarten notwendig sei. In einem späteren
Tätigkeitsbericht wird das noch einmal begründet:
„Die Anschauungsmöglichkeiten unmittelbar an der Lehranstalt
können durch nichts ersetzt werden, da nur sie dem Studierenden
die Möglichkeit einer dauernden Beobachtung geben. Auf einem
beschränkten Gelände, und mit den für solche Zwecke nur gering
vorhandenen Mitteln lassen sich in den Lehrgärten weniger Bei­
spiele für die Gartengestaltung zeigen – diese werden besser auf
häufigen Studienfahrten in der Praxis besichtigt – als Pflanzen,
Zusammenstellungen, Versuche, Beispiele ihrer Verwendung und
andere Einzelheiten aus der Gartengestaltung. An der Staatslehr­
anstalt dienen die Lehrgärten gleichzeitig für den Freilandblu­
menbau und die Gehölzkunde, als auch den Erwerbsgartenbau.“
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Gartenbauinspektor Kniese an der Treppe zum Veilchenteich
Plan des Lehrgartens südwestlich des Aulagebäudes, Zeichnung von Kammeyer 1925

image
image
image
| 21
Die Planungen für den Lehrgarten wie auch für die übrigen
Schauanlagen wurden durch die Garteninspektoren Kniese und
Kammeyer erstellt. Die zum Lehrgarten gehörende Botanische
Abteilung basierte auf einer Konzeption von Prof. Naumann.
Als Standort für den neuen Lehrgarten wurde der Bleichplatz
der ehemaligen Hofwäscherei ausgewählt, der südwestlich des
Aulagebäudes lag. Im oberen, nördlichen Bereich wurde – durch
eine Trockenmauer etwas erhöht – eine Staudensammlung und
ein Beet mit Sommerblumen angelegt. In der Mitte, in einem
quadratischen Beet war zunächst eine Sonnenuhr vorgesehen,
an deren Stelle jedoch bald ein Putto aufgestellt wurde. Südlich
davon lag ein Röhrenteich, der sogenannte Veilchenteich.
Dessen Ufer zur Staudenanlage wurde mit einer Trockenmauer
begrenzt, in die Felsenpflanzen gepflanzt wurden. Das Ufer
selbst war mit Wasser- und Sumpfplanzen gestaltet.
An den Lehrgarten schloss sich die Botanische Abteilung an.
Ziel war, typische botanische Merkmale oder Anpassungen zu
veranschaulichen. Dazu wurden insgesamt neun Themengrup-
pen gebildet, u. a. zur Biologie der vegetativen Vermehrung
(Knollen, Zwiebeln, Rhizome, Ausläufer, Brutknöllchen, Vivipa-
rie), zu Varianten des Verdunstungsschutzes und zu Mechanis-
men zum Schutz vor Tierfraß. Die botanische Abteilung enthielt
über 200 Pflanzenarten. Das Quartier war mit Beschriftungen
und Erläuterungstafeln so gestaltet, dass es sich gut zum
Selbststudium eignete.
Ergänzend zum Lehrgarten gab es die Schauanlagen auf dem
Platz vor dem Aulagebäude und das sogenannte Lindendreieck
südlich des Hauptgebäudes. Bald nach der Gründung der
Staatslehranstalt erwarb das Wirtschaftsministerium noch ein
Landhaus in der Dresdner Straße, um Wohnraum für Mitarbeiter
der Staatslehranstalt zu schaffen. In dem zugehörigen großen
Garten wurde der überwiegende Teil als ländlicher Ziergarten
mit Sondergärten gestaltet, die ebenfalls dem Unterricht dienen
sollten. Dazu gehörte ein Schattengarten, ein Heidegarten, ein
Primelgarten und eine Staudenrabatte.
Neben diesen Anlagen, die direkt zur Staatslehranstalt gehörten,
konnten für den Unterricht die Pflanzensammlungen im
Schlosspark und in der Beispielsgärtnerei genutzt werden, so
dass insgesamt ein überaus reicher Fundus an Pflanzen für die
Ausbildung zur Verfügung stand.
Gartenbauinspektor Kammeyer im Sommerblumenquartier des Lehrgartens
Blick auf den Mittelteil des Staudengartens. Die Steinsäule, die ursprünglich als
Sockel für eine Sonnenuhr in der Mitte platziert war, ist hier schon durch einen
Putto ersetzt.
Staudenrabatte am Landhaus in der Dresdner Straße

22 |
Der Stundenplan für den Gehilfenlehrgang war vielseitig. Er
dauerte mit Ausnahme von Sonnabend von 8.05 - 16.35 oder
sogar 17.25 Uhr und umfasste im Winterhalbjahr 1930/31
folgende Fächer:
Unterricht an der Staatslehranstalt
Während die Stundepläne der Staatslehranstalt über die Jahre
recht gut dokumentiert sind, gibt es zu den Unterrichtsinhalten
nur die allgemeinen Aussagen in den veröffentlichten Tätig-
keitsberichten. Einen kleinen Einblick in das, was gelehrt wurde,
ermöglichen uns die Aufzeichnungen von Ernst Paustian, der
den Lehrgang V, den sogenannten Gehilfenlehrgang, im Win-
terhalbjahr 1931/32 besuchte.
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Sonnabend
8.05 - 8.50
Angewandte gärtne-
rische Betriebslehre
Planzeichnen
Physik
Buchführung
Düngerlehre
Ergänzungsuntericht
8.55 - 9.40
Angewandte gärtne-
rische Betriebslehre
Planzeichnen
Witterungskunde
Betriebslehre
Bodenkunde
Ergänzungsuntericht
10.00 - 10.45
Gemüsebau
Feldmessen
Ergänzungsunterricht
Botanik
Buchführung und
Betriebslehre
Obstbau
10.50 - 11.35
Gemüsebau
Feldmessen
Praktische
Unterweisung
Botanik
Praktische
Unterweisung
Obstbau
11.40 - 12.25
Gemüsebau
Obstbaumanzucht
Praktische
Unterweisung
Obsttreiberei
Praktische
Unterweisung
Obstsortenkunde
2.00 - 2.45
Obst- und Gemüse-
verwertung
Gartentechnik
Freilandblumenbau
Samenbau
Kulturen unter
Glas
2.50 - 3.35
Obst- und Gemüse-
verwertung
Gartentechnik
Gehölzkunde
Gemüsetreiberei
Kulturen unter
Glas
3.50 - 4.35
Obst- und Gemüse-
verwertung
Rechtschreibung
Gärtnerische
Rechtschreibung
Pflanzenschutz
Ergänzungen zur
Obstbaulehre
4.40 - 5.25
Obst- und Gemüse-
verwertung
Rechtschreibung
Der wöchentliche Stundenplan für den Winterlehrgang für Gehilfen 1930/31

image
| 23
Das Foto zeigt eine Mitschrift zum Obstbauunterricht, der damals
von Gartenbauinspektor Schneider, neben Prof. Schindler der
Zweitlehrer für Obstbau, gehalten wurde. Es geht um die Pflan-
zung von Obstbäumen und die dazu notwendigen vorbereitenden
Maßnahmen. Die Bodenvorbereitung ist nahezu vorbildlich. Nach
der Bodenlockerung soll noch eine Gründüngung eingesät und
das Setzen des Bodens abgewartet werden. Pflanzgruben von
1,50 x 1,50 x 0,60 m sind im heutigen Obstbau nicht mehr vor-
stellbar, aber man darf sicher nicht vergessen, dass damals
Hochstämme auf Sämlingsunterlagen gepflanzt wurden. Für die
Pflanzung an Straßen erhalten die Bäume eine zusätzliche
Düngergabe von Thomasmehl, Kainit und Kalk, um die ungüns-
tigeren Standortbedingungen auszugleichen. Es wird auch auf
die Geländevorbereitung eingegangen. Hängiges Gelände soll
terrassiert werden, zu nasse Flächen sollen mittels offener Grä-
ben, Faschinen oder Steindränagen dräniert werden.
In der Düngerlehre wurden die chemische Zusammensetzung der
Dünger, ihre Wirkung und ihre praktische Anwendung behandelt.
Das Gesetz des Minimums nach Liebig war auch Lehrstoff. Die
Annahme, dass ein Nährstoff, der zu wenig vorhanden ist, in
bestimmtem Umfang durch einen sehr reichlich vorhandenen
Nährstoff ersetzt werden kann, ist dagegen heute nicht mehr
haltbar. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass ein recht praxis-
orientierter Unterricht gehalten wurde. Indirekt bestätigt sich das
auch dadurch, dass zahlreiche Pillnitzer Absolventen in gute
Anstellungsverhältnisse kamen oder erfolgreich Betriebe geführt
haben, wofür die Wissensbasis im Unterricht geschaffen wurde.
Unterrichtsaufzeichnungen von Ernst Paustian (Winterlehrgang 1931/32 für Gärtnergehilfen) im Fach Obstbau

image
image
24 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Stundenplan für das Winterhalbjahr 1930/31
Zeichnen nach der Natur gegenüber dem Kammergutsgebäude

image
| 25
Chemieunterricht bei Dr. Gahlnbäck

image
image
26 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Zinnfiguren zur Ausstattung von Gartenmodellen
Zu den Arbeiten der Abteilung Gartenkunst gehörte auch die
Herstellung von Gartenmodellen. Im Tätigkeitsbericht für die
Jahre 1922 – 1932 berichtet Garteninspektor Hans Kammeyer,
dass von den Schülern in den zurückliegenden Jahren 45 Gar-
tenmodelle für den sozialen und geschichtlichen Gartenbau
geschaffen wurden. Die Modelle wurden für den Unterricht
genutzt aber auch ausgestellt. Kammeyer erwähnt als Ausstel-
lungsorte das Zinnfigurenmuseum in Kulmbach und das Oskar-
Seifert-Museum in Dresden. Von Louis Kniese ist bekannt, dass
er ein Modell des Barockgartens Großsedlitz hergestellt hatte.
Garteninspektor Kammeyer hatte sich mit der Untersuchung
von Bauerngärten u. a. in Norddeutschland befasst und dazu
auch Dioramen angefertigt, von denen noch eines im Museum
für Sächsische Volkskunst der Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden existiert.
Für die Ausgestaltung der Gartenmodelle hatte Hans F. Kam-
meyer einen Fundus an Zinnfiguren, mit denen er die Modelle
beleben konnte. Rund 240, meist farbig gefasste Figuren sowie
Tiere, Bäume, Sträucher, Bänke, Statuen und andere Ausstat-
tungen für Parks und Gärten sind vor vier Jahren nach Pillnitz
zurückgekehrt. Die meisten Figuren sind in ihrer Kleidung un-
terschiedlichen Epochen zugeordnet, manche stellen aber auch
unterschiedliche Berufe dar. Sie sind sehr akribisch bemalt, so
dass sie fast schon als kleine Kunstwerke gelten können. 2018
wurde die Sammlung dem Verband ehemaliger Pillnitzer von
Frau Winkler aus Quedlinburg übergeben. Sie war mit der Fa-
milie Kammeyer befreundet und hatte als Krankenschwester
Hans Kammeyer bis zum Lebensende betreut. Nach seinem Tod
hatte sie den Nachlass aufgelöst und dabei die Zinnfiguren-
sammlung bewahrt.
Zinnfiguren aus dem Bestand von Hans F. Kammeyer: Friedrich der Große mit Hund, Rokokodame und zwei Gärtner
Zinnfiguren aus dem Bestand von Hans F. Kammeyer: Dresdner Chaisenträger mit Sänfte, August der Starke, Gräfin Cosel, ein Herr und zwei Damen aus der Barockzeit

image
| 27
Burschenschaften an der Staatslehranstalt
An der Staatslehranstalt gab es zwei größere Schülervereinigun-
gen, die bereits 1896 an der Gartenbauschule des Gärtnereiver-
bandes gegründete „Hortania“ und die „Arminia“, die 1924
entstand. Außerdem gab es noch eine kleine Gruppierung, die
sich „Die Schar“ nannte. Zu den Aktivitäten gehörten Fecht-
übungen, Sport und Wandern. Außerdem wurden regelmäßig
Feste gefeiert, wie die jährlichen Fahnenfeste und Abschlussfei-
ern. Zwischen den Lehrern und den Vereinigungen gab es recht
enge Verbindungen. Die Lehrer wurden zu den Festen eingela-
den, einige Lehrer waren auch Mitglied in den Vereinigungen.
Von einem Burschenschaftstreffen der „Hortania“ zeugt das
untenstehende Foto. In der ersten Reihe am Tisch sitzen von
links nach rechts Gartenbauinspektor Hans F. Kammeyer, Prof.
Dr. Arno Naumann und Gartenbauinspektor Louis Kniese. Einige
der abgebildeten Teilnehmer sind auf der Rückseite benannt, so
dass auch ihr weiterer Lebensweg verfolgt werden kann.
Unmittelbar hinter Hans F. Kammeyer steht Carl Ludwig Schrei-
ber. Er war von 1922-1925 Fachschüler in Pillnitz und begann
danach seine Laufbahn als Gartenarchitekt. Ab 1952 war er
Honorarprofessor für Gartenarchitektur an der TH Aachen und
wurde 1956 an die TU München berufen, wo er Gründungspro-
fessor des „Lehrstuhls für Garten- und Landschaftsgestaltung“
war, dessen Ordinarius er bis zu seiner Emeritierung 1972 blieb.
In der oberen Reihe hinter Schreiber steht, etwas seitlich bli-
ckend, Theodor Landgraf (Jahrgang 1919/21). In den 50er Jahren
war er Gewerbeoberlehrer und Dozent am Pädagogischen Ins-
titut der Universität Hamburg. Der vorletzte auf der anderen
Seite der oberen Reihe ist Karl Hoppe (1923/25). Karl Hoppe war
zunächst in Chemnitz und auf einem Gutshof in Mecklenburg
tätig, dann als Gartenarchitekt in Hamburg und wechselte 1940
nach Münster, wo er zunächst die Anlage des Waldfriedhofes
leitete, dann Leiter des Friedhofsamtes wurde, bis ihm schließ-
lich als Städtischer Gartenbaudirektor die Leitung des gesamten
Garten- und Friedhofsamtes von Münster übertragen wurde. In
der zweiten Reihe steht zwischen Prof. Naumann und Garten-
inspektor Binder Fritz Zöppig (Jahrgang 1922/25). Er war in den
50er Jahren Gartenbau-Architekt und Landschaftsgestalter in
Frankfurt/Main.
Man kann daraus beispielhaft ablesen, welchen Stellenwert die
Staatslehranstalt in Pillnitz vor dem Krieg für den Gartenbau in
Deutschland hatte, und dass zahlreiche Führungspositionen von
Pillnitzer Absolventen besetzt wurden.
Burschenschaftstreffen der „Hortania“, in der ersten Reihe sitzend v.l.n.r.: Gartenbauinspektor Kammeyer, Prof. Naumann und Garteninspektor Kniese

image
28 |
Forschung
An der Staatslehranstalt wurden neben der Lehre Forschungs-
arbeiten auf allen Gebieten des Gartenbaus durchgeführt. Die
inhaltliche Ausrichtung oblag den Mitgliedern des Lehrerkollegi-
ums, die gleichzeitig als Leiter der Versuchsabteilungen einge-
setzt waren. Diese Doppelfunktion garantierte eine enge Ver-
knüpfung von Lehre und Forschung, was sicher einen Teil des
guten Rufes der Anstalt begründete.
Wichtige Forschungsgebiete waren
• im Obstbau (Abteilungsvorsteher Ökonomierat Schindler) die
Erdbeerzüchtung, Sortenprüfungen bei Äpfeln, Birnen und
Strauchbeerenobst und Untersuchungen zu Obstunterlagen
und zur Wurzelentwicklung. Otto Schindler hatte in Proskau
schon die Erdbeersorten „Oberschlesien“, „Proskau“ und
„Johannes Müller“ herausgegeben, in Pillnitz wurden „Mat-
hilde“, „Herbstfreude“ und die heute noch bekannte „Frau
Mieze Schindler“ gezüchtet.
• im Gemüsebau (Abteilungsvorsteher Gartenbauinspektor
Binder, ab 1933 Gartendirektor Steffen) Anbauversuche bei
zahlreichen Arten im Freiland, Versuche zum Frühkartoffel-
anbau und Anbauversuche im Frühbeet und im Gewächshaus.
1926/27 wurde für die Versuche unter Glas Tomatengwächs-
häuser und 1930 noch zwei Gurkengewächshäuser errichtet.
Daneben standen noch rund 100 Frühbeetfenster zur Verfü-
gung.
• Düngungsversuche, durchgeführt von der Chemischen Ver-
suchsstation unter Leitung von Dr. Galnbäck,
• in der Abteilung für gärtnerische Botanik und Pflanzenzüch-
tung (Abteilungsvorsteher Prof. Naumann, ab 1928 Prof.
Gleisberg) Untersuchungen zur optimalen Bodenreaktion
verschiedener Anzuchterden, Klonenselektion bei Eriken und
Obstunterlagenzüchtung, und
• in der Abteilung für Pflanzenschutz (Abteilungsvorsteher Prof.
Naumann, ab 1928 Prof. Gleisberg) Pflanzenschutzmittelprü-
fungen, Prüfungen von Pflanzenschutzmaschinen und Unter-
suchungen zur Bekämpfung von Schaderregern in Gewächs-
häusern einschließlich vorbeugender Maßnahmen. Außerdem
fungierte die Abteilung als Pflanzenschutzberatungsstelle für
die Gartenbaubetriebe.
Wichtige Arbeiten waren außerdem die Versuche der Obst- und
Gemüseverwertungsstelle, die 1929 gut ausgestattete Räume
im ehemaligen Hofwaschhaus erhielt, und die 1924 begonnene
Wiederaufrebung größerer Teile des Weinberges, womit ein
Beispiel für die Wiederbelebung des Weinanbaus in Sachsen
geschaffen werden sollte.
Anfang 1927 erhielt Ökonomierat Schindler aus Berlin-Dahlem
das Angebot, die Nachfolge des Direktors Professor Echter-
meyer anzutreten, der in den Ruhestand wechselte. Der Berufs-
stand drängte daraufhin das Wirtschaftsministerium, alles
Notwendige zu unternehmen, damit Ökonomierat Schindler in
Pillnitz blieb. Otto Schindler hatte dazu gegenüber Mitgliedern
des Berufstandes geäußert, dass er sich Verbesserungen in
seiner Wohnung wünsche, außerdem die Aufstockung seines
Gehaltes auf das, was er in Berlin erhalten würde, und dass ihm
am Titel „Professor“ gelegen sei. Das Wirtschaftsministerium
nahm sich der Angelegenheit an. Zunächst war es nötig, dass
die Anstalt in Pillnitz als wissenschaftliches Forschungsinstitut
anerkannt wurde, damit den Direktoren der Titel „Professor“
verliehen werden konnte. Diese Anerkennung erfolgte auf der
Grundlage der geleisteten Forschungsarbeit im August 1927.
Es gelingt auch, Schindlers Wohnung zu erweitern und besser
auszustatten. Letztlich wird ihm 1929 der Titel „Professor“
verliehen und auch einen Differenzbetrag zu seinem Gehalt
gezahlt, so dass es mit dem in Dahlem angebotenen Gehalt
vergleichbar wird. Professor Schindler nimmt daraufhin die
Berufung nach Berlin nicht an.
Der Ruf von Pillnitz konnte außerdem dadurch weiter gefestigt
werden, dass es auch weiterhin gelang, bekannte Persönlich-
keiten an die Lehranstalt zu holen. Zu diesen gehörte z. B.
Professor Gleisberg, der am 1.1.1928 nach Pillnitz kam und
nach der Pensionierung von Professor Naumann einen Teil
seiner Aufgaben übernahm. Gleisberg brachte auch die Schrift-
leitung der von ihm begründeten Zeitschrift „Die Gartenbau-
wissenschaft“ mit nach Pillnitz.
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Die Obst- und Gemüseverwertungsanstalt, das ehemalige Hofwaschhaus, um 1926

image
image
| 29
Blick über den Weinberg auf die neuerrichteten Ge-
wächshäuser der Weinbergsgärtnerei, um 1930
Brief von Professor Schindler vom 9. März 1929 an
die Mitglieder des Verwaltungsrates zur Nichtan-
nahme der Berufung nach Berlin-Dahlem

image
30 |
Wiederaufrebung im westlichen Weinberg
Im Frühjahr 1925 wurden im Westteil des Weinberges ca. 2.800 m²
wieder mit Reben bepflanzt, nachdem um 1915 der Weinbau in
Pillnitz aufgegeben worden war. Ziel war,
„ein Beispiel für diesen
neuen Weinbau (mit Pfropfreben) und seine Anpassung an die
hier vorliegenden Verhältnisse zu geben“.
Damit sollten private
Weinbergsbesitzer zur Nachahmung angeregt werden.
Der Abteilungsvorsteher Gartenbauinspektor Binder schreibt
hierzu:
„Im Oktober 1924 wurde der Westteil des großen Weinberges, es
war das am meisten vernachlässigte, stellenweise mannshoch
mit wilden Himbeeren, Brombeeren und Waldreben überwu­
cherte Teilstück, der Lehranstalt überwiesen. Sobald als möglich
begannen die Arbeiten zur Wiederinstandsetzung der Stütz­ und
Umfassungsmauern und der Treppen, sowie das Rigolen. Letzte­
res war nicht leicht, ging aber schließlich unter Verbindung von
Romperitsprengung mit Handarbeit besser vonstatten als be­
fürchtet worden war. Nach verschiedenen Versuchen ging man
dazu über, in die feststehende Seitenwand des 1 m breiten Ri­
golgrabens, 50 cm von seinem Rand entfernt, Sprengschüsse
einzusetzen und so anzuzünden, dass die Schüsse sich nachein­
ander, vom Tal nach dem Berg zu, lösten. Sie warfen dabei einen
Teil des Erdreichs selbst seitwärts in den offenen Graben und
lockerten den Rest des neuen Grabens so weit, dass an Stelle der
schweren Arbeit mit der Keilhaue die Arbeit mit Spaten und
Schaufel treten konnte. Nachdem die richtige Abmessung für
Sprengladung, Schußtiefe und Schußabstand herausgefunden
war und sich die Leute auf diese Arbeitsweise eingestellt hatten,
ging die Arbeit flott voran.“
Gepflanzt wurden die Sorten Silvaner, Goldriesling, Portugieser,
Traminer, Ruländer, Spätburgunder und St. Laurent auf ver-
schiedenen, reblausfesten Unterlagen.
Rigolen mit Sprengstoff und Handarbeit 1924 auf dem Weinbergsgelände zur Vorbereitung der Wiederaufrebung. Die beiden Personen links setzen eine Reihe neuer
Sprengpatronen 50 cm vom Grabenrand ein.

image
image
| 31
Schindlers Erdbeeren
Bereits während seiner Zeit als Direktor der Proskauer Lehran-
stalt für Pomologie, an der Otto Schindler auch gleichzeitig als
Abteilungsvorsteher für Obstbau, Baumschule und Landwirt-
schaft, sowie als Fachlehrer für Obstbau tätig war, begann er
mit der Züchtung neuer Erdbeersorten. Aus diesen frühen Ar-
beiten resultieren die Sorten 'Proskau', 'Oberschlesien', 'Johan-
nes Müller' und 'Ernst Preuß'. Besondere Bedeutung hat vor
allem die Sorte 'Oberschlesien' erlangt, die aus einer Kreuzung
von ('Sharpless' x 'Ruhm von Köthen') x 'Jucunda' entstand.
Diese Sorte erlangte bis zum Zweiten Weltkrieg eine beachtens-
werte Verbreitung im Handel. Nach 1922 setzte Schindler seine
Züchtungsarbeiten in Dresden-Pillnitz fort. Aus den Kreuzungen
aus dieser Zeit, bei denen er vielfach die Sorte 'Oberschlesien'
als einen der Eltern verwendete, resultierten u. a. die Sorten
'Mathilde' ('Königin Luise' x 'Oberschlesien'), 'Herbstfreude'
('Deutsche Perle' x 'Oberschlesien') und 'Pillnitz' ('Oberschlesien'
x 'Mathilde'). Die größte Bedeutung hat jedoch seine Sorte
'Mieze Schindler' erlangt. Diese aus dem Jahr 1925 stammende
und nach Schindlers Frau benannte Sorte, die aus einer Kreu-
zung von 'Lucida Perfecta' und 'Johannes Müller' entstand,
Bericht über die von Ökonomierat Schindler gezüchtete Erdbeersorte 'Oberschlesien', 1927
Die Erdbeersorte "Mieze Schindler"
zeichnet sich vor allem durch ihr hervorragendes Fruchtaroma
aus. Obwohl diese Sorte aufgrund ihrer viel zu weichen Früchte
für den Handel ungeeignet ist, erfreut sie sich noch heute einer
großen Beliebtheit im Hobbyanbau.

32 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Die Jahre 1933 – 1945
Lehrtätigkeit
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigte bald
Folgen in der Lehranstalt.
Als erstes kam es zur Entlassung von Mitarbeitern, die nicht
arischer Abstammung waren. Zu ihnen gehörte Hans Kammeyer.
Er hatte bei den Großeltern jüdische Vorfahren und wurde da-
her auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufs-
beamtentums zum 1. April 1934 „in den Ruhestand versetzt“.
Eine weitere wesentliche Änderung war die Neufassung des
Lehrplanes. In den zwanziger Jahren hatte man versucht, neue
Erkenntnisse und die wachsende Vielfalt im gärtnerischen Be-
rufsleben in die Lehre zu integrieren, wodurch die Zahl der
Unterrichtsstunden und der angebotenen Fächer stieg. Hieraus
mag sich ein reales Bedürfnis ergeben haben, den Unterricht zu
straffen. Entscheidender für die Umarbeitung des Lehrplanes
dürfte aber das Ziel gewesen sein, Lehrinhalte in den Unterricht
aufzunehmen, die der Verbreitung des Gedankengutes der Na-
tionalsozialisten dienten.
Wesentliche Änderungen im Lehrplan waren
• die Reduzierung der Stundenzahl um etwa 20 %. So wurde
der Mittwochnachmittag unterrichtsfrei gehalten, ebenso der
Sonnabend.
• die Zusammenlegung und teilweise Reduzierung bisher be-
stehender Fächern - letzteres u. a. bei den Grundlagenfächern
Physik, Chemie und Botanik – bei gleichzeitiger Einführung
neuer Fächer („Deutsche Volkstumskunde“ und „Nutzungs-
lehre“)
• die Neuausrichtung von Lehrinhalten bestehender Fächer.
Insbesondere erfolgte in allen Lehrgängen eine erhebliche
Stärkung der betriebs- und volkswirtschaftlichen Aspekte. In
der Gartengestaltung wird jetzt dem Siedlungswesen viel
Platz eingeräumt.
• in methodischer Hinsicht die Ausweitung der Selbststudien-
zeit, der praktischen Übungen und der Seminare. Mit dem
Ansinnen, dass die Schüler in der zusätzlichen unterrichts-
freien Zeit sich dem Selbststudium widmen, sollte die Verkür-
zung des Unterrichtes ausgeglichen werden. Bei den prakti-
schen Übungen und den Seminaren bestand das Ziel, die
Ausbildung näher an die berufliche Praxis heranzuführen und
das Urteilsvermögen der Schüler zu verbessern.
Das außerunterrichtliche Leben, bisher in großen Teilen geprägt
von den Vereinigungen „Hortania“ und „Arminia“, wurde in der
Deutschen Fachschulschaft“ organisiert. Die „Hortania“ und die
„Arminia“ wurden mit Beginn des Wintersemesters 1935/36
offiziell aufgelöst.
Der Fachschulschaft konnte man sich nicht entziehen, wenn
man an der Lehranstalt studieren wollte. Im Pillnitzer Taschen-
buch, das an alle Schüler als Leitfaden für den Studienaufenthalt
ausgegeben wurde, schreibt 1936 der damalige Fachschul-
schaftsführer ganz klar:
„Für jeden deutschen Studierenden ist
die Mitgliedschaft zur Deutschen Fachschulschaft Zwang, wenn
er deutscher Abstammung ist, wenn er das 17. Lebensjahr
überschritten hat und mindestens 2 Semester mit vollem Unter­
richt teilnimmt. Die Erfüllung der durch die örtliche Fachschul­
schaft auferlegten Pflichten ist Voraussetzung für das Verbleiben
der Studierenden an der Fachschule, insbesondere für die Zulas­
sung zu einer ordentlichen Reifeprüfung“.
Die Ziele der Fachschulschaft richteten sich vor allem auf die
Pflege des Gemeinschaftslebens und eine – im Sinne der Natio-
nalsozialisten – politische und körperliche Erziehung der Jugend-
lichen, wofür die aus diesem Grund unterrichtsfreien Sonnabende
genutzt wurden. Daneben bestanden der Nationalsozialistische
Deutsche Studentenbund, dem zunächst die NSDAP-Mitglieder
unter den Studierenden angehörten, dem man aber auch ohne
Parteimitgliedschaft beitreten konnte und dem die erwähnte
politische und körperliche Erziehung der Mitglieder der Fach-
schulschaft übertragen wurde, und der Studentenring, dem die
kulturpolitische Erziehung der Studenten oblag.
Spätestens 1939 ging die Deutsche Fachschulschaft als Orga-
nisation in der Deutschen Studentenschaft auf. Am Zwang zur
Mitgliedschaft sowie an den Zielen und Inhalten änderte das
nichts. Die Deutsche Studentenschaft wurde vielmehr vom
Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund „betreut“,
was praktisch eine Gleichschaltung bedeutete.
Der Verband ehemaliger Pillnitzer bestand zunächst noch eigen-
ständig fort und bemühte sich weiter um die Unterstützung der
Lehranstalt. So wird im Tätigkeitsbericht der Anstalt für die
Jahre 1933 – 1936 ausdrücklich erwähnt, dass er die Kosten für
die Vorlesungen in „Gesetzeskunde“ übernahm, die durch einen
anstaltsfremden Juristen gehalten wurden. Außerdem finan-
zierte er Fachzeitschriften für die Bibliothek und unterstützte
die Herausgabe des Tätigkeitsberichtes. Im bereits erwähnten

image
| 33
Pillnitzer Taschenbuch von 1936 wirbt der damalige Verbands-
vorsitzende, Gartenbauinspektor van Daalen, noch nachdrück-
lich um Mitglieder.
1936 wurde durch Verordnung von Rudolf Heß der zwar schon
bestehende, aber in seiner Bedeutung äußerst eingeschränkte
Nationalsozialistische Altherrenbund der Deutschen Studenten
„erneuert“. Ein Jahr später wurde er zum „einzigen von der NSDAP
anerkannten Zusammenschluss von Alten Herren der deutschen
Fach- und Hochschulen“ erklärt. Damit war auch das eigenstän-
dige Fortbestehen des Verbandes ehemaliger Pillnitzer beendet.
Am 2. Juli 1938 wurde der Fachschulring Pillnitz im NS.-Alther-
renbund der Deutschen Studenten gegründet. Ihm sollten die
ehemaligen Pillnitzer beitreten, was aber offensichtlich nur
teilweise erfolgte.
Ab 1940 wurden alle Belange, die mit der Lehrtätigkeit verbunden
waren, dem Reichsministerium bzw. dem Sächsischen Ministe-
rium für Volksbildung zugeordnet, während die Anstalt im Übri-
gen weiter unter der Aufsicht des Wirtschaftsministeriums blieb.
1942 gab die Anstalt noch ein Informationsheft zu den Inhalten
und Bedingungen der Ausbildung heraus. Allerdings wurden nur
noch ein allgemeiner Lehrgang und ein Technikerlehrgang mit
insgesamt 41 Schülern im Frühjahrssemester 1942 durchge-
führt, danach endete die Lehrtätigkeit.
Das 50. Jubiläum der höheren gärtnerischen Ausbildung wurde
1942 zwar noch begangen, aber, wie es in einem Zeitungsbe-
richt heißt, als „schlichte Feier in engstem Kreise im Rokokosaal
des Bergpalais.“
Das Hauptgebäude 1935: Der heutige Pillnitzer Platz vor dem Aulagebäude wurde 1938 auf Druck der NSDAP-Ortsgruppe Pillnitz in Langemarckplatz umbenannt.

image
34 |
Brief des Direktors Prof. Schindler an das Wirtschaftsministerium vom 14. März 1934 zur Anpassung des Stundenplanes
und zur Entlassung von Dr. Schwartz und Gartenbauinspektor Kammeyer

image
image
| 35

36 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Forschung
Die Nationalsozialisten veranlassten in Pillnitz eine neue
Schwerpunktsetzung. Während bisher der Lehre das Primat
eingeräumt worden war, wurde jetzt die Forschung zur vorran-
gigen Aufgabe. Das drückte sich auch in der Bezeichnung aus.
Ab Juni 1936 lautete sie
„Staatliche Versuchs- und Forschungs-
anstalt für Gartenbau zu Pillnitz an der Elbe“
. Im Dezember
1940 wurde die Ausbildung wieder in den Namen aufgenom-
men. Jetzt hieß die Anstalt
„Versuchs- und Forschungsanstalt
für Gartenbau und Höhere Gartenbauschule zu Pillnitz an
der Elbe“
.
Die bisherigen mit der Versuchstätigkeit betrauten Abteilungen
blieben 1933 zunächst bestehen, allerdings gab es in personel-
ler Hinsicht zahlreiche Veränderungen. Dr. Wissmann war be-
reits im Januar 1932 verstorben, Gartenbauinspektor Binder im
Januar 1933. Im Oktober 1933 folgte Prof. Gleisberg einem Ruf
an die Hochschule Ankara und wurde dafür für drei Jahre beur-
laubt. Im März 1934 wurde Gartenbauinspektor Kammeyer
entlassen. Im November 1936 starb Professor Schindler.
Von den Abteilungsleitern aus dem Jahr 1922 waren Ende 1936
somit nur noch Gartenbauinspektor Kniese und Dr. Gahlnbäck
tätig. Der langjährige Leiter der Versuchs- und Beispielsgärt-
nerei, Gartenbaudirektor Steffen, übernahm 1933 bis zu seiner
Pensionierung im März 1936 die Abteilungen Zierpflanzen unter
Glas, Gemüsebau sowie die Obst- und Gemüseverwertungs-
stelle. Inhaltlich richtete sich die Forschung bis 1936 im We-
sentlichen auf die bereits in den zwanziger Jahren begonnenen
Themen. Als neues Gebiet wurde die Spargelzüchtung begonnen.
Nach dem Tod von Professor Schindler wurde Gartenbauinspek-
tor Luckan, der erst seit Frühjahr 1936 in Pillnitz tätig war,
kommissarischer Leiter. Ab Oktober 1937 war Dr. Reinhold zu-
nächst kommissarisch mit der Leitung betraut, bis er im Mai
1938 als neuer Direktor berufen wurde. Er wird 1940 zum
Professor ernannt.
Unter der Leitung Reinholds wurden die Abteilungen in Institute
umgewandelt und teilweise neu geordnet. Nach dieser Neu-
strukturierung gab es 10 Institute (Obstbau, Gemüsebau, Zier-
pflanzenbau, Gartengestaltung, Pflanzenzüchtung, Obst- und
Gemüseverwertung, Botanik, Chemie und Pflanzenkrankheiten
und Wirtschaftslehre, dessen Arbeit aber schon ab 1941 ruhte).
Ferner waren der Anstalt die Abteilung „Gärtnerischer Pflanzen-
schutz“ des Pflanzenschutzamtes, eine 1937 geschaffene Sor-
tenregisterstelle für Beerenobst und Gemüse sowie eine neu
gegründete Abteilung Bodenuntersuchung zugeordnet. Mit der
Schwerpunktverlagerung auf die Forschung wurde auch die
Flächenausstattung der Anstalt verbessert. 1942 standen 32 ha
für Versuche und Demonstrationsanlagen zur Verfügung. Dazu
gehörte mit 1,1 ha Fläche auch die Versuchs- und Beispielsgärt-
nerei, die am 1. April 1939 der Anstalt angegliedert wurde.
Aus der Vielfalt der Forschungsthemen seien beispielhaft ge-
nannt:
• Behebung des Stalldungmangels zur Erwärmung der Früh-
beete durch Stalldungstreckungs- und Ersatzmittel (u. a.
aufgearbeiteter Müll)
• Untersuchungen zum Einfluss des Standortes auf den Ertrag
von Gemüse (insbesondere Möhren) mit 63 Versuchsfeldern
in Deutschland
• Züchtung frostharter, schwachwachsender Unterlagen für
Birne zum Ersatz der frostempfindlichen Quitte
• Kulturversuche und Züchtungsarbeiten mit Azalea indica und
Erica gracilis
• Untersuchungen zum sächsischen Bauerngarten und Mitwir-
kung an der Planung von Neubauernsiedlungen
• Resistenzzüchtung bei Sellerie gegen Septoria
• Untersuchungen zur organischen Düngung
• Bekämpfung der Drehherzmücke
• Versuche zur Vakuumtrocknung und zur Einsäuerung von
Gemüse
Einen beachtlichen Teil an Forschungsgeldern konnte die
Anstalt von Dritten einwerben. Mittel kamen u. a. von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Reichsluftfahrt-
ministerium, dem Forschungsdienst, dem Reichsnährstand,
dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und
dem Reichsbund der deutschen Kleingärtner. Im Jahr 1938
erhielt die Forschungsanstalt insgesamt Drittmittel in Höhe
von 86.027,00 RM.
Mit Kriegsbeginn hing die weitere Forschungstätigkeit vor allem
davon ab, ob die Arbeiten als „kriegs- und staatswichtig“ einge-
stuft wurden. Bereits am 9. September 1939 teilt der For-
schungsdienst dem Direktor Prof. Reinhold mit, dass das Pillnit-
zer Institut zu den Einrichtungen mit entsprechenden Aufgaben
gehört. Noch im gleichen Monat werden dann laufende For-
schungsarbeiten benannt, die als kriegs- und staatswichtig
eingestuft werden. Charak teristisch sind u. a. folgende Themen:
„Kompostrotte und Kompostdesinfektion“, „Gemüseeinlagerung

image
image
image
image
| 37
im gärtnerischen Betrieb“, „Methoden zur Einlagerung von
Kernobst im Haushalt“, „Verwertung minderer Qualität des
Wurzelgemüses für Trocknungszwecke“.
Besondere Aufmerksamkeit richtete sich auch auf die Haltbar-
machung von Gemüse durch Einsäuerung. Anlässlich eines
Probeessens mit „siliertem“ Gemüse wird betont, dass das Ver-
fahren besonders wichtig für die Versorgung der Wehrmacht
und des Arbeitsdienstes sei, aber infolge des Mangels an
Weißblechdosen auch für den Haushalt.
Der Personalwechsel, der schon ab 1933 recht umfangreich war,
nahm mit Kriegsbeginn durch Einberufungen zum Wehrdienst
noch deutlich zu, so dass allein dadurch eine kontinuierliche
Arbeit stark beeinträchtigt wurde. Sofern die Leitung der Insti-
tute nicht neu besetzt werden konnte, übernahm der Direktor
die Leitung mit dem Ergebnis, dass er 1944 für 3 Institute ver-
antwortlich war. Trotz der personellen und materiellen Ein-
schränkungen wurden aber bis 1945 Forschungsaufgaben be-
arbeitet. Eine Übersicht, die Prof. Reinhold 1946 für die SMAD
anfertigte, zeigt, dass während der Kriegsjahre solche For-
schungsthemen besonderes Gewicht hatten, die der Ernäh-
rungssicherstellung, der Haltbarmachung von Obst und Gemüse
und der Erschließung neuer Nahrungsquellen dienten. Zu letz-
teren gehörten u. a. Versuche, Zuckerrübenblätter durch milch-
saure Vergärung für die menschliche Ernährung zugänglich zu
machen. Grundlegende und langwierige Forschungsarbeiten
wie die Apfel- und die Birnenunterlagenzüchtung wurden aber
fortgeführt. Die Berichte lassen erkennen, dass bis zum Kriegs-
ende Forschungsarbeiten liefen.
Im März 1945 wurden durch Bombenabwurf das Gebäude der
Obst- und Gemüseverwertung, die Aula, die Scheune nördlich
des Hauptgebäudes und der Bauhof getroffen und in weiten
Teilen zerstört.
Gefäßdüngungsversuche in der Weinbergsgärtnerei mit den Reichsspinatsorten,
1938
Versuche zur Lagerung von Weißkohl in Mieten mit Sand 1939
Gartenbaudirektor Alexander Steffen
Das zerstörte Aulagebäude nach den Bombenabwürfen vom 2. März 1945

image
38 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Neubeginn 1945 ­ 1952
Schon kurz nach Kriegsende wurde mit den vordringlichsten
Instandsetzungsarbeiten begonnen. Hierzu gehörten der Bau
eines Notdaches im Gebäude der Obst- und Gemüseverwertung,
Ausbesserungen am Südflügel des Aulagebäudes und am Dach
des Hauptgebäudes sowie Glaserarbeiten an den Gewächshäu-
sern. Im Lehrgarten wurden Schutzgräben eingeebnet und
weitere Aufräumarbeiten durchgeführt.
Der Wiederaufbau der ausgebrannten Gebäudeteile (obere zwei
Stockwerke der Obst- und Gemüseverwertung, heute Mitschu-
rinbau, und der Aulabereich im heutigen Schindlerbau) begann
erst Anfang der 1950er Jahre. Die Scheune wurde nicht wieder
errichtet.
Im Sommer 1945 wurden alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder
entlassen. Die kommissarische Leitung übernahm ab Herbst
1945 bis Februar 1946 Dipl.-Gartenbauinspektor Hans F. Kam-
meyer. Danach wechselte die Leitung noch zweimal bis im
Herbst 1946 die Botanikerin Fräulein Ruth Hager als Direktorin
berufen wurde.
Der Lehrbetrieb begann im Frühjahr 1946 mit einem Gehilfen-
lehrgang (13 Schüler) von einem halben Jahr Dauer, im Herbst
1946 folgte der erste Gartenbautechnikerlehrgang mit 19
Schülern. Die Schülerzahlen stiegen in der folgenden Zeit
wieder an. Im Wintersemester 1949/50 gab es insgesamt schon
wieder 84 Studierende.
An der bisherigen Struktur hielt man im Wesentlichen fest. Es
gab 1947 die Abteilungen Botanik (Fräulein Ruth Hager), Gar-
tengestaltung (Dipl.-Gartenbauinspektor Kammeyer), Obstbau
(Dipl.-Gartenbauinspektor Müller), Pflanzenschutz (Fräulein
Dr. Noll), Gemüsebau und Bodenkunde (Prof. Dr. Reinhold),
Chemie und Physik (Fräulein Süß) und Zierpflanzenbau (Dipl.-
Gartenbauinspektor Watzlawik). Die Flächenausstattung ent-
sprach der bisherigen.
Die Forschungsarbeiten liefen spätestens 1946 wieder an. Der
entsprechende Arbeitsplan zeigt, dass in wesentlichen Teilen an
die Versuche aus den Kriegsjahren angeknüpft wurde. Hierzu
gehörten Düngungsversuche bei Obst und Gemüse, Sortenprü-
fungen bei Sellerie, Rhabarber, Apfel und Birne, sowie Züch-
tungsarbeiten bei Tomaten, Melonen, Apfel und vegetativ ver-
mehrbaren Birnenunterlagen. Zur Minderung der Nahrungs-
mittelknappheit wird auch an der Entbitterung von Eicheln,
Kastanien und Chicoree durch milchsaure Vergärung weiterge-
arbeitet. Im Zierpflanzenbau beschränken sich die Arbeiten
zugunsten des Gemüsebaus auf Züchtungsarbeiten bei Primula
malacoides und bei Azaleen.
Dr. Horst Müller zur Situation kurz nach dem Krieg
„Im Februar 1946 erhielt ich die Berufung als Abtei-
lungsleiter und Dozent für Obstbau nach Pillnitz. Ein
Erlebnis der frühen Pillnitzer Zeit nach 1946 wird mir
in Erinnerung bleiben. Mein erfahrener Amtskollege
Professor Johannes Reinhold hatte in den Kriegsjah-
ren zur Verbesserung der Volksernährung das Silieren
der Blattstiele von Zuckerüben erfunden. In der Ver-
suchsanstalt standen große Steinguttöpfe mit diesem
furchtbaren Fraß immer bereit. Bis zum Frühjahr
1947, dann waren auch die silierten Rübstiele zu Ende
und wir hatten die Verantwortung für ein ausreichen-
des Mittagessen für die Mitarbeiter und Studenten.
Ich war damals Vorsitzender der Küchenkommission,
nicht, weil ich Spezialkenntnisse auf dem Gebiet der
Kochkunst hatte, sondern weil ich über den gärtneri-
schen Außenbetrieb maßgeblichen Einfluss auf die
Bereitstellung der Rohware, Gemüse und landwirt-
schaftliche Produkte, hatte. An einem Tag im Frühjahr
1947 kamen die Küchenfrauen weinend zu mir und
teilten mir mit, die Rübstiele sind alle, alles ist alle.
Wir sind mit einem alten Boot auf die Pillnitzer Elb-
insel gefahren und haben Brennnesselspitzen gemäht.
Sie wurden gekocht und gegessen. Da waren wir ganz
unten. ...“
Die Gartenbauinspektoren Horst Müller und Hans F. Kammeyer 1946

image
image
| 39
Herbstschau 1946
Herbstschau 1946

image
40 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Frau Hager betont in einem Bericht vom Sommer 1947 an die
SMAD aber auch die Hemmnisse für die Arbeit der Anstalt.
Hierzu zählt nicht nur der Mangel an Material, Zugtieren und
Maschinen, sondern auch der Umstand, dass in einigen An-
staltsräumen Betriebsfremde einquartiert waren. Weiter heißt
es:
„Ein grundsätzlicher Fehler scheint darin zu liegen, dass die
Versuchs­ und Forschungsanstalt, die personell und fachlich
direkt von dem Ministerium für Land­ und Forstwirtschaft der
Landesregierung betraut wird, in der Beschaffung von Material,
Geräten, Öl, Benzin, Kohlen usw. einer untergeordneten lokalen
Behörde, dem Kreisratsamt Dresden, unterstellt ist, wodurch
vielen Belangen und Notwendigkeiten, die sich aus der einmali­
gen Besonderheit der Versuchs­ und Forschungsanstalt für
Gartenbau (einzige Anstalt in der sowjetischen Zone Deutsch­
lands) ergeben, nicht entsprochen werden kann, da entweder
diese untergeordnete Behörde kein Verständnis hierfür hat oder
aber nicht die Macht, entsprechende Entscheidungen zu treffen.
Es ist daher zu überlegen, ob nicht eine derartige Forschungsan­
stalt auch in diesen Dingen unmittelbar von der Landesregierung
betreut werden sollte …“.
Angesichts der schwierigen Ernährungslage waren die Ver-
suchsflächen der Anstalt auch mit einem Anbau- und Abgabesoll
belegt, was sich für die Versuchsdurchführung natürlich als
hinderlich erwies.
Am 28. Juni 1947 wurde das 25. Jubiläum der Gründung der
Staatslehranstalt begangen. Neben einer Feierstunde im Kup-
pelsaal des Schlosses gab es eine recht umfangreiche Ausstel-
lung zu aktuellen Arbeiten der Anstalt.
Die Ausstellungstätigkeit, die die Anstalt trotz des wirtschaft-
lich schwierigen Umfeldes schon frühzeitig wieder aufnahm,
ist unabhängig von der Jubiläumsausstellung bemerkenswert.
1946 fanden in Pillnitz bereits eine Sommer- und eine Herbst-
schau statt. Weitere Ausstellungen, die auch die Arbeit der
Schule mit Plänen u. ä. dokumentierten, folgten ab 1948.
Außerdem beteiligte sich Pillnitz regelmäßig an den in Mark-
kleeberg stattfindenden Gartenbauausstellungen.
Zu größere strukturellen und personellen Änderungen kam es 1950
und 1951. Ende Juli 1950 wechselte Prof. Reinhold nach Großbee-
ren. Seine Nachfolge trat im September Dr. Lauenstein an.
Ab Jahresbeginn 1951 wurden die Versuchs- und Forschungs-
anstalt und die Fachschule für Gartenbau organisatorisch ge-
trennt. Im November 1951 wurde Dipl.-Gartenbauinspektor
Horst Müller zum neuen Direktor der Versuchsanstalt berufen.
Im Mai 1951 übernahm Diplomgärtner Werner Dähnhardt die
Leitung der Abteilung Zierpflanzenbau.
Die Forschungsarbeiten wurden wieder ausgeweitet. Anfang der
1950er Jahre standen bei Obst, Gemüse und Zierpflanzen
Züchtungsaufgaben (Erdbeeren, vegetativ vermehrbare Birnen-
unterlagen, Weißkohl, Spargel, Zwiebel, kälte- und krankheits-
resistente Azaleen) und anbautechnische Versuche im Vorder-
grund, in der Gartengestaltung neben der Erforschung
historischer Gartenanlagen Arbeiten zur Ermittlung von Arbeits-
normen im Wege-, Mauer- und Treppenbau, im Pflanzenschutz
die Erforschung der Biologie und Bekämpfung der Apfel- und
Ebereschenmotte.
Mit dieser Struktur ging die Versuchs- und Forschungsanstalt
ab 1.1.1952 zur Deutschen Akademie der Landwirtschaftswis-
senschaften über.
Prof. Dr. Reinhold mit zwei Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter, um 1947

image
image
| 41
Exkursion zur Forstpflanzenzüchtung nach Graupa, 1950. Dritter v. l. Garteninspektor Müller, der spätere Direktor der Versuchs- und Forschungsanstalt Pillnitz
Plakat zur Ausstellung anlässlich des 25. Gründungsjubläums der
Staatslehranstalt

image
image
42 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1922 - 1951
Exkursion der Technikerschüler Gemüsebau in den Spreewald,1950, Prof. Dr. Reinhold in der Mitte mit Hut
Vorlesung vor dem zerstörten Aulagebäude 1947

image
| 43
Prof. Dr. Siegfried Sommer
1932
geboren in Dresden
1951 – 1954
Nach dem Abitur Gärtnerausbildung im Zierpflanzenbau und an
der Abteilung Gartengestaltung der Versuchs- und Forschungs-
anstalt für Gartenbau Dresden-Pillnitz bei Gartenbauinspektor
Hans Felix Kammeyer. Tätigkeit als Gärtnergeselle beim Bau der
Demonstrations- und Versuchsgärten in Pillnitz.
1954 - 1957
Studium der Garten- und Landeskultur an der Landwirtschaft-
lich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin bei
Prof. Dr. Béla Pniower (1896-1960).
1958 – 1959
Projektant für Gartengestaltung im Büro für Hochbau Leipzig.
1959 - 1968
Wissenschaftlicher Oberassistent am Institut für Gartenkunst
und Landschaftsgestaltung der Humboldt-Universität Berlin,
Lehrstuhl für Gartengestaltung bei Prof. Dr. Béla Pniower, ab
1961 bei Prof. Reinhold Lingner (1902-1968). Promotion zu
Straßenbaumpflanzungen.
1968 – 1992
Wissenschaftlicher Oberassistent für Forschung und Lehre im
Fachgebiet „Pflanzenverwendung in der Landschaftsarchitektur“
am Institut für Landschaftsarchitektur der TU Dresden.
1992 - 1997
Berufung als Professor für „Pflanzenverwendung in der Land-
schaftsarchitektur“ an der TU Dresden. Lehre und Forschung mit
Bezug zu Botanik, Vegetationskunde und Dendrologie, Garten-
und Freiraumgestaltung, Erhaltung historischer Parks und
Gärten sowie Pflege und Entwicklung der Kulturlandschaft.
Ehrenamtliches Engagement u.a. für den Botanischen Garten
Dresden, den Landesverein Sächsischer Heimatschutz und die
Deutsche Dendrologische Gesellschaft.
„Als Abiturient hatte ich 1951 die Möglichkeit, die Ausbildung
zum Gärtner, für die ich mich interessierte, statt in drei Jahren
in nur eineinhalb Jahren zu absolvieren. Das erfolgte in meh-
reren Zweigbetrieben des VEB Gartenbau Dresden für Moor-
beetkulturen. Anschließend ergab sich die Möglichkeit, als
Gärtnergehilfe im Institut für Gartenbau Abt. Gartengestal-
tung in Dresden-Pillnitz unter Leitung von Gartenbauinspektor
Hans F. Kammeyer (1893 - 1973) und Gärtnermeister Schneider
meine Kenntnisse der Anzucht von Gehölzen und Stauden zu
erweitern und bei der Gestaltung und Bepflanzung der Grün-
anlagen des Institutes mitzuwirken. Ich erinnere mich noch,
dass mein damaliger Stundenlohn als Facharbeiter erst 96
Pfennige und in Pillnitz dann 1,24 Mark betrug. Diese Erfah-
rungen in Pillnitz bildeten eine gute Grundlage für mein spä-
teres Studium der Garten- und Landeskultur an der Humboldt-
Universität zu Berlin bei Prof. Dr. Georg Béla Pniower, wofür
damals eine Lehre zwingend Voraussetzung war.“
„In dieser Zeit entstanden in Pillnitz Versuchs- und Demons-
trationsanlagen der Abteilung Gartengestaltung, die nach den
Entwürfen Kammeyers ausgeführt wurden. Sie waren eine
wichtige Voraussetzung sowohl für die Ausbildung in gärtneri-
scher Material- und Pflanzenkenntnis als auch für die Forschung
hinsichtlich Materialverwendung, Bautechniken und Arbeitsab-
läufen. Für die Trockenmauern, vor allem aus Sandstein, haben
wir sogenannte Grundstücke bearbeitet. Grundstücke nannte
man Sandsteinquader, die aus dem Trümmerschutt geborgen
worden waren, vor allem große Fundamentsteine. Die ließen
sich sehr schön mit dem Prelleisen bearbeiten. Zu unserem Koch
hatten wir Gärtner eine wunderbare Beziehung. Durchs Fenster
wurden da so manche interessanten Dinge direkt ins Freie he-
rausgereicht.
Neben handwerklich anspruchsvollen Natursteinarbeiten, Tro-
ckenmauer- und Treppenbau war meine Aufgabe auch die Ge-
staltung mit Pflanzen. Hier hatte Kammeyer spezielle For-
schungsgebiete, etwa die Hamamelisgewächse. Breites Interesse
an historischen wie aktuellen Fragen der Planung, Nutzung und
Erhaltung von Gartenanlagen und Kulturlandschaften spielte in
seiner Lehr- und Veröffentlichungstätigkeit eine wichtige Rolle
und beeinflusste mich maßgeblich in der Wahl meines Studiums
und späteren Berufsweges.“

 
44 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Die Jahre 1952 – 1990
Die Forschungsinstitute für Gartenbau
1952 erfolgte die Eingliederung des Pillnitzer Instituts in den
Verband der neugegründeten Deutschen Akademie der Land-
wirtschaftswissenschaften (DAL). Es erhielt den Namen
„Institut
für Gartenbau Dresden-Pillnitz der Deutschen Akademie
der Landwirtschaftswissenschaften.“
Damit nahm zukünftig die Leitung der Landwirtschaftsakademie
in Berlin direkten Einfluss auf die Forschung des Pillnitzer
Instituts. Prof. Dr. Johannes Reinhold wurde Direktor des Insti-
tuts für Gartenbau Dresden-Pillnitz der Akademie der Landwirt-
schaftswissenschaften und war gleichzeitig Direktor des Insti-
tuts für Gartenbau (später für Gemüsebau) der Deutschen
Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Großbeeren.
Prof. Reinhold hatte seinen Dienstsitz in Großbeeren. Stellver-
treter wurde der bisherige Leiter Gartenbauinspektor Horst
Müller. In den folgenden Jahren prägte Horst Müller entschei-
dend die Forschungsarbeit im Pillnitzer Institut und leitete
gleichzeitig die Abteilung Obstbau. 1954 endete die Tätigkeit
von Prof. Reinhold in Pillnitz. In den folgenden Jahren entstand
unter seiner Leitung das international anerkannte Institut für
Gemüseproduktion Großbeeren.
Die folgende Übersicht vermittelt einen Eindruck von den For-
schungsschwerpunkten
Abteilung Zierpflanzenbau;
Leiter: Diplomgärtner Werner Dänhardt
Die Abteilung Zierpflanzenbau war die größte im Institut.
• Züchtung u.a. von Gerbera jamesonii, Rhododendron simsii,
Saintpaulia ionantha, Calceolaria und Clivia miniata
• Entwicklung einheitlicher Erdsubstrate (Einheitserde) sowie
Suche nach Ersatzsubstraten für die Azaleen-Kultur (Rhodo-
dendron simsii) – Nadelstreu aus einheimischen Wäldern
stand nicht mehr ausreichend zur Verfügung
• Entwicklung geeigneter Düngerezepte für Zierpflanzen
• Erforschung der Anzucht und von Treibmöglichkeiten von
Tulpenzwiebeln
• Jährliche Sortenprüfungen verschiedener Zierpflanzen (z. B.
Hortensien, Cyclamen, Chrysanthemum) aus deren Ergebnis-
sen Praxisempfehlungen folgten
Abteilung Gemüsebau;
Leiter: Dr. Arnim Lauenstein
• Züchtung von Tomaten und Zwiebeln
• Untersuchungen zur Qualitätsbeeinflussung bei Gemüse
durch Düngung
• Verbesserung der Anbautechnik bei Spargel
• Erforschung der Gurkenwelke, Empfehlungen für geeignete
Bekämpfungsmaßnahmen im Gewächshaus und im Frühbeet-
kasten
• Einordnung gärtnerischer Kulturen in kleinbäuerliche Betriebe
• Ermittlung von Arbeitsnormen im Treib- und Freilandgemü-
seanbau
• Züchterische Bearbeitung der Steckzwiebelsorte „Dresdner
Plattrunde“
Abteilung Obstbau;
Leiter: Gartenbauinspektor Horst Müller
• Züchtung von neuen Erdbeersorten sowie Selektion von
Walnüssen und einer nicht bitteren Edeleberesche, die sich
durch einen hohen Vitamin-C-Gehalt auszeichnet
• Untersuchungen zur Erweiterung des Obstbaus auf landwirt-
schaftlich schwer nutzbaren Standorten, wie rauen Lagen und
minderwertigen Böden (Kippen und Halden)
• Untersuchungen zu Obstunterlagen und Stammbildnern
sowie zur Düngung und Bodenpflege
• Vermehrung, Anbau und Verwertung von Edelebereschen
• Einführung der Walnussveredlung in die Praxis
Abteilung Garten- und Landschaftsbau;
Leiter: Gartenbauinspektor Hans Felix Kammeyer
• Entwicklung und Prüfung von Anwendungsmöglichkeiten
verschiedener Natursteinmaterialien für gärtnerische Zwecke.

| 45
• Erarbeitung von Grundlagen für die Planung sozialer Garten-
anlagen (Untersuchungen zur Anlage von Kinderspielplätzen
und die Auswahl und Beurteilung von dafür geeigneten
Spielgeräten)
• Entwicklung eines Verfahrens zur Bindung von Flugsanden
auf Spülhalden des Bergbaus.
Abteilung Gärtnerische Bodenkunde;
Leiter: Gartenbauinspektor Dietrich Albrecht
• Anwendung der Anwelkmethode nach Arland zum Nachweis
der Nährstoffbedürftigkeit gärtnerischer Kulturen
• Entwicklung von Geräten und Verfahren zur Schnellerfassung
des Wasserhaushaltes im Boden
Abteilung Obst- und Gemüseverwertung;
Leiter: Prof. Ehrhard Donath
• Verwertung von nicht für den Frischmarkt geeignetem Obst
und Gemüse zu quellfähigem Gemüsemehl sowie Verarbei-
tung von Gemüsesäften und -konzentraten zu Gemüseteig-
waren, -zwieback und -dragees
• Untersuchungen zur Verwertung von Obstfrüchten (z.B.
Ebereschen) und Prüfung von Neuzüchtungen (Apfel, Erd-
beere) auf ihre Verwertbarkeit
• Verbesserung der Obstweine unter Beachtung der Sortenei-
genschaften und Pflegemaßnahmen des Erntegutes
Abteilung Botanik;
Leiter: Dr. Walter Junges
• Erforschung der Stadienentwicklung gärtnerischer Kultur-
pflanzen zum Zweck der Entwicklungslenkung durch Kälte,
Wärme, Licht sowie durch unterschiedliche Mineral- und
Wasserversorgung (Anwendung der Stadientheorie von
Lyssenko im Gartenbau)
• Untersuchung von Anwendungsmöglichkeiten der Mit schu-
rinschen Befruchtungsbiologie bei der Züchtung von Zier-
pflanzen
Abteilung Gärtnerischer Pflanzenschutz;
Leiterin: Dr. Luise Noll
• Bekämpfung der Erdbeermilbe, der Ebereschen- und Apfel-
motte
• Untersuchungen zur Saatgutbeizung
• Bekämpfung von Gartenschädlingen mit Hilfe von Infrarot-
strahlung
Chemisches und mikrobiologisches Laboratorium;
Leiter: Dr. Heinz Rämsch
• Das Laboratorium führte Routineuntersuchungen für alle Ab-
teilungen durch.
• Das Institut für Gartenbau verfügte Anfang der 1950er Jahre
über 1 ha Gewächshausflächen in der ehemaligen „Neuen
königlichen Hofgärtnerei“, 8,5 ha obstbauliche Versuchsflä-
chen, 2 ha Baumschulflächen und 0,5 ha Weinbergflächen.
• Kleine Konzerte in den historischen Gewächshäusern zur Zeit
der Mimosenblüte (Akazien) zogen viele Dresdnerinnen und
Dresdner nach Pillnitz und erhöhten den Bekanntheitsgrad.
Die Abteilung Zierpflanzenbau in Pillnitz wurde von vielen
Gärtnerinnen und Gärtnern im Rahmen von Fachexkursionen
besucht.
• 1955 wurde die Abteilung Baumschule unter Leitung von
Dr. phil. Fritz-Paul Zahn (früher Magdeburg-Ottersleben)
gegründet.
Berufung von Prof. Dr. Gerhard Friedrich zu Direktor
Prof. Dr. Gerhard Friedrich erhielt 1956 die Berufung zum Insti-
tutsdirektor. Er war vorher als Professor mit Lehrstuhl und Direk-
tor des Instituts für Obst- und Gemüsebau der Universität Halle
erfolgreich tätig. Unter seiner Leitung erfolgte die Ausrichtung
der Arbeiten auf die obstbauliche Grundlagenforschung. Dazu
bildete Prof. Friedrich am Institut eine neue Abteilung Physiologie.
Zu den international anerkannten Leistungen gehörten die Un-
tersuchungen zu stoffwechselphysiologischen Grundlagen der
Blüten- und Ertragsbildung. Zur Erreichung der Forschungsziele
erfolgte der Bau eines neuen Laborgebäudes, das 1963 eingeweiht
wurde. Heute wird es vom Julius-Kühn-Institut genutzt.

46 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Anfang der 60er Jahre war der Obstbau wenig produktiv und
wurde extensiv als Streuobstbau, in Bauerngärten, an Straßen
und im Kleingarten betrieben. Die Bewirtschaftung der Obst-
plantagen erfolgte in der Regel in landwirtschaftlichen Betrie-
ben. In diesen Obstanlagen standen Hochstämme, deren Schnitt
und Beerntung aufwändig mit Leitern erfolgte. Die Durchfüh-
rung notwendiger Pflanzenschutzmaßnahmen war bei diesen
großkronigen Bäumen nur mit großem Aufwand durchführbar.
Die Pflanzung der Obstanlagen erfolgte mit Apfelsorten auf
starkwachsenden Unterlagen mit dafür notwendigen großen
Baumabständen. Diese starkwachsenden Bäume erforderten im
Winter einen großen Handarbeitsaufwand. Die Apfelanlagen
hatten oft ungenügende und alternanzbedingt jährlich stark
schwankende Erträge. In den Reihen dieser Obstanlagen wurden
oft Unterkulturen angebaut oder es erfolgte die Nutzung als
Weidefläche.
Am Pillnitzer Institut entwickelte man neue Anbausysteme, die
1957 schon in 35 Beispielanlagen vorgestellt werden konnten.
Durch die Verwendung schwächerwachsender Unterlagen für
Apfelpflanzungen konnten 1.000 Bäume/ha gepflanzt werden.
Damit gingen eine schnellere Erreichung des Vollertrages, eine
wesentliche Steigerung der Erträge und die Verringerung der
Ertragsschwankungen einher.
Prof. Friedrich setzte sich für die Intensivierung des Obstbaus,
besonders des Apfelanbaus, ein. Ein intensiver Apfelanbau mit
hohen Ertragsleistungen war nur auf qualitativ guten Ackerbö-
den umzusetzen. Zu dieser Auffassung gab es durch die Politik
starke Anfeindungen, weil Ackerland knapp war. Es sollte der
Erzeugung von Nahrungsmitteln vorbehalten bleiben. Obstbau
sollte auf Kippen und Halden und an Straßen erfolgen. Die Er-
kenntnis, dass ein erfolgreicher Obstbau nur auf qualitativ guten
Böden durchgeführt werden konnte, setzte sich erst Anfang der
70er Jahre durch.
1957 bewirtschaftete das Institut Freilandflächen von insge-
samt 62,3 ha und 1,33 ha unter Glas.
Weitere Konzentration der Forschung auf den Obstbau
ab 1960
Die Abteilung Gemüsebau und die Arbeitsgruppe Gärtnerische
Bodenkunde wurden aus dem Institut ausgegliedert. Die Gemü-
sebauforschung verlegte man an das Institut für Gemüsebau
Großbeeren. Der bisherige Leiter der Abteilung Obstbau
Dr. Horst Müller schied 1960 aus und wurde zum Direktor des
VEG Baumschulen Dresden berufen. Damit arbeiteten jetzt im
Institut folgende Abteilungen:
• Abteilung Obstbau, Leitung Dr. Horst Müller,
später Dr. Roland Schuricht
• Abteilung Obst- und Gemüseverwertung,
Leitung Prof. Ehrhard Donath
• Abteilung Physiologie,
Leitung Prof. Gerhard Friedrich
• Abteilung Zierpflanzenbau,
Leitung Diplomgärtner Werner Dänhardt
• Arbeitsgruppe Überleitung (1957 gegründet)
Die Arbeitsgruppe hatte die Aufgabe, die Verbindung zwischen
Forschung und Praxis zu koordinieren. Gleichzeitig oblag dieser
Arbeitsgruppe, die bereits 1952 etabliert worden war, die Orga-
nisation und Durchführung der zweijährigen Ausbildung von
landwirtschaftlich-gärtnerischen Assistentinnen und Assis-
tenten. Diese Ausbildung sicherte den Eigenbedarf an techni-
schen Fachkräften für die Versuchsarbeiten. Die landwirtschaft-
lich-gärtnerischen Assistentinnen und Assistenten waren auch
in anderen wissenschaftlichen Einrichtungen begehrt. An der
Ausbildung beteiligten sich viele Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler des Instituts als Lehrende.
Im August 1960 fand im neuen Festsaal im Schindlerbau des
Instituts das I. Internationale Symposium zu „Physiologischen
Problemen im Obstbau“ statt. Dieses Symposium fand auch in
Westeuropa große Beachtung und trug den Ruf der Pillnitzer
Forschung über die Landesgrenzen hinaus. Nach Einschätzung
der Experten hatte zu diesem Zeitpunkt kein Obstbauinstitut der
Welt eine derart perspektivisch organisierte physiologische
Gehölzforschung.
Forderung nach Handlungsempfehlungen zur drastischen
Steigerung der Obsterträge
Vom Pillnitzer Institut erwartete man wissenschaftlich fundierte
Aussagen und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen zur
Steigerung der Obsterträge. Nur durch die drastische Erhöhung
der Eigenproduktion konnte die ungenügende Versorgung der
Bevölkerung mit Obst verbessert werden.
Daraufhin erfolgte eine Studie zur Obstproduktion in der DDR.
Im Ergebnis zeigte sich, dass der Obstbau der DDR völlig unzu-
reichend entwickelt war, um die Bevölkerung ausreichend mit
Obst, d.h. im Wesentlichen Äpfeln, zu versorgen. Durch die Inten-
sivierung des Anbaus und die Erweiterung der Anbaufläche sollte
eine jährliche Pro-Kopf-Produktion von 100 kg Obst erreicht
werden. Das entsprach einer Erntemenge von 17,6 Mio. dt.

image
image
| 47
Das neue Physiologiegebäude 1963
Bauarbeiten am neuen Physiologiegebäude

48 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
1962 erfolgte die Umstrukturierung und Umbenennung des
Pillnitzer Instituts in
„Institut für Obst- und Zierpflanzenbau
Dresden-Pillnitz der Deutschen Akademie der Landwirt-
schaftswissenschaften.”
Die Forschung im Pillnitzer Institut erfolgte nun in den drei
folgenden Komplexthemen:
• Grundlagen der Ertragsbildung und Ertragssteigerung bei
Obstgehölzen; Leitung Prof. Gerhard Friedrich
• Obstproduktion;
Leitung Dr. Roland Schuricht
• Zierpflanzenproduktion;
Leitung Diplomgärtner Werner Dänhardt
Der Obstbau wandelte sich zu Beginn der 1960er Jahre schritt-
weise von extensiver Bewirtschaftung zu intensiveren Anbau-
formen mit Niederstämmen. In diesem Zusammenhang erhielt
das Institut den Auftrag, die Forschung zur Betriebswirtschaft
im Obstbau zu intensivieren. Das führte 1963 zur Gründung
der Abteilung Ökonomik, deren Aufgabe in der ökonomischen
Analyse von Betriebsabläufen in Obstbaubetrieben bestand.
Eine weitere Veränderung fand 1963 mit der Angliederung des
Instituts für Obstzüchtung Naumburg als Versuchsstation an
das Pillnitzer Institut statt. Die Leitung der Versuchsstation in
Naumburg übernahm Dr. Hans Mihatsch. Das Naumburger Ins-
titut hatte auf den Gebieten Reben- und Obstzüchtung ein
hohes Ansehen. 1970 erfolgte der Umzug der Versuchsstation
in das Pillnitzer Institut.
Aus Anlass der feierlichen Einweihung des neuen Laborgebäu-
des für die Abteilung Physiologie fand im Oktober 1963 das II. In-
ternationale Symposium „Physiologische Probleme im Obstbau“
statt. Auch diese Tagung zeigte eine erfolgreiche Bilanz der
Pillnitzer Forschung auf dem Gebiet der Gehölzphysiologie.
Die folgende Übersicht vermittelt einen Eindruck über For-
schungsschwerpunkte:
• Untersuchungen verschiedener Torfe auf ihre Eignung als
Kultursubstrat für Zierpflanzen
• Züchtung an Clivia miniata, Freesia, Gerbera und Calceolaria
• Suche nach Ersatzsubstraten für Nadelstreu aus dem Wald,
besonders für Azaleen (Rhododendron simsii) als Exportkultur
• Forschungsarbeiten zur Hydrokultur: Entwicklung des „Pill-
nitzer Hydroziertopfes“ sowie Entwicklung eines speziellen
Düngers für Zierpflanzenhydrokulturen „Wopil“ (Wolfen/
Pillnitz) mit dem Chemischen Werk Wolfen
• Untersuchungen zum Gerbera-Sterben (Phytophthora)
• Erfassung des Arbeitszeitaufwandes und der Arbeitsabläufe
bei verschiedenen Zierpflanzen in Produktionsbetrieben,
Kostenermittlung bei Hauptkulturen
• Betriebswirtschaftliche Untersuchungen zum Einsatz von
Rollgewächshäusern am Beispiel des in Pillnitz entrichteten
Rollgewächshauses
• Verkürzung der Kulturdauer von gärtnerischen Kulturpflanzen
durch niedere Temperaturen in bestimmten Entwicklungs-
stadien (technische Jarowisation)
• Erdlose Kulturverfahren bei wichtigen Zierpflanzen unter
Berücksichtigung verschiedener Nährlösungen und wirt-
schaftlicher Gesichtspunkte
• Schaffung wirtschaftlich wertvoller Mutationen bei Zierpflan-
zen durch Behandlung mit Röntgenstrahlen (Rhododendron
und Rosa-Arten)
• Stoffwechselphysiologische Untersuchungen an Obstgehölzen
• Physiologie der Ertragsbildung
• Möglichkeiten des Obstbaus in rauen Lagen
• Obstanbau auf Weinberghängen - Nutzung von weinbaulich
schwer nutzbaren Berghängen
• Selektion neuer Unterlagen (frostharte und an den Boden
geringere Ansprüche stellende Apfelunterlagen)
• Bewässerung und Stickstoffdüngung bei Erdbeeren
• Arbeits- und betriebswirtschaftliche Untersuchungen über
den Obstbau in landwirtschaftlichen Großbetrieben
• Untersuchungen über die Schaffung von Anbauzentren für
Obst im Bezirk Dresden
• Vergleich der Vermehrungsleistung von Obstbauunterlagen
zwischen üblichen Methoden und dem Sprühnebel-Verfahren
• Ökonomik der Straßenobstbaubetriebe

image
image
| 49
II. Internationale Tagung „Physiologische Probleme im Obstbau“ anlässlich der Einweihung des neuen Physiologiegebäudes. 1. Reihe 2. v. l. Prof. Dr. Kramer (Humboldt-
Universität zu Berlin), 3. v. l. Dr. Schuricht, 2. Reihe v. l. n. r.: Dr. Fiedler, Dr. Umhauer, Dr. Schönberg, 3. Reihe Mitte: Dr. Katzfuß
Tagungsteilnehmer vor dem Physiologiegebäude

image
50 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Im Institut gab es auf Grund von Vorgaben der Akademieleitung
ständig Diskussionen zur Erhöhung der Effizienz der obstbauli-
chen Forschung. Als ein wesentlicher Hebel zur Erreichung
dieser Zielstellung wurde die Konzentration obstbaulicher For-
schungskapazitäten am Pillnitzer Standort gesehen.
1963 erfolgte die Auflösung der Abteilung Zierpflanzenbau und
ihre Verlagerung an das Institut für Zierpflanzenbau Berlin-
Köpenick der Humboldt-Universität Berlin.
Die ehemalige Lehr- und Beispielsgärtnerei, bedeutende Ver-
suchsbasis für den Zierpflanzenbau, übernahm das damalige
VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt als Betriebsteil Dresden-
Pillnitz. Damit endete die so erfolgreiche Forschungsarbeit für
den Zierpflanzenbau in Pillnitz. Um den Verlust, der für die
Zierpflanzenforschung entstanden war, nur annähernd zu ver-
stehen, muss erwähnt werden, dass unter der Leitung von
Dr. Werner Dänhardt neben wichtigen wissenschaftlichen und
populärwissenschaftlichen Publikationen auch 53 Neuheiten
an Zierpflanzen entwickelt wurden, die wichtige Impulse für die
Förderung der Zierpflanzenproduktion gaben. Neben Sorten-
prüfung, Züchtung, Beratung und Produktion erfolgte auch
Grundlagenforschung, insbesondere zu phytopathologischen
Fragestellungen. Die Pillnitzer Freesien (große, weit geöffnete
Blüten und wertvolle Farben) und Gerbera (hohe Leuchtkraft,
Reinheit der Farben, Widerstandsfähigkeit gegenüber Krank-
heiten und hohe Haltbarkeit nach dem Schnitt) zählten und
zählen noch heute zu den internationalen Spitzenleistungen
der Zierpflanzenzüchtung.
Ab 1963 konzentrierten sich alle Forschungsarbeiten auf den
Obstbau. Damit erhielt das Institut die Bezeichnung
„Institut
für Obstbau Dresden-Pillnitz der Akademie der Landwirt-
schaftswissenschaften.”
Die folgende Übersicht stellt eine Auswahl der Forschungs-
schwerpunkte dar:
• Komplexthema Physiologie der Ertragsbildung und Ertrags-
steigerung bei Obstgehölzen
• Physiologisch-biochemische Untersuchungen der Grundlagen
der Ertragsbildung, insbesondere der Blütenbildung bei
Obstgehölzen
Dr. Schuricht, Prof. Dr. Friedrich, Dr. Fehrmann und Dr. Ottto (v.l.n.r.) bei der Diskussion in den Versuchsanlagen

image
image
| 51
Dr. Streitberg und Mitarbeiterinnen in der Versuchsanlage
Dr. Murawski mit Frau Dipl.-Biologin Jaschkova (links) und Frau Dr. Wolfram (rechts) 1967 , alle von der Abteilung Obstzüchtung des Institutes für Acker- und Pflanzen-
bau Müncheberg

52 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
• Einfluss von Assimilation und Atmung auf die Stoffproduktion
unter Berücksichtigung der Umweltverhältnisse und des
Sortenverhaltens
• Beziehungen zwischen Mikroorganismen der Rhizosphäre
und dem Wachstum (Obstgehölze)
• Untersuchungen zu leistungsbeeinflussenden Faktoren beim
Schneiden von Obstgehölzen
• Prüfung der obstbaulichen Leistungsfähigkeit von Unterlagen
• Untersuchungen über die Wirkung unterschiedlicher Wasser-
und Nährstoffversorgung auf Apfelbäume in Gefäßen
• Produktionsverfahren im Obstbau, Ernte von Baumobst
• Bodenpflege, Düngung und Bewässerung bei Äpfeln
• Produktionsverfahren und Arbeitsnormen bei Baumobst
• Arbeitsstudien beim Schnitt mit pneumatisch angetriebenen
Schnittwerkzeugen
• Grundlagen der Preisbildung im Obstbau
• Untersuchung zur Ökonomik und Perspektive des Obstbaus
an Straßen und Wegen
• Ökonomik von spezialisierten Obstbaubetrieben und von
Obstanbaugebieten
• Untersuchungen zur Rationalisierung der Anzucht- und An-
bautechnik von Baumschulgehölzen
• Bodenpflege ihm Weinbau
Weitere Stärkung der materiell-technischen Basis – neue
Struktur ab 1969
Die Eingliederung der Versuchsstation Rostock-Biestow (Krin-
gelhof), als früherer Teil des Instituts für Acker- und Pflanzenbau
der Rostocker Universität unter Leitung von Prof. Dr. Dietrich
Neumann, an das Pillnitzer Institut erfolgte 1969. Prof. Neu-
mann war bis zu seiner Emeritierung (1987) als Leiter der Ver-
suchsstation in Rostock tätig.
1970 folgte die Übernahme des Volksgutes (früher Kammergut)
mit den Betriebsteilen Pillnitz, Kauscha und Nickern. Damit er-
weiterte sich die Versuchsbasis auf fast 100 ha Versuchsfläche.
Die Leitung der Versuchsstation in Kauscha übernahm Dr. Klaus
Griesbach. Zahlreiche Gebäude und die im Volksgut tätigen
Betriebshandwerker wurden übernommen.
Weiterhin erfolgte 1970 die Eingliederung der Abteilung Obst-
züchtung des Instituts für Acker- und Pflanzenbau Münche-
berg. Die damit in Müncheberg zur Verfügung stehenden Ka-
pazitäten wurden als Außenstelle der Abteilung Züchtung
zugeordnet. Die Leitung der Abteilung Züchtung in Pillnitz
übernahm Dr. Murawski. Unter seiner bisherigen Leitung waren
in Müncheberg umfangreiche Züchtungsarbeiten bei Apfel,
Pflaume, Süß- und Sauerkirsche durchgeführt worden. Wich-
tige Zuchtziele waren die Verbesserung der Erträge, der
Frosthärte, des Geschmacks und der Schorfresistenz bei Apfel.
Dr. Murawski setzte sich für die Verbindung der klassischen
Züchtungsarbeit mit neuen Verfahren der Züchtungsforschung
ein. Im Ergebnis wurde bereits 1977 die biotechnologische
Forschung (Gewebekultur) zur Unterstützung der Züchtung
und der Züchtungsforschung etabliert.
Nach dem unerwarteten Ableben von Dr. Heinz Murawski
übernahm Dr. Manfred Fischer die Leitung der Abteilung
Züchtung.
Orientierung der Forschung an den Anforderungen indust-
riemäßiger Obstproduktion durch Bildung von zwei For-
schungsbereichen
• Bereich I: Züchtung und Grundlagenforschung;
Leitung: Dr. Michael Vogl
• Bereich II: Produktionsverfahren;
Leitung: zunächst Dr. Wolfgang Fehrmann,
danach Dr. Roland Schuricht
Die ehemalige Abteilung Physiologie wurde aufgrund der von
der Leitung der Landwirtschaftsakademie geforderten Struk-
turveränderungen aufgelöst.
Die Umbenennung der Deutschen Akademie der Landwirt-
schaftswissenschaften in Akademie der Landwirtschaftswissen-
schaften der DDR im Jahre 1972 hatte zur Folge, dass auch das
Pillnitzer Institut eine neue Bezeichnung erhielt und fortan
„Institut für Obstforschung Dresden-Pillnitz der Akademie
der Landwirtschaftswissenschaften der DDR“
hieß.

| 53
Vorrangige Entwicklung von fünf Hauptanbaugebieten
für den Obstbau
Auf der Grundlage eines Ministerratsbeschlusses von 1973 e–
rfolgten in den 70er und 80er Jahren in der DDR außerordentlich
umfangreiche Obstpflanzungen, vorrangig Apfelanlagen. Die
Konzentration der Obstproduktion sollte in fünf Hauptanbau-
gebieten (Dresden, Leipzig, Erfurt, Halle und Potsdam) erfolgen.
Das Havelländische Obstbaugebiet (HOG), das mit 10.000 ha für
die Versorgung der Hauptstadt Berlin konzipiert worden war,
sollte für die Obstbaubetriebe der gesamten Republik beispiel-
gebend sein. Die für den Apfelanbau ungenügende Bodenqua-
lität wurde durch das Ausbringen von Schlamm aus den nahen
Havelseen verbessert. Auf einem großen Anteil der Apfelflächen
erfolgte die Installation einer ortsfesten Beregnungsanlage mit
der Bezeichnung „Regnomat“.
Im Zusammenhang mit der angestrebten Beispielwirkung des
HOG wurde Anfang der 70er Jahre die Frage der Verlegung des
gesamten Pillnitzer Instituts für Obstforschung in den Potsda-
mer Raum gestellt. Im Ergebnis umfangreicher Diskussionen
und Überlegungen erwies sich diese Verlegung jedoch als un-
realistisch.
Die neue Aufgabe des Instituts in Pillnitz bestand darin, be-
triebswirtschaftliche Untersuchungen für die neuen Obstbau-
betriebe mit einer Größe von 1000 bis 2000 ha Obstfläche
vorzunehmen und Pflanzprojekte für diese industriemäßigen
Obstanlagen zu erarbeiten. Weiterhin galt es „Komplexe Verfah-
ren der mechanisierten Obstproduktion“ zu entwickeln. Daraus
leitete sich die Aufgabe der Neuentwicklung von Maschinen und
Geräten, einschließlich Erntemaschinen für Steinobst, Erdbee-
ren, Strauchbeerenobst und Tafeläpfel ab.
Die Aufnahme der Arbeiten zur Ertragsregulierung und zur
Erntemechanisierung erfolgte 1972.
Auf der Grundlage eines langfristig angelegten Beobachtungs-
programms konnte bereits in den 1970er Jahren in Apfelanlagen
ein Überwachungssystem empfohlen werden, das auf einer
systematischen Bestandskontrolle der Schaderregerentwicklung
beruhte und Bekämpfungsmaßnahmen nur bei Überschreitung
von Schadschwellen zuließ.
Prof. Dr. Dr. hc. Gerhard Friedrich wird als Institutsdirektor
aus dem Amt gedrängt
Nach 17jähriger Tätigkeit als Institutsdirektor erfolgte Anfang
1974 die Ablösung von Prof. Friedrich. Ihm wurde erlaubt, seinen
Schreibtisch im Institut zu behalten. Diese Möglichkeit nutzte
er, um sein Wissen in Fachbüchern weiterzugeben. Bis ins hohe
Alter kam er morgens ins Institut.
Die Nachfolge übernahm Prof. Dr. Egon Seidel. Er war vorher
Direktor der Sektion Gartenbau der Humboldt-Universität zu
Berlin. Prof. Seidel war nur bis September 1974 in diesem Amt.
Nach der kommissarischen Übernahme der Institutsleitung
1974 wurde Dr. Wolfgang Fehrmann 1976 zum Professor und
Institutsdirektor berufen. Die Leitung des Forschungsbereiches
II übernahm zu dem Zeitpunkt Dr. Roland Schuricht.
Das Pillnitzer Obstforschungsinstitut übernahm die Pro-
jektierung von Obstanlagen im Havelländischen Obstbau-
gebiet (HOG)
Ab 1976 leitete Dr. Peter Lux den neugegründeten Bereich III im
HOG am Standort Glindow bei Werder. Vom Bereich III wurden
wichtige Projektierungen von Obstanlagen erbracht. Ab 1980
führte man diesen Bereich III als Versuchsstation des Pillnitzer
Instituts am Standort Marquardt bei Werder weiter.
Das Institut für Obstforschung Dresden-Pillnitz hatte, verkürzt
gesagt, den Auftrag, Handlungsempfehlungen für alle Ab-
schnitte der industriemäßigen Obsterzeugung von der Pflanzung
über die Pflege, den Schnitt und den Pflanzenschutz bis zur
Ernte, Lagerung und Aufbereitung zur Verfügung zu stellen.
Im Folgenden wird eine Auswahl von Forschungsschwerpunkten
dargestellt.
• Entwicklung eines Verfahrens der Ertragsstabilisierung mit
dem Ziel der Erreichung regelmäßiger Blütenbildung beim
Apfel, Ertragsregulierung mit dem Wirkstoff Ethephon
• Untersuchungen zur Bodenmüdigkeit und Entwicklung eines
spezifischen Verfahrens ihrer Vermeidung
• Züchtungsforschung und Züchtung neuer, für die industrie-
mäßige Produktion geeigneter Sorten mit hoher Qualität für
die Bevölkerung einschließlich Apfelsorten mit Widerstands-
fähigkeit gegen Schorf, Mehltau und andere pilzliche Schad-
erreger
• Industriemäßige Verfahren des Pflanzenschutzes im Obstbau
(brühesparende Ausbringung)
• Untersuchungen zu geeigneten Anbausystemen, insbesondere
beim Apfel zu Ertragssteigerung
• Normative für die Produktion von Tafeläpfeln, Kirschen,
Erdbeeren

image
image
54 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Die Teilnehmer der internationalen Tagung für Obstzüchtung 1978
Ausflug mit internationalen Gästen in das Havelländische Obstbaugebiet 1978: 1. v. l. Dr. Lux, 3. v. l. Dr. Fischer, 4. v. l. Dr. Schuricht

| 55
• Entwicklung von Schnittempfehlungen für den Apfel, für
spezielle Unterlagen und Sorten
• Empfehlungen zur Bestandsüberwachung und Schaderreger-
überwachung
• Empfehlungen zur Düngung
• Untersuchungen zur Vermeidung von Blütenfrostschäden
durch Lufttrübung
• Untersuchungen zum Einfluss der Bewässerung auf den
Apfelertrag
• Entwicklung von Verfahren der maschinellen Obsternte
• Verfahren der Apfellagerung für eine Lagerdauer von
250 Tagen und maximal 7 % Verlusten
Zur Lagerung von Äpfeln wurden vielfältige Versuche durchge-
führt. Ziel war es, die Lagerverluste zu verringern, die Apfel-
qualität zu erhalten und den Energieeinsatz zu senken. Damit
im Zusammenhang standen die Untersuchungen zur Bestim-
mung des Erntezeitpunktes beim Apfel. Der obstbaulichen
Praxis wurden Empfehlungen für ein Lagerverfahren mit einer
Lagerdauer bis zu 250 Tagen und maximal 7 % Verlusten
übergeben. Mit diesem Lagerverfahren wurde zusätzlich Ener-
gie eingespart. In enger Zusammenarbeit mit den Obstbaube-
trieben der Arbeitsgemeinschaft „Obstlagerung und Vermark-
tung“ entstand ein Methodenkatalog zur Ermittlung von
Reifemerkmalen und der Bestimmung der Lagerführung.
Ende der 80er Jahre hatte das Institut für Obstforschung
Dresden-Pillnitz folgende Struktur:
Institutsdirektor: Prof. Dr. Wolfgang Fehrmann
Wissenschaftsbereich I;
Bereichsdirektor: Prof. Dr. Michael Vogl
• Abteilung Züchtung;
Leiter: Prof. Dr. Manfred Fischer mit den Arbeitsgruppen
Kernobstzüchtung, Steinobstzüchtung, Beerenobstzüch-
tung sowie Versuchsstationen in Kauscha und Müncheberg
• Abteilung Gewebekultur; Leiterin: Dr. Magda-Viola Hanke
• Abteilung Bodenfruchtbarkeit; Leiter: Dr. Klaus Lerche
• Abteilung Ertragsregulierung;
Leiter: Prof. Dr. Siegfried Schmidt
• Arbeitsgruppe wissenschaftlicher Gerätebau;
Leiter: Dr. Peter Schulze
• Arbeitsgruppe Hopfenforschung; Leiter: Dr. H.-J. Mühlan
Wissenschaftsbereich II;
Bereichsdirektor: Prof. Dr. Roland Schuricht
• Abteilung Produktionsverfahren;
Leiter: Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz
• Abteilung Mechanisierung; Leiter: Dr. Siegfried Firus
• Abteilung Lagerforschung; Leiter: Dr. Harald Lohse
• Abteilung Ökonomik; Leiter: Dr. Wolfgang Pierskalla
• Arbeitsgruppe Pflanzenschutz;
Leiter: Dr. Hans Rode, dann Dr. Alfred Trapp
• Abteilung Forschungsplanung und - organisation
Leiterin: Ruth Wackwitz
• Versuchsstation Rostock;
Leiter: Prof. Dr. Neumann, dann Dr. Friedrich Höhne
• Versuchsstation Marquardt; Leiter: Dr. Achim Friedrich
• Versuchsfeld Pillnitz; Leiter: Gerhard Müller
1989 verfügte das Institut über ausreichende Versuchsflächen,
die allen Anforderungen entsprachen. Die Versuchsfelder in den
Versuchsstationen gestatteten Aussagen zu unterschiedlichen
Standortbedingungen. Diese unterschiedlichen Standortbedin-
gungen wurden insbesondere bei den Arbeiten zur Ertragssteu-
erung, zur Nachbauproblematik sowie in der Züchtung genutzt.
An den Standorten war folgender Umfang an Versuchsflächen
vorhanden:
• Dresden-Pillnitz 88 ha
• Kauscha (Höhenlage) 32 ha
• Marquardt 7 ha
• Müncheberg 32 ha
• Rostock-Biestow 23 ha

56 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Eine Arbeitsgruppe in Eisleben führte Untersuchungen direkt im
Obstbaubetrieb VEG „Walter Schneider“ Eisleben durch.
Zum Versuchsfeld in Dresden-Pillnitz gehörten 2100 m² heiz-
bare und 400 m² nicht heizbare Glasfläche in der Weinbergs-
gärtnerei. Teile davon waren als Kabinengewächshäuser ein-
gerichtet. 1986/87 wurde auf den Versuchsfeldflächen in
Dresden-Pillnitz eine Bewässerungsanlage installiert. Damit
war es im Rahmen eines Verbundsystems von 51 Hydranten
möglich, die gesamte Feldversuchsfläche zusätzlich mit Wasser
zu versorgen.
Seit 1983 war das Institut der internationalen Genbank für
Obstgehölze angeschlossen, wodurch ein Austausch geneti-
scher Ressourcen mit nahezu allen europäischen Ländern
möglich wurde.
Das Institut organisierte 1988 eine Tagung mit internationaler
Beteiligung zur Nutzung der Mikroelektronik und Computer-
technik in der Obstproduktion.
1989 folgte ein Internationales Symposium zu den Fortschritten
in der Obstzüchtung. In der Obstzüchtung war es u. a. gelungen,
durch die von Prof. Manfred Fischer und Prof. Christa Fischer
entwickelten Re-Sorten bei Apfel (‚Re’ für Resistenz) wesentlich
zu einem ökologisch orientierten Obstbau mit starker Fungizid-
einsparung beizutragen. Daneben konnten dem Obstbau auch
zahlreiche herkömmliche, leistungsfähige Sorten von Apfel,
Birne, Süß- und Sauerkirsche zur Verfügung gestellt werden, die
sich in der Folge schrittweise im Obstanbau vieler Länder eta-
blierten. Zu diesen Sorten gehörten z. B. ‚Pinova‘, ‚Uta‘, ‚Namosa‘
und ‚Karneol‘.
Mit der Ausrichtung derartiger Veranstaltungen konnten die
Leistungen der Pillnitzer Forschung dargestellt und neue Im-
pulse gewonnen werden. Im Rahmen der wissenschaftlichen
Weiterbildung fanden regelmäßig, fast monatlich, wissen-
schaftliche Kolloquien statt, zu denen Gäste aus anderen Ein-
richtungen eingeladen wurden. Kolloquien für Nachwuchswis-
senschaftler wurden seit Mitte der 70er Jahre regelmäßig
durchgeführt. Das Institut stellte seine Ergebnisse regelmäßig
auf den in der DDR wichtigen Ausstellungen, der Landwirt-
schaftsausstellung in Leipzig-Markkleeberg (Agra) und der
Internationalen Gartenbauausstellung in Erfurt (IGA), vor.
Das Pillnitzer Institut hatte auch in vier Jahrzehnten politischer
Einschränkungen einen beachtenswerten Ruf erlangt und war
für seine Fachkompetenz über die nationalen Grenzen hinaus
bekannt. Die in Pillnitz erbrachten Forschungsergebnisse trugen
wesentlich zum Wissensfortschritt für den gesamten Obstbau
bei. Davon zeugen auch zahlreiche wissenschaftliche Publika-
tionen und beachtenswerte Beiträge auf internationalen wis-
senschaftlichen Veranstaltungen jener Zeit.
Die Zeit der politischen Veränderungen
Der Zerfall der zentralistischen Strukturen und der Wegfall der
politisch motivierten Bevormundung schufen gute Vorausset-
zungen für eine Neuorientierung der Forschung.
Bereits im Dezember 1989 gab es intensive Diskussionen, welche
Chancen das Pillnitzer Institut in der bundesdeutschen For-
schungslandschaft habe. Es war sehr schnell klar, dass bestimmte
Forschungsgebiete in der Zukunft ihre Bedeutung verlieren
würden.
Zum 01.01.1990 hatte das Institut einen Personalbestand von
389 Mitarbeitenden, davon 94 Wissenschaftlerinnen und Wis-
senschaftler, 95 wissenschaftlich-technische Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter und weitere 188 Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
ter u.a. im Handwerkerbereich, in der Pausenversorgung und in
der materiell-technischen Versorgung sowie in der Verwaltung.
Das war für bundesdeutsche Verhältnisse ein Personalbestand,
der in dieser Struktur und Größe nicht überlebensfähig war.
Wahl des Wissenschaftlichen Rates am Institut in geheimer
Wahl
In der Ordnung des Wissenschaftlichen Rates wurde festge-
stellt, dass der Wissenschaftliche Rat die Interessenvertretung
der Wissenschaftler des Instituts ist. Er berät den Direktor bei
der Leitung der Forschung. Bei Grundsatzfragen hat der Wis-
senschaftliche Rat Mitspracherecht. Der Wissenschaftliche Rat
bestand aus 13 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Wahlberechtigt waren alle Wissenschaftlerinnen und Wissen-
schaftler, die auch als Kandidaten aufgestellt wurden. Damit
umfasste die Liste 24 Kandidatinnen und Kandidaten. Jeder
Wahlberechtigte hatte 13 Stimmen, die er vergeben konnte. Im
Ergebnis der Wahl und nach Abstimmung der gewählten Mit-
glieder wurden Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz zum Vorsitzenden
und Dr. Siegfried Schmidt (später Prof. Schmidt) zum Stellver-
treter gewählt.
1990 löste man die Akademie der Landwirtschaftswissenschaf-
ten der DDR auf. Damit ging das Institut für Obstforschung in
die Verantwortung des Freistaates Sachsen über. Auf der
Grundlage des Einigungsvertrages beendete das Institut für
Obstforschung am 31. Dezember 1991 seine Tätigkeit. Alle noch
verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen vor ei-
ner beruflichen Neuorientierung.

image
image
| 57
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilungen Ertragsregulierung und Gewebekultur und der Arbeitsgruppe „Wissenschaftlicher Gerätebau“ aus dem
Physiologiegebäude, vorn in der Mitte Dr. Gliemeroth
Internationale Tagung zur Minderung von Ertragsschwankungen bei Baumobst 1982,v.l.n.r.: Prof. Dr. Fehrmann, Dr. Blazek, Dr. Zika (beide aus Holovousy, CSSR),
Dr. Sandke

image
58 |
Unter der Leitung des seit 1. Juni 1990 geschäftsführenden
Direktors Prof. Roland Schuricht erfolgte mit dem Wissen-
schaftlichen Rat am Institut für Obstforschung eine Überprü-
fung der damaligen Forschungsschwerpunkte. Von besonderer
Bedeutung war das Kolloquium anlässlich des 80. Geburtstags
von Prof. Gerhard Friedrich. Prof. Friedrich hatte aufgrund
seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Physiologie
der Obstgehölze und dem Standardwerk „Obstbau“ eine große
internationale Bekanntheit und zahlreiche Verbindungen.
Die Einladung zu diesem Kolloquium nahmen viele Wissen-
schaftler von Universitäten und Landesforschungseinrichtun-
gen an. Dadurch war es möglich, Kontakte zu knüpfen und die
Leistungen des Pillnitzer Instituts zu präsentieren. Aus diesen
Gesprächen mit den unterschiedlichsten Auffassungen gelang
es ein realistisches Bild von den Chancen für das Weiterbeste-
hen des Pillnitzer Instituts zu zeichnen. Das Ergebnis der
Überlegungen und Diskussionen zum zukünftigen Forschungs-
profil fand bei der Erarbeitung des Forschungsplanes 1991
seinen Niederschlag.
Folgende allgemeinen Rahmenbedingungen waren zu beachten:
• Differenzierung in Landesforschung und länderübergreifende
Forschung
• veränderte Anforderungen an den Wissenszuwachs mit dem
Übergang von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft
• vorgegebene Orientierungswerte für den Personalabbau
• Kenntnisse über den internationalen Forschungsstand
• Die mit der Neuorientierung der Forschung vorgenommene
Einstellung bzw. Einschränkung bisheriger Arbeiten betraf im
Besonderen folgende Gebiete:
• Betriebswirtschaftliche Untersuchungen für die überkom-
menen Betriebsformen in der Obstproduktion
• Grundlagen der gesamtstaatlichen Planung der Obstproduk-
tion und -versorgung
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Prof. Christa Fischer und Prof. Manfred Fischer in einer Apfelanlage mit ‚Evelina“, einer Mutante aus der Sorte ‚Pinova‘

| 59
• Entwicklungen zur Vorbereitung der Serienproduktion von
Spezialmaschinenbau für den Obstbau
• Eigenentwicklung wissenschaftlicher Geräte
• Untersuchungen zu Obstlagerverfahren
• Sortenzüchtung bei Erdbeeren und Apfelunterlagen
• Maschinelle Ernteverfahren für Apfel in konventionellen
Anbausystemen
• Dienstleistungen in Form von in-vitro-Vermehrungen
• Tests auf Bodenmüdigkeit
• Der Forschungsplan 1991 enthielt insgesamt 63 Aufgaben,
darunter 9 Aufgaben für die Institutsteile, die für die Landes-
forschung vorgesehen waren.
• Wichtige Schwerpunkte im Forschungsplan 1991 (Dauer von
etwa 3 – 5 Jahren) waren:
Für das zu erhaltende Institut für Obstforschung
• Stabilisierung der Erträge und höchste Qualitätsausprägung
• Ökologieverträgliche Lösungen des Nachbauproblems bei
Obst
• Integrierter Pflanzenschutz bei Steinobst und Erdbeeren
• Anbauverfahren von Obst
• Obstzüchtung
• Betriebswirtschaft
Für die Landesforschung
• Standortangepasste Sortimente
• Standortangepasste Anbausysteme und Anbauverfahren,
Anbauempfehlungen
• Spezialfragen bei Beerenobst
• Betriebs- und arbeitswirtschaftliche Analysen
In Vorbereitung der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat der
Bundesrepublik Deutschland wird im Schreiben des Direktors
Prof. Schuricht vom 15.03.1991 folgende Feststellung getroffen:
„Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es in Deutschland
auf dem Gebiet des Obstbaus kein im außeruniversitären Bereich
und in einer länderübergreifenden Forschungsorganisation
eingebundenes Institut gibt, halten wir es für zweckmäßig, das
Institut für Obstforschung Dresden­Pillnitz im Rahmen einer
entsprechenden zentralen Organisation als Zentrum grundla­
genorientierter Forschung auf den Gebieten obstbauorientierter
Pflanzenphysiologie, Phytopathologie, Züchtung sowie Techno­
logie zu erhalten und zu entwickeln. …dafür wird ein Personal­
besatz von 90 bis 100 Personen vorgeschlagen.“

image
60 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Tafeläpfel mit einer Maschine ernten
Eine Arbeitsgruppe aus Konstrukteuren und Obstbauspezialis-
ten um Prof. Schuricht entwickelte die Idee einer zukünftigen
hochmechanisierten Obstproduktion. Davon ausgehend wurde
Anfang der 70er Jahre der Forschungsauftrag formuliert, für
industriemäßige Apfelanlagen eine Tafelapfelerntemaschine
zu entwickeln. Im Anschluss an die maschinelle Ernte der
Früchte sollte sich die stationäre Sortierung anschließen. Ziel
war es, 60 % der Äpfel in Tafelapfelqualität zu ernten. Der
Hintergrund war, dass in der DDR zukünftig jährlich 800.000
bis 1 Mio. t Äpfel zu ernten waren. Das bedurfte jährlich
tausender Erntehelfer aus allen Bereichen, insbesondere aber
Studierenden von Universitäten und Fachschulen. Für diese
Erntekräfte musste für Unterbringung, Verköstigung und
kulturelle Unterhaltung gesorgt werden. Das war jährlich eine
große logistische Herausforderung.
Die Bearbeitung des Forschungsauftrages erfolgte unter Lei-
tung von Dr. habil. Roland Schuricht. Es wurde die Abteilung
Mechanisierung aufgebaut. Man stellte Konstrukteure und
technische Kräfte ein. Außerdem musste die Versuchswerkstatt
zur Fertigung der Versuchsmuster erweitert und personell
verstärkt werden.
Um eine ausreichende Ernteleistung der Maschine zu gewähr-
leisten, war eine kontinuierliche Arbeitsweise notwendig. Tests
mit verschiedenen, in der Baumkrone wirkenden Einrichtungen
waren nicht erfolgreich. Als optimale Lösung wurde ein
Stammrüttler entwickelt, der aus der Bewegung heraus die
Bäume rüttelt und damit eine hohe Ernteleistung ermöglicht.
Ein spezielles Rüttelregime sicherte den geforderten Abernte-
grad bei fruchtschonendem Energieeintrag in den Baum. Kri-
tisch war das Verhalten der Aststrukturen der Bäume beim
Rüttelvorgang. Es war notwendig, dass eine ausreichend starke
Übertragung der Rüttelenergie bis zum Apfelstiel stattfand.
Nur damit konnte das Abtrennen nahezu aller Äpfel erreicht
werden. Nach dem Abtrennen wurden die Äpfel von Förderein-
richtungen fruchtschonend aufgefangen und zu Transport-
behältern weitergefördert. Zur Minimierung der Auffangver-
luste fanden spezielle Stammabdichtungen Anwendung.
Die Portalerntemaschine KA-2 war das Ergebnis detaillierter
Untersuchungen und Lösungen, die optimistisch stimmten.
Das Thema wurde bis zur Wende bearbeitet und in Kooperation
mit dem Forschungszentrum Schlieben ein weiteres Versuchs-
muster gebaut. Diese Erntemaschine konnte in der Vorwärts-
fahrt leere Großkisten aufnehmen, mit geernteten Äpfeln
befüllen und in der Arbeitsgasse absetzen.
Mit den politischen Veränderungen und der Auflösung der
Großbetriebe nach 1990 bestand kein Bedarf mehr für diese
Apfelerntetechnik. Die Arbeiten mussten mit der Auflösung des
Instituts für Obstforschung beendet werden. Bis heute konnte
international die maschinelle Tafelapfelernte trotz vieler Ideen
und Versuche im praktischen Einsatz nicht realisiert werden.
Ein weiteres Thema war die Entwicklung eines neuen Anbau-
und Pflegesystems für den Apfelanbau mit 2,8 m Abstand der
Bäume zwischen den Reihen. Dadurch war es möglich, eine
bessere Flächennutzung und eine höhere Ertragsfähigkeit zu
erreichen. Dazu erfolgten umfangreiche obstbauliche Unter-
suchungen. Die Reihenabstände von 2,8 m konnten nicht mit
den in der DDR vorhandenen Maschinen befahren werden.
Deshalb entstand die Idee zur Entwicklung eines Portalgeräte-
trägers. Dieser Portalgeräteträger wurde im Rahmen des be-
triebseigenen Rationalisierungsmittelbaus im VEG Obst-
produktion Borthen entwickelt und als rabo 250 für den
Eigenbedarf gebaut. Weiterentwickelte Portalgeräteträger
arbeiten heute noch in den Obstanlagen der Obstbaugemein-
schaft Borthen.
Dr. Werner Görne
Prototyp einer Tafelapfelerntemaschine

image
| 61
Die Mechanisierung der Ernte bei Apfel, Sauerkirsche und
Erdbeere
Mit der Zielstellung, eine hochproduktive Obstproduktion zu
ermöglichen, wurden im Institut für Obstforschung Dresden-
Pillnitz Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu technischen
Lösungen und obstbauliche Untersuchungen durchgeführt.
Die Entwicklung von Obsterntetechnik erfordert ein präzises
Zusammenwirken von Baum und Maschine. Es wurden Wirk-
prinzipien zum schonenden Abtrennen, Auffangen, Fördern
und Ablegen in Transportbehälter untersucht. Dabei waren eine
Vielzahl obstbaulicher Fragen zu beantworten, z.B. Möglichkei-
ten zur Verringerung der Haltekräfte der Früchte, der Einfluss
des Stammrütteln auf die Standfestigkeit der Bäume, Beurtei-
lung möglicher Stammschäden im Hinblick auf die Baumge-
sundheit und die Eignung verschiedener Sorten für die maschi-
nelle Ernte. Diese notwendige komplexe Betrachtung wurde
durch das Zusammenwirken von Konstrukteuren und Obstbau-
spezialisten in den Abteilungen Mechanisierung und Produk-
tionsverfahren erreicht.
Beispielsweise seien die technisch-technologischen Vorarbeiten
und Untersuchungen zur Mechanisierung des Obstbaumschnit-
tes sowie die Konstruktion und der Bau von Funktionsmustern
in der Versuchswerkstatt genannt. Ausgehend von diesen
Prototypen erfolgte die Serienfertigung des Schnittgerätes P
800 und des Konturenschnittgerätes P 810 im VEB Kombinat
für Gartenbautechnik Berlin. Besonders das Schnittgerät P 800
mit 6 bis 8 Zweihandscheren war die Schlüsselmaschine für
den Obstbaumschnitt in den industriemäßigen Obstanlagen der
DDR. Ein weiteres Beispiel sind die Arbeiten zu einer baumüber-
greifenden, kontinuierlich arbeitenden Apfel- und Sauer kirsch-
erntemaschine in Zusammenarbeit mit dem VEG Obstproduktion
Borthen. Das Rütteln der Bäume aus der Bewegung heraus er-
möglichte eine sehr hohe Ernteleistung. Die Früchte wurden
aufgefangen und über die benachbarte Baumreihe in Transport-
behälter gefördert. Weiterentwicklungen dieser Technik sind
gegenwärtig in Praxisbetrieben noch im Einsatz.
Zusammenfassend wurden im Pillnitzer Institut unter Leitung
von Prof. Dr. Roland Schuricht mit einem Team aus Konstruk-
teuren und Obstbauspezialisten folgende Maschinenentwick-
lungen durchgeführt und verfahrensmäßig bearbeitet:
• Apfel – und Sauerkirscherntemaschine mit kontinuierlicher
Arbeitsweise
• Erdbeererntemaschine
• Rodegerät und Zerkleinerungstechnik für Obstgehölzen
• Technische Lösungen für den Erntetransport
• Geräte zur Bekämpfung der Bodenmüdigkeit
Bei der Erprobung erfolgte die Prüfung der Versuchsmaschinen
im Hinblick auf die im Pflichtenheft für die Forschungsaufgabe
geforderten Parameter. Die Erprobungsteams setzten sich aus
Mitarbeitern der Abteilungen Produktionsverfahren und Me-
chanisierung zusammen. Wichtige Parameter waren die Qualität
der Arbeitserledigung sowie die Leistung und Zuverlässigkeit.
Die Entwicklungsarbeiten wurden in zahlreichen Veröffent-
lichungen dokumentiert. Außerdem entstanden zahlreiche
Patentanmeldungen, die allerdings nach 1991 zum größten Teil
nicht weitergeführt wurden.
Im Ergebnis der Forschungsarbeiten erfolgte ferner Empfehlun-
gen für den Anbau der verschiedenen Obstarten. Bei diesen
Empfehlungen standen industriemäßige Verfahren für Obstbau-
betriebe mit 1000 bis 2000 ha im Mittelpunkt. Von den Obstar-
ten hatte der Apfel in der Regel einen Anteil von über 70 %.
Ernte von Sauerkirschen mit der kontinuierlich arbeitenden Erntemaschine (links)
und Übergabe der geernteten Früchte an ein parallel fahrendes Transportfahr-
zeug (rechts)

image
62 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Die Geburtsstunde des neuen Gartenbaustandortes Dresden-
Pillnitz – Die Evaluierung durch den Wissenschaftsrat der
Bundesrepublik Deutschland
Die Auflösung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften
erfolgte bereits 1990. Danach ging das Institut für Obstfor-
schung in die Verantwortung des Freistaates Sachsen über. Im
Einigungsvertrag war im Artikel 39b festgelegt, dass die Tätigkeit
der Institute der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften
der DDR am 31.12.1991 endete. Zu diesem Zeitpunkt wurde
praktisch das Arbeitsverhältnis für alle Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter beendet.
Der Wissenschaftsrat der Bundesrepublik erhielt den Auftrag die
außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu evaluieren. Im
Ergebnis der Evaluation sollten Empfehlungen erarbeitet wer-
den, welche grundlagenorientierte Forschung würdig sei, wei-
tergeführt zu werden. Die angewandte Forschung war in der
Bundesrepublik in den Landesforschungsanstalten auf Lände-
rebene organisiert. Die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates,
die die Arbeit in Pillnitz evaluierte, empfahl die Bildung folgen-
der Einrichtungen:
• Institut für obstbauliche Züchtungsforschung als Teil der zu
gründenden Bundesforschungsanstalt für landwirtschaftliche
und gartenbauliche Pflanzenzüchtung
• Abteilung Obstbau als Teil der Landesanstalt des Freistaates
Sachsen
• Außenstelle der damaligen Biologischen Bundesanstalt für
Pflanzenschutz (Fortführung der Arbeiten zur Nachbauprob-
lematik im Obstbau)
• Die Außenstellen in Rostock, Marquardt bei Potsdam und
Müncheberg sollten der Landesforschung der betreffenden
Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zuge-
ordnet werden.
Es wurde weiterhin festgestellt, dass die in Pillnitz betriebene
Grundlagenforschung zur Mechanisierung des Obstbaum-
schnittes und der Obsternte von erheblicher wirtschaftlicher
Bedeutung war. Weil eine vergleichbare Forschung weder an
Universitäten noch in der Industrie durchgeführt wurde, wurde
empfohlen, die auf diesem Gebiet tätige Arbeitsgruppe von vier
Wissenschaftlern und zwölf technischen Mitarbeitern bei der
Gründung des Blauen-Liste-Instituts für Landtechnik Potsdam-
Bornim zu berücksichtigen. Das wurde so nicht umgesetzt,
teilweise erfolgte eine Beschäftigung an der TU Dresden.
Durch diese Empfehlung und ihre Umsetzung konnten eine
Vielzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den neu zu
gründenden Einrichtungen eine neue Beschäftigung finden oder
ihre bisherige fortführen. Für viele Mitarbeiterinnen und Mitar-
beiter bedeutete es aber auch die Entlassung bzw. das Ende
ihrer Tätigkeit. Es ist maßgeblich der Weitsicht und dem Ver-
handlungsgeschick von Prof. Roland Schuricht zu verdanken,
dass im Ergebnis der Evaluierung des Wissenschaftsrates doch
eine bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen für Wissenschaft-
lerinnen und Wissenschaftler und für technische Mitarbeiterin-
nen und Mitarbeiter in den neu errichteten Einrichtungen am
Standort Dresden-Pillnitz erhalten geblieben ist.
Aufmerksame Zuhörer bei den ersten Pillnitzer Gärtnertagen 1990

| 63
Die Evaluierung der Obstforschung in Dresden-Pillnitz
durch den Wissenschaftsrat
Nach dem Fall der Mauer diskutierten viele Wissenschaftlerin-
nen und Wissenschaftler über die Zukunft unseres Instituts für
Obstforschung. Wir wussten nicht, was kommen würde, aber
wir spürten, dass sich vieles ändern musste. Es begann eine Zeit
der Ungewissheit, wie es mit dem Pillnitzer Institut unter den
neuen gesellschaftlichen Bedingungen weitergehen würde.
Sehr schnell wurde klar, dass es eine Organisation mit außer-
universitärer Forschung wie die Landwirtschaftsakademie der
DDR zukünftig nicht mehr geben würde. Zu diesem Zeitpunkt
hatten wir keine Ahnung, dass sich die politische Entwicklung
derart schnell zu einem Beitritt der DDR zum Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland vollziehen würde.
Der Besuch der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates, der die
Arbeit zur Obstforschung in Pillnitz bewerten sollte, fand am
2. Mai 1991 statt. Die Arbeitsgruppe reiste am Vorabend in
Dresden an. Im Vorfeld waren eine Reihe von Fragen durch das
Institut zu beantworten. Diese bezogen sich u.a. auf die Ar-
beitsschwerpunkte, die Infrastruktur im Wissenschaftsbereich,
die Ausstattung und Finanzierung, die Bewertung der Arbeit
und Vorstellungen zur Fortführung des Instituts.
Die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates bestand aus 14
Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, Professoren von Insti-
tuten aus der Bundesrepublik Deutschland und Dr. Müller, dem
Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-,
Wein- und Gartenbau Wädenswil in der Schweiz. Der Leiter der
Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates war Prof. Dr. jur. von
Campenhausen, Präsident der Klosterkammer Hannover. Es
waren auch Persönlichkeiten dabei, zu denen wir schon 1990
Kontakte geknüpft hatten. Das waren u. a. Prof. Dr. habil. Lentz,
Direktor des Instituts für Obstbau und Gemüsebau der Univer-
sität Bonn, Prof. Dr. Fritz, Inhaber des Lehrstuhls für Gemüse-
bau der TU München und Prof. Dr. Horn, Inhaber des Lehrstuhls
Zierpflanzenbau der TU München und Dr. Müller, Direktor der
Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und
Gartenbau Wädenswil.
Der Ablaufplan für den 2. Mai 1991 sah Folgendes vor:
08:00 – 08:30 Uhr: interne Vorbesprechung der Arbeits-
gruppe des Wissenschaftsrates
08:30 – 10:30 Uhr:
Gespräch mit leitenden Wissenschaftlern
10:30 – 12:30 Uhr: Gespräch mit wissenschaftlichen
Mitarbeitern
12:30 – 13:30 Uhr: Imbiss
13:00 – 16:00 Uhr: Institutsbesichtigung und Gespräch
mit wissenschaftlichen Mitarbeitern an
ihren Arbeitsplätzen
16:00 – 17:00 Uhr: Diskussionsrunde mit leitenden
Wissenschaftlern zur Klärung
offener Fragen
17:00 – 19:00 Uhr: Interne Beratung der Arbeitsgruppe –
Ausarbeitung der Empfehlungen
Das war ein straffes Programm. Es musste also innerhalb eines
Tages eine Bewertung vorgenommen werden, welche Grund-
lagenforschung, die den Anforderungen des Wissenschaftsra-
tes der Bundesrepublik entsprach, weitergeführt werden sollte.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass der damalige
Direktor, Herr Prof. Schuricht, ich war damals sein Stellvertre-
ter, zu mir sagte, dass wir diese Arbeitsgruppe nicht nur
fachlich, sondern auch emotional überzeugen müssten. Es galt
also auch, auf die Tradition und die kulturellen Werte am
Pillnitzer Standort aufmerksam zu machen. Am Abend gab es
im Schindlerbau einen Imbiss mit einer Weinprobe. Bei der
Vorstellung der Weine gab es Gelegenheit, auf ausgewählte
Punkte der Geschichte des heimischen Obst- und Weinbaus
einzugehen. Im Anschluss daran, es war gegen 22:30 Uhr,
statteten wir dem Schlosspark in Pillnitz, der ehemaligen
Sommerresidenz der sächsischen Kurfürsten und Könige, einen
Besuch ab. Alle Gäste hatten das Angebot angenommen und
staunten nicht schlecht, dass die Beleuchtung im Lustgarten
eingeschaltet war. Vor dem Neuen Palais konnten wir so in
lockerer Form über die Geschichte der Lehre und Forschung in
Pillnitz informieren. Der Abend wurde in froher Stimmung
abgeschlossen. Ungeachtet des gut verlaufenen Abends war
die Spannung, in die sich verständlicherweise auch Sorge
mischte, groß, welche Empfehlungen die Arbeitsgruppe, die am
nächsten Tag abgereist war, geben würde.
Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz

64 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Fachschule für Landwirtschaft und Gartenbau
Im Jahre 1946 wurde die Gartenbauschule in Pillnitz wiederer-
öffnet und 1950 erfolgte die Verlängerung der Ausbildung auf
drei Jahre. Damit schlossen die Absolventen ab 1953 mit dem
Titel „Gartenbauingenieur“ ab.
Eine wesentliche Veränderung war die Trennung der Schule von
der Versuchs- und Forschungsanstalt für Gartenbau im Jahre
1951. In Pillnitz bestand 1952 eine Staatliche Versuchsanstalt
für Viehhaltung, die Melker, Schäfer, Schweinemeister und
Viehwirtschaftsberater ausbildete. Sie wurde ab Februar 1952
von Dr. Schuh geleitet, welchem gleichzeitig die Aufgabe
übertragen wurde, eine Fachschule für Tierzucht aufzubauen.
Die Bauarbeiten an der Söbrigener Straße begannen 1952 mit
einem ersten Bauabschnitt für ein Internat. 1953 wurde die
Mensa begonnen und 1954 das Schulgebäude und der zweite
Bauabschnitt des Internats. Diese Landwirtschaftsschule wurde
Anfang 1953 mit der Fachschule für Gartenbau zusammenge-
legt. Die letzten Gebäude für die neue Fachschule für Landwirt-
schaft und Gartenbau wurden Ende 1955 fertiggestellt. Die
Schule bot Platz für ca. 350 Schüler. Für die Landwirtschaft
wurden Zootechniker für künstliche Besamung und Veterinär-
helfer ausgebildet, für den Gartenbau Gartenbau-Ingenieure in
der Fachrichtung Zierpflanzenbau.
Zu dieser Zeit unterrichteten etwa 40 Lehrer im damals mo-
dernsten Schulneubau für Landwirtschaft und Gartenbau in der
DDR. Diese sehr guten Bedingungen weckten Begehrlichkeiten.
Zunächst wurden ab 1961 einzelne Lehrgänge durch das Zen-
tralkomitee (ZK) der SED, Abteilung Landwirtschaft, in der
Schule durchgeführt. 1963 wurde die Pillnitzer Fachschule für
Landwirtschaft und Gartenbau endgültig aus ihrem Schulge-
bäude in Dresden-Pillnitz verdrängt. In die Pillnitzer Schulge-
bäude zog das Institut des ZK der SED, Abteilung Landwirt-
schaft, mit seiner Schule ein. Die Abteilung Landwirtschaft der
Fachschule wurde auf verschiedene Standorte (Meißen, Baut-
zen, Löbau, Stolpen) aufgeteilt.
Die Ingenieurschule für Gartenbau Bannewitz
Die Abteilung Gartenbau der Fachschule erhielt das damals
marode Schloss Nöthnitz in Bannewitz zugewiesen und wurde
in Ingenieurschule für Gartenbau umbenannt. Das war insge-
samt eine schwierige Situation, aber zugleich auch ein glückli-
cher Umstand, denn so konnte eine selbstständige Schule für
Gartenbau erhalten bleiben. Die Pillnitzer Gartenbaulehrer
wechselten an den neuen Schulstandort. Die Leitung übernahm
Dr. Karl Rasenberger, ein erfahrener Lehrer aus Pillnitz. Er wirkte
dort mit großer Umsicht und Tatkraft.
Die Ingenieurschule für Zierpflanzenwirtschaft Bannewitz
Im Zuge der Neugliederung der Ingenieurschulen im Gartenbau
spezialisierte sich die Bannewitzer Schule auf den Zierpflanzen-
bau. Damit erhielt sie 1971 den Namen „Ingenieurschule für
Zierpflanzenwirtschaft Bannewitz“. Dr. Karl Rasenberger war bis
1973 Leiter der Ingenieurschule. In dieser Zeit entwickelte er die
Bannewitzer Ingenieurschule zu einer praxisorientierten und
mit der gärtnerischen Praxis eng zusammenarbeitenden Lehr-
einrichtung. 1974 ging Dr. Rasenberger in die gärtnerische
Praxis und übernahm die Aufgabe des Vorsitzenden der Gärtne-
rischen Produktionsgenossenschaft (GPG) „Floradres“. Ihm
folgte 1974 Johannes Kamp (bisher stellvertretender Schulleiter)
als neuer Schulleiter. Im September 1985 übernahm Dr. Gert
Merkert die Leitung der Ingenieurschule für Zierpflanzenwirt-
schaft Bannewitz. Aus Anlass der Feier „25 Jahre Bannewitz“
wurde 1988 im Rathaussaal Dresden die erfolgreiche Entwick-
lung der Schule mit einer Festveranstaltung gewürdigt. Zwi-
schen 1963 und 1988 erfolgte in der Bannewitzer Fachschule
die Fortbildung von 1.200 Gartenbauingenieuren, 400 Gärtner-
meistern und 350 Blumenbindemeistern. Während des Studiums
gab es viele praxisnahe Ausbildungsabschnitte, wie z.B. ein
halbjähriges Leitungspraktikum. Ein weiterer Abschnitt war die
Anfertigung und Verteidigung der Ingenieurarbeiten. Die The-
men leiteten sich aus aktuellen Fragestellungen der Praxis ab
und zeichneten sich durch die Verbindung von hoher Wissen-
schaftlichkeit und guter Praxisorientierung aus. Ein Teil der
Arbeiten befindet sich im Staatsarchiv des Freistaates Sachsen.
Während der politischen Veränderungen wurde 1989 eine
Denkschrift an die Regierungsstellen gerichtet und der Umzug
der Fachschule von Bannewitz zurück in die Söbrigener Straße
nach Dresden-Pillnitz gefordert und durchgesetzt.
Die Ingenieurschule für Gartenbau und Landwirtschaft
Dresden-Pillnitz
Die Rückkehr der Schule nach Dresden-Pillnitz war mit einer
Reihe von Auseinandersetzungen verbunden. Eigentümerin der
Schulgebäude in Dresden-Pillnitz war die Partei des Demokrati-
schen Sozialismus (PDS), die einen Kaufpreis von 2,3 Mio. D-Mark
forderte. Weiterhin gab es einen Interessenten, der am Stand-
ort eine internationale Fortbildungsstätte einrichten wollte. Es
ist dem großen Engagement der Schülerinnen und Schüler; der
Die gärtnerische Fortbildung an den Fachschulen

image
image
image
image
| 65
Neubau der Fachschule an der Söbrigener Straße, 1954. Der erste Teil des Wohn-
heimes (links) und der Rohbau der Mensa stehen bereits
Bauarbeiten am Fachschulgebäude
Das neue Fachschulgebäude 1955
Der Speisesaal in der Mensa, 1959

image
image
66 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Lehrerinnen und Lehrer der Schule und basisdemokratischen
Kräften insbesondere aus Pillnitz zu verdanken, dass ab Februar
1990 der schrittweise Umzug der Fachschule vom Standort
Bannewitz zurück nach Dresden-Pillnitz in die Gebäude an der
Söbrigener Straße erfolgen konnte.
Am 26. Februar 1990 fand die erste Veranstaltung der Inge-
nieur schule für Gartenbau und Landwirtschaft in der Aula in
Dresden-Pillnitz statt. Die Eröffnungsvorlesung hielt Dr. Horst
Müller, der auch die Eröffnungsvorlesung der Schule nach dem
zweiten Weltkrieg gehalten hatte.
Die Fachschule für Gartenbau ist zurück an ihren
angestammten Platz
Letztendlich wurde die Übernahme der Schulgebäude Söbrige-
ner Straße 3a und Pillnitzer Platz 1 am 7.5.1990 durch einen
Vertrag zwischen dem Parteivorstand der PDS und der Ingeni-
eurschule für Gartenbau und Landwirtschaft besiegelt. Der
rechtskräftige Umzug der Schule von Bannewitz nach Dresden-
Pillnitz erfolgte noch im Sommer 1990 und ab 1.9.1990 fanden
alle Veranstaltungen wieder am alten Standort statt. Mit dem
Schuljahr 1990/91 begann nach bundesdeutschem Vorbild die
zweijährige Ausbildung zum Staatlich geprüften Techniker/
Technikerin. Die letzten 35 Gartenbauingenieure schlossen im
Juli 1992 ihre Ausbildung ab. Gleichzeitig erhielten die ersten
48 Staatlich geprüften Techniker und Technikerinnen für Gar-
tenbau sowie Garten- und Landschaftsbau ihre Abschlusszeug-
nisse. Die Fortbildung zum Staatlich geprüften Wirtschafter, als
beste Vorbereitung auf die berufsständische Meisterprüfung,
wurde ebenfalls eingeführt. 1992 erhielten 60 Gärtnermeis-
terinnen und Gärtnermeister ihren Meisterbrief. Die Fortbildung
zu Floristenmeisterinnen und -meistern erfolgte seit 1990 am
Deutschen Institut für Floristik e. V. – jetzt Dresdner Institut
für Floristik.
Vielfältige Weiterbildungsveranstaltungen unterstützten die
Gärtner beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.
Anlässlich des Deutsch-deutschen Gärtnertreffens auf der
Grünen Woche 1990 in Berlin knüpfte Dr. Dieter Möschner erste
Kontakte zum bundesdeutschen Berufsstand und zu wichtigen
Partnern der Fachschulen.
Schloss Nöthnitz, die Heimstatt der Ingenieurschule für Zierpflanzenwirtschaft in Bannewitz von 1963 – 1990. Foto: Regine Richter, 1996, Deutsche Fotothek
Dr. Müller hält 1990 die Eröffnungsrede für die nach Pillnitz zurückgekehrte
Fachschule

image
| 67
André Bornschein
„Pillnitz beeindruckte durch ganz viel Platz und durch die
riesige Aula.“
geboren 1968 in Greiz
1984-1986
Lehre als Facharbeiter Zierpflanzenproduktion bei Gartenbau
Schmidt in Beierfeld bei Schwarzenberg
1986-1987 im elterlichen Betrieb in Greiz
1987-1988
Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee
1988-1990
Student an der Ingenieurschule für Zierpflanzenwirtschaft
Bannewitz bzw. an der Ingenieurschule für Gartenbau und
Landwirtschaft Dresden-Pillnitz
1990-2018
Syngenta Seeds GmbH
- Außendienst Sachsen
- Geschäftsführer DE
- Head of Customer Solutions Flowers EAME
Seit 2018
CRESTCOM Führungskräftetrainer
Das Studium von André Bornschein fiel in die Zeit der inner-
deutschen Grenzöffnung und die Studierenden hatten das
Gefühl „Uns gehört die Welt“. Als Sprecher des Studentenrates
war er maßgeblich am Umzug der Ingenieurschule zurück
nach Pillnitz beteiligt; die Möbeltransporte wurden in den
Sommerferien 1990 von den Studenten selbst organisiert.
Den größten Teil seines Studiums verbrachte er noch in Ban-
newitz, wo es generell sehr familiär zuging, mit selbstorgani-
sierten Flurfeten oder den sogenannten Schnüffelbällen für
die Erstsemester. Ein Nachteil des Standortes Bannewitz war
jedoch, dass es in der Nähe keine Versuchsflächen gab. Versu-
che zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten wurden in
den Partnerbetrieben, zu denen ein sehr enger Kontakt bestand,
durchgeführt.
Während ihres Studiums in Bannewitz erfuhren die Studieren-
den über Pillnitz nichts: „Die Menschen, die mit Pillnitz zu tun
hatten, hatten dies unterdrückt.“
Nach dem Umzug der Fachschule von Bannewitz nach Pillnitz,
war André Bornschein von Pillnitz fasziniert, denn „Pillnitz
beeindruckte durch ganz viel Platz und durch die riesige Aula.“
André Bornschein erlebte 1990 die Aufspaltung der Dozenten
in zwei Gruppen, diejenigen, die sehr schnell mit der neuen
Situation zurechtkamen, und diejenigen, die krampfhaft am
Alten festhielten.
Für den Eintritt in das weitere Berufsleben legte das Studium
in Bannewitz und Pillnitz „… hervorragende fachliche Grund-
lagen, denn wir haben hier nicht für die Schule, sondern für
das Leben gelernt.“ André Bornschein beschreibt den Unter-
richt als praxisnah und abwechslungsreich und urteilt, „was
wir während des Studiums gelernt hatten, besaß Hand und
Fuß.“ Nach seinem Studium begann er bei Syngenta Seeds als
Außendienstmitarbeiter, wobei er Betriebe der ehemaligen
DDR von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft beglei-
tete. Dabei half ihm das fortschrittliche Studium sehr, denn
seine Firma hatte u.a. mit invitro-Vermehrung zu tun, was
bereits im Studium in PAC-Laboren unterrichtet wurde. Auch
nach Beendigung des Studiums hielt er Kontakt zu Pillnitz,
denn dieser Ort war ein „gartenbaulicher Knotenpunkt, eine
Plattform des Gartenbaus.“
So erinnert sich Bornschein an eine Reihe, die Schule und
Forschung kombinierte und an Fachgespräche mit bestimmten
Schwerpunktthemen, die der Weitergabe an Praktiker dienten.

68 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Rede von André Bornschein zur Stadtverordnetenver-
sammlung in Dresden am 26.04.1990
Mein Name ist André Bornschein. Ich bin Student der Ingeni-
eurschule für Zierpflanzenwirtschaft Bannewitz und trete vor
Sie als Hauptsprecher des Studentenrates unserer Schule. Seit
Anfang dieses Jahres kämpfen wir dafür, unsere traditionsrei-
che Bildungsstätte in Pillnitz wieder dem Gartenbau, insbe-
sondere der gärtnerischen Ausbildung zur Verfügung zu
stellen. Leider bisher ohne sichtbaren Erfolg.
Sind die Verantwortlichen unfähig oder wo liegen die Ursachen
dafür?
1963 wurde unsere Bildungseinrichtung unrechtmäßig von
der damaligen SED enteignet. Das ZK-Institut nistete sich in
Pillnitz ein und verdrängte die gärtnerische Ausbildung nach
Bannewitz. Das dortige Objekt kann man nur als schlechte
Ausweich- oder als Zwischenlösung ansehen. Doch 26 Jahre
in Bannewitz sollten genügen.
Vielleicht können Sie sich unsere Freude und Erleichterung
vorstellen, als wir erfuhren, dass unsere Schule nach Pillnitz
zurückziehen kann. Aber anscheinend haben wir uns zu früh
gefreut. Denn die Festlegungen und Beschlüsse, die im Stadt-
parlament bzw. beim Rat des Bezirkes Dresden gefasst wurden,
sind bis auf den heutigen Tag in keiner Weise durchgesetzt,
noch gibt es Anzeichen dafür, dass dies geplant ist.
Sehen verantwortungsbewusstes Handeln und Demokratie so
aus? Wohl kaum! Aber wer stellt sich gegen die Fortsetzung
der gärtnerischen Ausbildung in Pillnitz? Wer hat ein Interesse
daran, das Pillnitzer Objekt für die gärtnerische Aus- und
Weiterbildung zu nutzen? Die Vertreter des Wissenschaftlich-
technischen Zentrums der Landwirtschaft wohl kaum, denn
die neue Schule soll sowohl der Ausbildung im Gartenbau als
auch der Landwirtschaft zur Verfügung stehen.
So wie dies am 27.03.90 in einem Festlegungsprotokoll von den
Herren Mielke (Stellvertreter des Vorsitzenden für Land-, Forst-
und Nahrungsgüterwirtschaft des Rates des Bezirkes Dresden),
Dr. Voigt (Direktor des WTZ der Landwirtschaft Dresden),
Dr. Merkert (Direktor der Ingenieurschule für Zierpflanzenwirt-
schaft Bannewitz), Dr. Moeschner (Dozent an der Ingenieur-
schule für Zierpflanzenwirtschaft Bannewitz) und Dr. Lux
(Präsident des Gartenbauverbandes des Landes Sachsen) be-
stätigt wurde. Es stellt sich die Frage, ob solche Festlegungen
und Zusammenkünfte dieser Art überhaupt einen Sinn haben,
wenn die Verwirklichung der Beschlüsse verhindert wird.
Sollte die Fachschule für Gartenbau und Landwirtschaft keine
Möglichkeit erhalten, in Pillnitz ihre Arbeit fortzusetzen, hätte
das katastrophale Folgen für uns Studenten und den sächsi-
schen Gartenbau überhaupt. Wie bereits mehrfach erwähnt,
reichen die Traditionen in Pillnitz fast hundert Jahre zurück.
Das Wort Pillnitz hat in Gärtnerkreisen einen guten Klang. Wie
lange noch? Durch die Öffnung der Grenzen gibt es eine ganze
Reihe anderer gärtnerischer Bildungseinrichtungen. Doch
noch hat Pillnitz einen guten Ruf, den man auf gar keinen Fall
auf’s Spiel setzen darf. Wir bangen um unsere Zukunft. Denn
mit einem Abschluss in Kleinkleckersdorf ist niemanden ge-
dient. Die Zukunft des gesamten sächsischen Gartenbaus steht
auf dem Spiel, auch die der zukünftigen Absolventen. Sind sich
alle an der Entscheidungsfindung beteiligten Personen dieser
Verantwortung bewusst?
Unser Appell an diese Versammlung:
1. Entscheiden Sie verantwortungsbewusst über das Schicksal
der gärtnerischen und landwirtschaftlichen Ausbildung in Pill-
nitz. Denken Sie jedoch auch an die möglichen Konsequenzen,
die entstehen, wenn der Gartenbau aus Pillnitz verdrängt wird.
2. Sorgen Sie dafür, dass die bereits gefassten Beschlüsse und
Festlegungsprotokolle eingehalten werden.

image
| 69
Demonstration Bannewitzer Fachschüler vor dem Dresdner Rathaus im Frühjahr 1990 für die Rückkehr der Fachschule nach Pillnitz
3. Prüfen Sie sorgfältig die wirklichen Pläne des WTZ Dresden
und des Herrn Dr. Voigt bezüglich des Pillnitzer Objekts. Es
existieren zurzeit vier, zum Teil nicht ausgelastete Bildungsein-
richtungen der Landwirtschaft im Land Sachsen, die Weiter-
bildungsaufgaben durchführen können. Es sind dies die
LPG-Hochschule Meißen und die landwirtschaftlichen Fach-
schulen Zwickau, Zug und Döbeln/Dahlen. Außerdem verfügt
das WTZ Dresden über eine Reihe weiterer Objekte im Bezirk.
4. Bedenken Sie, dass nur in Pillnitz die nötigen Voraussetzun-
gen für eine gärtnerische Ausbildung im geplanten Umfang in
Sachsen und darüber hinaus bestehen. Die Übertragung der
Rechtsträgerschaft über das Objekt in Pillnitz an die Fach-
schule für Gartenbau und Landwirtschaft in Dresden-Pillnitz
ist dafür unbedingt notwendig.
5. Wir Studenten fordern, dass wir über die Entscheidung
bezüglich der Rechtsträgerschaft schnellstmöglich informiert
werden, da unsere gesamte zukünftige Entwicklung davon
abhängt.
Pillnitz darf dem sächsischen Gartenbau nicht verlorenge-
hen!
Studenten der Ingenieurschule für Zierpflanzenwirtschaft
Bannewitz
André Bornschein, Sprecher des Studentenrates

image
70 |
Im Jahr 1965 war die Entscheidung gefallen, die Zierpflanzen-
forschung in der DDR zukünftig in Berlin-Köpenick durchzufüh-
ren. Die ehemalige Abteilung Zierpflanzenbau des Pillnitzer In-
stitutes für Obst- und Zierpflanzenbau wurde aufgelöst und
kam ab 1966 in die Zuständigkeit des VEG Saatzucht Zierpflan-
zen Erfurt, zunächst als eigenständiger Betriebsteil Dresden-
Pillnitz. Damit verbunden war eine generelle Umstellung der
Aufgaben hin zu einem Produktionsbetrieb für Saatgut, Jung-
pflanzen und Fertigware verschiedener Zierpflanzenarten. Die
bisherigen Forschungsaufgaben wurden eingestellt, lediglich
ein Teil der Zierpflanzenzüchtung blieb weiterhin Bestandteil der
Arbeiten. Die Umstellung der ehemaligen Neuen Hofgärtnerei
auf die neuen Anforderungen machte einen Teilabriss der alten
Gewächshausanlage notwendig.
Zuerst fielen die historischen Schaugewächshäuser im nördli-
chen Teil, später die Erdhäuser für Azaleen im Süden dem Abriss
zum Opfer. Sie wurden durch zeitgemäße Gewächshausblocks
ersetzt. Glücklicherweise blieben der historische Kreuzgang und
die damit verbundenen zweiundzwanzig Einzelhäuser bestehen.
Über den Verbleib der damals berühmten alten Pflanzen in den
Schauhäusern ist fast nichts bekannt. So gab es eine Reihe alter
Kamelien, die zur Selbstbergung an interessierte Gärtner frei-
gegeben wurden. Wie viele davon überlebt haben, ist nicht
bekannt, eine davon steht in Roßwein in Gesellschaft der ältes-
ten gefüllt blühenden Kamelie im nördlichen Europa. Berühmt
waren auch die ausgepflanzten Akazien und zur „Pillnitzer Mi-
mosenblüte“ kamen jedes Frühjahr viele Menschen. Über den
Verbleib dieser Pflanzen ist ebenfalls nichts bekannt. Eine ver-
mutlich aus der Hofgärtnerei stammende Phoenix-Palme in der
Orangerie des Pillnitzer Schlosses ist vor einigen Jahren ein
Opfer ihrer eigenen Größe geworden. Ein großer Teil des vor-
handenen Azaleensortimentes bildete aber weiterhin eine
Grundlage für die züchterische Bearbeitung.
Die ersten Jahre unter neuer Regie waren geprägt von der
Umstellung auf eine gärtnerische Produktion, der Inbetrieb-
nahme der neuen Gewächshäuser und damit erst einmal einer
raschen Steigerung der Produktionszahlen. Im Jahre 1971 wurde
Pillnitz dem Betriebsteil Dresden des VEG Saatzucht Zierpflan-
zen Erfurt angegliedert. Die durchaus positiven Entwicklungen
der gärtnerischen Produktion wurden durch den oft kritischen
Zustand der technischen Einrichtungen gefährdet. Immerhin
waren wesentliche Teile inzwischen fünfzig Jahre alt und der
Verschleiß war nicht zu übersehen. Ein ständiges Problem war
die Absicherung der Heizung im Winter. In Verbindung mit
undichten Gewächshäusern, desolaten Heizungsrohren und der
Die Entwicklung des Zierpflanzenbaus in
Dresden­ Pillnitz von 1966 bis 1996
immer kritischen Versorgung mit Brennstoffen verlangte die
Absicherung der Produktion den Beschäftigten oftmals das
Äußerste ab.
Dem Erfindungsreichtum der Mitarbeiter waren kaum Grenzen
gesetzt. Besonders im Bereich der Heizung wurde ein Proviso-
rium nach dem anderen errichtet, ohne das Problem wirklich
lösen zu können. Jede winterliche Kälteperiode war eine Zitter-
partie und konnte nur unter Einsatz vieler Mitarbeiter überstan-
den werden. Anfang der achtziger Jahre gab es den Versuch, die
inzwischen in allen umliegenden Einrichtungen ebenfalls anste-
henden Heizungsprobleme gemeinsam durch ein zentrales
Heizwerk zu lösen. Dieses Projekt scheiterte letztlich und das
VEG bekam dann endlich die Bilanzen zur Errichtung eines
neuen Heizwerks. Dabei konnte nicht etwa nach eigenen Vor-
stellungen gebaut werden, das, wofür gerade eine staatliche
Bilanz verfügbar war, musste verwendet und angepasst werden.
Dabei war die Gärtnerei der Hauptauftragnehmer und musste
alle Planungen und Ausführungen koordinieren. Es entstand ein
Heizwerk mit einer Wärmeleistung von 10 Gkal. Ein für diese
Zeit typischer „Kuhhandel“ sei dabei erwähnt. Aus Gründen des
Umweltschutzes sollte der Schornstein über 50 m hoch gebaut
werden, der Landschaftsschutz genehmigte aber nur eine Höhe
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Dr. Dänhardt und Dr. Bowe begutachten ein Klivie, um 1960

image
image
image
| 71
von 28 m. Um diesen Widerspruch zu lösen, erteilte man die
Ausnahmegenehmigung, mit Braunkohlenbriketts heizen zu
können, um die Emissionswerte nicht zu überschreiten. Natür-
lich gab es nie eine Brikettlieferung. Zehntausend Tonnen
Rohbraunkohle waren der jährliche Brennstoffbedarf, aber alle
waren „zufrieden“.
Jährlich wurde mit eigenen Kräften ein Gewächshaus des
Kreuzgangs rekonstruiert, zu mehr reichten die Kapazitäten
nicht. Die großen Blocks wurden mit elektrischen Lüftungsan-
trieben versehen. Mechanisierte Befeuchtungsanlagen hielten
nach und nach Einzug. Vieles davon wurde im eigenen Ratio-
nalisierungsmittelbau entwickelt und hergestellt. Bei den Foli-
enzelten musste jährlich die Folie erneuert werden, oft gab es
keine passenden Ersatzfolien und sie wurden vor Ort ins richtige
Maß gebracht. Alarmstimmung herrschte immer bei Stürmen,
danach gab es meist viel Arbeit mit Folie und Glasscheiben.
Aber bei all den täglichen Problemen galt das Hauptaugenmerk
immer der Produktion von Zierpflanzen. Jungpflanzen als eine
Voraussetzung zur Produktion in anderen Gärtnereien und
Fertigware für den regionalen Markt wurden in immer größeren
Stückzahlen produziert, konnten aber nie die Marktbedürfnisse
decken. Eine wichtige Grundlage für moderne Sorten wurde in
der eigenen Züchtung geschaffen. Teilweise wurden Arbeiten
aus der Institutszeit weitergeführt. Eine wichtige Kultur waren
die Gerbera, viele neue Sorten entstanden und in der Jungpflan-
zen- und Schnittblumenproduktion war das die Hauptkultur.
Wichtige züchterische Arbeiten erfolgten auch an Saintpaulia
ionantha, Rhododendron simsii, Streptocarpus und an verschie-
denen Freilandrhododendren. Das waren auch gleichzeitig die
Kulturen mit einer großen Marktbedeutung für den Betrieb.
Eine nicht unwesentliche Rolle spielte der Anbau von Strelitzien
als Schnittblume. Auch die jährliche Treiberei von Tulpenzwie-
beln zum 8. März ist erwähnenswert. Im Freiland gab es zeit-
weise einen großen Bestand an Paeonien und Narzissen.
Dahlien- und Gladiolenknollen wurden für den Export produ-
ziert. Einige Jahre war F1-Saatgut von Calceolarien eine
wichtige Aufgabe. Die Produktion von Grünpflanzen in Hydro-
kultur, in Pillnitz entwickelt, war abhängig von der Liefermög-
lichkeit der Keramiktöpfe durch die Lausitzer Produzenten. Mit
dem Einsatz von Plastetöpfen konnte dann die Produktion
ausgeweitet werden. Pillnitz war in vielen gärtnerischen Belan-
gen Vorreiter und Vorbild für andere. Der Austausch mit ande-
ren Gärtnern war immer wichtig und Pillnitzer Mitarbeiter
waren in vielen Fachgremien präsent. Bei den verschiedenen
Im Kreuzgang der Gärtnerei
Das Züchtungskollektiv um Dr. Dänhardt
Zuchtklone von Gerbera in Pillnitz um 1980

image
72 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die Jahre 1952 -1990
Gartenbauausstellungen erzielten Pillnitzer Pflanzen viele
Auszeichnungen. Mit dem Neubau einer Gewächshausanlage
zum Ende der achtziger Jahre sollte die Produktion noch einmal
eine gewaltige Ausweitung erfahren, die politische Wende
stellte dann allerdings die Weichen in eine andere Richtung. Im
Jahre 1989 wurden in Pillnitz 1 Million Gerbera-Schnittblumen
produziert, dazu kamen 300.000 Gerbera-Jungpflanzen. Bei
Saintpaulien lag die Jungpflanzenproduktion bei 150.000
Stück, dazu kamen 50.000 Topfpflanzen, Streptocarpus wurden
etwa 40.000 Stück verkauft.
Die wichtigste Rolle haben aber immer die Menschen gespielt.
Pillnitz war kein einfacher Arbeitsort, hier herrschten strenge
Regeln und mancher hat sich schnell wieder verabschiedet,
dafür sind andere umso länger geblieben. Trotz mancher Que-
relen gab es aber in entscheidenden Momenten immer einen
Zusammenhalt und gemeinsame Unternehmungen nahmen
einen hohen Stellenwert ein.
Dr. Werner Dänhardt, der seit 1951 die Abteilung Zierpflanzen-
bau leitete, übernahm mit der Umstrukturierung die Funktion
des Saatzuchtleiters, die er bis zu seinem Ausscheiden aus dem
aktiven Arbeitsleben im Jahre 1977 mit Ideen, Tatkraft und
vielen hervorragenden Züchtungsergebnissen ausfüllte. Seine
Aktivitäten waren nicht nur auf die eigene Gärtnerei begrenzt,
intensive Kontakte zu Fachkollegen im In- und Ausland wurden
immer im Rahmen der Möglichkeiten in der DDR gepflegt. Nicht
immer wurden diese Auslandskontakte in Erfurt wohlwollend
betrachtet. In vielen kulturellen Einrichtungen der Stadt Dresden
spielte Dr. Dänhardt eine herausragende Rolle. Er gilt neben
anderen als ein geistiger Vater des Wachwitzer Rhododendron-
gartens. Nicht unerwähnt bleiben sollen seine ständigen Kon-
takte zum Pillnitzer Freundeskreis im anderen Teil Deutschlands.
Manfred Eberhardt übernahm im Jahre 1976 die Funktion des
Saatzuchtleiters. Die Verantwortlichkeit für die einzelnen Berei-
che lag in den Händen der Gärtnermeister. Herr Adolf Häßler
war bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1969 für die Pflanzen-
kultur in den Gewächshäusern zuständig. Herr Bodo Mueller
kümmerte sich bis 1975 um die technischen Belange und Herr
Siegfried Werchan, der zeitweilig auch als Betriebsteilleiter
fungierte, war viele Jahre als Lehrausbilder und für die Organi-
sation der Produktion bis zur Wende verantwortlich. Die Zent-
ralstelle für Sortenwesen war über viele Jahre mit einer Mitar-
beiterin in Pillnitz stationiert. Dadurch konnten umfangreiche
Sortenvergleiche durchgeführt und intensiv betreut werden. Bei
den regelmäßigen Auswertungen trafen sich die Züchtungs-
fachleute aus den daran beteiligten Zierpflanzenbetrieben.
Die Betriebsleiter mit immer wieder unterschiedlichen Funkti-
onsbezeichnungen wechselten recht häufig. Herr Manfred
Schirmer wurde 1968 von Herrn Dieter Keilholz abgelöst, dem
1970 Herr Hubert David in der Funktion nachfolgte. Nach
dessen Umsetzung in die Dresdner Leitung war Herr Siegfried
Werchan ab 1971 verantwortlich. Im Jahre 1975 übernahm Herr
Dr. Peter Lux diese Funktion, wurde aber 1978 wieder von
Hubert David abgelöst. Von 1986 bis zur Auflösung des Betrie-
bes 1996 war Wolfgang Friebel als Betriebsleiter tätig.
In der Zwischenzeit, im Jahre 1984, wurde die Struktur des VEG
Saatzucht Zierpflanzen Erfurt verändert und die einzelnen
Betriebsteile auf Bezirksebene neu geordnet. Dadurch entstand
das VEG Zierpflanzen Dresden mit Günter Hofmann als Direktor.
Dieser Schritt war mit neuen Entwicklungen verbunden und
brachte zunächst einen Aufschwung. Die politische Wende
stellte alle bisherigen Entwicklungen in Frage. Mit der Wäh-
rungsunion waren schlagartig alle Produkte nicht mehr abzu-
setzen. Wie in den meisten anderen Bereichen waren auch
gärtnerische Erzeugnisse aus heimischer Produktion nicht
mehr gefragt. Jetzt zeigten sich auch die nicht mehr zeitgemä-
ßen Produktionsverfahren und die aufwendigen Produktions-
bedingungen. Als größtes Problem stellten sich aber die oft
unklaren Eigentumsverhältnisse an den Immobilien dar und der
Verbund von mehreren Betriebsteilen zerbrach. Einige Betriebe
konnten reprivatisiert werden, alle anderen kamen als ehemals
staatliche Betriebe in die Regie der Treuhand. Für manche Be-
triebe kam das schnelle Aus, denn Bauland in lukrativer Lage
brachte sofort Geld in die Kassen der Treuhand. Für einige
Betriebe fand sich ein „Investor“, aber auch das erwies sich
keinesfalls als ein sicheres Zeichen. Für die Gärtnerei in Pillnitz
wurde erst von der gerade gegründeten Landesanstalt für
Landwirtschaft Desinteresse signalisiert, dann erfolgte eine
Privatisierung und danach gab es einen juristischen Streit, dem
vorerst eine Teilung des Betriebes 1991 in zwei unterschiedliche
Einheiten folgte. Diese Situation war frustrierend, konnte
einfach nicht längerfristig funktionieren und endete 1996.
Pillnitz kam 1997 als Gesamtheit in die Zuständigkeit der
Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft.
Bannewitzer Fachschüler zum Besuch in Pillnitz 1986, 2. v.l. Herr Friebel, damals
Betriebsleiter

image
image
| 73
Luftbild der Gärtnerei 1990 mit dem in den 80er Jahren errichteten Heizwerk
Gerberaproduktion in den 18-m-Gewächshäusern 1992

image
74 |
Siegfried Werchan
„Alle Heizungsrohre zusammengelegt würden nach Meißen
reichen und auch wieder zurück“
Geboren 1931 in Hoyerswerda
1945-1948
Gärtnerlehre bei der Firma Hertz-Pannenberg in Hoyers-
werda
1949-1954
als Gärtner in der Baumschule und Gärtnerei Kmetsch-Has-
semeier tätig, später Leiter der Abteilung Zierpflanzenbau/
Gemüsebau
1954
Gärtnermeisterprüfung in Quedlinburg
1954-1956
leitende Meisterstelle in der Gärtnerei Bartke in Guben
1956-1992
Gärtnermeister in Pillnitz
Am 1. Mai 1956 begann Siegfried Werchan als junger Gärtner-
meister seine Tätigkeit in der Abteilung Zierpflanzen des Pill-
nitzer Instituts für Gartenbau, nachdem „… ich zum Vorstel-
lungsgespräch mit dem betriebseigenen LKW in Guben
abgeholt wurde.“
Zunächst war Siegfried Werchan für die gesamten Freilandflä-
chen und die Frühbeetkästen zuständig, jedoch unterhielt sich
Dr. Werner Dänhardt bereits mit ihm während der ersten Ex-
kursion in die Freiburger Sektkellerei über eine Erweiterung des
Aufgabenspektrums. Ab 1958/59 übernahm er die Führung des
Betriebstagebuchs, jede Woche wurden Daten zu besonderen
Ereignissen pflanzlicher oder technischer Art notiert.
Siegfried Werchan wurde ebenfalls die Aufgabe der Lehrlings-
betreuung übertragen, so dass er in Vorbereitung dessen
1961/62 die pädagogische Grundausbildung am Lehrmeister-
institut in Karl-Marx-Stadt absolvierte. Am Sonntag führte er
Kleingärtner oder ausländische Fachbesucher (z.B. aus Pruho-
nice/Prag) v. a. durch die Kalthäuser mit Mimosen, Palmen und
Kamelien, die ursprünglich zur Versorgung des königlichen
Hofes angepflanzt wurden: „Das Institut hatte einen botani-
schen Wert.“ Zu den Arbeiten im Oktober/November zählten
unter anderem das Laubharken im Schlosspark, um beispiels-
weise die Frühbeetkästen mit Laub abzudecken oder auch zur
Herstellung eigener Lauberde.
Siegfried Werchan war ebenfalls mit der Pflanzenlieferung für
Ausstellungen beschäftigt. Vor dem Bau der Mauer wurde
noch nach Essen geliefert, später zur Landwirtschaftsausstel-
lung agra nach Leipzig-Markkleeberg sowie zur IGA nach Erfurt.
Zu den Aufgaben des Instituts gehörten u.a. Nährstoff- und
Substratversuche, Erhaltungs- und Neuzüchtung oder Sorten-
vergleichsanbau. Es waren hier mehrere Wissenschaftler tätig
wie beispielsweise Dr. Günther Kühle, der aufgrund seiner
Versuche und Erfindungen (bekannt ist v.a. der Pillnitzer Hyd-
roziertopf) als Erfinder des Volkes ausgezeichnet wurde. 1966
wurde der wissenschaftliche Teil des Institutes in einen Pro-
duktionsbetrieb umgewandelt. Die Wissenschaftler kamen in
anderen Betrieben unter. „Von nun an musste man als eigener
Betrieb überleben und gehörte zur VEG Saatzucht Zierpflan-
zenbau Erfurt.“ In den Gewächshäusern wurden Schnittblumen
in großen Massen produziert, v.a. für den Export in das
nichtsozialistische Ausland: „Die Gerberas wurden in hollän-
dische Kartons verpackt“. Allerdings war es schwierig, Heizer
und Techniker für den Produktionsbetrieb zu bekommen, da
diese vom Institut des ZK der SED zur Ausbildung von Funkti-
onären für die sozialistische Landwirtschaft - welches sich seit
1963 in der Gartenbaufachschule befand - mittels höherer
Löhne abgeworben wurden.
Besonders gern denkt Siegfried Werchan an seine Reise nach
Moskau, Leningrad und Kiew, wo er über Gerberas referierte.

 
| 75
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Am 1. Juli 1991 erfolgte die Gründung der Sächsischen Landes-
anstalt für Landwirtschaft als obere Landesbehörde im Ge-
schäftsbereich des Sächsischen Staatsministeriums für Land-
wirtschaft, Ernährung und Forsten. Erster Präsident wurde
Jürgen Gülde. 1995 folgte Frau Dr. Schneider-Böttcher (später
Prof. Schneider-Böttcher). Ab 2004 folgte Dr. Hartmut Schwarze
und danach Daniel Gellner bis zur Gründung des Sächsischen
Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie.
Am 01.01.1992 wurde das Institut für Gartenbau und Landes-
pflege mit Lehranstalt Dresden-Pillnitz gegründet. Viele Mitar-
beiterinnen und Mitarbeiter, die am 1. Januar 1992 in dem
neuen Institut für Gartenbau arbeiteten, hatten zu diesem
Zeitpunkt noch keinen Arbeitsvertrag. Oft gab es nur eine tele-
fonische Information, dass eine Beschäftigung ab 1.1.1992 im
neu gegründeten Institut für Gartenbau erfolgen wird.
Prof. Dr. Roland Schuricht wurde die Leitung des Instituts für
Gartenbau mit Lehranstalt übertragen.
Wichtigste Aufgabe war die Gewinnung geeigneter Fachkräfte,
insbesondere für die neu aufzubauenden Referate Gemüsebau,
Zierpflanzenbau sowie Garten- und Landschaftsbau. Die Referate
Obstbau, Technik und Versuchsdurchführung boten insbesondere
den ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts
für Obstforschung die Möglichkeit, sich auf diese Stellen erfolg-
reich zu bewerben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbe-
sondere im höheren Dienst, mussten sowohl für die angewandte
praxisorientierte Forschung als auch für den Unterricht an den
Fachschulen die notwendige Eignung besitzen. Für die überbe-
triebliche Ausbildung wurden praxiserfahrene Ausbilder benötigt.
Mit dem Ausscheiden von Prof. Roland Schuricht am 31.12.1993
in den wohlverdienten Ruhestand waren alle Referatsleiterstel-
len und auch die übrigen vorhandenen Stellen mit qualifizierten
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt. Aus verwaltungs-
technischen Gründen wurde das Institut in Fachbereich um-
benannt. Der veränderte Name war nun Fachbereich für Gar-
Die Jahre 1992 bis 2022
Die heutigen Einrichtungen in
Dresden-Pillnitz und ihre Entwicklung
tenbau und Landespflege mit Lehranstalt Dresden-Pillnitz.
Die Nachfolge von Prof. Schuricht übernahm am 1.1.1994
Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz.
Der Fachbereich Gartenbau mit Lehranstalt hatte zu diesem
Zeitpunkt folgende Struktureinheiten:
Bereich Gartenbau
Leiter des Fachbereiches Gartenbau mit Lehranstalt,
Dr. Wolf-Dietmar Wackwitz
• Referat Zierpflanzenbau mit Außenstelle Markkleeberg,
Leitung Dipl.-Landwirt Stephan Wartenberg
• Referat Gemüsebau, Leitung Dr. Gerald Lattauschke
• Referat Obstbau, Leitung Dr. Gabriele Krieghoff
• Referat Garten- und Landschaftsbau, Baumschule,
Friedhofsgartenbau,
Leitung Dipl.-Ing. Landespflege (FH) Fritz Möllmann
• Referat Betriebswirtschaft, Technik,
Leitung Dr. Peter Schulze
• Referat Versuchsdurchführung mit Labor und
Pflanzenschutz, Leitung Dr. Alfred Trapp
• Überbetriebliche Ausbildung,
Leitung Dipl.-Gartenbauingenieur in Waltrud Hasselmann
Bereich Lehranstalt mit den Fachschulen für Gartenbau und
Agrartechnik
Leitung Dr. Dieter Möschner
Die Abteilung Gartenbau am Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
Die Jahre 1992 – 2007

image
76 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Aufgaben im Bereich Gartenbau
Der Bereich Gartenbau hatte die Aufgabe, die Wettbewerbsfä-
higkeit des sächsischen Gartenbaus durch anwendungsorien-
tierte Forschung und die Erarbeitung von Empfehlungen für
eine nachhaltige und umweltgerechte Wirtschaftsweise im
Zierpflanzen-, Gemüse-, Obst- und Weinbau, im Baumschulwe-
sen, der Friedhofsgärtnerei sowie im Garten- und Landschafts-
bau im Freistaat Sachsen zu unterstützen. Weiterhin bestand
die Aufgabe der Politikunterstützung zu allen Fragen des Gar-
tenbaus, einschließlich zu Förderprogrammen und deren fach-
licher Begleitung. Als hoheitliche Aufgabe wurde die Durchfüh-
rung der Qualitätsweinprüfung für das Anbaugebiet Sachsen
übertragen. Weiterhin bestand die Aufgabe, die überbetriebliche
Ausbildung für den Beruf Gärtner mit seinen 7 Fachrichtungen
durchzuführen. Die Erteilung des Fachunterrichtes an den
Fachschulen für Gartenbau und Agrartechnik und die Weiter-
bildung des Berufsstandes waren weitere wichtige Aufgaben.
Im Rahmen der sächsischen Gartenakademie erfolgte die Wei-
terbildung von Multiplikatoren für das Kleingartenwesen und
alle gärtnerisch Interessierten.
Die Fachbereichsleitung war zunächst im Mitschurinbau am
Pillnitzer Platz und ab 1994 im Gebäude 2 in der Liegenschaft
Söbrigener Str. 3a in Pillnitz untergebracht. Hier waren auch die
Arbeitsplätze für das Referat Garten- und Landschaftsbau,
Baumschule und Friedhofsgartenbau. Die Referate Zierpflan-
zenbau, Gemüsebau, Obstbau, Technik und Versuchsdurchfüh-
rung nutzten die Liegenschaften des ehemaligen Instituts für
Obstforschung im Versuchsfeld Lohmener Straße 12. Die Leitung
der Lehranstalt war im Hauptgebäude der Fachschulen, Söbri-
gener Straße 3a, untergebracht.
Es war die Zeit des Aufbruchs und der Diskussion zur Festlegung
der strategischen Ziele. Mit großem Engagement wurden die
Aufgaben in Angriff genommen. Hier waren die weitsichtigen
Überlegungen und der Gestaltungswille insbesondere der Refe-
ratsleiter und aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefordert.
Dem Referat Zierpflanzenbau und dem Institut für Obstzüch-
tung der Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kultur-
pflanzen standen die Gewächshäuser in der Weinbergsgärtne-
rei gemeinsam zur Verfügung. Die dem Referat Zierpflanzen
Versuchsfeld 1996

image
image
image
| 77
zugeordnete Außenstelle Markkleeberg war bisher als Abteilung
Forschung dem VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt angegliedert.
Leiterin der Außenstelle war bis zu ihrer Schließung am
31.12.1993 Diplomgartenbauingenieurin Brigitte Zempel.
Aufgaben für den Aufbau bzw. die Erneuerung der Versuchsbasis
• Umrüstung aller Heizanlagen auf Öl bzw. Erdgas
• Ausstattung der vorhandenen Bauhülle des Obstlagers mit
modernen gasdichten Kühlzellen für Obst
• Anschaffung einer einbahnigen Farbsortieranlage mit Ge-
wichtskalibrierung für Äpfel
• Modernisierung der Gewächshäuser und der Heizungsanlage
in der Weinbergsgärtnerei
• Sicherung der Wasserbereitstellung für das Versuchsfeld
• Anschaffung moderner Technik für den Freilandgemüsebau
und den Obstbau
• Errichtung von zwei Doppelfoliengewächshäusern für den
Gemüsebau
• Schaffung moderner Wasch- und Sanitäreinrichtungen im
Versuchsbetrieb
Weiterhin waren der Aufbau der Überbetrieblichen Ausbil-
dungsstätte für den Beruf Gärtner mit seinen sieben Fachrich-
tungen und der Neubau einer modernen Versuchsgärtnerei für
den Zierpflanzen- und Gemüsebau dringend erforderlich.
Bereits seit 1991 entwickelte sich die abgestimmte Zusammen-
arbeit bei der Versuchsdurchführung mit gleichgelagerten
Einrichtungen in anderen Bundesländern.
Im Mittelpunkt standen folgende Aufgaben:
• Systemvergleiche von geschlossenen Bewässerungssystemen
„Ebbe-Flut“ und „Fließmatte“
• Wachstumsregulierung unter Verzicht auf chemisch-synthe-
tische Mittel
• Prüfung von Neuheiten bei Beet- und Balkonpflanzen aus
internationaler Züchtung (Pillnitzer Probefeld)
• Anbau von Gemüse im Foliengewächshaus
• Moderne Anbauverfahren für wichtige Freilandgemüsearten
Wilhelm Elsner erhält die Ehrenmitgliedschaft im Verband ehemaliger Pillnitzer
auf der Festveranstaltung zum 75. Gründungsjubiläum der Staatslehranstalt für
Gartenbau 1997
Karl Zwermann, Präsident des Zentralverbandes Gartenbau, hält die Festrede zum
80. Gründungsjubiläum der Staatslehranstalt für Gartenbau 2002
Prof. Dr. Schuricht auf der Festveranstaltung zum 80. Jubiläum der Gründung der
Staatslehranstalt 2002, links Dr. Möschner

78 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
• Moderne Anbau- und Erziehungssysteme zur Erzeugung von
Qualitätsäpfeln mit für den Frischmarkt geeigneten Sorten
• Ertragsstabilisierung beim Apfel
• Anbauverfahren beim Steinobst
• Prüfung neuer Sorten von Erdbeeren
• Vergleich von Anbausystemen bei Erdbeeren und Strauchbeeren
• Verfahren zur Lagerung und Qualitätsbewertung von Obst
und Gemüse
1994 erfolgte die Zuordnung der Rebenversuchsstation in Ra-
debeul zum Fachbereich Gartenbau und Landespflege.
Die Versuche wurden zu Beratungsunterlagen für die neu ge-
schaffene Offizialberatung an den Staatlichen Ämtern für
Landwirtschaft und Gartenbau aufgearbeitet und den Beraten-
den zur Verfügung gestellt. Sie flossen aber auch unmittelbar in
den Unterricht der Fachschulen und in Weiterbildungsveran-
staltungen für den Berufsstand ein. Ein Beispiel dafür waren
„Hinweise für den kontrollierten integrierten Apfelanbau im
Freistaat Sachsen“, die in der damaligen Fachbereichsschriften-
reihe „Informationen für Praxis und Beratung“ veröffentlicht
wurden.
Zur Zusammenarbeit zwischen der Sächsischen Landesanstalt
für Landwirtschaft und der Hochschule für Technik und Wirt-
schaft Dresden wurde Anfang 1995 eine Verwaltungsvereinba-
rung zwischen dem Sächsischen Staatsministerium für Land-
wirtschaft, Ernährung und Forsten und dem Sächsischen
Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst abgeschlossen.
Sie hat sich als nützliches Instrument erwiesen, das Verantwort-
lichkeiten abgrenzt, aber auch viel Handlungsspielraum ermög-
licht. So erfolgte die Unterstützung der Lehre an der HTW von
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fachbereiches Gartenbau
und Landespflege und es entstand eine gemeinsame Bibliothek
im ehemaligen Kammergut. Zur Steuerung der Umsetzung des
Inhaltes dieser Verwaltungsvereinbarung wurde ein Beirat unter
dem Vorsitz der Staatsminister für Landwirtschaft, Ernährung
und Forsten bzw. für Wissenschaft und Kunst im dreijährigen
Wechsel gebildet.
Im Mai 1998 wurde der neue Lehr- und Sichtungsgarten im
Nordfeld zwischen Lohmener Straße und Steffenbau übergeben.
Ende 1998 erfolgte der Rückbau des Heizhauses mit den Heiz-
kesseln für Braunkohle und die Sprengung des dazugehörigen
Schornsteins.
Der Fachbereich Gartenbau und Landespflege der Sächsischen
Landesanstalt für Landwirtschaft benötigte dringend eine neue
Versuchsgärtnerei, weil die in der Weinbergsgärtnerei zur Ver-
fügung stehende Fläche zu gering und die Gewächshäuser
veraltet waren. Die gleichen Forderungen lagen vom Fachbereich
Landbau/Landespflege der HTW Dresden und dem Institut für
Obstzüchtung der Bundesanstalt für Züchtungsforschung
Quedlinburg auf dem Tisch. Die drei Einrichtungen beschlossen
einvernehmlich, dass die benötigten Gewächshäuser an einem
Standort, dem Standort der ehemaligen Neuen Königlichen
Hofgärtnerei, gebaut werden sollten, und stellten einen gemein-
samen Bauantrag. Es war wie ein Wunder, als es eine Einladung
zur ersten Baubesprechung im Oktober 1998 gab.
Nach umfangreichen Planungen wurde vom damaligen Staats-
hochbauamt der Bau der Versuchsgärtnerei für die drei Pillnit-
zer Einrichtungen genehmigt. Die Häuser für den Fachbereich
Gartenbau konnten bereits im Sommer 2001 in Betrieb genom-
men werden. Im unmittelbaren Anschluss erfolgte der Bau der
Gewächshäuser für den Fachbereich Landbau/Landespflege
Pillnitz der Hochschule für Technik und Wirtschaft und das
Institut für Obstzüchtung. Damit entstand an diesem Standort
etwa 1 ha Gewächshausfläche. Die Wärmebereitstellung er-
folgte über drei mit Erdgas beheizte Kessel im Untergeschoss
des Steffenbaus. Damit standen dem Fachbereich nun 3500 m²
Gewächshausfläche zur Verfügung, davon 2000 m² für den
Zierpflanzenbau, 1500 m² für den Gemüsebau.
Die Schwerpunkte der Versuche konzentrierten sich nun im
Gemüsebau auf den Substratanbau von Gurken und Tomaten.
Im Zierpflanzenbau lagen die Schwerpunkte auf neuen Hei-
zungsstrategien zur Energieeinsparung und auf der Düngungs-
optimierung. Das Regenwasser von den Dachflächen der Ge-
wächshäuser wurde in einem 1250 m³ fassenden Wasserbecken
gespeichert. Das Versuchsfeld umfasste eine Fläche von 6 ha für
den Obstbau, 3 ha für den Freilandgemüsebau, 3 ha für den
Freilandzierpflanzenbau, die Baumschule und den Garten- und
Landschaftsbau sowie 3 ha für den integrierten Pflanzenschutz
und 0,5 ha Weinbergsflächen für die Erhaltungszüchtung der
Sorte „Goldriesling“.
Im Versuchsfeld erfolgte die Ausrüstung aller Flächen mit Be-
wässerungsanlagen; im Obstbau mit ortsfesten Beregnungsan-
lagen (Tropfbewässerung und teilweise Frostschutz), ebenso im
Freilandzierpflanzenbau mit Regnern und im Freilandgemüsebau
mit Beregnungswagen.
Eine neue Pumpstation und ein neues Wasserspeicherbecken
(2500 m³) sicherten im Zusammenhang mit den sich auf dem
Gelände befindlichen 5 Brunnen eine ausreichende Wasserbe-
reitstellung für die gemeinsam von der Hochschule für Technik

image
image
image
| 79
Das Baufeld für die Gewächshäuser
des Fachbereiches Gartenbau, der
Hochschule für Technik und Wirt-
schaft und des Institutes für Obst-
züchtung. Die Gewächshäuser der
Überbetrieblichen Ausbildung stehen
bereits.
Der Schornstein des Heizhauses wird
am 23.12.1998 gesprengt
Salatversuche 1998

80 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
und Wirtschaft (HTW), der Bundesanstalt für Züchtungsfor-
schung (BAZ) und der Sächsischen Landesanstalt für Landwirt-
schaft (LfL) genutzten Flächen. Damit stand nun auch genügend
Wasser für die Frostschutzberegnung im Obstbau zur Verfügung.
Weiterhin wurden ein modernes Pflanzenschutzlager mit Be-
füllstation, neue Zellen für ein Apfellager (6 Lagerzellen mit
680 m³, einschließlich ULO-Ausrüstung) sowie eine Farbsortier-
anlage mit Gewichtskalibrierung für Äpfel und Tomaten in
Betrieb genommen.
Folgende Schwerpunkte standen Anfang 2000 im Mittelpunkt:
• Sortiments- und Kulturempfehlungen für Beet- und Balkon-
pflanzen
• Möglichkeiten und Grenzen der Terminisierung von
Schnittstauden
• Weiterentwicklung eines speziellen Verfahrens für die
Schnittcyclamenproduktion
• Alternativen zur Wachstumsregulierung bei Topfviolen und
Poinsettien
• Ökonomische Bewertung von Produktionsverfahren für alle
wichtigen Freilandgemüsearten und für den Anbau von Ge-
müse in Doppelfoliengewächshäusern
• Einführung neuer Produktionsverfahren von Gurken und
Tomaten in Foliengewächshäusern
• Düngungsverfahren im ökologischen Gemüsebau
• Empfehlungen zum umweltgerechte Anbau von Freilandge-
müse
• Sortenvergleich von Freilandsalat
• Anbaueignung neuer Sorten bei Kern-, Stein- und Beerenobst
sowie Erdbeeren für den integrierten und ökologischen
Anbau
• Ertragsregulierung durch gezielte Ausdünnung beim Apfel
• Lagerverhalten neuer Apfelsorten aus der Pillnitzer Züchtung
und dem Weltsortiment
• Vergleich neuer Anbau- und Erziehungssysteme bei Steinobst
• Verlängerung der Erntezeitspanne bei Erdbeeren
• Prüfung pilzresistenter Rebsorten
• Sichtung von Kleinstrauch- und Großstrauchrosen (Prüfung
der Resilienz insbesondere gegenüber Sternrußtau und Ech-
tem Mehltau)
• Anlage eines Gehölzsortimentes auf der Grundlage der
Empfehlungen des Bundes Deutscher Baumschulen
• Demonstrationsanlage mit ca. 90 verschiedenen, geschnitte-
nen Hecken
• Sichtung von bodendeckenden Stauden auf ihre Eignung für
die Grabbepflanzung
• Containeranlage für Baumschulversuche mit geschlossenem
Bewässerungssystem
• Übungsgrabanlage für den Friedhofsgartenbau
Es hatte sich ein umfassendes Angebot an Weiterbildungsver-
anstaltungen etabliert, dass in Jahresprogrammen angekündigt
wurde. Diese Veranstaltungen dienten vor allem der Information
der Praxisbetriebe zu den neusten Ergebnissen der Forschungs-
und Versuchstätigkeit.
In Umsetzung eines Kabinettsbeschlusses fanden Mitte der 90er
Jahre intensive Diskussionen zur Standortkonzentration, zur
Straffung der Leitungsstrukturen und zu den Möglichkeiten,
Teile der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft zu pri-
vatisieren, statt.
Im Ergebnis erfolgte 2003 eine Umstrukturierung der Sächsi-
schen Landesanstalt für Landwirtschaft, wobei der Fachbereich
Gartenbau stärker aggregiert wurde. Analog zu den anderen
Fachbereichen waren die jeweiligen betriebswirtschaftlichen
Fragestellungen im jeweiligen Aufgabengebiet mit zu bearbei-
ten. Damit verfügte der neue Fachbereich Gartenbau über das
Referat Obst und Gemüse, Leitung Dr. Gerald Lattauschke, das
Referat Zierpflanzenbau, Leitung Stephan Wartenberg, das
Referat Garten- und Landschaftsbau, Leitung Fritz Möllmann,
ab 2006 Dr. Ingolf Hohlfeld, das Referat Technik/Versuche,
Leitung Dr. Klaus Lerche, ab 2006 Dr. Wilfried Marx sowie die
Überbetriebliche Ausbildung, Leitung Andrea Schiertz, und die
Gartenakademie, Leitung Klaus Hiltmann, ab 2003 Gerd Groß-
mann. Die Leitung der Fachschulen für Gartenbau und Agrar-
technik wurden weiterhin in Personalunion durch Dr. Wackwitz
wahrgenommen wurde und jetzt der Präsidentin direkt unter-
stellt. Der Fachbereich Gartenbau verfügte jetzt über 59 Perso-
nalstellen. Die Rebenversuchsstation sowie die Küche in der
Mensa und die Raumpflege wurde privatisiert. Im Zusammen-

image
| 81
Dr. Dieter Küchler
„Besonders positiv in Erinnerung geblieben ist mir der Dank
der Schüler, die mir zum Beispiel Gehölze für meinen Garten
schenkten.“
geboren1948 in Lichtenstein bei Zwickau
1971-1974
Gartenbau-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin,
mit Promotion
1976
Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
Gemüsebau in Großbeeren
1977
Beginn der Fachlehrertätigkeit in Seelow
ab 1986
Fachlehrer an der Ingenieurschule in Bannewitz und ab 1990
bis 2008 in Dresden-Pillnitz
Das Interesse für das Gärtnern war bei Dr. Dieter Küchler schon
in jungen Jahren so groß, dass die Eltern ihm 1962 einen
Schrebergarten pachteten. Das Abitur verband er mit der Be-
rufsausbildung zum Gärtner, denn „ohne die praktische
Gärtnerlehre hätte ich mir nicht zugetraut, Lehrer zu werden.“
Der Ausbildung folgte das Gartenbau-Studium an der Hum-
boldt-Universität zu Berlin, an welcher Dr. Dieter Küchler 1974
den Doktortitel erwarb.
Nach einem kurzen Zwischenstopp am Institut für Gemüse-
produktion der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften
der DDR in Großbeeren begann er 1977 seine Tätigkeit als
Lehrer („als Seiteneinsteiger“) für Gartenbau an der Kreisland-
wirtschaftsfachschule Seelow im Bezirk Frankfurt/Oder. Ne-
benbei erfolgte ein Fernstudium der Agrarpädagogik an der
Humboldt-Universität zu Berlin. Danach war Dr. Dieter Küchler
Lehrer für Gartenbau an der Kreislandwirtschaftsschule Dres-
den und ab 1986 Lehrer für Gartenbau an der Ingenieurschule
für Zierpflanzenwirtschaft Bannewitz, wo er unter anderem
Sozialistische Betriebswirtschaft und Kulturtheorie/Ästhetik
unterrichtete.
In Jahre 1990 begann dann der „große Kampf um die Rückkehr
nach Pillnitz“, wo Dr. Dieter Küchler bis 2008 als Klassen- und
Fachlehrer Sozialkunde, Botanik oder auch Gehölzkunde un-
terrichtete. Gern erinnert er sich an die fachlich interessanten
Exkursionen in die ehemalige Bundesrepublik („Erfahrungsaus-
tausch mit den dortigen Kollegen“), in die Niederlande, nach
Italien oder Frankreich. Der Dank der Schüler, die ihm bei-
spielsweise Gehölze für den eigenen Garten (der „eigene
Garten“ ist die Gehölzsammlung auf dem Friedhof in Pirna-
Graupa) schenkten, blieb Küchler ganz besonders im Gedächt-
nis. Das angenehme Klima innerhalb des Lehrerkollegiums
(„mit der täglichen Kaffeerunde“) und die Zusammenarbeit mit
den Schulleitern betonte er ebenfalls. Für ihn war die Tätigkeit
in Pillnitz der Höhepunkt seiner Karriere.
Vom Februar 1993 bis November 1996 war Dr. Dieter Küchler
außerdem Geschäftsführer des „Verbandes ehemaliger Dres-
den-Pillnitzer e.V.“. Die praxisbezogene Aus- und Weiterbil-
dung, die Integration der Forschung in die Lehre sowie der
anschauliche Unterricht im Versuchsfeld macht Pillnitz seiner
Meinung nach einzigartig.
Die Weiterbildungsmöglichkeiten für Fachleute, aber auch die
für Freizeitgärtner stattfindenden Veranstaltungen an der
Gartenakademie tragen zur Vielfalt dieses Standortes bei und
zum Alleinstellungsmerkmal von Pillnitz.

82 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
hang mit der erforderlichen Personalreduzierung erfolgte die
bereits zwischen den Lehr- und Versuchsanstalten der Bundes-
länder abgestimmte Versuchs- und Forschungstätigkeit in
vertiefter Form.
Zwischen den Bundesländern Thüringen, Sachsen-Anhalt und
Sachsen erfolgte dazu eine vertragliche Vereinbarung. Es wurde
festgelegt, dass im Fachbereich für Gartenbau Dresden-Pillnitz
nur noch die Obstarten Apfel und Erdbeeren zu bearbeiten
waren. Die Bearbeitung des Steinobstes erfolgte in der Lehr-und
Versuchsanstalt Gartenbau Erfurt, Untersuchungen zum Bee-
renobst, bei Birnen und Aprikosen wurden in Quedlinburg
durchgeführt.
Überbetriebliche Ausbildung
Die Überbetriebliche Ausbildung unterstützt die Berufsaus-
bildung in den Ausbildungsbetrieben. Im Rahmen von Wochen-
lehrgängen werden praktische Lehrgangsinhalte nach der
Aus bildungsverordnung vermittelt, für welche im Ausbildungs-
betrieb keine Voraussetzungen bestehen. Die Auszubildenden
kommen aus allen Teilen Sachsens und benötigen damit eine
Übernachtungsmöglichkeit.
Im Schuljahr 1992/93 begann die Überbetriebliche Ausbildung
mit über 800 Lehrlingen. Als Übungs- und Lehrgewächshäuser
und Lehrwerkstätten wurden verschiedene Provisorien am
Standort Pillnitz einschließlich des Sozialgebäudes mit Speise-
raum des ehemaligen VEG Zierpflanzen Dresden, Betriebsteil
Pillnitz, genutzt.
Der Bau einer modernen Überbetrieblichen Ausbildungsstätte
war von größter Dringlichkeit. Die Planung erfolgte in enger
Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung als
fördernde Institution.
Die Bauausführung sollte in 3 Bauabschnitten erfolgen:
• 1. Bauabschnitt: Lehr- und Übungsgewächshäuser
• 2. Bauabschnitt: Lehrwerkstätten, Übungsräume, Arbeits-
räume der Ausbilderinnen und Ausbilder
• 3. Bauabschnitt: Wohnheimunterbringung, Sport- und
Freizeitbereich
Im Dezember 1996 legte Staatsminister Dr. Rolf Jähnichen den
Grundstein für den ersten Bauabschnitt, den Bau der Lehr- und
Übungsgewächshäuser. Im Herbst 1997 begannen die Lehrgänge
für das neue Ausbildungsjahr.
Der zweite Bauabschnitt, die umfassende Sanierung des 1915
fertiggestellten Steffenbaus, begann 1999. Dabei musste das
Dachgeschoss, einschließlich der Zwischendecke vollständig
erneuert werden. Es war eine große Freude, das Wiedererstehen
dieses historischen Gebäudes zu erleben.
Ab Januar 2001 konnte das vollständig rekonstruierte, hochmo-
derne Gebäude für die Überbetriebliche Ausbildung genutzt
werden.
Die offizielle Einweihung durch den sächsischen Staatsminister
für Umwelt und Landwirtschaft Steffen Flath und den Parla-
mentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Land-
wirtschaft Dr. Gerald Thalheim fand im Sommer 2001 statt.
Die Realisierung des dritten Bauabschnittes der ÜbA, die Wohn-
heimunterbringung und der Sport- und Freizeitbereich, musste
bis zum Herbst 2020 warten.
Weiterbildung
Die umfangreichen Weiterbildungsveranstaltungen wurden seit
1992 in einem jährlichen Weiterbildungsprogramm veröffent-
licht. So hatten sich für die gärtnerische Praxis solche wichtigen
Veranstaltungen etabliert wie der Pillnitzer Gartentag, die Pill-
nitzer Obstbautage, der Weinbautag, der GaLaBau-Tag, der
Pillnitzer Rosentag, der Tag des Friedhofsgärtners, die Pillnitzer
Gewächshaustage oder Fachtage und Versuchsfeldbegehungen
im Gemüse-, Obst- und Zierpflanzenbau.
Die Fachschule für Gartenbau und die Fachschule für Ag-
rartechnik Dresden-Pillnitz
Es war ein besonderer Verdienst der Lehrenden und Studieren-
den, aber auch der basisdemokratischen gesellschaftlichen
Kräfte in Pillnitz, dass 1990 in einer Zeit der Ungewissheit über
zukünftige Strukturen die Fortbildung im gärtnerischen Bereich
an ihren angestammten Standort nach Dresden-Pillnitz zurück-
kehren konnte und unter Berücksichtigung der veränderten
gesellschaftlichen Bedingungen nahtlos fortgeführt wurde.
1992 übernahm Dr. Dieter Möschner die Leitung der Fachschu-
len für Gartenbau und Agrartechnik. Die Lehrpläne wurden zu
Beginn weitgehend von der Lehr- und Versuchsanstalt für
Weinbau und Gartenbau Veitshöchheim übernommen. Die
Fortbildung zur/zum Staatlich geprüften Wirtschafterin/Wirt-
schafter als die geeignetste Vorbereitung auf die berufsständi-
sche Meisterprüfung wurde ebenfalls eingeführt. 1992 fand die
erste Meisterprüfung nach der bundesdeutschen Verordnung

image
image
image
| 83
Grundsteinlegung für den Bau der Lehr- und Übungsgewächshäuser der Überbetrieblichen Ausbildung am
5. Dezember 1996, v.l.n.r.: Staatsminister Dr. Rolf Jähnichen, Waltrud Hasselmann, Leiterin der ÜbA,
Prof. Dr. Irene Schneider-Böttcher, Präsidentin des Landesamtes für Landwirtschaft, Dr. Wolf-Dietmar
Wackwitz, Fachbereichsleiter Gartenbau
Der Verbinder für die Lehr- und Übungsgewächshäuser entsteht, 1997
Die fertiggestellten Gewächshäuser und Übungshallen der Überbetrieblichen Ausbildung 1998, dahinter das
Baufeld für die Gewächshäuser des Fachbereiches Gartenbau, der Hochschule für Technik und Wirtschaft und
des Institutes für Obstzüchtung

image
image
image
84 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Herr Kruschwitz, der Leiter der Versuchsgärtnerei am
Weinberg und Mitglied im Meisterprüfungsaus-
schuss, (links) und Herr Drechsler von der Zuständi-
gen Stelle für die Meisterprüfung
Bodenkundeunterricht bei Frau Michael (rechts) im
Bodenkundelabor zusammen mit Frau Dr. Wust-
mann, 1996
Staatsminister Dr. Jähnichen hält die Festrede bei
der Übergabe der Meisterbriefe und Abschlusszeug-
nisse 1996

| 85
statt. Insgesamt legten 60 Gärtnermeisterinnen und Gärtner-
meister erfolgreich die berufsständische Prüfung ab. In den
folgenden Jahren wurden die Lehrpläne mehrfach den neuen
Anforderungen angepasst.
In den 90er Jahren erfolgte eine erste Sanierung des Hauptge-
bäudes sowie des Wohnheimes. Dazu gehörte der Einbau einer
Heizung mit Öl. Weiterhin wurden die Dächer der Gebäude mit
Ziegeln neu gedeckt und das Dach der Fachschule ausgebaut.
Damit schuf man weitere Büroarbeitsplätze. 1997 erfolgte der
Rückbau des Pförtnerhauses aus alten Zeiten.
Das Gebäude II wurde ebenfalls hergerichtet, indem der Einbau
des bis heute genutzten Zeichensaales und von Büroarbeitsplät-
zen, die durch das Referat Garten- und Landschaftsbau genutzt
wurden, erfolgte. Weiterhin entstanden im Erdgeschoss 3 Un-
terrichtsräume und das Labor des Fachbereiches Gartenbau.
In den Fachschulen und im Wohnheim wurden Computerkabi-
nette eingerichtet.
Insgesamt gab es gute Bedingungen für den Unterricht. Von
großem Vorteil war die unmittelbare Nähe der Fachschulen zum
Versuchsfeld und zum Pillnitzer Schlosspark mit den vielfältigen
Anschauungsmöglichkeiten.
Mit der Sanierung des Kammergutes entstand dort die neue
Bibliothek. Dort stand jetzt auch ein moderner Lesesaal zur
Verfügung.
Im Rahmen von Projektarbeiten fanden Ideenwettbewerbe der
Fachschülerinnen und Fachschüler für Garten- und Land-
schaftsbau statt. In deren Ergebnis wurden die besten Ideen zur
Umsetzung ausgewählt und umgesetzt. Das betraf u. a. die
Neugestaltung des Eingangsbereiches der Fachschule, den Bau
des Grillplatzes vor dem Fachschülerklub „Bullenstall“ sowie den
Bau des Hofplatzes hinter dem Gebäude II, Söbrigener Straße.
Von gleicher Bedeutung waren die im Rahmen der Projektarbeit
entwickelten Ausstellungen der Fachschülerinnen und Fach-
schüler für Gartenbau in den Versuchsgewächshäusern und den
Übungsgewächshäusern der Überbetrieblichen Ausbildung.
Diese Ausstellungen standen unter Themen wie „Licht und
Pflanze“, „Pflanzenqualität“ oder „Poinsettien“. Sie fanden
sonnabends und sonntags Anfang März statt und hatten einen
großen Zustrom von Besuchern. Die Fachschülerinnen und
Fachschüler erklärten die von ihnen erarbeiteten und geschaf-
fenen Ausstellungsbeiträge und beantworteten die Fragen der
Besuchenden. An diesen Tagen öffneten auch das Institut für
Obstzüchtung und die HTW ihre Gewächshäuser.
Ein weiterer wichtiger Punkt war die jährliche Werbung für die
Fachschulen. Der „Tag der offenen Tür“ Anfang März diente der
Information von Interessenten an einer Fortbildung an den
Fachschulen. Die Lehrkräfte standen mit ihrem Informationsan-
gebot für alle Fragen zur Verfügung. Im Fachschülerklub „Bul-
lenstall“ war für das leibliche Wohl gesorgt.
Neben der Pressearbeit wurde auch der Ausstellungsbeitrag des
Gartenbaus auf der jährlich stattfindenden Pflanzenmesse
„Floriga“ in der Messe Leipzig für die umfassende Information
zu den Möglichkeiten der gärtnerischen Fortbildung genutzt.
Hochwasser im August 2002
Das Hochwasser im August 2002 führte zur Flutung aller Kel-
lerräume in der Söbrigener Straße. Die Elbe hatte einen Wasser-
stand von etwa 30 cm unter der Straßenkante erreicht. Das
Wasser vom Graupaer Bach konnte nicht abfließen und drückte
über die Weidefläche an der Lohmener Straße in Richtung
Fachschulen. Der Sportplatz war fast 1,0 m überflutet.
Den Öltank im Wohnheimkeller hatte es zum Glück nur ausge-
hoben und unter die Betondecke gedrückt. Öl war nicht ausge-
laufen. In den Gebäuden gab es keinen Strom mehr, weil die
Verteilerkästen im Kellerbereich unter Wasser standen. Die
notwendigen Instandsetzungsarbeiten für den Schulbetrieb
begannen umgehend. Die Heizzentrale wurde erneuert und auf
Erdgas umgerüstet. Vorsorglich erfolgte die Errichtung der
Heizkessel auf einem Podest. Alle Flächen, Räume und Gerät-
schaften, die mit dem Wasser in Kontakt waren, wurden durch
eine Firma gesäubert.
Gründung der sächsischen Gartenakademie in Anwesenheit
von Gräfin Sonja Bernadotte, Präsidentin der deutschen
Gartenbaugesellschaft 1822 e.V.
1995 wurde auf Initiative von Staatsminister Dr. Rolf Jähnichen
die Gartenakademie gegründet. Im Einrichtungserlass werden
folgende Aufgaben genannt:
• Schaffung eines Informationszentrums für den Freizeitgar-
tenbau
• Organisation und Koordinierung von Lehrgängen und Schu-
lungen
• Nutzung laufender Versuche zur Demonstration umweltge-
rechter Gartennutzung.

image
image
image
86 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Im Mittelpunkt der Beratung standen und stehen Empfehlungen
zum umweltbewussten Wirtschaften in Haus- und Kleingärten.
Darunter fielen beispielsweise Fragen, wie Pflanzen am besten
ernährt und vor Krankheiten und Schädlingen geschützt werden
können. Weiterhin spielen bei den Schulungen die Auswahl
bestimmter Gattungen, Arten und Sorten für bestimmte Stand-
orte, die Boden- und Lichtverhältnisse sowie die Widerstands-
fähigkeit der Pflanzen gegenüber Krankheiten und Schädlingen
eine wichtige Rolle.
Die Steuerung der inhaltlichen Arbeit der Gartenakademie er-
folgte durch den Beirat. Mitglieder im Beirat der sächsischen
Gartenakademie waren der Präsident des Landesverbandes
Sachsen der Kleingärtner e.V., Vertreter des Verbandes Wohnei-
gentum Sachsen e. V. und der Bahn-Landwirtschaft Bezirk
Dresden e. V. sowie Spezialisten aus den Bereichen Gartenbau
und Pflanzenschutz der damaligen Sächsischen Landesanstalt
für Landwirtschaft. In den Sitzungen erfolgten die Diskussion
und der Beschluss des jährlichen Weiterbildungsangebotes.
Die Leitung des Beirates übernahm die damalige Präsidentin
Prof. Schneider-Böttcher, eine Funktion, die alle folgenden
Präsidenten bis heute wahrnehmen.
Weiterhin erfolgte die Einrichtung des Gartentelefons. Jeweils
donnerstags von 14 bis 17 Uhr konnten und können sich Gar-
tenfreunde direkt mit ihren Fragen an fachkundige Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeiter der Einrichtung wenden.
Für Multiplikatoren für das Kleingartenwesen wurde seit über
20 Jahren sehr erfolgreich ein Lehrgang im Umfang von 150
Stunden angeboten.
Zur Gewährleistung einer umfassenden Beratung zur Gesun-
derhaltung der Pflanzen, Sträucher und Bäume im Haus- und
Kleingarten wurden 2008 Sachsens Pflanzendoktoren ins Leben
gerufen. Aus den Händen von Umwelt- und Landwirtschaftsmi-
nister Roland Wöller erhielten die ersten 30 Gärtnerinnen und
Gärtner in der Gärtnerei Blumenland Schwarzer in Weinböhla
die Urkunden.
Pflanzendoktoren sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den
verschiedensten gärtnerischen Unternehmen, die an der regel-
mäßigen Schulung durch das Landesamt für Umwelt, Landwirt-
schaft und Geologie teilnehmen.
Staatsminister Dr. Jähnichen beruft Dr. Wackwitz zum Schulleiter 1996
Andrang beim Tag der offenen Tür 1997, vorn Dr. Stelzer, der stellvertretende
Schulleiter
Dr. Möschner wird in den Ruhestand verabschiedet, 1996

image
image
image
| 87
Dachausbau und –neueindeckung
an der Fachschule 1997
Pflanzung von Kastanienbäumen
als Auftakt der Erneuerung der
Kastanienallee durch die Fach-
schüler 1997, links der Leiter des
Referates Garten- und Land-
schaftsbau, Herr Möllmann
Prof. Schuricht gratuliert
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Friedrich
zum 90. Geburtstag

image
image
88 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Die Abteilung Gartenbau ab 2008
Zum 01. August 2008 wurde die Landesanstalt für Landwirt-
schaft mit dem Landesamt für Umwelt und Geologie zum
Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie zusam-
mengeführt. Dem Amt wurden auch die Aufgaben der Staat-
lichen Ämter für Landwirtschaft, der Abteilung Landwirtschaft
des Regierungspräsidiums Chemnitz sowie des Staatlichen
Amtes für Ländliche Entwicklung Kamenz zugeordnet. Zu
wesentlichen Teilen gingen diese Einrichtungen in der Struktur
des neuen Landesamtes auf. Das Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie wurde damit zur Oberen Fach-
behörde für die Bereiche Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft,
Geologie sowie für den Ländlichen Raum. Präsident des Lan-
desamtes ist Norbert Eichkorn.
Für die Abteilung „Gartenbau“ hatte die Übernahme in das
neue Landesamt keine unmittelbaren Auswirkungen auf ihre
Aufgaben und Struktur. Die Arbeit wurde kontinuierlich fort-
gesetzt. Veränderungen gab es dann erst in den folgenden
Jahren durch weitere Baumaßnahmen, die zur Verbesserung
der Arbeitsbedingungen und der Versuchsbasis führten, sowie
durch Anpassungen in den Forschungsschwerpunkten und
durch Neuerungen im Schulbetrieb.
Fortschritte in der Infrastruktur
Da der Standort Pillnitz als Standort für die gartenbauliche
Forschung und Lehre unbestritten war, konnten schon lang-
fristig Baumaßnahmen geplant und dann auch realisiert
werden.
Während der vorangegangenen Jahre gab es in größerem
Umfang noch Büros mit unzulänglichen Arbeitsbedingungen
in unsanierten Gebäuden. Die Unterbringung der Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeiter war teilweise zersplittert.
Ein großer Fortschritt bei der Verbesserung der Arbeitsbedin-
gungen wurde mit der Sanierung des ehemaligen Gehilfen-
hauses der Beispielsgärtnerei erreicht. Das Gebäude, das
mehrere Jahrzehnte als Wohnhaus genutzt worden war, wurde
in den Jahren 2010 – 2011 denkmalgerecht saniert und als
Bürogebäude ausgestattet. Heute sind hier die Referate Zier-
pflanzenbau, Garten- und Landschaftsbau und die Gartenaka-
demie untergebracht. Die modernen Büros bieten sehr gute
Arbeitsbedingungen, außerdem befindet sich das Referat
Zierpflanzenbau jetzt in direkter Nachbarschaft zu den Ge-
wächshäusern. Die Freilandversuche des Referates Zierpflan-
zenbau, wie das Probefeld für Beet- und Balkonpflanzen,
wurden nach dem Bezug des Gehilfenhauses aus dem Ver-
suchsfeld in das Gelände der ehemaligen Hofgärtnerei verla-
gert, so dass jetzt auch hierhin kurze Wege bestehen.
Für die Versuchsbasis war die Errichtung eines neuen Labor-
und Werkstattgebäudes in der Lohmener Straße 12 von großer
Bedeutung. Für diesen Neubau wurde der Altbau im Versuchs-
feld mit den ehemaligen Unterrichtsräumen für die Lehrlinge,
den Büros für den Versuchsfeldleiter und die Lehrmeister und
dem Japan abgerissen. An seiner Stelle entstand in den Jahren
2010 - 2011 ein Neubau mit Laborräumen für die Referate
Obst- und Gemüsebau und den gärtnerischen Pflanzenschutz.
Eine moderne Werkstatt im Erdgeschoss dient vorrangig der
Unterhaltung der Versuchsfeldtechnik. Im Zusammenhang mit
dem Laborgebäude entstanden auch der Japan, der Waschplatz
und die Betriebstankstelle neu. Nach der Fertigstellung des
Neubaus wurden 2012 noch das alte Werkstattgebäude und
das Großkistenlager abgerissen. An ihrer Stelle befindet sich
heute ein neuer Parkplatz.
Die Fachschule war nach den ersten Sanierungsarbeiten in den
1990er Jahren nachfolgend mit moderner IT-Technik für einen
zeitgemäßen Unterricht ausgestattet worden. Die Klassen-
räume wurden renoviert, die Aula komplett saniert und mit
leistungsfähiger Videotechnik ausgerüstet.
Abriss des Gebäudes 2 im Versuchsfeld 2007
Mitten in den Sanierungsarbeiten – das Gehilfenhaus 2010

image
image
| 89
Das sanierte Gehilfenhaus im Blumenschmuck 2011
Das unsanierte Gehilfenhaus 1999

image
image
90 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Das Schulgebäude nach der Fassadensanierung 2011
Das neue Labor- und Werkstattgebäude im Versuchsfeld

image
image
| 91
Zur Energieeinsparung wurden das Fachschul- und das Inter-
natsgebäude in den Jahren 2008 – 2011 komplett wärmege-
dämmt, was eine Neugestaltung der Fassaden einschloss.
Diese Modernisierungsarbeiten wurden im Internat 2018 –
2020 fortgesetzt. Bis dahin gab es überwiegend Zweibettzim-
mer. Waschgelegenheiten und Toiletten waren Gemeinschafts-
anlagen. Die Modernisierung umfasste das komplette Internat,
so dass die Fachschüler für zwei Jahre auf Privatquartiere
ausweichen mussten. Die Auszubildenden, die an den ÜbA-
Lehrgängen teilnahmen, wurden interimsmäßig in Wohncon-
tainern untergebracht. Im Internat wurden alle Zimmer
grundlegend renoviert, erhielten eine Nasszelle mit Dusche
und Toilette und wurden mit Einbaumöbeln als Einzel- oder
Doppelzimmer ausgestattet. Gemeinschaftsküchen, Früh-
stücksräume und Fernsehräume stehen ebenfalls zur Verfü-
gung, so dass den Fachschülern und Auszubildenden gute
Bedingungen zum Wohnen und Lernen geboten werden können.
Weitere größere Baumaßnahmen waren die Modernisierung
des Obstlagerhauses mit dem Einbau neuer Kleinkühlzellen
und eines Sensorikraumes 2014 – 2017, die Sanierung des
Pflanzenschutzmittellagers 2019 – 2020 sowie der Weinprüf-
stelle im gleichen Zeitraum.
2018 wurde in unmittelbarer Nähe zur Fachschule eine neue
Verbindungsstraße von der Lohmener Straße zur Söbrigener
Straße fertiggestellt, an der sich jetzt auch die Endhaltestelle
für die Buslinie befindet, über die das Stadtzentrum zu errei-
chen ist. Pillnitz und insbesondere die Abteilung Gartenbau ist
dadurch besser als vorher an das öffentliche Verkehrsnetz
angebunden als vorher. Durch eine gemeinsame Initiative der
Pillnitzer Einrichtungen ist es gelungen, dass die neue Straße
nach dem ersten Direktor der Staatslehranstalt, Prof. Otto
Schindler, benannt wurde und damit die Geschichte der
gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz auch in einem
Straßennamen ihren Ausdruck findet .
Das jüngste Bauprojekt der Abteilung Gartenbau ist ein Schu-
lungsgebäude für Lehrgänge, die die Förderung der Insekten-
vielfalt und die Imkerei beinhalten. Das Gebäude entsteht
gegenüber dem Steffenbau an der westlichen Zufahrt zum
Gelände der ehemaligen Hofgärtnerei. Es wird einen Schu-
lungsraum und eine Schauimkerei bestehend aus je einen
Raum für Bienenbeuten und für die Honigaufbereitung ent-
halten. Die Fertigstellung ist für 2022 geplant. Das Gelände um
das Gebäude wird als Lehrgarten für insektenfreundliche
Pflanzen gestaltet.
Die neue Verbindungsstraße an der Fachschule erinnert an den ersten
Direktor der Staatslehranstalt
Blick auf den Kopfbau der ehemaligen Hofgärtnerei, heute das Hauptgebäude der
Überbetrieblichen Ausbildung. Dahinter schließen sich die Gewächshäuser der
Abteilung Gartenbau, der Hochschule für Technik und Wirtschaft und des Institu-
tes für Züchtungsforschung an Obst an.

image
92 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Forschung
Obst- und Gemüsebau
Die angewandte Forschung im Obst- und Gemüsebau in
Pillnitz erfolgte ab 2008 weiterhin auf der Basis der Abstim-
mungen innerhalb der bundesweiten „Koordinierung der
Gemü se bau versuche“ sowie des „Arbeitskreises obstbauliche
Leistungsprüfung“. In der Koordinierung der Gemüsebau-
versuche leitet das LfULG die Fachredaktionen Chinakohl,
Tomate, Buschbohne, Dicke Bohne, Erbse, Spinat, Porree sowie
Düngung und Bewässerung im ökologischen Gemüsebau. Im
LfULG werden darüber hinaus die letzten Entscheidungen zur
Versuchsdurchführung im „Fachbeirat Gartenbau“ getroffen,
an dem neben Vertretern aus der Wissenschaft und Verwal-
tung auch Partner aus den sächsischen Anbauverbänden
teilnehmen.
In den Jahren ab 2008 vollzogen sich sowohl im Obst- als auch
im Gemüsebau nachhaltige Änderungen in der Ausrichtung
der angewandten Forschung in Pillnitz. Die Ursachen dafür
waren vielschichtig, resultierten in erster Linie aus den Anfor-
derungen, die der Klimawandel an die Anbauverfahren stellt,
sowie aus einem veränderten Kaufverhalten der Konsumenten,
die regional erzeugte sowie ökologische Lebensmittel immer
stärker nachfragten. Des Weiteren erforderten wirtschaftliche
Zwänge die Entwicklung von Produktionsverfahren mit einem
hohen Automatisierungs- und Digitalisierungspotenzial. Auch
der Personalabbau in den Landesverwaltungen zog Anpassun-
gen im Forschungsspektrum nach sich. Zwischen den Bundes-
ländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt erfolgte
deshalb ab 2008 eine weitergehende Vertiefung in der Ver-
suchsabstimmung auf der Grundlage einer „Vereinbarung über
die Kooperation im Gartenbau“. Damit sollten vorhandene
personelle und materielle Kapazitäten gezielt genutzt und
Parallelarbeiten weitestgehend vermieden werden. Im Rahmen
der länderspezifischen Schwerpunktthemen konzentrierte sich
die angewandte Forschung in Pillnitz in der Folgezeit im We-
sentlichen auf den Apfel, die Süßkirschen sowie die Himbeeren
und Erdbeeren im Obstbau. Im Gemüsebau wurden die Indus-
triegemüsearten Erbsen, Buschbohnen, Spinat und Möhren
sowie Speisezwiebeln als Frischmarktgemüse bearbeitet. Im
Unterglasbereich verblieben die Himbeeren und Erdbeeren
sowie der Substratanbau von Fruchtgemüse in Pillnitz. Des
Weiteren spielten ökologische Anbauverfahren im Obst- und
Gemüsebau eine zunehmend wichtige Rolle.
Zur Absicherung der Forschungsarbeiten wurde die Multifunk-
tionale Versuchsbasis Gartenbau (Versuchsfeld) in Pillnitz
ständig erweitert und an die Erfordernisse angepasst. So
wurden u. a. ein hochmodernes Kleinzellenkühllager gebaut,
die Sortiertechnik für Apfel durch einen Entstapelroboter
aufgerüstet, das Apfelsortiment mit einem modernen Hagel-
netz überdacht, eine RTK-Station sowie ein Parzellenregenwa-
gen für gemüsebauliche Versuche angeschafft. Die Versuchs-
technik (Bodenbearbeitungsgeräte, Sä- und Erntetechnik,
Demonstrationsanlage
für den ökologischen
Apfelanbau mit der
Sorte ‚Evelina‘, einer
Mutante aus ‚Pinova‘

image
image
image
| 93
Süßkirschenanlage unter Überdachung
Pflanzenschutz- und Pflegetechnik) war für die einzelnen
Kulturen immer auf dem aktuellen Stand der Technik.
Im Obstbau wurden die Arbeiten zu Süßkirschen 2013 mit dem
Thema „Süßkirschenanbau mit Regenschutzüberdachung“ ab-
geschlossen. Die angewandte Forschung bei Apfel, die bis heute
den Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit bildet, war
zunächst intensiv mit der Erforschung von Anpassungsstrate-
gien an den Klimawandel befasst. Gegen die zunehmend immer
häufiger auftretenden Hagelereignisse im Anbaugebiet wurden
Strategien zum Apfelanbau unter Hagelnetz (2013) sowie unter
Einreihenhagelnetzen (2019) entwickelt. Weitere Anpassungs-
maßnahmen umfassten die Fruchtausdünnung, Pflanzsysteme,
Spätfroststrategien sowie die Bewässerungssteuerung von
Apfelanlagen (2021). Der Klimawandel stellt auch an die Sorti-
mentsentwicklung bei Apfel erhöhte Anforderungen, denen seit
2012 intensiv nachgegangen wird. Moderne Sorten sollten
nicht nur optisch und geschmacklich den Konsumentenansprü-
chen genügen, sondern auch gegen Hitze- und Trockenstress
sowie gegenüber Krankheiten tolerant sein. Daneben ist ihre
Lagereignung ein weiteres wichtiges Sortenkriterium, dass
dank des modernen Kleinzellenlagers grundlegend untersucht
werden kann. In den letzten Jahren bildeten vor dem Hinter-
grund steigender Arbeitskosten zunehmend auch Verfahren zur
Mechanisierung und Automatisierung im Apfelanbau einen
Arbeitsschwerpunkt. So wurde das Verfahren der Erzeugung
von Tafeläpfeln an einer Fruchtwand mit maschinellem Schnitt
(2019) einer ausführlichen Bewertung unterzogen. Neue For-
schungsschwerpunkte beschäftigen sich derzeit mit der Ein-
führung mechanisierter, automati sierter und digitalisierter
Prozesse im Apfelanbau sowie zur „Kog nitiven Robotik 2.0“,
einem Gemeinschaftsprojekt mit der TU-Dresden.
Beim Beerenobst wurden bis 2011 moderne Anbauverfahren
intensiv auf ihre Wirtschaftlichkeit untersucht. In einem Pra-
xisbetrieb wurde dazu eine Versuchsanlage zur Produktion von
Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren
im Freiland und unter einer Überdachung gepflanzt. Weiterhin
wurde der sich in der Praxis immer stärker etablierende Anbau
von Himbeeren in Foliengewächshäusern einer wissenschaft-
lichen Bewertung unterzogen. In den folgenden Jahren erfolgte
dann die Konzentration auf die Erarbeitung von Anbaustrate-
gien von Erdbeeren im Freiland sowie im Gewächshaus unter
dem Aspekt des Klimawandels. Auch hier spielten Fragen der
Sortimentsentwicklung und Wirtschaftlichkeit die dominie-
rende Rolle.
Moderne Apfelanlage mit Blühstreifen
Modernes Sprühgerät mit Recyclingtechnik zur Abdriftminimierung bei der Aus-
bringung von Pflanzenschutzmitteln

image
94 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Erdbeeranbau im Gewächshaus

image
image
| 95
Dem ökologischen Obstbau, der in Sachsen 2019 knapp ein
Viertel der Anbaufläche belegte, widmete das LfULG for-
schungsseitig besondere Aufmerksamkeit. Hier ist insbesondere
das BÖLN-Verbundprojekt zur Ausarbeitung einer Strategie zur
Reduzierung des Kupfereinsatzes bei der Apfel schorf be-
kämpfung zu nennen, an dem das LfULG seit 2008 aktiv mitar-
beitet. Zur Ausweitung des ökologischen Tafelapfelanbaus in
Sachsen wurde im Versuchsbetrieb am Beispiel einer Demons-
trationsanlage das komplette Anbauverfahren wissenschaftlich
bearbeitet. Über jahrelange umfangreiche Kompetenzen verfügt
die Einrichtung auch im Bereich der mechanischen Unkrautbe-
kämpfung in Obstanlagen.
Im Unterglas-Gemüsebau wurden in der Versuchsgewächs-
hausanlage in Pillnitz insbesondere die Anbauverfahren von
Fruchtgemüse (Gurken, Tomaten, Paprika) auf Substrat wis-
senschaftlich bearbeitet. Mit der Publikation „Anbauverfahren
unter Glas“ wurde eine umfangreiche Wirtschaftlichkeitsbe-
trachtung der einzelnen Verfahren vorgelegt. Für das neuartige
Anbauverfahren von „Gurken am hohen Draht“ konnte der
Praxis 2010 eine vollständige Anbauanleitung zur Verfügung
gestellt werden.
Im Freilandgemüseanbau erfolgte ab 2008 der schrittweise
Übergang vom Frischmarktgemüse hin zu dem für Sachsen
bedeutsamen Industriegemüseanbau. Mit dem seit 2013 etab-
lierten Kooperationsprojekt mit dem Bundverband Deutscher
Pflanzenzüchter e.V. „Anpassung des Sortenspektrums und der
Anbaustrategien wichtiger Industrie- und Frischmarktgemü-
searten an den Klimawandel im Freistaat Sachsen“ wurde ein
bedeutender Beitrag zur Erforschung wichtiger Gemüsearten
(Erbsen, Bohnen, Spinat, Möhren, Zwiebeln) sowohl im konven-
tionellen als auch im ökologischen Anbau geleistet. Dank der
rund 250 Veröffentlichungen hat diese Arbeit mittlerweile auch
international breite Anerkennung gefunden. Weitere wichtige
Arbeitsgebiete waren und sind Untersuchungen zur Generierung
von Düngungsrichtwerten für gemüsebauliche Nischenkulturen
sowie Versuche zur Bewässerung verschiedener Gemüsearten.
Die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten am LfULG im
Bereich des Gemüsebaus widerspiegeln sich auch in der Her-
ausgabe bzw. Mitarbeit der Wissenschaftler an verschiedenen
aktuellen Fachbüchern. Hier sind die Werke „Gemüsebau“
(Ulmer Verlag), „Ökologischer Gemüsebau“ (Bioland Verlag),
„Düngung im Freilandgemüsebau“ (IGZ) sowie die „KTBL-Da-
tensammlungen Ökologischer Feldgemüsebau sowie Gemüse-
bau: Freiland und Gewächshaus“ (KTBL) zu nennen.
Zwiebelversuchsanbau
Fachbuch Gemüsebau, herausgegeben von Dr. Her-
mann Laber und Dr. Gerald Lattauschke

96 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Zierpflanzenbau
Mit dem Neubau der Gewächshausanlage eröffnete sich die
Option, Versuche zur Entwicklung von Kulturprogrammen und
zur Klimasteuerung im Gewächshaus durchzuführen. Damit
sollte die sichere, termingerechte und wirtschaftliche Produk-
tion von Zierpflanzen unterstützt werden. Ein Beispiel ist die
Entwicklung von Programmen zur Heizungssteuerung mit
dynamischer Außentemperaturkorrektur. Diese Programme
ermöglichten die Einsparung von 10 bis 20 % der Heizenergie
- bei gleicher Kulturdauer und Pflanzenqualität. Die Ergebnisse
dieser Versuche waren die Grundlage für die Entwicklung der
PillnitzBox, welche 2008 den Deutschen Innovationspreis
Gartenbau erhielt. Mit der PillnitzBox konnten auch kleinere
Betriebe, welche nicht über moderne Klimacomputer zur Ge-
wächshaussteuerung verfügten, von den Einsparmöglichkeiten
profitieren.
Ebenfalls 2008 wurde nach dreijähriger Projektlaufzeit die
Düngerichtlinie für den Zierpflanzenbau veröffentlicht. Hierin
wurden sachgerechte Empfehlungen für eine optimale, be-
darfsorientierte Düngung gegeben und erläutert. Ergänzt
wurde die Veröffentlichung von einer umfangreichen Richt-
wertesammlung für Topfkulturen, Schnittkulturen sowie
Freilandkulturen im Boden.
Der bedarfsgerechte und umweltschonende Nährstoffeinsatz
bei der Zierpflanzenproduktion war und ist das Thema weiterer
Forschungstätigkeit des Referates. So wurden in den Jahren
von 2009 bis 2012 Versuche zur mengenbilanzierten Düngung
bei einer Vielzahl von Kulturen durchgeführt. Die Zuverlässig-
keit des Verfahrens wurde bei Pelargonien, Poinsettien, Cycla-
men und verschiedenen Sommertopfkulturen getestet. Der
Einsatz von Depot- und Langzeitdüngern zur Vollversorgung
von Pflanzen wurden im Zeitraum von 2012 bis 2015 intensiv
untersucht. Bei Sommertopfpflanzen im Freiland war hierbei
eine Reduzierung des Düngereinsatzes von über 50 % möglich
und die Nährstoffauswaschungen waren auf ein Minimum
reduziert.
In den Jahren 2013-2017 hat eine bundesweite Arbeitsgruppe
unter Federführung des LfULG in Dresden-Pillnitz neue Praxis-
empfehlungen für die Phosphordüngung im Zierpflanzenbau
erarbeitet. In zahlreichen Einzelversuchen wurde der Phos-
phorbedarf verschiedener Pflanzenarten ermittelt. Im Ergebnis
der abgestimmten Untersuchungen wurde eine Praxisempfeh-
lung erarbeitet, mit deren einfachen Prinzipien die Phosphor-
düngung bei nahezu allen Zierpflanzenarten sicher gemanagt
werden kann. Als Reaktion auf die öffentliche Diskussion der
Arbeitsgruppe zur Reduzierung des Phosphoreinsatzes hat die
Düngemittelindustrie Mehrnährstoffdünger mit besser ange-
passtem Phosphoranteil entwickelt und auf den Markt ge-
bracht. Die Reduzierung des Phosphoreinsatzes im Zierpflan-
zenbau ist pflanzenbaulich unbedenklich, wirtschaftlich
vorteilhaft und schont die Ressource Phosphor sowie die
Umwelt.
Im Rahmen der bundesweiten Versuchskoordinierung der
Versuchsstandorte hat das Referat Zierpflanzenbau die Fach-
redaktionen Pflanzenernährung, Pelargonien und Freiland-
schnitt inne. Die besondere Fachkompetenz des LfULG auf dem
Gebiet der Pflanzenernährung bei Zierpflanzen wird auch bei
der Umsetzung des 2019 begonnenen Projektes zur Entwick-
lung neuer Messmethoden zur Bestimmung von Pflanzenin-
haltsstoffen genutzt. Gemeinsam mit dem Fraunhofer FEP
Dresden wird an einer intelligenten Bilderkennung und Daten-
auswertung unter Nutzung eines CMOS-Chip mit OLED, der
gleichzeitig als definierte Lichtquelle, Kamera und hochauflö-
sender optischer Sensor fungiert, gearbeitet. Ziel ist die Ent-
wicklung einer neuen Technologie zur Beurteilung des Ernäh-
rungszustandes von Pflanzen für eine optimale Düngung.
Das Thema Torfersatz im Gartenbau ist in den letzten Jahren
immer stärker in den Fokus gerückt. Seit 2019 beteiligt sich
das LfULG am Modell- und Demonstrationsvorhaben „TerZ“. Bei
diesem durch das Bundesministerium für Ernährung und
Landwirtschaft geförderten und durch die Bundesanstalt für
Landwirtschaft und Ernährung betreuten Projekt, werden
24 Zierpflanzenbau-Betriebe in 5 Modellregionen bei der
Umstellung ihrer Produktion auf torfreduzierte Substrate
fachlich begleitet. Das LfULG betreut hierbei die Betriebe der
Modellregion Ost.
Enthalten die torfreduzierten bzw. torffreien Substrate Kom-
postanteile, so setzen diese in der Regel große Menge an
pflanzenverfügbarem Kalium und Phosphor frei. In Versuchen,
die 2022 begannen, wird versucht, diese für die Pflanzener-
nährung auszunutzen, indem das Substrat ausschließlich mit
organischen Stickstoff Langzeitdünger, wie zum Beispiel
Schafswollpellets, versorgt wird.
Nach wie vor hat die Sortimentssichtung bei Beet- und Bal-
konpflanzen einen großen Stellenwert in Dresden-Pillnitz.
Beet- und Balkonpflanzen gehören zu unserem kulturellen
Umfeld und wirken ökologisch bereichernd. Sie erfreuen das
menschliche Auge, sind Anknüpfungspunkte für soziale Kon-
takte und liefern Nahrung für Insekten. Für viele sächsische
Gartenbaubetriebe sind sie das Rückgrat der eigenen Produk-
tion und Vermarktung. Für die Region, aber auch für die jewei-
lige Mode sind passende Sortimente für einen anhaltenden

image
image
image
image
image
| 97
Blick auf die Gewächshäuser während der Versuche zur energieeffizienten Assimilationsbelichtung (Projektlaufzeit 2016 bis 2019)
Assimilationsbelichtung im Gewächshaus
Weihnachtssterne unter Assimilationsbelichtung
Pflanzung Probefeld
Versuchsfeld Freilandschnitt

image
image
98 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Pillnitzer Gartentag 2016, das Probefeld ist gut besucht
Ernte Freilandschnitt

image
| 99
Verkaufserfolg wichtig. Gleichzeitig ist die Zahl der auf den
Markt drängenden Neuheiten riesig. Die Züchtung der neuen
Sorten erfolgt heute weltweit. Nicht alles Neue ist für die
sächsischen Standortbedingungen gleich gut geeignet. Des-
halb werden schon seit 1992 im Pillnitzer Probefeld breite
Sortimente im Freiland gesichtet: zur Orientierung für die
sächsischen Gärtner und für erfüllte Erwartungen bei den
Verbrauchern. Wurden die Pflanzen anfangs ausschließlich auf
circa 700 Parzellen im Grundbeet getestet, stehen heute neben
den 500 Parzellen im Grundbeet auch 360 Pflanzcontainer
sowie 610 Balkonkästen und 80 Ampeln für die Prüfung von
Beet- und Balkonpflanzen zur Verfügung. Neben Neuheiten
aus der internationalen Züchtung werden jährlich wechselnd
einzelne Arten genauer untersucht. Im immer breiter werden-
den Sortiment der Balkonpflanzen wurde so der „Aufstieg“
einiger Arten zu Marktbedeutung begleitet. Dazu gehörten
neben Verbenen, Petunien und Calibrachoa auch neue Bego-
nien-Gruppen, Nemesien, Diascien, Impatiens und jüngst
Mandevillen. Frühzeitig wurde den Grün- und Strukturpflanzen
für Balkonkästen und Pflanzkübel besondere Aufmerksamkeit
gewidmet und in den Jahren 2018 und 2019 mit großen Sor-
timenten die Renaissance der Buntnesseln vorangetrieben.
Seit 2000 ist Dresden-Pillnitz am bundesweiten Gemein-
schaftsversuch Pelargonien beteiligt und koordiniert diesen
seit 2010. Seit 2007 wird das Pillnitzer Probefeld auch genutzt,
um „Sachsens Balkonpflanze des Jahres“ zu küren. Im Spät-
sommer trifft sich dazu die Fachgruppe Einzelhandelsgärtnerei
des Gartenbauverbandes Mitteldeutschland e. V. in Pillnitz, um
die Auswahl für das folgende Jahr zu treffen. Die wachsende
Aufmerksamkeit für „Sachsens Balkonpflanze des Jahres“ be-
stätigt den Erfolg dieser Aktion ebenso wie die Tatsache, dass
die Mehrzahl der ausgewählten Pflanzen inzwischen einen
festen Platz im Anbauspektrum vieler Betriebe gefunden hat.
Auch andere Sortimente wurden unter sächsischen Bedingun-
gen gesichtet und bekannt gemacht. Von 1999 bis 2000 sowie
2005 wurden verschiedene Callunen, die Heidekrautgewächse,
mit den damals relativ neuen Knospenblühern gesichtet. Ein
Vergleichsanbau mit Hortensien für die frühe Treiberei fand in
den Jahren 2010 und 2011 statt.
Ab 1994 wurden auf dem Pillnitzer Probefeld auch Erfahrun-
gen mit Freilandschnitt gesammelt. Die ersten Anbauflächen
befanden sich noch in der Gärtnerei „Am Weinberg“. Ab 1995
folgte eine Reihe spezieller Projekte mit Schnittstauden auf
den Versuchsflächen in der Lohmener Straße 12. In den Jahren
2005 bis 2007 umfasste der Pillnitzer Schnittstaudensich-
tungsversuch mehr als 300 Arten und Sorten. Ab 2008 kamen
noch Zwiebel- und Knollenpflanzen sowie weitere, im Frühjahr
und Frühsommer blühende Stauden dazu. Für einen Absatz ab
Kalenderwoche 15 ist für die Erzeugung von Schnittblumen
der Einsatz von Heizenergie unnötig. Dies konnte mit den
„Pillnitzer Wochensträußen“ beispielhaft gezeigt werden – sie
wurden alle im Freiland produziert. Neben mehrjährigen Arten
stehen auch immer wieder einjährige Schnittblumen im Frei-
land im Fokus der Pillnitzer Anbauversuche. So wurden um-
fangreiche Sortimentssichtungen bei einjährigen Beiwerksar-
ten, Artischocken oder Bartnelken durchgeführt.
Marktnahe Produktion, Frische, Vielfalt, Natürlichkeit und das
Abheben vom gängigen Großmarktsortiment sind Argumente
für regionale Schnittblumen. Der kostengünstige Freiland-
schnitt kann dieser Nachfrage, wenn auch jahreszeitlich be-
grenzt, entsprechen. Um die natürlich gesetzten Grenzen
etwas auszuweiten, wurden seit 2011 Methoden zur Verfrü-
hung von Schnittstauden entwickelt, getestet und bewertet.
Im Focus standen hier Verfrühungstunnel, Flachabdeckungen
und Solarspeicher. Seit 2016 werden in Pillnitz auch zweijäh-
rige Arten zur Verfrühung im Freiland angebaut. Durch die
zunehmend milderen Winter verschieben sich die Grenzen
zwischen ein- und zweijährigen Arten. Auch in diese Richtung
wurden die Versuche im Sinne der Anpassung an den Klima-
wandel erweitert.
Derzeit ist Dresden-Pillnitz der einzige deutsche Versuchs-
standort, der sich intensiv mit Freilandschnitt auseinander-
setzt. Daher ist es kein Wunder, dass es ein großes Interesse
an den Ergebnissen der Pillnitzer Versuche zum Freilandschnitt
aus ganz Deutschland und europäischen Nachbarländern gibt.
Pillnitzer Wochenstrauss aus der Kalenderwoche 18, 2010

image
image
image
image
100 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Garten- und Landschaftsbau
Grundsätzlich erfolgt die Abstimmung der Versuchstätigkeit im
Rahmen des bundesweiten Arbeitskreises "Koordinierung in der
Landespflege". Dem Referat obliegt hier die Redaktion für das
Fachgebiet "Gehölze, Stauden, Sommenblumen". Außerdem
werden die Versuche im Rahmen der Kooperation mit den
Partnereinrichtungen in Erfurt und Quedlinburg abgestimmt.
In den vorangegangenen Jahren dominierten bei den Versu-
chen Sortensichtungen bei Gehölzen, sowohl im Rahmen des
Arbeitskreises Gehölzsichtung als auch mit eigenen Sortimen-
ten, hier insbesondere mit dem Schwerpunkt Rosen. Einen
weiteren wichtigen Teil bildeten Demonstrationsanlagen für
die Wirtschafter- und Technikerausbildung, für Schnitthecken
und für den Friedhofsgartenbau. Prinzipiell fokussierten sich
alle Versuche auf das Thema „Pflanze“, da solche vergleichen-
den Prüfungen im privatwirtschaftlichen Bereich wenig prä-
sent sind und gerade von kleineren Betrieben, die aber z. B. in
der Staudenzüchtung aktiv sind, nicht geleistet werden kön-
nen. Diese Sichtungsarbeit wurde unverändert fortgeführt.
Dabei ist noch festzuhalten, dass Pillnitz seit 2005 ein Stand-
ort in der Allgemeinen Deutschen Rosensichtung ist.
Ab 2006/2007 erweiterte sich die Sichtungsarbeit um die
Stauden. Pillnitz ist seitdem Mitglied im Arbeitskreis Stauden-
sichtung des Bundes deutscher Staudengärtner. Neben diesen
parallel mit anderen Einrichtungen laufenden Versuchen gibt
es eigene Sichtungen. Hier sind kleinbleibende Bodendecker zu
nennen, die hinsichtlich ihrer Eignung für die Grabbepflanzung
getestet werden.
Unter dem laufenden Personalabbau in der Landesverwaltung,
von dem die Abteilung Gartenbau nicht verschont blieb, kam
es bis etwa 2015 vor allem darauf an, die laufenden Versuche
abzusichern. Ab Mitte der 2010er Jahre verbesserten sich die
Rahmenbedingungen etwas, gleichzeitig waren auch neue
Fragestellungen aktuell geworden, die der Bearbeitung be-
durften.
Probebewertung des ADR-Sortiments durch die Arbeitskreismitglieder beim Jah-
restreffen 2007 in Pillnitz
Wisterien-Sichtung
Heuchera-Sichtung
Sichtung von Großstrauchrosen

image
| 101
An allererster Stelle standen die Auswirkungen des Klimawan-
dels. Für die Pflanzenverwendung traten Themen wie die
Trockenheitstoleranz in den Vordergrund. Um dieser Frage
nachzugehen, wurden insbesondere im Bereich der Fachschule,
aber auch am Gehilfenhaus Staudenpflanzungen angelegt, die
neben der Schmuckwirkung für das Schulumfeld dem Unter-
richt und der Beobachtung des Verhaltens bei Trockenheit
dienen sollten. Aus diesen mehrjährigen Beobachtungen, die
auch die außergewöhnlichen Trockenjahre 2018 – 2020 ein-
geschlossen haben, sind inzwischen gesicherte Empfehlungen
für Pflanzungen mit hoher Trockentoleranz erwachsen. Dabei
ist daran zu erinnern, dass Pillnitz mit einem langjährigen
mittleren Jahresniederschlag von ca. 600 mm ohnehin ein
Standort mit beschränktem Regendargebot ist. In den Jahren
2018 und 2019 sind die Jahresniederschläge auf 400 - 500 mm
gesunken. Das Thema Trockentoleranz steht bei Stauden und
Gehölzen gleichermaßen. Aus Kapazitätsgründen war eine
Beteiligung an den Klimabaumversuchen nicht möglich. Es
werden jetzt aber schrittweise Arten, die als aussichtsreich
gelten, zur Demonstration aufgepflanzt.
Mit dem Klimawandel verbindet sich auch die Notwendigkeit,
stärkere Niederschläge zu speichern oder zu versickern, so dass
Abflussspitzen verringert und das natürliche Bodenwasserre-
servoir erhöht wird. Versuche unter dieser Thematik sind 2019
begonnen worden. Derzeit laufen Versuche mit zwei Versuchs-
anlagen. In einer wird geprüft, inwieweit durch unterschiedli-
che Bepflanzung die Sickerfähigkeit schwerer Böden verbessert
werden kann. Die zweite Anlage simuliert einen Sportplatz mit
Kunstrasen. Hier sind verschiedene Dränagen unter dem Platz
eingebaut mit dem Ziel, eine Lösung zu finden, die die Ver-
sickerung der Niederschläge unter dem Platz ermöglicht und
das bisher übliche Ableiten des Sickerwassers überflüssig
macht. Die größte Versuchsanlage entsteht 2022. Hier sollen
Kombinationen von Regenwasserspeicherung und -versicke-
rung bei Baum- und Staudenpflanzungen erprobt werden, die
mithelfen sollen, die Wasserversorgung der Pflanzungen durch
das zwischengespeicherte Niederschlagswasser in Trockenpe-
rioden zu verbessern.
Seit 2015 laufen Arbeiten zur Förderung von Insekten. Die
ersten Aktivitäten richteten sich noch auf die Verbesserung der
Bienenweide. Hierzu wurde ein Lehrgarten für den Bienenlehr-
stand im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch entwickelt. Unmit-
telbar daran schloss sich die Erweiterung des Themas auf
insektenfreundliche Pflanzungen an. Im Versuchsfeld sind
Demonstrationsanlagen mit insektenfreundlichen Pflanzen
entstanden, unter anderem mehrere Wiesen, deren Artenzu-
sammensetzung Insekten in besonderem Maße Nahrung bietet.
Prüfung von Blühwiesenmischungen

image
102 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Schauflächen für insektenfreundliche Pflanzen
Insektenfreundliche Gärten und Freiflächen sind ein hochak-
tuelles Anliegen bei Freizeitgärtnern und Gartenämtern. Auch
in der Landschaft sollen – dort unter dem Ziel der Nutzung
heimischer Pflanzen – mehr Nahrungsangebote für Insekten
geschaffen werden. In Zusammenhang mit der Planung des
Seminargebäudes für das Zentrum für Insektenvielfalt und
Imkerei wurde deshalb die Idee entwickelt, im näheren Umfeld
schrittweise die Freiflächen so zu entwickeln, das die künftigen
Lehrgangsteilnehmer dort Pflanzen kennenlernen können, die
Nektar und Pollen für Insekten liefern. Grundsätzlich sind in
den Gehölz- und Staudensammlungen im Versuchsfeld und in
den Pflanzungen an der Fachschule schon zahlreiche Nah-
rungspflanzen für Insekten vorhanden. Sie sind aber meist
unter dem Unterrichtsaspekt für die Fachschüler geordnet und
zum Teil etwas weiter vom künftigen Seminargebäude ent-
fernt. Die neu zu gestaltenden Flächen beginnen südlich des
Gehilfenhauses und setzen sich dann entlang der Mauer fort
bis zum Seminargebäude und schwenken dann in das Nordfeld
um. Dort werden die inzwischen ins Alter gekommenen Pflan-
zungen entlang der Mauer überarbeitet und umgestaltet. Die
artenreichen Wiesen im Nordfeld schaffen dann die Verbin-
dung zum Versuchsfeld, wo weitere Blühwiesen und Beispiele
insektenfreundlicher Pflanzen für die Lehrgänge genutzt
werden können.
Pflanzarbeiten am Gehilfenhaus

image
| 103
Biene auf einer Berg-Flockenblume

image
104 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Pflanzplan von Frau Rösler für insektenfreundliche Gehölze am Gehilfenhaus

image
| 105
Übersicht über vorhandene und geplante insektenfreundliche Pflanzungen auf den Flächen der Abteilung „Gartenbau“

image
image
image
106 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Für das „Zentrum für Insektenvielfalt und Imkerei“, dass 2022
fertiggestellt wird, sind in den letzten Jahren mehrere in der
Nähe liegende Pflanzungen entstanden, die für die künftigen
Lehrgangsteilnehmer eine Auswahl an Pflanzen zeigen, die für
Insekten Pollen und Nektar bieten oder als Futterpflanzen für
ihre Raupen von Bedeutung sind.
Jüngste Versuche beschäftigen sich mit dem Torfersatz. Hier
werden verschiedene torfreduzierte Substrate für die Grabbe-
pflanzung getestet.
In den letzten Jahren war es auch möglich, die technische
Ausstattung im Versuchsfeld zu erweitern. Ein Teil der Flächen
ist jetzt mit Tröpfchenbewässerung ausgestattet. Eine wesent-
liche Erweiterung der Möglichkeiten bei der Staudensichtung
entstand 2020 durch den Bau einer Schattenanlage. Bisher
musste sich die Sichtungsarbeit auf Stauden sonniger Stand-
orte beschränken, jetzt können auch für Schattenstauden
geeignete Versuchsbedingungen geboten werden.
Versuche zur Regenwasserversickerung auf Sportplätzen mit Kunstrasen
Die vollbesetzte Aula zum GaLaBau-Tag 2020, der jährlichen Informationsveranstaltung des Referates „Garten- und Landschaftsbau“
Plan der neuen Anlage für Versuche zum Regenwassermanagement

image
| 107
Fachschule und Überbetriebliche Ausbildung
Bereits 2004/2005 hatte sich gezeigt, dass der Vollzeitunter-
richt in der Wirtschafterausbildung nicht mehr den Bedürfnis-
sen der Betriebe entsprach. Es musste eine Lösung gefunden
werden, die den jungen Leuten in den Betrieben die Wirtschaf-
terausbildung ermöglichte, ohne dass sie dafür ein volles Jahr
aus dem Betrieb ausscheiden mussten. Dazu waren 2005 die
Winterlehrgänge für die Wirtschafter eingeführt worden, zu-
nächst mit Beginn des Winterlehrgangs 2005/2007 im Garten-
und Landschaftsbau, ab dem Winterlehrgang 2006/2008 auch
im Produktionsgartenbau. Die abwechselnden Wirtschafter-
lehrgänge haben sich seitdem gut bewährt. In der Regel sind
15 – 20 Fachschüler in einem Lehrgang, so dass eine gute
Auslastung für den Unterricht gegeben ist.
In der Technikerausbildung war das zunächst noch nicht
notwendig. Hier waren die Nachfrage nach der Vollzeitausbil-
dung über zwei Jahre noch so hoch, dass immer Klassen ge-
bildet werden konnten. Das änderte sich Mitte der 2010er
Jahre. Die Gründe waren verschieden, wesentlich war aber,
dass die Konjunktur hatte wieder angezogen hatte und die
Betriebe ihre jungen Mitarbeiter nur ungern für zwei Jahre
Vollzeitausbildung freigeben wollten. Als erstes sank die
Nachfrage für die Technikerausbildung im Produktionsgarten-
bau gravierend. Über zwei Jahrgänge konnte noch eine Son-
dergenehmigung für die Eröffnung einer Klasse erwirkt werden,
ab 2015 war das nicht mehr möglich. Ab 2014/2015 sanken
auch die Bewerberzahlen für die Technikerausbildung im
Garten- und Landschaftsbau deutlich, wenn auch nicht in dem
Maße wie im Produktionsgartenbau. Mit Ausnahmegenehmi-
gungen wurde aber immer noch Klassen von 5 – 10 Fachschü-
lern eröffnet. Da sich keine Trendwende abzeichnete und an-
gesichts der guten Konjunktur im Garten- und Landschaftsbau
auch nicht zu erwarten war, wurde 2017 begonnen, einen
Winterlehrgang für die Technikerausbildung zu konzipieren.
Die Genehmigung für diesen Lehrgang erfolgte 2019, so dass
mit Beginn des Schuljahrs 2019/2020 die erste Technikerklasse
im Winter-Modell mit 13 Fachschülern eröffnet werden
konnte. In diesem ersten Winterlehrgang gibt es sowohl
Fachschüler aus dem Produktionsgartenbau und als auch aus
dem Garten- und Landschaftsbau. Sie sind von Ende Oktober
bis Mitte März an der Fachschule, in der übrigen Zeit mit
Ausnahme von je einer Woche im Mai und September in ihren
Betrieben. 2022 wird diese Klasse ihre Ausbildung abschließen.
Die Bewerberzahlen für den nächsten Kurs ab Herbst 2022 sind
gut, so dass zu erwarten ist, dass dieses Modell die erforderli-
che Vereinbarkeit von Beruf und Fortbildung bietet und damit
zukunftsfähig ist.
Die Lehrerinnen und Lehrer der Fachschule mit dem Präsidenten Herrn Eichkorn, 2008

image
image
image
image
image
image
108 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Inhaltlich und methodisch wurde der Unterricht mit einem
neuen Lehrplan ab 2014 weiterentwickelt. Wesentlicher neuer
Ansatz ist der Wechsel von den ehemaligen Fächern zum
heutigen Lernfeldkonzept. Die Lernfelder beinhalten in weiten
Teilen – angepasst an den Wissensfortschritt – den Stoff der
ehemaligen Fächer, setzen aber auf eine wesentlich aktivere
Rolle der Fachschüler beim eigenen Wissenserwerb. Anstelle
des Frontalunterrichts treten Gruppenarbeit, Diskussionen,
Internetrecherchen und Projekte in den Vordergrund, unter-
stützt durch die zusätzlichen Möglichkeiten, die die moderne
IT-Technik für den Unterricht bietet. In diesem Bereich wurde
auch weiter investiert. Seit 2020 stehen für alle Klassenzimmer
außer den schon genutzten Whiteboards moderne Touch-
screens zu Verfügung.
Die Schülerprojekte, die sich seit langem als Höhepunkte in der
Fortbildung bewährt haben, sind auch in den Winterklassen
fortgesetzt worden. Nach wie vor ist hier in der Technikeraus-
bildung Garten- und Landschaftsbau ein reales Objekt zu
planen. In der Wirtschafter- und Technikerausbildung für die
Produktionsgärtner sind es die selbst gestalteten Ausstel-
lungsbeiträge unter einem Leitthema bei den Pillnitzer Ge-
wächshaustagen.
Gehölzkunde bei Herrn Buner im Gehölzsortiment
Fachschüler auf Exkursion bei der Fa. Vertigrün in Baden
Wenn das Wetter passt, gibt es auch Unterricht im Freien, hier mit Herrn Kirsten
Frohe Gesichter bei der Meisterbriefübergabe 2019, im Hintergrund Staatsminis-
ter Thomas Schmidt und der Präsident des Landesamtes, Herr Eichkorn
Übungen zum Modellbau im Zeichensaal
Die neue Anlage für das Schattenstaudensortiment wird mit den Fachschülern
gepflanzt, 2019

image
image
image
image
image
| 109
Die Überbetriebliche Ausbildung für die Auszubildenden im
Gartenbau und im Garten- und Landschaftsbau ist in den
zurückliegenden Jahren gut ausgelastet gewesen. Es werden
insgesamt 21 verschiedene Lehrgänge angeboten. Schwer-
punkte bilden Techniklehrgänge und Lehrgänge zur Pflanzen-
verwendung für Gärtner und Landschaftsbauer.
Die Lernbedingungen für die Auszubildenden konnten in
mehreren Fällen weiter verbessert werden. Unter anderem
wurde für den Lehrgang „Dach- und Fassadenbegrünung“ eine
Überdachung errichtet, so dass auch bei schlechtem Wetter
die Pflanzübungen im Freien stattfinden können.
Großer Wert wurde auf die kontinuierliche Anschaffung mo-
derner Technik gelegt. Die Auszubildenden werden dadurch
mit modernen Maschinen und Technologien vertraut gemacht,
die in den Betrieben häufig noch nicht zu finden sind. Neben
modernen Traktoren mit GPS-Steuerung, stehen seit kurzem
auch mehrere Maschinen mit Elektroantrieb für die Ausbildung
zur Verfügung.
Organisatorisch sind die Fachschulen und die Überbetriebliche
Ausbildung seit 2018 im Referat „Bildung Gartenbau“ zusam-
mengefasst.
Bau eines Gartendetails in der Übungshalle
Radlader mit Elektroantrieb. Die Auszubildenden sollen auch
mit aktuellen Entwicklungen vertraut gemacht werden.
Übungen mit einem ferngesteuerten Böschungsmäher
Schmalspurtraktor der Überbetrieblichen Ausbildungsstätte mit Rollhacke und
Sämaschine für die Winzerlehrgänge
Lehrunterweisung zum biologischen Pflanzenschutz, links Frau Viehweger, die
Ausbilderin

image
image
image
110 |
Projekte in der Technikerausbildung Garten- und Land-
schaftsbau
Schon in den 1990er Jahren wurde in den Ablauf der Techni-
kerausbildung ein Projekt zur Gestaltung einer Gartenanlage
aufgenommen. Ziel ist, das alle Fachschülerinnen und Fach-
schüler einen realen Garten oder eine andere Freiflächenanlage
in allen Schritten selbständig planen und damit ihr bis dahin
erworbenes Wissen zusammenführen. In den meisten Fällen
konnten dafür Gartenbesitzer gewonnen werden, die ihren
Garten um- oder neugestalten wollten und dafür Ideen und
Entwürfe suchten. Die Projektbearbeitung beginnt mit dem
gemeinsamen Aufmaß und der Erstellung des Bestandsplans.
Danach arbeitet jeder für sich. Auf der Grundlage einer
Wunschliste der Bauherren entwirft jeder einen kolorierten
Gartenplan. Diese Entwurfspläne werden von einer Jury ange-
lehnt an die Wettbewerbsregeln für Landschaftsarchitektur-
wettbewerbe anonym bewertet. In der Regel werden drei
Preise vergeben und weitere drei Arbeiten angekauft. Das
Preisgeld von üblicherweise 1.000,00 EUR stellen die Bauher-
ren zur Verfügung, die als Gegenleistung die sechs prämierten
Pläne erhalten. In den wenigen Fällen, wo kein privates Objekt
gefunden werden konnte, hat der Verband ehemaliger Dres-
den-Pillnitzer das Preisgeld ausgelobt. Nach dem Wettbewerb
arbeiten die Fachschülerinnen und Fachs chüler an ihren Ent-
würfen weiter und erarbeiten Ausführungs- und Detailpläne,
Leistungsverzeichnisse und Massenpläne. Das Technikerprojekt
ist ein Höhepunkt im Ausbildungsverlauf. Häufig sind Entwürfe
sind soweit ausgereift, dass sie weitgehend so gebaut werden
könnten. Diese Erfahrung ist nicht nur eine gute Vorbereitung
für das spätere Berufsleben, sie stärkt auch das Selbstvertrauen
der Fachschülerinnen und Fachschüler.
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Wettbewerbsauswertung durch Herrn Möllmann 1996
Der Gewinner des Gestaltungswettbewerbes 2019 erläutert seinen Plan
Aufmaß beim Projekt 2018 – ganz schön abschüssig

image
image
| 111
Trotz der Corona-Situation 2021 konnte der Wettbewerb durchgeführt werden – die Gewinnerin und ihr Plan
Der Siegerentwurf 2019

image
112 |
Die Pillnitzer Gewächshaustage – Besuchermagnet nicht
nur für Gartenfreunde Anfang März
Im zweijährigen Abstand öffnen Anfang März die Pillnitzer
Gewächshäuser ihre Tore für die Öffentlichkeit zu den „Ge-
wächshaustagen“.
In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik und Wirt-
schaft und dem Institut für Züchtungsforschung an Obst
werden Ausschnitte aus der aktuellen Versuchstätigkeit vorge-
stellt. Einen breiten Raum nehmen die Projektarbeiten der
Wirtschafter- und Technikerklassen für Gartenbau ein. Sie
gestalten unter einem Leitthema eigene Ausstellungsbeiträge.
Solche Leitthemen waren in den letzten Jahren zum Beispiel
„Pflanzen blühen und fruchten“ und „Pflanzen wurzeln“.
Besucherandrang bei den Gewächshaustagen 2011
Die Erarbeitung der Beiträge ist Teil der Ausbildung. Um die
besten Ausstellungsbeiträge gibt es einen Wettbewerb, für den
der Verband ehemaliger Dresden-Pillnitzer Prämien bereitstellt.
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022

image
image
image
| 113
Rundgang der Hausleitung durch die Ausstellung 2019
Eine Fachschülerin erläutert der Jury ihren Ausstellungsbeitrag zum Thema
„Wolfsmilchgewächse“ 2012
Der Siegerbeitrag zur Ausstellung „Pflanzen wurzeln“ 2019

image
image
114 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Gartenakademie
Die Gartenakademie konnte ihre Bildungsarbeit für die Frei-
zeitgärtner in vollem Umfang fortsetzen. Die angebotenen
Seminare und Lehrgänge – hier insbesondere auch der
150-Stunden-Lehrgang, bei dem in Zusammenarbeit mit dem
Landesverband Sachsen der Kleingärtner e.V. Gartenfreunde
zu Fachberatern weitergebildet werden – erfreuen sich guter
Nachfrage. Den 150-Stunden-Lehrgang haben, seitdem er in
das Programm der Gartenakademie aufgenommen wurde,
etwas mehr als 200 Gartenfreunde absolviert.
Wie in der Forschungsarbeit berücksichtigt das Lehrgangsan-
gebot für die Gartenfreunde in immer stärkerem Maße die
Fragen, die sich aus dem Klimawandel oder aus anderen Um-
weltproblemen wie dem Insektenrückgang ergeben. Seit 2020
ist die Gartenakademie ein eigenständiges Referat in der Ab-
teilung Gartenbau. Bei der Wissensvermittlung nutzt sie zu-
nehmend moderne Medien. Seit Jahresbeginn 2021 gibt es
monatlich einen Gartenpodcast zu aktuellen Gartenthemen.
Beginnend mit dem Jahr 2022 wird sich die Arbeit der Garten-
akademie auf die Aus- und Weiterbildung von Imkern ausdeh-
nen. 2015 war im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch bereits ein
Lehrbienenstand eröffnet worden, zu dem ein Jahr später vom
Referat Garten- und Landschaftsbau noch ein Lehrgarten
geplant und gepflanzt wurde. Ausgehend von diesem Projekt
richtete der Landesverband Sächsischer Imker e.V. an das
Landesamt die Bitte, auch für Ostsachsen eine solche Weiter-
bildungsmöglichkeit zu etablieren. Diesem Anliegen wird mit
dem Bau eines Lehrbienenstandes in Pillnitz entsprochen.
Dabei soll die künftige Arbeit aber nicht nur auf die Imkerei
beschränkt werden, sondern gleichermaßen die Insektenför-
derung zum Ziel haben. Dieser Zielstellung gemäß trägt das
Projekt die Bezeichnung „Zentrum für Insektenvielfalt und
Imkerei“ des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und
Geologie. Die Eröffnung ist für Sommer 2022 geplant.
Der Neubau des künfti-
gen Zentrums für
Insektenvielfalt und
Imkerei
Podcast zu Themen der Gartenakademie – Frau Seliger stellt die Blühwiesen vor

image
image
| 115
Imkerlehrgänge vor und nach dem 2. Weltkrieg
Bereits in den 30er Jahren bestand am Rande des alten Lehr-
gartens hinter der Scheune ein Lehrbienenstand mit einem
gesonderten, etwa 350 m² großen Garten. Er lag zunächst in
der Verwaltung und Betreuung durch die Staatslehranstalt.
1934 übernahm die Landesgruppe Sachsen des deutschen
Imkerbundes den Lehrbienenstand. Ein Berufsimker betreute
ihn. Die Wochenendlehrgänge hatten sehr guten Zuspruch.
Nach dem Krieg wurden die Lehrgänge wiederbelebt. Prof. Dr.
Wachs, nach Hans Kammeyer 1946/47 kurzzeitig Direktor der
damaligen Versuchs- und Forschungsanstalt für Gartenbau
Pillnitz und Höheren Gartenbauschule zu Pillnitz a. d. Elbe,
notiert 1946 für die „Tägliche Rundschau Berlin“ unter der
Überschrift „Zu neuen Zielen - auf neuen Wegen“: „…
Dieser
Aufgabenkreis (Forschung und Unterricht, die Red.) erweitert
sich in Zukunft in dem Sinne, dass über die bisherige Tätigkeit
hinaus alles das mit aufgenommen wird, was dazu dient, die
kleinen Wirtschaften, insbesondere also die neuen Bauern auf
eigener Scholle, zu fördern und krisenfest zu machen. Betreffs
des Unterrichts ergibt sich die selbstverständliche Aufgabe,
außer den zweijährigen Lehrgängen, die erst zum Herbst 1946
anlaufen sollen, ab sofort Kurzlehrgänge zu schaffen, um
schnellstens Praktiker auf die Beine zu stellen. Zu allen notwen­
digen Kenntnissen des Gemüse­ und Obstbaus kommen also
hinzu: Imkerei und Kleintierzucht, denn das Vorbild von Holland,
Belgien und Frankreich hat mir persönlich schon vor Jahrzehn­
ten gezeigt, welche Werte selbst kleine und kleinste Betriebe
produzieren können, wenn Imkerei und Kleintierzucht, insbe­
sondere Rassekaninchenzucht, allenthalben betrieben werden.
… Bei der Imkerei ist es im Kleinbetrieb fast vollkommen
gleichgültig, welche Grundfläche im Besitz des Bienenhalters
ist. Dabei liegt der Wert dieses ‚Haustiers‘, das sich bei seiner
Sammelarbeit nicht an Gartenzäune und Grenzsteine hält,
bekanntlich nicht nur in den Produkten Honig und Wachs, die
der Imker selbst erntet, sondern die Imkerei stiftet einen umso
vieles höheren Nutzen durch die Tätigkeit der Biene als Be­
fruchterin von Millionen Blüten aller Art. Es entspricht also den
neuen Aufgaben einer neuen Zeit, dass die Gartenbauschule
Pillnitz in Zukunft eine Versuchs­ und Forschungsanstalt für
Gartenbau und Kleintierzucht sein wird, der eine Imkerschule
angegliedert ist“.
Die Imkerlehrgänge begannen im Juni 1946.
Mit dem „Zentrum für Insektenvielfalt und Imkerei“ greift das
Landesamt somit ein Anliegen auf, das schon vor Jahrzehnten
dringend war und heute nicht zuletzt durch die wachsende
Zahl an Hobbyimkern wieder hochaktuell ist.
Bienenstand und verschiedene Einzelbeuten hinter der Scheune des Kammergu-
tes, um 1950
Zeitungsartikel 1946 zur Eröffnung der Imkerlehrgänge in Pillnitz

image
image
image
116 |
Der Pillnitzer Gartentag – Alle Freizeitgärtner und gärt-
nerisch Interessierte können sich informieren
Ein Höhepunkt ist der jährliche Pillnitzer Gartentag. Er findet
seit 1992 regelmäßig am ersten Sonnabend im Juli statt.
Zu diesem Anlass werden die Versuche und Beispielsanlagen
des Gartenbaus der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen den Besucherinnen
und Besuchern an den Versuchsanlagen Rede und Antwort
und geben nützliche Tipps für das umweltgerechte Gärtnern.
In speziellen Faltblättern wird zu ausgewählten Schwerpunk-
ten informiert. Ein Anziehungspunkt ist die Bestimmung von
Krankheiten und Schädlingen.
Die Resonanz auf dieses Angebot ist hoch. Wetterabhängig
wurden bei den letzten Gartentage 1.000 – 1.500 Besucher
gezählt. In den Anfangsjahren organisierten Kleingartenver-
eine an diesem Tag noch Busfahrten nach Pillnitz, so dass die
Besucherzahlen nahezu die 3.000 erreichten.
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Besucher im Gemüsesortiment bei einem der ersten Pillnitzer Gartentage
Die Balkonkästen erfahren viel Aufmerksamkeit 1998
Besucher im Probefeld für Beet- und Balkonpflanzen beim Pillnitzer Gartentag 2006

image
image
| 117
Andrang im Probefeld für Beet- und Balkonpflanzen
Unterschiedliche Hochbeete – Anregungen zum Gartentag 2021

118 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
In seinen „Stellungnahmen zu den außeruniversitären For-
schungseinrichtungen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR im
Bereich Agrarwissenschaften“ vom 27. September 1991 wür-
digte der Wissenschaftsrat die im Institut für Obstforschung
Dresden-Pillnitz erzielten Leistungen auf dem Gebiet der
Obstzüchtung. Des Weiteren empfahl er in diesem Schreiben die
Bildung eines Institutes für obstbauliche Züchtungsforschung
als Teil einer zu gründenden Bundesforschungsanstalt für
landwirtschaftliche und gartenbauliche Pflanzenzüchtung. In
Anlehnung an diese Empfehlung wurde zum 01. Januar 1992
das Institut für Obstzüchtung (IOZ) Dresden als Teil der neu
gegründeten Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kultur-
pflanzen (BAZ) eröffnet. Leiter dieses neuen Institutes wurde
Prof. Dr. Siegfried Schmidt. Räumlich wurde das neue Institut
in dem 1963 in Betrieb genommenen Laborgebäude der dama-
ligen Abteilung Physiologie am Pillnitzer Platz 3a untergebracht.
Damit war ein erster wichtiger Schritt erfolgt, die Obstzüchtung
langfristig am Standort Pillnitz zu sichern.
Ab 1995 wurde durch das Bundesministerium für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten (BMELF) jedoch ein neues Rahmen-
konzept für die Ressortforschungseinrichtungen erstellt. Darin
war es vorgesehen, die Obstzüchtung nach Siebeldingen
(Rheinland-Pfalz) zu verlagern und den Standort Dresden-Pillnitz
aufzugeben. Das führte zu Interventionen durch den Freistaat
Sachsen, den obstbaulichen Berufsstand und die wissenschaft-
liche Gemeinschaft im In- und Ausland. Infolge dieser Interven-
tionen wurden Überlegungen zum Erhalt des Standortes getrof-
fen. Am 17. Juni 1997 wurde dann eine Verwaltungsvereinbarung
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat
Sachsen unterzeichnet. Mit Abschluss dieser Vereinbarung wurde
die dauerhafte Erhaltung des Institutes für Obstzüchtung am
Standort Dresden-Pillnitz besiegelt. Der Freistaat Sachsen ver-
pflichtete sich zur Sanierung und kostenlosen Bereitstellung des
Institutsgebäudes und investierte dafür 4,7 Mio. DM.
Die Baumaßnahmen begannen im Frühjahr 1999. Im gleichen
Jahr übernahm Frau Dr. Magda-Viola Hanke die Leitung des
Institutes (erst kommissarisch und ab 2001 infolge ihrer Beru-
fung). Die Forschungsarbeiten des Institutes wurden über-
gangsweise in ein benachbartes Gebäude verlagert. Die Sanie-
rung ging sehr zügig vonstatten, sodass bereits am 13. Juli 2000
das Laborgebäude offiziell in Betrieb genommen werden konnte.
Gegen Ende des Jahres 2001 wurde auf dem Gelände der ehe-
maligen Königlichen Hofgärtnerei der Bau eines neuen Funk-
tionsgebäudes für den Gewächshausbetrieb fertiggestellt. Kurz
darauf erfolgte am 25. Februar 2002 nach 18-monatiger Bauzeit
auch die Übergabe eines neuen Kabinengewächshauses. Damit
standen dem Institut für Obstzüchtung fortan 31 modern
Das Institut für Obstzüchtung Dresden­Pillnitz (1992­2007)
ausgerüstete Gewächshauskabinen mit einer Nutzfläche von
rund 1.550 m² zur Verfügung. Dieses moderne Gewächshaus
ermöglichte eine individuelle, automatisch gesteuerte Kultur-
führung in jeder einzelnen Kabine. Damit wurde die Grundlage
zur Durchführung vielfältigster Versuche in den Bereichen
Züchtung und Züchtungsforschung geschaffen. Mit dieser In-
vestition des Bundes von insgesamt 4,188 Mio. Euro verbesser-
ten sich die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter des Obst-
züchtungsinstitutes erheblich.
Das Institut für Obstzüchtung hatte von Beginn an die Aufgabe,
Sorten bei Baum- und Beerenobst sowie Unterlagen für den
umweltschonenden Obstbau zu züchten und Entscheidungshil-
fen für das Bundesministerium vorzubereiten. Die züchterischen
Arbeiten waren von jeher auf die Erhöhung der Widerstandsfä-
higkeit gegenüber biotischen und abiotischen Stressfaktoren
sowie auf die Verbesserung der Produktqualität und auf Ertrags-
sicherheit gerichtet. Die Züchtung bei Apfel wurde seit 1978 von
Frau Prof. Dr. Christa Fischer geleitet. Unter ihrer Leitung wurden
zwischen 1985 und 2002 13 „Pi“-Sorten und 14 „Re“-Sorten für
den Anbau zugelassen bzw. freigegeben. Ihr Name ist eng ver-
bunden mit den Pillnitzer „Pi“- und „Re“-Serien in der Apfel-
züchtung. 2002 ging Prof. Dr. Fischer in den Ruhestand. Von da
an übernahm Dr. Andreas Peil diese Aufgabe. Neben der konti-
nuierlichen Weiterführung der Arbeiten begann er unverzüglich
mit dem Aufbau von Pflanzenmaterial für die genetische Kar-
tierung von Merkmalen und die Entwicklung molekulargeneti-
scher Marker. Die Kirschzüchtung wurde von Frau Dr. Brigitte
Wolfram geleitet. Ihre Verdienste liegen vor allem in der Züch-
tung neuer Sorten bei Sauerkirsche und Kirschunterlagen der
PiKu-Serie. Als Dr. Wolfram zu Beginn des Jahres 2001 in den
Ruhestand trat, übernahm Dr. Mirko Schuster diese Aufgabe. Er
führte die von Dr. Wolfram begonnenen Arbeiten kontinuierlich
weiter. Gleichzeitig begann er wieder mit der systematischen
Züchtung neuer Sorten bei Süßkirsche am neuen Standort
Dresden-Pillnitz. Am Ende des Jahres 2000 kam es zur Auflösung
der Außenstelle in Kauscha, wo sich alle Zuchtquartiere der
Süßkirschzüchtung befanden. Da zu diesem Zeitpunkt klar war,
dass Dr. Schuster mit der Züchtung von Süßkirschen beginnen
wird, musste er in kürzester Zeit das in Kauscha stehende Ma-
terial evaluieren und Entscheidungen für eine Aufnahme inte-
ressanter Zuchtklone in den Züchtungsbestand in Pillnitz tref-
fen. Die Erdbeerzüchtung leitete Frau Dr. Barbara Dathe. Ab
2001 wurde Dr. Klaus Olbricht mit dieser Aufgabe betraut. Er
widmete sich in erster Linie Untersuchungen zur Vererbung des
Walderdbeeraromas. Dazu führte er unter anderem Kreuzungen
mit der Sorte 'Mieze Schindler' durch. Bei diesen Untersuchun-
gen zeigte es sich, dass das Aroma der Walderdbeeren vor allem
von dem Stoff Methylanthranilat beeinflusst wird.

image
image
image
image
| 119
Prof. Dr. Schmidt wird in den Ruhestand verabschiedet, 1999
Prof. Dr. Siegfried Schmidt, der erste Leiter des neu
gegründeten Institutes für Obstzüchtung in Dresden-
Pillnitz
Schlüsselübergabe zur Inbetriebnahme des neu sanierten Institutsgebäudes im Juli 2000 an Dr. Magda-Viola
Hanke, der kommissarischen und künftigen Leiterin des Institutes für Obstzüchtung
Das „neue“ Institutsgebäude

image
image
image
image
image
image
120 |
Geschichtlicher Abriss der Gärtnerischen Lehre und Forschung in Pillnitz
Die heutigen Einrichtungen in Pillnitz und ihre Entwicklung 1992 - 2022
Arbeiten unter den alten Laborbedingungen. Ines Hiller (links) und Jürgen Egerer
(rechts)
Gebäude der alten Weinbergsgärtnerei
Kirschkasten in der alten Weinbergsgärtnerei
Die neuen Arbeitsbedingungen nach der Sanierung
Der Bau des Funktionsgebäudes für den neuen Gewächshauskomplex hat begonnen
Die Hülle des neuen Gewächshauses steht

image
image
image
| 121
Zu den Arbeitsschwerpunkten des Institutes gehörten neben der
Züchtung neuer Sorten auch die Erforschung wirtschaftlich
bedeutender Merkmale (z. B. Resistenz, Fruchtqualität) sowie die
Entwicklung neuer Methoden zur Steigerung der Effizienz in der
Züchtung. So konzentrierten sich die Arbeiten von Prof. Dr.
Schmidt zum Beispiel auf die Erforschung möglicher Zusam-
menhänge zwischen dem Polyaminstoffwechsel und der Resis-
tenz gegenüber abiotischen und biotischen Stressfaktoren. Erste
Untersuchungen zur analytischen Erfassung der Fruchtqualität
wurden durch Dr. Günter Sandke durchgeführt und später von
Frau Dr. Christine Grafe fortgesetzt.
Große Anstrengungen wurden Anfang des neuen Jahrtausends
unternommen, um die molekulargenetische Genomforschung
am Institut zu etablieren. Erste Arbeiten in dieser Richtung
wurden durch Dr. Hartmut Schreiber initiiert. Ab 2003 über-
nahm Dr. Frank Dunemann diese Aufgaben. Gemeinsam mit
Frau Anastassia Boudichevskaia, die seit 2001 als Wissen-
schaftliche Mitarbeiterin am Institut arbeitete, begann er mit
der Entwicklung von diagnostischen DNA-Markern für Schorf-
und Mehltauresistenz sowie für Fruchtqualität bei Apfel. Einige
dieser Marker finden bis heute Anwendung in der praktischen
Sortenzüchtung.
Die biotechnologische Forschung erntete durch die Arbeiten von
Frau Dr. Monika Höfer und Frau Prof. Dr. Hanke sowohl national
als auch international hohe Anerkennung. Sämtliche an anderen
Kulturpflanzen erarbeiteten Methoden der Mikrovermehrung,
Embryokultur, Haploidenerzeugung und Protoplastentechnolo-
gie wurden erfolgreich bei vers