UNICEF-Bericht zur Situation der Kinder in Industrieländern
Deutschland nur Mittelmaß
Wie sorgt Deutschland für seine Kinder – internationaler Vergleich
Ein umfassender UNICEF-Bericht zum Wohlergehen der Kinder in Industrieländern zeich-
net ein ernüchterndes Bild der Situation in Deutschland. Deutschland ist nur Mittelmaß,
wenn es darum geht, verlässliche Lebensumwelten für die junge Generation zu schaffen.
UNICEF hat erstmals die zentralen Aspekte der kindlichen Entwicklung in 21 Industri-
eländern in sechs Dimensionen zusammenhängend untersucht: materielle Situation,
Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise und Risiken
sowie eigene Einschätzung der Kinder und Jugendlichen. Deutschland liegt dabei nur auf
Rang 11. Die Niederlande führen die UNICEF-Tabelle als kinderfreundlichstes Land an,
gefolgt von Schweden, Dänemark und Finnland. Besonders schlecht schneiden Großbritan-
nien und die USA ab.
Die Wirtschaftsleistung allein entscheidet nicht über die Situation der Kinder: So steht Tschechi-
en hinsichtlich der materiellen Situation von Kindern besser da als Deutschland, Italien oder
Japan. Armut und eine schlechte Lebenssituation sind dabei nicht nur am geringen Einkommen
der Eltern fest zu machen. So rechnen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien mehr als 30
Prozent der Jugendlichen damit, keine anspruchsvolle Arbeitsstelle zu finden. Mehr als die Hälf-
te der 15-jährigen Deutschen sagen, dass ihre Eltern kaum Zeit haben, sich mit ihnen zu unter-
halten. In Ungarn und Italien machen nur etwa ein Viertel der Jugendlichen diese Erfahrung. Eine
vertiefende Studie für Deutschland zeigt, dass die Situation der Kinder in den einzelnen Bundes-
ländern stark voneinander abweicht. Insbesondere in den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Ham-
burg sind Kinder in hohem Maße armutsgefährdet.
• Den geringsten Anteil in relativer Armut aufwachsender Kinder haben die vier skandinavischen Län-
der. 9 Länder haben die Kinderarmut unter 10 Prozent gedrückt – Deutschland liegt mit 10,9 Prozent
auf dem zehnten Rang.
• Wenn alle OECD-Länder die Zahl der tödlichen Verletzungen auf das Niveau von Schweden drücken
würden, wären das jährlich 12.000 Todesfälle weniger.
• Besorgniserregend ist das Risikoverhalten deutscher Jugendlicher. Hier liegt Deutschland vor Großbri-
tannien auf dem vorletzten Platz. Hauptgrund ist das Rauchen. Etwa jeder zehnte 15-Jährige in den
Industrieländern raucht mindestens einmal pro Woche. In Deutschland sind es sogar mehr als 16 Pro-
zent – trauriger Spitzenplatz, in keinem anderen Land rauchen so viele junge Menschen.
• Beim Alkoholkonsum geben in Großbritannien fast ein Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen
zwischen 11 und 15 Jahren an, zweimal oder öfter betrunken gewesen zu sein. In Deutschland sind es
über 16 Prozent – in Frankreich und Italien unter 10 Prozent.
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
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Zur Situation der Kinder in den reichen Ländern –
der UNICEF-Bericht
Internationale Vergleiche haben sich zumeist auf einzelne Aspekte wie die Förderung der Bildung oder
die materielle Armut konzentriert. Erstmals versucht UNICEF in dem neuen Bericht seines For-
schungsinstituts Innocenti diese eindimensionale Betrachtung zu überwinden.
Die Studie trägt die verfügbaren Daten zu 40 verschiedenen Indikatoren aus internationalen Studien wie
PISA (Programme for International Student Assessment) und HBSC (Health Behaviour in School-age
Children) und Untersuchungen auf Länderebene zusammen. Einzelne Länder wie Japan oder Australien
erscheinen nicht in der Gesamtübersicht, weil nur für einige Teilbereiche Daten vorliegen. Wichtige
Bereiche wie häusliche Gewalt oder frühkindliche Erziehung mussten ausgelassen werden, weil interna-
tional vergleichbare Daten fehlen. Auf solche Lücken hinzuweisen, ist eine Absicht der UNICEF-Studie.
Die UNICEF-Studie stellt das Wohl des ganzen Kindes in den Mittelpunkt und knüpft damit an die
UN-Konvention über die Rechte des Kindes an. Durch den übergreifenden Vergleich von sechs
Dimensionen der Lebenssituation bietet sie Chancen für Prioritätensetzung und gezielte Maßnahmen.
Der Bericht zeigt insgesamt große Unterschiede zwischen den Staaten auf, die sich nicht allein auf die
jeweilige Wirtschaftskraft zurückführen lassen. Im Gegenteil: Es gibt keinen klaren Zusammenhang
zwischen dem Bruttosozialprodukt pro Kopf und der Situation von Kindern.
1. Dimension: Materielle Situation
Um die materielle Lage von Kindern in Industrieländern umfassend zu vergleichen und über den bis
heute vorherrschenden Vergleich der Einkommenssituation der Eltern hinauszugehen, hat das UNICEF-
Forschungsinstitut die jeweils neuesten verfügbaren Daten zu den folgenden Kategorien analysiert:
• Relative Einkommensarmut: der Anteil von Kindern, die in Haushalten leben, denen weniger als die
Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht.
• Arbeitslose Eltern: der Anteil von Kindern, die in Familien aufwachsen, in denen kein Erwachse-
ner einer bezahlten Arbeit nachgeht.
1. Materielle Situation
1 a Relative Einkommensarmut
1 b Arbeitslosigkeit der Eltern
1 c Mangelsituationen
2. Gesundheit
2 a Säuglingssterblichkeit und Geburts-
gewicht
2 b Anteil geimpfter Kinder
2 c Unfälle und Verletzungen
3. Bildung
3 a Schulisches Leistungsvermögen
mit 15 Jahren
3 b Besuch weiterführender Schulen
3 c Übergang in die Arbeitswelt
4. Beziehungen zu Eltern und
Gleichaltrigen
4 a Familienstruktur
4 b Familienalltag
4 c Beziehungen zu Gleichaltrigen
5. Lebensweise und Risiken
5 a Gesunde Lebensweise
5 b Risikoreiches Verhalten
5 c Erfahrungen mit Gewalt
6. Eigene Einschätzung der Kinder
und Jugendlichen
6 a Eigene Gesundheit
6 b Situation in der Schule
6 c allgemeine Zufriedenheit
Die UNICEF-Studie untersucht die Situation von Kindern in Industrieländern
in sechs Dimensionen mit jeweils drei Kategorien:

• Mangelsituationen: Hier wurden Haushaltsumfragen ausgewertet. Kinder wurden gefragt, ob sie
mit ihrer Familie in Urlaub fahren, ob sie einen ruhigen Platz für die Hausaufgaben oder einen PC
haben oder ob ihre Familie mehr als zehn Bücher besitzt.
Insgesamt ist es neun der untersuchten Länder gelungen, den Anteil der relativen Einkommensarmut
unter zehn Prozent zu drücken. Die niedrigsten Anteile finden sich in den vier skandinavischen Län-
dern. Sowohl bei der Einkommenssituation wie auch in der Gesamtbewertung der materiellen Situa-
tion von Kindern schneidet Tschechien besser ab als viele reiche Industriestaaten wie Deutschland,
Spanien, Japan oder die USA. Insgesamt liegt Deutschland hier nur auf Rang 14.
UNICEF betont in der Untersuchung, dass die finanzielle Situation allein nicht ausreicht, um die Situa-
tion der Kinder zu beurteilen. So ist zwar richtig, dass Kinder in den reichen Ländern Armut vor allem
über Ausgrenzung und den Vergleich mit Kindern aus wohlhabenden Familien erfahren. Hierfür ist die
relative Einkommensarmut eine Messgröße. Doch sie greift zum Beispiel zu kurz, wenn der alkoho-
labhängige und spielsüchtige Vater einer Familie zwar mehr als die Hälfte des Durchschnitts-einkom-
mens verdient – vom Einkommen aber für die Familie nichts übrig bleibt. Arbeitslosigkeit ist ein wei-
terer Faktor, der die materielle Situation von Familien bestimmt. Hier schneidet Deutschland besonders
schlecht ab. Nur in Ungarn, Australien und Polen ist der Anteil arbeitsloser Eltern noch höher.
3
Zur Lage der Kinder in Industrieländern: die Rangliste im Überblick
durchschnitt-
licher Rang für
alle Dimensionen
Die Länder sind in der Reihenfolge aufgelistet, die ihrem durchschnittlichen Rang in allen sechs untersuchten Dimensionen ent-
spricht. Ein hellblauer Hintergrund steht für einen Platz im oberen Drittel der Rangliste, mittleres Blau zeigt das mittlere Drittel an,
Dunkelblau steht für ein Abschneiden im unteren Drittel der untersuchten Länder.
Dimension 1
Dimension 2
Dimension 3
Dimension 4
Dimension 5
Dimension 6
Materielle
Situation
Gesundheit
Bildung
Beziehungen
zu Eltern und
Gleichaltrigen
Lebensweise
und Risiken
eigene
Einschätzung
Niederlande
4.2
10
2
6
3
3
1
Schweden
5.0
1
1
5
15
1
7
Dänemark
7.2
4
4
8
9
6
12
Finnland
7.5
3
3
4
17
7
11
Spanien
8.0
12
6
15
8
5
2
Schweiz
8.3
5
9
14
4
12
6
Norwegen
8.7
2
8
11
10
13
8
Italien
10.0
14
5
20
1
10
10
Irland
10.2
19
19
7
7
4
5
Belgien
10.7
7
16
1
5
19
16
Deutschland
11.2
13
11
10
13
11
9
Kanada
11.8
6
13
2
18
17
15
Griechenland
11.8
15
18
16
11
8
3
Polen
12.3
21
15
3
14
2
19
Tschechien
12.5
11
10
9
19
9
17
Frankreich
13.0
9
7
18
12
14
18
Portugal
13.7
16
14
21
2
15
14
Österreich
13.8
8
20
19
16
16
4
Ungarn
14.5
20
17
13
6
18
13
USA
18.0
17
21
12
20
20
_
Großbritannien
18.2
18
12
17
21
21
20
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.

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Besonders interessant: In einigen der besonders reichen Industrieländer berichten Kinder über nur
sehr beschränkten Zugang zu wichtigen Gütern wie Büchern, einem Schreibtisch und Platz für sich
selbst. So liegen Japan und die USA im unteren Drittel der Länder. Deutschland belegt in dieser Hin-
sicht Platz sieben.
2. Dimension: Gesundheit
Deutschland gibt für sein Gesundheitssystem deutlich mehr aus als Schweden oder Dänemark und
belegt trotzdem im Hinblick auf die Gesundheit und Sicherheit von Kindern nur den mittelmäßigen
Platz 12. Schweden dagegen liegt auf Platz 1, Dänemark immerhin auf Platz 4. Der UNICEF-Ver-
gleich umfasst Daten zu Säuglingssterblichkeit und Geburtsgewicht, Impfraten sowie Todesfälle
durch Unfälle und Gewalt. Die Daten belegen allerdings das insgesamt hohe Niveau in den Industrie-
staaten. So konnte die Zahl der Kinder, die durch Unfälle ums Leben kommen, in den letzten 30 Jah-
ren halbiert werden. In den reichen Ländern liegt die Säuglingssterblichkeitsrate durchweg unter 10
von 1.000 Neugeborenen. Zum Vergleich: In den ärmsten Ländern wie Afghanistan und Sierra Leone
sterben jeweils 165 von 1.000 Säuglingen im ersten Lebensjahr - etwa jedes sechste Kind.
Trotzdem bleiben auch in den Industrieländern Unterschiede messbar. So schwankt die Säuglings-
sterblichkeit zwischen 3 pro 1.000 Geburten in Island und Japan und immerhin mehr als 6 in Ungarn,
Polen und den USA. Auch bei der Zahl der Kinder zwischen 12 und 23 Monaten, die gegen die wich-
tigsten Infektionskrankheiten geimpft wurden, gibt es große Differenzen: So sind in Ungarn und
Tschechien, aber auch in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden über 95 Prozent gegen
Masern, Polio, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus geschützt. In Deutschland liegt der Anteil bei
nur 92 Prozent, in Österreich sind es sogar weniger als 85 Prozent.
Materielle Situation von Kindern:
Deutschland auf Platz 14 von 24 Industrienationen
Für die Rangliste wurden Daten zu relativer Kinderarmut, Arbeitslosigkeit der Eltern und Mangelsituationen – z.B. hinsichtlich Urlaubsfahr-
ten, Büchern oder einem Platz für Hausaufgaben – ausgewertet. Die Grafik zeigt die jeweilige Abweichung vom Durchschnittswert 100.
Deutschland liegt dabei hinter Tschechien, Spanien und Australien auf Platz 14.
80 85 90 95 100 105 110 115 120
Schweden
Norwegen
Finnland
Dänemark
Schweiz
Kanada
Belgien
Österreich
Frankreich
Niederlande
Tschechien
Spanien
Australien
Deutschland
Italien
Neuseeland
Griechenland
Japan
Portugal
USA
Großbritannien
Irland
Ungarn
Polen

In vier Ländern – Schweden, Großbritannien, Niederlande, Italien – ist es gelungen, die Zahl tödli-
cher Unfälle auf unter 10 von 100.000 Kindern zu senken. Bis auf die USA und Neuseeland liegen
auch alle anderen zumindest unter 20. Dennoch: Hätten alle Industriestaaten so gute Werte wie
Schweden, würden rund 12.000 Kinder pro Jahr gerettet, die heute noch durch Unfälle zu Tode kom-
men. Jedes Jahr sterben in den OECD-Ländern etwa 3.500 Kinder an den Folgen von Misshandlun-
gen, Gewalt und Vernachlässigung. Nimmt man Unfälle, Vergiftungen, Tod durch Ertrinken oder
Brände hinzu, so kommen dadurch insgesamt jährlich über 20.000 Kinder in den Industrieländern
ums Leben.
3. Dimension: Bildung
Beim Vergleich der Bildungssituation belegt Deutschland mit Rang elf insgesamt wieder einen mitt-
leren Platz. In dieser Beurteilung auf der Grundlage von sechs unterschiedlichen Indikatoren liegen
Großbritannien, Frankreich, Österreich, Italien und Portugal auf den hinteren Plätzen. Die UNICEF-
Studie erfasst zum einen die in den PISA-Untersuchungen erhobenen schulischen Leistungen von 15-
jährigen Schülern in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Deutschland liegt dabei nur auf
Platz 15. Die Grafik auf Seite 6 zeigt, wie sehr die Leistungen auch innerhalb der Bundesrepublik aus-
einanderklaffen. Schüler aus Bayern liegen beim internationalen Vergleich in der Spitzengruppe,
während Bremen zwischen Portugal und Griechenland den vorletzten Platz belegt.
Zusätzlich erfasst die UNICEF-Vergleichsstudie bei der Bildung Daten zum Besuch weiterführender
Schulen - ein Indikator, bei dem Deutschland auf Platz 3 weit vorne liegt. Außerdem fließen Daten
zum Übergang von der Schule in den Beruf in den Vergleich ein. Gemessen wird hier der Anteil der
15- bis 19-Jährigen, die weder zur Schule gehen, noch einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz haben.
Deutschland schneidet auch dabei mit Platz 7 relativ gut ab. Erschreckend schlecht sind hingegen die
düsteren Erwartungen, mit denen viele deutsche Schüler in ihre berufliche Zukunft blicken. Mehr als
30 Prozent der 15-jährigen Deutschen glauben, dass sie später nur einer gering qualifizierten Arbeit
nachgehen werden. In dieser Hinsicht belegt Deutschland Platz 20 von 25 Industrieländern.
4. Dimension: Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen
Die Beziehungen von Kindern und Jugendlichen zu ihren Eltern und zu Gleichaltrigen sind eine wich-
tige Dimension des Wohlbefindens von Jungen und Mädchen – allerdings sind sie schwierig zu mes-
sen und zu bewerten.
International vergleichbare Daten zur Familienstruktur geben aber zum Beispiel Auskunft über den
Anteil der Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen oder in Pflegefamilien leben. Untersu-
chungen haben gezeigt, dass zum Beispiel das Armutsrisiko für Kinder von Alleinerziehenden höher
ist. Insgesamt leben in den untersuchten Ländern circa 80 Prozent der Kinder mit beiden Eltern
zusammen.
UNICEF hat außerdem internationale Umfragen zu den Beziehungen in der Familie ausgewertet.
Dabei beantworteten 15-jährige die Fragen:
• Wie oft essen Eure Eltern die Hauptmahlzeit zusammen mit Euch gemeinsam am Tisch?
• Wie oft nehmen sich Eure Eltern Zeit, um einfach nur mit Euch zu reden?
In der Gesamtwertung dieser Dimension kommt Deutschland auf den unterdurchschnittlichen Platz
13. Bei weitem führend sind hier Italien und Portugal. Die Niederlande liegen auf Rang drei. Hinter
den USA schneidet Großbritannien am schlechtesten ab.
5

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Für die erste Frage wählten in Deutschland mehr als 80 Prozent der Kinder die Antwortmöglichkeit
„mehrmals in der Woche“. Bei der zweiten Frage fiel die Antwort erschreckend aus: Nur etwas mehr
als 40 Prozent der deutschen 15-jährigen gaben an, dass sich ihre Eltern mehrmals in der Woche ein-
fach nur mit ihnen unterhalten. Deutsche Eltern reden offenbar besonders selten mit ihren Kindern -
im Vergleich von 25 Industrieländern liegen sie hier auf dem letzten Platz. Zum Vergleich: In Ungarn
sagten fast 90 Prozent der Jugendlichen, regelmäßig mit ihren Eltern zu sprechen, in Italien über 85
Prozent.
Eine weitere Frage bezieht sich auf die Beziehungen zu Gleichaltrigen. Kinder im Alter von 11, 13
und 15 Jahren wurden gefragt, ob sie ihre Altersgenossen freundlich und hilfsbereit finden. Hier
schneidet Deutschland auf Platz 5 überdurchschnittlich gut ab. Mehr als 70 Prozent der deutschen
Kinder bejahten diese Frage.
Kompetenz der 15-jährigen Schüler in Lesen, Mathematik und
Naturwissenschaften - die Bundesländer im internationalen Vergleich
85 90 95 100 105 110 115 120 125
Finnland
Bayern
Kanada
Australien
Niederlande
Japan
Neuseeland
Sachsen
Belgien
Baden-Württemberg
Schweiz
Schweden
Irland
Tschechien
Frankreich
Thüringen
Island
Deutschland
Österreich
Polen
Saarland
Dänemark
Sachsen-Anhalt
Norwegen
Schleswig Holstein
USA
Rheinland-Pfalz
Ungarn
Niedersachsen
Hessen
Berlin
Spanien
Mecklenburg-Vorpommern
Nordrhein-Westfalen
Brandenburg
Hamburg
Italien
Portugal
Bremen
Griechenland
Die Grafik zeigt die jeweilige Abweichung vom Durchschnittswert 100. Quelle: PISA 2003

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5. Dimension: Lebensweise und Risiken
Übergewicht, Drogenmissbrauch, Risiken beim Sexualverhalten und Gewalt sind Themen der fünften
untersuchten Dimension „Lebensweise und Risiken junger Menschen“. Deutschland belegt dabei
wiederum Rang 11. Schweden und Polen liegen auf Rang 1 und 2, Großbritannien liegt hinter den
USA auf dem letzten Rang.
Ausgewertet wurde zum einen das Verhalten von 11-, 13- und 15-Jährigen im Hinblick auf ihre
Ernährung und Gesundheit. Hier ähneln sich die Ergebnisse in den meisten Industrieländern. Nur rund
ein Drittel der befragten Schüler treibt an fünf Tagen die Woche etwas Sport. Viele Kinder und Jugend-
liche ernähren sich ungesund. In Deutschland kommen zum Beispiel rund ein Drittel der befragten
Schüler ohne Frühstück zur Schule. Nur etwas mehr als 40 Prozent der deutschen Kinder geben an, täg-
lich ein Stück Obst zu essen, im Schnitt sind es in den Industrieländern sogar nur ein Drittel der Schüler.
Größere Unterschiede gibt es beim Übergewicht unter Jugendlichen. Es kommt in den USA besonders
häufig – bei jedem vierten Schüler - und in Polen mit unter 8 Prozent am seltensten vor. In Deutschland
geben immerhin mehr als 10 Prozent der befragten 13- und 15-Jährigen an, Übergewicht zu haben.
Besorgniserregend ist das Risikoverhalten deutscher Jugendlicher, wenn es um Rauchen, Alkohol-
und Cannabiskonsum sowie das Sexualverhalten geht. Hier liegt Deutschland vor Großbritannien auf
dem vorletzten Platz. Hauptgrund für diese schlechten Werte ist das Gesundheitsrisiko Rauchen: Ver-
gleicht man die Daten von insgesamt 29 Industriestaaten einschließlich Russland, so finden sich unter
den befragten 11-, 13- und 15-jährigen nirgendwo so viele Raucher wie in Deutschland. Die Kinder
und Jugendlichen sollten hierfür angeben, ob sie mindestens einmal in der Woche Zigaretten rauchen.
In Deutschland liegen zu diesem Risikoverhalten Jugendlicher nur wenige Daten vor. Diese weisen
allerdings darauf hin, dass es zwischen einzelnen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern und
Bayern große Unterschiede gibt. Ähnlich sieht es beim Alkoholkonsum aus. Etwa 17 Prozent der
befragten 11-, 13- und 15-Jährigen hierzulande erklärten, bereits zweimal oder öfter betrunken gewe-
sen zu sein. Deutschland liegt hier im internationalen Vergleich auf Platz 17 von 21.
Wie stark Risiken für Jugendliche zwischen den deutschen Bundesländern variieren können, zeigt
sich bei der amtlichen Statistik zu Teenagerschwangerschaften. Aus internationaler Perspektive liegt
Deutschland dabei im Mittelfeld (Platz 12). Doch der Vergleich der Bundesländer zeigt, dass Baden-
Württemberg in Europa zur Spitzengruppe mit weniger Teenagerschwangerschaften gehört (unter 8
von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren), während Berlin und Bremen im unteren Drittel lie-
gen (circa 16 Schwangerschaften pro 1.000 Mädchen dieser Altersgruppe). Bei den 15-Jährigen in
Deutschland benutzten etwa 70 Prozent beim Geschlechtsverkehr ein Kondom. In Spanien sind es fast
90 Prozent, in Griechenland, Frankreich, Österreich und der Schweiz immerhin über 80 Prozent.
Wie oft sind Jugendliche Gewalt ausgesetzt? Die wenigen verfügbaren Daten zu dieser Frage hat
UNICEF als dritte Komponente in den Vergleich einfließen lassen. Deutschland steht dabei internatio-
nal gut da. Wie sonst nur in Finnland gaben weniger als 30 Prozent der befragten Jugendlicher an, in
den vergangenen zwölf Monaten in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt gewesen zu sein.
6. Dimension: Eigene Einschätzung der Kinder
und Jugendlichen
Um die Situation der Kinder auch aus ihrer eigenen Perspektive zu beurteilen, hat UNICEF interna-
tionale Umfragen zu den Bereichen Gesundheit, Schule und persönliches Wohlbefinden ausgewertet.
Deutschland schneidet bei diesem Vergleich der subjektiven Sicht von Kindern und Jugendlichen

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noch am besten ab und landet auf Rang 9. Führend sind die Niederlande (1) und Spanien (2). Polen
(19) und Großbritannien (20) liegen hinten.
Die eigene Gesundheit beurteilen über 80 Prozent der befragten Jugendlichen als gut oder sehr gut –
nur in Großbritannien liegt die Zahl niedriger. In Deutschland (Rang 13) bewerten 85 Prozent der
Schüler ihre Gesundheit als gut, in Spanien und in der Schweiz sogar mehr als 90 Prozent. In allen
Ländern und in allen befragten Altersstufen (11, 13 und 15 Jahre) empfinden Mädchen im Vergleich
zu Jungen die eigene Gesundheit deutlich als schlechter.
Auf die Frage „Geht Ihr gern zur Schule?“ gab es nur selten eine positive Antwort. Nur in Norwegen,
Österreich und den Niederlanden sagen mehr als ein Drittel der Schüler, dass sie die Schule sehr
mögen. Deutschland liegt mit knapp 30 Prozent auf Rang 5. Italien, Tschechien und Finnland bele-
gen die letzten Plätze - hier liegt der Anteil der Schüler, die gern zur Schule gehen, bei unter 15 Pro-
zent.
Mit ihrem Leben sind die meisten Jugendlichen trotzdem recht zufrieden. Auf einer Skala von 0 bis
10 Punkten (10 für „das beste mögliche Leben“) siedeln sich mehr als 80 Prozent der befragten
Jugendlichen in allen 21 Industrieländern bei 6 oder höher an. In allen Staaten sind wiederum
Mädchen unzufriedener mit ihrem Leben als Jungen - und zwar umso mehr, je älter sie werden. Mit
11 Jahren liegen Mädchen und Jungen fast noch gleichauf, im Alter von 15 kreuzen nur noch 77,4
Prozent der Mädchen einen Wert von mindestens sechs auf der Skala an, Jungen tun dies immerhin
noch zu 84,5 Prozent.
Ursachen für das deutsche Mittelmaß
Die vertiefende Analyse für Deutschland von Professor Hans Bertram von der Humboldt-Universität
zu Berlin auf Ebene der Bundesländer zeigt, dass wichtige Daten fehlen, um politische Maßnahmen
für Kinder bedarfsgerecht zu planen und ihren Erfolg zu beurteilen. Schon die wenigen vorliegenden
Daten machen jedoch ein enormes Gefälle zwischen den Bundesländern deutlich. In den Ländern am
unteren Ende der Rangliste – Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – häu-
fen sich die negativen Entwicklungen für Kinder. Bertram hält es für fraglich, ob diese Bundesländer
aus eigener Kraft in der Lage sind, die Lebensbedingungen für Kinder so zu verbessern, dass
Mädchen und Jungen, die beispielsweise in Bremen aufwachsen, gleiche Chancen wie Kinder in
anderen Bundesländern erhalten.
In Deutschland haben politische Maßnahmen und Entscheidungen für Familien und Kinder oft nur
wenig bewirkt, weil sie nicht aufeinander abgestimmt und nicht zielgerichtet geplant und durchge-
führt wurden, so die Analyse von Bertram. Auf Bund-, Länder- und Gemeindeebene wird Politik viel-
fach immer noch entlang der Logik und Zuständigkeit einzelner Institutionen betrieben. Es fehlt ein
Gesamtkonzept, das die ökonomische Situation von Familien, die Infrastruktur für verlässliche
Lebensumwelten für Kinder und die Neuorganisation der Aufgabenteilung zwischen Familien und
Institutionen wie Schule, Kindergarten oder Jugendämtern umfasst. Die nordeuropäischen Länder, die
beim internationalen Vergleich die Spitzenplätze belegen, haben es dagegen geschafft, mit einem sol-
chen „Policy Mix“, der umfassende Maßnahmen für Familien integriert und bündelt, die Situation von
Kindern und Familien positiv zu beeinflussen.
Als Beispiel für die in Deutschland vorherrschende fragmentarische Sichtweise führt Bertram die Dis-
kussion über Migrantenkinder an: So wichtig es ist, die sprachlichen Kompetenzen von Kindern mit
nichtdeutschem Hintergrund zu verbessern, so fraglich ist doch, ob allein dies eine bessere Integrati-

9
on der Kinder und Jugendlichen in die deutsche Gesellschaft erreicht. Wenn diese Kinder in Vierteln
leben, in denen kaum noch Kinder mit deutschen Elternhäusern aufwachsen, wird ein schulisches
Sprachtraining nur begrenzt wirksam sein. So haben Kinder mit Migrationshintergrund in anderen
europäischen Ländern trotz guter Sprachbeherrschung große Probleme, in den Arbeitsmarkt oder in
andere Bereiche integriert zu werden.
Für Bertram sagt eine am Kindeswohl ausgerichtete Politik viel über die Zukunftsfähigkeit einer
Gesellschaft aus – entsprechend ernüchternd sind die durchweg mittelmäßigen Ergebnisse der
UNICEF-Studie für Deutschland.
Es ist aber nicht nur eine nationale Frage, verlässliche Lebensumwelten für Kinder zu schaffen.
Lebensumwelten von Kindern entstehen nicht auf nationaler Ebene, sondern in den Kommunen. Inso-
fern, so Bertram, muss eine Politik, die zukunftsorientiert die Lebensbedingungen von Kindern ver-
bessern will, die Kommunen und die Länder einbeziehen. Gleichzeitig macht die sehr unterschiedli-
che Ausgangslage und Entwicklung einzelner Bundesländer und Regionen – von Bayern bis zum
Ruhrgebiet – den Blick auf die Region erforderlich, um zu einem nachhaltigen und wirksamen Poli-
tikmix zu finden.
Bildung – Erziehung – Betreuung
Die Schere zwischen den Bildungschancen für Kinder in den einzelnen deutschen Bundesländern ist
überdeutlich: Auch wenn sich Deutschland bei PISA 2003 gegenüber PISA 2000 leicht verbessert hat,
liegt die Bundesrepublik in beiden Erhebungen jeweils unter dem Durchschnitt. Bei diesen nationa-
len Ergebnissen wird jedoch verdeckt, dass ein Bundesland wie Bayern in den drei PISA-Kompe-
tenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die meisten anderen internationalen Ver-
gleichsländer hinter sich lässt. Auch andere Länder wie Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg
sind in PISA 2003 oberhalb des Durchschnitts der Vergleichsländer platziert.
Hingegen liegen Bundesländer wie Bremen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Berlin und Hamburg
in der Leistungskompetenz ihrer Schüler unterhalb des Durchschnitts, teilweise im letzten Drittel.
Kinder aus Bremen liegen weit hinter den Kindern aus Bayern, Sachsen oder Baden-Württemberg
zurück, und zwar fast genauso weit wie Kinder aus Portugal gegenüber Kindern aus Finnland oder
Japan hinsichtlich ihrer Kompetenzentwicklung (siehe Grafik auf Seite 6).
Nach den Ergebnissen von PISA hat es Deutschland nicht geschafft, Kinder nichtdeutscher Herkunft
in das Schulsystem zu integrieren und ihnen die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen wie Kin-
dern aus deutschen Elternhäusern. In West-Berlin, Hamburg und Bremen kommen 22 bzw. 20 bzw. 16
Prozent der 15- bis 19-Jährigen aus Elternhäusern mit nichtdeutschem Hintergrund, in Bayern dagegen
nur etwas über 9 Prozent. In den meisten Bundesländern ist der Anteil der Kinder nichtdeutscher Her-
kunft, die ohne Abschluss die Schule verlassen, viel höher, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.
So liegt der Anteil dieser Kinder in Hessen in dieser Altersgruppe bei etwa 15 Prozent. Aber 30 Pro-
zent derjenigen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, haben einen solchen Hintergrund.
Ohne integrative und fördernde Angebote gerade für diese Kinder von früh an - von der Kinderkrip-
pe über den Kindergarten bis zur Schule – wird sich nach Einschätzung Bertrams vor allem in den
Städten die doppelte Polarisierung weiter verschärfen: hier die Abwanderung von Familien der Mit-
telschichten in die städtischen Randlagen, dort Quartiere, in denen überwiegend Familien mit nicht-
deutschem Hintergrund leben. Das schlechte Abschneiden der Städte Berlin, Hamburg und Bremen
in den Vergleichsstudien belegt diesen Trend.

10
Gesundheit und Risiken
Hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit weist die Bundesrepublik regional auf der Basis der Daten der
amtlichen Statistik genauso starke Schwankungen auf wie alle von UNICEF untersuchten Länder. So
liegt Sachsen mit 3,2 Todesfällen auf 1.000 Geburten auf dem Niveau von Island und Japan, und auch
Berlin liegt mit 3,3 Todesfällen verhältnismäßig gut. Dagegen befinden sich Nordrhein-Westfalen und
Sachsen-Anhalt mit knapp 5 Todesfällen im unteren Drittel des internationalen Vergleichs, während
Bremen mit 6 Todesfällen auf 1.000 Geburten auch im internationalen Vergleich bei den hoch ent-
wickelten Ländern relativ schlecht dasteht.
Die mittelmäßige Gesamtplatzierung Deutschlands lässt auf Schwächen im deutschen Gesundheits-
system schließen. Obwohl Deutschland nach den Daten der OECD (2005) für das Gesundheitssystem
wesentlich mehr ausgibt als etwa Dänemark oder Schweden, die im Bereich der kindlichen Gesund-
heit den 4. und 1. Platz einnehmen, stellt sich die Frage, warum das dortige Niveau weder in einzel-
nen Bundesländern noch überall in Deutschland zu erreichen ist. In der öffentlichen Debatte um die
Weiterentwicklung der gezielten Unterstützung von Kindern und Familien in Deutschland wird davon
ausgegangen, dass hier keine Mehrkosten entstehen dürfen. Andererseits wird mit großer Selbstver-
ständlichkeit hingenommen, dass die schon jetzt im europäischen Kontext sehr hohen Gesundheits-
kosten in Deutschland weiter steigen werden.
Ökonomische Sicherheit und kindliches Wohlbefinden
Bertram plädiert dafür, wie in der internationalen UNICEF-Analyse die relative Einkommensarmut
zwar als Indikator für die Lebenssituation in den Blick zu nehmen. Faktoren wie Arbeitslosigkeit, der
Besitz von Gütern, die für die Bildung wichtig sind, vor allem aber die Selbsteinschätzung der Kin-
der würden jedoch zu selten thematisiert, um insgesamt verlässliche Lebensumwelten für Kinder zu
schaffen. Es ist beschämend, dass zum subjektiven Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen
keine Daten auf der Ebene der Bundesländer vorliegen, so Bertram.
Die relative Kinderarmut in Deutschland liegt bei 10,9 Prozent, wenn 50 Prozent des Durchschnitts-
einkommens von Familien als relative Armutsgrenze zugrunde gelegt wird. Die Bundesländer Bayern
und Baden-Württemberg liegen mit etwa 7 Prozent relativer Armut auf dem Niveau der nordeuropäi-
schen Länder: Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden weisen Werte zwischen 4 und 5 Pro-
zent aus, die Schweiz rund 7 Prozent und die Niederlande etwa 8 Prozent. Auf der anderen Seite
bewegt sich Mecklenburg-Vorpommern mit 21 Prozent relativer Kinderarmut ähnlich wie Thüringen
und Sachsen-Anhalt in der Größenordnung wie die USA.
Die bessere wirtschaftliche Entwicklung zum Beispiel in Südwestdeutschland führt dort aber nicht
nur zu höheren Einkommen, sondern auch zu höheren Lebenshaltungskosten. Wenn man dies berück-
sichtigt und die relative Kinderarmut am Durchschnittseinkommen in den jeweiligen Bundesländern
misst, ändert sich das Bild – siehe Grafik auf Seite 11. Die Armutsraten in den reichen Bundesländern
liegen dann deutlich höher. In den armen Bundesländern dagegen sinkt bei dieser Betrachtungsweise
der Anteil relativ armer Familien mit Kindern. Insgesamt liegt dann der Anteil der relativen Kinder-
armut in den östlichen Bundesländern sogar niedriger als im Westen. Die Analyse zeigt, wo die
Brennpunkte der Kinderarmut liegen: in den Ballungszentren wie Berlin, Hamburg und Bremen.
Gleichzeitig ist das Risiko für Kinder, in einem Haushalt zu leben, in dem weder Vater noch Mutter

11
Arbeit haben, in Bremen viermal so hoch wie Bayern.
Politik für Kinder
Trotz intensiver Debatten um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft erscheinen Investitio-
nen in das Wohl der Kinder bis heute offenbar als nicht so wichtig wie die Förderung anderer Berei-
che. Obwohl sich die Angebote im Bereich der frühkindlichen Betreuung positiv entwickelt haben, ist
Deutschland hinsichtlich der Bereitschaft, dort zu investieren, im internationalen Vergleich noch ein
Schlusslicht. Deutschland bewegt sich zwar bei den Transferleistungen für Familien mit Kindern auf
dem Niveau anderer europäischer Länder, indem es rund 2 Prozent seines Bruttosozialprodukts für
Kinder aufwendet. Der entscheidende Unterschied etwa zu Frankreich oder Dänemark ist, dass diese
Länder zusätzlich erhebliche Summen in die Entwicklung einer Infrastruktur für Kinder eingebracht
haben. So investierte Dänemark fast 3,8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in finanzielle Transfers
und institutionelle Unterstützungsleistungen für Familien mit Kindern im Vorschul-Bereich. Frank-
reich wendet in diesem Bereich mit 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 50 Prozent mehr auf als
Deutschland.
Vor diesem Hintergrund fordert UNICEF eine Kinderpolitik, die umfassend die Entwicklung der
Chancen und Kompetenzen von Kindern fördert und die Perspektive der Kinder mit einbezieht:
• Verlässliche Lebensumwelten für Kinder lassen sich nur schaffen, wenn Unterstützungsangebote
für Kinder in Krippe, Kindergarten und Schule so organisiert sind, dass Kinder und Eltern sie als
Teil ihrer Lebenswelt begreifen und sie aus ihrer Sicht attraktiv sind.
• Die Integration der Kinder nichtdeutscher Herkunft und weiterer Kinder aus benachteiligten Fami-
lien ist eine zentrale Frage für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Es müssen verstärkt integrative
Angebote entwickelt werden, die gerade diese Kinder in Krippe, Kindergarten und Schule fördern
und ihnen das Gefühl vermitteln, akzeptiert zu werden. In Regionen mit einer hohen Konzentrati-
Relative Kinderarmut - gemessen am Durchschnitt des jeweiligen Bundeslandes
Bayern
Sachsen
Thüringen
Baden-Württemberg
Brandenburg
Mecklenburg-Vorpommern
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen-Anhalt
Niedersachsen
Schleswig-Holstein
Hessen
Nordrhein-Westfalen
Berlin
Hamburg
Bremen
Ostdeutschland insg.
Westdeutschland insg.
Als relativ arm wurden Familien eingestuft, deren Einkommen inklusive aller Sozialleistungen weniger als 50 Prozent des Durchschnittsein-
kommens im jeweiligen Bundesland (=50% des Medians vom durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen) beträgt. Abweichungen zur durch-
schnittlichen Armutsrate zur Grafik auf Seite 4 resultieren aus einer unterschiedlichen Gewichtung der Familienstruktur.
0 5 10 15%

Bereich Grundsatz und Information
I 0020 – 1.000 – 2/07
Der Bericht „Child poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries“
des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti und die Studie „Zur Lage der Kinder in Deutsch-
land: Politik für Kinder als Zukunftsgestaltung“ von Professor Hans Bertram, Humboldt-
Universität zu Berlin, sind unter
www.unicef.de
als Download erhältlich.
on ökonomisch benachteiligter Familien müssen Bildungs- und Förderungsangebote besonders
stark ausgebaut werden – dies ist eine lohnende Investition für die ganze Gesellschaft.
• Die Kommunen müssen begreifen, dass sie mehr tun müssen, um jene Eltern zu halten, die jetzt mit
ihren 4- bis 7-jährigen Kindern die Städte verlassen. Nur über diese Familien besteht die Chance,
dass Kinder unterschiedlicher ethnischer Hintergründe gemeinsam lernen können. Nur so lässt sich
das Auseinanderdriften der Gesellschaft bremsen.
• Die Politik muss ihren zersplitterten, an einzelnen Ressorts orientierten Ansatz zugunsten einer
integrativen Perspektive aufgeben und Kinder in den Mittelpunkt stellen. Die explizite Aufnahme
der Kinderrechte in die deutsche Verfassung und der Einsatz eines Kinderrechtsbeauftragten auf
Bundesebene könnten diese Politik stärken.
• Bis heute ist es nicht möglich, die Lebenssituation der Kinder in Deutschland anhand der von UNICEF
untersuchten sechs Dimensionen kindlichen Wohlbefindens umfassend zu analysieren. Bund, Län-
der und Gemeinden müssen diese Daten systematisch erheben – als Grundlage für zielgerichtete
politische Maßnahmen auf Bundesebene und in den Regionen.
Zur Lage der Kinder in Deutschland: die Bundesländer im Vergleich
durchschnittlicher
Rang (nach vier
Dimensionen)
Die Bundesländer sind in der Reihenfolge aufgelistet, die ihrem durchschnittlichen Rang in vier Dimensionen entspricht. Zur eigenen Ein-
schätzung der Kinder gibt es keine Daten auf Ebene der Bundesländer, in der Dimension Lebensweise und Risiken liegen nur für sechs Bun-
desländer Daten vor. Ein hellblauer Hintergrund steht für einen Platz im oberen Drittel der Rangliste, mittleres Blau zeigt das mittlere Drittel
an Dunkelblau steht für ein Abschneiden im unteren Drittel der Bundesländer. (k.A.: keine Angabe)
Materielle
Situation
Gesundheit
Bildung
Beziehungen
zu Eltern und
Gleichaltrigen
Lebensweise
und Risiken
Eigene Ein-
schätzung
Bundesländer
Baden-Württemberg
2,3
1
1
3
4
k.A.
k.A.
Bayern
4,0
2
5
8
1
2
k.A.
Hessen
5,3
4
7
5
5
4
k.A.
Nordrhein-Westfalen
5,3
7
10
2
2
k.A.
k.A.
Sachsen
7,3
12
3
1
13
k.A.
k.A.
Rheinland-Pfalz
8,3
3
13
14
3
k.A.
k.A.
Hamburg
8,5
10
2
16
6
k.A.
k.A.
Niedersachsen
8,5
6
12
6
10
k.A.
k.A.
Brandenburg
8,8
11
8
4
12
1
k.A.
Saarland
9,0
8
14
7
7
k.A.
k.A.
Schleswig-Holstein
9,5
5
6
12
15
k.A.
k.A.
Thüringen
10,0
9
11
11
9
3
k.A.
Berlin
11
14
4
10
16
6
k.A.
Mecklenburg-Vorpommern
11,3
13
9
9
14
5
k.A.
Sachsen-Anhalt
13,5
15
15
13
11
k.A.
k.A.
Bremen
13,8
16
16
15
8
k.A.
k.A.
Dimension 1
Dimension 2
Dimension 3
Dimension 4
Dimension 5
Dimension 6