Inklusiv – Der Podcast zur schulischen Inklusion in Sachsen
Transkript zu Staffel 3 - Folge 1
00:00:00
Heike Leschner: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge in unserem Podcast zur schulischen
Inklusion in Sachsen. In sechs vorangegangenen Folgen haben wir die Bildungswege und
Entwicklungsmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem
Förderbedarf von der Einschulung bis zum Beginn der Berufsausbildung verfolgt. Dabei waren
sowohl Eltern der Kinder und Jugendlichen zu Wort gekommen und haben ihre Erfahrungen
geschildert, als auch Fachleute aus der Praxis, die als Ausbildungsberater und Vertreter von
Ausbildungsbetrieben die Angebote und Möglichkeiten einer beruflichen Ausbildung für
Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf geschildert haben. In den beiden Folgen der
dritten Staffel sprechen wir diesmal mit Fachkräften darüber, wie sie die Kinder und
Jugendlichen während der Schulzeit bis zum Übergang ins Berufsleben unterstützen und
begleiten. Insgesamt gibt es eine beeindruckende Vielfalt von Unterstützungspersonen aus den
unterschiedlichsten Bereichen mit ganz verschiedenen Schwerpunkten: Zu ihnen gehören
beispielsweise Inklusionsassistenten, Schulassistenten, Praxisberater, Schulsozialarbeiter,
Schulbegleiter und noch andere. Ja, und heute wollen wir darüber sprechen, was eine
Inklusionsassistentin macht, wie sie Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem
Förderbedarf und solchen, bei denen sich aufgrund der individuellen Entwicklung ein solcher
Förderbedarf anbahnt, im Schulalltag helfen kann. Mein Name ist Heike Leschna und ich freue
mich, dass uns Manuela Walther von der Oberschule Chemnitz-Reichenbrand heute von ihrer
Arbeit erzählen wird. Frau Walther, herzlich willkommen!
00:01:31
Frau Walther: Hallo!
00:01:31
Heike Leschner: Frau Walther, wir würden Sie gern ein bisschen näher kennenlernen, bevor wir
uns unterhalten: Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?
00:01:37
Frau Walther: 49.
00:01:38
Heike Leschner: 49 Jahre jung. Und Sie haben natürlich auch eine umfangreiche Ausbildung
hinter sich: Vielleicht wollen Sie uns ein bisschen darüber erzählen, was Sie gelernt haben, wie
Sie ausgebildet worden sind, etwas zu Ihren Qualifikationen? Das wäre ganz interessant.
00:01:51
Frau Walther: Ja, das kann ich gerne tun. Ich habe ganz am Anfang nach meiner Schulzeit einen
Beruf erlernt, ganz normal, Maschinenbauzeichner mit Abitur noch zu DDR-Zeiten. Habe dann

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an der TU Chemnitz ein Jahr lang Mathe und Physik studiert, ich wollte Lehrer werden. Dadurch,
dass die Wende kam, habe ich mich dazu entschieden, das erst mal zu lassen. Es wurden damals
viele Lehrerstellen abgebaut. Ich habe mich dann dazu entschieden, Erzieher zu werden, bin
staatlich anerkannter Erzieher geworden, habe später noch eine heilpädagogische
Zusatzqualifikation erworben, und habe dann angefangen in meinem Träger in der
überbetrieblichen Berufsausbildung zu arbeiten und hatte damals Bauzeichner, was natürlich zu
meiner Vorausbildung gut gepasst hat. Ich habe dort dann berufsbegleitend ein Diplomstudium
in Sozialpädagogik angefangen und bin jetzt ausgebildeter Diplomsozialpädagoge.
00:02:46
Heike Leschner: Das ist eine ganze Menge an Qualifikation, Wahnsinn! Und Ihre beruflichen
Stationen von der ersten Ausbildung bis heute? Was haben Sie schon gemacht?
00:02:53
Frau Walther: Also das war bei meinem Träger. Zwischendrin hatte ich mir zwei Jahre
Erziehungsurlaub. Dann bin ich in die Berufsausbildung gegangen, hatte dort einerseits die
Bauzeichner, aber zwischendrin auch berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Dann hatte ich
auch Holzbearbeiter in der Ausbildung. Zwischendrin hatte ich mich auch zehn Jahre aus der
Pädagogik verabschiedet, bin in den Krankenhaus-Sozialdienst gegangen, und 2016 hat es mich
aber wieder zurückgezogen.
00:03:24
Heike Leschner: Eine sehr umfangreiche berufliche Erfahrung auch. Für welchen Projektträger
noch mal arbeiten Sie im Moment?
00:03:28
Frau Walther: Für den Verein zur beruflichen Förderung und Ausbildung in Chemnitz, VBFA.
00:03:32
Heike Leschner: Ja, in einigen der vorangegangenen Folgen haben wir ja schon sowohl von
Eltern als auch aus den Ausbildungsbetrieben selber erfahren, wie wichtig es für ein Kind/einen
Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist, von einem Inklusionassistenten im
Unterricht und darüber hinaus im Alltag begleitet zu werden. Und deshalb ist es wirklich sehr
interessant, jetzt viel über Ihre Arbeit, Frau Walther und Ihre Aufgaben zu erfahren. Vorab wären
aber noch ein paar Informationen ganz nützlich, die würde ich gerne noch voranschicken: Das
Projekt Inklusionassistent ist ja nun durch umfangreiche Förderung aus dem Europäischen
Sozialfonds und mit zusätzlichen Mitteln aus dem Landeshaushalt möglich geworden und im
Schuljahr 2016/17 an den Start gegangen. Es ist also noch ein recht junges Projekt kann man
sagen, das sich aber schon sehr bewährt hat in den letzten Jahren. Um einmal eine Summe

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aufzurufen: Dafür sind knapp 51 Millionen Euro eingeplant. Momentan kommen 238 sächsische,
allgemeinbildende und berufsbildende Schulen in den Genuss dieser Förderung, und damit ist es
das derzeit größte Inklusionsprojekt im Kultusressort. Die ESF-finanzierte Projektphase läuft bis
zum 31. Juli 2021, und wird auf wissenschaftlicher Basis auch von der TU Chemnitz begleitet
und auch dort ausgewertet. Das also ist die Basis, damit Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen
arbeiten können. Frau Walther: Inklusionsassistentinnen und Assistenten sind ja in der Regel bei
freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe angestellt?
00:04:56
Frau Walther: Ja, das ist richtig.
00:04:57
Heike Leschner: Und übernehmen an einer Schule sehr vielfältige Tätigkeiten, die ganz klar
benannt und strukturiert sind. Denn das Förderprojekt, das ich ja eben schon beschrieben hatte,
schreibt ganz klar vor, dass Sie keinerlei staatliche Pflichtaufgaben übernehmen dürfen. Ja, da
wollen wir also einen genauen Rahmen abstecken: Frau Walther, was gehört zu Ihren Aufgaben
und was nicht? Zunächst: Was umfasst Ihr Aufgabenfeld genau in der Praxis?
00:05:22
Frau Walther: Das Aufgabenfeld der Inklusionsassistenten bezieht sich auf Schüler mit
sonderpädagogischem Förderbedarf darauf, diese bei der Inklusion in die Schule und Klasse zu
unterstützen. Die Klassen dabei zu begleiten, diese Schüler zu integrieren, zu inkludieren, zu
akzeptieren. Und es bezieht sich auch auf Schüler, die in irgendeine Richtung auffällig sind, aber
keinen sonderpädagogischen Förderbedarf bisher haben. Diese präventiv zu unterstützen, sodass
es überhaupt gar nicht erst zu einer Beantragung kommt.
00:05:58
Heike Leschner: Zwei ganz verschiedene Felder und selbst der sonderpädagogische Förderbedarf
wird noch mal aufgesplittet. Da gibt es ja auch ganz, ganz verschiedenen Förderbedarf.
Vielleicht können Sie uns hier einmal ein bisschen die Palette nennen, gerade zu den
Schülerinnen und Schülern, die Sie betreuen. Was tritt da alles auf?
00:06:12
Frau Walther: Also jene, die ich betreue, sind hauptsächlich Schüler mit sonderpädagogischen
Förderbedarf in der sozial-emotionalen Entwicklung. Ich habe aber auch eine Schülerin mit dem
sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen. Bei uns an der Schule werden auch Schüler
unterrichtet im Bereich Hören. Wir hatten bis zum letzten Schuljahr einen Schüler im Bereich
der körperlichen Entwicklung und Schüler im Bereich Sehen. Und dann gibt es noch den
sonderpädagogischen Förderbedarf Sprache.

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00:06:43
Heike Leschner: Wollen wir kurz über die Schülerinnen und Schüler reden, die Sie im Unterricht
unterstützen, Frau Walther? Können Sie uns, damit wir mal ein klares Bild bekommen, wie so ein
Tag bei Ihnen aussieht, einen ganz typischen Arbeitstag schildern, von morgens bis zum Ende
der Arbeitszeit?
00:06:57
Frau Walther: Ja, das kann ich machen. Also meine Arbeitstage sind alle so gestrickt, dass ich
wirklich von 7:30 Uhr bis 14:10 Uhr in der Regel im Unterricht sitze. Ich habe dort einen relativ
stabilen Stundenplan verteilt über alle Klassenstufen, über alle Klassen unserer Schule und
verschiedene Fächer. Sodass jeder Schüler, der im Projekt ist, mich mindestens einmal in der
Woche gesehen hat. Es kommt aber auch darüber hinaus dann dazu, dass mich Lehrer ganz
gezielt fragen „Hast du in der und der Stunde, an dem und dem Tag Zeit? Könntest du da mit
hineingehen? Ich plane eine Gruppenarbeit, es wäre gut, wenn du den Schüler XY dabei
unterstützt“. So, und dann muss ich eben meinen Plan einfach umbauen.
00:07:48
Heike Leschner: Wie viele Kinder betreuen Sie denn insgesamt momentan?
00:07:50
Frau Walther: Also momentan habe ich im Projekt 15 Kinder.
00:07:53
Heike Leschner: Oh, das sind viele.
00:07:55
Frau Walther: Das sind viele. Das ist ursprünglich auch so nicht gedacht gewesen. Ursprünglich
waren für die Schule um die 10 bis 12 angedacht. Es ist aber ein ganz großer Bedarf, da an
Schülern die Unterstützung benötigen.
00:08:08
Heike Leschner: 7:30 bis 14 Uhr reine Unterrichtszeit, Anwesenheit, volle Konzentration,
Unterstützung. Danach ist Feierabend? Oder was kommt dann?
00:08:18
Frau Walther: Nein. Danach kommt die beliebte Dokumentation. Ich muss also alles, was ich an
dem jeweiligen Tag gemacht beziehungsweise beobachtet habe, dokumentieren habe für jeden
Projektschüler ein einzelnes Tagebuch, schreibe alles auf, dass man das alles nachvollziehen
kann. Meine Projekttagebücher sind noch etwas ganz anderes, sie sind eine gute Grundlage für
die Entwicklungsberichte. Also da kann man dann auch im Zusammenhang einmal über einen
ganz langen Zeitraum bestimmte Dinge verfolgen. Und meine Projekttagebücher sind sehr

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hilfreich bei Elterngesprächen. Neben der Dokumentation betreibe ich natürlich auch intensives
Literaturstudium, beispielsweise habe ich mir mal ein Buch hergenommen rund um den
Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung, habe das durchgearbeitet und hab das auf
sechs A4-Seiten zusammengefasst und den Kollegen im LernSAX zur Verfügung gestellt.
Momentan lese ich das Buch rund um den Förderschwerpunkt Lernen, um das auf die gleiche
Weise den Kollegen zur Verfügung zu stellen. Ja, und parallel dazu hab ich im LernSAX einen
Ordner Konzentrationstraining eingerichtet für die kleineren Klassen und stelle dort einmal im
Monat verschiedene Übungen ein, die sie zu Hause nutzen können, wenn sie das möchten. Und
dazu gab es auch schon ganz nette, positive Rückmeldungen, bei denen Kinder mir dann selber
geschrieben haben „Vielen Dank, das kann ich gut gebrauchen“. Gerade heute kam ein Schüler
zu mir, der gesagt hat: „Ich habe alles gemacht, haben Sie wieder neue“? Und es ist natürlich
super, wenn man das dann macht.
00:09:58
Heike Leschner: Tolles Feedback!
00:09:59
Frau Walther: Ja.
00:10:00
Heike Leschner: Dann machen Sie es genau richtig. Sie sind ja eine richtige Multiplikatorin.
Wenn Sie 15 Kinder momentan betreuen, wie ist das? Wir nehmen jetzt einmal einen kleineren
Ausschnitt, also eine ganz klassische Unterrichtsstunde. Betreuen Sie ein Kind gleichzeitig oder
können das auch mehrere sein während dieser Stunde? Zwei, drei?
00:10:16
Frau Walther: Also es können mehrere sein. Das kommt darauf an, ich sage jetzt einmal, wie der
Lehrer seinen Unterricht geplant hat. Es ist ja auch wichtig, die Differenzierung innerhalb einer
Klasse zu unterstützen. Wenn es ein Stoffgebiet gibt, in dem ein Lehrer zum Beispiel festgestellt
hat, drei Schüler brauchen hier noch mal dringend eine zusätzliche Erklärung, die müssen ein
bisschen langsamer machen, denen muss man das noch mal Schritt für Schritt erklären; dann
kann es durchaus sein, dass der Kollege sagt „Geht bitte mal zusammen in die Ecke oder hinaus,
um das langsam zu bearbeiten, während die anderen schon schwierigere Aufgaben lösen“.
00:10:53
Heike Leschner: Sie haben vorhin schon beschrieben, Frau Walther, Sie konzentrieren sich auch
darauf, dass das Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf in die Gruppe integriert ist, sozial
und beim Lernen. Ist das auch der große Schwerpunkt, auf den Sie achten? Und wie funktioniert
das?

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00:11:07
Frau Walther: Also es ist ein großer Schwerpunkt auf jeden Fall. Vor allen Dingen, weil es ja der
erste Übergang von der Grundschule in die Oberschule, die fünften Klassen, natürlich nicht
einfach haben. Das heißt, am Anfang des Schuljahres ist es so, dass ich mich etwas stärker auf
die Fünfer fokussiere, dort während der ersten Wochen viel, viel häufiger im Unterricht mit
Laufer, aber dann noch nicht helfe, sondern nur mitlaufe. Ich beobachte die Klassenstruktur:
Wie funktioniert das? Wer kommt mit wem klar, wer gar nicht? Dort ist es dann auch so, dass
im Anschluss mit den Fachkollegen Sitzpläne besprochen werden, um mit dem Klassenlehrer
dann zu gucken: Passt das so? Müssen wir etwas verändern? Und dort geht es ja schon los:
Entweder ist ein Kind mit Förderbedarf gekommen, ich nehme jetzt einmal diesen sozial-
emotionalen Bereich heraus, weil das der am schwierigsten zu bearbeitende Bereich ist. Das sind
die Kinder mit Verhaltensprobleme. Ursachen dafür gibt es viele, aber es würde wahrscheinlich
jetzt zu weit führen, wenn ich das hier ausführen würde. Die haben ja in der Regel ein
Verhalten, was einerseits beim Lehrer nicht gut ankommt, andererseits aber auch bei den
Mitschülern nicht gut ankommt. Dafür zu sensibilisieren ist eigentlich die Aufgabe am Anfang
und das zieht sich bei uns an der Schule durch die ersten drei Schuljahre hindurch, also sogar
bis zur Klasse sieben. Dort haben die Schulsozialarbeiterin, die Beratungslehrerin und ich über
GTA ein Projekt ins Leben gerufen.
00:12:42
Heike Leschner: Was ist GTA?
00:12:44
Frau Walther: GTA heißt „Ganztagesangebot“. Das nennt sich „Wie werde ich gut erwachsen“.
Und das ist bei den Fünfern mit einer Stunde in der Woche etabliert. Dort machen wir mit denen
Sozialtrainings Kommunikation zu „Was ist Mobbing“, in den Sechsern und Siebenern kommen
die Suchtfelder mit hinein, Konzentrationstrainings. Also all die Kompetenzen, die man im Leben
braucht, die aber wiederum auch dafür da sind, das Miteinander in der Klasse zu stärken oder
überhaupt den Umgang miteinander. Und diese Stunde bietet aber zusätzlich dazu Raum, wenn
Vorfälle waren, in Pausen, im Unterricht, bei denen die untereinander nicht klargekommen sind,
diese dort zu besprechen. Das hat sich an sich gut bewährt, weil dort die Klassen auch für
Mitschüler, die doch ein nicht so schönes Verhalten teilweise zeigen, sehr sensibilisiert sein. Also
es ist ja schon gut, wenn die den einfach akzeptieren, wie er ist und nicht noch anstacheln.
00:13:41
Heike Leschner: Also Sie merken schon, dass es greift, diese Stunde zu machen und das vor
allem auch regelmäßig. Sehr schön. Reicht diese eine Stunde aus pro Woche?

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00:13:49
Frau Walther: Nein, ich denke, Sozialkompetenztrainings kann man viel stärker machen. Aber
dazu reicht der Tag dann nicht. Aber wir setzen das fort in Klasse sechs, da ist es auch noch eine
Stunde in der Woche und ab Klasse sieben wird es dann weniger. Da ist es dann eine Stunde im
Monat.
00:14:06
Heike Leschner: Welches Lernmaterial gibt es denn? Welches erstellen Sie denn zusätzlich und
können Sie auch verwenden, in Absprache mit den Lehrkräften? Das können Sie ja natürlich
nicht autark machen, ohne den Lehrerinnen und Lehrern Bescheid zu geben.
00:14:18
Frau Walther: Das ist richtig. Ich spreche das vorher mit den Kollegen ab. In Mathe zum Beispiel
habe ich einen Malfolgenzettel zum Ein-mal-Eins erstellt. Oder zum Bruchrechnen eine
Übersicht. Was gehört zum Dezimal-Bruch, welche Prozentzahl? Das sind Dinge, die ich den
Schülern geben kann. Und das sind aber auch Dinge, die nicht nur Schüler erhalten, die ich jetzt
unmittelbar im Projekt habe. Also das könnte jeder Schüler bekommen, wenn der Fachkollegen
einverstanden ist. Und das sind die meistens. Es ist nur klar die Regelung, dass das in Arbeiten
nicht verwendet werden darf. Aber zum Üben und zum Lernen kann ich das ja grundsätzlich
verwenden.
00:14:56
Heike Leschner: Wir haben schon vorhin ein bisschen auch ganz konkret die Unterrichtsstunde
angesprochen, wie Sie mit den Lehrern interagieren, die ja vorne gerade den Unterricht
abhalten. Wo ist denn eigentlich die Grenze zwischen Ihren Aufgaben und denen der Lehrkräfte
generell, nicht nur während des Unterrichts? Wie sind denn die Aufgaben verteilt? Auch was das
soziale Lernen in der Klasse betrifft, die Betreuung bei der Gruppenarbeit und all so was? Wie
regeln Sie das?
00:15:21
Frau Walther: Also es ist so, dass die Lehrer ja normal ihren Lehrplan zu erfüllen haben, ihren
Stoff zu vermitteln haben. Das ist etwas, was ich nicht mache, nicht kann, nicht darf. Ich bin
kein Lehrer. Aber Hilfe zu geben beim Üben, beim Verstehen des Stoffs, das kann ich natürlich
machen. Und in der Regel ist es so, dass der Kollege vorher gesagt hat, was er da gezielt macht
und wo ich helfen kann.
00:16:51
Heike Leschner: Also die Verantwortung für den Unterricht trägt natürlich der Lehrer oder die

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Lehrerin. Und es wäre auch nicht möglich, dass Sie Lehrkräfte vertreten, zum Beispiel
Hausaufgaben erteilen oder so was?
00:17:01
Frau Walther: Nein.
00:17:31
Heike Leschner: Sie haben es schon angedeutet, wenn Sie aufschreiben, was Sie während des
Unterrichts alles gemacht haben, wie die kleinen Erfolge waren und so weiter – das alles muss
ausgewertet werden. Dann kommt auch die Erfolgsdokumentation mit ins Spiel. Auch
Integrationsberater und Schulsozialarbeiter fassen die Entwicklung des Kindes in
Dokumentationen zusammen. Was fällt, was diese Rubrik Erfolgsdokumentation angeht, also um
wirklich die Leistungskurve des Kindes festzuschreiben und zu beobachten, alles in Ihrem
Bereich als Inklusionsassistentin?
00:18:06
Frau Walther: Meine Dokumentation auf jeden Fall, und dann die Zuarbeit zu
Entwicklungsberichten und Förderplänen. Also dort arbeite ich auch eng mit den Kollegen
zusammen. Ich sehe die Schüler ja durchaus in den Klassen und dort werde ich auch gefragt:
„Wie hat er sich entwickelt“? Wir legen unsere Beobachtungen alle nebeneinander und dann
sitzen wir zum Teil auch zusammen und schreiben die Berichte.
00:18:30
Heike Leschner: Erstellen Sie auch Gutachten?
00:18:31
Frau Walther: Nein. Das darf ich nicht!
00:18:33
Heike Leschner: Auch die Beurteilung für Zeugnisse gehört nicht dazu?
00:18:34
Frau Walther: Nein. Ich kann Zuarbeiten leisten, wenn ich gefragt werde, aufgrund meiner
Beobachtungen: Das wird auch gemacht. Aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu schreiben.
00:18:47
Heike Leschner: Sehr wichtig wird das Miteinander von Lehrkräften und Inklusionassistenten ja
auch in dem Fall, dass bei einem Kind mit Schwächen in der Entwicklung Wege gefunden
werden, damit möglichst kein sonderpädagogischer Förderbedarf entsteht. Das ist ja Ihr zweiter
Einsatzbereich, Frau Walther: Wie kann so etwas ablaufen? Das klingt für mich noch ein
bisschen abstrakt. Das ist sicherlich auch ganz knifflig und man kann man es auch nicht so

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verallgemeinern, wahrscheinlich - Betreuen Sie denn momentan solche Kinder, bei denen diese
Gefahr besteht?
00:20:05
Frau Walther: Also ich habe Kinder, bei denen einfach die Gefahr besteht, Förderbedarf
beantragen zu müssen. Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten fallen ja häufig darunter.
00:20:19
Heike Leschner: Aber das ist noch kein sonderpädagogischer Förderbedarf?
00:20:21
Frau Walther: Nein, das ist es noch nicht! Der sonderpädagogische Förderbedarf würde dann in
der sozial-emotionalen Entwicklung gestellt werden, in der es einfach meine Aufgabe ist, den
Schüler zu sensibilisieren für sein Verhalten im Sinne einer Selbst- und Fremdeinschätzung -
und das immer in enger Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit, mit der Klassenlehrerin - um
eine Beantragung in diese Richtung zu verhindern.
00:20:51
Heike Leschner: Hatten Sie denn während Ihrer Berufsjahre als Inklusionsassistentin schon
Kinder oder ein Kind bei denen das wirklich funktioniert hat und Sie es geschafft haben mithilfe
aller anderen, die natürlich unterstützend zur Seite stehen, – Schulsozialarbeiter und so weiter,
und die Lehrer, – dass dort wirklich kein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt worden
ist?
00:21:13
Frau Walther: Es werden Schüler präventiv in dieses Projekt aufgenommen, die zum Beispiel
eine Dyskalkulie haben, eine Rechenschwäche: Das sind also Kinder, die in Mathe ganz große
Probleme haben, die mit fehlenden Grundlagen aus der Grundschule kommen. Was man ja auch
wissenschaftlich belegen kann und weiß ist dass wenn man immer wieder Misserfolge hat, es ja
auch ganz schnell zu einer Schulunlust kommt, und diese Kinder habe ich zum Teil im Projekt.
Nicht alle, es gibt ja auch jene, die damit ganz gut zurechtkommen oder die zur Nachhilfe
gehen. Ich hatte eine Schülerin, die habe ich von Klasse sechs weg betreut, im Zuge der
Dyskalkulie. Andersherum sage ich mal so: Präventiv kann die ja dort auch sein. Die baut eine
Schulunlust auf, es kommt zu Verhaltensproblemen und dann braucht man den
sonderpädagogischen Förderbedarf sozial-emotional oder „L“, also einen von den beiden. In dem
Moment, wenn ich aber in Mathe unterstützen kann und sie trotz allem immer mal wieder ein
Erfolgserlebnis hat, verliert sie die Lust an der Schule nicht mehr.

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00:22:21
Heike Leschner: Und die Motivation bleibt, das ist ja das wichtigste.
00:22:21
Frau Walther: Genau, ja. Danke!
00:22:21
Heike Leschner: Toll!
00:22:27
Frau Walther: Und diese Schülerin hat es geschafft, einen Hauptschulabschluss zu machen und
den noch nicht mal am schlechtesten.
00:22:33
Heike Leschner: Haben Sie da eigentlich auch regelmäßige Abstimmungen mit den Lehrkräften,
was jetzt die Unterrichtsvorbereitung und so weiter betrifft? Ist es regelmäßig?
00:30:03
Frau Walther: Also das ist relativ regelmäßig im Sinne dieser Pausengespräche. Dadurch, dass
ich in den Pausen mit im Lehrerzimmer bin, kommt es natürlich ganz häufig zu diesen
Austauschen. Was auf jeden Fall regelmäßig stattfindet, ist eine wöchentliche kleine
Dienstberatung, die bei der Schulleiterin ist. Daran nehmen die Schulsozialarbeiterin, die
Beratungslehrerin, die Integrationslehrerin, die für sozial-emotional zuständige Lehrerinnen,
welche die Sprach- und LAS-Kinder betreut und ich teil. Wir stimmen uns wöchentlich zu
bestimmten Schülern ab, hinsichtlich des Förderbedarfs: Wie ist der Weg? Wo geht es hin? Wer
macht was? Also diese Netzwerkerei, die funktioniert bei uns wirklich richtig gut.
00:28:05
Heike Leschner: Das sind jetzt keine Freizeitaktivitäten, soweit ich das jetzt in Erfahrung
gebracht habe, die Inklussionsassistenten und -assistentinnen mit tragen, sondern doch
Unternehmungen im regulären Schulbetrieb, was ja auch einiges sein kann. Dort kommen sie
auch mit zum Zuge. Was könnte das betreffen? Schulausflüge, Sportfeste, ja was eigentlich
genau?
00:28:46
Frau Walther: Ja, Sportfeste, Theaterbesuche, Wandertage.
00:28:49
Heike Leschner: Klassenfahrten, Exkurse. Alles, was mit der Schule zu tun hat.

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00:28:49
Frau Walther: Genau. Aber es könnte auch ein Ganztagsangebot sein, in das ich unterstützend
hingehen kann, wenn ein Kind aus irgendeinem Grund vielleicht sonst nicht teilnehmen könnte.
00:29:04
Heike Leschner: Wie oft übernehmen Sie solche Aufgaben? Wie oft fällt so was an außerhalb?
00:29:08
Frau Walther: Also das ist relativ selten. Wie gesagt, die Ganztagsangebote sind relativ selten.
Das einzige ist dieses Projekt „Erwachsenwerden”, das die Beratungslehrerin durchführt, in dem
praktisch die Schulsozialarbeiterin und ich als soziales Team dieser Schule mitwirken und
mithelfen und mitgestalten. Ansonsten sind es alle schulischen Ausflüge, denen ich dann eben
in einer bestimmten Klasse zu einer bestimmten Situation zugeteilt bin. Oder eben, wenn die
Klasse an dem Tag eine Exkursion macht, dass es dann heißt „Könntest du bitte mitgehen”?
00:29:48
Heike Leschner: Okay, also alles in enger Abstimmung mit den Lehrerinnen und Lehrern, wie im
Unterricht eben auch. Das haben wir auch schon ausgiebig und beeindruckend besprochen.
Müssen Sie eigentlich auch Vorgaben Ihres Projektträgers berücksichtigen? Gibt es die?
00:30:58
Frau Walther: Es gibt insofern Vorgaben des Projektträgers, als dass diese ganze Dokumentation
natürlich zu erfolgen hat, nach einerseits vorgelegten Formularen, die zu verwenden sind.
Andererseits haben wir einen Ablaufplan, wie so ein Schuljahr strukturiert ist, was ja praktisch
in der Maßnahmenkonzeption auch stand. Wie das einzuhalten ist: im August das Kennenlernen
der neuen Schüler, die Aufteilung der Projektteilnehmer und so weiter. Die Teilnahme an
Elterngesprächen. Ansonsten ist es dann relativ frei im Sinne von: Beobachtung im Unterricht,
Helfen im Unterricht und so weiter.
00:31:34
Heike Leschner: Die Elterngespräche haben Sie jetzt gerade schon angedeutet. Also gucken wir
mal über den berühmten Tellerrand, also über das Schulgelände ein bisschen hinaus. Die Eltern
sind natürlich jetzt die wichtigsten Partner, auch was die Verbindung zum Kind betrifft: Machen
Sie das eigentlich auch gemeinsam mit den Lehrkräften, oder können Sie das auch von sich aus
so organisieren?
00:31:59
Frau Walther: Also Elterngespräche zu organisieren fällt nicht in den Aufgabenbereich eines
Inklusionsassistenten: Das machen die Lehrkräfte. Natürlich haben wir uns im Vorfeld
abgesprochen. Natürlich ist klar: „Bei diesem Kind liegt dies und jenes vor. Wir brauchen ein

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Elterngespräch, wir müssen mit den Eltern sprechen”. Wir haben uns sicherlich meist vorher
auch schon einen Fahrplan gemacht: "Wo soll es hingehen? Was wollen wir eigentlich mit den
Eltern besprechen?" Und ja, dann wird das gemeinsam geführt, und dort ist, das habe ich am
Anfang schon gesagt, meine Dokumentation ist zum Teil sehr hilfreich, weil es doch manchmal
so ist, dass die Eltern ein ambivalentes Verhältnis zum Lehrer haben können.
00:32:42
Heike Leschner: Es ist manchmal so, ja!
00:32:43
Frau Walther: Es ist manchmal so und es ist einfach für die Eltern schöner, wenn ein
Außenstehender, der nicht der Lehrer ist, Dinge beobachtet, aufgeschrieben hat und den Eltern
einfach geben kann und sagen kann: „Hier lesen Sie das. So ist es momentan, so ist es mir
aufgefallen. Und hier müssen wir unbedingt etwas machen”: Das wird für die Eltern greifbarer.
00:33:04
Heike Leschner: Es ist auch konkreter, wenn Sie Beispiele mit einbringen.
00:33:06
Frau Walther: Konkreter, und es ist eben wirklich ein Unbeteiligter: Es ist ein Außenstehender,
der eigentlich als Unterstützer für das Kind da ist.
00:33:16
Heike Leschner: Der Vertreter und Anwalt des Kindes, genau. Also unterstützen Sie die
Lehrkräfte bei der Elternarbeit, aber was Sie eben auch machen, wie Sie es geschildert haben,
ist, Informationen für Beratungen der externen Partner zuzuarbeiten, also wie Jugend- und
Sozialämtern, Kliniken, medizinischen Fachkräften, Unterstützungspartner, oder machen das
alles nur die Lehrer? Liefern Sie Informationen?
00:33:40
Frau Walther: Also es ist in der Regel so, dass wir dort gefragt werden. Die Schulsozialarbeiterin
und ich können das gemeinsam machen, damit das Bild rund wird. Es wäre jetzt, glaube ich
falsch, für eine Klinik eine Zuarbeit zu machen, die sehr einseitig ist. Hauptaufgabe ist es, den
Lehrer dabei zu unterstützen: Er muss es machen, aber es ist schön, dass unsere Lehrer zum
Beispiel wirklich so aufgeschlossen sind, dass die alles heranholen, was es an Informationen
gibt, um einfach ein rundes Bild abzugeben, und da sind unsere Zuarbeiten natürlich gefragt.
00:34:10
Heike Leschner: Es ist also schon ganz klar strukturiert, wo sie Ihre Hände sozusagen mit
hineinstecken können und was nicht Ihr Feld angeht, und über das dichte Netzwerk habe ich

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mich vorhin schon geäußert. Es ist schon wirklich sehr beeindruckend, betrifft aber nicht nur die
Schule, sondern wie gesagt auch externe Partner und ich weiß auch, dass
InklusionassistentInnen regional wie auch überregional sehr, sehr gut vernetzt sind. Sie nicken
gerade, Frau Walther: Wie läuft das? Wie intensiv sind Ihre Kontakte? Wie halten Sie diese?
Worüber tauschen Sie sich mit wem aus? Vielleicht können Sie uns da Ihr Netzwerk ein bisschen
schildern, auf das Sie auch zugreifen, was dann wieder den Kindern zugutekommt?
00:34:45
Frau Walther: Also in meinem Träger, der VBFA, sind wir sechs Inklusionsassistenten und zwei
Schulsozialarbeiter, die direkt beim Träger verortet sind. Wir treffen uns natürlich regelmäßig
und können uns austauschen.
00:35:03
Heike Leschner: Das ist in welchen Abständen ungefähr?
00:35:04
Frau Walther: Also einmal Monat auf jeden Fall zur Dienstberatung, und dort schließen wir
meistens auch so einen kleinen Austausch an. Und wir sind Inklusionsassistenten an
unterschiedlichen Schulformen: Wir haben also von der Förderschule über die Oberschulen bis
zur Berufsschule alles dabei.
00:35:22
Heike Leschner: Da kann man gut voneinander profitieren, denn die Erfahrungen sind ganz
unterschiedlich.
00:35:26
Frau Walther: Ja, genau. Dann finden regelmäßige Arbeitstreffen der TU statt. Gestern war erst
ein Online-Arbeitstreffen: Dort hatte man natürlich sofort Kontakt zu den Inklusionassistenten
überall hier in Sachsen, also denen, die an diesem Arbeitstreffen teilnehmen, und dann gibt es
verschiedene Plattformen wie die der TU. Darüber sind die Inklusionsassistenten Sachsen-weit
miteinander vernetzt. Also dort kann man sofort auch Anfragen stellen, und man bekommt in
der Regel auch in Antworten von den Fachkollegen.
00:35:57
Heike Leschner: Es gibt ja auch noch ein paar Fachtagungen und und Arbeitstreffen an der TU
Chemnitz und zwar bietet die TU Chemnitz im Rahmen der ESF-Förderung solche an, bei denen
ja bestimmte Themen auch vertieft werden können. Davon haben Sie auch schon immer einiges
in Anspruch genommen, wenn ich das jetzt so richtig heraushöre?

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00:36:14
Frau Walther: Richtig, ja. Also die Fachtage finden einmal im Jahr statt. Die sind immer sehr
interessant, weil dort wirklich verschiedene Vorträge zu ganz verschiedenen Themen gehalten
werden. Dann ist dort meist auch das Kultusministerium vertreten durch einen Kollegen vom
Kultusministerium, wo man auch noch mal in Austausch gehen kann, bei dem man auch Fragen
loswerden kann.
00:36:36
Heike Leschner: Rufen Sie auch manchmal einen Kollegen an, den Sie aus den Arbeitstreffen
oder auch aus den Tagungen kennen und sagen: „Ich komme jetzt hier an einem Punkt nicht
weiter - Hast du damit Erfahrung”? Gibt es so was auch?
00:36:46
Frau Walther: Also, das gibt es ja, aber eher selten. Also ich versuche es dann schon. Ich habe
halt das Glück, dass wir so ein Team von Inklusionsssistenten bei uns im Träger haben, also ich
muss gar nicht großartig woanders hingehen.
00:37:00
Heike Leschner: Wie Sie das hier schildern, mag ich gar nicht fragen, ob diese Arbeitstreffen
oder die Fortbildungen mehr bringen? Ich glaube, das ist für Sie ein großes Ganzes und Sie
schöpfen aus allem gleichermaßen?
00:37:12
Frau Walther: Richtig: Genauso kann man es sagen! Ich suche mir eben schon die Themen
heraus, die ich für wichtig empfinde. Gestern ging es zum Beispiel um psychische Störungen im
Kindes- und Jugendalter, eine Problematik, mit der wir an der Schule zu tun haben, wo ich dann
einfach sage: "Das kann ich dort vertiefen, ich habe dort gestern auch einen Fall eingebracht."
Und ja, es war auch schon interessant, die verschiedenen Antworten zu bekommen und zu
merken: „Okay, wir haben zwar unsere Grenzen erreicht in diesem Falle, aber wir haben auch
alles richtig gemacht bisher”.
00:37:41
Heike Leschner: Dieser Austausch unter Kolleginnen und Kollegen und auch die Fortbildung ist
schon sehr wichtig für die praktische Arbeit, und den würden Sie nicht missen wollen?
00:37:49
Frau Walther: Nein, missen wollen würde ich den nicht: Ich halte das für sehr wichtig. Auch die
Fachtage, welche die TU für uns anbietet, mit den Thematiken, die da drin sind, halte ich schon
für eine gute Sache.

Inklusiv – Der Podcast zur schulischen Inklusion in Sachsen
Transkript zu Staffel 3 - Folge 1
00:38:01
Heike Leschner: Was ist denn momentan, wenn sie an die Kinder denken die Sie momentan
betreuen, gerade die größte Herausforderung? Ich merke ja bei Ihnen, dass Sie wirklich mit sehr
viel Herzblut an die Sache herangehen. Sie müssen keine Namen nennen, aber vielleicht haben
Sie ein Beispiel, bei dem Sie gerade sagen „Oh, da möchte ich dies und jenes unbedingt mit dem
Kind zusammen schaffen, aber es ist auch eine große Anstrengung, eine große
Herausforderung.”?
00:38:30
Frau Walther: Also ich sage mal, schaffen möchte ich schon, dass alle Kinder, die irgendwo ein
Problem haben, gut integriert sind und gut durch die Schulzeit kommen.
00:38:37
Heike Leschner: Das ist klar.
00:38:38
Frau Walther: Mein Herzblut natürlich momentan an mehreren Stellen!
00:38:48
Heike Leschner: Das können Sie ruhig schildern: Wir sind ganz neugierig!
00:38:51
Frau Walther: Genau. Also die Schülerin zum Beispiel mit Förderbedarf „L”, also Lernen, gut
durch ihren Matheunterricht zu bekommen und zu unterstützen, damit sie eben in der
Schulaufgabe nicht versagt, sondern eine gute Arbeit schreibt, auch fachübergreifend, das ist
mir ganz wichtig. Und gerade so ein aktuelles Beispiel war gestern dass sie eine gute Note in
einem Fach bekommen habe und darauf bin ich sehr stolz, dass sie das so hingekriegt hat.
00:39:23
Heike Leschner: Weil das nicht selbstverständlich ist.
00:39:24
Frau Walther: Richtig!
00:39:25
Heike Leschner: Sehr schön. Da weiß man auch, was man erreicht hat mit der Betreuung.
00:39:27
Frau Walther: Ja, aber sie hat auch gut geübt! Sie hatte auch einen guten Rückhalt. So was ist
schön!
00:39:35
Heike Leschner: Was wir natürlich jetzt bisher ein bisschen außen vorgelassen haben, aber ich

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Transkript zu Staffel 3 - Folge 1
habe es schon im Hinterkopf, ist natürlich: Wir gucken immer nach den Erfolgen, weil das
wichtig ist. Nach der Motivation, nach der Zuversicht: Prinzip Hoffnung. Das ist natürlich ganz
wichtig in Ihrer Arbeit. Aber es gibt natürlich auch Grenzen, die Sie wahrscheinlich auch spüren,
wo Sie merken, dass Sie inhaltlich nicht mehr weiterkommen, wo vielleicht auch das Maximum
des Möglichen an Förderung und Unterstützung erreicht und ausgeschöpft ist: Werden diese
Grenzen vielleicht auch durch die Rahmenbedingungen des Projektes mit abgesteckt?
00:40:07
Frau Walther: Es sind den Grenzen immer dann gesetzt, wenn die Schule alles Mögliche in ihrem
Rahmen gemacht hat, alle Unterstützungssystem aktiviert sind und diese nicht greifen. Das kann
unterschiedliche Ursachen haben: Die können im Kind liegen, die können im Elternhaus liegen.
Das sind dann unsere Grenzen, wo man dann einfach schauen muss: "Wie geht es weiter?" So
einen Schüler gab es auch bei uns an der Schule. Den hatte ich auch relativ zeitig ins Projekt
hineinbekommen. Von diesem Schüler mussten wir uns leider dann insofern verabschieden, als
dass wir da lange mit den Eltern gesprochen haben und die haben für den Jungen eine neue
Schule gesucht.
00:40:51
Heike Leschner: Okay.
00:40:52
Frau Walther: Um zu gucken, ob nicht eine Umfeldänderung für ihn besser ist, denn an der
Schule war alles ausgeschöpft.
00:41:00
Heike Leschner: Aber auch das kann man gemeinsam entscheiden und versuchen, eine neue Tür
aufzumachen für das Kind?
00:41:04
Frau Walther: Genau! Dafür sind die Eltern ganz wichtig in unserer Elternarbeit. Es ist natürlich
nicht schön für Eltern, das zu hören.
00:41:11
Heike Leschner: Aber Niederlagen gehören auch dazu.
00:41:16
Frau Walther: Ja. Dort die Eltern abzuholen, auch Verständnis zu haben, wenn die dann erst mal
frustriert sind, das ist ganz wichtig, aber es ist umso schöner wenn man Eltern hat die sagen:
"Okay. Es geht los."

Inklusiv – Der Podcast zur schulischen Inklusion in Sachsen
Transkript zu Staffel 3 - Folge 1
00:41:28
Heike Leschner: Was motiviert denn eigentlich eine Motivatorin der Kinder selbst für ihre
Arbeit? Wodurch werden Sie motiviert, Frau Walther?
00:41:37
Frau Walther: Also ich bin motiviert dadurch, dass ich genau das mache was ich eigentlich
immer machen wollte.
00:41:42
Heike Leschner: Also die reine Überzeugung?
00:41:44
Frau Walther: Also ich bin sehr überzeugt von dem, was wir hier tun. Ich habe ja schon erzählt,
dass ich berufsbegleitend Sozialarbeit studiert habe und ich hatte in meinem Studium schon
den Bereich „Inklusion an Schule” belegt - das war damals ganz neu, 2004, relativ neu - und ich
war begeistert von dem Film, den wir da angeschaut haben: Da ging es um eine Grundschule in
Berlin, die Inklusion schon betrieben haben, und ich habe gedacht: "Das ist es, das brauchen wir
hier auch!" 2016 war ich dann so weit, dass ich gesagt habe: "Ich will wieder zurück in die
Pädagogik.", und dann kam gerade dieses Projekt. Ich habe also praktisch bei meinem alten
Träger, den ich zwischendrin verlassen hatte, angerufen, die haben gesagt: „Ja, schön, dass du
wiederkommst und wir hätten da…”, und da habe ich gesagt: „Das ist viel für mich wie gemacht.
Es geht los!”.
00:42:32
Heike Leschner: Manchmal passt es!
00:42:33
Frau Walther: Ja, manchmal passt es und das hat gepasst. Wie soll ich sagen? Ich bin natürlich
ein ganz straffer Verfechter von Inklusion im Sinne von: Es müsste eine Schule für alle geben,
also für mich dürfte es überhaupt keine Differenzierungen geben von Schulen, von Standorten,
sondern ich hätte ja gerne alles in einer Schule, egal ob behindert, egal ob normal, egal ob
Gymnasiast. Aber das sind natürlich Dinge, da muss sich ein komplettes Schulsystem
umstrukturieren, aber das braucht Zeit und das braucht Räume und das braucht auch
neugebaute Schulen. Und das sind einfach Dinge, die finanzielle Grenzen haben.
00:43:15
Heike Leschner: Das ist natürlich eine richtig große Vision. Aber ich denke, in solchen Berufen
wie dem Ihren braucht man so was auf jeden Fall. Das ist eine ganz große Vision. Ich frage
einmal ein bisschen kleiner: Was würden Sie sich denn für Ihre Arbeit und Ihre Kolleginnen und
Kollegen künftig wünschen? Was ist noch offen? Was wäre denn erst mal machbar und

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umsetzbar? Müssten noch Bedingungen angepasst und verändert werden, oder wo sagen Sie:
„Also hier muss auf jeden Fall nachjustiert werden.”?
00:43:40
Frau Walther: Wenn ich es auf unsere Schule beziehe, dann muss ich vielleicht sagen: Als ich
hier angefangen habe, war es einfach so, dass das Lehrerkollegium sehr gespalten war. Ein Teil
hat gesagt: „Oh, schön, dass es sie gibt”, und ein anderer Teil hat gesagt: „Noch jemand in
meinem Unterricht: Brauche ich nicht, will ich nicht!”. Das hat sich in diesen vier Jahren jetzt
gut aufgelöst. Es gibt überhaupt keinen Lehrer mehr, der sagt: „Ich will dich gar nicht in meinem
Unterricht haben”, und es gibt ganz, ganz viele, die mittlerweile kommen und eben so, wie ich
es vorhin gesagt habe, ganz gezielt sagen: „In der Stunde habe ich das und das vor. Ich will eine
Gruppenarbeit machen, aber da ist ja der und der Schüler drin. Kannst du mit reinkommen,
damit wir das alles gut regeln, dass der schön in seiner Gruppe arbeiten kann?” und so weiter,
und das macht es eigentlich richtig schön.
00:44:31
Heike Leschner: Das könnte man sich für andere auch wünschen, auf jeden Fall, weil das optimal
funktioniert. Das haben Sie super geschildert! Das ist so eine riesige Erfolgsgeschichte ehrlich
gesagt, wenn man so etwas erreicht, dass kein Lehrer also mehr sagt: „Ich brauche dich
eigentlich nicht in meinem Unterricht.”, sondern man jetzt auch die Arbeit der
Inklusionsassistenten zu schätzen weiß.
00:44:49
Frau Walther: Genau, ja.
00:44:49
Heike Leschner: Da haben Sie wirklich viel geschafft! Dann wollen wir Frau Walther gemeinsam
wünschen und hoffen, dass das Förderprojekt auch ab dem 1. August 2021 noch weitergeführt
werden kann.
00:45:00
Frau Walther: Ja, das wäre sehr wünschenswert für die Schüler, Lehrer und auch Eltern.
00:45:07
Heike Leschner: Ja, welches Fazit ziehen wir denn nun? Inklusionsassistentinnen und Assistenten
sind absolut wichtig im inklusiven Unterricht für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf
und in Ihrem Fall auch darum, wenn sich andeutet, dass es zu diesem Förderbedarf kommen
könnte, dieses versuchen zu verhindern, in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften. Sie können
natürlich nur Ihr eigenes Beispiel schildern, ihre eigenen Erfahrungen. Absolut top, ich sehe es

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Transkript zu Staffel 3 - Folge 1
an Ihrem Gesicht: Befreit, fröhlich und wirklich zufrieden. Es gibt natürlich immer noch Dinge,
die man ändern kann. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit den Eltern, dass die
funktioniert. Das Netzwerken, damit man sich immer wieder austauschen kann mit Kollegen,
damit das Projekt weitergeht, das wäre ganz wichtig. Vielen Dank für Ihre tolle Arbeit, die Sie da
machen und dass Sie genau Ihre Berufung gefunden haben. Das ist immer ganz wichtig das zu
schaffen im Leben, und vor allem Frau Walther, dass Sie uns so einen tiefen, aussagekräftigen
Einblick in Ihren Alltag und Ihre so wichtige Arbeit gewährt haben. Alles Gute für Sie, erst
einmal.
00:46:05
Frau Walther: Danke schön!
00:46:06
Heike Leschner: Ja, und ich hoffe, Sie haben jetzt beim Zuhören umfassend erfahren, wie
Inklusionassistenten arbeiten und wie sie Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im
Unterricht und darüber hinaus auch unterstützen können. Und an dieser Stelle möchte ich Sie
auch sehr gerne schon zur zweiten Folge dieser dritten Staffel mit dem Thema
„Berufseinstiegsbegleitung, besondere Unterstützung beim Übergang von der Schule in die
Berufsausbildung” einladen: Hier wird Ihnen dann eine erfahrene Berufseinstiegsbegleiterin aus
ihrem Arbeitsalltag berichten. Sie bekommen also viele wertvolle Hintergrundinformationen und
Details, wie der Start ins Berufsleben gut vorbereitet werden kann und von welcher Seite Sie auf
Rat und Unterstützung bauen können. Ja, und sollten Sie unsere beiden Vorgängerstaffeln mit
jeweils drei Folgen noch nicht gehört haben, kann ich Ihnen beide nur ans Herz legen, denn
damit sind Sie rundum über alle Bildungswege der schulischen Inklusion in Sachsen im Bild, Sie
bekommen Anlaufstellen und Ansprechpartner genannt, Unterstützungsmöglichkeiten und
Förderprogramme. Letztendlich sind die Schilderungen der Eltern und der Fachkräfte ein ganz,
ganz wichtiger Grundstock und für Sie eine wertvolle Entscheidungshilfe wenn es um den für Ihr
Kind passenden Bildungsweg geht und die anschließende Berufsausbildung. Also ich hoffe, wir
treffen uns dort wieder.