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SächSiScheS
StaatSarchiv
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2014

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Der Historiker und Flurnamensammler Erich Baldauf im Kreis einer Bauernfamilie
im erzgebirgischen Lauterbach bei Marienberg, 1935 (Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden, 13403 Sächsische Flurnamenstelle, Nr. 2408).
Mehr dazu lesen Sie im Beitrag von Jörg Ludwig.

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 1
Seite
2
Der rechtliche und organisatorische Rahmen
Die Novellierung des Sächsischen Archivgesetzes
Silke Birk
4
Die Novellierung des Sächsischen Archivgesetzes – Die wichtigsten Änderungen
Arnd Vollmer
6
Baumaßnahmen des Sächsischen Staatsarchivs abgeschlossen –
Feierliche Eröffnung des Staatsarchivs Chemnitz markiert den Abschluss
Raymond Plache
8
14. Mai 1954: Vor 60 Jahren wurde die „Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut
bei bewaffneten Konflikten“ unterzeichnet
Thomas-Sergej Huck
10
Aus den Beständen
Audiovisuelle Bestände Leipziger Pionierfilmstudios im Sächsischen Staatsarchiv
Volker Petzold
13
Der Abglanz und das Werk – Ein Grübelstück über das Verhältnis von Unikat/Original/Kopie/Digitalisat
Stefan Gööck
15
„Ehe ich aus diesem Leben scheide ...“ – Dokumente zu Walter Cramer im Stadtarchiv Leipzig
Birgit Horn-Kolditz
18
Risswerke ergänzen Überlieferung zum Steinkohlenwerk Zauckerode
Peter Hoheisel
18
„Damit etwas bleibt“ – Die Grundmühle bei Hohnstein (Sächsische Schweiz) und ein neuer Bestand
im Hauptstaatsarchiv Dresden
Gisela Petrasch
20
Nutzerfreundliche Archivfindmittel nach aktuellen Standards – Retrokonversion des Findbuchs zum Bestand 20025
Amtshauptmannschaft Borna im Staatsarchiv Leipzig
Frauke Gränitz
22
Flurnamenforschung in Sachsen
Jörg Ludwig
24
„Die Völkerschlacht bei Leipzig. Ereignis und Erinnerung“ – Eine Ausstellung im Staatsarchiv Leipzig
Gerald Kolditz
26
Weitere Meldungen und Berichte
250 Jahre Unitätsarchiv (Archiv der Evangelischen Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine)
Rüdiger Kröger
28
Archivgut ins Netz! – Archivfachliche Anpassung des DFG-Viewers geplant
Susanne Laux
29
Auf dem Weg ins Web 2.0 – Ein Schwerpunkt des Landesverbandes Sachsen im VdA
Thekla Kluttig
31
Rock ’n’ Roll im Vortragsraum – Die besondere Bestandsvermittlung der Bibliothek des Sächsischen Staatsarchivs
Denise Stubert
32
Auszubildende des mittleren Verwaltungsdienstes informieren sich im Staatsarchiv Chemnitz
Judith Matzke
Inhalt

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 2
Die Novellierung des Sächsischen Archivgesetzes
Der Sächsische Landtag hat in seiner Sitzung
am 27. November 2013 das Gesetz zur Än-
derung des Archivgesetzes für den Freistaat
Sachsen beschlossen. Das Gesetz wurde am
17. Januar 2014 im Sächsischen Gesetz- und
Verordnungsblatt verkündet und ist am 1. Fe-
bruar 2014 in Kraft getreten.
Mit diesem Gesetz wurde das Sächsische Ar-
chivgesetz erstmals seit seinem Inkrafttreten
am 15. Juni 1993 umfassend novelliert. Lang-
jährige Vorarbeiten, an denen viele Kollegin-
nen und Kollegen beteiligt waren, konnten so-
mit zu einem erfolgreichen Abschluss geführt
werden. Die öffentlichen Archive im Freistaat
Sachsen erhalten damit nach zwanzig Jahren
eine modernisierte Rechtsgrundlage, die es
ihnen ermöglicht, die auf das Archivwesen
einwirkenden Veränderungsprozesse in Ge-
sellschaft und Verwaltung zukünftig bewäl-
tigen zu können.
Entstehung und Gesetzgebungsverfahren
haben eine längere Zeit in Anspruch genom-
men als ursprünglich geplant. Die sächsische
Staatsregierung hatte am 30. November 2010
einen Referentenentwurf des Sächsischen
Staatsministeriums des Innern zur Anhörung
freigegeben. Nach einer schriftlichen Anhö-
rung der kommunalen Landesverbände, des
Landesverbandes Sachsen im Verband deut-
scher Archivarinnen und Archivare e.V. und
des Sächsischen Datenschutzbeauftragten im
Januar 2011 sowie nach intensiven Abstim-
mungen zwischen den Sächsischen Staatsmi-
nisterien wurde im Juni 2012 der Regierungs-
entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Archivgesetzes für den Freistaat Sachsen in
den Sächsischen Landtag eingebracht (Druck-
sache 5/9386).
Mit dem Gesetzentwurf verfolgte das Sächsi-
sche Staatsministerium des Innern von Beginn
an folgende Hauptziele:
– Sicherung der elektronischen Überlieferung
des Freistaates Sachsen
– Verbesserung des Zugangs zu Archivgut
– Stärkung der Position der kommunalen
Archive
– Verbesserung des Schutzes von Archivgut
als Kulturgut
Im parlamentarischen Verfahren wurde der
Gesetzentwurf im Innenausschuss des Land-
tages beraten. Nachdem dieser schriftliche
Stellungnahmen der kommunalen Landes-
verbände angefordert hatte, beschloss er in
seiner Sitzung am 13. September 2012, eine
öffentliche Anhörung durchzuführen. In der
Folge kam es leider zu Verzögerungen, weil
die Anhörung zwei Mal verschoben werden
musste. Im Juni 2013 fiel sie sprichwörtlich
ins Wasser und musste aufgrund der damals
herrschenden Hochwassersituation, von der
auch das Landtagsgebäude betroffen war,
abgesagt werden.
Schließlich fand die Anhörung am 5. Sep-
tember 2013 unter Beteiligung der folgenden
Sachverständigen, die von den Fraktionen des
Landtages benannt worden waren, statt:
– Dr. Jens Blecher, Universitätsarchiv Leipzig
– Marina Brandt, Selbständige Archivarin
Andreas Bürgel, Sächsischer Landkreistag e.V.
– Bettina Martin-Weber, Bundesarchiv
– Dr. Clemens Rehm, Verband deutscher
Archivarinnen und Archivare e.V. (VdA)
– Grit Richter-Laugwitz, Landesverband
Sachsen im VdA
– Dr. Udo Schäfer, Kulturbehörde
Hamburg – Staatsarchiv
– Dr. Christian Schnoor, Institut für
Informationsordnung e.V.
– Anne Vogel, Sächsischer Städte- und
Gemeindetag e.V.
Das Protokoll der öffentlichen Anhörung ist
über die Internetseite des Sächsischen Land-
tages unter
www.edas.landtag.sachsen.de
abrufbar. Der Innenausschuss hat die öffent-
liche Anhörung in seiner Sitzung am 14. No-
vember 2013 ausführlich beraten. Fraktions-
übergreifend wurde dabei geäußert, dass es
sich um eine interessante und hochwertige
Anhörung gehandelt habe. Den Sachverstän-
digen ist es dabei insbesondere gelungen,
deutlich zu machen, dass sich das Archivrecht
in einem „Dreiecksverhältnis“ zwischen Infor-
mationszugang, Datenschutz und Kulturgut-
schutz bewegt und es gilt, in diesem Span-
nungsverhältnis einen verfassungskonformen
Ausgleich zu finden. Im Hinblick auf Aspekte
des Kulturgutschutzes in § 8 wurde dem Ge-
setz eine Vorbildfunktion zugesprochen. Von
den Vertretern der kommunalen Ebene wur-
den der Entwurf insgesamt und insbesondere
auch die Änderungen in § 13 (Kommunale
Archive) begrüßt.
Im Rahmen der Sitzung des Innenausschus-
ses wurden Änderungsanträge der Fraktionen
CDU und FDP, DIE LINKE sowie BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN erörtert. Die Änderungsanträ-
ge der CDU und FDP-Fraktion wurden mit
der entsprechenden Stimmenmehrheit im
Ausschuss angenommen. Damit wurden
insbesondere Bedenken des Sächsischen
Datenschutzbeauftragten, Andreas Schurig,
aufgegriffen, der das Gesetzgebungsverfah-
ren in allen Phasen konstruktiv und weiterfüh-
rend begleitet hat. Auf seine Vorschläge sind
deshalb der neu eingefügte § 17 (Besondere
personenbezogene Daten) sowie Klarstellun-
gen in den §§ 9 Absatz 2 und 10 Absatz 1 des
Gesetzes zurückzuführen.
In der zweiten Lesung des Gesetzentwurfs am
27. November 2013 wurde fraktionsübergrei-
fend die Notwendigkeit der Modernisierung
des Archivrechts, insbesondere im Hinblick auf
die Archivierung elektronischer Unterlagen,
betont, um einen „digitalen Gedächtnisver-
lust“ zu verhindern.
Das novellierte Sächsische Archivgesetz bietet
nunmehr die Grundlage dafür, dass sich alle
öffentlichen Archive im Freistaat Sachsen,
insbesondere das Sächsische Staatsarchiv, die
kommunalen Archive in Kreisen, Städten und
Gemeinden und die Universitätsarchive, auf
dem erreichten hohen Niveau auch weiterhin
zu den Forschungsinfrastrukturen entwickeln
können, die von „jedermann“ – Bürgern, Ver-
waltung, Rechtsprechung sowie Wissenschaft
und Forschung – zu immer neuen, großen und
kleinen Fragen und Vorhaben benutzt werden
können.
Silke Birk
(Sächsisches Staatsministerium
des Innern)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 3

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Die Novellierung des Sächsischen Archivgesetzes –
Die wichtigsten Änderungen
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 4
Das Sächsische Archivgesetz (SächsArchivG)
vom 17. Mai 1993 hat sich in den vergange-
nen zwei Jahrzehnten in der Praxis bewährt.
Gleichwohl hat sich vielfältiger Novellierungs-
bedarf gezeigt, zumal in der Vergangenheit
Änderungen des Gesetzes jeweils nur einzelne
Aspekte betrafen.
Nach mehrjährigen Vorarbeiten (siehe den
Beitrag von Silke Birk in diesem Heft) ist das
Gesetz zur Änderung des Archivgesetzes für
den Freistaat Sachsen am 27. November 2013
vom Landtag beschlossen worden und trat am
1. Februar 2014 in Kraft.
Die Novellierung bringt zahlreiche interessan-
te Neuerungen mit sich. Ein Schwerpunkt ist
die Anpassung der Vorschriften zu Anbietung
und Übernahme vor dem Hintergrund der zu-
nehmenden Bedeutung elektronischer Unter-
lagen. Weitere wichtige Änderungen betreffen
die Kommunalarchive. Auch hinsichtlich der
Benutzung gibt es Verbesserungen, die zu ei-
nem sachgerechten Ausgleich der Interessen
des Benutzers und der Personen, zu denen
im Archivgut Angaben enthalten sind, führen.
Dieser Beitrag soll einen Überblick über die
wichtigsten Änderungen geben.
Verwaltungsunterlagen entstehen bei den Be-
hörden und sonstigen anbietungspflichtigen
Stellen in zunehmendem Maße in ausschließ-
lich elektronischer Form. Das betrifft etwa
die IT-gestützte Vorgangsbearbeitung, elekt-
ronisch geführte Register oder sonstige Fach-
verfahren. Diese Entwicklung war bei Erlass
des Archivgesetzes im Jahr 1993 noch nicht
abzusehen. Ein Aspekt der Novellierung war
daher die Sicherstellung der ordnungsgemä-
ßen Überlieferung elektronischer Unterlagen.
Durch eine Änderung der gesetzlichen Defini-
tion des Begriffs „Unterlagen“ wird deutlicher
als bisher zum Ausdruck gebracht, dass die
Speicherungsform unerheblich ist und somit
auch Aufzeichnungen in jeder denkbaren elekt-
ronischen Form potentielles Archivgut sind.
Bereits bisher gehörte zu den Aufgaben des
Staatsarchivs die Beratung der anbietungs-
pflichtigen Stellen bei der Schriftgutverwal-
tung. Diese erstreckt sich nun auf die Führung
elektronischer Unterlagen: Das Staatsarchiv
ist anzuhören, wenn Behörden, Gerichte oder
sonstige öffentliche Stellen Systeme der In-
formationstechnologie einführen oder we-
sentlich ändern, soweit dies mit Hinblick auf
die spätere Archivierung der damit geführten
elektronischen Unterlagen erforderlich ist. Das
Gesetz stellt nunmehr ebenfalls klar, dass auch
elektronische Unterlagen anzubieten sind, die
einer laufenden Aktualisierung unterliegen.
So wird sichergestellt, dass auch Daten aus
elektronisch geführten Registern, Datenban-
ken und vergleichbaren elektronischen Fach-
verfahren anzubieten sind, obwohl sie nicht
im eigentlichen Sinne geschlossen, sondern
ständig fortgeführt werden. Die Modalitäten
sind mit der anbietungspflichtigen Stelle ab-
zustimmen; denkbar ist etwa die Übernahme
des Registers in bestimmten Zeitabständen.
Detailregelungen zur Anbietung und Über-
nahme elektronischer Unterlagen können
durch das Staatsministerium des Innern durch
Rechtsverordnung getroffen werden; eine
entsprechende Verordnungsermächtigung ist
in das Gesetz aufgenommen worden.
Unterlagen sind auch dann dem zuständigen
öffentlichen Archiv anzubieten, wenn Vor-
schriften in anderen Gesetzen, z. B. aus Grün-
den des Datenschutzes oder Geheimschutzes,
deren Löschung bzw. Vernichtung anordnen.
Man spricht hier von der Funktion der Archi-
vierung als Löschungssurrogat. Dies wird im
Archivgesetz deutlicher als bisher zum Aus-
druck gebracht. Darüber hinaus wird klarge-
stellt, dass auch Unterlagen anzubieten sind,
die personenbezogene Daten enthalten, deren
Speicherung unzulässig war. Hintergrund ist,
dass auch unrechtmäßige staatliche Daten-
verarbeitung dokumentiert werden soll für die
nachträgliche Nachvollziehbarkeit, Überprü-
fung und Kontrolle durch Verfassungsorgane,
Gerichte, die Wissenschaft oder die Presse
sowie zu Beweiszwecken für die Betroffenen
bzw. Geschädigten. Unterlagen mit unrecht-
mäßig gespeicherten Daten sind besonders zu
kennzeichnen, damit bei der Benutzung die in
diesem Fall in besonderem Maße schützens-
werten Interessen der Betroffenen berücksich-
tigt werden können. So sehen die Vorschriften
des Archivgesetzes zur Benutzung vor, dass
diese einzuschränken oder ganz zu versagen
ist, wenn Grund zur Annahme besteht, dass
schutzwürdige Belange Betroffener oder Drit-
ter der Benutzung entgegenstehen. Dies ist
etwa im Falle von Archivgut mit unrechtmäßig
gespeicherten personenbezogenen Daten be-
sonders zu prüfen.
Eine Frist für die Übergabe von als archivwür-
dig bewerteten Unterlagen an das zuständige
öffentliche Archiv fehlte bisher. Nun ist ge-
regelt, dass die anbietungspflichtigen Stellen
die Unterlagen, deren Archivwürdigkeit das
zuständige Archiv festgestellt hat, binnen
sechs Monaten an dieses übergeben müssen.
Wird die Archivwürdigkeit verneint, hat die an-
bietende Stelle die Unterlagen zu vernichten,
wenn nicht Rechtsvorschriften oder Belange
der Betroffenen entgegenstehen.
Wenn staatliche Stellen bzw. ihre Aufgaben
auf nichtstaatliche Stellen, z. B. die kommuna-
le Ebene, übertragen oder privatisiert werden,
Benutzersaal im Bergarchiv Freiberg (Foto Peter Hoheisel)
ist sicherzustellen, dass die Unterlagen, die bis

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 5
zum Zeitpunkt der Übertragung entstanden
sind, dem Sächsischen Staatsarchiv ange-
boten werden. Dazu ist die Regelung aufge-
nommen worden, dass im Falle einer solchen
Aufgabenübertragung alle zum Zeitpunkt der
Änderung vorhandenen Unterlagen zu erfas-
sen sind, ein entsprechendes Verzeichnis dem
Sächsischen Staatsarchiv zu übermitteln ist
und die Unterlagen, wenn sie zur Erfüllung
der Aufgaben der nunmehr nichtstaatlichen
Stelle nicht mehr benötigt werden, diesem
anzubieten sind.
Die Novellierung zielt auch auf einen besseren
Schutz des Archivguts. So ist festgelegt, dass
Archivgut grundsätzlich in seiner ursprüng-
lichen Form zu erhalten ist, d. h., dass z. B.
Archivgut auch dann zeitlich unbefristet zu
erhalten ist, wenn es verfilmt oder digitalisiert
worden ist. Neu ist auch ein Herausgabean-
spruch der öffentlichen Archive, wenn Ar-
chivgut dem Archiv abhanden gekommen ist
und sich im Besitz Dritter befindet. Durch lan-
desgesetzliche Regelungen kann zwar nicht
verhindert werden, dass Dritte, z. B. im Wege
öffentlicher Versteigerung, gutgläubig Eigen-
tum an abhanden gekommenem Archivgut er-
werben. Jedoch ist nun klargestellt, dass durch
die Bewertung und Übernahme ins Archiv eine
Widmung der Unterlagen zu öffentlichem
Archivgut erfolgt. Diese Widmung begründet
eine hoheitliche Sachherrschaft und einen auf
dem Verwaltungsrechtsweg verfolgbaren He-
rausgabeanspruch des öffentlichen Archivs.
Wer Archivgut benutzen möchte, musste
bisher ein berechtigtes Interesse glaubhaft
machen. Dieses Erfordernis ist nun entfallen.
Praktisch ändert sich dadurch für die Benut-
zung nichts, da es sich bei dieser Vorausset-
zung, die im Wesentlichen dem Schutz des Ar-
chivs vor missbräuchlicher Inanspruchnahme
diente, um keine hohe Zugangshürde handel-
te. Mit der Angabe des Benutzungszwecks im
Benutzungsantrag, die weiterhin erforderlich
ist, ist ohnehin ein berechtigtes Interesse dar-
gelegt. Die Streichung dieses Erfordernisses
macht aber deutlicher, dass die Benutzung
von Archivgut ein jedermann zustehendes
Recht ist. Es handelt sich um einen subjekti-
ven öffentlich-rechtlichen Anspruch, der auf
dem Verwaltungsrechtsweg durchsetzbar ist.
Die Regelungen zu den archivischen Schutz-
fristen sind übersichtlicher gestaltet worden.
Das grundlegende System der Schutzfristen ist
beibehalten worden. Nach wie vor gilt bei der
Benutzung eine 30-jährige allgemeine Schutz-
frist, eine 60-jährige Schutzfrist für Archiv-
gut, das als Registraturgut Geheimhaltungs-
vorschriften unterlag, und eine Schutzfrist
für personenbezogenes Archivgut (10 Jahre
nach dem Tod des Betroffenen bzw. 100 Jah-
re nach der Geburt, wenn das Todesjahr nur
mit unverhältnismäßigem Aufwand feststell-
bar ist). Neu ist, dass für personenbezogenes
Archivgut eine Regelung für den Fall getroffen
wurde, dass weder das Geburtsjahr noch das
Todesjahr feststellbar ist. Dieser Fall war bisher
nicht erfasst. Es war im Staatsarchiv in diesen
Fällen üblich, hilfsweise ein wahrscheinliches
Todes- bzw. Geburtsdatum anhand der Infor-
mationen im betreffenden Archivgut zu ermit-
teln, nach welchem die Schutzfrist bemessen
werden konnte. Nunmehr ist bestimmt, dass
bei unbekanntem Todes- und Geburtsjahr eine
Schutzfrist von 60 Jahren ab Entstehung der
betreffenden Unterlagen gilt.
Eine für die Praxis der Benutzung bedeutsame
Änderung ist die neue gesetzliche Definition
des personenbezogenen Archivguts: „Archiv-
gut, das sich seiner Zweckbestimmung oder
seinem wesentlichen Inhalt nach auf eine oder
mehrere natürliche Personen bezieht“. Die bis-
herige Begriffsbestimmung („Akten und Daten,
die sich auf eine natürliche Person beziehen“)
führte dazu, dass praktisch jede Sachakte mit
einzelnen personenbezogenen Angaben als
personenbezogenes Archivgut einzustufen
war. In Anlehnung an die Formulierung in den
Archivgesetzen der meisten anderen Länder
umfasst die neue Definition zwei Alternati-
ven: Archivgut ist personenbezogen, wenn die
Unterlagen entweder zweckgerichtet zu natür-
lichen Personen geführt wurden, wie z. B. Per-
sonalakten oder Patientenakten, oder wenn sie
personenbezogene Angaben in erheblichem
Umfang enthalten, diese also den wesentli-
chen Inhalt darstellen. Für Sachakten, die nur
vereinzelte personenbezogene Angaben ent-
halten, die nicht besonders schutzbedürftig
sind, ist die 30-jährige allgemeine Schutzfrist
für die Wahrung der Interessen der Betroffe-
nen ausreichend. Der Zugang zu diesen Un-
terlagen ist nun für die Benutzer vereinfacht.
Auch bei solchen, nicht mehr dem Begriff des
personenbezogenen Archivguts unterfallen-
den Sachakten mit vereinzelten personenbe-
zogenen Angaben ist jedoch unabhängig von
den Schutzfristen immer zu prüfen, ob Grund
zur Annahme besteht, dass einer Benutzung
im konkreten Einzelfall schutzwürdige Belange
Betroffener oder Dritter entgegenstehen.
Die Möglichkeit, auf Antrag die Schutzfrist für
personenbezogenes Archivgut zu verkürzen,
wurde erweitert. Bislang konnte die Schutz-
frist ausschließlich für ein (wissenschaftliches)
Forschungsvorhaben verkürzt werden. Bei
sonstigen mit einer beabsichtigten Benutzung
verfolgten wichtigen Anliegen von Privatper-
sonen oder Behörden war eine Verkürzung
ausgeschlossen. Dies wurde in vielen Fällen
als unbillig empfunden. Nach dem Vorbild der
meisten anderen Landesarchivgesetze kann
nunmehr die personenbezogene Schutzfrist
auch verkürzt werden, wenn die Benutzung
zur Wahrnehmung berechtigter Belange einer
Person oder öffentlichen Stelle erforderlich ist
und diese Belange die schutzwürdigen Inter-
essen der Personen, auf die sich das Archivgut
bezieht, überwiegen. Neu ist auch, dass die
Schutzfrist nicht für absolute Personen der
Zeitgeschichte gilt, soweit nicht ihr schutz-
würdiger privater Lebensbereich betroffen
ist, so wie es bisher schon für Amtsträger in
Ausübung ihres Amtes der Fall war.
Das Archivgesetz enthält nun auch eine Befug-
nis für die Übermittlung von Kopien von Ar-
chivgut an Archive, Museen und Forschungs-
stellen, deren Aufgabe die Erforschung und
Darstellung des Schicksals natürlicher Per-
sonen unter staatlicher Gewaltherrschaft ist,
auch vor Ablauf der Schutzfristen. Ein Bedarf
für entsprechende Kooperationen besteht, was
sich daran zeigt, dass die staatlichen Archiv-
verwaltungen einiger anderer Bundesländer
bereits mit Einrichtungen wie Yad Vashem oder
dem United States Holocaust Memorial Mu-
seum auf vertraglicher Basis in diesem Sinne
zusammenarbeiten und Kopien von Beständen
übermitteln. Durch die neue Vorschrift erhal-
ten solche Projekte eine eindeutige gesetzliche
Grundlage. Die Regelung ist aber nicht auf Ein-
richtungen zur Erforschung der NS-Herrschaft
beschränkt, sondern umfasst auch Einrichtun-
gen zur Dokumentation von DDR-Unrecht.
Die Übermittlung bedarf der Zustimmung des
Staatsministeriums des Innern.
Auch für das kommunale Archivwesen bringt
die Gesetzesnovellierung wichtige Änderun-
gen mit sich. So sind die Anforderungen an die
personelle Ausstattung der Kommunalarchive
konkreter gefasst. Sie sind durch Bedienstete
mit einer archivfachlichen Ausbildung zu füh-
ren. In Ausnahmefällen, wenn einer Gemeinde
die Unterhaltung eines eigenen Archivs oder
eines gemeinsamen Archivs mit anderen
Kommunen nicht möglich ist, kann sie ihr Ar-
chivgut unter Vorbehalt des Eigentums dem
zuständigen Kreisarchiv übergeben. Hierfür
sind diesem die Kosten zu erstatten.
Mit dem novellierten Archivgesetz steht dem
Sächsischen Staatsarchiv und den nichtstaat-
lichen öffentlichen Archiven in Sachsen eine
moderne, klare und praxistaugliche Rechts-
grundlage für ihre Arbeit zur Verfügung, und
auch die Benutzer werden von den neuen
Regelungen profitieren.
Arnd Vollmer
(Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 6
Baumaßnahmen des Sächsischen Staatsarchivs
abgeschlossen – Feierliche Eröffnung des
Staatsarchivs Chemnitz markiert den Abschluss
Nachdem das Staatsarchiv Chemnitz mit
Abschluss des Umzugs seinen Dienstbetrieb
im Mai 2013 teilweise und Mitte des Jahres
wieder vollständig aufgenommen hatte, sig-
nalisierte die feierliche Eröffnung des neuen
Standortes am 18. November 2013 auch einer
breiten Öffentlichkeit, dass die Archivabtei-
lung allen Benutzern und Besuchern wieder
offen steht – und das nicht nur äußerlich
im modernen Outfit, sondern auch mit ver-
besserten Arbeitsbedingungen und freizügi-
gem Zugang zu Findmitteln und Benutzer-
filmen.
Nach dreijähriger Planungs- und Bauzeit
konnte das Staatsarchiv Chemnitz zwischen
Februar und Mai 2013 sein neues Domizil im
so genannten Peretzhaus beziehen. Damit ist
nun auch der letzte der fünf Standorte des
Sächsischen Staatsarchivs sach- und fach-
gerecht untergebracht. Dieser zweifache
Anlass prägte auch die gesamte Eröffnungs-
veranstaltung, an der zahlreiche Gäste aus
Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Kultur und
Wirtschaft sowie aus dem sächsischen und
deutschen Archivwesen teilnahmen, unter an-
derem Landtagsvizepräsident Horst Wehner,
der Präsident der Landesdirektion Sachsen,
Dietrich Gökelmann, sowie der stellvertre-
tende Vorsitzende des Verbandes deutscher
Archivarinnen und Archivare, Ralf Jacob. Die
feierliche Eröffnung nahm der für das Archiv-
wesen zuständige Staatsminister des Innern,
Markus Ulbig, vor.
In seiner Begrüßung dankte Abteilungsleiter
Raymond Plache allen an den Planungen und
der Bauausführung Beteiligten, die Anteil am
erfolgreichen Abschluss dieses Projektes ha-
ben, insbesondere aber den Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern des Staatsarchivs, die einen
reibungslosen Ablauf des Umzugs und die ra-
sche Aufnahme aller neuen Lagerorte sicher-
gestellt haben. Er erinnerte daran, dass nun
auch das Staatsarchiv Chemnitz im 26. Jahr
seines Bestehens eine angemessene Unter-
bringung vorzuweisen habe, die diesbezüg-
lich Planungssicherheit für die nächsten 20
bis 25 Jahre schaffe.
Staatsminister Ulbig betonte in seinem Gruß-
wort, dass „der Freistaat Sachsen seinem
kulturellen Erbe einen hohen Stellenwert bei-
Grußwort des Sächsischen Staatsministers des Innern Markus Ulbig (Foto Ronny Schreiter)
Unternehmensberater Dr. Gerd Schneider während seines Festvortrages (Foto Ronny Schreiter)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 7
misst, was die Baumaßnahmen der vergange-
nen 20 Jahre belegen.“ Mit Stolz könne Sach-
sen darauf verweisen, dass „kein Bundesland
in so kurzer Zeit an so vielen Archivstandorten
gleichzeitig gebaut hat“. Zugleich sei damit
die Neustrukturierung und organisatorische
Modernisierung des Sächsischen Staatsar-
chivs erfolgreich abgeschlossen. Nun gelte
es, den Blick auf die großen Herausforderun-
gen der Zukunft zu richten. Mit der Eröffnung
des Elektronischen Staatsarchivs (el_sta)
im Februar 2013 habe sich das Sächsische
Staatsarchiv vorbildlich für die Archivierung
elektronischer Unterlagen gerüstet und mit
der Beteiligung an den beiden DFG-Projekten
„Archivportal-D“ und „Digitalisierung von ar-
chivalischen Quellen“ bereite sich das Staats-
archiv auf die Präsentation von Findmitteln
und Archivgut im Internet vor.
Die Grüße der Stadt Chemnitz überbrachte
der Bürgermeister für Bildung, Jugend, So-
ziales, Kultur und Sport, Philipp Rochold,
der die Rolle der Archive als Bewahrer und
Vermittler insbesondere auch der städtischen
Geschichte und die Bedeutung des Staats-
archivs Chemnitz für die Chemnitzer Archiv-
landschaft hervorhob. So werden die Archive
auch wichtige Partner bei der Vorbereitung
der 875-Jahr-Feier der Stadt Chemnitz im
Jahre 2018 sein.
Für die Wissenschaft als Partner und wich-
tigen Nutzer der Archive sprach der Rektor
der TU Bergakademie Freiberg, Prof. Dr. Bernd
Meyer. Er würdigte die Archive als unver-
zichtbare Wissensspeicher, die nicht nur für
die historischen Wissenschaften, sondern für
zahlreiche Wissenschaftszweige wesentliche
Forschungsgrundlagen lieferten. Gleichzeitig
dankte er dem Investor des Archivbaus für
sein darüber hinaus gehendes, gemeinnüt-
ziges Engagement in Sachsen und verwies
auf mehrere gemeinsame Projekte mit der
TU Bergakademie Freiberg.
In ihrer Ansprache drückte Dr. Andrea Wett-
mann, Direktorin des Sächsischen Staatsar-
chivs, ihre große Freude über den Abschluss
aller Bauprojekte, insbesondere aber aus aktu-
ellem Anlass des Staatsarchivs Chemnitz aus.
Sie dankte ihrerseits allen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern des Staatsarchivs, die mit
außerordentlichem Engagement maßgeblich
zu diesem Erfolg beigetragen haben. Die neue
Unterbringung schaffe auch die Vorausset-
zungen für eine effiziente Arbeitsweise. Im
Gegensatz zu anderen Gebieten der Verwal-
tung werden sich die Aufgaben der Archive
jedoch infolge des Bevölkerungsrückgangs
nicht reduzieren. Vielmehr wachse das ver-
wahrte Kulturgut stetig an und müssen zu-
sätzlich die Herausforderungen des „digitalen
Zeitalters“ bewältigt werden.
Für den Festvortrag konnte das Staatsarchiv
Herrn Prof. em. Dr. Gerd Schneider gewinnen,
der 2001 für die vom Sächsischen Staats-
ministerium der Finanzen an die Unterneh-
mensberatung Arthur Andersen beauftragte
Prüfung des Unterbringungsbedarfs verant-
wortlich zeichnete. Er kündigte einen „Rück-
blick und Ausblick“ vor dem Hintergrund
von „15 Jahre[n] Großbaustelle Sächsisches
Staatsarchiv“ an. Inzwischen ist Gerd Schnei-
der ein renommierter, national wie interna-
tional gefragter Unternehmensberater für
den Bereich des Archivwesens. Häufig wird
er als Referent zu archivischen Fachtagungen
eingeladen und doziert regelmäßig an der
Archivschule Marburg zum Archivmanage-
ment. Im Rückblick beurteilte Gerd Schneider
das Gesamtprojekt als „grandiosen“ Erfolg
und zollte allen dafür Verantwortlichen im
Staatsarchiv, in der Staatsregierung und im
Landtag seinen ausdrücklichen Respekt. Dem
Staatsarchiv bescheinigte er, dass dieser Er-
folg zu allererst dem ausgezeichneten Fach-
konzept zu verdanken sei, das dort erarbeitet
wurde und nach seiner Einschätzung das „bis
heute mit Abstand beste in Deutschland“ ist.
Als Unternehmensberater konnte er seinerzeit
alle Annahmen, Rechenwerke und Schluss-
folgerungen der Konzeption bestätigen. Die
größten Herausforderungen nach Abschluss
der Neuunterbringungen sah Gerd Schneider
im Erhalt und einer intensiveren Nutzung der
Bestände, im konsequenten Übergang in das
digitale Zeitalter und in einem noch stärkeren
Einzug betriebswirtschaftlichen Denkens. Da-
mit verband er unter anderem den Wunsch,
dass
– sich die Archive um mehr Außenwirkung
bemühen
– die Archive bestmöglich genutzt werden
können, wobei er die vom Staatsministeri-
um des Innern angewiesene Verkürzung der
Öffnungszeiten im Staatsarchiv kritisierte
– der Vorschlag und damit auch die große
Chance, das Archivzentrum Hubertusburg
auch als Zwischenarchiv zu nutzen, endlich
aufgegriffen werden
– die Zentralwerkstatt im Archivzentrum
Hubertusburg entsprechend dem enormen
Konservierungs-, Restaurierungs- und Ver-
filmungsbedarf stärker genutzt wird.
Abschließend resümierte Gerd Schneider an-
gesichts des Geleisteten, aber auch der noch
anstehenden Aufgaben: „Es besteht aller
Grund zum Feiern, aber kein Grund zum Zu-
rücklehnen!“
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstal-
tung vom sächsischen Polizeiorchester, des-
sen Holzblasquintett dem feierlichen und
freudigen Anlass entsprechend klassische
Stücke, aber auch modern-beschwingte Wei-
sen ausgewählt hatte. Bei einem anschlie-
ßenden Stehempfang hatten die Gäste noch
Gelegenheit zu anregenden Gesprächen.
Parallel dazu bot das Staatsarchiv Chemnitz
Führungen durch seine neuen Räumlichkeiten
an, die großen Zuspruch fanden.
Raymond Plache
(Staatsarchiv Chemnitz)
Vortragssaal während der feierlichen Eröffnungsveranstaltung (Foto Ronny Schreiter)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 8
14. Mai 1954: Vor 60 Jahren wurde die
„Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut
bei bewaffneten Konflikten“ unterzeichnet
Zerstörungen von Kulturgut größten Ausma-
ßes durch Bombenangriffe, kämpfende Trup-
pen und sonstige kriegerische Handlungen,
besonders im zweiten Weltkrieg, führten zu
der Einsicht in die Notwendigkeit einer in-
ternational akzeptierten Einigung über den
zukünftigen Kulturgutschutz bei bewaffne-
ten Konflikten. Vor diesem Hintergrund ver-
ständigten sich unter Leitung der UNESCO
Vertreter von 56 Ländern über Maßnahmen,
auf welche Weise in zukünftigen Kriegen oder
sonstigen bewaffneten Auseinandersetzun-
gen das in Archiven, Bibliotheken und in Mu-
seen verwahrte sowie im öffentlichen Raum
vorhandene Kulturgut (wie archäologische
Stätten, Baudenkmale, einzelne Gebäude oder
ganze Gebäudeanlagen usw.) vor Entwendung
oder Zerstörung geschützt werden kann. Sie
schrieben dies in 36 Artikeln in besagter
Konvention nebst zugehörigem Protokoll am
14. Mai 1954 in Den Haag in den Niederlan-
den fest. In der Bundesrepublik Deutschland
erlangte diese Konvention durch Ratifizierung
per Bundesgesetz am 11. August 1967 ihre
Gültigkeit, die Deutsche Demokratische Repu-
blik trat ihr am 16. Januar 1974 ebenfalls bei.
Am 26. März 1999 wurde mit dem Ziel der Aus-
weitung des Kulturgutschutzes ein weiteres,
das „Zweite Protokoll zur Haager Konvention
von 1954“, unterzeichnet. Seine wesentlichen
Änderungen bestehen in der Einführung des
Begriffes einer erweiterten Schutzkategorie
mit der Festlegung präziser Straftatbestände
sowie in der Ausweitung der Gültigkeit der
Haager Konvention auch auf nicht interna-
tionale Konflikte. Die Beschlussfassung des
zweiten Protokolls im Jahr 1999 erfolgte wie-
derum in Den Haag und damit am Ort der
Übereinkunft von 1954, an dem sich bereits
100 Jahre zuvor im Rahmen der Friedens-
konferenz von Den Haag Regierungsvertreter
versammelt hatten. Damals war das Ergebnis
die Haager Landkriegsordnung, die sich in der
Hauptsache zwar mit der Frage der Vermei-
dung künftiger Kriege beschäftigt, allerdings
auch das Thema des Kulturgutschutzes be-
handelt. Freilich zeigen die folgenden Krie-
ge, dass dies in beiden Fällen wenig Wirkung
hatte. So ließ eine maßgebliche Verbesserung
des Kulturgutschutzes bis zur Haager Konven-
tion von 1954 auf sich warten. Die bisherigen,
eher situativen Schutzmaßnahmen, wie die
Einhausung von Denkmalen (in der Haupt-
sache zum Schutz vor detonationsbedingten
Splittern) oder deren Translozierung in nicht
immer hinreichenden Bestandsschutz bieten-
de Bunker- oder andere unterirdische Anlagen,
erwiesen sich nur fallweise als wirkungsvoll.
Schutz vor Raub von beweglichem Kulturgut
und gegenüber Plünderung von Archiven, Bib-
liotheken und Museen gab es überhaupt nicht.
Dies änderte sich mit der Haager Konvention
und dem zugehörigen ersten Zusatzprotokoll
von 1954 aufgrund der 1. darin vorgenomme-
nen Trennung zwischen der Pflicht zur Siche-
rung von Kulturgut und der Pflicht zu seiner
Respektierung sowie 2. der Neudefinition des
Kulturgutbegriffes selbst und 3. schließlich
der Selbstverpflichtung der Konventionspar-
teien zum vorbeugenden Kulturgutschutz in
Friedenszeiten. Daraus resultieren einerseits
die allseits bekannte Auszeichnung des orts-
festen Kulturguts mit dem internationalen,
aus weiß-blauen Rauten bestehenden Schutz-
symbol und dessen Erfassung in nationalen
Katastern und andererseits die Entwicklung
von Schutzstrategien für bewegliches Kultur-
gut. Sie mündete für das schriftliche kulturel-
le Erbe in beiden deutschen Staaten nahezu
zeitgleich in der im Jahr 1961 begonnenen
Sicherungsverfilmung des Schriftgutes. Mit
diesem Verfahren der Mikroverfilmung auf
langzeitlagerungsstabilen Filmen aus 35 mm-
Polyestermaterialien, die mit einer Silber-
halogenidbeschichtung versehen sind, werden
die Informationen optisch in schwarz-weißer
Darstellung wiedergegeben. Sie sind notfalls
ohne weitere technische Hilfsmittel, außer
einer Lupe, im Gegenlicht lesbar sind. Die
Filme sind bei entsprechender Klimatisierung
zwischen fünfhundert und eintausend Jahren
haltbar.
Die Entscheidung zugunsten einer Siche-
rungsverfilmung im Gegensatz zu einer eben-
falls denkbaren Evakuierungsplanung beweg-
lichen Kulturgutes fiel im Wesentlichen aus
zwei Gründen. Einmal bringt eine temporäre
Auslagerung an hinsichtlich Raumklima und
Sicherheit nur schwer zu kalkulierende Aus-
weichorte enormen logistischen Aufwand mit
sich. Andererseits führt die schon erwähnte
Respektierungspflicht, insbesondere orts-
festen Kulturguts, zu Verhaltensregeln für
Konfliktparteien gegenüber dem Kulturgut,
etwa dem Einhalten von Mindestabständen,
Überflug- und Bombardierungsverboten usw.
Vor dem Hintergrund dieser neuen Schutz-
möglichkeiten kommt dem Sicherungsverfil-
men schriftlichen Kulturgutes in erster Linie
die Rolle der Erzeugung von Duplikaten zu. Die
wertvollen, im Archivbereich regelmäßig uni-
kalen Originale, sind baulich adäquat in durch
die Respektierungspflicht bereits geschützten
Magazinbauten verwahrt. Auf die durch die
Mikrofilm als Sicherungsmedium für Archivgut (Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 9
Sicherungsverfilmung erzeugten Duplikate
würde nur dann zurückgegriffen werden
müssen, wenn sich in einem Konfliktfalle die
Respektierungspflicht als unwirksam erwei-
sen würde. In einem solchen Falle erlangten
die Duplikate die Funktion von Ersatzorigina-
len, und so wundert es nicht, dass auch dem
Schutz der Duplikate ein besonders hoher
Stellenwert eingeräumt wird.
In den Anfängen der Sicherungsverfilmung
wurden in der Bundesrepublik die Duplikate
noch in den Sicherungsverfilmungsstellen der
Landesarchivverwaltungen verwahrt. Diese
Stellen wurden und werden durch den Bund
über das Bundesministerium des Innern als
oberste Aufsichtsbehörde und das Bundesamt
für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhil-
fe (bis 30. April 2004: Zentrale für Zivilschutz)
als Fachbehörde für die Umsetzung der Haa-
ger Konvention auf Basis eines „Bundessiche-
rungsverfilmung“ genannten Programms seit
1961 unter Beteiligung der Länder finanziert.
Ab 1974 erfolgt die Verwahrung der Duplikate
in einem Versorgungsstollen eines stillgeleg-
ten Silberbergwerks in der Nähe von Oberried
bei Freiburg im Breisgau. Dieser so genannte
„zentrale Bergungsort“ besitzt für die Ver-
wahrung des Filmmaterials besonders güns-
tige und sehr stabile klimatische Bedingungen
und gilt allein schon aufgrund der Lage im
Hörnergrund am Fuße des Schauinsland und
dessen geologischer Beschaffenheit als vor
kriegerischen Auseinandersetzungen bestens
gesichert. Darüber hinaus wirkt auf diesen, als
Barbarastollen bezeichneten Ort die Respek-
tierungspflicht in ganz besonderer Weise, ist
er doch derzeit noch der einzige als unter Son-
derschutz stehende Ort in der Bundesrepublik,
der deshalb auch mit drei blau-weißen Rauten
ausgewiesen wird. Für ihn gelten gemäß den
Ausführungsbestimmungen der Haager Kon-
vention verschärfte Verhaltenskonventionen
für Konfliktparteien (u. a. ein Überflugverbot
für militärisches Fluggerät).
In der Deutschen Demokratischen Repub-
lik erfolgte anfangs die Verwahrung der im
Zuge der Sicherungsverfilmung erzeugten
filmischen Duplikate zum größten Teil dort,
wo sie erzeugt wurden, in der Zentralstelle für
Reprographie im brandenburgischen Kossen-
blatt. Aber auch an anderen Orten, etwa im
Innenministerium, im Ministerium für Staats-
sicherheit, im Zentralen Staatsarchiv in Pots-
dam sowie in einigen Volkspolizeibezirksver-
waltungen, wurden Filme gelagert. Allerdings
waren weder die in Kossenblatt verwendeten
Filmmaterialien noch die klimatischen Bedin-
gungen der Lagerorte für eine langzeitstabile
Lagerung geeignet. Deshalb wurden Anfang
der 1970er Jahre die teils bereits beträchtlich
geschädigten Filme im Filmarchiv in Babels-
berg, im (Film-)Archiv in Wilhelmshagen bei
Erkner im Südosten von Berlin sowie in Ferch
bei Potsdam zusammengeführt. In Ferch
wurde eine bereits vorhandene, unterirdische
Bunkeranlage ausgebaut und nachträglich für
die Lagerung von Sicherungsfilmen klimati-
siert. Das räumlich eher gering dimensionier-
te Magazin wurde späterhin baulich erweitert
und avancierte so zur zentralen Verwahrstelle
für Sicherungsfilme. Diese Filme wurden nach
der Wende auf Grundlage eines fachlichen
Gutachtens von 1997 auf Silberhalogenidfilme
umkopiert und zur dauerhaften Verwahrung
im Barbarastollen eingelagert.
Die Auswahl des für die Sicherungsverfilmung
vorzusehenden schriftlichen Kulturgutes und
das Verfahren der Sicherungsverfilmung ba-
sieren auf den „Grundsätzen zur Durchfüh-
rung der Sicherungsverfilmung von Archivali-
en“ in der Fassung vom 1. März 1987. In derem
ersten Teil werden die inhaltlichen Auswahl-
kriterien definiert, während der zweite Teil die
Technische Anweisung für die Durchführung
der Sicherungsverfilmung von Archivalien
enthält. Dies ermöglicht über alle insge-
samt vierzehn Sicherungsverfilmungsstellen
hinweg – in den Ländern ebenso wie beim
Bundesarchiv (BA und GStA Berlin) – eine
einheitliche Qualität der von den Originalen
erzeugten Duplikate. Die Auswahlkriterien ge-
währleisten, dass nur solche Originale verfilmt
werden, die der höchsten Dringlichkeitsstufe I
entsprechen. Hierbei handelt es sich um
national wertvolles Archivgut und um uni-
kale Unterlagen aus dem Bibliotheksbereich
mit besonderer Aussagekraft über deutsche
Geschichte und Kultur. Insgesamt sind auf
diese Weise bis heute mehr als eine Milliarde
Filmaufnahmen, darunter fast 300 Millionen
Aufnahmen aus der Sicherungsverfilmung der
DDR, erzeugt und im zentralen Bergungsort
eingelagert worden.
Im Freistaat Sachsen ging eine Sicherungs-
verfilmungsstelle im Sächsischen Haupt-
staatsarchiv in Dresden im Jahr 1993 in
Betrieb. Sie wurde späterhin aufgrund von
Baumaßnahmen im Hauptstaatsarchiv pro-
visorisch in einem ehemaligen Militärgebäude
in Kamenz untergebracht und schließlich am
1. März 2009 dauerhaft in das Archivzentrum
Hubertusburg des Sächsischen Staatsarchivs
in Wermsdorf verlegt. Dort wurde sie organi-
satorisch mit der Sächsischen Schutzverfil-
mungsstelle zusammengeführt und stellt da-
mit, insbesondere mit der Vertikalkamera zur
Verfilmung großformatiger Archivalien in Far-
be und Schwarz-Weiß, in den neuen Ländern
die größte Verfilmungseinrichtung dar. In ihr
wird mit fünf Beschäftigten das landeseigene
Schutzverfilmungsprogramm nach denselben
Grundsätzen und Maßstäben umgesetzt wie
das bundesfinanzierte Bundesicherungsverfil-
mungsprogramm (ebenfalls mit fünf Beschäf-
tigten). Mit rund 14,5 Millionen Aufnahmen
(bis Ende 2013) hat die Sicherungsverfil-
mungsstelle des Sächsischen Staatsarchivs
nicht unerheblich zum Erfolg der bundeswei-
ten Sicherungsverfilmung beigetragen. Das
allen Ergonomie- und Arbeitsschutzrichtlinien
entsprechende, mit modernen Verfilmungs-
plätzen ausgestattete Archivzentrum Huber-
tusburg ist für die Zukunft der Schutz- und
Sicherungsverfilmung gut gerüstet. Außer der
bisher ausschließlich schwarz-weißen Verfil-
mung kann künftig auch Verfilmung in Farbe
auf langzeitlagerungsstabilen Filmmaterialien
betrieben werden, die ebenfalls im Oberrieder
Stollen eingelagert werden sollen.
Thomas-Sergej Huck
(Archivzentrum Hubertusburg)
Archivzentrum Hubertusburg in Wermsdorf (Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 10
Audiovisuelle Bestände Leipziger Pionierfilmstudios
im Sächsischen Staatsarchiv
Kinder- oder Schülerfilmstudios in der DDR
waren Stätten frühzeitig einsetzender theore-
tischer und praktischer film- bzw. medienpä-
dagogischer Ausbildung im Freizeitbereich auf
grundsätzlich freiwilliger Basis. Sie etablierten
sich zumeist unter dem Namen Pionierfilm-
studio an Schulen oder an Einrichtungen der
Pionierorganisation Ernst Thälmann wie Pio-
nierhäusern oder Stationen junger Techniker.
Insgesamt dürften im Osten Deutschlands
über die Jahre hinweg etwa drei Dutzend
solcher Kinderkollektive bzw. Arbeitsgemein-
schaften bestanden haben; die frühesten
gründeten sich bereits unmittelbar nach dem
ersten Auftauchen von Amateurfilmtechnik
auf dem Markt. Das nachweislich erste Studio
dieser Art entstand im Januar 1951 im sächsi-
schen Pirna, es folgte im Jahr darauf das nahe
der Ostseeküste gelegene Pionierfilmstudio
Grevesmühlen. Diese, wie auch die meisten
der in der Folgezeit entstandenen Zirkel, be-
standen bis zum Ende der DDR, einige schaff-
ten den Sprung in die neue Zeit oder existieren
sogar noch heute, wie das ehemalige Dresdner
Pionierfilmstudio.
Die Studios waren eingebettet in das republik-
weite Netzwerk sowie in die Struktur der orga-
nisierten Amateurfilmbewegung und nahmen
damit auch an zentralen bzw. bezirklichen An-
leitungen, Festivals und Wettbewerben teil.
Gründung und Betreiben geschahen nahezu
ausschließlich aufgrund des persönlichen En-
gagements und des Enthusiasmus einzelner
Lehrer, Erzieher oder Pionierleiter. Den Kindern
wurden nötige Kenntnisse, Fähigkeiten und
Fertigkeiten bei der Produktion kleiner Filme
aller Genres – im Format 8- und 16 mm – ver-
mittelt, begonnen mit der Drehbucherarbei-
tung, der Auswahl des Drehortes bzw. Aufbau
der Szenerie über den eigentlichen Drehpro-
zess mit Bedienung der Kamera, Beleuchtung,
Spielerführung etc. bis zur Postproduktion mit
Montage, Titelei und Vertonung. Selbstver-
ständlich vermochten die Schüler auch, ihre
Streifen selbst vorzuführen, was sie im nor-
malen Unterricht bei der Handhabung von
16mm-Projektoren und Magnettonbandge-
räten zu gefragten Spezialisten machte. Nicht
selten fanden die Heranwachsenden später
ihren Beruf in der Branche und arbeiten dort
noch heute.
Nicht zuletzt in der Stadt Leipzig gründeten
sich schon sehr früh zwei solcher Studios,
die bis in die Umbruchszeit und in einem Fall
darüber hinaus existierten. Das eine fand sein
Dach in der Leibnizstraße im Haus der Jun-
gen Pioniere Georg Schwarz (benannt nach
einem kommunistischen, kurz vor Kriegsende
hingerichteten Leipziger Widerstandskämp-
fer), das andere in der 31. Oberschule (in den
Anfangsjahren auch 31. Grundschule bzw.
Mittelschule) in der Leipziger Crednerstraße
im Ortsteil Probstheida. Seit 1971 nannte
es sich Pionierfilmstudio Iskra (bezogen auf
die Iskra-Gedenkstätte in der benachbarten
Russenstraße). Die audiovisuellen Bestände
beider Studios lagern bereits seit einigen
Jahren im Sächsischen Staatsarchiv, Archiv-
zentrum Hubertusburg in klimatisierten Son-
dermagazinen (22045 Pionierfilmstudio am
Haus der Jungen Pioniere „Georg Schwarz“,
Leipzig (Depositum Stadt Leipzig); 22046 Pio-
nierfilmstudio „Iskra“, Leipzig). Im Falle des
Georg-Schwarz-Studios handelt es sich um
ein Depositum des Stadtarchivs Leipzig, beim
Iskra-Studio um eine Übernahme vom TITA-
NIC FILM CLUB e.V., Leipzig. Beide Bestände
wurden 2012 im Rahmen eines Auftragspro-
jektes des Sächsischen Staatsarchivs vom
Verfasser vorliegenden Beitrages erschlossen,
Teile sind inzwischen digitalisiert.
Der Bestand des Pionierhaus-Filmstudios
Georg Schwarz umfasst etwa 60 mehr oder
weniger vollständige Titel mit insgesamt
ca. 200 Stücken, gedreht wurde – nach ers-
ten Versuchen auf 8 mm – ausschließlich
auf 16 mm, in den überwiegenden Fällen mit
Magnetrandspur vertont. Er widerspiegelt
damit ein umfassendes Bild der Arbeits-
Iskra-Studioleiter Rolf Kießling erklärt Kindern im Feb-
ruar 1989 das Geräuschemachen. (Schulmuseum Leip-
zig, Bestand Pionierfilmstudio Iskra, Studio-Chronik
1988/1989)
Mit der als Musikvideo ausgelegten Übung „Filmleute?“ nahm das Studio „Georg Schwarz“ Mitte der 1980er Jahre
ironisch seine eigene Arbeit aufs Korn (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22045 Pionierfilmstudio am
Haus der Jungen Pioniere Georg Schwarz, Leipzig (Depositum Stadt Leipzig), Nr. 064/01-Fc)
Um 1963/64 beteiligte sich das Studio der 31. Ober-
schule an einer republikweiten Ausschreibung für
Pionierfilmstudios unter dem Thema „Eine Geldbörse
wurde verloren“. Heraus kamen zwei Streifen, u. a. „Ge-
funden“, der auch an einem Festival in Venedig lief.
(Schulmuseum Leipzig, Bestand Pionierfilmstudio Iskra,
Studio-Chronik 1961–1964)
Selbstporträt des Iskra-Studios 1981: „Der Vorspann“
(Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22046
Pionierfilmstudio Iskra, Leipzig, Nr. 145/01-Fc)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 11
gemeinschaft über alle Zeiträume. Das im
Oktober 1954 gegründete Studio selbst trug
bis etwa 1959 den Namen „Prof. Dr. Kurt
Maetzig“ (nach dem prominenten DEFA-
Spielfilmregisseur) und stand unter der jahr-
zehntelangen hauptamtlichen Leitung der
Pädagogin Eva-Maria Drinkler. Von 1982 an
wurde es vom Ingenieur Udo Ziegler geführt,
der sein Filmhandwerk im Leipziger Pionier-
filmstudio Iskra erlernte. Neben zahlreichen
Auszeichnungen der Filme wurde das Studio
selbst mehrfach geehrt, so erhielt es min-
destens fünfmal den Titel Hervorragendes
bzw. Ausgezeichnetes Volkskunstkollektiv.
Auch statteten bekannte Filmemacher dem
Studio immer mal wieder einen Besuch ab,
wie der namhafte Dokumentarfilmregisseur
Winfried Junge.
Erste Drehbuch-Seite des Studios der 31. Grundschule zum 8mm-Streifen über einen Bildungsausflug der Schüler:
„Kohrener Land – Kohrener Töpferwaren“ (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22046 Pionierfilmstudio
Iskra, Leipzig, Nr. 019/01-F)
Impressionen des Iskra-Filmstudios vom letzten Zentralen Pioniertreffen der DDR 1988 in Karl-Marx-Stadt „Heiße Tage im August“; u. a. Eröffnung im Ernst-Thälmann-Stadion,
heute Sportforum (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22046 Pionierfilmstudio Iskra, Leipzig, Nr. 162/01-Fc)
Reportagen über Pioniertreffen und -lager gehörten zu den Höhepunkten der Arbeit beider Zirkel. Das Georg-Schwarz-Studio dokumentierte 1960 das I. Internationale
Kinderlager des Weltbundes der Demokratischen Jugend am brandenburgischen Werbellinsee. (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22045 Pionierfilmstudio am
Haus der Jungen Pioniere Georg Schwarz, Leipzig (Depositum Stadt Leipzig), Nr. 005/01-Fc)
Überliefert sind erste Film-Versuche ab
ca. 1952, gezielt dokumentiert wurden ab
1958 politische und sportliche Großereig-
nisse für Kinder und Jugendliche (Zentrale
Pioniertreffen, Bezirksspartakiade, Fest der
Freundschaft, Weltfestspiele in Berlin 1973
etc.), oft in Kooperation mit anderen Pio-
nierfilmstudios, oder sommerliche Höhe-
punkte wie Reisen in Pionierlager der DDR,
nach Bulgarien, nach Jugoslawien oder in
die Sowjetunion. Spielfilmsujets widmeten
sich in den ersten Jahrzehnten in vorder-
gründig pädagogischer Absicht zumeist
Themen ethisch-moralischen Inhalts (Ehr-
lichkeit, Ordnung und Sauberkeit, Nachbar-
schaftshilfe, Solidarität etc.), während in den
1980er Jahren in einigen Titeln zunehmend
auch Spaß und Unterhaltung dominierten.
Dokumentarfilmthemen waren zumeist Por-
träts anderer kultureller, naturwissenschaft-
licher und sportlicher Arbeitsgemeinschaf-
ten oder Leipziger Sehenswürdigkeiten mit
historischem Hintergrund. Dem Zwang zur
Erlangung von Ressourcen folgend, wurde
unter der Leitung von Udo Ziegler seit 1982
die Tendenz zum professionalisierten Auf-
tragsfilm stärker, augenscheinlich im zwei-
teiligen Großprojekt über kommunistische
Leipziger Widerstandskämpfer „… vergeßt
uns nicht!“ (1984/85). Die Gruppe zerfiel im
Zuge der Auflösung DDR-staatlicher Struktu-
ren. Überliefert sind im Bestand auch einige
Titel aus anderen Pionierfilmstudios, so aus

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 12
Eisenhüttenstadt, Pirna und Freital, was auf
die fortdauernde Kooperation zwischen den
Gruppen verweist.
An der 31. Oberschule (in den Anfangsjahren
auch 31. Grundschule bzw. 31. Mittelschule)
in der Leipziger Crednerstraße im Ortsteil
Probstheida leitete der Unterstufen- und
Werklehrer Rolf Kießling seit 1956 eine me-
dienpädagogische Schülerfreizeitgruppe, das
spätere Pionierfilmstudio Iskra. Die Ansiede-
lung auf unterster städtischer Ebene brach-
te eingeschränkte materielle und finanzielle
Rahmenbedingungen mit sich, forderte Kre-
ativität und didaktisches Geschick heraus.
Dies bewirkte zum einen in den ersten Jahr-
zehnten der Existenz des Studios eine na-
hezu ausschließliche Beschränkung auf das
Normal-8-Format ohne Vertonung (bis etwa
1975; bei einigen, in der DDR eher seltenen
Vertonungen mit Magnetrandspur auf Nor-
mal-8 zwischen etwa 1963 und 1966), zum
anderen eine gediegene, fachlich durch theo-
retisch-praktische Lehrgänge und Prüfungen
untersetzte medienpädagogische Ausbildung
der Kinder und Jugendlichen. Überliefert sind
aus jener Zeit neben vielen Filmtiteln auf
Normal-8 auch Dreh- und Textbücher, die
einerseits den Entstehungsprozess der Filme
dokumentieren, zum anderen ganz offensicht-
lich zum Vorlesen während der Projektionen
gedacht waren, um die Tonebene zu ersetzen
(eine umfängliche Sammlung von Studiochro-
niken mit Bildmaterial und Dokumenten ist im
Schulmuseum Leipzig überliefert). Vorhanden
sind im Bestand zudem Filme und Magnetton-
bänder, welche die Arbeitsprozesse im Studio
selbst dokumentieren, auch zahlreiche Ton-
bandprotokolle von Prüfungen, die Kießling
mit seinen Schützlingen durchführte.
Im Bestand überliefert sind etwa 160 Titel mit
weit über 500 Stücken, wobei das Studio vor
allem in den 1950er Jahren viel Kraft auf die
Erstellung so genannter Schul-Monatsschau-
en (serielle dokumentarische Formate unter
diversen Titeln) verwandte. Breiten Raum nah-
men in jenen Jahren auch filmische Berichte
über die Freizeitgestaltung der Schüler und
Ausflugsfahrten ein, in denen, mehr als die
ideologisch intendierten Einlassungen, Spaß
und Freude der Kinder im Vordergrund stan-
den. Überhaupt sind viele Themen des Stu-
dios in der Welt des Zwischenmenschlichen
und der Kinder angesiedelt, wobei neben der
ideologischen Überformung auch der zuneh-
mende medientechnische Rückschritt, wie er
für DDR-Verhältnisse typisch war, Schranken
setzte. Auch die sicher als Pflichtübungen
gedachten filmischen Reports über politische
und sportliche Großveranstaltungen wie
Pioniertreffen oder die berühmten Leipziger
Turn- und Sportfeste, aber auch Filme zur
Wehrerziehung rückten über den ideologi-
schen Rahmen hinaus immer wieder die auf-
regenden Erlebnisse der Kinder und Jugendli-
chen in den Vordergrund und geraten heute zu
unwiederbringlichen Zeitdokumenten.
Einen wichtigen Gegenstand der filmischen
Betrachtung bot der ebenfalls an der 31. Ober-
schule angesiedelte und sich später ebenso
Iskra nennende, erfolgreiche Fanfarenzug,
eine Musikgruppe im DDR-Spitzenmaßstab.
Langzeitdokumentationen wie über die in
den 1970ern gebaute Volksschwimmhalle in
Leipzig-Meusdorf, einen Schulneubau (Bruno-
Plache-Oberschule Leipzig-Südost, beendet
1974) oder die zwangsläufig 1989 abgebroche-
ne Reportage über eine erste Klasse „Wir von
der Ersten“ ergänzten das Œuvre des Studios.
Neben diversen kleinen Spielfilmen erprobten
sich die Mitglieder schon sehr frühzeitig in
diversen Animationsfilmtechniken: Mit zwei
kleinen Werken von 1956 und 1957 dürfte
das Studio noch vor dem DEFA-Trickfilmstudio
Dresden den Flachfigurentrick ausprobiert ha-
ben, der bis zum Ende der Einrichtung zur An-
wendung gelangte. Ein international preisge-
krönter Film des Iskra-Studios in diesem Genre
heißt „Besuch aus Kiew“ (1975) und stellt einen
Rundgang durch Leipzig vor. Die Arbeit des
Studios wurde selbst über den Zerfall DDR-
staatlicher Strukturen hinaus – unter dem
Dach des TITANIC FILM CLUB e.V. Leipzig –
bis etwa zum Jahr 2000 gesichert.
Volker Petzold
(Freier Publizist)
Dank an:
Rolf Kießling, Leipzig
Sächsisches Staatsarchiv,
Archivzentrum Hubertusburg, Stefan Gööck,
Dr. Thomas-Sergej Huck
Schulmuseum Leipzig, Elke Urban, Lutz Weiner
Der letzte Animationsfilm des Iskra-Studios in DDR-Zeit: „Die Kugelpiraten greifen an“, 1990 (Sächsisches Staats-
archiv, Staatsarchiv Leipzig, 22046 Pionierfilmstudio Iskra, Leipzig, Nr. 168/01-Fc)
In den Jahren 1987/88 begann das Iskra-Filmstudio mit einer geplanten Langzeitdokumentation über eine Schul-
klasse der 31. Oberschule. Es sollte beim einmaligen Versuch bleiben, denn „Wir von der Ersten“ wurde im Sommer
1989 kurz vor den politischen Umbrüchen fertiggestellt. (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22046
Pionierfilmstudio Iskra, Leipzig, Nr. 166/01-Fc)
Bei Dreharbeiten zu einem Flachfiguren-Trickfilm 1988
(Schulmuseum Leipzig, Bestand Pionierfilmstudio Iskra,
Studio-Chronik 1988/1989)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 13
Der Abglanz und das Werk – Ein Grübelstück über
das Verhältnis von Unikat/Original/Kopie/Digitalisat
Ein Verdacht geht um, und er lautet: Gehen wir
leichtfertig mit der Überlieferung der moder-
neren und jüngsten Medien um? Verschwin-
det das Original mitsamt seinen intrinsischen
Eigenschaften? Hat uns die Copy-and-paste-
Mentalität eingelullt, das prophezeite „Digitale
Desaster“ („Hilfe, wir verschwinden – Das digi-
tale Desaster“, NDR-Fernsehen, 2004) seinen
Schrecken schon wieder verloren?
Zuweilen wird unterstellt, gewisse archiv-
fachliche Erhaltungsprobleme wären dem
Digitalisierungs-Hype geschuldet, insofern
relativ neu und daher ein momentaner Man-
gel an Konzepten entschuldbar. Betrach-
tet man jedoch die Ursprungstechnologie
der modernen Medien, die Fotografie, wird
schnell klar, dass schon sehr lange medien-
technisch kopiert und reproduziert wird. Stets
durchläuft die aufgezeichnete Information
eine „Übertragungskette“, die im Endergeb-
nis nur so gut sein kann wie das schwächste
Kettenglied. Die ursprüngliche Bild-Idee des
Fotografen gerinnt im klassischen fotoche-
mischen Prozess zum Silber-Bildnegativ, das
sehr große Unterschiede zwischen tiefem
Schwarz und blendendem Weiß und dennoch
feinste Helligkeitsabstufungen abbilden kann.
Dieses Bildnegativ wird im nächsten Schritt
vom Fotografen optisch auf fotochemisches
Papier kopiert oder „vergrößert“, dabei „aus-
gearbeitet“ entsprechend seiner Intentionen.
Durch Kaschierung wird er Unerwünschtes
weglassen, die Belichtung abstimmen auf
jene Bild-Teile, die ihm wichtig erscheinen,
einen weichen oder harten Bildcharakter
erzeugen, auch Details unterdrücken, die
im Schatten „absaufen“ können oder in den
Lichtern „ausgefressen“ werden. Letzte Kor-
rekturen erfolgen durch Beschnitt und ma-
nuelle Retusche des Fotopapiers mit Pinsel
und Schaber. Alle diese Entscheidungen ste-
hen im Ermessen des Fotografen, gehören
zu seinem Schaffensprozess. Das hierbei er-
zeugte authentische „Vintage Print“ beglau-
bigt der Autor mit seinem Namenszug oder
wenigstens dem Firmenstempel. Ist das Bild
erfolgreich, werden im Labor weitere Positi-
ve vom Originalnegativ erzeugt, nicht zwin-
gend mit gleichem Aufwand und Ergebnis.
Andererseits kann das Vintage Print, also das
(Foto Stefan Gööck)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 14
Papier-Positiv aus der Hand des Fotografen,
als Vorlage zur weiteren Nutzung dienen,
indem es seinerseits abfotografiert („repro-
duziert“) wird, um Druckformen für einen
Bildband, einen Ausstellungskatalog, eine
Zeitung oder eine Postkarte zu erzeugen.
Dabei werden die Bearbeiter das Bild an-
passen müssen an das Weiß des jeweiligen
Druckpapiers und die vorgesehene Druck-
farbe, was Abstriche vom ursprünglichen
Tonwertreichtum bedeutet, und das Bild je
nach Verwendungszweck mehr oder weniger
fein rastern. Das so gedruckte Ab-Bild muss
jedoch nicht das Ende der Informations-
Übertragungskette sein, weil es seinerseits
zur Vorlage werden wird für eine spätere Nut-
zung, wenn weder das Originalnegativ noch
der Handabzug des Fotografen und auch
kein späterer Originalabzug zur Verfügung
stehen. Erneut wird sich also ein Reprograph
dessen annehmen, was im schlimmstenfalls
gealterten Druck vom Originalbild noch übrig
ist, sich um eine akzeptable Abstimmung von
Helligkeit, Kontrast und Grauwerten bemü-
hen, gleichzeitig versuchen, den Druckraster
zu unterdrücken, ohne den Schärfe-Eindruck
völlig zu ruinieren, usw.
Die hier angerissenen Abläufe ließen sich be-
liebig weiter ausschmücken und verästeln, bis
hin zur digitalen Bildbearbeitung. Nicht um-
sonst heißt die „Mutter aller Bildbearbeitungs-
Software“ schlicht „Fotoladen“, übersetzt sie
doch genau jene Abläufe, die einstmals im
fotochemischen Labor in fachkundiger Hand
lagen, auf Computermaus und Tastatur. Un-
abhängig davon, ob weiter „analog“ oder
„digital“ gearbeitet wird, stellt sich also die
Frage, wie die Schöpfung unseres Beispiel-
Fotografen, wie sein Werk die mehrstufigen
Umformungen überstanden hat, ob es noch
bei sich ist oder nur noch ein schwacher Ab-
glanz. Grundsätzlich sollte deutlich geworden
sein, dass die ursprünglich auf dem Original-
negativ aufgezeichnete Information im Ver-
lauf der Übertragungsvorgänge immer weiter
nach technischem Erfordernis beschränkt,
nach subjektivem Eindruck korrigiert, letzt-
lich verändert wird. Es bleibt eine gefährliche
Illusion, die ursprüngliche Aufnahme käme
am Ende der Kette unverändert wieder zum
Vorschein. Anders als im Unterhaltungskino
kann verlorengegangene Information in der
Wirklichkeit niemals authentisch wiederher-
gestellt werden.
Diese Feststellung trifft sehr ähnlich auf ande-
re Medien zu: Naheliegend erscheint die – in-
zwischen auch schon klassische – Kinemato-
grafie, die auf dem gleichen fotochemischen
Negativ-Positiv-Prozess beruht, im Weiteren
aber auch die Produktion von Schall- und
Videoaufzeichnungen. Stets gehören Kopier-,
Umformungs-, Übertragungs- und Verviel-
fältigungsvorgänge zur Medientechnologie,
immer wird die ursprünglich aufgezeichnete
Information vollständig im Ausgangsmaterial
vorliegen, häufig folgt ein gestaltender aber
auch beschränkender Mastering-Prozess, der
das Werk erst konstituiert, oft schließen sich
massenmedial intendierte, qualitativ reduzier-
te Vervielfältigungen an.
Obwohl im klassischen Archiv der Original-
überlieferung allerhöchster Rang gebührt,
spielen Kopier- und Umformungsprozesse
auch jenseits der Archivgutbenutzung eine
wesentliche Rolle. Als Schutzmedium für Ori-
ginalakten werden langzeitstabile Mikrofor-
men auf kontrastreichem Silberfilm erzeugt.
Dabei wird zugunsten der Lesbarkeit auf Grau-
werte verzichtet, aus wirtschaftlichen Grün-
den auf die Farbinformation. Schon zuvor,
im Verlauf der technischen Bearbeitung der
Akten, werden vorgefundene Thermokopien
und andere flüchtige Informationsträger auf
dem Bürokopierer dupliziert, um den Total-
verlust der Information zu vermeiden. Das
Sachgebiet Audiovisuelle Medien schließlich,
das die Bearbeitung von kinematografischen,
videografischen und Schallarchivalien be-
treibt, verlängert systematisch die branchen-
typischen Kopier- und Codierungsvorgänge in
die Archivpraxis. Genau diese Erfahrung der
Medien-Überlieferung könnte mit der generell
wachsenden Bedeutung von „born digitals“
und Retro-Digitalisaten als Anhaltspunkt hilf-
reich sein.
Medien-Überlieferung hat vor allem dann,
wenn vom Produzenten oder aus seinem Um-
feld übernommen wurde, den Charakter eines
Konvoluts, das identische Medien-Titel mehr-
fach in unterschiedlicher Gestalt enthält. Zum
Umgang damit sollte noch vor der Bewertung
die Generationenfolge, die Position des Ob-
jekts in der Informations-Übertragungs-Kette
ermittelt werden. Die originale Aufnahme, das
Originalbildnegativ, das Magnettonband mit
dem Originalmitschnitt, die Videokassette
aus der Kamera oder die originalen Kamera-
Dateien – alle diese Medien kommen der Vor-
stellung vom Archiv-Original sehr nahe und
sollten besondere Aufmerksamkeit erfahren.
Wenn es sich um weitergehend gestaltete
Werke handelt, ist die nächste Generation,
im ursprünglichen Format, in unverkürz-
ter Qualität und authentischer Anmutung,
für die Sicherung des Inhalts anzustreben.
Hierbei könnte es sich um das geschnittene
Bild-Negativ, das Dup-Bild-Negativ, das Ton-
Negativ zum Film, die kombinierte Kino-Kopie
oder das Video-Master im Ursprungsformat,
neuerdings das elektronische Intermediate
handeln. Weitere Derivate aus späteren Ko-
piergenerationen, insbesondere Vertriebs-,
Beleg- und Benutzungskopien, Mitschnitte
von der Antenne und Kopien aus dem Internet
kommen für die Sicherung von Inhalten nur
ausnahmsweise in Frage, wenn nämlich die
ursprünglicheren Formen nicht beschaffbar
oder geschädigt sind.
Als vor 17 Jahren das Sachgebiet AV-Medien
im Sächsischen Staatsarchiv installiert wur-
de, begann die breitere Einführung digitaler
Medien-Formate, die sich angeblich ohne Ver-
luste kopieren lassen sollten. Wenig später war
die Erwartung zu hören, eine Speicherung im
Internet könnte jegliches Archiv und Googles
Retro-Digitalisierungsprojekt alle Bibliotheken
ersetzen. Nachdem mittlerweile klargewor-
den ist, dass Migration und Recodierung von
Dateien Verluste verursachen und Server im
Heimatland stehen sollten, könnte auch die
Vorstellung vom Original eine Wiedergeburt
erfahren.
Anderenfalls könnte im Extremfall als letztes,
wissenschaftlich und archivfachlich korrektes
Echo mancher Medienproduktion die Feststel-
lung übrigbleiben, dass sie existiert hat.
Stefan Gööck
(Archivzentrum Hubertusburg)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 15
„Ehe ich aus diesem Leben scheide ...“ –
Dokumente zu Walter Cramer im Stadtarchiv Leipzig
Wilhelm Bernardo Walter Cramer wurde am
1. Mai 1886 als Sohn des Textilunternehmers
Wilhelm Georg Cramer (1851–1921) und seiner
italienischstämmigen Frau Josepha geb. Sala
(1861–1940) in Leipzig geboren. Seine Vorfah-
ren waren überwiegend kaufmännisch tätig.
Nach dem Besuch der Thomasschule, einer
Ausbildung in der Textilindustrie in England
sowie seinem Militärdienst trat Walter Cramer
1907 als Teilhaber und Prokurist in das väter-
liche Geschäft, die Großhandelsfirma für
Wollgarne Polster & Co. in Leipzig, ein. 1910
schloss er mit Charlotte Weber (1889–1975)
die Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen. Be-
reits 1910 wurde Walter Cramer als ordentli-
ches Mitglied in die Gesellschaft „Harmonie“
aufgenommen, der bereits sein Vater ange-
hörte. Während des 1. Weltkrieges war Walter
Cramer an der West- und Ostfront eingesetzt.
Er beendete seinen Militärdienst als Oberleut-
nant der Reserve. Von 1920 bis 1930 war er
Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei.
Walter Cramer übernahm am 1. Januar 1919 die
Leitung der Kammgarnspinnerei Gautzsch AG
in Gautzsch (später Markkleeberg). In Per-
sonalunion trat er 1923 in den Vorstand der
Leipziger Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG
ein. Beide Unternehmen fusionierten 1928
zum Stöhr-Konzern, dem weitere Tochter-
gesellschaften und Zweigwerke angehörten
und der sich zu einer der führenden Kamm-
garnspinnereien in Deutschland entwickelte.
Walter Cramer war gleichzeitig Aufsichts-
ratsvorsitzender in fast allen zum Konzern
gehörigen inländischen sowie Vizepräsident
in den ausländischen Gesellschaften. Außer-
dem fungierte er als Aufsichtsratsmitglied in
weiteren Textilunternehmen. Er setzte sich
neben der Reorganisation der Herstellungs-
und Produktionsverfahren insbesondere für
soziale Belange der Beschäftigten ein. Walter
Cramers humanitäre Grundhaltung und seine
Ablehnung gegenüber dem NS-System waren
in der Belegschaft und der Betriebsleitung be-
kannt.
Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem
damaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl
Goerdeler. Durch seine Verbindungen im In-
und Ausland stellte Walter Cramer wichtige
Kontakte zu Gegnern des NS-Regimes her.
Nach längerem Zögern war er schließlich auch
bereit, selbst ein politisches Amt im Falle eines
geglückten Staatsstreiches in einer neuen Re-
gierung zu übernehmen. Damit gehörte er zum
politischen Umkreis der Attentäter auf Adolf
Hitler im Juli 1944. Aufgrund verschiedener
Anschuldigungen und Denunziationen leitete
die Staatspolizei Leipzig schon im Frühjahr
1944 gegen ihn ein Ermittlungsverfahren we-
gen Wehrkraftzersetzung ein. Nach dem ge-
scheiterten Attentat wurde Walter Cramer, der
sich besuchsweise bei seiner ältesten Tochter
aufhielt, am 22. Juli 1944 durch die Geheime
Staatspolizei Stuttgart verhaftet. Über Leip-
zig und Dresden wurde Walter Cramer nach
Frau Dr. Beatrix Heintze bei der Übergabe von Dokumenten am 02.11.2012 im Stadtarchiv Leipzig (Foto Hannelore
Hoffmann)
Walter Cramer mit seinen Enkelkindern Beatrix und Andreas Heintze, Herbst 1942 (Stadtarchiv Leipzig, Dep. Heintze/
NLF Cramer Nr. 48)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 16
Berlin ins Gefängnis Lehrter Straße gebracht.
Am 27. September 1944 erfolgte seine Verle-
gung in das Untersuchungsgefängnis Tegel.
In beiden Einrichtungen sowie im Gestapo-
Gefängnis Prinz-Albrecht-Straße 8 musste
er schlimmste Verhöre mit Folterungen über
sich ergehen lassen. Trotz seiner Strategie, alle
Anschuldigungen abzuweisen, um das Verfah-
ren eventuell bis zum Kriegsende hinziehen zu
können und um insbesondere Mitangeklagte
und Personen aus seinem Umfeld zu schützen,
verurteilte der Volksgerichtshof Walter Cra-
mer am 14. November 1944 wegen Hoch- und
Landesverrats als Beteiligten des Attentats-
versuchs auf Hitler zum Tode. Das Urteil wur-
de noch am gleichen Tag in Berlin-Plötzensee
vollstreckt. Sein letzter Brief an seine Frau
und seine beiden Töchter, den er eine Stunde
vor der Hinrichtung schrieb, beginnt mit den
Worten „Ehe ich aus diesem Leben scheide,
sende ich Euch letzten, innigsten Gruß [...]“
Die Benachrichtigung seiner Frau über die
Vollstreckung des Todesurteils erfolgte erst
am 20. November 1944. Für Walter Cramers
Asche gab es keine Grabstelle. Heute erinnert
auf dem Familiengrab in Hannover, wo auch
seine Frau bestattet ist, ein Gedenkstein an
ihn. In Leipzig wurde im August 1945 im Orts-
teil Gohlis eine Straße nach Walter Cramer
benannt. 1996 errichte die Stadt Leipzig für
Walter Cramer einen überlebensgroßen Ge-
denkstein aus schwarzem Granit im Leipziger
Johannapark mit folgender Inschrift:
Vorderseite (nach Südost): WALTER CRAMER /
1. MAI 1886–14. NOVEMBER 1944 / LEIPZIGER
UNTERNEHMER / IM WIDERSTAND DES 20.
JULI 1944 / GEGEN DEN NATIONALSOZIALIS-
MUS / HINGERICHTET IN BERLIN-PLÖTZENSEE
Südwestseite: DER TOD EINES 58 JÄHRIGEN
IST NICHT SINN / UND ZWECKLOS. WENN
MAN MIR GEDENKEN / IN EHREN BEWAHRT,
SO WIRD MAN ÜBER MICH / UND MEINE
GESINNUNG, MEINE ARBEIT UND MEIN /
HANDELN NACHDENKEN UND – DANACH
HANDELN / WALTER CRAMER / UNTERSU-
CHUNGSGEFÄNGNIS TEGEL 26.10.1944
Rückseite (nach Nordwest): IM MAI 1996 DIE
STADT LEIPZIG
Nordostseite: DENKEN UND HANDELN / MUSS
AUS EINEM STÜCK SEIN /
J. G. FICHTE / WALTER CRAMER / UNTERSU-
CHUNGSGEFÄNGNIS TEGEL 26.10.1944
Die Portraitaufnahme Walter Cramers wurde 1943 auf
Drängen seiner Ehefrau Charlotte bei einer Reise in
Wien aufgenommen. (Stadtarchiv Leipzig, Dep. Heintze/
NLF Cramer Nr. 52)
Eintrag Walter Cramers im ersten Taschenkalender über seine erkennungsdienstliche Behandlung im Polizeigefängnis Dresden und die ersten Vernehmungen, bei denen versucht
wurde, ihn mit der falschen Mitteilung, dass seine Tochter verhaftet und die Enkel im Fürsorgeheim seien, unter Druck zu setzen (Stadtarchiv Leipzig, Dep. Heintze/NLF Cramer Nr. 32)
Vorderseite des Abschiedsbriefs Walter Cramers an
seine Frau und die Töchter (Stadtarchiv Leipzig, Dep.
Heintze/NLF Cramer Nr. 2)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 17
Die Maxime Fichtes war ein Leitspruch für
Walter Cramer und findet sich auch als per-
sönlicher Eintrag in seinem Taschenkalender.
Am 27. September 1996 wurde das Ehren-
mal für Walter Cramer in Anwesenheit seiner
Tochter und seiner Enkelin feierlich enthüllt.
Während die geschäftliche Tätigkeit Walter
Cramers anhand der im Staatsarchiv Leipzig
überlieferten Unterlagen der Kammgarnspin-
nerei Stöhr & Co. relativ gut nachvollziehbar
ist, sind aus seinem Privatleben nur wenige
schriftliche Spuren geblieben. Dies musste
auch seine Enkeltochter feststellen, als sie
nach 1990 begann, sich intensiver mit dem
Leben und Wirken ihres Großvaters auseinan-
derzusetzen. Mit Unterstützung ihrer Mutter,
Leonore Heintze, und durch Frau Marianne
Meyer-Krahmer, die Tochter von Carl Goer-
deler, gelang es Frau Dr. Beatrix Heintze, eine
umfangreiche Dokumentation zum berufli-
chen Wirken Walter Cramers, zu seiner politi-
schen Tätigkeit bis zur Inhaftierung sowie zur
Würdigung seiner Person in der Nachkriegs-
zeit zusammenzustellen. Ihre Forschungen
veröffentlichte sie in einem Vortrag vor dem
Leipziger Geschichtsverein 1994 sowie in
mehreren Publikationen.
Die entstandene Materialsammlung sowie die
wenigen erhalten gebliebenen Aufzeichnun-
gen Walter Cramers übergab Frau Dr. Beatrix
Heintze nach Vermittlung durch das Univer-
sitätsarchiv ihrer Heimatstadt Frankfurt am
Main im Jahr 2012 dem Stadtarchiv Leipzig
als Depositum. Zu den Originaldokumenten
gehören die Tagebuchaufzeichnungen und
Einträge Walter Cramers in seinem kleinfor-
matigen Taschenkalender während der Inhaf-
tierung bis zu seiner Hinrichtung. Die Einträge
zeigen auf berührende Weise die Sorge Walter
Cramers um seine Familie, um Geschäftspart-
ner und Freunde sowie seine Bemühungen um
deren politische und strafrechtliche Entlas-
tung. Sie dokumentieren die Vernehmungen in
den verschiedenen Gefängnissen und lassen
die dabei erlittenen Qualen erahnen. Die Ein-
träge zeigen ebenso, wie viel es Walter Cramer
in diesen Tagen bedeutete, Nachrichten über
Mitinhaftierte oder kleine Geschenke aus der
Familie zu erhalten. Die beiden Kalender ge-
langten ebenso wie 30 zum Teil ausführliche
Briefe und Mitteilungen Cramers an Familien-
mitglieder und Freunde über den katholischen
Anstaltspfarrer von Berlin-Plötzensee Peter
Buchholz, der sie an der Zensur vorbei aus
dem Gefängnis schmuggelte, in den Besitz der
Familie. Der Bestand beinhaltet außerdem bio-
grafische Dokumente zur Familie Cramer und
den Vorfahren, darunter Abstammungsnach-
weise und amtliche Bescheinigungen sowie
fotografische Aufnahmen aus der Familie.
Die Unterlagen des Depositums Heintze/
Nachlassfragmentes Cramer wurden im Rah-
men der Bestandsbearbeitung im Stadtarchiv
nach inhaltlichen bzw. chronologischen Ge-
sichtspunkten geordnet und formiert. Ent-
sprechend der Überlieferungsschwerpunkte
erfolgte die Gliederung in zwei Bestands-
teile: die biografischen Dokumente und die
Materialsammlung. Bei der Erschließung im
Archivprogramm Faust wurden die Verzeich-
nungsangaben im Enthält-Vermerk sowie
bei der Vorlagenart erweitert beschreibend
erfasst. Das Personenregister enthält nicht
nur die im Aktentitel und Enthält-Vermerk
aufgenommenen Namen, sondern weitge-
hend alle in den Einzelschriftstücken ge-
nannten Personen, unter Vereinheitlichung
der Schreibweise.
Grundsätzlich ist eine Einsichtnahme, Verviel-
fältigung bzw. Verwendung von Dokumenten
nur mit Zustimmung von Frau Dr. Heintze
möglich, die jedoch gern alle wissenschaft-
lichen Forschungen unterstützt und zurzeit
selbst die Herausgabe einer kommentierten
Quellenedition vorbereitet. Dieser Band ist
beim Leipziger Universitätsverlag unter dem
Titel „Walter Cramer – die letzten Wochen.
Gefängnisbriefe und -notizen an seine Familie
nach dem 20. Juli 1944“ erschienen.
Birgit Horn-Kolditz
(Stadtarchiv Leipzig)
Beglaubigte Abschrift der Mitteilung des Volksgerichtshofes an Charlotte Cramer über die Vollstreckung des
Todesurteils (Stadtarchiv Leipzig, Dep. Heintze/NLF Cramer Nr. 2)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 18
Risswerke ergänzen Überlieferung zum
Steinkohlenwerk Zauckerode
Ende 2013 konnte das Sächsische Staats-
archiv vier teils unvollständige Risswerke mit
insgesamt 57 Einzelrissen des ehemaligen Kö-
niglichen Steinkohlenwerkes Zauckerode aus
Privathand erwerben. Die Risse wurden in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefertigt
und zeigen die geologische Situation und die
Abbaue in einer vergleichsweise frühen Phase
des Königlichen Steinkohlenwerkes. Die Stein-
kohlenwerke im Plauenschen Grund gingen
1806 in königlichen Besitz über, wurden 1924
in die Aktiengesellschaft Sächsische Werke in-
tegriert (Bestand 11605 im Hauptstaatsarchiv
Dresden) und 1951 liquidiert. Die Steinkohle-
gruben wurden von der SAG/SDAG Wismut
wegen der uranhaltigen Gesteinsschichten
zunächst weitergeführt. Die Wismut übernahm
auch einen Teil der ehemaligen Markscheide-
rei, nicht jedoch die ältesten Risswerke, die
größtenteils als verloren gelten müssen. Auch
die Überlieferung des VEB „Willi Agatz“ (Be-
stand 40123 im Bergarchiv Freiberg), welcher
die Förderung der Steinkohleerze im Döhlener
Becken bis 1989 fortführte, umfasst nicht die
Unterlagen der Markscheiderei des ehemaligen
Steinkohlewerks Zauckerode. In der Überliefe-
rung im Bergarchiv Freiberg im Bestand 40113
Steinkohlenwerk Zauckerode sind Risse so gut
wie nicht vorhanden. Mit den jetzt erworbe-
nen Risswerken aus den Jahren zwischen 1806
und 1850 erhält der Archivalienbestand des
Bergarchivs Freiberg zum Freitaler Steinkoh-
lenbergbau eine wichtige Ergänzung. Damit ist
eine weitere Überlieferungslücke zwar nicht ge-
schlossen, aber doch deutlich kleiner geworden.
Peter Hoheisel
(Bergarchiv Freiberg)
Übersichtsriss des Grubenfeldes des Königlichen Stein-
kohlenwerkes Zauckerode, ca. 1830/1850 (Sächsisches
Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg, 40113 Steinkohlen-
werk Zauckerode, noch ohne Nr.)
„Abschied von der Grundmühle – Zeugnisse,
Überlieferungen und Erinnerungen aus 450 Jah-
ren Geschichte der Familie Liebethal im Tiefen
Grunde zu Hohnstein“ ist der Titel des 2012
erschienenen Buchs von Eva-Maria Liebethal.
Die letzte Angehörige der Familie Liebethal,
die noch auf dem von der Grundmühle bei
Hohnstein in der Sächsischen Schweiz abge-
trennten Mühlengut lebt, schildert auf 135
Seiten das Leben der Grundmüller und de-
ren Familien. Viereinhalb Jahrhunderte war
die Mühle mit Gutshaus, Feld-, Land- und
Schankwirtschaft Heimat und Lebensmit-
telpunkt für zwölf Generationen der Familie
Liebethal/Köhler. Die Familie erwarb Waldbe-
sitz, Fischerei-, Back-, Wasser- und Schank-
rechte. Durch das Mühlenanwesen führte die
königlich-sächsische Poststraße Schandau-
Hohnstein.
„Damit etwas bleibt“, übergab sie am 2. No-
vember 2010 das Familienarchiv auf der
Grundlage eines Depositalvertrages in die Ob-
hut des Hauptstaatsarchivs Dresden (Bestand
13810 Familiennachlass Liebethal/Köhler [D]).
„Damit etwas bleibt“ – Die Grundmühle bei
Hohnstein (Sächsische Schweiz) und ein neuer
Bestand im Hauptstaatsarchiv Dresden
Der Vertragsabschluss erfolgte am 14. No-
vember 2010. Im August 2013 wurde der Be-
stand durch die Übergabe der Gästebücher
und weiterer persönlicher Dokumente aus der
Zeit zwischen 1940 und 1978 ergänzt.
Der Kaufvertrag zwischen dem Grundmüller
Gottfried Liebethal und seinem Sohn Johann
George Liebethal vom 18. August 1756 ist
das älteste im Original vorliegende Doku-
ment des 1,32 Meter Archivgut umfassenden
Bestandes. Dabei bilden die Unterlagen zur
Genealogie der Familie den größten Teil. Dazu
zählen Bescheinigungen der Kirche Hohnstein
über Geburt, Herkunft, Taufe nebst Taufpa-
ten und Korrespondenz in Form von Briefen,
Gruß- und Glückwunschkarten zur Geburt,
Konfirmation, Hochzeit und zu Geburtstagen.
Standesamtliche Dokumente und Testamente
ergänzen diese Unterlagen. Die Korrespon-
denz aus der DDR-Zeit ist reich bebildert mit
Einzelaufnahmen und Fotoalben. Der Bestand
umfasst insgesamt 591 Fotografien. Auch die
„schmerzlichen Erinnerungen“ der Familie sind
überliefert. Dazu zählen Fotos, Feldpostkarten
und Feldbriefe aus dem Ersten und Zweiten
Weltkrieg sowie Todesnachrichten.
Bis 1890 wurde in der Grundmühle Getreide
gemahlen. Danach erwarben die Liebethals für
die Mühle das Schankrecht. Auch „Sommer-
frischler“ fanden hier für einige Urlaubstage
Unterkunft. Als langjähriger Pächter und seit
1952 auch Eigentümer sei hier Erwin Alexan-
der Köhler (1888–1965), Vater von Charlotte
Liebethal, genannt. Er pachtete die Gaststätte
von 1921 bis 1924 und wieder ab 1942 und
Stempel als Erinnerung an den Abschiedsabend in der
Grundmühle (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaats-
archiv Dresden, 13810 Familiennachlass Liebethal/
Köhler [D], Nr. 41)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 19
brachte als Stadtkapellmeister von Sebnitz die
Musik ins Haus. Das Heimatlied aus dem Jahr
1954 (Text Charlotte Liebethal, Musik Erwin
Köhler) war Standardprogramm. Die Gäste
wurden mit Trompetenklängen verabschie-
det. Zünftig ging es zu beim Sonntagsfrüh-
schoppen „im schönsten Wiesengrunde“ vor
der Mühle.
Am 8. Mai 1945 brannte die fachwerkge-
schmückte Grundmühle ab. Der Wiederaufbau
zwischen 1946 und 1948 ist im Bestand durch
Grundrisszeichnungen zum Wohn- und Gast-
wirtschaftsgebäude, eine mit Wasserfarben
gemalte Frontansicht, den Bauantrag, Liefer-
scheine und Rechnungen dokumentiert. Mit
Kaufvertrag von 1959 erwarb Erwin Köhlers
Tochter Charlotte Liebethal die Mühle, die von
ihrem Vater bereits seit 1957 an die Handels-
organisation der DDR verpachtet worden war.
Die exzellente Küche der Gaststätte wurde in
Dankschreiben von Touristen aus dem In- und
Ausland lobenswert erwähnt. In einem der
Gästebücher (Nr. 92 des Bestandes) trug sich
am 15. August 1962 Otto Buchwitz ein: „Im-
mer wieder, wenn wir einen Tag der Entspan-
nung suchen, zieht es uns zur Grundmühle!
Freundlich ist stets die Bedienung, ausgesucht
und schmackhaft die Speisen und Getränke.
Wir danken dem immer zuvorkommenden
Wirt und dem lieben Küchenpersonal.“
1968 übernahm die Abteilung Volksbildung
beim Rat des Stadtbezirkes Berlin-Mitte die
Pacht für den Ausbau zum Ferienheim. 1978
musste die Grundmühle an diesen Pächter
verkauft werden. Die bisherigen Eigentümer
konnten als Betriebsleiter des Ferienheimes die
Ausflugsgaststätte weiterführen. Der Rück-
kauf in Familienbesitz erfolgte am 28. Januar
1997, indem die Geschwister Walter, Eva-Ma-
ria und Reinhild Liebethal und Herbert Wirth
in Berlin den Kaufvertrag unterzeichneten.
Am 19. Oktober 2004 musste die Grundmüh-
lengaststätte aus Gesundheits- und Alters-
gründen erneut verkauft werden.
Die schriftliche Überlieferung der Familie
Liebethal/Köhler ist besonders vielfältig. Der
Bestand untergliedert sich in Privatunterla-
gen/Genealogie, Grundmühle (darunter Ver-
träge, Bau und Gastwirtschaft/Ferienheim)
und Grundbuch-/Katasterunterlagen sowie
Amtsbescheide. Vor allem Korrespondenz und
Glückwunschkarten ab Mitte des 19. Jahrhun-
derts, Fotos der Familie ab 1895 und Doku-
mente zur Bewirtschaftung der Gaststätte
nach 1945 sind umfassend überliefert. Dazu
gehören der Beitritt zur Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaft, Pacht-, Miet-
und Versicherungsverträge, Personalunterla-
gen und Baumaßnahmen. Überliefert sind die
Preislisten für Genussmittel, Umsatzsteuer,
die Hausordnung und Belegungslisten und
auch der Ertrag der Milchkühe.
Einen besonderen Stellenwert für die Ge-
schichte des Tourismus in der Sächsischen
Schweiz besitzen die zum Teil illustrierten
Gästebücher ab 1960 bis 1978 mit Eintragun-
gen von Gästen aus der Sowjetunion, Ungarn,
Uruguay, Dänemark, Schweden, Japan, Jugo-
slawien, Tschechoslowakei, Frankreich, Kuba,
Polen und der Deutschen Demokratischen
Republik. Die Gäste schwärmten, mitunter po-
etisch, von der guten Küche und den geführ-
ten Wanderungen in die Sächsische Schweiz.
An Regentagen bot die Mühle ausreichend
Platz für Sport und Spiel. Die Abende klan-
gen bei Musik und Tanz feuchtfröhlich aus.
Für ausländische Touristengruppen wurde
ein besonderer Abschiedsabend gefeiert. Die
Kapelle spielte und der Mühlenchor, dem alle
Mitarbeiter der Gaststätte angehörten, sang
das Heimatlied. Am Anfang der Veranstaltung
wurde ein Gruppenfoto aufgenommen. Der
Fotograf, Erhard Hegewald, entwickelte die
Fotos über Nacht, früh wurde vom Mühlenwirt
ein Stempel „Für Frieden und Völkerfreund-
schaft in der Grundmühle“ auf die Rückseite
des Fotos aufgedrückt und dieses den Gästen
vor der Abfahrt als Erinnerung ausgehändigt.
Die erforderlichen Ferienschecks für den
14-tägigen Aufenthalt erhielten die Urlauber
zentral über die Ferienkommission der Ge-
werkschaft Unterricht und Erziehung. Außer-
halb der Feriensaison nutzte das Ministerium
für Volksbildung der DDR die Einrichtung zur
Schulung und Weiterbildung von Lehrern und
Funktionären.
Der Bestand wurde bereits 2011 geordnet und
verzeichnet, das Findbuch nach der zweiten
Abgabe 2013 fertiggestellt. Die schriftliche
Genehmigung des Eigentümers ist vor einer
Benutzung erforderlich. Eva-Maria Liebethal
hat verfügt, dass der Bestand nach ihrem Ab-
leben in das Eigentum des Freistaates Sachsen
übergeht. „Damit etwas bleibt“.
Gisela Petrasch
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Urlaubstreiben an der Grundmühle, festgehalten im
Gästebuch (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaats-
archiv Dresden, 13810 Familiennachlass Liebethal/
Köhler [D], Nr. 90)
Festlicher Abschiedsabend einer ausländischen Delegation, 1960 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 13810 Familiennachlass Liebethal/Köhler [D], Nr. 41)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 20
Nutzerfreundliche Archivfindmittel nach
aktuellen Standards – Retrokonversion des
Findbuchs zum Bestand 20025 Amtshaupt-
mannschaft Borna im Staatsarchiv Leipzig
„Das Königreich Sachsen wird […] in 4 kreis-
hauptmannschaftliche und 25 amtshaupt-
mannschaftliche Verwaltungsbezirke ein-
getheilt, neben welchen letzteren noch der
Verwaltungsbezirk der Schönburgischen Re-
cessherrschaften und die Stadtbezirke Dresden,
Leipzig und Chemnitz gesondert bestehen“,
heißt es in der Ausführungsverordnung vom
20. August 1874 zum „Gesetz über die Organi-
sation der Behörden für die innere Verwaltung“
vom 21. April 1873. Im Verlauf dieser Verwal-
tungsreform wurde aus den Gerichtsamtsbe-
zirken Borna, Pegau, Frohburg und Geithain
sowie Teilen der Gerichtsamtsbezirke Lausick,
Rötha und Zwenkau die Amtshauptmannschaft
Borna gebildet. Sie war der Kreishauptmann-
schaft Leipzig nachgeordnet, die dem Ministeri-
um des Innern unterstand. Verwaltungssitz war
die Stadt Borna. 1939 erfolgte die Umbenen-
nung der Amtshauptmannschaft in Landkreis
Borna, der nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur
Verwaltungsreform in Folge der Ausführung
des „Gesetzes über die weitere Demokratisie-
rung des Aufbaus und der Arbeitsweise der
staatlichen Organe in den Ländern in der Deut-
schen Demokratischen Republik“ vom 23. Juli
1952 unverändert weiterbestand.
Im Rahmen des Projekts „Retrokonversion
archivischer Findmittel“ der Deutschen For-
schungsgemeinschaft (DFG) erfolgte 2013 die
Retrokonversion des maschinenschriftlichen
Findbuchs von 1967. Die Arbeiten umfassten
die Übernahme der Verzeichnungsangaben in
die Archivsoftware AUGIAS-Archiv, die Über-
prüfung fraglicher Angaben, Provenienzen und
Titel, Titelkorrekturen sowie ggf. Titelbildung
entsprechend der Verzeichnungsrichtlinie des
Sächsischen Staatsarchivs. Orts-, Personen-
und Firmennamen wurden indiziert. Der Be-
stand umfasst 7.765 Verzeichnungseinheiten
(Laufzeit 1819–1953). Mit der Online-Stellung
des Findmittels nach Projektabschluss wird
auch für den Bestand Amtshauptmannschaft
Borna eine den aktuellen Standards entspre-
chende Nutzung gegeben sein.
Die Aktenüberlieferung spiegelt die Aufgaben-
fülle einer Amtshauptmannschaft als untere
staatliche Behörde für die innere Verwaltung
wider. Dazu gehörte nach der Trennung von
Justiz und Verwaltung 1874 u. a. die Weiterfüh-
rung der Verwaltungsaufgaben der Gerichts-
ämter. Auch war sie für die Geschäfte der Stra-
ßen- und Wasserbaukommissionen zuständig.
Zu den Aufgabenbereichen zählten außerdem
die Überwachung der Gemeindevorstände,
Ortspolizei und Landgendarmerie, die Aufsicht
über Handel und Gewerbe sowie Land- und
Forstwirtschaft, Konzessionserteilungen für
Gewerbeausübung und Fabrikgründungen,
Armenversorgung und Medizinalwesen. Wei-
tere Verantwortlichkeiten waren die Bau- und
Feuerpolizei, Versicherungsangelegenheiten
und das Sparkassenwesen, Staatsangehörig-
Entsprechend der räumlichen Lage der Amts-
hauptmannschaft Borna weist deren Akten-
bestand inhaltliche Besonderheiten auf. Dazu
gehören zahlreiche Akten, die die überregionale
Bedeutung der Gebietskörperschaft verdeutli-
chen. Diese resultiert z. B. aus deren Grenzlage.
So war ein Teil der amtshauptmannschaftli-
chen Grenze zugleich sächsisch-altenburgische
(thüringische) und ein weiterer Teil sächsisch-
preußische Landesgrenze. Akteninhalte zu
Grenzvermessungen und -korrekturen sind
ebenso aufzufinden wie Probleme beim Bau
grenzüberschreitender Verkehrswege und
Versorgungsanlagen sowie zu Grundstücks-
fragen in Grenzgebieten. Ein Beispiel dafür ist
die Akte Nr. 480 zu den 1928 im preußischen
Staatsgebiet liegenden Grundstücken von acht
Gemeinden der Amtshauptmannschaft Borna.
Ein weiterer überregional bedeutender
Schwerpunkt des Bestands ist die Überliefe-
rung zum Bau und zur Unterhaltung der durch
die Amtshauptmannschaft Borna verlaufen-
den Teilstrecken von Eisenbahnlinien in die
Städte Leipzig, Chemnitz, Altenburg und Zeitz.
Die vorhandenen sechs Brückenbücher mit
Akten der Königlichen Generaldirektion der
Sächsischen Staatseisenbahnen zu Dresden
keitssachen und Personenstandswesen sowie
Finanz- und Militärangelegenheiten, für die
das Ministerium des Innern zuständig war. Der
Amtshauptmannschaft Borna und deren ge-
nannten Wirkungsbereichen uneingeschränkt
untergeordnet waren alle Land- und Stadtge-
meinden im Einzugsbereich, die nicht wie Bor-
na, Groitzsch und Pegau der revidierten Städ-
teordnung vom 24. April 1873 unterstanden.
Die Verwaltungsaufgaben der drei genannten
Städte oblagen der kommunalen Selbstverwal-
tung. In einigen Angelegenheiten wie z. B. der
Aufsicht bei Reichs- und Landtagswahlen, bei
Straßen- und bei Brückenbauangelegenheiten
sowie bezüglich wasserbaulicher Maßnahmen
unterstanden jedoch auch Borna, Groitzsch
und Pegau der Amtshauptmannschaft.
Entwürfe für ein nie verliehenes Ortswappen der Ge-
meinde Espenhain (Sächsisches Staatsarchiv, Staats-
archiv Leipzig, 20025 Amtshauptmannschaft Borna,
Nr. 1867, Bl. 2)
Grenzgebietslage der Amtshauptmannschaft Borna an
der sächsisch-preußischen Landesgrenze (Sächsisches
Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20025 Amtshaupt-
mannschaft Borna, Nr. 480)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 21
und der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft
dokumentieren anhand von Geländeskizzen,
Brückenplänen und Verzeichnissen Brücken
und Bahnunterführungen einzelner Strecken-
abschnitte (vgl. 20025 Amtshauptmannschaft
Borna, Nr. 6903–6906, 6919, 6920). Zahlrei-
che Akten veranschaulichen zudem die Be-
antragung und Errichtung von Schienenan-
schlüssen für Bergbau- und Industriebetriebe
an das Eisenbahnnetz, wodurch der schnelle
Abtransport von Rohstoffen wie Braunkohle
und Industrieprodukten ermöglicht wurde.
Sie beinhalten eine größere Anzahl von Plä-
nen und Planskizzen, die auf eindrucksvolle
Weise die schriftlichen Dokumente ergänzen.
Ein Beispiel dafür ist die Beilage zum Vertrag
Nr. 644 F I/91 zwischen der Königlichen Ge-
neraldirektion der Sächsischen Staatseisen-
bahnen zu Dresden und der Braunkohlen-
aktiengesellschaft Glückauf zu Borna. Die
kolorierte Kopie einer Planskizze von 1891
zeigt den projektierten Verlauf eines Zwei-
gleis- und Weichenanschlusses des Geländes
der Bergbaugesellschaft an die Eisenbahn-
strecke Leipzig – Kieritzsch – Borna – Chem-
nitz unmittelbar am Bahnhof Borna. Durch
die bildhafte Darstellung und Beschriftung
des Grundstücks- und Gebäudebesitzes sind
außerdem Besitzstrukturen gut erkennbar,
z. B. der Kalkbrennerei Lehmann sowie eines
zur Kalkbrennerei führenden Privatwegs. Ins-
gesamt gibt der Plan im detaillierten Maßstab
1:1.000 einen Überblick über die Bergbau-, In-
dustrie- und Verkehrsinfrastruktur seines Dar-
stellungsgebiets. Dieser Themenbereich wird
durch zahlreiche im Archivbestand vorhande-
ne Dokumente über Verkehrsanbindungen so-
wie den Ausbau von Verkehrswegen ergänzt.
Weitere inhaltliche Schwerpunkte des Be-
stands Amtshauptmannschaft Borna sind der
Braunkohlenbergbau und die damit in Verbin-
dung stehende Brikettindustrie und Energiege-
winnung. Nachweislich seit ca. 1800 wurde im
Raum Borna zunächst noch oberflächennah
Braunkohle abgebaut. Erste Tiefbaugruben
entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Technischer Fortschritt und die Mechanisie-
rung des Tagebaubetriebs ermöglichten um die
Jahrhundertwende großflächigen und tieferen
Abbau, die Kohle wurde in mehreren Brikett-
fabriken weiterverarbeitet. Die Tagebauflächen
in der Amtshauptmannschaft wuchsen stetig,
sie erreichten in den 1920er Jahren Flächen
von über 50 ha (20025 Amtshauptmannschaft
Borna, Nr. 3877, Bl. 1–61). Zahlreiche schriftli-
che und bildliche Quellen wie z. B. Lageskizzen
von Tagebauen und Pläne zu deren Erweite-
rung sowie Baupläne für Tagebau- und Indus-
trieanlagen dokumentieren diese Entwicklung.
Größere Gruppen bilden zudem Akten zu Ver-
einen und Parteien in einzelnen Gemeinden,
zum Schankwesen auf lokaler Ebene sowie
Bauakten von Industrie- und Wohngebäu-
den mit zahlreichen teilweise kolorierten
Bau- und Lageplänen. Insgesamt weisen die
Akten des Bestands eine inhaltliche Vielfalt
für Themenbearbeitungen der Lokal- und
Regionalgeschichte auf. Mit dem durch die
Retrokonversion vorliegenden digitalen Find-
mittel ist eine nutzerfreundliche, zeitsparende
Recherche gewährleistet.
Frauke Gränitz
(Leipzig)
Schutzbrücke I über den Kommunikationsweg von Wyhra nach Frohburg zur Otto’schen Drahtseilbahn für die Gewerkschaft von Einsiedel‘sches Braunkohlenwerk in Benndorf
(Planausschnitt), Maßstab 1:100 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20025 Amtshauptmannschaft Borna, Nr. 5437, Bl. 10)
Beilage zum Vertrag Nr. 644 F I/91 zwischen der Königlichen Generaldirektion der Sächsischen Staatseisenbahnen und
der Braunkohlenaktiengesellschaft Glückauf zu Borna über einen Zweigleis- und Weichenanschluss, Maßstab 1:1.000,
gez. 26. März 1891 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20025 Amtshauptmannschaft Borna, Nr. 5445, Bl. 27)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 22
Flurnamenforschung in Sachsen
Flurnamen als Bezeichnungen für Felder, Feld-
stücke, Wiesen, Wälder, Waldbezirke, Wege
und andere Grundstücke wurden im Zuge des
historisch-geografischen Paradigmenwechsels
der deutschen Geschichtswissenschaft um
1900 als wichtige historische Überlieferung
entdeckt. Sie galten als bedeutende, durch In-
dustrialisierung, Verstädterung und den Wan-
del der Lebenswelt zugleich gefährdete Quellen
für verschiedene Zweige der Geschichtswis-
senschaft sowie für die Volkskunde.
1901 regte der sächsische Staatsarchivar (und
spätere Archivdirektor) Hans Beschorner die
Erfassung der Flurnamen und Wüstungen als
Vorarbeit für das von der Sächsischen Kom-
mission für Geschichte geplante Historische
Ortsverzeichnis an. Nach einem Vortrag Be-
schorners auf der Hauptversammlung des
Gesamtvereins der deutschen Geschichts-
und Altertumsvereine 1903 in Erfurt rief
dieser deutschlandweit zur Sammlung von
Flurnamen auf und legte dazu Richtlini-
en vor. In Sachsen begann 1904 der Verein
für sächsische Volkskunde mit Hilfe seiner
Mitglieder, Flur- und Forstortsnamen orts-
weise zu erfassen. Dazu arbeitete er mit der
Sächsischen Kommission für Geschichte zu-
sammen, die dem Verein die entstandenen
Kosten erstattete, im Gegenzug die fertigen
Namenverzeichnisse erhielt und diese im
Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahren
ließ. Die fachliche Leitung des groß angeleg-
ten wissenschaftlichen Vorhabens übernahm
Hans Beschorner, der im Hauptstaatsarchiv
1905 die Sächsische Flurnamenstelle als Ar-
beitsstelle der Sächsischen Kommission für
Geschichte einrichtete.
An der Flur- und Forstortsnamenerfassung in
Sachsen beteiligten sich hunderte freiwillige
Sammler und Helfer, zu denen Lehrer, Vermes-
ser und Heimatforscher, aber auch Pfarrer,
Förster und Rittergutsbesitzer gehörten. Sie
kann damit als eines der mitwirkungsstärks-
Flurnamenkarte von Wiederau (bei Pegau) mit Dorfflur, Straßen, Gewässern und den wichtigsten Flurnamen, um 1930 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
13403 Sächsische Flurnamenstelle, Nr. 781)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 23
ten Projekte der sächsischen Geschichtsfor-
schung überhaupt gelten. Die Ermittlung von
Flurnamen erfolgte durch die Einsichtnahme
in Akten und Amtsbücher, die Auswertung
von Karten, die Durchsicht der einschlägigen
Fachliteratur sowie vor allem auch durch Be-
fragung der einheimischen Bevölkerung. Aus
der Sammeltätigkeit erwuchs ein umfangrei-
cher Bestand an Verzeichnissen für fast alle
sächsischen Gemeinden und selbständigen
Gutsbezirke sowie für viele Forstreviere und
wüste Marken, der heute im Bestand 13403
Sächsische Flurnamenstelle verwahrt wird.
Die Flurnamenverzeichnisse enthalten in der
Regel eine handkolorierte Kopie des jeweiligen
Flurkrokis mit transparentem Deckblatt zum
Eintrag der Flurnamen, außerdem den Ende
1902 versendeten Fragebogen der Kommis-
sion für Geschichte über die „Ermittlung der
älteren Flurverhältnisse Sachsens“ sowie das
eigentliche Flurnamenverzeichnis, mitunter
in mehreren Varianten. Angereichert sind sie
häufig mit Flurnamenfundstellen aus Archiv-
gut und Literatur, Zeitungsausschnitten und
Sonderdrucken, Kartenskizzen sowie in Einzel-
fällen auch mit Fotos und Korrespondenz. Die
Forstortsnamenverzeichnisse enthalten neben
dem Namensverzeichnis in der Regel eine
Kopie der jeweiligen Forstrevierkarte.
Die erstellten Verzeichnisse wurden im Haupt-
staatsarchiv verwahrt, zur Einsichtnahme
vorgelegt, aber auch zur Überarbeitung an
Flur- und Forstortsnamensammler ausge-
liehen. Geplant war anfangs, die Sammlung
mit einem „Sächsischen Flurnamenbuch“
abzuschließen, wozu es aber nicht kam. Als
Vorarbeit zum „Flurnamenbuch“, aber auch als
Hilfsmittel für die Erteilung von Auskünften
und für Recherchen zu den gesammelten Flur-
und Forstortsnamen, wurden diese in einem
Generalregister zusammengetragen, wofür
die Kommission für Geschichte seit 1907
ebenfalls Mittel bereitstellte. Im Jahr 1912
enthielt das Generalregister bereits 15.000 bis
16.000 Karteikarten und erfasste damit die
rund 35.000 Flurnamen der bislang erstellten
Flurnamenverzeichnisse.
Im Ersten Weltkrieg verringerte sich die Akti-
vität der Flurnamenstelle deutlich, da manche
Flurnamensammler auf den Schlachtfeldern
umkamen, andere durch zusätzliche Dienst-
aufgaben keine Zeit mehr für die Flurna-
mensammlung hatten. Nach 1918 wurde
das Sammeln und Zusammenstellen durch
knappe staatliche Haushaltsmittel und Infla-
tion beeinträchtigt, so dass Hans Beschorner
in Kreisen der Wirtschaft um Spenden wer-
ben musste. Zu den Sponsoren gehörte u. a.
die Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik
Yenidze in Dresden. Unterstützung erhielt die
Flurnamenstelle aber auch vom Landesverein
Sächsischer Heimatschutz als Nachfolger des
aufgelösten Vereins für Sächsische Volkskun-
de. Mit ihrer Hilfe gab Beschorner ab 1930 (ab
1935 zusammen mit Johannes Leipoldt) die
Zeitschrift „Sächsischer Flurnamensammler“
heraus, die bis 1943 in siebzehn Heften über
die Erfassung und wissenschaftliche Erfor-
schung der sächsischen Flurnamen berich-
tete.
Nach der nationalsozialistischen Machtergrei-
fung trat die Sächsische Flurnamenstelle dem
Reichsbund für Volkstum und Heimat bei und
begann eine intensive Zusammenarbeit mit
dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und
dessen Landesstelle für Volkstumspflege und
Volkstumskunde. In Abstimmung mit diesen
beiden NSDAP-Einrichtungen wurden vie-
lerorts die zu „Volkstumswarten“ ernannten
Lehrer für die Erfassung von Flurnamen mo-
bilisiert. Flurnamenkundliche Gutachten jener
Jahre zeigen mehrfach antijüdische sowie
antisorbische Ressentiments. 1937 wurde der
Zugang zur Flurnamensammlung insgesamt
eingeschränkt und die Veröffentlichung von
Flurnamenverzeichnissen mit überwiegend
sorbischen Flurnamen untersagt.
Im Zweiten Weltkrieg und danach verkom-
plizierten sich die Arbeitsmöglichkeiten der
Sächsischen Flurnamenstelle zunehmend. Der
weiterhin privat als Leiter der Flurnamenstelle
aktive Beschorner (NSDAP-Mitglied seit 1933)
galt nach 1945 als politisch belastet. Ab 1950
verlagerte sich der Schwerpunkt der säch-
sischen Flurnamenforschung nach Leipzig,
wo durch die Universität und die Historische
Kommission ein bedeutender namensge-
schichtlicher Forschungsschwerpunkt einge-
richtet wurde („Forschungsauftrag Deutsch-
Slawische Forschungen“, später „Leipziger
namenkundliche Arbeitsgruppe“). Diese von
Hans Walther geleitete Forschungsgruppe
legte zahlreiche flurnamensgeschichtliche
Veröffentlichungen vor. Die Sächsische Flur-
namenstelle im nunmehrigen Sächsischen
Landeshauptarchiv bestand zunächst noch
weiter, doch verringerte sich ihr Aufgaben-
umfang im Wesentlichen auf die Ausleihe
von Flurnamenverzeichnissen sowie auf die
Beantwortung von Anfragen. Ende der 1960er
Jahre kam ihre Tätigkeit zum Erliegen.
Aus den Flur- und Forstortsnamenverzeich-
nissen sowie dem später mit dem Nachlass
von Hans Beschorner vermischten Schrift-
und Sammlungsgut der Flurnamenstelle
entstand 2003/04 der Bestand 13403 Säch-
sische Flurnamenstelle. Diesem wurde we-
gen der engen personellen und fachlichen
Verflechtung zwischen Flurnamen- und
Wüstungsforschung auch Beschorners Ma-
terial zur Wüstungsforschung zugeordnet,
darunter sein unveröffentlichtes Manuskript
„Die Wüstungen Sachsens. Überblick über die
wiederverschwundenen dörflichen Siedlun-
gen im Lande Sachsen und ihre Fluren“. Der
Bestand 13403 wurde 2013 archivfachlich
bearbeitet und steht nunmehr voll erschlos-
sen den Benutzern des Hauptstaatsarchivs
zur Verfügung.
Von seinen Akten und Verzeichnissen wird die
Geschichte des Sammelns und Erforschens
sächsischer Flurnamen, Forstortsnamen und
Wüstungen in den ersten fünf Jahrzehnten
des 20. Jahrhunderts ebenso reichhaltig wie
anschaulich dokumentiert. Hervorzuheben
sind die Korrespondenz der Flurnamen-
stelle mit der Sächsischen Kommission für
Geschichte sowie mit zahlreichen Flur- und
Forstortsnamensammlern, die Veröffentli-
chungen der Flurnamenstelle, besonders aber
die über 3.500 Flurnamenverzeichnisse und
knapp 150 Forstortsnamenverzeichnisse, die
wertvolle Informationen vor allem für na-
mens- und siedlungsgeschichtliche Untersu-
chungen liefern und zugleich eine Fundgrube
für vielfältige orts- und heimatgeschichtliche
Forschungsvorhaben sind.
Noch bis zum Herbst 2014 ist im Foyer des
Hauptstaatsarchivs Dresden eine Ausstellung
über die Flurnamenforschung in Sachsen und
ihre archivalischen Quellen zu sehen.
Jörg Ludwig
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Anm.: Einen Flurnamensammler bei der Arbeit
sehen Sie auf der Innenseite des Titelblatts.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 24
„Die Völkerschlacht bei Leipzig.
Ereignis und Erinnerung“ –
Eine Ausstellung im Staatsarchiv Leipzig
Die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis
19. Oktober 1813 war mit über 500.000 betei-
ligten Soldaten aus 30 Nationalitäten die größte
und mit rund 100.000 Toten auch verlustreichs-
te Schlacht des gesamten 19. Jahrhunderts. Ihr
Ausgang war von entscheidender strategischer
Bedeutung, denn der Sieg der verbündeten
Preußen, Österreicher, Russen und Schweden
über Napoleons Truppen bewirkte den endgül-
tigen Zerfall des Rheinbundes unter französi-
schem Protektorat, den fluchtartigen Rückzug
Napoleons aus Deutschland und schließlich
dessen Abdankung im Frühjahr 1814.
Der 200. Jahrestag der Völkerschlacht im
Jahr 2013 war in Leipzig und in vielen ande-
ren Orten Deutschlands Anlass für zahlreiche
Ausstellungen, Publikationen und sonstige
Veranstaltungen. Im Fokus dieser auch inter-
national stark reflektierten Aktivitäten zum
Gedenken an die Völkerschlacht standen al-
lerdings Leipzig und seine nähere Umgebung.
Hier fanden bereits im Vorfeld der offiziellen
Gedenkwoche vom 16. bis 20. Oktober 2013
eine Reihe wissenschaftlicher Konferenzen,
international besetzter Gesprächsrunden,
Buchpräsentationen, thematischer Musik-
und Theateraufführungen sowie ein Bürger-
fest am Völkerschlachtdenkmal statt. In meh-
reren Ausstellungen in und um Leipzig wurden
viele bisher noch nicht gezeigte Exponate aus
ganz Europa präsentiert und ein anschau-
liches Bild über die Völkerschlacht und ihre
weitreichenden Folgen vermittelt.
Das Staatsarchiv Leipzig leistete seinen Beitrag
zum „Doppeljubiläum 200 Jahre Völkerschlacht
– 100 Jahre Völkerschlachtdenkmal“ mit einer
Ausstellung von bisher kaum bekannten Ar-
chivalien aus seinen Beständen. Dabei spannte
sich der zeitliche Bogen von Mitte 1813 über
die frühen Jubiläumsfeiern und Denkmalsent-
würfe im 19. Jahrhundert, den Bau und die
Einweihung des Völkerschlachtdenkmals 1913
bis zur Instrumentalisierung von Schlacht und
Denkmal zwischen Erstem Weltkrieg und Ende
der DDR. Mit dieser Ausstellung wurde das
offizielle Programm der Stadt Leipzig unter
dem Motto „Leipzig 1813-1913-2013. Eine eu-
ropäische Geschichte“ nicht nur um einen wei-
teren Ausstellungsstandort ergänzt, sondern
vor allem durch die Einbeziehung der Rezepti-
onsgeschichte bis zur jüngsten Vergangenheit
auch inhaltlich bereichert.
Am 17. September 2013 wurde die Ausstel-
lung in Anwesenheit des Ersten Vorsitzenden
des Fördervereins Völkerschlachtdenkmal e.V.,
des Wirtschaftsbürgermeisters und des Kul-
turbürgermeisters der Stadt Leipzig im Staats-
archiv eröffnet. Der Bürgermeister für Kultur,
Michael Faber, überbrachte ein Grußwort des
Oberbürgermeisters und würdigte die Ausstel-
lung als wertvollen Beitrag des Freistaates im
Rahmen der Gedenkveranstaltungen zu die-
sem weltgeschichtlich bedeutenden Anlass.
Daran schlossen sich ein Einführungsvortrag
des Unterzeichners und ein geführter Ausstel-
lungsrundgang an. Die Leipziger Volkszeitung
berichtete in Wort und Bild am darauffolgen-
den Tag über die Eröffnungsveranstaltung, an
der rund 70 Gäste teilnahmen.
Der erste Ausstellungsteil dokumentierte in
drei Standvitrinen auf jeweils drei Ebenen
die Ereignisse unmittelbar vor, während und
nach der Völkerschlacht bei Leipzig zwischen
Juni und Dezember 1813. Hier waren unter
anderem Archivalien aus der Zeit des Waf-
fenstillstandes und des Belagerungszustandes
Leipzigs im Sommer 1813 zu sehen, die vor
allem die enormen Lasten der Bevölkerung
bei der Versorgung der französischen Armee
einschließlich der bereits seit dem Frühjahrs-
feldzug mit über 20.000 Kranken stark be-
legten Militärlazarette dokumentierten. Die
viertägige Schlacht rund um Leipzig bis zum
Sturm auf die Stadt am 19. Oktober wurde
anhand von zeitgenössischen Schlachtplänen,
handschriftlichen Schilderungen der Kämpfe
und Zerstörungen, gedruckten Berichten, mit
Porträts und bildlichen Darstellungen von
Kampfszenen oder Episoden wie der Flucht
Napoleons und dem Tod Marschall Poniatows-
kis veranschaulicht. Die verheerenden Folgen
der Schlacht mit Plünderungen, Verwüstun-
gen, zerstörten oder abgebrannten Dörfern,
der „Verscharrung“ von zehntausenden toten
Soldaten und Pferden in Massengräbern, der
Bergung einer noch größeren Zahl an Ver-
wundeten und deren Versorgung in den über
50 Notlazaretten in und um Leipzig sowie die
Beräumung des Schlachtfeldes von Militär-
trümmern, Waffen, Munition und Ausrüstung
wurden exemplarisch mit Schrift- und Bild-
dokumenten belegt. Weitere Aspekte dieses
Ausstellungsteils zeigten die Reorganisation
der Verwaltung unter russischem Komman-
do, Maßnahmen gegen Hunger, Seuchen und
weitere Requisitionen sowie die Erfassung und
Beseitigung der Schäden. Die Kriegsfolgen und
enormen materiellen und finanziellen Verluste
waren in Leipzig und Umgebung wie auch in
anderen sächsischen Regionen trotz in- und
ausländischer Spenden und Sonderabgaben
noch über viele Jahre deutlich zu spüren.
Der zweite Ausstellungsteil widmete sich
der Rezeptionsgeschichte der Völkerschlacht
in den folgenden fast 180 Jahren. In drei
Tischvitrinen wurden jeweils auf zwei Ebe-
nen Schwerpunkte wie die 50-Jahrfeier der
Völkerschlacht 1863 in Leipzig, die Gründung
und Aktivitäten des „Deutschen Patrioten-
bundes zur Errichtung eines Völkerschlacht-
denkmals“ einschließlich der Baugeschichte
des Denkmals zwischen 1894 und 1912 so-
wie die Einweihung des Denkmals im Oktober
1913 in Wort und Bild dargestellt. Besondere
Aufmerksamkeit zog die hier installierte Film-
präsentation von der Einweihungszeremonie
des Völkerschlachtdenkmals und der russi-
schen Gedächtniskirche am 18. Oktober 1913
in Gegenwart zahlreicher gekrönter Häupter
auf sich. Für den Zeitraum zwischen 1918 und
Grenadier der Alten Garde der französischen Armee
(Garde Impériale), handkolorierte Postkarte, Frankreich
um 1900 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig,
21859 Genealogischer Nachlass Georg Gruson, Nr. 16)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 25
1945 wurde in einer weiteren Vitrine exem-
plarisch gezeigt, wie z. B. beim 1. Deutschen
Reichskriegertag 1925 in Leipzig oder bei den
zahlreichen Propagandaveranstaltungen wäh-
rend der NS-Zeit das Völkerschlachtdenkmal
immer wieder als symbolträchtige Kulisse
und sein Gelände als Aufmarschfeld für nati-
onalistische Zwecke missbraucht wurden. Die
Erinnerung an die Befreiungskriege und die
Völkerschlacht im Rahmen der marxistischen
Geschichtsrezeption bzw. „Erbe- und Traditi-
onspflege“ in der DDR, die Restaurierung und
touristische Nutzung des Völkerschlachtdenk-
mals, aber auch dessen propagandistische Ins-
trumentalisierung zeigten die beiden chronolo-
gisch letzten Vitrinen. Dabei sind insbesondere
die breiten Aktivitäten und aufwändig insze-
nierten Gedenkveranstaltungen anlässlich des
175. Jahrestages der Befreiungskriege im Jahr
1988 thematisiert worden. Das jüngste Expo-
nat der Ausstellung datierte vom 30. Juni 1990,
dem letzten Tag der DDR-Mark unmittelbar vor
Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und
Sozialunion. Auf dem Foto aus dem Bestand
20314 agra-Landwirtschaftsausstellung der
DDR, Markkleeberg war eine Oldtimer- und
Traktorenparade vor dem Völkerschlachtdenk-
mal anlässlich der 4. Tage der Agrargeschichte
der DDR in Leipzig zu sehen.
Die über 120 Exponate stammten zum größ-
ten Teil aus den Beständen des Staatsarchivs
Leipzig. Für Belege aus dem Jahr 1813 erwie-
sen sich besonders der Bestand 20002 Kreis-
stände des Leipziger Kreises sowie einige Äm-
ter- und Rittergutsbestände, für den Zeitraum
1815 bis 1945 vor allem die Bestände 20024
Kreishauptmannschaft Leipzig, 20031 Polizei-
präsidium Leipzig und 21773 Deutscher Pat-
riotenbund Leipzig als ergiebige „Fundgrube“.
Für die Zeit nach 1945 lieferten die Bestände
20237 Bezirkstag und Rat des Bezirkes Leipzig,
21123 SED-Bezirksleitung Leipzig und 21756
Kulturbund der DDR, Bezirksleitung Leipzig
die meisten Exponate. Ein gezieltes Auffinden
der relevanten Akten oder Einzeldokumente
wurde durch die elektronischen Recherche-
möglichkeiten der seit Mitte der 1990er Jahre
erschlossenen Bestände sowie der in den letz-
ten Jahren voranschreitenden Retrokonver-
sion analoger Findmittel deutlich erleichtert.
Einige Leihgaben aus anderen Einrichtungen
(vor allem vom Leibniz-Institut für Länderkun-
de) und aus Privathand trugen an manchen
Stellen wirkungsvoll zur Illustrierung, inhalt-
lichen Abrundung oder zur Schließung von
Dokumentationslücken bei. Außerdem wurde
eine grafisch gestaltete Zeittafel mit den wich-
tigsten Ereignissen des Herbst- und Frühjahrs-
feldzugs 1813 sowie eine zusammenfassende
Darstellung der Völkerschlacht in die Ausstel-
lung integriert. Zwölf großformatige Objekte
wurden über den Vitrinen bzw. an Stellwänden
präsentiert. Zu Werbe- und Informationszwe-
cken erschienen zur Ausstellung ein mehrfar-
biges Plakat und ein gedrucktes Faltblatt.
Bis Ende März 2014 fanden mehrere gut be-
suchte öffentliche Führungen sowie Sonder-
führungen für spezielle Zielgruppen wie das
Leibniz-Institut für Länderkunde, das Amtsge-
richt Leipzig und den Leipziger Geschichtsverein
statt. Die Resonanz der Ausstellungsbesucher
war durchweg positiv, wobei das ausgewogene
Verhältnis von Text- und Bildquellen ebenso
wie die inhaltlich alle wesentlichen Aspekte
des Themas umfassende Präsentation gut
ankamen. Einige besonders Interessierte be-
suchten sogar mehrfach die Ausstellung, no-
tierten sich Archivsignaturen oder Fakten aus
den gezeigten Archivalien und stellten gezielte
Fragen zu deren Inhalt und Nutzbarkeit. Damit
dürfte auch die Befürchtung, man könne heu-
te ohne dreidimensionale Exponate wie etwa
Waffen, Uniformen, Orden und Ausrüstung
oder aufwändige Video-Installationen zu die-
ser Thematik keine Besucher mehr erreichen,
widerlegt worden sein. Vielleicht war es gerade
der Verzicht auf solche Exponate (die im Üb-
rigen für das Archiv nur über Leihgaben von
Dritten zu erhalten gewesen wären und zudem
die meisten Ausstellungen zur Völkerschlacht
dominierten), der dieser Ausstellung ihren un-
verwechselbaren Charakter im Reigen der oft
weit aufwändiger gestalteten Expositionen in
musealen Einrichtungen gab.
Bereits während der Vorbereitung der Aus-
stellung und im Zuge ihrer sechsmonatigen
Präsentation ergaben sich vielfältige Kon-
takte, die zu einem überregionalen Bekannt-
heitsgrad der Ausstellung beitrugen und zu
Forschungen anhand der hier erstmals gezeig-
ten und weiterer bisher kaum ausgewerteter
Archivalien anregten. Besonders erfreulich
war die in Verbindung mit der Ausstellung er-
folgte umfangreiche Ergänzung der Bestände
des Staatsarchivs mit Originalunterlagen des
Deutschen Patriotenbundes aus dem Zeitraum
1894 bis 1938 zum Bau und zur Nutzung des
Völkerschlachtdenkmals.
Gerald Kolditz
(Staatsarchiv Leipzig)
Anm.: Einen Ausschnitt aus einer Karte mit
Truppenstellungen der Völkerschlacht sehen
Sie auf dem Titelblatt dieses Heftes.
Festkarte zur Weihe des Völkerschlachtdenkmals am
18. Oktober 1913, gestaltet von Bruno Héroux (Sächsi-
sches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20024 Kreis-
hauptmannschaft Leipzig, Nr. 164)
Blick in die Ausstellung am Eröffnungstag, 17. September 2013 (Foto Hans-Jürgen Voigt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 26
250 Jahre Unitätsarchiv (Archiv der Evangelischen
Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine)
Im Sommer 1722 fand der erste dokumen-
tierte Besucher an der Landstraße zwischen
Löbau und Zittau auf Berthelsdorfer Flur
die Baustelle der entstehenden Ansiedlung
Herrnhut. Mährische Exulanten errichteten
hier in Eigenleistung das erste Haus. Der
vom Pietismus geprägte Gutsherr, Nikolaus
Ludwig, Graf von Zinzendorf (1700–1760),
hatte das Gut gerade von seiner Großmutter
erhalten und sammelte Menschen um sich,
die Willens waren, auch im Alltag mit ihren
Glaubensüberzeugungen Ernst zu machen.
Es entstand hier etwas konzeptionell völlig
Neues: in vielem Äußerlichen von der „Welt“
abgewandt, aber doch mit dem Drang, auf sie
zu wirken; innerlich ein aktives persönliches
Engagement und gleichzeitig sich der „Ge-
meine“ ein- und unterordnend. Die Heiligung
des eigenen Lebens, dessen Widmung an den
Dienst Gottes und seiner Kirche, die Pflege der
christlichen Gemeinschaft und Nächstenliebe
vereinigten Magd und Gräfin, den Handwer-
ker, Gelehrten, Unternehmer und Gutsherrn.
Die Verschiebung der Wertvorstellungen und
Etablierung neuer Hierarchien beinhaltete
sozialreformerisches Potential, ohne dabei im
bürgerlichen Leben die Standesunterschiede
komplett zu beseitigen. Gleichheit vor Gott
und im Tod bedeutete für die Herrnhuter eben
nicht Gleichmacherei. So war Zinzendorf so-
wohl „Herr Graf“ als auch „Bruder Ludwig“. Die
Radikalität der Auffassungen und theologi-
schen Vorstellungen sowie deren Äußerung in
der Eigenartigkeit der Religionsübungen und
Formen des Zusammenlebens bescherten den
Herrnhutern viel Ungemach, heftige Kritik und
Unverständnis auch noch nach staatlichen
Anerkennungen in Preußen, Sachsen und
England in den 1740er Jahren.
Der streng reglementierte Zutritt zur Vollmit-
gliedschaft vollzog sich über mehrere Etappen
nicht selten über mehrere Jahre hinweg und
ermöglichte das vorherige beiderseitige Ken-
nenlernen. Herrnhut und die seit den 1730er
Jahren gegründeten Kolonien in Europa und
Übersee waren höchst attraktiv. Man ver-
sprach sich hier religiöse Freiheit und Stärkung
im Glauben, persönliche Zufluchtsstätte, alter-
native Lebensformen, Erziehungs- und Bil-
dungsangebote für Kinder und Jugend und –
besonders Alleinstehende – wirtschaftliche
Existenzsicherung.
Es war kein leichtes Unterfangen, dem Ge-
meinwesen, dessen Duldung immer von der
Willkür der Obrigkeiten abhing und von Aus-
weisung bedroht war, eine Identität und eine
Richtung zu geben und es zusammen zu hal-
ten. Zu verschieden erschienen die Herkunft
nach Religion bzw. Konfession, Sprache und
Kultur, die Standesunterschiede und die loka-
len Voraussetzungen. Ermöglicht wurde dies
bis zu einem gewissen Grad durch ein starkes
persönliches (auch finanzielles) Engagement,
intensive persönliche Kontaktpflege durch
häufige Zusammentreffen und Reisen und
den hochgradigen Einsatz von Schriftlichkeit
und adressatenspezifischen, bedarfsorien-
tierten Publikationen. Auch eine ausgeprägte
Erinnerungskultur (Gedenktage) trug zu Iden-
titätsbildung bzw. -wahrung bei.
All dies hatte manche Folgen für die Überlie-
ferungsbildung und Archivgeschichte: Es ent-
stand eine vielfältige Überlieferung in Form
von Schrift-, Druck- und Bildmedien sowie
Musikalien in vielen, z. T. ausgestorbenen
Sprachen. Daneben traten Bibliotheken sowie
gegenständliche Sammlungen (Naturkunde,
Ethnographie, Erinnerungsstücke ...). Zu dieser
Überlieferungsvielfalt gesellt sich eine aus-
gesprochene Mobilität bei gleichzeitig wenig
ausgeprägter Hierarchie, was zur Zerstreuung
und vielfachen Verlagerung der Überlieferung
führte. Das durch seine identifikationsstiften-
de Funktion genährte Interesse an der eige-
nen Geschichte war auch von apologetischer
Bedeutung, indem es die Deutungshoheit
der eigenen Geschichte erlaubte. So wundert
es nicht, dass bereits wenige Jahre nach der
Gründung Herrnhuts mit der Dokumentation
der eigenen Geschichte begonnen und die
Funktion eines (nebenamtlichen) Archivars
etabliert wurde. Es handelte sich jeweils um
studierte Theologen, die in der Regel mit di-
plomatischen, literarischen oder editorischen
Aufgaben betraut waren. „Das Archiv“ oder
vielmehr wichtige Teile desselben befanden
sich tendenziell in Zinzendorfs Nähe: 1737/38
in Berlin, dann für gut zehn Jahre in Mari-
enborn in der Wetterau, anschließend meh-
rere Jahre in London und schließlich in den
Niederlanden. Der Versuch, dem Archiv eine
feste Form zu geben und die Integrität der
Bestände zu sichern, scheiterte immer wieder
an den Entnahmen von Dokumenten zum ak-
tuellen Gebrauch, ohne dass deren Rückgabe
ins Archiv sichergestellt war. Zudem waren
wichtige Unterlagen in privatem Besitz zahl-
reicher Funktionsträger. Eine förmliche Re-
gistratur gab es allem Anschein nach nur in
der ortsfesten Finanz- und Liegenschaftsver-
waltung. Diesem unbefriedigenden Zustand
trug man vor 250 Jahren Rechnung, als die
erste Generalsynode nach Zinzendorfs Tod
1764 die Gründung eines zentralen Archivs
für die die gesamte Brüder-Unität betref-
Unitätsarchivar Alexander Glitsch auf der Leiter im Aktensaal, Fotografie um 1900 (Unitätsarchiv, NGF-Foto, o. Sign.)
fenden Unterlagen, des Unitätsarchivs, be-

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 27
schloss. Es handelt sich hierbei nicht um ein
Zentral archiv im modernen Sinne, denn die
inzwischen 27 Provinzen, die Gemeinden und
Einrichtungen sind bis heute gehalten, eigene
Archive zu unterhalten.
Zwei Kommissionen wurden berufen. Die „Se-
parations- oder Revisions-Kommission“ sollte
die für die Geschichte der Brüder-Unität, ihrer
kirchlichen und missionarischen Tätigkeit so-
wie zur Biografie ihres verstorbenen Leiters
und Förderers bedeutsame Überlieferung aus
den Aktendepots Zinzendorfs, den lokalen
Archiven der Gemeinden und Privatbesitz
zusammentragen. Es wurde vieles kassiert,
was Einzelpersonen kompromittieren könnte
wie etwa persönliche Aufzeichnungen über
Personen aus dem Umfeld der Brudergemei-
ne und Manches über interne und externe
Kontroversen. Letzteres war übrigens einer
Überängstlichkeit geschuldet, die der Inten-
tion Zinzendorfs zuwider lief. Zinzendorf war
sich weit blickend sehr bewusst darüber, dass
das „eigene“ Archiv ein Korrektiv zur Fremd-
darstellung über die Brüdergemeine sein wür-
de. Deswegen deponierte er Dokumente von
zentraler Bedeutung in verschiedenen öffent-
lichen Einrichtungen.
Die „Arrangements-Kommission“ erhielt den
Auftrag, die übrig gebliebenen Unterlagen zu
ordnen, zu verzeichnen und der nächsten Sy-
node (1769) über die Ausführung zu berichten.
Das Unitätsarchiv erhielt seinen ersten Stand-
ort in zwei Nebenräumen des Schlosses in
Zeist bei Utrecht. Zwischen 1801 und 1820 zog
das Archiv gleich dreimal um: 1801 ins Schloss
Barby/Elbe, 1807 nach Niesky und 1820 von
dort nach Herrnhut. Zu Bedeutung gelang-
te das Unitätsarchiv im 19. Jahrhundert zum
einen wegen der wiedererwachenden histori-
schen Aufmerksamkeit, die diverse 100-Jahr-
Feiern ab 1822 bescherten, zum andern aber
bei den Verhandlungen um die Anerkennung
als Körperschaft, die der Brüder-Unität er-
laubte, offiziell als Eigentümer in Erscheinung
zu treten. Dies war über 100 Jahre nur indi-
rekt über „Strohmänner und -frauen“ möglich
gewesen. Das 19. Jahrhundert brachte darü-
ber hinaus auch den (erneuten) Aufbau einer
Bibliothek, die Übernahme der noch separat
lagernden Wirtschaftsakten und die Errich-
tung eines 1890 bezogenen Archivzweckbaus
als bedeutende Etappen für das Archiv. Die
1930er und 40er Jahre stürzten Herrnhut
und das Archiv in Chaos. In der letzten Nacht
des Krieges brannte der Ortskern Herrnhuts
nieder und zerstörte nächst Gebäuden das
örtliche Gemeindearchiv, die Registratur der
Finanzabteilung der Kirchenleitung und das
ortsgeschichtliche Museum. Unitätsarchiv
und Völkerkundemuseum, an den beiden Orts-
ausgängen gelegen, überstanden den Krieg
vergleichsweise gut. Doch stapelten sich in
Räumen und auf Gängen die Akten und viele
Tausend Bücher aus den aufgelösten Schu-
len. Dieses bereits bestehende Durcheinander
war durch Vandalismus vergrößert worden.
Monatelang bemühte sich eine Schar von frei-
willigen Helfern um die Wiederherstellung von
Ordnung. Erst seit den 1970er Jahren verfügt
das Archiv über fachlich qualifiziertes Perso-
nal; seit Anfang der 1990er Jahre wurde die
EDV eingesetzt.
Die Andersartigkeit der Herrnhuter in vielen
Bereichen, ihre weltweite Verbreitung und
ihr ökumenisches Engagement machen die
Quellen für viele Forschungsvorhaben inte-
ressant, auch wenn die Brüdergemeine bzw.
Kirchen- oder Missionsgeschichte nicht den
eigentlichen Gegenstand darstellt. So wird das
Archiv mindestens seit Mitte des 19. Jahrhun-
derts intensiv von Wissenschaftlern aus dem
In- und Ausland benutzt.
Anlässlich des Jubiläums erschien jüngst eine
Buchpublikation über „Das Unitätsarchiv. Aus
der Geschichte von Archiv, Bibliothek und
Beständen“. Vom 26. bis 29. Juni wird eine
wissenschaftliche Tagung unter dem Titel
„... so müssen wir denn ein Archiv der Wahr-
heit haben“ stattfinden, bei der internationa-
le Referenten Quellen aus dem Unitätsarchiv
und neue Interpretationsansätze vorstellen
werden. Während der Tagung wird die Son-
derausstellung „Gedenket der vorigen Zeiten“
des Unitätsarchivs in Zusammenarbeit mit
dem Völkerkundemuseum Herrnhut eröffnet.
Benutzer des Archivs, Tagungsteilnehmer und
Ausstellungsbesucher sind herzlich willkom-
men.
Rüdiger Kröger
(Unitätsarchiv Herrnhut)
Titelseite eines Mitgliederverzeichnisses aus Amerika,
1765 (Unitätsarchiv, R.27.283)
Einladung des Zaren Heraklion II. von Grusinien an die
Brüder-Unität zur Niederlassung in seinem Reich, Tiflis
1782 (Unitätsarchiv, R.3.B.13.b.16)
Ausschnitt aus einer Rede Zinzendorfs in Barby, 1756
(Beilage 29 zur 47. Woche) – Redaktionsexemplar der
Gemeinnachrichten (Unitätsarchiv, GN.D)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 28
Archivgut ins Netz! – Archivfachliche Anpassung
des DFG-Viewers geplant
Im September 2013 fand im Hauptstaatsar-
chiv Dresden unter Beteiligung von Vertre-
tern aus dem Archiv- und Bibliotheksbereich
eine Redaktionssitzung statt, die die geplan-
te Antragstellung zur Weiterentwicklung des
DFG-Viewers bei der Deutschen Forschungs-
gemeinschaft (DFG) vorbereitete. Die anvi-
sierte Weiterentwicklung soll eine fachlich
angepasste Präsentation von Archivgut unter
Berücksichtigung der Anforderungen der un-
terschiedlichen Archivaliengattungen ermög-
lichen.
Der DFG-Viewer entstand als Webdienst zur
Anzeige von digitalen Objekten, zunächst für
dezentrales Bibliotheksgut, inzwischen wur-
de er für die Präsentation von Handschriften
weiterentwickelt. Ein Projekt zur Anpassung
für die Präsentation von Zeitungen läuft der-
zeit. Entwickelt wurde der Viewer federfüh-
rend von der Sächsischen Landesbibliothek –
Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
(SLUB) in Zusammenarbeit mit Bibliotheken,
die Projekte zur Massendigitalisierung von Bi-
bliotheksgut durchführen. Die SLUB Dresden
betreut ihn seitdem und realisiert die techni-
schen Anpassungen der Weiterentwicklungen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft regte
die Entwicklung des DFG-Viewers an, um den
kulturbewahrenden Einrichtungen in Deutsch-
land ein Werkzeug, das eine einheitliche Prä-
sentation von Digitalisaten aus unterschied-
lichen Repositorien erlaubt, zur Verfügung
zu stellen. Die Nutzung des Viewers ist für
DFG-geförderte Digitalisierungsprojekte ob-
ligatorisch. Jedoch ist bei den mannigfaltigen
Arten von Kulturgut eine medientypologische
Anpassung erforderlich, die es der jeweiligen
Institution erlaubt, ihre Objekte fachgerecht
zu präsentieren.
Bei der Redaktionssitzung im Hauptstaatsar-
chiv Dresden wurden die verschiedenen ar-
chivspezifischen Anforderungen diskutiert. Die
Ergebnisse der Sitzung sowie vorangegangene
Arbeiten der SLUB und archivischer Standardi-
sierungs-AGs, wie der EAD(DDB)-AG und der
METS-AG, bildeten die Grundlage zur Erstel-
lung des Antrags zur „Weiterentwicklung des
DFG-Viewers nach archivfachlichen Gesichts-
punkten zur Präsentation von digitalisierten
Archivaliengattungen aus dezentralen Repo-
sitorien“. Antragsteller sind die SLUB Dresden,
das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und
das Landesarchiv Baden-Württemberg. Abge-
stimmt wurde der Entwurf unter anderem mit
dem LWL-Archivamt für Westfalen und dem
Sächsischen Staatsarchiv. Das Vorhaben ist
eng verknüpft mit dem DFG-Produktivpiloten
„Digitalisierung von archivalischen Quellen“,
in dem aktuell standardisierte Verfahren für
die Digitalisierung und Online-Bereitstellung
analogen Archivguts entwickelt werden und
an dem das Sächsische Staatsarchiv ebenfalls
beteiligt ist.
Eine Anforderung an eine neue Viewer-Version
ist die Definition eines Anwendungsprofils. Die
Meta- und Strukturdaten eines digitalisierten
Mediums werden zur Anzeige im DFG-Viewer
über eine standardisierte OAI-Schnittstelle in
einem METS/MODS-Format ausgetauscht.
MODS ist gegenüber EAD das einfachere Pro-
fil, und durch die Findbuchreferenzierung im
DFG-Viewer ist der Zugang zu tiefergehenden
Metadaten gewährleistet. Der Antrag sieht vor,
ein METS/MODS-Anwendungsprofil zu erar-
beiten, das den Anforderungen unterschiedli-
cher archivalischer Medientypen gerecht wird.
Im Rahmen des Produktivpiloten „Digitalisie-
rung von archivalischen Quellen“ beschäftigt
sich das LWL-Archivamt für Westfalen mit der
Entwicklung eines Tools zur automatischen
Generierung von METS/MODS-Dateien. Darü-
ber hinaus soll das Tool ebenfalls automatisch
EAD-Findbuchdateien mit den zugehörigen
METS/MODS-Dateien verknüpfen können.
Das erarbeitete METS/MODS-Profil soll in das
Tool eingebunden und anschließend zur freien
Nachnutzung veröffentlicht werden.
Einige weitere Nutzungsanforderungen an
den Viewer sind beim Prototyp aus dem oben
erwähnten Zeitungs-Projekt bereits realisiert
worden. Unter anderem erlaubt diese Version
stufenloses Zoomen, eine variable, an die Be-
dürfnisse angepasste Ansicht durch das Weg-
bzw. Aufklappen von Unterpunkten sowie das
Fixieren und Verschieben des Images mit der
Maus. Die Anzeige von Vorschaubildern er-
leichtert die Orientierung. Über sie können ein-
zelne Digitalisate direkt angesteuert werden.
Bei der anvisierten Weiterentwicklung sollen
darüber hinaus folgende Anforderungen um-
gesetzt werden: Geplant ist eine Unterstüt-
zung für die Darstellung von Großformaten
über die Nutzung bestimmter Image-Server
sowie eine Reihe neuer Funktionalitäten wie
eine dynamische Änderung des Kontrasts und
der Helligkeit, eine Invertierung aller Farben
des Images, eine Drehfunktion und ein Reset-
Knopf, der es den Nutzerinnen und Nutzern
erlaubt, zur Ursprungseinstellung zurückzu-
kehren. Zudem wird ein komplett neues De-
sign angestrebt, das möglichst neutral und
damit für die Verwendung in verschiedenen
Archiven und Portalen gut geeignet ist. Die
Möglichkeit, das Design für die eigene Ins-
titution anzupassen, bleibt dabei weiterhin
bestehen.
Die Arbeiten am Antrag wurden im Januar
2014 abgeschlossen und anschließend bei der
DFG zur Begutachtung eingereicht. Im Falle ei-
nes positiven Bescheids könnten die Arbeiten
zur archivgutspezifischen Weiterentwicklung
des DFG-Viewers aller Voraussicht nach noch
im ersten Halbjahr diesen Jahres starten und
bei einer geplanten Laufzeit von 18 Monaten
bis Ende 2015 umgesetzt werden.
Das deutsche Archivwesen könnte durch die
archivfachliche Weiterentwicklung des DFG-
Viewers für die Online-Präsentation seiner Be-
stände auf ein einheitliches Anzeigeprogramm
zurückgreifen. Die homogene Darstellung des
digitalisierten Archivguts in Portalen, wie dem
Archivportal-D, würde den Komfort für die
Nutzerinnen und Nutzer bei der Bearbeitung
ihrer Forschungsvorhaben deutlich erhöhen.
Susanne Laux
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Informationsseite zum DFG-Viewer:
http://dfg-viewer.de
Informationsseite zum DFG-Pilotprojekt
„Digitalisierung von archivalischen Quellen“:
http://www.archivschule.de/DE/forschung/
digitalisierung/
Logo des DFG-Viewers (SLUB Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 29
Auf dem Weg ins Web 2.0 – Ein Schwerpunkt
des Landesverbandes Sachsen im VdA
Viele Archive im Freistaat Sachsen stehen un-
ter einem erheblichen Druck. Die personelle
und finanzielle Ausstattung ist oft – gemessen
allein schon an den Kernaufgaben – unzurei-
chend, die räumliche Unterbringung fachlich
ungenügend. In den größeren Archiven hat
das Personal angesichts langjährigen Perso-
nalabbaus und fehlender Neueinstellungen
ein hohes Durchschnittsalter, „digital nati-
ves“ finden sich nur sehr vereinzelt darunter.
Vor diesem Hintergrund erscheinen manche
Forderungen nach einer Präsenz der Archive
im „Mitmach-Web“ weit entfernt vom Alltag
vieler sächsischer Archivarinnen und Archi-
vare. Die völlig unzureichende Unterbringung
des Stadtarchivs Meißen, die Schließung des
Stadtarchivs Zwickau für die öffentliche Nut-
zung aufgrund statischer Probleme seit Juni
2013 und die drohende künftige Herabstufung
der Leitung des Stadtarchivs Chemnitz in Fol-
ge einer Organisationsuntersuchung sind nur
drei Beispiele für Zustände und Entwicklun-
gen, mit denen der Landesverband Sachsen
im VdA in der letzten Zeit befasst war. Keine
Zeit also für Web 2.0-Aktivitäten?
Der Vorstand des Landesverbands Sachsen
hat auf seiner Klausurtagung im Oktober 2013
vielmehr beschlossen, der mancherorts beste-
henden Zurückhaltung ein deutliches „Ja“ zum
Weg ins Web 2.0 entgegen zu setzen. Wobei
der Ausgangspunkt ernüchternd ist: Für die
Mehrheit der Archive im Freistaat Sachsen ist
festzustellen, dass selbst die Online-Präsen-
tation von Bestands- und Verzeichnungsin-
formationen noch nicht erfolgt ist. Sachsen
ist in dieser Hinsicht, wie Dr. Nils Brübach in
einem Vortrag auf dem Sächsischen Archivtag
im Mai 2013 feststellte, „Entwicklungsland“.
Selbst die Kontaktdaten zu manchen Stadt-
und Kreisarchiven sind nur mit einer gewissen
Findigkeit auf den Webseiten der jeweiligen
Verwaltung zu ermitteln; es existiert kein
regionales Archivportal. Noch ist also selbst
das „Web 1.0“ – die online-Stellung von Infor-
Screenshot der Website des Landesverbandes Sachsen im VdA, Rubrik Aktuelles, Stand: 27.02.2014, URL:
http://www.vda.lvsachsen.archiv.net/aktuelles.html

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 30
mationen ohne die Möglichkeit einer aktiven
Beteiligung der Nutzer – nicht selbstverständ-
liche Realität.
Diese Web-Abstinenz von Archiven birgt die
Gefahr, als Irrelevanz wahrgenommen zu
werden. Und sie widerspricht dem archivi-
schen Kodex, sich für die weitest mögliche
Benutzung von Archivalien einzusetzen. Der
Landesverband Sachsen im VdA hat sich daher
zum Ziel gesetzt, die sächsischen Archive auf
dem Weg ins Internet zu unterstützen und
selbst Chancen des Web 2.0 zu nutzen. Beides
soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Aus Sicht des Landesverbandes geht es vor
dem Hintergrund der skizzierten Situation in
Sachsen im ersten Schritt nicht um „virtuelle
Lesesäle“, sondern – so schlicht wie wichtig –
um die Online-Stellung von Informationen
zu den Archiven, ihren Beständen und ihren
Verzeichnungsdaten. Bereits der 20. Sächsi-
sche Archivtag im Mai 2013 war daher dem
Thema „Auf dem Weg zum virtuellen Lesesaal.
Archive im Spannungsbogen zwischen Mög-
lichem und Machbarem“ gewidmet; mit Prof.
Dr. Christhard Schrenk, Leiter des Stadtarchivs
Heilbronn, war ein Eröffnungsredner gewon-
nen worden, der die Möglichkeiten für Archive
im Netz hervorragend vermitteln konnte. Um
den Kolleginnen und Kollegen in den sächsi-
schen Archiven auch konkret mögliche nächs-
te Schritte aufzuzeigen, veranstaltete der Lan-
desverband im Oktober 2013 einen Workshop
zum Thema „Erschließungsinformationen
online: Von der Datenbank ins Portal“. Ziel-
gruppe waren Archivarinnen und Archivare,
die daran interessiert sind, ihre Institutions-
und Erschließungsinformationen in Portalen
zu präsentieren. Die fünfzehn Teilnehmer/
innen kamen aus den Stadtarchiven Freiberg,
Kamenz, Leipzig, Meißen, Plauen und Zwickau,
dem Kreisarchiv Vogtlandkreis, den Archivver-
bünden in Pirna und Bautzen, dem Sächsi-
schen Staatsarchiv, dem Sorbischen Kulturar-
chiv, dem Sächsischen Wirtschaftsarchiv e.V.
und dem Deutschen Institut für Internationale
Pädagogische Forschung, Berlin. Als Referen-
ten konnten Dr. Nils Brübach vom Sächsischen
Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden und
Silke Jagodzinski von der Projektgruppe APEx
im Bundesarchiv gewonnen werden.
Der Workshop und die Diskussion unter
den Teilnehmern machten dreierlei deutlich:
1. Wenn ein Archiv an einem Kundenkreis in-
teressiert ist, der über den eigenen Träger und
das enge geographische Umfeld hinaus geht,
ist die Präsentation über Portale im Internet
der beste Weg für eine erheblich erweiterte
„Sichtbarkeit“. 2. Die Werkzeuge und Portale
gibt es bereits (wie das Archivportal Europa)
oder sie sind kurz vor der Fertigstellung (wie
das Archivportal-D). Jedes Archiv kann heute
online gehen oder notwendige Vorbereitungen
treffen. Denn 3. für jedes Archiv möglich ist
die Lieferung von Daten über die Institution.
Schwieriger wird es schon bei der Lieferung
von Daten über die Bestände. Beileibe nicht
jedes sächsische Archiv hat klar strukturierte
und aussagefähige Bestandsdaten in einer
Datenbank verfügbar. Und noch größer ist die
Hürde bei der Lieferung von Verzeichnungsda-
ten. So manche selbstgestrickte Datenbank-
lösung und/oder kreative Nutzung von archi-
vischer Standard-Erschließungssoftware hat
dazu geführt, dass die Archive heute eine Fülle
von uneinheitlichen Daten in ihren Systemen
halten. Daher wurde bereits auf dem Work-
shop angeregt, dass der Landesverband im
Jahr 2014 einen vertiefenden Workshop an-
bietet, der vor allem der Nutzung von EAD und
dem Dateningest gewidmet sein soll. Nach
derzeitiger Planung wird der Workshop im
Oktober 2014 stattfinden, also kurz nach der
geplanten „Eröffnung“ des Archivportals-D.
Unabhängig davon kann sich jedes Archiv
bereits jetzt auf eine Beteiligung am Archiv-
portal-D vorbereiten: durch den Aufbau klar
strukturierter und standardisierter digitaler
Bestands- und Verzeichnungsinformationen.
Die online-Stellung von Erschließungsinfor-
mationen ist das eine, die Nutzung der unter
dem Schlagwort „Web 2.0“ zusammengefass-
ten technischen Möglichkeiten das andere.
„Web 2.0“-Anwendungen können so verschie-
den sein wie Wikis, Blogs, soziale Netzwerke à
la Facebook oder Media-Sharing-Plattformen
wie Flickr (für Fotos) oder SlideShare (für Prä-
sentationen und andere Dokumente). Jedes
Archiv muss selbst prüfen, ob die Nutzung
solcher technischen Anwendungen für die
Zwecke des Archivs möglich und machbar ist.
Aus Sicht des VdA-Landesverbandes läge eine
gezielte Nutzung im Interesse der sächsischen
Archive, daher möchte der Landesverband
entsprechende Überlegungen durch Erfah-
rungsaustausch und fachliche Weiterbildung
unterstützen. Um selbst Wissen und Erfahrun-
gen aufzubauen, hat sich der Landesverband
in Gestalt seines ehrenamtlich arbeitenden
Vorstands auch selbst auf diesen Weg bege-
ben und nutzt zunehmend schon vorhande-
ne (und für den Landesverband kostenlose)
IT-Infrastruktur. An erster Stelle ist die Mit-
Nutzung der Website des VdA-Gesamt-
vorstands und der von ihm betriebenen
Facebook-Seite zu nennen, wobei die Landes-
verbände derzeit noch nicht selbst auf ihre
Seiten innerhalb der Homepage des Gesamt-
verbandes zugreifen können. Daneben nutzt
der Landesverband eine so genannte „Cloud“
für die Ablage von Vorstandsdaten und ver-
wendet ein Online-Tool für die Erstellung und
Auswertung von Umfragen. Die Nutzung eines
gemeinsamen Cloud-Speichers durch die Vor-
standsmitglieder ermöglicht ein effizienteres
Arbeiten durch eine stets allen Vorstandsmit-
gliedern zur Verfügung stehende aktuelle Da-
tenverwaltung und -ablage. So kann z. B. der
Stand der Erledigung arbeitsteiliger Aufgaben
(sei es die Drucklegung eines Tagungsbandes
oder die Organisation eines Workshops) je-
derzeit von allen Vorstandsmitgliedern – ob in
Bautzen, Leipzig oder Zwickau – aktuell ein-
gesehen werden. Während diese Anwendung
vor allem vorstandsintern relevant ist, hat die
Nutzung eines Online-Umfrage-Tools das Ziel
einer unaufwändigen Einbeziehung der Ver-
bandsmitglieder in die Planung und Evalua-
tion von Verbands aktivitäten. Der Vorstand
kann mit Hilfe eines solchen Tools auf sehr
einfache Weise alle Mitglieder erreichen und
die Ergebnisse der Umfrage auswerten – auf
althergebrachtem Wege wäre eine vergleich-
bare Einbeziehung der Verbandsmitglieder
aufgrund des dafür nötigen Zeitaufwandes
nicht möglich. Das Tool ergänzt damit sehr
gut die Möglichkeit der Information aller Mit-
glieder über die VdA-Website und gezielte E-
Mails an alle Mitglieder des Landesverbands
Sachsen über den E-Mail-Verteiler des Ge-
samtvorstands.
Die unter dem Schlagwort „Web 2.0“ zusam-
mengefassten technischen Anwendungen
bieten den Archiven vielfältige Möglichkeiten,
in die Öffentlichkeit zu wirken, ihre Bestände
bekannter zu machen und neue Nutzer zu
gewinnen. Dazu bedarf es nicht besonderer
IT-Kenntnisse, sondern einer aufgeschlosse-
nen Haltung und des Willens, die Begeisterung
über die vielfältigen archivischen Bestände in
den sächsischen Archiven weiterzutragen.
Thekla Kluttig
(Staatsarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 31
Rock ’n’ Roll im Vortragsraum –
Die besondere Bestandsvermittlung der Bibliothek
des Sächsischen Staatsarchivs
Die Bibliothek des Sächsischen Staatsarchivs
ist unmittelbarer Bestandteil der Behörde
und umfasst einen Gesamtbestand von ca.
200.000 Medieneinheiten. Sie befindet sich
an allen Standorten, davon leiten sich auch die
Sammelschwerpunkte und das Profil ab. Der
gemeinsame Charakter als Präsenzbibliothek
und auch das regional gegliederte Sammeln
von regionalgeschichtlichen Publikationen ist
ein Merkmal. In der Bibliothek werden die Me-
dieneinheiten erworben, erschlossen und ver-
mittelt. Die zuletzt genannte Aufgabe erfolgt
ausschließlich elektronisch über den OPAC im
Intranet des Sächsischen Staatsarchivs.
Die Bibliothek ist Mitglied im Deutschen Bib-
liotheksverband e.V., und daher bot sich 2013
die Möglichkeit, im Rahmen des „Literatur-
forum Bibliothek – Autoren aus Sachsen in
sächsischen Bibliotheken“ eine Buchlesung
zu gestalten. Als Veranstaltungsort wurde
der Vortragsraum am Standort Dresden ge-
wählt, und dazu passend aus dem Bestand zur
Regionalgeschichte die Publikation „Damals
im Roten Kakadu“ des Dresdner Autors Rolf
Bergmann. Die Geschichte einer nicht nur in
Dresden bekannten kultigen Lokalität.
Der Autor las selbst aus dem auch autobio-
graphisch geprägten Roman. Der Rote Ka-
kadu ist eine Bar im Parkhotel im Dresdner
Stadtteil Weißer Hirsch. Hier wurde abseits
der Bevormundung durch die Eltern, der
Vereinheitlichung der Jugend in der FDJ und
der allgemeinen Tristesse des Schul- oder
Arbeitsalltags Energie, Zerstreuung und ein
Der Autor Rolf Bergmann (Foto Thomas Klewe)
Rolf Bergmann mit Denise Stubert (l.) und Ute Fleckna
(r.) vom Sächsischen Staatsarchiv (Foto Thomas Klewe)
Hauch von Freiheit gelebt. In den 60er Jahren
wurde hier Rock ’n’ Roll-Musik gespielt und
gelebt. Diese Klänge begleiteten die Besucher
auch immer wieder in der Lesung. Die Kapitel
waren von Rolf Bergmann so ausgewählt, dass
sie das Publikum zum selbständigen Weiter-
lesen anregten, um den angerissenen Hand-
lungsbogen schließen zu können.
Die Veranstaltung, in der in einer Mixtur aus
regional- und musikgeschichtlichen Ereig-
nissen Geschichte unkompliziert vermittelt
wurde, begeisterte die Anwesenden. Nach der
rund zweistündigen Lesung kam der Autor mit
den Gästen locker ins Gespräch. Der Ausklang
war wieder von Rock ’n’ Roll-Musik geprägt.
Durch die Lesung konnten Personen für das
Archiv interessiert werden, die dieses sonst
aus vielerlei Gründen nur am Rande wahr-
nehmen. Ein Anfang ist gemacht. Vielleicht
wird in den kommenden Jahren eine kleine
Serie daraus.
Denise Stubert
(Zentrale Aufgaben, Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2014 | 32
Auszubildende des mittleren Verwaltungsdienstes
informieren sich im Staatsarchiv Chemnitz
Alle Behörden des Freistaates Sachsen und
sonstige öffentliche Stellen unterliegen der
Anbietungspflicht an das Sächsische Staats-
archiv. Die Hauptlast bei der Aussonderung
und Übergabe bzw. Kassation des Schriftguts
haben dabei die jeweiligen Registraturen zu
tragen, und jeder Archivar weiß dort gut ge-
schultes Personal zu schätzen. Wichtig ist es
dabei, möglichst frühzeitig Verständnis für die
Belange der Schriftgutverwaltung zu wecken.
Das Landesamt für Steuern und Finanzen (LSF)
ist seit vielen Jahren in der Ausbildung des
allgemeinen mittleren Verwaltungsdienstes
engagiert. Die Auszubildenden lernen dabei
in ihrer Praxis auch die Aufgaben der Regist-
ratur und darunter die Anbietung von Unter-
lagen an das Sächsische Staatsarchiv kennen.
Auf Initiative der Registraturleiterin Liane
Höfler besuchten angehende Verwaltungs-
mitarbeiter am 9. Dezember 2013 erstmals
das Staatsarchiv Chemnitz. Die sechs Aus-
zubildenden des ersten und dritten Lehrjahrs
erhielten zunächst eine allgemeine Einführung
in die Aufgaben eines Archivs sowie die Orga-
nisation und Zuständigkeit des Sächsischen
Staatsarchivs. Anschließend wurden sie mit
den Anforderungen an das Aussonderungs-
verfahren von Schriftgut vertraut gemacht.
Dabei wurden die rechtlichen Rahmenbedin-
gungen erläutert und die im Landesweb zur
Aussonderung und Archivierung eingestellten
Hilfsmittel vorgestellt. Zum Abschluss konn-
ten die Auszubildenden bei einem Rundgang
durch das erst im vergangenen Jahr bezogene
moderne Gebäude des Staatsarchivs Chem-
nitz einen Einblick in den Weg des archivwür-
digen Schriftguts in das Magazin und seine
Präsentation im Lesesaal gewinnen.
Durch diese direkten und unmittelbaren Ein-
drücke sowie die angebotene Beratungsleis-
tung zur Schriftgutverwaltung lassen sich
früh Hemmnisse im Kontakt mit dem zu-
ständigen Archiv abbauen. Im Bewusstsein
um die Bedeutung des eigenen Schriftguts
für die historische Forschung der Zukunft
werden Aussonderung und Anbietung an das
Archiv so von vornherein kein lästiges Pflicht-
programm, sondern lassen sich als Beitrag für
die kulturelle Identität Sachsens verstehen.
Die außerordentlich gelungene Veranstaltung
soll künftig fest in das Ausbildungsprogramm
des LSF aufgenommen und jährlich wiederholt
werden.
Judith Matzke
(Staatsarchiv Chemnitz)
Die Auszubildenden des LSF mit Registraturleiterin Liane Höfler (r.) (Foto Judith Matzke)

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2014
Titelbild:
Karte vom Kreisamt Leipzig mit den Ämtern Schkeuditz und Lützen mit handschriftlichen Eintragungen der Truppenstellungen zu Beginn
der Völkerschlacht bei Leipzig am 16. Oktober 1813, verlegt bei Schreibers Erben 1813 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22010
Kartensammlung, Nr. 142)
Diese Karte hat das Sächsische Staatsarchiv am 16. Oktober 2013 auch auf seiner Internetseite
(http://www.archiv.sachsen.de/)
als „Archivale
im Fokus“ präsentiert. Regelmäßig stellen wir dort wechselnde Stücke aus Politik, Wirtschaft, Alltagsleben und anderen Bereichen vor, deren
Originale in den Abteilungen des Sächsischen Staatsarchivs verwahrt werden. Wir laden Sie ein, auch dort einmal vorbeizuschauen!
Adressen
Sächsisches Staatsarchiv
Behördenleitung sowie Zentrale Aufgaben/Grundsatz
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
Postanschrift: PF 100 444, 01074 Dresden
Telefon +49 351/8 92 19-710, Telefax +49 351/8 92 19-709, E-Mail poststelle@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Hauptstaatsarchiv Dresden
Besucheranschrift: Archivstraße 14, 01097 Dresden
Postanschrift: PF 100 444, 01074 Dresden
Telefon +49 351/8 92 19-710, Telefax +49 351/8 92 19-709, E-Mail poststelle-d@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Leipzig
Schongauerstraße 1, 04328 Leipzig
Telefon +49 341/2 55 55-00, Telefax +49 341/2 55 55-55, E-Mail poststelle-l@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Staatsarchiv Chemnitz
Elsasser Straße 8, 09120 Chemnitz
Telefon +49 371/9 11 99-210, Telefax +49 371/9 11 99-209, E-Mail poststelle-c@sta.smi.sachsen.de
Sächsisches Staatsarchiv
Bergarchiv Freiberg
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Dr. Peter Hoheisel (Bergarchiv Freiberg)
Raymond Plache (Staatsarchiv Chemnitz)
Birgit Richter (Staatsarchiv Leipzig)
Dr. Peter Wiegand (Hauptstaatsarchiv Dresden)
Redaktion:
Michael Merchel, Matthias Märkle (Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
E-Mail: michael.merchel@sta.smi.sachsen.de
Satz und Druck:
Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
17. März 2014
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