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Erdbebenbeobachtung im Freistaat Sachsen
Dreijahresbericht 2004 – 2006
Geologie

image
Erdbeben gehören zu den Naturereignissen, deren Auftre-
ten durch den Mensch nicht verhindert oder vorhergesagt
werden können. Die schädigenden Auswirkungen können
aber durch vorbeugende Maßnahmen reduziert werden.
Im Freistaat Sachsen sind bisher keine verheerenden Beben
bekannt geworden. Seismische Ereignisse in Westsachsen
und besonders im Vogtland sind jedoch keine Seltenheit.
Dies zeigte der letzte stärkere Bebenschwarm im Herbst
2000 im tschechischen Novy’ Kostel, nur 10 km von Bad
Brambach entfernt. Dabei traten keine Schäden an Gebäu-
den oder Einrichtungen auf. Diese können aber in Zukunft
nicht völlig ausgeschlossen werden.
In anderen Bundesländern wird die Untersuchung von
Erdbeben durch einen Landeserdbebendienst vorgenom-
men. Im Freistaat Sachsen haben sich Universitäten, Unter-
nehmen und Einrichtungen, die seismologische Messun-
gen durchführen, zu einem „Seismologie-Verbund zur
Erdbebenbeobachtung in Sachsen“ zusammengeschlos-
sen, um diese Aufgabe gemeinsam wahrzunehmen. Die
Koordination des Seismologie-Verbundes hat das
Sächsische Landesamt für Umwelt und Geologie übernom-
men. Da Erdbeben keine Ländergrenzen kennen, bestehen
auch enge Kontakte zu vergleichbaren Einrichtungen in
anderen Bundesländern und benachbarten Staaten.
Eine Vorhersage von Erdbeben ist trotz vielfacher Anstren-
gungen und weltweiter wissenschaftlicher Untersuchungen
bisher nicht möglich. Jedoch können die Gebiete, die
besonders gefährdet sind, genauer abgegrenzt und
entsprechende Maßnahmen vorbereitet werden, um
mögliche Schäden zu minimieren. Dazu wurden die erdbe-
bengefährdeten Gebiete mit einem Netz seismologischer
und geo-dätischer Stationen versehen. Das geodätische
Netz im Vogtland existiert seit 1997. Der seit 2003 durch-
geführte Ausbau des seismologischen „Sachsennetzes“ mit
modernen digitalen Registriergeräten und direkten Daten-
übertragungssystemen ist abgeschlossen. Diese Netze
werden permanent den jeweiligen Anforderungen ange-
passt. Der nächste Schritt besteht in einer vollauto-
matischen Auswertung seismischer Ereignisse, die eine
gewisse Magnitude überschreiten. Diese Ereignisse werden
zeitnah an die zuständigen Stellen gemeldet. Das System
soll 2009 abgeschlossen sein.
Die vorliegende Veröffentlichung informiert über die seis-
mischen Ereignisse in Sachsen und den angrenzenden
Gebieten sowie dem Ausbau des „Sachsen-Netzes“ im
Berichtszeitraum. Weitere Schwerpunkte sind Arbeiten
zum Herdmechanismus von Erdbeben sowie ingenieur-
seismologische und geodätische Untersuchungen.
Hartmut Biele
Präsident des Sächsischen Landesamtes
für Umwelt und Geologie
3
Vorwort

Vorwort
3
1
Einführende Betrachtungen
5
1.1
Der Seismologie-Verbund in Sachsen
5
1.2
Geschichte der seismologischen Forschung
6
2
Seismische Aktivität in Sachsen und angrenzenden Gebieten
8
2.1
Zeitraum 2004 – 2006 (Ereignisse mit Magnituden ~ 1 und größer)
8
2.2
Historische Erdbeben
15
3
Das Sachsennetz (SXNET)
16
3.1
Online-Stationsnetz (permanentes Netz)
16
3.2
Offline-Stationsnetz (mobiles Netz)
19
4
Das geodätische Netz im Vogtland
21
5
Durchgeführte Forschungsarbeiten 2004 – 2006
24
5.1
Tektonische Erdbeben
24
5.2
Herdflächenlösungen
29
5.3
Ingenieurseismologische Arbeiten
32
5.4
Seismotektonik
34
6
Die neue DIN 4149 (2005) – Bauten in deutschen Erdbebengebieten
35
7
Jubiläen der sächsischen Observatorien 2007
37
7.1
50-jähriges Jubiläum des Observatoriums Berggießhübel
37
7.2
75-jähriges Jubiläum des Observatoriums Collm
39
Abbildungsverzeichnis
41
Literatur-, Tabellen- und Anlagenverzeichnis
43
Begriffserklärungen
45
Anlagen
47
4
Inhaltsverzeichnis

1.1
Der Seismologie-Verbund in
Sachsen
Auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen sind bisher keine
verheerenden Erdbeben aufgetreten. Die in Westsachsen
und besonders im Vogtland historisch wahrgenommenen
Erdbeben erreichten jedoch eine Epizentralintensität von
VIII (Anl. 1) (entspricht einer Magnitude von ca. 5.5 auf der
Richter-Skala) und stellen damit eine seismische Gefähr-
dung des Territoriums dar. Besondere Aufmerksamkeit gilt
den, teils periodisch wiederkehrenden Bebenschwärmen
im Vogtland und NW-Böhmen, die in größeren zeitlichen
Abständen von mehreren Jahren bis Jahrzehnten mit unter-
schiedlichen Intensitäten auftreten und deren stärkste
Ereignisse eine instrumentell gemessene Magnitude von
4.7 erreichten. Historisch sicher belegt sind die Schwarm-
beben in der Region seit 1552. In den Jahren 1901, 1903,
1908, 1929, 1936, 1962, 1985/86 und 2000 gab es größere
Erdbebenschwärme. Diese Beben werden, wenn sie eine
bestimmte Stärke erreichen, auch von der Bevölkerung
wahrgenommen und es kann zu Schäden an Gebäuden
und Einrichtungen kommen.
Um eine Kontrolle über seismische Aktivitäten zu erhalten, ist
eine kontinuierliche, nach Möglichkeit flächendeckende
Überwachung notwendig. Das ist umso zwingender, da das
seismische Risiko mit der Bebauung, insbesondere auch von
seismisch besonders gefährdeten Bauwerken wie Talsperren,
Kraftwerken, Deponien und Leitungstrassen wächst.
Die seismische Überwachung der deutschen Bundes-
länder liegt in Länderhoheit. In Baden-Württemberg und
Rheinland-Pfalz wurden Landeserdbebendienste einge-
richtet. In Sachsen wird die staatliche Erdbebenüber-
wachung seit 1996 durch den „Seismologie-Verbund zur
Erdbebenbeobachtung“ gewährleistet. Das Sächsisches
Landesamt für Umwelt und Geologie (LfUG) übernimmt
dabei die Koordination innerhalb des Seismologie-Verbundes
und ist offizieller Ansprechpartner für staatliche und
öffentliche Stellen.
Derzeit arbeiten folgende Institutionen und Einrichtungen
im Rahmen des Seismologie-Verbundes zusammen:
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Universität Leipzig mit dem Geophysikalischen
Observatorium Collm
TU Bergakademie Freiberg mit dem Seismologischen
Observatorium Berggießhübel
Universität Jena mit dem Seismologischen Observatorium
Moxa und dem Ostthüringer Seismischen Netz (OTSN)
TU Dresden
Wismut GmbH
Landestalsperrenverwaltung Sachsen
Der Seismologie-Verbund Sachsen arbeitet grenzüber-
schreitend sowohl mit dem Landesamt für Geologie und
Bergwesen in Sachsen-Anhalt und der Thüringischen
Landesanstalt für Umwelt und Geologie als auch mit der
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)
zusammen. Das seismologische Datenzentrum der BGR ist
die zentrale Sammelstelle und das Datenarchiv der ver-
schiedensten seismologischen Einrichtungen in Deutsch-
land. Die BGR betreibt auch das Deutsche Regionalnetz
seismologischer Breitbandstationen (GRSN). Ebenso erfolgt
ein intensiver Daten- und Erfahrungsaustausch mit anderen
seismologischen Einrichtungen in Bayern, der Tschechi-
schen Republik und der Volksrepublik Polen.
Für die Arbeit des Seismologie-Verbundes ergeben sich
folgende Hauptaufgaben:
Aufbau und Betrieb eines seismischen Stationsnetzes
schnelle Bestimmung von Epizentren, Magnituden und
weiteren Herdparametern bei stärkeren Ereignissen
aktuelle Informationen an staatliche Stellen, Medien und
die Bevölkerung (LfUG)
Monitoring seismisch aktiver Gebiete zur Verbesserung
der Datenbasis für Risikoanalysen sowie zur Erstellung
von Seismizitätskarten
Aussagen zu standortspezifischen seismischen Risiken
(Baustandortbeurteilung),
Nachweis von tektonisch aktiven Gebieten und Krusten-
deformationen.
5
1 Einführende Betrachtungen

1.2
Geschichte der
seismologischen Forschung
Erdbeben und die damit verbundenen Katastrophen haben
die Menschheit und insbesondere die Naturwissenschaftler
schon immer nachhaltig beschäftigt. Es wurden auch zahl-
reiche Versuche unternommen, Erdbeben vorherzusagen.
Die Vorgänge im Erdinneren sind jedoch zu komplex für
exakte Prognosen. Die wissenschaftliche Disziplin, die sich
mit Erdbeben beschäftigt - die Seismologie - ist noch eine
verhältnismäßig junge Wissenschaft. Berichte über Erdbe-
ben dagegen sind schon seit dem Altertum bekannt.
Die
Seismologie
(griech. seismos = Erderschütterung) ist
als Teilgebiet der Geophysik der Wissenschaftszweig, der
sich mit der Natur von Erdbeben, der Ausbreitung seis-
mischer Wellen und der Bestimmung der Struktur des Erd-
inneren beschäftigt. Mit Hilfe von Seismographen werden
die seismischen Wellen, welche die Erde durchlaufen oder
sich entlang der Oberfläche ausbreiten, aufgezeichnet
(Seismogramm). Aus den Laufzeiten dieser Wellen lassen
sich Rückschlüsse auf den inneren Aufbau der Erde ziehen.
Zum anderen werden aus Untersuchungen des Erdbeben-
vorgangs Stärke, Ort und Häufigkeit von Beben ermittelt.
Das Ziel ist eine realistische Einschätzung der Erdbebenge-
fährdung für ein bestimmtes Gebiet, um eine Minderung
des Risikos für Menschen, Gebäude und technische Anla-
gen zu erreichen.
Erdbeben galten noch im 18. Jahrhundert als göttliche
Strafgerichte. Erst das Erdbeben von Lissabon 1755 veran-
lasste die Naturforscher, nach einer physikalischen
Erklärung zu suchen. Die ersten Geräte zur Registrierung
von Erdbeben waren Seismoskope und wurden bereits im
Altertum in China verwendet. In Europa wurden Seismo-
skope erst Anfang des 18. Jahrhunderts in Italien einge-
setzt. Der erste Seismograph wurde 1875 von F
ILIPPO CECCHI
(1822 – 1887) in Italien konstruiert. Er war jedoch so
unempfindlich, dass er erst zwölf Jahre später das erste
Seismogramm lieferte.
Ein Meilenstein in der Erdbebenforschung war 1892 die
Entwicklung eines Seismographen, den der Brite J
OHN
MILNE (1850 – 1913) zusammen mit JAMES EWING (1855 –
1935) und Thomas Gray (1850 – 1908) entwickelte. Er
nutzte die Trägheit eines hängenden Pendels, um nicht nur
die Präsenz eines Bebens, sondern zugleich auch noch den
zeitlichen Verlauf der Bodenerschütterungen zu erfassen.
Die starken Eigenschwingungen des Pendels machten
jedoch die Aufzeichnungen unbrauchbar. Erst E
MIL
WIECHERT (1861 – 1928) löste das Problem 1896 durch den
Bau eines gedämpften Seismographen. Die Empfindlichkeit
der Seismographen wurde im Jahre 1914 durch die
Einführung eines elektromagnetischen Wandlers durch
Fürst B
ORIS GALITZIN (1862 – 1916) entscheidend verbessert,
so dass elektrodynamische Seismographen bis in die
zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die vorherrschenden
Registriergeräte blieben. Erst mit der Einführung elektro-
nischer Seismographen mit digitaler Registrierung (Breit-
bandseismometer, seit ca. 1960) begann ein neuer
Abschnitt in der Entwicklung der Seismologie, der die
Registrierung von Erdbeben in einem breiten Frequenz- und
Dynamikbereich ermöglichte.
Die ersten Überlieferungen über Erdbebenbeobachtungen in
Sachsen wurden bereits 1839 von F
ERDINAND REICH (1799 -
1882) zusammengetragen. Die weitere Entwicklung der Seis-
mologie in Sachsen wurde im Wesentlichen von dem Leipzi-
ger Paläontologen und Geologen H
ERMANN CREDNER (1841 –
1913), dem Direktor der Königlich Sächsischen Geologischen
Landesanstalt, betrieben. Spürbare Erdbeben um 1875
veranlassten ihn, genaue Informationen über solche Ereignis-
se zu sammeln und auszuwerten. Bis 1897 wurden 38 Beben
bemerkt, von denen allein 22 im Vogtland Aufsehen er-
regten. 1898 gründete C
REDNER eine Erdbebenkommission
für Sachsen, der 55 Personen aus dem ganzen Land ange-
hörten, die als „Erdbebenreferenten“ eigene und über
Fragebogen eingezogene Beobachtungen zu Erschütterun-
gen sammelten. Eisenbahnstationen wurden von ihrer
Direktion angewiesen, von eventuellen Erderschütterungen
sofort telegraphisch zeitgenaue Meldung zu machen. Da die
alleinige phänomenologische Beobachtung nicht ausreichte
und die technische Entwicklung der Seismographen beacht-
liche Fortschritte gemacht hatte, richtete C
REDNER im Jahre
1902 im Keller des Hauses Talstraße 35 in Leipzig eine
Erdbebenwarte ein. Das installierte Pendelseismometer
(Masse 1,1 Tonnen) war von E
MIL WIECHERT entwickelt
worden. Eine 250fache Vergrößerung der Bodenbewegung
machte Signale nicht nur von Beben aus dem sächsisch-
vogtländischen Raum sichtbar, sondern in überraschend
guter Qualität auch aus fernen Gebieten der Erde. Schon
kurz nach Inbetriebnahme der Station konnte am 28. März
1902 ein Fernbeben aus dem Raum der Molukken registriert
werden, wenige Wochen später ein Nahbeben, das Greizer
Beben vom 1. Mai 1902.
6

Aufgrund der zunehmenden Industrialisierung und der
damit verbundenen Verschlechterung der Registrier-
bedingungen mussten die Stationen später an ruhigere
Orte verlegt werden. So begann 1932 am Geophysika-
lischen Observatorium Collm, 1964 am Observatorium
Moxa und 1966 am Observatorium Berggießhübel eine den
internationalen Anforderungen gerecht werdende konti-
nuierliche seismische Registrierung.
Zusätzlich wurde 1962 anlässlich des großen Beben-
schwarmes vom Institut für Geodynamik Jena ein lokales
Stationsnetz im Vogtland eingerichtet. So wurde die Nach-
weisempfindlichkeit und Ortungsgenauigkeit für Erdbeben
im sächsischen Raum ständig verbessert. Als Ergebnis des
starken Bebenschwarmes von 1985/1986 begann die Um-
rüstung der bis dahin bestehenden seismischen Analog-
stationen auf eine digitale Basis. Im Jahre 1995 wurde im
Rahmen des Seismologie-Verbundes, der durch das LfUG
koordiniert wird, mit dem Aufbau eines lokalen Stations-
netzes, dem „Sachsennetz“ (SXNET), begonnen. Das Netz
besteht aus Offline- und Online-Stationen, die von den
Geophysikinstituten der Universität Leipzig und der TU
Bergakademie Freiberg betrieben werden.
7

2.1
Zeitraum 2004 – 2006
(Ereignisse mit Magnituden
~1 und größer)
Die seit 2004 erfasste seismische Aktivität in Sachsen und
angrenzenden Gebieten kann im Vergleich zum voran
gegangenen Zeitraum als moderat eingeschätzt werden. Es
wurden über 1000 seismische Ereignisse detektiert, von
denen nahezu 2/3 lokalisiert und davon 607 als Erdbeben
und 31 als Bergschläge identifiziert werden konnten.
In Tab. 1 sind alle Ereignisse mit einer Magnitude
~
1
aufgeführt. Die räumliche Verteilung der Epizentren ist in
Abb. 3a, b wiedergegeben. Die zeitliche Verteilung der
Ereignisse in Abhängigkeit von der bestimmten Magnitude,
die auf der Grundlage vorliegender Eichkurven als gemittel-
te Lokalmagnitude berechnet wurde, und die daraus
berechnete seismische Energiefreisetzung sind den Abb. 1
bzw. 2 zu entnehmen. Alle Erdbeben ereigneten sich in den
seismotektonisch aktiven Zonen in Westsachsen und in der
Region Vogtland. Das schwächste Erdbeben wurde mit
einer Magnitude von -0.8 bei Schöneck in unmittelbarer
Nähe der lokalen Stationen lokalisiert, wohingegen das
stärkste Erdbeben aus dem Raum Werdau am 04.08.2006
2:31 UTC mit der Magnitude von 2.3 registriert werden
konnte.
Das zeitliche Auftreten der in Tab. 1 aufgeführten Erdbeben
entsprechend ihrer Stärke ist in Abb. 1 dargestellt. Ein Maß
für die seismische Aktivität des gesamten Gebietes ist die
Kurve der seismischen Energiefreisetzung, die zwei Ruhe-
phasen von Dezember 2004 bis Oktober 2005 und von
Oktober bis Ende 2006 sowie eine Phase erhöhter Aktivität
im August 2006 erkennen lässt.
Aus der Kurve der aufsummierten Häufigkeiten der für Erd-
beben bestimmten Magnituden wird der b-Wert berechnet.
Dieser Parameter spiegelt das Verhältnis der Anzahl von
Ereignissen mit hohen Magnituden zur Anzahl mit niedrigen
Magnituden wieder und kennzeichnet den Charakter der
Seismizität. Für Erdbeben, d. h. für seismische Ereignisse
tektonischen Ursprungs, ist ein b-Wert um 1,0 typisch,
wohingegen für induzierte Ereignisse sich in der Regel
höhere b-Werte ergeben. Der im Berichtszeitraum für natür-
liche Seismizität ermittelte Wert lag bei b = 1,01 und bestä-
tigt den tektonischen Ursprung der Ereignisse. Künstliche
Seismizität, das sind neben Sprengungen vor allem indu-
zierte seismische Ereignisse, wurden in Sachsen im Bereich
der Grube Aue/Alberoda, Teutschenthal bzw. einem Gebiet
des Lausitzer Tagebaus Lohsa registriert. Die stärksten
Ereignisse dieser als Bergschläge identifizierten seismi-
schen Ereignisse überschritten jedoch nicht Magnitude 1.2.
Außerhalb Sachsens wurden im Zeitraum von 2004 bis
2006 im Entfernungsbereich bis ca. 500 km insgesamt 13
seismische Ereignisse mit Magnituden größer 4 registriert.
Davon überschritten 4 Ereignisse die Magnitude 5. Die
Lokalisierungen sowie die berechneten Magnituden der
zuständigen Datenzentren sind in Tab. 2 aufgeführt. Die
erfassten seismischen Ereignisse verteilen sich auf 11 Erd-
beben und 2 Bergschläge, die sich in seismisch aktiven
Herdregionen bzw. Bergbaugebieten ereigneten. Das stärk-
ste Erdbeben aus dem Herdgebiet Oberitalien erreichte
Magnitude 5.3, wohingegen die stärksten Bergschläge aus
dem in Westpolen gelegenen Kupferschieferbergbaugebiet
Lubin Magnitude 4.1 nicht überschritten. Aufgrund der gro-
ßen Entfernung bzw. geringen Stärke dieser Ereignisse wur-
den keine makroseismischen Auswirkungen bzw. Wahrneh-
mungen auf das Gebiet Sachsens bekannt.
8
2 Seismische Aktivität in
Sachsen und angrenzenden
Gebieten
>

9
Abb. 1:
Zeitliche Verteilung tektonischer Beben 2004 – 2006 (mit Lokalmagnitude ML
~
1)
Mittelwert der Lokalmagnitude mit Standardfehler
Abb. 2:
Aufsummierte Energiefreisetzung in den Herden tektonischer Beben 2004 – 2006
>

10
Abb. 3a:
Seismische Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten 2004 – 2006 (mit Lokalmagnitude ML
~1)
>

11
Abb. 3b:
Seismische Ereignisse in Westsachsen und der Region Vogtland 2004 – 2006 (Ausschnitt aus Abb. 3a)

1*
07.02.04
01:07:34.4
50.42/12.31
4
1.2
(7)
nordwestlich von Schöneck
2*
07.02.04
22:50:50.1
50.42/12.32
4
1.5
(7)
nördlich von Schöneck
3
22.02.04
04:41:26.6
50.38/12.48
5
0.9
(8)
Klingenthal
4*
22.02.04
09:31:16.5
50.22/12.44
11
1.4
(7)
Novy’ Kostel
5
28.02.04
02:30:57.4
50.24/12.44
4
0.8
(8)
nördlich von Novy’ Kostel
6
28.02.04
16:48:55.1
50.37/12.47
7
0.8
(8)
Klingenthal
7
28.02.04
22:28:43.3
50.38/12.48
6
0.9
(8)
Klingenthal
8
29.02.04
07:08:50.5
50.37/12.46
5
0.8
(8)
Klingenthal
9
12.03.04
01:36:24.7
50.23/12.81
12
0.9
(5)
Karlovy Vary/C
ˇ
R
10
19.04.04
21:00:33.2
50.48/12.41
7
0.9
(7)
östlich von Falkenstein
11
28.04.04
15:53:44.9
51.07/12.52
8
1.3
(7)
Regis Breitingen
12
22.05.04
12:35:21.2
50.27/12.31
8
1.1
(6)
südwestlich von Wernitzgrün
13*
23.06.04
04:54:13.5
50.03/12.30
5
1.5
(4)
Cheb/C
ˇ
R
14
07.07.04
18:57:20.0
50.49/12.26
15
1.3
(6)
westlich von Falkenstein
15
15.07.04
01:24:44.1
50.26/12.27
10
0.8
(5)
südöstlich von Bad Elster
16*
11.08.04
00:18:54.3
50.40/12.30
12
1.3 (12)
westlich von Schöneck
17
24.08.04
00:16:37.6
51.01/12.38
6
1.3 (10)
nordwestlich von Altenburg
18
25.08.04
04:17:11.8
50.59/12.49
12
1.0 (10)
nordöstlich von Rodewisch
19
01.09.04
07:35:07.7
51.15/12.51
12
1.5 (11)
nördlich von Borna
20
04.11.04
08:11:12.2
51.21/12.22
12
1.5
(9)
nördlich von Zeitz
21
08.12.04
17:15:37.7
50.41/12.32
7
1.0
(9)
nördlich von Schöneck
22
16.06.05
18:12:15.2
50.18/12.47
7
0.8
(5)
südöstlich von Novy’ Kostel
23
17.06.05
07:09:39.5
50.21/12.45
9
0.8
(5)
Novy’ Kostel
24
28.07.05
01:40:19.5
50.70/12.40
13
0.9 (10)
südlich von Werdau
25
28.07.05
01:43:46.8
50.71/12.41
12
0.8 (11)
südöstlich von Werdau
26
18.09.05
02:05:36.3
50.93/12.20
13
1.0 (12)
nördlich von Ronneburg
27
16.10.05
14:54:41.8
50.72/12.33
14
0.8
(9)
westlich von Werdau
28
22.10.05
16:18:30.4
50.41/12.32
0
1.0 (10)
nordwestlich von Schöneck
29
02.11.05
02:47:47.3
50.59/13.37
0
1.1
(6)
südöstlich von Marienberg/Erzg.
30
02.11.05
02:52:58.9
50.58/13.37
0
1.0
(7)
südöstlich von Marienberg/Erzg.
31
10.11.05
10:09:36.7
50.32/12.41
8
0.8
(8)
südöstlich von Zwota
32*
10.12.05
15:03:57.7
50.24/12.43
7
1.0 (11)
nördlich von Novy’ Kostel
33*
10.12.05
15:04:27.5
50.23/12.44
6
0.9 (11)
nordwestlich von Novy’ Kostel
34*
21.12.05
15:59:39.1
50.24/12.42
8
1.3 (11)
nordwestlich von Novy’ Kostel
35*
23.12.05
19:36:47.5
50.43/12.28
4
1.0 (11)
nordwestlich von Schöneck
36
08.01.06
07:53:25.4
50.59/12.04
12
1.0 (10)
südöstlich von Zeulenroda
37
08.01.06
09:08:25.2
50.93/12.45
19
1.1
(9)
südlich von Altenburg
38
11.01.06
02:24:01.6
50.57/12.44
12
0.9 (10)
nordöstlich von Rodewisch
39
21.01.06
17:27:37.0
50.90/12.37
14
1.0 (10)
Schmölln
40
24.01.06
19:19:16.0
51.23/12.60
16
1.2
(9)
westlich von Grimma
41
30.01.06
04:25:45.9
50.62/12.68
1
1.0 (12)
nördlich von Aue (induziert)
42
11.02.06
02:51:53.9
51.48/11.73
1
1.2
(9)
Teutschenthal (induziert)
12
Ereignis-
Nr. in
Abb. 3
Datum
Herdzeit
(UTC)
h:min:s
Koordinaten
°N/°O
Herd-
tiefe
in km
Lokalmagnitude
(Anzahl der
Stationen)
Herdgebiet
Tab. 1:
Seismische Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten 2004 - 2006 (mit Lokalmagnitude ML
~1)
>

Datum
Herdzeit (UTC)
h:min:s
Koordinaten
°N/°O
Lokalmagni-
tude (SZGRF)
Herdgebiet
23.02.04
17:31:18.4
47.3/6.2
5.3
Besançon, Frankreich
16.05.04
09:53:31.6
51.51/16.07
4.1
Bergbaurevier Lubin, Polen
22.05.04
05:19:03.3
50.4/7.4
4.0
Koblenz, Rheinland-Pfalz
21.06.04
23:10:01.9
47.6/7.7
4.0
Säckingen, Grenzgebiet Deutschland/Schweiz
28.06.04
23:42:30.1
47.6/8.2
4.2
Laufenburg, Schweiz
21.09.04
13:32:30.6
54.79/20.03
5.0
Kaliningrad, Grenzgebiet Russland/Polen
20.10.04
06:59:16.0
53.0/9.5
4.5
Rotenburg, Niedersachsen
24.11.04
22:59:39.5
45.62/10.62
5.3
Zentralalpen/Norditalien
05.12.04
01:52:38.8
48.1/8.0
5.1
Waldkirch, Baden-Württemberg
12.05.05
01:38:04.3
47.2/7.7
4.2
Delémont, Schweiz
08.09.05
11:27:18.6
46.11/6.96
5.1
Westalpen, Schweiz
12.11.05
19:31:14.2
47.5/8.1
4.3
Laufenburg,Grenzgebiet Deutschland/Schweiz
21.05.06
10:58:03.1
51.50/16.09
4.1
Bergbaurevier Lubin, Polen
43
28.02.06
16:32:29.7
50.98/12.50
16
1.6 (12)
östlich von Altenburg
44
02.03.06
19:01:22.1
51.05/12.07
19
1.1 (10)
westlich von Zeitz
10.03.06
16:11.07.9
50.00/12.24
12
0.9
(7)
südöstlich von Selb
46
22.03.06
20:45:30.7
51.13/11.95
20
1.6 (13)
östlich von Naumburg
47
15.05.06
05:01:56.1
51.01/11.79
10
1.1 (10)
nordwestlich von Eisenberg
48*
26.05.06
17:57:10.3
50.22/12.44
8
1.6 (10)
Novy’ Kostel
49
07.06.06
16:58:34.5
50.41/12.32
4
0.8
(6)
nordwestlich von Schöneck
50
21.06.06
00:06:23:2
50.22/12.42
9
0.9
(8)
nordwestlich von Novy’ Kostel
51
21.06.06
12:48:28.7
51.64/11.87
22
1.6 (10)
nördlich von Halle/Saale?
52*
03.08.06
05:07:44.0
50.67/12.46
9
1.4 (11)
südwestlich von Zwickau
53*
04.08.06
02:21:25.1
50.70/12.36
7
2.3 (12)
südwestlich von Werdau
54
04.08.06
02:52:11.1
50.71/12.35
6
0.9 (12)
südwestlich von Werdau
55
05.08.06
19:17:55.8
50.66/12.68
14
1.0 (12)
nördlich von Aue
56
06.08.06
07:03:16.6
50.70/12.39
13
1.0 (11)
südlich von Werdau
57
06.08.06
07:12:34.3
50.70/12.39
15
1.1 (12)
südlich von Werdau
58
17.08.06
01:40:47.4
50.70/12.36
5
1.3 (12)
südwestlich von Werdau
59
02.09.06
22:28:29.9
50.25/12.45
8
0.9
(7)
nördlich von Novy’ Kostel
60
02.12.06
02:54:20.7
50.98/11.95
17
1.2
(9)
östlich von Eisenberg
13
Ereignis-
Nr. in
Abb. 3
Herdzeit
(UTC)
h:min:s
Datum
Koordinaten
°N/°O
Herd-
tiefe
in km
Lokalmagnitude
(Anzahl der
Stationen)
Herdgebiet
Tab. 2:
Seismische Ereignisse 2004 - 2006 (mit Lokalmagnitude ≥ 4) außerhalb Sachsens im Entfernungsbereich
bis ca. 500 km
Lokalmagnitude (SZGRF) ist ein Mittelwert aus Messwerten deutscher Stationen, die größtenteils zum GRSN gehören
*) auch in Tabelle 5 enthalten

14
Abb. 4:
Historische Erdbeben mit Intensität ≥ VI, dargestellt für den Zeitraum 800 bis heute

2.2
Historische Erdbeben
Die in Sachsen aufgetretenen und bis in das Jahr 800
zurückverfolgbaren Erdbebenherde, die aus makroseis-
mischen Wahrnehmungen abgeleitet wurden, sind in
mehreren Katalogen erfasst worden (L
ERSCH 1897; SIEBERG
1940; SPONHEUER 1952; GRÜNTHAL 1988) und geben ein
Abbild der historisch beobachteten Seismizität. Eine
Verteilung der Schadenbeben, die dem Erdbebenkatalog
der BGR Hannover (L
EYDECKER 2005) entnommen wurde,
zeigt Abb. 4.
Obwohl die verfügbaren Datenquellen akribisch
recherchiert wurden, ist davon auszugehen, dass die Zuver-
lässigkeit der makroseismischen Beobachtungen sowie die
Genauigkeit der daraus abgeleiteten Herddaten immer
mehr abnehmen, je weiter das Erdbeben zeitlich zurück-
liegt.
Die Unsicherheit weit zurückliegender Erdbebenbeobach-
tungen wird sichtbar beim Vergleich der historischen
Erdbebenherde mit den durch das moderne seismische
Stationsnetz ermittelten Herdlagen von Mikrobeben. Die
Hypozentren der durch das Sachsennetz im Berichts-
zeitraum mit hoher Genauigkeit lokalisierten Erdbeben
(siehe Abb. 3a, b) zeigen eine Anordnung entlang
tektonisch aktiver Störungszonen, wohingegen die aus
Beobachtungen abgeleiteten Herdorte der historischen
Schadenbeben eine starke Streuung aufweisen. Teilweise
fallen die makroseismisch bestimmten Epizentren histori-
scher Erdbeben auch in Regionen, für die seit Aufnahme
der mikroseismischen Registrierung noch keine seismische
Aktivität nachgewiesen werden konnte, so dass die Herd-
zuordnung historischer Schadenbeben für diese Gebiete
sehr fragwürdig erscheint. Dies betrifft insbesondere die
Elbtalzone, die zwar eine tektonisch vorgeprägte Störungs-
zone darstellt und damit als potenzielles Gebiet im Hinblick
auf eine seismische Aktivität anzusehen ist, in der jedoch
bisher trotz intensiven seismischen Monitorings keine
Mikrobeben detektiert werden konnten.
Historische Erdbebenkataloge sind aber von großer Bedeu-
tung bei der Beurteilung der Erdbebengefährdung eines
Landes, für dessen gesamtes Territorium über große Zeit-
räume vorliegende Beobachtungen wertvolle Daten zur
Abschätzung der seismischen Gefährdung liefern. Aus den
statistisch bestimmten Wiederkehrperioden starker Erd-
beben sowie den an einzelnen Standorten beobachteten
Intensitäten werden wichtige Parameter, wie z. B. die
maximal zu erwartende Bodenbeschleunigung, abge-
schätzt. Diese bilden die Grundlage zur Bestimmung von
Grenzwerten für zulässige Belastungen von Bauwerken, die
in der Norm DIN 4149 (2005) berücksichtigt werden.
15

16
3.1
Online-Stationsnetz
(permanentes Netz)
Mit dem Aufbau des sächsischen permanenten Online-
Netzes zur Überwachung der für den Freistaat Sachsen
relevanten seismischen Aktivität wurde im Jahr 2000
begonnen. Zuvor war die seismische Überwachung durch
die Observatorien Collm (CLL, Universität Leipzig),
Berggießhübel (BRG, TU BA Freiberg) und Moxa (MOX,
Universität Jena), durch ein Offline Netz (mobiles Netz)
sowie Stationen des Deutschen Seismologischen Regional-
netzes GRSN wahrgenommen worden.
Die Stationen des Online-Netzes sind auf die seismisch
aktiven Gebiete im Vogtland und die nördlich davon gele-
genen Abschnitte der Leipzig-Regensburg Störungszone
konzentriert (Abb. 5, Tab. 3). Eine Station (NEUB) wird in
Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit dem dortigen
Landesamt für Bergwesen und Geologie betrieben. Eine
weitere Station (FBE) wurde durch die TU BA in Freiberg
eingerichtet. Zur Zeit besteht das Netz aus 9 Stationen. Eine
Erweiterung um 3 Stationen ist für das Jahr 2007 geplant.
Maßgeblich für die Konzeption des Online-Netzes waren
folgende Anforderungen:
1.
Bei stärkeren natürlich oder künstlich erzeugten Er-
schütterungen, die von der Bevölkerung wahrgenommen
werden, muss eine sofortige Auswertung der Messdaten
möglich sein. Sie kann manuell durch Seismologen oder
automatisch erfolgen. Lage (Epizentrum) und Stärke
(Magnitude) müssen innerhalb weniger Minuten bestimmt
werden können. Nur so kann eine unverzügliche Informa-
tion von Behörden, Medien und Öffentlichkeit über Ort und
mögliche Auswirkungen des Bebens erfolgen und gege-
benenfalls Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz etc.
alarmiert werden.
Um dies zu gewährleisten, übertragen die Messstationen des
Online-Netzes ihre Daten kontinuierlich, maximal 10 Minuten
verzögert, über Telefonleitungen an eine Daten-zentrale an
der Universität Leipzig. Zusätzlich ruft die Datenzentrale
auch Daten weiterer Stationen ab, die von anderen
Institutionen betrieben werden. Die Mitarbeiter am
Observatorium Collm ermitteln innerhalb kurzer Zeit die
geforderten Größen, melden sie an das LfUG und ver-
öffentlichen sie im Internet. Künftig ist geplant, die
Registrierung (Detektion) und Ortung (Lokalisierung) starker
Ereignisse vollautomatisch durchzuführen. Eine Weiter-
gabe an offizielle Stellen erfolgt aber erst nach Bestätigung
durch einen Seismologen.
3 Sachsennetz (SXNET)
Stations-
abkürzung
Standort
geogr. Breite
in °N
geogr. Länge
in °O
Höhe
in m (NN)
in Betrieb
seit
FBE
Freiberg, Lehr- und Besucherbergwerk
50.92117
13.35414
234,9
27.09.04
GUNZ
Gunzen, Trinkwasserhochbehälter
50.3635
12.3316
669
08.08.01
NEUB
Neuenburg, Burgmuseum
51.2083
11.7752
200
21.08.03
ROHR
Rohrbach, Trinkwasserhochbehälter
50.2342
12.3168
629
07.08.01
TANN
Tannenbergsthal, Besucherbergwerk
50.4149
12.4616
836
19.12.00
TRIB
Obertriebel, privater Schuppen
50.3517
12.1370
510
19.12.01
WERD
Werda, Talsperre
50.4476
12.3064
589
13.06.01
WERN
Wernitzgrün, Trinkwasserhochbehälter
50.2874
12.3761
672
02.08.00
WUET
Wüstenhain, privater Keller
51.0093
12.5802
196
25.11.04
Tab. 3:
Stationen des Online-Netzes

17
Abb. 5:
Seismische Netze in Sachsen (SXNET) und angrenzenden Gebieten

image
image
18
2.
In seismisch aktiven Gebieten sollen auch kleine, in der
Regel nicht spürbare Ereignisse möglichst lückenlos erfasst
werden. Durch die präzise Lokalisierung dieser Mikrobeben
über einen längeren Zeitraum werden der Verlauf und der
tektonische Spannungszustand aktiver Störungszonen im
Untergrund erfasst, und ihr Potenzial für das Auftreten
stärkerer Beben kann prognostiziert werden. Für diese
Untersuchungen werden die Daten des Online- und Offline-
Netzes genutzt. Mit dem Online-Netz wird dabei eine sehr
gute Abdeckung im Bereich des Vogtlandes erreicht,
während in anderen Regionen zusätzlich Offline-Stationen
eingesetzt werden.
Inbetriebnahme der seismologischen Station
Neuenburg (NEUB) in Sachsen-Anhalt
Im Jahr 2004 wurde vom Landesamt für Geologie und
Bergwesen Sachsen-Anhalt eine seismologische Station
auf der Neuenburg bei Freyburg in Betrieb genommen,
nachdem 2003 Testmessungen erfolgten. Diese Station ist
in das sächsische Online-Netz integriert.
Das Land Sachsen-Anhalt gehört nicht zu den Gebieten, die
durch eine starke Seismizität bekannt geworden sind.
Erdbebenkataloge zeigen aber, dass vor allem im Südteil
Sachsen-Anhalts und vereinzelt auch im Nordteil in der
Vergangenheit immer wieder Erdstöße aufgetreten sind, bei
denen es auch zu Gebäudeschäden kam.
Darüber hinaus wird in Gebieten mit entsprechenden Vor-
aussetzungen die natürliche seismische Gefährdung durch
anthropogen induzierte seismische Ereignisse wie Gebirgs-
schläge oder industrielle Sprengungen überlagert. Als Bei-
spiel sei der Gebirgsschlag von Teutschenthal am 11. Sep-
tember 1996 genannt, der im Ostfeld der aufgelassenen
Kaligrube zu weiträumigen Einstürzen führte.
Ein Standort für diese erste seismologische Station
Sachsen-Anhalts wurde im Süden des Landes gesucht, um
gemeinsam mit Sachsen und Thüringen ein Bebengebiet
mit Zentrum im Raum Gera-Altenburg-Zeitz zu über-
wachen. Dieses Bebengebiet kann dem unmittelbar an der
Südgrenze Sachsen-Anhalts gelegenen Kreuzungspunkt
der Störungszonen Leipzig-Regensburg und Gera-Jáchy-
mov zugeordnet werden (Abb. 6).
Als Beispiel sei das mitteldeutsche Erdbeben vom 06. März
1872 angeführt, dessen makroseismische Wirkungen vom
Epizentrum bei Gera bis in den Raum südlich Magdeburg
zu spüren waren. Die neu eingerichtete Station befindet
Abb. 6
: Seismizität Mitteldeutschlands in den
Jahren 800-2004 (L
EYDECKER 2005)
Abb. 7:
Latrinenturm der Neuenburg
sich im Untergeschoss des ehemaligen Latrinenturmes der
Neuenburg (Abb. 7). Die Abb. 8 zeigt die Bedeutung der
Zusammenarbeit der drei mitteldeutschen Länder für die
Ortungsgenauigkeit von Beben in diesem Raum.

19
3.2
Offline-Stationsnetz
(mobiles Netz)
Die Offline-Stationen des Sachsennetzes sind mobile
seismische Stationen, die im Gegensatz zu den Online-
Stationen nicht mit der Datenzentrale verbunden (online)
sind. Sie nehmen eine Datenabspeicherung am Registrier-
ort nur dann vor, wenn eine Erschütterung auftritt (ge-
triggert). Durch den reduzierten Installationsaufwand
können die Stationen mobil und temporär betrieben wer-
den, woraus sich ein anderes Aufgabenkonzept als bei
Online- bzw. Permanentstationen ergibt. Im Hinblick auf
seismologische Fragestellungen, die sich aus der Überwa-
chung der seismischen Aktivität als auch aus einer daraus
abgeleiteten Gefährdungsabschätzungen für das Gebiet
Sachsens ergeben, hat das Offline-Stationsnetz im Wesent-
lichen folgende Aufgaben zu erfüllen:
Das Monitoring aktiver Erdbebencluster
Die in Westsachsen im Bereich der Leipzig-Regensburg
Störungszone auftretende natürliche Seismizität verteilt sich
auf relativ kleinräumige, in Abständen von mehreren Jahren
aktiv werdende Herdgebiete (so genannte Erdbebenclu-
ster). Um die dann nur wenige Tage bis Monate anhaltende
seismische Aktivität möglichst vollständig zu erfassen, ist
ein Monitoring durch ein dichtes lokales Stationsnetz direkt
über dem Cluster erforderlich. Dazu stehen die Offline-Sta-
tionen in Bereitschaft, die bei Einsetzen eines Erdbeben-
schwarmes schnell in das aktive Cluster umgesetzt werden
können, um selbst sehr schwache Mikrobeben noch zu
erfassen und mit hoher Genauigkeit lokalisieren zu können.
Abb. 8:
Registrierung des Bebens vom 02.11.03 mit dem Epizentrum nordöstlich von Zeitz (Magnitude ML = 1.8)

20
Die Untersuchung potenzieller
seismotektonischer Zonen
Tektonisch geprägte Störungszonen, die durch rezente
Krustenbewegungen bzw. tiefere Quellen wie Magmen-
kammern unter Spannung gesetzt werden, sind stets
potenzielle Bruchflächengebiete für Erdbeben. Sind die
Spannungen sehr klein, so ist davon auszugehen, dass die
seismische Aktivität sehr schwach bzw. selten ist, so dass
sie von regionalen seismischen Stationsnetzen nicht erfasst
wird. Ein Nachweis von Mikrobeben ist dann nur mit sensi-
blen kleinräumigen Stationsnetzen möglich, die direkt im
Herdgebiet installiert werden. Das seit 2005 laufende
seismische Monitoring mobiler Stationen in der Elbtalzone
hatte das Ziel, eine seismotektonische Aktivierung dieser
tief angelegten Störungszone, für welche bereits makro-
seismische Wahrnehmungen von Erdbeben vorliegen, zu
erkunden.
Die Durchführung ingenieurseismologischer Arbeiten
Mit einer auf die Registrierung naher seismischer Quellen
wie Mikrobeben, Bergschläge und Sprengungen ausge-
richteten Gerätecharakteristik können die mobilen Stationen
besonders effizient für ingenieurseismologische Arbeiten
eingesetzt werden. Die praktischen Anwendungen nehmen
aufgrund der vielen Einsatzgebiete ein breites Spektrum
ein. So können durch direkte Registrierung von Erschütte-
rungen, die durch Erdbeben oder Sprengungen an expo-
nierten Bauwerken wie Talsperren oder Forschungs-
reaktoren ausgelöst werden, Abschätzungen zur Erdbeben-
gefährdung gegeben werden.
Detaillierte Untersuchungen zum Verhalten von Bauwerken
beim Durchgang seismischer Wellen werden mit Hilfe von
Schwingungsmessungen gewonnen, die beispielsweise an
Talsperrenmauern bzw. historischen Gebäuden durch-
geführt werden können. Die Überwachung bergbauindu-
zierter Seismizität liefert genauso wie die Messung von
Sprengerschütterungen in der Nähe von Steinbrüchen
wichtige Anhaltspunkte über die Beeinträchtigung der
Umgebung durch künstlich verursachte seismische Ereig-
nisse.
Das Offline-Stationsnetz für den Berichtszeitraum ist in
Tabelle 4 aufgeführt. Es wurden insgesamt 14 Standorte
besetzt. Die Positionen der Standorte sind Abb. 5 zu ent-
nehmen.
Stations-
abkürzung
Standort
geogr. Breite
in °N
geogr. Länge
in °O
Höhe in
m (NN)
Betriebszeit
FRT
Freital, Müllersweg
50.9970
13.6541
182
14.10.04-11.01.07
TUD
TU Dresden, Zellscher Weg
51.0297
13.7403
131
seit 14.10.04
RAD
Radebeul, Mittlere Bergstr.
51.1178
13.6121
116
14.10.04-24.05.06
KAD
Kaditz
51.0348
13.6727
109
29.05.06-11.01.07
FST
Fernsehturm, Hottenrothstr.
51.0403
13.8402
195
19.01.05-25.09.05
MDO-T
Albrechtsburg Meißen, N-Turm
51.1663
13.4709
200
24.05.06-29.05.06
MDO
Albrechtsburg Meißen
51.1661
13.4721
130
22.10.04-25.09.06
EIB
Eibenstock, Staumauer
50.5309
12.6004
528
seit 22.10.04
AUC
Aue, Viehzucht
50.6215
12.7054
446
seit 22.10.04
AUP
Aue, „Prinzenhöhle”, Garage
50.6383
12.6795
374
seit 22.10.04
AUM
Aue, Markus-Semmler-Str.,
Keller Wohnhaus
50.6072
12.6801
398
seit 22.10.04
CZS
Aue, Clara-Zetkin-Siedlung
50.6045
12.6512
460
seit 22.10.04
CAF
Carlsfeld, Talsperre,
Mauerfuß Lotmesshaus
50.4258
12.5976
895
seit 22.10.04
BRA
Bad Brambach, Rödiger-Haus
50.2221
12.2971
575
seit 12.04.05
Tab. 4:
Stationen des Offline-Netzes
Die Stationen EIB und CAF werden im Auftrag der Landestalsperrenverwaltung Sachsen betrieben.

21
Die Geodäsie beschäftigt sich nach
der Definition von F
RIEDRICH ROBERT
HELMERT (1843 – 1917) mit der
Ausmessung und Abbildung der Erde.
Neben den klassischen Vermessungs-
geräten wie Theodolit und Nivellier
werden vermehrt moderne Satelliten-
technologien verwendet, um die
Größe und Form von Teilen der Erd-
oberfläche sowie deren zeitliche Ver-
änderungen zu bestimmen.
Da Westsachsen und das Vogtland zu
den seismologisch aktiven Gebieten
Deutschlands gehören, wird diese
Region seit nunmehr 45 Jahren inten-
siv überwacht. Neben den Informatio-
nen über die exakte Lage und Stärke
der auftretenden Beben ist insbeson-
dere die durch sie hervorgerufene
zeitliche Veränderung der Geometrie
der Erdoberfläche von besonderem
wissenschaftlichen Interesse. Die
Beben verursachen innerhalb ihrer
unmittelbaren Umgebung Brüche im
Gestein der oberen Erdkruste. Diese
Brüche können zu einer bleibenden
Änderung der Geometrie in einem
mehr oder weniger großen Gebiet der
Erdoberfläche führen.
Derartige Formänderungen mess-
technisch zu erfassen, ist die Aufgabe
geodätischer Untersuchungen.
Im Auftrag des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und
Geologie betreibt das Institut für Planetare Geodäsie der TU
Dresden seit Sommer 1994 ein geodätisches Über-
wachungsnetz (Abb. 9). Dieses Netz erstreckt sich von
Falkenstein im Norden über Carlsfeld im westlichen Erzge-
birge und weiter entlang der Grenze zur Tschechischen
4 Das geodätische Netz im
Vogtland
Abb. 9:
Verteilung der Stationen des Geodätischen
Überwachungsnetzes Vogtländisches
Bebengebiet und ausgewählte tektonische
Störungen

image
image
22
Republik über Schönberg im Süden bis nach Eichigt im
Westen und überdeckt damit ein Gebiet mit einer Ausdeh-
nung von etwa 30 km in N-S-Richtung als auch in W-O-
Richtung. Das Überwachungsnetz umfasst insgesamt
16 Punktgruppen. Ein Teil der Punktgruppen bilden das
Rahmennetz, die übrigen das Verdichtungsnetz entlang
der in N-S-Richtung orientierten Reichenbach-Erlbach
Störungszone und der in NW-SO verlaufenden Bergen-
Klingenthaler Störungszone (Teil der Leipzig-Regensburg
Störungszone).
Jede Punktgruppe besteht aus drei Messpunkten, nämlich
aus einem Hauptpunkt und zwei Kontrollpunkten.
Um die Stabilität der einzelnen Punkte zu gewährleisten
und sie vor äußeren mechanischen Einflüssen zu schützen,
wurde der überwiegende Teil der Messpunkte in einer Tiefe
von etwa 80 cm vermarkt (Abb.10).
Die Abb.11 zeigt die Punktgruppe auf dem Wendelstein
nahe der Ortschaft Grünbach. Alle drei Punkte wurden hier
direkt auf dem Fels vermarkt.
Abb. 11:
GPS Messungen auf der Punktgruppe Wendel-
stein nahe der Ortschaft Grünbach
Abb. 10:
Zentrierung der Punktgruppe
Auerbach-Beerheide
Abb. 12:
Darstellung der zeitlichen Verteilung der im Vogtland seit 1994 registrierten Beben und der durchgeführten GPS-
Messkampagnen

23
Die Vermessung des Überwachungsnetzes erfolgt mit Hilfe
des Global Positioning System (GPS). Innerhalb eines
Messprogramms, einer sogenannten GPS-Messkampagne,
werden die Koordinaten (Länge, Breite, Höhe) der
Netzpunkte und damit die Geometrie des Überwachungs-
netzes bestimmt.
Seit dem Aufbau des Netzes wurden insgesamt 6 GPS-
Messkampagnen erfolgreich durchgeführt. Die Abb.12
zeigt die zeitliche Verteilung der seit 1994 registrierten
Erdbeben der Vogtlandregion und angrenzender Gebiete,
sowie die Zeitpunkte der vom Institut für Planetare
Geodäsie durchgeführten GPS-Messkampagnen. Der Ab-
bildung kann entnommen werden, dass in dem Zeitraum
von Januar 1994 bis August 2000 im Untersuchungs-
gebiet nur eine äußerst geringe seismische Aktivität
herrschte. Innerhalb dieses Zeitraums wurden die ersten
drei GPS-Messkampagnen durchgeführt. Im Herbst 2000,
während der Messung der vierten Kampagne, stieg dann
die seismische Aktivität sprunghaft an. Nach diesem
großen Bebenschwarm waren im Jahr 2001 noch zwei
weitere, jedoch wesentlich kleinere Schwärme zu
verzeichnen.
Aus dem Vergleich der aufeinander folgenden GPS-Mess-
kampagnen sind zeitliche Geometrieänderungen der
Erdoberfläche ableitbar. Innerhalb jeder Messkampagne
werden neben dem Gesamtnetz auch die einzelnen Punkt-
gruppen vermessen. Hierdurch wird sichergestellt, dass
etwaige lokale Veränderungen aufgrund von Punktinstabili-
täten nicht als seismisch verursachte Krustendeformation
fehl interpretiert werden.
Bei der Bestimmung von Positionen mit Hilfe von GPS
über einen Zeitraum von mehreren Jahren ist zu be-
achten, dass auch Stationsbewegungen aufgrund der glo-
balen Plattendynamik (absolute Bewegung der europä-
isch/asiatischen Platte um 20 mm/Jahr nach Nordost)
berücksichtigt werden. Um relative Bewegungen zwi-
schen den Punkten des Überwachungsnetzes zu erhalten,
wird eine mittlere absolute Bewegung abgezogen.
Die Abb.13 zeigt die danach verbleibenden relativen Bewe-
gungen zwischen den Punkten des Überwachungsnetzes.
Es ist zu erkennen, dass die relativen Bewegungen der
Punkte im Betrag kleiner als 0,4 mm pro Jahr sind. Damit
zeigt sich, dass die im Zeitraum von 1994 bis 2007 im
Untersuchungsgebiet aufgetretenen Erdbeben Geometrie-
änderungen von unter 1 cm verursacht haben.
Abb. 13:
Darstellung der Bewegung pro Jahr (relative Bewegung) der Punktgruppen
des Überwachungsnetzes

24
5.1
Tektonische Erdbeben
Nach sechs Jahren Betrieb des permanenten Online-
Sachsennetzes kann eine erste Bilanz einer längeren Zeit-
spanne gezogen werden. Von 2001 bis 2006 wurden im
Untersuchungsgebiet (Westsachsen und angrenzende
Gebiete) 682 seismische Ereignisse mit den permanenten
Online-Stationen und Offline-Stationen des Sachsennetzes
und benachbarten Stationen des Deutschen Regionalnetzes
GRSN detektiert und geortet (Abb. 14). Die 9 stärksten
dieser Beben, deren Magnitude 2.0 erreichte oder über-
schritt, sind in Tab. 5 aufgeführt und hervorgehoben.
Die stärksten Ereignisse wurden ganz vereinzelt gespürt, in
aller Regel lagen jedoch auch sie unterhalb der Fühlbar-
keitsschwelle. Die Erdbeben konzentrieren sich auf die
N-S-streichende Leipzig-Regensburg-Störungszone, auf die
bei Zwickau und weiter südlich NW-SO kreuzenden
Störungszonen sowie deren unmittelbare Umgebung.
Die dargestellten Ereignisse sind weitestgehend tekto-
nische Beben, einzelne im Raum Aue sind auch bergbau-
bedingt. Das stärkste Beben des untersuchten Zeitraumes
von 6 Jahren fand am 05.06.2001 um 6:26 UTC bei
Schöneck statt und erreichte eine Magnitude von 2.8. Das
stärkste Beben der letzen drei Jahre wurde am 04.08.2006
um 2:21 UTC südlich von Werdau mit einer Magnitude von
2.3 registriert. Im Vogtland werden ab einer Magnitude von
ca. 0.5 nahezu alle Beben erfasst, im gesamten Unter-
suchungsgebiet etwa ab einer Magnitude von 1.0.
Die meisten Beben fanden im Vogtland und im angrenzen-
den NW-Böhmen statt, wo besonders die Zahl der kleinen
Beben deutlich höher liegt. Als Ursache dafür, dass südlich
von Zwickau die Zahl der sehr kleinen Beben deutlich
zunimmt, sind sowohl technische Gründe als auch Unter-
schiede im seismotektonischem Regime anzunehmen.
Einerseits ermöglicht das dichtere Stationsnetz im Vogtland
eine niedrigere Nachweisschwelle als in den nördlichen
Gebieten. Andererseits nimmt der Schwarmcharakter der
Seismizität nach Süden zu. Betrachtet man jedoch nur die
neun größten Ereignisse (Tab. 5, fette schwarze Kreise in
Abb. 14), traten im Vogtland sechs der neun Beben und
nördlich von Zwickau die restlichen drei Beben auf.
Für das größte Beben des Jahres 2006 (04.08.2006, 2:21 UTC,
südlich von Werdau) stehen mit Unterstützung der
Nachbarnetze von insgesamt 49 Stationen auswertbare
Seismogramme zur Verfügung, die einen großen Entfernungs-
bereich und zahlreiche Himmelsrichtungen abdecken
(Abb.15). Durch die Konzentration der Stationen im
Vogtland und NW-Böhmen sind die Laufwege aus Süden
erheblich dichter belegt als die anderen Himmels-
richtungen. Abb.16 zeigt die Montage von 5 ausgewählten
Seismogrammen von Stationen, die nach Epizentral-
entfernung sortiert sind. Der Abschnitt des ungestörten
Seismogramms vor dem ersten Einsatz wird als Rauschen
bezeichnet. Gut erkennbar ist, dass mit größerer Entfer-
nung das Signal-Rausch-Verhältnis abnimmt, aber bis 157
km (Station HROE – Hohe Rhön-Fladungen) auswertbare
Registrierungen vorliegen. Mit zunehmender Entfernung
setzen die Seismogramme entsprechend später ein.
Bei der Routineauswertung kann die Tiefe der Erdbeben-
herde oft nur grob abgeschätzt werden, teilweise wird sie
vom Bearbeiter auch gesetzt (z. B. auf 5 km). 31 der größeren
Beben (Tab. 5, Abb.17) wurden gründlicher ausgewertet
(Präzisionslokalisierung). Dazu wurden zahlreiche Seis-
mogramme aus den Nachbarnetzen hinzugezogen. Die
Abb.17 zeigt die Tiefenverteilung dieser Beben, die eine
von Oberfranken im Süden bis in die Nähe von Zwickau
zunehmende Aufspaltung in zwei Tiefenbereiche andeutet.
Nördlich von Zwickau sind dagegen nur noch Herde tiefer
als 10 km zu finden.
5 Durchgeführte Forschungs-
arbeiten 2004–2006

25
1
11.02.01
08:09:53.4
50.36/12.42
2.1
westlich von Klingenthal
2
05.06.01
00:23:36.8
50.41/12.34
2.4
Schöneck
3
05.06.01
06:26:23.8
50.41/12.35
2.8
Schöneck
4
06.06.01
16:09:28.9
50.32/12.45
2.0
westlich von Kraslice C
ˇ
R
5
09.06.01
21:43:23.8
50.32/12.44
2.4
westlich von Kraslice C
ˇ
R
6
14.01.02
22:39:11.3
50.55/12.19
1.4
nordöstlich von Plauen
7
12.03.02
02:50:15.1
50.81/12.35
1.4
Crimmitschau
8
23.03.02
10:42:46.7
50.86/12.51
2.1
südlich von Altenburg
9
09.04.02
02:38:24.3
50.39/12.31
1.5
südwestlich von Schöneck
10
22.04.02
22:28:26.2
50.27/12.28
2.0
östlich von Bad Elster
11
22.04.02
22:34:36.3
50.27/12.27
1.5
östlich von Bad Elster
12
04.05.02
23:54:29.2
50.72/12.40
1.3
Werdau
13
30.05.02
05:52:35.4
50.24/12.43
1.4
nördlich von Novy’ Kostel
14
08.10.02
19:21:50.5
50.75/12.35
1.9
Werdau
15
11.10.02
20:57:15.3
50.37/12.15
1.4
südlich von Oelsnitz
16
21.01.03
23:28:58.0
50.47/12.15
1.3
Plauen
17
06.06.03
22:58:56.2
50.47/12.14
1.2
Plauen
18
09.07.03
02:28:06.0
50.56/12.23
1.5
nordöstlich von Plauen
19
26.07.03
05:34:19.0
51.09/12.49
2.3
Regis-Breitingen
20
14.09.03
23.05:35.4
50.47/12.15
1.2
Plauen
21
29.10.03
00:41:51.6
50.41/12.31
1.1
Schöneck
22
05.11.03
22:37:12.1
50.40/12.31
1.1
Schöneck
23*
07.02.04
01:07:34.4
50.42/12.31
1.2
nordwestlich Schöneck
24*
07.02.04
22:50:50.1
50.42/12.32
1.5
nördlich Schöneck
25*
22.02.04
09:31:16.5
50.22/12.44
1.4
Novy’ Kostel
26*
23.06.04
04:54:13.5
50.03/12.30
1.5
Cheb/C
ˇ
R
27*
11.08.04
00:18:54.3
50.40/12.30
1.3
westlich von Schöneck
28
15.11.04
01:56:41.0
50.09/12.19
1.3
Selb/Fichtelgebirge
29*
10.12.05
15:03:57.7
50.24/12.43
1.0
nördlich von Novy’ Kostel
30
10.12.05
15:04:14.4
50.26/12.43
0.4
nördlich von Novy’ Kostel
31*
10.12.05
15:04:27.5
50.23/12.44
0.9
nordwestlich von Novy’ Kostel
32*
21.12.05
15:59:39.1
50.24/12.42
1.3
nordwestlich von Novy’ Kostel
33*
23.12.05
19:36:47.5
50.43/12.28
1.0
nordwestlich von Schöneck
34*
26.05.06
17:57:10.3
50.22/12.44
1.6
Novy’ Kostel
35*
03.08.06
05:07:44.0
50.67/12.46
1.4
südwestlich von Zwickau
36*
04.08.06
02:21:25.1
50.70/12.36
2.3
südwestlich von Werdau
Ereignis-Nr.
in Abb.14,
17 und 21
Datum
Herdzeit
(UTC)
h:min:s
Koordinaten
°N/°O
Magnitude
(ML)
Herdgebiet
Tab. 5:
Ausgewählte seismische Ereignisse 2001 bis 2006
*) auch in Tabelle 1 enthalten

26
Abb. 14:
Verteilung der seismischen Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten im Zeitraum
2001 – 2006 und bedeutende Störungszonen
I
Leipzig-Regensburg Störungszone
II
Gera-Jáchymov Störungszone
III
Bergen-Klingenthal-Chodov Störungszone
IV
Eichigt-Adorf-Luby Störungszone
V
Gefell-Bad-Brambach Störungszone
1 – 5; 8; 10; 19; 36 stärkste Erdbeben vgl. Tab. 5

27
Abb. 15:
Darstellung der Stationsverteilung mit auswertbaren Seismogrammen für das Erdbeben vom
04.08.2006 südlich von Werdau (SCH – Schönfels; WUET – Wüstenhain; MROB – Rosenbühl; BRG – Berggieß-
hübel; HROE – Hohe Rhön-Fladungen)
Abb. 16:
Montage von 5 Seismogrammen (Vertikalkomponente Z) des Erdbebens vom 04.08.2006 südlich von Werdau

28
Abb. 17:
Präzisionslokalisierungen (Epizentren und Herdtiefen) von ausgewählten 31 Beben (2002 – 2006)
Mittelwert der Teufe mit Standardfehler
6 – 36 ausgewählte Erdbeben vgl. Tab. 5

29
5.2
Herdflächenlösungen
Die tektonischen Erdbeben sind die Folge von elastisch-
spröden Bruch- und Verschiebungsvorgängen in der Erd-
kruste (oder im oberen Erdmantel, Lithosphäre) durch
angestaute Spannungen. Die Gesteine werden über lange
Zeiten durch Scherkräfte belastet, verformt und bis zu einer
Bruchgrenze beansprucht. Nach Überschreitung der Bruch-
grenze wird die angesammelte mechanische Spannungs-
energie plötzlich in Bewegungsenergie (seismische
Energie) und Wärme umgesetzt. Die vom Scherbruch aus-
gehenden Deformationen breiten sich wellenförmig als Erd-
Abb. 18:
Blockbilder der Bruchfläche für vier verschiedene Typen von Bruch- (bzw. Herd-)vorgängen
und zugehörige Herdflächenlösung (umgezeichnet nach B
ERCKHEMER 1997)
beben aus und können je nach Stärke entsprechende Wahr-
nehmungen und Schäden auslösen.
Mit so genannten Herdflächenlösungen wird der Scher-
bruchvorgang beschrieben, der den meisten Erdbeben zu
Grunde liegt. Jede Herdflächenlösung beschreibt für ein
konkretes Erdbeben die räumliche Orientierung der Bruch-
fläche, entlang der Scherbruch stattfand, sowie die Be-
wegungsrichtung der beteiligten Gesteinspakete. Abb. 18
illustriert die tektonischen Bewegungstypen und die
entsprechenden Herdflächenlösungen.

image
30
An Seismogrammen (Abb.16) guter Qualität kann die
Richtung des ersten Einsatzes („aufwärts“ bzw. „abwärts“)
der seismischen Wellen abgelesen werden. Für die aus-
gewählten Stationen Schönfels (SCH), Wüstenhain (WUET),
Rosenbühl (MROB), Berggießhübel (BRG) und Hohe Rhön-
Fladungen (HROE) sind die Einsatzpolaritäten markiert. Aus
diesen Einsatzpolaritäten lässt sich die räumliche
Orientierung des Bruchvorgangs ableiten, weil aus der
Modellvorstellung des Scherbruchvorgangs eine typische
räumliche Verteilung von Kompression und Dilatation
(Verdichtung und Dehnung) und daraus ein charakteris-
tisches Abstrahlmuster folgen (Abb.19).
Wenn genügend Beobachtungen an verschiedenen seis-
mischen Stationen vorliegen und diese örtlich ausreichend
verteilt sind, können für jedes Beben vier Gebiete (Abb. 20)
mit entgegen gesetzten Polaritäten abgegrenzt werden. Die
Grenzen zwischen diesen vier Gebieten werden von zwei
senkrecht aufeinander stehenden Ebenen gebildet, den so
genannten Knotenflächen, von denen eine die Bruchfläche
darstellt. Daraus ergibt sich die tektonische Klassifizierung
des Bruchvorgangs (Abschiebung, Aufschiebung, Blatt-
verschiebung, Schrägauf- und abschiebung, Abb.18, 21) des
jeweiligen Bebens.
Bei 13 der 31 genauer untersuchten (Abb.17 und 21)
Beben überwiegt Blattverschiebung, bei sieben Beben
Abschiebung und weitere neun Beben stellen eine Schräg-
abschiebung dar. Je ein weiteres Beben zeigen Auf-
schiebungs- bzw. Schrägaufschiebungsregime. Es wurden
also alle Typen von Bruchvorgängen gefunden, wobei Blatt-
verschiebung, Abschiebung und ihre Übergangsform
dominieren. Die Streichrichtungen der Knotenflächen
variieren deutlich. Viele der Knotenflächen verlaufen
zwischen der N-S- und der NW-SO-Richtung und liegen
damit nahezu parallel zu den Richtungen der wichtigsten
Störungssysteme des Untersuchungsgebietes (vgl.
Abb.14). Diese Herdflächenlösungen stimmen recht gut
mit bekannten Ergebnissen überein. Insofern ordnen sich
auch die kleinen Beben der Jahre 2002 bis 2006 nahtlos in
das regionale Spannungsregime ein, das dem für West-
und Mitteleuropa bekannten Spannungsfeld entspricht, wie
es auch P
LENEFISCH
&
KLINGE (2003) aus ihren Herdflächen-
lösungen von Erdbeben in NW-Böhmen bzw. NO-Bayern
ableiten.
Abb. 20:
Rekonstruktion des Bruchmechanismus aus dem
registrierten Wellenbild (B
ERCKHEMER 1997 und
1)
)
1)
http://www.geophysik.uni-kiel.de/~sabine/Die
Erde/Werkzeuge/Geophysik/M6-Seismologie/4Seismotektonik/Seismotektonik.htm
Abb. 19:
Seismische Signalabstrahlung von einem Scher-
bruch (umgezeichnet nach B
ERCKHEMER 1997 und
1)
)

31
Abb. 21:
Epizentren und Herdflächenlösungen für 31 Beben (2002 - 2006)
6 – 36, ausgewählte Erdbeben vgl. Tab. 5

image
32
5.3
Ingenieurseismologische
Arbeiten
Monitoring der durch den Bergbau
hervorgerufenen Seismizität
Das seismologische Monitoring, der durch die Flutung im
Bereich der Grube Aue/Alberoda hervorgerufenen Seis-
mizität, ist einer der Schwerpunkte der laufenden ingenieur-
seismologischen Arbeiten. Durch die im Jahre 1990 einge-
leitete Flutung der Grube kam es zu Spannungsumlagerun-
gen im umgebenden Gestein. Das führte zu einem Anstieg
der bis dahin beobachteten bergbauinduzierten Seismizität.
Seit 1997 werden durch die TU Bergakademie Freiberg alle
durch Bergschläge verursachten Erschütterungen an der
Erdoberfläche mithilfe von Offline-Stationen erfasst. Dieses
Netz unterstützt die von der WISMUT GmbH betriebene
unterirdische Überwachungsanlage. Dadurch können mit
hoher Zuverlässigkeit die Herdparameter der seismischen
Ereignisse ermittelt und eine Beeinträchtigung der Umge-
bung abgeschätzt werden. Bisher wurden mit Hilfe des
mobilen Stationsnetzes insgesamt 125 induzierte seis-
mische Ereignisse erfasst. Das stärkste Ereignis wurde am
12.03.2003 mit einer Magnitude von ML = 1.8 registriert.
Die beobachtete seismische Aktivität lässt einen Zusammen-
hang zum Flutungsgeschehen innerhalb des Grubenbaus
erkennen (Abb. 22). Mit einem erhöhten Flutungszulauf ist
stets eine zeitliche Häufung der seismischen Aktivität
verbunden. Dieser Effekt wird als verzögerte rheologische
Reaktion der Lagerstättenumgebung auf einen erhöhten
Kluftwasserdruck gewertet. Ein Anstieg der seismischen
Aktivität kann somit als Abbauprozess der durch erhöhte
Zulaufraten verursachten Gebirgsspannungen interpretiert
werden. Dieser Tatbestand bildet die Voraussetzung, mit
Hilfe des seismischen Monitorings die Flutung direkt zu regu-
lieren, wenn bei Ausbleiben einer erhöhten seismischen
Aktivität nach stärkeren Flutungen kritische Zustände
angezeigt werden.
Seit 1997 werden seismische Ereignisse ebenfalls aus dem
Gebiet der Sächsischen Lausitz registriert. Ein potenzielles
Herdgebiet konnte im Bereich der Braunkohle-Tagebaue
südöstlich von Hoyerswerda eingegrenzt werden (Tagebau
Lohsa). Seit dem 19.08.1997 wurden bisher über 350
Ereignisse registriert, wobei vom 26.01. - 16.02.2006 der
bisher letzte Aktivitätszyklus mit über 60 Ereignissen erfasst
werden konnte.
Die geringe Herdtiefe und die starke Dominanz schwacher
Ereignisse weisen auf einen induzierten Charakter der beob-
achteten Seismizität hin. Das potenzielle Herdgebiet mit
teilweise gefluteten Tagebaurestlöcher lässt eine durch den
Abb. 22:
Flutungsverlauf und Magnitudenverteilung 1998 – 2006 im Bergbaugebiet Aue-Alberoda
(I – VI verschiedene Flutungsintervalle)

image
33
Die in der Nähe des Schottenbergtunnels im Bereich der
Albrechtsburg Meißen durchgeführten Erschütterungs-
messungen dienten primär der Überwachung der Spreng-
arbeiten. Sie boten aber gleichzeitig eine günstige Gelegen-
heit, das Schwingungsverhalten der Türme des Meißner
Doms näher zu untersuchen. Es ergaben sich für beide Türme
unterschiedliche Eigenfrequenzen von 1,1 und 1,7 Hz. Eine
Bewertung des daraus abgeleiteten Resonanzverhaltens
ergab keine kritische Beeinträchtigung der Bauwerksstabilität.
Ein umfangreiches Betätigungsfeld für ingenieurseismologi-
sche Untersuchungen bieten die über 130 Talsperren und
Stauanlagen im Bereich der Landestalsperrenverwaltung
Sachsen. Besonders die Objekte im Vogtland und in West-
sachsen sind einer erhöhten dynamischen Belastung durch
Erdbeben ausgesetzt. Daher sind ausgewählte Talsperren die-
ser Region wie Muldenberg, Carlsfeld und Eibenstock schon
seit längerem mit mobilen seismischen Stationen besetzt, um
die seismische Gefährdung dieser Stauanlagen abzuschätzen.
Hauptziel des Monitorings ist die Registrierung lokaler Erdbe-
ben und die Erfassung der ausgelösten Erschütterungen im
Staumauerbereich. In diesem Zusammenhang wurde einge-
hend das Eigenschwingungsverhalten von Staumauern unter-
sucht. Bei Messungen an den Talsperren Eibenstock und
Carlsfeld konnten Eigenschwingungen senkrecht zur Mauer-
achse mit Frequenzen von 6,1 Hz
bzw. 1,3 Hz nachgewiesen wer-
den.
Durch Messung entlang eines
Profils in unterschiedlicher Höhe
der Talsperrenmauer Klingenberg
konnte das Eigenschwingungs-
verhalten der Mauer detailliert
untersucht werden. Zusätzlich
wurde die Eigenform (maximale
Verbiegung) unter Ausnutzung
von Sprengarbeiten, die zur Auf-
fahrung eines Kontrollganges im
Inneren der Staumauer durchge-
führt wurden, abgeleitet. Die
Eigenfrequenzen und die Eigen-
form sind eine Grundlage für
Spannungsberechnungen, die
eine Abschätzung der dynami-
schen Belastung der Baustruktur
ermöglichen.
Abb. 23:
Staumauer der
Talsperre Klingenberg
Grundwasseranstieg hervorgerufene Seismizität (fluid-
induziert) in Form von schnellen Hangrutschungen bzw.
Böschungssetzungen vermuten. Diese Vermutung wird durch
eine zeitliche Häufung der Ereignisse in den Wintermonaten
bzw. am frühen Vormittag gestützt. Zu diesen Zeitpunkten
treten starke Temperaturgradienten auf, die das Auftreten
oberflächennaher Ereignisse begünstigen. Eine eindeutige
Zuordnung und Bestätigung der beobachteten Seismizität
ist jedoch erst durch eine genaue Ortung der seismischen
Ereignisse mit Hilfe eines vor Ort installierten Stations-
netzes möglich. Der Aufbau von Offline-Stationen im
Bereich des vermuteten Herdgebietes ist mit Beginn der
nächsten Aktivitätsperiode geplant.
Schwingungsmessungen an Bauwerken
Bauwerke wie Talsperrenmauern, Hochbauten bzw. Tief-
und Tunnelbauten werden durch Erschütterungen, wie sie
durch eintreffende seismische Wellen erzeugt werden,
dynamisch belastet. Um das Eigenschwingungsverhalten
von Bauwerken eingehender zu untersuchen, wurden an
ausgewählten Standpunkten Schwingungsmessungen durch-
geführt. Einmalige Gelegenheiten dazu boten sich bei
Sprengarbeiten im Schottenbergtunnel in Meißen bzw. bei
der Auffahrung eines Kontrollganges im Inneren der
Talsperrenmauer der Talsperre Klingenberg (Abb. 23).

image
34
5.4
Seismotektonik
Um den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Erd-
beben und der regionalgeologisch kartierten Bruchtektonik
(Aufbau der Erdkruste in ihrer Struktur und großräumigen
Bewegung) im Gebiet Westsachsens zu untersuchen, wurde
eine seismotektonische Modellierung durchgeführt. Die
Untersuchungen basieren auf den aus seismischen Messun-
gen abgeleiteten Lokalisierungen (Hypozentren) und Herd-
flächen von Erdbeben sowie dem an der Erdoberfläche er-
fassten tektonischem Störungssytem. Daraus wurde ein drei-
dimensionales Modell des seismisch aktiven tektonischen
Bruchsystems abgeleitet. Zur Modellierung wurde die Soft-
ware GoCAD genutzt, die eine räumliche Darstellung von
geologischen Objekten, wie tektonischen Störungssystemen
unterstützt und somit eine visuelle seismotektonische Analyse
ermöglicht. Als Datenbasis standen alle für das Unter-
suchungsgebiet vorliegenden Lokalisierungen der Epizentren
und Herdtiefen von über 8000 Erdbeben für den Zeitraum ab
1994 sowie die für 31 Ereignisse bestimmten Herdflächenlö-
sungen zur Verfügung. Für kleinräumige, auf Flächen verteilte
Erdbebencluster wurden die Punktwolken der Hypozentren
durch Regressionsflächen (statistisch gemittelte Fläche) ange-
nähert und mit den vorliegenden Herdflächenlösungen ver-
glichen. Bei übereinstimmender Lage wurden diese Regressi-
onsflächen als Bruchfläche deklariert und unter der Annahme
einer kontinuierlichen Fortsetzung tektonischer Brüche im
oberen Krustenbereich an die Erdoberfläche extrapoliert. Mit
diesem Verfahren können bisher unbekannte, Störungen an
der Erdoberfläche ermittelt bzw. bei Deckung mit bereits
kartierten tektonischen Bereichen diese als seismotektonisch
aktive Störungen markiert werden (Abb. 24).
Gleichzeitig wird durch die Extrapolation der Regressions-
flächen ein möglicher Tiefenverlauf des tektonischen
Störungssystems modelliert, der mit Tiefenprofilen
reflexionsseismischer Messungen verglichen werden kann.
Im Ergebnis der seismotektonischen Modellierung konnten
die NS-streichende Leipzig-Regensburg Störungszone sowie
die sowie markante NW-SO-streichende Störungungszonen
als steil einfallende Bruchflächen mit Blattverschiebung
bestätigt und dreidimensional dargestellt werden.
Abb. 24:
Dreidimensionale GoCAD-Darstellung der Erdbebenhypozentren und der daraus abgeleiteten möglichen
Bruchflächen (Ansicht aus SW)

image
35
In Deutschland treten Erdbeben besonders in den Regionen
des nördlichen Alpenrandes, des Oberrheintalgrabens, des
mittleren Rheintals, der Niederrheinischen Bucht und im
Kreuzungsbereich der Fränkischen Linie mit dem Eger-
talgraben, in der Schwäbischen Alb und im Vogtland auf
(Abb. 25).
Das Auftreten historischer Erdbeben einschließlich der beob-
achteten maximalen Intensitäten waren die Grundlage für die
„deterministische“ Karte der Erdbebenzonen in Deutschland,
d.h. der DIN 4149 alt von 1981. Eine „deterministische“
Karte begrenzt die Regionen, in denen Erdbeben in der
Vergangenheit häufig aufgetreten sind und geht davon aus,
dass diese Regionen auch in Zukunft seismisch aktiv bleiben.
Eurocode 8
In den letzten 25 Jahren haben sich die Konzepte für das
erdbebengerechte Bauen grundlegend verändert. Zusätz-
lich ist es durch die internationale Zusammenarbeit im Rah-
men der EU notwendig geworden, grenzüberschreitende
gemeinsame Richtlinien zu schaffen. Für das Bauen in
Erdbebengebieten gilt der so genannte Eurocode 8, der die
Normen für die Bemessung und Konstruktion von Bau-
werken des Hoch- und Ingenieurbaus in Erdbebengebieten
vorgibt. Dazu zählt u. a.
Einführung der „effektiven“ Bodenbeschleunigung als
Beschreibung der seismischen Gefährdung
Festlegung der Referenz-Wiederkehrperiode von Erd-
beben auf 475 Jahre, d.h. die Wahrscheinlichkeit von
10 % des Auftretens eines Bebens einer bestimmten
Stärke in 50 Jahren
Ausweisung von Gebieten, die eine gewisse Bodenbe-
schleunigung überschreiten können, als Erdbebengebiete.
Diese Normen wurden den nationalen Gegebenheiten der
einzelnen Länder in sogenannten Nationalen Anwenderdo-
kumenten angepasst. In Deutschland bilden die Nationalen
Anwenderdokumente die Grundlage für die DIN 4149
(2005), die seit April 2005 vorliegt.
DIN 4149 (2005)
Im Vergleich zur alten DIN werden in der DIN 4149 (2005)
vier Neuentwicklungen zur Bestimmung der Erdbebenein-
wirkung wirksam:
Erarbeitung einer „probabilistischen“ Erdbebenzonen-
karte, d.h. einer Karte welche die Wahrscheinlichkeit
des Widerauftretens eines Erdbebens angibt
Zuordnung von Grenzwerten („Bemessungswerten“)
der Erschütterung („Bodenbeschleunigung“) zu den
einzelnen Erdbebenzonen
Einbeziehung des Schwingungsverhaltens des Unter-
grundes („elastisches Antwortspektrum“)
Berücksichtigung des geologischen Untergrundes.
Abb. 25:
Epizentren von natürlichen seismischen
Ereignissen in Deutschland (L
EYDECKER 2005
und www.seismologie.bgr.de)
6 Die neue DIN 4149 (2005) –
Bauten in deutschen
Erdbebengebieten

image
image
36
Die bei der DIN 4149 (1981) verwendete „deterministische“
Gefährdungskarte beruht auf den einmalig beobachteten
Maximalwerten historischer Beben. Die bei der DIN 4149
(2005) berechnete „probabilistische“ Erdbebenzonenkarte
ermittelt die zu erwartende Intensität eines Erdbebens für
jeden Punkt der Karte. Dabei wird seine Entfernung von den
entsprechenden seismischen Quellregionen, die Dämpfung
durch den geologischen Untergrund und die Magnituden-
häufigkeit der bisher aufgetretenen Erdbeben mit berück-
sichtigt (Abb. 26).
Aus der in der „probabilistischen“ Erdbebenzonenkarte
ermittelten Intensitäten wurden für Deutschland insgesamt
4 Erdbebenzonen abgegrenzt, die für die weiteren Berech-
nungen zu Grunde gelegt werden (Abb. 27). Jeder Erd-
bebenzone wird in Abhängigkeit von ihrer Intensität ein
Bemessungswert der Bodenbeschleunigung zugeordnet.
Berücksichtigt wird weiterhin das Schwingungsverhalten
(„elastisches Antwortspektrum“) vom Baugrund und vom
geologischen Untergrund. In der Regel muss man bei wei-
chem Untergrund (z.B. Fluss- und Auenablagerungen) mit
Verstärkungseffekten rechnen, während bei festem Unter-
grund Dämpfungseffekte dominieren.
Zur Einschätzung des Untergrundes wurde für alle Gebiete
der Erdbebenzonen 0 bis 3 eine Karte der geologischen
Untergrundklassen erarbeitet, die eine Unterteilung des
Untergrundes in die Klassen R (Fels, Festgestein), T (flache
Sedimentbecken und Übergangszonen) und S (tiefe Sedi-
mentbecken) vornimmt. Diese Untergrundklassen werden
kombiniert mit den Baugrundklassen und fließen als Para-
meter in die elastischen Antwortspektren mit ein.
Die Zuordnung der Gemeinden zu den einzelnen Erdbeben-
zonen wurde bundesweit einheitlich durch den Landes-
erdbebendienst Baden-Württemberg durchgeführt. Die
Veröffentlichung dieser Zuordnungen erfolgt für die
einzelnen Bundesländer für ihr Hoheitsgebiet in den
entsprechenden Amtsblättern (für Sachsen im Sächsischen
Amtsblatt Nr. 52 vom 28.12.2006).
Es muss darauf hingewiesen werden, dass in der DIN 4149
(2005) nur natürliche seismische Ereignisse Berücksichti-
gung finden bergbauinduzierte seismische Ereignisse, wie
sie besonders in den Regionen mit Kalibergbau und ggf.
des Steinkohlenbergbaues auftreten können, werden dabei
nicht betrachtet.
Abb. 26:
Probabilistische Erdbebenzonenkarte für
Deutschland, Österreich und der Schweiz
(G
RÜNTHAL, MAYER-ROSA, LENHARDT 1998)
Abb. 27:
Erdbebenzonen der Bundesrepublik Deutschland
(DIN 4149 2005-04 2005)

image
37
7.1
50-jähriges Jubiläum des
Observatoriums Berggießhübel
Das Seismologische Observatorium Berggießhübel gehört
zur TU Bergakademie Freiberg und ist dem Institut für Geo-
physik angegliedert. Das Observatorium befindet sich ca.
30 km südlich von Dresden im Zentrum der Stadt Berggieß-
hübel und liegt im Grenzbereich zwischen Elbtalschiefer-
gebirge und Erzgebirge. Die Gründung des Observatoriums
ist im engen Zusammenhang mit der Entwicklung der Geo-
physik an der TU Berg-akademie Freiberg zu sehen. Nach-
dem sich bereits 1827 der an die Bergakademie berufene
Physiker F
ERDINAND REICH (1799 – 1882) mit geophysika-
lischen Anwendungen im Montanwesen und der Zusam-
menstellung eines Erdbebenkataloges beschäftigt hatte,
regte 1902 der Professor für Geologie und Lagerstätten-
kunde R
ICHARD BECK (1858 – 1919) die Einrichtung einer
unterirdischen seismologischen Station in Freiberg an. Zwei
Weltkriege legten das Observatoriumsprojekt auf Eis, bevor
mit der Gründung des Instituts für Theoretische Physik und
Geophysik und der Berufung von W
OLFGANG BUCHHEIM
(1909 – 1995) zum Lehrstuhlinhaber der Gedanke an die
Gründung eines Observatoriums gegen Ende des Jahres
1951 erneut aufgegriffen wurde. Da sich die Registrier-
bedingungen für geophysikalische Dauermessungen in
Freiberg aufgrund der zunehmenden Industrialisierung
jedoch verschlechtert hatten, suchte man in der Umgebung
nach einem ungestörten Registrierort und fand im stillge-
legten „Hildebrandstollen“ des ehemaligen Berggießhübler
Magneteisenerz-Bergbaus einen geeigneten unterirdischen
Standort.
Bereits 1954 wurden klimatisierte Messkammern (Abb. 29)
in den Stollenbereich eingebaut und nach verschiedenen
geophysikalischen Proberegistrierungen die erste Dauer-
messung für Gezeitenuntersuchungen mit Horizontalpen-
deln aufgenommen. Im September 1957 wurde das Obser-
vatorium nach Fertigstellung des Stationsgebäudes offiziell
als „Erdgezeitenstation“ in Betrieb genommen. Die Aufnah-
me des Observatoriumsbetriebes war zugleich ein wichtiger
Beitrag zum globalen Projekt „Internationales Geophysikali-
sches Jahr“, welches weltweite Aktivitäten zur Erforschung
des Erdkörpers in Gang gesetzt hatte.
Die Aufnahme seismischer Probemessungen im Mai 1960
war ein Glücksumstand, denn bereits wenige Tage später,
am 22.05.1960, konnte das mit 9.5 stärkste, jemals von
Seismografen registrierte Erdbeben in Chile vollständig auf-
gezeichnet werden. Im Ergebnis der Probemessungen
erwiesen sich die ungestörten unterirdischen Registrierbe-
dingungen als besonders geeignet für seismologische
Untersuchungen, so dass 1966 mit einer kontinuierlichen
seismischen Registrierung begonnen wurde. Bis 1972
wurde die Messtechnik auf einen kompletten kurz- und
langperiodischen Seismometersatz erweitert, womit die
7 Jubiläen der sächsischen
Observatorien 2007
Abb. 28:
Stollneingang zu den Messkammern

image
image
38
Voraussetzungen zur Integration der Station in das globale
Netz seismischer Stationen geschaffen wurden. 1969
wurde das Observatorium dem neu gegründeten Zentral-
institut für Physik der Erde (ZIPE) der Akademie der Wissen-
schaften in Potsdam angegliedert und verstärkt für seismi-
sche Überwachungsaufgaben genutzt. Mit der Einrichtung
eines Seismischen Informationsdienstes (SID), der durch
das ZIPE nach dem hier gefühlten Erdbeben in Oberitalien
1976 eingerichtet wurde, fungierte das Observatorium als
Basisstation im nationalen Stationsnetz und konnte bereits
1981 erstmals kontinuierliche seismische Registrierungen
an die Stationsnetzzentrale liefern. Neben den Routine-
programmen zur Erfassung der globalen und lokalen Seis-
mizität wurden am Observatorium hauptsächlich ingenieur-
seismologische Untersuchungen zur Überwachung von
bergbau- bzw. talsperreninduzierter Seismizität durch-
geführt. Die enge Zusammenarbeit mit den seismologi-
schen Observatorien Collm und Moxa der Universitäten
Leipzig bzw. Jena führte ab 1978 zur Herausgabe eines
gemeinsamen Bulletins.
Mit der Überführung des ZIPE in das Geoforschungs-
zentrum (GFZ) Potsdam wurde das Observatorium 1993 mit
moderner digitaler Registrier- und Kommunikationstechnik
ausgerüstet und in das Deutsche Regionalnetz seismischer
Breitbandstationen (GRSN) eingebunden. Durch die Mög-
lichkeit des direkten Zugriffs auf die laufende Registrierung
ist die Station gleichzeitig in das globale digitale Seismome-
ternetz (GDSN) integriert, welches außer der Überwachung
der globalen Seismizität auch für Kontrollprogramme zum
Nachweis unterirdischer Kernexplosionen und in zuneh-
menden Maße für seismologische Strukturuntersuchungen
des Erdkörpers genutzt wird. Die digitalen Aufzeichnungen
der Station werden in der Datenzentrale des Regionalnetzes
gespeichert, wohingegen alle älteren Filmregistrierungen in
einem Seismogrammarchiv aufbewahrt werden.
1994 konnte das Observatorium auf Initiative des Instituts
für Geophysik der TU Bergakademie Freiberg in den
Bestand der Universität zurückgeführt werden und dient
seitdem wieder verstärkt der studentischen Ausbildung auf
den Gebieten Seismologie und Geodynamik. Die Aufnahme
von kontinuierlichen Erdschwere- und Neigungsmessungen
im Jahre 2000 hat das Messspektrum des Observatoriums
im Hinblick auf langperiodische Bewegungsvorgänge wie
beispielsweise Gezeiteneffekte ergänzt und soll die Vorraus-
setzungen für eine Erweiterung des Forschungsprofils für
allgemeine geodynamische Untersuchungen liefern. Haupt-
aufgabe des seismologischen Observatoriums ist die
Erfassung, Analyse und Interpretation von seismischen
Ereignissen, wobei die Überwachung der lokalen Seismizi-
tät sowie die Durchführung ingenieurseismologischer
Arbeiten immer mehr in den Vordergrund rücken.
Die gute Zugänglichkeit der Station sowie direkte Möglich-
keiten, laufend Messungen vorzuführen, sind gut geeignet,
der geowissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit einen
Einblick in die seismologische Registrierung und Forschung
zu geben.
Abb. 29:
Messkammer für seismische und
Gezeitenregistrierung
Abb. 30:
Seismometer verschiedener Generationen

image
39
7.2
75-jähriges Jubiläum des
Observatoriums Collm
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Sachsen
die Aufmerksamkeit verstärkt auf spürbare Erdbeben und
die Erdbebenforschung gelenkt. H
ERMANN CREDNER (1841 –
1913), der den Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie an
der Universität Leipzig innehatte, spielte auch in der inter-
nationalen Erdbebenforschung eine tragende Rolle. Bereits
1902 richtete er im Keller des Hauses Talstraße 35 eine
Erdbebenwarte ein, die mit einem von E
MIL WIECHERT (1861
– 1928) konstruierten und in Göttingen gebauten Seismo-
meter (umgekehrtes Vertikalpendel, Masse 1,1 Tonnen)
ausgerüstet war.
1923 übernahm L
UDWIG WEICKMANN (1882 – 1961) die
Leitung des Geophysikalischen Instituts der Universität. Er
strebte die Schaffung eines Geophysikalischen Observatori-
ums an, das zunächst vorrangig der Seismologie dienen
sollte, da sich aufgrund der zunehmenden Industrialisierung
die Registrierbedingungen in der Stadt sehr verschlechtert
hatten. 1927 sagte das Sächsische Ministerium für Volks-
bildung den Bau eines Observatoriums außerhalb der Groß-
stadt zu, das nun trotz schwieriger wirtschaftlicher Bedin-
gungen in 5 Jahren gebaut und eingerichtet wurde.
„Für den Entwurf des Observatoriums war maßgebend, für
die Spezialgebiete geophysikalischer Forschung, wie Seismik,
Erdmagnetismus, Schweremessungen, luftelektrische Unter-
suchungen, Strahlungsmessungen und meteorologische
Untersuchungen günstige Arbeitsbedingungen zu schaffen.
Die Lage des Observatoriums am Collm bei Oschatz, weitab
von jeglicher Störung durch Erschütterungen infolge von
Abb. 31:
Historische Gesamtansicht des Hauptgebäudes auf dem Collmberg

image
image
image
40
Abb. 34:
Seismometerbunker mit Einstiegsluke
Abb. 32:
Nebengebäude auf dem Collmberg, in dem der
Wiechert-Seismograph untergebracht ist
Eisenbahn- und Wagenverkehr und Steinbruchsprengungen,
frei von allen Beeinflussungen des erdmagnetischen Feldes
durch Gleichstromanlagen, weit entfernt von allen Quellen
atmosphärischer Trübung durch Rauchentwicklung in Indu-
strieanlagen, garantiert die Möglichkeit der Durchführung ein-
wandfreier Beobachtungen.“ [aus der Gründungsurkunde]
Das Observatorium umfasst neben dem Hauptgebäude mit
Arbeits- und Wohnräumen, einer feinmechanischen Werk-
statt und einem Hörsaal mehrere Nebengebäude, die vor-
rangig der Unterbringung der Messanlagen dienen (Erdbe-
benwarte, Absoluthaus, Magnethaus). Die offizielle Ein-
weihung geschah am 06.10.1932 im Rahmen der 10.
Tagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft. Die
in den nächsten Jahren erfolgte Fertigstellung und Einrich-
tung der Nebengebäude des Observatoriums ermöglichte
die angestrebte Erweiterung des Institutsspektrums auf die
Bereiche der festen Erde (erdmagnetische und seismologi-
sche Arbeiten). Der Wiechert-Seismograph wurde 1935 an
das Observatorium umgesetzt und ist bis heute in Betrieb.
Die Messreihen des Observatoriums konnten mit Ausnah-
me einiger kriegsbedingter Ausfälle bis heute praktisch
lückenlos fortgeführt werden. Im Zusammenhang mit dem
Internationalen Geophysikalischen Jahr (1957/58) wurde
am Geophysikalischen Observatorium Collm die Iono-
sphärenforschung etabliert. Speziell widmete man sich der
systematischen Untersuchung der Windsysteme in der
oberen Mesopausenregion über Mitteleuropa. Das
Geophysikalische Observatorium Collm wird heute vom
Institut für Geophysik und Geologie und vom Institut für
Meteorologie gemeinsam genutzt. Die Erdbebenstation ist
1993 mit einem Gerätesatz des German Regional Seismolo-
gical Network (GRSN) ausgerüstet worden und genügt
damit den Anforderungen der modernen seismologischen
Datenerfassung, des internationalen Datenaustauschs und
der Forschung. Seit 2004 ist ein modernes SkiYMET Mete-
or Radar System für die meteorologische Mesophärenfor-
schung in kontinuierlichem Betrieb.
Im Jahr 2006 konnte ein neuer, unterirdischer Seismome-
terbunker (Abb. 33, 34) auf dem Observatoriumsgelände
erbaut und Anfang 2007 die seismischen Messanlagen
dorthin verlegt werden. Durch die äußerst konstanten
Umgebungsbedingung in diesem Bauwerk wird erwartet,
dass die Qualität der Registrierungen weiter steigt.
Das Hauptgebäude wurde in den vergangenen Jahren
kontinuierlich saniert und präsentiert sich heute wieder in
ausgezeichnetem baulichen Zustand. Wegen der immer
geringer werdenden Zahl der Mitarbeiter aufgrund von
Stellenstreichungen ist aber seine künftige Nutzung als
Observatorium ungewiss.
Abb. 33:
Bauphase des Seismometerbunkers

41
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Zeitliche Verteilung tektonischer Beben 2004 – 2006 (mit Lokalmagnitude ML
~
1)
Mittelwert der Magnitude mit Standardfehler
Abb. 2:
Aufsummierte Energiefreisetzung in den Herden tektonischer Beben 2004 – 2006
Abb. 3a: Seismische Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten 2004 – 2006 (mit Lokalmagnitude ML
~
1)
Abb. 3b: Seismische Ereignisse in Westsachsen und der Region Vogtland 2004 – 2006 (Ausschnitt aus Abb. 3a)
Abb. 4:
Historische Erdbeben mit Intensität ≥ VI, dargestellt für den Zeitraum 800 bis heute
Abb. 5:
Seismische Netze in Sachsen (SXNET) und angrenzenden Gebieten
Abb. 6:
Seismizität Mitteldeutschlands in den Jahren 800-2003 (L
EYDECKER 2005)
Abb. 7:
Latrinenturm der Neuenburg
Abb. 8:
Registrierung des Bebens vom 02.11.03 mit dem Epizentrum nordöstlich von Zeitz (Magnitude ML = 1.8)
Abb. 9:
Verteilung der Stationen des Geodätischen Überwachungsnetzes Vogtländisches Bebengebiet und ausgewählte
tektonische Störungen
Abb. 10: Zentrierung der Punktgruppe Auerbach-Beerheide
Abb. 11: GPS Messungen auf der Punktgruppe Wendelstein nahe der Ortschaft Grünbach
Abb. 12: Darstellung der zeitlichen Verteilung der im Vogtland seit 1994 registrierten Beben und der durchgeführten
GPS-Messkampagnen
Abb. 13: Darstellung der Bewegung pro Jahr (relative Bewegung) der Punktgruppen des Überwachungsnetzes
Abb. 14: Verteilung der seismischen Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten im Zeitraum
2001 – 2006 und bedeutende Störungszonen
I
Leipzig-Regensburg Störungszone
II
Gera-Jáchymov Störungszone
III
Bergen-Klingenthal-Chodov Störungszone
IV
Eichigt-Adorf-Luby Störungszone
V
Gefell-Bad-Brambach Störungszone
1 – 5; 8; 10; 19; 36 stärkste Erdbeben vgl. Tab. 5
Abb. 15: Darstellung der Stationsverteilung mit auswertbaren Seismogrammen für das Erdbeben vom 04.08.2006 süd-
lich von Werdau (SCH – Schönfels; WUET – Wüstenhain; MROB – Rosenbühl; BRG – Berggießhübel; HROE –
Hohe Rhön-Fladungen)
Abb. 16: Montage von 5 Seismogrammen (Vertikalkomponente Z) des Erdbebens vom 04.08.2006 südlich von Werdau
Abb. 17: Präzisionslokalisierungen (Epizentren und Herdtiefen) von ausgewählten 31 Beben (2002 – 2006)
Mittelwert der Teufe mit Standardfehler
6 – 36 ausgewählte Erdbeben vgl. Tab. 5
Abb. 18: Blockbilder der beiden alternativen Bruchflächen für vier verschiedene Typen von Bruch-
(bzw. Herd-)vorgängen zugehörige Herdflächenlösung (B
ERKHEIMER 1997)
Abb. 19: Seismische Signalabstrahlung von einem Scherbruch (BERKHEIMER 1997)
Abb. 20: Rekonstruktion des Bruchmechanismus aus dem registrierten Wellenbild (B
ERKHEIMER1997)
Abb. 21: Epizentren und Herdflächenlösungen für 31 Beben (2002 – 2006)
6 – 36 ausgewählte Erdbeben vgl. Tab. 5
>
>

42
Abb. 22: Flutungsverlauf und Magnitudenverteilung 1998 – 2006 im Bergbaugebiet Aue-Alberoda
(I – VI verschiedene Flutungsintervalle)
Abb. 23: Staumauer der Talsperre Klingenberg
Abb. 24: Dreidimensionale GoCAD-Darstellung der Erdbebenhypozentren und der daraus abgeleiteten möglichen Bruch-
flächen (Ansicht aus SW)
Abb. 25: Epizentren von natürlichen seismischen Ereignissen in Deutschland (L
EYDECKER 2005 und
www.seismologie.bgr.de)
Abb. 26: Probabilistische Erdbebenzonenkarte für Deutschland, Österreich und der Schweiz
(G
RÜNTHAL, MAYER-ROSA, LENHARDT 1998)
Abb. 27: Erdbebenzonen der Bundesrepublik Deutschland (DIN 4149:2005-04 2005)
Abb. 28: Stollneingang zu den Messkammern
Abb. 29: Messkammer für seismische und Gezeitenregistrierung
Abb. 30: Seismometer verschiedener Generationen
Abb. 31: Historische Gesamtansicht des Hauptgebäudes auf dem Collmberg
Abb. 32: Nebengebäude auf dem Collmberg, in dem der Wiechert-Seismograph untergebracht ist
Abb. 33: Bauphase des Seismometerbunkers
Abb. 34: Seismometerbunker mit Einstiegsluke

43
Literatur
Amtlicher Anzeiger (2006): Beilage Sächsisches Amtsblatt H. 52 vom 28.12.2006.
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Brockhaus Nachschlagewerk Geologie - 5. Aufl.: 703 S., Leipzig.
A
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(Materialien zur Geologie). – Hrsg. Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden.
A
UTORENKOLLEKTIV (2002): Erdbebenbeobachtung im Freistaat Sachsen: Zweijahresbericht 2000 – 01;
(Materialien zur Geologie). – Hrsg. Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden.
A
UTORENKOLLEKTIV (2004): Erdbebenbeobachtung im Freistaat Sachsen: Zweijahresbericht 2003 – 04;
(Materialien zur Geologie). – Hrsg. Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden.
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DIN 4149 (1981): Bauten in deutschen Erdbebengebieten; Lastannahmen, Bemessung und Ausführung
üblicher Hochbauten – Beuth Verlag: 14 S., Berlin.
DIN 4149 (2005): Bauten in deutschen Erdbebengebieten; Lastannahmen, Bemessung und Ausführung
üblicher Hochbauten. – Hrsg. Beuth Verlag: 82 S., Berlin.
Eurocode 8 (1997): Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben - Teil 1 - 3 Grundlagen-Baustoffspezifische
Regeln für Hochbauten. – Beuth Verlag, Berlin.
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ERSCH 1897, SIEBERG 1940 und SPONHEUER 1952). –
Veröff. Zentr.inst. Phys. Erde
99
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, (10): 753-767, Berlin.
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EYDECKER, G. (2005): Erdbebenkatalog für die Bundesrepublik Deutschland mit Randgebieten für
die Jahre 800 – 2004 (Einarbeitung des Erdbebenkataloges von G
RÜNTHAL 1988), Datenfile. - BGR Hannover
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(1-2), 146-156.
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GRÜNTHAL, G. (2006): Tektonische Untersuchungen im
Raum Vogtland-Leipzig mit Hilfe von Fernerkundung. – In: Seyfert, E. (Eds), Geoinformatik und Erdbeobach-
tung: Vorträge; 26. Wissenschaftlich-Technische Jahrestagung der DGPF, 11 – 13.09.2006 in Berlin, 277-286
S
ÄCHSISCHES AMTSBLATT – Sonderdruck Nr. 2/2002

44
Tabellen
Tab. 1:
Seismische Ereignisse in Sachsen und angrenzenden Gebieten 2004 - 2006
(mit Lokalmagnitude ML
~
1)
Tab. 2:
Seismische Ereignisse 2004 - 2006 (mit Lokalmagnitude ≥ 4) außerhalb Sachsens im
Entfernungsbereich bis ca. 500 km
Tab. 3:
Stationen des Online-Netzes
Tab. 4:
Stationen des Offline-Netzes
Tab. 5:
Ausgewählte seismische Ereignisse 2001 bis 2006
Anlagen
Anl. 1:
Makroseismische Intensitätsskala EMS-92
Anl. 2:
Ausführlicher Fragebogen zur Erdbebenbeobachtung
Anl. 3
Fragebogen zur Veröffentlichung
>

45
Begriffserklärungen
anthropogen:
vom Menschen erzeugt, verursacht
Bebenschwarm:
möglicherweise sehr dichte zeitliche Folge von meist kleinen Erdbeben (Schwarmbeben) im gleichen
Herdgebiet, deren einzelne Energiebeiträge sich nicht wesentlich unterscheiden; vgl. Erdbebenserie
Bodenunruhe (Bewegung), mikroseismische:
mehr oder weniger kontinuierliche Bodenschwingungen durch
Verkehr, Industrie und atmosphärische Störungen; als Rauschen Störfaktor bei seismologischen Registrierungen
Cluster:
Menge von Einzelereignissen, die räumlich und zeitlich eng beieinander liegen
Detektionsschwelle:
schwächstes noch erfasstes Erdbeben, durch die Empfindlichkeit der Seismometer
bestimmt
➚Bodenunruhe
EMS:
Europäische Makroseismische Skala
➚Intensität
Epizentralintensität I
0
:
➚Intensität
im
➚Epizentrum
Epizentrum:
Auf die Erdoberfläche projizierte Lage des Bebenherdes (➚Hypozentrum). Die auf der Erdoberfläche
gemessene Entfernung eines Punktes zum Epizentrum heißt Epizentraldistanz D, die maximale Schütterwirkung
an der Erdoberfläche ist die
➚Epizentralintensität
I
0
.
Erdbebengefährdung:
Wahrscheinlichkeit des Auftretens seismischer Erschütterungen
Erdbebenkatalog:
Zusammenstellung von Erdbeben, die nach einem bestimmten Gesichtspunkt ausgewählt wurden
(z.B. Fühlbarkeit, Schadenswirkungen, Magnitude, Region) für Einzelaussagen und statistische Bearbeitung
Erdbebenserie:
im deutlichen zeitlichen Zusammenhang mit einem Hauptbeben stehenden Abfolge von einzelnen
Erdbeben im gleichen Herdgebiet; Stärke und Häufigkeit im Allgemeinen mit der Zeit abnehmend
➚Vorbeben ➚Nachbeben ➚Schwarmbeben
Erdbebenzone:
Gebiet mit bedeutender Konzentration natürlicher seismischer Ereignisse
(global 3 Hauptzonen: zirkumpazifische, mediterran transasiatische und mittelozeanische Zone)
Eurocode 8:
Norm des Comité Européen de Normalisation (CEN) zur Auslegung von Bauwerken gegen Erdbebeneinwirkungen
Fluid:
Bei relativ niedrigen Drücken und Temperaturen wird zwischen gasförmiger und flüssiger Phase unterschieden.
Bei Drücken und Temperaturen oberhalb des kritischen Punktes gibt es keine Unterscheidung zwischen Gas und
Flüssigkeit, daher spricht man von überkritischem Fluid oder einfach Fluid.
GRSN:
German Regional Seismological Network (Deutsches Regionalnetz seismologischer Breitbandstationen)
Herddaten:
räumliche, zeitliche und energetische Zahlenangaben über seismische Ereignisse, im Einzelnen
geographische Koordinaten des Epizentrums, Herdtiefe, Uhrzeit und Magnitude
Herdtiefe:
Tiefe des Erdbebenherdes unter der Erdoberfläche (global: Flachbeben bis 70 km, mitteltiefe Beben bis 300 km,
Tiefbeben über 300 km)
Herdzeit:
bei natürlichen Erdbeben nur nachträglich bestimmbarer Beginn des Herdprozesses, bei Sprengungen und
Explosionen der direkt messbare Zeitpunkt der Auslösung
Hypozentrum:
berechnete Lage des Erdbebenherdes in der Tiefe
Intensität:
Die Intensitätsskala basiert auf der Beobachtung der Bebenwirkungen auf Menschen, Gebäude oder Natur
im betroffenen Gebiet. Die neueste Weiterentwicklung stellt die Europäische Makroseismische Skala dar (EMS-92),
die u.a. auch erdbebengerecht konstruierte Bauten einschließt.
Longitudinalwelle, P-Welle (primäre Welle) oder Kompressionswelle:
Ein Haupttyp seismischer Raumwellen;
breitet sich im Vergleich mit anderen seismischen Wellen am schnellsten aus. Die Bodenteilchen werden in
Ausbreitungsrichtung der Welle bewegt.
Magnitude:
Magnituden-Skala, 1935 von Ch. Richter eingeführt (➚Richter-Skala), ist ein Maß für die bei einem Erdbeben
freigesetzte Energiemenge. Die Magnitude wird aus der durch Seismographen gemessenen Erschütterungsamplitude
berechnet. Die in der Nähe (bis 1 000 km) eines Epizentrums bestimmte Magnitude heißt Lokalmagnitude (ML).

46
Makroseismik:
Beschreibung von fühl- und sichtbaren Erdbebenwirkungen ohne instrumentelle Messwerte
MEZ:
Mitteleuropäische Zeit; MEZ =
➚UTC
+ 1 Stunde
Mikroseismik
Bodenunruhe
Monitoring:
ständige Beobachtung
MSK-Skala:
In Europa weit verbreitete Intensitäts-Bewertung von Erdbebenwirkungen auf Lebewesen, Bauwerke und
Landschaft; 1964 von MEDWEDEW, SPONHEUER und KARNIK als 12gradige Skala begründet und mehrfach aktualisiert.
Seit 1992 EMS (Europäische Makroseismische Skala)
Nachbeben:
zeitlich und räumlich eng mit einem vorangegangenen Hauptbeben zusammenhängendes Ereignis einer
möglicherweise langen Erdbebenserie
OTSN:
Ostthüringer seismisches Netz
P-Welle:
Longitudinalwelle
Rheologie:
Wissenschaft, die sich mit dem Verhalten der Materie unter dem Einfluss von formverändernden Kräften befasst
Richter-Skala:
Klassifikation der Erdbeben nach ihrem Energieumsatz. In Herdnähe können schwache Erdbeben mit
sogar negativen Magnituden erfasst werden, während aus Registrierungen der stärksten, sehr seltenen Erdbeben
Magnituden bis ca. 9,5 berechnet wurden.
Schüttergebiet:
Fläche der gespürten Bebenwirkungen; die mittlere Entfernung der Fühlbarkeit heißt Schütterradius
Schwarmbeben:
Bebenschwarm
Seismik:
Verfahren zur Feststellung von Form, Lage und Eigenschaften geologischer Körper (bevorzugt Lagerstätten, Baugrund)
mit künstlich angeregten elastischen Wellen (durch Sprengung, Schlag, Vibration); häufig auch als
Sprengseismik bezeichnet
Seismizität:
zusammenfassende Bezeichnung für die Erdbebentätigkeit sowie ihre räumliche,
zeitliche und energetische Verteilung
Seismogramm:
zeitlicher Verlauf der vom Seismographen wiedergegebenen Bodenbewegungen
Seismograph:
Messgerät zur Registrierung von Bodenbewegungen, bestehend aus Seismometer
(Empfänger der mechanischen Energie) und Aufzeichnungssystem (Messdatenanzeige und Informationspeicherung)
Seismologie:
(griech. seismos = Erderschütterung)
: Erdbebenkunde; Wissenschaft von Erdbeben; Teilgebiet der Geophysik
Seismometer:
Seismograph
seismisches Netz:
mehrere
➚Seismographen
(an verschiedenen Standorten) zur Registrierung von Bodenbewegungen
Station, seismologische:
wissenschaftlich-technische Einrichtung zur Aufzeichnung und Interpretation von
Erderschütterungen
Störung:
Trennfuge im Gesteinsverband, an der eine Verstellung angrenzender Schollen stattgefunden hat
SZGRF:
Seismologisches Zentralobservatorium Gräfenberg
S-Welle:
Transversalwelle
Tektonik:
(griech, tektonikos = zum Bau gehörend)
: Lehre vom Aufbau und den Bewegungsformen der Erdkruste
und des oberen Erdmantels
Transversalwelle
, auch S-Welle
(sekundäre Welle)
oder Scherwelle: ein Haupttyp seismischer Wellen;
die Bodenteilchen schwingen senkrecht zur Ausbreitungsrichtung
UTC:
(Abkürzung für engl. Universal Time Coordinated = „Koordinierte Weltzeit“): früher Mittlere Greenwich-Zeit (GMT),
die auf den Nullmeridian bezogen ist; UTC
➚MEZ
- 1 Stunde
Vorbeben:
zeitlich und räumlich eng mit einem nachfolgendem, stärkeren Hauptbeben zusammenhängendes Ereignis

47
Anlagen

48
Anlage 1
Stark vereinfachte Kurzform der makroseismischen Intensitätsskala EMS-92
Europäische Makroseismische Skala – 1992 (G
RÜNTHAL 1993)
I
nicht fühlbar
Nicht fühlbar.
II
kaum bemerkbar
Nur sehr vereinzelt von ruhenden Personen wahrgenommen.
III
schwach
Von wenigen Personen in Gebäuden wahrgenommen. Ruhende Personen fühlen ein
leichtes Schwingen oder Erschüttern. Lampen schwingen leicht.
IV
deutlich
Im Freien vereinzelt, in Gebäuden von vielen Personen wahrgenommen. Einige Schla-
fende erwachen. Geschirr und Fenster klirren, Türen klappern.
V
stark
Im Freien von wenigen, in Gebäuden von den meisten Personen wahrgenommen. Viele
Schlafende erwachen. Wenige werden verängstigt. Gebäude werden insgesamt
erschüttert. Hängende Gegenstände pendeln stark, kleine Gegenstände werden ver-
schoben. Gelegentlich treten Haarrisse im Verputz auf und in wenigen Fällen Abfall klei-
ner Putzstücke.
VI
leichte
Viele Personen erschrecken und flüchten ins Freie. Einige Gegenstände fallen um. An
Gebäudeschäden
einigen Häusern entstehen leichte Schäden (Risse im Verputz), vornehmlich an Häusern
in schlechterem Zustand feine Mauerrisse, Abfallen von Verputz- und Schornsteinteilen.
VII
Gebäudeschäden
Die meisten Personen erschrecken und flüchten ins Freie. Möbel werden verschoben.
Gegenstände fallen in großen Mengen aus Regalen. An vielen Häusern solider Bauart
treten mäßige Schäden auf (Mauerrisse). Vornehmlich Gebäude in schlechterem
Zustand zeigen größere Mauerrisse, vereinzelt Einsturz von Zwischenwänden.
VIII
schwere
Viele Personen verlieren das Gleichgewicht. Selbst schwere Möbel werden verschoben
Gebäudeschäden
und zum Teil umgeworfen. An vielen Gebäuden einfacher Bausubstanz treten schwere
Schäden auf; d. h. Giebelteile und Dachgesimse stürzen ein. Einige Gebäude sehr einfa-
cher Bauart stürzen ein.
IX
zerstörend
Allgemeine Panik unter den Betroffenen. Sogar gut gebaute gewöhnliche Bauten zeigen
schwere Schäden und teilweisen Einsturz tragender Bauteile. Viele schwächere Bauten
stürzen ein.
X
sehr zerstörend
Viele gut gebaute Häuser werden zerstört oder erleiden schwere Beschädigungen.
XI
verwüstend
Die meisten Bauwerke, selbst mit guter erdbebengerechter Konstruktion, werden
zerstört.
XII
vollständig
Nahezu alle Konstruktionen werden zerstört.
verwüstend
EMS
Intensität
Definition
Beschreibung der maximalen Wirkung (stark verkürzt)

49
Fragebogen zu den Auswirkungen des Erdbebens
vom ................. im Raum.............................
Alle Wahrnehmungen zu diesem Erdbeben sind wichtig und sollen erfasst und ausgewertet werden.
Bitte helfen Sie uns dabei, indem Sie diesen Fragebogen unvoreingenommen und vollständig ausfüllen und ihn an die
ausgebende Stelle oder an eine der oben angegebenen Adressen zurückgeben.
1. Haben Sie das oben genannte Ereignis verspürt?
nein
(Es ist sinnvoll, zum weiteren auch dann Stellung zu nehmen, wenn Sie nichts gespürt haben!)
ja
Wann genau?
Uhrzeit (Stunde und Minute) ............. h ............... min
Wo genau befanden Sie sich? in einem Gebäude
im Freien
im Auto
wo sonst ?..................................................
Adresse Ihres Aufenthaltsortes während der Beobachtung (evtl. mit Postleitzahl)
.............................................................................................................................................................................................
Anzahl der Stockwerke des Gebäudes ....................
Stockwerk Ihres Aufenthalts während der Beobachtung ................
Bauart des Gebäudes Fachwerk
Ziegel
Plattenbau
Natursteine
Beton
andere ? ....................................................
Lage Ihres Aufenthaltsortes während der Beobachtung
Ebene
Hang
Berg
Tal
Ufer
Untergrundbeschaffenheit, falls Ihnen bekannt
Sandboden
Lehm/Ton
Fels
aufgeschütteter Boden
Sumpf
andere ? ......................................................
Ihre momentane persönliche Situation während des Ereignisses
stehend
sitzend
liegend
schlafend und aufgrund der Auswirkungen erwacht
andere?....................................
2. Was verspürten Sie?
Können Sie die entsprechende Dauer (in Sekunden) schätzen?
Dauer
Dauer
Auf- und Abwärtsbewegung
....... s
ruckartige, kurze Bewegung
....... s
langsames Schwanken
....... s
Zittern
....... s
Geräusche (wann? welche?) ..................................... s
etwas anderes ? .............................................. s
Falls mehreres gleichzeitig oder nacheinander gespürt wurde, bitte beschreiben:
Sächsisches Landesamt
für Umwelt und Geologie
Postfach 80 01 00
01101 Dresden
Geophysikalisches
Observatorium Collm
der Universität Leipzig
04779 Wermsdorf
Observatorium Berggießhübel
der TU Bergakademie Freiberg
Hauptstr. 8
01819 Berggießhübel
Institut für Geowissenschaften
Universität Jena
Burgweg 11
07749 Jena
Anlage 2
SEISMOLOGIE-VERBUND SACHSEN

50
3. Welche Wirkungen rief das Ereignis hervor?
a)
in und an Gebäuden / technischen Anlagen
wo ? ...............................................................
Art/Zweck des Gebäudes/der Anlage ..................................................
vorübergehende:
bleibende:
Zittern/Pendeln frei hängender oder
Verschieben
stehender Gegenstände
Umfallen
kleiner Gegenstände in/aus
Klappern/Pendeln von
Fenstern
Herabfallen
Regalen u. ä.
und Türen
Auf- u.Zuschlagen
Verrutschen von Wandbildern
Klirren von Geschirr und Fenstern
Überschwappen freier Wassermengen
Knistern von Dielen und Wänden
Stehenbleiben von Uhren
Krachen im Gebälk
Verrücken von Möbelstücken
Zittern von Möbelstücken
Schäden:
Schwanken von Möbelstücken
nicht bekannt geworden
ungewöhnliches Verhalten von Tieren
Umstürzen von Möbelstücken
feine Risse im Verputz
...................................................................
Abbröckeln von Verputz
Rissen in Mauern und Fußböden
an Schornsteinen
Abfallen von Dachziegeln
Einsturz von Gebäudeteilen
an unterirdischen Ver- und Entsorgungsanlagen
b)
in der Natur
Bodenrisse
Senkungen
Erdrutsche
Felsstürze
Veränderungen an Gewässern, Brunnen, Stauseen (z.B. Wasserstand, Trübung, Wellen)
wo genau? .................................................................................................................................................
4.
Verspürten Sie Nachstöße?
nein
ja
wann?...................................................................
wie stark ?.............................................................
......................................................................................................................................................................................................
Falls Sie bei dem Ereignis erschrocken sind, beschreiben Sie bitte kurz Ihre Empfindungen:
.....................................................................................................................................................................................................
.....................................................................................................................................................................................................
Haben Sie aufgrund von Befürchtungen (welchen? ...............................................................................) das Gebäude verlassen,
in dem Sie sich vor dem Ereignis aufgehalten hatten?
nein
ja
Haben andere Personen in Ihrer Umgebung das Ereignis ebenfalls wahrgenommen?
einzelne
wenige (ca.5%)
viele (ca.50%)
die meisten
Hatten Sie schon vorher persönliche Erfahrungen mit Erdbeben bzw. Gebirgsschlägen?
nein
ja
welche? ....................................................................................................................
......................................................................................................................................................................................................
Schildern Sie bitte ggf. weitere Einzelheiten, außergewöhnliche Vorkommnisse, Veränderungen und Schäden, die
mit dem Ereignis im Zusammenhang stehen könnten:
Ihre Kontaktadresse mit Telefonnummer:
}
}

image
51
Redaktionsschluss
: Oktober 2007
Gestaltung, Satz, Repro:
SUBdesign,
www.subdesign.net
Druck:
Druckerei Wagner, Weststraße 60
09603 Großschirma, OT Siebenlehn
Auflagenhöhe:
1.000
Bezugsbedingungen:
Diese Veröffentlichung kann kostenfrei von der saxoprint GmbH
bezogen werden.
Versand:
saxoprint GmbH
Enderstr. 94, 01277 Dresden
Fax: 0351/2044-366 (Versand)
E-Mail: versand@saxoprint.de
Hinweis:
Diese Veröffentlichung wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit
des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie (LfUG)
herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlhelfern
im Wahlkampf zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden.
Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die
Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Partei-
nahme des Landesamtes zugunsten einzelner Gruppen verstanden
werden kann. Den Parteien ist es gestattet, die Druckschrift zur
Unterrichtung ihrer Mitglieder zu verwenden.
Copyright:
Diese Veröffentlichung ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte,
auch die des Nachdrucks von Auszügen und der fotomechani-
schen Wiedergabe, sind dem Herausgeber vorbehalten.
Gedruckt auf 100 % Recyclingpapier
Dezember 2007
L VII-2/4
www.smul.sachsen.de/lfug
Impressum
Geologie
Erdbebenbeobachtung im Freistaat Sachsen
Dreijahresbericht 2004 - 2006
Titelbild:
Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt mit Erd-
bebenzonen und seismischen Ereignissen 1993 – 2006 mit extra-
polierten Bruchflächen an die Erdoberfläche
Herausgeber:
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Öffentlichkeitsarbeit
Zur Wetterwarte 11, D-01109 Dresden
E-Mail: Abteilung1.LfUG@smul.sachsen.de
(kein Zugang für elektronisch signierte sowie für verschlüsselte
elektronische Dokumente)
Autoren:
Kapitel
1 – 3;
Hans-Jürgen Berger
1)
, Petra Buchholz
4)
,
5 – 7:
A. Docekal
2)
, Sigward Funke
4)
, Falk Hänel
2)
,
Michael Korn
4)
, Ottomar Krentz
1)
,
Reinhard Mittag
2)
, Elke Novak
2)
, Ivo Rappsilber
6)
,
Edgar Scheidewig
3)
, Klaus-Peter Stanek
3)
,
Siegfried Wendt
4)
, Brunhild Witthauer
1)
Kapitel 4:
Reinhard Dietrich, Lutz Eberlein,
Heiko Ewert, Mathias Fritsche
5)
Redaktion
:
Brunhild Witthauer
1)
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie,
Abteilung Geologie
2)
TU Bergakademie Freiberg, Institut für Geophysik
3)
TU Bergakademie Freiberg, Institut für Geologie
4)
Universität Leipzig, Institut für Geophysik und Geologie
5)
TU Dresden, Institut für Planetare Geodäsie
6)
Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt,
Dezernat Geophysik und Strukturgeologie