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Forstliche Krisenvorsorge mal anders
Eine Einleitung von
Dr. Ingo Werners,
Leiter des Referates Privat- und
Körperschaftswald, Forstpolitik
bei Sachsenforst
Als wir in der Redaktion der Waldpost Ende
2019 die ersten Ideen und Themen für die
Ausgabe 2021 zusammentrugen, waren
Waldbesitzer und Förster gedanklich nicht
bei der Ernährungsnotfallvorsorge. Vielmehr
beschäftigte überwiegend das fortschrei-
tende Schadgeschehen hinsichtlich rinden-
brütender Schadinsekten. Gleichwohl waren
wir uns einig, dass die betriebliche Krisen-
vorsorge auch einen Punkt erreichen kann,
wo es auf andere Weise substantiell wird. Der
mehrtägige Stromausfall, das Abgeschnitten-
sein von den üblichen und selbstverständlich
stets funktionierenden Versorgungsketten
durch Sturm, Schnee, Hochwasser usw. kön-
nen dazu führen, dass mal für ein paar Tage
„kein Nachschub kommt”. Dies ist umso wahr-
scheinlicher, je ländlicher und abgeschiedener
man wohnt. Insofern, so dachten wir, wäre es
folgerichtig, uns dieses Themas anzunehmen
und auf diese „andere Art der Krisenvorsor-
ge” hinzuweisen. Und dann erreichten uns im
März die COVID-19-Pandemie und die Sor-
gen, dass eben jene Versorgungsketten aus
anderen Gründen doch mal unterbrochen
sein könnten. Leere Regale waren die Folge.
Unsere Gesellschaft ist gewissermaßen ver-
wundbar – jeder kann aber einen kleinen Bei-
trag leisten, die „Abwehrkräfte” zu stärken.
Und so passt die Thematik Ernährungsnotfall-
vorsorge sicherlich gut in den Gesamtkom-
plex der „betrieblichen Krisenvorsorge”. Das
aktuelle Schadgeschehen im Wald zeigt uns
einmal mehr, wie wichtig Vorsorgemaßnah-
men insgesamt sind. Dazu können gehören:
Ein gut ausgebautes Wegenetz, die Kenntnis
der Eigentumsgrenzen bzw. deren Kenntlich-
machung, ein nachbarschaftliches Netzwerk,
das zusammenarbeitet und sich gegenseitig
hilft, der rege Besuch von Fortbildungen, das
Vorhalten eigener Technik, um sich auch selbst
helfen zu können, das Üben mit dieser Tech-
nik, der Abschluss von Versicherungen. Diese
Liste ist nicht abschließend, sondern eher als
„Ideengeber” gedacht. Im Rahmen der Eigen-
verantwortung muss jeder für sich den rich-
tigen Weg nden. Waldbesitzer arbeiten mit
der Natur. Wälder werden maßgeblich durch
die Umweltfaktoren und die Waldbewirtschaf-
tung geprägt. Eine zielgerichtete Waldp ege
Schadereignissen mildern. Damit ist Wald-
p ege auch ein Element der Krisenvorsorge.
Schadereignisse wie Stürme, Hochwasser,
Waldbrände, Insekten oder Schnee treffen den
Wald und damit seinen Besitzer meist uner-
wartet und vernichten die Arbeit von Jahren
oder Jahrzehnten. Stürme wie Kyrill 2007, die
Hochwasserereignisse 2002 und 2013 oder
eben die jetzigen Ereignisse machen deutlich,
dass sich Waldbesitzer immer Gedanken über
den Ernstfall machen sollten; schon bei der
Planung und der Bestandesbegründung.
Eine gewisse Bevorratung mit Lebensmitteln,
gehört sicherlich auch dazu. Und vielleicht ha-
ben Sie längst auch eigene Schlussfolgerungen
gezogen und weitere Maßnahmen eingeleitet,
zukünftigen Ereignissen besser zu begegnen.
Guter Rat ist Vorrat
Starke Stürme, extreme Hitze und langan-
haltende Dürre – solche Naturkatastrophen
und deren Folgen sind nicht nur für Wald und
Forstwirtschaft, sondern auch für die Land-
wirtschaft und Nahrungsmittelproduktion
verheerend. In diesem Zusammenhang stellt
sich häu g die Frage nach der Resilienz von
Ökosystemen oder Infrastrukturen. Resilienz
beschreibt allgemein die Fähigkeit, schwierige
(Lebens)Situationen, externe Störungen oder
Krisen zu überstehen.
Die COVID-19-Pandemie hat zu Beginn ihres
Ausbruches in Deutschland deutlich gezeigt,
wie es um die Resilienz der deutschen Bevöl-
kerung in Bezug auf die Ernährungsnotfall-
vorsorge steht. Bilder und Berichte von leer
gekauften Supermarktregalen führten teil-
weise zu weiteren Panik- oder sogenannten
Hamsterkäufen. Obwohl die Versorgung mit
Grundnahrungsmitteln nach Aussagen des
Handelsverbandes Deutschland – HDE e. V. [1]
zu keinem Zeitpunkt gefährdet war, ließen die
„Hitlisten” (Abb. 1) der besonders stark nach-
gefragten Lebensmittel auch Rückschlüsse
auf die Bevorratungssituation in deutschen
Haushalten zu.
Private Vorsorge
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und
Katastrophenhilfe (BBK) veröffentlicht seit
Jahren eine Broschüre mit dem Titel „Ratge-
ber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln
in Notsituationen” [3], die Informationen und
eine Checkliste für einen 10-Tage-Vorrat an
Lebensmitteln und Getränken enthält. Neben
(Mineral)Wasser sollte ein Vorrat möglichst
verzehrfertige und haltbare Lebensmittel
enthalten. Dazu zählen beispielsweise Hafer-
ocken, Knäckebrot, Nudeln, Gemüse- und
Obstkonserven (Abb. 2).
Bei der Planung des Vorrates sollen die Essge-
wohnheiten und geschmacklichen Vorlieben
der Haushaltsmitglieder berücksichtigt wer-
den. Dies ist zudem ein entscheidender Fak-
tor, um Lebensmittelverschwendung vorzu-
beugen. Denn die eingelagerten Lebensmittel
sollen nicht bis zum Ablauf ihrer Haltbarkeit
gehortet, sondern regelmäßig verwendet und
anschließend wieder ersetzt werden.
Bereits in den vergangenen Jahren wurden im
Rahmen diverser Studien deutsche Haushal-
Warengruppe
12. Kalenderwoche
(Angaben in Prozent)
13. Kalenderwoche
(Angaben in Prozent)
14. Kalenderwoche
(Angaben in Prozent)
Brotmischungen
168,9
34,0
68,4
Reis
161,3
34,1
22,8
Würstchenkonserven
155,0
18,1
14,3
Mehl
154,3
63,8
49,8
Nasssuppen
149,4
14,7
29,3
Teigwaren
141,2
17,1
4,6
Trockensuppen
129,8
16,1
5,8
hin zu stabilen, vitalen, struktur- und ertrag-
Abb 1: Absatzveränderungen ausgewählter Bevorratungsprodukte im Vergleich zur Vorwoche [2]
reichen Waldbeständen kann die Wirkung von
(Lebensmitteleinzelhandel und Drogeriemärkte, ohne Aldi, Lidl, Norma)

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Abb. 2: Beispielhafter Lebensmittelvorrat, Foto: SMEKUL/Genese Werbeagentur GmbH
te nach ihrer privaten Vorbereitung und Be-
vorratung befragt. So gaben im Rahmen der
Studie „Neue Strategien in der Ernährungs-
notfallvorsorge” 87,6 Prozent der Befragten
an, dass ihr Haushalt bis zu drei Tage mit den
Lebensmitteln versorgt werden könnte, die sie
zum Zeitpunkt der Befragung vorrätig hatten.
Weiter schätzten 47,6 Prozent der Befragten
ein, für bis zu sieben Tage Lebensmittelvor-
räte im Haus zu haben. Bis zu zwei Wochen
kamen lediglich 16,6 Prozent der Befragten
mit ihrem Vorrat aus [4]. Auch im Projekt
„Kritische Infrastrukturen – Resilienz als Min-
destversorgungskonzept – KIRMin” [5] wurde
untersucht, in welchem Maße die Bevölke-
rung auf einen Infrastrukturausfall vorberei-
tet wäre und ob sie sich dann zeitweise selbst
versorgen könnte. Auch hier zeigte sich, dass
nur etwa zwei Drittel der Befragten genügend
Trinkwasser für alle Haushaltsmitglieder be-
vorratet hat. Abb. 3 veranschaulicht, dass die
Bevorratung mit verschiedenen Lebensmit-
teln teilweise noch deutlich darunter lag [6].
Verglichen mit den Empfehlungen des BBK
für einen Lebensmittelvorrat liegt die ermit-
telte durchschnittliche private Vorsorge unter
den Mindestempfehlungen. Die Studie ergab
außerdem, dass der Grad der Vorbereitung
und Bevorratung sehr heterogen ist. So waren
Senioren und Familien vergleichsweise besser
vorbereitet als Single- und Studierenden-
haushalte. Unterschiede zeigten sich zudem
zwischen Stadt- und Landbevölkerung, wobei
letztgenannte über größere Vorräte verfügte.
Ernährungsnotfallvorsorge in Sachsen
Im Freistaat Sachsen wird seit vielen Jahren
über die Notwendigkeit der privaten Vor-
sorge in Form eines Lebensmittelnotvorrates
aufgeklärt. Unter
www.ernaehrungsvorsorge.
sachsen.de
nden sich viele Informationen
zur staatlichen und privaten Vorsorge sowie
konkrete Hilfestellungen zum Anlegen eines
Vorrates mittels Vorratskalkulator. Dass ein
55,4%
72,6%
49,4%
52,0%
59,9%
53,5%
66,8
66,8%
53,5 %
59,9 %
52,0 %
55,4 %
49,4 %
72,6 %
Trinkwasser
(1 Kasten je Person)
Brot
(1 großer Laib
je Person)
Haferflocken/Müsli
(1 Packung je Person)
frischen Gemüse
(1 kg je Person)
frisches Obst
(1,25 kg je Person)
Milchprodukte
(1kg je Person)
Konserven
(für 5 Mahlzeiten
je Person)
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Abb. 3: Vom BBK empfohlene Lebensmittel zur privaten Vorsorge (für fünf Tage gerechnet) und tatsäch-
liche durchschnittliche Bevorratung von Haushalten [7]
Lebensmittelvorrat nicht nur in Krisensitua-
tionen hilfreich ist, stellten 2019 drei säch-
sische FoodBlogger unter Beweis. Unter dem
Motto „Vorsorge: Vorrat. – Mach was draus!”
kochten sie aus den Zutaten eines Beispiel-
vorrates für unterschiedliche Gelegenheiten
im Alltag. Ob spontane Einladung zu Nach-
bars Gartenparty oder der ungeplante Besuch
der Sportgruppe – ein Vorrat ist für viele Ge-
legenheiten sinnvoll und nützlich.
Für die Ernährungsnotfallvorsorge ist in
Sachsen das Staatsministerium für Energie,
Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft
gemeinsam mit dem Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie zuständig.
Rechtliche Grundlage für deren Handeln ist
das Gesetz über die Sicherstellung der Grund-
versorgung mit Lebensmitteln in einer Versor-
gungskrise und Maßnahmen zur Vorsorge für
eine Versorgungskrise (Ernährungssicherstel-
lungs- und -vorsorgegesetz – ESVG). In § 14
ESVG ist beispielsweise geregelt, dass Bund
und Länder Maßnahmen zu ergreifen haben,
um den Selbstschutz der Bevölkerung vor den
Folgen einer Versorgungskrise zu stärken und
die Bevölkerung über private Vorsorgemaß-
nahmen zu informieren.
Unsere Empfehlung lautet daher ganz klar:
Guter Rat ist Vorrat!
Literatur/Quellen:
[1] Pressemitteilung des HDE vom 11. März 2020
(
https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldun-
gen/12592-coronavirus-versorgung-der-bevoel-
kerung-gewaehrleistet
)
[2] Lebensmittelzeitung (2020) Ausgabe 16 vom
17.04.2020; Daten von NIELSEN SCANTRACK
[3] BBK (2018): Ratgeber für Notfallvorsorge und rich-
tiges Handeln in Notsituationen. Bundesamt für
Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, 6. Auf-
lage, Bonn (
https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/
Downloads/BBK/DE/Publikationen/Broschueren_
Flyer/Buergerinformationen_A4/Ratgeber_Brosch.
html?nn=4250686
)
[4] Menski, U. (2016) (Hrsg.): Neue Strategien der Er-
nährungsnotfallvorsorge. Ergebnisse aus dem For-
schungsverbund NeuENV, Berlin
[5] Fekete, A.; Neisser, F.; Tzavella, K. & C. Hetkämper
(2019) (Hrsg.): Wege zu einem Mindestversorgungs-
konzept. Kritische Infrastrukturen und Resilienz,
Köln.
[6] Sandholz, S., Wannewitz, M., Krist, L. & Garschagen,
M. (2019): Stand der Vorbereitung der Bevölkerung
auf längere KRITIS-Ausfälle. In:[5].
[7] BBK (2020): Bevölkerungsschutz. Bundesamt für Be-
völkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Ausgabe
1/2020, Bonn
Manja Neubert ist
Referentin für Ernährungsnot-
fallvorsorge im Sächsischen
Staatsministerium für Energie,
Klimaschutz, Umwelt und Land-
wirtschaft