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Eigenhändige Einladung von Johannes Eck an Martin Luther
zur Leipziger Disputation vom 19. Februar 1519
Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
10024 Geheimer Rat (Geheimes Archiv), Loc. 10300/2, Bl. 44.
Herzog Georg und die Universität Leipzig hatten dem Streitgespräch bereits zugestimmt.
Vermutlich legte Luther das Schreiben Ecks seiner Bitte an Georg bei, seinerseits an der
Disputation teilnehmen zu dürfen.
* * *
Hintergrund
Johannes Eck, seit 1510 Doktor der Theologie und Professor der Heiligen Schrift an der
Universität Ingolstadt, schrieb in seinen „Obelisci“ („Spießchen“) im März 1518 als einer der
ersten gegen Luthers Ablassthesen an und verdächtigte den Reformator schon damals des
Hussitismus und des Ungehorsams gegenüber dem Papst. Luther replizierte im Mai mit
seinen „Asterisci“ („Sternchen“), und auch sein Wittenberger Kollege Andreas Bodenstein,
genannt Karlstadt, trat Eck mit eigenen Thesen entgegen.
Am 4. Dezember 1518 bat Eck in einem Schreiben an Herzog Georg darum, an der
Universität Leipzig mit Karlstadt über Luthers Ablassthesen disputieren zu dürfen. Die
Leipziger Theologen, die als Schiedsrichter auftreten sollten, und der Kanzler der Universität,
Bischof Adolf von Merseburg, versuchten dies zu verhindern, da sie fürchteten, in den
Ablassstreit hineingezogen zu werden. Als Landesherr, der hoffte, seine Universität würde
sich durch die Disputation profilieren können und zur Klärung der theologischen
Streitfragen beitragen, drängte Georg auf die Zulassung, die der Universitätsrektor und die
Theologenfakultät am 1. Februar 1519 erteilten.
Eck hatte seine Disputationsthesen bereits Ende 1518 veröffentlicht und Luther darin erneut
als Kritiker des päpstlichen Primats dargestellt. Dieser bestand nun darauf, selbst an der
Disputation teilzunehmen. Am 19. Februar wendete er sich erstmals an Herzog Georg, um
dessen Zustimmung zu erwirken. Da der Herzog der Bitte nicht entsprach, wiederholte sie
der Reformator in den kommenden Wochen mehrfach (
Objekt 3). Einem dieser Schreiben
dürfte er zur Bekräftigung seines Anliegens die eigenhändige Einladung Ecks beigefügt
haben.
* * *

Edition
Martin Luther: Kritische Gesamtausgabe –
Briefwechsel, Bd. 1, Weimar 1930, Nr. 151.
Übersetzung
nach Vinzenz Pfnür (Hg.): Johannes Eck (1486 -
1543). Briefwechsel. Internet-Edition in vorläufigem
Bearbeitungsstand
(http://ivv7srv15.uni-
muenster.de/mnkg/pfnuer/Eck-Briefe.html)
Theologo et Philosop[h]o interprimo,
Martino Luttero, viro polyphemo,
Vuittenbergi ordinario, domino et maiori
Eckii.
Dem hervorragenden Theologen und
Philosophen Martin Luther, dem
»Einäugigen« [Polyphem, der einäugige Riese
aus Homers Odyssee, etymologisch „der
Vielgerühmte“], Professor in Wittenberg,
seinem Herrn, größer als Eck.
Salutem in Domino et recte in Iesu sapere.
Quod Lipsen[sis] Studii viri doctissimi onus
nos audiendi recusarant, erat michi
permolestum, nec plane scivi, quid consilii
caperem. At tamen clementissimus Princeps,
D. Georgius, Saxoniae Dux etc., ad
petitionem meam egit cum Studio suo, ut
tandem assensum praeberent, uti hoc die
literas et Illustrissimi Ducis et Universitatis ac
Facultatis super ea re accepi. Quare eis
XXVII. diem Iunii praescripsi, quo
disputationis primum actum haberemus, die
autem XXVI. apud Facultatem theologicam
conveniremus, uter nostrum in primo
congressu sit opponens.
Gruß im Herrn und Weisheit in Christus!
Dass die sehr gelehrten Herren der Leipziger
Hochschule die Last, uns anzuhören,
zurückweisen, war sehr betrüblich für mich,
ohne dass ich jetzt genau weiß, wozu ich
raten soll. Dennoch verhandelte der
gnädigste Fürst, Herr Georg, Herzog von
Sachsen und so fort auf meine Petition hin
mit seiner Hochschule, damit sie endlich ihre
Zustimmung gäbe. So erhielt ich heute in
dieser Sache Briefe des erlauchtesten
Fürsten, der Universität und der
theologischen Fakultät. Ich schlug ihnen den
27. Juni vor, an dem der erste Teil der
Disputation beginnen sollte. Am 26. Juni
aber würden wir bei der theologischen
Fakultät vereinbaren, wer von uns beiden bei
der ersten Sitzung als Opponens
[Disputationsgegner] fungieren sollte.
Cum autem Carlestadius sit propugnator
tuus, tu vero principalis existas, qui haec
dogmata per Germaniam seminasti, quae
meo parvo et exili iudicio falsa et erronea
apparent, quare convenit, et te illuc venire et
vel tua tueri vel nostra improbare. Sed quam
vellem, ut hunc animum deponeres et sedi
Apostolicae te per omnia obedientem
praestares, audires Leonem X., vicarium
Christi, non quaereres singularitatem, sed
condescenderes communi Doctorum
sententiae, certus, quod Christus ecclesiam
suam iam CCCC. annis non permisisset in
istis (uti tu divinaris) erroribus. Vides enim ex
Da aber Karlstadt Dein Protagonist ist, Du
aber der Hauptdisputator, der diese Lehren
in ganz Deutschland verbreitet hat, die
meinem geringen und schwachen Urteil nach
als falsch und irrig erscheinen, ist es
angemessen, dass Du dorthin kommst und
entweder Deine Auffassungen verteidigst
oder die unsrigen verwirfst. Ich wollte aber
lieber, dass Du Deine Einstellung ablegst und
in allen Dingen dem apostolischen Stuhl
gehorsam bist, auf Leo X. hörst, den
Stellvertreter Christi, nicht die Vereinzelung
suchst, sondern Dich der Meinung der
Doktoren anschließt im sicheren Wissen, dass
Christus seine Kirche bereits vierhundert

scheda disputatoria, me non tam contra
Bodenstein, quam contra tuas doctrinas
propositiones posuisse.
Vale ergo, mi Martine, et oremus pro
invicem, ut illuminemur.
Jahre hindurch in diesen (wie Du es nennst)
Irrtümern nicht verlassen hat. Du wirst
nämlich aus dem Disputationszettel ersehen,
dass ich nicht so sehr gegen Bodenstein
meine Thesen aufgestellt habe, sondern
gegen Deine Lehren.
Leb also wohl, mein Martin, und lass uns
füreinander beten, damit wir erleuchtet
werden.
Ex Ing[o]l[stad]t, XIX. Febr.,
anno virginei partus M.DXIX.
Aus Ingolstadt, 19. Februar, im Jahr der
jungfräulichen Geburt 1519.
Tibi deditiss[imus] Eckius.
Dein Dir sehr ergebener Eck.