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SächSiScheS
StaatSarchiv
Sächsisches Archivblatt
Heft 2 / 2020

Seite
1
Aus den Beständen
Zum Jahr der Industriekultur – Findbuch des Unternehmens „Rud. Sack“ (Landmaschinenbau) online recherchierbar
Dolores Herrmann
3
„Das Fräulein vom Amt …“ – Bestände zu drei Jahrhunderten Leipziger Postgeschichte elektronisch erschlossen
Marion Fechner
5
Polizeiausbildung in Sachsen – Überlieferungen in Personalakten des Staatsarchivs Chemnitz
Karsten Seifert
8
„nicht [...] wie der trockene Historiker“ – Tagebücher aus dem Bestand 22507 Lebensdokumente
Jan Hunger
10
Die sorbische Autonomiebewegung 1919/20 im Spiegel archivischer Quellen
Clemens Heitmann
14
Mit Hellsehern auf Archivdiebjagd – Tatort Archiv 1924
Jörg Ludwig
16
Vom Dachboden auf die Opernbühne – Der Nachlass der Dresdner Künstlerfamilie Franz und Maschinka Schubert
Elisabeth Telle / Eva Katharina Klein
18
Vergessene Orte – Das „Judenlager“ der Zeiss Ikon AG
Bernd Scheperski
22
Technisches
Pilotprojekt Amt Chemnitz – Abschluss der konservatorisch-restauratorischen Arbeiten oder was lange währt …
Ulrike Müller
26
Tipps der Restauratorin: Ausheben und Reponieren von Archivgut
Barbara Kunze
28
Meldungen/Berichte
Von Amsterdam bis Warschau – Ausstellungen mit Leihgaben aus dem Sächsischen Staatsarchiv 2018/19
Eckhart Leisering
32
Rezension
Rosemarie Barthel/Steffen Arndt, Daß ein Land ohne Archive unglücklich zu schätzen ist … Ein Streifzug durch
1000 Jahre Thüringer Kulturgeschichte
Jörg Ludwig
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 1
Fahrkarte für die Dampfschiffe zwischen Plagwitz und Leipzig von Fritz Sack, 1890. Er war Sohn des Firmenbegründers und 1890 24-jähriger Prokurist bei Rud. Sack;
„gefunden“ im Katalog von 1890 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20793 Rud. Sack, Landmaschinenbau, Leipzig, Nr. 659)
Zum Jahr der Industriekultur – Findbuch des
Unternehmens „Rud. Sack“ (Landmaschinenbau)
online recherchierbar
In den Verzeichnungsinformationen zum Be-
stand 20793 Rud. Sack, Landmaschinenbau,
Leipzig, kann seit kurzem online recherchiert
werden – ein Beitrag des Staatsarchivs Leipzig
zum Jahr der Industriekultur.
„Rud. Sack“ gehörte zu den großen Leipziger
Industrieunternehmen von internationaler Be-
deutung. Der Firmenbegründer, Landwirt und
Erfinder Rudolph Sack (1824–1900) zählt zu
den deutschen Industriepionieren. Er folgte
dem Ruf Karl Heines nach Plagwitz und er-
richtete dort am entstehenden Kanal seine
riesige, über mehrere Straßenzüge reichende
Fabrikanlage. 1863 gegründet, wurde „Rud.
Sack“ 1870 in das Handelsregister eingetra-
gen. Rudolph Sack gilt als Erfinder des mo-
dernen Pfluges („Sack'scher Pflug“, erfunden
1850) und „entwickelte alle noch heute be-
kannten Pflugtypen“ (Rüstig, Manfred, BBG
Landmaschinenbau in Leipzig, Leipzig 2008,
S. 20). Mit seiner Frau Adolphine, geb. Franke
(1832–1896) hatte er sieben Kinder, drei Söhne
und vier Töchter, die er seit 1891 mit ihren
Ehepartnern am Unternehmen beteiligte. Sie
und deren Kinder führten als Gesellschafter
und Kommanditisten das Unternehmen bis
zur Enteignung durch die amerikanische Be-
satzungsmacht im April 1945 fort.
Ein zugebundener Sack mit den Initialen R.S.P.
stand weltweit für dieses Leipziger Unterneh-
men, Rudolph Sack ließ ihn ebenso wie den
Namen Sack 1886 als Marke patentrechtlich
schützen. 1912 exportierte „Rud. Sack“ 72 %
seiner Erzeugnisse, die Kataloge erschienen
in 15 Sprachen.
Als in der NS-Zeit neben dem weiterhin vor-
herrschenden Landmaschinenbau auch für
die Rüstung produziert und das Firmenareal
in Plagwitz zu klein wurde, plante das Unter-
nehmen seit 1937 einen Neubau am Elster-
Saale-Kanal in Rückmarsdorf, „um nach dort in
10–20 Jahren ganz umzuziehen“ (SächsStA-L,
20793 Rud. Sack, Landmaschinenbau, Leipzig,
Nr. 330). Der Krieg und sein Verlauf stoppten
die Umsetzung Anfang 1941.
Der Bestand an Archivgut der Firma Sack
umfasst 18,7 lfm. Im Folgenden sollen einige
besondere Überlieferungen aufgezeigt werden.
Kataloge und Druckschriften
von „Rud. Sack“
Der Bestand enthält einen selten großen
Fundus an Katalogen. Für die Online-Stellung
des Findbuches sind diese jetzt intensiver
verzeichnet worden. Älteste Überlieferungen
sind zwei Hefte „Rud. Sack's Geräthe und Ma-
schinen zum Ackerbau“ mit Preisangaben und
Abbildungen, Kataloge Nr. 5 und Nr. 6 von
1868 und 1869 (Druck von Emil Stephan in
Plagwitz). Die sehr sorgsam ausgefertigte und
in Leder gebundene, andererseits aber auch
sehr praktisch im A6-Format gehaltene Reihe
„Verzeichnis von Rud. Sack's Geräten und
Maschinen zur (bessern) Bodenbearbeitung
und Reihenkultur“ ist vollständig überliefert
von 1881 (Band 16) bis 1919 (Band 51). Die
Bände erschienen jährlich, bis auf die Kriegs-
jahre 1915, 1917 und 1918. Sie enthalten
umfangreiche Beschreibungen, Abbildungen,
Preise und Informationen zur Firma. Von 1922
bis 1933 erschienen sieben weitere Hauptka-
taloge (52. bis 58. „Vollständiges Verzeichnis“

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 2
bzw. „Hauptverzeichnis“), die alle im Bestand
erhalten sind, daneben Teilkataloge und Ex-
portkataloge, zum Teil fremdsprachig. Außer
diesen Reihen gibt es vor allem für die Zeit
1930 bis 1945 eine Vielzahl von Prospekten
über einzelne Erzeugnisse oder Erzeugnisgrup-
pen, z. B. Dampfpflüge Rud. Sack um 1910, Ex-
portkatalog Geräte für Gespann- und Motor-
betrieb 1913, Luftbereifter Ackerwagen 1939,
Geräte zum Mais- und Baumwollanbau 1937.
Preisverzeichnisse, Gebrauchsanweisungen
und Ersatzteillisten. Auch Vorträge, wie „Was
müssen wir über die Schare und Verschleiß-
teile des Pfluges wissen“ oder „Der Sack'sche
Unkrautstriegel“, sind überliefert. Eine Beson-
derheit stellt auch die von „Rud. Sack“ 1926
bis 1937 herausgegebene sogenannte Werk-
zeitung dar, die mit 17 Ausgaben für diesen
Zeitraum vollständig im Bestand überliefert
ist. Sie richtete sich an Ausstellungsbesucher
und potentielle Kunden und stellte die Neuent-
wicklungen des Unternehmens vor, „das Neue
und die Entwicklung aus dem Bewährten“, z. B.
ein neues Dränverfahren von „Rud. Sack“, ein-
schließlich der Herstellung der Rohre 1930.
Eine Broschüre „Die Lehrwerkstatt Leipziger
Metallindustrieller“ von 1937 berichtet über
die Einrichtung einer gemeinsamen Berufs-
ausbildung durch Leipziger Unternehmen, die
Werkstatt hatte ihren Sitz bei „Rud. Sack“.
Feldpostbriefe Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs hielt das
Unternehmen Kontakt zu den eingezogenen
Mitarbeitern und schickte ihnen maschinen-
schriftliche vervielfältigte Briefe „An die Ar-
beitskameraden“, unterzeichnet vom damaligen
Unternehmenschef Otto Sack („Feldpostbriefe
1–44“ von September 1939 bis Oktober 1943).
In diesen Briefen werden betriebliche Verän-
derungen, wie Einführung der Frauenarbeit,
Einrichtung eines Kindergartens, bauliche Ver-
änderungen, Einrichtung einer neuen Lehr-
werkstatt, Nutzung bestimmter Gebäude und
soziale Veranstaltungen geschildert. Die Akten
enthalten auch die Gefallenenanzeigen von
Betriebsangehörigen. Weitere Korrespondenz
mit den Wehrmachtsangehörigen der Firma ist
aus den Abteilungen Verkauf und Technisches
Büro überliefert. Hier stehen die Schilderungen
der Kollegen aus dem Krieg im Vordergrund;
auch wird an sie berichtet über Besuche oder
Informationen anderer Kollegen im Krieg, aber
auch zu Veränderungen in den Abteilungen
oder im Betrieb.
Reichsgruppe Industrie (Wirtschafts-
gruppe Maschinenbau und Bezirksgruppe
Sachsen), IHK Leipzig
Die Nationalsozialisten ersetzten 1934 den
Reichsverband der Deutschen Industrie als
größten industriellen Unternehmerverband der
Weimarer Republik durch die staatliche Reichs-
gruppe Industrie und gliederten die gesamte
Wirtschaft in Haupt- bzw. Wirtschaftsgruppen
(nach Industriezweigen) und Bezirksgruppen
(regional). Otto Sack als damaliger Firmenchef
von „Rud. Sack“ wurde in diesem Jahr Leiter
der Wirtschaftsgruppe Maschinenbau für das
gesamte Deutsche Reich und Leiter der Be-
zirksgruppe Sachsen, seit 1936 Wirtschafts-
kammer Sachsen, Abteilung Industrie. Er war
seit mindestens 1935 Mitglied im Außenhan-
delsrat und im Handelspolitischen Ausschuss
der Reichsgruppe Industrie. Außerdem gehörte
er mindestens seit 1934 zum Vorstand des
Reichskuratoriums für Technik in der Land-
wirtschaft. 1935 berief ihn der Präsident der
Industrie- und Handelskammer Leipzig in den
gebildeten Beirat der Kammer.
Infolge dieser Funktionen beinhaltet der Be-
stand Überlieferungen aus allen diesen Ein-
richtungen zur Entwicklung der Industrie im
Deutschen Reich und im Bezirk Sachsen. Er
hilft damit, kriegsbedingte Lücken zu schließen.
Hervorgehoben werden soll auf Reichsebene
die Korrespondenz mit der Reichsgruppe In-
dustrie bis 1943 und die „Mitteilungen für die
Mitglieder der Reichsgruppe Industrie“ von
1942 bis 1944 mit zum Beispiel Anweisungen
zur Bezahlung und zum Transport von Kriegs-
gefangenen und Zwangsarbeitern, aber auch
die Korrespondenz von Otto Sack als Leiter
der Wirtschaftsgruppe Maschinenbau 1934
bis1945 (über 20 Bände, z. B. zu Fragen des Ex-
ports in die Sowjetunion und in osteuropäische
Länder). Auf Bezirksebene ist die Korrespon-
denz der Bezirksgruppe bzw. der Abteilung In-
dustrie in der Wirtschaftskammer Sachsen von
1935 bis 1940 ähnlich umfangreich überliefert.
Themen sind wieder Export und Rohstoffver-
sorgung, aber auch die Sicherung von Perso-
nal durch Lehrlingsausbildung und Bildung
des Fördervereins Ingenieurschule Mittweida,
Überlegungen zur Industrieverlagerung in die
neuen Ostgebiete, zum Elbe-Donau-Kanal als
Verbindungskanal von Schlesien nach Sachsen
und zur Zukunft der Technischen Messe in
Leipzig. Für die Industrie- und Handelskammer
sind Wochen- und Monatsberichte über die
Tätigkeit 1935 bis 1942 und Korrespondenz
1935 bis 1937 zu nutzen.
Mit dem Archivgut der Firma „Rud. Sack“
steht eine dichte Überlieferung zur Industrie-
geschichte zur Verfügung, die die Bedeutung
der Stadt Leipzig als Industriestandort ein-
drucksvoll dokumentiert.
Dolores Herrmann
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)
Kataloge Rud. Sack 1881 und 1878 (SächsStA-L, 20793 Rud. Sack, Landmaschinenbau, Leipzig, Nr. 653)
Katalog Rud. Sack Leipzig für Schlepperpflüge, 1936
(SächsStA-L, 20793 Rud. Sack, Landmaschinenbau,
Leipzig, Nr. 460)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 3
„Das Fräulein vom Amt …“ –
Bestände zu drei Jahrhunderten Leipziger
Postgeschichte elektronisch erschlossen
Das Staatsarchiv Leipzig konnte zum Tag der
Archive 2020, der unter dem Motto „Kommu-
nikation. Von der Depesche bis zum Tweet“
stand, vielfältige Archivalien zur Postgeschich-
te in einer kleinen Ausstellung und in einem
Vortrag präsentieren. Pünktlich zum Termin
waren alle Findmittel der Postbestände des
Staatsarchivs Leipzig elektronisch erfasst:
Das Oberpostamt Leipzig hatte seit dem Ende
des 17. Jahrhunderts die Aufsicht über das
Postwesen in den sächsischen Erblanden inne.
Ab 1816 war die Leipziger Behörde auch für
den Bereich des aufgelösten Oberpostamts
Bautzen zuständig. Die 1843 in Oberpostdirek-
tion (OPD) Leipzig umbenannte Behörde wurde
1868 in das Postwesen des Norddeutschen
Bundes und 1871 in das des Deutschen Rei-
ches eingegliedert. 1872 wurde für die Kreis-
hauptmannschaften Bautzen und Dresden
eine selbständige OPD Dresden und 1897 für
die Kreishauptmannschaft Zwickau die OPD
Chemnitz gegründet.
Der überwiegende Teil der Unterlagen ent-
stand zum Ankauf, zur Vermietung und dem
Dienstbetrieb von Postgebäuden und -räumen,
die als Postexpeditionen, Briefsammelstellen
und Postämter eingerichtet wurden, sowie
zur Einstellung und Beschäftigung des Per-
sonals.
Darüber hinaus sind von der Behördenverwal-
tung und zu allen Arbeitsgebieten der Post,
zum Telegrafen- und Fernschreibwesen, zum
Fernsprech- und Geldverkehr und zum Zei-
tungswesen Unterlagen überliefert. Postver-
träge mit verschiedenen Ländern, die Einrich-
tung von Postverbindungen, die Nutzung von
Postkutschen, der Eisenbahn, Kraftfahrzeugen
und Schiffen dokumentieren die Beförderung
von Post und Reisenden. Erwähnenswert sind
die Reisen des Königs von Sachsen, die durch
die zuständigen Postämter (Bereitstellung von
Pferden und Personal) organisiert wurden.
Zum 1. Januar 1953 erfolgte die Umbenennung
der OPD Leipzig in Bezirksdirektion Post- und
Fernmeldewesen (BPF) Leipzig. Die BPF Leipzig
war ab diesem Zeitpunkt für den Bezirk Leipzig
zuständig.
Zu ihren Aufgaben gehörten neben der Post-
beförderung auch die Nachrichtenübermitt-
lung, der Postzeitungsvertrieb, der Postscheck-,
Postspargiro-, Postsparkassen- und Geld-
übermittlungsdienst, die technische Siche-
rung der Übertragung und Ausstrahlung von
Programmen des Rundfunks und des Fernse-
hens, Aufgaben für den Funkdienst, Einrich-
tung, Betrieb und Instandhaltung von Anla-
gen des Post- und Fernmeldeverkehrs sowie
die Unterhaltung von Lotto-Annahmestellen.
Der BPF Leipzig unterstanden die Post- und
Fernmeldeämter, das Fernmeldebauamt, die
Hauptpostämter (HPÄ) und das Bahnpostamt
Leipzig, den HPÄ wiederum die Postämter und
Poststellen sowie die Orts-, Fernamts- und
Bestand
Laufzeit
Umfang
20182 Oberpostdirektion
Leipzig
1766–1945
53,05 lfm Akten, 140 Fotos,
592 Karten und Pläne
20305 Deutsche Post,
Bezirksdirektion Leipzig
(1615–1660,
1810–1836)
1837–1991
45,02 lfm Akten, 4.419 Fotos,
1.421 Karten und Pläne
Postamt Döbeln, um 1900 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 20305 Deutsche Post, Bezirksdirektion
Leipzig, Nr. 1917)
Einführung der Postleitzahlen 1966 (SächsStA-L, 20305
Deutsche Post, Bezirksdirektion Leipzig, Nr. 1372)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 4
Telex
vermittlungsstellen. Zum 1. Juli 1964
wurde die BPF Leipzig in Deutsche Post, Be-
zirksdirektion (BDP) Leipzig umgebildet.
In einer umfangreichen Sammlung, die in
der Bezirksdirektion Leipzig angelegt wurde,
dokumentieren ca. 4.500 Fotos, Chroniken,
Manuskripte und Zeitungsartikel, Zeichnun-
gen, Karten und Pläne, Druckschriften so-
wie eine Materialsammlung anschaulich die
Geschichte der Deutschen Post vorwiegend
in Mitteldeutschland in einem Zeitraum von
mehr als 300 Jahren. Eine Besonderheit ist die
Überlieferung der beim Neubau der Hauptpost
im Jahre 1964 geborgenen Zeitzeugnisse, u. a.
eine gedruckte Königlich-sächsische Post-Taxe
von 1823 sowie Konventionstaler Sachsens
von 1831 und 1836.
Frauen nicht nur hilfsweise ihren Männern
zur Hand gehen, sondern auch kleinere Post-
anstalten selbständig verwalten, allerdings
nicht den Geldverkehr übernehmen dürfen.
Diese Informationen haben sicherlich dazu
beigetragen, dass die Postschreiberin Isidore
Marie Grützner aus Wilsdruff eine Ausbildung
im Postwesen absolvieren konnte und 1867 zur
Prüfung zugelassen wurde. Sie schloss diese
mit „gut“ ab. Dennoch blieb ihr die Leitung ei-
ner Poststelle verwehrt, denn das Finanzminis-
terium in Dresden untersagte im gleichen Jahr
„... die Anstellung von Frauen zur selbständigen
Verwaltung von Poststellen“.
Ein grundlegender Wandel trat erst mit der
massenhaften Nutzung des Telefons um 1890
ein. Als Fernsprechgehilfinnen zur Vermittlung
von Telefongesprächen waren Frauen gefrag-
ter, da sie „höflicher und ihre Stimmen ange-
nehmer waren“. Die junge unverheiratete Frau,
„das Fräulein vom Amt“, kam meist aus „gutem
Hause“, hatte eine solide Ausbildung und mög-
lichst auch Fremdsprachenkenntnisse. Bevor-
zugt wurden Frauen aber auch, weil sie einen
geringeren Lohn als ihre männlichen Kollegen
erhielten. Durch das „Zwangszölibat“ war die
Beschäftigung auf den Lebensabschnitt der
Frauen vor der Ehe begrenzt. Dennoch war der
Beruf so gefragt, dass der Kaiserliche Ober-
postdirektor Walter den Verkehrsämtern in
Leipzig und Umgebung in einem Rundschrei-
ben vom Oktober 1897 mitteilte: „Der Bedarf
an Fremdsprechgehilfinnen ist hier auf längere
Zeit hinaus gedeckt.“
Im Staatsarchiv Leipzig wurde durch die
elektronische Erschließung des Bestandes
Deutsche Post, Bezirksdirektion Leipzig unter
Einbeziehung von Auszubildenden und die
Retrokonversion – d. h. die Überführung des
Papierfindmittels in elektronische Form – des
Exemplarisch soll hier die Überlieferung von
Unterlagen zu den Anfängen der Beschäfti-
gung von Frauen im Postdienst untersucht
werden. Frauen arbeiteten in gewissem Um-
fang seit dem 18. Jahrhundert bei der Post.
Meist handelte es sich um Witwen von Post-
haltern, denen erlaubt wurde, die Aufgaben
ihrer verstorbenen Männer zu übernehmen,
damit sie von dem Lohn sich und ihre Kinder
ernähren konnten. Erst mit der zunehmenden
Industrialisierung in der 2. Hälfte des 19. Jahr-
hunderts wurden vermehrt Frauen in den Post-
dienst eingestellt.
Der früheste Nachweis findet sich in einer Akte
mit dem vorarchivischen Titel „Verwendung
von Frauen im Postdienste“ von 1864 bis 1867
des Bestandes 20182 Oberpostdirektion Leip-
zig (Nr. 1138). Die OPD Leipzig, damals vermut-
lich nicht zum ersten Mal mit der Frage kon-
frontiert, ob Frauen im Postdienst ausgebildet
und angestellt werden können, richtete am
3. Dezember 1864 Schreiben an verschiedene
überregionale Ämter, u. a. die Direktion der
Großherzoglich Badischen Verkehrs-Anstalten
in Karlsruhe und das Post-Departement in
Bern, und bat um Auskunft zum Sachverhalt.
Von der schweizerischen Behörde wird in ihrem
Antwortschreiben mitgeteilt, dass durchaus
Bestandes Oberpostdirektion Leipzig 2019 die
Auskunftserteilung erheblich erleichtert. Die
Verzeichnungseinheiten sind mit Ausnahme
einiger Aktentitel mit personenbezogenen
Angaben und laufenden Schutzfristen online
recherchierbar. Bereits nach einigen Monaten
kann ein Anstieg von Anfragen und Benut-
zungen verzeichnet werden. Abbildungen
zur weltweit ersten Fernseh-Sprech-Verbin-
dung Berlin-Leipzig von 1936 bereichern die
„Schatzkammer“, eine kleine Ausstellung, die
während der Öffnungszeiten des Archivs be-
sichtigt werden kann.
Um in Zukunft die Nutzung von Archivalien
der Postbestände zu erleichtern, sollen die
fragilsten Unterlagen der Sammlungen des
Bestandes 20305 Deutsche Post, Bezirks-
direktion Leipzig digitalisiert werden.
Marion Fechner
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)
Fernsprechamt in Leipzig, um 1900 (SächsStA-L, 20305 Deutsche Post, Bezirksdirektion Leipzig, Nr. A 069)
Briefmarke Leipziger Messe 1948, nach einem Entwurf
von Erich Gruner (SächsStA-L, 20305 Deutsche Post,
Bezirksdirektion Leipzig, Nr. 605)
Postsekretärinnen, 1976 (SächsStA-L, 20305 Deutsche
Post, Bezirksdirektion Leipzig, Nr. A 141)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 5
Polizeiausbildung in Sachsen – Überlieferungen
in Personalakten des Staatsarchivs Chemnitz
Anhand eines biografischen Beispiels möchte
der Beitrag zeigen, dass ältere Personalakten
mehr Informationen enthalten können, als
dies heute üblich ist. Zu den Standardangaben
einer Personalakte gehören in der Regel Name,
Geburtsdatum, Wohnanschrift, Lebenslauf,
Zeugnisse, Belege über die Ausbildung, die
berufliche Entwicklung, Beförderungen und
gegebenenfalls Krankheitsgeschichten so-
wie ein Lichtbild. In den Zeiten der beiden
deutschen Diktaturen wurde außerdem die
Mitgliedschaft in Parteien und Massenorga-
nisationen aktenkundig gemacht, die eine
große Rolle für den beruflichen Werdegang
spielen konnte. Erwartet wurde zudem auch
ein ehrenamtliches Engagement, das ebenso
dokumentiert wurde.
Im Bestand 30044 Amtshauptmannschaft
Flöha befinden sich einige Personalakten von
Gendarmen, Polizisten bzw. Schutzmännern.
Fünf dieser Personalakten sind auch soge-
nannte „Schulakten“ beigelegt. Sie stammen
aus dem Zeitraum 1927 bis 1934.
Gendarmerien wurden als Einrichtungen des
staatlichen Polizeiapparates aufgestellt. Sie
waren in Landgendarmeriekorps zusammen-
gefasst. Aus dem früheren Gendarm wurde der
Kommunal- oder Gemeindepolizist. Zwischen
1918 und 1933 vollzogen sich schließlich grö-
ßere Umstrukturierungen und Aufgabenum-
verteilungen. Teil dieser Professionalisierung
und der damit einhergehenden Vereinheit-
lichung der Polizeiarbeit ist die Verbesserung
der Ausbildung, der zunehmend Bedeutung
beigemessen wurde. Anhand der genannten
Schulakten wird diese Ausbildung nicht nur
abstrakt abgebildet, sondern der Ablauf der
Polizeiausbildung lässt sich darüber persona-
lisiert nachvollziehen und in die Gesamtbio-
grafie der Polizisten einordnen.
Die Ausbildung und der Werdegang eines
sächsischen Polizisten soll beispielhaft anhand
der Personalakte des Gendamerieoberwacht-
meisters Kurt Erich Haubold nachgezeichnet
werden.
Die Personalakte von Kurt Erich Haubold
(Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chem-
nitz, 30044 Amtshauptmannschaft Flöha, Nr.
4887) umfasst 36 Seiten Hauptakte und 186
Seiten Schulakte. Letztere dokumentiert den
theoretischen Teil der recht anspruchsvollen
Ausbildung. Aus der Hauptakte kann man zum
Werdegang entnehmen, dass Haubold am
1. Januar1909 im sächsischen Freiberg gebo-
ren wurde. Angaben zum Elternpaar sind keine
enthalten. Er erlernte zuerst den Beruf eines
Gerbers. Bei der Schutzpolizei wurde er am
22. April 1929 eingestellt und am 1. April 1931
zum Gendarmeriewachtmeister befördert. 5 ½
Jahre später stieg er zum Oberwachtmeister
auf. Im gleichen Zusammenhang erfolgte seine
Verbeamtung.
Haubold lebte und arbeitete zunächst in Riesa
und wurde 1934 nach Rodewisch und drei Jah-
re später in den kleinen Ort Niederwiesa (4.500
Einwohner) bei Flöha versetzt. In Rodewisch
heiratete er Gerda geb. Taupitz und wohnte
in der dortigen „Gendarmerie-Siedlung“. Aus
dem Jahr 1936 ist eine Beurteilung überlie-
fert, in der seine Arbeit wie folgt eingeschätzt
wird: „Haubold ist geistig und körperlich gut
veranlagt. Sein mündlicher und schriftlicher
Gedankenausdruck ist gut. Als Wacht- und

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 6
Streifenbeamter bezw. Streifenführer versieht
er seinen Dienst sehr gewissenhaft. Seine
Tätigkeiten während der Streifengänge sind
recht gut. Sein Verhalten Vorgesetzen gegen-
über ist einwandfrei.“ Als besondere Bemer-
kung ist hinzugefügt: „ist im Reiten ausgebil-
det.“ Haubold musste sich im März 1936 einer
amtsärztlichen Untersuchung unterziehen.
Beschrieben wird er als „kräftig, mit derber
Muskulatur, gesunder Haut und mittelfett“.
Im Bericht sind auch seine Körpermaße detail-
liert angegeben. Im Dezember 1936 erfuhr er
von seiner Versetzung nach Niederwiesa: „…
wird unter dem 1.1.1937 zum Gend.-Posten
Niederwiesa (Ah. Flöha) versetzt“. Aus der
Personalakte geht auch hervor, dass er 1936
in der Besoldungsgruppe 10 a Sonderstaffel
ein Grundgehalt von 2.040 Reichsmark und
348 Reichsmark Wohnungsgeldzuschuss er-
hielt. Zudem wurden ihm anlässlich der Geburt
eines Sohnes einmalig 100 Reichsmark über-
wiesen. Am 30. November 1938 wurde ihm
durch Amtshauptmann Dr. Kalkoff die Poli-
zeidienstauszeichnung 3. Stufe verliehen. 1939
enden die Eintragungen in der Personalakte.
Die Schulakten dokumentieren den theoreti-
schen Teil der Ausbildung, die in zwei Stufen an
den Landespolizeischulen Meißen (Vorstufe)
und Riesa (Hauptstufe) zu absolvierten war.
Erich Haubold bestritt den ersten Teil vom
6. Mai 1929 bis 17. März 1930 in Meißen, dem
sich der zweite Teil vom 1. April 1930 bis 14. Fe-
bruar 1934 in Riesa anschloss.
In der Schulakte Haubolds befinden sich die
Aufnahme-, Zwischen- und Abschlussprü-
fungsarbeiten der Vorstufe, die Arbeiten der
Hauptstufen I und II und die anspruchsvollen
Jahresabschluss- und Endprüfungs- sowie
weitere Prüfungsarbeiten. In der Aufnahme-
prüfung berichtete Polizeianwärter Haubold
über seine frühere Berufstätigkeit, musste eine
Reihe von Rechenaufgaben lösen und Silben in
den Aufsatz „Warum Hund und Katze einan-
der so feind sind“ einfügen. Im Rahmen einer
Vierteljahresarbeit beschäftigte sich Haubold
beispielsweise im Fach Deutsch mit dem The-
ma „Wie ich die Meißner Jahrtausendendfeier
erlebt habe“, im Fach Polizeifachkunde mit dem
Thema „Wie entstand der Landtag und welche
Aufgaben hat er?“. In der dritten Vierteljahres-
arbeit war eine praktische Aufgabe zu lösen.
Er hatte einen Strafantrag auszuarbeiten und
dabei eine Skizze anzufertigen. In der Prüfung
zum Abschluss der Vorstufe bearbeitete er das
Thema „Die verschiedenen Arten des Diebstah-
les an Beispielen erläutert“. Sie wurde mit „2 b“
benotet. In Polizeifachkunde musste er sich
mit Anzeigen und dem dazugehörigen Bericht
beschäftigen. Das Gesamturteil der Prüfungs-
kommission lautete für Haubold „gut“.
Der zweite Teil der Ausbildung erfolgte an der
Landespolizeischule in Riesa. 1930 hatte Hau-
bold zwei Hausarbeiten abzuliefern, u. a. einen
Fallbericht mit Skizze. Im Januar 1931 folgte
eine Klassenarbeit über einen Rechtsverstoß,
die wiederum in Berichtsform zu verfassen
war. Neben Arbeiten in Deutsch, Rechnen und
Polizeifachkunde mussten die Anwärter auch
Aufgaben im Fach Erdkunde lösen. Abgefragt
wurden Kenntnisse zu den wirtschaftlichen
Verhältnissen in den Niederlanden und Belgi-
en, zur Geographie Frankreichs und zur engli-
schen Industrie. Im Fach Geschichte referierte
er zum Thema „Die Finanzen des Reiches“, was
mit „2 a“ benotet wurde. Ein ähnlicher Ablauf
ist für das Jahr 1931 dokumentiert. In einer
Hausarbeit hatten die Anwärter „… Bericht
über einen Ihrer letzten Einsätze“ zu erstatten.
Haubold wählte einen Einsatz des Überfall-
kommandos am 18. September 1931 bei einem
„Zigeunertransport von Riesa nach Dahlen“,
der u. a. Rückschlüsse auf sein persönliches
Meinungsbild zulässt. Er bemerkt darin, dass
die „Zigeunerbande“ aus „35 Erwachsenen
und 6 Kindern, neben 9 Transportwagen mit
13 Pferden“ bestand. Im März 1932 waren
Vorprüfungen angesagt und Haubold musste
eine Nachschrift bzw. einen „Deutschen
Aufsatz“ nach Wahl erstellen. Die Bearbei-
tungsdauer war mit drei Stunden angesetzt.
Rechnen und Formenlehre schlossen sich an
(zwei Stunden). Geprüft wurden in diesem

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 7
Monat auch die Kenntnisse der Anwärter in
Geschichte und Staatsbürgerkunde (andert-
halb Stunden). Im Mittelpunkt standen dabei
Themen zu geschichtlichen Ereignissen im
19. Jahrhundert, zur Stellung des Reichs-
präsidenten sowie zur Stellung der Reichs-
bank zur deutschen Währung. Nach dem
Abschluss der Vorprüfungen wurden diese
im März 1932 als „Anstellungsprüfung“ be-
Die restlichen Seiten der „Schulakte“ des Erich
Haubold befassen sich mit Fallbeispielen und
den dazu gehörigen Erläuterungen. Die End-
prüfung fand im Februar 1934 statt. Dabei war
ein Fall aus dem praktischen Polizeidienst zu
bearbeiten. Die Bearbeitungsdauer wurde mit
drei Stunden angegeben und als Hilfsmittel
das „Gendarmerielehrbuch“ zugelassen. Erich
Haubold schloss seine Polizeiausbildung mit
der Gesamtnote „II b“ ab.
In den „Schulakten“ wird leider nichts über den
praktischen Teil der Polizeiausbildung berichtet.
Aus einem Beitrag von Thoralf Grau im Meißner
Tageblatt vom 20. Oktober 2014 erfahren wir,
dass die Landespolizeischule Meißen dafür u. a.
den Schießstand in Neusörnewitz nutzte und
Handgranatenübungen im Spaargebirge und
in den Sandgruben an der Großhügelstraße
durchführte. Für kleinere Geländeübungen soll
ein auf der Karlshöhe gepachtetes Areal zur
Verfügung gestanden haben. Größere Übun-
gen erfolgten indes auswärts (bspw. in Borna
bei Leipzig). „Trainiert“ wurde auf Fahrrädern,
für Sondereinsätze wurden Fahrzeuge und
Busse durch die Kraftverkehrsgesellschaft
Sachsen bereitgestellt. Der Sportunterricht soll
nach Heeresdienstvorschrift gestaltet worden
sein. Gelehrt wurden Polizeitransportgriffe,
Selbstverteidigung, Boxen und Schwimmen.
Es gab Freiübungen und Turnen. Im fortge-
schrittenen Stadium wurde der Häuserkampf
geübt. Ab 1922 sollen auf dem Exerzierplatz
der Kaserne Sportfeste durchgeführt worden
sein, die bei der Meißner Bevölkerung großen
Zuspruch gefunden hätten. Im Juli 1930 wurde
ein größerer Sportplatz außerhalb der Kaserne
eingeweiht. Die gesamte Ausbildung wurde mit
„militärischer Härte durchgeführt“, „Ausbilder
[waren] meist ehemalige Berufssoldaten“. Ab-
solventen der Sächsischen Landespolizeischule
sollen auch bei Sondereinsätzen teilgenom-
men haben (politische Unruhen, verbotene
Demonstrationen).
Neben der Personalakte von Erich Haubold
befinden sich vier weitere im Bestand 30044
Amtshauptmannschaft Flöha:
Nr. 4908: Werner Reißig, Gendarmerie-
oberwachtmeister in Augustusburg
Nr. 4899: Franz Michaelis, Gendarmerie-
meister in Marbach
Nr. 4897: Herbert Lang, Gendarmeriemeister
in Dittersdorf
Nr. 4896: Bernhard Jehne, Gendarmerie-
hauptwachtmeister in Flöha
Karsten Seifert
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Chemnitz)
urkundet. Haubold wurde mit „II b“ benotet.
Eine Klassenarbeit im August 1932 befasste
sich mit der Thematik „Beschlagnahme und
Freiheitsentziehung“. Außerdem musste
eine Skizze zu einem Diebstahlsfall ange-
fertigt werden. Ein halbes Jahr darauf war
in einer Hausarbeit ein Kraftfahrzeugunfall
zu dokumentieren und wieder eine Skizze zu
fertigen.

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 8
„nicht [...] wie der trockene Historiker“ – Tagebücher
aus dem Bestand 22507 Lebensdokumente
Im September 2018 waren dem Sächsischen
Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig (SächsStA-L)
in einer privaten Abgabe, durch Vermittlung
des Bergarchivs Freiberg, Unterlagen der Fa-
milie Roediger angeboten worden. Darunter
befanden sich neben Stammtafeln der Fami-
lie auch die Tagebücher von Georg Roediger
jun., einem Leipziger Kaufmann und Maschi-
nenbaufabrikanten. Zusammen mit weiteren
personenbezogenen Quellen waren sie der
Anlass zur Bildung des Bestandes „22507 Le-
bensdokumente“, der die Möglichkeit bietet,
Zeugnisse von Einzelpersonen und Familien
aufzunehmen, welche durch ihren begrenzten
Umfang die Anlage eines eigenen Bestandes
nicht rechtfertigen. Gerade im Referat 33,
Deutsche Zentralstelle für Genealogie/Son-
derbestände, im Staatsarchiv Leipzig ist das
kein seltenes Phänomen. Die Auszubildenden
zu Fachangestellten für Medien- und Infor-
mationsdienste in der Fachrichtung Archiv
des zweiten Ausbildungsjahres, Benjamin
Hanke und Jan Hunger, haben die Tagebücher
Roedigers im September 2019 neben weiteren
Tagebüchern, Fotobüchern und Dokumenten-
sammlungen erschlossen und technisch be-
arbeitet.
Georg Roediger jun. lebte von 1866 bis 1946.
Er wurde in Leipzig geboren und verbrachte
sein ganzes Leben in dieser Stadt. Als Sohn
eines Kaufmanns folgte er dem Vorbild seines
Vaters und schlug ebenfalls diese Laufbahn
ein. Zur Ausbildung ging er nach Antwerpen
und London. Nach zwei Bildungsreisen durch
Süd- und Nordamerika kehrte er 1891 nach
Leipzig zurück und arbeitete in der väterlichen
Firma Roediger & Davignon als Prokurist. Spä-
ter war er Mitbegründer der Maschinenfabrik
Paul Franke & Co. für Bonbon- und Schoko-
ladenmaschinen und arbeitete dort bis 1931.
Ausgehend von dem Namen Georg Roediger
findet man Informationen zu ihm und sei-
ner Familie in der Leipziger Meldekartei des
Polizeipräsidiums Leipzig (SächsStA-L, 20031
Polizeipräsidium Leipzig, Nr. PP-M 1007). Auch
seine Firma ist in den Register- und Konkurs-
akten des Amtsgerichts Leipzig (SächsStA-L,
20124 Amtsgericht Leipzig, Nr. 19527 – Nr.
19529, Nr. 29815) dokumentiert. Diese Unter-
lagen werden nun durch seine privaten Auf-
zeichnungen ergänzt und lassen seine eigene
Stimme sprechen.
„[...] ein Tagebuch, in welchem ich nicht nur,
wie der trockene Historiker, einfach die Ge-
schehnisse notiere [...]“ (SächsStA-L, 22507
Lebensdokumente, Nr. 6). Diesen Grundsatz
stellte Georg Roediger jun. den im Januar 1890
in Antwerpen begonnenen Tagebüchern voran.
Er wollte seine Gedanken und Gefühle dar-
legen und „sich einmal ganz aussprechen“
(ebd.). Er schilderte seinen Alltag in der Fa-
milie, Erlebnisse auf seinen Ausbildungs- und
Geschäftsreisen, Urlauben und Kuren, später
dann sein eigenes Familienleben. Besondere
Ereignisse wie seine Hochzeit mit Maria Hillig
1895 und die Geburten seiner sechs Kinder,
aber auch tragische Ereignisse wie der Tod von
Familienangehörigen – all dies findet sich in
den sieben Tagebüchern für den Zeitraum von
1889 bis 1908.
Der politisch interessierte Roediger kommen-
tierte auch historische Ereignisse. Zum 2. Bu-
renkrieg (1899–1902) schrieb er am 6. No-
vember 1899: “Das Tagesgespräch bildet jetzt
der Krieg zwischen Transvaal & England & es
herrscht allgemeiner Jubel über die Siege der
Buren die vor wenigen Tagen dem allmächti-
gen England eine große Niederlage zugefügt
haben [...]. Hoffentlich geht es so weiter!“. Und
am 14. Dezember 1899: „Die Sympathien sind
natürlich überall nur auf Seiten der um ihre
Freiheit und Existenz kämpfenden wackeren
Buren [...]“ (SächsStA-L, 22507 Lebensdoku-
mente, Nr. 38).
Ein weiteres Ereignis, das der Kaufmann be-
schreibt, ist die Weltausstellung in Paris, die er
im August 1900 mit seiner Frau Maria besuch-
te. Der mehrtägige Aufenthalt wurde neben
der Weltausstellung auch für Geschäftstreffen
und kulturelle Unternehmungen genutzt (u. a.
Besuch des Moulin Rouge und der Vorführung
des „Tannhäuser“ in der Grand Opéra). Dies
schildert Roediger ausführlich und mit großem
Interesse. Er schrieb zum Beispiel: „Der Blick
von der Pont Alexandre auf die an der Seine
entlang führende Rue des Nations mit ihren
z. T. pompösen Gebäuden & dann weiter hinein
in das Häusermeer der Ausstellung überragt
von dem eleganten & doch so gewaltigen Eif-
felturm (den sich allerdings Maria noch höher
gedacht hatte) ist wirklich überwältigend“
(SächsStA-L, 22507 Lebensdokumente, Nr. 39).
Auf der Rückreise mit dem Zug schreibt er
augenzwinkernd über die Grenzkontrollen:
„[...] um 5 Uhr an der deutschen Grenze ge-
stört, wobei die guten Deutschen natürlich
die Zollrevision so umständlich wie möglich
machen, wie man das ja nicht anders gewöhnt
ist“ (ebd.).
Auch historische Persönlichkeiten wie Otto
von Bismarck wurden kommentiert, erst
dessen Entlassung aus der Politik 1889, sein
80. Geburtstag und schließlich der Tod 1898.
Aus letzterem Anlass schrieb Roediger: „[Es]
ist der gewaltigste, deutscheste Deutsche zu
Friedrichsruh gestorben & mit ihm der letzte
Held aus Deutschlands großer Zeit.“ (Sächs-
StA-L, 22507 Lebensdokumente, Nr. 38).
Man spürt auch an anderen Stellen den Geist
des deutschen Kaiserreiches um 1900. Mit
Stolz berichtet er von seiner Berufung zum
„Second-Lieutenant der Reserve im 1. Feld-
artillerie Regiment Nr. 12“ (SächsStA-L, 20057
Lebensdokumente, Nr. 36) und der Teilnahme
an Übungen und einem Kaisermanöver. Und
völlig unvermittelt liest man über den Som-
merurlaub 1899 in Tirol: „Nach ½ stündigen
Aufenthalt fuhren wir weiter nach dem Starn-
berger See, wo wir in Tutzingen einen Zug
übersprangen & im Hôtel Simson unter 90 %
Juden zu Mittag aßen“ (ebd.).
Die Tagebücher und die anderen Stücke im Be-
stand Lebensdokumente bilden eine wertvolle
Ergänzung zu dem staatlichen Archivgut in un-
serem Haus. Sie bieten die Möglichkeit, an der
Seite eines Chronisten seiner Zeit beinahe 20
Jahre in Folge sowohl die persönliche als auch
die gesellschaftliche Entwicklung, mit beson-
derem Fokus auf Leipzig, nachzuempfinden.
Zudem geben die Aufzeichnungen Roedigers
einen guten Einblick in das Wirtschaftsleben
der Zeit um 1900 und die Wirtschaftsge-
schichte von Leipzig. Generell haben seine
Heimatstadt und das gesellschaftliche Leben
(Konzerte des Gewandhausorchesters, Bälle
und Theaterbesuche) einen prominenten Platz
in diesen Bänden. Einen besonderen Höhe-
punkt bildet die Schilderung eines Besuches
im Atelier von Max Klinger im Februar 1899:
„Seine Sculpturen sind ja wundervoll, seine
Gemälde aber kann ich nun mal mit dem bes-
ten Willen nicht schön finden“, und über die
Beethoven-Skulptur folgt: „Obgleich ich glau-
be, daß der gute Beethoven niemals in seinem
Leben so dagesessen hat [...] so ist doch die
Ausführung der Einzelheiten bei Klingers Werk
sehr interessant & künstlerisch“ (SächsStA-L,
22507 Lebensdokumente, Nr.38).

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 9
Die Tagebücher enden mit dem Satz: „Und so
schließe ich dann dieses Buch & einen Ab-
schnitt von nahezu 20 Jahren meines Lebens
mit der Bitte zu Gott: Gib mir auch weiterhin
das stille höchste Glück, das du mich finden
ließest in meinem Heim, in meinem Weib, in
meinen Kindern!“ (SächsStA-L, 22507 Lebens-
dokumente, Nr. 40).
Wir hoffen, dass noch weitere spannende
Quellen dieser Art den Weg in die „Lebens-
dokumente“ finden werden, um sie der inter-
essierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen
zu können.
Jan Hunger
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)
Erster Eintrag Roedigers (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 22507 Lebensdokumente, Nr. 06)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 10
Die sorbische Autonomiebewegung 1919/20
im Spiegel archivischer Quellen
Im Jahr 2019 wurde hierzulande vielfach an
den einhundertsten Jahrestag der Gründung
des Freistaates Sachsen erinnert. Allerdings
war es nur ein „Vorläufiges Grundgesetz
für den Freistaat Sachsen“, welches die am
28. November 1918 erstmalig in allgemeinen,
gleichen, unmittelbaren und geheimen Wah-
len von Männern und Frauen (!) gewählte
„vorläufige Vertretung des gesamten Volkes“
zum 25. Februar 1919 in Kraft setzte. Lediglich
„vorläufig“ sollte dieses Grundgesetz deshalb
gelten, weil die konzeptionellen Arbeiten an
einer neuen Verfassung Zeit brauchten (erst
im April 1920 legte die sächsische Regierung
einen entsprechenden Entwurf vor), und weil
die außen- und innenpolitischen Verhältnisse
sowohl im Reich als auch in Sachsen höchst
unbestimmt waren. So gab es im Februar 1919
in Leipzig einen Generalstreik, im April legten
dann die Arbeiter des Zwickauer Steinkoh-
lereviers die Arbeit nieder und nachdem der
sächsische Kriegsminister Gustav Neuring
am 12. April 1919 von einem Mob ermordet
worden war, verhängte die Reichsregierung
den Belagerungszustand über Sachsen und
ließ Leipzig besetzen. Währenddessen beriet
in Paris die Friedenskonferenz über das Ende
des Weltkrieges und wirkte damit maßgeblich
auf die weitere Entwicklung im Reich ein. Nach
dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages
folgten im März 1920 ein Putsch reaktionärer
Militärs (Kapp-Lüttwitz-Putsch), die Flucht der
Reichsregierung (zuerst nach Dresden) und
sodann ein blutiger reichsweiter Generalstreik.
Der junge Freistaat Sachsen war also anfangs
ein provisorisches und höchst fragiles Gebilde.
Angst vor einer tschechoslowakischen
Invasion Sachsens
Zur bürgerkriegsähnlichen Situation in den
streikenden Großstädten hinzu kam die Ent-
wicklung im Südosten des Landes, wo jenseits
der Grenze mit der Habsburgermonarchie die
alte Ordnung zusammengebrochen war. Die
aufflammenden Nationalitätenkämpfe in Böh-
men ließen nicht nur zahlreiche Flüchtlinge
über die sächsische Grenze strömen, sondern
die Militärführung auch ein Übergreifen der
Kämpfe auf sächsisches Gebiet befürchten.
Die Truppenbewegungen der neu aufgestellten
tschechoslowakischen Armee wurden durch
sächsisches Militär genau beobachtet, welches
eine sorbische Sezessionsbewegung und eine
bewaffnete tschechoslowakische Intervention
in der Lausitz fürchtete. Daher setzte die Re-
volutionsregierung die beschlossene Demobili-
sierung vorerst aus. An der Grenze zu Böhmen
wurden die militärischen Grenzschutzeinhei-
ten nicht aufgelöst, sondern während der
allgemeinen Demobilisierung mit Freiwilligen
aufgefüllt und mit schwereren Waffen aus-
gerüstet. Die befürchtete Konfrontation blieb
allerdings aus, in die Kämpfe zwischen tsche-
chischen und deutsch-böhmischen Verbänden
wurde nicht eingegriffen, die Verletzung der
tschechoslowakischen Grenze überhaupt ver-
mieden und auch der gemutmaßte sorbische
Aufstand oder eine tschechoslowakische In-
tervention in der Lausitz fanden nicht statt.
Sorbische Sezessionsbewegung
Die Angst vor einer sorbischen Unabhängig-
keitsbewegung kam in Sachsen auf, als im
Machtvakuum des deutschen Zusammen-
bruchs im November 1918 im sächsischen
Bautzen einige sorbische Persönlichkeiten ei-
nen „Wendischen Nationalausschuß“ (Serbski
Narodny Wubjerk) gegründet hatten. Die Initi-
ative ging maßgeblich von Arnošt Bart (auch
Bart-Breˇzyncˇanski, deutsch: Ernst August
Barth, 1870–1956) aus. Er war ein in Litten
bei Bautzen geborener Sorbe, der sich bereits
vielfach für die sorbische Minderheit in Sach-
sen engagiert hatte. Seit 1911 war er Mitglied
der II. Kammer des Landtags des Königreichs
Sachsen, wo er wiederum vor allem für die kul-
turellen und sozialen Belange der sorbischen
Landbevölkerung eintrat. Bart begann, für den
Nationalausschuss zu werben und formulierte
erste programmatische Aussagen. Zuerst
forderte der Nationalausschuss eine Teilauto-
nomie für die sorbische Bevölkerung innerhalb
Deutschlands mit kirchlicher, schulischer, wirt-
schaftlicher und politischer Selbstverwaltung
sowie kultureller Selbstständigkeit. Dann wur-
de die Programmatik sorbisch-ethnozentrisch,
überwölbt von christlichem Pathos und klein-
bürgerlich-romantischen Wertvorstellungen.
Die Moderne und die revolutionären Verhält-
nisse wurden abgelehnt. In kürzester Zeit radi-
kalisierte sich die Bewegung und die Forde-
rungen verloren jedes Maß; eine Vereinigung
der zwischen Preußen und Sachsen geteilten
Lausitz, Gründung eines selbstständigen lau-
sitzisch-sorbischen Staates, ein Anschluss an
den neuen tschechoslowakischen Staat und
schließlich die Zulassung als Partei auf der
Pariser Friedenskonferenz lauteten 1918/19
die Kernforderungen.
Wie groß Barts Rückhalt in der Lausitz, res-
pektive unter der sorbischstämmigen Bevöl-
kerung der Lausitz war, ist ex post schwer zu
beurteilen. Seine Bewegung hat keine Register
hinterlassen und sich auch nie öffentlichen
Wahlen gestellt. Er und seine Mitstreiter war-
ben aber mit großem Eifer öffentlichkeitswirk-
sam für ihre Anliegen. Zugleich versuchten sie,
mit den sächsischen Behörden in der Lausitz
über alltägliche Angelegenheiten der Sorben
zu verhandeln (dies betraf insbesondere Fra-
gen des Schulunterrichts).
Zur Jahreswende 1918/19 brachen dann Bart
und seine Mitstreiter aus den üblichen Bahnen
sächsischer Provinzpolitik aus. Am 6. Januar
fuhr sein Mitstreiter Jan Bryl (Pseudonym Ser-
bin, deutsch: Johannes Brühl, 1879–1921) mit
der tschechoslowakischen Delegation zur Frie-
denkonferenz nach Paris; Bart folgte ihm am
25. Januar. Beide reisten mit tschechoslowaki-
schen Papieren via Prag – ein Umstand, der
ihnen später zum Verhängnis werden sollte.
Es ist nicht bekannt, ob beide eine genaue
Vorstellung von ihrer Mission hatten. Vielleicht
hatten sie erkannt, dass in diesen Monaten
überall in Europa Nationalbewegungen erfolg-
reich Autonomierechte, Regionen und ganze
Staaten für sich reklamierten. Warum sollte
den Sorben nicht gelingen, was Dänen, Polen
oder Litauern zulasten Deutschlands gerade
gelungen war? Die Friedenskonferenz muss
nur entsprechend entscheiden. So oder ähn-
lich mögen Bart und Bryl gedacht haben, als
sie nach Paris aufbrachen. Dort versuchten
die beiden, direkt zu den Hauptsiegermächten
Kontakt aufzunehmen. Und es gelang ihnen
tatsächlich, über die Delegation des Vereinig-
ten Königreichs auf ihr Anliegen aufmerksam
machen, so dass die Friedenskonferenz sich
nachweislich mit dem Vorgang befasst hat.
Darüber hinaus und politisch sehr viel gewich-
tiger agierte die Tschechoslowakei als Unter-
stützer der sorbischen Irredenta. Anders als
die Sorben hatten Tschechen und Slowaken
aus Teilen der zerfallenen Habsburgermonar-
chie für sich einen Nationalstaat durchsetzen
können. Dieser wurde in Paris durch Minister-
präsident Karel Kramárˇ und Außenminister
Edvard Beneš vertreten, welche dort mit den

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 11
Siegermächten verhandelten. Eine besondere
Rolle bei diesen Gesprächen nahmen die Lau-
sitzer Sorben ein, für welche Beneš als poli-
tischer Fürsprecher auftrat. Zwar hatte der
Außenminister kein entsprechendes Mandat,
doch waren mit der tschechoslowakischen
Delegation namhafte sorbische Persönlichkei-
ten wie der spätere Professor für Sorabistik an
der Prager Karlsuniversität Josef Páta (1886–
1942) und der tschechische Sorabist Adolf
Cerný (Pseudonym Jan Rokyta, 1864–1952)
assoziiert, welche wiederum Arnošt Bart und
Jan Bryl beratend hinzugezogen hatten. Die
Motivation der tschechoslowakischen Ver-
treter, die sorbische Frage auf der Friedens-
konferenz zu thematisieren und dazu noch
mit den Verhandlungen über die Tschecho-
slowakei zu verknüpfen, ist unklar. Es mag
eine gewisse Verbundenheit mit dem kleinen
slawischen Nachbarvolk empfunden wor-
den sein – immerhin war Ministerpräsident
Kramárˇ ein prorussischer, jungtschechischer
Romantiker, der panslavischen Ideen zuneigte.
Maßgeblich bestimmt wurde die tschecho-
slowakische Delegation aber nicht durch den
Ministerpräsidenten, sondern durch den Au-
ßenminister. Und Beneš war zuallererst ein
Vertreter des Tschechoslowakismus und als
solcher verstand er sich sicherlich weniger
als Anwalt der Sorben, sondern hatte wohl
eher ein strategisches Interesse der Tschecho-
slowakei an der Lausitz gesehen. Tatsächlich
erhob er auch keine Ansprüche auf die Lausitz,
sondern stellte es den Siegermächten anheim,
die Lausitz der Tschechoslowakei anzugliedern,
was – wie er betonte – die Sorben angeblich
wünschten. Doch seine Vorstellungen von
einer tschechoslowakischen Lausitz wurden
von den „Großen Vier“ ebenso abgelehnt wie
andere Vorschläge für eine sorbische Autono-
mie innerhalb des Deutschen Reiches. Nicht
zuletzt der französische Ministerpräsident
Georges Clemenceau plädierte dafür, die Gren-
ze zwischen Böhmen und Deutschland so zu
belassen, wie sie vor dem Krieg gewesen war.
Diesem Vorschlag schlossen sich Lloyd George
und der amerikanische Verhandlungsführer
Edward House an. Damit hatte die Friedens-
konferenz sowohl die Idee einer unabhängigen
als auch die Idee einer tschechoslowakischen
Lausitz abschließend verworfen. Und anders
als bei vergleichbaren Fällen regionaler nati-
onaler Autonomiebestrebungen unternahm
die Friedenskonferenz auch keinen Versuch,
die tatsächliche Stimmungslage vor Ort zu
erheben und bspw. eine Volksabstimmung
durchzuführen (vergleichbar Oberschlesien
oder Westpreußen).
Nachdem im Sommer 1919 also die separa-
tistischen Ziele des sorbischen Nationalaus-
schusses gescheitert waren, versuchten Bart
und Bryl über den Völkerbund zumindest ihre
Autonomievorstellungen zu befördern. Der
offiziell noch gar nicht gegründete Völker-
bund wusste mit der Angelegenheit nicht recht
umzugehen, war aber immerhin entschlossen,
seine (vermutlich erste) Minderheitenschutz-
angelegenheit ernsthaft zu bearbeiten. Doch
Barts Appell verfing nicht und Bryl und er
kehrten einzeln via Prag nach Deutschland
zurück. Bei der Einreise nach Sachsen wurden
erst Bryl, im November dann Bart festgenom-
men. Dies geschah unter dem Vorwurf, er sei
nach Paris gefahren, um „vorsätzlich wäh-
rend eines gegen das Deutsche Reich ausge-
brochenen Krieges einer feindlichen Macht
Vorschub zu leisten und der Kriegsmacht des
Deutschen Reiches Nachteil zuzufügen“. Vom
Reichsgericht wurde er im Januar 1920 zu drei
Jahren Festungshaft verurteilt. Das Gericht
argumentierte, Bart sei ohne gültige Papiere
aus Deutschland ausgereist und habe über
die militärische Lage in der Lausitz und im
deutsch-böhmischen Grenzgebiet berichtet
und damit dem Deutschen Reich gegenüber
Frankreich – mit welchem man sich de jure ja
immer noch im Krieg befand – einen Nachteil
Konzept des sächsischen Ministeriums für Militärwesen vom 05.02.1919 über die Auf-
stellung von mobilen freiwilligen Truppen zum Schutz der sächsischen Grenzen und vor
wendischen Separationsbestrebungen. Solche Lagebeurteilungen machen anschau-
lich, wie stark dort die Gefahr eines tschechoslowakischen Übergriffs in die Oberlausitz
im Zusammenwirken mit sorbischen Separatisten empfunden wurde. (Sächsisches
Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10701 Staatskanzlei, Nr. 155, Bl. 96d)
Volkskammerdebatte am 13.03.1919 über die „Wendenfrage und Tschechengefahr“,
Protokoll der 11. Sitzung der Sächsischen Volkskammer vom 13. März 1919, https://
landtagsprotokolle.sachsendigital.de/protokolle/zeitraum-1919-1933/ (Abruf am
10.01.2019)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 12
zugefügt. In Bautzen wurden einige Unterstüt-
zer Barts zu Geld- und Haftstrafen verurteilt.
Damit waren die wenigen Aktiven des Wen-
dischen Nationalausschusses zwar eliminiert,
doch die öffentliche Wirkung dieses Urteils
war für das Reich verheerend. Den Völker-
bund in Genf erreichten mehrfach Petitionen
prominenter Persönlichkeiten, die sich für die
Verhafteten, vor allem aber für Bart, verwen-
deten. Beim Außenamt in Berlin intervenierten
zuerst der tschechoslowakische Botschafter,
dann Außenminister Beneš persönlich. Doch
während das Außenamt vom tschechoslo-
wakischen Botschafter unter Druck gesetzt
wurde und Fragen des Genfer Völkerbundes
fürchtete, waren das Justizministerium sowie
auch Reichspräsident Ebert gegen eine Be-
gnadigung – obwohl auch nach Einschätzung
der Reichsregierung der politische Schaden
beachtlich war. Erst nach langwierigen re-
gierungsinternen Abstimmungen wurde Bart
nach Verbüßung von neun Monaten Haft be-
gnadigt. Sein Wendischer Nationalausschuß
war da längst vergessen.
Die „Wenden“ als Gegenstand
deutscher Politik
Während die Gruppe um Bart und deren Auto-
nomiewünsche für die Siegermächte Episode
blieben, wurden sie im Reich und insbesondere
in Preußen und Sachsen zu einer dauerhaften
Belastung des interkulturellen Zusammen-
lebens. Als Akteure gegenüber standen sich
einerseits die Lausitzer Sorben, zivilgesell-
schaftliche Initiativen oder halbstaatliche
Organisationen der Minderheiten sowie
andererseits die öffentlichen Verwaltungen
und die deutsche Mehrheitsgesellschaft. In
Sachsen waren die Presse sowie der Landtag
der Ort öffentlicher Auseinandersetzung über
die sorbische Frage. Dort waren zwar keine
sorbischen Parteien o. ä. vertreten, gleichwohl
wurde über die Fragen der Kulturautonomie
und die separatistische Bewegung lebhaft ge-
stritten. Die parlamentarische Debatte war al-
lerdings einseitig. Für sorbische Belange erhob
kaum jemand die Stimme, allenfalls überboten
sich Abgeordnete und Regierungsvertreter mit
nationalistischen und chauvinistischen Tönen.
Kultusminister Wilhelm Buck, später sächsi-
scher Ministerpräsident und selbst aus einer
sorbischen Familie stammend, wies scharf
alle sorbischen Autonomiewünsche zurück
und verunglimpfte Bart als „Präsidenten des
Wendenstaates Utopia“. Andere Abgeordnete
nannten ihn gar einen wendischen „Judas“.
Immerhin machten die Landtagsdebatten aber
die Positionen sichtbar und förderten u. a. zu-
tage, dass Sachsen und Preußen vertraulich
ihre „Wendenpolitik“ koordinierten.
Denn auch wenn die separatistische Bewegung
spätestens mit der Inhaftierung einiger weni-
ger Protagonisten bereits Anfang 1920 in der
Bedeutungslosigkeit versunken war, fürchteten
die deutschen Entscheidungsträger in Politik
und Verwaltung nicht nur die – mutmaßlich
von der Tschechoslowakei gesteuerte und un-
terstützte – sorbische nationale Bewegung,
sondern schlichtweg alles Sorbische. Es gab
auf staatlicher Ebene einen breiten Konsens,
jegliche Erscheinungsformen sorbischer
Identität zu beobachten und nötigenfalls zu
restringieren. Dazu wurde nach einem ge-
meinsamen Beschluss insbesondere der Län-
der Preußen und Sachsen bei der Kreishaupt-
mannschaft (später Amtshauptmannschaft)
Bautzen eine irreguläre Organisationseinheit
installiert. Funktional war diese „Wenden-
abteilung“ weniger eine Verwaltungsstelle als
vielmehr ein Nachrichtendienst ohne jegliche
Eingriffsbefugnis. Und tatsächlich lautete ihre
erste behördeninterne Amtsbezeichnung auch
„Nachrichtenstelle“. Bei den Verantwortlichen
bestand Konsens, die Wendenabteilung solle
weitgehend konspirativ arbeiten, weswegen
die Dienststelle auch räumlich disloziert und
geheim gehalten wurde. Trotzdem war die
staatliche „Wendenpolitik“ Gegenstand von
Debatten im Sächsischen Landtag sowie der
(sorbisch- und deutschsprachigen) Presse-
berichterstattung.
Die Aufgaben der Wendenabteilung während
der Weimarer Republik beschränkten sich weit
überwiegend auf die Beobachtung sorbischer
Personen, Institutionen, deren mutmaßlicher
Interessenvertreter sowie der sorbischen Pu-
blizistik. Das stellte die Ein-Mann-Dienststelle
aber bereits vor erhebliche Schwierigkeiten,
denn deren einziger Sachbearbeiter war der
sorbischen Sprache nicht mächtig und muss-
te sich mehrerer Rentner als Übersetzer auf
Honorarbasis bedienen, um wenigstens die
eifrig gesammelten sorbischen Druckschriften
auswerten zu können. Dessen ungeachtet war
die Wendenabteilung ungemein produktiv;
regelmäßig erstellte sie umfangreiche Berich-
te zur Lage im sorbischen Siedlungsgebiet.
Deren Einschätzungen widersprachen zwar
anfangs der angenommenen Bedrohung des
Reichsverbandes durch Sorben und Tschechen,
im Laufe der Jahre (wohl auch bedingt durch
Personalwechsel in der Kreishauptmannschaft
und in der Wendenabteilung) aber radikali-
sierte sich die Dienststelle sukzessive und
produzierte geradezu obsessiv mehrheitlich
phantastische Berichte und Vorschläge. Die-
se zwischen Diffamierung und Wichtigtuerei
changierenden Elaborate der Wendenabteilung
fanden in den Verwaltungs- und Regierungs-
stellen gleichwohl weite Verbreitung – inwie-
weit sie dort gelesen und rezipiert wurden,
muss die Forschung erst noch herausarbeiten.
Akte der Wendenabteilung betr. den „ausländischen
Journalisten und Spion Fritz Wirtz“ (Sächsisches
Staatsarchiv, Staatsfilialarchiv Bautzen, 50609 Kreis-
hauptmannschaft Bautzen (Wendenabteilung), Nr. 157)
Übersetzung des Flugblatts: Proklamation an das
sorbische Volk. Der Nationalausschuss fordert auf
der Grundlage der Wilsonschen Grundsätze einen
selbstständigen Lausitzisch-Sorbischen Staat, denn
die Lausitzer Wenden sind ein besonderer slawischer
Volksstamm, der gleich anderen Völkern das Recht hat,
sich selbst seine Zukunft zu schaffen und um seine
Selbsterhaltung und Entwicklung zu kümmern. Die
Entscheidung darüber trifft die Friedenskonferenz,
welcher die Wenden ihre Angelegenheiten übergeben
werden. Bautzen, 1. Januar 1919. Für den Wendischen
Nationalausschuss: [Unterschriften]
(SächsStA-D, 10701 Staatskanzlei, Nr. 155)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 13
Bittschreiben Arnošt Barts an den Völkerbund in Genf vom 07.06.1919 (United Nations Archives (Genf),
R1613-41-13-13)
Darüber hinaus förderte die Wendenabteilung
überwiegend mit Reichsmitteln diverse Vorha-
ben der Heimatpflege wie beispielsweise Sport-
vereine, öffentliche Büchereien sowie allerlei
heimatkundliche Forschungen. Voraussetzung
für die finanziellen Zuwendungen war ein na-
tionales deutsches Bekenntnis der Empfänger
oder zumindest eine entsprechend antizipierte
Wirkung. Fördergelder flossen auch in ver-
schiedene Vorhaben der Öffentlichkeitsarbeit
wie bspw. für die Produktion und den Vertrieb
einer Druckschrift zur Geschichte, Kultur und
Gegenwart der Sorben aus regierungsamtli-
cher, d. h. deutscher Perspektive.
Archivische Überlieferung,
Erschließung und Zugänglichkeit
sorabistischer Unterlagen
Die sorbische Irredenta ist Episode geblieben
und heute wohl weitgehend vergessen. Im
Gedächtnis der Lausitzer Sorben eingebrannt
hat sich allerdings die Erfahrung jahrzehnte-
währender nationalistischer und rasseideolo-
gischer Diskriminierung, Unterdrückung und
Verfolgung. Eben wegen dieser besonderen
Bedeutung der Geschichte der 1920er und
1930er Jahre für die sorbische Gemeinschaft
recherchiert, erfasst und erforscht das von den
Ländern Brandenburg und Sachsen sowie der
Stiftung für das Sorbische Volk getragene Sor-
bische Institut einschlägige Quellen nicht nur in
der Lausitz, sondern in ganz Deutschland und
auch im Ausland. Aussagekräftige Unterlagen
sind bspw. jüngst im Bundes archiv, im Politi-
schen Archiv des Auswärtigen Amts, im Archiv
der Vereinten Nationen in Genf sowie im Archiv
der Republik Slowenien ermittelt worden.
Ein herausragend bedeutender Bestand sind
zweifelsohne auch die Unterlagen der oben
beschriebenen „Wendenabteilung“ in Bautzen.
Um ihn für die sorabistische Forschung noch
besser zugänglich zu machen, betreibt das Sor-
bische Institut derzeit mit dem Sächsischen
Staatsarchiv ein Kooperationsvorhaben. Ziel
ist die erweiterte Verzeichnung, Digitalisierung
und Online-Stellung der Unterlagen. Dass aus-
gerechnet dieser Bestand jetzt noch einmal
tiefer erschlossen wird, mag selbst Eingeweihte
verwundern, denn immerhin ist er schon ein-
mal im Besitz des Sorbischen Kulturarchivs
beim Sorbischen Institut gewesen. Aus archi-
varischer Sicht sind die Unterlagen der Wen-
denabteilung ein Fragment der Überlieferung
der Amtshauptmannschaft Bautzen. Deren
(ältere) Akten befanden sich bei Kriegsende
1945 bereits im „Staatlichen Zweigarchiv für
die Oberlausitz“ in Bautzen. Dieser Teil verblieb
auch durchgängig in staatlichem Archivge-
wahrsam (ab Mai 1945 „Sächsisches Landes-
archiv Bautzen“ und ab 1965 „Historisches
Staatsarchiv Bautzen“). Ein zweiter Teil der
Unterlagen befand sich im Sommer 1945 noch
in der Registratur des Landratsamts (vormals
Amtshauptmannschaft) Bautzen, wo er im Mai
1945 durch sowjetische Besatzungsbehörden
beschlagnahmt und der „Domowina – Bund
Lausitzer Sorben“ übergeben wurde. Durch Be-
schluss des Sekretariats des Bundesvorstands
der Domowina vom 15. Februar 1957 gelangte
dieser Teil der Überlieferung als sogenanntes
Depositum an das Sorbische Kulturarchiv in
Bautzen. Weitere Bestandsfragmente sind
durch Maßnahmen der sowjetischen Besat-
zungsbehörden verunordnet oder abgetrennt
und (teils) später zurückgegeben worden. Bei
der anschließenden Erschließung im Institut
für sorbische Volksforschung sind die Un-
terlagen umfassend neu geordnet worden;
dabei wurden Entstehungszusammenhänge
unkenntlich gemacht, so dass Forschende diese
heute gar nicht oder nur mit erheblichem Auf-
wand rekonstruieren können. Die Verzeichnung
und die daraus hervorgegangenen Findmittel
entsprechen nicht heute gängigen Standards
und beziehen sich wegen der physischen Tei-
lung des Bestandes ohnehin lediglich auf einen
Teilbestand. Außerdem hat die DDR-Geheim-
polizei (Ministerium für Staatssicherheit) die
Unterlagen für die Verfolgung von NS-Tätern
genutzt. Ob und inwieweit es dadurch zu Ver-
lusten kam, ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Nach dem Untergang der DDR wurden die
Unterlagen als staatliches Archivgut an das
Staatsarchiv in Dresden abgegeben und
dort mit den oben beschriebenen übrigen
Unterlagen der Wendenabteilung zu einem
Einheitsbestand zusammengeführt, womit
die ungünstige Bestandsteilung überwunden
wurde. Heute bilden die Unterlagen der Wen-
denabteilung im Staatsfilialarchiv Bautzen
des Sächsischen Staatsarchivs den Bestand
„50609 Kreishauptmannschaft Bautzen (Wen-
denabteilung)“.
Nach Abschluss des Verzeichnungsprojektes
werden die bereits bislang online stehenden
Daten durch die Arbeiten dieses Projekts er-
gänzt und Forschenden in aller Welt zur Verfü-
gung stehen. Das Sächsische Staatsarchiv wird
darüber hinaus zumindest ausgewählte Akten
des Bestands digitalisieren und ebenfalls on-
line zur Verfügung stellen. Der Bestand gibt
tiefe Einblicke in die amtliche sächsische Pers-
pektive auf die sorbische Autonomiebewegung
sowie das Ringen des sorbischen Volkes um
Anerkennung und Partizipation während der
Zwischenkriegszeit.
Clemens Heitmann
(Dresden)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 14
Mit Hellsehern auf Archivdiebjagd –
Tatort Archiv 1924
Der Juwelendiebstahl im Dresdner Grünen
Gewölbe Ende November 2019 hat erneut
schmerzlich bewusst gemacht, dass öffent-
liches Kulturgut Opfer krimineller Beutezüge
werden kann. Auch Archive sind in der Ver-
gangenheit nicht von Diebstahl und Raub
verschont geblieben, wenngleich Charakter
und Unterbringung ihrer Bestände weniger zu
spektakulären Einbrüchen, als eher zu diskre-
ten Entfremdungshandlungen verleitet haben.
Aus der deutschen und österreichischen Ar-
chivgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
sind mehrere größere Diebstähle bekannt,
darunter 1853/54 in Nürnberg und 1948/51
in Wien. Letztgenannter Fall, bei dem ein
leitender Archivar aus dem Haus-, Hof- und
Staatsarchiv hunderte silberne und goldene
Siegelkapseln und -bullen entwendete und an
Juweliere, Goldschneider und Metallschleifer
weiterverkaufte, galt seinerzeit als „einzig in
der Geschichte aller Archive der Welt“. Dabei
war offensichtlich unbekannt geblieben, dass
sich etwa 25 Jahre zuvor ein ganz ähnlicher
Vorfall im Dresdner Hauptstaatsarchiv ereig-
net hatte, bei dem ein ebenfalls interner Täter
dutzende Siegelkapseln aus Edelmetall stahl.
Wie in Wien gehörten die Kapseln auch in
Dresden zu Staatsverträgen, Friedensschlüs-
sen, Ehekontrakten und anderen Urkunden
meist des 18. und 19. Jahrhunderts. Aus Silber
gefertigt, verziert und mitunter vergoldet,
schützten sie die an den Urkunden befestig-
ten Siegel von Kaisern, Königen und anderen
Staatsoberhäuptern vor Beschädigung und
erhöhten als Schmuckelement deren feierliche
Ausstattung.
Bei der Benutzung des Hauptstaatsarchivs
spielten diese Urkunden keine große Rolle,
zumal ihr Inhalt oft gedruckt nachzulesen
war, und ruhten wohlverwahrt in den Urkun-
denschränken des Magazins. Nur zufällig fiel
am 15. August 1924 einem Archivmitarbeiter
auf, dass bei einigen die Siegelkapseln (teil-
weise mit den Siegeln) fehlten. Der Direktor
des Archivs, Woldemar Lippert, meldete den
Vorgang am nächsten Tag der Staatskanzlei
und bat um Untersuchung durch die Kriminal-
polizei. Gleichzeitig wurde eine Überprüfung
des Urkundenbestands in Angriff genommen,
die ergab, dass 130 Stücke abhanden gekom-
men waren, darunter zwei kleine Goldbullen
der Kaiser Karl IV. und Karl V., einige kleine
Silberbullen, hauptsächlich aber silberne Sie-
gelkapseln.
Trotz Überprüfung von Fingerabdrücken und
eingehenden Befragungen im Archiv blieben
die polizeilichen Ermittlungen ohne Erfolg. Die
Ermittler vermuteten, dass der Täter aus dem
Mitarbeiterkreis kommen müsse, da Insider-
wissen genutzt worden war und für einen
Einbruch keine Anhaltspunkte vorlagen, doch
eine brauchbare Spur fanden sie nicht. In der
Belegschaft hingegen war man sich nach Be-
kanntwerden des Vorfalls schnell über den
mutmaßlichen Täter einig: Der Verdacht rich-
tete sich gegen einen Mitarbeiter, der bereits
mehrfach durch kleine Verfehlungen aufge-
fallen war – den Regierungssekretär Friedrich
Kahle.
Kahle hatte im Weltkrieg als Militärbeamter
(Unterzahlmeister) in verschiedenen Armee-
formationen gedient, war 1919 als Beamter
in das Hauptstaatsarchiv eingetreten und dort
mit Registraturarbeiten, der Kassenführung
und kleineren Archivrecherchen betraut wor-
den. 1923 wurde ein erheblicher Fehlbetrag
in der Kasse festgestellt, für den Kahle jede
Verantwortung bestritt und vielmehr andere
Archivmitarbeiter verdächtigte, was in der
Belegschaft für Unmut sorgte. Außerdem be-
wahrte er in seinem Schreibtisch im Benutzer-
saal zwei Handfeuerwaffen mit Munition auf,
mit denen er nach eigenem Bekunden das
Archiv gegen kommunistische Gefährdung
schützen wollte. Dies bezog sich wohl auf die
unruhige Regierungszeit des linkssozialisti-
schen Ministerpräsidenten Erich Zeigner, der
im Oktober 1923 zwei KPD-Minister in sein
Kabinett aufnahm und damit die Reichsexe-
kution gegen Sachsen und den Einmarsch der
Reichswehr nach Sachsen veranlasste.
Bei Befragungen und einer Hausdurchsuchung
durch die Kriminalpolizei bestritt Kahle ent-
schieden, etwas mit dem Diebstahl der Sie-
gelkapseln zu tun zu haben. Es wurde zwar
festgestellt, dass er unerlaubt Akten mit nach
Hause genommen hatte, um gegen Entgelt
für einen Ortshistoriker Abschriften anzufer-
tigen; doch begründete er dies mit seiner wirt-
schaftlichen Notlage, da sein geringes Gehalt
für die Versorgung eines kranken Kindes und
von Verwandten seiner Frau nicht ausreiche.
Verdächtig war, dass er um 1923/24 ein Haus
in Dresden-Klotzsche erworben hatte. Die Kri-
minalpolizei überprüfte nun die Uhrmacher-
und Goldschmiedegeschäfte vor Ort, doch ein
dabei festgestellter Verkauf von Bruchsilber
durch Kahles Frau Adala betraf Schützenpreise,
die Kahle gewonnen hatte. Da die polizeilichen
Ermittlungen somit keine Erkenntnisse zum
Tathergang und Täter erbrachten, wurden sie
auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Dres-
den vom 13. September eingestellt.
Diese Entscheidung wurde im Hauptstaatsar-
chiv mit Ärger aufgenommen, zumal die Un-
tersuchung nach Meinung der Archivare nicht
energisch genug durchgeführt worden war.
Archivdirektor Lippert bat die Staatskanzlei
dringend um Fortsetzung der Ermittlungen,
hatte aber zugleich vorgesorgt und sich (auf
Bitte von Kahle) an einen Hellseher gewandt,
um mit dessen Hilfe den wahren Schuldigen
aufzuspüren. Der zunächst angeschriebene
Curt Münch aus Lichtentanne, dem kurz zu-
vor die Aufklärung eines Brillantendiebstahls
geglückt war, reagierte nicht, so dass Lippert
schließlich die Geschwister Anton und Emmy
Fischer aus Kötzschenbroda engagierte.
Nachdem die beiden am 9. September an den
Tatort (das Urkundenmagazin) geführt worden
waren, gab die Schwester anschließend in der
Dunkelkammer der Fotowerkstatt ihre Einge-
bungen zu Protokoll: Den Diebstahl hätten drei
genauer beschriebene Männer jeweils abends
an mehreren Tagen durchgeführt. Die Beute
hätten sie untereinander geteilt; einer der
Männer hätte seinen Anteil in einem Keller, ein
anderer in seinem Garten unter einem breiten
Baum vergraben. Alles sei noch vorhanden und
werde ins Archiv zurückkehren. Von den Tätern
sei der ältere nicht mehr im Archiv beschäftigt,
der jüngere sei es bis vor kurzem gewesen. Die
Seherin erbot sich, die Schuldigen bei einer
Gegenüberstellung zu identifizieren.
Ein solcher Schritt wurde von der vorgesetzten
Behörde des Hauptstaatsarchivs, der Staats-
kanzlei, abgelehnt, denn dort wollte man nicht
mit Hellseherei in Verbindung gebracht wer-
den. Immerhin ließ man den Archivaren bei
ihrer Detektivarbeit freie Hand, so dass diese
auf eigene Verantwortung das Geschwister-
paar Fischer noch Klotzsche entsandten, um
auf Kahles Grundstück Nachforschungen an-
zustellen. Dabei begegnete die Hellseherin dem
Hausherrn und erkannte ihn als den Haupt-
täter aus ihren Traumbildern.

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 15
Dass von den Dresdner Staatsarchivaren Hell-
seher zur Diebstahlaufklärung eingeschaltet
wurden, erscheint aus heutiger Sicht recht
kurios und abwegig – war es damals aber nur
bedingt. Um 1923/24 führten verschiedene
deutsche Polizeiverwaltungen amtliche Ver-
suche mit Wahrsagerei und Telepathie durch.
In Leipzig und Dresden wurden damals meh-
rere Hellseherinnen geprüft, scheiterten je-
doch an den gestellten Aufgaben. Obwohl die
Dresdner Kriminalpolizei danach den Einsatz
okkulter Praktiken offiziell ablehnte, ging sie
den Hinweisen von Emmy Fischer nach und
ließ Grabungs- und Sucharbeiten auf Kahles
Grundstück veranlassen. Doch das Einzige, das
(mit der Wünschelrute!) gefunden wurde, war
ein früherer Wasserlauf.
Auch in der Folgezeit kamen die Dresdner
Siegelkapseln nicht zum Vorschein. So muss
wohl davon ausgegangen werden, dass sie (wie
später auch in Wien) an Juweliere oder Metall-
händler verkauft und eingeschmolzen worden
waren. Ein solches Vorgehen war besonders
während der Hyperinflation von 1923 sehr ver-
lockend, als die Edelmetallpreise astronomische
Höhen erreichten. Bei einem geschätzten Ge-
wicht aller gestohlenen 130 Siegelkapseln von
etwa 70 Kilogramm und des daraus gewonne-
nen Feinsilbers von etwa 60 Kilogramm hätte
der Verkaufserlös Ende Juni 1923 rund 200
Millionen Mark betragen. Zu diesem Zeitpunkt
verdiente ein Regierungssekretär wie Kahle im
Hauptstaatsarchiv monatlich „nur“ etwa eine
Million Mark. Und auf dem Höhepunkt der
Geldentwertung im November 1923 klaffte
die Schere zwischen Edelmetallpreisen und Ge-
hältern vermutlich noch krasser auseinander.
Obwohl Kahle durch zahlreiche Indizien belas-
tet wurde, konnte seine Täterschaft letztlich
nicht bewiesen werden. Ein Jahr später fiel der
Verdacht sogar auf einen anderen Archivmit-
arbeiter, den Regierungssekretär Max Kunath,
der wie Kahle am Weltkrieg teilgenommen
hatte und zeitgleich mit diesem eingestellt
worden war. Als im März 1925 bei einer un-
angekündigten Kassenprüfung herauskam,
dass Kunath mehr als 12.000 Reichsmark aus
der Kasse veruntreut und für Geschenke an
seine Frau sowie für Feiern mit Verwandten
und Freunden ausgegeben hatte, lag die Ver-
mutung nahe, dass er auch die Siegelkapseln
gestohlen hatte. Mit einem Lebensstil über
seinen wirtschaftlichen Verhältnissen und ei-
nem entsprechenden Geldbedarf entsprach
Kunath in etwa dem Täterprofil der Wiener
Archivdiebstähle von 1948/51, doch leugnete
er die Tat, und auch eine Hausdurchsuchung
erbrachte nichts Belastendes. Im anberaumten
Gerichtsverfahren konnte er jedenfalls nicht
überführt werden, denn er starb zuvor, am
3. August 1925, in der Städtischen Heil- und
Pflegeanstalt Dresden.
Zu diesem Zeitpunkt war gegen Kahle wegen
verschiedener dienstlicher Vergehen (nicht
aber wegen der gestohlenen Siegelkapseln)
ein Dienststrafverfahren durchgeführt wor-
den, das zur großen Erleichterung seiner
Archivkollegen zu seiner Versetzung an die
Amtshauptmannschaft Kamenz führte. Von
dort wechselte er später an das Landeskri-
minalamt und war ab 1938 Polizeiinspektor
beim Polizeipräsidium Dresden. Falls Kahle
den Diebstahl im Hauptstaatsarchiv wirklich
begangen haben sollte, wäre er quasi vom
Bock zum Gärtner geworden. Allerdings wa-
ren seine Dienst- und gerichtlichen Strafen
zu diesem Zeitpunkt gelöscht, und vor allem
wies ihn sein bereits am 1. September 1931
erfolgter Eintritt in die NSDAP nun als poli-
tisch besonders geeigneten Beamten aus. Ab
1939 nahm er als Polizeioffizier am Weltkrieg
teil, wurde nach Kriegsende von der sow-
jetischen Besatzungsmacht im Speziallager
Sachsenhausen interniert und kam erst 1948
wieder frei.
Trotz der unerfreulichen Vorfälle von 1924
blieb Kahle, dem Direktor Lippert einst viel
Sachinteresse, Intelligenz und Eignung zum
Archivarsberuf bescheinigt hatte, dem Ar-
chivwesen verbunden. 1934 erschien das von
ihm auf Grundlage archivischer Quellen be-
arbeitete Kamenzer Neubürgerverzeichnis der
Jahre 1483–1539; es folgten archivgestützte
Forschungen zur Geschichte der eigenen und
anderer Familien, und von 1948 bis 1950
(seinem Todesjahr?) übernahm er archivische
Recherchearbeiten für den Genealogen Kurt
Wensch.
In der Geschichte des Hauptstaatsarchivs
Dresden kann der 1924 festgestellte Siegel-
kapseldiebstahl wohl als bislang schwerster
bekannt gewordener Entwendungsfall be-
zeichnet werden (abgesehen von Verlusten
und Entfremdungen am Ende des Zweiten
Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren). Das
nie aufgeklärte Geschehen muss dabei vor dem
Hintergrund der schroffen politischen, gesell-
schaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche
der Zeit nach 1918 gesehen werden, die auch
vor dem Archivwesen nicht Halt machten.
Die Revolution und das Ende der Monarchie,
schmerzhafte Etat- und Gehaltskürzungen so-
wie der Personalabbau führten in Kombinati-
on mit einer wachsenden Aufgabenlast durch
ansteigende Benutzernachfrage und Akten-
abgaben vielfach zu Verunsicherung, Überfor-
derung und Frustration unter den Archivaren.
Aber auch die traumatischen Erfahrungen von
Weltkrieg und Front wirkten sich aus, wie etwa
bei den Kriegsteilnehmern Kahle und Kunath,
die 1919 im Archiv (mit niedrigen Gehältern)
eingestellt wurden. In politischen und wirt-
schaftlichen Krisenzeiten sank wohl besonders
bei ihnen die Hemmschwelle für dienstliches
Fehlverhalten und stieg die Gefahr, dass sie
beim Eintreten einer finanziellen Notlage oder
aus dem Wunsch nach einem sorgenfreien
Leben heraus sich am anvertrauten Archivgut
oder an Kassengeldern vergriffen.
Jörg Ludwig
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Österreichische Ratifikation des Hauptgrenz- und Territorialrezesses mit dem Königreich Sachsen vom 5. März
1848, mit anhängendem Majestätssiegel in geöffneter Siegelkapsel (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 10699 Neuere Urkunden, Nr. 461)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 16
Vom Dachboden auf die Opernbühne –
Der Nachlass der Dresdner Künstlerfamilie
Franz und Maschinka Schubert
Wie ein Gedächtnis dokumentiert das Histo-
rische Archiv der Sächsischen Staatstheater
die künstlerische Vergangenheit seiner unter-
schiedlichen Sparten – Oper, Schauspiel, Konzert
und Ballett. Programmhefte, Theaterzettel, his-
torische Fotos und viele weitere Preziosen geben
ein lebendiges Bild der Dresdner Musik- und
Theatergeschichte vergangener Jahrhunderte.
Ganz besondere Sammlungsstücke finden sich
in dem vier Generationen umfassenden Nach-
lass der Künstlerfamilie um Franz „François“
Schubert (1808–1878) und dessen Frau Ma-
schinka Schubert, geb. Schneider (1814–1882),
die hier einmal ihre künstlerische Heimat hat-
ten – vier Generationen, die in hochrangigen
Positionen das kulturelle Leben Dresdens vom
18. bis ins 20. Jahrhundert prägten. Franz
Anton Schubert wurde 1808 Musikdirektor
des italienischen Operndepartements an der
Dresdner Hofoper, sein Sohn Franz „François“
und sein Enkel Friedrich Franz Louis Schubert
wirkten beide als Konzertmeister der Hofka-
pelle, der heutigen Sächsischen Staatskapelle
Dresden. Der Urenkel Franz Georg Curt Schu-
bert ist als interimistischer Leiter des Dresdner
Kupferstichkabinetts vor 1944 belegt.
Die Erschließung dieser privaten Schenkung
war bis 2015 aufgrund des besorgniserregen-
den Erhaltungszustands der Archivalien nicht
möglich. Beispielsweise war ein großer Teil der
Erinnerungsstücke, wie Briefe, Zeitungsaus-
schnitte, Zeichnungen, aber auch getrocknete
Pflanzen und menschliches Haar, in zu großer
Zahl in die prachtvollen Sammelalben einge-
klebt und durch den entstandenen starken
Druck beschädigt, gerissen oder geknickt wor-
den. Auch die Alben selbst sowie die dazuge-
hörigen Schutzverpackungen wie Schuber und
Kassetten befanden sich in einem desolaten
Zustand, sodass sie ihre ursprüngliche Schutz-
funktion zum Teil nicht mehr erfüllen konnten.
Im ersten Schritt war also eine vollumfängliche
Restaurierung und Neuverpackung notwendig,
um den Nachlass für die öffentliche Nutzung
bereitzustellen. Im Rahmen einer Modellpro-
jektförderung der Koordinierungsstelle für die
Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK)
gelang 2016 dieses Vorhaben.
Größte Herausforderung des Projektes war die
Erstellung und Umsetzung eines Verpackungs-
konzepts zur Langzeitlagerung der Archivalien
im Magazin und zur zukünftigen Nutzung. Es
sollte der Heterogenität des Bestands gerecht
werden und zugleich eine möglichst kompakte
Lagerung erlauben. Maßgeblich sollte der
Überlieferungszusammenhang der Dokumente
in den einzelnen Verpackungseinheiten erhal-
ten bleiben, damit mögliche Verbindungen bei
einer späteren inhaltlichen Tiefenerschließung
berücksichtigt werden können. Es entstand die
Idee einer mehrteiligen Verpackung, welche
die dem Sammelalbum entnommenen losen
Blätter, das Album selbst und schließlich die
Schutzverpackung in einem Schubkasten-
system vereint.
Erst diese Aufbereitung ermöglichte die mate-
rialschonende Nutzung und damit die Erschlie-
ßung des gesamten, rund 2.000 Einzeldoku-
mente enthaltenden Nachlasses im Rahmen
eines von der Deutschen Forschungsgemein-
schaft (DFG) geförderten Projekts von 2018 bis
2019. Nun sind die Dokumente dieser bedeu-
tenden Musikerdynastie im Online-Portal für
Nachlässe und Autographen „Kalliope“
(www.
kalliope.staatsbibliothek-berlin.de) der wissen-
schaftlichen Öffentlichkeit weltweit zugäng-
lich: Rund 1.200 handschriftliche Korrespon-
denzstücke und Manuskripte sowie 800 teils
zusammenfassend erschlossene Drucksachen
zeichnen ein lebendiges Bild der Künstlerfami-
lie, in der die beiden Hofopernsängerinnen Ma-
schinka und Georgine Schubert (Ehefrau und
Tochter von François Schubert) eine besondere
Rolle einnahmen: als europaweit gastierende
Solistinnen, die von Zeitgenossen wie Hector
Berlioz, Charles Gounod und Gioacchino
Rossini persönlich gewürdigt wurden. Neben
Programmzetteln, Zeitungsrezensionen, Ver-
trägen, einer Notensammlung sowie Auto-
graphen von komponierenden Mitgliedern der
Familie Schubert umfassen die vielfältigen
Nachlassdokumente u. a. ein viersprachiges
Dokumentenmappe aus dem Nachlass Franz Schuberts vor der Restaurierung (© Historisches Archiv der Sächsischen
Staatstheater, Foto Gerd Lohse)
Das Sammelalbum NL Franz Schubert 176 in seiner
neuen Verpackung (© ZfB Leipzig)
Kostümskizze von Maschinka Schubert als Marcelline
in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ an der Dresdner
Hofoper 1834 (NL Franz Schubert, 548, Bl. 21r)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 17
Das Korrespondenznetz der Dresdner Familie Schubert als Grafik im Online-Portal Kalliope
Tagebuch von Maschinka Schubert und ein
Album von ihr gezeichneter Kostümskizzen
zu ihren Rollen sowie ein Prachtfotoalbum
der Königlich Musikalischen Kapelle von 1889.
Über 800 Briefe bilden das inhaltliche Herz-
stück des Nachlasses im Archiv der Sächsi-
schen Staatstheater: Korrespondenzen der
Familie Schubert mit rund 150 bedeutenden
Künstlerpersönlichkeiten in Dresden und ande-
ren europäischen Musikmetropolen wie Berlin,
Leipzig, Hamburg, Paris, London, Wien und
Florenz. Darunter finden sich wertvolle Quellen
für die Geschichte der Dresdner Hofoper unter
den Dirigenten Carl Maria von Weber, Richard
Wagner und Ernst von Schuch.
Im Zentrum der erhaltenen Dokumente steht
Franz „François“ Schubert, ab 1861 Erster
Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle,
der für seine Solokonzerte im In- und Aus-
land auch eine Reihe von Virtuosenstücken
komponierte. François, der seine geigerische
Ausbildung auf Kosten des Dresdner Hofes
in Paris komplettierte, erwarb dort 1833 eine
Stradivari für die Hofkapelle, die noch heute
in Konzerten und Opernvorstellungen an der
Semperoper erklingt. Neben einem der ersten
Dresdner Streichquartette begründete er mit
Handschriftliche Subskriptionsliste von Clara Schumann
für zwei Abendkonzerte Anfang 1849 im Hotel de Saxe
in Dresden, undatiert (NL Franz Schubert, 178, Bl. 86r)
der berühmten Pianistin Clara Schumann eine
mehrjährige Soiree-Reihe: eine der ersten In-
itiativen einer bürgerlichen Konzertkultur im
Umfeld der Dresdner Hofoper. Die enge Ver-
bindung der Künstlerfamilie Schubert zu Clara
und Robert Schumann während ihrer Dresdner
Zeit bildete auch den Schwerpunkt der bis
Januar 2019 im Vestibül der Semperoper zu
besichtigenden Ausstellung des Historischen
Archivs im Rahmen des Schumann-Zyklus’
der Staatskapelle: „Gestatten: Franz Schubert
aus Dresden“.
Infolge des DFG-Projekts sind bereits zahlrei-
che Forschungsanfragen zu bevorstehenden
Publikationen von Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen
Raum im Historischen Archiv der Sächsischen
Staatstheater eingegangen und belegen die
inhaltliche Bedeutung dieses exemplarischen,
über die Kulturstadt Dresden hinausgehenden
Künstlernetzwerkes sowie die Relevanz des er-
schlossenen Quellenmaterials für die aktuelle
Musikforschung.
Elisabeth Telle/Eva Katharina Klein
(Historisches Archiv der Sächsischen
Staatstheater)

Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 18
Vergessene Orte – Das „Judenlager“
der Zeiss Ikon AG
Auf dem Weg Richtung Autobahnauffahrt
Dresden-Hellerau, zwischen Radeburger
Straße und Stauffenbergallee, passiert man
in Höhe der Weinbergstraße ein unscheinbares
verwildertes Wäldchen. An diesen Ort, welcher
vor 80 Jahren als „Sandgrube am Hellerberg“
bezeichnet wurde, erinnert kein Hinweisschild,
keine Gedenktafel und kein Stolperstein.
Das gesamte Gelände war 1934 von der Forst-
verwaltung des Landes Sachsen für zehn
Jahre an die Firma August Lehmann, Mech.
Mörtelwerk und Baumaterialien-Handlung in
Dresden zum Sandabbau verpachtet worden.
Es ist davon auszugehen, dass der Sandabbau
auch zehn Jahre lang erfolgte. Diese Vermu-
tung kann man aus einem Schreiben der Firma
August Lehmann an das Forstamt Klotzsche
vom 14. Juli 1942 ableiten. Der Sand spielte
aber für die Zeiss Ikon AG keine Rolle, als
ein Teil dieses Grundstücks in den Fokus zur
Errichtung eines Lagers geriet. Mit der Ent-
scheidung, ein „Judenlager“ auf dem Gelände
der „Sandgrube am Hellerberg“ einzurichten,
wurden verschiedene Interessenlagen befrie-
digt. Für Zeiss Ikon bedeutete dies vor allem
wesentlich kürzere Arbeitswege für die im
nur knapp zwei Kilometer entfernten Goehle-
Werk arbeitenden Juden. Durch die Randlage
des Lagers sowie die damit einhergehende
Internierung verschwanden zudem die stig-
matisierten Arbeitskräfte weitestgehend aus
dem öffentlichen Leben der Stadt. Andererseits
galt Dresden ab November 1942 nunmehr als
„judenfrei“, da das Gelände der Sandgrube zur
Stadt Klotzsche gehörte.
Die genaue Bestimmung des Lagers wird in
einem Schreiben des Stellv. Generalkommandos
IV (Wehrkreiskommando IV) vom 2. Juli 1942
dargelegt: „Ausschließlich zu dem Zweck der
lagermäßigen Unterbringung der im Goehle-
Werk der Firma Zeiss Ikon beschäftigten Juden
und ihrer Familien wird die Sandgrube öst-
lich der Radeburger Straße 50 m nördlich der
Einmündung der Weinbergstraße […] für die
Dauer der Beschäftigung in dem genannten
Werk, längstens bis Kriegsende, zur Verfügung
gestellt. […] Einzelheiten insbesondere auch
über die genaue Abgrenzung des zu über-
lassenden Geländes regelt die Wehrmachts-
kommandantur Dresden mit der Kreisleitung
Dresden der NSDAP“ (vgl. SächsStA-D 10899
Forstamt Moritzburg, Nr. 928).
Obwohl die Existenz des „Judenlagers“ allge-
mein bekannt war, gibt es im Bestand 11722
Zeiss Ikon AG, Dresden des Sächsischen
Staatsarchivs kaum Hinweise auf dieses. In
der von Norbert Haase/Stefi Jersch-Wenzel/
Hermann Simon herausgegebenen Publikation
„Die Erinnerung hat ein Gesicht. Fotografien
und Dokumente zur nationalsozialistischen
Judenverfolgung in Dresden 1933–1945“, be-
arbeitet von Marcus Gryglewski, Leipzig 1998,
wird auf ein Protokoll Bezug genommen,
welches ursprünglich im Firmenarchiv der
Zeiss Ikon AG und nachfolgend im Archiv des
VEB Kombinat Pentacon Dresden verwahrt,
später aber an das Dokumentationszentrum
der Staatlichen Archivverwaltung der DDR
abgegeben wurde. Dieses Protokoll besagt,
dass sich am 10. November 1942 Mitarbeiter
von Zeiss Ikon mit Mitgliedern der NSDAP-
Kreisleitung und der Gestapo, darunter Henry
Schmidt, einem SS-Obersturmführer und als
Kriminalkommissar Leiter des sogenannten
„Judenreferats“ der Staatspolizeistelle Dres-
den, trafen, um die Details zur Einrichtung
des „Judenlagers Hellerberg“ zu erörtern. Der
Beschluss zur Errichtung des Lagers war be-
reits weit vorher, spätestens Anfang Juli 1942,
gefasst worden. Walter Wießner und Rein-
hardt Balzk verorten das Lager in ihrer 2004
erschienenen Publikation „Zwangsarbeiter in
Dresden“ auf der Dr.-Todt-Straße 4, was aber
auf einem Irrtum beruht. In der zweiten Hälfte
des Jahres 1942 wurden die Radeburger Straße
sowie die Kanonenstraße (heute Hansastraße)
zusammengelegt und in Dr.-Todt-Straße
umbenannt. Dadurch verdoppelte sich die
Länge der Straße, und auch die Zählung der
Hausnummern war somit obsolet. Zeiss Ikon
stellte am 16. Dezember 1942 eine Anfrage
an das Polizeirevier Dresden N 23 zur Haus-
nummer des Barackenlagers. Am 14. Januar
1943 antwortete das Forstamt Klotzsche:
„Nach Rücksprache mit der Stadt Klotzsche
soll das Barackenlager vorläufig ohne Nummer
bleiben, da mit der Umbezirkung in den Guts-
bezirk Dresden-Albertstadt in nächster Zeit
zu rechnen ist." Um weiterhin als judenfreie
Stadt zu gelten, erfolgte die Umbezirkung aller
Wahrscheinlichkeit erst nach der Deportation
der Juden im März 1943 nach Auschwitz. Auf
der neuen Dr.-Todt-Straße befand sich nun die
Nummer 4 im Bereich des Neustädter Bahn-
hofs. Dem Lager wurde später die Hausnum-
mer 120 zugewiesen (vgl. SächsStA-D, 11722
Zeiss Ikon AG, Dresden, Nr. 339).
Die Zeiss Ikon AG unterhielt eine Vielzahl von
Lagern, welche durchnummeriert waren. Das
„Judenlager Hellerberg“ erhielt die Nummer 16.
Im Übrigen war nur das Lager Nr. 16 speziell
für die jüdischen Arbeitnehmer errichtet wor-
den. In allen anderen Lagern der Zeiss Ikon AG
waren Zwangsarbeiter (v. a. „Ostarbeiter“) und
Kriegsgefangene untergebracht. Auch das
Lager 16 wurde nach dem Abtransport der
Juden im März 1943 gemeinsam mit der Firma
F. Albert Thomas, Leichtmetallgießerei, Fried-
richstraße 5, Dresden fortan als „Ostarbeiter-
lager“ genutzt. Die Firma Thomas errichtete
dazu eine weitere Baracke, welche Anfang
1945 in Folge eines Bombentreffers abbrannte.
Die Leichtmetallgießerei Thomas lieferte an
Zeiss Ikon Teile zu optischen Geräten für die
Wehrmacht (Sonderstufe SS). Darüber hinaus
war die Firma am Jäger-Programm (Flugzeug-
produktion) beteiligt.
Wießner/Balzk gehen in ihrer Publikation auch
davon aus, dass Zeiss Ikon für das Grundstück,
auf dem die Baracken standen, Pacht an die
Landesforstverwaltung zahlen musste. Richtig
ist aber, dass das Grundstück zum 1. Oktober
1942, also noch vor der Belegung des Lagers,
mit allen Rechten und Lasten in den Besitz der
Wehrmacht übergegangen war und nur für
die Zeit vom 15. Juli bis 30. September eine
Pachtzahlung an das Forstrentamt Dresden
fällig wurde (vgl. SächsStA-D, 10899 Forstamt
Moritzburg, Nr. 928). In der von Marcus Gry-
glewski bearbeiteten Publikation wird das La-
ger wie folgt beschrieben: „Das Lager bestand
aus insgesamt sieben Baracken, sechs Unter-
kunfts- und einer Gemeinschaftsbaracke. In
den drei Räumen einer Unterkunftsbaracke
waren je etwa 16 Personen untergebracht.
Ledige Männer und Frauen wohnten getrennt,
Ehepaare zusammen. Kinder ab vier Jahren
mussten nach Geschlechtern getrennt alleine
wohnen. Neben einem gemeinsamen Essraum
und zwei großen Wasch- bzw. Baderäumen,
einer Krankenstation mit Isoliermöglichkeit
wurde auch eine Schneiderei, eine Schuhma-
cherei sowie eine Friseurstube eingerichtet.“
Die aufgestellten Baracken entsprachen den
Mannschaftshäusern des Reichsarbeitsdiens-
tes vom Typ IV/3, der vom Reichsarbeitsdienst
als Mannschaftsbaracke entwickelt und in
Modulbauweise ausgeführt wurde. Alle Teile
wie Wand, Boden, Decken etc. waren genormt
und konnten in einer Art Stecksystem zusam-

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 19
mengefügt und je nach Zweck mit beliebig
vielen Elementen aneinandergereiht werden.
Ein Modul hatte die Maße 3,3 m x 8,1 m
(vgl. SächsStA-D, 11764 Deutsche Werkstätten
Hellerau (D), Nr. 4292). Am Aufbauort mussten
lediglich die Fundamente vorbereitet werden.
In der gleichen Modulbauweise konnte man
auch Küchen-, Abort-, Wasch- und Verwal-
tungsbaracken errichten. Dieser Barackentyp
kam ebenfalls in Konzentrationslagern zum
Einsatz und diente auch zur Unterbringung
von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
Für eine Wohnbaracke des „Judenlagers“
wurden sechs Module zusammengebaut.
Wenn man die Entwurfsplanung des Lagers
von etwa Mitte 1942 (vgl. SächsStA-D, 10899
Forstamt Moritzburg, Nr. 928) im Vergleich
mit dem späteren tatsächlichen Lageplan der
Brandversicherungskammer (vgl. SächsStA,
10740 Brandversicherungskammer, Nr. 3837)
betrachtet, ist schnell festzustellen, dass die
Anzahl der Baracken auch mit der Beschrei-
bung identisch ist. Allerdings sind auf letzte-
rem nur fünf Wohnbaracken, eine Wirtschafts-
baracke und eine Waschbaracke ausgewiesen.
Daneben existierten noch ein Kohlenschuppen,
ein Pförtnerhaus und zwei Toiletten, die soge-
nannten Abortbaracken. Die Wirtschaftsbara-
cke mit Keller war 34,9 m lang und 8,1 m breit.
Dagegen waren die Wohnbaracken nur 20 m
lang, aber ebenfalls 8,1 m breit (vgl. Sächs-
StA-D, 10740 Brandversicherungskammer,
Nr. 3523), was pro Baracke einer Grundfläche
von 162 m² entspricht. Alle Wohnbaracken zu-
sammen hatten eine Grundfläche von 810 m².
Bei 279 jüdischen Personen, die im Lager un-
tergebracht waren, standen jeder Person rein
rechnerisch – und ohne Berücksichtigung der
Verkehrswege – 2,9 m² Fläche zur Verfügung.
Aus den Plänen ist leider nicht ersichtlich, wo
die Krankenstation, Schneiderei, Schuhma-
cherei und Friseurstube untergebracht waren.
Trotzdem oder gerade deshalb musste sich das
Lager Hellerberg in der Erinnerungskultur der
wenigen Überlebenden „als vergleichsweise
erträglicher Ort“ dargestellt haben, wie Marcus
Gryglewski schreibt. Natürlich spielt hier die
kurze Existenz des Lagers von knapp drei
Monaten ebenfalls eine Rolle.
Die Baracken gingen nach Kriegsende in den
Besitz der Landesregierung Sachsen, Minis-
terium der Finanzen über. Die Landesversi-
cherungsanstalt Sachsen bewertete die Wirt-
schaftsbaracke zum 1. Januar 1950 neu, was
offenbar eine weitere Nutzungsabsicht nach
sich zog. Zwei Wohnbaracken wurden bereits
1943 „abgebrochen und [sind] an anderer
Stelle wieder zur Aufstellung gekommen“
(vgl. SächsStA-D, 10740 Brandversicherungs-
kammer, Nr. 3523). Die restlichen Baracken
sind dann Anfang 1950 „abgetragen“ worden.
Die Frage, wofür und wer die Baracken des
Lagers zwischen 1945 und 1950 bzw. darü-
ber hinaus nutzte, muss an dieser Stelle offen
bleiben.
Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten hat aus
einem Mitte der 1990er Jahre wiederentdeck-
ten zeitgenössischen Film über die Deporta-
tion der Juden in das Lager Hellerberg zwölf
Reproduktionen ausgewählt und daraus eine
Ausstellung gestaltet. Die Zeit, wo „die Familie
um den Wohnzimmertisch sitzt und noch
alle vollzählig anwesend sind“, wie Günter
Kunert in seinem Roman „Erwachsenenspiele“
schreibt, ist Ende 1942 längst vorbei. Im Text
zur Ausstellung heißt es dazu: „Dresden im
November 1942. Die letzten jüdischen Einwoh-
ner der Stadt, etwa 300 Männer, Frauen und
Kinder, müssen ihre Wohnungen räumen und
werden in das Lager Hellerberg am Nordrand
Dresdens gebracht.“ Alle im Lager zwangska-
sernierten Juden arbeiteten im Goehle-Werk,
Riesaer Str. 32. Im Goehle-Werk der Zeiss Ikon
AG wurden in feinmechanischer Arbeit Uhr-

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 20
werkszünder für die Marine hergestellt. Diese
waren Bestandteil der Torpedobewaffnung
deutscher U-Boote. Eine zweite kriegswichtige
Produktion war die Entwicklung von Bomben-
zielanlagen für die Luftwaffe (vgl. SächsStA,
11722 Zeiss Ikon AG, Dresden, Nr. 51). Von
den 6.338 Beschäftigten des Goehle-Werkes
waren in der ersten Juniwoche 1942 nur 5 %
Juden. Prozentual änderte sich daran auch
Ende 1942 nichts, obwohl die absolute Zahl
der beschäftigten Juden um 40 Personen zu-
rückging. Im gleichen Zeitraum verringerte
sich nämlich auch die Zahl der Gesamtbe-
schäftigten um 680 Arbeiter. Die Zahl der im
Werk arbeitenden Juden nahm immer mehr
ab, so dass in der Woche vom 14. bis 20. Fe-
bruar 1943 nur noch 74 Juden im Goehle-
Werk registriert waren. In den Statistiken
des Goehle-Werkes wurden ab Montag, dem
22. Februar 1943 keine jüdischen Beschäftig-
ten mehr geführt. Seit diesem Montag konnte
sich dann auch das Goehle-Werk als „juden-
frei“ bezeichnen.
Von April bis September 2017 übernahm das
Hauptstaatsarchiv Dresden von der Bundes-
anstalt für vereinigungsbedingte Sonderauf-
gaben (BvS) ca. 700 lfm archivwürdige Unter-
lagen von DDR-Betrieben. Hierunter befanden
sich auch Unterlagen aus der Zeit vor 1945. In
der Übergabeliste der Firma Polypack GmbH
Dresden (THA-Nr. 8996) war unter der Nummer
2.1.93 der Titel „Personalkarten Tschechen, Lit-
tauer, jüdische AN (1942–1945)“ eingetragen.
Es war zunächst nicht ersichtlich, dass es sich
hierbei nicht nur um die üblichen Personal-
unterlagen von im Deutschen Reich beschäf-
tigten Fremd- und Zwangsarbeitern handelt.
Darüber hinaus fehlte ein Hinweis auf die Zeiss
Ikon AG vollkommen. Die Personalkartei ent-
hält die Namen von 38 jüdischen Frauen sowie
39 jüdischen Männern. Die Kartei erscheint
zunächst recht unspektakulär und besteht pro
Person aus drei Blatt – der Karteikarte, der
Anmeldung und der Abmeldung zur Allgemei-
nen Ortskrankenkasse Dresden. Die Abbildung
zeigt die Personalkarte des Amtsgerichtsrates
Dr. Kurt Barasch, welcher vor der Lagerein-
weisung auf der Seidnitzer Str. 26 in Dresden
wohnte. Auf der Karteikarte selbst sind der
Name, der Beruf, die Staatsangehörigkeit, das
Geburtsdatum, der Geburtsort, der Familien-
stand, die Anzahl der Kinder, der Wohnort, das
Eintritts- sowie Austrittsdatum aus der Firma
und die letzte Arbeitsstelle erfasst. Interessant
ist dabei, dass als Anschrift nicht „Judenlager
Hellerberg“ vermerkt ist, sondern die wohl-
klingendere Bezeichnung „Judensiedlung am
Hellerberg“ gewählt wurde. Warum man sich
für diese Formulierung entschied, muss Spe-
kulation bleiben. Bei Lager ist die Verbindung
zu Konzentrationslager nicht weit, was beim
„Judenlager Hellerberg“ im März 1943 bittere
Wirklichkeit wurde. Die Lagerinsassen wurden
in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
deportiert. Die meisten ermordete man unmit-
telbar nach ihrer Ankunft, nur zehn von ihnen
überleben. Dr. Kurt Barasch zählt nicht zu den
Überlebenden.
Von fünf Personen (Walter Brinitzer; Ferdinand
Dressler; Rudolf Eisner; Max Gerson; Siegfried
Lewinsky) gibt es nur ein Formular für die An-
meldung zur Allgemeinen Ortskrankenkasse
Dresden. Diesen Formularen ist gemeinsam,
dass als Wohnanschrift nicht das „Judenlager“
(Judensiedlung) am Hellerberg eingetragen ist.
Bei zwei Personen sind es aber sogenannte
Judenhäuser (Zeughausstr. 1 und Schweizer
Str. 2). Weitere Übereinstimmungen sind der
Tag der Anmeldung (21. Januar 1943) und
die Tatsache, dass alle fünf Personen bis zum
20. Januar 1943 im Goehle-Werk der Zeiss Ikon
AG angestellt waren.
Von den 77 namentlich erfassten jüdischen
Personen hatten 64 Personen bereits vor der
Lagerunterbringung bei Zeiss Ikon gearbeitet.
Nur eine Person war nie bei Zeiss Ikon ange-
stellt. Else Falkenstein arbeitete bei der Deut-
schen Reichsbahn und wurde am 11. Februar
1943 Kartonagen-Hilfsarbeiterin. 53 Personen
sind vor 1900 geboren. Der Älteste war Max
Gerson mit dem Geburtsjahr 1870, Fritz
Lenczynski mit 16 Jahren der Jüngste.
Bemerkenswert ist, dass die Personalkartei
nicht bei Zeiss Ikon, sondern in der Dresdner
Taschen- und Kartonnagen-Werke GmbH ge-
führt worden war. Nach der Entlassung aus
dem Goehle-Werk wurden alle Juden in der
Dresdner Taschen- und Kartonnagen-Werke
GmbH als Kartonagen-Hilfsarbeiter eingestellt.
Einige waren dort nur vom 24. bis 26. Februar

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 21
1943 beschäftigt. Die Dresdner Taschen- und
Kartonnagen-Werke GmbH befand sich auf
der Leipziger Straße 224, etwa drei Kilometer
vom Lager entfernt. Der 26. Februar 1943, ein
Freitag, ist auf allen Karteikarten als letzter
Arbeitstag eingetragen. Die Abmeldung bei
der Krankenkasse erfolgte zum 3. März 1943,
also zeitgleich mit der Auflösung des Lagers
und der Deportation.
Auch wenn die Personalkartei nicht bei Zeiss
Ikon geführt wurde, wurde sie bei der archivi-
schen Bearbeitung dem Bestand 11722 Zeiss
Ikon AG Dresden als Nr. 438 hinzugefügt. Aus-
schlaggebend für diese Entscheidung ist die
Tatsache, dass die durch die Kartei erfassten
Personen (bis auf die genannten Ausnahmen)
im Lager der Zeiss Ikon untergebracht waren
und den überwiegenden Zeitraum bei Zeiss
Ikon arbeiteten.
Das Bundesarchiv hat vor ca. 20 Jahren damit
begonnen, eine Datenbank der jüdischen Ein-
wohner im Deutschen Reich 1933 bis 1945, die
sogenannte „Residentenliste“, anzulegen. Diese
Datenbank dokumentiert die Lebens- und
Schicksalsdaten von fast 700.000 Personen.
Zu jeder Person ist ein Datenblatt angelegt, in
dem u. a. Namen, Geburtsdatum und die Zeiten
einer Inhaftierung/Internierung eingetragen
sind. Beim Abgleich der Personalkartei mit der
„Residentenliste“ war festzustellen, dass die
Schreibweise der Namen von acht Personen
nicht übereinstimmte. Darüber hinaus fehlte
bei zwei Personen die Angabe zum Lager, bei
zwei weiteren gab es Abweichungen zum Ge-
burtsdatum. Diese Unstimmigkeiten sind dem
Bundesarchiv mitgeteilt worden. Die „Resi-
dentenliste“ ist ein einzigartiges historisches
Dokument, zusammengetragen aus hunderten
von verschiedenen Quellen. Die Personalkartei
der Zeiss Ikon AG ist nun ein weiteres Puzzleteil
der Quellen geworden.
„Erinnere dich immer daran, dass du ein stolzer
und gleichberechtigter Bürger […] bist. Und
vergiss niemals, dass du Jude bist. Vergisst du
es, so wird es immer andere geben, die dich
an deine Herkunft erinnern“ [1858] – „Was wir
auch tun, sie werden uns immer als eine min-
derwertige und schädliche Rasse betrachten
[1872]“ (Zitate aus dem Roman „Ascher Levys
Sehnsucht nach Deutschland“ von Roman
Frister). Auch mehr als 150 Jahre später ha-
ben diese Worte ihre Gültigkeit nicht verloren.
Erinnert sei hier nur an den Anschlag in Halle
(Saale) am 9. Oktober 2019. Der Attentäter
versuchte an Jom Kippur, dem höchsten jüdi-
schen Feiertag, in die Synagoge einzudringen,
um die dort versammelten Personen zu töten.
In einem ganz bescheidenen Maß kann die
Personalkartei dazu beitragen, „die Geschich-
te der Juden in Deutschland ins Bewusstsein
zu rücken und ihnen ihre namentliche Identi-
tät zurück zu geben. […] Sie erinnert an das
einstmals rege jüdische Leben in Deutsch-
land und macht damit begreifbar, welchen
Schatz an Menschen, aber auch an Kultur,
Wissen und Erfahrung Deutschland durch die
NS-Verfolgungsmaßnahmen verlor.“ (Die Liste
der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich
1933–1945 von Nicolai M. Zimmermann).
Bernd Scheperski
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 22
Pilotprojekt Amt Chemnitz – Abschluss der
konservatorisch-restauratorischen Arbeiten oder
was lange währt …
Nach der 2009 erfolgten Einweihung des
Archivzentrums Hubertusburg und der Inbe-
triebnahme der Zentralwerkstatt für Erhal-
tung von Archiv- und Bibliotheksgut (ZErAB)
begann 2010 die Bearbeitung des Bestandes
30008 Amt Chemnitz im Rahmen eines Pilot-
projektes. Nach dessen Abschluss im Jahr 2019
soll hier die Gelegenheit genutzt werden, zu-
rückzublicken und das Erreichte zusammen-
zufassen.
Für das Pilotprojekt wurde der Bestand 30008
Amt Chemnitz aus Abteilung 4, Staatsarchiv
Chemnitz ausgewählt. Als untere staatliche
Territorialbehörden nahmen die Ämter die
Aufgaben der Justiz-, inneren und Finanz-
Akte Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, 30008 Amt Chemnitz, Nr. 520 während der Reinigung unter der Sicherheitswerkbank, Fotos Ulrike Müller
Akte SächsStA-C, 30008 Amt Chemnitz, Nr. 520 nach der Restaurierung

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 23
Papiernassbehandlungsanlage (Foto Regine Bartholdt)
Luftströmungstrocknungsanlage, davor für die Nassbehandlung vorbereitete Wässerungskassette

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 24
verwaltung wahr. Das Amt Chemnitz schloss
das Gebiet der heutigen Stadt Chemnitz und
einiger angrenzender Orte ein. Der Überliefe-
rungszeitraum erstreckt sich vom 16. bis zum
19. Jahrhundert. Bezogen auf die Materialität
bedeutet dies, dass als Beschreibstoff vorran-
gig Hadernpapier und als Schreibstoff Eisen-
gallustinte vorkommt. Bei den Siegeln finden
sich sowohl Wachssiegel mit Tekturen als auch
Lack- und Oblatensiegel. Überwiegend liegt die
preußische Aktenheftung vor, buchmäßig ge-
bundene Archivalien sind selten anzutreffen.
Circa 13 % des Gesamtbestandes von insge-
samt 127 lfm sind schimmelgeschädigt, mit
z. T. stark abgebautem Papier und großflä-
chigen Fehlstellen. Sämtliche Akten wiesen
Schmutzauflagen auf. Risse, Fehlstellen, ab-
gelöste Tekturen und, in geringem Umfang,
Tintenfraß gehörten darüber hinaus zu den
wiederkehrenden Schadensbildern. Ziel des
Pilotprojektes war die Erprobung und Einfüh-
rung von Behandlungsverfahren unter Nut-
zung der in der Zentralwerkstatt geschaffenen
neuen technischen Möglichkeiten der Bearbei-
tung von großen Mengen von geschädigten
Unterlagen. Durch die konservatorisch-res-
tauratorische Bearbeitung sollte die Zugäng-
lichkeit der teils stark schimmelgeschädigten
Unterlagen verbessert bzw. überhaupt erst
wiederhergestellt und der Bestand in Gänze
gesichert werden. Dabei wurde auch die an-
schließende Sicherungsverfilmung eingeplant
und ermöglicht.
Mit dem Bestand 30008 Amt Chemnitz wur-
de ein Aktenaltbestand ausgewählt, dessen
homogene Beschaffenheit und typische
Schadensbilder bestens geeignet waren, die
Papiernassbehandlungsanlage (PNBA) und die
begleitende Technik in Betrieb zu nehmen und
serielle Arbeitsprozesse zu standardisieren.
Eine Herausforderung stellte nicht nur die In-
betriebnahme der Maschinen dar – von der
Papiernassbehandlungsanlage über die An-
fasermaschine bis zur Luftströmungstrock-
nungsanlage. So waren bei der PNBA mehr-
fach Veränderungen der Programmierung in
Zusammenarbeit mit der Herstellerfirma not-
wendig, bis die Anlage störungsfrei arbeitete.
Auch Arbeitsschritte und Standardverfahren
für die serielle konservatorisch-restaurato-
rische Bearbeitung von schimmelgeschädig-
tem Archivgut mussten entwickelt werden:
für Nassbehandlung und In-Situ-Bearbeitung,
d. h. ohne Eingriffe in die Aktenbindung vorzu-
nehmen. Aber auch Bypässe wie die Phytatbe-
handlung bei Tintenfraß sollten standardisiert
werden.
Das Konzept für die konservatorisch-res-
tauratorische Bearbeitung sah zunächst die
Trockenreinigung aller Archivalien vor. Dann
erfolgte eine Aufteilung in zwei Gruppen mit
jeweils unterschiedlichen Arbeitsschritten:
Akten ohne Schimmelschaden sollten In-Situ,
Akten mit Schimmelschaden in der Papier-
nassbehandlungsanlage bearbeitet werden.
Bei der In-Situ-Bearbeitung werden Risse ge-
schlossen, Siegel gesichert, kleinere Fehlstellen
ergänzt und einzelne lose Lagen nachgeheftet,
ohne dass die jeweiligen Blätter aus ihrem
Heftverbund gelöst werden müssen. Auf diese
Weise können die noch weitgehend intakten
Bindungen in der Regel erhalten werden. Länge
und Art der zu schließenden Risse (im/außer-
halb des Schriftbereiches), Sicherung abge-
löster Tekturen, verwendetes Japanpapier
und Klebstoffe wurden im Laufe der restau-
ratorischen Bearbeitung immer wieder ver-
ändert und hinsichtlich der Reduzierung des
Aufwandes hinterfragt. Hervorzuheben ist in
diesem Bereich die Einführung von mit Gela-
tine beschichtetem Japanseidenpapier. Durch
das lokale Einbringen von Feuchtigkeit kann
nämlich im Schriftbereich der Eisengallustinte
Tintenfraß initiiert werden. Dieses Risiko wird
mit dem Einsatz des beschichteten Japan-
papiers erheblich reduziert.
Bei den Akten mit Schimmelschäden, die in
der Regel durchgehend Substanzverlust und
-abbau aufwiesen, versprach die oben be-
schriebene Arbeitsmethode jedoch keine
Anfaservorgang – der Papierbrei wird in die Fehlstellen gegossen

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 25
ausreichende Effizienz. Hier fiel die Entschei-
dung zugunsten einer Stabilisierung mittels
maschineller Anfaserung, bei der Papierbrei
in die Fehlstellen gegossen wird. Da dies nur
im nassen Zustand möglich ist, war eine vor-
hergehende Vereinzelung und Wässerung
der Blätter notwendig. Letzteres bewirkt das
Ausspülen schädlicher Abbauprodukte aus
dem Papier. Durch ein Bad in mit Carbonaten
angereichertem Wasser wird außerdem noch
eine alkalische Reserve in das Papier einge-
bracht. Nach dem Anfasern der Fehlstellen
wurden die abgebauten und angefaserten
Bereiche der Blätter mit Japanseidenpapier
kaschiert, um diese zusätzlich zu stabilisie-
ren. Weiterhin wurde eine Nachleimung mit
Gelatine vorgenommen. Die anschließende
Trocknung der bearbeiteten Blätter erfolgte in
der Luftströmungsanlage, die eine aufwands-
reduzierte und kontrollierte Trocknung über
Nacht erlaubt.
Der Standard-Workflow für schimmelgeschä-
digte Akten sieht demnach wie folgt aus:
Trockenreinigen – Foliieren – Auseinander-
nehmen – Wässern – Anfasern – Kaschieren
– Nachleimen – Trocknen – Sortieren – Ver-
packen.
Für Archivalien mit fortgeschrittenem Tinten-
fraß wurde ein Bypass eingeführt, der eine
Calciumphytatbehandlung vorsieht. Die tinten-
fraßgeschädigten Blätter müssen in besonde-
rer Weise chemisch stabilisiert werden, um den
Schadensprozess aufzuhalten und damit das
Risiko (weiterer) mechanischer Schäden und
Informationsverluste zu minimieren. Hierzu
sind Wässerung, Anfaserung und Kaschierung
alleine nicht ausreichend. U. a. freie Eisen(II)
Ionen aus der Tinte sorgen für das Schadens-
bild. Die Calciumphytatlösung dient nun als
Komplexbildner, der die freien Eisen(II)Ionen
einfängt und damit den Schadensmechanis-
mus unterbricht.
Die Anwendung der Nassbehandlung nach
diesem Schema ist mittlerweile Routine in der
Zentralwerkstatt und wird auch bei anderen
Beständen mit identischen Schadensbildern
eingesetzt, gleiches gilt für die In-Situ-Maß-
nahmen; sowohl bei interner als auch bei
externer konservatorisch-restauratorischer
Bearbeitung von Archivgut.
Begleitet wurde das Pilotprojekt durch zahlrei-
che Fortbildungen und Seminare, die bei ein-
zelnen Fragestellungen wichtige Anregungen
gaben. Auch der Austausch mit anderen gro-
ßen Restaurierungswerkstätten im Rahmen
der Mengenworkshops brachte immer wieder
neue Impulse.
Interessant ist auch ein Überblick über die Zeit-
räume und Bearbeitungsmengen: Begonnen
wurde mit der kontinuierlichen Trockenrei-
nigung und der In-Situ Bearbeitung im Jahr
2010. Ab 2011 konnte dann auch die Nass-
behandlung der Akten starten. Während die
Trockenreinigung der nicht schimmelgeschä-
digten Archivalien 2015 beendet wurde, dau-
erte die Reinigung der schimmelgeschädigten
Akten bis 2018. Die In-Situ-Bearbeitung konn-
te 2017 abgeschlossen werden. Die Restau-
rierungsarbeiten in der Nassstrecke wurden,
bedingt durch Unterbrechungen, erst 2019
beendet. Parallel startete die Sicherungsver-
filmung des Bestandes in zwei Blöcken: 2015
und 2017 bis 2018.
Insgesamt wurden 127 lfm Archivgut gereinigt
und neu verpackt, 110,4 lfm In-Situ bearbeitet
und 16,6 lfm gewässert und angefasert. Für
letzteres heißt dies: 450 Wässerungschargen
mit ca. 60.000 Blatt. Verbraucht wurden un-
gefähr 15 kg Gelatine, 20 kg Weizenstärke,
45 kg Anfaserstoff, 58 Rollen Japanseidenpa-
pier, 260 kg Carbonate zur Herstellung ange-
reicherten Wassers sowie etliche Pinsel und
etwa 1.400 Latexschwämme zur Reinigung.
Ulrike Müller
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Auflegen des Japanseidenpapiers auf den angefaserten Bereich

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 26
Tipps der Restauratorin:
Ausheben und Reponieren von Archivgut
(hier: Akten und Amtsbücher, liegende Lagerung)
Regel Nr. 1: Archivgutbehälter
Achten Sie darauf, ein Verkippen der Archivgutbehälter beim Ausheben
und Reponieren sowie bei Transporten zu vermeiden. Bereits bei kurz-
fristigem Aufstellen horizontal gelagerter Archivgutbehälter drohen die
empfindlichen Blattkanten der jeweiligen Akten gestaucht zu werden.
Regel Nr. 2: Akte
Vermeiden Sie, einzelne Akten aus einem Aktenstapel herauszuziehen
oder einzuschieben. Heben Sie stattdessen oben aufliegende Akten
vor der Entnahme bzw. der Rücklagerung ab. Stellen Sie sicher, dass
ausreichend Ablagefläche für die abgehobenen Akten – beispielsweise
auf einem Aktenwagen – zur Verfügung steht.
Zum Anheben der einzelnen Akte umfassen Sie diese mit einer Hand
nach Möglichkeit mittig am Rücken. Heben Sie die Akte dann vorerst
nur soweit an, dass sie ausreichend Platz erhalten, um nun mit der
zweiten Hand auch den Vorderschnitt der Akte ergreifen zu können.
Auf diese Weise beidseitig gehalten kann die Akte nun sicher aus dem
Behälter entnommen werden.
Insbesondere geheftete Akten weisen nicht selten eine ungleiche Ge-
wichtsverteilung auf. Durch das Umlegen von Heftfälzen, Einfalten
von (unbeschriebenen) Umschlagblättern oder auch durch Format-
unterschiede bei den Einzeldokumenten, entsteht eine Volumen- und
Gewichtszunahme im Bereich der Aktenrücken. Daher empfiehlt es
sich beim Anheben der Akten, diese vorrangig am Rücken zu umfas-
sen. Auf diese Weise wird auch ein versehentliches Eingreifen in die
Blattvorderkanten der Akten vermieden. Die zweite Hand verhindert
ein Absacken instabiler Blattkonvolute und das Herausfallen lose ein-
gelegter Kleinformate.
Die beschriebene Vorgehensweise wird durch die vorzugsweise Aus-
richtung der Aktenrücken zur seitlichen Behälteröffnung unterstützt.
Dennoch sollte bei stark ausgeprägter Rückensteigung der Akten dem
verschränkten Einlegen – im Sinne einer weitgehend stabilen und
platzsparenden Stapelbildung – der Vorzug eingeräumt werden: ab-
wechselnde Ausrichtung der Aktenrücken links/rechts.
Das Ausheben und Reponieren ist die Schnittstelle zwischen Lagerung und
Nutzung. Erst diese scheinbar banale Aktion verleiht dem Archivgut Leben.
Dabei bleibt die damit verbundene so entscheidende Schlüsseltätigkeit
oftmals wenig beachtet. Kraft und Zeit, die hier im Verborgenen investiert
werden, lassen im Arbeitsalltag konservatorische Aspekte in den Hinter-
grund treten. Dabei lohnt es, einige Grundregeln zu beachten, um Schäden
und damit auch größeren Folgeaufwand für die Zukunft zu vermeiden.
Entnahme eines Archivgutbehälters aus dem Regal
Entnahme einer Akte aus dem Archivgutbehälter

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 27
Regel Nr. 3: Verpackung
Nutzen Sie Behälter mit mindestens einer herunterklappbaren Längs-
wand, um das sichere Einlegen und Herausnehmen der Aktenbände
zu erleichtern.
Achten Sie bei der Verwendung von ergänzenden Verpackungsmate-
rialien wie Einschlagbögen (Pallien) oder Mappen auf deren format-
angepasste Faltung und sorgen Sie für eine saubere Ausrichtung der
Akte innerhalb der Verpackung. Ergänzen Sie bedarfsweise Stützpappen
alternativ als stabilisierende Einlage in Mappe oder Pallium oder als
Unterlage und Trennhilfe für die einzelnen Archivalien im Behälter.
Für Aktenschriftgut ist es typisch, dass es nicht mit einem festen
Einband versehen ist. Die jeweiligen Blattkonvolute sind durch die
Zusammenführung von Einzelschriftstücken entstanden, die zwar in-
haltlich zusammengehörig, formal oftmals jedoch sehr unterschiedlich
beschaffen sind. In Folge entsteht ein eher lockerer und unregelmäßiger
Blattstapel, dem die Stabilität eines dreiseitig beschnittenen, kompakten
Buchblocks fehlt.
Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Archive oftmals die lie-
gende der stehenden Lagerung vorziehen. Der erhöhten Schutzbedürf-
tigkeit wird zusätzlich mit einer Regelverpackung in Standardkartonagen
begegnet. Diese ist geeignet, die äußeren Schadenseinflüsse durch
Luftschadstoffe, Licht und klimatischen Schwankungen zu mindern.
Die Verpackung dient darüber hinaus dem Schutz vor mechanischer
Belastung u. a. auch beim Ausheben und Reponieren und bei Trans-
porten. In Bezug auf Archivgutbewegungen ist dieser Schutz jedoch
bei der üblichen Standardkartonierung nur eingeschränkt wirksam. So
bieten die Kartonagen keinen ausreichenden Halt, um ein Verrutschen
der eingelegten Archivalien zu verhindern. Wird diesem Umstand nicht
durch eine angepasste Handhabung (siehe Regeln 1–3) Rechnung
getragen, droht die Verschärfung der bekannten Verformungen und
Stauchungen insbesondere der empfindlichen Blattkanten.
Weiterführende Literatur:
Martin Strebel, Video Ausheben und Reponieren von Büchern
(https://atelierstrebel.ch/reponieren.html,
zuletzt abgerufen am 18.08.2020)
Empfehlung der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archiv-
verwaltungen des Bundes und der Länder (KLA), Bestandserhaltungs-
ausschuss, Anforderungen der Bestandserhaltung an Archivgut-
transporte (Publikation online und in der Fachzeitschrift „Archivar“
in Vorbereitung)
Barbara Kunze
(Sächsisches Staatsarchiv,
Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
Archivgutbehälter mit herunterklappbarer Längswand (oben)
formatangepasste Faltung des Einschlagbogens (Mitte)
und Einlegen von Stützpappen (grau) (unten)
Fotos Barbara Kunze

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 28
Wie schon in den Jahren zuvor, traten auch
2018 und 2019 zahlreiche Museen und ein
Archiv mit Ausleihwünschen für Ausstellungen
an das Sächsische Staatsarchiv heran. 2018
konnten Leihersuchen für insgesamt 71 Archi-
valien realisiert werden, 2019 gab es eine ähn-
liche Zahl von Ausleihen. Unter den Leihneh-
mern der Jahre 2018 und 2019 waren auch
drei Museen benachbarter EU-Staaten. 2018
ging eine Ausleihe in die Niederlande, 2019
wurden Archivalien in Polen und Tschechien
präsentiert. In der Folge sollen einige beson-
ders interessante Stücke unter den Leihgaben
der Jahre 2018 und 2019 vorgestellt werden.
Wegen der engen Zusammenhänge zwischen
der archivischen und der musealen Über-
lieferung Sachsens liegt es in der Natur der
Von Amsterdam bis Warschau – Ausstellungen mit
Leihgaben aus dem Sächsischen Staatsarchiv 2018/19
Sache, dass sächsische und insbesondere
Dresdner Museen besonders häufig Leihneh-
mer des Sächsischen Staatsarchivs sind. So
veranstalteten die Staatlichen Kunstsamm-
lungen Dresden 2018 im Grünen Gewölbe die
Ausstellung „Die Grande Kur. Prinz Friedrich
Christian von Sachsen auf der Suche nach
Heilung und Kultur in Italien, 1738–1740“. Sie
hatte die Kavaliersreise des Kurprinzen und
späteren kurzzeitigen Kurfürsten Friedrich
Christian (1722–1763) zum Gegenstand, der
in Italien neben kultureller Bildung und ge-
sellschaftlichen Kontakten auch nach Wegen
zur Linderung seiner schweren körperlichen
Behinderung suchte. Gezeigt wurden in der
Ausstellung insgesamt fünf Leihgaben, von
denen hier das eigenhändig in französischer
Sprache verfasste Reisetagebuch gezeigt wird.
Auf der ersten Seite dieses Reisetagebuches
(Abbildung 1) schildert der Kurprinz den ersten
Tag dieser Reise, der ihn zusammen mit sei-
ner Schwester Maria Amalia, frisch vermähl-
ter Königin von Neapel-Sizilien, von Pillnitz
über Zehista bei Pirna und den böhmischen
Grenzort Peterswald (heute Petrovice) nach
Lobositz (heute Lovosice) in Böhmen führte.
Für die etwa 80 km lange Strecke waren da-
mals neuneinviertel Stunden erforderlich.
Friedrich Christian geht unter anderem auf
den Abschied von seinen Eltern im Schloss
Zehista des Grafen Brühl und auf den eh-
renvollen Empfang für seine Schwester als
neue Königin von Neapel-Sizilien durch einen
Abgesandten Kaiser Karls VI. in Peterswald mit
Salutschüssen, Trompeten und Pauken ein.
Historische Jubiläen sind oftmals Anlässe für
Ausstellungen mit Leihgaben des Sächsischen
Staatsarchivs, wenn sich dort das Dokument
befindet, dem das Jubiläum zugrunde liegt.
So veranstaltete das Schlossbergmuseum
Chemnitz 2018 aus Anlass des 875. Jahres-
tags der frühesten Erwähnung des dortigen
Benediktinerklosters in einer Urkunde von
1143 die Ausstellung „Des Kaisers Kloster. Die
Chemnitzer Abtei im Kontext benediktinischer
Kunst und Kultur“ mit fünf Leihgaben aus dem
Sächsischen Staatsarchiv, darunter der Ur-
kunde von 1143 (Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden, 10001 Ältere Ur-
kunden, Nr. 00054). Ebenfalls 2018 jährte sich
zum 800. Mal die Ersterwähnung von Freiberg.
Die entsprechende Urkunde vom 11. Juni 1218
(Abbildung 2) wurde aus diesem Anlass im
Abb. 1: Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00355/03, Bl. 1a
Rahmen von Führungen im Stadtarchiv Frei-

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 29
berg gezeigt. Die bezüglich der Stadt Freiberg
interessante Stelle dieses Dokuments ist die
Nennung der drei Priester Hermann, Winand
und Gottfried von Freiberg („Hermannus et
Winandus et Godefridus de Friberch“) unter
den Zeugen (am Ende der drittletzten Zeile
von unten). Ansonsten sind in dem von Bischof
Bruno II. von Meißen ausgestellten Stück ne-
ben der Schlichtung einer Besitzstreitigkeit
interessante Fakten zur Geschichte des säch-
sischen Weinbaus zu finden. Die Urkunde be-
inhaltet nämlich auch Festlegungen zum Aus-
bau eines Weinberges in Zadel bei Meißen und
dessen anschließender Stiftung zugunsten des
Zisterzienserklosters Altzella bei Nossen.
Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden ver-
anstaltete 2018 unter dem Titel „Ausstellen
des Ausstellens. Von der Wunderkammer zur
kuratorischen Situation“ eine Ausstellung zu
einem bisher kaum beachteten, aber dennoch
kulturgeschichtlich wichtigen Thema. Diese
hatte die Geschichte des Ausstellungswesens
von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
zum Gegenstand. Das Sächsische Staats-
archiv trug zu dieser Ausstellung ein wichti-
ges Selbstzeugnis des polnischen Königs und
sächsischen Kurfürsten August des Starken
bei. Möglicherweise im Zusammenhang mit
Planungen für das Holländische Palais (heute
Japanisches Palais) in der Dresdener Neustadt
um 1717 entwarf er einen Plan für einen ide-
Abb. 2: SächsStA-D, 10001 Ältere Urkunden, Nr. 00211
alen Museumsbau (Abbildung 3). Die Vorstel-
Abb. 3: SächsStA-D, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 02097/33, Bl. 28–29

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 30
lungen aus dieser Zeichnung wurden zwar so
nie realisiert, zeigen aber dennoch das große
Interesse des Herrschers an der Gestaltung
von Ausstellungsräumen. Beispielsweise sah
er eine Ausstellungsabteilung für Gemälde
(„childereien“) und Skulpturen vor.
Zu den Nachbarstaaten Polen und Tschechi-
en hat Sachsen enge historische Bindungen.
Während bei Tschechien die Beziehungen über
die schon seit dem Mittelalter bestehende lan-
ge gemeinsame Grenze der Hauptgrund sind,
spielt im Fall Polens die Personalunion unter
einem Herrscher in der Zeit der sächsisch-
polnischen Union von 1697 bis 1763 und des
Herzogtums Warschau von 1807 bis 1813 eine
wesentliche Rolle. Es ist somit nicht verwun-
derlich, dass aus beiden Staaten 2018/19 Leih-
ersuchen kamen, denen entsprochen werden
konnte.
2018/19 führten das Staatliche Museum für
Archäologie in Chemnitz und die National-
galerie Prag unter den Titeln „Sachsen Böh-
men 7000“ bzw. „C
ˇ
echy-Sasko: jak blízko, tak
daleko (Böhmen-Sachsen: So nah, so fern)“
in Kooperation miteinander ein Ausstellungs-
projekt durch, dass einen Blick auf Geschich-
te und Kultur beiderseits der Grenze und die
Beziehungen von den ersten Anfängen bis zur
Gegenwart zum Gegenstand hatte. Wegen der
insgesamt sehr langen Ausstellungsdauer in
Chemnitz und in Prag beteiligte sich das Säch-
sische Staatsarchiv an beiden Ausstellungstei-
len in Dresden und in Prag mit verschiedenen
wechselnden Objekten. Abbildung 4 zeigt die
letzte Seite der von den kaiserlichen und kur-
sächsischen Unterhändlern unterzeichneten
Ausfertigung des Prager Friedens vom 30. Mai
1635. Das Vorhaben, den Dreißigjährigen Krieg
mit diesem Vertrag, dem neben Kursachsen
auch andere Reichsstände beitraten, zu be-
enden, scheiterte. Insbesondere Frankreich
und Schweden, deren Interessen hier nicht
berücksichtigt wurden, fühlten sich an den
Vertrag nicht gebunden. Der Krieg ging noch
über 13 Jahre weiter. Für Kursachsen brach-
te dieser Vertrag jedoch einen langfristigen
Territorialgewinn. Die bisherigen böhmischen
Kronländer Ober- und Niederlausitz, die Kur-
fürst Johann Georg I. von Sachsen bereits 1620
im Auftrag Kaiser Ferdinands II. besetzt hat-
te, wurden im hier enthaltenen sogenannten
Traditionsrezess an Kursachsen übertragen.
Im königlichen Schloss in Warschau fand 2019
die Ausstellung „Rza˛dzic´ i ols´niewac´. Klejnoty
i jubilerstwo w Polsce w XVI i XVII wieku“
(„Herrschen und blenden. Juwelen und Juwe-
lierhandwerk in Polen im 16. und 17. Jahrhun-
dert“) statt, zu der das Sächsische Staatsarchiv
das in Abbildung 5 gezeigte Stück beitragen
Abb. 4: SächsStA-D, 10001 Ältere Urkunden, Nr. 13028, letzte Seite
Abb. 5: SächsStA-D, 12884 Karten und Risse, Schr 007, F 089, Nr 002, Bl 012

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Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 31
konnte. Die kolorierte Zeichnung zeigt in ihren
vier Ecken Ornamente, die auf dem Thron im
während der Zeit der sächsisch-polnischen
Union erbauten Senatorensaal des Warschauer
Schlosses angebracht wurden. In der Mitte be-
findet sich die Darstellung einer Königskrone,
die sehr wahrscheinlich einem der Vorgänger
Augusts II. als König von Polen zuzuordnen
ist. Aus der Erläuterung auf der Zeichnung
geht hervor, dass es sich um die Nachzeich-
nung einer alten Krone handelt, die „auf einem
schon fast verwest gewesenen Alten Pappiere
vorgefunden“ wurde. Man habe „nicht mehr
entdecken koennen“, welcher König darunter
gesalbt worden sei. Bei der Vorbereitung der
Ausstellung gelangten die Mitarbeiter des Mu-
seums im königlichen Schloss in Warschau zu
der Hypothese, dass die Krone wahrscheinlich
aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
stammt und am ehesten von den Königen
Michał Korybut Wis´niowiecki (Herrschaft
1669–1673) oder Jan III. Sobieski (Herrschaft
1674–1696) verwendet wurde.
Die Sammlungstätigkeit der sächsischen Kur-
fürsten des 16. Jahrhunderts hat dazu geführt,
dass das Sächsische Staatsarchiv mit dem Nie-
derländischen Festungsatlas über eine wichtige
Quelle zur Geschichte der Niederlande verfügt.
In der niederländischen Literatur wird er unter
Bezugnahme auf Caspar de Robles, spanischer
Statthalter in den Niederlanden von 1568 bis
1585, als „de Robles atlassen“ bezeichnet. Die-
ser Atlas ist ein anschauliches Zeugnis über
die Anfangsphase des Achtzigjährigen Krieges
(1568–1684), in dessen Verlauf der nördliche
Teil der Spanischen Niederlande die Unabhän-
gigkeit von Spanien und 1648 im Rahmen des
Westfälischen Friedens die Anerkennung der
Niederlande als unabhängiger Staat erlangte.
Zum 450. Jahrestag des Beginns dieses Krie-
ges veranstaltete das Rijksmuseum in Ams-
terdam 2018 die umfangreiche Ausstellung
„80 Jaar Oorlog. De geboorte van Nederland“
(Der Achtzigjährige Krieg. Die Geburt der Nie-
derlande). Das Sächsische Staatsarchiv kam
gern dem Ersuchen dieses Museums nach,
dazu den Niederländischen Festungsatlas mit
seinen sehr anschaulichen Bildkarten auszu-
leihen. Das Rjksmuseum wählte für die Prä-
sentation eine Darstellung von Festung und
Stadt Stavoren in Westfriesland aus, die genau
datierbare Kämpfe am 10. September 1572
zeigt. Seit dem 24. August 1572 hatten die
aufständischen Geusen, die sich in der Stadt
Stavoren festgesetzt hatten, vergeblich die
dortige Festung belagert. Am 10. September
1572 gelang es den Truppen des spanischen
Statthalters Caspar de Robles, die Stadt zu-
rückzuerobern und die Festung zu entsetzen.
Wie die Darstellung zahlreicher brennender
Gebäude in der Stadt und in der Vorstadt zeigt,
führen die Kämpfe vom 10. September 1572 in
Stavoren zu schweren Zerstörungen.
Auch für 2020 gibt es trotz einiger durch die
Corona-Pandemie bedingter Absagen und
Verschiebungen Ausstellungsvorhaben mit
Beteiligung des Sächsischen Staatsarchivs,
darunter die 4. Sächsische Landesausstellung
„Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“.
Zu den relativ anspruchsvollen Klima- und
Sicherheitsbedingungen, die für die Ausstel-
lung von Archivalien erforderlich sind, kann
auf einen früheren Artikel in dieser Zeitschrift
verwiesen werden (Peter Wiegand, Von Luther
bis Lauchstädt – Zwölf Ausstellungen mit Leih-
gaben aus dem Staatsarchiv, in: Sächsisches
Archivblatt, Heft 2-2015, S. 11–13). Hier sei
nur noch einmal darauf hingewiesen, dass
Museen ihre Ausleihersuchen relativ frühzeitig
an das Sächsische Staatsarchiv stellen sollten,
da vor einer Ausleihe oftmals noch vorberei-
tende restauratorische und konservatorische
Arbeiten sowie Sicherungsdigitalisierungen
der Archivalien erforderlich sind. Ideal sind
Vorlaufzeiten von einem Jahr bis sechs Mo-
naten. Bei kurzfristigen Ausleihwünschen mit
einer Frist von weniger als drei Monaten vor
der Ausstellung kann das Ausleihersuchen oft-
mals nicht mehr realisiert werden.
Eckhart Leisering
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Abb. 6: SächsStA-D, 12884 Karten und Risse, Schr 026, F 096, Nr 010, Bl 18, Ausschnitt
Für die Beschreibung der Bildkarte der Kämpfe um Stavoren wurde herangezogen: Meindert Schroor/Charles van den Heuvel, De Robles atlassen, Leeuwarden 1998, S. 123–130.

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Rezension
Rosemarie Barthel/Steffen Arndt, Daß ein
Land ohne Archive unglücklich zu schät-
zen ist … Ein Streifzug durch 1000 Jahre
Thüringer Kulturgeschichte, Gotha: Lan-
desarchiv Thüringen, Staatsarchiv Gotha
2019 (Schriften des Staatsarchivs Gotha,
Band 15), 255 Seiten
Als Zimelien gelten jene besonders interes-
santen, wertvollen, mitunter auch kuriosen
Stücke in Archiven, die bei Führungen gezeigt,
auf Internetseiten präsentiert oder – wie im
vorliegenden Fall – in einem Bildband der
Öffentlichkeit vorgestellt werden. Aus einer
profunden Bestandskenntnis und langjährigen
Berufserfahrungen heraus erläutern Archivare
dabei die verschiedenen Dokumente, stellen sie
in ihren Zusammenhang und würdigen mit-
unter auch unscheinbare Details. Damit er-
gänzen sie die Geschichte des eigenen Archivs,
des Sprengels und des Archivträgers oft um
Unbekanntes, aber Wissenswertes, und leis-
ten einen wichtigen Beitrag zur archivischen
Öffentlichkeitsarbeit und zur historisch-poli-
tischen Bildungsarbeit.
Das von Rosemarie Barthel und Steffen Arndt
vorgelegte Buch – so viel lässt sich gleich zu
Beginn feststellen – fügt sich würdig in die Rei-
he solcher archivischer Zimelienbände ein. Auf
255 Seiten und in ansprechender Druckqualität
werden 114 Dokumente dargeboten, die einen
lebendigen Eindruck von der vielfältigen und
reichhaltigen Überlieferung des Staatsarchivs
Gotha vermitteln.
Für den Band – der eine bereits 2015 erschiene-
ne, ähnliche Veröffentlichung mit Dokumenten
des Staatsarchivs fortsetzt – haben die He-
rausgeber Quellen zu acht Themenbereichen
ausgewählt: Altes Reich, Leben am Fürstenhof,
Militärwesen, Wissenschaft und Kunst, Klei-
dung, Medizingeschichte und diplomatische
Beziehungen des Herzogtums Sachsen-Coburg
und Gotha. Abgeschlossen wird die Themen-
wahl durch Curiosa – Denk- und Merkwürdig-
keiten aus den Akten des Archivs. Vertreten
sind verschiedene Dokumentengattungen wie
Urkunden, Aktenschriftgut, handgezeichnete
Karten und Bilder sowie Druckschriften.
Aus der Fülle des Dargebotenen Einzelnes her-
vorzuheben fällt schwer. Archiv- und verwal-
tungsgeschichtlich besonders aufgefallen sind
drei Dokumente, die den höchst gemächlichen
Geschäftsgang beim Reichskammergericht und
bei den kaiserlichen Behörden in Wien thema-
tisieren. Der Staatsrechtler Karl Häberlin wies
1784 in einer Druckschrift auf das Problem der
sehr ineffizienten Aktenführung beim Reichs-
kammergericht hin, weil zahlreiche Kopien und
anwaltliche Schriftsätze die Akten unmäßig
aufblähen würden, erkannte aber zugleich
den Zusammenhang zwischen „korpulenten
Akten“ und korpulenten Advokaten. Für eine
bessere Verwaltung und Aufbewahrung der
Reichskammergerichtsakten wurde der Neubau
eines Archivgebäudes vorgeschlagen, welcher
jedoch erst Mitte des 19. Jahrhunderts, lange
nach der Auflösung des Gerichts, fertiggestellt
wurde. Von nahezu hypnotischer Langsamkeit
war auch der Geschäftsgang bei den kaiserli-
chen Behörden in Wien, über den der sachsen-
gotha-altenburgische Sondergesandte Gustav
Adolf von Gotter 1723 klagte. Nach Wien ent-
sandt, um die Begleichung herzoglicher Geld-
forderungen voranzubringen, verzweifelte er
schier an der Wiener Bürokratie und sandte sei-
nem fürstlichen Auftraggeber nach Gotha eine
labyrinthische Skizze des „Passus, durch welche
man nach dem ietzigen Keyserlichen Cameral
Instituto bis zu seiner Richtigkeit gehen muss“.
Die nicht weniger als 85 zu absolvierenden Sta-
tionen des Geschäftsgangs nötigen noch heute
Respekt für die Ausdauer und Leidensfähigkeit
der Antragsteller ab.
Kleidung, Mode und Uniformen widmen sich
mehrere Stücke in einem eigenen Abschnitt des
Bandes. Dabei kommen verschiedentlich Stoff-
proben und Stoffmuster zum Vorschein, die
material-, kultur- und wirtschaftsgeschichtlich
bedeutsam sind. Auf die textile Überlieferung
in Archivbeständen hat das Sächsische Staats-
archiv bereits 2001 mit der Veröffentlichung
„Geschichte braucht Stoff – Stoffe machen
Geschichte“ aufmerksam gemacht. Eine spe-
zifische Berücksichtigung von Stoffmustern
bei der Aktenerschließung kann die textilge-
schichtliche Forschung eines Landes oder einer
Region durch die Aufnahme entsprechender
Informationen gezielt unterstützen.
Nur wenige Dokumente finden sich zur Ge-
schichte des Kurfürstentums/Königreichs
Sachsen bzw. zu den sächsisch-thüringischen
Beziehungen. Erwähnenswert sind die Urkunde
des in der Schlacht bei Mühlberg besiegten
Kurfürsten Johann Friedrich, der in einer im
Feldlager vor Wittenberg am 1. Juni 1547 aus-
gestellten Urkunde die Einwohner Kursachsens
und der Markgrafschaft Meißen von ihren bis-
herigen Eidespflichten lossagte, sowie die Ein-
berufung eines Kreistages des obersächsischen
Reichskreises durch Kurfürst Johann Georg
III. 1683 zur Abwehr des türkischen Angriffs
auf Wien. Interessant ist auch der von Kaiser
Franz I. und von Metternich ratifizierte Bünd-
nisvertrag zwischen Österreich und dem Her-
zogtum Sachsen-Gotha-Altenburg, mit dem
sich das Land noch am 24. November 1813 der
Allianz gegen Napoleon anschloss und dem
daraufhin seine Souveränität und Besitzungen
garantiert wurden. Ganz anders erging es dem
Königreich Sachsen, dessen Monarch, mit viel
eingeschränkteren politischen Spielräumen, es
bis zur Völkerschlacht im Oktober 1813 nicht
gewagt hatte, von Napoleon abzufallen; sei-
ne Bündnisangebote an die Alliierten danach
stießen bei diesen auf Desinteresse, er geriet
in Gefangenschaft, und sein Land wurde 1815
geteilt.
Am Ende dieser Besprechung ist ein Zimelien-
band aus der Hand zu legen, der durch eine
gelungene Auswahl der Stücke sowie eine
ansprechende Erläuterung und Gestaltung
auffällt und dem viele Leser zu wünschen
sind. Das von den Herausgebern dem Buch-
titel vorangestellte Motto „Daß ein Land ohne
Archive unglücklich zu schätzen ist“ ließe
sich deswegen abwandeln in: Dass ein Archiv
glücklich zu schätzen ist, dem solche Bücher
gelingen. Da es in Rezensionen freilich üblich
ist, den gewonnenen Lesefrüchten mindestens
eine bittere Pille der Kritik beizumengen, sei
abschließend die Deutung eines Dokuments
bemängelt, die nicht zu überzeugen vermag.
Das in einer Leistungstabelle über die Schule
Emleben 1813 festgehaltene Urteil über einen
Schüler: „Hat ein sehr blödes Gesicht“ (S. 250),
meint nämlich nicht eine unansehnliche oder
dümmliche Physiognomie, sondern schwache
Augen bzw. ein schlechtes Sehvermögen. In ei-
nem Nachruf auf Johann Sebastian Bach, der in
seinen letzten Lebensjahren augenleidend war,
heißt es daher: „Sein von Natur etwas blödes
Gesicht, welches durch seinen unerhörten Eifer
in seinem Studiren, wobey er, sonderlich in sei-
ner Jugend, ganze Nächte hindurch saß, noch
mehr geschwächet worden, brachte ihm, in
seinen letzten Jahren, eine Augenkrankheit zu
Wege.“ (Musikalische Bibliothek, Bd. 4, Leipzig
1754, S. 167)
Jörg Ludwig
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Sächsisches Archivblatt Heft 2-2020 | 32

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 2 / 2020
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