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Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft
Chancen und Risiken
einer Zukunftstechnologie
Gentechnik – genial oder gefährlich?

1.
Allgemeine Informationen zur Gentechnik
Was ist das Neue an der Gentechnik?
Greift der Mensch mit der Gentechnologie in die Evolution ein?
In welchen Branchen liegen die Haupteinsatzgebiete der Gentechnik?
2.
Gentechnik im Bereich der Medizin
Welchen Beitrag leistet die Gentechnik in der medizinischen Forschung?
Bin auch ich schon einmal mit Gentechnik-Medikamenten
behandelt worden?
Kann die Gentechnik den Krebs besiegen?
Darf die Gentechnologie auch am Menschen angewendet werden?
Eröffnet die Gentechnik den Weg zum „gläsernen Menschen“?
Führt der Verzehr von gentechnisch veränderten Lebensmitteln zu mehr Allergien?
Werden Antibiotika durch den Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen unwirksam?
3.
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und
Lebensmittelerzeugung (Grüne Gentechnik)
Bringt der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft Vorteile?
Kann die Gentechnik das Problem des Hungers in der „Dritten Welt“ lösen?
Liegen gentechnisch veränderte Lebensmittel schon in den Supermarktregalen?
Inhalt
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Kann ich gentechnisch veränderte Lebensmittel erkennen?
Wird durch gentechnisch veränderte Pflanzen die Sortenvielfalt verringert?
Ist ein Nebeneinander des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen,
des Anbaus konventioneller Pflanzen und des Ökolandbaus möglich?
Dürfen gentechnisch veränderte Pflanzen in Deutschland angebaut werden?
4. Auswirkungen auf die Umwelt
Gefährdet „Bt-Mais“ unsere Schmetterlinge?
Wird das Bienensterben durch gentechnisch veränderte Pflanzen verursacht?
Kann die Gentechnik einen Beitrag zum Umweltschutz leisten?
Gentechnik – ein Risiko für die Natur?
5.
Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
Wie wichtig ist die Gentechnologie für die Wirtschaft?
Schafft die Gentechnologie neue Arbeitsplätze?
Sind Gene patentierbar?
Ist der Patentschutz gesetzlich geregelt?
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6.
Sicherheit
Hat es schon Gesundheitsschäden durch zugelassene Produkte
der Gentechnik gegeben?
Wer haftet für Schäden durch gentechnisch veränderte Organismen?
Wozu Sicherheitsforschung?
Darf jeder Gentechnik betreiben?
Was geschieht bei Verstößen gegen das Gentechnikgesetz?
7.
Anwendung der Gentechnik in Sachsen
Wie weit ist Sachsen in Sachen Gentechnik?
Gibt es derzeit Freilandversuche mit gentechnisch veränderten
Pflanzen in Sachsen?
8. Fachwortverzeichnis
9.
Gesetzliche Grundlagen zur Gentechnik
10. Quellenverzeichnis
11. Impressum
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Die Gentechnik ist eine junge, innovative und in der Öffentlichkeit
kontrovers diskutierte Technologie. Seit ihren Anfängen vor etwa
35 Jahren hat sie eine stürmische Entwicklung hinter sich. Sie be-
einfl usst viele Bereiche in der Medizin, Industrie und Landwirt-
schaft. Die moderne biomedizinische Forschung ist ohne Gentech-
nik nicht mehr vorstellbar. Auch in der medizinischen Diagnostik,
bei der Herstellung von Arzneimitteln und Spezialchemikalien, im
Umweltschutz und in der Pfl anzenzüchtung gewinnen gentechno-
logische Verfahren zunehmend an Bedeutung. Die noch lange nicht
ausgeschöpften Möglichkeiten der Gentechnologie und ihr fach-
übergreifender Charakter mit Bezug zur Biologie, Chemie und Informationstechnologie
sowie zu den Materialwissenschaften eröffnen ein breites Anwendungspotenzial. Die
Gentechnik kann in vielen Bereichen zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, z.B.
durch die Ablösung chemischer durch umweltschonendere, biotechnologische Verfahren.
Trotz der enormen Chancen und Perspektiven, die die Gentechnik eröffnet, bestimmen
Fragen nach ihrer sicheren Anwendung und mögliche Risiken die gesellschaftliche Diskus-
sion. Während die Nutzung der Gentechnik in der Medizin und Pharmazie sowie in Teilbe-
reichen der Industrie weitgehend etabliert ist, trifft ihre Anwendung in der Landwirtschaft
und bei der Herstellung von Lebensmitteln auf Skepsis. Unbestritten erfordert die Gentech-
nologie eine besondere Sensibilität, da sie an der Basis jeden Lebens, der Erbinformation,
ansetzt. Daher sind eine umfassende Risikoabschätzung sowie eine die Entwicklung beglei-
tende Sicherheitsforschung erforderlich. Unabhängig von der Haltung des Einzelnen wird
diese Technologie in einer globalisierten Welt auch unsere wirtschaftliche und gesellschaft-
liche Entwicklung wesentlich beeinfl ussen. In dieser Broschüre werden deshalb häufig ge-
stellte Fragen zur Gentechnik aufgegriffen, um mit deren Beantwortung einzelne Aspek-
te näher zu beleuchten und Einblicke in diese Materie zu geben. Mit diesen Informationen
können Sie sich ein Urteil zu dieser Technologie, ihren Anwendungsfeldern und den dazu
diskutierten Chancen und Risiken bilden.
Prof. Dr. Roland Wöller
Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft
Vorwort
Vorwort
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Allgemeine Informationen zur Gentechnik
»Was ist das Neue an der Gentechnik
»Der Austausch von Erbmaterial
zwischen verschiedenen Arten ist möglich.«
Die Methoden der
Gentechnik
ermöglichen es, genau eingrenzbare
Abschnitte des Erbmaterials gezielt zu isolieren, zu analysieren, zu
verändern und auf andere Organismen zu übertragen. Die Abschnitte
können einzelne oder mehrere
Gene
, aber auch Teile von Genen
enthalten. Anders als bei der herkömmlichen Züchtung ist die Über-
tragung auch zwischen stammesgeschichtlich sehr weit voneinander
entfernten Arten möglich, zum Beispiel von
Bakterien
auf Pfl anzen
oder vom Menschen auf Viren.
»Greift der Mensch mit der Gentechnologie
in die Evolution ein?«
»Ja, aber ...«
… der Mensch beeinfl usst den Ablauf der
Evolution
auch ohne
Anwendung der Gentechnologie schon lange. Er verändert die Umwelt-
verhältnisse, indem er sie seinen Bedürfnissen anpasst. Straßen und
Städte werden gebaut, Kanäle angelegt, Wälder gerodet und Sümpfe
trockengelegt. Diese Aktivitäten verändern die Umwelt und damit die
Lebensbedingungen von Pfl anzen und Tieren.
Auch durch die traditionelle Tier- und Pfl anzenzüchtung greift der
Mensch in die Evolution ein, indem er gezielt auf die Ausprägung be-
stimmter Eigenschaften Einfl uss nimmt.
Die moderne
Biotechnologie
, insbesondere die Gentechnologie,
erweitert die Methodenvielfalt zur Züchtung neuer Tierrassen und
Pfl anzensorten. Insofern greift der Mensch bei Anwendung der Gen-
technologie – wie auch mit herkömmlichen Züchtungsmethoden –
direkt in das Evolutionsgeschehen ein.
Das kann auch indirekt geschehen. So können großfl ächige Monokultu-
ren von Nutzpfl anzen, ob gentechnisch verändert oder konventionell
1. Allgemeine Informationen zur Gentechnik
Gentechnik
Methoden zur gezielten Neu-
kombination von Nukleinsäuren
(= Träger der Erbinformation),
auch über Artgrenzen hinweg
Gen
Abschnitt auf einer DNA,
der für die Bildung eines
Proteins benötigt wird
Bakterien
Einzellige Organismen
ohne Zellkern
Evolution
Biol.: stammesgeschichtliche
Entwicklung aller Lebewesen.
Sie ist ein kontinuierlicher
Vorgang, der die Anpassung
der Lebewesen an sich
ändernde Lebensverhältnisse
ermöglicht. Veränderungen
im Erbmaterial treten spontan
auf (Mutationen) oder werden
ausgelöst durch Vermischung
(Rekombination) des Erbma-
terials bei der Fortpflanzung.
Sie können auch durch energie-
reiche Strahlung (z. B. UV-
Strahlen, radioaktive Strahlen)
oder das Einwirken chemischer
Stoffe hervorgerufen werden.
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gezüchtet, dazu beitragen, die Artenvielfalt und Artenzusammenset-
zung nachhaltig zu verändern.
Da zahlreiche Faktoren auf das Umweltgeschehen und damit auch
auf die Evolution einwirken, lässt sich nicht genau vorhersagen, in
welcher Weise und in welchem Ausmaß Eingriffe des Menschen die
Evolution beeinfl ussen. Langzeiterfahrungen über die Auswirkungen
des Einsatzes der Gentechnologie im pfl anzlichen Bereich, insbe-
sondere beim Freilandanbau, liegen bisher nur vereinzelt vor. Dazu
zählt u. a. eine zehnjährige britische Langzeitstudie aus dem Jahr 2001,
die das Ausbreitungsverhalten gentechnisch veränderter Pfl anzen
untersuchte. Sie deutet darauf hin, dass die derzeit angebauten gen-
technisch veränderten Kulturpfl anzen wie Raps, Mais, Zuckerrüben
und Kartoffeln keine evolutionären Vorteile gegenüber konventionellen
Sorten besitzen.
Die Kenntnisse über ökologische und evolutionsbiologische Effekte
transgener Pfl anzen
sind jedoch noch lückenhaft. Daher muss
weiterhin Grundlagen- und Sicherheitsforschung zum Anbau gentech-
nisch veränderter Pfl anzen durchgeführt werden.
»In welchen Branchen liegen die Haupt-
einsatzgebiete der Gentechnik
»Besonders in der Biomedizin!«
Gentechnologische Methoden bilden das Rückgrat der modernen Biotech-
nologie. Bei der Biotechnologie wiederum handelt es sich um eine typische
Querschnittstechnologie, die ihre Anwendung in verschiedenen Branchen
fi ndet und zu den wichtigsten Wachstumsmärkten der Zukunft gehört.
Es wird erwartet, dass bis zum Jahr 2010 die Biotechnologie weltweit
zu einer Wertschöpfung von mehr als 400 Milliarden US$ beitragen
wird, wobei der Pharma- und Medizinbereich vor allem im Bereich der
Therapeutika, Diagnostika und Impfstoffe gegenwärtig eindeutig den
Schwerpunkt der kommerziellen Biotechnologie bilden. Über ein Viertel
Allgemeine Informationen zur Gentechnik
Biotechnologie
Einsatz biologischer
Systeme (Zellen, Zellbe-
standteile) im Rahmen
technischer Verfahren und
industrieller Produktion zur
Gewinnung und Umsetzung
von Stoffen oder Energie
Transgene Pflanze
gentechnisch veränderte
Pflanze, deren Erbmaterial
durch die Ergänzung mit art-
fremder DNA verändert ist
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Allgemeine Informationen zur Gentechnik
Rote Gentechnik
Anwendungen der Gentechnik
in der Medizin und Pharmazie
Grüne Gentechnik
Anwendungen der Gentechnik
in der Landwirtschaft,
Pflanzenzucht und Lebens-
mittelherstellung
gentechnisch veränderte
Pflanze
Pflanze, deren Erbmaterial
beispielsweise durch die
Ergänzung mit artfremder
DNA verändert ist
Mikroorganismen
Mikroorganismen gelten
als die kleinsten, mikrosko-
pisch darstellbaren Lebe-
wesen. Sie werden auch
Mikroben genannt. Zu den
Mikroorganismen zählen
Bakterien, einzellige Algen
und Pilze, Hefen, Protozoen
usw. Viren gelten nicht
als „Lebewesen“, da sie
sich nicht selbständig
reproduzieren können.
aller auf dem Weltmarkt befindlichen Arzneimittel werden heute mit
Hilfe der
„Roten Gentechnik
hergestellt. Derzeit befinden sich z. B.
in den USA mehr bio- und gentechnologisch entwickelte Produkte in
der klinischen Prüfung als „klassisch“ produzierte. In Deutschland sind
gegenwärtig ca. 150 Arzneimittel mit 93 gentechnologisch („rekombi-
nanten“) Wirkstoffen auf dem Markt (BPI, 2007).
Weltweit stark im Wachstum begriffen ist die Bedeutung der Bio- und
Gentechnologie auch in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindus-
trie. Dieser Bereich wird auch als
„Grüne Gentechnik
bezeichnet.
Ein großes Wachstum ist derzeit bei der Herstellung transgener Nutz-
pfl anzen die zu beobachten. So hat sich die weltweite Anbaufl äche mit
gentechnisch veränderten Pflanzen
in den letzten fünf Jahren auf
102 Millionen ha im Jahr 2006 in etwa verdoppelt. Die Hauptanbauge-
biete befi nden sich in den USA, Argentinien, Kanada, Brasilien, Indien
und China. Im Kontrast dazu steht der Anbau in den EU-Ländern: dort
wurden 2006 in nur sechs Ländern auf einer Fläche von insgesamt rund
62.000 ha gentechnisch veränderte Pfl anzen angebaut. Gebremst wird
die Entwicklung der „Grünen Gentechnik“ in der EU u. a. auch durch die
geringe Akzeptanz der Verbraucher. Zudem sind in Deutschland nur 6 %
aller biotechnologisch tätigen Unternehmen im Geschäftsfeld „Trans-
gene Pfl anzen“ aktiv (Biotechnologie Firmenumfrage des BMBF, 2007).
Dennoch nimmt die Zahl gentechnisch entwickelter Nutzpflanzen stetig
zu. Seit 1994 mit der „Flavour Savour-Tomate“ die erste gentechnisch
veränderte Pfl anze in den USA kommerziell zugelassen wurde, dürfen
weltweit über 100 verschiedene gentechnisch veränderte Nutzpfl anzen
in Verkehr gebracht werden, vor allem Soja, Raps, Mais, Baumwolle, Kar-
toffeln (Kompendium Gentechnologie, Bd.2). Dabei handelt es sich vor
allem um Pflanzen, die resistent gegen Pflanzenschutzmittel oder Schad-
insekten sind. In Europa werden gentechnisch veränderter Mais und Soja
vorwiegend zur Futtermittelherstellung verwendet. Lebensmittel aus gen-
technisch veränderten Pflanzen werden dagegen bisher kaum angeboten.
Auch im Umweltschutz gewinnt die Bio- und Gentechnologie an Bedeu-
tung. Hier können herkömmliche umweltbelastende Produktionsverfah-
ren durch umweltschonende ressourcensparende Techniken ergänzt
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Allgemeine Informationen zur Gentechnik
Enzyme
Eiweiße (Proteine), die bio-
logische Reaktionen steuern
und beschleunigen können
Weiße Biotechnologie
Auch industrielle Biotech-
nologie genannt. Im Fokus
der Weißen Biotechnologie
steht die Herstellung von
Produkten mit biotech-
nischen Verfahren.
Bioprozesstechnik
Techniken zur industriellen
Nutzung biologischer
Prozesse
Bioinformatik
Wissenschaft, die sich
mit der Erfassung, Analyse,
Darstellung und Anwen-
dung biologischer Daten
mittels der modernen
Informationstechnologien
befasst
Biosensorik
Messsysteme, die biologische
Komponenten wie z. B. Anti-
Körper, Enzyme oder Mikro-
organismen nutzen
Nanobiotechnologie
Untersuchung, Herstellung
und Anwendung von Struk-
turen und Materialien im
atomaren, molekularen und
makromolekularen Bereich
unter Einbeziehung bio-
logischer Funktionseinheiten.
Ein Nanometer ist ein
Milliardstel Meter.
oder ersetzt werden. Bio- und gentechnologische Verfahren zur Stoff-
produktion und -umwandlung laufen unter rohstoff- und energiesparen-
den Bedingungen und mit hoher Selektivität und Spezifität ab. Des Wei-
teren garantieren diese Verfahren eine hohe Reinheit und Ausbeute der
gewünschten Stoffe. Somit bergen sie ein erhebliches Potenzial für den
produktionsintegrierten Umweltschutz. Der Schadstoffabbau in Kläran-
lagen durch
Mikroorganismen
und der Abbau von Erdöl durch Bak-
terien sind Beispiele für den erfolgreichen Einsatz der Biotechnologie im
Umweltschutz. Gentechnische Verfahren zum Schadstoffabbau werden
jedoch großtechnisch bisher nicht eingesetzt.
Die Chancen der bio- und gentechnologischen Produktion werden der-
zeit erst bei relativ wenigen Produktgruppen, insbesondere bei Arznei-
mitteln und
Enzymen
für Waschmittel, im industriellen Maßstab
genutzt. Nahezu 100 % der Waschmittelenzyme werden mit gentech-
nisch veränderten Mikroorganismen hergestellt. Ein breiter Einsatz
dieser Technologie in der produzierenden Industrie, der sogenannten
„Weißen Biotechnologie“
, wird zukünftig von großer Bedeutung
sein. Experten zufolge sollen bis zum Jahr 2010 möglicherweise rund
20 % aller verkauften chemischen Substanzen mit Hilfe bio- und gen-
technischer Methoden hergestellt werden (McKinsey-Studie).
Neben der Pharma- und Chemieindustrie, der Landwirtschaft und dem Um-
weltsektor werden durch die Bio- und Gentechnologie zunehmend fach-
übergreifende Disziplinen, wie z. B.
Bioprozesstechnik
,
Biosensorik
,
Bioinformatik
, Materialforschung, Mikroelektronik, Energietechnik und
Medizintechnik beeinflusst. So wurde beispielsweise durch die Verbindung
von Bio- und Werkstoffwissenschaften die Entwicklung von innovativen
Materialien für die Transplantationsmedizin forciert. Hervorzuheben ist in
diesem Zusammenhang auch die
Nanobiotechnologie
. Sie schlägt eine
Brücke zwischen der unbelebten und belebten Natur. Sie dient der Erfor-
schung biologischer Systeme auf molekularer Ebene. Darüber hinaus
können mithilfe der Nanotechnologie winzig kleine Bausteine für technische
oder medizinische Anwendungen kontrolliert erzeugt werden.
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Gentechnik im Bereich der Medizin
»Welchen Beitrag leistet die Gentechnik in der
medizinischen Forschung?«
»Sie hat die Medizin
entscheidend voran gebracht!«
Gene als Informationsträger der Zelle programmieren Wachstum und
Entwicklung des menschlichen Körpers. Vielen Krankheiten liegen Fehler
in der Erbinformation, z. B. Gendefekte zugrunde. Dies ist beispiels-
weise bei der Hämophilie, Phenylketonurie und Mukoviszidose der Fall.
Mithilfe der Gentechnik können Aufbau, Funktion und Wirkungs-
weise der Gene untersucht werden. Ein Meilenstein stellt hier die in
atemberaubender Zeit erfolgte Entschlüsselung des menschlichen
Genoms
dar, das rund 30.000 Gene umfasst. Aufgrund dieser
neuen Erkenntnisse über das menschliche Genom ist die Entwicklung
neuer wirkungsvoller Medikamente möglich.
Viele medizinische Erkenntnisse hätten ohne die Gentechnik nicht er-
reicht werden können. So führte z. B. die Erforschung der molekularen
Ursachen von Krebs zu gezielteren Vorsorgeuntersuchungen. Außer-
dem können mithilfe der Gentechnik die molekularen Strukturen von
Krankheitserregern, wie z. B. Viren oder Bakterien, aufgeklärt werden.
So konnte die Wirkungsweise des HI-
Virus
entschlüsselt werden,
– eine wichtige Voraussetzung für die künftige Entwicklung von Impf-
stoffen und Medikamenten gegen AIDS.
Mit therapeutischen Anwendungen der Gentechnik – der sogenannten
Gentherapie
wird versucht, Gendefekte und Fehlregulationen von
Genen auszugleichen, indem intakte Gene in Zellen mit Gendefekten
eingeschleust oder die Aktivität von Genen beeinfl usst werden.
Ebenso können mithilfe der Gentechnik Medikamente entwickelt und
hergestellt werden. Bei diesen handelt es sich häufi g um körpereigene
Wirkstoffe, die für den therapeutischen Einsatz in ausreichender Men-
ge hergestellt werden.
Genom
Das gesamte genetische
Material eines Organismus
Virus
Biologische Einheit aus
DNA oder RNA und Protein-
hülle, die sich nur in einer
geeigne ten Wirtszelle ver-
mehren kann
Gentherapie
Behandlung von Krankheiten
durch Veränderung des Erb-
materials. Es wird zwischen
der somatischen Therapie
und der Keimbahntherapie
unterschieden.
2. Gentechnik im Bereich der Medizin
10

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Gentechnik im Bereich der Medizin
Beispiele hierfür sind:
– Humaninsulin zur Behandlung der Zuckerkrankheit (Diabetes),
– menschliches Wachstum fördernde Stoffe,
– die Blutgerinnung regulierende Faktoren,
– Präparate, die in die Zellregulation eingreifen und z. B. in der
Krebstherapie das Absterben von Tumorzellen unterstützen
können.
Die mithilfe der Gentechnik gewonnenen Erkenntnisse zeigen immer
deutlicher, welche molekularen Mechanismen vielen Krankheiten, aber
auch dem Heilungsprozess zugrunde liegen und wie sie zu beeinfl us-
sen sind. Die Gentechnik hat unser Wissen über die im menschlichen
Körper ablaufenden Prozesse, die Ursachen von Krankheit und Gesund-
heit revolutioniert. Sie ist zu einem unverzichtbaren Teil des vielfältigen
Methodenspektrums in der Medizin geworden.
»Bin auch ich schon einmal mit Gentechnik-
Medikamenten behandelt worden?«
»Das ist möglich, weil immer mehr
Medikamente gentechnisch hergestellt werden.«
Bereits seit 1982 ist das gentechnisch hergestellte Insulin zur Behand-
lung der Zuckerkrankheit im Handel. In Deutschland waren im Jahr 2007
150 gentechnisch hergestellte Arzneimittel auf dem Markt, über 200 be-
finden sich in der Entwicklungsphase. Der im Jahr 2006 erzielte Gesamt-
umsatz mit gentechnisch erzeugten Arzneimitteln betrug 2,38 Milliarden
EUR und entspricht damit über 10% des Gesamtmarktes deutscher
Arzneimittel. Eines der bekanntesten gentechnisch hergestellten Arznei-
mittel ist Erythropoietin, eingesetzt bei Blutarmut (Anämie).
Zahlreiche Impfstoffe, wie beispielsweise zum Schutz gegen Kinder-
lähmung, Keuchhusten, Wundstarrkrampf, Diphtherie, Röteln und
Hepatitis werden gentechnisch hergestellt. Einen Meilenstein stellte
11

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Gentechnik im Bereich der Medizin
Zelle
Die kleinste selbständig
lebensfähige und vermeh-
rungsfähige Einheit von
lebenden Organismen
Anti-Angiogenese
(= Angiogenese-Hemmung)
Medikamentöse Methode,
die das Bilden neuer Blutge-
fäße im Körper verhindern
soll, um einem Tumor die
Nahrungszufuhr abzuschnei-
den und sein weiteres
Wachstum zu unterbinden
Lymphozyten
Weiße Blukörperchen
(= Leukozyten), die Teil
des Immunsystems sind
und die sog. erworbene
Immunität vermitteln
Mutation
Spontane Änderung in
einem Gen, z. B. durch
Basenaustausch
DNS (engl. DNA)
Abkürzung für Desoxyribo-
nukleinsäure; Träger der
genetischen Information
aller Lebewesen
auch die Zulassung des Prostata-Krebsmedikamentes „Eligard“ dar –
die erste Zulassung eines Produktes einer deutschen Biotech-Firma.
»Kann die Gentechnik den Krebs besiegen?«
»Das ist derzeit nicht absehbar,
aber die Chancen steigen.«
Krebszellen unterscheiden sich von gesunden
Zellen
vor allem da-
durch, dass sie sich durch fortgesetztes Teilen unkontrolliert vermehren.
Die Zellteilung wird ihrerseits durch Gene gesteuert. Krebs beruht inso-
fern im Kern auf einer fehlerhaften Regulation dieser Gene. Dabei kön-
nen die zugrunde liegenden Genveränderungen durch Viren, Strahlung,
chemische und andere Einfl üsse neu entstehen oder ererbt werden.
Die Erforschung des unkontrollierten Zellwachstums mithilfe der Gen-
technik hat völlig neue Möglichkeiten der Diagnose und Behandlung
eröffnet. Ein aktueller Trend in der Krebsbekämpfung ist die
Anti-
Angiogenese
. Mit ihr soll verhindert werden, dass sich neue Blut-
gefäße zur Versorgung fester Tumoren bilden. Die Geschwulst wird
„ausgehungert“ und wächst nicht mehr. Ein weiterer Weg der Behand-
lung von Krebs besteht darin, im Tumorgewebe vorhandene Immunzellen
(gewebeinfi ltrierende
Lymphozyten
) zu isolieren, außerhalb des
Körpers zu vermehren und gentechnisch so zu verändern, dass sie die
Tumoren angreifen können.
Mutationen
innerhalb der
DNA
von Körperzellen, die Krebs zur
Folge haben können, lassen sich durch Gentechnik nicht verhindern.
Mit gendiagnostischen Methoden gelingt aber bereits heute eine ver-
besserte Früh- und Differenzialdiagnostik einiger Krebserkrankungen.
In den letzten zehn Jahren weckten z. T. euphorische Berichterstattun-
gen der Medien über die Gentherapie große Hoffnungen. Jedoch er-
brachte keine der weltweit bis heute durchgeführten klinischen Studien
12

den „großen Durchbruch“ bei der gentherapeutischen Behandlung von
Krebspatienten.
»Darf die Gentechnologie auch am Menschen
angewendet werden?«
»Ja, aber nur zur Behandlung
von Krankheiten!«
Die Anwendung der Gentechnologie am Menschen befindet sich derzeit
noch im Forschungsstadium und dient medizinischen Zwecken.
Ziel ist
es, einzelne Gene in den menschlichen Körper einzuschleusen, um für
bestimmte Krankheiten verantwortliche Gendefekte „auszugleichen“.
Diese Art der Gentherapie, die sogenannte
somatische Gentherapie
,
wird an Körperzellen, z. B. Blutzellen oder
somatischen Zellen
aus
Organen, durchgeführt.
Im Unterschied zur somatischen Gentherapie wäre es durch gentech-
nische Eingriffe in die Keimbahn (Ei- und Samenzellen) grundsätzlich
möglich, auch solche Veränderungen der Genausstattung von Men-
schen herbeizuführen, die auf nachfolgende Generationen weiter-
vererbt werden können (
Keimbahntherapie
). Auf diese Weise
könnten in Zukunft auch Menschen geschaffen werden, die über Ei-
genschaften verfügen, die von Einzelnen oder der Allgemeinheit als
wünschenswert angesehen werden oder die unerwünschte Eigen-
schaften nicht besitzen. In der Praxis ist dies derzeit weder möglich
noch zulässig. Zudem verfolgt die gentechnologische Forschung keine
derartigen
eugenischen Ziele
.
Abgesehen davon muss sich die Gesellschaft grundsätzlich die Frage
stellen, ob der Mensch sich nach seinem Bilde neu erschaffen, d. h.
seine eigene Evolution nach seinen Vorstellungen mit gentechnischen
Mitteln steuern darf.
Aufgrund dieser ethischen Bedenken sind Versuche der Keimbahn-
therapie am Menschen durch den Gesetzgeber in Deutschland
Gentechnik im Bereich der Medizin
somatische Gentherapie
Therapie, die auf die
gentechnische Veränderung
von Körperzellen abzielt
somatische Zellen
(= Körperzellen)
Alle Zellen eines höheren
Organismus mit Ausnahme
der Geschlechtszellen
Keimbahntherapie
Eingriff in die Erbsubstanz
von Keimzellen (Ei- und
Samenzellen)
Eugenik,
eugenische Ziele
Systematische Auswahl von
Individuen zur Fortpflanzung
13

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Gentechnik im Bereich der Medizin
verboten. Ebenso bestehen gegenüber der Herstellung genetisch
identischer Kopien, also der
Klonierung
von Menschen, schwer-
wiegende ethische Bedenken. Daher ist in Deutschland mit dem 1991
verabschiedeten Embryonenschutzgesetz das Klonen von Menschen
ausdrücklich unter Strafe gestellt.
Die britische Regierung erlaubte im August 2004 Forschern erstmals,
menschliche Embyonen zu Forschungszwecken zu klonen (therapeuti-
sches Klonen).
»Eröffnet die Gentechnik den Weg zum „gläsernen
Menschen“?«
»Ein stückweit ja.«
Die Gentechnik hilft bei der Aufklärung der Erbinformation des Men-
schen sowie von Tieren und Pflanzen und bei der Erforschung der
Funktion von Genen und Proteinen.
Im Jahr 2001 wurden von zwei Forschergruppen die Rohdaten des
menschlichen Genoms veröffentlicht. Damit ist nunmehr die Abfolge der
über drei Milliarden
Nukleotide
bekannt, aus denen das menschliche
Erbgut besteht. Diese Informationen wurden zwischenzeitlich ver-
feinert. Im Jahr 2007 wurde durch eine amerikanische Arbeitsgruppe
erstmals das Genom eines einzelnen Menschen, des Wissenschaftlers
Craig Venter, vollständig aufgeklärt. Allerdings ist erst für einen relativ
kleinen Teil der DNA bekannt, welche Funktion die darauf befindlichen
Gene und andere Abschnitte haben.
Ungeachtet dieser großen weißen Flecken auf der Landkarte des Le-
bens ist es im Ergebnis weltweiter, langjähriger Forschungsarbeiten
gelungen, eine Vielzahl von Genen zu identifizieren und zu untersuchen.
Dabei wurde erkannt, dass bestimmte Variationen in der DNA mit dem
Auftreten oder der Häufi gkeit bestimmter Erkrankungen in Zusammen-
hang stehen. Eine ganze Reihe erblicher Krankheiten, wie z.B. die
Klonierung
Schaffung einer Kolonie
genetisch einheitlicher
Zellen oder Organismen, die
sich von einer Zelle ableiten
Nukleotide
„Buchstaben“ des gene-
tischen Codes. Die DNA
besteht aus nur vier Grund-
bausteinen, die mit den
Buchstaben A, C, G und T
abgekürzt werden und deren
Reihenfolge die eigentliche
Information darstellt.
14

Mukoviszidose, beruhen direkt auf einem veränderten Gen. Für andere,
durch mehrere Faktoren beeinfl usste Erkrankungen, wie z.B. Krebs,
Diabetes oder Multiple Sklerose, kann eine genetisch bedingte Ver-
anlagung bestehen. Variationen in einzelnen Genen können auch die
Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten beeinflussen.
Mithilfe spezieller Gentests wird es zunehmend möglich, individuelle
Unterschiede in einzelnen oder mehreren Genen aufzuspüren. Damit
können z.B. die Veranlagungen zu einer bestimmten Krankheit lange vor
Auftreten der ersten Symptome diagnostiziert und frühzeitig Maßnah-
men ergriffen werden. Versuche, „Gendefekte“ durch eine somatische
Gentherapie zu beheben, stecken allerdings noch in den Kinderschuhen.
Das Wissen über die eigenen Gene wirft aber auch eine Reihe von
individuellen und gesellschaftlichen Fragen ethischer und rechtlicher
Natur auf. Wie würde der Einzelne mit dem Wissen umgehen, in 10
Jahren mit hoher Sicherheit an einer derzeit noch unheilbaren Krank-
heit zu erkranken? Gibt es ein Recht auf Nichtwissen? Welche Infor-
mationen dürfen Krankenversicherungen oder Arbeitgeber erhalten und
wie kann man Betroffene wirksam vor Diskriminierung schützen? Hier-
zu sind eine breite gesellschaftliche Diskussion und in deren Ergebnis
klare gesetzliche Vorgaben erforderlich. In Deutschland wird dazu seit
geraumer Zeit über ein Gendiagnostik-Gesetz diskutiert.
»Führt der Verzehr von gentechnisch veränderten
Lebensmitteln zu mehr Allergien?«
»Das allergene Potenzial von gentechnisch
veränderten Lebensmitteln ist im Allgemeinen nicht
höher als das von konventionellen Lebensmitteln«
Die Befürchtungen sind weit verbreitet, dass mit der Einführung
gentechnisch veränderter Lebensmittel auch mit einer Zunahme der
Lebensmittelallergien zu rechnen ist.
Allergien
können grundsätzlich gegen Stoffe jeder Art entstehen,
sogar gegen solche, die vom eigenen Körper gebildet werden.
Gentechnik im Bereich der Medizin
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Allergie
Die Allergie ist eine Über-
reaktion des Immunsystems.
Harmlose Fremdkörper
(z. B. Pollen oder bestimmte
Proteine, die in gewissen
Lebensmitteln vorkommen)
werden vom Immunsystem
wie gefährliche Eindring-
linge attackiert

Gentechnik im Bereich der Medizin
Allerdings ist das allergieauslösende Potenzial der Stoffe unterschied-
lich. „Echte Lebensmittelallergien“ haben etwa 2 bis 5 % der Bevölke-
rung. Zu den Nahrungsmitteln, gegen die in Mitteleuropa häufi g eine
Allergie besteht, zählen bei Kindern Kuhmilch, Hühnereiweiß, Fische,
Erdnüsse und Soja, bei Erwachsenen Baumnüsse, Erdnüsse, Fische,
Schalentiere, Gemüse wie Sellerie, Getreide und Obst (insbesondere
Steinobst).
So wie gegen andere Lebensmittel können einzelne Menschen auch
gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel Allergien entwickeln. In
diesem Fall müssen sie diese „neuartigen Lebensmittel“ genauso
meiden wie die ihnen schon bekannten Allergieauslöser (Allergene).
Deshalb ist eine klare Kennzeichnung gentechnisch veränderter
Lebensmittel gerade zum Schutz von Allergikern wichtig. Es gibt
keine Hinweise dafür, dass unter Einsatz der Gentechnik hergestellte
Lebensmittel häufi ger zu Allergien führen als vergleichbare andere
Lebensmittel.
Generell ist es heute möglich, die Allergenität neuer Proteine durch ei-
nen Vergleich mit bereits bekannten Proteinen abzuschätzen. So konn-
te bei einer gentechnisch veränderten Sojabohnensorte, in die ein Gen
aus der Paranuss übertragen worden war, bereits vor Marktzulassung
ein erhöhtes Allergierisiko nachgewiesen werden. Die Sojabohne, die
als Futtermittel vorgesehen war, kam deshalb nie auf den Markt.
Für große Aufregung sorgte im Jahr 2000 der Allergieverdacht um den
insektenresistenten StarLink-Mais, der nur als Futtermittel zugelassen
war und dennoch aus ungeklärten Gründen in die Lebensmittelver-
arbeitung gelangte. In den USA klagten daraufhin viele Konsumenten
über allergieähnliche Beschwerden. Untersuchungen durch die US-
Gesundheitsbehörde konnten das
allergene Potenzial
der gen-
technischen Veränderung des StarLink-Mais nicht bestätigen. Da
letzte Zweifel aber nicht ausgeräumt werden konnten, wurde für den
StarLink-Mais keine Lebensmittelzulassung erteilt.
Die Gentechnologie kann aber auch zur Vermeidung von Lebensmittel-
allergien genutzt werden. So wird in einigen Forschungslabors versucht,
allergenes Potenzial
Potenzial eines Stoffes,
eine Allergie auszulösen
16

allergieauslösende Eiweiße aus Lebensmitteln, wie z. B. Reis, Soja-
bohnen und Erdnüssen, zu entfernen. Jedoch sind marktreife Sorten vor-
läufig noch nicht in Aussicht. 0,1% der Bevölkerung leiden an einer
speziellen Nahrungsmittelunverträglichkeit der „Zöliakie“, einer allergie-
ähnlichen Erkrankung, die auf bestimmte Kleberproteine (Glutene) im
Getreide zurückzuführen ist. Glutenfreies Getreide ist somit ebenfalls
Ziel derzeitiger gentechnischer Forschungsarbeiten. Auch bei der Aufklä-
rung der Ursachen von Allergien und bei der Entwicklung von Medika-
menten gegen Allergien kann die Gentechnologie einen Beitrag leisten.
»Werden Antibiotika durch den Verzehr
gentechnisch veränderter Pfl anzen unwirksam?«
»Das ist eher unwahrscheinlich.«
Die Fähigkeit von Mikroorganismen zur Produktion von antibakteriellen
Wirkstoffen (Antibiotika) wird in der Medizin seit 1929 – der Ent-
deckung des Penicillins durch Alexander Fleming – zur Behandlung
bakterieller Infektionskrankheiten genutzt.
Viele Bakterienstämme haben jedoch mittlerweile Resistenzen gegen
Antibiotika entwickelt – z. B. durch Produktion eines spezifi schen En-
zyms wie Penicillinase, das Penicillin spaltet und dadurch unwirksam
macht. Bakterien können diese Gene, die Antibiotika-Resistenzen ver-
ursachen, untereinander austauschen. Ein therapeutisches
Anti-
biotikum
wird dadurch allmählich wirkungslos.
Solche Resistenzgene sind jedoch insbesondere bei Anwendung gen-
technischer Methoden in der Pfl anzenzüchtung nützlich. Sie werden
als
Markergen
gemeinsam mit dem Gen für eine neue Eigenschaft
in die Pfl anzenzellen eingeschleust, um im Folgenden diejenigen Pfl an-
zenzellen, die die neue Eigenschaft in Verbindung mit der Antibiotika-
Resistenz besitzen, nachweisen zu können.
Die Befürchtung, dass es durch den Verzehr von gentechnisch verän-
derten Pfl anzen zur Übertragung der Resistenzen auf Darmbakterien
Gentechnik im Bereich der Medizin
17
Antibiotikum
Antibiotika
sind
niedermole-
kulare Stoffwechselprodukte
von Mikroorganismen wie
z. B. Bakterien oder Pilzen,
die in geringen Konzentrati-
onen andere Mikroorganis-
men in ihrem Wachstum
hemmen (bakteriostatische
Wirkung, z. B. Penicillin)
oder abtöten (bakterizide
Wirkung, z. B. Streptomycin).
Markergen
Gen, das die Identifizierung
und Selektion einer
gentechnisch veränderten
Zelle oder eines gen-
technisch veränderten
Organismus ermöglicht

image
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Gentechnik im Bereich der Medizin
des Menschen kommt und anschließend Antibiotika im Krankheitsfall
wirkungslos bleiben, konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden.
Untersuchungen zeigten, dass das Erbmaterial durch den Verdauungs-
prozess größtenteils abgebaut und inaktiviert wird. Dennoch verlangt
die seit Herbst 2002 geltende EU-Freisetzungsrichtlinie 2001/18/EG
entsprechend dem Vorsorgeprinzip eine schrittweise Einstellung der
Verwendung von Genen, die eine Resistenz gegen bestimmte Anti-
biotika vermitteln. In der nächsten Generation transgener Pfl anzen wer-
den aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes Antibiotika-
resistenz-Marker durch alternative Verfahren (z. B. Farbstoffmarker)
ersetzt werden.
Die Tatsache, dass sich Antibiotikaresistenzen immer mehr ausbrei-
ten, ist – wie auch die Weltgesundheits-Organisation der UNO World
Health Organisation (WHO) feststellt – nicht eine Folge der Gentech-
nik, sondern hauptsächlich eine Folge der intensiven z. T. missbräuch-
lichen Verwendung von Antibiotika in der Medizin sowie des Einsatzes
von Antibiotika als Tierfutterzusatz.
18

»Bringt der Einsatz der Gentechnik in der
Landwirtschaft Vorteile?«
»Dem Landwirt Ja; dem Verbraucher
bisher nur teilweise.«
Seit langer Zeit wird versucht, mit klassischen Methoden Erbma-
terial zu verändern, um bestimmte Eigenschaften bei Pfl anzen und
Tieren, z. B. Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, Kälte oder Hitze,
zu erreichen.
Die Gentechnik fügt den bestehenden Züchtungstechniken neue Me-
thoden hinzu und erlaubt die gezielte Einführung neuer Merkmale in
Pfl anzen. So kann die Gentechnik dazu beitragen, dass die Qualität
landwirtschaftlicher Erzeugnisse gesichert oder weiter verbessert wird
und dass wirtschaftlich erfolgversprechende Anbaumethoden, die auch
ökologische Vorteile mit sich bringen, neu zum Einsatz kommen.
Durch den Anbau gentechnisch entwickelter Pfl anzen, die wider-
standsfähig sind gegen Insekten, Pilze, Bakterien oder Viren, können
chemische Pflanzenschutzmittel
vermindert zum Einsatz kommen.
Das trägt zur Entlastung von Böden und Gewässern bei. Die Gentech-
nik kann es künftig außerdem ermöglichen, Pflanzen gegen bestimmte
Schadstoffe wie z. B. Schwermetalle widerstandsfähiger zu machen
oder sie besser an extreme Umweltbedingungen wie Hitze, Kälte,
Trockenheit oder hohen Salzgehalt des Bodens anzupassen.
Bisher für den Nutzpfl anzenanbau ungeeignete Standorte könnten so
nutzbar gemacht werden. Ein weiteres Ziel der Gentechnik ist die Ent-
wicklung von Pfl anzen, die die vorhandenen Nährstoffe besser nutzen.
Dadurch könnte der Einsatz von Düngemitteln reduziert werden. In der
Entwicklung sind derzeit auch Pflanzen, die Vorteile für den Verbraucher
bringen, wie beispielsweise verbesserter Geschmack und verlängerte
Haltbarkeit. Kommerziell eingesetzt werden bereits Soja und Raps mit
einer verbesserten Fettsäurezusammensetzung. Insbesondere die
Optimierung der ernährungsphysiologischen Eigenschaften steht im
Mittelpunkt der derzeitigen Forschungsarbeiten. In der Entwicklung
befi nden sich Kartoffeln mit mehr Ballaststoffen, Sojabohnen mit
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
19
Pflanzenschutzmittel
Pflanzenschutzmittel sind
chemische oder biologische
Wirkstoffe und Zuberei-
tungen, die dazu bestimmt
sind, Pflanzen und Pflanzen-
erzeugnisse vor Schad-
organismen zu schützen.
3. Gentechnik im Bereich der Land-
wirtschaft und Lebensmittelerzeugung
(Grüne Gentechnik)

Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
weniger Cholesterin, koffeinfreier Kaffee, glutenfreier Weizen sowie
Raps und Reis mit erhöhtem Vitamin A-Gehalt. Dies ist von besonderer
Bedeutung für viele Millionen Menschen, für die Reis fast das einzige
Nahrungsmittel ist und die aufgrund dieser einseitigen Ernährung an
schweren Mangelerkrankungen leiden. Durch gentechnische Metho-
den können aber auch allergieauslösende Stoffe reduziert oder ganz
aus Lebensmitteln entfernt werden. Derzeitige entsprechende Be-
mühungen umfassen die Herstellung einer Reissorte ohne allergieaus-
lösende Inhaltsstoffe.
»Kann die Gentechnik das Problem des Hungers
in der „Dritten Welt“ lösen?«
»Nein, aber sie kann einen Beitrag dazu leisten.«
Die Gentechnik kann einen Beitrag zur verbesserten und erhöhten
Versorgung mit Lebensmitteln leisten. Heute leben etwa 6,7 Milliarden
Menschen auf der Erde. Im Jahr 2025 werden es voraussichtlich 7,4
bis 8,3 Milliarden Menschen sein. In der Vergangenheit konnten auf-
grund von neuen Züchtungen und des Einsatzes von Dünge- und
Pfl anzenschutzmitteln eine steigende Anzahl von Menschen versorgt
werden, auch wenn in vielen Teilen der Welt Hunger nach wie vor ein
großes Problem ist.
Neue landwirtschaftliche Anbaufl ächen auf der Erde können derzeit
kaum noch erschlossen werden. Durch Umweltverschmutzung,
Verödung und Verstädterung gehen sogar immer mehr Anbauflächen
verloren, so dass die pro Kopf verfügbare Anbaufl äche insgesamt ab-
nehmen wird. Um die im Jahre 2025 lebenden Menschen ausreichend
ernähren zu können, müsste die landwirtschaftliche Produktion pro
Nutzfl äche mehr als verdoppelt werden. Eine Ausweitung der Anbau-
fl ächen auf Kosten von Naturfl ächen – wie z. B. Regenwäldern – ist
ökologisch nicht vertretbar. Ziel muss es daher sein, besser angepasste
Pfl anzensorten für widrige Standortbedingungen, wie beispielsweise in
Trockengebieten zu entwickeln.
20

Mit gentechnisch gezüchteten Pfl anzen, die
resistent
gegen
Insekten, Pilze oder Viren sind, können Ernteverluste vermindert, Er-
träge gesteigert und gleichzeitig chemische Pfl anzenschutzmittel ein-
gespart werden. Außerdem können Pfl anzen mit erhöhtem Nährwert
und verbesserter Qualität gezüchtet werden.
Damit kann einer Fehl- oder Mangelernährung entgegengewirkt wer-
den. Auch die Entwicklung von Sorten, die unter widrigen Umständen
wie z. B. hohen Temperaturen oder sandigen und salzhaltigen Böden
wachsen können, ist ein weiterer Weg zur Ernährungssicherung.
»Liegen gentechnisch veränderte Lebensmittel
schon in den Supermarktregalen?«
»In Europa bisher noch nicht.«
Obwohl gentechnisch veränderte Pfl anzen im Jahr 2006 weltweit auf
einer Fläche von 102 Millionen ha angebaut wurden, spielt die Gentech-
nik bei unseren Lebensmitteln in den Supermarktregalen keine große
Rolle. Lebensmittel, die direkt gentechnisch verändert sind, gibt es
bisher in der EU nicht zu kaufen. Beispielsweise sind alle in der EU im
Handel befi ndlichen Obst- und Gemüsesorten nicht gentechnisch ver-
ändert. Die durch die Medien bekannt gewordene „Anti-Matsch-Tomate
Flavr Savr“ ist in den USA nicht mehr auf dem Markt. In den USA sind
dagegen bereits einige gentechnisch veränderte Sorten wie Papayas,
Melonen oder Süßkartoffeln zugelassen, jedoch ist ein Import in die EU
bislang verboten.
Beim Einkauf trifft man jedoch auf unzählige Produkte, bei denen die
Gentechnik im Herstellungsprozess beteiligt gewesen sein könnte.
Dazu zählen die große Zahl von Lebensmitteln, die Soja, Mais und
Raps in verarbeiteter Form, z. B. als raffi niertes Öl enthalten. So schät-
zen Fachleute, dass bis zu 30.000 Lebensmittel Sojaerzeugnisse ent-
halten (Berichte der Bundesforschungsanstalt für Ernährung). Dazu
zählen Backwaren, Süßwaren, Tofu, Suppen und Fleischersatzprodukte.
Mais wird gemahlen als Mehl und in Maisgerichten eingesetzt, Maisöl
in Margarine, Mayonnaise, Saucen und Kartoffelchips verarbeitet.
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
21
Resistenz
Unter Resistenz versteht
man die Widerstandsfähig-
keit eines Organismus oder
einer biologischen Art gegen
schädliche äußere Einflüsse.

image
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Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
Außerdem wird Mais in Back- und Süßwaren, Müsli, Fruchtgetränken,
Babynahrung und Sportdrinks eingesetzt.
Raps ist vor allem für die Herstellung von Rapsöl von Bedeutung.
Soja: Mittlerweile importiert die EU jährlich etwa 35 Millionen Tonnen
Sojarohstoffe. Die Einfuhr erfolgt größtenteils aus Ländern, die über-
wiegend gentechnisch verändertes Soja anbauen. Die Importe werden
in der EU zwar hauptsächlich als Futtermittel eingesetzt, es ist jedoch
nicht auszuschließen, dass gentechnisch veränderte Sojarohstoffe wie
z. B. Sojaöl, Lecithin und Sojaeiweiße auch in Nahrungsmitteln wie
Margarine, Schokolade, Keksen und Fertigprodukten enthalten sein
könnten. Jedoch bleiben sie in der Regel unterhalb des für die Kenn-
zeichnung gesetzlich vorgeschriebenen Schwellenwertes von 0,9 %.
Für Lebensmittelunternehmen, die Sojazutaten in ihren Produkten ver-
arbeiten, wird es immer schwieriger, „gentechnikfreie“ Rohstoffe in
ausreichenden Mengen zu beziehen. Einige Unternehmen bemühen
sich, Sojazutaten in ihren Rezepturen zu ersetzen: So ist z. B. bei Mar-
garine Sojaöl gegen Rapsöl ausgetauscht worden.
Keiner der Versuche Nutztiere gentechnisch zu verändern, führte bis-
her zum Erfolg, mit einer Ausnahme. In den USA wurde 1999 der An-
trag auf Zulassung für gentechnisch veränderte Lachse gestellt, die
doppelt so schnell wachsen wie ihre unveränderten Artgenossen. Bis-
her erhielten sie aber noch keine Zulassung der zuständigen Behörden.
Viele der im Lebensmittelbereich eingesetzten
Enzyme
werden mitt-
lerweile mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen, meist
Bakterien, Hefen oder Pilzen, hergestellt. Beispiele hierfür sind Pektina-
sen, die bei der Herstellung von Fruchtsäften eingesetzt werden. Durch
Einsatz des gentechnisch hergestellten Labferments Chymosin, das für
die Milchgerinnung benötigt wird, kann auf die Gewinnung des Enzyms
aus Kälbermägen weitgehend verzichtet werden. Auch Lebensmittel-
zusatzstoffe wie Vitamine, Aromen oder
Aminosäuren
werden zum
Teil gentechnisch produziert. Entsprechend der Kennzeichnungsver-
ordnung sind diese Produkte nicht kennzeichnungspflichtig.
22
Enzyme
Eiweiße (Proteine), die
biologische Reaktionen
steuern und beschleunigen
können
Aminosäuren
sind Bausteine von
Eiweißen (Proteinen).

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image
Es gibt aber auch Unternehmen, die auf die Anwendung der Gentechnik
bei der Produktion ihrer Lebensmittel verzichten.
Dies gilt im Besonderen für die Unternehmen des ökologischen Land-
baus, die entsprechend der EU-Öko-Verordnung wirtschaften, die den
Einsatz der Gentechnik verbietet. Außerdem hat eine Reihe von Han-
delshäusern erklärt, bei ihren Eigenmarken keine gentechnisch verän-
derten Rohstoffe und Zutaten zu verwenden. Ob in Zukunft verstärkt
gentechnische Lebensmittel zum Verkauf angeboten werden, hängt in
erster Linie von der Akzeptanz des Konsumenten ab.
»Kann ich gentechnisch veränderte
Lebensmittel erkennen?«
»Ja, denn sie müssen gekennzeichnet werden.«
Was und wie gekennzeichnet werden muss, ist EU-weit gesetzlich
geregelt (EU-Verordnung 1829/2003 und 1830/2003).
Danach besteht eine Kennzeichnungspfl icht für alle Lebens- oder
Futtermittel, die
– selbst ein
GVO
sind (Beispiel: transgene Tomaten
oder Kartoffeln)
– GVO enthalten (Beispiel: gentechnisch veränderte
Milchsäurebakterien in Joghurt) oder
– aus GVO hergestellt wurden bzw. Zutaten enthalten, die aus
GVO hergestellt wurden (Beispiel: Sojamehl und Sojaöl aus
gentechnisch veränderten Sojabohnen).
Dabei ist nicht von Bedeutung, ob der GVO oder Teile von ihm im
Endprodukt noch nachweisbar sind.
Nicht gekennzeichnet werden müssen Produkte, die nur „mit Hilfe“
von GVO hergestellt wurden. Dazu zählen u. a. Fleisch, Milch und Eier,
auch wenn sie von Tieren stammen, die mit GVO-Futtermitteln ge-
füttert wurden. Ebenso von der Kennzeichnungspfl icht ausgenommen
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
23
GVO
Gentechnisch veränderter
Organismus

Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
sind gentechnisch hergestellte Lebensmittelzusatzstoffe, Aromen
und Vitamine. Nicht kennzeichnungspflichtig sind zudem Lebens- und
Futtermittel, die weniger als 0,9 % an gentechnisch veränderten
Bestandteilen enthalten, vorausgesetzt dass diese unbeabsichtigt
und technisch unvermeidbar in das Produkt gelangt sind. Dieser
Schwellenwert soll künftig auch für ökologisch erzeugte Lebens- und
Futtermittel gelten.
Außerdem dürfen Lebensmittel nach einer nationalen Rechtsverord-
nung mit der Angabe „ohne Gentechnik“ gekennzeichnet werden,
wenn bei deren Herstellung keine gentechnischen Methoden ange-
wendet wurden. Selbst die zur Herstellung eines Lebensmittels ver-
wendeten Zusatzstoffe dürfen dann nicht gentechnisch produziert
worden sein. Nicht mit dem Etikett „ohne Gentechnik“ dürfen solche
Lebensmittel versehen werden, die von Tieren gewonnen werden, an
die gentechnisch veränderte Futtermittel verfüttert wurden. Außerdem
dürfen solche Tiere nicht mit gentechnisch hergestellten Arzneimitteln
behandelt worden sein, es sei denn, es stehen keine konventionell her-
gestellten Medikamente zur Verfügung.
Die Kennzeichnung von Lebensmitteln als „mit“ oder „ohne Gentech-
nik“ hergestellt, dient vor allem der Verbraucherinformation. Sie ist
weder ein Warnhinweis noch ein Qualitätskriterium, sondern ein Hin-
weis auf bestimmte Herstellungsverfahren.
»Wird durch gentechnisch veränderte Pfl anzen
die Sortenvielfalt von Nutzpflanzen verringert?«
»Nein, Gentechnik und Sortenvielfalt
schließen sich grundsätzlich nicht aus.«
Nach Angaben des Bundessortenamtes (BSA, 2007) hat sich die Zahl
der erteilten Sortenschutzrechte in den letzten 30 Jahren stark erhöht.
So stieg die Anzahl der geschützten Sorten in Landwirtschaft und Gar-
tenbau im Zeitraum von 1974 – 2007 von 1410 auf 2391. Der Landwirt
kann heute aus einem großen Angebot die Sorte wählen, die seinem
24

Verwendungszweck am besten entspricht. Allerdings ist weltweit ein
Trend zu beobachten, dass beim großfl ächigen Anbau auf nur wenige
Hochleistungssorten zurückgegriffen wird. Dieser Trend hat sich unab-
hängig von der Gentechnik vollzogen. Es ist jedoch nicht auszuschlie-
ßen, dass sich dieser Trend durch den Anbau gentechnisch veränderter
Pfl anzen verstärken könnte. Andererseits können sich die Vorteile aus
der Nutzung eines breiten Sortenspektrums und der Gentechnik auch
ergänzen. So ist z. B. die Anzahl der in Indien kommerziell verfügbaren
Hybridsorten von
BT-Baumwolle
von 3 im Jahre 2003 auf mittler-
weile 45 gestiegen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2007)
»Ist ein Nebeneinander des Anbaus gentechnisch
veränderter Pfl anzen, des Anbaus konventioneller
Pfl anzen und des Ökolandbaus möglich?«
»Ja, bei Einhaltung bestimmter Maßnahmen
ist dies möglich.«
In offenen biologischen Systemen sind
Auskreuzungen
durch
Windverfrachtungen oder über Verbreitung durch Insekten nicht gänz-
lich zu verhindern. Außerdem sind trotz separater Herstellungs-, Verar-
beitungs- und Handelsketten bei Lagerung, Transport und Weiterverar-
beitung Verunreinigungen mit gentechnisch veränderten Bestandteilen
nicht gänzlich auszuschließen. Von Kritikern der Gentechnik wird daher
befürchtet, dass bei einem großfl ächigen Anbau von gentechnisch ver-
änderten Pfl anzen auch im Erntegut und in landwirtschaftlichen Erzeug-
nissen des Ökolandbaus und der konventionellen „gentechnikfreien“
Landwirtschaft gentechnisch veränderte Bestandteile nicht zu vermei-
den sind.
Die verträgliche und konfl iktfreie Koexistenz der verschiedenen For-
men der Landwirtschaft erfordert daher Maßnahmen bei Anbau, Ernte,
Transport, Lagerung und Verarbeitung, um unbeabsichtigte Auskreu-
zungen oder Vermischungen von gentechnisch veränderten Pflanzen
mit konventionell gezüchteten Pflanzen so gering wie möglich zu halten.
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
25
BT-Baumwolle
gentechnisch veränderte
Baumwolle mit einem ein-
gebauten für bestimmte
Insekten giftigen Eiweiß
aus dem Bodenbakterium
Bacillus thuringiensis
Auskreuzungen
Ungewollte Ausbreitung
von Pollen auf kreuzungs-
fähige Pflanzen

image
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
Beispiele für geeignete Maßnahmen sind: Abstandsfl ächen zwischen
den Feldern, Hecken als sog. Pollenfallen sowie die Reinigung von
Saat- und Erntemaschinen. Neben betrieblichen Maßnahmen hat die
Zusammenarbeit benachbarter landwirtschaftlicher Betriebe bei der
Frage der Koexistenz eine hohe Bedeutung. Die Information benach-
barter Betriebe über Anbaupläne für die nächste Saison und die Ab-
stimmung von Managementmaßnahmen (z. B.: Verwenden von Sor-
ten mit unterschiedlichen Blütezeiten, Abstimmung der Anbaukultur)
können erheblich zur Verhinderung oder Minimierung ungewollter Aus-
kreuzungen beitragen. Zugleich können dadurch Kosten für die Tren-
nung konventioneller und gentechnisch erzeugter Kulturen gesenkt
werden. Die freiwillige Zusammenlegung ähnlich bewirtschafteter Flä-
chen verschiedener Betriebe in einem begrenzten Erzeugungsgebiet
ist eine weitere sinnvolle Möglichkeit zur Sicherung der Koexistenz.
Selbst unter Berücksichtigung der genannten Maßnahmen ist jedoch
nicht in jedem Fall ein Eintrag gentechnisch veränderter Bestandteile
in konventionell oder ökologisch erzeugte Lebens- und Futtermittel
auszuschließen. Deshalb wurde ein EU-weit gültiger Schwellenwert
von 0,9 % für das technisch unvermeidbare oder zufällige Vorhanden-
sein von gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebens- und
Futtermitteln festgelegt. Wird dieser Grenzwert überschritten, muss
das jeweilige Produkt entsprechend gekennzeichnet werden.
Allerdings gibt es bislang noch keine Schwellenwerte für Saatgut.
Da es über Pollenfl ug und Auskreuzungen sowie beim Transport, bei
der Lagerung und Weiterverarbeitung zu Anreicherungen an gentech-
nisch veränderten Bestandteilen kommen kann, müssen diese
Schwellenwerte niedriger liegen, um den für Lebens- und Futtermit-
tel festgelegten Schwellenwert von 0,9 % absichern zu können. Die
Schwellenwerte für Saatgut sollten sich an den landwirtschaftlichen
Gegebenheiten sowie an der Umsetzbarkeit und Kontrollierbarkeit in
der Praxis orientieren.
Im Juni 2003 hat die EU-Kommission Leitlinien zur Sicherstellung der
Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer
26

image
Kulturen veröffentlicht. In Deutschland wird derzeit eine Verordnung
zur guten fachlichen Praxis für den Anbau von gentechnisch veränder-
ten Pfl anzen erarbeitet. Darin werden u.a. Mindestabstände zwischen
Feldern mit gentechnisch verändertem und nicht gentechnisch verän-
dertem Mais festgelegt.
»Dürfen gentechnisch veränderte Pflanzen in
Deutschland angebaut werden?«
»Ja, aber nur zugelassene Sorten.«
Derzeit sind EU-weit zwei Mais-Linien (MON 810 und T 25) Gentechnik-
rechtlich zum kommerziellen Anbau zugelassen. Zu unterscheiden sind
hiervon Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Pfl anzen,
die noch keine Marktzulassung haben (siehe auch Seite 46). Damit ein
Anbau erfolgen kann, ist in Deutschland zusätzlich eine Genehmigung
für das Inverkehrbringen von Saat- und Pfl anzgut nach dem Saatgut-
verkehrsgesetz durch das Bundessortenamt erforderlich. Bislang wurden
fünf gentechnisch veränderte Mais-Sorten auf der Basis von
Bt-Mais
MON 810 für den Anbau in Deutschland zugelassen.
Seit dem Inkrafttreten des neuen Gentechnikgesetzes am 04. Februar
2005 sind die Anbaufl ächen in einem durch das Bundesamt für Ver-
braucherschutz und Lebensmittelsicherheit
(www.bvl.bund.de)
geführ-
ten öffentlich zugänglichen Standortregister verzeichnet. Der Eintrag ist
sowohl für den Anbau von gentechnisch veränderten Pfl anzen als auch
für Freisetzungsversuche vorgeschrieben.
Im Freistaat Sachsen wurde im Jahr 2005 gentechnisch veränderter
Mais MON 810 noch auf 8 Flächen mit einer Gesamtgröße von 64 ha
angebaut. Der Anbau ist im Jahr 2007 auf 34 Flächen mit einer Ge-
samtgröße von ca. 556 ha angestiegen. Deutschlandweit wurde im
Jahr 2007 Bt-Mais MON 810 auf 2685 ha angebaut.
Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung
27
Bt-Mais
Gentechnisch veränderter
Mais mit einem eingebauten
für bestimmte Insekten
giftigen Eiweiß aus
dem Bodenbakterium
Bacillus thuringiensis

Auswirkungen auf die Umwelt
»Gefährdet „Bt-Mais“ unsere Schmetterlinge?«
»Das ist nicht erwiesen.«
Als „Bt-Mais“ werden Maissorten bezeichnet, die über ein mit Hilfe
der Gentechnik eingefügtes giftiges, aber für den Menschen unschädli-
ches, Eiweiß aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt) verfügen. Es
schützt sie vor bestimmten Schadinsekten wie den Maiszünsler, indem
es den Bohrfraß seiner Raupen unterbindet. Der Maiszünsler gehört zu
den entscheidenden Mais-Schadinsekten und vernichtet jährlich welt-
weit 7 % der Maisernte (Gianessi et al. 2003). In einzelnen Gebieten
Deutschlands verursachte der Raupenfraß in den letzten Jahren Ertrags-
verluste von etwa 30 % (BBA, Pressemitteilung 2005). Der entscheidende
Vorteil von „Bt-Mais“ besteht darin, die Menge an Insektiziden deutlich
zu verringern oder ganz entbehrlich zu machen. Dementsprechend wer-
den auch die negativen Auswirkungen auf die Nutzinsekten minimiert,
sie können aber nicht vollständig ausgeschlossen werden. „Bt-Mais“
vermindert außerdem den Pilz-Sekundärbefall der Pflanzen, der zur Ent-
stehung von giftigen Mykotoxinen im Mais führen kann.
Aus einer im Jahr 1999 veröffentlichten Laborstudie (Losey et al.)
ergaben sich Hinweise, dass Pollen von BT-Mais MON 810 einen nega-
tiven Einfl uss auf Wachstum und Überlebensfähigkeit von Monarch-
Schmetterlingen haben könnte. Spätere Versuche unter Freilandbe-
dingungen konnten dies nicht bestätigen (Quelle:
http://www.biosicher-
heit.de/de/archiv/2004/314.doku.html). Nach einer amerikanischen
Studie beeinträchtigt „Bt-Mais“ Bt 176 das Wachstum von Raupen des
Schwarzen Schwalbenschwanzes (Zangerl et al. 2001). Der Mais BT 176
wird in Deutschland nicht angebaut. Erhebungen, die in Deutschland
im Rahmen der biologischen Sicherheitsforschung durchgeführten
wurden, ergaben bisher keine Hinweise auf signifikante Effekte des
Bt-Maises auf einheimische Schmetterlinge beim Anbau im Freiland
(Quelle:
http://www.biosicherheit.de/de/sicherheitsforschung/32.doku.html).
Aus Vorsorgegründen wird jedoch vor dem Anbau von gentechnisch ver-
ändertem Bt-Mais in oder in der Nähe von europäischen Schutzgebieten
geprüft, ob schützenswerte Arten, insbesondere Schmetterlinge, durch
den Bt-Mais geschädigt werden könnten.
28
4. Auswirkungen auf die Umwelt

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Auswirkungen auf die Umwelt
»Wird das in einigen Ländern beobachtete
Bienensterben durch gentechnisch veränderte
Pfl anzen verursacht? «
»Es gibt derzeit keinen Beleg dafür.«
Ende 2006 wurde in den USA ein massives Bienensterben festgestellt.
An der amerikanischen Westküste starben fast 60% der Bienenvölker.
Das beobachtete Bienensterben bezeichnen Bienenforscher als Colo-
ny Collapse Syndrom (CCD). Die Ursachen dafür sind bis heute unbe-
kannt. Vieles deutet darauf hin, dass es für das Bienensterben in den
USA mehrere Ursachen gibt, die zusammenwirken. Die Folge ist eine
Schwächung des Immunsystems der Bienen, das sie anfälliger gegen-
über Krankheiten und Parasiten macht („Bienen-Aids“). Unter Wissen-
schaftlern wird seit kurzem ein aus Australien eingeschlepptes Virus
(Israeli Acute Paralysis Virus) als Hauptursache des Bienenstrebens
diskutiert.
Dagegen ist es unwahrscheinlich, dass gentechnisch veränderte
Pfl anzen dabei eine Rolle spielen. Im Rahmen einer im Jahr 2004
durchgeführten Studie der Universität Jena konnte eine chronisch
toxische Wirkung von Bt-Mais auf gesunde Honigbienenvölker nicht
nachgewiesen werden (Quelle:
http://www.biosicherheit.de/de/sicher-
heitsforschung/68.doku.html). Außerdem stimmt in den USA die
regionale Verbreitung des Bienensterbens nicht mit der des Anbaus
von Bt-Mais überein. In Polen und der Schweiz, wo aus manchen
Regionen auch von Bienensterben berichtet wird, gibt es überhaupt
keinen Anbau von Bt-Mais. Abgesehen davon ist jedes Jahr ein natür-
licher Verlust an Bienenvölkern zu verzeichnen. In Deutschland gehen
jährlich durchschnittlich etwa 10 % der Bienenvölker zu Grunde.
Hauptverantwortlich dafür ist ein Parasit, die Varroa-Milbe.
29

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Auswirkungen auf die Umwelt
»Kann die Gentechnik einen Beitrag zum
Umweltschutz leisten?«
»Ja, in vielfältiger Weise.«
Durch den Einsatz gentechnischer Methoden können zum einen her-
kömmliche umweltbelastende Produktionsverfahren durch umwelt-
schonende ressourcensparende Techniken ergänzt oder ersetzt wer-
den. Zum anderen können (in Kombination mit anderen Technologien)
Schadstoffe aus Boden, Wasser und Luft entfernt werden.
Viele herkömmliche Produktionsverfahren verbrauchen große Mengen
an Energie und Rohstoffen und belasten die Umwelt zusätzlich durch
den Ausstoß von Emissionen mit Schadstoffen. Dem gegenüber
können Mikroorganismen (z. B. Hefen, Bakterien usw.) gentechnisch
so verändert werden, dass sie Stoffe unter milden Bedingungen, wie
niedrigen Temperaturen oder geringem Druck und ohne Verwendung
giftiger, umweltschädlicher Einsatzstoffe erzeugen. Sie erlauben häufi g
kleinere Produktionsansätze bei gleicher Produktionsmenge. Dies führt
insgesamt zu erheblichen Einsparungen an Wasser, Energie und Roh-
stoffen. Beispielsweise können herkömmliche Prozesse zur Herstel-
lung von Antibiotika, Aminosäuren und Enzymen durch gentechnische
Verfahren ersetzt werden. Diese Produktion ermöglicht ein um den
Faktor 10 bis 100 geringeren Verbrauch an Energie und Rohstoffen,
ebenfalls sinken die Emissions- und Abfallwerte drastisch.
Dennoch werden die Chancen der Gentechnologie in der industriel-
len Produktion erst bei bestimmten Produktgruppen wie Arzneimitteln
oder Enzymen genutzt. So werden heute mehr als 90 % der bei der
Lebensmittelherstellung (z. B. Lab-Ferment zur Käseproduktion) und in
Waschmitteln verwendeten Enzyme gentechnisch hergestellt (Kom-
pendium Gentechnologie und Lebensmittel 2003). Einer breiteren An-
wendung der Gentechnik in anderen Produktionsbereichen stehen oft
hohe Umstellungskosten oder bislang instabile und zudem auch teure
Enzymsysteme entgegen.
30

Auch in der
Umweltanalytik
fi nden gentechnische Verfahren zuneh-
mend Anwendung.
DNA-Sonden
und gentechnisch hergestellte En-
zyme werden zum Nachweis auch geringster Spuren von Mikroorga-
nismen oder Umweltschadstoffen eingesetzt, so z. B. in Kläranlagen
und zur Beurteilung des Erfolgs der Sanierung verseuchter (kontami-
nierter) Böden. Diese biologischen Detektionsverfahren sind hochemp-
fi ndlich und selektiv. Diese Eigenschaften lassen sich mit den Möglich-
keiten moderner Mikroelektronik verbinden, um sog.
Biosensoren
z. B. für die Umweltanalytik und Umweltmesstechnik zu entwickeln.
Mikroorganismen sind imstande, zahlreiche Schadstoffe abzubauen
und Abfälle – sogar Plastik – zu zersetzen. Sie sind daher zur Schad-
stoffbeseitigung, zur Abfallbehandlung und zur Energiegewinnung aus
Abfällen nutzbar.
So könnten durch mineralölabbauende Bakterien bestehende Umwelt-
schäden wie z. B. Erdölablagerungen an Stränden und in den Welt-
meeren beseitigt werden. Allerdings stehen für den Abbau bestimmter
Problemstoffe zurzeit noch keine Mikroorganismen zur Verfügung oder
sie sind nicht in großtechnischem Maßstab nutzbar. Einem potenziellen
Einsatz solcher gentechnisch veränderter Mikroorganismen in der
Umwelt muss eine Risikoanalyse vorangehen.
Ebenfalls von Interesse sind Pfl anzen, die für die Umweltsanierung ein-
gesetzt werden können. Gentechnisch veränderte Pappeln beispiels-
weise zeigten in Gewächshausversuchen ein großes Potenzial für die
Aufnahme und Entgiftung von Schwermetallen und
Pestiziden
. Die-
se werden von den Pfl anzen in erhöhtem Maße aufgenommen und in
den Blättern gespeichert
(http://www.biosicherheit.de/de/sicherheits-
forschung/29.doku.html). Auch gelang es bereits, quecksilberaufneh-
mende Senfpflanzen im Labor herzustellen (Kompendium Gentechnolo-
gie und Lebensmittel).
Auswirkungen auf die Umwelt
Umweltanalytik
31
Teilbereich der chemischen
Analytik zum Nachweis von
Stoffen in der Umwelt
DNA-Sonden
Kurzer DNA-Abschnitt, der
eine Markierung trägt und
zum spezifischen Nachweis
von Genen eigesetzt werden
kann.
Biosensoren
Biologische Messfühler,
die sich zum Nachweis
bestimmter Stoffe eignen
Pestizide
Bezeichnung für Substanzen,
die Schädlinge töten oder
auf andere Weise unschäd-
lich machen (Pflanzenschutz-
- und Schädlingsbekämp-
fungsmittel)

Auswirkungen auf die Umwelt
»Gentechnik – ein Risiko für die Natur?«
»Wie bei jeder anderen
Technologie bleibt ein Restrisiko bestehen.«
Unerwarteter Wildwuchs transgener Pfl anzen oder die unerwünschte
Übertragung von Fremdgenen aus transgenen Pfl anzen auf verwandte
Wildpfl anzen, z. B. durch Insekten oder Windverfrachtung, sind denk-
bare Folgen der Gentechnologie. Infolgedessen könnten andere Pfl an-
zen verdrängt, die Artenvielfalt beeinträchtigt, Ökosysteme geschädigt
und so die empfi ndliche Balance zwischen allen Lebewesen gestört
werden. Diese möglichen Auswirkungen bilden in vielen europäischen
Ländern einen Schwerpunkt der Diskussion.
Kulturpflanzen sind generell auf die ständige Pflege durch den Menschen
angewiesen und können somit außerhalb der Ackerflächen nicht lang-
fristig überleben. Ergebnisse einer britischen Langzeitstudie bestätigen
dies auch für transgene Pflanzen. Zehnjährige Beobachtungen mit gen-
technisch verändertem Raps, Kartoffeln, Mais und Zuckerrüben im Frei-
land zeigten, dass diese Pflanzen sich nicht anders als die entsprechen-
den Kulturpflanzen verhalten und somit durch das „Transgen“ keine
unerwartete „Überlebensfitness“ vermittelt wurde.
Unbeabsichtigte Kreuzungen transgener, also genetisch veränderter
Kulturpflanzen mit anderen Pflanzen können nur dann stattfinden, wenn
geeignete Kreuzungspartner in deren Umgebung vorhanden sind.
Dabei variieren die Wahrscheinlichkeiten des Auskreuzens in Abhän-
gigkeit von der Art der Kulturpfl anze sowie ihrem Standort ganz er-
heblich. So ist beispielsweise das Auskreuzungspotenzial für Mais in
Deutschland deshalb gering, weil zum einen in der heimischen Flora
keine Kreuzungspartner vorkommen und zum anderen die Maissamen
aufgrund der Winterkälte meist zugrunde gehen. Auch für Tomate und
Kartoffel gibt es in Europa keine verwandten Arten als Kreuzungs-
partner. Im Gegensatz dazu können Rapssamen überwintern, und
Raps fi ndet in Hederich und Rübsen direkte Verwandte als Kreuzungs-
partner.
32

image
Besonders kontrovers diskutiert werden mögliche Risiken der Freiset-
zung und des Anbaus transgener herbizidresistenter Pfl anzen. Vorteile
für Wildpfl anzen mit einer zufällig übertragenen Herbizidresistenz erge-
ben sich gegenüber unveränderten Wildpfl anzen dort, wo das entspre-
chende
Herbizid
(Pfl anzenschutzmittel) eingesetzt wird. Nach den
bisher vorliegenden Erfahrungen ist die Begleitfl ora, die Ackerland nach
der Anwendung von Herbiziden bald wieder besiedelt, nicht herbizidre-
sistent. Wenn sie
gegen ein bestimmtes Pflanzenschutzmittel resistent
würde, ließe sich ihre Ausbreitung durch Anwenden anderer Mittel,
gegen die keine Resistenz bestünde, kontrollieren.
Im Rahmen des Zulassungsverfahrens für transgene Pflanzen wird eine
umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt. Dabei müs-
sen im Einzelfall alle wesentlichen Risikofaktoren berücksichtigt werden.
Insbesondere die begleitende Sicherheitsforschung und Langzeitbe-
obachtung ermöglichen zusätzlich ein besseres Verständnis der Wech-
selwirkung zwischen transgenen Organismen und der Umgebung und
damit des Ausmaßes und der Bedeutung dieser Risikofaktoren. Dar-
über hinaus ist der Inverkehrbringer von gentechnisch veränderten
Pfanzen verpfl ichtet, ein anbaubegleitendes
Monitoring
gemäß An-
hang VII der Richtlinie 2001/18/EG durchzuführen. Damit sollen nicht
vorhersehbare Auswirkungen frühzeitig erkannt werden.
Auswirkungen auf die Umwelt
33
Herbizid
Chemisches Mittel
(Pflanzenschutzmittel) zur
Bekämpfung von Unkräutern
oder unerwünschten
Konkurrenzpflanzen in der
Landwirtschaft
Monitoring
Langzeitbeobachtung
bestimmter Anwendungen
der Gentechnologie,
z.B. des Anbaus gentech-
nisch veränderter Pflanzen
in der Landwirtschaft

Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
»Wie wichtig ist die Bio- und Gentechnologie
für die Wirtschaft?«
»Für viele Branchen
nimmt ihre Bedeutung zu.«
Das Anwendungsspektrum für die Biotechnologie ist so umfassend,
dass sie für die künftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwick-
lung immer wichtiger wird.
Zwei Anzeichen deuten auf das große Potenzial der Bio- und Gentech-
nologie hin: das Tempo der internationalen Innovationstätigkeit sowie
die Zunahme der mit biotechnologisch erzeugten Produkten erzielten
Wertschöpfung. 70 Milliarden US$ wurden bereits im Jahr 2006 mit
biotechnologischen Produkten weltweit umgesetzt und Erwartungen
zufolge wird sich dies auf 400 Milliarden US$ bis zum Jahr 2010
steigern (Biotechnology Report 2005). Nach einer
„Delphi“-Studie
werden 50 % der 30 wichtigsten Innovationen bis zum Jahr 2020
wesentlich von der Bio- und Gentechnologie bestimmt sein.
In Deutschland sind derzeit 391 Unternehmen (einschließlich ausländi-
scher Tochterunternehmen: 495) im Bereich der Biotechnologie tätig.
Damit nimmt Deutschland, bezogen auf die Anzahl der Biotech-Unter-
nehmen, Platz 1 in Europa ein. Verglichen mit den USA befindet sich
die Branche nach wie vor im Entwicklungsstadium. Nach einem Boom
Ende der 90er Jahre, initiiert durch den BioRegio-Wettbewerb des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Jahre 1996, befi n-
det sich die deutsche Biotech-Branche seit 2001 in einer Konsolidie-
rungsphase.
»Schafft die Gentechnologie neue Arbeitsplätze?«
»Ja, besonders in der Forschung.«
Die Biotechnologie hat sich neben den Informationswissenschaften
zu einem der wichtigsten Innovationsfelder der Zukunft entwickelt. Sie
bildet die Basis für Innovationen in den verschiedenen Anwendungs-
34
5. Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
„Delphi“-Studie
ist ein systematisches,
mehrstufiges Befragungsver-
fahren mit Rückkopplung
bzw. eine Schätzmethode,
die dazu dient, zukünftige
Ergebnisse etc. möglichst
gut einschätzen zu können.

image
bereichen wie der Pharmaindustrie, der Medizin, der chemischen
Industrie und im Umweltschutz. Auch im Bereich Landwirtschaft und
Pfl anzenzucht gewinnt die Gentechnik weltweit an Bedeutung.
Derzeit sind in Deutschland etwa 12.000 Mitarbeiter in Biotechnolo-
gieunternehmen beschäftigt (Deutscher Biotechnologie-Report 2007).
Erwartungen zufolge werden bis zum Jahr 2010 weltweit 1,2 Millionen
hochqualifi zierte Beschäftigte in Biotech-Unternehmen arbeiten.
Ein Zuwachs an neuen Arbeitsplätzen und eine Sicherung bestehen-
der Arbeitsplätze ist bisher besonders im Bereich Forschung und Ent-
wicklung zu verzeichnen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in der
biologischen und medizinischen Grundlagenforschung sowie der an-
wendungsorientierten Forschung die gentechnologische und moleku-
larbiologische Methodik längst unverzichtbar ist und Deutschland über
eine große Zahl von Forschungseinrichtungen verfügt. Beispielsweise
arbeiten in Sachsen rund 180 Arbeitsgruppen in diesen Bereichen.
Seit der Initiierung der Biotech-Offensive durch die Sächsische Staats-
regierung konnte hinsichtlich der Beschäftigungszahlen in diesem
Technologiebereich ebenfalls ein positives Resümee gezogen werden.
Insgesamt sind in Sachsen derzeit mehr als 950 Mitarbeiter in den
sogenannten „Core-Biotech-Unternehmen“ beschäftigt, gegenüber
314 Mitarbeiter im Jahr 2000 (Biotechnologie-Bericht Sachsen).
„Core-Biotech-Unternehmen“ sind Firmen, deren Hauptarbeitsfeld
die moderne Biotechnologie ist. Nicht zu den „Core“-Unternehmen
gerechnet werden z. B. Pharmafi rmen, die zwar u. a. auch die Bio-
technologie nutzen, aber überwiegend herkömmliche Produktions-
methoden anwenden.
Inwieweit der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft den Ar-
beitsmarkt beeinfl ussen wird, ist derzeit nicht mit Zahlen zu belegen.
Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
35

Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
»Sind Gene patentierbar?«
»Unter bestimmten
Voraussetzungen ist dies möglich.«
Patente
werden erteilt für Erzeugnisse, Verfahren und weitere
Verwendungen bereits bekannter Produkte. Grundsätzlich können nur
Erfi ndungen, aber nicht Entdeckungen, aus jedem Technologiebereich
Patentschutz erlangen. Erfi ndungen können auch dann patentiert wer-
den, wenn sie sich auf biologisches Material beziehen. Beispielsweise
ist die Isolierung eines menschlichen Gens und die Beschreibung sei-
ner chemischen Struktur eine Entdeckung und somit nicht patentierbar.
Führt diese Entdeckung und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zur
Herstellung eines Medikaments, kann diese Erfi ndung dazu patentiert
werden.
Patente sind notwendig, weil nur die Aussicht auf Gewinne es lohnend
erscheinen lässt, teure Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu leisten.
Gleichzeitig soll gesichert werden, dass der Erfi nder zuerst selbst
Nutzen aus seiner Erfi ndung ziehen kann. Patente verleihen dem
Patentinhaber keinerlei Besitzrecht. Ein Patent räumt dem Erfi nder
für einen begrenzten Zeitraum lediglich ein Nutzungsrecht für eine
Erfi ndung ein. In den meisten Ländern beträgt die Schutzdauer
längstens 20 Jahre. Sie kann in besonderen Fällen um 5 Jahre verlän-
gert werden. Das gilt auch für die Bio- und Gentechnologie.
Der Patentierung von Lebewesen sind Grenzen gesetzt. Mikroorganis-
men wie Bierhefen oder Joghurtkulturen sind grundsätzlich patentier-
bar. Für Pfl anzensorten und Tierarten sowie biologische Verfahren zur
Züchtung von Pfl anzen und Tieren werden jedoch keine Patente ge-
währt. Es können jedoch sorten- oder artübergreifende Erfi ndungen
patentiert werden, wie z. B. die durch Gentechnik erzeugte Herbizid-
resistenz für verschiedene Getreidesorten.
Es gibt bereits Patente für technische und mikrobiologische Verfahren
zur Züchtung von Tieren und Pflanzen. Bekanntestes Beispiel eines
gentechnisch veränderten Tieres, für das Patentschutz erteilt wurde, ist
36
Patent
Beurkundetes, zeitlich
begrenztes Recht auf
Verwertung einer Erfindung,
das nach Prüfung durch
das Patentamt erteilt wird,
weil die Erfindung neu und
gewerblich nutzbar ist,
auf einer erfinderischen
Tätigkeit beruht und nicht
gegen die öffentliche
Ordnung oder die guten
Sitten verstößt

die sogenannte „Krebsmaus“ oder „Harvard-Maus“. Die Maus dient
als Modell zur Erforschung Krebs verursachender Stoffe. Ansatzpunkt
zur Patentgewährung waren die speziellen Eigenschaften der „Krebs-
maus“, die mithilfe technischer Verfahren erzeugt worden sind. Auch
einige Nutzpfl anzen, die unter Einsatz gentechnischer Verfahren tole-
rant gegenüber bestimmten Pfl anzenschutzmitteln gemacht wurden,
sind gesetzlich geschützt.
Das bestehende Biopatentrecht verdeutlicht die ethischen Grenzen
der Patentierbarkeit. Der Mensch, sein Körper und seine Bestandteile
in ihrem natürlichen Zustand sind grundsätzlich von der Patentierbar-
keit ausgeschlossen. Patente auf menschliches Leben widersprechen
dem Verfassungsgrundsatz von der Unantastbarkeit der Menschen-
würde. Isolierte Bestandteile des menschlichen Körpers hingegen, wie
Blutpräparate oder die Nutzung genetischer Informationen, können bei
Aussicht auf kommerzielle Nutzung patentiert werden. Dies ist jedoch
nicht gleichzusetzen mit der Patentierung von Leben.
»Ist der Patentschutz gesetzlich geregelt?«
»Ja, Grundlage dafür ist
die europäische Biopatentrichtlinie.«
Um die Rechtssicherheit im Bereich der Bio- und Gentechnologie zu er-
höhen, wurde 1998 auf EU-Ebene eine Richtlinie über den rechtlichen
Schutz biotechnologischer Erfi ndungen (
„Biopatentrichtlinie“
) er-
lassen und die Mitgliedsstaaten verpfl ichtet, diese Richtlinie in nationa-
les Recht umzusetzen. Dies erfolgte in Deutschland im Januar 2005.
Damit wird gewährleistet, dass biotechnologische Erfi ndungen den
gleichen Grundsätzen zur Patentfähigkeit unterliegen wie andere Pro-
dukte. Insbesondere die seit langem überfällige Vereinheitlichung der
bestehenden Patentgesetze in den einzelnen Ländern schafft somit
kalkulierbare Rahmenbedingungen für die bio- und gentechnologische
Forschung in Europa.
Wirtschaftliche Fragen und Patentrecht
37
Biopatentrichtlinie
Richtlinie der Europäischen
Union über den rechtlichen
Schutz biotechnologischer
Erfindungen

Sicherheit
»Hat es schon Gesundheitsschäden durch
zugelassene Produkte der Gentechnik gegeben?«
»Bisher sind keine bekannt.«
Obwohl gentechnische Verfahren bereits seit über 30 Jahren angewen-
det werden, sind Unfälle oder Schäden, die auf die spezifi schen Eigen-
schaften von zugelassenen gentechnisch veränderten Organismen zu-
rückzuführen wären, bisher nicht bekannt geworden. Gentechnisch
erzeugte Produkte, wie z.B. Lebens- und Futtermittel oder Arzneimit-
tel, dürfen nur zugelassen werden, wenn keine schädlichen Auswirkun-
gen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu erwarten sind.
Die im Jahr 1989 in Japan bekannt gewordenen Todesfälle infolge
Einnahme des mithilfe gentechnisch veränderter Bakterien hergestell-
ten Arzneimittels L-Tryptophan waren auf Verunreinigungen im Produkt
zurückzuführen. Diese Verunreinigungen waren eine Folge des Weg-
falls von Reinigungsschritten bei der Umstellung des Produktionsver-
fahrens.
In den Jahren 2001/2002 sorgte im hessischen Wölfersheim der Tod
einiger Milchkühe, an die gentechnisch veränderter „Bt-Mais“ 176 ver-
füttert worden war, für Aufsehen. Die hinzugezogenen Fachleute kamen
zum Ergebnis, dass der hohe Infektionskeimdruck, gesundheitlich be-
denkliche Konzentrationen von Pilzgiften im Futter, Eiweißüberversor-
gung der Tiere, Verfütterung qualitativ ungenügender Grassilage und
erhebliche Fütterungsfehler ursächlich für die Erkrankung und den Tod
der Kühe waren. Ein Zusammenhang mit der Fütterung von „Bt-Mais“
176 konnte nicht nachgewiesen werden.
Ende des Jahres 1999 wurde in der Presse vom Tod eines Patienten
im Rahmen einer Gentherapie-Studie berichtet, der jedoch nicht als
Folge der Gentherapie eintrat, sondern durch das Nichtbefolgen des
Operationsprotokolls verursacht wurde. Die amerikanische Gesund-
heitsbehörde stoppte im Jahr 2007 eine Gentherapie-Studie, nachdem
ein Patient verstorben war. Die Ursachen werden derzeit geklärt.
38
6. Sicherheit

image
Klinische Studien bergen immer ein Restrisiko. Das ist unabhängig da-
von, ob sie der Zulassung konventioneller oder gentechnisch hergestell-
ter Arzneimittel bzw. der Prüfung gentherapeutischer Ansätze dienen.
»Wer haftet für Schäden durch gentechnisch
veränderte Organismen?«
»Für Personen- und Sachschäden
haftet der Betreiber.«
Der jeweilige Betreiber gentechnischer Anlagen und derjenige, der Frei-
setzungsversuche durchführt, haftet für etwaige Personen- und Sach-
schäden, die durch GVO entstehen. Dieser ist auch verpfl ichtet, die
entstandenen Schäden zu ersetzen. Im Gentechnikgesetz ist ein Haf-
tungshöchstbetrag von 85 Millionen EUR festgelegt. Die Schadenser-
satzpfl icht des Gentechnikrechts umfasst jedoch keine Schäden, die
durch den Bau einer gentechnischen Anlage entstehen. Die Regulie-
rung derartiger Schäden erfolgt nach dem herkömmlichen Zivilrecht.
Der Betreiber einer gentechnischen Anlage oder derjenige, der eine
Freisetzung von GVO durchführt, ist verpfl ichtet, Deckungsvorsorge für
einen möglichen Schadensfall zu treffen.
Von den oben genannten Personen- und Sachschäden zu unterschei-
den sind wirtschaftliche Nutzungsbeeinträchtigungen, die durch den
Anbau von gentechnisch veränderten Pfl anzen entstehen können. Eine
Nutzungsbeeinträchtigung liegt dann vor, wenn ein konventionell oder
ökologisch wirtschaftender Landwirt infolge des Eintrags von GVO auf
seine Felder seine Erzeugnisse
– nicht in Verkehr bringen darf (z. B. bei fehlender
Inverkehrbringensgenehmigung für den GVO)
oder
Sicherheit
39

Sicherheit
– nur mit einem Hinweis auf die genetische Veränderung
in Verkehr bringen darf (z. B. Kennzeichnung bei
Überschreitung des Schwellenwertes von 0,9 %)
oder
– nicht mit einer Kennzeichnung in Verkehr bringen darf, die nach
den für die Produktionsweise jeweils geltenden Rechtsvorschrif-
ten (z. B. nach Ökoverordnung) möglich gewesen wäre.
Der Landwirt, der GVO anbaut, haftet nach geltendem Recht auch
dann, wenn er alle Vorsorgemaßnahmen (z. B. Abstandsregelungen,
Pollenfallen, Durchwuchsbekämpfung sowie die Reinigung von Saat-
und Erntemaschinen) getroffen hat, um einen Austrag dieser Organis-
men in Nachbarfelder zu vermeiden (verschuldensunabhängige Haf-
tung). Ist der Verursacher nicht zu ermitteln, haften alle GVO-Anbauer
in der Umgebung gemeinsam (gesamtschuldnerische Haftung).
»Wozu Sicherheitsforschung?«
»Die Sicherheitsforschung
ist ein Gebot der Vorsorge.«
Die Gentechnologie ist wie jede andere moderne Technologie mit
Unwägbarkeiten und Risiken behaftet. Ein absoluter Schutz ist daher
bei der Nutzung der in dieser Technologie liegenden Chancen nicht
gegeben.
Der Anbau gentechnisch veränderter Pfl anzen wirft immer wieder Fra-
gen hinsichtlich der Auswirkung auf Mensch und Umwelt auf, zumal
Langzeiterfahrungen über die Auswirkungen des Einsatzes der Gen-
technologie – insbesondere im Freiland – bisher fehlen. Es entspricht
dem gesetzlich verankerten Vorsorgeprinzip, offene Fragen im Zusam-
menhang mit der Anwendung der Bio- und Gentechnologie zu klären.
Seit Mitte der 80er Jahre initiieren und begleiten die EU, die Bundes-
regierung sowie die Bundesländer Forschungsprojekte zu Fragen der
biologischen Sicherheit und zu möglichen ökologischen Auswirkungen
transgener Kulturpfl anzen.
40

Der großfl ächige Anbau gentechnisch veränderter Kulturpfl anzen sowie
daraus hergestellte Erzeugnisse müssen gemäß der novellierten Frei-
setzungsrichtlinie (2001/18/EG) von demjenigen, der sie auf den Markt
bringt, beobachtet werden. Es handelt sich dabei um eine vorsorgende
Maßnahme. Dadurch sollen mögliche Auswirkungen dieser Erzeugnisse
auf Umwelt und Gesundheit frühzeitig erkannt und – falls erforderlich
– entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.
»Darf jeder Gentechnik betreiben?«
»Nein, nur wenn verschiedene
Voraussetzungen erfüllt werden.«
Wer gentechnische Arbeiten durchführen will, muss dies bei der zu-
ständigen Landesbehörde anmelden bzw. einen Antrag auf Genehmi-
gung stellen. Die zuständige Behörde in Sachsen ist das Sächsische
Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft.
Die Behörde prüft daraufhin, ob die Risiken der geplanten gentechni-
schen Arbeit durch den Antragsteller zutreffend bewertet worden sind.
Bei gentechnischen Arbeiten in gentechnischen Anlagen wird zudem
geprüft, ob die für die Durchführung erforderlichen technischen und
organisatorischen Sicherheitsmaßnahmen sowie Arbeitsschutzmaß-
nahmen getroffen werden und ob die für die Versuche verantwortlichen
Personen die fachlichen und persönlichen Voraussetzungen erfüllen.
Eine behördliche Zustimmung bzw. Genehmigung wird erst dann
erteilt, wenn bei Einhaltung aller erforderlichen Schutz- und Sicher-
heitsmaßnahmen keine Gefahr für das Leben und die Gesundheit
von Menschen, Tieren und Pfl anzen sowie für die Umwelt besteht.
Für die Genehmigung von Freisetzungsversuchen mit GVO sind nicht
die Bundesländer sondern ist das Bundesamt für Verbraucherschutz
und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig. Das BVL trifft seine Ent-
scheidung über die Genehmigung einer Freisetzung im Benehmen mit
dem Bundesamt für Naturschutz (BfN), dem Bundesinstitut für Risiko-
bewertung (BfR) und dem Robert-Koch-Institut (RKI). Zusätzlich werden
Sicherheit
41

image
Sicherheit
wissenschaftliche Stellungnahmen von der beim BVL eingerichteten
Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) und von
der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA)
eingeholt. Auch die zuständige Behörde des jeweiligen Bundeslandes –
im Freistaat Sachsen ist dies das Sächsische Staatsministerium für
Umwelt und Landwirtschaft – kann eine Stellungnahme abgeben.
Über einen Antrag zum Inverkehrbringen (= Marktzulassung) von GVO
wird auf EU-Ebene entschieden. Hierzu erarbeitet die EU-Kommission
einen Entscheidungsvorschlag auf der Grundlage der Stellungnahme
der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Die
EFSA wiederum beteiligt die einzelnen Mitgliedstaaten. In Deutschland
ist für die Abgabe der Stellungnahme das BVL zuständig. Voraussetzung
für die Zulassung zum Inverkehrbringen ist, dass der GVO keine nach-
teiligen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier oder
die Umwelt hat. Die Genehmigung gilt EU-weit.
»Was geschieht bei Verstößen gegen das
Gentechnikgesetz?«
»Verstöße können ordnungsrechtlich oder
strafrechtlich geahndet werden.«
Werden der Behörde im Rahmen der Überwachung von gentechnischen
Anlagen und Arbeiten Verstöße gegen die Regelungen des Gentech-
nikgesetzes oder der dazu erlassenen Rechtsverordnungen bekannt,
so kann sie Anordnungen treffen, um die Beseitigung festgestellter
oder die Verhütung künftiger Verletzungen zu gewährleisten. Kommt
der Betreiber einer Auflage, einer Anordnung oder einer gesetzlich vor-
geschriebenen Pfl icht nicht nach, kann die Behörde auch den Betrieb
der gentechnischen Anlage ganz oder teilweise untersagen.
Gemäß § 20 Gentechnikgesetz kann die einstweilige Einstellung von
Freisetzungsversuchen angeordnet oder die Genehmigung zurückge-
42

nommen oder widerrufen werden, wenn die Voraussetzungen für die
Fortführung der Versuche nachträglich entfallen sind.
Die zuständige Landesbehörde hat gemäß § 26
GenTG
im Einzelfall
eine Freisetzung ganz oder teilweise zu untersagen, wenn die erforder-
liche Genehmigung nicht vorliegt, ein Grund zur Rücknahme oder zum
Widerruf der Genehmigung gegeben ist. Sie kann eine Freisetzung
ganz oder teilweise untersagen, wenn gegen Nebenbestimmungen
oder nachträgliche Aufl agen verstoßen wird oder die vorhandenen
sicherheitsrelevanten Vorkehrungen nicht oder nicht mehr ausreichen.
Im Gentechnikgesetz und den darauf beruhenden Rechtsverordnungen
wird eine Vielzahl von Tatbeständen genannt, die bei einem Verstoß
mit einem Bußgeld geahndet werden oder zu strafrechtlichen Konse-
quenzen führen können.
Sicherheit
43
GenTG
Gentechnikgesetz

Anwendung der Gentechnik in Sachsen
»Wie weit ist Sachsen in Sachen Gentechnik
»Sachsen hat sich zu einer
wettbewerbsfähigen Bio- und Gentechnik-
Region entwickelt.«
Die hohe Bedeutung der Biotechnologie hatte die Sächsische Staats-
regierung veranlasst, den gezielten Ausbau dieser Technologie im
Rahmen einer „Biotechnologie-Offensive Sachsen“ im Jahre 2000 zu
forcieren. Ziel ist der Aufbau einer international wettbewerbsfähigen
Forschungs- und Wirtschaftsstruktur in diesem Technologiebereich im
Freistaat Sachsen.
Die „Biotechnologie-Offensive“ hat sich ausgezahlt: Mehr als die Hälfte
der Core-Biotech-Unternehmen in Sachsen wurden nach Initiierung der
Biotechnologie-Offensive Sachsen gegründet. Hinsichtlich der Beschäf-
tigungszahlen in diesem Technologiebereich kann ebenfalls ein posi-
tives Resümee gezogen werden. Insgesamt sind in Sachsen derzeit
mehr als 950 Mitarbeiter in den „Core-Biotech-Unternehmen“ beschäf-
tigt, gegenüber 314 Mitarbeitern im Jahr 2000 (Biotechnologie-Bericht
Sachsen).
Die positive Entwicklung spiegelt sich auch in der Anzahl der gentech-
nischen Anlagen in Sachsen wider. Mit Stand Oktober 2007 werden im
Freistaat 160 gentechnische Anlagen betrieben, in denen Forschungs-
projekte unter Anwendung gentechnologischer Methoden durchge-
führt werden. Das sind mehr als doppelt so viele Anlagen wie Ende
1999.
119 dieser Anlagen sind der Sicherheitsstufe 1 (ohne Risiko für
Mensch und Umwelt), 40 Anlagen der Sicherheitsstufe 2 (geringes
Risiko für Mensch und Umwelt) und eine Anlage der Sicherheits-
stufe 3 (mäßiges Risiko für Mensch und Umwelt) zuzuordnen
(SMUL, 2007).
44
7. Anwendung der Gentechnik in Sachsen

Gentechnologische Arbeiten werden an 128 öffentlichen Forschungs-
instituten und in 32 privaten Einrichtungen durchgeführt. Allein an den
Universitäten in Dresden und Leipzig (einschl. Universitätskliniken) gibt
es 99 gentechnologische Forschungslabors.
In der Mehrzahl der gentechnischen Anlagen wird biomedizinische For-
schung und/oder biologische Grundlagenforschung betrieben. Zudem
werden Studenten biologischer und medizinischer Fachrichtungen in
der Handhabung gentechnologischer Methoden ausgebildet. Auf dem
Gebiet der Umweltforschung werden gentechnische Verfahren bei-
spielsweise in einer Außenstelle des Umweltbundesamtes in Bad El-
ster, in der Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH-UFZ, im
Forschungszentrum Rossendorf e. V. sowie an der TU Bergakademie
Freiberg eingesetzt. In einigen sächsischen Laboren werden gentechno-
logische Methoden bei der Entwicklung von Biosensoren angewendet.
Das Institut für Obstzüchtung der Bundesanstalt für Züchtungsforschung
Anwendung der Gentechnik in Sachsen
45
1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007
160
140
120
100
80
60
40
20
0
1
6
9
14
19
33
49
61
153
141
130
118
106
89
70
160
156
Abb.:
Entwicklung der Gentechnik
in Sachsen
(Anzahl der Anlagen)
Stand Oktober 2007

Anwendung der Gentechnik in Sachsen
an Kulturpfl anzen in Dresden-Pillnitz sowie vier Privatunternehmen nut-
zen gentechnische Methoden zur Pfl anzenzucht.
Gentechnologische Methoden werden zudem bei der Lebensmit-
telüberwachung durch die Landesuntersuchungsanstalt für das Ge-
sundheits- und Veterinärwesen in Dresden und bei der Saatgut- und
Futtermittelüberwachung durch die Sächsische Landesanstalt für Land-
wirtschaft in Leipzig eingesetzt.
»Gibt es derzeit Freilandversuche mit gentechnisch
veränderten Pfl anzen in Sachsen?«
»Ja, es gibt Freilandversuche
in Sachsen.«
Freilandversuche sind zu unterscheiden vom großfl ächigen Anbau
gentechnisch veränderter Pfl anzen, da für letztere eine Marktzulassung
(Inverkehrbringensgenehmigung) erforderlich ist.
Freilandversuche (= Freisetzungen) sind örtlich und zeitlich begrenzte
Versuche und stellen die Voraussetzung für eine spätere Zulassung
zum Inverkehrbringen dar.
In Sachsen wurden bereits 1996 erste Freilandversuche mit gentech-
nisch veränderten Raps-, Mais- sowie Zuckerrübenpfl anzen durch-
geführt. Diesen Pfl anzen wurde unter Anwendung gentechnischer Me-
thoden ein zusätzliches Gen eingeführt, das ihnen eine Resistenz
gegen ein bestimmtes Pfl anzenschutzmittel („Basta“ oder „Roundup“)
vermittelt. Freilandversuche sind erforderlich, weil sich Wachstum und
Entwicklung im Freiland anders vollziehen können als im Gewächshaus
und sich dort bestimmte Umweltfaktoren nicht simulieren lassen.
46

image
Seit 1998 hat sich die Anzahl dieser Versuche deutlich reduziert. In
den Jahren 2004 bis 2006 wurden in Sachsen keine Freilandversuche
durchgeführt. Ein wesentlicher Grund für die geringe Zahl der Versu-
che ist in der Zurückhaltung von Pfl anzenzuchtbetrieben und Saatgut-
fi rmen infolge rechts- und forschungspolitischer Unwägbarkeiten im
Bereich der sogenannten „Grünen Gentechnik“ sowohl in Deutschland
als auch in Europa zu sehen. Im Jahr 2007 wurden wieder 9 Freiland-
versuche mit gentechnisch veränderten Mais-Pfl anzen an 4 Standorten
durchgeführt (zum kommerziellen Anbau in Sachsen siehe Seite 27)
Anwendung der Gentechnik in Sachsen
47
bis 1995 1996 1997 1998
1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007
30
25
20
15
10
5
0
0
10
0
0
14
20
19
17
4
1
1
0
9
Abb.:
Freisetzungen
in Sachsen
(Anzahl/Jahr)
Stand Oktober 2007

Fachwortverzeichnis
48
Allergie
allergenes Potenzial
Aminosäuren
Anti-Angiogenese
(= Angiogenese-
Hemmung)
Antibiotikum
Auskreuzungen
Bakterien
Bioinformatik
Biopatentrichtlinie
Bioprozesstechnik
Biosensoren
Biosensorik
Biotechnologie
Bt-Baumwolle
Bt-Mais
Chromosom
Core-Biotech-
Unternehmen
Delphi-Studie
DNA-Sonden
DNS (engl. DNA)
Die Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems. Harmlose Fremdkörper (z. B. Pollen oder
bestimmte Proteine, die in gewissen Lebensmitteln vorkommen) werden vom Immunsystem wie
gefährliche Eindringlinge attackiert.
Potenzial eines Stoffes, eine Allergie auszulösen
Bausteine von Eiweißen (Proteinen)
Medikamentöse Methode, die das Bilden neuer Blutgefäße im Körper verhindern soll,
um einem Tumor die Nahrungszufuhr abzuschneiden und sein weiteres Wachstum zu
unterbinden
Antibiotika sind niedermolekulare Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen wie
z. B. Bakterien oder Pilzen, die in geringen Konzentrationen andere Mikroorganismen
in ihrem Wachstum hemmen (bakteriostatische Wirkung, z. B. Penicillin) oder abtöten
(bakterizide Wirkung, z. B. Streptomycin).
Ungewollte Ausbreitung von Pollen auf kreuzungsfähige Pflanzen
Einzellige Organismen ohne Zellkern
Wissenschaft, die sich mit der Erfassung, Analytik, Darstellung und Anwendung biologischer
Daten mittels der modernen Informationstechnologien befasst
Richtlinie der Europäischen Union über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen
Techniken zur industriellen Nutzung biologischer Prozesse
Biologische Messfühler, die sich zum Nachweis bestimmter Stoffe eignen
Messsysteme, die biologische Komponenten wie z. B. Antikörper, Enzyme oder Mikroorganismen nutzen
Einsatz biologischer Systeme (Zellen, Zellbestandteile) im Rahmen technischer Verfahren und
industrieller Produktion zur Gewinnung und Umsetzung von Stoffen oder Energie
Gentechnisch veränderte Baumwolle mit einem eingebauten für bestimmte Insekten giftigen
Eiweiß aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis
Gentechnisch veränderter Mais mit einem eingebauten für bestimmte Insekten giftigen Eiweiß
aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis
Fadenähnliche, aus Nukleinsäure und Eiweiß (Chromatin) aufgebaute biologische Struktur, die
das gesamte oder Teile des Erbmaterials eines Organismus enthält
Firmen, deren Hauptarbeitsfeld die moderne Biotechnologie ist
Ist ein systematisches mehrstufiges Befragungsverfahren mit Rückkopplung bzw. eine Schätzme-
thode, die dazu dient, zukünftige Ergebnisse etc. möglichst gut einschätzen zu können.
kurzer DNA-Abschnitt, der eine Markierung trägt und zum spezifischen Nachweis von Genen
eingesetzt werden kann
Abkürzung für Desoxyribonukleinsäure; Träger der genetischen Information aller Lebewesen
8. Fachwortverzeichnis

49
Fachwortverzeichnis
Enzyme
Eugenik,
eugenische Ziele
Evolution
Gen
GenTG
Genom
Gentechnologie
(= Gentechnik)
Gentechnisch
veränderte Pflanze
Gentherapie
Gentransfer
Grüne Gentechnik
GVO
Herbizid
In vitro
Keimbahntherapie
Klonierung
Lymphozyten
Markergen
Mikroorganismen
Eiweiße (Proteine), die biologische Reaktionen steuern und beschleunigen können
Systematische Auswahl von Individuen zur Fortpflanzung
Biol.: stammesgeschichtliche Entwicklung aller Lebewesen. Sie ist ein kontinuierlicher Vorgang,
der die Anpassung der Lebewesen an sich ändernde Lebensverhältnisse ermöglicht. Veränderun-
gen im Erbmaterial treten spontan auf (Mutationen) oder werden ausgelöst durch Vermischung
(Rekombination) des Erbmaterials bei der Fortpflanzung. Sie können auch durch energiereiche
Strahlung (z. B. UV-Strahlen, radioaktive Strahlen) oder das Einwirken chemischer Stoffe hervor-
gerufen werden.
Abschnitt auf einer DNA, der für die Bildung eines Proteins benötigt wird
Gentechnikgesetz
Das gesamte genetische Material eines Organismus
Methoden zur gezielten Neukombination von Nukleinsäuren (= Träger der Erbinformation),
auch über Artgrenzen hinweg
Pflanze, deren Erbmaterial beispielsweise durch die Ergänzung mit artfremder DNA verändert ist
Behandlung von Krankheiten durch Veränderung des Erbmaterials. Es wird zwischen der somati-
schen Therapie und der Keimbahntherapie unterschieden
Übertragung von Erbmaterial
Anwendungen der Gentechnik in der Landwirtschaft, Pflanzenzucht und Lebensmittelherstellung
Gentechnisch veränderter Organismus
Chemisches Mittel (Pflanzenschutzmittel) zur Bekämpfung von Unkräutern oder unerwünschten
Konkurrenzpflanzen in der Landwirtschaft
Im Reagensglas, außerhalb der Zelle oder des Körpers
Eingriff in die Erbsubstanz von Keimzellen (Ei- und Samenzellen)
Schaffung einer Kolonie genetisch einheitlicher Zellen oder Organismen, die sich von einer Zelle
ableiten
Weiße Blukörperchen (= Leukozyten), die Teil des Immunsystems sind und die sog. erworbene
Immunität vermitteln
Gen, das die Identifizierung und Selektion einer gentechnisch veränderten Zelle oder eines
gentechnsich veränderten Organismus ermöglicht
Mikroorganismen gelten als die kleinsten, mikroskopisch darstellbaren Lebewesen. Sie werden
auch Mikroben genannt. Zu den Mikroorganismen zählen Bakterien, einzellige Algen und
Pilze, Hefen, Protozoen usw. Viren gelten nicht als „Lebewesen“, da sie sich nicht selbständig
reproduzieren können.

Fachwortverzeichnis
50
Monitoring
Mutation
Nanotechnologie
Nukleotide
Patent
Pestizide
Pflanzenschutzmittel
Protein
Rote Gentechnologie
Resistenz
Somatische
Gentherapie
Somatische Zellen
(= Körperzellen)
Transgener Organismus
Transgene Pflanze
Umweltanalytik
Virus
Weiße Biotechnologie
Zelle
Langzeitbeobachtung bestimmter Anwendungen der Gentechnologie, z. B. des Anbaus
gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft
Spontane Änderung in einem Gen, z. B. durch Basenaustausch
Untersuchung, Herstellung und Anwendung von Strukturen und Materialien im atomaren,
molekularen und makromolekularen Bereich unter Einbeziehung biologischer Funktionseinheiten.
Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter.
„Buchstaben“ des genetischen Codes. Die DNA besteht aus nur vier Grundbausteinen, die
mit den Buchstaben A, C, G und T abgekürzt werden und deren Reihenfolge die eigentliche
Information darstellt.
Beurkundetes, zeitlich begrenztes Recht auf Verwertung einer Erfindung, das nach Prüfung durch
das Patentamt erteilt wird, weil die Erfindung neu und gewerblich nutzbar ist, auf einer erfinderi-
schen Tätigkeit beruht und nicht gegen die öffentliche Ordnung oder die guten Sitten verstößt
Bezeichnung für Substanzen, die Schädlinge töten oder auf andere Weise unschädlich machen
(Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel).
Pflanzenschutzmittel sind chemische oder biologische Wirkstoffe und Zubereitungen, die dazu
bestimmt sind, Pflanzen und Pflanzenerzeugnisse vor Schadorganismen zu schützen.
Aus Aminosäuren aufgebauter Eiweißstoff
Anwendungen der Gentechnik in der Medizin und Pharmazie
Unter Resistenz versteht man die Widerstandsfähigkeit eines Organismus oder einer biologischen
Art gegen schädliche äußere Einflüsse.
Therapie, die auf die gentechnische Veränderung von Körperzellen abzielt
Alle Zellen eines höheren Organismus mit Ausnahme der Geschlechtszellen
Organismus, dessen Erbmaterial beispielsweise durch die Ergänzung mit artfremder DNA
verändert ist
Gentechnisch veränderte Pflanze, deren Erbmaterial durch die Ergänzung mit artfremder DNA
verändert ist
Teilbereich der chemischen Analytik zum Nachweis von Stoffen in der Umwelt
Biologische Einheit aus DNA oder RNA und Proteinhülle, die sich nur in einer geeigneten
Wirtszelle vermehren kann
Auch industrielle Biotechnologie genannt. Im Fokus der Weißen Biotechnologie steht die
Herstellung von Produkten mit biotechnischen Verfahren.
Die kleinste selbständig lebensfähige und vermehrungsfähige Einheit von lebenden Organismen

51
Gesetzliche Grundlagen zur Gentechnik
9. Gesetzliche Grundlagen zur Gentechnik
EU-Richtlinien und Verordnungen
Richtlinie (90/219/EWG) des Rates vom 23. April 1990
über die Anwendung genetisch veränderter Mikroorganismen
in geschlossenen Systemen (ABI. EG Nr. L 117 S. 1)
Richtlinie (98/81/EG) des Rates der Europäischen Union vom
26. Oktober 1998 zur Änderung der Richtlinie 90/219/EWG über
die Anwendung gentechnisch veränderter Mikroorganismen in
geschlossenen Systemen (ABI. EG Nr. L 330 S. 13)
Richtlinie (90/220/EWG) des Rates vom 23. April 1990 über die
absichtliche Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen
in die Umwelt (ABl. EG Nr. L 117 S. 75)
Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter
Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG
des Rates (Abl. EG Nr. L 106 S. 1)
Richtlinie (98/44/EG) des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 6. Juli 1998 über den rechtlichen Schutz biotechnologischer
Erfi ndungen (ABI. EG Nr. L 213 S. 13)
Verordnung (258/97/EG) des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 27. Januar 1997 über neuartige Lebensmittel und neuartige
Lebensmittelzutaten (ABl. EG Nr. L 43 S.1)
Verordnung (EG) Nr. 1830/2003 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 22. September 2003 über die Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung von
genetisch veränderten Organismen und über die Rückverfolgbarkeit von aus ge-
netisch veränderten Organismen hergestellten Lebensmitteln und Futtermitteln
sowie zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG (ABl. EG Nr. L 268 S. 24)
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Gesetzliche Grundlagen zur Gentechnik
52
Verordnung (2092/91/EWG) des Rates vom 22. Juli 1991 über den ökologischen
Landbau und die entsprechende Kennzeichnung der landwirtschaftlichen Erzeug-
nisse und Lebensmittel (ABl. EWG Nr. L 198 S.1)
Empfehlung (2003/556/EG) der Kommission vom 23. Juli 2003 mit Leitlinien für
die Erarbeitung einzelstaatlicher Strategien und geeigneter Verfahren für die
Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen
(ABl. EG Nr. L 189 S. 36)
Entscheidung (2002/812/EG) des Rates vom 3. Oktober 2002 zur Festlegung
– gemäß Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates –
des Schemas für die Zusammenfassung der Anmeldeinformationen zum Inver-
kehrbringen genetisch veränderter Organismen als Produkte oder in Produkten
(ABl. EG Nr. L 280 S. 37)
Nationale Regelungen in Deutschland
Gesetz zur Regelung der Gentechnik (Gentechnikgesetz – GenTG) in der Fas-
sung der Bekanntmachung vom 16. Dezember 1993 (BGBl. I S. 2066), zuletzt
geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 17. März 2006 (BGBl. I S. 534)
Verordnung über die Sicherheitsstufen und Sicherheitsmaßnahmen bei gentech-
nischen Arbeiten in gentechnischen Anlagen (Gentechnik-Sicherheitsverordnung
– GenTSV) in der Fassung der Bekanntmachung vom 14. März 1995 (BGBI. l S.
297, zuletzt geändert durch Artikel 8 der Verordnung vom 06. März 2007 (BGBl. I
S. 261, 270)
Gesetz zur Durchführung von Verordnungen der Europäischen Gemeinschaft auf
dem Gebiet der Gentechnik und zur Änderung der Neuartige Lebensmittel- und
Lebensmittelzutaten-Verordnung vom 22. Juni 2004 (BGBl. I S. 1244), zuletzt ge-
ändert durch Artikel 38 der Verordnung vom 31. Oktober 2006 (BGBl. I S. 2407)
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53
Quellenverzeichnis
Pressemitteilung, Biologische Bundesanstalt
Braunschweig, 18. März 2005
Kapitel 1.4.2.: Landwirtschaftliche Urproduktion,
unter:
http://www.bfa-ernaehrung.de/Bfe-
Deutsch/Information/e-docs/janyberi.htm
http://www.biosicherheit.de/aktuell/314.doku.html)
;
Die Website bioSicherheit.de wird erstellt im Rahmen
des Projektverbundes Kommunikationsmanagement in
der Biologischen Sicherheitsforschung im Auftrag des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).
Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für
Wirtschaft und Arbeit, Dresden
„Beyond Borders“ – Biotechnology Report 2005,
Herausgeber: Ernst & Young, 2005
Die deutsche Biotechnologie-Branche 2007, Firmenum-
frage, I-nitiative des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung,
www.biotechnologie.de
„Verhaltene Zuversicht“,
Herausgeber: Ernst & Young, 2007
Nr. 259, S. N1, 07.11.2007
Gianessi, L, Sankula, S, Reigner, N. (2003): Pflanzen-
biotechnologie: Potenzial zur Verbesserung des
Pfl anzenschutzes in der europäischen Landwirtschaft.
Eine Zusammenfassung von drei Fallstudien.
(Vollständiger Bericht unter
www.ncfap.org)
BBA, 2005
Berichte der Bundes-
forschungsanstalt
für Ernährung
bioSicherheit.de
Biotechnologie-Bericht
Sachsen, 2006
Biotechnology Report
2005
BMBF, 2007
Deutscher Biotech-
nologie-Report
Frankfurter Allgemeine
Zeitung
Gianessi et al.
10. Quellenverzeichnis

Quellenverzeichnis
54
GM Crops: The First Ten Years – Global Socio-Economic
and Environmental Impacts, Jahr 2006, Nr. 36,
www.isaaa.org
Kompendium Gentechnologie und Lebensmittel
(5. Aufl age 2003); Bd. 2, Bd. 4; Hrsg. BASF Plant Science,
Bayer CropScience, Dow AgroScience, Monsanto Agrar
Deutschland, Syngenta Deutschland, DuPont/Pineer
Hi-Bred International
Pharmadaten 2007, Bundesverband der Pharmazeuti-
schen In-dustrie unter
www.bpi.de
Pressemitteilung, Bundessortenamt, April 2007
Losey JE, Rayor LS, Carter ME (1999): Transgenic pollen
harms monarch larvae. Nature 399(6733): 214
„Beitrag der Biotechnologie zur chemischen
Industrie“, 2003
Erhebungen einer Gruppe in den USA, die den Monarch-
Falter beobachten; zitiert in: „Grüne Gentechnik in Nieder-
sachsen“ (Feb. 2002), S. 16. Hrsg.: NATI Technologieagen-
tur Niedersachsen GmbH.
Effects of exposure to event 176 Bacillus thuringiensis
corn pollen on monarch and black swallowtail caterpillars
under fi eld conditions. Proceedings of the National Aca-
demy of Sciences of the United States of America, 98,
11908-11912, 2001
ISAAA Briefs
Kompendium
Gentechnologie und
Lebensmittel
BPI, 2007
BSA, 2007
Losey et al.
McKinsey-Studie
„Monarch-Watch“-
Gruppe
Zangerl et al.

55
Impressum
HERAUSGEBER
Sächsisches Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft
Postfach 10 05 10, 01076 Dresden
Internet:
www.smul.sachsen.de
Bürgertelefon: (03 51) 564 68 14
Fax: (03 51) 564 68 17
E-Mail: info@smul.sachsen.de
(Kein Zugang für elektronisch signierte
sowie für verschlüsselte elektronische
Dokumente)
REDAKTION
Sächsisches Staatsministerium
für Umwelt und Landwirtschaft,
Referat Bio- und Gentechnik, Chemikalien
FOTOS
Cenix GmbH, Dresden (7, 39, 42);
Bayer AG (1, 11, 12, 17 li.);
Bayer CropScience AG (21, 32, 34);
CreativCollection (14);
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Zellbiologie und Genetik, Dresden (17 re.);
photodisc (22 re.);
Pixtal (22 li., 25, 30, 47);
PhotoCase.com (26, 29)
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