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SachSenS
hochSchulen
im Jahr 2025
ein ausblick
SachSenS
hochSchulen
im Jahr 2025
ein ausblick

Studenten der TU Chemnitz verfolgen im Auditorum maximum,
dem mit 706 Plätzen größten Hörsaal der Uni, eine Vorlesung.
Foto: TU Chemnitz/Dirk Hanus
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inhaltsverzeichnis
Vorwort .................................................................... 4
Übersicht: Hochschulstandorte in Sachsen....................................... 6
Vorgestellt: 14 staatliche Hochschulen und 7 Studienakademien .................... 8
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst ......................... 14
Hochschulplanung mit gutem Ausgangsniveau – und erstmals
ohne Stellenabbau
Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft ............................... 24
Wie kann das gehen – das Unplanbare planen?
Fritz Straub
Geschäftsführender Gesellschafter der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH ...... 42
Neue Fachleute braucht das Land – die Hochschulen und die Ansprüche
der Wirtschaft
Diskussion ................................................................. 50
Fazit ...................................................................... 80
Teilnehmerliste ............................................................. 84
Impressum................................................................. 88
Gleichstellungshinweis
Ist zur besseren Lesbarkeit nur auf die weibliche oder männliche Person Bezug genommen,
so sind damit immer beide Geschlechter gemeint.

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Vorwort
Die Idee ging von den Rektoren aus. Bei ei-
nem der ersten Treffen der Rektoren zur
Hochschulentwicklungsplanung im Säch-
sischen Wissenschaftsministerium wur-
de die Anregung geboren, das Thema
doch mal weiter zu denken. Zwar ist der
aktuell zu planende Zeitraum von 2017
bis 2025 schon eine sehr lange Etappe,
für die sich die akademischen Bildungs-
stätten Entwicklungsziele setzen wer-
den. Dieser Zeitraum steht auch nicht
unter dem Diktat des Stellenabbaus. Ein
Novum seit 1990. Und eine gute Basis
für entspannte Gespräche und Verhand-
lungen. Es geht nicht ans Eingemachte,
wie in den letzten Jahren. Es geht um Zu-
kunft, um Planungssicherheit im besten
Sinne. Und dennoch. Warum trotzdem
nicht mal über den Tag hinaus denken?
Warum die Entwicklung der universitären
Lehre und Forschung, wenn schon nicht
von ihrem Ende, so doch aber weit aus der
Zukunft zurückdenken? So entstanden die
Idee und der Entschluss zur Tagung „Sach-
sens Hochschulen im Jahr 2025 – ein Aus-
blick“, die am 27. März 2015 im Sächsi-
schen Staatsministerium für Wissenschaft
und Kunst in Dresden stattfand.
4 |
80 Gäste trafen sich bei der Tagung „Sachsens Hochschulen im Jahr 2025 – ein Ausblick“ am 27. März 2015
im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

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Ein Brainstorming sollte es werden – mit
hochrangiger Beteiligung: Rektoren, Kanz-
ler, Forschungsgrößen. Aber auch Studie-
rendenvertreter, Gewerkschaften, Politiker
und die Wirtschaft sollten unbedingt dabei
sein. Alle haben Forderungen an und Vor-
stellungen von Hochschulen. Was erwartet
die Gesellschaft von den Hochschulen, was
erwarten die Hochschulen von der Gesell-
schaft? Ein Grund mitzureden. Ein Grund,
gedanklich aus dem Tagesgeschäft aus-
zusteigen und in die Zukunft zu denken.
Moderiert wurde dieser verbale Ausstieg
sehr fachkundig von Christiane Gaehtgens,
der einstigen Generalsekretärin der Hoch-
schulrektorenkonferenz.
Über vier Stunden saßen 80 Beteiligte im
großen Saal des Wissenschaftsministeri-
ums zusammen, sprachen, hörten zu und
diskutierten. Wissenschaftsministerin Dr.
Eva-Maria Stange umriss in ihrem Ein-
gangsvortrag die politische Situation und
die Aufgabe. Prof. Peter Strohschneider,
Präsident der Deutschen Forschungs-
gemeinschaft, formulierte, wie sich die
Hochschulen, eingebettet in einem Wissen-
schafts- und in einem Ausbildungssystem,
überhaupt entwickeln können. Fritz Straub,
Geschäftsführer der Deutschen Werkstätten
Hellerau, erklärte den Fachkräftebedarf
eines hochspezialisierten Unternehmens an
die ausbildenden Hochschulen.
Dann entspann sich eine lebhafte Debat-
te in der alle Themen aufgemacht wurden:
Exzellenzstatus und Stillen des Fachkräfte-
bedarfs, die Zukunft der Kleinen Fächer,
die Vernetzung der Hochschulen in ihren
Regionen, Kooperationen mit außeruni-
versitären Forschungsinstituten und der
Wirtschaft, die Entwicklung der Studie-
rendenzahlen, die Qualität der Lehre, An-
passung der Lehrpläne, die Situation der
Lehrkräfte – und natürlich immer wieder
die Möglichkeiten der Finanzierung: Grund-
finanzierung, Drittmittel, Hochschulpakt-
gelder, Bafög-Mittel. Über vier Stunden
„Brainstorming“ über die gesellschaftli-
chen Anforderungen an die Hochschulen
in den nächsten zehn Jahren. Zum Nach-
lesen und Weiterdenken sind die Wort-
beiträge der Tagung in dieser Broschüre
dokumentiert.

 
hochschulstandorte in Sachsen
6 |
LEIPZIG
CHEMNITZ
A 4
A 72
A 38
A 4
A 14
A 72
Mittweida
Plauen
Glauchau
Breitenbrunn
Zwickau
z
Universität Leipzig
z
Hochschule für Musik und Theater Leipzig
„Felix Mendelssohn Bartholdy“
z
Hochschule für Grafik und Buchkunst
z
Hochschule für Technik, Wirtschaft und
Kultur Leipzig
z
Studienakademie Leipzig
z
Hochschule Mittweida
z
Technische Universität Chemnitz
z
Studienakademie Glauchau
z
Westsächsische Hochschule Zwickau
z
Studienakademie Plauen
z
Studienakademie Breitenbrunn

| 7
DRESDEN
CHEMNITZ
Bautzen
A 4
A 13
A 17
Freiberg
Zittau
Görlitz
Riesa
z
Technische Universität Dresden
z
Hochschule für Bildende Künste Dresden
z
Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden
z
Palucca Hochschule für Tanz Dresden
z
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
z
Studienakademie Dresden
z
Hochschule Zittau/Görlitz
z
Studienakademie Riesa
z
Technische Universität
Bergakademie Freiberg
z
Studienakademie Bautzen

 
8 |
14 staatliche hochschulen
und 7 Studienakademien

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| 9
universitäten
Technische Universität Chemnitz
96 Studiengänge
11.650 Studierende
8 Fakultäten:
z
Naturwissenschaften
z
Mathematik
z
Maschinenbau
z
Elektrotechnik und Informationstechnik
z
Informatik
z
Wirtschaftswissenschaften
z
Philosophische Fakultät
z
Human- und Sozialwissenschaften
www.tu-chemnitz.de
Technische Universität Dresden
über 150 Studiengänge
und -fächer
36.740 Studierende
5 Bereiche - 14 Fakultäten:
z
Mathematik und Naturwissenschaften:
Fachrichtungen Biologie, Chemie und Lebens-
mittelchemie, Mathematik, Physik, Psychologie
Geistes- und Sozialwissenschaften: Fakultät
Erziehungswissenschaften, Juristische Fakultät,
Philosophische Fakultät, Fakultät Sprach-,
Literatur- und Kulturwissenschaften, Fakultät
Wirtschaftswissenschaften
Ingenieurwissenschaften: Fakultät Elektro-
technik und Informationstechnik,
Fakultät Informatik, Fakultät Maschinenwesen
Bau und Umwelt: Fakultät Architektur; Fakultät
Bauingenieurwesen;
Fakultät Umweltwissenschaften, Fakultät
Verkehrswissenschaften »Friedrich List«
Medizin: Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus
z
z
z
z
www.tu-dresden.de
TU Bergakademie Freiberg
61 Studiengänge
5.300 Studierende
6 Fakultäten:
z
Mathematik und Informatik
Chemie und Physik
Geowissenschaften, Geotechnik und Bergbau
Maschinenbau, Verfahrens- und Energietechnik
Werkstoffwissenschaft/Werkstofftechnologie
Wirtschaftswissenschaften
z
z
z
z
z
www.tu-freiberg.de
Universität Leipzig
156 Studiengänge
28.600 Studierende
14 Fakultäten:
z
Theologie
Juristenfakultät
Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften
Erziehungswissenschaften
Sozialwissenschaften und Philosophie
Philologische Fakultät
Wirtschaftswissenschaften
Sportwissenschaften
Medizin
Mathematik und Informatik
Biowissenschaften, Pharmazie, Psychologie
Physik und Geowissenschaften
Chemie und Mineralogie
Veterinärmedizin
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
www.uni-leipzig.de

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10 |
Kunsthochschulen
Hochschule für Musik
Carl Maria von Weber Dresden
660 Studierende
2 Fakultäten
Studiengänge:
z
Orchester-, Chordirigieren
Korrepetition
Gesang
Jazz/Rock/Pop: Instrumentalisten/Gesang
und Komposition
Klavier
Komposition/Musiktheorie
Streicher, Harfe
Bläser, Schlagzeug
Instrumental- und Gesangspädagogik
Lehramt
historische Tasteninstrumente
Meisterklasse
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
www.hfmdd.de
Hochschule für Bildende Künste Dresden
660 Studierende
5 Studiengänge:
z
Bildende Kunst (Malerei/Grafik, Bildhauerei,
Übergreifendes künstlerisches Arbeiten,
Neue Medien)
Kunsttechnologie, Konservierung und
Restaurierung von Kunst- und Kulturgut
Bühnen- und Kostümbild
Fachhochschulstudiengang Theaterausstattung
(Theaterplastik, Theatermalerei, Maskenbild,
Kostümgestaltung)
Aufbaustudiengang KunstTherapie
z
z
z
z
www.hfbk-dresden.de
Palucca Hochschule für Tanz Dresden
200 Studierende
5 Studiengänge:
z
Bachelor Tanz
Bachelor Tanzpädagogik
Master Tanzpädagogik
Master Choreografie
Künstlerische Meisterklasse
z
z
z
z
www.palucca.eu
Hochschule für Musik und Theater Leipzig
»Felix Mendelssohn Bartholdy«
67 Studiengänge
1.190 Studierende
3 Fakultäten mit den Fachrichtungen:
z
Streichinstrumente/Harfe
Blasinstrumente/Schlagzeug
Jazz/Popularmusik
Dirigieren/Korrepetition
Klavier
Gesang/Musiktheater
Schauspielinstitut »Hans Otto«
Alte Musik
Institut für Musikpädagogik
Kirchenmusikalisches Institut
Dramaturgie
Komposition/Tonsatz
Institut für Musikwissenschaft
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
z
www.hmt-leipzig.de
Hochschule für
Grafik und Buchkunst Leipzig
600 Studierende
4 Diplomstudiengänge, 1 Masterstudiengang:
z
Malerei/Grafik
Buchkunst/Grafik-Design
Fotografie
Medienkunst
Masterstudiengang Kulturen des Kuratorischen
z
z
z
z
www.hgb-leipzig.de

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| 11
hochschulen für
angewandte Wissenschaften
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
rund 40 Studiengänge
5.300 Studierende
8 Fakultäten:
z
Bauingenieurwesen/Architektur
Elektrotechnik
Geoinformation
Gestaltung
Informatik/Mathematik
Landbau/Landespflege
Maschinenbau/Verfahrenstechnik
Wirtschaftswissenschaften
z
z
z
z
z
z
z
www.htw-dresden.de
Hochschule für Technik, Wirtschaft
und Kultur Leipzig
44 Studiengänge
ca. 6.200 Studierende
7 Fakultäten:
z
Architektur und Sozialwissenschaften
Bauwesen
Elektrotechnik und Informationstechnik
Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften
Medien
Wirtschaftswissenschaften
Maschinenbau und Energietechnik
z
z
z
z
z
z
www.
htwk-leipzig.de
Hochschule Mittweida
57 Studiengänge
6.400 Studierende
5 Fakultäten (ab 1.9.2015):
z
Ingenieurwissenschaften
Angewandte Computer- und Biowissenschaften
Wirtschaftsingenierwesen
Soziale Arbeit
Medien
z
z
z
z
www.hs-mittweida.de
Hochschule Zittau/Görlitz
40 Studiengänge
3.250 Studierende
6 Fakultäten:
z
Elektrotechnik und Informatik
Management- und Kulturwissenschaften
Maschinenwesen
Mathematik/Naturwissenschaften
Sozialwissenschaften
Wirtschaftswissenschaften und Wirtschafts-
ingenieurwesen
z
z
z
z
z
www.hszg.de
Westsächsische Hochschule Zwickau
40 Studiengänge
ca. 5.000 Studierende
8 Fakultäten:
z
Kraftfahrzeugtechnik
Automobil- und Maschinenbau
Elektrotechnik
Physikalische Technik/Informatik
Wirtschaftswissenschaften
Angewandte Kunst Schneeberg
Angewandte Sprachen und Interkulturelle
Kommunikation
Gesundheits- und Pflegewissenschaften
z
z
z
z
z
z
z
www.fh-zwickau.de

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12 |
Berufsakademie Sachsen
mit 7 staatlichen Studienakademien
Insgesamt ca. 4.500 Studierende und 38 Studiengänge
Staatliche Studienakademie Leipzig
530 Studierende
4 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Steuerberatung/Wirtschaftsprüfung
Immobilienwirtschaft
Controlling
Bankwirtschaft
z
z
z
2 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Informatik
z
Service Engineering
Staatliche Studienakademie Breitenbrunn
640 Studierende
2 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Industrie
z
Tourismuswirtschaft
1 Studienrichtung im Bereich Sozialwesen:
z
Soziale Arbeit
www.ba-sachsen.de
Staatliche Studienakademie Glauchau
1.080 Studierende
5 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Bank
Baubetriebsmanagement
Mittelständische Wirtschaft
Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik
Wirtschaftsinformatik
z
z
z
z
5 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Automobilmanagement
Bauingenieurwesen
Industrielle Produktion
Technische Informatik
Versorgungs- und Umwelttechnik
z
z
z
z
Staatliche Studienakademie Plauen
300 Studierende
2 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Gesundheits- und Sozialmanagement
z
Handel und Internationales Management
2 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Technisches Management
z
Lebensmittelsicherheit

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| 13
Staatliche Studienakademie Riesa
490 Studierende
2 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Event- und Sportmanagement
z
Handelsmanagement
6 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Biotechnologie
Strahlentechnik
Umwelttechnik
Maschinenbau
Energietechnik
Versorgungs- und Gebäudetechnik
z
z
z
z
z
Staatliche Studienakademie Bautzen
525 Studierende
3 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Finanzmanagement
Public Management
Wirtschaftsinformatik
z
z
3 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Elektrotechnik
Medizintechnik
Wirtschaftsingenieurwesen
z
z
Staatliche Studienakademie Dresden
ca. 1.000 Studierende
7 Studienrichtungen im Bereich Wirtschaft:
z
Agrarmanagement
Finanzwirtschaft – Bank
Finanzwirtschaft – Versicherung
Betriebswirtschaft – Handel
Betriebswirtschaft – Industrie
Steuern, Prüfungswesen, Consulting
Wirtschaftsinformatik
z
z
z
z
z
z
3 Studienrichtungen im Bereich Technik:
z
Holz- und Holzwerkstofftechnik
Informationstechnik
Medieninformatik
z
z

 
14 |
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst
hochschulplanung mit gutem
ausgangsniveau – und erstmals
ohne Stellenabbau

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| 15
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft
und Kunst
Wir haben diese Tagung organisiert, um
einen Moment aus dem Tagesgeschäft
auszusteigen und uns einen Horizont vor-
zustellen, der bis zum Jahr 2025 reicht –
das sind ab heute zehn Jahre. In diesen
zehn Jahren sollen sich die Hochschulen in
Sachsen in einem zwar noch wirbelnden,
aber doch beruhigten Fahrwasser weiter-
entwickeln. Das klingt, als wäre es noch
lange hin. Aber ich will gleich ein bisschen
Wasser in den Wein gießen – wir haben
nicht Zeit bis Ende 2016, wie uns der Ko-
alitionsvertrag ja eigentlich aufgetragen
hat, um bis dahin einen Hochschulent-
wicklungsplan auf den Tisch zu legen.
Denn an den Hochschulentwicklungsplan,
den wir gemeinsam mit den Hochschulen
aufstellen, ist eine Zuschussvereinbarung
geknüpft. Zudem wird eine Zielvereinba-
rung auf den Weg zu bringen sein – mit
jeder einzelnen Hochschule. Weil es dabei
auch um Geld geht, haben wir aber nur bis
zum Ende des Jahres 2015 Zeit. Bis dahin
muss der Hochschulentwicklungsplan ste-
hen, danach bis Mitte 2016 die Zuschuss-
vereinbarung unterschrieben sein. Das ist
sehr ehrgeizig. Wir haben ja gerade den
Doppelhaushalt 2015/2016 beschlossen.
Am nächsten Doppelhaushalt wird aber
bereits ab nächstem Jahr gearbeitet. Des-
halb stehen wir etwas unter Zeitdruck.
Es bündelt die Kräfte,
wenn wir wis-
sen, wir können nicht uns nicht lange
ausruhen und mehrere Pirouetten drehen,

16 |
sondern wir müssen sofort an die Arbeit
gehen. Wir haben aber einen großen Vor-
teil, wenn ich sage wir, dann meine ich
auch alle, die hier im Raum sitzen. Wir ha-
ben den großen Vorteil, dass wir nicht das
erste Mal eine Hochschulentwicklungspla-
nung machen, sondern in den letzten Jah-
ren uns immer und immer wieder darüber
Gedanken machen mussten, wie profilie-
ren sich unsere Hochschulen, wie profi-
liert sich der einzelne Standort, wie arbei-
ten wir mit den außeruniversitären For-
schungseinrichtungen zusammen, wie
bringen wir es zur Exzellenz in bestimmten
Bereichen, wie bringen wir es zu interna-
tionaler Sichtbarkeit, wie unterstützen wir
die Wirtschaft in ihrem weiteren Aufbau,
wie bringen wir es zum Wissenstransfer
und auch zum Technologietransfer, ohne
dass der unsere Wissenschaft erdrückt auf
der anderen Seite.
Das Besondere, was jetzt vor uns steht,
ist der sehr lange Zeitraum, in dem wir
denken müssen. Wir können erstmals ei-
nen Zeitraum von acht Jahren planen und
auf den Weg bringen. Und dazu einen
Zeitraum, in dem es erstmals seit 1990
keinen Stellenabbau an den Hochschu-
len geben wird, wenn wir uns auf gemein-
same Ziele und Profile einigen. Wenn wir
den Hochschulentwicklungsplan gemein-
sam auf den Weg bringen und die Zu-
schussvereinbarung dann auch unterzeich-
net ist, dann soll der Stellenabbau von 754
Stellen, der ursprünglich geplant war, vom
Tisch sein. Das wäre tatsächlich das erste
Mal seit 1990, dass wir eine Planung ma-
chen können mit den Hochschulen, ohne
darüber nachzudenken, wo welche Perso-
nalstellen gekürzt werden müssen. Das ist
eine Riesenchance. Das ist aber auch eine
große Herausforderung.
Wir haben derzeit einen zwischen Bund
und Ländern abgeschlossenen Hoch-
schulpakt,
der noch immer dazu dient,
dass wir den jungen Menschen in der ge-
samten Bundesrepublik ausreichend Stu-
dienplätze zur Verfügung stellen. Es gab
die Umstellung von 13 auf 12 Schuljahre
zum Abitur – Stichwort doppelte Abituri-
entenjahrgänge. Es gab und gibt eine hohe
Zahl von Abiturienten in den westlichen
Bundesländern. Und es gab den gemein-
samen Willen, dass mehr junge Menschen
eine akademische Ausbildung aufnehmen.
Es war schnell klar gewesen, dass es nicht
eine Aufgabe des Westens alleine sein
kann, dass er die Zahl der Studienplätze
erhöht, dass aber der Osten zeitgleich
Studienplätze abbaut und die Hochschulen
drosselt.
2006 war Sachsen bereits im Drosselungs-
verfahren, um es mal vorsichtig auszu-
drücken. Die alte Hochschulvereinbarung
von 2004 bis 2010 sah einen Stellenab-
bau von 1000 Stellen vor und damit ei-
ne Reduzierung der Studierendenzahlen.
Man reagierte damit auf die Prognosen für
die demografische Entwicklung bis zum
Jahre 2010. Dieser Hochschulpakt ist ein

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| 17
Dr. Eva-Maria Stange
bei ihrem Eröffnungsvortrag.
voller Erfolg für die Studierenden und auch
für die Hochschulen. 2005 ist das Jahr, was
wir derzeit als oberste Linie haben, für die
Studienanfänger, wenn wir über den Hoch-
schulpakt reden. Wir haben heute so viele
Studienanfänger wie im Jahre 2005, also
knapp 21.000 Studienanfänger und das,
obwohl unsere eigenen Abiturientenzahlen
ungefähr um 40 Prozent eingebrochen sind.
Wir konnten das ausgleichen,
weil wir
erfolgreich um Studierende aus den west-
lichen Bundesländern geworben haben.
Mit dem Hochschulpakt gab es die Chan-
ce, dass die Hochschulen die demografi-
sche Entwicklung in diesem Land ein Stück
konterkarieren und durchbrechen. Deshalb
war es auch nicht verwunderlich, dass
ausgerechnet der Verband der sächsischen
Wirtschaft uns in der Studenten-Werbe-
kampagne unterstützt hat und gesagt hat:
Ja, das ist der richtige Weg, Studenten aus
dem Westen und aus dem Ausland herzu-
holen, um diesen demografischen Einbruch
abzufedern. Und dann hoffen wir, dass
diese Studenten als Absolventen dann
auch in Sachsen bleiben. Heute haben wir
über 106.000 Studierende – so viel, wie
noch nie an Sachsens Hochschulen.
Und da bin ich auch schon bei dem, was
uns in den nächsten Jahren bewegt –
wir werden bis 2020, auslaufend bis
2023/2024, noch Mittel aus dem Hoch-
schulpakt haben. Das ist die erste von drei
Vereinbarungen, die demnächst auslaufen.

18 |
Darauf müssen wir reagieren. Unge-
fähr 500 Millionen Euro werden uns zur
Verfügung stehen, wenn wir das Hoch-
schulpakt-Ziel erreichen. Die werden wir
ganz gezielt weiter für die Hochschulen
einsetzen, so wie wir es bisher beispiels-
weise bei der Lehramtsausbildung ge-
macht haben. Wir haben verschiedene Pa-
kete geschnürt, um den Stellenabbau ab-
zufedern und die hohe Studierendenzahl
zu bewältigen. Das werden wir etwa bis
2020 noch haben, dann werden die Hoch-
schulpaktmittel auslaufen, die stehen uns
also nicht mehr zur Verfügung und die-
ses damit auch zusätzlich in den Hoch-
schulen vorhandene Personal nicht mehr.
Das müssen wir unter anderem in diesem
Hochschulentwicklungsplan mit abbilden.
Im Koalitionsvertrag steht,
2025 wol-
len wir eine Zielzahl der Studierenden, von
95.000, anpeilen. Ich glaube, das zu errei-
chen, wird kein Problem sein. Wir müssen
an dieser Stelle nicht viel steuern, weil die
Studierendenzahlen vermutlich bundesweit
nach unten gehen und auch das studen-
tische Potenzial an Akademikern mittler-
weile ziemlich ausgeschöpft ist. Wir haben
in Sachsen noch ein bisschen Luft, aber
bundesweit ist es ziemlich ausgeschöpft.
In Sachsen kommt ein anderer Effekt da-
zu, und das werden hier sicher die Ver-
treter der Wirtschaft noch besser dar-
stellen können: Wir haben jetzt end-
lich wieder ausreichend attraktive Be-
rufsausbildungsplätze. Also das heißt
auch, der Facharbeiterbedarf, die berufli-
che Ausbildung, ist schon jetzt sehr nach-
gefragt und wird in den nächsten Jahren
noch stärker gesucht werden.
Insofern verwundert es nicht,
dass na-
türlich schon heute die Handwerkskammer
in den Hochschulen unterwegs ist und
deutlich macht, dass es eine Chance gibt,
in die duale Ausbildung zu wechseln, wenn
junge Menschen mit dem Studium nicht zu-
rechtkommen. Das kann für den einen oder
anderen ein guter Weg sein, und das bedeu-
tet für die Wirtschaft auch das Schließen
einer Lücke, die sich in den nächsten Jahren
weiter auftut. Das hat mir vor kurzen eine
Berufsbildungsmesse wieder gezeigt – wir
haben im akademischen Bereich einen
riesigen demografischen Wandel und wir
haben aber auch in den Betrieben den gro-
ßen Wandel und wir brauchen die Leu-
te. Das heißt, wir werden bei den Studie-
rendenzahlen gar nicht so viel steuern
müssen, dass wir auf die 95.000 kom-
men. Ich denke, das wird sich in vielen
Fällen von alleine ergeben.
Ein zweiter Pakt,
der ausläuft in die-
ser Zeit, von dem wir heute noch nicht
genau wissen, was danach kommt, ist
die Exzellenzinitiative. Wir haben zum
Glück mit viel Kraftanstrengung in Dres-
den, in Chemnitz und zwischenzeitlich
auch in Leipzig gut gepunktet und wir
wissen nicht, wie es nach 2017 wirklich
weiter geht. Die Bundesgremien werden

| 19
dazu erst 2016 Entscheidungen treffen.
Und da weiß ich, dass unsere Exzellenz-
Cluster, die Universitäten, die außeruniver-
sitären Forschungseinrichtungen natürlich
ungeduldig von einem Fuß auf den anderen
treten, im Zweifel uns auf die Füße treten.
Auch hier müssen wir eine Antwort finden.
Klar ist für mich, dass wir das, was sich
positiv entwickelt hat, beispielsweise das
DRESDEN-concept, das Wissenschafts-
netzwerk hier in der Region, aber auch am
Standort Chemnitz, nicht einfach wieder
fallen lassen können. Hier sind Struktu-
ren entstanden, hier ist Exzellenz entstan-
den, hier ist wissenschaftliches Knowhow
entstanden, das ja nicht ohne Grund das
Label Exzellenz bekommen hat, das inter-
national ausstrahlt, das uns nicht nur Wis-
senschaftler und Studierende hierherholt,
sondern, das uns natürlich auch Innova-
tion bringt, hier im Land. Von daher müs-
sen wir gemeinsam im Land eine Lösung
finden, wie wir diese Exzellenzbereiche in
den nächsten Jahren fördern können.
Und ein dritter Pakt,
der für uns genauso
wichtig ist, das ist der „Pakt für Forschung
und Innovation“, der die außeruniversitä-
ren Forschungseinrichtungen betrifft, mit
denen wir zum Glück reich gesegnet
sind – die Max-Planck-, Helmholtz-, Fraun-
hofer- und Leibniz-Institute. Diese beka-
men in den vergangenen Jahren und auch
aktuell noch pro Jahr 5 Prozent Zuwachs
von Bund und Ländern zugesichert. Ab
2016 wird der Bund diesen Zuwachs alleine
finanzieren mit 3 Prozent, das ist zwar
weniger, aber es ist ein gesicherter Zu-
wachs und Sachsen und die Länder wer-
den entlastet. Wir müssen jetzt natürlich
dafür Sorge tragen, dass dieses Geld im
Landeshaushalt weiterhin der Forschung
und den Hochschulen zur Verfügung steht.
Das sind die drei großen Pakte, die alle
drei auslaufen in dieser Zeit bis 2025.
Aber nicht nur das.
Wir haben weitere
Spannungsfelder. Wir haben im Koaliti-
onsvertrag festgeschrieben, dass alle 14
Hochschulstandorte gesichert sind. Auch
das entspannt die Diskussion über einen
Hochschulentwicklungsplan und ich er-
innere daran, dass in den letzten Jah-
ren immer wieder aufflammte: „Kann man
nicht die Kunsthochschulen zusammenle-
gen. Müssen alle Fachhochschulstandorte
erhalten bleiben?“ Also diese Diskussion
haben wir ja immer mal wieder gehabt. Das
heißt nicht bequem zurücklehnen, denn
wir müssen ein weiteres Problem klären.
In den letzten Jahren ist der Begriff
„Wissenschaftsregion“ geboren worden.
Darunter hat sich hier in Sachsen eine
Struktur gesammelt, die ganz unterschied-
licher Natur ist. Ich habe mir das in den
letzten Monaten angesehen und auch so
das Feedback bekommen, dass das in der
einen Region ganz gut funktioniert hat.
Zum Beispiel in Leipzig, da ist wirklich
etwas entstanden, wo man sich über die
Innovationskraft der Region mit der Wirt-

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20 |
schaft, mit den Hochschulen, mit den au-
schaft. Auf der anderen Seite habe ich ge-
ßeruniversitären Forschungseinrichtungen, sehen, dass in der Oberlausitz oder der
bewusst geworden ist, weil diese The- ostsächsischen Region nicht so sehr viel
men Technologie- und Wissenstransfer entstanden ist. Ich denke, das Konzept ist
etwas besser gebündelt wurden. Das hat schon richtig, dass die Hochschulen mit
in anderen Regionen nicht so gut funkti- den außeruniversitären Einrichtungen und
oniert, wie zum Beispiel in Dresden. Das mit der regionalen Wirtschaft ein gemein-
liegt daran, dass Dresden mit DRESDEN- sames Netzwerk bilden sollten. Aber das
concept eine eigene Wissenschaftsregion muss auch regional spezifisch angepasst
ist – wozu braucht man dann die Wirt- werden.
In ihrem Vortrag verwies Staatsministerin
Dr. Eva-Maria Stange
darauf, dass der Hochschulentwicklungsplan
bis zum Ende des Jahres 2015 stehen muss.

| 21
So spielen z. B. die Hochschule
Zittau/
Görlitz, die Hochschule Mittweida, die
Hochschule Zwickau eine andere Rolle in
ihrer Region als die Universität Dresden.
Die Stadt ist ganz anders wissenschaftlich
aufgestellt, die Wirtschaft ist anders auf-
gestellt. Es ist etwas ganz anderes, wenn
wir in Dresden oder Leipzig über Wissen-
schafts- und Wirtschaftsregionen reden.
Eine Frage muss immer wieder gestellt
werden: Was liefert die Wissenschaft an
Input für die Wirtschaft, für unser Wirt-
schaftswachstum? Und das ist auch rich-
tig so. Es ist gut und richtig, dass sich
Wissenschaft frei entwickeln kann, soll
und muss, sonst haben wir keine Entwick-
lung mehr.
Aber es ist auch gut und richtig,
dass
Wissenschaft, Hochschulen und außeruni-
versitäre Forschungseinrichtungen ge-
meinsam ihren Beitrag leisten, damit sich
Wirtschaft entwickeln kann. Sonst hat
Wissenschaft irgendwann keine finanzielle
Grundlage mehr. Gerade hier in Sachsen –
und dies trifft sicher auf alle neuen
Bundesländer zu – ist das enorm wichtig.
Denn unsere Wirtschaft ist sehr kleinteilig.
Die Global Player haben zwar hier ihre Ab-
leger, aber nicht ihre Headquarter. Anders
als in Nordrhein-Westfalen, in Bayern,
Baden-Württemberg oder in Nieder-
sachsen. Wir sind froh, dass die großen
Unternehmen auch hier sind und sie
schaffen nicht nur unmittelbar in den
Unternehmen Arbeitsplätze, sondern auch
einen Mehrwert an Arbeitsplätzen in der
Region, aber wir brauchen unsere eigenen
„Pflanzen“ in der Region in den nächsten
Jahren. Wir brauchen unsere eigene Inno-
vationskraft. Wir brauchen Ausgründun-
gen und wir brauchen den Wissenstransfer
in beide Richtungen. Ich denke, hier gibt
es noch eine ganze Reihe an Reserven. Das
wird auch von den Universitäten immer
wieder artikuliert, dass viel an Wissen-
schafts-Knowhow leider in den Hochschu-
len liegen bleibt, weil wir zum einen durch
den Weggang von Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern, durch das Auflösen
von Projektgruppen dieses Knowhow nicht
aufgreifen oder nicht aufgreifen können.
Die andere Seite ist,
dass der Weg von
der Erfindung oder von der Erkenntnis bis
zur wirtschaftlichen Verwendung, wenn
sie denn wirtschaftlich verwendet wer-
den kann, doch ein sehr weiter und ein
sehr steiniger ist. Wir haben zwar jetzt den
Bereich der Technologieförderung wie-
der aus dem SMWK an das SMWA abge-
geben, nichtsdestotrotz werden wir na-
türlich weiter mit den Kolleginnen und
den Kollegen und mit dem Wirtschafts-
ministerium in dieser Frage eng zusam-
men arbeiten, denn spätestens bei den
Fraunhofer-Instituten haben wir eine sehr
enge Verbindung. Aber nicht nur dort. Gera-
de wenn es um den Sprung aus den Hoch-
schulen in die Wirtschaft hinein geht, wenn
es um die Überwindung dieses berühmten
„Tal des Todes“ geht, brauchen wir auch

22 |
die Unterstützung aus der Wirtschaft und
aus dem Wirtschaftsministerium.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich habe jetzt ein paar Punkte angerissen
und die Grundlagen beschrieben, auf de-
nen wir die neue Hochschulplanung nun
aufbauen müssen. Ich will auch noch kurz
in die Hochschulen hinein schauen. Hoch-
schulen leben von Menschen, egal ob das
Hochschullehrkräfte sind, technisches Per-
sonal, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
oder ob das Studierende sind. Wir brau-
chen in den nächsten Jahren hochmoti-
vierte Menschen in den Hochschulen, um
die Hochschulen und die Aufgaben, die sie
haben, weiterzuentwickeln, um Forschung
und Lehre wirklich voran zu treiben.
Das heißt aber auch,
dass wir vernünfti-
ge Arbeitsbedingungen an den Hochschu-
len benötigen. Eine Vorrausetzung kön-
nen wir schaffen, indem wir keinen Stel-
lenabbau mehr betreiben. Das wird sehr
stabilisierend wirken. Eine zweite muss
sein, dass wir die Grundfinanzierung der
Hochschulen absichern, damit die Hoch-
schulen planen können. Das könnten wir
mit der Zuschussvereinbarung über ei-
nen langen Zeitraum schaffen. Was wir
aber auch brauchen, und da sind die
Hochschulen mit gefordert – wir müssen
Arbeitsbedingungen schaffen, die einer-
seits Nachwuchswissenschaftlerinnen und
-wissenschaftlern eine Perspektive geben
und andererseits denjenigen, die sich be-
reits qualifiziert haben, eine Chance geben,
Wissenschaft zum Beruf zu machen. Da
haben wir noch viele Hausaufgaben zu er-
ledigen. Wir haben uns vorgenommen, ge-
meinsam mit den Hochschulen Standards
für gute Arbeit zu entwickeln. Wir wer-
den das auch finanziell mit unterstützen.
Wir werden ja in den nächsten Jahren ge-
meinsam zu entscheiden haben, wie wir
die Bafög-Mittel einsetzen, aber es kommt
auch auf die Hochschulen an. Sie sind die
Arbeitgeber, sie sind die Dienstherren und
sie gestalten die Arbeitsverhältnisse. Und
von daher kommt es auf eine gute Balance
an zwischen den befristeten und un-
befristeten Beschäftigungsverhältnissen.
Insbesondere bei den Kunsthochschulen
ist das Thema der Lehraufträge ein ganz
wichtiges.
Gute Lehre verlangt auch qualitativ gute
Beschäftigungsverhältnisse,
und ich habe
mich vor einigen Jahren dafür eingesetzt,
dass ein Hochschuldidaktisches Zent-
rum auf den Weg kommt. Dieses Hoch-
schuldidaktische Zentrum arbeitet. Wir
werden es so stabilisieren, dass es in den
nächsten Jahren seine Aufgaben gut er-
füllen kann. Das macht aber nur Sinn,
wenn es auch Menschen gibt, die dieses
Hochschuldidaktische Zentrum nachfra-
gen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter al-
so, die ein Interesse daran haben, sich
methodische Qualitäten anzueignen, um
eine gute Hochschullehre anbieten zu kön-
nen. Wer aber einen Vierteljahresvertrag

| 23
hat, und das vielleicht noch mit einem
vollen Lehrauftrag, der hat weder Zeit noch
Interesse, hochschuldidaktische Kompeten-
zen zu erwerben. Hier brauchen wir ein ge-
meinsames Agreement, wie wir das besser
gestalten.
Ein zweiter Punkt,
der mir auch am Her-
zen liegt und den wir gerade auf den Weg
bringen, ist die Teilhabe von Studierenden
und Mitarbeitern mit Behinderungen. Die
UN-Behindertenrechtskonvention, die ja
nun vor sechs Jahren von allen Bundes-
ländern, auch von Sachsen, unterzeichnet
worden ist, gilt es endlich umzusetzen. Wir
wollen die Hochschulen dabei unterstüt-
zen, dass sie Möglichkeiten schaffen für
Studierende, aber auch für Mitarbeiterin-
nen und Mitarbeiter, für Wissenschaftler,
um deren Potenziale wirklich ausschöpfen
zu können. Nicht nur für die Gesellschaft,
sondern vor allem für den Einzelnen selbst.
Und das ist neben dem, was wir sonst als
„bunt“ bezeichnen, Internationalität der
Hochschulen, eine Facette des Buntseins,
dieser Gruppe an den Hochschulen wirk-
lich einen Platz zu geben – als gleich-
berechtigte Partner. Auch diese Aufgabe
gehört unbedingt dazu, wenn wir über die
Weiterentwicklung der Hochschulen in den
nächsten Jahren sprechen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich habe gesagt, ich will den Sack jetzt erst
mal zu machen. Vielleicht abschließend
eins: Wir sind an einem Punkt angekom-
men, und insofern ist es gut, dass dieser
Koalitionsvertrag existiert, an dem wir aus
der Konsolidierungsphase der Hochschu-
len raus sind. Die Hochschulen sind kon-
solidiert, die Hochschulen haben sich pro-
filiert. Mehr oder weniger gut schon, aber
wir haben einen guten Status auch schon
erreicht.
Wir werden in den nächsten Jahren kei-
ne großen Ausdehnungen mehr haben,
sondern wir müssen die Hochschulen sta-
bilisieren, sie müssen sich positiv weiter-
entwickeln können. Wir sind quasi auf
einem Niveau angekommen, wo wir sa-
gen, jetzt könnte man eigentlich in Ruhe
arbeiten. Aber wir können uns nicht in
Ruhe zurücklehnen. Vor uns stehen eine
Menge Herausforderungen, aber wir ge-
hen diese von einem guten Ausgangs-
niveau aus an. Ich möchte Sie einladen
und hoffe, dass Sie sich eingeladen fühlen,
diese Hochschulentwicklungsplanung mit
uns auf den Weg zu bringen, gemeinsam
auf den Weg zu bringen. Und am heutigen
Tag wollen wir uns noch den Moment Zeit
nehmen, um über den Tellerrand hinaus zu
schauen.
Vielen Dank.

 
24 |
Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Wie kann das gehen –
das unplanbare planen?

image
| 25
Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Wir wollen über die Zukunft der Hochschu-
len diskutieren, und das ist nicht trivial,
denn es gibt die Zukunft ja noch nicht. Wir
wissen also zu wenig über sie, und das, was
wir wissen, steht unter erheblichen Unsi-
cherheitsvorbehalten. Mit Karl Valentin ge-
sagt: „Prognosen sind schwierig, besonders
dann, wenn sie sich auf die Zukunft bezie-
hen.“ Und Valentin hat ein Grundproblem
gesehen, die Zukunft ist nämlich, jedenfalls
in modernen Gesellschaften, ziemlich offen.
Mit der Zukunft öffnen sich unabsehba-
re Horizonte möglicher Entwicklungen und
Alternativen. Die Zukunft ist ein Pluraletan-
tum: Zukünfte. Für welche dieser Zukünfte
also sollen und können wir uns vorberei-
ten? Welche Zukünfte lassen sich planen?
Die Fragen verschärfen sich, wenn es
um die Zukünfte der Wissenschaften
und ihrer Organisationsformen gehen soll,
und zwar aus mindestens zwei ziemlich
prinzipiellen Gründen. Der erste: Wissen-
schaft und Forschung sind ein außeror-
dentlich dynamisches System. Dies zeigt
sich in der Expansion der Studierenden,
des Personals, der Finanzen, der infra-
strukturellen Voraussetzungen ebenso wie
in der Expansion des Wissens, der Verhei-
ßungen der Wissenschaft und der gesell-
schaftlichen Funktionserwartungen an sie.
Auch in fortschreitender Differenzierung
wird die Dynamik des Wissenschafts- und
Hochschulsystems deutlich: als Differen-
zierung der Disziplinen und Wissensord-
nungen, als dramatische Spezialisierung
des Wissens, als Differenzierung der Orga-
nisationsformen, der Bedarfe und Belange
unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche,
als Differenzierung der Forschungspraxen,
der Publikationskulturen, der Lehrformen
etc. Und alles dieses geschieht im Modus
der Akzeleration, von der wir gar nicht wis-
sen, uns gar nicht ausdenken können, wie
sie denn gestoppt werden könnte. Sie stellt
sich dar als Akzeleration der Wissenspro-
duktion, des Wettbewerbs, der institutio-
nellen Reformprozesse usw. und sie ist ih-
rerseits ja eingebunden in Zusammenhän-
ge der wachsenden weltgesellschaftlichen
Verflechtungen, der Europäisierung, der
Internationalisierung, der Globalisierung,
in Prozesse, die immer Differenzierungen

26 |
und Entdifferenzierungen zugleich mit
sich bringen.
Langfristige Planungsprozesse
sind in ei-
nem solchen gesellschaftlichen Teilsystem
noch viel schwieriger als in vielen anderen
und sie sind immer verbunden mit Pfadab-
hängigkeiten, also mit der Erzeugung einer
Prägekraft des Alten, der gegenüber die
spezifische Leistungsdimension der Wis-
senschaft gerade in der Ermöglichung von
zukünftigem Neuen besteht; und also ver-
bunden mit dem Risiko von Fehlplanung.
Mit dem Risiko der Planung solcher Brü-
cken, die von einem Pfeiler aus leer in die
Landschaft ragen.
Zweitens: Das Wissenschaftssystem ist
für Planungsprozesse
ein kompliziertes
Feld nicht nur wegen seiner außerordent-
lichen Dynamik und Komplexität, sondern
auch deswegen, weil es in mindestens ei-
ner Hinsicht grundsätzlich anders operiert
als andere gesellschaftliche Teilsysteme
und zwar an der entscheidenden Stelle:
nämlich dort, wo es um Zusammenhän-
ge der Planung von Forschungsprozessen
und von Erkenntnisdynamiken geht. Die
genuine Funktion von Wissenschaft ist ja
die Reproduktion verlässlichen Wissens in
der Lehre und die Produktion neuen, al-
so innovativen Wissens in der Forschung.
Neues Wissen, kategorial neues Wissen,
ist Wissen, das nicht antizipiert werden
kann, das wir nicht erwartet haben, das
den Rahmen des bisher Gedachten sprengt
oder ausweitet; vielleicht sogar den Rah-
men des bisher für denkbar Gehaltenen.
Deswegen sind entscheidende Momente,
und zwar systematisch notwendige Mo-
mente des Wissenschaftssystems, der
Zufall, die Kontingenz (das, was weder zu-
fällig noch notwendig ist), die Emergenz
(dasjenige, was nicht aus seinen Voraus-
setzungen erklärt werden kann). Neu ist,
was sich nicht vom Alten her erwarten
lässt; neu ist, was Erwartungen durch-
bricht. Wirklich einschneidende Innovati-
onen, und das ist der Zweck von Wissen-
schaft, sind nichtvorhergesehene oder gar
nicht vorhersehbar gewesene und insofern
überraschende Erwartungsdurchbrechun-
gen. Die zentrale Funktion der Forschung
ist die Störung dessen, was wir schon
wissen.
Daraus ergibt sich
eine grundsätzliche
und nicht überwindbare, wohl aber zu sta-
bilisierende Spannung zwischen den Wis-
sensformen der Wissenschaft und ihren
Organisationsformen. Denn Organisati-
onsformen sind Arrangements zur Reduk-
tion von Kontingenz, zur Reduktion von
Unübersichtlichkeit, zur Reduktion von
Komplexität, zur Vermeidung von Störun-
gen. Organisationen sind Instrumente zur
Herstellung von Ordnung, von Geltung,
von Erwartungssicherheit und von Zeitsta-
bilität. Das heißt: Organisationen können
nicht nicht planen. Und das gilt nun, ge-
wissermaßen paradoxerweise, auch für die
Organisationen ausgerechnet des Wissen-

| 27
schaftssystems. Also für Institutionen wie
das Staatsministerium für Wissenschaft
und Kunst oder die Deutsche Forschungs-
gemeinschaft oder die Hochschulen, aber
natürlich auch für jede Fakultät, für jedes
Institut, für jeden Lehrstuhl, für jedes Cur-
riculum, für jeden Forschungsantrag usw.
Auf der organisatorisch-institutionellen
Ebene geht es gerade darum,
Erwar-
tungssicherheit herzustellen, die unlieb-
samen und vielleicht sogar die liebsamen
Überraschungen zu vermeiden, Kontingen-
zen einzuhegen, die Herausbildung von
ungeplant Neuem zu verhindern. Es geht
um Planungssicherheit. Und zwar um-
so mehr, je mehr es immer auch um fi-
nanzielle Allokationsentscheidungen geht.
Aber nicht nur dort, sondern auch bei den
rechtlichen Sicherungen, bei den techni-
schen Strukturen, bei den sozialen Ord-
nungen und den kulturellen Rahmungen
und Auslegungen sozialer Ordnungen.
Und das heißt, Organisationen und In-
stitutionen der Wissenschaft
befin-
den sich systematisch und unvermeidli-
cher Weise in Spannungen zwischen ih-
ren eigenen Planungsnotwendigkeiten und
dem Moment kategorialer Unplanbarkeit,
das jeder guten Wissenschaft innewohnt.
Sie haben es immer auch zu tun mit der
Planung des nicht Planbaren, mit der In-
stitutionalisierung des Nichtinstitutiona-
lisierbaren, mit der planerischen Verfü-
gung über Unverfügbares. Diese Spannung
lässt sich schwerlich anders behandeln, als
dass man plant und den Plan zugleich un-
ter Vorbehalt stellt. Denn es kann anders
kommen als gedacht. Für viele Pläne, viel-
leicht für die meisten, jedenfalls aber für
die der Wissenschaft, gilt, was der Bett-
lerkönig Peachum im dritten Akt der Drei-
groschenoper von Bert Brecht im Lied
von der Unzulänglichkeit des menschli-
chen Strebens singt: „Ja, mach nur einen
Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach
dann noch ‘nen zweiten Plan. Gehn tun sie
beide nicht.“
Planen –
und zwar in der Sache wie hin-
sichtlich der zugehörigen Planungsverfah-
ren – muss man gleichwohl. Allokations-
entscheidungen setzen eine begründete
Systematik voraus, die Orientierung stiftet
darüber, was zu tun ist; anders wären Al-
lokationsentscheidungen auch willkürlich,
anders könnten sie nicht auf Legitimität
und Akzeptanz hoffen. Planen muss man,
aber eben unter Beachtung von Peachums
Einsicht. Und daraus ergeben sich für die
Wissenschafts- und Hochschulplanung
aus meiner Sicht unter anderem Folgerun-
gen für den Planungsprozess selbst.
Ich will vier Folgerungen hier nur be-
nennen.
Diese Planungsprozesse müssen,
erstens, so systematisch wie möglich und
sogleich so unsystematisch wie nötig sein.
Sie brauchen, zweitens, plausible (und das
heißt, derzeit gerade plausible, in der Zu-
kunft vielleicht aber völlig unplausible)

image
28 |
Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Grundsätze und zugleich genügend Raum
für pragmatische Anpassungen: weil eben
nicht alle Grundsätze ewig halten; weil
sich Relevanzen und Präferenzen ändern;
weil sich Kontexte wandeln; weil der Plan
nicht vorhersehen kann, was kommt.
Drittens müssen Planungsprozesse hin-
reichend komplex sein im Hinblick auf die
speziellen Funktionserfordernisse der Wis-
senschaft, also ihre zukunftsoffenen Dy-
namiken, ihre Komplexität, Kontingenz
und Emergenz, die methodische Unge-
wissheit all ihren Wissens und die Dezen-
tralität des Wissenschaftssystems; darauf
komme ich gleich zurück.
Und viertens, das ist vielleicht am wich-
tigsten hier zu sagen: Planungsprozesse
müssen in Rechnung stellen, dass Wissen-
schafts- und Hochschulpolitik zwar For-
schung und Lehre selbst in vielfacher Hin-
sicht beeinflussen, aber in keinem Fall di-
rekt planen kann. Geplant werden stets
nur die Bedingungen der Möglichkeit von
Forschung und Lehre: die rechtlichen, die
institutionellen, die finanziellen, die orga-
nisatorischen, die sozialen Bedingungen
dieser Möglichkeit. Und noch der beste
Planungsrahmen kann nicht ausschließen,
dass schlecht gelehrt wird, dass ein Pro-
jekt misslingt. Und er muss dies zulassen,
weil sonst die Offenheit wissenschaftlicher
Erkenntnisprozesse nicht gedacht werden
kann.
Vor diesem Hintergrund will ich Ihnen
einige Überlegungen
zu Entwicklungs-
grundsätzen für das bundesrepublikani-
sche Hochschulwesen im Allgemeinen und
dann auch für das sächsische vortragen.
Und ich tue das natürlich in ziemlicher
Unkenntnis der Einzelheiten Ihrer aktu-
ellen landespolitischen Diskussionslagen:
Ich weiß ja nicht, wie es um die Geistes-
wissenschaften in Chemnitz oder um die
duale Hochschule steht, wie die Koopera-
tionen von Unis und Fachhochschulen bei
der Ingenieurpromotion funktionieren; ich
weiß nicht, ob sich Sachsen vielleicht auch
noch ein drittes Universitätsklinikum leis-
ten möchte oder wie sich die Studieren-
denzahlen in den Kunsthochschulen ent-
wickeln.
Hinzu kommt eine systematische Ein-
grenzung,
die natürlich mit meinem Amt
zu tun hat: Ich werde die folgenden Über-
legungen mit einem deutlichen Akzent
auf der Position und Funktion der Hoch-
schulen und Universitäten im Forschungs-
system zuspitzen. Ich gehe also nicht näher
ein auf Fragen der Struktur und Qualität

| 29
der Lehre, auf Fragen der Demografie oder
der fortschreitenden Akademisierung und
der daraus sich ergebenden Kapazitäts-
planungen, obwohl auch sie gewiss im
Zentrum der Überlegungen des Ministeri-
ums stehen und stehen müssen.
Mit diesen Einschränkungen und einigen
anderen, die sie sowieso bemerken wer-
den, habe ich vier Schritte im Gepäck.
Erstens: Hypothesen zu einigen Funkti-
onserfordernissen der Wissenschaft. Ich
will dann zeigen, dass die Organisation
der Forschung in der Bundesrepublik je-
nen Funktionserfordernissen systematisch
an sich ziemlich schlüssig entspricht, und
sodann gleichwohl auf ein Grundproblem
dieses vernünftig konzipierten Organisati-
onsgefüges hinweisen, das ich bei seinen
Finanzierungsstrukturen sehe. Schließlich
sind einige Orientierungsmarken zu be-
nennen, die für die Entwicklungsplanung
des Hochschul- und Forschungssystems
nicht ganz unwichtig scheinen.
I.
Wissenschaften in modernen, pluralis-
tischen, hochtechnologischen Wissen-
schaftsgesellschaften,
um bei dem ein-
gangs schon berührten Punkt anzusetzen,
sie zeichnen sich aus durch eine enorme
Dynamik des finanziellen, personellen, or-
ganisationellen und des epistemischen
Wachstums, durch eine enorme Dynamik
der Expansion der von den Wissenschaf-
ten erhobenen Funktionsansprüche und
der an sie gerichteten Funktionserwartun-
gen, durch eine Art von Allgegenwärtigkeit
und Generalzuständigkeit. Wissenschaft
ist in unserer Gesellschaft eine besonders
privilegierte Form des Weltzugangs. Das
Funktionieren von Gesellschaft und Staat,
von Politik und Wirtschaft und Kultur und
auch das individuelle Dasein ist, in welt-
historisch präzedenzloser Weise, von wis-
senschaftlichem Wissen abhängig. Unsere
Gesellschaften sind Wissenschaftsgesell-
schaften.
Tragend ist bei den Funktionsauswei-
tungen von Wissenschaft
auf deren Sei-
te ein Gefüge von Forschungsprozessen, in
denen sich Wissenszuwachs und Wissens-
spezialisierung sozusagen gegenseitig vor-
antreiben. Einerseits gibt es also Prozesse
des Wissenszuwachses, der enormen Aus-
weitung, Differenzierung, Pluralisierung
wissenschaftlichen Wissens, und zwar in
allen Bereichen des Wissenschaftssys-
tems und längst bis auf ein Niveau, auf
welchem die Fülle des wissenschaftlichen
Wissens nicht mehr in einer Universalwis-
senschaft oder in einer Einheitswissen-
schaft integriert werden kann. Das ist für
die Entwicklung der Hochschulen ein kon-
stitutiver Punkt: Es gibt keine Einheits-
wissenschaft. Daher gibt es andererseits
Wissensspezialisierung. Wissenschaftliche
Expertise hat in der Moderne unabänder-
lich die Form von Spezialistenwissen. Es
gibt keine Experten mehr für die Welt über-
haupt, für die Welt auch nur als „alles, was
der Fall ist“ (im Sinne von Wittgenstein) –

30 |
um von dem, was der Fall sein könn-
te, der Fall gewesen ist oder der Fall sein
wird, ganz zu schweigen. Die prägnanteste
Formulierung für diese Dialektik ist der
Kalauer vom Experten: Ein Experte ist je-
mand, der von immer weniger immer mehr
weiß, bis er dann von nichts alles weiß.
Spezialisierung und Wachstum wissen-
schaftlichen Wissens
treiben sich ge-
genseitig voran. Die entscheidende Bear-
beitungsform und Steigerungsform dieses
Prozesses ist die Herausbildung von Diszi-
plinen seit der ‚Sattelzeit‘ (Reinhart Kosel-
leck) zwischen 1750 und 1830 als des ent-
scheidenden Charakteristikums moderner
Wissenschaft. Vormoderne Wissenschaft
ist nichtdisziplinäre Wissenschaft, moderne
Wissenschaft ist disziplinäre Wissenschaft.
Disziplinen scheinen stabil, erratisch unan-
greifbar, in Wahrheit sind sie nichts als die
stetigen Kämpfe um ihre innere Struktur
und ihre Außenabgrenzung. Wissenschaft-
liches Wissen und auch seine sozialen
Träger werden in abgetrennten Einheiten
organisiert, die wir Disziplinen nennen.
Diese Disziplinen bestimmen, was über-
haupt eine wissenschaftliche Frage ist und
sie bilden einen Referenzrahmen, innerhalb
dessen Ansprüche auf wissenschaftliches
Wissen geprüft werden können.
Die Wissensansprüche der Geschichts-
wissenschaft
werden nicht nach den Kri-
terien der Chemie bewertet und die Wis-
sensansprüche der Chemie nicht nach den
Kriterien der Geschichtswissenschaft. So
bilden sich „innere Umwelten“ von Wis-
senschaft heraus, wie der Wissenschafts-
soziologe Rudolf Stichweh das gesagt
hat: Disziplinen eben. Und sie bauen in die
Wissenschaft sozusagen Selbstbezüglich-
keit ein. Wissenschaftliche Tätigkeit be-
zieht sich zunächst einmal auf eine be-
stimmte wissenschaftliche Disziplin (man
ist eben Physiker oder Kardiologe), nicht
auf die Wissenschaft als Ganzes, die es so
allenfalls als regulative Idee gibt, und auch
nicht auf ihre gesellschaftliche Umwelt.
Wissenschaften können daher erst, seit-
dem sie diszipliniert sind, gegenüber auß-
erwissenschaftlichen Ansprüchen eine ge-
wisse Eigengeltung beanspruchen.
Die Freiheit und die Autonomie von
Wissenschaft
hängen konstitutiv an die-
ser Ausdifferenzierung über Disziplinen-
bildung, und an ihr hängt auch, wie man
mit einer Fülle von wissenschaftshistori-
schem Material zeigen kann, die ungeheu-
re Leistungsfähigkeit der modernen Wis-
senschaften. Ihre weltumgestaltende Kraft
ergibt sich paradoxerweise daraus, dass sie
sich intern über Disziplinarität organisiert,
dass sie sich zunächst auf sich selbst be-
zieht und nicht schon immer auf die Welt.
Konsequenzen dieser Disziplinenplu-
ralität in der modernen Wissenschaft
will ich in dreierlei Hinsichten nur andeu-
ten. Erstens, im Innenverhältnis der Wis-
senschaft. Es gibt keine Möglichkeit zur

image
31
supradisziplinären Kontrolle innerhalb der
Wissenschaft. Es gibt keine übergeordnete
Instanz zur Schlichtung dessen, was Kant
den „Streit der Facultäten“ genannt hat,
sondern es gibt nur die unablässige Fort-
setzung dieses Streits der Fakultäten und
die gegenseitige Irritation der Disziplinen.
Zweitens ist eine Konsequenz dieser Dis-
ziplinenpluralität im Organisationsgefüge
der Hochschulen deren Gliederung in
Fachbereiche und Fakultäten. Und deswe-
gen setzt die moderne Wissenschaft zu-
gleich ein mit dem Umbau der Universität
zur modernen Forschungsuniversität in der
neuhumanistischen Neuordnung des kon-
tinentaleuropäischen Universitätsmodells
durch Humboldt um 1810.
Dr. Eva-Maria Stange, Dr. Christiane Gaehtgens und Prof. Dr. Peter Strohschneider
|
Und ich füge hinzu:
Diese Ordnung der
Hochschulen in disziplinenbezogenen Ord-
nungsstrukturen ist unverzichtbar. Diese
disziplinenbezogenen Ordnungsstrukturen
lassen sich durch andere Ordnungsstruk-
turen überlagern, sie lassen sich mit ande-
ren Ordnungsstrukturen verknüpfen. Man
kann im Ausnahmefall auch von ihnen ab-
weichen (etwa die Hafencity-University
in Hamburg oder die Handelshochschule

32 |
in Leipzig). Aber das Hochschulsystem als
Ganzes kann nicht auf diese disziplinä-
re Ordnung des Wissens verzichten, und
zwar schon aus Gründen seiner Selbstre-
produktion in Studium und Nachwuchsbil-
dung nicht. Die Reproduktion des Wissen-
schaftssystems findet nicht statt darüber,
dass Forschende Experten für Klimage-
schichte sind, sondern darüber, dass sie
Physik oder Geologie oder Geschichte oder
Medizin studieren. Und die dritte Konse-
quenz dieser Disziplinenpluralität liegt da-
rin, dass es für die Wissenschaft im Außen-
verhältnis auch keine repräsentativen Spre-
cher gibt, nicht einmal die Präsidenten von
Forschungsförderorganisationen.
Nun ist Disziplinarität
freilich nur die ei-
ne Seite des Zusammenhangs. Man könnte
ja fragen: Bedeutet Disziplinenpluralität,
also Selbstbezüglichkeit von Wissenschaft,
nicht Beliebigkeit, Gleich-Gültigkeit? Wie
können denn im Wissenschaftssystem
praktische Entscheidungen getroffen wer-
den, zum Beispiel bei der Aufstellung von
Budgets, bei der Verteilung von Laborflä-
chen, bei Bibliotheksetats und so weiter,
wenn Wissenschaft sich zunächst auf sich
selbst bezieht und insofern autonomisiert?
Die prozedurale Antwort auf diese Frage
ist klar: Man muss Prioritäten setzen. Da-
für braucht man aber Kriterien. Und hier
entsteht für die Wissenschaft ein Ent-
scheidungsdilemma, weil sie selbst keine
Instanz der supradisziplinären Kontrolle be-
sitzt, weil sie selbst keine Kriterien hat, gar
keine haben darf, zur Prioritätensetzung
zwischen dem, was disziplinär geordnet ist.
An dieser Stelle kommt eine zweite Be-
zugsordnung
für Forschung und Lehre ins
Spiel, deren häufigstes Wort „Relevanz“
ist: Nicht der epistemische Selbstbezug
von Wissenschaft, sondern ihr funktio-
naler Fremdbezug auf etwas anderes als
Wissenschaft. Annahmen über ihre unter-
schiedliche Relevanz ermöglichen eben je-
ne praktischen Prioritätensetzungen zwi-
schen den Bereichen von Wissenschaft,
die, als Disziplinen betrachtet, alle gleich-
rangig sind. Das Relevanzkriterium ist, in-
sofern es wissenschaftliche Erkenntnis-
produktion bezieht auf gesellschaftliche
Ansprüche an Wissenschaft, dem Prinzip
nach unvermeidlich. Wissenschaft ist Teil
der Gesellschaft, auf sie bezogen, von ihr
abhängig und muss deswegen unter Rele-
vanzgesichtspunkten geprüft werden kön-
nen. Relevanz ist (womöglich) ein taugli-
ches Kriterium in Struktur- und Vertei-
lungsentscheidungen. Zugleich ist aber
deutlich: Gesellschaftliche Relevanzen ver-
stehen sich keineswegs von selbst. Es gibt
keine absoluten Relevanzen, sondern al-
lein relative. Relevanz ist ein Relationsbe-
griff. Etwas ist für jemanden in bestimm-
ten Hinsichten relevant und in anderen
Hinsichten eben nicht, für andere Akteu-
re nicht und so weiter. In Relevanzen kris-
tallisieren sich Machtverhältnisse heraus,
Interessenlagen, Wertorientierungen, und
für diese gilt, dass sie in modernen, plura-

| 33
listischen Gesellschaften nie unbestritten
sein können.
Und das heißt:
In Bezug auf Wissenschaft
ist Relevanz ein unvermeidliches, aber zu-
gleich ein riskantes Kriterium. Es löst Prio-
risierungsprobleme, aber um den Preis von
Funktionseinschränkungen. Mit Relevanz
wird immer ein gesellschaftliches Interesse
gegen alternative gesellschaftliche Inter-
essen durchgesetzt. Gesellschaftliche Re-
levanzansprüche erzeugen in funktionaler
Hinsicht Pfadabhängigkeiten und begren-
zen teilweise den Raum der wissenschaft-
lichen Wahrheitssuche. Sie stehen insofern
ganz systematisch in einer Spannung zur
Offenheit von Forschungsprozessen und
sind zugleich unvermeidlich. Und meine
These ist: Von der Universität lasse sich
sagen, sie sei genau jene Form, in wel-
cher die Spannung zwischen disziplinärem
Selbstbezug von Wissenschaft einerseits
und dem Fremdbezug auf gesellschaft-
liche Relevanzen andererseits institutio-
nalisiert ist. Das wichtigste Kriterium für
Hochschulplanung ist demnach die Frage,
ob diese Spannung in der Balance ist.
II.
Ich wollte, meine Damen und Herren,
bis hierhin plausibel machen:
Wissen-
schaft ist eine pluralistisch dezentrale Ver-
anstaltung. Es gibt in ihr immer und zwin-
gend Konkurrenzen zwischen selbstbezüg-
lichen und fremdbezüglichen Ordnungen.
Zwischen diesen muss die Hochschule die
Balance herstellen und das lässt sich ver-
mutlich am besten erreichen, wenn man
Wissenschafts- und Hochschulsysteme ih-
rerseits im Interesse ihrer Leistungsfähig-
keit differenziert und pluralistisch anlegt,
denn nur dann können sie diese Spannung
von Selbstbezug und Fremdbezug stabi-
lisieren; dann können sie jenen Problem-
lösungsansprüchen gerecht werden, die
die Gesellschaft zurecht an die Forschung
heranträgt – und doch die Offenheit ihrer
Forschungsprozesse wahren.
Das System der öffentlich getragenen
Forschung
in der Bundesrepublik, das ist
mein nächster Punkt, entspricht im Grund-
satz diesen ganz abstrakt formulierten An-
forderungen nicht schlecht, wie Sie sofort
sehen, wenn Sie die bisher eingeführten
Kategorien – ‚Selbstbezug‘ und ‚Fremdbe-
zug‘ – ins Vokabular der Wissenschaftspo-
litik übersetzen. In diesem Vokabular wird
das, was ich den „disziplinären Selbst-
bezug wissenschaftlicher Erkenntnispro-
zesse“ genannt habe, etwa als erkenntnis-
geleitete Forschung bezeichnet. Und was
ich den „gesellschaftlichen Fremdbezug“,
den „Relevanzbezug“ von Wissenschaft
genannt habe, das heißt im Vokabular der
Wissenschaftspolitik „programmorientierte
Forschung“.
Freilich ist mit diesen beiden Begriffen
nicht eine Unterscheidung von Forschungs-
prozessen gemeint, etwa in dem abwe-
gigen Sinne: Erkenntnisgeleitete Forschung

image
34 |
sei programmatisch irrelevant, oder um-
gekehrt: Programmorientierte Forschung
habe mit Erkenntnis nichts zu tun. Son-
dern gemeint sind mit diesem Vokabu-
lar vielmehr die Kriterien in den Entschei-
dungszusammenhängen für die finanzielle
und institutionelle Ausgestaltung des For-
schungssystems. Es gibt Entscheidungs-
zusammenhänge, in denen Kriterien der
Erkenntnisgeleitetheit eine Rolle spielen,
und es gibt Entscheidungszusammenhän-
ge, in denen Kriterien der Programmorien-
tiertheit, also einmal des Selbst- und das
andere Mal des Fremdbezugs von Wissen-
schaft die entscheidende Rolle spielen.
Prof. Marlies Mosiek-Müller
Vorsitzende des Hochschulrates Hochschule Mittweida
Wenn Sie das Forschungssystem so sor-
tieren,
dann sehen Sie, wie organisato-
risch schlüssig es aufgebaut ist. Program-
morientierte Forschung in dem Sinne, dass
bei Entscheidungen über ihre Institutio-
nalisierung und Finanzierung der Rele-
vanzbezug von Wissenschaft für andere
Bereiche der Gesellschaft eine entschei-
dende Rolle spielt, programmorientier-
te Forschung haben wir institutionell in
den Einrichtungen der Ressortforschung,
in den Helmholtz-Zentren, zu einem Teil
in der Leibniz-Gemeinschaft, und wir ha-
ben sie projektförmig zum Beispiel in den
Förderprogrammen des BMBF, der Wirt-
schaftsministerien, des Verteidigungsmi-
nisteriums und so weiter. Erkenntnisgelei-
tete Forschung im Sinne von Neugier-ge-
triebener, sich zunächst auf ihre eigenen
Logiken beziehender Forschung, haben
wir zumal in den Universitäten, wir haben
sie in der Max-Planck-Gesellschaft, zum
Teil bei Leibniz und in projektförmiger Art
und Weise selbstverständlich bei der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft.
Was ich also sagen will, ist: Unser For-
schungssystem folgt einem klaren Prinzip
funktionaler Differenzierung und arbeits-
teiliger Komplementarität. Und die aufs
Ganze gesehen beachtliche Leistungs-
höhe und Leistungsdichte des deutschen
und auch des sächsischen Forschungs-
systems verdankt sich nicht zuletzt eben
dieser schlüssigen Strukturierung und Ar-
beitsteiligkeit. Sie ist die Basis dafür, dass
zwischen den verschiedenen Systemtei-
len produktive Spannungen, Kollisionen,
Rückkopplungen, Rekursionen, Überkreu-
zungen möglich sind – und auf denen ruht
die Innovationskraft des Forschungssys-
tems keineswegs zuletzt.
Aber es folgt aus dieser arbeitsteiligen
Komplementarität eben auch:
Die Leis-
tungsfähigkeit des Gesamtsystems ist ab-
hängig von der Leistungsfähigkeit der Sys-
temteile und von der Produktivität der

image
| 35
Operations- und Kooperationsbeziehun-
gen, die zwischen ihnen bestehen. Das
bedeutet: Die Balancen müssen gewahrt
werden – zwischen den Systemteilen,
zwischen den verschiedenen Bedingungs-
gefügen und auch in den jeweiligen Finan-
zierungsstrukturen.
27. März 2015: Drei Vorträge, vier Stunden Diskussion über die Zukunft der Hochschulen
III.
So ist es aber nicht. Die Finanzierungs-
strukturen sind nicht ausbalanciert.
Die
Diskussionen um die Weiterentwicklungen
und Zukunft des Wissenschaftssystems
und dessen Teilsystem, das sächsische
Hochschulwesen, kreisen deshalb weni-
ger um Fragen von Organisationsprinzipi-
en, sie kreisen vielmehr um die Frage: Wie
müssten eigentlich die entsprechenden
Finanzierungsstrukturen gestaltet sein,
wenn die Vielfalt und Komplexität von
Strukturen und Funktionen des Wissen-
schaftssystems angemessen finanziell ab-
gebildet werden soll? Dieser Frage will ich
mich im Folgenden zuwenden und ich be-
ginne mit dem Status quo. Er ist durch ei-
ne Diskussionslage gekennzeichnet, in der
gegenwärtig drei miteinander verkoppelte
Spannungslinien bestimmend sind.
Erstens: die Spannungslinie
zwischen
universitärer, hochschulischer Lehre und

36 |
Forschung einerseits und außeruniversitä-
rer Forschung andererseits. Zwischen die-
sen beiden Bereichen des Forschungssys-
tems öffnet sich seit Jahren eine Schere
der asymmetrischen Entwicklung der mo-
netären und auch der rechtlichen Spiel-
räume. Die finanzielle Grundausstattung
außeruniversitärer Forschungsorganisa-
tionen wächst in der Folge des Paktes für
Forschung und Innovation kontinuier-
lich an. Die Grundmittel der Universitäten
und Hochschulen stagnieren demgegen-
über; inflations- und energiekostenberei-
nigt sinken sie. Es hat sich ein Finanzie-
rungssystem entwickelt, in dem die Politik
widersprüchliche Erwartungen an die For-
schung hat. Sie erwartet nämlich von der
außeruniversitären Forschung Leistungs-
steigerung durch Erhöhung der Grundfi-
nanzierung und von der universitären For-
schung Leistungssteigerung durch propor-
tionale Absenkung der Grundfinanzierung,
nämlich durch Erhöhung der Drittmittel-
finanzierung.
Die Folge dessen ist zunächst im wissen-
schaftspolitischen Diskurs
zu beobach-
ten. Es dominiert die Forderung nach dem,
was vor zehn Jahren ‚Entsäulung‘ hieß und
heute Kooperation heißt. Es geht aber im
Kern um das Gleiche, um die Asymmetrie
der Finanzierungsstrukturen. Kooperatio-
nen mit außeruniversitären Forschungs-
instituten werden von den Universitäten
deshalb nicht immer als gleichrangige For-
men der Arbeitsteilung erlebt. Infolge der
proportional sinkenden Grundfinanzierung
bei gleichzeitigen Funktionsausweitungen
und steigenden Leistungsansprüchen kön-
nen sich die Universitäten und Hochschu-
len nicht so entwickeln wie es erforderlich
ist.
Und das ist für das Forschungssystem
als Ganzes gravierend,
denn es ver-
schlechtern sich die Möglichkeiten für
Rückkoppelungen; es verschlechtern sich
die Chancen für Innovationen; es erhöht
sich die Chance auf ‚Vermainstreamung‘
des Wissenschaftssystems (und das ist ei-
ne Diskussion, die zum Beispiel zwischen
der Universitätsmedizin und den Deut-
schen Zentren für Gesundheitsforschung
zur Zeit in einer ziemlichen Intensität ge-
führt wird. Und ich glaube nicht als Neid-,
sondern als Strukturdebatte). Dieses Risi-
ko von Qualitätsverlusten ist nicht allein
für die Universitäten und die Hochschulen,
sondern das ist für die Gesellschaft gra-
vierend. Man sieht es daran, dass die aka-
demische Lehre ein großes Sorgenkind ist,
und nicht nur ihre Kapazitäten, sondern
auch ihre Qualitäten.
Man sieht es daran, dass die Leistungs-
höhe der Hochschulforschung als Pro-
blem gesehen wird; jedes Jahr, wenn das
Shanghai-Ranking erscheint, gibt es da-
rüber eine öffentliche Debatte. Man sieht
es daran, dass wir mit großem politischen
Aufwand und großem wissenschaftlichen
Erfolg Sonderprogramme wie die Exzel-
lenzinitiative durchführen, die den Zweck

image
| 37
haben, die Lage der universitären For-
schung zu verbessern, die also anerkennen,
dass es finanzstrukturelle Probleme gibt.
Die zweite Spannungslinie des Systems
der Wissenschaftsfinanzierung
ist das
Verhältnis von Grund- und Drittmittelfi-
nanzierung, das ebenfalls aus der Balance
geraten ist. Die von den Hochschulen ein-
geworbenen Drittmittel haben sich zwi-
schen 1998 und 2009 um mehr als hun-
dert Prozent erhöht, die Grundmittel um
dreiundzwanzig Prozent. Und zwar allein
nominal, was angesichts der Kostensteige-
rungen eine reale Stagnation ist. Der rela-
tive Anteil von Grund- und Drittmitteln in
den Budgets der Hochschulen hat sich im-
mer weiter angenähert: 1980 war das Ver-
hältnis von Grund- zu Drittmitteln sechs
zu eins, mittlerweile decken die Hochschu-
len überall mehr als ein Drittel ihrer Ein-
nahmen durch Drittmittel und die for-
schungsintensiven deutlich mehr als die
Hälfte ihres gesamten Budgets. Drittmittel
sind also immer weniger eine Ergänzung,
sie werden in wachsendem Maße zum
Ersatz fehlender Grundmittel. Das erhöht
den Druck im System und das verändert
die Funktion von Drittmitteln.
Einerseits wächst die Härte des Wett-
bewerbs
sowie der Druck zur Einwerbung
von Drittmitteln. Ich könnte manches da-
rüber berichten, wie das auch den Druck
auf die Verfahren zur Entscheidung über
Drittmittel innerhalb der DFG zum Bei-
spiel erhöht. Der Normalfall bei einem An-
trag an die DFG ist in wichtigen Bereichen
längst nicht mehr die Bewilligung, sondern
die Ablehnung. Zugleich richten sich die
Anträge immer weniger auf eine Verbes-
serung ohnehin bestehender Forschungs-
möglichkeiten, sondern immer mehr de
facto auf die Frage: Kann überhaupt noch
geforscht werden oder gar nicht mehr?
Und damit verändert sich andererseits die
Funktion der Drittmittel, die nicht mehr
ausschließlich der Forschung dienen, son-
dern die zugleich ein Indikator sind für
persönliche Bezüge, für Universitäts-
entwicklungsperspektiven, ein Instrument
akademischer Durchsetzungsmacht.
Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Mit alledem wächst das Risiko einer
Vertauschung von Mitteln und Zwecken.
Drittmittel würden dann zu einem Zweck,
die Forschung würde in gewissem Sin-
ne zu einem Mittel der Finanzbewirtschaf-
tung. Die entscheidende Frage wäre nicht
mehr: Woher bekomme ich die Mittel für
meine Forschung? Sondern die Frage wür-
de dann sein: Was muss ich denn eigentlich

38 |
forschen, um an die Gelder heranzukom-
men? Um das aber klarzustellen, nicht damit
Sie das missverstehen: Ich bin keineswegs
gegen wettbewerbliche Finanzierung von
Hochschulforschung oder gegen die wett-
bewerbliche Vergabe von Drittmitteln. Wohl
aber bin ich für eine kluge Wettbewerbs-
ordnung, also für ausbalancierte Finan-
zierungsstrukturen zwischen Grund- und
Drittmitteln in der universitären Forschung.
Drittens: Auch im Verhältnis von er-
kenntnisgeleiteten und programmori-
entierten Förderentscheidungen
gibt es
Finanzierungsasymmetrien. Das zeigt sich
besonders plastisch in der klinischen Me-
dizin. Die Situation der programmorien-
tierten Forschung hat sich durch die Ein-
richtung der Deutschen Zentren für Ge-
sundheitsforschung, also hier in Dresden
zum Beispiel des Deutschen Zentrums für
Diabetesforschung, deutlich verbessert
und dagegen ist als solches gar nichts zu
sagen. Kritisch hinterfragen muss man al-
lerdings das Risiko, dass es zu Imbalancen
zwischen dieser Verbesserung der Situa-
tion in den Gesundheitsforschungszent-
ren auf der einen Seite und den Bereichen
der erkenntnisgeleiteten Forschung in den
Universitätsklinika kommt. Zum Teil über-
lagern sich hier interne Strukturprobleme
der Universitätsklinika überhaupt – zum
Beispiel das Problem der Forschungszeit
für den ärztlichen Nachwuchs, die Nach-
wuchssorgen in der Medizin – mit einer
Asymmetrie im Außenverhältnis, und es
könnte sein, dass sich darin so etwas wie
ein grundlegendes gesellschaftliches Prob-
lem abbildet.
Meine Hypothese ist, dass die Autonomie-
toleranz unserer Gesellschaft gegenüber
erkenntnisgeleiteter Forschung zu sinken
droht. Und ich glaube, dass das ein glo-
baler Vorgang ist. Es steigen die Ansprü-
che an die Wissenschaft, dass sie gesell-
schaftlich, wirtschaftlich, politisch, dass
sie unmittelbar relevant zu sein habe, dass
sie den direkten Zwecksetzungen der Ge-
sellschaft entsprechen müsse. Es besteht
dabei das Risiko, dass der Fremdbezug zu
dominieren beginnt, und das heißt dann,
wenn mein Eingangsargument richtig ist,
dass die weltumgestaltende gesellschaft-
liche Kraft von Wissenschaft zu leiden
droht, weil sie gerade auf der Balancierung
von Selbst- und Fremdbezügen beruht.
IV.
Damit bin ich bei jenen aktuellen wis-
senschaftspolitischen Diskussionslagen,
die auch für die Weiterentwicklung des
sächsischen Hochschulsystems Bedeu-
tung haben. Es gibt das System der Pak-
te und die Grundgesetzänderung. Das sind
die vier Punkte, die unsere gegenwärtige
wissenschaftspolitische Lage zunächst be-
schreiben. Die Grundgesetzänderung eb-
net den Weg zum Einstieg des Bundes in
die Grundfinanzierung, jedenfalls verfas-
sungsrechtlich und in Fällen von überre-
gionaler Bedeutung, und solche gibt es ja

| 39
nach allgemeinem Konsens im Freistaat.
Zweitens haben der Pakt für Forschung
und Innovation III und die Vereinbarungen
zum BAföG erhebliche Mittel für die Län-
der freigesetzt, die sie nun in die Grund-
finanzierung der Hochschulen geben kön-
nen, wenn sie denn wollen, nämlich 1,17
Milliarden pro Jahr und auf Dauer allei-
ne durch die Vereinbarungen zum BAföG.
Das wären für die ganze Bundesrepub-
lik zehntausend Dauerstellen im akade-
mischen Mittelbau. Drittens ist auch die
Fortführung des Hochschulpakts von er-
heblicher Bedeutung, zumal für die sächsi-
schen Hochschulen, auch weil mit ihm die
Programmpauschale erhalten geblieben, ja
um zwei Prozentpunkte gesteigert worden
ist.
Das vierte große Instrument ist die Wei-
terentwicklung der bisherigen Exzellenz-
initiative. Es gibt dazu einen Grundsatz-
beschluss von Bund und Ländern vom
11. Dezember 2014, es ist aber gänzlich
offen, wie die Ausgestaltung dieses Grund-
satzbeschlusses sich darstellen könnte.
Ich kann Ihnen deswegen nur in Grund-
zügen andeuten, was die DFG im Hinblick
auf die Weiterentwicklung der Förderfunk-
tionen der bisherigen Exzellenzinitiative
vorschlägt.
Mein Stichwort dafür lautet „Exzellenz-
zentren“.
Es beschreibt ein Instrument, das
die Schwerpunktbildung der Universitäten
fördert und das der Schaffung regiona-
ler und überinstitutioneller Verdichtungs-
räume bestimmter Wissenschaftsbereiche
dient, die internationale Strahlkraft entfal-
ten können. Ebenso ist mit diesem Stich-
wort ein Instrument gemeint, das die Ein-
beziehung der besten Nachwuchsförde-
rung ermöglicht und das als Förderformat
so formoffen ist wie möglich für Maßnah-
men der Universitäten, so dass diese nach
Gegebenheiten des Faches, der regionalen
Lage und der Universitätsstruktur Vorha-
ben entwickeln und dafür in diesem Wett-
bewerb Mittel einwerben können. Zugleich
schlagen wir integrierte Wettbewerbsräu-
me vor, und zwar sowohl für bisher als Ex-
zellenzcluster geförderte Projekte als auch
für die zukünftig zu beantragenden Exzel-
lenzzentren.
V.
Was lässt sich aus dem Gesagten für die
Hochschulentwicklung überhaupt und
für diejenige in Sachsen folgern?
Ich
meine erstens: Es muss eine auskömmliche
Grundfinanzierung der Hochschulen si-
chergestellt werden, so dass diese gestärkt
und nicht nur stabilisiert werden. Die
chronische Unterfinanzierung der Hoch-
schulen, zumal der Universitäten, ist das
entscheidende Strukturproblem unseres
Wissenschaftssystems, und zwar in allen
Funktionsbereichen, nicht nur in der Lehre,
sondern auch in der Forschung, auch im
Transfer, auch in der Infrastruktur und
auch und ganz besonders, was den Hoch-
schulbau anbelangt.

40 |
Zweitens: Mit der Verbesserung der
Grundfinanzierung
muss zwingend eine
Verbesserung der Situation und der Per-
spektiven des wissenschaftlichen Nach-
wuchses einhergehen. Diese Situation, die
man scharf, aber nicht völlig zu Unrecht,
als eine Art von Prekarisierung des wis-
senschaftlichen Nachwuchses beschreiben
kann, hat sich in der Überlagerung drei-
er Langfristtrends ergeben. Einerseits gab
es die systematische Befristung des so-
genannten akademischen Mittelbaus in
den neuen Ländern nach der Wende und
die systematische Befristung des akade-
mischen Mittelbaus in den alten Ländern
seit den späten achtziger Jahren. Zweitens
spielt die Verschiebung zwischen Grund-
und Drittmitteln eine Rolle. Wenn sie nur
Drittmittel haben, können Sie im akade-
mischen Mittelbau sehr schwer Dauer-
stellen finanzieren. Und drittens darf man
nicht übersehen, dass mit dem sprunghaf-
ten Personalaufbau im Rahmen der ersten
beiden Phasen der Exzellenzinitiative etwa
neuntausend Stellen im deutschen Wis-
senschaftssystem geschaffen worden sind,
die überwiegend befristet sind und die
2017 auslaufen.
Der Handlungsbedarf ist also klar
und
ich meine, dass er mit einer Novelle des
Wissenschaftszeitvertragsgesetzes alleine
nicht zu befriedigen ist. Es muss auch die
Struktur der Karrierewege verbessert wer-
den. Dabei muss die Subjektposition – die
einzelnen Forschenden wollen eine ver-
lässliche Karriereperspektive – sehr viel
sorgfältiger als bisher abgestimmt werden
mit der Systemfunktion, zu der auch Se-
lektivität gehört. Es muss dafür dritte We-
ge zwischen dem Aufstieg auf eine Pro-
fessur und dem Ausstieg aus dem Wissen-
schaftssystem geben, es braucht sehr viel
differenziertere Personalstrukturen und
andere Relationen von befristeten und un-
befristeten Stellen, wir benötigen Tenure-
Tracks, Dauerstellen für Daueraufgaben im
Mittelbau und übrigens auch mehr Profes-
suren. Der Wissenschaftsrat hat mit den
Stimmen aller Länder von 7500 zusätz-
lichen Professuren gesprochen. Diesem
Handlungsbedarf zu entsprechen, ist im
Kern Aufgabe der Länder. Die DFG kann an
dieser Stelle sozusagen interimistisch un-
terstützen, aber gerade nicht systematisch,
weil sie eine Institution der terminierten
Projektförderung ist.
Drittens ist es wichtig, ein differenziertes
Hochschulsystem
mit funktionaler Unter-
scheidung von unterschiedlichen Hoch-
schultypen mit je spezifischen Aufga-
ben zu bewahren und zu kultivieren.
Diese Differenzierungen dürfen nicht
wieder durch Entdifferenzierungspro-
zesse abgebaut werden. Hochschulen für
angewandte Wissenschaften haben eine
spezifische und nicht substituierbare
Funktion im Wissenschafts- und For-
schungssystem, sie organisieren wissen-
schaftsbezogene, praxisorientierte Lehre,
sie sind gewissermaßen Institutionen des

| 41
gesellschaftlichen Fremdbezugs von Wis-
senschaft, und zwar sowohl im Hinblick
auf ihr Personal, als auch im Hinblick auf
ihre Forschungspraxen, auf die regionalen
Strukturbildungsprozesse und auf die Zu-
sammenarbeit zwischen Hochschule und
Wirtschaft.
Dabei muss berücksichtigt werden, dass
auch die Fachhochschulen
strukturell un-
terfinanziert sind. Es wäre deshalb in je-
dem Fall verfehlt – und ich sage das auch
mit Blick auf eine aktuelle Debatte –, die
Fachhochschulen finanzpolitisch dahin zu
treiben, dass sie die Lösung von Grundfi-
nanzierungsproblemen durch kompensa-
torische Drittmittel versuchen. Das funkti-
oniert bei den Universitäten schlecht und
es wäre ganz sachwidrig, es jetzt bei den
Fachhochschulen versuchen zu wollen.
Fachhochschulen brauchen legitimierba-
re Ansprüche auf Finanzierung und Aner-
kennung, und zwar diesseits des gänzlich
fiktiven Einheitsmodells der world-leading
research university. Auch bei den Fach-
hochschulen geht es also darum, die Stär-
ken zu stärken: den Übergangsbereich von
Forschung und Entwicklung und praxis-
bezogener Ausbildung. Funktionieren-
de, starke Fachhochschulen sind bei wei-
tem wichtiger als schwache Universitäts-
fiktionen.
Mein ceterum censeo, und damit bin ich
dann wirklich am Ende, mein ceterum
censeo also ist:
Erkenntnisreichtum, Leistungskraft, die
gesellschaftliche, ökonomische, kultu-
relle Effektivität von Wissenschaft,
all
dies beruht auf der Stabilisierung von
Spannungen zwischen den Fremdbezü-
gen von Wissenschaft und ihren Selbst-
bezügen. Das muss jede gute Hochschul-
planung berücksichtigen. Es ist notwen-
dig und legitim, dass sie sich orientiert an
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und
politischen Bedarfen, an demografischen
Prognosen, an haushaltsrechtlichen oder
finanzpolitischen Rahmensetzungen. Es
ist aber nicht weniger notwendig und le-
gitim, dass sie Autonomiebezirke für Wis-
senschaft pflegt, die von direkten äußeren
Zwecksetzungen frei sind, keineswegs aber
frei von reichen, gesellschaftlichen Funkti-
onen. Wer das eine gegen das andere aus-
spielt, also die äußeren Zwecksetzungen
gegen die Autonomiebezirke, auch wer es
ausspielt, indem er die Steuerungssysteme
allein auf quantitative Indikatoren grün-
det, der wird schlechter als möglich vor-
bereitet sein auf das, was hinsichtlich der
Zukunft als einziges gewiss ist: Dass sie
anders sein wird als die Gegenwart, anders
auch als die Zukunftsplanungen der Ge-
genwart es voraussehen. Dass sie also un-
sere Erwartungen durchbrechen wird, dass
sie unsere Ordnungen des Wissens und
unsere Ordnungen der Relevanzen stören
wird – nämlich durch Neuerungen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 
42 |
Fritz Straub
Geschäftsführender Gesellschafter
der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH
neue Fachleute braucht das land –
die hochschulen und die ansprüche
der Wirtschaft

image
| 43
Fritz Straub
Geschäftsführender Gesellschafter
der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH
Es war für mich aus einer gewissen Dis-
tanz sehr interessant zu hören, mit wel-
chen Problemen Sie sich beschäftigen
müssen. Der Inhalt hat mich an meine Zeit
in Höchst erinnert, wo wir einen großen
Konzern mit 180.000 Mitarbeitern geführt
haben. Dort, vor jetzt mehr als 20 Jahren,
war es auch so, dass wir ein Drittel oder
fünfundzwanzig Prozent der Zeit über In-
halte geredet haben und fünfundsiebzig
Prozent über Strukturen und über Mani-
pulationen, die die Menschen dazu brin-
gen sollten, sich in diesen Strukturen zu
bewegen. Ich habe gerade wieder einmal
daran gedacht, dass ich mit diesen Metho-
den der Großindustrie in meinem Unter-
nehmen überhaupt nichts anfangen konn-
te und auch heute nicht kann. Diese Tat-
sache ist das Ergebnis eines schmerzhaften
Erkenntnisprozesses.
Zunächst möchte ich darauf hinweisen,
dass wir uns weniger mit den Problemen
der Großunternehmen befassen sollten. In
einer Zeit, in der nicht nur hier, sondern
in ganz Deutschland der innovative Mit-
telstand als Rückgrat der Wirtschaft wie-
derentdeckt wird, erscheint mir das rück-
wärtsgewandt. Die Beschäftigung mit dem
innovativen Mittelstand könnte die not-
wendigen Impulse geben, die wir brau-
chen, um in wichtigen Bereichen eine Füh-
rungsposition in der Welt zu behalten oder
wiederzuerlangen. Ich werde diese Mei-
nung im ersten Teil meines Beitrags am
Beispiel unserer Firma belegen. Wenn ich
Sie mit meiner eigenen Firma vertraut ma-
che, dann nur deshalb, weil ich Sie miter-
leben lassen will, welche Fähigkeiten wir
entwickeln mussten, um zu überleben und
wie wichtig das in Zukunft für die deut-
sche mittelständische Wirtschaft ist.
1992 übernahm ich die Abteilung „Innen-
ausbau“
der Deutschen Werkstätten, da-
mals waren das siebzig Tischler, zwei tech-
nische Zeichner und einige wenige in
der Verwaltung. Der Bereich Serienferti-
gung war schon damals nicht überlebens-
fähig und musste geschlossen werden.
Heute sind wir ein Unternehmen mit wie-
der zweihundertfünfzig Mitarbeitern, aber
mit einer erheblichen Verschiebung in den
Verhältnissen der Professionen zueinan-
der. Wir haben immer noch siebzig Fach-
arbeiter in der Tischlerei, davon sind fünf-
zehn Meister. Dieses Level blieb gleich. Wir
machen unsere eigene Lehrlingsausbil-
dung mit der praktischen Ausbildung im
Haus. Die Anzahl der Mitarbeiter im Büro-

image
44 |
und Managementbereichen ist aber dra-
matisch gestiegen. Dort sind wir jetzt 140
Leute: Architekten, Innenarchitekten, In-
genieure, Bauingenieure, Holzingenieure,
Betriebswirtschaftler oder auch Juristen.
Davon haben achtzig Prozent eine akade-
mische Ausbildung.
Fritz Straub,
Geschäftsführender Gesellschafter der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH (rechts)
Einige von Ihnen kennen unseren Stand-
ort Hellerau.
Wir sind infiltriert von der
Geschichte dieses Dresdner Stadtteils, in
dem neue Ideen und reformerische Ansät-
ze schon seit der Siedlungsgründung ein
Zuhause hatten. Was machen wir heute?
Möbelprogramme, wie noch zu Beginn des
20. Jahrhunderts, sind es nicht mehr, son-
dern Privatjachten für die Milliardäre die-
ser Welt. Eine radikale Kehrtwende! Jede
Jacht ist anders, jede Jacht ist anspruchs-
voller und jede Jacht ist größer als die an-
dere. Die Serie hat sich vollkommen verab-
schiedet, wir bewegen uns in der Welt des
einzigartigen, maßgeschneiderten Innen-
ausbaus. Wir übernehmen von der Werft
einen rohen Schiffskörper, in dem gera-
de die Rohre und die Technik verlegt sind,
und alles andere machen wir nach Ent-
würfen von spezialisierten Innenarchitek-
ten. Hinzu kommen die Umsetzung der
Vorarbeiten von Ingenieuren, die Ferti-
gung und der Einbau. Wir müssen dauernd
mit allerhöchsten ästhetischen und tech-
nischen Ansprüchen umgehen, mit neuen
Materialien und Sicherheitsanforderungen.
Dabei geht es um Stabilität, um Gewicht,
um Präzision – und all dies bei heraus-
ragender Gestaltung.

| 45
Wir haben angefangen als reine Tischler,
die nach Vorgaben eingebaut haben, heute
übernehmen wir einen ganzen Bauprozess
in unsere Verantwortung. Wir haben viele
Disziplinen im Haus und absolut alle müs-
sen lösungsorientiert denken und arbeiten,
um Kundenwünsche zu erfüllen. Da war
beispielsweise der Eigentümer eines Hau-
ses in London, der irgendwann zu seinen
Mitarbeitern gesagt hat: „Die Bibliothek
in meinem Haus möchte ich aber eigent-
lich von Gaudi haben.“ Wir wurden ange-
sprochen, ob wir das realisieren können,
und haben nicht erwidert: „Gaudi ist tot,
tut uns leid.“ Wir haben Gaudis Formen-
sprache nachempfunden und dann hat der
Eigentümer zu unserem großen Schre-
cken gesagt: „Jetzt macht das so.“ Erst da
wurde uns bewusst, dass die Ausführung
unseres Vorschlags unendlich schwierig
sein würde. Hier ging es um Vollholz, um
Schichtholz in komplizierten Formen. Es
ging darum, dass das Design übertragen
werden musste in eine Software, die dann
mit einer Fünfachs-CNC-Fräse abgestimmt
werden musste. So etwas gab es nicht vor-
konfektioniert. Unsere Leute mussten erst
eine passende Software auftreiben, fanden
sie bei den Designern der Automobilindus-
trie und passten sie an.
Zu einer solchen, vor allem auch schnel-
len und zuweilen unkonventionellen
Reaktion
muss ein modernes, innovatives
Mittelstandsunternehmen in der Lage sein,
sonst wird es nie Weltklasse. Auch in den
Hochbauprojekten merkten wir schnell,
dass wir Teil eines Bauprozesses sind.
Schon die ersten Planungen haben Ein-
fluss auf das, was am Schluss eingebaut
wird. Damals hatten wir Vorgaben, die
wir nicht beeinflussen konnten. Zum Bei-
spiel die zugelassenen Toleranzen der Ge-
werke, die vor uns im Bau tätig waren. Das
brachte Probleme mit Maßhaltigkeiten und
machte uns unzufrieden mit der Qualität
des Endergebnisses. Im Normalfall plant
ein Architekt, er macht einen Entwurf und
dann die Genehmigungsplanung. Er ist so-
zusagen der König im Bau – zusammen
mit dem Bauherrn. Diese Planung ist ein
langer Prozess mit unendlich vielen Fach-
planern. Es gibt mindestens zwanzig, fünf-
undzwanzig Disziplinen bei den Hochbau-
planungen. Diese Planer arbeiten als Spe-
zialisten. Sie bewegen sich in die Tiefe und
nicht nach nebenan. Sie wollen aber ein
Haus konzipieren, das kompliziert zu pla-
nen und zu bauen ist und auch noch funk-
tionieren soll. Das geht nur mit umfassen-
den Abstimmungen wirklich gut. Dazu je-
doch sind viele nicht in der Lage.
Unter den Spezialisten gibt es häufig
Verständnisprobleme,
weil sie nicht ge-
wöhnt sind, in die Breite zu denken und
in der Gruppe an Gesamtlösungen zu ar-
beiten. Früher waren wir am Ende immer
die Dummen. Wenn alles fertig, das Geld
verbraucht und die Termine überschritten
waren, dann kamen die Deutschen Werk-
stätten und sollten ihr Holz einbauen. Das

46 |
ging ab und an schief, weil wir am Ende
der Kette keinen Einfluss auf all das hat-
ten, was vorher schon hätte passieren
müssen, um eine perfekte Arbeit abzulie-
fern. Aus den Realitäten in Planung und
am Bau ergab sich ein Trial-and-Error-
Parcour, der eher experimentell und nicht
planerisch funktionierte. Schließlich über-
nahmen wir die Gesamtverantwortung für
ganze Projekte, in erster Linie auch, um
alles im Griff zu haben und gute Arbeit
leisten zu können – und nicht immer die
Dummen zu sein.
Heute sind die Werkstätten in den
meisten Aufträgen
verantwortlich für das
ganze Bauvorhaben. Wir übernehmen al-
les in allen Facetten – und die damit ver-
bundenen Koordinierungs- und Abstim-
mungsaufgaben sind immens. Was wir für
die Bewältigung dieser Aufgabe von Ihnen
brauchen, sind Menschen, die integrieren
können. Wir haben Spezialisten, wir brau-
chen diese Spezialisten auch mit ihrer
ganzen Fachkompetenz, aber wir brauchen
auch Menschen, die Prozesse verstehen,
steuern und eine Integrationsfunktion
übernehmen. Nicht im Sinne von Anwei-
sungen, Zuweisungen und Beurteilungen
ist das zu verstehen. Es geht nicht um ei-
ne Befehlskette, sondern ein natürliches
und lösungsorientiertes Miteinander. Diese
Integrationsfunktion ist eine der Schlüs-
selaufgaben, die wir in der Zukunft ent-
wickeln müssen und die wir zum Teil auch
schon haben.
All dies führt zum Kernthema dieser
Veranstaltung:
Wie könnte die Zukunft
der Hochschulausbildung in Zukunft aus-
sehen und wie muss sie für die deutsche
Wirtschaft aussehen? Deutschland wurde
vor zwanzig, dreißig Jahren vorgeworfen,
wir würden uns zu wenig an den Ameri-
kanern orientieren: „Ihr seid veraltet. Nie-
mand stellt mehr was her, ihr müsst mehr
Dienstleistungen machen.“ Gott sei Dank
kamen die Krisen früh genug, so dass wir
rechtzeitig merkten, wie falsch das ist. Ich
glaube, dass die deutsche Wirtschaft eine
Zukunft hat, aber nur, wenn sie neben den
Dienstleistungen auch weiterhin etwas ei-
genständig hervorbringt und damit sind
nicht einfache Dienstleistungen und Se-
rienprodukte gemeint. Wir brauchen auch
weiterhin den Spezialisten, verstehen Sie
mich nicht falsch. Woher sollten die her-
kommen, wenn nicht von Ihnen. Aber bitte
schicken Sie uns keine Fachidioten. Schi-
cken Sie uns Spezialisten, die in ihrer Aus-
bildung darüber hinaus auch gelernt ha-
ben, mit anderen zusammenzuarbeiten. Sie
müssen grenzüberschreitend in komplexen
Fragestellungen und Problemlagen denken
können und in der Lage sein, ihre Kennt-
nisse mit einzubringen, um dann nachher
etwas Neues, Ganzes zu machen. Wir su-
chen Leute, die neugierig sind, nicht auf
eingefahrenen Schienen unterwegs sind,
die eigenständig denken und handeln.
Bitte vermitteln Sie in Ihrer Lehre schon
früh, dass Menschen zusammenarbeiten
und die Demut aufbringen müssen zu er-

| 47
kennen, dass ihr Spezialgebiet ein Teil ei-
nes Ganzen ist. Solche Persönlichkeiten
brauchen wir. Wenn Sie unsere Arbeit se-
hen, erkennen Sie sicher, dass sie nicht
einfach und klar definiert ist, sondern ei-
nen hohen Steuerungsaufwand erfordert.
Wir müssen uns unbedingt immer wieder
damit befassen,
was notwendig ist, um
Prozesse zu steuern und wir müssen mitt-
lerweile auch die digitalen Möglichkeiten
dieser Welt integrieren. Also brauchen wir
Leute, die so etwas gelernt haben. Am Ende
brauchen wir dann noch einen, den ich hier
als Dirigenten bezeichnen will. Das sind
Menschen, die in der Lage sind, komplizier-
te Prozesse zu überschauen und damit um-
zugehen verstehen. Das sollten keine Hie-
rarchen sein, die den anderen erklären, wo
es lang geht. Sie müssen Verständnis ha-
ben für die Vielfalt und diese Vielfalt auch
noch steuern können und das ist wahnsin-
nig schwer. Aber genau das kann Deutsch-
land, davon bin ich überzeugt. Bitte hören
Sie nicht auf und orientieren Sie sich nicht
nur an technischen Ausführungen und ef-
fizienteren Abläufen, sondern arbeiten Sie
an einem Menschenbild, das für Persön-
lichkeiten steht, die selbstständig handeln,
denken und dann auch noch die Fähigkeit
haben, mit anderen zusammen zu arbeiten,
integrieren können und einen Blick für das
Gesamte haben. Das wäre meine direkte
Bitte an Sie.
Ich habe auch eine Bitte an die Wirt-
schaft:
Wir machen das ansatzweise
schon, aber ich glaube, wir müssen uns
mehr damit beschäftigen, das permanente
Lernen auf das gesamte Arbeitsleben und
alle Bereiche der Mitarbeiter auszudehnen.
Und dabei geht es analog zu dem, was ich
gesagt habe, nicht nur um fachliche Wei-
terbildung, sondern um die weitere Ausbil-
dung von Integrations- und Moderations-
fähigkeiten. Auch Lenken und Leiten will
immer wieder hinterfragt und geübt sein!
Ich weiß das aus eigener, zwanzigjähriger
Erfahrung.
Ich fasse noch einmal zusammen:
Die Zukunft gehört nicht nur der Dienst-
leistung, sondern der Lösung hochkom-
plexer Aufgaben. Dafür werden hervor-
ragend ausgebildete Spezialisten (Solisten)
gebraucht, die:
z
ihr Wissen und ihre Kenntnisse mit an-
deren teilen (Teamorientierung)
z
eigenständig und kreativ nach Lösungen
suchen (Lösungsorientierung)
z
in Systemen und Prozessen denken und
diese situationsbedingt anpassen und
flexibel einsetzen (Prozessorientierung)
z
auf allen Ebenen die Möglichkeiten der
digitalen Revolution nutzen (Zukunfts-
und Technikorientierung)
Und all diese Bereiche werden durch einen
„Dirigenten“ zusammengehalten.

48 |
Fähigkeiten, die durch das Bildungssys-
tem über die fachliche Spezialisierung
hinaus vermittelt werden müssen:
z
Förderung nichtmaterieller Fähigkeiten
(der selbst denkende und bestimmende
Mensch/Spezialist) als Teil einer Gruppe
Fähigkeit zum Management komplexer
Informationsfluten
lösungsorientiertes Denken in Prozessen
und Systemen
Fähigkeit zur Überschau und Integration
z
z
z
Kernpunkte der Zusammenarbeit von
Wirtschaft und Hochschulen:
z
Offenheit gegenüber der stärkeren Ver-
zahnung von Theorie und Praxis
Einsatz eigener Ressourcen der Wirt-
schaft (Weiterbildung mit öffentlichem
Bildungssystem und weniger mit pri-
vaten Beratungs- und Bildungsgesell-
schaften)
aktives Zugehen der Hochschulen auf die
Wirtschaft (auch außerhalb von Förder-
programmen)
Abbau von Berührungsängsten und zu-
weilen unkonventionelles Vorgehen
z
z
z
Die Deutschen Werkstätten sind per-
manent dabei, etwas Neues zu machen.
Bei uns gibt es keine Routine. Wenn es ei-
ne Routine gibt, dann die, dass es keine
Routine gibt. Es gibt immer wieder Neu-
es, wir müssen uns immer wieder anders
aufstellen. Und das ist, glaube ich, normal.
Wir müssen uns in die Zukunft entwickeln
und wir kultivieren das in der Firma. Wir
haben kein hierarchisches System. Wir er-
arbeiten uns unsere Strategien und Auf-
gaben gemeinsam und ohne Bonussyste-
me und vorgegebene Wege. Alles entsteht
am und mit dem Projekt im Interesse des
besten Lösungsweges – und das gemeinsam!
Jedes Belohnungssystem, das ist meine
Erfahrung auch in vorherigen Berufen,
würde in Kürze pervertiert.
Ich glaube, in Erneuerungsprozessen ist die
Notwendigkeit permanenten Lernens über-
lebenswichtig. Ähnlich wie in der Basis-
ausbildung sollten dem dualen System
größere Chancen eingeräumt werden. Sie
sind Forschung, Sie sind Lehre, Sie wissen
unter Umständen sogar, wie die Zukunft
aussieht und welche Brennpunkte die For-
schung zu bieten hat. Wir können uns nor-
malerweise im Tagesgeschäft nicht darum
kümmern. Dafür haben wir sehr praxisnahe
Erfahrungen und Kompetenzen. Wir sollten
uns Raum und Zeit für eine Zusammen-
arbeit geben und unsere Kompetenzen ver-
binden. Zusammenarbeit – eventuell so-
gar dual oder eher unkonventionell, auf
einer ganz anderen Ebene, zum Beispiel in
einer Akademie. Das könnte viel bringen.
Dankeschön.
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Vielen Dank an Herrn Straub, das war
großartig. Sie haben uns mit Ihrer Rede in
den zweiten Teil unserer Agenda hinein-
gestoßen und lauter neue Herausforde-
rungen offengelegt. Ich würde gerne von

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| 49
Ihnen wissen: Wo finden Sie eigentlich Ihre
Mitarbeiter? Welche Qualifikationen müs-
sen Mitarbeiter mitbringen?
Fritz Straub
Geschäftsführender Gesellschafter der
Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH
Den Ausgangspunkt bildeten unsere 80
Mitarbeiter innerhalb des Hauses. Es war
jedoch sehr früh eine Entwicklung abzu-
sehen, dass die bisher erworbenen Qualifi-
kationen auf Dauer nicht ausreichend sein
würden, was uns zu weiteren Schritten
führte. Als Erstes kam es zu internen Fort-
bildungsmaßnahmen, später dann aber
auch zu externen. Ziel war es, die Quali-
fikationen unserer Tischler soweit zu er-
weitern, dass sie Ingenieure wurden. Die
Tischler wurden von uns auf Fachhoch-
schulen oder Berufsakademien geschickt.
Bis 2005 haben wir so unsere eigenen
Facharbeiter ausgebildet, was wir bis heute
auch noch tun. Jedoch entwickelten sich
die Anforderungen so weit, dass immer
mehr neue Disziplinen außerhalb unse-
res ursprünglichen Tätigkeitsfeldes gefragt
waren. Infolgedessen suchten wir auch
außerhalb unseres Unternehmens.
Positiv anzumerken ist hierbei, dass wir
keinerlei Probleme hatten, beispielsweise
Mitarbeiter aus dem Westen anzuwerben
oder Ausländer in unser Unternehmen ein-
zubinden. Das hat zwei Gründe: Zum ei-
nen hat sich Dresden zu einem attraktiven
Standort entwickelt und zum Zweiten sind
unsere Projekte und Aufgaben so attraktiv,
dass Arbeitnehmer gerne für unser Unter-
nehmen tätig werden wollen. Derzeit ha-
ben wir fast keinerlei Probleme, außer viel-
leicht im Bereich der Holzingenieure. Zur-
zeit haben wir fünfzig Holzingenieure. Als
wir vor zwei Jahren gemerkt haben, dass
unsere Facharbeiter nicht mehr ausrei-
chend sind, haben wir uns Hilfe aus Spa-
nien geholt. Mittlerweile sind zehn Holz-
ingenieure aus Spanien fester Bestandteil
unserer Firma, die sich auch wunderbar in-
tegriert haben und hervorragend arbeiten.
Fritz Straub,
Geschäftsführender Gesellschafter
der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH, und
Dr. Eva-Maria Stange,
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst

 
50 |
Diskussion

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| 51
Dr. Eva-Maria Stange, Dr. Christiane Gaehtgens und Prof. Dr. Peter Strohschneider
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Sie sind alle schon so ins Gespräch ver-
tieft, dass ich den Eindruck habe, halb ist
das Ziel der Veranstaltung schon erreicht.
Ich bin Ihnen heute angekündigt als ehe-
malige Generalsekretärin der Hochschul-
rektorenkonferenz. Seit sieben Jahren bin
ich selbstständig, berate Hochschulen, Po-
litik, Regierungen auch in anderen Län-
dern und berate auch die EU-Kommission
gelegentlich in hochschulpolitischen Din-
gen. Ich finde es ungeheuer spannend,
dass Sie hier so eine Art Brainstorming ha-
ben mit so einer hochrangigen und zahl-
reichen Beteiligung. Ich beglückwünsche
das Staatsministerium, Frau Ministerin,
Herr Staatssekretär, zu dem Mut und der
Initiative, so etwas zu tun. Es ist ja eine
Diskussion, die angeregt ist aus der Not-
wendigkeit den Hochschulentwicklungs-
plan des Landes fortzuschreiben, neu zu
schreiben, anders zu schreiben.
Es ist ein riesiges Arbeitsprogramm, das
die Redner bisher ausgebreitet haben.
Jetzt muss natürlich die Frage kommen:
Was heißt das eigentlich für uns? Was
heißt das für die einzelne Hochschule,
die einzelne Forschungseinrichtung? Was
sind Gestaltungsmöglichkeiten der Landes-

image
image
52 |
politik? Wie lässt sich auf diese Problem-
lage so reagieren, dass daraus Chancen
werden? Jetzt sind Sie dran, jetzt ist die
Gelegenheit zum Fragen, zum Diskutieren.
Ihre Wortmeldungen bitte.
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Ich möchte in die Diskussion starten
und nochmals bekräftigen, welche Be-
deutung die Fortsetzung der Exzellenz-
initiative für die Hochschulen hat, weil es
zu Verschiebungen führen wird zwischen
Hochschulen und außeruniversitären For-
schungseinrichtungen. Wir müssen in den
nächsten Jahren diese Spannung ausba-
lancieren. Meine Sorge ist ein bisschen,
ob wir nicht schon einen Schritt über den
Horizont hinweg sind? Können wir tat-
sächlich dieses entstandene Spannungs-
verhältnis wieder ausbalancieren? Wir sind
sicher sehr breit aufgestellt im Bereich der
außeruniversitären Forschung und das ist
gut so. Und unsere Hochschulen, insbe-
sondere die Universitäten, aber auch die
Fachhochschulen, haben engste Verflech-
tungen mit den außeruniversitären For-
schungseinrichtungen, um Drittmittel zu
akquirieren und internationale Sichtbar-
keit zu zeigen.
Deshalb stehen wir jetzt vor der Frage:
Was können wir als Land tun, um die
Grundfinanzierung der Hochschulen wei-
ter voranzubringen? Oder, jetzt mal an-
genommen, wir hätten die Möglichkeit in
den nächsten Jahren, tatsächlich deutlich
mehr Geld in die Grundfinanzierung hin-
einzugeben, würde das diesen Prozess, der
einmal eingeleitet ist, nicht nur noch wei-
ter verstärken? Also, ich nenne ein ganz

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| 53
konkretes Beispiel: Wie gehen wir weiter
mit dem Zentrum für Regenerative The-
rapien in Dresden um? Die Förderung des
Bundes für das CRTD läuft 2017 aus. Es ist
ein Teil der Universität, es ist ein Zentrum
in der Universität, kann aber in der der-
zeitigen Struktur der Universität gar nicht
abgebildet werden. Es findet nur über die
Konstruktion des Exzellenzclusters eine Ab-
bildung. Doch wie kann man es fortsetzen?
Dazu gibt es verschiedene Überlegungen.
Man könnte gegebenenfalls mit Landes-
mitteln aushelfen oder über andere Kons-
truktionen nachdenken, das CRTD als Zen-
trum innerhalb der Universität etablieren.
Aber verschieben wir damit nicht weiter
diesen Horizont zwischen den einzelnen
Institutionen? Und verstärken wir dadurch
nicht eine Strukturbildung innerhalb der
Hochschulen, die natürlich, dem Trend fol-
gend, diese Exzellenzbereiche auch weiter
ausbaut? Ich glaube, diese Fortführung der
Exzellenzbereiche kann an den Hochschu-
len für große Spannungen sorgen. Dafür
müssen wir Lösungen parat haben.
Dr. Stephan Meyer
Mitglied des Sächsischen Landtages, CDU
Dr. Stephan Meyer
Mitglied des Sächsischen Landtages, CDU
Ich bin Wissenschaftspolitiker mit Leib und
Seele, ich kenne aber auch die Zwänge
der Finanzpolitik. Ein Stück weit habe
ich aus Ihren Vorträgen entnommen, wir
brauchen mehr Geld im System. Das mag
richtig sein. Aber ich denke auch, es gibt
durchaus Synergieeffekte, die noch zu he-
ben sind. Auch vor dem Hintergrund, dass
vielleicht in manchen Bereichen die kriti-
sche Masse fehlt, wenn neue Strukturen
und neue Forschungsschwerpunkte auf-
gebaut werden, dass diese Bereiche aber
dennoch mitfinanziert werden sollen und
müssen. Mich würde interessieren, wie
Sie das Thema Synergieeffekte zwischen
Strukturen, aber auch zwischen dem Sys-
tem der außeruniversitären Forschung
und der Hochschulforschung sehen. Denn
zur Ehrlichkeit gehört auch dazu, dass wir
mit beachten, dass trotz Finanz- und Wirt-
schaftskrise sowohl der Bund als auch der
Freistaat Sachsen in den Bereich Bildung
und Forschung immer mehr Geld, über-
proportional mehr Geld reingegeben hat.
Deswegen muss man auch die Frage nach
Synergien stellen dürfen.
Was mich sehr gefreut hat, sind Ihre Über-
legungen zur Exzellenzinitiative. Weil ein
Stück weit wird dort auch dieses Dilemma
zwischen der programmorientierten For-
schung und der erkenntnisorientierten
Forschung deutlich. Wir haben ja, wenn
man ganze Institutionen unter diese
Exzellenz stellt, durchaus Bereiche, die

image
image
54 |
ein Stück weit auf der Strecke bleiben, die
aber von gesellschaftlicher Relevanz sind.
Ich will hier mal das Stichwort „Lehrer-
bildung“ nennen, In diesem Bereich ha-
ben wir als Gesellschaft einen Bedarf. Der
steht aber ein Stück weit hinter der Exzel-
lenzthematik und dem weltweiten Renom-
mee zurück, hat dazu weniger Bezug. Ich
glaube, in der Richtung sollten wir auch
diskutieren.
Prof. Dr. Andreas Pinkwart
Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management
Prof. Dr. Andreas Pinkwart
Rektor der HHL Leipzig Graduate School
of Management
Ich würde gerne einen Aspekt erfragen, der
bislang noch nicht angesprochen wurde,
auch mit Blick auf die Langfrist-Perspek-
tive und die Zielgrößen. Das ist die Inter-
nationalisierung des Wissenschaftssys-
tems. Mir geht es dabei sowohl um die
Studierendenströme, die wir erleben wer-
den. Aber es geht mir auch um die Fra-
ge, wie gewinnen wir den wissenschaftli-
chen Nachwuchs in der Zukunft und wie
wollen wir über die Fortsetzung der an-
gesprochenen Programme erreichen, dass
die Internationalität unserer Fakultäten
sich weiterentwickelt? Wie sehen wir uns
überhaupt, nicht nur national im Wettbe-
werb, sondern auch europäisch und inter-
national?
Prof. Dr. Beate Schücking
Rektorin der Universität Leipzig
Prof. Dr. Beate Schücking
Rektorin der Universität Leipzig
Mir hat ein Satz in der Rede von Prof.
Strohschneider sehr gut gefallen. Er sag-
te: „Es ist eigentlich auch eine ganze Men-
ge Geld im System, wir brauchen die in-
telligentesten Strukturen“. Das können
wir natürlich auch auf Sachsen beziehen
und daraus die Aufgabe ableiten, intel-
ligente Strukturen für unser Hochschul-
system zu definieren und zu etablieren.
Den Bedarf sehe ich. Aber das ist keine
triviale Aufgabe. Externe Experten und das

image
image
Wissenschaftsministerium können den
Hochschulen dabei sicher helfen. Umset-
zen müssen wir das selbst. Wie schwie-
rig die Rahmenbedingungen sind, haben
wir gerade bei uns an der Uni Leipzig in
den letzten vier Jahren zu spüren bekom-
men, als es darum ging, einerseits Stel-
len zu sparen und andererseits deutlich
mehr zu leisten. So etwas ist auf Dauer
nicht durchzuhalten. Also müssen wir uns
in der Tat gemeinsam auf die Suche ma-
chen nach diesen intelligenten Strukturen.
Ich fände es gut, wenn wir ein sächsisches
Modell dazu entwickeln könnten, mit dem
wir dann vielleicht sogar bundesweit die
Nase vorn haben.
Dr. Annerose Beck
Referatsleiterin Bund-Länder-Forschungseinrichtungen,
Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft
und Kunst
Dr. Annerose Beck
Referatsleiterin Bund-Länder-Forschungs-
einrichtungen, Sächsisches Staatsminis-
terium für Wissenschaft und Kunst
Ein großes Thema ist die Fortführung der
Exzellenzinitiative. Wir haben dazu auch
von integrierten Wettbewerbsräumen ge-
sprochen, die zwar einen internationalen,
einen verstetigenden, einen institutionel-
len Aspekt haben. Aber sollte man nicht
auch darüber nachdenken, ob man die
Vielfalt der Projektförderung, die es ja un-
bestritten in den Ländern durch die Bun-
desministerien gibt, nicht auch einmal
unter die Lupe nimmt? Es ist doch auch
eine Frage, was überhaupt im Projektför-
derrahmen fortgeführt werden soll. Denn
das führt ja wieder zum Kampf um die be-
rühmten Drittmittel, die dann unter Um-
ständen später durch die Grundfinanzie-
rung nicht verstetigt werden können. Oder
was soll bewusst auch mit institutionel-
ler Unterstützung, also Grundfinanzierung
in die Hochschulen und punktuell auch in
den außeruniversitären Bereich fließen,
um dann eine Kooperation auf Augenhöhe
zu sichern? Denn die Schere bei der Aus-
stattung der Hochschulen und außeruni-
versitären Forschungseinrichtungen ist
zwar vorhanden, gleichzeitig nehmen aber
die Kooperationen zwischen den Partnern
deutlich zu.
| 55

image
56 |
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Wenn Sie, Frau Schücking, die Frage mit
den intelligenten Strukturen in Sachsen in
den Raum stellen, dann bin ich gerne da-
bei, wenn wir gute Ideen haben. Ich habe
Herrn Strohschneider noch etwas anders
verstanden. Zum einen müssen wir sicher
schauen, was können wir in Sachsen ma-
chen. Aber er hat auch gesagt, wir haben
ein Strukturproblem in Deutschland. Es ist
eine ganze Reihe von Punkten zwischen
den Finanzierungssystemen, die wir ja im
Zusammenhang sehen müssen, nicht auf
Landesebene alleine zu klären. Wir müssen
das Problem über die Möglichkeiten des
neuen Grundgesetzartikels 91b mit dem
Bund gemeinsam klären. Das gilt auch für
Fragen nach dauerhafter Finanzierung,
neuen Strukturen innerhalb der Hoch-
schulen und auch der außeruniversitären
Forschungseinrichtungen.
Es gibt seit Jahren eine Diskussion, ob wir
bei den außeruniversitären Forschungs-
einrichtungen grundsätzlich zu einem an-
deren Finanzierungssystem kommen, als
das heute der Fall ist. Es ist im Zusam-
menhang mit neuen Finanzierungsstruk-
turen zwischen Bund und Ländern auch
mal überlegt worden, ob nicht der Bund
die Finanzierung der Forschungseinrich-
tungen von Helmholtz, Leibniz und Fraun-
hofer übernimmt und die Länder dann bei
der Finanzierung der Hochschulen Struk-
turen übernehmen. Das ist im Moment
leider vollkommen aus dem Blickfeld ge-
rückt.
Also: Ja, wir müssen erst im Land selber
schauen und da sind wir für jede Anre-
gung dankbar. Wir sollten jetzt nur nicht
das Spiel „die da oben, wir da unten“
spielen. Das ist auch ein ausdrückliches
Angebot. Sondern wenn, dann müssen
wir Strukturveränderungen gemeinsam
auf den Weg bringen. Aber die größe-
re Aufgabe sehe ich jetzt in den nächsten
Monaten in der Tat zwischen Bund und
Ländern, über neue Strukturfragen zu re-
den. Und damit auch zu Freiheiten in der
Finanzierung zu kommen. Und dann ha-
ben wir natürlich im Land ein Problem,
weil wir dann dafür sorgen müssen, dass
die frei werdenden Mittel auch im Land

| 57
bleiben für den Hochschulbereich. Also
wir haben es jetzt bei den Bafög-Mitteln
geschafft. Bei den frei gewordenen For-
schungsmitteln sind wir nicht ganz auf
einem so guten Weg. Das müssen wir aber
in den nächsten Jahren lösen.
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Aber ist es nicht nur die eine Seite, wenn
man neue Strukturen findet, indem man
den Bund in dauerhafte Finanzierungsver-
antwortung nimmt? Es kann ja aber auch
auf Landesebene Möglichkeiten geben.
Jede Dynamisierung bedeutet natürlich
auch immer, dass irgendwo was wegge-
nommen wird, um es dann woanders hin
zu geben. Lässt sich das auf Landesebene
ein bisschen konkreter darstellen? Könnte
man zum Beispiel eine 100 Prozent-
Finanzierung sogar institutionell als Grund-
lage nehmen, um innerhalb der Universität
auch mit den Studiengängen unterschied-
lich umzugehen?
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Wir haben eine Reihe von Steuerungs-
instrumenten in der Hochschulentwick-
lungsplanung. Aber wir müssen jetzt
auch darüber reden, ob diese Steuerungs-
instrumente sachdienlich sind. Die Hoch-
schulen bekommen im Rahmen der Zu-
schussvereinbarung auf der einen Seite
ein Grundbudget, auf der anderen Seite
ein Innovationsbudget. Ist das wirklich ein
Anreizsystem? Dann haben wir noch die
Bafög-Mittel. Damit gibt es mehr Spiel-
räume, ohne dass gleich wieder der Ver-
teilungskampf an den Hochschulen aus-
bricht. Aber wir müssen über die Faktoren
reden, nach denen wir die Hochschulen
finanzieren. Die sind nicht in jedem Fall
gleich anwendbar. Zum Beispiel die Aus-
lastung: Natürlich klingt es gut, wenn ei-
ne Hochschule zu hundert Prozent oder
zu hundertzwanzig Prozent ausgelastet
ist. Aber was ist mit einem Studienfach,
das für die Universität dringend notwen-
dig, aber nur zu sechzig Prozent ausgelas-
tet ist? Die Universität kann man nicht be-
strafen, dass sie dieses Fach nicht zu hun-
dert Prozent auslastet. Man kann auch
nicht sagen, macht diesen Studiengang zu,
weil er zwingend notwendig für die Struk-
tur dieser Universität ist.
Wir haben ganz aktuell das Thema
Kleine Fächer, das wir lösen müssen im
Rahmen dieser Hochschulentwicklungs-
planung. Wie gehen wir effektiver mit
den Kleinen Fächern um, mit der Struk-
tur der Kleinen Fächer, die ja eine enor-
me Personallast für eine Universität dar-
stellt und auch auf Bundesebene nach
wie vor nicht gelöst ist. Muss man Kleine
Fächer anders behandeln? Eine Abstim-
mung zwischen den Hochschulstandorten
bundesweit haben wir bisher nicht voll-
ständig erreicht. Zwar macht das die
Uni Leipzig ungeheuer attraktiv, aber
auf der anderen Seite ist das auch eine

image
58 |
Personallast, die da existiert und dafür
kann ich jetzt aber die Uni nicht bestrafen
und ich will ja, dass sie die Kleinen Fächer
hat. Wir wissen, dass wir das, was wir bis-
her ein paar Jahre lang ausprobiert haben,
auf den Prüfstand stellen müssen. Wir
müssen mit den Hochschulen gemein-
sam nach neuen Steuerungsmöglichkei-
ten, nach neuen Steuerungswegen su-
chen. Die müssen auch hochschuladäquat
sein und nicht nur dem bloßen Steuern
dienen.
Holger Mann
Mitglied des Sächsischen Landtages, SPD
Holger Mann
Mitglied des Sächsischen Landtages, SPD
Bisher hat sich die Diskussion ja stark in
Richtung Bund fokussiert und ich glau-
be, die Aufgabe ist klar geworden: Wenn
es jetzt eine neue Runde der Pakte gibt,
insbesondere der Exzellenzinitiative, soll-
ten wir darauf achten, dass die Universität
nicht weiter ausgehöhlt wird. Man soll-
te einen neuen Pakt so gestalten, dass es
dann einen stärkeren Ausgleich gibt, weil
es sonst dem Gesamtsystem schadet. Ich
möchte auch noch mal das Feld öffnen für
die Fragen, die wir hier vor Ort klären müs-
sen. Gern mit Hilfe des Bundes, oder viel-
leicht auch im Dialog mit andern Bundes-
ländern und Bundesforschungsgesell-
schaften. Mir fallen dabei drei Themen ein.
Das Eine ist das Spannungsfeld zwischen
den unterschiedlichen Typen im tertiären
Sektor der Hochschulen. Es gibt drei Ty-
pen, eigentlich kann man mit dem Bache-
lorstudium an der Berufsakademie auch
sagen vier Hochschultypen. Diese haben
richtigerweise sehr unterschiedliche Profi-
le. Und sie haben ein gemeinsames Inter-
esse: Sie wollen das beste Personal haben.
Wie schaffen wir es aber, diesen Wider-
spruch ein Stück weit aufzulösen? Wel-
che Modelle gibt es bei der Rekrutierung
und insbesondere Ausbildung von wissen-
schaftlichem Nachwuchs, um diesen Inter-
essen Genüge zu tun.
Mein zweites Thema ist die Situation der
Fachhochschulen. Wir haben in der Bun-
desrepublik historisch gesehen einen
schwierigen Kampf dieser Institutionen,
die bei uns jetzt Hochschulen für ange-
wandte Wissenschaften heißen. Das liegt
hier in Sachsen auch an der besonderen
Situation, ob der Grenzlage und der demo-

image
| 59
grafischen Entwicklung, dass diese Hoch-
schulen in den nächsten Jahren vor Her-
ausforderungen stehen werden, neue Stu-
dierende zu finden. Wir haben ja eben
keine doppelten Abiturjahrgänge mehr
und hatten in den Regionen zudem ei-
ne absinkende Geburtenrate. Es stehen die
Fragen: Wie steuern wir aus, dass in die-
sen Regionen nicht die ganz großen Struk-
turfragen aufkommen? Wie schafft man
Dialog, Ausgleich und Kooperation zwi-
schen Universität und Fachhochschule?
Ich weiß, dass es hier schon Regionen in
Sachsen gibt, wo Universitäten mit Fach-
hochschulen sehr gut kooperieren, indem
sie sich strukturell, oder zumindest stra-
tegisch gemeinsam aufstellen. Sie klären,
wer stärker den Part Bachelorausbildung
übernimmt, damit werden dann speziali-
sierte Masterstudiengänge verknüpft.
Mein drittes Thema kam zwar auch schon
zur Sprache. Ich würde es aber noch mal
aufgreifen: die sogenannten Kleinen Fä-
cher. Deren Situation an den Hochschulen
ist auf Bundesebene mehrfach diskutiert
worden. Wir haben aber verdammt wenig
Zeit und ich bin mir nicht sicher, wie lan-
ge der Berg noch kreißen wird, bevor er ei-
ne Idee gebärt. Aber wir können diese Fra-
ge auch bei uns, also regional klären. Dar-
an ist im Übrigen nicht nur die Universität
Leipzig interessiert, sondern mindestens
die TU Dresden und einige andere. Wir soll-
ten dabei aber zumindest die Hochschulen
in unseren beiden Nachbarländern Thürin-
gen und Sachsen-Anhalt mit einbeziehen.
Ich erwarte dazu heute keine abschließen-
den Antworten, ich möchte nur gerne den
Horizont für diese drei Themen weiten.
Dr. Stephan Rohde,
Abteilungsleiter 2 Sächsische
Staatskanzlei,
Axel Bergmann,
Leiter des Leitungsstabs
im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft
und Kunst,
Dr. Ronald Werner,
Leiter der Abteilung
Hochschulen im Sächsischen Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst (von links nach rechts)
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Ich möchte zu den bereits angesprochenen
Fachhochschulen noch die Berufsakade-
mie mit dazu nehmen, auch wenn sie noch
mal einen anderen Status hat. Wir müs-
sen wirklich im Rahmen der Diskussion
um die Hochschulentwicklungsplanung
darüber nachdenken, wie wir vor allem
diejenigen Standorte in den nächsten
Jahren weiterentwickeln und stabilisieren,
die eben nicht in Dresden und in Leipzig
sind. Denn in Dresden und Leipzig gibt es
die geringsten Probleme. Es ist in Sach-
sen seit Anfang der neunziger Jahre, also
seit Entstehung der Fachhochschulen, ein

image
60 |
mehr oder weniger ungeschriebenes Ge-
setz, dass Fachhochschulen bei uns auch
Forschung betreiben. Sie sind eben nicht
nur im Bereich der Lehre tätig, sondern
haben auch in der Forschung profilierte
Bereiche und bekommen dafür auch zu-
sätzliche Mittel, die wir jedes Mal wieder
hart erkämpfen müssen.
Gespannt verfolgten die Rektoren, Kanzler und Landespolitiker wie
Annekatrin Klepsch
(Mitte)
von der Landtagsfraktion der Linken Vorträge und Diskussion.
Nun steht die Frage, ob wir dieses Grund-
verständnis der Fachhochschule – jenseits
der Frage des Promotionsrecht – wirklich
anerkennen? Sollen die Fachhochschulen
in ihrem Budget einen Anteil haben für
Forschung, um in die Lage versetzt wer-
den, sich aktiv um Drittmittel zu bewer-
ben. Das passiert ja jetzt auch schon. Aber
fast noch wichtiger, ob sie Drittmittel ein-
werben, ist für mich die Frage, ob wir die-
ses Forschungsstandbein pflegen, weiter-
entwickeln und weiter profilieren wollen?
Wollen wir dieses Geld den Fachhoch-
schulen grundsätzlich im Grundbudget zur
Verfügung stellen, damit sie auch die
Möglichkeit haben, etwa wissenschaftliche
Mitarbeiterstellen zu schaffen? Wir brau-
chen bei dem Thema Sicherheit.
Gleiches gilt für das kooperative Promoti-
onsrecht. Das funktioniert bis zum gewis-
sen Grad ganz gut. Es gibt aber auch im-
mer wieder die Ausreißer, wo es nicht geht.
Man kann einen Hochschullehrer an ei-
ner Universität aber eben nicht verpflich-
ten, eine Promotion anzunehmen. Aber
im Grundsatz klappt es ja. Wenn die Pro-
movenden trotzdem nicht zum Ziel kom-
men, liegt es oft daran, dass schlicht und
ergreifend das Projekt endet. Ich würde
gern für Stabilität sorgen, weil das für die
Hochschulen wichtig ist. Die haben in der
Region noch mal eine andere Rolle, als

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| 61
internationale Forschung voranzutreiben.
Sie haben eine ganz entscheidende Bedeu-
tung für die Wirtschaftskraft, für die Inno-
vationskraft einer Region.
Beim Thema Kleine Fächer werden wir im
Rahmen der Hochschulentwicklungspla-
nung nicht den idealen Lösungsweg fin-
den. Es hat sich auch mittlerweile eine
ganze Menge auf Bundesebene entwickelt.
Wir müssen mit den anderen, zumindest
mit unseren benachbarten Bundeslän-
dern, noch stärker ins Gespräch kommen.
Mir wäre es auch wichtig, wenn wir sagen
könnten, dass sich das Land für die Kleinen
Fächer stärker verantwortlich fühlt. Las-
sen Sie mich ein Beispiel aus Nordrhein-
Westfalen in den 90er Jahren anfüh-
ren: Alle Hochschulen verabschiedeten
sich plötzlich irgendwie von der Roma-
nistik, weil die nicht mehr attraktiv war.
Das hat sich bei mir tief eingeprägt, denn
das Thema „Autonomie der Hochschule“
kann in der Tat dazu führen, dass die
Hochschulen irgendwann sagen: „Das ist
jetzt nicht mehr attraktiv und das strei-
chen wir jetzt“. Da muss das Land stär-
ker in die Verpflichtung gehen und ge-
meinsam mit den Hochschulen einen
Blick auf die Kleinen Fächer haben. In die-
sem Punkt ist vielleicht auch das Thema
Hochschulautonomie etwas anders auszu-
balancieren, um dieser Gefahr entgegenzu-
wirken, solange wir nicht eine bundesein-
heitliche Regelung gefunden haben dafür.
Prof. Dr.-Ing. Eckhard Beyer
Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und
Strahltechnik IWS Dresden und Kurator der Palucca
Hochschule für Tanz Dresden
Prof. Dr.-Ing. Eckhard Beyer
Leiter des Fraunhofer-Instituts für
Werkstoff- und Strahltechnik IWS
Dresden und Kurator der Palucca
Hochschule für Tanz Dresden
Ich möchte auf zwei Punkte eingehen. Die
Ministerin hat gesagt: „Was liefert die Wis-
senschaft für die Wirtschaft?“ Auch Herr
Strohschneider hat ausführlich betont, dass
wir Differenzierung, Spezialisierung und
Prioritätensetzung brauchen. Aber nicht alle
Kriterien sind für alle Hochschulen glei-
chermaßen anwendbar. Wir haben ja auch
Kunsthochschulen. Es ist also wichtig, dass
wir nicht alle über einen Kamm scheren.
Zum anderen möchte ich dafür plädieren,
dass wir die Ausbildung an unseren Hoch-
schulen etwas breiter denken und nicht zu

image
62 |
sehr differenzieren. Das muss aber von der
Politik vorgegeben werden, sonst gehen alle
Hochschulen in die Richtung, die ihnen
nützt. Ich meine, die Ausbildung kann ei-
gentlich gar nicht breit genug sein, denn es
gilt doch eigentlich der Slogan „Wir bilden
Menschen aus“, nicht „nur Experten“.
Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die Aus-
gangssituation nutzen und die richti-
gen Entscheidungen treffen. Wir haben
jetzt hier im Lande einen Status, an dem
wir keine Stellen mehr abbauen müssen.
Das ist ein gutes Niveau. Darauf lässt sich
aufbauen. Doch über der heutigen Veran-
staltung steht der Titel: „Sachsens Hoch-
schulen im Jahr 2025”. Wenn wir aber so
weiteraufbauen wie bisher, möchte ich
keine Prognose abgeben, wo wir 2025 ste-
hen. Denn es reicht ja nicht, dass wir bes-
ser werden; noch ein bisschen besser wer-
den. Ich muss gucken, was um mich her-
um passiert. Wenn Sie zum Beispiel einen
Trabi immer weiter verbessern und nicht
sehen, dass es da einen VW daneben gibt,
der viel schneller wächst, haben Sie ein
Problem. Wenn wir immer ein Stückchen
besser werden, reicht das überhaupt nicht.
Wir müssen besser als andere werden. Die
anderen wachsen zum Teil viel schnel-
ler. Man muss nur mal in den Süden von
Deutschland schauen, wie das Wissen-
schaftssystem da gepusht wird mit Geld.
Dann reicht es nicht, dass wir ein bisschen
besser werden. Dann fallen wir nämlich
gleichzeitig weiter zurück. Wir müssen
entweder Schritt halten oder versuchen,
besser zu werden als andere. Aber das
werden wir wahrscheinlich im Land nicht
durchhalten auf der ganzen Breite und
da ist die Differenzierung dann vielleicht
doch angemessen. Das wollte ich als An-
regung geben.
Prof. Dr. Beate Schücking
Rektorin der Universität Leipzig
Nur kurz noch mal zum Thema Kleine
Fächer, damit da keine Missverständnisse
entstehen. Das sind ja gerade keine Fächer

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| 63
mit großen personellen Lasten. Das sind Bündnisse. Darin könnte ich mir durchaus
Kleine Fächer mit ganz wenigen Mitarbei-
eine Zukunft vorstellen. Dass man ein Klei-
tern, die jeweils eine große Breite abde- nes Fach wie die Musikwissenschaft lan-
cken. Und weil das so ist, versuchen wir, desweit abstimmt und sagt, das werden
und das ist eben auch ein Missverständ- wir in verschiedenen Standorten brauchen,
nis mit dem ich öfter schon mal konfron- aber vielleicht kann an einem Standort
tiert war, auch in Zusammenarbeit mit an- eine Weile vielleicht eine Junior-Professur
deren Hochschulen, nicht unbedingt da- eingesetzt werden und die Standorte un-
rauf hinzuwirken, diejenigen für die eine tereinander verbundfähig machen. Dann
license-to-kill bestehen könnte, irgend- wären wir einen qualitativen Schritt weiter,
wie zu beseitigen, wenn das demografisch
als wir im Moment sind und das versuchen
gerade geht. Stattdessen brauchen wir wir in Mitteldeutschland mit den Nachbar-

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64 |
universitäten auch über die Landesgren-
zen hinaus. Das ist natürlich ein Prozess.
Aber unter der Maßgabe, sie abzubauen
oder nur zu sagen: Wenn wir das eine
haben, brauchen wir das andere nicht,
dann ist die Verbundfähigkeit ganz schnell
wieder dahin. Denn es ist immer wieder
die Frage: Was ist die kritische Masse, die
dazu insgesamt notwendig ist?
Dr. Werner Barlmeyer
Vorsitzender des Hochschulrates, Hochschule für Musik
Carl Maria von Weber Dresden (bis 9. Juni 2015)
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Wir brauchen bei manchen Fächern
Schwerpunktbildung und müssen dafür
auch noch eine kritische Masse hinbe-
kommen, damit die Standorte sowohl für
die Studenten, als auch für die Forschung
attraktiv bleiben. Die Schwerpunktbil-
dung darf nicht dazu führen, dass sie an

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| 65
einer Hochschule als Verlust wahrgenom-
men wird oder als eine Kürzung. In der
Sache muss sich ein Mehrwert ergeben,
der von allen Beteiligten auch als solcher
anerkannt wird. Und wir sind jetzt in ei-
nem Stadium, in dem es nicht mehr um
Kürzungspolitik geht, in dem wir das ge-
meinsam hinbekommen könnten.
Sie haben ganz recht Herr Prof. Beyer, wir
müssen nicht nur weitermachen und sta-
bil sein, sondern wir müssen besser sein
als andere. Das sagt sich aber ganz leicht.
Es ist nur die Frage, wie wir genau diese
Herausforderung bewältigen. Deswegen
sitzen wir ja auch heute hier. Nun kommt
es darauf an, wie viele Ideen wir jetzt auch
einbringen in die Hochschulentwicklungs-
planung, wie nutzen wir also die Offenheit?
Was ist es mehr in den nächsten Jahren?
Prof. Dr. Swantje Heischkel,
Kanzlerin an der Hoch-
schule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (links)
und Rektorin
Prof. Dr. Gesine Grande
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Wir fragen uns ja auch nach dem Verhält-
nis von Wissenschaft und Wirtschaft. Ich
möchte nun gleich in die Runde fragen:
Wie sehen Sie sich in Ihrer speziellen
Situation auf Anforderungen der Wirt-
schaft etwa an das Curriculum, an die
Schnittstelle zwischen dualer Ausbildung
und Weiterqualifizierung im akademischen
Bereich eingestellt? Passt das von Herrn
Straub Gehörte zu Ihren Anforderungen
und Perspektiven? Was müsste Ihrer Mei-
nung nach passieren, damit diese Probleme
gelöst werden können? Stoßen Sie gege-
benenfalls an gewisse Grenzen?

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66 |
Prof. Klaus Raps
Stellvertretender Vorsitzender des Hochschulrates
der TU Dresden
Prof. Klaus Raps
Stellvertretender Vorsitzender
des Hochschulrates der TU Dresden
Herr Straub, man muss Ihnen gratulie-
ren. Was Sie heute präsentiert haben, ist
ein Beispiel dafür, warum die deutsche
Wirtschaft so gut funktioniert. Aus vor-
erst mittelständischen, handwerklich ori-
entierten Betrieben entwickeln sich welt-
weit operierende Unternehmen, die mit
Ingenieursleistungen auf dem Weltmarkt
glänzen und sich gegenüber der Konkur-
renz behaupten. Wir können hier Paralle-
len zu anderen Bundesländern ziehen, die
in der Vergangenheit vielleicht schnel-
ler waren. Baden-Württemberg oder Bay-
ern, wo in kleinen Ortschaften, die hand-
werklich geprägt waren, Industrien ent-
standen sind, die weltweit tätig sind und
einen immensen Bedarf an hochausge-
bildeten Mitarbeitern haben. Jedoch sehe
ich nur, dass der von den Berufsakademi-
en gedeckt wird. Auch der Universitätsab-
schluss ist bei wachsenden Unternehmen
stets verlangt. Ein hoher Grad an qualifi-
zierter universitärer Ausbildung ist Basis
für die innovative Entwicklung von Unter-
nehmen. Von daher kann ich Sie dabei nur
unterstützen. Ich glaube, was sie jetzt an-
gestoßen haben, ist etwas, was die säch-
sische Hochschullandschaft prägen muss,
was im Umkehrschluss die Wirtschaft im-
mer weiter vorantreiben und weiterent-
wickeln wird. Vielen Dank für Ihre Ausfüh-
rungen.
Karl-Heinz Herfort
Leitung der Hauptabteilung Berufs-
bildung der Handwerkskammer Dresden
Wenn Herr Straub von der Lehrausbildung
in seinem Betrieb spricht, dann gibt es na-
türlich Anknüpfungspunkte für die Kolle-
gen im Hochschulbereich. Wir stehen vor
der existenziellen Frage der Aufrechterhal-
tung der dualen Ausbildung. Es muss gelin-
gen, den altersbedingten Abgang von Fach-
lehrern an den Beruflichen Schulzentren
bis 2020 und darüber hinaus, insbesondere
im gewerblich-technischen Bereich, zu er-
setzen. Gerade in den Bereichen Bautech-
nik, Elektrotechnik, Metalltechnik und Nah-
rungsmitteltechnik besteht auf Grund zahl-
reicher Abgänge akuter Handlungsbedarf.
Ich lade Sie alle herzlich ein, gemeinsam
im Verbund mit der Wirtschaft eine Offen-
sive für die Sicherstellung des Lehrernach-
wuchses an den Beruflichen Schulzentren
zu starten. Der Beruf muss attraktiv auf-
gestellt und beworben werden, damit sich
junge Leute zum Studium für das Lehramt
an berufsbildenden Schulen entscheiden.
Wir müssen uns auch die Frage stellen:

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| 67
Bilden wir bedarfsgerecht Lehrer aus? Und
wenn ich für die berufliche Bildung stehe,
dann muss ich leider zu dem Fazit kom-
men, dass dies für den gewerblich-techni-
schen Bereich überhaupt nicht der Fall ist!
Unterm Strich kann ich dazu nur sagen: Es
zeichnet sich eine katastrophale Lage ab!
Insofern bitte ich Sie, gemeinsam mit uns
einen gewiss nicht leichten Weg in Angriff
zu nehmen. Die Instrumente, die bisher
eingerichtet worden sind, um die Lehrer-
ausbildung zu forcieren, müssen evaluiert
werden. Es ist Zeit, über neue Instrumente
und Verfahren nachzudenken, damit den
Herausforderungen bei der Lehrernach-
wuchsgewinnung speziell für den berufs-
bildenden Bereich entsprochen werden
kann. Wenn wir das im Schulterschluss
anpacken, dann haben wir eine Chance,
diese Klippe zu nehmen – auch wenn die
Zeit schon sehr weit vorangeschritten ist.
Das ist der erste Punkt, der mich bewegt.
Der zweite Punkt ist: Was machen wir in
Zukunft mit den vielen jungen Leuten an
den Hochschulen und Universitäten, die
sich im Laufe ihres Studiums für eine an-
dere Perspektive entscheiden möchten?
Die Wirtschaft ist bereit, sie aufzunehmen
und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.
Auch das können wir am besten gemein-
sam angehen. Es gibt bereits erste Koope-
rationen mit Hochschulen und dem Stu-
dentenwerk mit dem Ziel, Studienausstei-
ger aufzufangen und möglichst schnell in
die duale Ausbildung zu integrieren. Diese
Ansätze verdienen es, weiter professionell
ausgestaltet und in die Fläche gebracht zu
werden. Deshalb möchte ich einen ganz
praktischen Vorschlag machen. Wir sollten
dafür eine Fach- und Koordinierungsstelle –
gern bei der Handwerkskammer Dresden –
einrichten.
Auch müssen wir uns gemeinsam fragen:
Wie gestalten wir künftig das Verhältnis
von beruflicher und akademischer Bildung –
was tun wir für die funktionale Balance
zwischen beiden Bildungsbereichen? Not-
wendig ist, dass Jugendliche bei der Wahl
eines Ausbildungsweges unterstützt wer-
den, der zu ihren Fähigkeiten und Interes-
sen tatsächlich passt. Ebenso müssen die
Bedarfe der Wirtschaft stärker in den Blick
genommen werden. Schließlich wissen wir
alle um die Auswirkungen von Fehlallokati-
onen: Sie kosten sowohl dem Einzelnen als
auch der Gesellschaft jede Menge Zeit und
Geld!
Karl-Heinz Herfort
Leitung der Hauptabteilung Berufsbildung
der Handwerkskammer Dresden
Prof. Dr. Arnold van Zyl
Rektor der TU Chemnitz
Herr Straub, vielen Dank! Was Sie beschrie-
ben haben, steht exemplarisch für den

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68 |
modernen Bildungsauftrag der technischen
Universität. Um diese Komplexität einzu-
fangen: Ingenieurwissenschaften, Wirt-
schaftswissenschaften, aber auch interkul-
turelle, die Sprach- und Kommunikations-
wissenschaften, um das alles zusammen-
zubinden – haben wir „Hybrid-Studien-
gänge“ etabliert, wie z. B. die Studiengänge
Sensorik und Kognitive Psychologie oder
Wirtschaftsingenieurwesen. Das Landes-
statistikamt erkennt jedoch solche Studi-
engänge nicht als MINT-Fächer an.
Prof. Dr. Arnold van Zyl,
Rektor der TU Chemnitz
(rechts), neben ihm:
Prof. Dr. Gunter Krautheim,
Rektor der Westsächsischen Hochschule Zwickau
Felix Ramberg
Koordinierungsbeauftragter der Konferenz Sächsischer
Studierendenschaften
Felix Ramberg
Koordinierungsbeauftragter der Konferenz
Sächsischer Studierendenschaften
Ich möchte mich äußern zur Thema-
tik „Qualität in der Lehre“, welche leider
an vielen Hochschulstandorten noch Luft
nach oben hat. Deshalb freut es mich sehr,
dass Frau Staatsministerin Stange am An-
fang ihrer Rede das Hochschuldidaktische
Zentrum erwähnt hat und dieses stärken
möchte. Didaktische Innovationen sind
notwendig, um die Verknüpfung zwischen
Hochschule und Wirtschaft erfolgreich zu
gestalten. Herr Straub spricht in seiner Re-
de von der Qualität der Teamfähigkeit. Die
zentrale Frage ist, wie kann man Team-
fähigkeit und soziales Verhalten lehren.
Herr Strohschneider appelliert in seiner
Rede für Strukturveränderungen in diesem
Bereich. Ein Beispiel wäre die Stärkung
des Teilzeitstudiums. So könnten Unter-
nehmen, wie dieses von Herr Straub, seine
Mitarbeiter an Hochschulstandorte weiter-
leiten. Dort könnten sie an Fort- und Wei-
terbildungsmaßnahmen teilnehmen und
es wird gleichzeitig den Studierenden er-
möglicht, solche praxisnahen Einrichtun-
gen zu fördern.
Das Teilzeitstudium ist bis jetzt in Sachsen
leider noch sehr unterentwickelt, was die
praktische Ausführung an den Hochschul-
standorten angeht. Aus Sicht der KSS wür-
den die Hochschulen mehr Anreize benö-

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| 69
tigen. Gleichzeitig sehen wir einfach auch
eine zu enge Verzahnung von Wirtschaft
und Hochschule. Man muss sich fragen:
Wie frei ist Lehre und Forschung, wenn ich
in der Volkswagen-Bibliothek sitze und ein
Stiftungsprofessur von der Automobilin-
dustrie, als auch von Volkswagen habe.
Prof. Dr. Ludwig Hilmer
Rektor der Hochschule Mittweida
Prof. Dr. Ludwig Hilmer
Rektor der Hochschule Mittweida
Ich spreche für Dresden, Görlitz/Zittau,
Leipzig, Mittweida und Zwickau, konkret
für den Exzellenzbereich der angewandten
Wissenschaften. Die genannten Hochschu-
len für angewandte Wissenschaften haben
sich auf eine gemeinsame Stellungnah-
me geeinigt. Wir haben uns sehr gefreut
über diese Veranstaltung. Die sächsischen
Hochschulen für angewandte Wissen-
schaften (HAW) begrüßen die Neuausrich-
tung der Hochschul- und Hochschulstruk-
turpolitik im Freistaat, die mit der Abkehr
vom Stellenabbau ab 2017 eine zukunfts-
weisende Perspektive erhalten hat.
Die HAW bieten ihre konstruktive Teilnah-
me am Prozess der Hochschulentwick-
lung an. Wir würdigen die Bereitschaft
des Freistaates zu langfristigen Verein-
barungen mit den Hochschulen und sind
aufgeschlossen für einen aktiven, offe-
nen und gleichberechtigten Dialog. Die
HAW verstehen sich als wichtige Säu-
le in einem Gesamtangebot der sächsi-
schen Hochschullandschaft. Sie bieten
ein leistungsstarkes und landesweit ab-
gestimmtes Studien-, Forschungs- und
Transferangebot sowohl unter der Per-
spektive ihres Hochschultyps als auch
der Gesamtheit aller Hochschulen sowie
Studien- und Forschungseinrichtungen.
Alle Hochschulen zeichnen sich darü-
ber hinaus durch besondere Profillinien
mit nationaler und internationaler Aus-
strahlung aus. Hochschulautonomie und
wirtschaftliche Selbstverantwortung sind
Erfolgsfaktoren leistungsstarker Hoch-
schulen. Die HAW sind grundsätzlich ge-
genüber Leistungskomponenten in ihrer
Finanzierung aufgeschlossen. Konkurrie-
rende Projektwettbewerbe bergen jedoch
die Gefahr von Fehlallokationen zu Las-
ten der Grundfinanzierung. Mindestens die
Praxis der Drei-Säulen-Budgetierung ist
kritisch zu prüfen und das Modell entspre-
chend zu aktualisieren.
Daueraufgaben müssen künftig auch mit
Dauerstellen anstatt mit kurzfristigen Pro-
jektstellen besetzt werden können. Zielver-
einbarungen sollten keine Bestrafungsmo-
delle sein, sondern Anreize für Innovatio-
nen und nachhaltige Profilierung enthalten.

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70 |
„Wir bilden Menschen aus, nicht nur Experten“, betonte
Prof. Dr.-Ing. Eckhard Beyer,
Leiter des Fraunhofer-
Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik IWS Dresden und Kurator der Palucca Hochschule für Tanz Dresden.
Der Hochschultyp HAW erfreut sich bun-
desweit wachsender Wertschätzung und
sollte noch vor wenigen Jahren bis zu 40
Prozent Anteil an den Studienangeboten
einzelner Länder erreichen. Mit ihrem Cha-
rakter als Einrichtungen der angewand-
ten Wissenschaften entsprechen sie der
Wirtschaftsstruktur, der Fachkräftestrate-
gie und dem besonderen Bildungsauftrag
im Freistaat Sachsen. Derzeit spiegelt sich
dies in der Aufteilung der Studierenden un-
ter den Hochschularten nicht wider. In Ver-
bindung mit der geplanten Absenkung der
sächsischen Studienplätze sollte der relati-
ve Anteil der HAW, der in den vergangenen
Jahren gesunken ist, wieder erhöht werden.
Die HAW erfüllen ihren gesetzlichen Auf-
trag zur angewandten Forschung auch
künftig effizient, innovativ und in enger
Kooperation mit der sächsischen Wirt-
schaft. Mittlerweile wird jedoch immer
deutlicher, welche Potenziale die HAW ver-
schenken, weil sie eine ungenügende inf-
rastrukturelle Grundabsicherung im Lan-
deshaushalt besitzen. Erfolgsgaranten ei-
ner nachhaltigen Forschungstätigkeit wie
professionelle Einwerbung, Management
und Transfer sind gefährdet. Die HAW be-
nötigen deshalb nach dem aktuellen Vor-
bild anderer Vereinbarungen zwischen
bundesdeutschen Ländern und Hochschu-
len eine Grundausstattung im Haushalt.
In diesem Zusammenhang ist darauf zu
verweisen, dass die Zuwendung von pro-
jektbezogenen Landesmitteln für die For-
schung an die HAW in den vergange-
nen Jahren mit einer eindrucksvollen po-
sitiven Bilanz verbunden ist. Neben den
Primärergebnissen führt die Landesförde-
rung regelmäßig zu Anschub- und Multi-

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| 71
plikationseffekten auf Drittmittel ande-
rer Träger in zweistelliger Millionenhöhe
und zu hunderten von Beschäftigen al-
lein an den HAW. Dies wird im Freistaat
dringend benötigt, damit die Hochschu-
len und Forschungseinrichtungen wenigs-
tens zum Teil das ostdeutsche Forschungs-
defizit im privatwirtschaftlichen Bereich
kompensieren können. Die HAW müssen
ihrer Verantwortung für die Förderung des
wissenschaftlichen Nachwuchses gerecht
werden. Dies gilt für die jungen Menschen,
die im Rahmen der Forschung an den Hoch-
schulen arbeiten und ebenso für die Gene-
rierung eines eigenen Nachwuchses, beson-
ders in den HAW-spezifischen Disziplinen,
die an den Universitäten nicht angeboten
werden. Dafür sind besondere Konzepte zur
Personalentwicklung und Nachwuchsförde-
rung an den HAW zu entwickeln.
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Ich würde gerne versuchen, innerhalb des
Spektrums ein bisschen zu fokussieren. Ich
weiß, es gibt diese Probleme der Studieren-
denzahlen an Fachhochschulen, im Verhält-
nis zu denen an den Universitäten im Land.
Wie sehen die Erwartungen aus, durch
Wissenstransfer in beide Richtungen zur
wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen?
Welche Perspektiven können sich daraus
ergeben für die Beschäftigung? Das sind
ganz große Baustellen. Welchen Einfluss
hat die Wirtschaft tatsächlich auf die Ent-
wicklung von Curricula? Wie weit sind sie
da beteiligt? Ist das etwas, was entwick-
lungsbedürftig ist oder auch etwa schwie-
rig auf Seiten der Hochschulen?
Fritz Straub
Geschäftsführender Gesellschafter
der Deutschen Werkstätten Hellerau GmbH
Fritz Straub
Geschäftsführer der Deutschen
Werkstätten Hellerau GmbH
Ich kann dazu gern etwas aus der Praxis
berichten: Wir haben eine Kommunikations-
analyse mit dem Lehrstuhl für Architektur

72 |
durchgeführt. Wenn Sie zu uns kom-
men, dann werden Sie merken: Bei uns
ist Kommunikation die Grundvoraus-
setzung für unsere Arbeit. Das heißt,
wir haben das, was man fälschlicher-
weise mit Großraumbüro bezeichnet. Wir
haben uns einer Untersuchung des Ar-
chitekturlehrstuhls gestellt, welcher sich
die Frage stellte, ob Architektur Kommu-
nikation fördern kann? Dort sind wir als
Extremmodell aufgefallen und auch so be-
wertet worden. Wir entwickeln gerade ein
Kompetenzmodell, in dem wir unsere Auf-
gaben definieren und aus den Definitionen
unserer Aufgaben unsere Fähigkeiten ab-
leiten, die dann für unsere Aufgabenstel-
lungen notwendig sind. Unsere benötigten
Fähigkeiten wollen wir dann so behandeln,
dass wir feststellen können: Was wird in
diesem Projekt an Kompetenz gefordert?
Das ist dann natürlich auch die Basis für
die weitere Ausbildung und den Curricula
unserer Mitarbeiter. Wir haben auch eine
Arbeitsgruppe Wissen, Denken, & Handeln
mit Prof. Dr. Winfried Hacker und Thomas
Günther zusammengestellt.
Zu alldem muss ich anfügen: Das sind
immer unsere Initiativen gewesen. Das
heißt, wir haben uns folgende Fragen ge-
stellt: Was brauchen wir an Kenntnissen
und Wissen, wo könnten diese vorhan-
den sein? Dann hab ich mich in der Uni-
versität durchgefragt, um an den richti-
gen Lehrstuhl zu kommen. Ich muss sagen,
ich bin immer sehr freundlich empfangen
worden, und wir kamen dann sehr schnell
in praktische Aufgaben. Wenn die Univer-
sität uns angesprochen hat, war es immer
so: Wir haben ein Förderprogramm, und
wir brauchen einen Industriepartner. Wir
haben durchaus öfter gesagt: Dafür sind
wir nicht da, um euch die Steigbügel zu
halten. Wenn, dann muss es bei uns eine
wirkliche Aufgabe geben.
Aber was mich auch jetzt etwas nach Ih-
rem Beitrag erschreckt: Wir haben keine,
mit Ausnahme der Berufsakademien, Kon-
takte zu den Fachhochschulen. Da frage
ich mich: Warum kommen die Fachhoch-
schulen nicht mal auf uns zu? Wir sind
zwar ein Unternehmen, das exotisch ist.
Aber in vielen Fällen sind wir auch bei-
spielhaft für Kompetenzen, die nun häufig
gefordert werden. Im Übrigen glaube ich,
dass wir auf allen Ebenen des Bildungs-
systems zusammenarbeiten müssen. Wir
haben die Lehrlingsausbildung, um gute
Facharbeiter auszubilden. Wir müssen mit
den Berufsschulen zusammenarbeiten, mit
denen wir bis jetzt ganz schlechte Erfah-
rungen in Sachen Qualität gemacht haben.
Das Zweite: Wir haben die mittlere Ebene,
wo wir angewandte, praktische Ingenieure
brauchen, die unsere Werkplanungen ge-
stalten. Wir haben dann aber auch noch
andere Disziplinen: Architekt, Innenarchi-
tekt und Bauingenieur. Ebenso benötigen
wir die „weichen“ Disziplinen. Also die Ent-
wicklung von Projektmanagern, Entwick-
lung von Kooperations- und Integrations-
modellen. Da müssen wir verstärkt mit den
sozialen Disziplinen der Universitäten oder

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| 73
Fachhochschulen zusammenarbeiten. Be-
zogen auf unser Unternehmen, brauchen
wir wirklich den ganzen Bildungskomplex.
Ich möchte mich noch zum ersten Kom-
mentar äußern: Ja, wir vollziehen jetzt
in Sachsen mit 30 bis 40 Jahren Nach-
lauf das, was Baden-Württemberg oder
Bayern entwickelt haben. Wir sind jetzt
hier in Deutschland im Wettbewerb mit
den anderen Bundesländern, in dem wir
einen Mittelstand aufbauen, der innovativ
ist und der als Gerippe für die Wirtschaft
in Sachsen notwendig ist.
Prof. Sven Rzepka,
Abteilungsleiter Fraunhofer-
Institut für Elektronische Nanosysteme (ENAS) Chemnitz
Dr. Tim Metje,
Leiter des Büros der Hochschulleitung
HHL Graduate School of Management
Dr. Eva-Maria Stange
Sächsische Staatsministerin
für Wissenschaft und Kunst
Ich möchte mich auch noch herzlich bei
Herrn Straub bedanken. Ich habe das nicht
anders erwartet, da ich Ihr Unternehmen
kenne. Im Übrigen, die Hellerauer Schrank-
wände waren damals schon etwas ganz be-
sonderes. Der eine oder andere hat sie noch,
sie haben die Wende überstanden und wur-
den öfter auf- und abgebaut. Die Schrank-
wände sind so funktional und praktisch
gewesen, dass man sie in der Tat noch 30
Jahre später nutzen kann. Das spricht für
die Deutschen Werkstätten Hellerau.
Aber worum es mir eigentlich geht: Zum ei-
nen bin ich sehr dankbar für die Beschrei-
bung dessen, was wir benötigen. Da greife
ich auf das zurück, was vorhin mehrfach
angesprochen wurde. Wir müssen besser
sein als andere! Ziel ist es, Lösungen für
komplexe Aufgaben zu finden und nicht das
Gegeneinanderausspielen zwischen Dienst-
leistung und gewerblicher Produktion,

74 |
sondern das Kombinieren miteinander.
Noch wichtiger ist es aber, dass wir wirklich
den ganzen Menschen bilden. Menschen,
die in der Lage sind, nicht nur ihr eigenes
Spezialgebiet zu verstehen, sondern team-
fähig in nicht hierarchischen Systemen ar-
beiten und gemeinsam komplexe Lösungen
finden.
Wir haben einen Zielkonflikt: Wir haben
von Herrn Straub sehr richtig gehört, dass
wir Menschen aus den Segmenten der be-
ruflichen Ausbildung, aber auch Akademi-
kerinnen und Akademiker benötigen. Es ar-
beiten ja viele Ingenieure in Ihrem Betrieb,
welche über eine akademische Ausbildung
verfügen. Es geht bei der Nachwuchsge-
winnung bei den berufsbildenden Schulen
ja primär um den gewerblichen Bereich.
Wir brauchen Fachkräfte auch in diesem
Bereich. Das gilt sowohl für die akade-
mische Ausbildung der Berufsschullehrer
und Berufsschullehrerinnen, aber auch für
die Ingenieure auf der anderen Seite. Die-
sen Zielkonflikt werden wir nicht so ohne
weiteres auflösen. Wenn junge Menschen
sich entscheiden, aus dem Studium heraus
in die duale Berufsausbildung zu gehen,
dann ist das gut so. Wir brauchen wirklich
eine kreative Lösung, wie man gemeinsa-
me Strategien entwickelt, junge oder auch
ältere Menschen dazu zu bewegen, Be-
rufsschullehrerin oder Berufsschullehrer
zu werden.
Das ist ja nicht nur ein sächsisches Pro-
blem, das ist ein bundesweites Problem.
Ich sehe das genauso dramatisch, wie es
hier bereits beschrieben wurde. Das trifft
ja auch auf die MINT-Fächer in den all-
gemeinbildenden Schulen zu, wo es auch
Nachwuchsmangel zu beklagen gibt. Ich
möchte auch da gleich ein bisschen Was-
ser in den Wein gießen, denn es wird nicht
an der Tür der Hochschule entschieden, ob
wir jemanden gewinnen, in die Lehramts-
ausbildung für die Elektrotechnik zu gehen
oder doch lieber ein Studium in Geschichte
oder Germanistik aufzunehmen. Dieser
Prozess beginnt wesentlich früher. Nichts-
destotrotz sollten wir unbedingt gemein-
sam mit der Wirtschaft – auch mit dem
Kultusministerium, das für die Lehramts-
ausbildung mit zuständig ist – nach geeig-
neten Wegen suchen, wie wir mehr Men-
schen für den Bereich der Berufsschul-
lehrerausbildung gewinnen können. Der
Ball kann aber nicht nur in unser Feld der
Hochschulen geschossen werden – um es
mal bildlich auszudrücken.
Und noch ein weiterer Punkt ist mir
wichtig. Wir haben mit dem Bologna-
Prozess auf ein kompetenzorientiertes
Studium umgestellt. Insofern ist es dann
schon verwunderlich, wenn hier gesagt
wird, dass es keine Nachfrage gibt. Viel-
leicht ist das für den einen oder anderen
heute eine Anregung, nachzufragen, ob
man bei der Weiterentwicklung der Mo-
dule in den Hochschulen auch auf die
Nachfrageseite stärker zugeht. Und noch
ein Punkt: Wir müssen in der Verteilung
zwischen den Studierenden an den Uni-
versitäten einerseits und an den Hoch-

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| 75
schulen für angewandte Wissenschaf-
ten andererseits im Zuge der Hochschul-
entwicklungsplanung etwas tun. Es ist so,
dass sich auch durch den Segen der Hoch-
schulpaktmittel ab 2011 dieses Verhält-
nis weiter in Richtung der Universitä-
ten verschoben hat und nicht in Rich-
tung der Fachhochschulen. Da müssen
wir prüfen, wie und an welcher Stelle
wir etwas steuern können. Es ist nicht nur
sinnvoll, die Kapazitäten unserer ausge-
bauten Fachhochschulen auszuschöpfen.
Wir müssen auch eine Möglichkeit schaf-
fen, die Qualität in den Studiengängen, die
dort entstanden ist, weiter zu entwickeln.
Eileen Mägel
Leiterin Strategische Hochschulentwicklung und Kom-
munikation der Palucca Hochschule für Tanz Dresden
Eileen Mägel
Leiterin Strategische Hochschul-
entwicklung und Kommunikation der
Palucca Hochschule für Tanz Dresden
Ich habe lange überlegt, ob ich mich zu
Wort melde. Nachdem es jetzt so ein aus-
führliches Plädoyer für die sächsischen
Fachhochschulen gab, wollte ich doch da-
ran erinnern, dass zum Gefüge der sächsi-
schen Hochschullandschaft, bestehend aus
vierzehn staatlichen Hochschulen, auch
fünf Kunsthochschulen gehören. Ich bin
Herrn Straub wirklich sehr dankbar, dass
er den Fokus mehr auf die Qualität in der
Ausbildung, also auf die Inhalte und die
bedarfsgerechte Ausbildung gelenkt hat.
Wir (die Palucca Hochschule, Anm. d. Red)
sind ja „klein und teuer“, wie unsere Mi-
nisterin scherzhaft zu sagen pflegt. Und
wir müssen uns natürlich auch aus die-
sem Grund besonders an unseren Erfol-
gen messen lassen. Bedarfsgerechte Aus-
bildung ist für uns als Palucca Hochschule,
auch im Gefüge aller deutschen staatlichen
Ausbildungsinstitutionen, ein besonderes
Thema, auf das wir seit längerer Zeit den
Fokus gelegt haben. Wir verstehen uns
nämlich durchaus auch als einen Zulie-
ferbetrieb! Nicht nur die Fachhochschulen
oder die Technischen Universitäten, son-
dern auch wir „liefern unsere Absolventen
zu“ – beispielsweise dem Ballett der Sem-
peroper oder den Sächsischen Landesbüh-
nen. Das heißt, wir können in dieser Bezie-
hung Erfolge verbuchen. Das ist vor allem
dem langjährigen Bohren dicker Bretter

image
76 |
geschuldet. Wir sind relativ früh mit die-
sen Institutionen in den Dialog getreten
und haben uns gemeinsam mit allen staat-
lichen Tanzausbildungsinstitutionen ge-
fragt: Ist das, was wir tun, eigentlich auch
das, was die moderne deutsche Tanzbüh-
ne wirklich will? Offensichtlich sind wir
auf einem guten Weg, denn es gelingt uns
beispielsweise dieses Jahr zum ersten Mal,
einen Absolventen direkt in die Forsythe
Company zu vermitteln.
Ich möchte also unterstützen, was Herr
Straub uns mit auf den Weg gegeben hat.
Zum einen die Aufgabe „Spezialisten und
Solisten“ auszubilden, die in der Lage sind,
sozial kompetent hochkomplexe Aufga-
ben zu lösen und dabei selbstständig zu
denken und zu handeln. Das ist eine be-
sondere Schwierigkeit, und hier wirft uns
der Bologna-Prozess so manchen Stein in
den Weg. Und zum Zweiten: Ich möch-
te das Plädoyer für den Dialog zwischen
Unternehmen und Ausbildungsinstitu-
tionen ausdrücklich unterstützen. Wenn
wir also über Hochschulentwicklungspla-
nung und Hochschulen im Jahr 2025 spre-
chen, dann finde ich es notwendig, dass
wir nicht mehr länger nur über Struktu-
ren, Geld oder Personalausstattung, son-
dern vermehrt über fachliche Inhalte und
bedarfsgerechte Ausbildung sprechen und
wenn ich bedarfsgerecht sage, dann mei-
ne ich nicht die Anzahl der benötigten In-
genieure oder Tänzer für entsprechende
Einrichtungen, sondern welche Qualifika-
tionen und welche Qualitäten müssen die
Absolventen mitbringen.
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Herzlichen Dank, das war in mehrfacher
Hinsicht ein sehr wichtiger Beitrag und ich
bin sehr froh, dass Sie zu Wort gekommen
sind. Sie sagen, dass der Qualitätsbegriff ja
keinen Konflikt zwischen Regionalität oder
Verantwortung gegenüber der unmittelba-
ren Umgebung und einer überregionalen
Messlatte hervorbringt, der man sich stellt.
Denn gerade eine Hochschule wie Ihre hat
ja ihr Bezugssystem weit über die Regi-
on hinaus und ist doch gleichzeitig stark
in diese integriert. Das sollten wir als eine

image
| 77
Facette des Qualitätsbegriffs noch einmal
mitnehmen, weil das sonst eine tödliche
Diskussion gerade für Fachhochschulen
ist. Es darf nicht nur auf den regionalen
Auftrag verwiesen werden, als seien das
zwei verschiedene Ziele, die nicht verein-
bar sind.
Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz
Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz
Ich denke, das angesprochene Kommunika
tionsproblem mit den Fachhochschulen is
eine singuläre Erfahrung. Man kann nich
generalisieren, dass die Curriculum-Ent
wicklung nicht mit Unternehmen bzw. mi
der Praxis vollzogen wird. Ich kann jetz
nur für uns, für die Hochschule Zittau
Görlitz, sprechen. Wir haben folgende Er
fahrung gemacht: Wir haben sehr star
das kooperative Studium ausgebaut. Da
zu sind wir so gekommen, wie Sie zu Ihre
Jachten. Wir haben festgestellt, dass wi
mit dem klassischen Direktstudium nich
die Zahlen bringen, die wir benötigen. Da
raus entstand mit den Jahren das koope
rative Studium, die Zusammenführung vo
Studium und Berufsbildung. Daraus ha
sich ein ganz intensives Netzwerk, aller
dings verstärkt im Bereich Maschinenba
und Elektrotechnik, ergeben. Dabei nehme
Unternehmen, mit denen wir kooperieren
durchaus auf die Curriculum-Entwicklun
Einfluss. Natürlich ist die Hochschule fü
die Entwicklung der Lehrpläne und Lehr
programme zuständig. Das wird geprüf
über Akkreditierungsagenturen etc., abe
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die Interessen der Unternehmen werden
mit eingebunden.
Eine Äußerung habe ich noch zum The-
ma Vollhochschulen. Das war natürlich ein
Hilfsbegriff von unserer Seite. Der Hinter-
grund ist jener: Es ist eine Anlehnung an
den Begriff der Volluniversität, der eine
sehr breite disziplinäre Aufstellung aus-
drückt. Aber gerade die Fachhochschulen
in der Fläche haben hier ein Problem mit
der schwächelnden Nachfrage.
Nun haben wir aber einen speziellen Auf-
trag des Wissens- und Technologietrans-
fers in die Region hinein. Nehmen wir als
Beispiel die Oberlausitz, wo die nächste
sächsische Hochschule, von uns abgese-
hen, ca. 100 Kilometer entfernt ist. Wenn
wir nicht mehr die Möglichkeit haben,
Schlüsselfächer wie Maschinenbau, Elek-
trotechnik, Betriebswirtschaft und Infor-
matik oder auch Fächer aus dem sozia-
len Bereich wie soziale Arbeit anzubieten,
dann ist das ein Problem für die Region.
Das sind für mich Schlüsselfächer, die zur
Versorgung einer Region mit Fachkräften

image
78 |
nötig sind. Alles andere wäre für die Ent-
wicklung einer Region absolut fatal. Wir
müssen zwar keine Vollhochschulen sein,
jedoch muss der Weg zu breit aufgestellten
Hochschulen gegangen werden.
Dr. Ing. Mathias Reuschel
Vorsitzender des Hochschulrates der Hochschule
für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
Dr. Ing. Mathias Reuschel
Vorsitzender des Hochschulrates
der Hochschule für Technik,
Wirtschaft und Kultur Leipzig
Ich glaube schon, dass es auch in Sach-
sen eine hochgradige Vernetzung zwischen
den Hochschulen und der regionalen Wirt-
schaft gibt. Wir sollten da kein falsches
Bild erzeugen. Ich bin ja selber der leben-
de Beweis dafür. Auf der einen Seite bin
ich Vize-Präsident des sächsischen Unter-
nehmerverbandes und gleichzeitig darf ich
als Hochschulratsmitglied hier sitzen. Ich
glaube, auch die Kammern – Handwerks-
kammer und IHK – haben genug Initiati-
ven für direkte Kommunikation. Und na-
türlich ist es – trotz aller Freiheit von Lehre
und Forschung – eine absolut notwendige
Frage, für wen die Hochschulen die Absol-
venten ausbilden. Natürlich brauchen wir
dafür dringend den permanenten Kontakt
zwischen Wirtschaft und Wissenschaft.
Da werden wir feststellen, dass Unterneh-
men, die vor 15 bis 20 Jahren angefangen
haben, zum Teil noch gar nicht Nutznießer
der Ausbildung an den Hochschulen sein
konnten. Das sieht heute ganz anders aus.
Heute kommt die hohe Qualität der Hoch-
schulen den Unternehmen zu Gute. Dabei
darf es aber nicht nur um die Versorgung
mit Fachkräften gehen. Wenn wir als Hoch-
schule tatsächlich die regionale Wirtschaft
begleiten wollen, spielen auch Wachstum
und Internationalsierung eine Rolle. Ziel
der Überregionalisierung und der Inter-
nationalisierung ist es, nicht nur die Mit-
arbeiter, sondern auch die Wertschöpfung
zu entwickeln. Das kann man vielleicht als
sächsischen Weg bezeichnen.
Eine kurze Bemerkung habe ich noch zum
Promotionsrecht. Es wird ja immer so als
Gretchenfrage diskutiert, dass die Uni-
versitäten ihre Heiligkeit aufgeben, wenn
die Fachhochschulen auch Promotionen
abnehmen dürfen. Mir ist jede Variante
recht. Wenn wir zum Beispiel feststellen,
dass 90 Prozent der jungen Menschen die-
se Promotionsverfahren absolvieren und in
der geplanten Zeit erfolgreich sind, dann
ist dieses Verfahren auch gut. Wenn wir

image
| 79
hingegen feststellen, dass die Erfolgsquo-
te deutlich geringer ist, dann müssen wir
darüber nachdenken, ob das sinnvoll ist.
Denn das wäre für die Lehrstühle an den
Fachhochschulen und zugleich für die jun-
gen Studenten nicht sehr motivierend. Für
die Wirtschaft jedenfalls ist es wichtig,
dass von unseren Hochschulen und Uni-
versitäten Menschen kommen, die diesen
akademischen Grad besitzen. Auch für die
Entwicklung unserer Unternehmen bei der
Internationalisierung.
of. Ekkehard Klemm,
Rektor der Hochschule für Musik
rl Maria von Weber Dresden (bis 31.8.2015)
Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Pr
Herzlichen Dank. Das war ein wunder-
Ca
barer Abschluss unserer Diskussion. Wir
haben über vier Stunden diskutiert und es
gibt immer noch Wortmeldungen und The-
men. Ich glaube, das ruft nach einer Fort-
setzung. Ich möchte mich noch einmal
bedanken für eine großartige Diskussion!
Ich durfte nicht nur moderieren, sondern
durfte auch ganz viel lernen.

 
80 |
Fazit

| 81
Drei Vorträge, vier Stunden Diskussion
über die Zukunft der Hochschulen – doch
was können die 80 Teilnehmer mitnehmen?
Welche Ergebnisse lassen sich nach dieser
Tagung zusammenfassen? Rektoren, Kanz-
ler, Hochschulräte, Landespolitiker, Wirt-
schaftsvertreter, Abgesandte von Berufs-
kammern, Studierendenvertreter – es wa-
ren – fast – alle gekommen, Absagen gab
es kaum von den eingeladenen Teilneh-
mern. Thema und Einladungen trafen den
Nerv der Beteiligten. Die Erwartungen wa-
ren hoch, sich zur Zukunft der Hochschu-
len mitzuteilen und auszutauschen.
Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria
Stange beschrieb die aktuelle Ausgangsba-
sis, von der aus sich die Hochschulen ent-
wickeln und profilieren werden. Eine stabi-
le Grundfinanzierung und eine stabile Zahl
von Personalstellen bieten die Basis dafür,
dass sich die akademischen Bildungsstät-
ten auf ihre Stärken besinnen, bis 2020
eine gleichbleibend hohe Zahl Studieren-
der betreuen und ab 2025 etwa 10.000
Studierende weniger ausbilden. Das kann
in einer höheren Qualität der Lehre mün-
den, wenn denn die richtigen Entschei-
dungen gefällt werden.
Doch Planung ist schwierig, wie Prof.
Dr. Peter Strohschneider beschrieb. Das
Wissenschaftssystem sei sehr dynamisch,
hochkomplex, in gewisser Weise unplanbar,
weil so dynamisch und hochkomplex. Pla-
nungsprozesse müssten im Moment ihrer
Entscheidung plausibel sein und doch ge-
nügend Spielraum für Pragmatismus bie-
ten, um die Gestaltungsmöglichkeit für die
Zukunft nicht zu verbauen, falls die ge-
sellschaftlichen Anforderungen Änderun-
gen erfordern. Hochschulplanung sei eine
Gratwanderung zwischen konkreten Be-
schlüssen, die doch nicht alle Strukturen
unbeeinflussbar auf lange Zeit betonieren.
Etwa dann, wenn die Arbeitswelt, wenn
die Wirtschaft neue Anforderungen an die
Absolventen stellen. Dann muss es mög-
lich sein, dass Lehrpläne und Lehrpro-
gramme schnell angepasst werden, forder-
te Fritz Straub, Geschäftsführer der Deut-
schen Werkstätten Hellerau, die besonders
auf fachlich hochqualifizierte Beschäftig-
te angewiesen sind, die zudem auch über
Managementqualitäten verfügen.
Wenn sich bei Wissenschaftsministerin
Stange ein „gutes Gefühl“ einstellte, lag das
auch daran, dass bei allen Tagungsteilneh-
mern die Erkenntnis vorherrschte, Hoch-
schulentwicklungsplanung gehe nur mitei-
nander und nicht gegeneinander. Eine gu-
te Voraussetzung angesichts der Tatsache,
dass die Interessen der Akteure, Beteilig-
ten und Betroffenen mitunter weit aus-
einander liegen. Die reichen von der Fort-
führung der Exzellenzinitiative bis zum
Akzeptanzproblem der Fachhochschulen,
die wichtige Aufgaben bei der Versorgung
der Wirtschaft mit Fachkräften erfüllen.
Die Zukunft der Kleinen Fächer spielte ei-
ne Rolle. Der gesellschaftliche Bedarf an
bestimmten Berufsgruppen wie Lehrer und
Pharmazeuten wurde thematisiert. Es ging
um die Durchlässigkeit von beruflicher und

82 |
hochschulischer Bildung, um jedem Studie-
renden ein passgenaues Ausbildungsange-
bot unterbreiten zu können. Es wurde dis-
kutiert, in wie weit Staat und Wirtschaft –
trotz aller Freiheit von Lehre und Forschung
– Einfluss auf Strukturen und Curricula an
den Hochschulen nehmen dürfen, um best-
mögliche Absolventen zu erhalten. Das al-
les sei nur möglich bei akzeptablen Arbeits-
bedingungen der Lehrenden und einer gu-
ten Qualität ihrer Arbeit. Und dann müsse
man auch noch besser sein als andere.
Die wichtigsten auf der Tagung formu-
lierten Aufgaben:
z
Das Hochschulsystem muss seine Diffe-
renzierung behalten – jede Hochschulart
ist mit seinen Spezialsierungen unver-
zichtbar. Man darf sie nicht untereinan-
der ausspielen, alle müssen auskömm-
lich finanziert sein.
Auch die Fachhochschulen müssen ihre
Stärken stärken: den Übergangsbereich
von Forschung und Entwicklung und die
praxisbezogene Ausbildung. Funktionie-
rende, starke Fachhochschulen sind wich-
tiger Bestandteil im Hochschulsystem.
Die finanziellen Grundmittel müssen
stabil bleiben und dürfen nicht durch
immer mehr Drittmittel ersetzt werden.
Das System muss ausbalanciert sein.
Grundlagenforschung muss frei und au-
tonom bleiben. Die Grundfinanzierung
muss auskömmlich sein. Sie darf die
Hochschulen nicht nur stabilisieren, sie
muss sie besser machen.
z
z
z
Fortsetzung und Weiterentwicklung der
Exzellenzinitiative in Exzellenzzentren,
Clustern, Exzellenzschwerpunkten und
gemeinsamen Campi, um überregional
sichtbar zu werden. Die Schwerpunktbil-
dung der Universitäten schafft regiona-
le und überinstitutionelle Verdichtungen
in bestimmten Wissenschaftsbereichen,
die internationale Strahlkraft entfalten
können.
Das Bestreben um Exzellenzstatus darf
nicht zu Lasten „nicht-exzellenter“ Hoch-
schulen gehen. Die Exzellenzdiskussion
auf nationaler und internationaler Ebene
muss mit den Entwicklungszielen des
Landes und der Hochschulen vereinbar
sein.
Nötig ist der permanente Kontakt zwi-
schen Wirtschaft und Wissenschaft.
Unternehmen kooperieren mit Univer-
sitäten, Fachhochschulen und Berufs-
akademie, um Einfluss auf die Curricu-
lum-Entwicklung zu nehmen. Natürlich
bleiben die Hochschulen für die Entwick-
lung der Lehrpläne und Lehrprogramme
zuständig, aber die Interessen der Unter-
nehmen werden mit eingebunden.
Entwicklungsplanung für Hochschu-
len im Jahr 2025 heißt auch, nicht mehr
länger nur über Strukturen, Geld oder
Personalausstattung, sondern vermehrt
über fachliche Inhalte und bedarfsge-
rechte Ausbildung zu sprechen. Es kann
nicht nur um die Anzahl der benötig-
ten Lehrer, Ingenieure oder Tänzer für
entsprechende Einrichtungen gehen. Es
z
z
z

| 83
müssen auch die fachlichen Anforde-
rungen weiterentwickelt werden, mit
welchen Qualifikationen und welchen
Qualitäten die Absolventen in die Be-
rufswelt entlassen werden sollen. Es
geht immer mehr darum, Spezialisten
und Solisten auszubilden, die in der La-
ge sind, sozialkompetent hochkomplexe
Aufgaben zu lösen und dabei selbststän-
dig zu denken und zu handeln.
z
Die Fachkräfteausbildung, das Mittel ge-
gen Fachkräftemangel, braucht mehr
Kommunikation mit der Wirtschaft, den
Unternehmen, um bedarfsgerecht und
passgenau ausbilden zu können.
z
Hochschulen müssen künftig stärker
Fähigkeiten vermitteln wie Team-, Lö-
sungs-, Prozess- und Technikorientie-
rung. Über die fachlichen Kompetenzen
hinaus brauchen die jungen Fachleute
Managementqualitäten, Führungsquali-
täten. Um zusammenzukommen müssen
Wirtschaft und Hochschulen auch un-
konventionelle Wege gehen.
z
Die Hochschulen brauchen mehr In-
ternationalisierung, Weltoffenheit und
kulturelle Vielfalt, Hochschulen ziehen
junge Leute, kreatives Potenzial ins Land.
z
Die Zukunft der Kleinen Fächer, der
sogenannten Orchideenfächer muss –
notfalls bundesländerübergreifend –
gesichert werden.
z
Der Mittelbau an den Hochschulen
braucht eine Stärkung, die Qualität der
Lehre muss besser werden, dann werden
auch die Abbrecherquoten geringer.
z
Situation und Perspektiven des wissen-
schaftlichen Nachwuchses müssen drin-
gend verbessert werden. Die Struktur
der Karrierewege muss klarer werden,
junge Forscher brauchen mehr Möglich-
keiten, sich zu entwickeln.
Die Hochschultagung im Wissenschafts-
ministerium endet nicht mit einem
Schlussprotokoll. Es ging vielmehr darum,
in einer Art großem Brainstorming sich der
eigenen Anforderungen an die Hochschule
der Zukunft zu vergewissern und die An-
forderungen anderer zu erfahren. Indem
sich Rektoren, Politik, Landtagsabgeordne-
te, Wirtschaft, Verbände und Studierende
ihre Bedingungen und Zwänge erläuterten
schufen sie Verständnis für die gegensei-
tige Situation. Das soll das Klima bei den
Gesprächen zur konkreten Hochschulpla-
nung verbessern und gleichzeitig immer
den Blick dafür weiten, was nach 2025
kommt.

 
84 |
Teilnehmer
Funktion
Institution
Herr Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Rektor
Hochschule Zittau/Görlitz
Herr Dr. Eberhard Alles
Kanzler
Technische Universität Chemnitz
Herr Dr. Joachim Apel
Hochschulrat
Hochschule für Grafik
und Buchkunst Leipzig
Herr Dr. Werner Barlmeyer
Vorsitzender des Hochschulrates
(bis 9.6.2015)
Hochschule für Musik
Carl Maria von Weber Dresden
Herr Andreas Baumert
Referent des Prorektors
für Entwicklung und Transfer
Universität Leipzig
Frau Dr. Annerose Beck
Referatsleiterin
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Axel Bergmann
Leiter des Leitungsstabs
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Prof. Dr.-Ing. Eckhard Beyer
Institutsleiter
Fraunhofer IWS
Frau Prof. Dr. Kerry-U. Brauer
Direktorin
Staatliche Studienakademie Leipzig
Herr Konrad Degen
Referent Hochschulpolitik
Vereinigung Sächsische Wirtschaft
Frau Prof. Dr. Ana Dimke
Rektorin
Hochschule für Grafik
und Buchkunst Leipzig
Herr Gerald Eisenblätter
Parlamentarischer Berater
Sächsischer Landtag
Herr Prof. Dr. Reinhard Erfruth
Vorsitzender des Hochschulrates
Hochschule für Technik
und Wirtschaft Dresden
Herr Roland Ermer
Präsident
Sächsischer Handwerktag
Frau Aline Fiedler
MdL
Sächsischer Landtag
Herr Matthias Flügge
Rektor
Hochschule für Bildende
Künste Dresden
Frau Dr. Christiane Gaehtgens
Moderatorin
Herr Uwe Gaul
Staatssekretär
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Frau Prof. Dr. Gesine Grande
Rektorin
Hochschule für Technik, Wirtschaft
und Kultur Leipzig
Herr Oliver Grimm
Kanzler
Hochschule für Musik und
Theater „Felix Mendelssohn
Bartholdy" Leipzig
Frau Cornelia Günther
Konferenz Sächsischer
Studierendenschaften (KSS)
Herr Dr. Andreas Handschuh
Kanzler
Technische Universität
Bergakademie Freiberg
Frau Prof. Dr. Swantje Heischkel
Kanzlerin
Hochschule für Technik,
Wirtschaft und Kultur Leipzig
Herr Karl-Heinz Herfort
Hauptabteilungsleiter
Berufsbildung
Geschäftsleitung
der Handwerkskammer Dresden
Teilnehmer

| 85
Teilnehmer
Funktion
Institution
Herr Dr. Eckart Hien
Vorsitzender des Hochschulrates
Hochschule für Musik und
Theater „Felix Mendelssohn
Bartholdy" Leipzig
Herr Prof. Dr. Ludwig Hilmer
Rektor
Hochschule Mittweida
Frau Dipl.-Jur. Karin Hollstein
Kanzlerin
Hochschule Zittau/Görlitz
Herr Mathias Hüchelheim
Abteilungsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Hermann Jaekel
Referatsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kirbach Hochschulrat
Hochschule Zittau/Görlitz
Herr Prof. Ekkehard Klemm
Rektor
Hochschule für Musik
Carl Maria von Weber Dresden
Herr Torsten Köhler
Geschäftsführer für Bildung
IHK Dresden
Frau Annekatrin Klepsch
MdL
Sächsischer Landtag
Frau Dr. Undine Krätzig
Kanzlerin
Technische Universität Dresden
Herr Prof. Dr. Gunter Krautheim
Rektor
Westsächsische Hochschule Zwickau
Herr Dr. Walter Kühme
Referatsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Prof. Martin Kürschner
Prorektor für Lehre und Studium
Hochschule für Musik und
Theater „Felix Mendelssohn
Bartholdy" Leipzig
Herr Prof. Dr. Karl Lenz
Prorektor
Technische Universität Dresden
Herr Peter Lönnecke
Referatsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Frau Eileen Mägel
Leiterin Strategische Hochschul-
entwicklung und Kommunikation
Palucca Hochschule
für Tanz Dresden
Frau Dr. Claudia Maicher
MdL
Sächsischer Landtag
Herr Holger Mann
MdL
Sächsischer Landtag
Herr Dr. Tim Metje
Leiter des Büros der Hochschul-
leitung
HHL Graduate School
of Management
Herr Prof. Dirk Meyer
Prorektor für Strukturentwicklung Technische Universität
Bergakademie Freiberg
Herr Dr. Stephan Meyer
MdL
Sächsischer Landtag
Frau Prof. Marlies Mosiek-Müller
Vorsitzende des Hochschulrates
Hochschule Mittweida
Herr Prof. Dr. Albrecht Mugler
MUGLER AG
Herr Christoph Neuberg
Geschäftsführer für Industrie/
Außenwirtschaft
IHK Chemnitz
Frau Dipl.-Ing. Monika Niehues
Kanzlerin
Hochschule für Technik
und Wirtschaft Dresden

86 |
Teilnehmer
Funktion
Institution
Herr Dr. Frank Pfeil
Staatssekretär
Sächsisches Staatsministerium
für Kultus
Herr Prof. Dr. Andreas Pinkwart
Rektor
HHL Graduate School
of Management
Herr Prof. Dr. Konrad Rafeld
Direktor
Staatliche Studienakademie
Glauchau
Herr Felix Ramberg
Konferenz Sächsischer
Studierendenschaften (KSS)
Herr Prof. Klaus Raps
stellv. Vorsitzender
des Hochschulrates
Technische Universität Dresden
Herr Dr.-Ing. Mathias Reuschel
Hochschulrat
Hochschule für Technik, Wirtschaft
und Kultur Leipzig
Herr Dr. Stephan Rohde
Abteilungsleiter 2
Sächsische Staatskanzlei
Herr Prof. Sven Rzepka
Abteilungsleiter
Fraunhofer-Institut für Elektronische
Nanosysteme (ENAS) Chemnitz
Herr Prof. Dr. Roland Sauerbrey
Wissenschaftlicher Direktor
Helmholtz-Zentrum
Dresden-Rossendorf e.V. (HZDR)
Herr Prof. Dr. Ivo Sbalzarini
Gruppenleiter
Max-Planck-Institut für molekulare
Zellbiologie und Genetik Dresden
Herr Reinhard Schmidt
Vorsitzender des Hochschulrats
Technische Universität
Bergakademie Freiberg
Frau Prof. Dr. Beate Schücking
Rektorin
Universität Leipzig
Frau Dr. Eva-Maria Stange
Staatsministerin
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Dr. Ralf Steiner
Kanzler
Westsächsische Hochschule
Zwickau
Herr Prof. Roland Stenzel
Rektor
Hochschule für Technik
und Wirtschaft Dresden
Herr Fritz Straub
Geschäftsführer
Deutsche Werkstätten
Hellerau GmbH
Herr Prof. Dr. Peter Strohschneider
Präsident
Deutsche Forschungsgemeinschaft
Herr Prof. Dr. Arnold van Zyl
Rektor
Technische Universität Chemnitz
Herr Dr. Ronald Werner
Abteilungsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst
Herr Prof. Hans Wiesmeth
Vizepräsident
Sächsische Akademie
der Wissenschaften zu Leipzig
Frau Maria-Cornelia Ziesch
Kanzlerin
Hochschule für Grafik
und Buchkunst Leipzig
Herr Dr. Reinhard Zimmermann
Referatsleiter
Sächsisches Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst

| 87

image
 
Herausgeber:
Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
Wigardstraße 17, 01097 Dresden
www.smwk.sachsen.de
Redaktion:
Pressestelle Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
Redaktionsschluss:
17. August 2015
Gestaltung und Satz:
blaurock markenkommunikation, Dresden
Fotos:
Steffen Giersch, Titelfoto: TU Chemnitz/Dirk Hanus
Druck:
Lausitzer Druckhaus GmbH
Auflage:
2.000 Stück
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