7 Sächs. Bodendenkmalpflege
97
1. Einführung in das Arbeitsgebiet
1.1. Stand der Feldforschung
Als altneolithischer Siedlungsraum ist der Dresdner Elb-
talkessel seit langem in der Diskussion, zumal angesichts
seiner immer wieder postulierten Verbindungsrolle zwi-
schen den archäologischen Kulturlandschaften Böhmens
und des Mittelelbe-Saale-Gebietes. Vornehmlich an den
mit Löss, respektive Lössderivaten bedeckten südwest-
lichen Elbtalhängen im mittleren, buchtartig aufgewei-
teten Abschnitt der Elbtalwanne gelang der Nachweis zahl-
reicher linien- bis stichbandkeramischer Siedlungsplätze.
Im Gegensatz zu den rechtselbischen Steilhängen sind dort
außer dem Lösssubstrat auch die morphologischen Gege-
benheiten für eine frühneolithische Aufsiedlung günsti-
ger: die von der Elbniederterrasse um 110 m ü.NN bis auf
rund 300 m ü.NN hinaufführenden Hänge steigen sanfter
an und werden insbesondere von zahlreichen zur Elbe ent-
wässernden Bachläufen durchzogen. Diese perennieren-
den Fließgewässer bilden gleichsam das Rückgrat des zona-
len bandkeramischen Siedelmusters, wie es auch aus ande-
ren Regionen hinlänglich bekannt ist. Einer dieser Sied-
lungskorridore erstreckt sich entlang des Geberbaches in
den Gemarkungen Dresden-Nickern und Kauscha.
Die archäologischen Beobachtungen in Nickern/Kau-
scha gehen im Wesentlichen bis in die 1930er Jahre zurück
und kulminierten in den vergangenen zehn Jahren in über
20 Rettungsgrabungen (Abb. 1). Bis zu Beginn der 90er
Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren es eher klein-
flächige Untersuchungen im Rahmen von Schachtungs-
arbeiten, Hausbauten etc. Erstmals gelang es 1958/59 W.
Baumann, eine etwas größere zusammenhängende Fläche
planmäßig zu graben; neben stichbandkeramischen Sied-
lungsbefunden wurden fünf Körpergräber der jüngeren
Linienbandkeramik aufgedeckt
1
. In den Jahren 1961/62
1.
Einführung in das Arbeitsgebiet (W. Brestrich)
1.1.
Stand der Feldforschung
1.2. Das Geberbacheinzugsgebiet als bandkerami-
scher Siedlungsraum: Morphologie, Gewässer,
Boden
1.3.
Die räumliche Abgrenzung des bandkeramischen
Siedlungsraumes
1.4.
Einige Bemerkungen zum Straßenbauprojekt
(H. Stäuble)
2.
Die Grabungsflächen entlang des Geberbaches
2.1.
Die Siedlung in NIE-07 (H. Stäuble)
2.2.
Die Grabungsfläche DD-02, Fläche H
(W. Brestrich, H. Stäuble)
3.
Die Grabungsflächen DD-23, NIE-05; DD-49,
NIE-06 (W. Brestrich)
3.1.
Die Ausgrabung NIE-05
3.2.
Die Ausgrabung DD-23
4.
Die Doppelkreisgrabenanlage DD-98
(W. Brestrich)
4.1.
Topographie und Bodenschichtung
4.2.
Form und Maße der Anlage im Planum
4.3.
Grabenquerschnitte und Verfüllung
4.4.
Zum Verhältnis von Kreisgraben und Siedlung
4.5.
Fundmaterial und Zeitstellung
4.6.
Einordnung in den Kontext mitteleuropäischer
Kreisgrabenanlagen
5.
Das bandkeramische Gräberfeld in NIE-04
(P. de Vries)
5.1.
Zwei weitere Gräber in NIE-06 (R. Bartels)
6.
Die vierfache Kreisgrabenanlage in NIE-09
(H. Stäuble)
6.1.
Datierung der vierfachen Kreisgrabenanlage
6.2.
Größe und Form im Planum
6.3.
Profilform und -tiefe
6.4.
Volumenberechnung und Bau
7.
Kreisgrabenanlagen im Überblick (H. Stäuble)
7.1.
Weitere Kreisgrabenanlagen aus Sachsen
7.2.
Eine neue Kartierung des alten Phänomens
7.3.
Orientierung der Zugänge
7.4.
Herstellung der Gräben, Wälle, Palisaden
7.5.
Das Ende der Grabenanlagen
7.6.
Mögliche Funktionen
Ein neolithisches Siedlungsareal mit Kreisgrabenanlagen
bei Dresden-Nickern. Eine Übersicht
Von Rainer Bartels, Wolfgang Brestrich, Patrice de Vries
und Harald Stäuble
1
W. Baumann, Körpergräber und Siedlung der Bandkeramik
in Dresden-Nickern. Arbeits- u. Forschber. sächs. Bodendenk-
malpfl. 7, 1960, 95–138. – Die seinerzeit von Baumann nicht
geöffneten Zwischenflächen konnten im Jahre 2002 im Zuge
des Autobahnzubringerbaus archäologisch untersucht werden
(NIE-04), vgl. Kap. 5.

98
200
160
140
180
220
GOP-03
GOP-05
KCA-03
KCA-01
DD-98
NIE-03
NIE-06
2002/03
DD-02, Fl. H
1993/94
DD-23
1995
DD-41
DD-02, Fl. B
1993/94
DD-02, Fl. E
1993/94
DD-02, Fl. A
1993/94
Leitungstrasse
1976
Baumann
1963
NIE-05
2002/03
NIE-04
2002
NIE-09
2002/03
NIE-07
2002/03
NIE-10
2002/03
Baumann
1958/59
Leitungstrasse
1978
Kauscha
Nickern
geplante S 191
GOP-06
Geberbach
Lehmgrube
KCA-02
SOB-01
DD-28
Grabung vor 1993
Grabung nach 1993
Prospektion
Gewässer
Grenze bandkeramisches Siedlungsareal
Baumann
1961/62
(DD-49)
Abb. 1. Kartierung der Prospektionen und Ausgrabungen entlang des Geberbaches in den Gemarkungen Dresden-Nickern und -Kauscha. M. 1:100000.

99
setzten sich die Ausgrabungen, gleichfalls unter der Leitung
von W. Baumann, auf 2000 m
2
innerhalb des bandkera-
mischen Siedlungsplatzes etwa 100 m hangabwärts fort
(DD-49). Jetzt waren deutlichere Siedlungsstrukturen mit
mehreren Hausgrundrissen erkennbar; leider wurden nur
Teilaspekte dieser Grabungen in Vorberichten publiziert
2
.
Ein weiterer punktueller Aufschluss hangaufwärts, 70 m
westlich der Grabungsstelle von 1958/59 erfolgte 1963;
Baumanns Interpretation zufolge handelt es sich um ein
Grubenhaus von 4,4 x 2,36 m Fläche, das er in die jüngere
Stichbandkeramik datiert
3
. Nach den Erkenntnissen der
60er Jahre schien damit auch die westliche Peripherie der
bandkeramischen Siedlungszone erreicht. Dass diese je-
doch um mehrere hundert Meter weiter nach Westen
reicht, erwiesen baubegleitende Beobachtungen 1976 und
1978 in zwei Leitungsgräben, die von Nickern hangaufwärts
nach Kauscha gezogen wurden. In unregelmäßigen Abstän-
den fanden sich immer wieder bandkeramische Gruben; am
Südwestende der Leitungstrasse von 1976 wurden bei
flächenhaften Planierungen für Hochwasserbehälter ver-
mutlich zahlreiche Befunde undokumentiert vernichtet.
Die 1980er Jahre erbrachten keine weiteren Fundmeldun-
gen. Großflächige archäologische Untersuchungen setz-
ten dann 1993 innerhalb des geplanten Gewerbegebietes
Nickern ein (DD-02). Unter Ausklammerung zahlreicher
Fehlstellen (Lehmgruben) verblieben acht archäologisch
relevante Areale (Flächen A–H) von 20 ha Gesamtfläche;
mit wechselnden zeitlichen Schwerpunkten erschloss sich
so ein Querschnitt durch die Vorgeschichte der Elbtal-
weitung vom Frühneolithikum bis in slawische Zeit
4
.
Einen vorläufigen Schlussstrich unter die großflächi-
gen Ausgrabungen zog die komplette Untersuchung einer
Zubringertrasse (S 191) zum geplanten Neubau der BAB
17, Dresden-Prag, die vom Frühjahr 2002 bis zum Früh-
jahr 2003 durchgeführt wurde. Mit ihr gelang ein mehrere
isolierte Grabungsflächen der vergangenen Jahrzehnte ver-
bindendes Transsekt durch eine neolithische Siedlungs-
landschaft. Dresden-Nickern weist damit im oberen Elb-
tal die höchste archäologische Aufschlussdichte inner-
halb eines bandkeramischen Siedelraumes auf und bietet
die besten Voraussetzungen für eine Mikroregionanalyse
5
.
1.2. Das Geberbacheinzugsgebiet als bandkera-
mischer Siedlungsraum: Morphologie, Gewässer,
Boden
Regionalgeographisch ist der hier in Rede stehende Raum
Teil eines Richtung Ostnordost einfallenden unteren Elb-
talhanges, der zunehmend abflachend Richtung Elbnieder-
terrasse ausläuft. Die bandkeramische Siedelzone umfasst
in etwa die Höhenmarge zwischen 180 und 140 m ü.NN.
Typisch, wie für fast alle bandkeramischen Siedlungsplätze
der Elbtalweitung, ist eine relative Elbferne. Sie beträgt für
Nickern rund 5 km, verkürzt sich jedoch bei einem Bezug
auf die alte holozäne Elbschleife bei Dresden-Dobritz auf
etwa 3 km.
Die rezente Geländemorphologie ist im Detail durch
wechselnde Hangneigungen, kuppenartige Situationen
sowie durch unterschiedlich tief eingeschnittene Trocken-
tälchen gegliedert. Die urbane Überprägung der Region
verschleiert in zunehmendem Maße dieses Bild, das bei
einem Blick auf das Sächsische Meilenblatt, den Land-
schaftszustand des späten 18. Jahrhunderts wiedergebend,
jedoch plastisch vor Augen tritt (Abb. 2). Dominantes
Strukturelement ist das Tal des Geberbaches, der, wie die
meisten linkselbischen Gewässer, mit seinem Oberlauf tief
einschneidet, auf der Höhe des mittelalterlichen Ortskerns
von Nickern allmählich sein Engtal verlässt und sich von
da ab durch den abflachenden Elbtalhang Richtung Nie-
derterrasse windet. Dies hat zur Konsequenz, dass das
räumliche Zueinander von bandkeramischer Siedlungs-
zone und Geberbachgrund im westlichen, hangaufwär-
tigen Abschnitt durch einen Steilhang geprägt wird, wäh-
rend hingegen im hangabwärtigen, östlichen Teil eine wei-
test gehende Höhennivellierung eintritt (Abb. 1). Der
Auenbezug ist damit in Nuancen verschieden.
Das Basisrelief der Region wird durch den im Unter-
grund anstehenden Pläner (Oberkreide) geprägt, den unter-
schiedlich mächtige, weichselkaltzeitliche Lösse/Lösslehme
überdecken; das Geberbachtal ist mit Auelehm und Kies, die
Trockentälchen sind z. T. mit umgelagertem Löss verfüllt
6
.
2
W. Baumann, Zwei bandkeramische Steingerätedepots von
Dresden-Nickern. Ausgr. u. Funde 7, 1962, 69–74; ders., Bemalte
Gefäßscherben der Bandkeramik aus Dresden-Nickern. Ausgr.
u. Funde 10, 1965, 66–67. – Zu botanischen Aspekten: W. Bau-
mann/J. Schultze-Motel, Neolithische Kulturpflanzenreste aus
Sachsen. Arbeits- u. Forschber. sächs. Bodendenkmalpfl. 18,
1968, 9–28. – Nachweis von Emmer und Erbsen (Pisum sativum
L), darunter auch vier Wilderbsen (Pisum elatius Steven).
3
W.
Baumann, Ein stichbandkeramisches Grubenhaus von
Dresden-Nickern. Ausgr. u. Funde 9, 1964, 66–69; die Anspra-
che als Grubenhaus sollte kritisch überprüft werden.
4
S. Kurz, Archäologische Untersuchungen im Gewerbegebiet
Dresden-Nickern 1 – eine Bestandsübersicht. Arch. aktuell Frei-
staat Sachsen 2, 1994, 23–30; U. Kreher, Ich sehe was, was Du
nicht siehst! – Untersuchung von Siedlungsstrukturen in
Dresden-Nickern mit physikalisch-chemischen Methoden. Ebd.
31–38.
5
Zu allgemeinen Aspekten des archäologischen Raumes „Obe-
res Elbtal“ vgl. W. Brestrich, Gedanken zur archäologischen
Kulturlandschaft des oberen Elbtals. In H. Küster/A. Lang/
P. Schauer (Hrsg.), Archäologische Forschungen in urgeschicht-
lichen Siedlungslandschaften. Festschrift für Georg Kossack zum
75. Geburtstag (Regensburg 1998) 67–90.
6
Vgl. Geologische Karte des Freistaates Sachsen 1:25000,
Bl. 5048 Kreischa (Freiberg 1999) und Bl. 4948 Dresden (Frei-
berg 2001).

image
100
Abb. 2. Ausschnitt aus dem Sächsischen Meilenblatt Nr. 283 (Berliner Ausgabe) mit schematischer Darstellung des bandkeramischen
Siedlungsraumes. M. ca. 1:15 000 (Sächsisches Hauptstaatsarchiv).
N

image
101
Die Entkalkung des Lösses ist im gesamten Nickerner
Raum stark fortgeschritten, die Entkalkungsgrenze liegt
gemäß wiederholter Beobachtung 1–2 m unterhalb der
Oberkante des B-Horizontes
7
.
Gezielte Untersuchungen zum Paläorelief und zur
Bodenentwicklung erfolgten bislang nur vereinzelt
8
. In
Umrissen zeichnet sich ein mosaikhaftes Bild von Erosion
und kolluvialer Akkumulation ab, wobei vielfach erosive
Erscheinungen dominieren. Dies hat zur Folge, dass Reste
eines fossilen A-Horizontes meist nur noch punktuell
überliefert sind, sehr häufig das Terrain aber bis zum B-
Horizont gekappt war. Neolithische Besiedlungsober-
flächen sind nirgends mehr vorhanden. Die ursprünglich
im gesamten Gebiet der linkselbischen Lösshänge vor-
auszusetzenden Schwarzerden erhielten sich pedogene-
tisch betrachtet in unterschiedlichen Zuständen, von ver-
braunter Schwarzerde über Parabraunerde bis hin zur
extrem lessivierter Fahlerde
9
. Ein 2002 untersuchter Auf-
schluss (GOP-06) innerhalb eines zugeflossenen Trocken-
tälchens außerhalb des eigentlichen bandkeramischen Sied-
lungsareals erbrachte z.B. den Nachweis einer reliktischen
Schwarzerde (Abb. 3), deren Degradierung noch nicht so
weit fortgeschritten war wie die der Parabraunerde, die an
der einige hundert Meter hangabwärts gelegenen Peri-
pherie des Siedlungsareals (GOP-03) festgestellt wurde.
Die Erhaltung solcher reliktischer Schwarzerdehorizonte
von bis zu 40 cm Mächtigkeit ist meist an eine kolluviale
Überdeckung gekoppelt. Abgesicherte Erklärung für die
unterschiedlichen pedogenetischen Erhaltungszustände
stehen derzeit nicht zur Verfügung.
Von den für den bandkeramischen Standort wichtigen
Geofaktoren konnten somit bislang nur die Grundzüge
der Morphologie sowie der Bodenbildung in Ansätzen
erforscht werden, zu Auen- und Fließgewässerentwick-
lung, Vegetation und Mikroklima fehlen nach wie vor
grundlegende Daten. Deutlich wird auf jeden Fall das
Ausmaß landschaftlicher Umgestaltung im Verlaufe des
Holozäns, das quellenkritisch bei der Analyse der archäo-
logischen Quellen mitberücksichtigt werden muss.
1.3. Die räumliche Abgrenzung des bandkera-
mischen Siedlungsraumes
Durch die Vielzahl archäologischer Aufschlüsse entlang
des Geberbachtales kann für die Elbtalweitung erstmals
der Versuch gewagt werden, die Flächenhaftigkeit eines
bandkeramischen Siedlungsplatzes verlässlicher zu be-
stimmen (Abb. 1; Beilage 2). Natürlich verkörpert der so
ermittelte „Umriss“ nur das Endresultat eines Jahrhun-
derte währenden Prozesses, der, soweit beim Fehlen einer
Abb. 3. Ausschnitt eines geolo-
gischen Profils durch ein verfüll-
tes Trockentälchen außerhalb
des eigentlichen bandkerami-
schen Siedlungsareals (GOP-06)
mit Nachweis einer reliktischen
Schwarzerde.
7
Daraus resultiert eine durchweg schlechte Knochenerhaltung
mit stark eingeschränkten Aussagemöglichkeiten hinsichtlich
Viehwirtschaft und Jagd. Andere bandkeramische Siedlungs-
plätze der Elbtalweitung bieten diesbezüglich bessere Voraus-
setzungen, vgl. R. Elburg, Man-animal relationships in the Early
Neolithic of Dresden (Saxony, Germany). In: J.W.F. Reumer/
J. De Vos (Hrsg.), Elephants have a snorkel! Papers in Honour
of Paul Y. Sondaar. Deinsea 7, 1999, 169–186.
8
Differenzierte bodenkundliche Untersuchungen wurden
bereits in den 60er Jahren in Dresden-Prohlis durchgeführt, lei-
der ohne in den folgenden Jahrzehnten eine systematische Fort-
setzung zu erfahren: W. Baumann/P. Czerney/H. J. Fiedler,
Archäologische und bodenkundliche Untersuchungen an einem
bandkeramischen Siedlungsprofil in Dresden-Prohlis. Arbeits- u.
Forschber. sächs. Bodendenkmalpfl. 13, 1964, 7–50. – Umfas-
sende sedimentologisch/pedologische Auenuntersuchungen
konnten bislang nicht durchgeführt werden.
9
Geologische Karte des Freistaates Sachsen M. 1 : 25000, Erläu-
terungen zu Blatt 4948 Dresden (Freiberg 2001) 132; K. Manns-
feld/H. Richter (Hrsg.), Naturräume in Sachsen (Trier 1995) 73ff.

102
abgesicherten Chronologie für das Früh-/Mittelneolithi-
kum erkennbar, die Zeitspanne von der älteren/mittleren
Bandkeramik bis zur Stichbandkeramik umfasst. Der
diachrone Aspekt eines solchen Gebildes, die Dynamik
des Siedelgeschehens, wird eines der Kernthemen zukünf-
tiger Forschung sein.
Die südliche bis südöstliche Grenze bestimmt im
Wesentlichen der Verlauf des Geberbachgrundes. Östlich
des gegen Nordosten einschwenkenden Geberbaches
ließen sich auf der 6 ha umfassenden Grabungsfläche A
der Grabung DD-02 (Gewerbegebiet Nickern) keinerlei
bandkeramische Befunde nachweisen. Aus dem unmittel-
bar südwestlich anschließenden Bereich gibt es bislang
keine Aufschlüsse, erst die südlich davon gelegene, als
„Trutzsch“ bezeichnete Erhebung wurde in den Jahren
1995–1996 mit Baggerschurfen umfassend prospektiert
(Kasernengelände Nickern, DD-28). Die durch lange
militärische Nutzung des Terrains verursachte tief grei-
fende Umgestaltung vereitelt allerdings eine verlässliche
archäologische Beurteilung. So ließen sich auch die weni-
gen 1939 beim Bau militärischer Anlagen in der Nordwest-
ecke des Kasernengeländes gemachten bandkeramischen
Befunde nicht mehr verifizieren. Mehrere kleine, nördlich
davon in der Ortslage Nickern südlich des Geberbaches
angelegte Schurfe (im Zuge der Errichtung von Einfami-
lienhäusern) erbrachten ebenfalls keine bandkeramischen
Nachweise, trotz weitgehend ungestörten Terrains. Dem
Geberbach aufwärts folgend fehlen auf dem rasch anstei-
genden Hang südwestlich der Nickerner Ortskerns bis
dato archäologisch aussagekräftige Aufschlüsse.
Die wenigen bandkeramischen Belege südlich des
Geberbaches entziehen sich hinsichtlich Art, Umfang und
Bezug zum Siedlungsareal jenseits des Geberbaches einst-
weilen einer stringenten Beurteilung. Diese Aussage führt
wieder zurück auf die nördliche Bachseite. Wie bereits
erwähnt, bildet sein Verlauf die südöstliche Siedlungs-
arealgrenze. Deren weitere Festlegung im Osten bis Nord-
osten ist, bedingt durch zwei alte Lehmgruben, nur mit
etwas größerer Toleranz möglich. Zwar finden sich in
den Ortsakten sporadisch Hinweise auf bandkeramische
Funde, die beim Lehmabbau beobachtet wurden; es ist
daraus jedoch kein konsistentes Bild zu gewinnen. Sicher
ist nur, dass die nordöstlich anschließenden Grabungs-
flächen B und E der Grabung DD-02 (Gewerbegebiet
Nickern) keinerlei bandkeramische Befunde erbrachten.
Da andererseits, zwar merklich ausdünnend, die stich-
bandkeramischen Befunde auf der Grabungsfläche H süd-
lich bis an eine der Lehmgruben heranreichen, muss die
Grenzzone in deren Bereich angenommen werden.
Die nördliche Peripherie lässt sich anhand etlicher
Negativprospektionen entlang der Langobardenstraße
(Einfamilienhausbauten der vergangenen zehn Jahre),
zumal in deren nördlichem Abschnitt, sowie über das nur
noch sehr sporadische Vorkommen bandkeramischer Gru-
ben im nördlichen Abschnitt der Grabung DD-98 ermit-
teln. Von hier bis zu den sich dann erst wieder in 500 m
westlicher Distanz hangaufwärts anschließenden Gra-
bungsflächen in Kauscha beruht die „Grenzziehung“ der-
weil noch auf Interpolation. Die Grabungsareale in Kau-
scha, allen voran die 3 ha umfassende Fläche der Grabung
GOP-03, weisen mit aller Deutlichkeit die nördliche Peri-
pherie nach. Entsprechendes gilt für den westlichen Grenz-
bereich (die Grabungsfläche GOP-03 ist in den nördli-
chen sowie westlichen Abschnitten vollkommen befund-
frei). Südlich davon liegen die oben erwähnten, 1976 bei
flächenhaften Planierungen gemachten Beobachtungen
bandkeramischer Befunde vor. Hier bleibt die westliche
Grenze vage.
Resümierend ergibt sich aus den dargelegten Beobach-
tungen ein bandkeramischer Siedlungsraum um die 40 ha
Fläche und einer am Geberbach orientierten Längenaus-
dehnung von etwa 1,4 km. Intern ist er vielfältig differen-
ziert, Bereiche sehr hoher Befunddichte stehen solchen
mit wesentlich lockerem Befundbild gegenüber. So scheint
mit den Grabungsflächen NIE-09 und NIE-10 ein west-
licher Peripherbereich vorzuliegen, eine dichtere band-
keramische Befundlage ist erst wieder in 270 m westlicher
Distanz in Kauscha nachweisbar. Beobachtungen inner-
halb zweier diese Distanz überbrückender Leitungsgrä-
ben von Nickern nach Kauscha (1976, 1978) ergaben je-
doch sporadisch über die gesamte Länge immer wieder
Nachweise bandkeramischer Gruben. Ob der umrissene
Siedlungsraum eventuell in zwei eigenständige, sich nur
locker berührende Bereiche aufzugliedern ist, muss einst-
weilen offen bleiben. Ist damit zunächst das Areal be-
stimmt, in dem sich anhand konkreter Befunde band-
keramische Siedlungsaktivitäten nachweisen lassen, so
bleibt eine auch nur vage Bestimmung von Wirtschafts-
flächen und sonstigen Nutzungszonen derzeit unmöglich.
1.4. Einige Bemerkungen zum Straßenbauprojekt
Obwohl man sich bei der neu geplanten Autobahn von
Dresden nach Prag (BAB 17) für die stadtnahe Variante
entschlossen hat, verläuft sie außerhalb, am Rande des
Dresdner Elbtals, im gehörigen Abstand zu den bislang
dort bekannten Siedlungsschwerpunkten. Die im Vorfeld
der Bauarbeiten für dieses große Straßenbauprojekt ent-
deckten zahlreichen vor- und frühgeschichtlichen Spuren
änderten zwar das Siedlungsbild, das man vom Umland
Dresdens kannte, bestätigten jedoch zumindest für das
Frühneolithikum im mitteldeutschen Sinne, d.h. für die
Linien- und Stichbandkeramik, das bisher bekannte Sied-

103
lungsmuster. Eine Aufsiedlung der Oberläufe der ins Elb-
tal entwässernden Gewässer, in Lagen über 200 m ü.NN –
in dem Gebiet, durch das die neue Autobahn führt – ist
hauptsächlich erst ab dem Ende der Bronzezeit erfolgt.
Doch zusammen mit der Autobahn wurden auch Verbin-
dungsstraßen in die Stadt neu geplant, ob es sich um voll-
ständige Neubauten, um deutliche Verbreiterungen oder
um eine Kombination davon handelte.
Eine davon war eine Staatsstraße (S 191), die südlich
vom ausgewählten Bildausschnitt in Kauscha (Abb. 1) von
der Autobahn abgeht, um dann im großen Bogen nord-
östlich daran vorbeizuführen, am westlichen Ende von
Nickern unter die Fritz-Meinhardt-Straße gelegt wird, um
dann südlich parallel dazu im Tiefschnitt mitten durch die
bestehende Siedlung gebaut zu werden (vgl. Abb. 16).
Nachdem sie unter der sie querenden Altnickerner Str.
verläuft, schließt sie östlich des Geberbaches, den sie über-
brückt, an das bestehende und schon untersuchte Straßen-
netz (vgl. Kap. 2,2; Abb. 2). Der Tiefe dieses Einschnittes
ist geschuldet, dass die Trasse breit und der Flächenbedarf
somit überdurchschnittlich groß war. Andererseits ist
dadurch, dass die Trasse über einige Altgrabungen und
auch eine neuere Grabung aus dem Jahr 1995 führte, keine
durchgehende Trassengrabung möglich bzw. notwendig
gewesen, sondern es wurden die bestehenden Lücken
durch einzelne neue Grabungsflächen auf einer Strecke
von über 500 m Länge vervollständigt. Vom Geberbach
aufwärts nach Westen handelt es sich um NIE-07, NIE-06,
NIE-05, NIE-04, NIE-09 und NIE-10 (Abb. 1).
Die Ausgrabungen im Vorfeld der Zubringerstraße
S 191 haben abschnittsweise ab Frühjahr 2002, einem Jahr
vor dem geplanten Beginn der tatsächlichen Straßenbau-
arbeiten, begonnen. Dabei richtete sich der konkrete Gra-
bungsbeginn der einzelnen Flächen und zum Teil auch die
Grabungsdauer nach der Verfügbarkeit der einzelnen
Grundstücke sowie sonstigen Arbeiten und Terminen, die
durch den kompletten Tiefbau einer Straße durch einen
bestehenden Stadtteil mit stets zu funktionierender Infra-
struktur und Verkehrsführung bedingt sind.
2. Die Grabungsflächen entlang des
Geberbaches
2.1. Die Siedlung in NIE-07
Das unter dem Aktivitätskürzel NIE-07 zusammenge-
fasste Grabungsareal erstreckt sich vom Geberbach im
Osten bis zur Kreuzung Fritz-Meinhardt-Straße und Alt-
nickerner-Straße im Westen auf rund 350 m Länge mit
einem Höhenunterschied von fast 9 m (Abb. 1). Aufgrund
eines nördlich davon geplanten Regenrückhaltebeckens
erhöhte sich die Breite des zu untersuchenden Streifens
wesentlich, so dass die Grabungen an die nördlich gele-
gene Fläche H der 1993 untersuchten Grabung DD-02
anschließen konnten (s.u. Kap. 2.2.).
Die Ausgrabungen der aus technischen Gründen in
zahlreiche horizontale Streifen aufgeteilten Gesamtfläche
von 2,4 ha erfolgten zwischen dem 15.4.2002 und dem
30.4.2003
10
. Aufgrund der Verteilung der insgesamt an-
nähernd 2000 Befunde kann man zwei Bereiche trennen,
die sich in der Anzahl und Befundart deutlich unterschei-
den (Beilage 2). Der östliche, untere Teil der Grabungs-
fläche erstreckt sich vom Geberbach im Osten bei 144,6 m
ü.NN maximal 150 m westlich, etwa bis zu dem bogen-
förmig von Nordost nach Südost verlaufenden Graben.
Der größte Anteil der über den Befundinhalt typologisch
bestimmbaren Gruben sind der slawischen Zeit, etwa um
das 8.–10. Jahrhundert, zuzuweisen. Der Graben ist aller-
dings schwer zu datieren, auch wenn einige darin liegende
Scherben stichbandkeramisch sind. Er scheint entweder
die slawische Siedlung etwas weiträumig zu umfassen oder
er könnte – falls tatsächlich neolithisch – das hangaufwärts
gelegene, hauptsächlich linien- und stichbandkeramische
Siedlungsareal vom Geberbach und dessen Flutzone ab-
grenzen.
Die meisten der rechteckig-länglichen Gruben und die
relativ geringe Anzahl von Pfostengruben, die jedoch kei-
nen erkennbaren Zusammenhang bilden, wurden in röt-
liche Hochflutsedimente eingegraben, die im unteren
Hangbereich eine Mächtigkeit von bis zu 3 m aufwiesen
11
.
Deren auffällige Färbung liegt in den weiter talaufwärts
gelegenen Sedimenten des Rotliegenden begründet. Die
Auensedimente, darunter auch verschiedene Feinkieslagen,
decken eine fossile Schwarzerde ab, die den neolithischen
Siedlungsgrund bildet und sich aus dem anliegenden gelb-
braunen Lösslehm entwickelt hat (Abb. 4). Nach Westen
hin streicht das oberste Paket rötlichen Auenlehmsedi-
ments, in das die slawischen Befunde eingegraben waren,
etwa 80 m von der östlichen Grabungsgrenze entfernt in
einer Höhe von 145,8m ü.NN aus, was die maximale Hoch-
wasserlinie des Geberbaches markiert.
Im höher gelegenen Bereich, westlich davon, lässt sich
unschwer eine mehrphasige bandkeramische Siedlung
erkennen. Die in ein bis drei Reihen gelegenen, sich zwei
10
Gedankt sei hier H. Schubert M.A, dem örtlichen Gra-
bungsleiter, sowie der gesamten Grabungsmannschaft für die
Leistungen, die sie fast stets unter Zeitdruck und mit nicht immer
günstigen Witterungsbedingungen über ein ganzes Jahr durch-
gehend geleistet haben.
11
Die Angaben stammen aus dem Bericht einer geomorpho-
logischen Untersuchung durch C. Tinapp, der ein etwa 35 m lan-
ges West-Ost-Geoprofil durch den Rand des Geberbachtales
anlegte.

image
image
104
Abb. 4. NIE-07. Geoprofil, Meter 24–30.
Abb. 5. NIE-07. Depot mit Steingeräten.
bis dreifach überschneidenden Häuser ordnen sich in den
wohlbekannten Kanon der Linien- und Stichbandkera-
mik gut ein. Es können etwa 20 Grundrisse erkannt wer-
den, die eine stark unterschiedliche Erhaltung aufweisen.
Zudem sind fast alle bekannten Typen nachweisbar, es gibt
solche mit einfachen und mit doppelten Wandpfosten, mit
parallel verlaufenden, aber auch eindeutig gebogenen bis
schiffsförmigen Wänden, mit langen, aber auch mit kur-
zen Nordwestteilen, die durch Wandgräben gebildet wer-
den oder auch nicht. Manche Häuser weisen noch die
deutliche Dreiteilung auf, andere haben diese in Nord-
Süd-Richtung verlaufende Einteilung völlig oder fast völ-
lig verloren. Eine typo-chronologische Bestimmung ledig-
lich aufgrund der Bautypen ist durchaus nicht immer
eindeutig. Andererseits wird es gerade in den dichter
besiedelten Abschnitten schwierig werden, die Längsgru-
ben – so sie überhaupt vorhanden oder eindeutig sind –
einem Hausgrundriss zuzuschreiben und die Gebäude
über die Funde aus den hausbegleitenden Gruben zuzu-
ordnen. Insgesamt besticht die sehr einheitliche Nord-
Süd-Orientierung der Häuser, wie sie im Dresdner Elbtal
üblich ist, sich jedoch gerade dadurch von den meisten
Siedlungen im restlichen Verbreitungsgebiet der Band-
keramik unterscheidet.
Interessant ist noch, dass im Grabungsplan einige „Pali-
sadenabschnitte“ zu erkennen sind, die aus einfachen oder
doppelten Pfostenreihen bestehen. Eine bis zwei davon
sind eindeutig als Pfostensetzung einer Umhegung zu
erkennen, die direkt auf ein Haus Bezug nimmt. Diese
schon seit der ältesten Bandkeramik bekannten Zäune am
Haus kommen gerade während der Stichbandkeramik
gehäufter vor
12
. Aus dem reichhaltigen Fundmaterial der
bandkeramischen Siedlung soll hier lediglich auf einen
Befund hingewiesen werden, der besonderes hervorragt
13
.
Inmitten der Siedlung, in einer nur schwach erkennba-
ren runden Grube von nur etwa 0,3 m im Durchmesser
wurde ein Steinbeildepot entdeckt. Von den acht Objek-
ten (Abb. 5) gehören zwei zu einem alt gebrochenen Dech-
sel und eines war ein leicht angeschliffenes Steinfragment,
das nur an die Form eines Dechsels erinnert. Daneben
wurden drei weitere, leicht beschädigte Dechsel und eine
kleine Flachhacke gefunden. Beim letzten Objekt handelt
es sich um ein Halbfabrikat, das nur eine bearbeitete
Schmalseite aufwies. Auf etwa zwei Drittel des etwa 2 cm
hohen, flachen Steins zeigten sich auf der gesamten Länge
lang gezogene parallele Linien, die eindeutig auf Sägespu-
ren hinweisen. Das Rohmaterial, Gneis und Diabas, ist
lokaler Provenienz und wurde wahrscheinlich aus dem
wenige Kilometer entfernten Plauenschen Grund geholt.
Im Befund fehlten weitere Funde und auch die Zugehörig-
keit zu einem Haus oder einer bestimmten Siedlungsphase
innerhalb der dicht besiedelten Fläche ist zur Zeit nicht
nachvollziehbar. Zusammen mit den bei den Grabungen
von Baumann im Jahr 1961
14
in nur etwa 150 m Entfer-
nung weiter westlich gefundenen zwei bandkeramischen
Depots mit drei bzw. acht Steingeräten ergibt sich eine
erstaunliche Häufung dieser ansonsten seltenen Befunde.
12
Zusammenstellung zuletzt bei K. Riedhammer, Ein neuer
mittelneolithischer Hausgrundriss mit Zaun aus Niederbayern.
In: J. Eckert/U. Eisenhauer/A. Zimmermann (Hrsg.), Archäo-
logische Perspektiven. Analysen und Interpretationen im Wan-
del. Festschrift für Jens Lüning zum 65. Geburtstag (Rahden
2003) 471–488. Belege für eine ältestbandkeramische „Garten-
umfassung“ sind in Mintraching, Lkr. Regensburg gefunden wor-
den: H. Stäuble, Häuser und absolute Datierung der Ältesten
Bandkeramik. Ungedr. Diss. Univ. Frankfurt/Main (Frankfurt
1994).
13
Das Fundmaterial ist zur Zeit noch in Bearbeitung, eine nach
Befunden getrennte Durchsicht des keramischen Fundinventars
wie auch der Steinartefakte ist noch nicht erfolgt. Im Allgemei-
nen kann man somit bislang lediglich sagen, dass neben den sla-
wischen Funden, nur linien- und stichbandbandkeramisch ver-
zierte Tonware zutage kam.
14
Baumann (Anm. 2, 1962) 69–74.

105
Von generellem Interesse, sowohl was die Siedlungs-
abfolge als auch was die Siedlungsstruktur betrifft, ist das
räumliche Verhältnis zwischen den Hausgrundrissen und
den zahlreichen unterschiedlichen Grabenwerken, die nicht
alle mit Bestimmtheit datiert werden können, auch wenn
darin einzelne stichbandkeramische Scherben gefunden
wurden. Im östlichen Drittel der Fläche konnte ein von
Nordosten bogenförmig nach Südosten verlaufender, rela-
tiv schmaler Graben, der aus mehreren Abschnitten gebil-
det wird, über eine Strecke von etwa 90 m verfolgt werden
(s. o.). Etwa in der Mitte trifft er auf einen weiteren, deut-
lich schmaleren Graben, der ebenfalls bogenförmig, jedoch
von Südwesten nach Südosten noch über 160 m lang war.
Letzterer umfasst im weiten Bogen jene drei in einer Reihe
stehenden Häuser, die aufgrund typologischer Kriterien
der Stichbandkeramik zuzuweisen sind und von einer dop-
pelten Grabenanlage überlagert werden.
Während vom inneren, in der Regel 1,5–2,5 m breiten
Graben vier bis fünf mehr oder weniger deutlich getrenn-
te Abschnitte mit einer Länge von insgesamt 125 m (inkl.
den „Torsituationen“) vorhanden sind, wobei die zwei
östlichen recht deutlich aus der Flucht liegen, verschwin-
det der äußere Graben nach Osten hin gänzlich (drei
Abschnitte mit zusammen 80 m). Freilich wird man zur
Zeit keine Klarheit über die Gleichzeitigkeit der beiden
Gräben dieser Anlage und auch nicht jene der schräg dazu
verlaufenden Innenpalisade erlangen können. Auch der
Versuch einer feinchronologischen Analyse des recht spär-
lichen Fundmaterials aus den Grabenverfüllungen werden
das Problem diesbezüglich nicht lösen. Insoweit ist eine
eindeutige Entscheidung darüber, ob es sich um eine dop-
pelte Grabenanlage handelt oder um eine doppelte Kreis-
grabenanlage als Terminus für den speziellen stichbandkera-
mischen Typ, der ansonsten auch Rondell genannt wird,
nicht mit letzter Sicherheit möglich. Dennoch sprechen
die meisten Argumente, sowohl die Funde als auch die
stratigraphischen Überlagerungen, eher dafür als dagegen.
Versucht man eine Rekonstruktion der doppelten Kreis-
grabenanlage aufgrund der aufgedeckten Segmente, so
reicht man weit über den Geberbach hinaus. Durch die
mittlerweile zahlreichen Vergleichsbefunde, die eindeutig
erkennen lassen, dass auch Kreisgrabenanlagen bei wei-
tem nicht so regelmäßig gebaut wurden, wie es zunächst
den Anschein hat (s.u. DD-02, aber auch NIE-09), wird
man sich die Gräben nicht kreisrund sondern eher als
Viereck mit abgerundeten Seiten vorstellen müssen.
So lässt sich beispielsweise die dreifache Kreisgraben-
anlage aus Zwenkau mit einem größten Durchmesser
von ca. 130 m, deren Gräben jeweils an den Nordwest-
Südost-Südwest-Nordost-Öffnungen abknicken
15
, fast
deckungsgleich auf die doppelte aus NIE-07 legen. Damit
würde sie in etwa die Fläche, die von der dort vorhande-
nen Geberbachschleife umfasst wird, ausfüllen. Demnach
würden die Grabungsflächen von DD-41 und NIE-03
(Abb. 1) wahrscheinlich sogar innerhalb der Grabenanlage
liegen oder verfehlen diese nur knapp. Dort konnte man
nicht erkennen, dass man sich inmitten der bandkerami-
schen Siedlung befand.
Die angeschnittene Grabenanlage unterstreicht damit
noch deutlicher als die fragmentarischen Hausgrundrisse,
dass mit der Grabungsfläche NIE-07 der nördliche Rand
eines bandkeramischen Siedelgebietes eher nur tangiert
wurde. Ein Großteil der Siedlungsfläche, ob mit oder ohne
weitere Hausbebauung, kann sich noch fast 200 m südlich
bis hin zum Geberbach erstreckt haben.
2.2. Die Grabungsfläche DD-02, Fläche H
Die im Abstand von wenigen hundert Metern beieinan-
der liegenden Kreisgrabenanlagen verleihen dem Nicker-
ner Siedlungsareal ein charakteristisches Profil und setzen
es von den übrigen bandkeramischen Plätzen der Elbtal-
weitung ab. Sollte dieses Phänomen nicht nur aus der
besonders hohen Aufschlussdichte in Nickern resultieren,
wird man erwägen dürfen, ob damit nicht eine spezielle
Funktion des Siedlungsplatzes einhergeht.
Im Winter 1993/94 wurde das erste dieser Grabenwerke
im Zuge der archäologischen Untersuchung des Gewer-
begebietes Nickern auf Fläche H freigelegt
16
(Beilage 2).
Bauseitig bedingt konnte dies damals nur zu drei Vierteln
geschehen. Der verbleibende südliche Teil stand somit für
weitere Ausgrabungen zur Verfügung, die im Rahmen der
archäologischen Voruntersuchung des Autobahnzubrin-
gers Nickern 2002 bis 2003 realisiert wurden. Aus Zeit-
gründen musste man sich 1993/94 im Wesentlichen mit
16 Baggerquerschnitten zur Klärung der Grabenprofile
begnügen.
Das Rondell liegt peripher zur eigentlichen bandkera-
mischen Siedlungszone, welche auf den südlich vorbei-
fließenden Geberbach hin orientiert ist (NIE-07). Es
besteht aus einem einfachen Ringgraben, der eine leicht
unregelmäßige Kreisform beschreibt. Drei Zugänge im
Nordwesten, Nordosten sowie Süden werden durch ein
Ausbiegen des Hauptgrabens geformt, wodurch gra-
benflankierte Erdbrücken von etwa 10 m Länge und
1,5–5,4 m lichter Weite entstehen. Der Nordwestzugang
ist durch eine Grubenüberlagerung zwar stark gestört,
wird jedoch dem Befund nach den beiden anderen Durch-
15
H. Stäuble, Von der Linie zur Fläche. Archäologische Groß-
projekte im Südraum Leipzigs. In: Vorträge 17. Niederbayer.
Archäologentag (Rahden 1999) 149–190.
16
Kurz (Anm. 4) 23ff.

106
lässen ähnlich zu rekonstruieren sein. Den Südgraben des
Nordostzugangs unterbricht kurz vor Anbindung an
den Hauptring eine 0,5 m breite Lössbrücke.
Der Außendurchmesser der Anlage pendelt zwischen
50 und 55 m, die Grabenbreite zwischen 1,7 m und 3,6 m,
im Bereich der Zugänge ist sie stellenweise bis auf 1,2 m
reduziert. Der Graben ist als Spitzgraben ausgeprägt; die
erhaltene Tiefe unter Baggerplanum schwankt zwischen
1,14 m und 1,7 m, ohne einen bestimmten Trend erken-
nen zu geben. Als Grundmuster der Grabenverfüllung
gilt: unten hell-dunkel gebändert mit höherem Lössanteil,
nach oben zunehmend homogener und dunkler.
Die Innenseite des Kreisgrabens begleiten drei mehr
oder weniger konzentrische (Palisaden-)Gräbchen. Diese
sind sowohl im Verlauf als auch in ihrer Dreierstaffe-
lung nur diskontinuierlich bezeugt; eine zweifelsfreie
Klärung, inwiefern dieser Befund erosionsbedingt oder
authentisch ist, bleibt einstweilen offen. Als erhaltene
Gräbchenbreite auf Baggerplanumsniveau sind 20–30
cm anzugeben. Verlauf und gegenseitiger Abstand der
Gräbchen schwanken abschnittsweise bis zu 1 m, die
Distanz von Außengräbchen und Kreisgrabenring bis
zu 3 m. Standspuren von Hölzern waren in den ange-
legten Längsprofilen (max. Befundtiefe bis 20 cm) nicht
zweifelsfrei auszumachen, werden jedoch vermutet. Das
Außengräbchen setzt auf Höhe des Nordost- und Süd-
zugangs nicht aus, so dass hier vermutlich kein direkter
Weg ins Innere des Grabenwerks führte. Ein solcher
Gedanke geht von einer gewissen zeitlichen Kongruenz
der Strukturen aus, die allerdings nicht beweisbar ist.
Lediglich die generelle Bezugnahme von Graben und
Gräbchen wird über die gleichlaufende Formunregel-
mäßigkeit des schwächer gekrümmten Südost-Sektors
angezeigt. Eine an einen Versatz von 1,9 m gekoppelte
Unterbrechung des Außengräbchens assoziiert 9 m süd-
lich des Nordostzugangs einen Durchlass. Leider ließen
sich in diesem Abschnitt das mittlere und innere Gräb-
chen nicht verfolgen. Die Situation für den Nordwest-
zugang bleibt unklar.
Der Ringgraben umschließt eine Innenfläche von
1733 m
2
, der innerste Gräbchenring bei einem näherungs-
weise rekonstruierten Verlauf etwa 965 m
2
. Im Innenraum
der Anlage wurden nur relativ wenige Gruben- und Pfo-
stenbefunde festgestellt. Ihr zeitlich/strukturelles Ver-
hältnis zur Kreisgrabenanlage wird soweit wie möglich zu
klären sein. Dies gilt auch für die bandkeramischen
Befunde im äußeren Umfeld der Anlage. Im Falle der
Nordwestzugangssituation ist die relative Befundabfolge
bedingt klar: Der nördliche zu einer Torwange ausbie-
gende Graben schneidet in die Grubenverfüllung ein; das
vermutete südlich Pendant ließ sich allerdings nicht zwei-
felsfrei beobachten.
Aus dem Füllsediment des Kreisgrabens liegt insgesamt
wenig Fundmaterial (Keramik, Silex, Mahl- und Schleif-
steinfragmente) vor, was sicherlich auch den reduzier-
ten Aufschlüssen sowie der Grabungstechnik der Jahre
1993/94 geschuldet ist. Diagnostische Scherben gehören
ausschließlich zur Stichbandkeramik, was im übrigen
ebenso für die Keramik aus der Grube beim nordwestli-
chen Zugang der Anlage gilt. Die torgassenartige Zugangs-
gestaltung der Nickerner Anlage findet vor allem bei den
slowakischen Kreisgräben Bučany, Svodin und Ružindol-
Borová ansprechende Parallelen
17
. Große Ähnlichkeit im
Grundriss zeigt auch das Monument von Goseck (Sachsen-
Anhalt)
18
.
Im Jahre 2003 konnte die Freilegung der Kreisgraben-
anlage durch die Ausgrabung der dritten, südlichen Tor-
situation komplettiert werden. Der Zugang wird durch
zwei ausladende, etwas schmalere Grabenabschnitte
(1,25–1,5 m breit) als der Kreisgraben selbst gebildet. Zur
Innenfläche hin beträgt die Breite der ca. 10 m langen
Erdbrücke rund 1,7 m, nach außen hin öffnet sie sich auf
2,7 m. Der Durchgang ist zudem leicht schräg zum
Radius der Kreisgrabenanlage, der die innere Graben-
unterbrechung bei 266° trifft (gemessen von Ost gegen
den Uhrzeigersinn). Das bedeutet, dass der Zugang nicht
auf das Zentrum der Anlage gerichtet war. Mehrere nur
noch flach erhaltene schmale Gräbchen im Innenraum
weisen auf drei konzentrische Palisadenfragmente hin,
von denen die äußere zumindest bis zur Hälfte des
Zugangs verläuft.
Bei den vollständig in Plana gegrabenen zwei Abschnit-
ten (ohne die Torzangen ca. 40 m lang) wurden 15 Quer-
profile angelegt, in denen die typischen Spitzgräben doku-
mentiert sind. Mit 1,2–1,8 m schwankt deren Tiefe jedoch
beträchtlich. Entsprechend unterscheidet sich auch die
Breite des westlichen (ca. 2,5 m) und des östlichen Gra-
benabschnittes (ca. 3,7 m) voneinander. Der Grund hier-
für ist nicht erkannt, mit Sicherheit liegt das jedoch nicht
an unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen, da das Gra-
bungsplanum gleichzeitig und auf die gleiche Tiefe abge-
zogen wurde. Ansonsten weisen die Profile das übliche
Bild auf, eine fein geschichtete, wechselnde Sedimentab-
folge von Lössmaterial und humosen Anteilen im unte-
ren bis mittleren Bereich und ein homogen humoses Paket
im oberen Drittel. Die Funde sind noch nicht ausgewer-
tet, sie bestätigen jedoch eine Datierung der Auffüllphase
in die Stichbandkeramik. Das stratigraphische Verhältnis
einer Reihe von Gruben, die den Graben sowohl in sei-
17
G. Trnka, Studien zu mittelneolithischen Kreisgrabenanlagen
(Wien 1991) 278ff. Abb. 110; 288ff. Abb. 116; V.
Němejcová-
Pavúková,
Kreisgrabenanlage der Lengyel-Kultur in
Ružindol-
Borová (Bratislava 1997) 12 Abb. 2; 17 Abb. 6.
18
Grabungsbericht im Internet:
www.praehist.uni-halle.de.

107
3. Die Grabungsflächen DD-23, NIE-05,
DD-49, NIE-06
Mit über 2000 bandkeramischen Befunden auf 6700 m
2
Gesamtfläche geben diese vier unmittelbar von West nach
Ost aufeinander folgenden Grabungsfenster Einblick in
einen Bereich des Siedlungsplatzes mit der bis dato höch-
sten Befundfrequenz (Beilage 2; Abb. 6). Die vorauszu-
setzende ursprüngliche Schwarzerdeüberdeckung fiel weit-
gehend der Erosion zum Opfer, eine Kappung des Ter-
rains bis in den Übergang zum B
ht
-Horizont bewirkend.
Wie viel archäologische Substanz dadurch vernichtet
wurde, wie verzerrt das überlieferte Befundbild ist, ent-
zieht sich konkreter Bilanzierung.
Erst auf der Grundlage einer phaseologischen Auf-
schlüsselung wird eine nähere Beurteilung der Siedelpro-
zesse, die zu jener starken Befundverdichtung mit zahl-
reichen Überlagerungen führten, möglich sein. Zeitlich
scheint sich der Rahmen, eingedenk der bislang nur rudi-
mentär ausgearbeiteten Chronologie, von der älteren/mitt-
leren bis zur jüngsten Linienbandkeramik zu erstrecken;
der stichbandkeramische Zeithorizont ist ebenfalls, wenn
auch mit geringeren Anteilen, vertreten.
Mindestens 17 Hausgrundrisse unterschiedlicher Gestalt
lassen sich einstweilen herausfiltern; alle sind mit nur sehr
geringen Abweichungen nord-süd-orientiert, werden aber
meist nicht zur Gänze über die geöffneten Grabungs-
flächen erfasst. Die Zwischenabstände pendeln zwischen
wenigen und 20 m. Überschneidungen von Grundrissen
sind wiederholt zu konstatieren, so z.B. in der Südostecke
der Fläche NIE-06 eine Dreifachüberlagerung. An der-
artige Situationen knüpft die Fragen nach der Existenz
von über bestimmte Zeiträume hinweg konstanten Hof-
plätzen an.
Ein abweichendes Bild zeichnet die Grabungsfläche
NIE-05, weist sie im Wesentlichen doch eine sich zu einem
ausgedehnten Komplex zusammenfügende Grubenagglo-
meration auf, wie sie so umfänglich ansonsten nirgends
beobachtet wurde. Von einem solchen prägnanten Phä-
nomen ausgehend bietet es sich an, den forschenden Blick
auf spezielle Aktivitätsbereiche innerhalb des Siedlungs-
areals zu richten. Aspekthafte Ausführungen sind beim
aktuellen Aufarbeitungsstand am ehesten für die Gra-
bungen NIE-05 und DD-23 möglich
19
.
3.1. Die Ausgrabung NIE-05
Mit der etwa 800 m
2
umfassenden Fläche NIE-05 (2002/
2003) existiert ein Bindeglied zwischen den Grabungen
DD-49 (W. Baumann, 1961/62) und DD-23 (1995), das
ihre nahtlose Verknüpfung ermöglicht. Im obersten Pla-
num wurde die Fläche von einer homogenen, schwarzen
Verfärbung von etwa 250 m
2
Ausmaß dominiert, isolierte
Befunde traten demgegenüber merklich zurück. Lediglich
in den Randbereichen konnten zwei sich in den benach-
barten Grabungsflächen DD-23 und DD-49 fortsetzende
Hausgrundrisse teilergänzt werden. Als neue Struktur ließ
sich an der östlichen Peripherie über eine regelmäßige
Disposition von (Joch-)Pfosten das Kerngerüst eines wei-
teren Gebäudes rekonstruieren.
Der außergewöhnlichen Befundlage Rechnung tragend,
wurde versucht, mittels Viertelquadratmeterraster und
10-cm-Abhüben der internen Struktur jener zunächst un-
differenzierbar erscheinenden großflächigen Verfärbung
auf die Spur zu kommen. In randlichen Bereichen dürfte
es sich nach augenblicklicher Kenntnislage teilweise um
Reste eines fossilen Oberbodens (reliktische Schwarzerde)
in situ handeln, zum Inneren hin dagegen um eine Viel-
zahl agglutinierender Eingrabungen wechselnder Tiefe,
deren Füllsediment aufgrund des reinen Erscheinungsbil-
des umgelagerte Schwarzerdekomponten enthält, mithin
farblich nicht unterscheidbar ist. Erst zögerlich erfolgte
mit fortschreitendem Abbau eine Auflösung in Teilgruben,
1,7 m unter Baggerplanum wurde die tiefste Befundsohle
erreicht. Es gelang insgesamt 90 kg Fundmaterial in 726
Einheiten zu bergen, womit die Voraussetzungen für eine
differenzierte Fundverteilungsanalyse erfüllt sein dürften.
Bereits beim derzeitigen Auswertungsstand zeichnen sich
durch Konzentrationen einzelner Fundgattungen Unter-
schiede zwischen den Teilgruben ab. Auffällig ist ein ver-
gleichsweise hoher Anteil stichbandkeramischen Materials.
Der Versuch einer zumindest ansatzweisen Klärung des
diachronen Aspekts jenes Grubengebildes sowie der ver-
mutlich komplexen Verfüllmechanismen kann – zusammen
mit der Analyse des archäologischen Fundgutes – sinnvoll
erst auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Untersu-
chungen angegangen werden, für die eine Vielzahl von
Proben vorliegen (pedologisch/sedimentologische Pro-
ben, Bodendünnschliffe, Phosphatbeprobung, Botanik).
nem Kreisgrabenverlauf als auch in der Torsituation tan-
gieren, ist noch nicht eindeutig geklärt, ebenso wenig, wie
die Datierung dieser Befunde erfolgt ist. Insgesamt hat
die Vervollständigung des Gesamtplanes vor allem deut-
lich zeigen können, dass die Anlage unregelmäßiger war,
als zunächst vermutet.
19
Den Grabungsleitern R. Elburg (DD-23) und A. Kinne (NIE-
05) möchte ich an dieser Stelle für die geleistete Zuarbeit zu die-
sem Artikel sowie für ihre stets kritische und fruchtbare Dis-
kussionsbereitschaft ganz herzlich danken.
20
Vgl. J. Lüning, Wohin mit der Bandkeramik? – Programma-
tische Bemerkungen zu einem allgemeinen Problem am Beispiel
Hessens. In: C. Becker u.a. (Hrsg.), Xpovos. Beiträge zur prähis-
torischen Archäologie zwischen Nord- und Südosteuropa. Fest-
schrift für Bernhard Hänsel (Espelkamp 1997) 36f.

108
STOERUNG
N
0
10
25
50
DD-23
DD-49
NIE-05
Befund 3
Befund 87
Haus 2
Haus 3
Haus 1
NIE-06
Befund 223
Befund 365
Befund 524
Befund 571
Abb. 6. Übersichtsplan DD-23, NIE-05, DD-49, NIE 06.
Hausgrundrisse und Zäune sind hervorgehoben, Störungen
sind grau hinterlegt, die besprochenen Befunde sind markiert.

image
109
Es wird sich dann weisen, inwieweit auch der Primärzweck
eines solchen bandkeramischen Grubenkomplexes be-
gründetermaßen ermittelbar ist
20
. Eng verwoben damit
sind auch Fragen funktionaler Siedlungsdifferenzierung.
3.2. Die Ausgrabung DD-23
Über 900 Befunde verteilen sich in wechselnden Dichte-
zonen auf rund 2500 m
2
Fläche. Ihr zeitlicher Schwerpunkt
liegt nach derzeitiger Kenntnis innerhalb der jüngeren/
jüngsten Linienbandkeramik. Siedlungsbereiche mit inten-
siven anthropogenen Bodeneingriffen, die nur wenig ge-
wachsenen Lösslehm übrig ließen, wechseln mit geringer
beanspruchten Zonen. In letzteren wurden überwiegend
Pfostengruben beobachtet, die rund 60 % der Gesamtbe-
fundzahl ausmachen. Aus dieser Fülle lassen sich derzeit
fünf Gebäudegrundrisse herausarbeiten, mit einer ehemals
vorhandenen höheren Anzahl darf wohl gerechnet wer-
den. Ob es sich bei den Flächen mit geringer Bodenein-
griffintensität um tatsächliche Freizonen, welcher Funk-
tion auch immer, oder um einstige Hausstandorte handelt,
bleibt soweit wie möglich zu ermitteln.
Für eine interne Strukturierung des Siedlungsaus-
schnittes lassen sich neben den Hausgrundrissen als Zäune
interpretierte Pfostengrubenreihen (z. B. zwischen Haus
2 und 3) sowie diverse Gräbchenstrukturen heranziehen.
Lineare Gräbchen- und Grabenstrukturen, ohne konstruk-
tiven Zusammenhang mit Gebäuden, scheinen im Vergleich
zu anderen bandkeramischen Plätzen der Elbtalweitung
eine Besonderheit des Nickerner Siedlungsraumes zu sein.
Im mittleren Bereich der Grabungsfläche ist eine gewisse
Konzentration solcher Gräbchensegmente konstatierbar,
ein evidentes raumgliederndes Muster vermag allerdings
nicht erkannt zu werden. Ganz im Süden des Grabungs-
ausschnittes verlaufen zwei annähernd parallele Gräben
von bis zu 1,8 m erhaltener Breite und stellenweise über
0,5 m Tiefe. In deren Zwischenraum ließ sich über 6 m
Länge ein gleichsinnig orientiertes Gräbchen mit Pfosten-
standspuren verfolgen (Palisaden-/Zaunkonstruktion?).
Unter Berücksichtigung der topographischen Randposi-
tion nahe des Hangabfalls zur Geberbachaue erscheint es
verlockend, die beschriebenen Befunde als eine konstruk-
tiv aufeinander bezogene Siedlungsbegrenzung zu interpre-
tieren. Die Kleinflächigkeit des ergrabenen Ausschnitts so-
wie die starken Störungen in jenem Bereich mahnen jedoch
zur Vorsicht. Am ehesten vergleichbar sind ähnliche Struk-
turen auf der Grabungsfläche NIE-07, die hier erheblich
weiträumiger aufgedeckt werden konnten (vgl. Kap. 2.1).
Von den Grubenbefunden sollen drei aus dem Rahmen
des Gängigen fallende Objekte kurz charakterisiert wer-
den: Komplex 524 stellt sich im Planum als stark abge-
rundet rechteckige, ost-west-orientierte Grube von etwa
5 m
2
Fläche dar; ringsum wird sie, außer auf der West-
seite, von sieben Pfostengruben gesäumt (Abb. 7). Das
Profil zeigt annähernd senkrechte Wandungen mit ebener
Sohle und einer Erhaltungstiefe von gut 1,3 m unter Pla-
num. Aus der Pfostendisposition ließe sich auf eine Art
Überdachung dieser vermutlichen Speichergrube schließen.
Die auf botanische Makroreste untersuchten Sediment-
proben erbrachten leider kein für die Funktionsbestim-
mung klärendes Ergebnis. Angesichts der wenigen Fund-
einschlüsse mangelt es auch an einer differenzierten Datie-
rung. Vergleichbare Strukturen sind gelegentlich aus ande-
ren frühneolithischen Siedlungen, z.B. Köln-Lindenthal,
bekannt
21
.
Eine 2,5 m tief erhaltene Grube (571) mit senkrechten
Wänden gehört zu den bislang tiefsten bandkeramischen
Befunden der Elbtalweitung. Auf der Sohle konnte eine
leichte Brandrötung festgestellt werden. Das Füllsediment
erschien wenig strukturiert und enthielt eine nur geringe
Fundanzahl, die diesen Befund immerhin in einen jünge-
ren Abschnitt der Linienbandkeramik datiert. Was die
Primärfunktion dieser sorgfältig angelegten Eingrabung
anbelangt, so dürfte wiederum ein Zusammenhang mit
Vorratswirtschaft ins Auge gefasst werden. Für eine zwi-
schenzeitlich erwogene Brunnenfunktion ließen sich kei-
nerlei Indizien am Befund selbst gewinnen. Die botani-
sche Untersuchung blieb abermals negativ.
Von nicht unerheblichem Wert für die Entwicklung
einer siedlungsinternen Chronologie ist die äußerst fund-
reiche Grube 3 mit insgesamt sieben, zu drei Sediment-
paketen zusammengefassten Verfüllschichten. Das untere
Abb. 7. DD-23. Grube 524 mit begleitender Pfostensetzung.
21
G. Bernhard, Die linearbandkeramische Siedlung von Köln-
Lindenthal. Eine Neubearbeitung. Kölner Jahrb. Vor- u. Früh-
gesch. 18/19, 1986, 97–106 mit weiteren Literaturverweisen zu
dieser Befundart.

110
Füllpaket enthielt Keramikmaterial der späten Linien-
bandkeramik, aus den oberen Schichten wurde ein reiches
stichbandkeramisches Ensemble geborgen. Stehen die Gru-
ben 524 und 571 in keinerlei erkennbarem Kontext mit
evidenten Gebäudestrukturen, so handelt es sich bei
Befund 3 wohl um die „Nordostgrube“ von Haus 1, das
leider nur mit seinem Nordabschluss erfasst wurde.
Im Gegensatz etwa zu den bandkeramischen Sied-
lungsräumen in Dresden-Mockritz und zu allererst Dres-
den-Cotta mindert die intensive Bodenentkalkung in
Nickern die Erhaltung organischen Materials immens. Das
besonders in Cotta nicht seltene Phänomen der Sied-
lungsbestattung erscheint, sofern es denn auch für Nickern
vorausgesetzt werden darf, überlieferungsbedingt nur aus-
nahmsweise (vgl. Kap. 5.1. zu zwei Körperbestattungen
in NIE-06). In der reichlich Keramik enthaltenen Verfül-
lung der unregelmäßigen Grube 87 gelang es, über einen
Leichenschatten die Bestattung eines etwa 9–12-jährigen
Kindes nachzuweisen. Der Schatten war leider nur im
Schädelbereich deutlich ausgeprägt. Soweit erkennbar, lag
der Leichnam auf der rechten Körperseite mit dem Kopf
im Süden, Blick gegen Osten. Über die exakte Lage der
unteren Extremitäten ließ sich keine Aussage mehr treffen.
Vor der Brust befand sich ein fast komplettes Gefäß. Orien-
tierung und Blickrichtung unterscheiden sich damit klar
von der üblichen Totenbettung auf dem benachbarten
kleinen Gräberfeld NIE-04 (vgl. Kap. 5).
Aus dem reichhaltigen Fundmaterial seien abschließend
lediglich einige Gesteine herausgegriffen, die auf überre-
gionale Zusammenhänge verweisen
22
. Neben vereinzelten
Exotika wie Obsidian
23
und bayrischem Plattenhornstein
24
,
ließ sich eine große Zahl nordböhmischer Quarzite
25
nach-
weisen. Vertreten sind Rohmaterialien vom Typ Skršin,
dieser findet sich des öfteren auch in benachbarten band-
keramischen Siedlungen, sowie speziell vom Typ Tušimiče;
einzelne Stücke entstammen ferner den Lagerstätten um
Bečov. Tušimiče- und Bečov-Quarzite sind in anderen
Siedlungen der Elbtalweitung bislang nur selten belegt,
die relative Häufung in Nickern fällt auf.
Gerade die Quarzite weisen auf die Einbindung des
Nickerner Siedlungsplatzes in weiträumigere Verteiler-
netze hin. Die raren Obsidian- und Plattenhornsteinfunde
sind vielleicht eher akzessorisch über bestehende Kom-
munikationszusammenhänge hierher gelangt.
Bislang unbekannt sind hingegen die Lagerstätten sowie
die genaue Herkunft der überwiegend grünlichen, z.T. ge-
schieferten Rohmaterialien, aus denen man die geschliffenen
Steingeräte (Dechsel/Beile/Äxte) fertigte. Unter Berück-
sichtigung der Kollektionen der Grabungen NIE-05, DD-
49, NIE-06 sticht der Nickerner Siedlungsplatz auch in die-
ser Hinsicht durch eine hohe Reichhaltigkeit hervor. Drei-
mal erfolgte zudem die spezielle Niederlegung in Depots
26
.
Lässt sich nun aus den Ausführungen zu Gesteins-
materialien irgendeine Sonderstellung der Nickerner Sied-
lung im Sinne einer Siedlungshierarchisierung ableiten?
Nur zu leicht ist man versucht, mit zusätzlichem Blick auf
extreme Befunddichten und die räumliche Konzentration
mehrerer Kreisgrabenanlagen, eine „zentralörtliche“ Funk-
tion – was immer das auch heißen mag – zu unterstellen
27
.
Um diese Frage gewinnbringend diskutieren zu können,
ist jedoch erst einmal eine klare Begriffsbildung sowie eine
umfassende Auswertung zwingend erforderlich, ferner
eine vergleichende Einordnung Nickerns in den Kontext
benachbarter Siedlungsplätze der Bandkeramik.
4. Die Doppelkreisgrabenanlage in DD-98
Nur 260 m westlich der einringigen Grabenanlage DD-02/
NIE-07 kam 1999/2000 bei der archäologischen Vorunter-
suchung eines 5000 m
2
umfassenden Wohngebietes ein
weiteres, diesmal doppeltes Kreisgrabensystem zum Vor-
schein
28
. Umfang und Disposition der Grabungsflächen
waren bauseitig vorgegeben (Baufelder, Erschließungs-
straßen), was demzufolge nicht immer dem archäologisch
Wünschenswerten entsprach und mitunter die Aussage-
kraft einschränkt.
Wie in DD-02 liegt auch dieses Grabenwerk im Bereich
der nördlichen Grenzzone des Nickerner Siedlungsplatzes
(Abb. 1). Innerhalb des nordwest-südost-orientierten
22
Die nachfolgenden Ausführungen beruhen auf Forschungs-
ergebnissen von R. Elburg, der mir diese in überaus großzügiger
Weise zugänglich machte.
23
M. Elburg/R. Elburg/A. Greig, Obsidian in Sachsen und
die Verwendung von ICP-MS zur Herkunftsbestimmung von
Rohmaterialien. Arbeits- u. Forschber. sächs. Bodendenkmal-
pfl. 44, 2002, 391–397.
24
R. Elburg/P. van der Kroft, Import trotz Überfluss – Bayeri-
sche Plattenhornsteine in Sachsen. Arbeits- u. Forschber. sächs.
Bodendenkmalpfl. 43, 2001, 286–287.
25
M. Malkovský/S. Vencl, Quartzites of north-west Bohemia
as stone age raw materials: environs of the towns of Most and
Kadań, Czech Republic. Památky Arch. 86, 1995, 5–37.
26
W. Baumann, Zwei bandkeramische Steingerätedepots von
Dresden-Nickern. Ausgr. u. Funde 7, 1962, 69–74; vgl. auch
Kap. 2.1 mit einem dritten Beleg.
27
Vgl. dazu jüngst: S. Schade-Lindig/A. Schmitt, Außerge-
wöhnliche Funde aus der bandkeramischen Siedlung Bad Nau-
heim-Nieder-Mörlen, „Auf dem Hempler“ (Wetterauskreis):
Spinnwirtel und Webgewichte. Germania 81, 2003, 1–24 bes.
20ff.; J. Kneipp, Bandkeramische Zentralplätze und ihre kul-
tisch-religiöse Funktion. In: S. Hansen/V. Pingel (Hrsg.), Archäo-
logie in Hessen. Neue Funde und Befunde. Festschrift für F.-R.
Herrmann zum 65. Geburtstag (Rahden 2001) 33–41.
28
Die örtliche Grabungsleitung lag in den Händen von B. Ra-
sink M.A. Ihm sowie der gesamten Grabungsmannschaft sei
für den geleisteten Einsatz unter zeitweise extremen winter-
lichen Bedingungen herzlich gedankt. – Ein ausführlicherer
Vorbericht durch W. Brestrich befindet sich in Vorbereitung.

111
N
0
20 m
Untersuchungsareals nimmt die ohnehin geringe Befund-
frequenz gen Norden nochmals merklich ab (Abb. 8). Das
Bild bestimmen isolierte Gruben oder kleine Grubenkom-
plexe, im südlichen Viertel hingegen die beiden von einem
Zugang unterbrochenen Ringe des Kreisgrabens. Hoch-
gerechnet konnten von diesem etwa 13 % freigelegt wer-
den, der Rest verläuft außerhalb des Baugebietes. Für eine
Abb. 8. DD-98.
Befundübersichtsplan.
invasive Untersuchung stand ein noch geringerer Anteil
zur Verfügung, da die Gebäude des südlichen Baufeldes
ohne Keller projektiert waren. Es wurde daher zusammen
mit dem Bauträger eine archäologieschonende Planungs-
variante erarbeitet, die die dort befindliche „Torsituation“
unversehrt unter einer wieder aufgefüllten, mehrere Dezi-
meter starken Schutzschicht erhält. Darauf werden die bis-
lang noch nicht realisierten Häuser errichtet. Insgesamt
beträgt die Länge der ausgegrabenen Segmente beider
Gräben 23 m (Außengraben 17 m, Innengraben 5,50 m).
4.1. Topographie und Bodenschichtung
Die Lage des Kreisgrabens bestimmt ein flach Richtung
Ostnordost ausstreichender Elbtalhang, 300 m nördlich
des in diesem Abschnitt deutlich eingeschnittenen Geber-
grundes (Abb. 1). Die mittlere Höhe des Terrains liegt bei
159 m ü.NN, mit nur sehr schwachem Gefälle auf der von
der Anlage eingenommenen Fläche. Sie überdeckte ein
noch maximal 30 cm mächtiger Rest eines fossilen A
h
-
Horizontes (degradierte Schwarzerde). Das Substrat bil-
det Löss bzw. Lösslehm, die Entkalkungsgrenze taucht in
Tiefen bis zu 2 m ab. Auf der gesamten Grabungsfläche
besteht das Hangende aus einem im Mittel 20 cm starken
kolluvialen Horizont.

112
4.2. Form und Maße der Anlage im Planum
Die maschinelle Erstellung eines archäologischen Planums
erfolgte im Trennbereich des fA
h
-B
ht
-Horizontes. Dort
lassen sich Kontur und Maße der Doppelgrabenanlage im
freigelegten Ausschnitt wie folgt beschreiben (Abb. 8; Bei-
lage 2): Beide in etwa konzentrische Grabenringe besitzen
eine unregelmäßige Gestalt, die nach Ausweis der Profil-
schnitte sowohl konstruktiv als auch erosiv bedingt sein
kann. Die Grabenbreiten schwanken beträchtlich, bis zu
3 m (Außengraben 2–3,7 m; Innengraben 2,4–5,83 m), was
nur sehr beschränkt auf das leicht variierende Höhenniveau
des Baggerplanums zurückzuführen ist. Ebenso fluktuiert
der Abstand von innerem und äußerem Ring (6,6–7,7 m).
Im Westnordwesten unterbricht den Grabenverlauf eine
sich nach außen von 2,3 m auf 4,7 m weitende Erdbrücke,
die von 1 m breiten, beide Grabenringe verbindenden Gräb-
chen gesäumt wird. Es bildet sich so eine Art Torgasse.
Deren konstruktive Verknüpfung mit der leidlich in der
Mittelachse verlaufenden Pfostenspurreihe bleibt hypothe-
tisch. Das gilt auch für eine andere mögliche Interpretation,
nämlich die Verbindung der Pfostenreihe mit südlich davon
befindlichen Spuren zu einem Gebäudegrundriss, der sich
in Überlagerung mit der Grabenanlage befände.
Im ansatzweise aufgedeckten Innenraum begleiten zwei
maximal 37 cm breite und bis zu 20 cm tief erhaltene (Pali-
saden-)Gräbchen den Grabenring. Die Distanz des äuße-
ren Gräbchens zu diesem pendelt zwischen 1,4 und 3,5 m.
Der Gräbchenverlauf kann bedingt durch einen ungeöff-
neten Abschnitt zwischen zwei Baufeldern leider nicht
kontinuierlich verfolgt werden. Denn gerade hier ist eine
merkliche Verschiebung zwischen den beiden freigelegten
Abschnitten des Gräbchens zu beobachten. Entweder
besitzt dieses einen „schlängelnden“ Verlauf, oder es gibt
einen echten Versatz, der eine Durchlasssituation erwä-
gen ließe, wie sie analog beim Nordostzugang der Anlage
DD-02/NIE-07 vermutet wurde. Das innere Palisaden-
gräbchen war entgegen dem äußeren nur auf sehr kurzer
Strecke verfolgbar, ansonsten entweder ganz in der über-
deckenden reliktischen Schwarzerde (fA
h
-Horizont) auf-
genommen und damit nicht erkennbar, oder tatsächlich
von unterbrochenem Verlauf. Eine begründete Entschei-
dung vermag wie bei der vergleichbaren Situation auf
der Innenfläche des Grabenswerks DD-02/NIE-07 nicht
getroffen zu werden. Spuren konstruktiver Elemente (Pfo-
sten, Spaltbohlen o.ä.) ließen sich in den Gräbchenprofi-
len nicht ausmachen.
Aus den aufgedeckten Abschnitten des Grabenwerks
sind seine Gesamtmaße näherungsweise abzuleiten:
• Außendurchmesser: ca. 88 m
• Innendurchmesser, bezogen auf inneren Grabenring:
ca. 62 m
• Innenfläche, bezogen auf inneren Grabenring:
ca. 3000 m
2
• Innenfläche, bezogen auf innerstes Palisadengräbchen:
ca. 2000 m
2
Die Anlage ist damit bezogen auf den äußeren Durch-
messer rund ein Drittel größer als das einfache Ringsystem
DD-02/NIE-07, bezogen auf die Innenfläche sogar dop-
pelt so groß.
4.3. Grabenquerschnitte und Verfüllung
In den zahlreichen Querprofilen stellen sich beide Gra-
benringe als Spitzgräben dar (Abb. 9; 10). Die im basalen
Bereich steilen Grabenflanken flachen meist diskontinu-
ierlich zur Mündung hin ab. Die Grabenwände sind viel-
fach leicht konvex geschwungen. Jeder Querschnitt besitzt
bei gleichem Grundduktus Nuancen des Verlaufs, welche
zusätzlich durch Asymmetrien und Stufungen betont wer-
den können. Der Innen- ist vom Außengraben durch eine
etwas strengere Geometrie und ausgeprägtere Kontur-
regelmäßigkeit unterschieden. Damit einher geht eine
größere Tiefe und Tiefenstetigkeit (1,83–1,94 m; Außen-
graben 1,32–1,76 m). Gleichfalls zeigen diese Werte die
Höhenschwankungen des Sohlenverlaufs, vornehmlich
des Außengrabens. Natürlich beziehen sich alle getroffe-
nen Feststellungen einstweilen nur auf die kurzen gegra-
benen Abschnitte, eine Übertragung auf die Gesamtan-
lage ist unstatthaft.
Die überlieferte Hohlform der Gräben mit ihrer in
vielen Details variablen Gestalt ist sicherlich zu guten
Teilen konstruktionsbedingt, ob intentionell durch die
Erbauer geschaffen oder unbewusst, etwa durch die ange-
wandte Arbeitstechnik verursacht, muss vorerst dahinge-
stellt bleiben. Hiervon mittels verlässlicher Kriterien
sekundäre erosive Formveränderungen abzugrenzen,
bleibt ein oftmals schwieriges Unterfangen. Der Gedanke,
anhand eng übereinstimmender Merkmale Grabenseg-
mente im Sinne von „Baulosen“ zusammenzuschließen,
ist zwar verlockend, jedoch bei gegebener Datengrund-
lage in Verbindung mit den viel zu kleinen Grabungsaus-
schnitten kaum tragfähig. Daran knüpfen auch Überle-
gungen zur Art und Weise der Errichtung der Anlage an:
sukzessive oder in einem Zuge? Eine mögliche relative
Abfolge der Bauglieder – Außen- und Innengraben,
Zugangsgräbchen, (Palisaden)gräbchen – lässt sich aus
der gegebenen Befundlage über eindeutige stratigrafische
Verhältnisse nicht ermitteln. Genauso offen bleibt die
Frage, ob die Anlage, wie sie dem heutigen Betrachter ent-
gegentritt, einer vorgegebenen Gesamtkonzeption ent-
springt oder einem eher „unplanmäßigen“ Aneinander-
fügen von Baugliedern.

image
image
8 Sächs. Bodendenkmalpflege
113
Abb. 9. DD-98. Profilschnitt
durch den Außengraben.
Abb. 10. DD-98. Profilschnitt durch den Innengraben.
Art und Struktur des Füllsediments gleichen sich in bei-
den Gräben in den Grundzügen: im oberen Drittel homo-
gen, dunkel, in den unteren Zweidritteln Wechsellagerung
von dunklen und hellen Sedimentbändern variierender
Mächtigkeit. Der Sedimentationsprozess ist zu Beginn
folglich durch höhere Lössanteile (helle Bänder) gekenn-
zeichnet, während im Verlauf die dunklere, humose Kom-
ponente zunimmt. Jenseits dieses Trends zeichnet sich die
Verfüllung des Innengrabens durch einen höheren und
feineren Grad an Differenziertheit sowie einen schärferen
Hell-Dunkel-Kontrast aus, während die des Außengra-
bens verwaschener und stärker homogenisiert erscheint.
Betont wird dieser Gegensatz noch durch sehr feine, hell-
graue Schluffbändchen im Sohlbereich des Innengrabens,
wie sie im Außengraben nirgends zu beobachten waren.
Man wird sie als Zeugnisse kurzer Einschwemmereignisse
(Starkregen etc.) interpretieren dürfen
29
.
Eine weitere Eigenart des Innengrabens besteht in einer
Erneuerungsphase, welche sich als leicht versetzte Gra-
benspitze einige Dezimeter oberhalb der ersten Graben-
sohle zu erkennen gibt. Gesicherte Erklärungen der wirk-
samen Sedimentationsprozesse, die zu den skizzierten, in
Details abweichenden Verfüllungen führten, bedürfen
sedimentologisch/bodenkundlicher Analysen, für die aus-
reichend Probenmaterial entnommen wurde
30
.
4.4. Zum Verhältnis von Kreisgraben
und Siedlung
Die angedeuteten Unregelmäßigkeiten der beiden Gra-
benringe sind zu nicht unerheblichen Teilen auch ihrer
Lage an der Peripherie eines bandkeramischen Siedlungs-
areals geschuldet, durch die es mehr oder weniger zwangs-
läufig zu Über- respektive Anlagerungen archäologischer
Strukturen kam. So „verschwimmt“ stellenweise der ur-
sprüngliche Umriss der Kreisgräben und erhält etliche
„Protuberanzen“. Es ist allerdings nicht mit wünschens-
werter Verlässlichkeit zu klären, ob es sich dabei um eigen-
ständige Siedlungsbefunde oder vielleicht doch in funk-
tionalem Kontext mit der Anlage stehende Strukturen
handelt. Soweit über Profilschnitte erschlossen, gelang es
29
Vgl. dazu J. Petrasch, Mittelneolithische Kreisgrabenanlagen
in Mitteleuropa. Ber. RGK 71, 1990, 457.
30
z.B. S. Verginis, Sedimentologische Untersuchungsmetho-
den und deren Anwendung und Auswertung am Beispiel
zweier Profile von Kamegg, NÖ. Arch. Austriaca 70, 1986,
103–111; S. Verginis/E. Grubner, Sedimentologisch-boden-
kundliche Untersuchungen in Strögen, Niederösterreich. Arch.
Austriaca 79, 1995, 169–178; lediglich auf makroskopischer
Basis fußende Sedimentansprachen führen letztlich zu keiner
substantiellen Erklärung der beteiligten Prozesse.

114
in keinem Fall, eine gesicherte stratigrafische Abfolge zwi-
schen Anlagerungen und Gräben zu ermitteln. Auch die
Hinzunahme der jeweiligen Fundinventare (soweit Kera-
mik vorhanden, durchweg mit Stichbanddekor) führt zu
keiner präziseren Eingrenzung des zeitlichen Verhältnis-
ses. Überlagert die Kreisgrabenanlage nun einen aufgelas-
senen Siedlungsbereich oder kam es während oder nach
der Nutzungszeit des Rondells zu weiteren Siedelakti-
vitäten? Der ansatzweise aufgedeckte bandkeramische
Hausgrundriss auf der Innenfläche, nahe des Innengra-
bens, kann nicht gleichzeitig mit diesem bestanden haben.
Dass er über den Innengraben, nach dessen Funktions-
verlust und Verfüllung, hinweg errichtet wurde, ist wohl
unwahrscheinlicher als der umgekehrte Fall. So scheint
es derzeit plausibel, von einer Abfolge Siedlung – Kreis-
graben auszugehen.
4.5. Fundmaterial und Zeitstellung
Aus den gegrabenen Segmenten liegen knapp 1600 Fund-
objekte vor, in erster Linie Keramik, in quantitativer Staf-
felung gefolgt von Silices, Mahl- und Schleifsteinen, Werk-
zeugen aus geschliffenem Stein sowie in sehr geringem
Umfang Rotlehmbröckchen, kleinteiligen Knochenres-
ten und Rötel. Die Keramik zeichnet ein hoher Fragmen-
tierungsgrad und eine intensive Oberflächenkorrosion
aus, die vielfach die vorhandene Verzierung unkenntlich
machte. Alle Fundgattungen besitzen ein ähnliches verti-
kales Verteilungsmuster, unabhängig vom Grabenring bzw.
Grabensegment: Über 90 % entstammen dem oberen,
mehr oder weniger homogenen Füllsediment. Beträcht-
liche Differenzen offenbart hingegen ihre horizontale
Streuung. So entfallen auf den Innengraben nur etwa 10 %
der Fundmenge, der Außengraben zeigt drastische Staf-
felungen. Sicherlich spielen die unterschiedlichen Längen
der untersuchten Grabenstücke und damit abweichende
Füllvolumina eine Rolle, alles in allem sind solche Diffe-
renzen jedoch für eine alleinige Erklärung des Tatbestan-
des viel zu gering. Hier müssen vertiefende Untersuchun-
gen ansetzten, deren zentrales Thema das Zustandekom-
men der Grabenverfüllung ist, nicht zuletzt unter dem
Aspekt der zeitlichen Dimension. Ist ein funktionaler
Zusammenhang mit dem Kreisgrabensystem anzunehmen
oder handelt es sich um umgelagertes Fundgut, das dem
der Anlage vorangehenden Siedlungsprozess entstammt?
Eng mit diesem Fragenkreis verwoben ist natürlich die
Frage der Datierung der Anlage, und zwar ihrer Entste-
hung, Nutzungszeit und Aufgabe. Die Grabenfüllungen
enthalten ausnahmslos Keramik mit Stichbanddekor, auch
die Sohlbereiche. Im Außengraben überwiegt eine recht
grobe Stichtechnik, die in Anlehnung an die chronologi-
sche Konzeption von M. Zápotocká als Indiz für einen
jüngeren Ansatz im Rahmen der Stichbandkeramischen
Kultur gelten soll
31
. Aber dies bleibt eingehend zu prüfen.
Das Keramikspektrum des Innengrabens ist zu eng für
entsprechende Vermutungen. Vorerst ist damit zunächst
eine grobe Zeitrichtung abgesteckt. Organisches Material
(Holzkohle, Knochen) für
14
C-Messungen steht mangels
Fundmasse leider nicht zur Verfügung.
4.6. Einordnung in den Kontext mittel-
europäischer Kreisgrabenanlagen
Unter Betrachtung der Grundrissform mit der charak-
teristischen Ausprägung einer Torgasse durch Verbin-
dungsgräben zwischen Außen- und Innenring lassen sich
vergleichbare Konstruktionen in Bayern, Böhmen und
Niederösterreich finden. Zu nennen sind die Anlagen
von Kleinrötz (NÖ), Pranhartsberg 2 (NÖ), Ramsdorf
(Bayern), Schmiedorf 1 (Bayern), Künzing-Unternberg
(Bayern) und Lochenice (Böhmen)
32
. In Sachsen selbst zei-
gen die (stich)bandkeramischen Grabenwerke von Eythra,
Lkr. Leipziger Land und Kyhna, Lkr. Delitzsch ähnliche
Zugangslösungen
33
. Offensichtlich handelt es hierbei um
einen überregional wirksamen Grundrissaspekt.
5. Das bandkeramische Gräberfeld in NIE-04
Im Garten der Häuser 63 und 65 in der Fritz-Meinhardt-
Straße wurden bei den 2002 durchgeführten Grabungen im
Vorfeld der Zubringerstraße S 191 18 Körpergräber und
drei Brandgräber ausgegraben und dokumentiert. Mit den
fünf Körpergräbern, die bereits 1958/59 ausgegraben wur-
den
34
, umfasst das Nickerner Gräberfeld nun 26 Bestattun-
gen (Abb. 11). Die Gräber scheinen in zwei räumlich
getrennte Gruppen unterteilt zu sein, was eventuell durch
eine Dokumentationslücke erklärt werden kann
35
. Inner-
halb dieser Einheiten zeichnen sich schemenhaft kleinere
Grabgruppen von bis zu sechs Gräbern ab. Da die maxi-
31
M. Zápotocká, Die Stichbandkeramik in Böhmen und in Mit-
teleuropa. In: Die Anfänge des Neolithikums vom Orient bis
Nordeuropa (Köln, Wien 1970) 1–66; 6f. 24f.
32
Trnka (Anm. 17) 102–104 Abb. 43; 122–123 Abb. 57; 274f.
Abb. 128; 275–277 Abb. 109; 270–272 Abb. 107; 284f. Abb. 113.
33
Vgl. Kap. 7 sowie H. Stäuble, From the air and on the
ground: two aspects of the same archaeology? Round and lin-
ear ditch systems in North-West Saxony. Arch. Rozhledy 54,
2002, 304ff. Abb. 3.
34
Baumann (Anm. 1) 95ff.
35
Die Baugrube vom westlichen Haus sowie die Fläche der
ein paar Jahre später angebauten Garagen mit Einfahrt konnten
nicht vollständig archäologisch untersucht werden.

115
male Ausdehnung des Bestattungsplatzes bislang nicht
mit Sicherheit erfasst wurde, bleibt auch dieses Bild vor-
erst Annahme. Ein Grab (Grab 20) lag isoliert.
Im entkalkten Lösslehmboden hat sich das Knochen-
material bis auf wenige Zahnschmelzreste vollständig
aufgelöst. Die Ausrichtung der Gräber ist meist west-
nordwest-ostsüdost, die Lage der Bestatteten konnte nur
in jenen Fällen zweifelsfrei festgestellt werden, wo Zahn-
schmelz und/oder Leichenschatten erkannt wurde. Wäh-
rend die Ausrichtung der Körper von neun Gräbern nicht
mehr feststellbar war, waren sechs Gräber ost-west-,
sieben west-ost- und eines ostnordost-westsüdwest-aus-
gerichtet. Die Längen der Körpergräber variieren zwi-
schen 104 und 200 cm, die Breiten zwischen 34 und 75 cm,
von einem Grab war nur der Sohlenbereich mit einer
Länge von 70 cm erhalten.
Die Form der Grabgruben der jüngeren Grabung
bestätigen die 1959 von Baumann postulierte Annahme,
dass aufgrund der Form und Größe der Grabgruben die
Körper in gestreckter Rückenlage mit Linkslage des
Schädels oder als Hocker mit wenig angewinkelten Bei-
nen bestattet wurden
36
. Eine Geschlechtszuweisung konnte
auch anhand der Beigaben nicht erfolgen.
Das Grabungsterrain fällt von 163,23 mHN in Rich-
tung Osten/Südosten auf 160,32 mHN ab. Die Ober-
bodenüberdeckung schwankte zwischen 30 und 60 cm.
Eine reliktische Schwarzerde von bis zu 20 cm Mäch-
tigkeit konnte nur im Bereich des Vorgartens von Haus
63 festgestellt werden. Die erhaltenen Grabtiefen sind
mit minimal 5 cm bis maximal 55 cm ab Grabungspla-
num sehr unterschiedlich. In einem Fall war sogar unter-
halb von zwei Störungen durch Leitungsgräben noch ein
Grab erhalten
37
(Abb. 12). Da tiefe Gräber neben weni-
ger stark eingegrabenen vorkommen, ist der große Tiefen-
unterschied nicht auf eine unterschiedlich einwirkende
Erosion zurückzuführen, sondern muss beabsichtigt
gewesen sein
38
.
Ähnlich wie auf anderen bandkeramischen Gräber-
feldern wurden auch in Nickern die drei dicht beieinan-
der gelegenen Brandgräber (Grab 11, 13 und 26) nur gering
N
0
10
25 m
Grab 18
Grab 19
Grab 10
Grab 25
Grab 7
Grab 17
Grab 12
Grab 13
Grab 11
Grab 26
Grab 14
Grab 22
Grab 21
Grab 20
Grab 6
Grab 24
Grab 8
Grab 9
Grab 15
Grab 23
Grab 3
Grab 4
Grab 2
Grab 5
Grab 1
Grab 16
Abb. 11. NIE-04. Plan des linienbandkeramischen Gräber-
feldes mit allen bislang dokumentierten Gräbern. Die Lage von
Grab 26 wurde rekonstruiert.
36
Vgl. Baumann (Anm. 1) 110.
37
Grab 15 in einem Bereich, der 1959 nicht ausgegraben
wurde, weil eine vollständige Zerstörung der Befunde ange-
nommen wurde.
38
Grab 5: 55 cm, Grab 24: 17 cm, Grab 23: 13 cm.

image
image
image
image
116
in den anstehenden Boden eingetieft
39
. Die Gruben
waren nicht deutlich erkennbar, der Leichenbrand wurde
zusammen mit den wenigen Beigaben
40
entweder nur
in die Grabgrube geschüttet oder in nicht erhaltenen
organischen Behältern beigesetzt. In Grab 26 wurden
drei Leichenbrandkonzentrationen festgestellt. Es könnte
sich dabei auch um drei Einzelgräber handeln, deren
Befundkonturen sich im Planum nicht mehr unter-
scheiden ließen. Nur dieses Grab kann mit Sicherheit
in die Stichbandkeramik datiert werden, aber die bei-
den anderen nahe gelegenen Brandgräber sind aller
Wahrscheinlichkeit nach aus der gleichen Periode. Ver-
mutlich können sie als Siedlungsbestattungen ange-
sprochen werden, da in unmittelbarer Nähe zeitgleiche
Siedlungsspuren dokumentiert wurden.
Die Beigaben der Körpergräber wurden an verschie-
denen Stellen niedergelegt. Bevorzugt wurde offensichtlich
die Platzierung am Kopf oder am Oberkörper. In drei Grä-
bern (Grab 8, 9 und 14) war eine Rötelstreuung erkennbar,
bei elf Gräbern (Grab 2–4, 6, 7, 15–18, 20 und 23) fielen
zahlreiche Rotlehmpartikel in der Grubenfüllung auf, in
einem Befund (Grab 5) wurde eine Aschelinse in der Mitte
der Grabgrube beobachtet
41
. Lediglich fünf Gräber, davon
zwei Brandgräber, waren vollständig fundleer. Aus den
anderen Gräbern wurden neben vollständigen, stets ver-
zierten Kümpfen auch einzelne Gefäßfragmente, sowohl
von Fein- als auch von Grobkeramik, Flachbeile, Silex-
werkzeuge und in zwei Fällen Graphitkugeln geborgen.
Organisches Material ist nicht erhalten.
Konzentrationen von Fundarten oder extrem reich
augestattete Gräber konnten bis auf drei Fälle, in denen
jeweils vier Gefäße (Grab 1; 2) bzw. zwölf Silexwerkzeuge,
einige Gefäßteile und ein Mahlsteinfragment (Grab 12)
lagen, nicht festgestellt werden. Insgesamt sind alle Fund-
gattungen gleichmäßig über das Gräberfeld verteilt, nur
die beiden Graphitkugeln stammen von Gräbern aus
dem südwestlichen Bereich.
Abb. 12. NIE-04. Das Grab 15, zunächst nur zum Teil im
Planum sichtbar, war unterhalb der durch verschiedene Leitun-
gen verursachten Störungen noch vollständig erhalten.
1
2
3
39
Bei vielen Gräberfeldern wird erwähnt, dass die erhaltenen
Brandgräber nur sehr flach im Boden eingetieft wurden. Durch
landwirtschaftliche Eingriffe und beim maschinellen Oberbo-
denabtrag können so viele Brandgräber entweder vollständig
oder teilweise vernichtet werden. Vgl. dazu N. Nieszery, Linear-
bandkeramische Gräberfelder in Bayern (Espelkamp 1995) 61f.
und E. Hoffmann, Bandkeramische Brandbestattungen in Mit-
teleuropa. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. Halle 57, 1973, 83.
40
Nur ein Brandgrab (Grab 26) wies neben mehreren Scher-
ben eines Gefäßes ein Flachbeil als Beigabe auf.
41
Vgl. Baumann (Anm. 1) 136 Abb. 29.
Abb. 13. NIE-04. 1 Kumpf mit stich-
gefülltem Spiralhakenband aus Grab 10;
2 Kumpf mit Winkelband aus Ein-
stichen aus Grab 14; 3 Kumpf mit drei
Henkeln und grobkeramischer Stich-
zier aus Grab 18. M. 1:3.

image
117
Auf den Kümpfen treten als Verzierungsmotive sowohl
breite (Abb. 13) wie auch sehr schmale Linienbänder auf,
die entweder leer oder mit Punkten gefüllt sind. Noten-
kopfverzierung ist einmal vertreten, die eingeritzten Linien
auf einem weiteren Kumpf werden durch quer gesetzte,
dicht aufeinander platzierte Einstiche unterbrochen. Hän-
gende Dreiecke werden durch einzelne und auch mehrere
Punktreihen gebildet (Abb. 13,1.2)
42
. Kleine Knubben sind
durch plastische „Girlanden“ miteinander verbunden. Der
Kumpf im einzig sicheren stichbandkeramischen Brand-
grab (Grab 26) weist vierreihige Stichbänder auf.
Graphitbändern oder -brocken, wo dieser Rohstoff auch
im Neolithikum relativ einfach zu gewinnen war
44
, gibt es
jedoch nur in der Lausitz. Von dort sind bislang keine
Nachweise frühneolithischer Tätigkeiten bekannt, so dass
es wahrscheinlicher ist, dass das Graphit aus Nickern von
den großen Graphitvorkommen aus Böhmen und Mähren
45
stammt. Eine noch auszuführende Rohmaterialanalyse
wird Aufschluss über die Herkunft beider Stücke geben.
Das Gräberfeld, das an Hand der Grabkeramik in die
jüngere und jüngste Linienbandkeramik datiert werden
kann, ist das erste dieser Periode in Sachsen. Die zugehö-
rige Siedlung lag weiter hangabwärts am Geberbach. Die
im Bereich des Gräberfeldes dokumentierten Siedlungs-
spuren sind vorwiegend stichbandkeramisch, nur wenige
mittel- oder junglinienbandkeramische Gruben wurden
dokumentiert
46
. Von zwei Hausgrundrissen sind so wenige
Pfostengruben erhalten, dass sie keiner bestimmten Peri-
ode zugewiesen werden können.
5.1. Zwei weitere Gräber in NIE-06
Auf den restlichen Grabungsflächen, die sich über etwa
1 km im Trassenverlauf der S 191 erstreckten, sind nur
noch drei weitere Gräber gefunden worden. Neben jenem
der Fundstelle DD-23 (s.d.) sind etwa 200 m weiter öst-
lich vom Gräberfeld innerhalb der dicht besiedelten linien-
und stichbandkeramischen Fundstelle NIE-06 zwei Kör-
perbestattungen freigelegt worden.
Abb. 14. NIE-04. Durchlochte
Graphitkugel aus Grab 14. Die
Abriebflächen mit Kratzspuren
sind deutlich zu sehen.
Die zwei Graphitstücke stellen eine nicht häufig auf-
tretende Fundgattung dar und werden hier kurz bespro-
chen. Graphitfragmente wurden bislang auf fünf band-
keramischen Gräberfeldern und in drei bandkeramischen
Siedlungen gefunden
43
. Das Nickerner Gräberfeld ist somit
das sechste, wo dieses Material als Beigabe auftrat. Das ca.
3 cm große Graphitstück aus Grab 14 (Abb. 14) hat eine in
Auf- und Seitenansicht trapezoidale Form und ist in der
Mitte durchlocht. Die Durchlochung ist beidseitig konisch,
die Bohrspuren sind als waagerechte Rillen zu sehen. Da
keine Abnutzungsspuren (Ausleierung) in der Durchlo-
chung erkennbar sind, wurde dieses Objekt nicht an einer
Schnur als Schmuck getragen. Die größtenteils unbeschä-
digte Außenseite weist ungleich große und unregelmäßig
verteilte Facetten mit dünnen Strichen auf. Das Stück
wurde demnach zumindest zuletzt an einer groben Ober-
fläche abgerieben oder vielleicht wurde mit einem Silexgerät
das Graphit von der Kugel abgeschabt, um ein Pulver zu
erhalten. Das zweite, ca. 1,5 cm große Stück aus Grab 7
ist stark abgenutzt und hat die Form eines spitzen, gleich-
schenkligen Dreiecks mit leicht gerundeten Ecken. Die
Durchlochung ist auch bei diesem Stück beidseitig konisch,
Kratzspuren auf der Oberfläche sind jedoch nicht erhalten.
Aus den Siedlungsfunden der Linienbandkeramik sind
im Dresdner Elbtal keine mit Graphit eingeriebenen
Gefäße oder Verzierungen bekannt, und es gibt auch noch
keine Untersuchungen an Keramik, die das Mineral als
Beimischung im Ton hätten nachweisen können. Zudem
weisen die gelochten Fragmente darauf hin, dass es sich
eher um eine spezifische, individuelle Nutzung des Farb-
stoffs handelt. In Sachsen gibt es gerade im weiteren
Umfeld von Dresden mehrere Graphitvorkommen, so bei
Radeberg, in Dresden-Gittersee, Dresden-Dölzschen und
im westlichen Erzgebirge. Grauwackesteinbrüche mit
42
Teilweise wurde für das Einstechen der Punktreihen ein dop-
pelzinkiges Gerät benutzt.
43
Graphitbrocken stammen aus insgesamt 24 Gräbern von
den Gräberfeldern: Nitra (2 Stück), Klein-Hadersdorf (1),
Aiterhofen (14 aus Körper- und vier aus Brandgräbern), Essen-
bach (2) und Schwetzingen (1). Aus bandkeramischen Siedlun-
gen sind jeweils ein Fragment aus Boskovstein (Mähren), aus
Schwanfeld und Eilsleben bekannt. J. Pavúk, Neolithisches
Gräberfeld in Nitra. Slovenská Arch. 20, 1972, 1–105; Nieszery,
(Anm. 40); V. Lebzelter/G. Zimmermann, Neolithische Gräber
aus Klein-Hadersdorf bei Poysdorf in Niederösterreich. Mitt.
Anthr. Gesell. Wien 46, 1936, 1–16; C. Jeunesse, Practiques
Funéraires au Néolithique Ancien (Paris 1997); M.K.H. Ebert
(Hrsg.), Reallexicon der Vorgeschichte. Bd. 2 (Berlin 1926)
60–61; E. Reuter, Die ältestbandkeramische Tonware aus
Enkingen, Ldkr. Donau-Ries. Ungedr. Magisterarbeit Univ.
Frankfurt (Frankfurt 1991); D. Kaufmann, Die ältestlinien-
bandkeramischen Funde von Eilsleben, Kr. Wansleben, und der
Beginn des Neolithikums im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Nachr.
Niedersächs. Urgesch. 52, 1983, 17–202.
44
M. Kaden/K. Thalheim, Minerale und Fundorte in Sachsen
(Dresden 1994).
45
O. Paret, Der Graphit im vorgeschichtlichen Europa. Sudeta
5, 1929, 30–52.
46
Das Fundmaterial wurde nur grob gesichtet, eine Feinglie-
derung noch nicht vorgenommen. Die großen Grubenkom-
plexe konnten in die Stichbandkeramik datiert werden. Einige
kleinere Siedlungsgruben sind linienbandkeramisch.

image
118
Eine lag in einer nur 1,1 m langen und 0,3–0,4 m brei-
ten, nordnordost-südsüdwest-orientierten Eintiefung an
der Sohle einer großen Abfallgrube (Abb. 6, Bef. 223). Es
handelt sich um eine im Planum große, unregelmäßig ovale,
nordost-südwest-orientierte Grube von 4,6 m Länge und
3,0 m Breite. Im Profil ist sie muldenförmig, etwa 85 cm
tief und weist oben eine homogene humose Schicht und
unten eine geschichtete Verfüllung mit Lösslehm auf. Am
Nordwestrand der Grube lag auf der Sohle ein großer, 47
kg schwerer unbearbeiteter Felsstein. Er bedeckte etwa
mittig eine 1,1 m lange und 0,3–0,4 m breite, südsüdwest-
nordnordost-orientierte, leicht trapezförmige grubenar-
tige Vertiefung. Sie ist nur 6 cm tiefer als die übrige Grube,
die Gesamttiefe beträgt 93 cm. Die Verfüllung ist die glei-
che wie über dem Stein, ohne dass eine Trennung zu erken-
nen war. Am Südrand dieser Vertiefung wurde eine kaum
noch erkennbare menschliche Schädelkalotte mit Zahn-
resten im Nordosten freigelegt. Der Schädel lag offenbar
auf der rechten Seite mit dem Gesicht nach Nordosten.
Nördlich des Schädels wurden einige kaum erhaltene, tieri-
sche Knochenreste festgestellt, bei denen es sich eventuell
um einen Langknochen und Rippen handelt. Es waren
keine Beigaben vorhanden bzw. erhalten. Die Bedeckung
des Bestatteten mit einem schweren Felsstein ist sicher
nicht zufällig erfolgt und wohl als ritueller Schutz vor Wie-
dergängern zu deuten. Die Keramik aus der Grube über
der eigentlichen Bestattung datiert die Siedlungsbestat-
tung in die mittlere Linienbandkeramik.
Ein zweites, überdurchschnittlich beigabenreiches,
süd-nord-orientiertes Grab mit einer 2,1 m langen und
1,0–1,2 m breiten Grabgrube befand sich unmittelbar an,
teilweise sogar unter der Fritz-Meinhardt-Straße im Nord-
osten der Grabungsfläche (Abb. 6, Bef. 365). Die Grab-
grube ist knapp über der 1,5 m tief unter die heutige Ober-
fläche reichenden Sohle in eine nördliche und eine süd-
liche Eintiefung geteilt. Das Skelett war nur noch als dun-
kle Verfärbung mit geringen Resten von Knochen und
Zähnen erkennbar. Der Kopf lag im Süden, offenbar mit
dem Gesicht nach Osten, wie Reste von Zahnschmelz zei-
gen. Vom übrigen Skelett waren nur geringe Reste erkenn-
bar, die keine Rückschlüsse auf die Körperhaltung zulas-
sen. Die Gefäßbeigaben wurden direkt auf der Gruben-
sohle deponiert. In der südlichen Grubenhälfte standen
westlich und nordwestlich des Kopfes zwei becherartige
Gefäße und eine Schale (Abb. 15). An eines der Gefäße
gelehnt lag ein 14,5 cm langer schmaler Steindechsel, auf
dem anderen, verkippten Gefäß lag eine Silexklinge. Öst-
lich des Kopfes und zum Teil direkt darunter lagen zwei
Hälften eines Rinderunterkiefers.
Im Unterschied dazu lagen die Schädel- und Skelett-
reste nicht direkt auf der Grubensohle, sondern etwa 20 cm
darüber auf Höhe der Gefäßoberkanten. In gleicher Höhe
wie die Schädelreste lagen vor dem Gesicht eine Silex-
klinge, ein Silexkern und Bruchstücke von weiteren Silex-
klingen. Im mittleren Teil der Grabgrube, also vermutlich
im Bauch- oder Beckenbereich des Toten, lag auf Höhe
der Skelettreste eine 18 cm lange Steinaxt. In der südlichen
Grabhälfte wurden Reste von tierischen Rippen und Lang-
knochen geborgen, die wohl als Fleischbeigabe zu inter-
pretieren sind. Westlich dieser Knochenreste lag ein 9 cm
langer zweiter Steindechsel.
Bei den Gefäßbeigaben handelt es sich um einen weit-
mundigen Becher mit konkavem Oberteil und Bauch-
umbruch, ein nur leicht profiliertes becherartiges Gefäß
mit gebogenem, in zwei gegenständigen Zipfeln auslau-
fendem Rand und eine flache kalottenförmige Schale. Das
leicht profilierte Gefäß ist durch mehrere Bündel von
jeweils doppelten Stichreihen horizontal und vertikal
gegliedert, die Zwischenräume sind durch eingestochene
Dreiecksmuster gefüllt. Das andere becherartige Gefäß ist
ebenfalls durch doppelte Stichreihen horizontal geglie-
dert, zwischen denen je zwei bis drei Doppelstichreihen ein
Dreiecksmuster bilden. Am Bauchumbruch ist das Gefäß
durch drei Gruppen von je drei Knubben verziert. Die
Schale ist außen und am Boden durch Stichreihen in Kreuz-
form gegliedert und dazwischen ebenfalls mit dreieckigen
Stichreihen verziert. Die Verzierungen wurden jeweils mit
zweizinkigen Geräten angebracht. Das Grab stellt inso-
fern eine Besonderheit dar, als es sich um ein sonst in
Sachsen nicht übliches Körpergrab der Stichbandkeramik
handelt. Die Fundbeigaben erlauben eine typologische
Einordnung des Grabes in die jüngeren Phasen der Stich-
bandkeramik
47
.
Abb. 15. NIE-04. Einige Beigaben von Grab 365 in situ: drei
stichbandkeramische Gefäße und ein Paar Rinderunterkiefer.
47
M. Zápotocká, Bestattungsritus des böhmischen Neolithi-
kums (5500–4200 B.C.) (Prag 1998) 31–100; E. Hoffmann, Die
Körpergräber der Linien- und Stichbandkeramik in den Bezir-
ken Halle und Magdeburg. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 62,
1978, 135–201.

119
6. Die vierfache Kreisgrabenanlage in NIE-09
Der erste etwa nord-süd-verlaufende Grabenabschnitt
einer, wie sich herausstellte, vierfachen Kreisgrabenanlage
der Stichbandkeramik trat bei der Fortführung der Unter-
suchung der Autobahnzubringerstrasse etwa 50 m westlich
von den letzten Befunden aus dem Bereich des Gräberfel-
des (NIE-04) zutage (Beilage 2)
48
. In der dazwischen lie-
genden Fläche wurden nur wenige Befunde angetroffen,
die, soweit erkennbar, ebenfalls linienbandkeramisch sind.
Die Grabungsoberfläche steigt analog zum Gelände von
ca. 162 mHN in NIE-04 auf etwa 165 mHN beim äußeren
Grabenabschnitt im Osten (Bef. 1000) und auf etwa 170
mHN rund 125 m weiter westlich, am entgegengesetzten
Ende des äußeren Grabens (Bef. 2000), der nördlich der
Fritz-Meinhardt-Straße aufgedeckt wurde. Die vierfache
Grabenanlage wurde somit auf einer etwas flacheren Gelän-
destufe innerhalb des noch steileren Abstiegs zum Geber-
bach nach Osten und Süden hin ausgehoben (Abb. 16).
Von den vier Gräben konnten – bedingt durch die
für den Straßenbau benötigten Flächen – zusammen 208
m von insgesamt etwa 1200 m Länge (ca. 17 %) unter-
sucht werden (Tab. 1)
49
. Etwa 15 % müssen für eine
Ø3m
23˚
Ø60m
161˚
Ø68m
Ø86m
Ø105m
Ø124m
Ø43m
Ø38m
Ø45m
Ø49m
Ø54m
Ø46m
Ø42m
Ø36m
Ø80m
DD-02
DD-98
Geberbach
NIE-09
Fritz-Meinhardt-Str.
N
160
170
0
25
50
100m
W
266˚
271˚
43˚
126˚
Ø52m
NIE-07
160˚
150
Abb. 16. Die vier Grabenanlagen an der Fritz-Meinhardt-Straße in Dresden Nickern. M. 1:5000.
48
Ein herzlicher Dank gilt der gesamten Grabungsmannschaft
und dem örtlichen Grabungsleiter J. Janssen.
49
Die Angabe gilt für einen kreisförmigen Rekonstruktions-
versuch aller vier Gräben.
NIE-09
ideale
Profilfläche
Dm
Umfang
Fläche
Volumen
Graben
gr. Dm kl. Dm
Verhält.
Radii
Umfang
Fläche
Volumen
Graben
Verhältnis
Fläche:
Kreis/Oval
Palisade 1 (innen)
-
38
120
1.141
-
54
38
0,72
153
1.612
-
0,7
Palisade 2 (außen)
-
43
136
1.462
-
58
46
0,8
168
2.132
-
0,7
Graben 1 (innen)
4,8
68
214
3.650
1.027
66
58
0,86
196
3.020
941
1,2
Graben 2
4,25
86
270
5.785
1.148
88
80
0,9
263
5.480
1.118
1,1
Graben 3
3,25
105
330
8.590
1.073
104
96
0,93
314
7.830
1.021
1,1
Graben 4 (außen)
2,65
124
390
12.050
1.034
124
112
0,9
371
10.913
983
1,1
Rekonstruktion als Kreis
Rekonstruktion als Oval
Tab. 1. NIE-09. Maßangaben der vier Gräben, rekonstruiert als Kreis und Oval (Angaben in Meter).

image
120
künftige Erforschung durch ältere Tiefbaumaßnahmen
(sowohl Leitungen als auch ein tiefgründig gestörtes
Grundstück) als endgültig verloren gelten. Ein Großteil
der Anlage ist demnach nicht wesentlich gestört und
somit aus denkmalschutzrechtlicher Sicht als gesichert
zu betrachten. Es handelt sich um die Flächen, die
sowohl unter der Straße als auch unter den Gebäuden
der südlich und westlich gelegenen Kleingartensiedlung
liegen (Abb. 16).
6.1. Datierung der vierfachen
Kreisgrabenanlage
Aus allen vier Gräben der Kreisgrabenanlage wurde Fund-
material gewonnen, das, soweit datierbar, meist der Linien-
und der Stichbandkeramischen Kultur zuzuweisen ist.
Das Scherbenmaterial ist in der Regel recht kleinteilig
erhalten, einige größere Fragmente (Abb. 18) bilden die
Ausnahme. Da das Fundmaterial noch nicht bearbei-
tet ist, können keine qualitativen Aussagen getroffen wer-
den, die Hinweise auf Anpassungen und im Allgemei-
nen eine feinere typologische Einordnung erlauben. Die
lokal beschränkte Durchmischung mit Funden der
Linienbandkeramik ist nicht weiter verwunderlich ange-
sichts der Tatsache, dass beim Ausheben der Gräben die
Längsgruben von mindestens drei eindeutigen linien-
bandkeramischen Häusern angeschnitten wurden (Bei-
lage 2; Abb. 17, Bef. 1006–1009; 1034; 1047). Auch eine
Vermischung mit jüngerem Material – bis auf drei Gefäße
der Lausitzer Kultur in Befund 1017 handelt es sich
zumeist um Scherben neolithischer Machart, die nicht
genauer typologisch zugewiesen werden konnten – ist
aus jenen Bereichen nachweisbar, die schon im Gra-
bungsplanum und in den Profilen als „gestört“ erkannt
wurden. Sie liegen vor allem im südöstlichen und im
westlichsten Teil des äußeren Grabens (Abb. 17, Bef. 1000
bzw. 2000).
Für die Schätzung der „Lebensdauer“ der Gräben als
solche ist interessant, dass die Gräben zur Zeit der Gaters-
lebener Kultur – die im Bereich der Kreisgrabenanlage mit
zumindest zwei besonderen Befunden nachgewiesen ist
(Bef. 2143; 2144)
50
– wenigstens bis zur Höhe der heutigen
Grabungsoberfläche aufgefüllt gewesen sein müssen, denn
in den Grabenauffüllungen fehlten jegliche (eindeutigen)
Funde dieser Kultur (Abb. 25).
397
398
382
383
354
384
385
365
364
467
474
476
469
470
482
483
531
532
459
527
4
5
110
102
101
109
440
441
432
433
50
58
451
528
257
454
453
461
462
460
410
409
463
458
399
403
404
405
466
414
0
25
50 m
N
2039
2132
2002
2168
2054
2082
2001
2003
2149
2000
1053
1058
1057
1003
1002
1001
1000
1001W
1002W
1003W
1006
1007
1008
1009
1034
1047
2144
2143
1017
1163
Abb. 19
Abb. 24
Abb. 20
Abb. 18
Abb. 17. NIE-09. Gesamtplan mit den Profilschnitten durch die vierfache Kreisgrabenanlage. Markiert sind jene Profile, die den
Abbildungen 19, 20 und 25 zugrunde liegen, sowie das Profil, aus dem die Keramik von Abbildung 18 stammt. Störungen sind grau
hinterlegt.
Abb. 18. NIE-09. Fragmente einer Knickwandschale aus dem
untersten Verfüllungshorizont des äußeren Kreisgrabens im
östlichen Bereich; Profil 50 (s. Abb. 17).
50
Es handelt sich um bis zu 2 m tiefe kegelstumpfförmige Gru-
ben, die bis auf wenige Gefäßfragmente und ein Steinbeil fast
ausschließlich mit Hüttenlehmfragmenten verfüllt waren.

121
6.2. Größe und Form im Planum
Dem zufälligen Charakter der Entdeckung und der Tras-
sierung der neu zu bauenden Strasse ist geschuldet, dass
man nicht alle Informationen zur Form und Größe der
Gräben geben kann. Fundinhalt und Form der mehr
oder weniger parallel verlaufenden Grabenabschnitte
lassen zwar eine Ansprache als stichbandkeramische
vierfache Kreisgrabenanlage zu, die präzise Bemessung
zeigt jedoch eine unregelmäßig ovale Bauweise. Man
könnte sogar meinen, dass es sich – ähnlich wie bei der
dreifachen Kreisgrabenanlage aus Zwenkau
51
– um eine
viereckige Anlage handelte, deren Gräben leicht abge-
rundet waren.
Was die häufig als wichtig betrachtete Information zu
den Grabenunterbrechungen bzw. den Eingängen in das
Innere der Anlage betrifft, so bleiben angesichts der unter-
suchten Flächen noch viele Fragen offen. Einige wenige
Indizien weisen darauf hin, dass die Kreisgrabenanlage
zu jenem Typ zählt, deren Zugänge in den Haupthim-
melsrichtungen lagen. In NIE-09 konnte nur ein einzi-
ges Grabenende am nördlichen Ende des äußersten süd-
östlichen Grabenabschnittes (Bef. 1000) nachgewiesen
werden (Abb. 17). Da in keinem der vier südöstlichen
und auch nicht im innersten südwestlichen Graben-
abschnitt ein weiterer Hinweis für eine Unterbrechung
vorhanden war, ist zumindest auszuschließen, dass die
Zugänge in der Nordost-Südwest-Achse bzw. Nordwest-
Südost-Achse lagen
52
. Drei Tore wiederum, wie sie in
NIE-07 vorkommen (d. h. NW-NO-S), sind zwar mög-
lich, aber unwahrscheinlich, da sie bislang lediglich bei
ein- und in einem Fall bei zweifachen Grabenanlagen
bekannt sind
53
.
Um die Größe der Anlage schätzen zu können, wurde
sie sowohl einem Oval als auch einem Kreis angepasst,
wodurch sich die Werte recht deutlich unterscheiden
(Tab. 1)
54
. Noch schwerer ist der Verlauf der zwei zuein-
ander parallel verlaufenden Palisaden mit jenem der „Kreis-
gräben“
55
in Einklang zu bringen. Die nur noch schwach
erkennbaren, weil nur noch flach erhaltenen Gräbchen
konnten lediglich in einzelnen kurzen Abschnitten im
Westen und Süden dokumentiert werden, was deren
Rekonstruktion wesentlich erschwert. Wäre die gesamte
Anlage regelmäßig ausgeführt, könnte man meinen, dass
der westliche Abschnitt des zweiten Palisadengräbchens
(Bef. 2082) auf eine Unabhängigkeit der beiden Abgren-
zungssysteme (Palisaden und Gräben) hindeutet. War der
Verlauf der Palisaden jedoch ebenso unregelmäßig oval
oder rundlich segmentiert wie jener der vier Gräben, so
könnten Palisaden und Gräben zusammen bestanden
haben. Das ist nicht nur wegen des Erscheinungsbildes
der Anlage wichtig, sondern auch bei der Rekonstruk-
tion der „nutzbaren“ Innenfläche. Mit rund 1140 m
2
der
als Kreis rekonstruierten innersten Palisade
56
wäre die
Innenfläche ein Drittel kleiner als jene, die vom innersten
Graben umfasst wird (3650 m
2
) und beträgt nur ein Zehn-
tel der Gesamtfläche innerhalb des äußersten Kreisgra-
bens (12050 m
2
) (Tab. 1). Angesichts der Tatsache, dass
wir nichts über die Funktion der Anlage wissen, es nicht
einmal ausgeschlossen werden kann, dass entweder nur
die Gräben oder nur die Wälle eine Funktion erfüllten
oder das gesamte Ensemble „bloß“ als Monument seine
Wirksamkeit hatte, kann die Größe nicht als Argument
für oder gegen die Gleichzeitigkeit von Gräben und Pali-
saden dienen. Allerdings spricht allein das extreme Miss-
verhältnis zwischen der kleinen „Nutzfläche“ und der
Gesamtgröße der Anlage (vgl. Kap. 7.5. mit Abb. 26)
zusammen mit dem weiteren Gegensatz – tiefe Gräben/
hohe Wälle – für eine Zuordnung dieser Erdwerke zu
den frühesten Monumentalbauten in Mitteleuropa.
Freilich gibt es bislang weder dafür einen sicheren Nach-
weis noch für das gleichzeitige Bestehen aller vier Kreis-
gräben. Ein solcher ist auch nicht zu erwarten; dennoch
können einige Beobachtungen so gedeutet werden, dass
der Bau der Gräben von innen nach außen über einen län-
geren Zeitabschnitt erfolgte, d.h., dass sich die Anlage
erst im Laufe der Zeit zu einer vierfachen entwickelte. Die
45 Querprofile, die insgesamt an den untersuchten Gräben
angelegt wurden, erlauben zusammen mit den Beobach-
tungen, die beim Herunterlegen der dazwischenliegenden
Grabenabschnitte in Abhüben von 0,10–0,20 m gemacht
wurden, einen guten Einblick in die Grabenform, in die
Struktur der Grabenverfüllung, wie auch in die Verteilung
der insgesamt recht spärlichen Funde (s.u.).
51
Stäuble (Anm. 15) 179; 180 Abb. 12.
52
Ebd.
53
Wallerfing-Ramsdorf: Petrasch (Anm. 29) 520ff.; Friebritz
2, vielleicht auch Ramsdorf, Rosenburg und Steinabrunn: Trn-
ka (Anm. 17) 217ff. und neuerdings Goseck, Lkr. Merseburg
in Sachsen-Anhalt (vgl. Anm. 18). Letztere ähnelt stark der
nunmehr komplett gegrabenen einfachen Kreisgrabenanlage
aus NIE-07, unterscheidet sich jedoch in der Ausrichtung der
Zugänge, die spiegelverkehrt ist (in Goseck: N-SO-SW). Zu
den Orientierungen s. Kap. 7.
54
Die Werte wurden stets auf volle Meter oder Quadratmeter
auf- bzw. abgerundet, um keine Genauigkeit vorzutäuschen, die
es realiter nicht geben kann, jedoch bei der Bemaßung im ACAD-
Programm auf mehrere Stellen hinter dem Komma möglich wäre.
55
Der Einfachheit halber und da es sich mittlerweile um einen
technischen Terminus handelt, wird die Nickerner Anlage den-
noch als Kreisgraben geführt.
56
Rekonstruiert man die gesamte Anlage als Oval, so würde
die Innenfläche etwa 1612 m
2
messen, die Hälfte der durch den
Innengraben bestimmten Fläche (etwa 3020 m
2
), und stünde im
Verhältnis von etwa 1:7 zu der Gesamtfläche von 10913 m
2
des
äußersten Grabens.

image
image
image
image
image
image
image
image
122
Profil 384
Profil 383
Profil 364
Profil 365
Profil
382
Profil 385
Profil 398
Fläche a = 1,3 m
2
Fläche b = 1,8 m
2
äußerer Graben
Bef. 2000
Fläche a = 1,2 m
2
Fläche a = 2,5 m
2
Fläche a = 2,5 m
2
Fläche a = 2,3 m
2
Fläche a = 1,9 m
2
Fläche a = 1,7 m
2
Fläche a = 1,1 m
2
Bef. 2001
Bef. 2002
innerer Graben
Bef. 2003
Fläche b = 1,7 m
2
Fläche b = 2,1 m
2
Fläche b = 2,5 m
2
Fläche b = 2,3 m
2
Fläche b = 2,0 m
2
Fläche b = 1,9 m
2
Fläche b = 1,6 m
2
Profil 397
169 mNN
169 mNN
0 1 3 m
Abb. 19. NIE-09. Jeweils zwei sich gegenüberliegende Profile durch den westlichen Teil aller vier Gräben mit einer Rekonstruktion
des postulierten oberen Bereiches als Grundlage für die Berechnung der Grabenvolumina (Lage der Profile s. Abb. 17).
6.3. Profilform und -tiefe
Bei allen vier Gräben handelt es sich um Spitzgräben, die im
unteren, recht schmalen Bereich feinschichtig verfüllt sind,
im oberen jedoch meist eine homogene Verfüllung aufwei-
sen (Abb. 19). Diese Sedimentationsabfolge scheint im All-
gemeinen typisch für diese Befundart zu sein
57
. Der untere
Bereich mit einem Wechsel von Lösseinlagerungen und
humosem Material wird in der Regel als eine anfängliche
Phase der natürlichen Sedimentation gedeutet (vgl. Kap.
7.5 mit Abb. 25). Sie unterscheidet sich deutlich vom obe-
ren, meist mit humosem Erdmaterial homogen verfüllten
Bereich. Letzterer ist entweder der Stabilisierung der Wände
durch den Bewuchs geschuldet und kann langsam, aber
lediglich mit Siedlungsschutt verfüllt worden sein – dabei
hätten dennoch einzelne Einschlüsse entstehen müssen –
oder aber dieser obere Grabenbereich ist erst nach Nut-
zung der Grabenanlage bewusst planiert worden
58
. Aller-
dings konnten bei der vierfachen Kreisgrabenanlage aus
Nickern auch einige Ausnahmen zu der Regel erkannt wer-
den. In einigen wenigen Fällen war eine Feinschichtung
sogar bis zur heutigen Grabungsoberfläche zu beobachten,
in anderen Fällen war der obere Bereich zwar homogen
verfüllt, das jedoch ausschließlich mit sterilem Lössmaterial.
Hinweise über „mehrphasige“ Gräben, d.h. Ausbes-
serungen, die nicht exakt im gleichen, schon aufgefüll-
ten Befund erfolgten, zeigen in sechs von insgesamt acht
Profilen, dass der innere Kreisgraben (Graben 1) dreipha-
sig war; der nach außen hin folgende zweite Graben war
in fünf von zehn angelegten Profilen zweiphasig (einmal
evtl. dreiphasig, ansonsten einphasig), der dritte Graben
war in sechs von 14 Profilen zweiphasig, ansonsten jedoch
nur einphasig und schließlich war in allen 13 Profilen des
äußersten, größten Kreisgrabens stets nur eine einzige
Phase zu erkennen. Diese Beobachtungen gehen mit der
Tatsache einher, dass in Nickern die Tiefe der Gräben von
innen nach außen deutlich abnimmt (Abb. 20). Das ließ
sich bei allen drei erfassten Abschnitten beobachten, unab-
hängig davon, ob im westlichen, höheren Bereich oder im
5 m tiefer liegenden Westteil gemessen wurde
59
. Es gibt
mehrere Möglichkeiten, diese Beobachtungen zu erklären.
57
Petrasch (Anm. 29) 456ff. und Trnka (Anm. 17) 222ff.
58
Darauf deuten auch die sedimentologischen Untersuchun-
gen der Kreisgrabenanlagen in Kamegg und
Těšetice-Kyjovice,
vgl. Trnka (Anm. 17) 224. – Über Verfüllungshypothesen
und deren Erkennbarkeit vgl. H. Stäuble, Häuser, Gruben und
Fundverteilung. In: J. Lüning (Hrsg.), Eine Siedlung der Ältes-
ten Bandkeramik in Bruchenbrücken, Stadt Friedberg/Hessen
(Bonn 1997) 17–150.
59
Der äußere Graben 4 war an zwölf Profilen im Schnitt 1,08
±0,16 m tief, Graben 3 hatte an 14 Profilen eine durchschnittliche
Tiefe von 1,32±0,19 m, Graben 2 an neun Profilen 1,63± 0,27 m
und schließlich war der innere Graben 1 an acht Profilen im Schnitt
1,75±0,13 m tief erhalten. Die Standardabweichungen sind stets
gering, Mittelwerte und Mediane liegen mit Unterschieden von
bis zu 0,03 m eng beieinander, so dass man die Tiefenwerte aller
Profile pro Grabenabschnitt als konsistent betrachten kann.

123
Erstens, dass die Gräben sukzessive von innen nach
außen angelegt wurden (zunächst der erste, dann der
zweite und dritte und schließlich der vierte Graben). Bei
jedem Neuaushub wurden dann zugleich auch die beste-
henden Abschnitte erneuert. Zweitens könnte die Anzahl
der notwendigen Erneuerungen von der Tiefe der aus-
gehobenen Gräben abhängen, insoweit, dass die tieferen
Befunde rascher zusedimentiert worden sein könnten.
Schließlich sind drittens Erneuerungen in den flacheren
Gräben vielleicht leichter zu bewerkstelligen, so dass
dort stets der bestehende Graben „nur gesäubert“, nicht
aber neu ausgehoben werden musste, wie das mögli-
cherweise in den tiefen Grabenabschnitten notwendig
gewesen sein könnte.
Bef.-Profil
Nr.
Graben-
oberfläche
Grabenbasis
Graben 4
2000-397
169,66
168,35
Graben 3
2001-385
169,41
168,01
Graben 2
2002-383
169,05
167,3
Graben 1
2003-365
168,49
166,65
Graben 1
1003-461
166,58
164,72
Graben 2
1002-462
166,27
164,46
Graben 3
1001-257
165,83
164,28
Graben 4
1000-405
165,44
164,36
interpoliert
164
165
166
167
168
169
170
171
2000-397
2001-385
2002-383
2003-365
interpoliert
1003-461
1002-462
1001-257
1000-405
Befund-Profil Nr.
mHN
Grabenoberfläche
Grabenbasis
heutige Oberfläche
Grabenoberfläche
Grabenbasis
heutige Oberfläche
Abb. 20. NIE-09. Idealschnitt durch die vierfache Kreis-
grabenanlage von West nach Ost (Lage der verwendeten Profile
s. Abb. 17).
Die oben erwähnte unterschiedliche Verfüllungsdyna-
mik in den Gräben ist auf jeden Fall nicht der Hangnei-
gung im Gelände geschuldet. Trotz eines Höhenunter-
schieds von etwa 5 m von Westnordwest nach Ostsüdost
(Abb. 20), was ein Gefälle von etwa 2,3° ergibt, waren
keine häufigeren Erneuerungen an den erwarteten Enden
der Grabenabschnitte im unteren Hangbereich zu erken-
nen. Einige Beobachtungen an den Zwischenplana weisen
darauf hin, dass die Gräben abschnittsweise ausgebessert
worden sein müssen. Die unterschiedliche Anzahl von
Erneuerungen pro Kreisgraben weist ebenfalls darauf
hin, dass möglicherweise nicht immer der gesamte Kreis-
graben erneuert werden musste. Es ist heute nicht zu
entscheiden, ob man darin das Werk unterschiedlicher
Arbeitsgruppen sehen kann oder auch nur unterschied-
liche Arbeitsprozesse des gleichen Bautrupps. Keine noch
so feine Erkennung der Verfüllungsgeschichte der Gräben
könnte Hinweise dafür erbringen, wie sie gebaut wurden.
6.4. Volumenberechnung und Bau
Eine weitere interessante Beobachtung konnte beim
Rekonstruktionsversuch der Volumina der Gräben ge-
macht werden. Dafür wurde die Fläche von jeweils zwei
repräsentativen Profilen pro Grabenabschnitt (alle acht
im nord-westlichen Grabungsbereich) bestimmt und gene-
rell um 0,70 m nach oben hin erweitert (Abb. 19)
60
. Zur
Volumenberechnung wurde die Länge der zum Kreis
rekonstruierten Grabenumfänge herangezogen, ohne auf
Grabenöffnungen Rücksicht zu nehmen. Das Resultat ist
mit stets rund 1000±100 m
3
für alle vier Gräben (Tab. 1)
verblüffend homogen. Das bedeutet, dass der recht große
Unterschied im Durchmesser (68/86/105/124 m) bzw. in
60
Denkbar wären allerdings sowohl 0,5 m als auch ein Viel-
faches davon gewesen. Eine Grundlage dafür war die Erhaltung
der linienbandkeramischen Pfostengruben im unmittelbaren
Bereich.

124
der auszuhebenden Grabenstrecke (214/270/330/390 m)
durch eine variable Grabentiefe ausgeglichen wurde. Die
Arbeitsleistung könnte demnach eine nicht unwesentliche
Rolle gespielt haben, als es um den Bau oder um die Er-
neuerung der Gräben ging. Erstaunlich ist noch die Tat-
sache, dass diese Arbeitsleistung gar nicht so groß war,
wie gewöhnlich postuliert
61
. Bei den gängigen Angaben
für die Arbeitsleistung im Neolithikum von 1 m
3
Aushub
pro Person und Tag hätten zehn Personen in 100 Tagen
eine „Einheit“ (einen Graben) schaffen können. Gesetzt
den Fall, das Aushubmaterial musste weggebracht wer-
den
62
, würde man die Arbeitsleistung höher ansetzen
müssen. Bei der vierfachen Kreisgrabenanlage in Nickern
gibt es aber keine Hinweise dafür, dass die Verfüllung
mit Fremdmaterial erfolgt ist. Auch die Größe der Flä-
chen zwischen den Gräben lassen eine Rekonstruktion
von Wällen aus dem Grabenaushub durchaus zu, so dass
hier bis auf weiteres von einer Graben-Wall-Anlage ausge-
gangen wird. Wenn auch die Höhenunterschiede zwischen
der Grabenspitze (-2,5–3 m) und dem ebenfalls bis zu
3 m hohen Erdwall nicht so groß gewesen ist, wie bei
einigen wenigen vergleichbaren Anlagen
63
, so muss das
nach außen hin vermittelte Bild imposant gewesen sein,
und dies umso mehr, da die vierfache Kreisgrabenan-
lage von Nickern außerhalb der Siedlung, hangaufwärts,
angelegt wurde und somit diese „dominierte“ (Beilage 2;
Abb. 16). Von innen heraus wird angesichts der relativ
geringen Innenfläche eher ein eingeschlossenes und be-
drängtes Gefühl geherrscht haben. Worauf es den Sied-
lern tatsächlich ankam, ist aus heutiger Sicht nicht zu
entscheiden. Im Prinzip wäre der Aushub eines Kreis-
grabens sogar als eine jährlich stattfindende „Sonderak-
tivität“ möglich, gesetzt den Fall, die Arbeiter setzten
sich aus einem erweiterten Siedlungsgebiet zusammen.
Die während der Stichbandkeramik dicht besiedelte Land-
schaft am Geberbach und zusätzlich die unmittelbar
benachbarten Täler des Dresdner Elbtals hätten mit
Sicherheit genug Arbeitspotential aufbieten können, um
die Errichtung dieser „kommunalen“ Monumentalbau-
ten zu gewährleisten.
7. Kreisgrabenanlagen im Überblick
Der Fall der innerdeutschen Mauer mit sämtlichen Folge-
erscheinungen auch im archäologischen Leben führte
neben einem sprunghaften Anstieg der denkmalpflegerisch
bedingten Grabungen zu einer Belebung, wenn nicht sogar
zum großen Teil zur erstmaligen Möglichkeit der Luft-
bildarchäologie. Beiden „Archäologien“ – der befund-
schonenden wie auch jener, die Befunde zerstören muss,
um sie zu retten
64
– ist zu verdanken, dass die grund-
legenden Arbeiten zum Thema der mittelneolithischen
Kreisgrabenanlagen, die in den 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts bearbeitet und Anfang der 90er Jahre publi-
ziert wurden
65
, zwar nicht grundlegend widerrufen wer-
den müssen, doch zumindest hinsichtlich der Kartierungen
zu revidieren sind.
7.1. Weitere Kreisgrabenanlagen aus Sachsen
Neben den in diesem Vorbericht beschriebenen Kreis-
grabenanlagen aus Dresden-Nickern (Abb. 21, Nr. 67–68)
sind in den letzten Jahren in Sachsen noch weitere
Befunde dieser Art bekannt geworden. Um zunächst bei
den gegrabenen Befunden zu bleiben, sind die Kreis-
palisaden- und die dreifache Kreisgrabenanlage von den
Ausgrabungen in Eythra (Abb. 22) zu nennen, einer im
Zuge des Braunkohlentagebaus Zwenkau abgerissenen
Ortschaft im Lkr. Leipziger Land (Abb. 21, Nr. 67–68;
Tab. 2), die 1994 bzw. 1997 entdeckt und vollständig
gegraben worden sind
66
.
Im Norden der über 20 ha großen Grabungsfläche, die
sich entlang des westlichen Auenrandes der Weißen Elster
über eine Strecke von rund 1000 m erstreckt, wobei weder
nördlich noch südlich die eigentliche Siedlungsgrenze
erfasst ist, wurden Fragmente konzentrischer Palisaden-
gräbchen entdeckt, die angesichts der hohen Befunddichte
nur mit Unsicherheit zu datieren sind (Abb. 22). Es sind
Fragmente von vier, vielleicht sogar fünf Palisaden rekon-
struierbar, von denen nur jeweils zwei in etwa den glei-
chen Mittelpunkt haben
67
.
61
Literatur bei Petrasch (Anm. 29) 498ff. – M.K.H. Eggert,
Riesentumuli und Sozialorganisation: Vergleichende Betrach-
tungen zu den sogenannten „Fürstenhügeln“ der späten Hall-
stattzeit. Arch. Korrbl. 18, 1988, 263–274, berechnet aufgrund
ethnographischer Beobachtungen für ähnlich große Erdwerke
inklusive Wallaufbau eine noch viel kürzere Arbeitszeit.
62
Trnka (Anm. 17) 222 plädiert gegen das Bestehen von
Wällen und stützt sich dabei vor allem auf einen einzigen Be-
fund in Gauderndorf. Auch Petrasch (Anm. 29) 476 ist der Mei-
nung, dass die meisten Anlagen keinen Wall hatten und begrün-
det das mit fehlenden Lösskindl unter der angenommenen Wal-
laufschüttung.
63
Ebd. Katalog 519ff.
64
Stäuble (Anm. 33) 301–313.
65
Petrasch (Anm. 29) und Trnka (Anm. 17).
66
Stäuble (Anm. 15); ders. (Anm. 33) 302 Abb. 1.
67
Obwohl die Ähnlichkeit dieses Befundes mit der mehrfa-
chen Palisadenanlage aus Quenstedt-Schalkenburg (E. Schrö-
ter, Die „Schalkenburg“ bei Quenstedt, Kreis Hettstedt, eine
frühneolithische Rondellanlage. In: F. Schlette/D. Kaufmann
[Hrsg.], Religion und Kult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit
[Berlin 1989] 193–201) groß ist, wurden in Tabelle 2 die vier
bis fünf Eythraer Palisadenfragmente deshalb als zwei doppelte
Kreispalisaden aufgenommen.

125
Abb. 21. Kartierung der neuen sächsischen mittelneolithischen Kreisgrabenanlagen (Kyhna: Nr. 63–66; Zwenkau: Nr. 67–68) auf der
Grundlage der Kartierung bei Petrasch (Anm. 29) 434 Abb. 2. Dabei wurde auch die Nummerierung der Kreisgrabenanlagen (ebd.
Katalog 519–521) fortgeführt. Die neuen Anlagen aus Österreich sind nicht mit einbezogen, die Lage von Krepice und Nemčičky
(Nr. 14; 15) in Mähren ist geändert worden. Ergänzt wurden auch eine vierfache Kreisgrabenanlage aus Cifer, Bez. Trnava (Nr. 58)
in der Slowakei, drei Anlagen aus Brandenburg (Nr. 59–61), eine aus Sachsen-Anhalt (Nr. 62) sowie drei Anlagen aus Mainfranken
(Nr. 73–75).
62
67-68
63-66
58
59
60
61
73
69-72
76
74
75
Verbreitung der mittelneol.
Kreisgraben- und
Kreispalisadenanlagen
(Stand Oktober 2003)
Kreispalisadenanlage
Kreisgrabenanlagen
mit 1
mit 2 Gräben
mit 3 Gräben
mit 4 Gräben
unbestimmt
Wien
Prag
Breslau
Leipzig
Dresden
Bratislava
Budapest
München
Berlin
Frankfurt
Stuttgart
Hannover
Ipel
Weiße Elster
Berounka
Sázava
Altmühl
Enns
Svitava
Dyje
Thaya
Aller
Oker
Weißer
Roter
Regnitz
Naab
Regen
Alz
Salzach
Traun
Nysa
Leitha
Main
Main
Hron
Fulda
Eder
Lippe
Lahn
Ems
Enz
Váh
Morava
Vltava
Mulde
Saale
Unstrut
Lausitzer
Spree
Lech
Isar
Inn
Bobr
Neiße
Weser
Neckar
Iller
Répce
Leine
Warta
Ohre
V
Main
Werra
'
Donau
Labe
Elbe
Oder
Donau
Odra
Wisla
/
Dagegen ist die etwa 160 m südwestlich gelegene drei-
fache Grabenanlage mit Sicherheit in die Stichbandkera-
mik zu datieren. Interessant ist hierbei eine bislang einma-
lige Form des äußersten, dritten Grabens. Während er sich
im Norden, Osten und Westen an den anderen beiden Grä-
ben ausrichtet, d.h. parallel in einem Abstand von jeweils
rund 12–16 m (von den Grabenmitten aus berechnet) dazu
verläuft und auch die Zugänge an der gleichen Stelle in
Nordwest-Nordost-Südwest-Südost-Richtung aufweist
(Tab. 2), bildet er im Süden eine Spitze, in der weitere zwei
symmetrische Erdbrücken (257°; 279°)
68
angelegt waren
(Abb. 22). Diese Situation verweist erstmals auf eine sichere
Begehbarkeit des Bereichs zwischen den Gräben. Die Ein-
maligkeit dieser Beobachtung und die Tatsache, dass der
Zwischenraum von mehr als 10 m Breite genügend Platz
bot, damit Leute entlang gehen konnten, auch wenn dort ein
Wall aufgeschüttet war, ist somit kein Argument gegen ein
prinzipielles Bestehen von Wällen. Beide Anlagen liegen
auf einer fast tischebenen Fläche, etwa 120–121 m ü.NN.
Anfang des letzten Jahrhunderts wurde in Piskovitz,
Lkr. Meißen (Abb. 21, Nr. 76), nördlich oberhalb des
Ketzerbachs, der etwa 2,5 km weiter östlich in die Elbe
fließt, ein stichbandkeramischer Grabenabschnitt durch
J. v. Deichmüller untersucht
69
. Da es sich um einen gerade
verlaufenden Spitzgraben handelt, zählte man ihn bislang
nicht zur Kategorie der Kreisgrabenanlagen
70
. Der gegra-
bene Abschnitt misst jedoch nur etwa 16 m, was ange-
sichts der neuen sächsischen Kreisgrabenanlagen, die
durchaus über weite Strecken gerade verlaufen (s.o. Eythra
und Dresden-Nickern), keineswegs als Argument gegen
eine Deutung als Kreisgrabenanlage zählt. Künftige Unter-
68
Gemessen vom Achsenmittelpunkt der anderen vier Zugänge
und nicht vom Mittelpunkt der Kreisgräben, der sich
nur ungenau auf 3,5 m festlegen lässt.
69
G. Bierbaum, Der bandkeramische Spitzgraben von Pis-
kovitz bei Zehren, Kreis Meißen. Sachsens Vorzeit 2, 1938,
113–122.
70
D. Kaufmann, Zur Funktion linienbandkeramischer Erd-
werke. In: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge 15. Niederbayer.
Archäologentag (Deggendorf 1997) 41–87 bes. 42 Anm. 9; 78.

f
1
b
126
suchungen werden notwendig sein, um dieses zu bestätigen
oder zu widerlegen. Der etwa nord-süd-verlaufende Gra-
benabschnitt befindet sich auf einem vom Tanzberg nach
Osten hin abfallenden Hang zwischen 120–125 m ü.NN.
Neben den bislang erwähnten vollständig oder nur
abschnittsweise gegrabenen Befunden sind aus Sachsen
noch mit Sicherheit vier, möglicherweise sogar fünf Kreis-
grabenanlagen im Luftbild südlich von Kyhna, Gde. Neu-
kyhna, Lkr. Delitzsch (Abb. 21, Nr. 63–66) dokumentiert
worden
71
(Abb. 23). Diese vor den Grabungen in Dresden-
Nickern im letzten Jahr fast beispiellose Konzentration
von Kreisgrabenanlagen zeigt eine herausragende neoli-
thische Siedlungslandschaft, die möglicherweise analog zu
einigen Befunden auf den Britischen Inseln sogar eine Kon-
tinuität bis in die Bronzezeit aufweisen könnte
72
. Aller-
dings ist gerade diese über die Jahrtausende reichende hohe
Besiedlungsdichte auch problematisch, da die Befunde bis-
lang nicht durch Grabungen gesichert sind und die Zuwei-
sung von runden Erdwerken zum Typ der Kreisgraben-
anlagen nur aufgrund ihrer Kreisform unsicher bleiben
Gr
Pal
Dm
Umfang
Fläche
Dm
Umfang
Fläche
Dm
Umfang
Fläche
Dm
Um
69
DD-Nickern
(DD-02)
1
13
konz. - Punkt;
unregelm.
36
112
1.005
42
131
1.356
46
146
1.689
52
70
DD-Nickern
(DD-98)
2
2
3
nur kl. Ausschnitt
45
140
1.556
49
154
1.877
54
169
2.260
60
71
DD-Nickern
(NIE-07)
3
2
1
eher 4-eckig
-
110–130
72
DD-Nickern
(NIE-09)
4
4
2
konz. - 3 m; oval
38
120
1.141
43
136
1.462
-
68
63
Kyhna
1
3?
unregelm.
unbest. ob vorhanden
-
-
42
64
Kyhna
2
2?
nicht konz. - 4 m
unbest. ob vorhanden
-
-
88
65
Kyhna
3
4
2
konz.- 2 m
53
167
2.206
59
185
2.710
-
78
66
Kyhna
4
2
2?
konz. - Punkt
unbest. ob vorhanden
-
-
-
-
68
-
Kyhna
5
1 ?
unsicher ob
überhaupt
unbest. ob vorhanden
60
67
Zwenkau
(ZW-01)
2
32
konz. - 3,5 m;
eckig
62
196
3.046
70
220
3.860
-
76
68a
Zwenkau
(ZW-01)
1a
-
2
nicht konz.
24
76
454
31
98
757
-
68b
Zwenkau
(ZW-01)
1b
-
2
nicht konz.
43
135
1.456
52
164
2.129
-
Nr.
Bem.
Kat.-
Anzahl
Palisade 3
Nr.
Palisade 1
Palisade 2
Gra
Fundstelle
-
-
Tab. 2. Größenangaben und Informationen zu den Zugängen der sächsischen Kreisgrabenanlagen. Die Werte der gegrabenen
Anlagen können nicht absolut mit jenen verglichen werden, die aus den entzerrten Luftbildern entnommen wurden. Die Maße
der Kreise beziehen sich stets auf die Mitte der Gräben und bei den stark unregelmäßigen Anlagen jeweils auf die beste Anpassung.
Mühlgraben
257˚
279˚
223˚
317˚
137˚
43˚
Ø76m
Ø99m
Ø129m
Ø62m
Ø70m
Ø52m
Ø24m
Ø31m
Ø43m
0
50
100
150 m
N
Abb. 22. Lage der Eythraer Kreispalisaden und Kreisgraben-
anlage mit Angabe der Maße und Orientierung der Zugänge
(gemessen von Ost entgegen den Uhrzeigersinn). M. 1:5000.
71
D. Mikschofsky, Archäologische Luftbilderkundung in
Kyhna, Lkr. Delitzsch. Arch. aktuell Freistaat Sachsen 5, 1997,
106–111; Stäuble (Anm. 33) 302–303 Abb. 1 u. 2.
72
H. Haßmann/D. Mikschofsky/L. Nebelsick, Der heilige
Hain. In: J. Oexle (Hrsg.) Sachsen archäologisch (Dresden
2000) 48–51. In der dortigen Landschaftsrekonstruktion mit
der Umzeichnung aller Luftbildbefunde ist fälschlicherweise
eine zweifache Kreisgrabenanlage als dreifache (Abb. S. 49,
Nr. 2) kartiert.

image
127
fang Fläche
Dm Umfang Fläche
Dm Umfang Fläche
Dm Umfang Fläche
1234
162
2.085
-
-
-
23
-
160
266
keine Linie von Zentrum
189
2.827
80
251
5.026
-
-
--
-
161
keine Linie von Zentrum
120–140
43
126
214
3.650
86
270
5.785
105
330
8.590
124
390
12.050
3
132
1.391
58
181
2.617
71
224
4.004
39
314
unbestimmt
275
6.020
101
317
8.007
-
-
63
259
andere unsicher, wahrsch. aber
nur 3
245
4.784
95
300
7.150
118
370
10.860
137
431
14.807
33
43
133
233
321
214
3.650
87
275
6.010
-
-
85
187
312
keine Entspr. zw. Gr. 1 u. 2
189
2.835
239
4.544
99
312
7.765
129
404
13.010+
x
137
223
317
plus 2 Öffn. im südl. Bereich
des äußeren Grabens
nicht nachvollziehbar
nicht nachvollziehbar
Öffnungen (von O n. W)
Bem. Öffnungen
ben 1
Graben 2
Graben 3
Graben 4
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
100
99
99
0
50
100
250 m
N
Ø68m
Ø87m
Ø53m
Ø59m
Ø78m
Ø95m
Ø118m
Ø42m
Ø58m
Ø71m
Ø88m
Ø101m
Ø137m
4
2
5(?)
3
1
Ø60m
233˚
321˚
133˚
33˚
259˚
63˚
85
˚
312
˚
187
˚
39˚
314˚
0
50
100
250 m
Abb. 23. Entzerrtes
Luftbild der Kreisgra-
benanlagen aus Kyhna
mit Angabe der Maße
und Orientierung der
Zugänge. M. 1:5000.
m
a

128
muss
73
. Dennoch könnte man aus der großen Anzahl von
Grabenwerken in Kyhna aufgrund der Form, Größe und
z.T. auch Ausrichtung der Zugänge vier, vielleicht sogar
fünf Kreisgrabenanlagen postulieren. Sie befinden sich alle
innerhalb eines etwa 4 ha großen Gebietes, westlich des
Gienickenbachs, der die flache Landschaft (99–100 m
ü.NN) der nördlichen Leipziger Tieflandsbucht von Süd-
ost nach Nordwest durchfließt.
Nur eine der Kreisgrabenanlagen ist durch einen archäo-
logisch begleiteten Schnitt anlässlich von Entwässerungs-
arbeiten in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre angegraben
worden (Abb. 23,3)
74
. Erst die Luftbilder vom Anfang der
90er Jahre konnten entschlüsseln, zu welcher übergreifen-
den Struktur die im Trassenverlauf angetroffenen linien-
und stichbandkeramischen Gruben gehörten: zu einer vier-
fachen Kreisgrabenanlage mit Durchmessern von 78, 95,
118, 137 m und einer klassischen Orientierung der Zugänge
nach Nordwest-Nordost-Südwest-Südost (Tab. 2, Nr. 3)
75
.
Auf den Luftbildern noch deutlich zu erkennen, in der
Notbergung im Entwässerungsgraben verständlicherweise
jedoch nicht nachvollziehbar gewesen, sind zwei Palisa-
den im Inneren der Anlage. In zwei Fällen sieht man, dass
zumindest die äußeren beiden Gräben an den Nordwest-
und Südwestzugängen miteinander verbunden waren. Legt
man Kreise auf das entzerrte Luftbild, so ist einerseits zu
erkennen, dass sich die Mittelpunkte der Gräben zwar auf
unter einem Meter treffen, dass aber auch diese Anlage
unregelmäßig ist. Auch diese Gräben weisen einzelne
Abschnitte auf, die stark von der Kreisform abweichen.
Etwa 75 m weiter südlich befindet sich eine Kreisgra-
benanlage, die punktgenau zwei konzentrische Gräben von
68 m und 87 m (Tab. 2, Nr. 4) und wahrscheinlich auch noch
zwei nicht genau messbare Palisaden aufweist. Erkennbar
sind zudem drei Zugänge im Norden, Westen und Süd-
osten, wobei die Öffnung im Norden nicht beiden Gräben
entspricht. Damit gäbe es neben Dresden-Nickern (DD-02)
und Goseck, Lkr. Merseburg-Querfurt in Sachsen-Anhalt
(Abb. 21, Nr. 62)
76
, auch eine dritte Variante in der
Ausrichtung der Kreisgrabenanlagen mit drei Zugängen.
Nur zwei Zugänge sind bei der Anlage mit zwei Kreis-
gräben zu sehen, die etwa 170 m nordwestlich der vierfa-
chen Kreisgrabenanlage liegt (Tab. 2, Nr. 2). Die mit 88 m
und 101 m im Durchmesser recht großen Kreisgräben sind
vor allem im Westen nicht sehr deutlich zu erkennen.
Dennoch kann man sagen, dass die Gräben nicht richtig
konzentrisch sind, zudem weisen sie die üblichen Unre-
gelmäßigkeiten auf. Neben einem unsicheren rundlichen
Graben mit einem Durchmesser von ca. 60 m unmittel-
bar östlich davon, der innerhalb einer großen viereckigen
Grabenanlage liegt, muss man eine weitere sichere Kreis-
grabenanlage rund 270 m westlich von Nr. 2 erwähnen
(Tab. 2, Nr. 1). Es handelt sich um eine kleinere dreifache
Anlage mit Durchmessern von rund 42, 58, 71 m. Neben
den im Vergleich zum perfekten Kreis als Ausreißer zu
nennenden Abschnitten im Grabenverlauf ist eine drei-
eckige Ausbuchtung im Süden auffallend, die an das Bei-
spiel aus Eythra erinnert. Die Luftbilder erlauben keine
genauere Angabe zur Anzahl der Zugänge, von denen nur
ein nordöstlicher und ein südöstlicher mit einiger Sicher-
heit bestimmt werden konnte (39° und 314° von Ost gegen
den Uhrzeigersinn)
77
.
7.1. Eine neue Kartierung des alten Phänomens
Die neu entdeckten sächsischen Kreisgrabenanlagen be-
stätigen zusammen mit dem Befund aus Sachsen-Anhalt
(s.o.) und den drei brandenburgischen Exemplaren
78
einer-
73
Es gibt mittlerweile mehrere fast perfekt kreisförmige einfa-
che und doppelte Kreisgrabenanlagen, die sich als bronzezeitlich
erwiesen haben, vgl. C. Steinmann, Sieben Jahrtausende in einem
Schnitt – Die JAGAL in Sachsen. In: Archäologie an der JAGAL
(Wünsdorf, Dresden, Halle 1999) 26–34 Abb. 12–13; 32–33;
Stäuble (Anm. 33) 307f.; I. Kuzma, Die Kreisgrabenanlage in
Branč. In: I. Kuzma (Hrsg.),
Otázky neolitu a eneolitu našich
Krajín
(Nitra 1999) 133–142; V. Podborský (Hrsg.), Primeval
Socio-Cultural Architecture in Moravia (Brno 1999) 23; 110ff.
162ff. 287; G. Trnka, Eine frühbronzezeitliche Kreisgrabenanlage
von Herzogbirbaum in Niederösterreich. Schr. Vorarlberger Lan-
desmus. 5, 1992, 73–79.
74
Rettungsgrabung „Beregnung Luppenwasser-Komplex,
Leitung 6“, Sept. 1987 und April 1988; Meldung M. Gutsche,
1988.
75
Die Maße wie auch die Ausrichtungen der Zugänge aller
Anlagen aus Kyhna wurden aus einem entzerrten Luftbild ent-
nommen und sind entsprechend ungenau. Vergleiche mit wei-
teren entzerrten Luftbildern zeigen tolerierbare Schwankungen
von 2–5 m im Durchmesser.
76
1991 entdeckte O. Braasch die Anlage von Goseck, damals
Kr. Weißenfels, heute Lkr. Merseburg-Querfurt aus der Luft,
vgl. S. Fröhlich (Hrsg.), Luftbildarchäologie in Sachsen-Anhalt
(Halle 1997) 30 Abb. 17. In den Jahren 2002 und 2003 wurden
zwei Schnitte im südöstlichen Torbereich angelegt, die eine
Zuweisung in die Stichbandkeramik bestätigen (vgl. Kap. 6).
77
Die Größenangaben für Gräben und Palisaden beruhen auf
einer bestmöglichen Rekonstruktion von konzentrischen Krei-
sen. Bei gering erfassten Grabenlängen, z.B. bei der doppelten
Kreisgrabenanlage von DD-98, ist eine präzise Bestimmung der
Maße schwierig, so dass durchaus unterschiedliche Interpreta-
tionen möglich sind (vgl. Angaben von W. Brestrich in Kap. 4;
dort werden außerdem nur zwei Palisadenringe rekonstruiert).
78
Es handelt sich um die drei Anlagen Bochow, Lkr. Teltow-
Fläming (vgl. G. Wetzel, Die erste neolithische Kreisgraben-
anlage östlich der Elbe bei Bochow, Kr. Jüterbog. Ausgr. u.
Funde 39, 1994, 61–65; zuletzt M. Meyer, Im doppelten Kreis.
Sondagegrabung an einer neolithischen Kreisgrabenanlage in
Bochow, Lkr. Teltow-Fläming. Arch. Berlin u. Brandenburg
1999, 42–44), Quappendorf (E. Lück/R. Herbst, Widerstands-
kartierung einer Kreisgrabenanlage im Oderbruch bei Quap-
pendorf, Lkr. Märkisch-Oderland. Arch. Berlin u. Branden-
burg 1995–96, 26–28) und Platkow (E. Lück/M. Eisenreich/
G. Wetzel, Magnetische Kartierung einer Kreisgrabenanlage im
Oderbruch bei Platkow, Lkr. Märkisch-Oderland. Arch. Berlin
u. Brandenburg 1995–96, 28–30).

9 Sächs. Bodendenkmalpflege
129
seits die starke Bindung der Kreisgrabenanlagen an die
Kultur der Stichbandkeramik. Andererseits tritt die kul-
turelle Verbundenheit zugunsten eines allgemein zeitli-
chen Phänomens eher in den Hintergrund, berücksichtigt
man auch die Kreisgraben- bzw. Kreispalisadenanlagen
der Großgartacher Kultur, die neuerdings im Untermain-
gebiet entdeckt bzw. als solche bestätigt wurden
79
.
Das Phänomen der Kreisgrabenanlagen ist nicht mehr
nur auf die Kulturen mit Stichbandkeramik, die Oberlau-
terbach Gruppe und die Kultur mit Mährisch-Bemalter
Keramik bzw. den Lengyel-Komplex beschränkt, sondern
offensichtlich das Resultat eines Zeitgeistes, das eher mit
dem Mittelneolithikum nach süd- und westdeutscher
Chronologie bzw. der zweiten Hälfte des Frühneolithi-
kums nach mitteldeutscher Chronologie verbunden ist,
der ersten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrtausends.
Die neu hinzugekommenen Anlagen zeigten häufiger
Beispiele für Zwischenformen, wodurch klar wird, dass
die bisherigen formalen Kriterien wohl nicht mehr aus-
reichen, um den Typ Kreisgrabenanlage von den kleine-
ren unbewohnten, eckigen bis rundlichen Erdwerken der
jüngsten Linienbandkeramik im Westen Europas zu unter-
scheiden
80
. Betrachtet man die eckigen, ovalen oder ver-
zogenen Anlagen aus Eythra oder Dresden-Nickern, die
eindeutig der Stichbandkeramik angehören, so könnte
man zumindest die dreifache linienbandkeramische Gra-
benanlage aus Langweiler 8, vielleicht sogar auch jene aus
Langweiler 9, die nur aus einem Graben gebildet wird,
noch diesem Typ zuweisen
81
. Damit erhält die häufig ge-
stellte Frage nach der Herkunft des Phänomens „Kreis-
grabenanlagen“ einen neuen Hinweis, wobei sie hier nicht
geographisch im Sinne eines Ursprungsortes und eines
Diffusionsprozesses verstanden, sondern als Ausdruck
einer kulturellen Verbundenheit gesehen wird zwischen
den ohnehin eng verwandten Endphasen der Linienband-
keramik und den darauf folgenden Kulturgruppen mit
Stichverzierung.
„Kreisgrabenanlage“ sollte demnach nur als
terminus
technicus
für jene runden, rundlichen bis leicht eckigen
und oftmals etwas verzerrten Erdwerke gelten, die in die
erste Hälfte des 5. Jahrtausends v.Chr. datiert werden kön-
nen, aus einem bis vier Spitzgräben bestehen und einen
zeitgleichen freien Innenraum umschließen. Obwohl es
immer noch schwierig ist, die Gleichzeitigkeit von Kreis-
grabenanlagen mit Befunden innerhalb und aus dem
unmittelbaren Umfeld zu erkennen, scheint das Merkmal
„freier Innenraum“ viel stärker in den Vordergrund zu
rücken, als zunächst angenommen
82
. Während Anlagen,
die nur aus konzentrischen Palisadengräbchen bestehen,
selten sind, befinden sich im Inneren der Kreisgrabenan-
lagen häufig noch Spuren von schmalen Gräbchen, die auf
Kreispalisaden hindeuten. Ob diese jedoch vorher, gleich-
zeitig oder nach dem Bestehen der Gräben standen, konnte
bislang selten überzeugend dargelegt werden.
Unbestimmt, aber wahrscheinlich ist, dass die im Gra-
ben ausgehobenen Materialmassen als Wall aufgeschüttet
wurden. Die Kreisgrabenanlagen dieser Zeit haben eine
Größe von rund 50–150 m im Durchmesser und eine bis
vier Öffnungen im Grabenwerk (Zugänge, Erdbrücken).
Meist beschränken diese sich auf zwei bis drei Orien-
tierungsschemata: Nord-Süd-Ost-West oder Nordwest-
Südost-Nordost-Südwest bzw. bei den Anlagen mit drei
Öffnungen eine Kombination dieser Ausrichtungen:
Nordwest-Nordost-Süd (z.B. Dresden-Nickern, DD-02)
oder Südwest-Südost-Nord (z.B. Goseck). Im Detail
bestehen jedoch wesentliche Abweichungen von insge-
samt acht Grundausrichtungen.
7.3. Orientierung der Zugänge
Im Grunde genommen sind damit alle Orientierungen des
in acht aufgeteilten „bäuerlichen Jahreskreises“ für die
Zugänge genutzt worden. Da man jeweils eines der zwei bis
drei genannten Orientierungssysteme beim Bau einer Kreis-
grabenanlage wählte, wird zwar klar, dass die Orientierung
der Zugänge nicht dem Zufall überlassen wurde, aber auch,
dass bei der Durchführung große Spielräume bestanden
haben. Misst man die genaue Ausrichtung, so verwischt
sich das zunächst klare Bild (Abb. 24)
83
. Die große Kon-
zentration von unterschiedlichen Kreisgrabenanlagen auf
einer relativ kleinen Fläche, wie sie gerade in Sachsen in
Dresden-Nickern und Kyhna beobachtet werden konnte,
zeigt deutlich, dass sich die Orientierungsschemata weder
nach topographischen Situationen noch geographischen
79
Ippesheim, Kr. Neustadt/Aisch – Bad Windesheim (J. Fass-
binder/M. Nadler, Magnetometerprospektion einer mittelneo-
lithischen Kreisgrabenanlage bei Ippesheim. Arch. Jahr Bayern
1997, 40–43); vielleicht sogar Hopferstadt, Lkr. Würzburg
(J. Fassbinder/W. Schier, Magnetometerprospektion der neoli-
thischen Kreisgrabenanlage bei Hopferstadt. Arch. Jahr Bayern
2001, 17–20) und neuerdings auch Schwanfeld, Lkr. Schweinfurt
(frdl. Mitt. J. Lüning, Frankfurt a.M.).
80
Zwar wurde auch bislang stets darauf hingewiesen, dass
die Kreisgrabenanlagen nur eine
„Ähnlichkeit des Grundrisses
zu einem Kreis“
aufweisen, vgl. Petrasch (Anm. 29) 480 oder
nur
„mehr oder minder konzentrisch“
sind, Trnka (Anm. 17)
11, doch wurde dieses nicht so deutlich hervorgehoben bzw.
es wurde versucht, das „geländebedingt“ zu erklären, was zu-
mindest für die sächsischen Kreisgrabenanlagen nicht zutrifft.
81
Kaufmann (Anm. 70) Abb. 5; 6; 54ff. In Langweiler 9 ist
zwar eine überdurchschnittlich große Innenfläche mit über
8000 m
2
zu verzeichnen (vgl. Katalog bei Petrasch [Anm. 29]
519 ff., doch ist das vielleicht nur der fehlenden Palisade zu ver-
danken.
82
Trnka (Anm. 17) 11.
83
Petrasch (Anm. 29) 470 Abb. 12.

image
130
84
Die häufig geäußerte Vorstellung, dass man mehr als ein hal-
bes Jahrtausend nach der erfolgreichen Einführung der Land-
wirtschaft darauf angewiesen war, einen Lichteinfall in einer
Kreisgrabenanlage abzuwarten, um die Saat auszutragen oder
ernten zu können, erscheint absurd. Die Vielfalt der Gestaltung
lässt es dagegen vernünftiger erscheinen, anzunehmen, dass nicht
einzelne, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Momente zele-
briert wurden.
85
Es würde nicht überraschen, fände man eine derartige Über-
einstimmung zwischen der Orientierung der Zugänge zu den
Kreisgrabenanlagen und den Eingängen in Fußballstadien oder
sonstigen Veranstaltungsarenen.
86
S.o. NIE-09; in der englischsprachigen Literatur wird vor-
geschlagen, anstelle von Monumenttypen besser von sich wan-
delnden Monumenten zu sprechen, die über die Jahre hinweg
durchaus unterschiedliche Funktionen erfüllt haben können,
vgl. R. Bradley, The Significance of Monuments (London, New
York 1998) 109.
Regionen richten: An gleichen Orten gibt es demnach
unterschiedliche Orientierungen. Die kleinräumig beste-
henden Unterschiede widersprechen auch der These
über einen genauen Durchblick zum Sonnenauf- oder
-untergang von einem gewissen Punkt zu einem gewis-
sen Termin. Allerdings erlaubt die aus dieser Sicht
„schlampige“ Torgestaltung einiger Anlagen (z. B. in
DD-02 oder auch DD-98) nicht einmal einen Ausblick
aus dem Zentrum der Anlage – stets postulierend, dass
es einen Erdwall oder Innenpalisaden gegeben hat. Letz-
tere verbieten sogar die Durchpeilmöglichkeit in wei-
teren Fällen, zumal viele Palisaden vor den Zugängen
verlaufen. Will man jedoch die Mitte der Anlage als
Berechnungs- bzw. Betrachtungspunkt aufgeben, so ist
zumindest für die Deutung der Zugänge, die nur aus
einer Einheit (entweder Wall oder Palisade) bestehen,
tatsächlich alles möglich
84
.
Insgesamt kann man zwar für jedes Tor einer einzel-
nen Anlage einen Blickwinkel in irgendeine der bedeu-
tenden Ausrichtungen berechnen und mit Sicherheit auch
einen Termin finden, der dabei zu feiern gewesen wäre,
doch sollte, will man generelle Regeln aufstellen, eine stär-
kere Einheitlichkeit herrschen. Eine Auswahl von ein bis
vier herzustellenden Zugängen in die Kreisgräben aus den
acht wichtigsten Hauptausrichtungen des „bäuerlichen
Jahreskreises“ kann schon fast als zufällig betrachtet wer-
den
85
. Damit soll jedoch der Ausrichtung von Kreisgra-
benöffnungen nicht die besondere Funktion abgespro-
chen werden. Die jeweils innerhalb einer Siedlung oder
Siedlungsregion starke individuelle Komponente eines
durchaus allgemein gültigen Kanons spricht meiner Mei-
nung nach eher dafür, dass dieses Gestaltungselement der
Monumente durchaus eine herausragende Bedeutung hatte.
Man könnte sie als sakralisierte Eingänge betrachten, die
fast zwangsläufig auch nach den üblichen bedeutenden
Orientierungen ausgerichtet wurden, jedoch weniger mit
konkreten Himmelsbeobachtungen in Verbindung zu
bringen sind.
7.4. Herstellung der Gräben, Wälle, Palisaden
Es gibt Beobachtungen (s. o. Dresden-Nickern, DD-02
und NIE-09), die beim Ausheben der Gräben einzelne
Baulose erkennen lassen. Diese Abschnitte können aller-
dings von mehreren Bautrupps gleichzeitig oder abhängig
von der Zeit, die zur Verfügung stand, hintereinander aus-
gehoben worden sein. Angesichts der Tatsache, dass der
Aufwand für den Aushub eines Grabens in den meisten
Fällen nicht groß gewesen sein muss (s. o., NIE-09), kann
man postulieren, dass die Arbeiten für die Herstellung
eines Kreisgrabens und vielleicht eines Erdwalls zusam-
menhängend und in relativ kurzer Zeit erfolgten. Der
zweite, dritte usw. Kreisgraben der gleichen Anlage hätte
dagegen durchaus über mehrere Jahre etappenweise
„wachsen“ können, zumal davon ausgegangen wird, dass
man von innen nach außen gebaut hat (ebd.).
Mit dem Bestehen der ersten umfassten Innenfläche
war die Kreisgrabenanlage zwar einerseits „fertig“ errich-
tet und insoweit auch bei den Nachbesserungs- oder
Vergrößerungsarbeiten stets funktionsfähig, was jedoch
nur dann zutrifft, wenn nicht die Aktivität an sich der
Zweck oder zumindest ein wesentlicher Aspekt des Baus
solcher Monumente war
86
. Es kann nicht nachgewiesen
werden, wie lange es dauerte, bis der Aushub eines wei-
teren Kreisgrabens fällig bzw. erwünscht oder notwen-
dig war, bis der entsprechende Wall angehäuft und wenn
nötig auch die älteren Gräben nochmals gereinigt, nach-
gebessert oder wieder ausgehoben wurden. Diese Tätig-
heutige
Nordrichtung
Norden
4800 v. Chr.
Westen
4800 v. Chr.
Süden
4800 v. Chr.
Osten
4800 v. Chr.
Abb. 24. Orientierung der Zugänge von Kreisgrabenanlagen im
Kartierungsgebiet (Nr. 58–76 aus Abb. 21 mit gestrichelten
Linien, Grundlage Petrasch [Anm. 29] Abb. 12).

image
image
image
131
Phase d
Phase c
Phase b
Grabungsoberfläche (–0,7 m)
Humusbereich (0,5 m)
Löss
Grasnarbe
Phase a
keiten haben jedoch wegen gleichbleibender Innenfläche
mit Sicherheit nicht mit einer Vergrößerung der Nutzer-
anzahl zu tun, sondern können nur ein Bedeutungs-
zuwachs gewesen sein, der als Signalwirkung nach außen
oder nach innen im physischen wie übertragenen Sinn
verstanden wird (s. u.).
Wie es sich mit den Palisadenringen im Inneren verhält,
inwieweit sie gleichzeitig mit der Graben- oder Graben-
Wall-Anlage bestanden haben, ist schwer zu sagen und
kaum nachzuweisen. Es gibt bislang keine eindeutigen
Indizien und höchstens in Einzelfällen Argumente für ein
Nacheinander dieser beiden Strukturen. Unbestimmt bleibt
auch die wichtige Frage nach der Existenz eines Walles
und ob er nach innen oder außen aufgebaut wurde. Man
wird daher prinzipiell davon ausgehen müssen, dass alle
drei Abgrenzungsformen (die stehenden Elemente Wall
und Palisade wie auch die ausgehobenen Gräben) zumin-
dest zeitweilig gleichzeitig bestanden haben, wenn hier-
für auch keine Beweise erbracht werden können.
Abb. 25. Schematische Darstellung der Verfüllungsgeschichte
von Kreisgräben anhand eines Beispiels (Abb. 17, Profil 432)
aus der vierfachen Kreisgrabenanlage von Dresden-Nickern
(NIE-09).
Phase a:
Grabenaushub und seitliches Ablagern als
Wall;
Phase b:
leichte Stabilisierung des Walls durch beginnenden
Bewuchs nach einzelnen Humus- und Lössablagerungen einige
Wochen nach dem ersten Aushub;
Phase c:
weitere alternierende,
dünne Einlagerungen vor der endgültigen Stabilisierung der
Graben-Wall-Anlage mehrere Monate/wenige Jahre nach dem
ersten Aushub; potentieller Beginn von Säuberungsaktionen;
Phase d:
endgültige Stabilisierung der Graben-Wall-Anlage
durch intensiven Bewuchs nach mehreren Jahren; Aufgabe durch
absichtliches Verfüllen des Grabens noch während der Stich-
bandkeramik (zumindest bis zum heutigen Grabungsplanum).

132
7.5. Das Ende der Grabenanlagen
Eines scheint auf jeden Fall gesichert: Die Gräben selbst
müssen zumindest bis auf die Höhe des Grabungsplan-
ums bzw. vielleicht sogar bis zur heute erhaltenen Ober-
fläche noch innerhalb der Stichbandkeramik verfüllt wor-
den sein (Abb. 25). Das kann angesichts der Materialmenge
und in Verbindung mit den Beobachtungen der Schichten
in den Profilen (s.o. NIE-09) eigentlich nur absichtlich
geschehen sein. Wegen des hohen Arbeitsaufwandes wäre
es zwar schwer nachvollziehbar, jedoch nur folgerichtig,
wenn man annimmt, dass auch der Aushubtätigkeit selbst
eine hohe Bedeutung zukam. Eine absichtliche, rituelle
„Schließung“ wäre demnach durchaus denkbar. Das unter-
scheidet die Kreisgrabenanlagen von den sonstigen, teil-
weise heute noch erkennbaren monumentalen Erdwerken
in Europa. Den Grund für diese bewusste „Zerstörung“
wird man zwar mit Sicherheit nicht erkennen können, man
wird aber postulieren dürfen, dass er bedeutend war, viel-
leicht sogar Teil eines Rituals.
Die Nutzungsdauer der Kreisgrabenanlagen kann man
zwar ebenfalls nicht nachweisen, doch lassen sich zumin-
dest Berechnungen anstellen. Akzeptiert man die Hypo-
these der sukzessiven Bauweise bei den mehrfachen Kreis-
grabenanlagen (s.o. NIE-09), dann sind die Anzahl der
Kreisgräben zusammen mit der Anzahl der Nachbesse-
rungen wichtige Elemente bei einer Kalkulation des Fak-
tors Zeit. Die Sedimentniveaus in den Gräben, von wo aus
Nachbesserungen gestartet wurden, liegen im Fall von
Dresden-Nickern (NIE-09) bei 0,8–1,4 m von der Gra-
bensohle, was in einigen wenigen Jahren auf natürliche
Weise erreicht worden sein kann (Abb. 25)
87
. Berechnet
man stets die schnellstmögliche Verfülldauer und Not-
wendigkeit von Reparaturen, um die Minimaldauer zu
erfassen, so könnte sogar die vierfache Kreisgrabenanlage,
die drei bis vier Bau- und Ausbesserungsphasen aufweist,
innerhalb einer Generation hergestellt worden sein. Das
würde man auch erwarten, setzt man voraus, die Erbauer
wollten selbst ihr Werk vervollständigt sehen und nutzen.
Dann hätte die Anzahl der Gräben schon im Vorhinein
40
50
60
70
80
90
100
110
120
130
140
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
110
120
130
40
50
60
70
80
90
100
110
120
130
140
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
110
120
130
140
150
160
Innenfläche Palisade * 100 (qm)
Fläche innerer Graben * 100 (qm)
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
46
45
47
48
49
50
51
52
53
58
59
6362
64
65
66
68
69
70
71
72
73
74
1
2
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
58
59
62
63
64
65
66
68
69
70
71
72
73
74
1 Graben
2 Gräben
3 Gräben
4 Gräben
1 Graben
2 Gräben
3 Gräben
4 Gräben
Abb. 26. Verteilung aller Kreisgrabenanlagen nach dem Verhältnis zwischen dem Außendurchmesser und der Innenfläche, berech-
net nach dem kleinsten Kreisgraben (a) bzw. der innersten Palisade (b). Bei den einfachen Kreisgrabenanlagen ist die Innenfläche
eine direkte Funktion des Durchmessers, so dass die dadurch gebildete leichte Kurve als Gradmesser des Verhältnisses zwischen
Größe der Anlage und zur Verfügung stehender Fläche bei den mehrfachen Grabenanlagen ist. Die Nummern entsprechen der
Kartierung von Petrasch (Anm. 29) Abb. 434,2, die hier ergänzt wurde (s. Abb. 21).
87
Bei den sehr viel schmaleren unteren Grabenspitzen in Kün-
zing-Unternberg lag das Niveau bei bis zu 2 m, vgl. Petrasch
(Anm. 29) 458 Abb. 9 bzw. 456f. – Zu den Verfüllungen von
Kreisgräben vgl. Verginis (Anm. 30); zur Verfüllungsdynamik
prähistorischer Gruben im Allgemeinen anhand linienband-
keramischer Grubenprofile vgl. Stäuble (Anm. 58) 19ff.

133
feststehen müssen, wofür bislang nur die Beobachtung
spricht, dass die sieben dreifachen und drei vierfachen Kreis-
grabenanlagen eher kleinere Innenräume bis 5000 m
2
umfas-
sten (Abb. 26a). Umgekehrt ausgedrückt bedeutet das, dass
die vom Aufwand und Eindruck her sehr großen (vier Grä-
ben) und großen (drei Gräben) Kreisgrabenanlagen nicht
mehr Platz im Innenraum boten. Außerdem ist in der Ver-
teilung zu erkennen, dass die aus zwei Kreisgräben beste-
henden Anlagen die größte Spannbreite aufweisen, sowohl
was den nach außen hin zu vermittelnden Eindruck betrifft,
als auch die größten Innenflächen boten. Allein darin jedoch
funktionale Unterschiede zu sehen, ist nicht berechtigt.
Insgesamt ändert sich das Bild nicht wesentlich, wenn
man die Innenfläche aufgrund der Palisadendurchmesser
berechnet (Abb. 26b). Neben der Tatsache, dass viel weni-
ger Fälle übrig bleiben, bestätigt die Verteilung eine gewisse
Unabhängigkeit der Größe der Innenfläche einer Anlage
von deren nach außen hin vermittelten Monumentalität.
Das ist möglicherweise ein Argument dafür, dass der Bau
einer vierfachen Kreisgrabenanlage nicht bedeutet, dass
sie für ein größeres Einzugsgebiet gedacht war – was mit
einer größeren Innenfläche einhergehen müsste –, sondern
eher für die Zugehörigkeit zu einer vielleicht wichtigeren
Gruppe spricht. Dafür könnte die Häufigkeit von Kreis-
grabenanlagen innerhalb einer Region entweder eine all-
gemein hohe Siedlungsdichte spiegeln, oder müsste, wenn
sukzessiv gebaut, eine lange Besiedlungsdauer anzeigen.
7.6. Mögliche Funktionen
Kreisgrabenanlagen werden somit als besonderer, zent-
raler Ort – nicht im physischen Sinne innerhalb einer Sied-
lung, zumal sie meist an deren Peripherie errichtet wurden
– eines größeren Siedlungsverbundes verstanden, der nicht
bewohnt, sondern nur zeitweilig genutzt wurde. Da, soweit
bislang ersichtlich, nicht alle stichbandkeramischen Sied-
lungen auch eine Kreisgrabenanlage besaßen, sondern eher
einzelne Siedlungen mehrere Anlagen, wobei es zunächst
unwichtig ist, ob sie simultan oder sukzessiv bestanden
haben, muss man davon ausgehen, dass Siedlungen mit
Kreisgrabenanlagen durchaus eine zentrale Rolle inner-
halb eines größeren stichbandkeramischen Siedlungsrau-
mes gespielt haben.
Der umfasste und gut abgegrenzte Raum stand nicht
nur für eine einzige Aktivität und somit auch nicht zwin-
gend nur einem Nutzerkreis zur Verfügung, sondern hat
zeitweilig unterschiedlichen Funktionen gedient, seien sie
nun sakral oder profan oder beides. Dabei können die
gemeinschaftlichen Aktivitäten durchaus auch nur einzel-
nen Gruppen vorbehalten gewesen sein. Offensichtlich
kam es hauptsächlich darauf an, die Trennung zwischen
dem Außen- und dem Innenbereich ganz deutlich, um nicht
zu sagen „monumental“ zu gestalten, und das mit Sicher-
heit sowohl aus der Innenperspektive heraus (für eine spe-
zielle Handlung) als auch von einem äußeren Blickpunkt
aus (für eine Siedlung bzw. das weitere Umfeld) gesehen.
Insgesamt ist die Annahme einer Gleichzeitigkeit von
verschiedenen Perspektiven und Funktionen meines Erach-
tens wahrscheinlicher und wird auch den im Detail viel-
fältigen Kreisgrabentypen und -größen gerechter, als es
ein einseitiger Erklärungsversuch tun kann. Während die
bislang aufgestellten Charakteristika mit etwas unter-
schiedlichen Bewertungen vollständig ausreichen, um
Kreisgrabenanlagen von anderen vorgeschichtlichen Erd-
werken zu unterscheiden, muss man lediglich größere
Abweichungen in der Herstellung berücksichtigen. Das
heißt, der „Plan“ eines solchen Monumentes war – mit
den entsprechenden Variationsmöglichkeiten in Größe,
Anzahl und Tiefe der Gräben und Anzahl sowie Aus-
richtung der nach außen verbindenden Erdbrücken – vor-
gegeben, die konkrete Durchführung wurde jedoch offen-
sichtlich etwas lockerer gehandhabt und der jeweiligen
ausführenden Gruppe überlassen. Eine allzu detaillierte
Entschlüsselung des Typs würde somit lediglich indivi-
duelle oder höchstens siedlungsspezifische Merkmale ange-
ben, die weder in ein enges chronologisches Korsett ein-
gepasst noch regionalen oder geografischen Räumen zuge-
wiesen werden können.
Abbildungen:
F. Innerhofer/J. Krause (Beilage 2, Abb. 1 [nach
Vorlage Verf.]; Abb. 8 [nach Vorlage W. Brestrich]; Abb. 16, 17,
19–26 [nach Vorlage H. Stäuble]; Abb. 11 [nach Vorlage P. de
Vries]); J. Krause (Abb. 2); U. Wohmann (Abb. 5, 18), alle Lan-
desamt für Archäologie.
Anschriften:
R. Bartels M.A., Hechtstraße 24, D-01097 Dresden,
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