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Einführung eines Referenzwertes von 300 Bq/m³ für Radon an Arbeitsplätzen und in
Aufenthaltsräumen
Epidemiologische Grundlagen zu den gesundheitlichen Wirkungen von Radon, klimatisch-
und nutzungsbedingte Einflussfaktoren auf die Radonkonzentration in Gebäuden sowie bau-
und lüftungstechnische Möglichkeiten zur Radonreduzierung
Stephanie Hurst
Im vorliegenden Gesetzesentwurf zur Neuordnung des Rechts zum Schutz vor der schädli-
chen Wirkung ionisierender Strahlung
1)
sind erstmals umfassende Regelungen zum Schutz
vor Radon in Aufenthaltsräumen und an Arbeitsplätzen enthalten. Als Referenzwert für die-
sen Schutz wurde eine Radon-Aktivitätskonzentration von 300 Bequerel pro Kubikmeter
(Bq/m³) festgelegt. Dieser Wert war und ist weiterhin Gegenstand intensiver Diskussionen.
Im Folgenden soll in komprimierter Form dargelegt werden, welche epidemiologischen
Grundlagen sowie welche naturwissenschaftlichen, nutzungsspezifischen und bau- bzw.
lüftungstechnischen Parameter zu der Entscheidung für diesen Referenzwert führten.
Gesundheitliche Wirkung
Mit der Veröffentlichung der sogenannten „Darby-Studie“
2)
, wurde eine Forschungsreihe von
mehr als zwei Jahrzehnten beendet, welche die gesundheitlichen Auswirkungen erhöhter
Radonkonzentrationen an Arbeitsplätzen und in Aufenthaltsräumen zum Gegenstand hatte.
Die wesentlichen Ergebnisse waren, dass es keinen Schwellenwert für die Wirkungen von
Radon gibt und dass das Lungenkrebsrisiko linear mit der Radonexposition ansteigt. Das
Lungenkrebsrisiko erhöht sich nach Darby et. al. pro 100 Bq/m³ um etwa 10 %.
Tab. 1: Lungenkrebsrisiko entsprechend Darby-Studie
Im Jahr 2009 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein in internationaler Zusammen-
arbeit entstandenes Handbuch über den Schutz vor Radon in Gebäuden veröffentlicht.
3)
Das
Handbuch empfiehlt einen Zielwert von 100 Bq/m³ bzw., sofern dieser aufgrund der beste-
henden Randbedingungen nicht erreicht werden kann, soll ein Referenzwert nicht höher als
300 Bq/m³ sein.
WHO proposes a reference level of 100 Bq/m
3
to minimize health hazards due to indoor radon exposure. However, if
this level cannot be reached under the prevailing country-specific conditions, the chosen reference level should not
exceed 300 Bq/m
3
.
Des Weiteren empfiehlt das Handbuch bereits die wesentlichen Maßnahmen zur Risikokom-
munikation und zur Reduzierung von Radon-Aktivitätskonzentrationen.

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In
Konsequenz
dieser
Sachverhalte
wurde
bei
der
Erarbeitung
der
Richtlinie
2013/59/Euratom
der Radonschutz
an Arbeitsplätzen
erweitert
und
erstmals für
Aufenthaltsräume
aufgenommen.
Dabei
wurden
die
bereits
im
WHO-Handbuch
festgehaltenen Abwägungen zwischen epidemiologischem Erkenntnisstand und praktischer
Machbarkeit berücksichtigt und sowohl für Arbeitsplätze als auch für Aufenthaltsräume ein
Referenzwert vorgeschlagen, der max. 300 Bq/m³ betragen soll.
Die im Handbuch genannten
country-specific conditions
sind nach den uns vorliegenden
Erkenntnissen weniger Landes-spezifisch, als vielmehr Nutzer-spezifisch bzw. klimatisch
bedingt.
Was bewirken unterschiedliche klimatische Randbedingungen und unterschiedliches Nutzer-
verhalten?
Radon wird im Boden aus dem Mutterisotop Radium kontinuierlich produziert, d. h. es gibt
einen konstanten Quellterm. Anschließend wirken folgende Faktoren:
-
witterungsbedingte tageszeitliche und jahreszeitliche Temperatur- und Luftdruckunter-
schiede, die zu Tagesgängen, Jahresgängen und zu unregelmäßigen Schwankungen der
Radonkonzentrationen im Boden führen
-
durch Heizung bedingte Temperaturunterschiede und (Unter-)Druckeffekte („Kamin-
effekt“), die den Radonzutritt in ein Gebäude verstärken können. Entscheidend ist aber die
Art der Ankopplung des Gebäudes an den Baugrund
-
durch Lüftung (auch unabsichtlich) über Türen und Fenster bedingte Verdünnung von
Radon
Abb. 1: Beispiel für daraus resultierende Jahresgänge (Sachsen)

Des Weiteren zeigt sich u. a. aufgrund von Messdaten, die in verschiedenen Gebäuden in
Sachsen seit mehr als 13 Jahren erhoben werden, dass selbst Jahresmittelwerte in demselben
Haus von Jahr zu Jahr stark variieren. Sie sind ein Beleg dafür, dass der Nachweis ob ein
Referenzwert z.B. von 300 Bq/m³ unterschritten wird, oft nicht einfach ist.
Abb.2a: Jahresmittelwerte Gebäude 1 (Erzgebirge)
Abb. 2b: Jahresmittelwerte Gebäude 2 (Erzgebirge)
Diese Effekte werden – wenn auch gedämpft – selbst in radonsanierten Gebäuden
weiterwirken. Sie sind in der Entstehungsphase der Richtlinie 2013/59/Euratom ausgiebig
zwischen den Mitgliedstaaten erörtert worden und führten, wie bereits erwähnt, dazu, dass –
trotz der oben dargestellten epidemiologischen Erkenntnisse – ein maximaler Referenzwert
von
im Jahresmittel
300 Bq/m³ vorgegeben wurde.
Besonderheiten bei Arbeitsplatzmessungen
Der Referenzwert für über das Jahr gemittelte Radon-Aktivitätskonzentration an Arbeitsplät-
zen beträgt 300 Bq/m³.
Entsprechend vielfacher (auch internationaler) Erfahrungen zeigt sich an den meisten
Arbeitsplätzen ein typischer Verlauf der Radonkonzentration: während der Arbeitszeiten wird
durch öffnen und schließen von Türen und Fenstern die Frischluftzufuhr in der Regel erhöht.
Dies führt zur Verdünnung der Radonkonzentration im Innenraum.
0
100
200
300
400
500
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Gebäude 1
Bq/m³
0
100
200
300
400
500
600
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Gebäude 2
Bq/m³

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Bei einer mittleren Radon-Aktivitätskonzentration von 300 Bq/m³ ist damit fast immer eine
deutlich niedrigere Exposition während der tatsächlichen Aufenthaltszeiten der betroffenen
Personengruppen gegeben.
Abb. 3:
Dies ist insbesondere bei der Bewertung der besonders sensiblen Bereiche – Schulen und
Kindergärten – zu berücksichtigen.
Unabhängig davon sollte schon aus innenraumhygienischen Gründen für eine kontinuierliche
Frischluftzufuhr in den Aufenthaltsräumen von Kleinkindern und Schülern gesorgt werden.
Würde diese Forderung umgesetzt, lägen die Radonkonzentrationen entsprechend den bisher
vorliegenden Untersuchungen in der Regel in Kindergarten- oder Schulgebäuden deutlich
unter dem Referenzwert.
Maßnahmen zur Reduzierung von Radon
Langjährige internationale Erfahrungen zeigen, dass durch sachgerecht geplante bautechni-
sche Maßnahmen (zur Verhinderung des Zutritts und/oder Belüftung unterhalb der
Bodenplatte) in den meisten Fällen der Radonzutritt bei Neubauten stark reduziert werden
kann. In der Regel sind dort keine Werte oberhalb 100 Bq/m³ zu erwarten.

Für Bestandsgebäude gibt es ebenfalls erprobte Maßnahmen zur Radonreduzierung. Dies sind
in der Regel Abdichtungs- und Belüftungsmaßnahmen mit denen in den meisten Fällen Werte
unterhalb 300 Bq/m³ erreicht werden.
4)
Schlussbemerkung
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass nach dem derzeitigem Erfahrungsstand davon aus-
zugehen ist, dass ein Referenzwert von 300 Bq/m³ für die meisten Gebäude unter vertret-
barem Aufwand erreichbar wäre. Dies wäre – zumindest die Bestandsgebäude betreffend –
bei einem Referenzwert von 100 Bq/m³ nicht der Fall.
Ein angemessener Schutz vor Radon kann nur erreicht werden wenn begleitende Maßnahmen
durchgeführt werden, i. W.:
-
zielgruppengerechte Öffentlichkeitsarbeit, um die breite Bevölkerung über die hier darge-
stellten Zusammenhänge zu informieren, sowie
-
kontinuierliche Weiterbildung, vor allem des (Bau-) Handwerks, um die technischen
Möglichkeiten des Radonschutzes optimiert anzuwenden.
Diese Punkte könnten in Form differenzierter Strategien die wesentlichen Pfeiler des vom Ge-
setzgeber geforderten Radonmaßnahmenplans darstellen.
Sofern diese Strategien in den kommenden Jahren erfolgreich sind und eine Herabsetzung des
Referenzwertes erlauben, so könnte des Weiteren im Sinne der Ergebnisse der epide-
miologischen Studien eine entsprechende Anpassung im Gesetz erfolgen.
___________________________________________________________________________
1)
Drucksache 18/11241 Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung des Rechts zum Schutz vor der schädlichen Wirkung
ionisierender Strahlung, 20.02.2017
2)
Residential radon and lung cancer – detailed results of a collaborative analysis of individual data on 7148 persons with
lung cancer and 14 208 persons without lung cancer from 13 epidemiologic studies in Europe, by Sarah Darby, David Hill,
Harz Deo, Anssi Auvinen, Juan Miguel Barros-Dios, Helene Baysson, Francesco Bochicchio, Rolf Falk, Sara Farchi, Adolfo
Figueiras, Matti Hakama, Iris Heid, Nezahat Hunter, Lothar Kreienbock, Michaela Kreuzer, Frederick Lagarde, Ilona
Mäkeläinen, Colin Muirhead, Wilhelm Oberaigner, Göran Pershagen, Eeva, Ruosteenoja, Angelika Schaffrath Rosario,
Margot Timarche, Ladislav Tomasek, Elise Whitley, Heinz-Erich Wichmann, Richard Doll, British Medical Journal 2005
3)
WHO Handbook on Indoor Radon – A Public Health Perspective edited by Hajo Zeeb and Ferid Shannoun, World
Health Organization, 2009
http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/44149/1/9789241547673_eng.pdf
4)
Radonschutzmaßnahmen – Planungshilfe für Neu- und Bestandsbauten, Sächsisches Staatsministerium für Umwelt
und Landwirtschaft, 2016
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/26126
Dipl. Geol. Dr. Stephanie Hurst
SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT
Referat 54 | Strahlenschutz, Gentechnik, Chemikalien
Archivstraße 1 | 01097 Dresden | Postfach 10 05 10, 01076 Dresden
Tel.: +49 351 564-6542 | Fax: +49 351 564-6549
Stephanie.Hurst@smul.sachsen.de
|
www.smul.sachsen.de
www.radon.sachsen.de