EUREK
Europäisches
Raumentwicklungskonzept
Auf dem Wege zu einer räumlich ausgewogenen und
nachhaltigen Entwicklung der Europäischen Union
Angenommen beim Informellen Rat der für
Raumordnung zuständigen Minister in Potsdam, Mai 1999
Herausgegeben von der Europäischen Kommission

Vorgelegt vom Ausschuß für Raumentwicklung
Zahlreiche weitere Informationen zur Europäischen Union sind über Internet verfügbar: Server Europa
(http://europa.eu.int)
und Website Inforegio
(http://inforegio.cec.eu.int).
Bibliographische Daten befinden sich am Ende der Veröffentlichung.
Luxemburg: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 1999
ISBN 92-828-7656-X
© Europäische Gemeinschaften, 1999
Nachdruck mit Quellenangabe gestattet.
Printed in Italy
G
EDRUCKT AUF CHLORFREI GEBLEICHTEM PAPIER

(1) Die für die Raumordnung zuständigen Ministerinnen
und Minister der Mitgliedstaaten der Europäischen Union
sowie das für die Regionalpolitik zuständige Mitglied der
Europäischen Kommission stellten in Potsdam den Ab-
schluß der politischen Debatte über das Europäische Raum-
entwicklungskonzept (EUREK) als wichtigen Schritt im
europäischen Integrationsprozeß heraus.
(2) Mit dem EUREK verständigten sich Mitgliedstaaten
und Kommission auf gemeinsame räumliche Ziele bzw.
Leitbilder für die zukünftige Entwicklung des Territoriums
der Europäischen Union.
(3) Das Anliegen der Raumentwicklungspolitiken ist es, auf
eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung des Terri-
toriums der Union hinzuwirken. Nach Auffassung der Mi-
nisterinnen und Minister ist sicherzustellen, daß die drei
grundlegenden Ziele europäischer Politik gleichermaßen
erreicht werden:
I
wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt,
I
Erhaltung und Management der natürlichen Lebens-
grundlagen und des kulturellen Erbes,
I
ausgeglichenere Wettbewerbsfähigkeit des europäischen
Raumes.
Das EUREK ist ein geeigneter Orientierungsrahmen für die
Fachpolitiken der Gemeinschaft und der Mitgliedstaaten
mit räumlichen Wirkungen sowie für regionale und lokale
Gebietskörperschaften zur Erreichung einer ausgewogenen
und nachhaltigen Entwicklung des europäischen Territori-
ums.
(4) Im Interesse einer engeren europäischen Integration
sehen die Ministerinnen und Minister die Zusammenarbeit
bei der räumlichen Entwicklung zwischen den Mitglied-
staaten untereinander sowie zwischen ihren Regionen und
lokalen Gebietskörperschaften als notwendig an. Regiona-
le und lokale Gebietskörperschaften müssen künftig über
nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Das EUREK
ist das geeignete Referenzdokument für die Unterstützung
dieser Zusammenarbeit unter Wahrung des Subsidiaritäts-
prinzips.
(5) Alle Beteiligten waren sich einig, daß das EUREK kei-
ne neuen Kompetenzen auf der Ebene der Gemeinschaft
begründet. Es dient den Mitgliedstaaten, deren Regionen
und lokalen Gebietskörperschaften und der Europäischen
Kommission im jeweiligen eigenem Zuständigkeitsbereich
als politischer Orientierungsrahmen.
EUREK
Europäisches Raumentwicklungskonzept
Auf dem Wege zu einer räumlich ausgewogenen
und nachhaltigen Entwicklung der EU
Auszug aus den Schlußfolgerungen der deutschen Ratspräsidentschaft
beim Informellen Rat der für die Raumordnung zuständigen Ministerinnen
und Minister der Europäischen Union
Potsdam, 10./11. Mai 1999

1
Teil A
Für eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung des Territoriums der EU:
der Beitrag der Raumentwicklungspolitik
………………………………………………………………… 5
1
Der räumliche Ansatz auf europäischer Ebene …………………………………………………………… 7
1.1
Das „Territorium”: eine neue Dimension der europäischen Politik…………………………………………… 7
1.2
Räumliche Entwicklungsunterschiede………………………………………………………………………… 8
1.3
Die grundlegenden Ziele des EUREK ……………………………………………………………………… 10
1.4
Der Status des EUREK ……………………………………………………………………………………… 11
1.5
Das EUREK als Prozeß ……………………………………………………………………………………… 12
2
Einfluß der Politiken der Gemeinschaft auf das Territorium der EU……………………………………… 13
2.1
Wachsende Bedeutung der raumwirksamen EU-Politiken ………………………………………………… 13
2.2
EU-Politiken mit räumlichen Auswirkungen
……………………………………………………………… 14
2.2.1
Wettbewerbspolitik der Gemeinschaft ……………………………………………………………………… 14
2.2.2
Transeuropäische Netze (TEN) ……………………………………………………………………………… 14
2.2.3
Strukturfonds ………………………………………………………………………………………………… 16
2.2.4
Gemeinschaftliche Agrarpolitik (GAP) ……………………………………………………………………… 17
2.2.5
Umweltpolitik
……………………………………………………………………………………………… 17
2.2.6
Forschung, Technologie und Entwicklung (FTE) …………………………………………………………… 18
2.2.7
Darlehenstätigkeit der Europäischen Investitionsbank ……………………………………………………… 19
2.3
Für eine verbesserte räumliche Kohärenz der EU-Politiken ………………………………………………… 19
3
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU………………………………………………… 20
3.1
Räumliche Orientierung von Politiken ……………………………………………………………………… 20
3.2
Polyzentrische Raumentwicklung und eine neue Beziehung zwischen Stadt und Land …………………… 21
3.2.1
Polyzentrische und ausgewogene Raumentwicklung in der EU …………………………………………… 21
3.2.2
Dynamische, attraktive und wettbewerbsfähige Städte und Verdichtungsregionen ………………………… 23
3.2.3
Eigenständige, vielfältige und leistungsfähige ländliche Räume …………………………………………… 24
3.2.4
Partnerschaft zwischen Stadt und Land……………………………………………………………………… 26
3.3
Gleichwertiger Zugang zu Infrastruktur und Wissen………………………………………………………… 27
3.3.1
Ein integrierter Ansatz zur verbesserten Verkehrsanbindung und des Zugangs zu Wissen ………………… 27
3.3.2
Die polyzentrische Entwicklung: ein Leitbild besserer Erreichbarkeit ……………………………………… 28
3.3.3
Effiziente und nachhaltige Nutzung der Infrastruktur ……………………………………………………… 30
3.3.4
Verbreitung von Innovation und Wissen …………………………………………………………………… 31
3.4
Umsichtiger Umgang mit der Natur und dem Kulturerbe …………………………………………………… 32
3.4.1
Natur und Kulturerbe als Entwicklungsgut ………………………………………………………………… 32
3.4.2
Erhalt und Entwicklung der Natur…………………………………………………………………………… 33
3.4.3
Wasserressourcenmanagement: eine spezielle Herausforderung für die räumliche Entwicklung…………… 34
3.4.4
Kreativer Umgang mit Kulturlandschaften ………………………………………………………………… 35
3.4.5
Kreativer Umgang mit dem Kulturerbe……………………………………………………………………… 36
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis

4
Die Anwendung des EUREK ……………………………………………………………………………… 38
4.1
Auf dem Wege zu einer integrierten Raumentwicklung …………………………………………………… 38
4.2
Die Anwendung des EUREK auf Gemeinschaftsebene
…………………………………………………… 40
4.3
Die transnationale Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten …………………………………………………… 43
4.4
Die grenzübergreifende und interregionale Zusammenarbeit ……………………………………………… 46
4.5
Die Anwendung des EUREK in den Mitgliedstaaten ……………………………………………………… 48
4.6
Die Bedeutung des EUREK für die gesamteuropäische und internationale Zusammenarbeit ……………… 48
5
Die Erweiterung der EU: eine zusätzliche Herausforderung für die europäische Raumentwicklungspolitik … 49
5.1
Ein neuer Referenzraum für das EUREK …………………………………………………………………… 49
5.2
Wichtige Merkmale der räumlichen Entwicklung in den Beitrittsstaaten …………………………………… 50
5.2.1
Bevölkerung ………………………………………………………………………………………………… 50
5.2.2
Wirtschaft …………………………………………………………………………………………………… 51
5.2.3
Verkehr ……………………………………………………………………………………………………… 51
5.2.4
Umwelt ……………………………………………………………………………………………………… 51
5.2.5
Schlußfolgerung
…………………………………………………………………………………………… 52
5.3
Spezifische Aufgaben für die europäische Raumentwicklungspolitik in den künftigen Mitgliedstaaten ……52
5.4
Räumliche Auswirkungen der Erweiterung auf die Regionen der EU ……………………………………… 53
5.5
Die politischen Ziele und Optionen des EUREK im Lichte der Erweiterung ……………………………… 54
5.6
Grundsätze zur Einbeziehung der Erweiterungsaufgabe in die europäische Raumentwicklung …………… 54
Teil B
Das Territorium der EU: Tendenzen, Perspektiven und Herausforderungen
………………… 57
1
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU…………………………………………………… 59
1.1
Geographische Merkmale der EU …………………………………………………………………………… 59
1.2
Bevölkerungsentwicklung …………………………………………………………………………………… 61
1.3
Wirtschaftliche Tendenzen
………………………………………………………………………………… 63
1.4
Umweltrelevante Entwicklungen …………………………………………………………………………… 66
2
Themen der Raumentwicklung von europäischer Bedeutung ……………………………………………… 69
2.1
Veränderungstendenzen im europäischen Städtesystem …………………………………………………… 69
2.1.1
Das Entstehen urbaner Netze………………………………………………………………………………… 69
2.1.2
Veränderung urbaner wirtschaftlicher Möglichkeiten ……………………………………………………… 69
2.1.3
Fortschreitende Ausuferung der Städte ……………………………………………………………………… 70
2.1.4
Zunehmende soziale Segregation in Städten ………………………………………………………………… 70
2.1.5
Verbesserungen der städtischen Lebensqualität
…………………………………………………………… 71
2.2
Die sich ändernde Rolle und Funktion der ländlichen Räume ……………………………………………… 71
2.2.1
Steigende Interdependezen von städtischen und ländlichen Räumen ……………………………………… 71
2.2.2
Unterschiedliche Entwicklungslinien in ländlichen Räumen ……………………………………………… 71
2.2.3
Veränderungen in Land- und Forstwirtschaft – Konsequenzen für Wirtschaft und Flächennutzung ……… 72
2

3
2.3
Verkehr und Vernetzung
…………………………………………………………………………………… 73
2.3.1
Grenz- und Integrationsprobleme der Netze ………………………………………………………………… 73
2.3.2
Wachsende Transportströme und Überlastungserscheinungen ……………………………………………… 74
2.3.3
Erreichbarkeitsdefizite in der EU …………………………………………………………………………… 74
2.3.4
Konzentration und Entwicklungskorridore ………………………………………………………………… 75
2.3.5
Ungleichgewichte in der Verbreitung von Innovation und Wissen ………………………………………… 76
2.4
Natur und Kulturerbe………………………………………………………………………………………… 77
2.4.1
Verlust von biologischer Vielfalt und natürlichen Gebieten ………………………………………………… 77
2.4.2
Gefährdung der Wasserressourcen
………………………………………………………………………… 78
2.4.3
Wachsende Bedrohung der Kulturlandschaften……………………………………………………………… 80
2.4.4
Wachsende Bedrohung des kulturellen Erbes ……………………………………………………………… 80
3
Ausgewählte Programme und Leitbilder für eine integrierte Raumentwicklung
…………………………81
3.1
Raumwirksame EU-Förderprogramme ……………………………………………………………………… 81
3.2
INTERREG II C-Programme ……………………………………………………………………………… 82
3.3
Pilotaktionen zur transnationalen Raumentwicklung unter Artikel 10 EFRE ……………………………… 83
3.4
Räumliche Leitbilder………………………………………………………………………………………… 84
4
Basisdaten für die Beitrittsstaaten und Mitgliedstaaten…………………………………………………… 85

5
EUREK
Teil A
Für eine ausgewogene und nachhaltige
Entwicklung des Territoriums der EU:
der Beitrag der Raumentwicklungspolitik

7
EUREK
1.1 Das „Territorium”: eine neue Dimen-
sion der europäischen Politik
(1) Das charakteristische Merkmal des Territoriums der Eu-
ropäischen Union (EU) ist seine auf engem Raum konzen-
trierte kulturelle Vielfalt. Hierdurch unterscheidet es sich
von anderen großen Wirtschaftsräumen der Welt, wie USA,
Japan und MERCOSUR
1
. Diese Vielfalt – potentiell einer
der wichtigsten Entwicklungsfaktoren der EU – muß im
Zuge der europäischen Integration gewahrt bleiben. Des-
halb dürfen die Politiken mit Einfluß auf die Raum- und
Siedlungsstruktur in der EU die lokalen und regionalen
Identitäten, die zur Bereicherung der Lebensqualität aller
Bürgerinnen und Bürger beitragen, nicht vereinheitlichen.
(2) Seit Inkrafttreten der Wirtschafts- und Währungsunion
(WWU) ist die europäische Integration erheblich fortge-
schritten
2
. Mit der wachsenden wirtschaftlichen und sozia-
len Integration verlieren die Binnengrenzen zunehmend
ihren trennenden Charakter, und es entstehen intensivere
Beziehungen und Verflechtungen zwischen den Städten
und den Regionen der Mitgliedstaaten. Das bedeutet u. a.,
daß regionale, nationale oder gemeinschaftliche Vorhaben
in einem Staat über dessen Hoheitsgebiet hinaus erhebliche
Auswirkungen auf die Raum- und Siedlungsstruktur ande-
rer Mitgliedstaaten haben können. Bei der Durchführung
gemeinschaftlicher Politiken müssen künftig die räumli-
chen Wirkungen frühzeitig berücksichtigt werden, da bei-
spielsweise regionale Produktivitätsunterschiede in Zu-
kunft nicht mehr durch nationale Wechselkursanpassungen
ausgeglichen werden können. Das trägt zur Vermeidung
größerer regionaler Disparitäten bei.
(3) Entwicklungsvorhaben verschiedener Mitgliedstaaten
ergänzen sich am besten dann, wenn sie sich an gemeinsam
festgelegten Zielen zur räumlichen Entwicklung orientie-
ren. Die nationalen Raumentwicklungspolitiken der Mit-
gliedstaaten und die Fachpolitiken der EU bedürfen daher
klarer, räumlich übergreifender Leitbilder. Diese werden
mit dem
Europäischen Raumentwicklungskonzept
(EUREK)
von den Mitgliedstaaten in Zusammenarbeit mit
der Europäischen Kommission vorgelegt.
(4) Der Wettbewerb im europäischen Binnenmarkt, eine der
wesentlichen Triebkräfte für den räumlichen Ent-
wicklungsprozeß in der EU, wird durch die WWU noch ver-
stärkt. Auch wenn die Regionen, Städte und Gemeinden be-
reits begonnen haben, in verschiedenen Bereichen zusam-
menzuarbeiten, so stehen sie miteinander in Konkurrenz um
wirtschaftliche Aktivitäten, Arbeitsplätze und Infrastruktur.
Gegenwärtig haben jedoch nicht alle europäischen Teilräu-
me die gleichen Ausgangsbedingungen. Die Stärkung des
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts der EU wird
dadurch erschwert. Es ist deshalb wichtig, schrittweise ein
räumliches Gleichgewicht mit dem Ziel einer geographisch
ausgewogeneren Verteilung des Wachstums auf dem Terri-
torium der EU (Kohäsionsziel) anzustreben.
(5) Angesichts gravierender Arbeitsmarktprobleme in der
überwiegenden Zahl der Regionen der EU muß räumliche
Entwicklungspolitik die Anstrengungen zur Schaffung neuer,
zukunftsfähiger Arbeitsplätze für die Bürgerinnen und Bürger
unterstützen. Nur bei relativ ausgeglichenen regionalen Ar-
beitsmärkten können sie ihr Leben selbst und eigenverant-
wortlich gestalten und die Vorteile der europäischen Integra-
tion in ihrer jeweiligen Heimatregion positiv erfahren.
(6) Die langfristigen räumlichen Entwicklungstendenzen
in der EU werden vor allem durch drei Faktoren beeinflußt:
I
die fortschreitende wirtschaftliche Integration und die
damit verbundene verstärkte Kooperation zwischen den
Mitgliedstaaten,
I
die wachsende Bedeutung der lokalen und regionalen
Gebietskörperschaften und ihre Rolle bei der Raument-
wicklung und
I
die zu erwartende Erweiterung der EU und die Ent-
wicklung der Beziehungen zu ihren Nachbarn.
Diese drei Entwicklungsfaktoren müssen vor dem Hinter-
grund weltweiter wirtschaftlicher und technologischer Ent-
wicklungen sowie der allgemeinen demographischen, sozia-
len und ökologischen Trends gesehen werden. Richtig ge-
nutzt, stellen sie wichtige Rahmenbedingungen für ein stär-
keres Zusammenwachsen des europäischen Raumes dar.
(7) Räumliche Entwicklungsprobleme in der EU können
künftig nur durch das Zusammenwirken unterschiedlicher
Regierungs- und Verwaltungsebenen gelöst werden, da sich
im Zuge der europäischen Integration auf allen Ebenen en-
gere Beziehungen entwickeln: zwischen den Regionen un-
tereinander sowie zwischen Regionen und nationalen und
europäischen Organen. Die Abhängigkeit der Städte und
Regionen von weltweiten Trends und von Entscheidungen
auf Gemeinschaftsebene steigt. Außerdem können die po-
sitiven Effekte der europäischen Integration durch eine ak-
1 Der räumliche Ansatz auf europäischer Ebene

8
Der räumliche Ansatz auf europäischer Ebene
Karte 1: Bruttoinlandsprodukt
75 bis unter 100
100 bis unter 125
125 und mehr
Quelle: Eurostat
bis unter 75
BIP in Kaufkraftstandards (KKS)
je Einwohner 1995
Index: EUR 15 = 100
NUTS 2
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
tive Beteiligung der Städte und Regionen an der räumli-
chen Entwicklung besser zum Tragen kommen.
(8) Das EUREK bietet die Möglichkeit, den Blick über die
rein fachpolitischen Maßnahmen hinaus auf die Gesamtsi-
tuation des europäischen Territoriums zu richten und dabei
auch die Entwicklungschancen, die sich für die einzelnen
Regionen ergeben, zu berücksichtigen. Neue Formen der
mit dem EUREK vorgeschlagenen Zusammenarbeit sollen
dazu beitragen, daß bislang unabhängig voneinander agie-
rende Fachpolitiken in Zukunft zusammenarbeiten, wenn
sie dasselbe Territorium betreffen. Darüber hinaus bedarf
die Gemeinschaft nicht nur der aktiven Mithilfe der natio-
nalen Fachpolitiken, sondern gerade auch der Städte und
Regionen, um die Ziele der EU bürgernah verwirklichen zu
können. Auf diese Weise wird das im Vertrag über die EU
verankerte Subsidiaritätsprinzip mit Leben erfüllt.
1.2 Räumliche Entwicklungsunterschiede
(9) Mit mehr als 370 Mio. Einwohnern auf einer Fläche von
3,2 Mio. km
2
und einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt
(BIP) von 6,8 Bill. ECU gehört die EU zu den größten und
wirtschaftsstärksten Regionen der Welt.
3
(10) Die EU weist jedoch gravierende wirtschaftliche Un-
gleichgewichte auf, die die Verwirklichung des angestrebten
Leitbildes einer regional ausgewogenen und nachhaltigen
Raumentwicklung erschweren. Die räumlich unterschiedli-

9
EUREK
che Verteilung des Wirtschaftspotentials läßt sich wie folgt
beschreiben (vgl. Karte 1). In dem durch die europäischen
Metropolen London, Paris, Mailand, München und Hamburg
abgegrenzten Raum im Zentrum der EU erwirtschaften auf
20% der Fläche 40% der Bevölkerung 50% des Bruttoin-
landsproduktes der EU
4
. Am südlichen Rand der EU
dagegen – von Portugal über Südspanien und Süditalien bis
hin nach Griechenland – sowie in den neuen Ländern
Deutschlands erreicht das BIP pro Kopf nur etwa 50% bis
65% des EU-Durchschnitts. Nicht viel besser stehen in
wirtschaftlicher Hinsicht einige Regionen an der nördlichen
Peripherie der EU – zum Beispiel in Nordfinnland und im
Norden des Vereinigten Königreiches – da; die Überseege-
biete erreichen zum großen Teil sogar nur BIP-Werte pro
Kopf von weniger als 50% des EU-Durchschnitts
5
. Hier muß
das EUREK seinen Beitrag dazu leisten, daß mittelfristig eine
räumlich ausgewogenere Entwicklung erreicht wird.
(11) In den zehn Jahren zwischen 1986 und 1996 haben die
25 Regionen
6
der EU mit der geringsten Wirtschaftskraft
ihren relativen Rückstand nur teilweise aufholen können: ihr
BIP pro Kopf-Niveau stieg von 52% des EU-Durchschnitts
im Jahr 1986 auf 59% im Jahr 1996. Im Jahr 1986 war das
BIP pro Kopf der 25 reichsten Regionen 2,7mal so groß wie
das der 25 ärmsten Regionen; zehn Jahre später betrug das
BIP pro Kopf-Gefälle nur noch das 2,4 fache. Trotz dieser
langsamen Angleichung sind die Disparitäten in der EU wei-
terhin hoch. Nach Berechnungen der Europäischen Kommis-
sion (GD XVI) sind im Jahr 1996 die Disparitäten zwischen
den Bundesstaaten der USA weniger als halb so groß wie die
zwischen vergleichbaren Regionseinheiten in der EU
7
.
(12) Während also die Unterschiede in der Wirtschaftskraft
zwischen „reichen“ und „armen“ Regionen leicht rückläu-
fig sind, wachsen die regionalen Disparitäten innerhalb
mehrerer Mitgliedstaaten. Dies liegt zum einen daran, daß
in den vier Kohäsionsländern (Griechenland, Spanien, Por-
tugal und Irland) häufig die relativ wirtschaftsstarken städ-
tischen Zentren höhere Wachstumsraten haben als die är-
meren, zumeist ländlich geprägten Regionen des jeweiligen
Mitgliedstaates; zum anderen gibt es aber auch innerhalb
der „reicheren“ Mitgliedstaaten Disparitäten zwischen ehe-
mals wohlhabenden Regionen, deren Industrie im Nieder-
gang ist und die deshalb eine relativ schwache wirtschaft-
liche Dynamik aufweisen, und solchen Regionen, deren
wirtschaftliches Wachstum ungebrochen ist (vgl. Abb. 1).
(13) Das EUREK geht davon aus, daß Wachstum an sich bzw.
die Angleichung wirtschaftlicher Kennziffern allein nicht aus-
reicht, um eine ausgewogene und nachhaltige Wirtschafts-
0
50
100
150
200
250
0
50
100
150
200
250
B
DK
D
GR
E
F
IRL
I
L
NL
AT
P
FI
S
UK
Region
Bruxelles-
capitale
Hainaut
Hamburg
Dessau
Attiki
Ipeiros
Comunidad
de Madrid
Ile-de-France
Emilia-
Romagna
Calabria
Groningen
Flevo-
land
Wien
Burgen-
land
Lisboa
e Vale
do Tejo
Açores
Uusimaa
(suuralue)
Itä-
Suomi
Stockholm
Östra
Mellan-
sverige
inner
London
Cornwall
and Isles
of Scilly
Extre-
madura
Languedoc-
Roussillon
Abb. 1: Regionale Unterschiede im Pro-Kopf-BIP (KKS) in den Mitgliedstaaten 1996
über Landesdurchschnitt
unter dem Landesdurchschnitt
Die genannten Regionen (NUTS 2) sind die Regionen mit dem geringsten bzw. dem höchsten Pro-Kopf-BIP in jedem Land.
EUR 15-
Durchschnitt
Quelle: Eurostat
EUR 15 = 100

und Raumstruktur in der
EU zu entwickeln. Wirt-
schaftliches Wachstum
muß für die Bevölke-
rung durch eine Zunah-
me der Arbeitsplätze
„sichtbar” werden. Eine
der größten Herausfor-
derungen in der EU ist
die Bekämpfung der ho-
hen Arbeitslosigkeit.
Nach einem Höchst-
stand von 18,5 Mio. Ar-
beitslosen im Jahr 1994
ist die Zahl der Arbeits-
losen zwar bis Ende
1998 auf 16,5 Mio. ge-
sunken. Das entspricht
aber immer noch knapp
zehn Prozent der arbeits-
fähigen Bevölkerung. Arbeitslosigkeit bedeutet nicht nur ei-
nen tiefen Einschnitt in die persönliche Lebensplanung, son-
dern auch eine Entwertung von Qualifikationen und einen
Verlust an Produktions- und Wertschöpfungspotentialen für
die gesamte EU. 50% der Arbeitslosen gelten als Langzeitar-
beitslose mit mehr als einem Jahr ohne Erwerbsarbeit. Die Ju-
gendarbeitslosigkeit in der EU beträgt über 20% und weist
sehr große Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten auf
(vgl. Abb. 2).
(14) Die zunehmende wirtschaftliche Integration in der EU
und der wachsende
Binnenhandel zwi-
schen den EU-Mit-
gliedstaaten führen zu
einem stetigen Anstieg
des Personen- und Gü-
terverkehrs. Insbeson-
dere der europäische
Güterverkehr auf der
Straße hat deutlich zu-
genommen und zu re-
gionalen Überlastun-
gen der Siedlungs- und
Verkehrsinfrastruktur
geführt (vgl. Abb. 3).
(15) Zunehmendes
Verkehrsaufkommen
und ineffizient organi-
sierte Siedlungsstruk-
turen tragen dazu
bei, daß die EU – ge-
meinsam mit den an-
deren großen Indu-
strieländern bzw. -re-
gionen – für einen
großen Teil der welt-
weiten CO
2
-Emis-
sionen verantwort-
lich ist (vgl. Abb. 4).
Für die Raument-
wicklungspolitik be-
deutet es eine große
Herausforderung, einen Beitrag zu den in internationalen
Umwelt- und Klimakonferenzen von der EU zugesagten
Zielen der Reduzierung der Schadstoffeinträge in das glo-
bale Ökosystem zu leisten.
(16) Durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Moderni-
sierungsprozesse ist das natürliche und kulturelle Erbe in
der EU gefährdet. Die europäischen Kulturlandschaften,
die europäischen Städte und Gemeinden sowie eine Viel-
zahl von Natur- und Baudenkmälern sind Bestandteile die-
ses historischen Erbes. Seine Weiterentwicklung ist eine
herausragende Aufgabe für moderne Architektur, Stadtge-
staltung und Landschaftsplanung in allen Regionen der EU.
1.3
Die grundlegenden Ziele des EUREK
(17) Angesichts der bestehenden regionalen Entwicklungs-
unterschiede und der teilweise noch gegenläufigen räumli-
chen Wirkungen der Gemeinschaftspolitiken sollten sich
alle für die Raumentwicklung Verantwortlichen an räumli-
chen Leitbildern orientieren. Das Europäische Raumwick-
lungskonzept ist auf das Ziel der Union ausgerichtet, eine
ausgewogene und nachhaltige Entwicklung, insbesondere
auch durch die Stärkung des wirtschaftlichen und sozialen
Zusammenhalts, herbeizuführen
8
. Nach der Definition des
Brundtland-Berichtes der Vereinten Nationen
9
umfaßt
nachhaltige Entwicklung nicht nur eine umweltschonende
Wirtschaftsentwicklung, die die heutigen Ressourcen für
kommende Generationen bewahrt, sondern gleichfalls eine
ausgewogene Raumentwicklung. Das bedeutet insbeson-
dere, die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den
Raum mit seinen ökologischen und kulturellen Funktionen
in Einklang zu bringen und somit zu einer dauerhaften,
großräumig ausgewogenen Raumentwicklung beizutragen.
Die EU wird sich somit schrittweise von einer Wirtschafts-
union zu einer Umweltunion und künftig zu einer Sozial-
union, unter Wahrung der regionalen Vielfalt, entwickeln
(vgl. Abb. 5).
10
Der räumliche Ansatz auf europäischer Ebene
0 5 10 15 20 25 30 35 40
Rate der Arbeitslosen unter 25 Jahre 1997 in %
EUR 15
UK
S
FIN
P
A
NL
L
I
IRL
F
E
EL
D
DK
B
Quelle: Eurostat
Abb. 2: Jugendarbeits-
losigkeit
1200
1000
800
600
400
200
0
1970
1975
1980
1985
1990
1995
Straße
Eisenbahn
Binnenwasserstraßen
Pipelines
Entwicklung 1970-1996
Milliarden tkm
Abb. 3: Gütertransport
Quelle: Europäische Kommission GD VII
andere
MERCOSUR
Japan
EU
USA
Abb. 4: CO
2
-Emissionen*
Quelle: Weltbank
* Industrie
1996

11
EUREK
(18) In Anlehnung an das Zieldreieck beinhaltet dies die
Verknüpfung der drei grundlegenden Ziele europäischer
Politik:
I
wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt,
I
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und des
kulturellen Erbes sowie
I
ausgeglichenere Wettbewerbsfähigkeit des europäi-
schen Raumes.
Für eine räumlich ausgewogenere Entwicklung müssen
diese Ziele in allen Regionen der EU gleichzeitig verfolgt
und ihre Wechselwirkungen berücksichtigt werden.
(19) Der Beitrag der Raumentwicklungspolitiken besteht
darin, die nachhaltige Entwicklung der EU durch eine aus-
gewogene Raum- und Siedlungsstruktur zu fördern. Be-
reits 1994 verständigten sich die für die Raumordnung zu-
ständigen Minister auf drei raumentwicklungspolitische.
Leitbilder für die räumliche und siedlungsstrukturelle Ent-
wicklung der EU
10
:
I
die Entwicklung eines ausgewogenen und polyzentri-
schen Städtesystems und eine neue Beziehung zwischen
Stadt und Land,
I
die Sicherung eines gleichwertigen Zugangs zu Infra-
struktur und Wissen sowie
I
die nachhaltige Entwicklung, intelligentes Management
und Schutz von Natur und Kulturerbe.
Die Ziele des EUREK sollen gemeinsam von den europäi-
schen Institutionen sowie den nationalen, regionalen und
lokalen Regierungs- und Verwaltungsebenen angestrebt
werden.
(20) Die Stärkung von strukturell schwächeren Gebieten
der EU sowie die Anpassung der Lebens- und Arbeitsbe-
dingungen über Staatsgrenzen hinweg zwischen Gebieten
mit unterschiedlichem Entwicklungsniveau stellen eine
große Herausforderung dar. Hierzu müssen Entwicklungs-,
Ausgleichs- und Erhaltungsziele in Einklang gebracht wer-
den. Eine einseitig auf Ausgleich ausgerichtete Politik wür-
de zur Schwächung wirtschaftlich stärkerer Regionen
führen, gleichzeitig aber auch die Abhängigkeit rückständi-
gerer Regionen verstärken. Entwicklung allein würde die
Zunahme der regionalen Unterschiede begünstigen. Eine
Überbetonung des Schutzes bzw. der Bewahrung räumli-
cher Strukturen wiederum birgt das Risiko einer Stagnation
in sich, weil Modernisierungstendenzen gebremst werden
könnten. Nur durch die Verknüpfung von Entwicklungs-,
Ausgleichs- und Erhaltungszielen sowie ihrer Gewichtung
entsprechend der jeweiligen räumlichen Situation wird
eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der EU
möglich sein.
(21) Das EUREK vermittelt eine Vision vom künftigen
Raum der EU. Mit seinen Ziel- und Leitvorstellungen stellt
es einen allgemeinen Bezugsrahmen für raumbedeutsame
Maßnahmen öffentlicher und privater Entscheidungsträger
dar. Darüber hinaus soll es ein positives Signal für eine
breite öffentliche Beteiligung an der politischen Debatte
über die Entscheidungsfindungen auf europäischer Ebene
und deren Auswirkungen auf Städte und Regionen in der
EU aussenden.
1.4 Der Status des EUREK
(22) Mit dem EUREK haben die Mitgliedstaaten in Zu-
sammenarbeit mit der Europäischen Kommission ihren
Willen zum Ausdruck gebracht, daß sie im Zuge der eu-
ropäischen Integration die Vielfalt erhalten sowie eine re-
gional ausgewogenere und nachhaltige Entwicklung in der
EU erreichen wollen. Diese Position wird vom Europäi-
schen Parlament, dem Ausschuß der Regionen sowie dem
Wirtschafts- und Sozialausschuß unterstützt. Das EUREK,
als rechtlich nicht bindendes Dokument, ist ein politischer
Rahmen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen den
gemeinschaftlichen Fachpolitiken mit hoher Raumwirk-
samkeit untereinander sowie mit den Mitgliedstaaten, ihren
Regionen und Städten. Es steht damit mit den 1994 verein-
barten politischen Grundsätzen im Einklang.
n
a
c
h
h
alt
i
g
e
Wirtschaft
Umwelt
Gesellschaft
Abb. 5: Zieldreick ausgewogener und nachhaltiger
Raumentwicklung
EUREK
R
a
u
m
e
n
t
w
i
c
k
l
u
n
g

12
Der räumliche Ansatz auf europäischer Ebene
I
Die Raumordnung kann in entscheidender Weise zur
Erreichung des Ziels des wirtschaftlichen und sozialen
Zusammenhalts beitragen.
I
Die bestehenden Befugnisse der für die Gemeinschafts-
politiken zuständigen Institutionen bleiben unverändert.
Das Europäische Raumentwicklungskonzept kann zur
Durchführung von Gemeinschaftspolitiken beitragen,
die räumliche Wirkungen haben, ohne aber die zustän-
digen Institutionen bei der Ausübung ihrer Befugnisse
zu beeinträchtigen.
I
Das Hauptziel ist die Erreichung einer nachhaltigen und
ausgewogenen Entwicklung.
I
Es wird unter Berücksichtigung der bestehenden Insti-
tutionen ausgearbeitet und ist für die Mitgliedstaaten
nicht verbindlich.
I
Es wird das Subsidiaritätsprinzip respektiert.
I
Das Dokument wird von jedem Land so weit berück-
sichtigt, wie dieses den europäischen Raumentwick-
lungsaspekten in seiner nationalen Politik Rechnung
tragen möchte
11
.
1.5 Das EUREK als Prozeß
(23) Das EUREK ist das Ergebnis eines intensiven Diskus-
sionsprozesses der Mitgliedstaaten untereinander und mit
der Europäischen Kommission zur räumlichen Entwicklung
der EU. Die belgische Ratspräsidentschaft hatte den Vor-
schlag zur Aufstellung des EUREK in die Beratungen ein-
gebracht
12
. In Korfu
13
verständigten sich die Raumordnungs-
minister auf den Rahmen und erste politische Optionen der
Raumentwicklung in der EU. In Leipzig konnten die we-
sentlichen Raumordnungsprinzipien (Leitbilder) für die
Siedlungsentwicklung festgelegt werden
14
. Die darauffol-
genden Präsidentschaften Frankreichs
15
, Spaniens
16
und Ita-
liens
17
entwickelten wichtige Szenarien und Analysen für die
sachgerechte Beurteilung der Raumentwicklung. Seit der iri-
schen Präsidentschaft wurde die Rolle der Troika innerhalb
des Ausschusses für Raumentwicklung gestärkt, um die
Kontinuität der Arbeiten zu gewährleisten
18
. Die niederlän-
dische Präsidentschaft legte den ersten EUREK-Entwurf vor,
zu dem eine breite europäische Debatte geführt wurde
19
. Die
folgenden Präsidentschaften von Luxemburg
20
und dem Ver-
einigten Königreich
21
legten den Schwerpunkt auf die Um-
setzung bzw. Anwendung des EUREK. Während der öster-
reichischen Präsidentschaft wurde darüber hinaus der Dialog
mit den Beitrittsstaaten intensiviert
22
.
(24) Durch die Konsultationen - sowohl auf nationaler als
auch auf europäischer Ebene – wurde eine breite Beteiligung
der für die Raumentwicklung verantwortlichen Institutionen
und Gruppen erreicht. Auf der Grundlage des „Ersten offizi-
ellen Entwurfes des EUREK“ (Noordwijk-Dokument/Juni
1997) fanden in den fünfzehn Mitgliedstaaten umfangreiche
Beratungen unter Beteiligung der Parlamente, Regionen und
gesellschaftlichen Gruppen statt. Ferner führte die Europäi-
sche Kommission gemeinsam mit den Mitgliedstaaten eine
Reihe von öffentlichen Foren zu den Schwerpunktthemen
des EUREK durch. Die Stellungnahmen der Europäischen
Organe (Europäisches Parlament
23
, Ausschuß der Regio-
nen
24
, Wirtschafts- und Sozialausschuß
25
) sowie die Interser-
vice-Konsultationen der Europäischen Kommission haben
ebenfalls wichtige Beiträge für das EUREK geliefert. Das
EUREK ist somit das Ergebnis eines europaweiten öffentli-
chen Diskussionsprozesses.
(25) Die im EUREK vorgeschlagenen politischen Ziele und
Optionen sind auf die räumlich-strukturelle Entwicklung in
den fünfzehn Mitgliedstaaten ausgerichtet. Die frühzeitige
Berücksichtigung der aktuellen räumlichen Gegebenheiten
und die situationsgerechte Bewertung möglicher Auswir-
kungen fachplanerischer Entscheidungen für die Entwick-
lung der Städte und Regionen ist ein permanenter Prozeß.
Deshalb muß das EUREK, wie andere politische Doku-
mente, Pläne und Programme zur Förderung der Raument-
wicklung, periodisch weiterentwickelt werden. Die EU-Er-
weiterung oder andere politische Ereignisse, wie beispiels-
weise eine Intensivierung des Dialoges mit den Mittel-
meeranrainerstaaten, haben großen Einfluß auf die zukünf-
tige europäische Raumentwicklung. Bereits heute ist ab-
sehbar, daß bei der zukünftigen Revision des EUREK der
Schwerpunkt auf der Erweiterung der EU und den damit
verbundenen Problemen der Raumentwicklung liegen
muß.
(26) Auch bei der Anwendung des EUREK sollten die Mit-
gliedstaaten untereinander und mit der Europäischen Kom-
mission eng zusammenarbeiten. Die Umsetzung der im Kapi-
tel 3 enthaltenen Ziele und Optionen in konkretes politisches
Handeln erfolgt dabei schrittweise. In Kapitel 4 werden erste
Vorschläge zur Anwendung des EUREK durch die verschie-
denen Akteure auf unterschiedlichen Ebenen unterbreitet. Ein-
zelne Maßnahmen und Projekte werden unmittelbar nach der
Verabschiedung des EUREK durchgeführt werden können.
Andere Optionen und Umsetzungsvorschläge bedürfen einer
weiteren Diskussion und inhaltlichen Ausgestaltung auf eu-
ropäischer Ebene. Dazu gehören insbesondere der Austausch
von Erfahrungen sowie die Beobachtung und Evaluierung von
räumlichen Entwicklungen. Die Diskussion im Ausschuß für
Raumentwicklung über die zukünftige Orientierung europäi-
scher Raumentwicklungspolitik wird auch nach der Annahme
des EUREK fortgesetzt werden müssen.

13
EUREK
2.1 Wachsende Bedeutung der
raumwirksamen EU-Politiken
(27) Die Weiterentwicklung der europäischen Verträge
(Einheitliche Europäische Akte, Vertrag von Maastricht,
Vertrag von Amsterdam) hat dazu geführt, daß die raum-
wirksamen Fachpolitiken der EU immer stärkeren Einfluß
auf die Ausgestaltung und Umsetzung nationaler und re-
gionaler Raumentwicklungspolitiken und damit auf die
räumliche Entwicklung in der EU ausüben. Raumwirksam
heißt in diesem Zusammenhang, daß durch gemeinschaft-
liche Maßnahmen räumliche Strukturen und Potentiale in
Wirtschaft und Gesellschaft und damit Flächennutzungen
und Landschaftsbilder verändert werden. Außerdem kann
die Wettbewerbssituation bzw. räumliche Bedeutung einer
Stadt oder Region im europäischen Wirtschafts- und Sied-
lungsgefüge beeinflußt werden.
(28) Vornehmlich die folgenden Vertragstitel eröffnen der
Europäischen Kommission Handlungsmöglichkeiten mit
Auswirkungen auf die Raumentwicklung in der EU:
I
Wettbewerbspolitik der Gemeinschaft,
I
Transeuropäische Netze (TEN),
I
Strukturfonds,
I
Gemeinschaftliche Agrarpolitik (GAP),
I
Umweltpolitik,
I
Forschung, Technologie und Entwicklung (FTE),
I
Darlehenstätigkeit der europäischen Investitionsbank.
(29) Besondere Bedeutung kommen den Strukturfonds, den
transeuropäischen Netzen und der Umweltpolitik zu, da sie
unmittelbar Einfluß auf die Entwicklung in den europäischen
Teilräumen nehmen. Grundlage hierfür bilden die im Vertrag
über die Europäische Union vom 7. Februar 1992 formulier-
ten räumlichen Entwicklungsvorstellungen (speziell das
Kohäsionsziel) sowie die damit verbundene Erweiterung der
Kompetenzen, insbesondere für die Transeuropäischen Net-
ze (Art. 129 b EGV), für den wirtschaftlichen und sozialen
Zusammenhalt (Art. 130 a EGV) sowie für den Bereich der
Umwelt (Art. 130 r-t EGV). Mit dem Amsterdamer Vertrag
vom 2. Oktober 1997 wird die Herbeiführung einer ausge-
wogenen und nachhaltigen Entwicklung als eines der we-
sentlichen Ziele der Europäischen Gemeinschaft anerkannt.
Die Förderung des sozialen und territorialen Zusammenhal-
tes ist dabei Aufgabe der Gemeinschaft und der Mitgliedstaa-
ten im Rahmen ihrer jeweiligen Befugnisse. Im Artikel 2 des
Amsterdamer Vertrages werden die Bedeutung des Umwelt-
schutzes und die Verbesserung der Umweltqualität als Ge-
meinschaftsaufgaben hervorgehoben.
(30) Finanziell gesehen sind die gemeinschaftliche Agrar-
politik (GAP) und die Struktur- und Kohäsionsfonds die
wichtigsten politischen Maßnahmen der EU (vgl. Abb. 6).
1997 entfielen von den 80,2 Mrd. ECU des Haushalts der
EU 83% allein auf diese beiden Bereiche
26
.
(31) In den meisten Fällen haben die Zielsetzungen der EU-
Politiken – gemäß der im Vertrag festgelegten Definitionen
– keinen räumlichen Charakter. Dennoch beeinflussen sie
erheblich das Territorium der EU. Die räumlichen Auswir-
kungen hängen von der spezifischen Art der Intervention
ab, sei sie finanzieller (z. B. Einkommenshilfe, regionale
und horizontale Strukturmaßnahmen, Maßnahmen im Be-
reich der Fachpolitiken, wie die Finanzierung von For-
schungsprogrammen), gesetzgeberischer (z. B. Wettbe-
werbsregelungen, Liberalisierung des Marktes, Umweltge-
setze, marktorientierte Instrumente) oder planerischer
(z. B. transeuropäische Verkehrs- und Energienetze) Natur.
So beeinflussen beispielsweise die planungsrelevanten EG-
Forschung und
Technologische
Entwicklung 3,8 %
Strukturmaßnahmen
und Fischerei 32,8 %
Landwirtschaft
(EAGFL-Garantie)
50,5 %
Andere
Abb. 6: EU-Haushalt 1997
Quelle: Europäischer Rechnungshof,
Jahresbericht zum Haushaltsjahr 1997
2 Einfluß der Politiken der Gemeinschaft auf
das Territorium der EU

Richtlinien zur Herstellung eines kohärenten Biotop-
systems die Flächennutzung. Ferner beeinflussen die Ge-
meinschaftspolitiken direkt das Verhalten wirtschaftlicher
Akteure. Deren Handlungen sind darüber hinaus durch
Marktkräfte bestimmt, die wiederum durch den gemeinsa-
men Binnenmarkt verstärkt werden. Bereits die Vielfalt der
Interventionsmethoden der Gemeinschaftspolitiken läßt
auf eine schwierige Erfassung der tatsächlichen räumlichen
Auswirkungen schließen. Das EUREK kann eine erste Be-
urteilungsgrundlage hierfür darstellen.
2.2 EU-Politiken mit räumlichen
Auswirkungen
2.2.1 Wettbewerbspolitik der Gemeinschaft
(32) Der Wettbewerbspolitik kommt eine Schlüsselrolle bei
der Integration der einzelnen nationalen Märkte zu einem
gemeinsamen europäischen Markt zu. Es wurden eine Rei-
he von Regeln zum Wettbewerb aufgestellt. Diese Regeln
dienen dazu, Kartelle zu verhindern und den Mißbrauch
durch marktbeherrschende Unternehmen auszuräumen,
Zusammenschlüsse bzw. Übernahmen von Firmen zu kon-
trollieren und einen Rahmen für staatliche Beihilfen be-
reitzustellen.
(33) Die entsprechenden Maßnahmen haben erhebliche
Auswirkungen auf die räumliche Verteilung von wirt-
schaftlichen Aktivitäten und von Handelsstrukturen in der
EU. So kann die Liberalisierung des Marktes den Wettbe-
werb zwischen Städten und Regionen in der Regel zugun-
sten derjenigen Gebiete erhöhen, die die besseren Stan-
dortbedingungen haben.
(34) Die Politik der Kommission erkennt durchaus die Not-
wendigkeit zur Intervention an, um das Gleichgewicht zwi-
schen Wettbewerb und Zielen des allgemeinen Interesses
sicherzustellen. So wird beispielsweise bei den Telekom-
munikations- und Postmärkten die Liberalisierung durch
Vorkehrungen begleitet, welche ein Mindestangebot an
Universaldienstleistungen in allen Regionen sichern.
(35) Die Gemeinschaftspolitik bezüglich staatlicher Bei-
hilfen hat ebenfalls eine explizite räumliche Auswirkung.
Grundsätzlich gilt das Prinzip, daß Staatsbeihilfen mit dem
Gemeinsamen Markt nicht vereinbar sind. Dennoch sind
unter außergewöhnlichen Umständen bestimmte Kategori-
en von Hilfen zulässig. Eine davon betrifft staatliche Bei-
hilfen, welche die wirtschaftliche Entwicklung oder Kon-
version regional, in klar abgegrenzten Fördergebieten, un-
terstützen. Um die Kohärenz zwischen der Politik der
Staatsbeihilfen und dem Ziel des wirtschaftlichen und so-
zialen Zusammenhalts zu verbessern, hat die Kommission
in den letzten Jahren versucht, Staatsbeihilfen auf die
schwächsten Regionen zu konzentrieren sowie einen Ab-
stand bei der Förderintensität in den Regionen sicherzu-
stellen, der es den schwächeren Regionen erlaubt, ihre
strukturellen Nachteile zu kompensieren.
2.2.2 Transeuropäische Netze (TEN)
(36) Der Unionsvertrag verpflichtet die Gemeinschaft, zum
Auf- und Ausbau von transeuropäischen Netzen in den Be-
reichen Verkehr, Telekommunikation und Energieversor-
gungsinfrastrukturen beizutragen. Dieser Auftrag soll ins-
besondere den Gemeinschaftszielen eines reibungslosen
Funktionierens des Binnenmarktes sowie der Stärkung des
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhaltes dienen. Um
diesem Auftrag gerecht zu werden, soll die Integration der
nationalen Netze sowie der Zugang zu den Netzen, insbe-
sondere zur Anbindung insularer, eingeschlossener und pe-
ripherer Gebiete an die zentralen Gebiete, verbessert wer-
den.
(37) Unter raumentwicklungspolitischen Gesichtspunkten
und in finanzieller Hinsicht sind die TEN-Maßnahmen im
Bereich Verkehr am bedeutsamsten. Sie zielen auf die För-
derung eines gut funktionierenden und nachhaltigen Ver-
kehrssystems ab. Die Konzepte für die Entwicklung der
Netze sind in den Gemeinschaftsrichtlinien festgelegt.
Dazu gehören unterschiedliche Verkehrsinfrastrukturnetze,
Verkehrsregelungs- sowie Navigationssysteme. Auf die
TEN-Maßnahmen im Bereich des Verkehrs entfallen über
80% des gesamten TEN-Budgets. Ein großer Teil der TEN-
Verkehrsinvestitionen (rund 25% in 1996/97) konzentriert
sich derzeit auf den Bau von Hochgeschwindigkeits-
strecken der Bahn, die zumeist Verdichtungsregionen mit-
einander verbinden (vgl. Karte 2). Diese Strecken werden
denjenigen Städten den höchsten Nutzen bringen, die in
der Nähe von Haltepunkten des Hochgeschwindigkeitsver-
kehrs liegen und bisher über eine vergleichsweise schlech-
te Anbindung verfügen. In Räumen mit hoher Straßenver-
kehrsbelastung durch Fernverkehr können die Hochge-
schwindigkeitsstrecken einen Anreiz für Verlagerungen auf
die Schiene bieten und in der Folge zur Entlastung des
Straßenverkehrs und damit der Umwelt beitragen. Die ge-
stiegenen Verkehrsleistungen, insbesondere des Straßen-
und Flugverkehrs, beeinträchtigen inzwischen die Wettbe-
werbsfähigkeit einzelner zentral gelegener Gebiete in der
EU. Es wird immer deutlicher, daß sich Verkehrssteigerun-
gen durch reine Ausweitung der Straßeninfrastruktur nicht
länger bewältigen lassen. Raumentwicklungspolitische und
14
Einfluß der Politiken der Gemeinschaft auf das Territorium der EU

15
EUREK
städtebauliche Maßnahmen zur Beeinflussung des Stan-
dortverhaltens von lokaler Wirtschaft und Bevölkerung
werden nötig sein, um die Voraussetzungen für eine Verla-
gerung des Straßenverkehrs auf umweltverträgliche Ver-
kehrsträger, öffentlichen Personennahverkehr, Fahrrad-
und Fußgängerverkehr zu verbessern. Auch im Fernver-
kehr bedarf es zur nachhaltigen Sicherung des Verkehrs-
wesens einer Vielzahl verschiedener Initiativen, die insbe-
sondere die Nutzung der umweltverträglicheren Verkehrs-
mittel Schiene und im Güterverkehr auch der Binnenwas-
serstraßen sowie des Küsten- und Seeverkehrs erhöhen.
(38) Die modernen Telekommunikationstechnologien und
-dienstleistungen bieten die Möglichkeit, Entwicklungen in
ländlichen oder unzugänglichen Regionen zu unterstützen.
Sie können die räumliche Benachteiligung überwinden und
durch Telearbeit, -lernen und -shopping die Lebenssituation
sowie die Standortbedingungen für wirtschaftliche Akti-
vitäten verbessern. Die Förderung neuer innovativer Dienst-
leistungen und Anwendungen der Telekommunikation ist
eines der Ziele der Transeuropäischen Netze, die Auswir-
kungen auf die Raumentwicklung haben werden. Erste An-
zeichen der Liberalisierung weisen jedoch darauf hin, daß
Wettbewerb und kommerzielle Nutzung die Investitionen in
Gebiete mit hoher Nachfrage lenken, da diese die höchsten
Gewinne versprechen. Die abgelegeneren Regionen, in de-
nen nur ein geringes Marktpotential vorhanden ist, drohen
weiter zurückzufallen. Um dieser Entwicklung entgegenzu-
wirken, zielen Initiativen der Gemeinschaft darauf ab, die
Verfügbarkeit von Universaldienstleistungen zu erschwing-
1. Hochgeschwindigkeitsverbindung/
kombinierter Verkehr Nord-Süd
2. Hochgeschwindigkeitsverbindung PBKAL
3. Hochgeschwindigkeitsverbindung Süd
4. Hochgeschwindigkeitsverbindung Ost
5. Betuwe-Linie; konventionelle Schienen-
verbindung/kombinierter Verkehr
6. Hochgeschwindigkeitsverbindung/
kombinierter Verkehr Frankreich-Italien
7. Griechische Autobahnen
Pathe und Via Egnatia
8. Multimodale Verbindung Portugal-
Spanien-Mitteleuropa
9. Konventionelle Schienenverbindung
Cork-Dublin-Belfast-Larne-Stranraer
10. Flughafen Malpensa, Milano
14. Hauptstrecke Westküste
13. Straßenverbindung Irland/Vereinigtes
Königreich/Benelux
12. Multimodaler Korridor
Nordisches Dreieck
11. Feste Øresund-Verbindung
(Straße-Schiene) Dänemark-Schweden
Karte 2: Die 14 vorrangigen Projekte der transeuropäischen Verkehrsnetze
Schiene
Straße
Flughafen
Quelle: EU-Kommission GD VII
Hafen
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
0 500 km
1
1
BERLIN
2
PARIS
BRUXELLES
KÖLN
AMSTERDAM
FRANKFURT
MADRID
BARCELONA
IRUN
BILBAO
3
ZARAGOZA
4
METZ
STRASBOURG
SAARBRÜCKEN
MANNHEIM
ROTTERDAM
5
EMMERICH
LYON
TORINO
MILANO
VENEZIA
TRIESTE
6
PATRA
ATHINA
THESSALONIKI
7
8
LISBOA
PORTO
SEVILLA
PALENCIA
CORK
DUBLIN
BELFAST
9
10
MALMÖ
11
GÖTEBORG
STOCKHOLM
TURKU
HELSINKI
12
FELIXSTOWE
HARWICH
HOLYHEAD
14
EDINBURGH(FORTH)
HALLE
LEIPZIG
NÜRNBERG
MÜNCHEN
BRENNER
VERONA
LILLE
LIEGE
DAX
VALLADOLID
MONTPELIER
PERPIGNAN
LUXEMBOURG
ARHNEM
PIRÄEUS
IGOUMENITSA
PROMAHONAS
KIPI
LA CORUÑA
HUELVA
FUENTES
DE ONDRO
LONDON-
DERRY
LARNE
KARLSTAD
NORRKÖPING
LAHTI
TAMPERE
13
LONDON
LIVERPOOL
MANCHESTER
BIRMINGHAM

lichen Preisen auch in diesen Regionen zu sichern. Aller-
dings bietet die Verfügbarkeit von Informations- und Kom-
munikationsmitteln allein noch keine Gewähr für positive
Regionalentwicklungen. Weitere Voraussetzungen sind bei-
spielsweise das Qualifizierungs- und Ausbildungsniveau
oder die Förderung eines öffentlichen Bewußtseins für die
Möglichkeiten der Informationsgesellschaft. Trotz des be-
trächtlichen Fortschritts während der letzten Jahre gibt es
noch immer große räumliche Unterschiede im Telekommu-
nikationsangebot sowohl zwischen den Regionen der zen-
tral gelegenen Mitgliedstaaten und der Kohäsionsländer als
auch innerhalb der Mitgliedstaaten.
(39) Die TEN-Maßnahmen im Energiebereich haben zwei
wichtige räumliche Auswirkungen. Auf der einen Seite
können die Produktion und Weiterleitung von Energie Aus-
wirkungen im Bereich der Flächennutzung haben. Auf der
anderen Seite können Energieverteilung und Verbrauchs-
technologien die räumliche Entwicklung über dadurch in-
duzierte Änderungen des Konsumverhaltens der Energie-
verbraucher beeinflussen. Von den TEN im Bereich Strom
und Gas ist durch den Verlauf der Leitungen oder die Er-
richtung beispielsweise von Kraftwerken vor allem die lo-
kale Planung betroffen. Schwierigkeiten treten hier insbe-
sondere im Hinblick auf die komplexen Genehmigungs-
verfahren, die vielfältigen technischen und ökologischen
Sachzwänge und die Akzeptanz seitens der Bevölkerung
auf. Zudem erfordern die Gasversorgungsnetze umfangrei-
che Lagerkapazitäten, normalerweise in unterirdischen
Tanks. Die Standortwahl folgt geologischen Kriterien, was
die möglichen Optionen der Raumentwicklungspolitik ein-
schränkt. Aus dem Blickwinkel der Raumentwicklung sind
erneuerbare Energiequellen (durchschnittlich 6% des Ver-
brauchs in der gesamten EU) besonders vielversprechend.
Einerseits tragen sie zur Verminderung der Umweltwir-
kungen des Energiesektors bei. Andererseits eignen sie sich
besonders für dezentrale Versorgungssysteme und örtlichen
Einsatz, der mehr oder weniger unabhängig vom Vertei-
lungsnetz ist, und stärken damit die Flexibilität des Systems
und die wirtschaftliche Bereitstellung von Energie in abge-
legenen Regionen.
2.2.3 Strukturfonds
(40) Die Strukturfonds – und insbesondere der Europäi-
sche Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) – folgen
der Zielsetzung der wirtschaftlichen und sozialen Kohäsi-
on (gemessen an traditionellen makroökonomischen Indi-
katoren). Dem ersten Bericht über den wirtschaftlichen und
sozialen Zusammenhalt ist zu entnehmen, daß sich zwar die
Entwicklungsunterschiede zwischen den Mitgliedsländern
der Union verringert haben, gleichzeitig aber der regionale
Konzentrationsprozeß ökonomischer Aktivitäten fort-
schreitet. Dies dürfte nicht zuletzt auf die oft fehlenden Me-
chanismen zur räumlichen Koordinierung zurückzuführen
sein, die zu einer ausgewogeneren Verteilung wirtschaftli-
cher Aktivitäten substantiell beitragen könnten. Neben der
traditionellen Fördergebietskulisse gewinnen daher zuneh-
mend räumliche Typologien (wie beispielsweise städtische
Gebiete) als Rahmen für die Interventionen der Fonds an
Bedeutung.
(41) Rund 30 - 40% der Fördermaßnahmen der Regional-
fonds in Ziel-1-Gebieten
27
liegen in Städten. Maßnahmen in
Ziel-2-Gebieten
28
haben in vielen Mitgliedstaaten ebenfalls
häufig einen städtischen Charakter. Sektorübergreifende
Maßnahmen sind erforderlich, um der Konzentration von
sozialen Problemen, Umweltschäden, Kriminalität und
wirtschaftlichem Niedergang in bestimmten Stadtgebieten
entgegenzuwirken. Städtische Probleme können aber nicht
räumlich isoliert behandelt werden. Vielmehr sind Maß-
nahmen gefordert, welche die städtischen Zentren als Be-
standteil eines erweiterten (regionalen) Territoriums be-
trachten. Diesen integrierten Ansatz gilt es für die nächste
Generation der Strukturinterventionen weiterzuentwickeln.
(42) Das programmbezogene System der Strukturfonds bie-
tet die Möglichkeit, integrierte Entwicklungspläne zu er-
stellen. Auf diese Weise kommen die raumentwicklungspo-
litischen Chancen besser zum Tragen. Durch das Prinzip
der Partnerschaft wird der integrierte Ansatz weiter ver-
stärkt, da alle relevanten regionalen Akteure entsprechend
der nationalen Regeln und der vorherrschenden Praxis in
den Entscheidungsprozeß eingebunden werden. Dies dient
einer verbesserten Koordinierung von direkten Fördermaß-
nahmen mit Vorhaben, die nicht durch die Fonds gefördert
werden.
(43) Küstengebiete erfordern eine spezielle Aufmerksam-
keit, da sie z. T. intensivem Druck und Konflikten zwischen
konkurrierenden Flächennutzungen ausgesetzt sind. Die
Integration des Finanzinstruments für die Ausrichtung der
Fischerei (FIAF) in die Strukturfonds und die Einbezie-
hung der von Fischerei abhängigen Gebiete (FDA) in die
Fördergebietskulisse des Regionalfonds markieren eine
grundsätzliche Entwicklung auf dem Weg von einer Fach-
politik hin zu einer integrierten Politik für Küstengebiete.
Derzeit entfallen mehr als 50% der Finanzmittel des FIAF
auf Strukturmaßnahmen in den Kohäsionsländern. Zudem
trägt die Gemeinschaftsinitiative PESCA aktiv dazu bei,
Personen und Unternehmen in den FDA auf neue Aktivitä-
ten auszurichten sowie die Struktur der FDA zu diversifi-
16
Einfluß der Politiken der Gemeinschaft auf das Territorium der EU

zieren (Umstrukturierung von Häfen zu Gebieten mit viel-
fältigen Aktivitäten maritimer Art, Kombination von Fi-
scherei und Aquakultur mit Tourismus, usw.).
(44) Die Ziele der Strukturpolitik werden ferner durch Ge-
meinschaftsinitiativen unterstützt. Aus Sicht der Raument-
wicklung ist die Gemeinschaftsinitiative INTERREG die
bedeutendste Maßnahme der Strukturfonds, da mit ihr ein
querschnittsorientierter Ansatz zur Raumentwicklung ver-
folgt wird. Nicht der Einzelsektor, wie Schiffbau, Bergbau
oder Textil, steht im Vordergrund, sondern das Zusammen-
spiel der raumbeeinflussenden Faktoren in einem integrier-
ten Entwicklungsansatz in Grenzregionen und größeren
transnationalen Kooperationsgebieten.
2.2.4 Gemeinschaftliche Agrarpolitik (GAP)
(45) Die gemeinschaftliche Agrarpolitik (GAP) ist primär
sektoral auf eine Steigerung der Produktivität ausgerichtet.
Eine 1992 durchgeführte Reform der GAP zielte darauf ab,
Finanzhilfen für die Aufgabe von Anbauflächen zu verge-
ben, mit dem Ergebnis, daß zwischen 1993 und 1994 ca. 6
Mio. ha landwirtschaftlicher Nutzfläche stillgelegt worden
sind. Dieser Ansatz erbrachte insbesondere für die land-
wirtschaftlichen Einkommen in bereits intensiver bewirt-
schafteten Teilen der EU Vorteile, da sich die an die Land-
wirte gezahlten Beträge nach den früheren Erträgen richte-
ten. Areale, in denen eine weniger intensive Bewirtschaf-
tung stattfand, waren dadurch tendenziell benachteiligt,
wodurch das Wohlstandsgefälle zwischen einzelnen Agrar-
regionen noch verschärft wurde.
(46) In diesem Zusammenhang zeigen Untersuchungen über
die räumlichen Auswirkungen der GAP auf Einkommen, Ar-
beitsmarkt, Infrastruktur und natürliche Ressourcen die enge
und spezifische Beziehung zwischen der Landwirtschaft und
ländlichen Räumen. Damit bestimmt die GAP die Entwick-
lung vieler ländlicher Räume. Die Wirkungen variieren von
Region zu Region beträchtlich. Sie sind abhängig von den
spezifischen umweltbezogenen, kulturellen, sozialen und
wirtschaftlichen Bedingungen und teilweise auch von Pro-
duktionstypen und Marktorganisationen.
(47) Intensivierung, Konzentration und Spezialisierung der
landwirtschaftlichen Produktion haben aber auch einige ne-
gative Folgen für die räumliche Entwicklung. Dazu
gehören beispielsweise die Eintönigkeit der Landschafts-
bilder, die Aufgabe traditioneller Bewirtschaftungsmetho-
den, die Nutzung großer Teile von Feuchtgebieten, Heide-
landschaften und natürlichen Magerwiesen, die Grundwas-
serverschmutzung durch verstärkten Einsatz von Pestiziden
17
und Düngemitteln und der Rückgang der Artenvielfalt. Seit
nahezu zwei Jahrzehnten werden Versuche unternommen,
die Agrarstrukturpolitik in einen größeren wirtschaftlichen
und sozialen Kontext des ländlichen Raumes einzubinden.
Die Erfahrung zeigt, daß die Diversifizierung von Aktivitä-
ten für die Landwirte neue Perspektiven und Möglichkeiten
eröffnet. Dies gilt beispielsweise für die Entwicklung und
Vermarktung qualitativ hochwertiger Produkte sowie
Agrartourismus und Investitionsvorhaben im Zusammen-
hang mit der Umwelt, denen früher eher marginale Bedeu-
tung zukam.
(48) Ein Schlüsselelement der Reformen von 1992 betrifft
umweltschutzbezogene Belange der Landwirtschaft. Es
gibt Beispiele, daß Programme zur Verminderung der In-
tensität von Viehzucht und einer umweltbewußteren Be-
wirtschaftung landwirtschaftlicher Nutzflächen finanzielle
Gewinne erbracht haben. Diese Förderprogramme sind je-
doch nur mit einem GAP-Budgetanteil von 3% ausgestat-
tet. Gegenwärtig wird lediglich 1% des Territoriums öko-
logisch bewirtschaftet, davon werden 75% von der EU un-
terstützt.
(49) Eine verbesserte Abstimmung zwischen diesen
Politikbereichen zur Entwicklung ländlicher Räume wird
auch deshalb notwendig, weil die EU-Erweiterung und die
Fortsetzung der Welthandelsgespräche im Jahr 1999 wahr-
scheinlich zu großen Herausforderungen für die Agrarwirt-
schaft führen werden. Mehr Wettbewerb auf globalen Märk-
ten kann den Druck zur Intensivierung der Produktion in be-
stimmten Regionen erhöhen. Das kann zu erheblichen nega-
tiven Auswirkungen auf die Umwelt führen. Höchstwahr-
scheinlich wird die Landwirtschaft in strukturell schwäche-
ren ländlichen Regionen auch weiterhin ökonomischem
Druck ausgesetzt sein, der den Bedarf an besseren Strategi-
en zur Raum- und Siedlungsentwicklung (einschließlich
Umweltmanagement) erhöhen wird.
2.2.5 Umweltpolitik
(50) Mit dem Amsterdamer Vertrag erhält die Umweltpoli-
tik ein noch stärkeres Gewicht innerhalb der Gemein-
schaftspolitiken. Umweltschutzanforderungen müssen in
die Durchführung von Gemeinschaftspolitiken und -akti-
vitäten, besonders unter Berücksichtigung der Förderung
der nachhaltigen Entwicklung, integriert sein.
(51) Die Aufgaben der gemeinschaftlichen Umweltpolitik
beinhalten Bestimmungen, die eine Verknüpfung mit der
Raumentwicklung und insbesondere der Flächennutzung
ausdrücklich betonen. Beispielsweise soll durch die EU-
EUREK

weite Ausweisung von Schutzgebieten ein Biotopverbund-
system entstehen, das die Bezeichnung „Natura 2000“
trägt. Bestandteile dieses Biotopverbundsystems sind Vo-
gelschutzgebiete und Fauna-, Flora-, Habitat-Schutzgebie-
te, in denen bestimmte Lebensräume und Arten geschützt
werden sollen, wobei sozio-ökonomische und regionale
Belange Berücksichtigung finden. Ziel der EG-Nitratrege-
lung
29
ist es, den Nitratgehalt landwirtschaftlicher Flächen
zu reduzieren und weitere Verunreinigungen des Grund-
wassers zu vermeiden.
(52) Eine Reihe anderer Gemeinschaftsaktivitäten wirken
sich indirekt auf die Flächennutzung bzw. Raumentwick-
lung aus, wie etwa die Richtlinie 85/337/EWG, welche die
Durchführung und Veröffentlichung von Umweltverträg-
lichkeitsprüfungen bei großen Projekten vorschreibt, eine
Reihe weiterer Richtlinien, die Qualitätsstandards für na-
turnahe Gebiete festlegen, und die Regulierungen zur Ver-
ringerung der Emissionen.
(53) Darüber hinaus hat die Kommission 1996 ein Demon-
strationsprogramm über ein integriertes Management von
Küstengebieten aufgelegt, das die Förderung eines nach-
haltigen Managements durch Zusammenarbeit und inte-
grierte Planung vorsieht. Alle relevanten Akteure werden
auf einer geeigneten räumlichen Ebene einbezogen. Dies
stellt einen Versuch dar, einen integrierten territorialen An-
satz auf Gemeinschaftsebene zu verfolgen sowie Empfeh-
lungen für eine europäische Strategie für das integrierte
Management von Küstengebieten zu entwickeln
30
.
(54) Im Verlauf der Jahre hat die Umweltpolitik der Ge-
meinschaft die Entwicklung städtischer Gebiete über die
Gesetzgebung zur Abfall- und Abwasserbehandlung,
Lärmbelastung und Umweltverschmutzung zunehmend be-
einflußt. Beispielsweise werden Belastungsgrenzen beim
Lärm oft in nationale Gesetze und in Methoden zur Planung
der Flächennutzung aufgenommen und beeinflussen damit
neue Entwicklungen der Infrastruktur. In ähnlicher Weise
können Grenzwerte für die luftverschmutzenden Stoffe di-
rekte Auswirkungen auf die Entwicklung städtischer und
industrieller Gebiete haben.
(55) Die umweltpolitischen Anforderungen werden zu be-
deutenden Standortfaktoren für die Unternehmensansied-
lung. Diesbezügliche gemeinschaftsrechtliche Vorgaben sind
für einige Mitgliedstaaten nicht nur in ökologischer Hinsicht,
sondern auch in ökonomischer Hinsicht erheblich.
2.2.6 Forschung, Technologie und Entwicklung
(FTE)
(56) Geleitet durch ein mehrjähriges Rahmenprogramm,
das sich aus verschiedenen Forschungs- und Demonstra-
tionsprogrammen zusammensetzt, fördert die FTE-Politik
der Gemeinschaft die Zusammenarbeit mit und zwischen
Unternehmen, Forschungszentren und Universitäten. Das
Augenmerk liegt dabei auf einer Stärkung der wissen-
schaftlichen und technologischen Grundlagen der Industrie
und ihrer Wettbewerbsfähigkeit im weltweiten Maßstab.
Weitere Vorgaben sind die Zusammenarbeit mit Drittstaa-
ten und internationalen Organisationen, die Verbreitung
und Anwendung von Ergebnissen der FTE-Politik und die
Förderung von Ausbildung und Mobilität von Forschern
aus der Gemeinschaft.
(57) Regionalspezifische Auswahlkriterien gibt es nicht.
Die regionale Verteilung der FTE-Mittel ergibt sich daher
aus der geographischen Verteilung hochqualifizierter For-
schungs- und Technologieeinrichtungen auf die Städte und
Regionen in der EU. Es wäre jedoch ein voreiliger Schluß,
daraus abzuleiten, daß die FTE-Politik die weniger ent-
wickelten Regionen vernachlässigen würde und sich aus-
schließlich auf die hochentwickelten wirtschaftsstarken
Regionen konzentriert, in denen naturgemäß die Mehrzahl
der zu fördernden Einrichtungen liegt. Beispielsweise
stammte von den zehntausenden von Institutionen, die in
den letzten 15 Jahren gegründet und unterstützt wurden,
eine bemerkenswert hohe Anzahl aus strukturschwächeren
Regionen. Zudem bieten die Ausbildungs- und die Mobi-
litätsanreize für Forscher in benachteiligten Regionen
größere Möglichkeiten, mit Regionen, die über vielfältige
Forschungseinrichtungen verfügen, zusammenzuarbeiten.
Ferner zielen spezifische Programme innerhalb des fünften
Rahmenprogramms speziell auf Forschungen zur räum-
lichen Entwicklung ab, wie etwa „die Stadt von morgen
und das Kulturerbe“, „ein nachhaltiges Management von
Land-, Forstwirtschaft und Fischerei - inklusive integrier-
ter Entwicklung von ländlichen Gegenden“ und „nachhal-
tigem Management und Wasserqualität“.
(58) Die neue Struktur des fünften Rahmenprogramms
wird die Entwicklung und Implementierung verschiedener
Politiken der Gemeinschaft besser unterstützen, darunter
auch jene mit einer deutlich räumlichen Ausrichtung.
Strukturschwächere Regionen können durchaus Ziel der
gemeinschaftlichen Forschungs-, Technologie- und Ent-
wicklungspolitik sein. Erfahrungen (wie z. B. in Schottland
oder in den neuen Ländern in Deutschland) zeigen, daß
auch wirtschaftlich schwache Regionen in der Lage sind,
18
Einfluß der Politiken der Gemeinschaft auf das Territorium der EU

leistungsfähige Forschungs- und Technologiezentren neu
anzusiedeln und zu „halten“. Hierzu bedarf es allerdings ei-
ner engen Kooperation nationaler, regionaler und lokaler
Akteure und eines zielorientierten Regional- oder Stadt-
marketings. Das EUREK kann hier als Rahmen für eine
entsprechende Zusammenarbeit dienen.
2.2.7 Darlehenstätigkeit der Europäischen Inve-
stitionsbank
(59) In den letzten Jahren hat die Gemeinschaft Struktur-
förderung zunehmend auch außerhalb ihres Haushaltes
durch Darlehensvergabe verschiedener EG-Institutionen
betrieben. Dabei spielt die Europäische Investitionsbank
(EIB) die zentrale Rolle. Mit dem gleichen Finanzvolumen
kann über Darlehen im Vergleich zu Zuschüssen eine
größere Zahl von Adressaten erreicht werden. Der größere
„Anstoßeffekt“ erlaubt es, eine höhere Zahl an Investi-
tionsprojekten zu fördern. Der Eigenbeitrag der Kreditneh-
mer erhöht zudem die wirtschaftspolitische Effizienz.
Schließlich bietet sich die Darlehensvergabe bei Projekten
mit langer Laufzeit an. Hierzu zählen insbesondere Infra-
strukturprojekte. Deren Finanzierung über Darlehen hat
den fiskalischen Vorteil, daß die ausgelösten volkswirt-
schaftlichen Wachstumseffekte in Form von höheren
Steuereinnahmen zur Zins- und Tilgungsleistung eingesetzt
werden können. Das Hauptziel der EIB-Darlehen ist die
Förderung des Ausbaus von Infrastruktur und Investitionen
in weniger begünstigten Regionen der EU. Auch bei der
Bewältigung der anstehenden Osterweiterung könnten
Darlehen einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der
Raum- und Siedlungsstruktur leisten. Die zinsgünstigen
Darlehen der EIB in der Gemeinschaft beliefen sich im
Zeitraum 1991 bis 1995 auf 84 Mrd. ECU, was rund 90%
der insgesamt vergebenen Darlehen entsprach.
2.3 Für eine verbesserte räumliche
Kohärenz der EU-Politiken
(60) Auch wenn die Zielsetzungen der meisten Gemein-
schaftspolitiken keinen unmittelbaren räumlichen Charakter
haben, so stehen hinter ihnen doch eine Reihe von räumlichen
Vorstellungen, die wie folgt unterschieden werden können:
I
Festlegung der zuschußfähigen Gebiete und Festsetzung
der jeweiligen Förderhöhe
Diese Gebiete bestimmen die Interventionen der räum-
lichen Strukturpolitik sowie die Möglichkeit der Ge-
währung nationaler raumwirksamer Finanzhilfen. Zu
nennen sind beispielsweise die Zielgebiete nach dem
Regionalfonds.
19
I
Verbesserung der Infrastruktur
Eine Reihe von Gemeinschaftspolitiken haben zum
Ziel, die Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen si-
cherzustellen, die unmittelbare Auswirkungen auf den
Raum haben. Dies gilt beispielsweise für die transeu-
ropäischen Netze, insbesondere im Verkehrs- und Ener-
giebereich, sowohl bei linienhafter (z. B. Autobahnen,
Hochspannungsleitungen) als auch standortbezogener
Infrastruktur (z. B. Güterverkehrszentren, Kraftwerke).
I
Verwendung von Raum- /Flächenkategorien
Bei einigen Gemeinschaftspolitiken werden Raum-
bzw. Flächenkategorien verwendet, beispielsweise bei
der Anwendung von Rechtsvorschriften im Bereich
Umweltschutz (z. B. Gebiete, die im Rahmen des Netz-
werkes „Natura 2000“ zum Schutz von Biotopen sowie
bestimmten Tier- und Pflanzenarten ausgewählt wer-
den), bei der Zuteilung bestimmter Subventionen (z. B.
Bergregionen, deren Landwirtschaft nach einer be-
stimmten Richtlinie bezuschußt wird, und Inseln gemäß
Artikel 130 a Amsterdamer Vertrag) oder bei der Fest-
legung bestimmter Themen im fünften Rahmenpro-
gramm für Forschung, Technologie und Entwicklung.
I
Entwicklung funktionaler Synergien
Im Rahmen einiger Gemeinschaftspolitiken werden
räumliche Elemente berücksichtigt, um funktionale
Interdependenzen herzustellen und um Synergieeffekte
hervorzuheben. So werden bei Forschungen im Verkehrs-
bereich Wechselwirkungen zwischen der Raumnutzung und
dem Verkehrsbedarf oder die Anforderungen einer
nachhaltigen Mobilität an die Verkehrsmittelwahl behan-
delt. Die Regionalpolitik versucht, dem örtlichen Bedarf
entsprechend regionale Innovationsstrategien zu fördern;
die Energiepolitik befaßt sich u. a. mit der Nutzung der Son-
nenenergie im Einklang mit den Zielen der Stadtplanung.
I
Integrierte räumliche Entwicklungsansätze
Über die bloße Anerkennung funktionaler Wechselwir-
kungen und die Entwicklung möglicher Synergieeffek-
te hinaus versuchen einige Gemeinschaftspolitiken ei-
nen integrierten und multisektoralen Ansatz mit einer
starken räumlichen Dimension zu entwickeln. Dies gilt
für die Gemeinschaftsinitiative Transnationale Zusam-
menarbeit in der Raumentwicklung (INTERREG II C),
für die Politik der integrierten Entwicklung ländlicher
Räume (LEADER) sowie für das Demonstrationspro-
gramm für ein integriertes Management der Küstenge-
biete (ICZM). Von diesen anspruchsvollen integrierten
Entwicklungsansätzen gibt es bislang jedoch verhält-
nismäßig wenige.
EUREK

20
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
(61) Die Gemeinden und Regionen profitieren in unter-
schiedlichem Maße von den Ausgaben raumwirksamer Po-
litiken, die sowohl von der EU insgesamt als auch nach EU-
weit geltenden Regelungen von den einzelnen Mitglied-
staaten vorgenommen werden. Dabei ergänzen sich die
räumlichen Auswirkungen der Gemeinschaftspolitiken nicht
zwangsläufig im Sinne einer stärker regional ausgewoge-
nen Entwicklung. Auch stimmen sie nicht automatisch mit
den Entwicklungsvorstellungen der Regionen und Städte
überein. Ohne gegenseitige Abstimmung verstärken sie
vielfach ungewollt regionale Entwicklungsunterschiede, da
sie sich ausschließlich von sektoralen Fachzielen – ohne
Raumbezug – leiten lassen.
(62) Die Mitgliedstaaten und die Kommission betrachten
das EUREK als ein Instrument, daß dazu beitragen kann,
die Abstimmung der Gemeinschaftspolitiken zu verbes-
sern. Die möglichst frühe Berücksichtigung der politischen
Ziele und Optionen bei der Formulierung und Beurteilung
der Fachpolitiken der Gemeinschaft wird sich auf die Ent-
wicklung der Gemeinden und Regionen positiv auswirken.
Kennen andererseits die lokalen und regionalen Gebiets-
körperschaften die räumlichen Auswirkungen der fachpo-
litischen Entscheidungen auf EU-Ebene frühzeitig, dann
können sie hierauf besser reagieren.
(63) Die frühzeitige Berücksichtigung der regional unter-
schiedlichen Auswirkungen der EU-Fachpolitiken ist daher
notwendig. Die Verwirklichung der räumlichen Entwick-
lungsziele in der EU hängt damit nicht nur von dem zur
Verfügung stehenden Finanzvolumen ab, sondern in zu-
nehmendem Maße von der frühzeitigen Zusammenarbeit
raumwirksamer Fachpolitiken. In dieser Hinsicht ist es
dringend notwendig, Mechanismen zur Stärkung der Zu-
sammenarbeit innerhalb der Dienststellen der Europäi-
schen Kommission zu entwickeln, um die räumliche
Kohärenz der Politiken sicherzustellen. Darüber hinaus ist
eine systematische Erforschung und Beurteilung der räum-
lichen Auswirkungen der geltenden EU-Politiken durch die
Kommission erforderlich.
3.1 Räumliche Orientierung von
Politiken
(64) Die regional sehr verschieden wirkenden Gemein-
schaftspolitiken und die räumlichen Entwicklungsunter-
schiede belegen, daß die Gemeinden und Regionen der EU
im Zuge der WWU keineswegs automatisch zu einem re-
gional ausgewogenen Raum zusammenwachsen. Vielmehr
müssen räumlich differenzierte Maßnahmen ergriffen wer-
den, um die Chance, die die europäische Integration für
eine nachhaltige und damit regional ausgewogene Ent-
wicklung der EU darstellt, besser nutzen zu können.
(65) In den folgenden Kapiteln werden hierfür politische
Ziele und Optionen aufgestellt, die von allen an der Raum-
entwicklung beteiligten Behörden und Regierungsstellen
berücksichtigt werden können. Die raumwirksamen Fach-
politiken auf der Gemeinschafts-, National-, Regional- und
Lokalebene können damit frühzeitig darauf achten, daß ne-
ben der Verwirklichung ihrer sektoralen Ziele auch räumli-
che Leitbilder für das Territorium der EU berücksichtigt
werden. Das betrifft insbesondere die drei folgenden räum-
lichen Grundvorstellungen:
I
Entwicklung eines polyzentrischen und ausgewogene-
ren Städtesystems und Stärkung der Partnerschaft zwi-
schen städtischen und ländlichen Räumen. Hierbei geht
es auch um die Überwindung des heute nicht mehr an-
gemessenen Dualismus von Stadt und Land.
I
Förderung integrierter Verkehrs- und Kommunikations-
konzepte, die die polyzentrische Entwicklung des EU-
Territoriums unterstützen und die eine wichtige Voraus-
setzung für die aktive Einbindung der europäischen
Städte und Regionen in die WWU darstellen. Schritt-
weise sollen gleichwertige Zugangsmöglichkeiten zu
Infrastruktur und Wissen realisiert werden. Dazu müs-
sen regional angepaßte Lösungen gefunden werden.
I
Entwicklung und Pflege der Natur und des Kulturerbes
durch ein intelligentes Management. Dies trägt auch zur
Bewahrung und Weiterentwicklung der regionalen
Identität und den Erhalt der natürlichen und kulturellen
Vielfalt der Regionen und Städte der EU im Zeitalter der
Globalisierung bei.
(66) Für jedes dieser drei raumentwicklungspolitischen
Leitbilder werden spezielle politische Ziele und Optionen
erarbeitet. Sie gelten nicht gleichermaßen in allen Gebieten
3 Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU

image
21
kommensniveau und eine gut entwickelte Infrastruktur er-
möglichen. Darüber hinaus gibt es einige isolierte Wachs-
tumsinseln (z. B. Barcelona, Öresundregion), deren Wirt-
schaftskraft noch nicht ausreicht, die derzeit ungleichge-
wichtete räumliche Entwicklung nennenswert im Sinne der
grundlegenden Ziele des EUREK zu verändern. Insofern
unterscheidet sich die wirtschaftsgeographische Situation
der EU beispielsweise von den USA, die über mehrere im
Weltmaßstab herausragende wirtschaftliche Integrations-
zonen verfügen: Westküste (Kalifornien), Ostküste, Süd-
westen (Texas), Mittlerer Westen.
(69) Die gegenwärtigen räumlichen Trends in der EU las-
sen eine weitere Ausrichtung von hochwertigen und globa-
len Funktionen auf den Kernraum der EU und daneben nur
noch auf wenige Metropolen erkennen. Auch angesichts
der Erweiterung der EU würde eine weitere Konzentration
der Raumentwicklung auf nur eine einzige global heraus-
ragende, dynamische Integrationszone nicht zu einer Re-
duzierung der Disparitäten zwischen dem zentralen Teil
und einer sich noch vergrößernden Peripherie führen. Eine
neue Strategie der Raumentwicklung ist daher erforderlich.
(70) Die bisherigen raumentwicklungspolitischen Maßnah-
men bestehen im wesentlichen in der Verbesserung der An-
bindung der Peripherie an den Kernraum durch Infrastruktur-
vorhaben. Es bedarf jedoch einer Politik, die eine neue Per-
spektive für die peripheren Gebiete durch eine eher polyzen-
trische Gestaltung des EU-Raumes bietet. Die Schaffung von
mehreren dynamischen Zonen weltwirtschaftlicher Integrati-
on, die im Raum der EU gut verteilt sind und aus miteinander
vernetzten, international gut erreichbaren Metropolregionen
und daran angebundenen Städten und ländlichen Gebieten
unterschiedlicher Größe bestehen, wird eine Schlüsselrolle
bei der Verbesserung des räumlichen Ausgleichs in Europa
spielen. Hochwertigen und globalen Dienstleistungen muß
dabei in Zukunft auch in den Metropolregionen und Groß-
städten außerhalb des Kernraumes der EU mehr Gewicht bei-
gemessen werden.
(71) Ein Raumentwicklungskonzept, das sich nur auf eine
dezentrale Entwicklung von Metropolregionen beschränkt,
entspricht allerdings nicht der Tradition der Erhaltung städ-
tischer und ländlicher Vielfalt in der EU. Anzustreben ist
daher eine dezentrale Siedlungsstruktur mit einer abgestuf-
ten Rangfolge von Städten, die das gesamte Territorium der
EU umfaßt. Sie stellt eine unabdingbare Voraussetzung für
die ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Ge-
meinden und Regionen dar und muß zum eigentlichen
Standortvorteil der EU gegenüber anderen großen Welt-
wirtschaftsregionen ausgebaut werden.
EUREK
der EU, sondern sollten je nach der wirtschaftlichen, sozia-
len und umweltbezogenen Situation räumlich differenziert
im Interesse einer ausgewogenen und nachhaltigen Ent-
wicklung angewendet werden.
3.2 Polyzentrische Raumentwicklung und
eine neue Beziehung zwischen Stadt und
Land
3.2.1 Polyzentrische und ausgewogene Raument-
wicklung in der EU
(67) Aufgrund der früheren und künftigen Erweiterungen
hat die EU inzwischen eine Größe und Vielfalt erreicht, die
einer raumentwicklungspolitischen Strategie bedürfen. Um
eine regional ausgewogene Entwicklung auch bei voller In-
tegration in die Weltwirtschaft sicherzustellen, muß ein po-
lyzentrisches Entwicklungsmodell verfolgt werden. Ein
derartiges Leitbild dient dazu, eine weitere übermäßige
Konzentration von Wirtschaftskraft und Bevölkerung im
Kernraum der EU zu verhindern. Nur durch die Weiterent-
wicklung der relativ dezentral ausgerichteten europäischen
Siedlungsstruktur können die wirtschaftlichen Potentiale
aller Regionen der EU genutzt werden. Die weitere Ver-
besserung der Wettbewerbsfähigkeit der EU im globalen
Maßstab erfordert außerdem die stärkere Einbindung der
europäischen Regionen in die Weltwirtschaft, wobei der
spezielle maritime Charakter der EU günstige Standortvor-
aussetzungen bietet. Der Auf- und Ausbau mehrerer dyna-
mischer weltwirtschaftlicher Integrationszonen stellt ein
wichtiges Instrument zur Beschleunigung der wirtschaftli-
chen Entwicklung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in
der EU dar, insbesondere auch in den gegenwärtig als
strukturschwach (Ziel-1- und Ziel–6-Gebiete des noch gel-
tenden Regionalfonds) eingestuften Regionen.
(68) Zur Zeit gibt es nur eine herausragende größere geo-
graphische Zone weltwirtschaftlicher Integration: den
Kernraum der EU, der das von den Metropolen London,
Paris, Mailand, München und Hamburg begrenzte Gebiet
umfaßt. Diese Zone bietet hochwertige globale Wirt-
schaftsfunktionen und Dienstleistungen, die ein hohes Ein-

(72) Raumwirksame politische Entscheidungen und Inve-
stitionen sollten sich deshalb an einem polyzentrischen
Entwicklungsmodell orientieren. Das gilt auch für den Ein-
satz von Mitteln aus den Strukturfonds, insbesondere in
den heutigen Ziel-1-Gebieten. Geeignete politische Maß-
nahmen und insbesondere die Gewährleistung einer Hoch-
leistungsinfrastruktur auf transnationaler, nationaler und
regionaler Ebene sollten die Entwicklung der jeweiligen
Integrationszonen unterstützen und ergänzen.
(73) Um flächendeckend eine ausgewogene Siedlungs-
struktur zu stärken, müssen Wege und Verfahren gefunden
werden, damit Städte und Regionen einander ergänzen und
miteinander kooperieren können. Hierfür gibt es vielfältige
Möglichkeiten, die zum Teil bereits erprobt worden sind.
Neben Städtenetzen auf regionaler Ebene sind es insbeson-
dere interregionale, transnationale oder gar EU-weite
Städtenetze. Je nach lokaler bzw. regionaler Ausgangs-
lage unterscheiden sich die dabei verfolgten Ziele sowie
Lösungen.
(74) Die Komplementarität zwischen Städten und Regio-
nen zu fördern, bedeutet, die Vorteile des wirtschaftlichen
Wettbewerbs zwischen ihnen zu nutzen und gleichzeitig
die Nachteile des Wettbewerbs zu überwinden. Komple-
mentarität soll jedoch nicht nur auf den Wettbewerb und die
Wirtschaft beschränkt bleiben, sondern soll auf alle Stadt-
funktionen erweitert werden (wie z. B. Kultur, Erziehung
und Bildung und soziale Infrastruktur). Es ist eine Politik
zu verfolgen, die eine effektive Zusammenarbeit zwischen
den Städten fördert, indem auf den gemeinsamen Interes-
sen und dem Beitrag aller Teilnehmer aufgebaut wird. Vor-
aussetzung hierfür ist die Freiwilligkeit der Kooperation
und die Gleichberechtigung der Partner.
(75) Städte weisen vielfältige und sich weiter verstärkende
funktionale Verflechtungen mit ihrem Umland auf.
Diese Verflechtungen über administrative Grenzen hinweg
erfordern eine freiwillige Zusammenarbeit der Kommunen,
um die Region insgesamt im Wettbewerb zu stärken.
Davon profitieren alle beteiligten Partner. Mögliche Felder
einer Zusammenarbeit sind der Nahverkehr, die Aus-
weisung von gemeinsamen Wohn- oder Gewerbegebieten
oder die Abfallwirtschaft. Grenzübergreifende Städtenetze
und –kooperationen können ein Instrument zur Überwin-
dung von Entwicklungsnachteilen im grenznahen Raum
sein.
(76) Die Bildung von Netzen kleinerer Städte in weniger
dicht besiedelten und wirtschaftlich schwächeren Regionen
ist ebenfalls wichtig. In diesen Gebieten stellt die Verknüp-
fung von städtischen Potentialen häufig die einzige Mög-
lichkeit dar, die für den Erhalt wirtschaftsorientierter Ein-
richtungen und Dienstleistungen notwendigen Konsumen-
tenzahlen zu erreichen, die von den jeweiligen Städten al-
lein nicht aufgebracht werden könnten.
(77) Weiter voneinander entfernt liegende Städte sollten in
Netzwerken zusammenarbeiten, durch die Lösungen für
gemeinsame Probleme gefunden werden können. Über den
bloßen Erfahrungsaustausch hinaus sollten dabei gemein-
same Ziele verfolgt und gemeinsame Projekte durchgeführt
werden, etwa zu Fragen des lokalen Verkehrsmanage-
ments, der City-Logistik, der Kooperation von Universitä-
ten und Forschungszentren, dem Umgang mit dem Kul-
turerbe und historischen Stadtzentren sowie die Integration
neuer Zuwanderer in die städtische Gesellschaft.
(78) Eine Zusammenarbeit zwischen Städten und Regionen
über die Außengrenzen der EU hinweg ist eine wichtige
Möglichkeit, die politischen und wirtschaftlichen Bezie-
hungen zu den benachbarten Regionen in Nord-, Mittel-
und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum zu stärken und
eine Zusammenarbeit bei Fragen von strategisch bedeutsa-
mer Infrastruktur und Umweltprojekten zu fördern.
(79)
Politische Optionen
1. Stärkung mehrerer größerer Zonen weltwirtschaft-
licher Integration in der EU, die mit hochwertigen
und globalen Funktionen und Dienstleistungen
auszustatten sind unter Einbindung der peripheren
Gebiete durch transnationale Raumentwicklungs-
konzeptionen.
2. Stärkung eines polyzentrischen und ausgewoge-
neren Systems von Metropolregionen, Stadtgrup-
pen und Städtenetzen durch engere Zusammenar-
beit der Strukturpolitik und der Politik der Trans-
europäischen Netze (TEN) sowie durch Verbesse-
rung der Verbindungen zwischen internationa-
len/nationalen und regionalen/lokalen Verkehrs-
netzen.
3. Förderung integrierter Raumentwicklungsstrategi-
en für Städtesysteme in den einzelnen Mitglied-
staaten sowie im Rahmen von transnationaler und
grenzübergreifender Zusammenarbeit unter Ein-
beziehung des entsprechenden ländlichen Raums
und seiner Städte.
4. Stärkung der fachlichen Zusammenarbeit bei der
Raumentwicklung in Netzwerken auf grenzüber-
greifender und transnationaler Ebene.
22
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU

image
23
EUREK
wicklung sind die folgenden fünf Aspekte von besonderer
Bedeutung:
I
Kontrolle über die Expansion der Städte,
I
Mischung von Funktionen und gesellschaftlichen Gruppen
(was besonders für große Städte gilt, in denen wachsende Be-
völkerungsteile vom Ausschluß aus der städtischen Gesell-
schaft bedroht sind),
I
intelligentes und ressourcensparendes Management des städti-
schen Ökosystems (insbesondere Wasser, Energie und Abfall),
I
eine bessere Erreichbarkeit mit Verkehrsmitteln, die sowohl
effektiv als auch umweltfreundlich sind, sowie
I
die Erhaltung und Entwicklung der Natur und des Kulturerbes
.
(82) Die nachhaltige Stadtentwicklung bietet viele Gele-
genheiten „global zu denken und lokal zu handeln“. Die
UN-Konferenzen in Rio und in Istanbul (Habitat II) haben
globale Maßnahmen angeregt, die auf nationaler und loka-
ler Ebene umgesetzt werden sollten. Dieses Thema muß
von den Gemeinschaftspolitiken und von allen Mitglied-
staaten aufgegriffen werden. Die in diesem Abschnitt ge-
nannten politischen Optionen, die mit der Agenda 21
31
und
der Habitat-Agenda
32
in Zusammenhang stehen, können am
besten durch eine multisektorale, integrierte Stadtentwick-
lungsstrategie angewendet werden.
(83) Die Strategien und Instrumente zur Erreichung einer
nachhaltigen Stadtentwicklung sind in starkem Maße von
den lokaIen, regionalen und nationalen Ausgangsbedingun-
gen in den Städten und Mitgliedstaaten abhängig. Der von
den Mitgliedstaaten initiierte Erfahrungsaustausch zu Ele-
menten einer nachhaltigen Stadtentwicklung bietet gute An-
satzpunkte für die Anwendung der politischen Optionen des
EUREK.
33
In dem EU-Aktionsrahmen hat die Europäische
Kommission ebenfalls politische Zielvorstellungen vorge-
stellt und Maßnahmen für städtische Gebiete vorgeschlagen,
die in Einklang mit den Zielen des EUREK stehen.
34
(84) Um den Trend zur weiteren Expansion der Städte bes-
ser kontrollieren zu können, sollten die Mitgliedstaaten so-
wie ihre lokalen und regionalen Gebietskörperschaften das
Konzept der „kompakten Stadt“ (die Stadt der kurzen
Wege) verfolgen. Dazu gehört auch, daß beispielsweise in
den Vorstädten oder in vielen Küstengebieten die Ausdeh-
nung der Siedlungsflächen im Rahmen einer sorgfältigen
Standort- und Siedlungspolitik minimiert werden. Das Ein-
dämmen der Expansion der Städte ist allerdings nur im re-
gionalen Kontext zu verwirklichen. Es müssen also die Zu-
sammenarbeit zwischen Stadt und Umland intensiviert und
neue partnerschaftliche Formen des Interessenausgleichs
gefunden werden.
5. Förderung der Zusammenarbeit auf regionaler,
grenzübergreifender und transnationaler Ebene
mit Städten in den Staaten Nord-, Mittel- und Ost-
europas sowie der Mittelmeerregion; Stärkung der
Nord-Süd-Verbindungen in Mittel- und Osteuropa
sowie der West-Ost-Verbindungen in Nordeuropa.
3.2.2 Dynamische, attraktive und wettbewerbs-
fähige Städte und Verdichtungsregionen
(80) Die Regionen der EU können nur dann wettbewerbs-
fähig sein und damit zum Abbau der Arbeitslosigkeit bei-
tragen, wenn die Städte auch außerhalb der globalen Inte-
grationszonen und Metropolregionen über ein ausreichen-
des wirtschaftliches Potential verfügen. Dazu gehören be-
sonders die sogenannten „Gateway-Städte“, die den Zu-
gang zur EU bilden (große Seehäfen, interkontinentale
Flughäfen, Messe- und Ausstellungsstädte, kulturelle Zen-
tren), sowie kleinere Städte, die als aktive Regionalzentren
für die Revitalisierung niedergehender ländlicher Regio-
nen dienen. Zu de „Gateway-Städten“ gehören auch die pe-
ripher gelegenen Metropolregionen, die ihre spezifischen
Vorteile nutzen können, wie zum Beispiel niedrige Ar-
beitskosten oder besondere Beziehungen zu außereuropäi-
schen Wirtschaftszentren bzw. benachbarten Nichtmit-
gliedstaaten.
(81) Viele der weniger attraktiven Städte der EU weisen
eine relativ schmale, von einem einzigen Wirtschaftszweig
dominierte, wirtschaftliche Basis auf, deren Niedergang
sich negativ auf die gesamte regionale Wirtschaft auswirkt.
Die Wettbewerbsfähigkeit der Städte hängt somit von einer
Politik zur Diversifizierung ihrer ökonomischen Basis ab.
Auch die Zukunftsaussichten des ländlichen Umlandes be-
ruhen auf wettbewerbsfähigen Städten. Das materielle und
soziale Wohlergehen in den Städten ist damit ein wichtiger
Faktor der sozialen, umweltbezogenen und wirtschaftli-
chen Entwicklung. Die Entwicklungspolitiken zur Errei-
chung dieser Ziele sind in starkem Maße von den lokalen
Gegebenheiten abhängig. Für eine nachhaltige Stadtent-

image
24
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
(85) Die Zukunft der Städte in der EU hängt von der
Bekämpfung wachsender Armut, sozialer Ausgrenzung
und der Eindämmung des Bedeutungsverlusts bestimmter
städtischer Funktionen ab. Der Wiederaufbau vernachläs-
sigter Gebiete und Industriebrachen muß ebenso gefördert
werden wie ein ausgewogenes Angebot von preiswerten,
qualitativ hochwertigen Wohnungen in den Stadtgebieten.
Durch Funktionsmischung sollte allen Bürgern ein ange-
messener Zugang zu den Basisdienstleistungen und -ein-
richtungen, zu allgemeiner und beruflicher Bildung und
Gesundheitsversorgung, aber auch zu Freiflächen ermög-
licht werden. Dazu gehört die Erhaltung und Entwicklung
von Kleingartenanlagen in den Grünzonen der Städte, de-
nen neben ihrer ökologischen auch eine wichtige soziale
Funktion zukommt.
(86) Ein intelligentes und ressourcensparendes Manage-
ment des städtischen Ökosystems ist von großer Bedeu-
tung. Ein integrierter Ansatz mit geschlossenen Kreisläufen
natürlicher Ressourcen, Energie und Abfall muß verfolgt
werden, um die Belastungen für die Umwelt zu verringern.
Durch diesen Ansatz könnten die Abfallerzeugung und der
Verbrauch natürlicher Ressourcen eingeschränkt werden
(besonders von Ressourcen, die nicht erneuerbar sind oder
sich nur langsam regenerieren). Auch die Luft-, Boden- und
Wasserverschmutzung könnte reduziert werden. Die Aus-
weitung der Naturräume in den Städten, die Erhaltung der
Artenvielfalt und gemeinsame Energiesysteme für Haus-
halte und Industrie sind Beispiele für Maßnahmen, die zu
einer intelligenten Umweltpolitik gehören.
(87) Die Erreichbarkeit der Städte hat wesentlichen Einfluß
auf die Lebensqualität, die Umwelt und die Wirtschafts-
kraft. Sie sollte durch eine Standortpolitik gefördert wer-
den, die in Übereinstimmung mit der Flächennutzungspla-
nung und der Verkehrsplanung steht. Das Ziel sollte darin
bestehen, die Expansion der Städte einzudämmen und ei-
nen integrierten Ansatz der Verkehrsplanung anzuregen.
Dadurch werden die Abhängigkeit vom Pkw verringert und
andere Fortbewegungsarten gefördert (öffentliche Ver-
kehrsmittel, Fahrräder).
(88)
Politische Optionen
6. Ausbau der strategischen Rolle der Metropol-
regionen und „Gateway-Städte“ mit einem beson-
deren Augenmerk auf die Entwicklung der Rand-
gebiete der EU.
7. Verbesserung der wirtschaftlichen Basis, der Um-
welt und der Dienstleistungsinfrastruktur der
Städte, insbesondere in wirtschaftlich weniger be-
günstigten Regionen, mit dem Ziel, ihre Attrakti-
vität für mobiles Investitionskapital zu erhöhen.
8. Förderung der wirtschaftlichen Diversifikation in
Städten, die zu stark von einem Wirtschaftszweig
abhängig sind, und Unterstützung der wirtschaft-
lichen Entwicklung kleiner und mittlerer Städte in
weniger bevorzugten Regionen.
9. Förderung umfassender Stadtentwicklungskon-
zepte, die auf soziale und funktionale Diversität
abzielen, vor allem im Hinblick auf die Bekämp-
fung der sozialen Ausgrenzung, sowie die Um-
nutzung bzw. Wiedernutzung mindergenutzter
oder wirtschaftlich brachliegender Flächen.
10. Förderung des intelligenten Managements städti-
scher Ökosysteme.
11. Förderung einer besseren Erreichbarkeit in Städ-
ten und Verdichtungsregionen durch eine adäqua-
te Standortpolitik und Flächennutzungsplanung,
die eine Mischung städtischer Funktionen und die
Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel anregt.
12.Unterstützung von wirksamen Methoden zur Re-
duzierung unkontrollierter städtischer Expansion;
Verringerung zu starken Siedlungsdrucks, insbe-
sondere in Küstenregionen.
3.2.3 Eigenständige, vielfältige und leistungsfähi-
ge ländliche Räume
(89) Ländliche Räume in der EU sind durch Vielfalt und
Eigenständigkeit gekennzeichnet. Sie sind Wirtschafts-,
Natur- sowie Kulturstandorte, kurz „komplexe Standorte“,
die sich nicht durch eindimensionale Kriterien wie Bevöl-
kerungsdichte, Landwirtschaft oder natürliche Ressourcen
charakterisieren lassen. Einigen ländlichen Räumen ist es
bereits gelungen, den Strukturwandel erfolgreich zu be-
wältigen. Dafür sind nicht nur Standortfaktoren wie gün-
stige Lage oder niedriges Lohnniveau verantwortlich, son-
dern zunehmend Faktoren wie z. B. die Qualität des natür-
lichen und kulturellen Erbes, das Vorhandensein von Netz-

werken und Partnerschaften, der demokratische Umgang
bei der Entscheidungsfindung und nicht zuletzt die Initiati-
ve und das Engagement der regionalen und lokalen Politi-
ker und anderer gesellschaftlicher Akteure. Die Erfolge vie-
ler ländlicher Regionen in der EU zeigen, daß Wohnen und
Produzieren auf dem Land an sich kein Hindernis für eine
dynamische wirtschaftliche Entwicklung und Beschäfti-
gungswachstum ist. Es gibt ferner ländliche Regionen, die
eine relativ gute Wettbewerbsposition in der Landwirt-
schaft oder im Tourismus entwickelt haben.
(90) In vielen ländlichen Räumen ist der Strukturwandel
bislang allerdings nicht gelungen; sie haben vielfach auf-
grund ihrer peripheren Lage noch erhebliche wirtschaftli-
che Probleme. Neben einem hohen Anteil landwirtschaftli-
cher Arbeitsplätze kann die Strukturschwäche dieser Räu-
me weitere Ursachen haben, wie z. B. eine extrem geringe
Bevölkerungsdichte, Unzugänglichkeit, klimatische Nach-
teile, infrastrukturelle Defizite, strukturelle Entwicklungs-
brüche, ungünstige Branchenstrukturen, ungünstige land-
wirtschaftliche Produktionsbedingungen. Vor großen Her-
ausforderungen stehen auch ländliche Räume, die durch
das Wirtschaftswachstum und den Siedlungsdruck aus be-
nachbarten Metropolen und größeren Städten neuen Bela-
stungen unterworfen sind oder die durch den Niedergang
der Landwirtschaft gefährdet sind.
(91) In der Vergangenheit wurden die ländlichen Räume von
der Politik vielfach als homogene Räume mit gleichen Ent-
wicklungshemmnissen und -chancen betrachtet. Diese Sicht-
weise trifft die Wirklichkeit der EU nicht mehr. Gemeinsame
Kennzeichen ländlicher Räume sind nur noch eine geringe-
re Bevölkerungsdichte und ein höherer Anteil landwirt-
schaftlicher Flächennutzung. Sie unterscheiden sich aber er-
heblich bezüglich ihrer Entwicklungspfade und -perspekti-
ven voneinander. Die Vielfalt ländlicher Entwicklung in der
EU macht also deutlich, daß Raumentwicklungsstrategien an
den lokalen und regionalen Bedingungen, Besonderheiten
und Bedürfnissen ansetzen müssen.
(92) Neue Impulse sind von einer Neubewertung der Part-
nerschaft zwischen Stadt und Land zu erwarten. Dahinter
steht vor allem eine integrative Betrachtung von Stadt und
Land als funktional-räumliche Einheit mit vielfältigen Be-
ziehungen und Abhängigkeiten. Eine scharfe Trennung
zwischen Stadt und Land innerhalb einer Region vernach-
lässigt, daß nur Regionen Arbeitsmärkte, Informations- und
Kommunikationsmärkte ausbilden können. Die Region ist
daher in den meisten Fällen die „richtige“ Handlungs- und
Umsetzungsebene und für viele Fragen der Raumentwick-
lung auch die adäquate Analyseebene.
25
(93) Die kleinen und mittleren Städte und ihre Verflechtun-
gen bilden in einem polyzentrischen Städtesystem gerade
für ländliche Regionen wichtige Kristallisationskerne im
räumlichen Beziehungsgefüge. In ländlichen Problemre-
gionen sind nur sie in der Lage, Infrastruktur und Dienst-
leistungen für wirtschaftliche Aktivitäten in der Region an-
zubieten und den Zugang zu größeren Arbeitsmärkten zu
erleichtern. Die Städte „auf dem Lande“ bedürfen daher ei-
ner besonderen Aufmerksamkeit bei der Konzeption inte-
grierter ländlicher Entwicklungsstrategien.
(94) Ländliche Gebiete sind heute durch das Wirtschafts-
wachstum vielfältigen Umweltbelastungen ausgesetzt.
Dazu gehören u. a.: starker Siedlungsdruck auf die Frei-
flächen in stadtnahen Gebieten; Wachstum der Erst- und
Zweitwohnsitze; negative Auswirkungen neuer Freizeitak-
tivitäten; Boden-, Luft- und Wasserbelastungen durch die
Verarbeitung und Lagerung von Abfällen etc. Landschaft-
lich reizvolle Gebiete wie Gebirgs- und Küstenregionen
sind durch den Massentourismus in ihrer Attraktivität ge-
fährdet. Auch intensive landwirtschaftliche Nutzung kann
zu Bodenbelastungen und zur Zerstörung von Kulturland-
schaften führen. Diesen Belastungen kann nur mit einer ge-
eigneten regionalen Flächennutzungsplanung und entspre-
chenden umweltpolitischen sowie agrarpolitischen Maß-
nahmen (z. B. Wiederherstellung der Artenvielfalt, Verrin-
gerung der Bodenbelastung sowie Extensivierung und Di-
versifizierung der landwirtschaftlichen Nutzung) begegnet
werden.
(95) Auch in Gebieten mit ungünstigen Produktionsstruk-
turen muß sich die Landwirtschaft den Herausforderungen
eines internationalen Wettbewerbs stellen. Möglichkeiten
ergeben sich durch die Entwicklung hochwertiger land-
wirtschaftlicher Produkte, durch geeignete Strategien für
die Vermarktung dieser Produkte sowie die Wiederent-
deckung der Pluriaktivität von Landwirtschaft, d. h. viel-
fältigen Verdienstmöglichkeiten in landwirtschaftlichen
Betrieben (z. B. Ferien auf dem Bauernhof, Windenergie-
anlagen). Der gesellschaftlich anerkannte Wert der Erhal-
tung der Umwelt und der Kulturlandschaften steigt und bie-
tet für die Landwirtschaft vielfältige Beschäftigungsmög-
lichkeiten. Geeignete Aus- und Weiterbildungsangebote
können dazu beitragen, neben der Landwirtschaft auch al-
ternative Einkommensquellen zu erschließen.
(96) Die strukturschwachen ländlichen Räume in der EU be-
dürfen daher einer besonderen Aufmerksamkeit. In allen die-
sen Gebieten muß eine Diversifizierung der ländlichen Wirt-
schaft angestrebt werden, um Abhängigkeiten von einseitigen
Strukturen zu vermeiden und zukunftsorientierte Beschäfti-
EUREK

image
26
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
gungsmöglichkeiten zu schaffen. Die kleinen und mittleren
Städte in diesen Regionen bieten Anknüpfungspunkte für die
Entwicklung von industrie- und dienstleistungsbezogenen
Aktivitäten, Forschung und Technologie, Tourismus und Er-
holung. Der Prozeß der internen Diversifikation der ländli-
chen Wirtschaft führt zu regions-externen Verbindungen und
Netzwerken, zu Kontakten zu neuen Märkten und zu anderen
Betrieben, zu Information und Wissen.
(97) In den ländlichen Räumen der EU besteht ein be-
trächtliches Potential für erneuerbare Energien: Solarener-
gie, Windenergie, Wasserkraft und Gezeitenenergie, Ener-
gie aus Biomasse und sogar aus städtischen Abfällen in der
Nähe großer Städte (Methanerzeugung). Dies eröffnet in-
teressante Perspektiven für die wirtschaftliche Diversifika-
tion und eine umweltfreundliche Energieerzeugung. Dieses
Potential sollte für eine effiziente Nutzung der Ressourcen
aktiviert werden. Ein weiterer Schritt wäre die Einspeisung
von überschüssiger Energie in die größeren Energienetze.
(98) In der Entwicklung einer eigenständigen Perspektive,
dem Entdecken der endogenen Potentiale und dem Erfah-
rungsaustausch mit anderen Regionen, nicht aber im Ko-
pieren von Entwicklungsmodellen aus anderen Teilräumen
der EU, liegt der Schlüssel für eine zukunftsfähige und
nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. Politische
Strategien müssen diese Vielfalt sowie die Entwick-
lungschancen und -engpässe berücksichtigen. Sie müssen
für die ländlichen Gebiete Instrumente bereitstellen, die es
den regionalen und lokalen Akteuren ermöglichen, auf ihre
Probleme mit größtmöglicher Flexibilität zu reagieren.
(99)
Politische Optionen
13. Förderung diversifizierter Entwicklungsstrategi-
en, die an die jeweiligen Entwicklungspotentiale
der ländlichen Räume angepaßt sind und die eine
eigenständige Entwicklung ermöglichen (ein-
schließlich der Förderung landwirtschaftlicher
Pluriaktivitäten). Unterstützung der ländlichen
Regionen bei der Aus- und Weiterbildung und bei
der Schaffung von außerlandwirtschaftlichen Ar-
beitsplätzen.
14. Stärkung der kleinen und mittleren Städte in länd-
lichen Gebieten als Kristallisationspunkte der re-
gionalen Entwicklung sowie Förderung ihrer Ver-
netzung.
15.Sicherung einer nachhaltigen Landwirtschaft,
Durchführung von Umweltmaßnahmen und Di-
versifizierung der agrarischen Flächennutzung.
16.Förderung und Unterstützung der Kooperation
und des Erfahrungsaustauschs zwischen ländli-
chen Räumen.
17. Nutzung des Potentials für erneuerbare Energien in
städtischen und ländlichen Gebieten unter Berück-
sichtigung der lokalen und regionalen Bedingun-
gen, besonders des Kulturerbes und der Natur.
18.Nutzung der Entwicklungspotentiale umwelt-
freundlicher Formen des Tourismus.
3.2.4 Partnerschaft zwischen Stadt und Land
(100) Viele lokale Probleme sind heute ohne eine inte-
grierte Sichtweise von Stadt und Land nicht mehr lösbar,
weil sie immer auch regionale Probleme sind. Gelebte Part-
nerschaft äußert sich in Kooperation und Koordination. Da-
mit aus den Kooperationen eine langfristig erfolgreiche
Partnerschaft wird, sind allerdings einige Voraussetzungen
zu schaffen:
I
die Gleichrangigkeit und Eigenständigkeit der Partner,
I
die Freiwilligkeit in der Partnerschaft,
I
die Berücksichtigung unterschiedlicher administrativer
Bedingungen und
I
eine gemeinsame Verantwortung und ein gemeinsamer
Nutzen.
(101) Partnerschaften zwischen Stadt und Land haben
mehrere räumliche Dimensionen: eine regionale, überre-
gionale, interregionale sowie transnationale Perspektive.
Die regionale Perspektive beinhaltet die Partnerschaft zwi-
schen Städten jeder Größenordnung und ihrem ländlichen
Umland. Gerade hier müssen Stadt und Land einen
integrierten Ansatz verfolgen, da sie eine Region bilden
und für ihre weitere Entwicklung gemeinsam verantwort-
lich sind. Städte in ländlichen Regionen haben zudem
eine wichtige Funktion als Impulsgeber für die regionale
Wirtschaftsentwicklung. In dünn besiedelten ländlichen
Räumen können nur die Städte gewisse Standards in der
Infrastrukturversorgung und an Dienstleistungen anbieten

image
27
EUREK
und wirtschaftliche Aktivitäten anziehen. In diesen
Gebieten haben Städte eine besondere Bedeutung für
die Erhaltung der Siedlungsstruktur und der Kulturland-
schaft.
(102) Die überregionale Perspektive bezieht sich auf eine
großräumige Funktionsteilung zwischen Stadt- und Metro-
polregionen und ländlichen Regionen. Prinzipiell geht es
bei einem partnerschaftlichen Ansatz auch hier um das Ziel,
großräumig einen Ausgleich der Interessen herbeizuführen,
bei dem sowohl ökonomische und ökologische als auch so-
ziale Aspekte Berücksichtigung finden.
(103) Bei der interregionalen und transnationalen Dimen-
sion stehen der Erfahrungsaustausch und das „voneinander
Lernen“ im Vordergrund. Es geht hier nicht um den part-
nerschaftlichen Ausgleich von Interessen, sondern darum,
Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Stadt und
Land oder aus konkreten Projekten bzw. Initiativen auszu-
werten und weiterzugeben.
(104) Partnerschaft bedeutet, daß jeder gleichwertige Lei-
stungen erbringt, sei es z. B. die Bereitstellung von hoch-
wertigen und teuren Infrastruktureinrichtungen oder die
Bereitstellung von Flächen für die Wasserversorgung der
städtischen Bevölkerung. Neue Formen der Partnerschaft
bieten die Möglichkeit, den Leistungsaustausch zwischen
Stadt und Land im Sinne einer nachhaltigen Raument-
wicklung neu zu bewerten. Ziel ist die Schaffung eines re-
gionalen „Leistungspools“ für den kommunalen Lei-
stungsaustausch.
(105) Neben der Partnerschaft zwischen administrativen
Gebietskörperschaften spielen partnerschaftlich organisier-
te Netzwerke zwischen Betrieben in Stadt und Land eine
große Rolle für die regionale Wirtschaft. Dabei können po-
tentielle Synergieeffekte genutzt und Lernprozesse in Gang
gesetzt werden, die den Betrieben in räumlicher Nähe Wis-
sen und Informationen vermitteln.
(106)
Politische Optionen
19. Erhaltung einer Grundausstattung an Dienstlei-
stungen und öffentlichen Verkehrsmitteln in klei-
nen und mittleren Städten ländlicher Gebiete, ins-
besondere in denen, die vom Niedergang betrof-
fen sind.
20. Förderung der Zusammenarbeit zwischen Stadt
und Land mit dem Ziel, funktionale Regionen zu
stärken.
21. Integration des ländlichen Umlands großer Städte
in stadtregionale Raumentwicklungsstrategien mit
dem Ziel einer effizienteren Flächennutzungspla-
nung unter Berücksichtigung der Verbesserung der
Lebensqualität im städtischen Umland.
22. Förderung und Unterstützung von partnerschaftli-
cher Zusammenarbeit zwischen kleinen und mitt-
leren Städten auf nationaler und transnationaler
Ebene durch gemeinsame Projekte und Erfah-
rungsaustausch.
23.Förderung von betrieblichen Netzwerken zwi-
schen kleinen und mittleren Unternehmen in Stadt
und Land.
3.3 Gleichwertiger Zugang zu Infra-
struktur und Wissen
3.3.1 Ein integrierter Ansatz zur verbesserten
Verkehrsanbindung und des Zugangs zu Wissen
(107) Städtische Zentren und Metropolen müssen effizient
mit der weltweiten Wirtschaft sowie untereinander und
auch mit dem jeweiligen Hinterland verbunden werden.
Ein gut funktionierender Verkehr und ein ausreichender
Zugang zur Telekommunikation sind außerdem grundle-
gende Voraussetzungen zur Stärkung der Wettbewerbs-
situation von Randgebieten bzw. weniger begünstigten
Räumen und damit des sozialen und wirtschaftlichen
Zusammenhalts der EU. Verkehrs- und Telekommunikati-
onsmöglichkeiten sind wesentliche Faktoren bei der
Förderung einer polyzentrischen Entwicklung. Effiziente
Verkehrs- und Telekommunikationssysteme wie auch -
dienstleistungen haben Schlüsselfunktionen zur Verstär-
kung der ökonomischen Ausstrahlung der verschiedenen
Metropolen und regionalen Zentren.
(108) Die Mobilität von Menschen, Gütern und Informati-
on in der EU ist durch Konzentrations- und Polarisierungs-
tendenzen gekennzeichnet. Zunehmender Wettbewerb auf

image
den Transport- und Telekommunikationsmärkten kann die-
se Entwicklung verschärfen. Die Politik muß dafür Sorge
tragen, daß alle Regionen, auch die in Insel- und Randla-
gen, über einen angemessenen Zugang zu den Infrastruktu-
ren verfügen, um den sozialen und wirtschaftlichen und da-
mit den räumlichen Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu
fördern. Es sollte aber auch sichergestellt werden, daß
durch hochwertige Infrastruktur, wie z. B. Hochgeschwin-
digkeitsstrecken/Hochleistungsstrecken der Bahn und Au-
tobahnen, keine Ressourcen aus strukturschwächeren Re-
gionen und Randlagen abgezogen werden („Sogeffekt“)
oder diese Räume durchquert werden, ohne sie anzubinden
(„Tunneleffekt“). Die Raumentwicklungspolitik sollte dar-
auf hinwirken, daß hochwertige Verkehrsinfrastrukturen
durch Sekundärnetze ergänzt werden, um deren Nutzen in
die Regionen hineinzutragen.
(109) Auf der anderen Seite führt die Konzentration von
Verkehrsleistungen im Kernraum der EU und dessen bela-
steten Korridoren zu Beeinträchtigungen der Funktions-
fähigkeit in Teilbereichen sowie zu erheblichen Umwelt-
belastungen. Zur Senkung der Beeinträchtigungen durch
den Verkehr sind integrierte intermodale Lösungen, die
eine Verlagerung des Verkehrs auf umweltfreundlichere
Verkehrsmittel sowie eine effizientere Ausnutzung beste-
hender Infrastruktur anstreben, von Bedeutung. Dies setzt
langfristig eine verbesserte Abstimmung zwischen den Ver-
kehrsträgern voraus. Umfassende integrierte Raument-
wicklungsstrategien müssen dies berücksichtigen. Raum-
verträglichkeitsprüfungen sollten zukünftig Voraussetzung
für alle größeren Verkehrsprojekte sein.
(110) Der Bau neuer Infrastrukturen, so unerläßlich er auch
für alle Regionen ist, wird nicht ausreichen, um die o. g.
Probleme zu lösen. Verkehrs- und Telekommunikations-
infrastrukturen sind keine hinreichenden Voraussetzungen
für die Regionalentwicklung, sondern bedürfen flankieren-
der Maßnahmen in anderen Politikbereichen, wie z. B. der
regionalen Strukturpolitik oder Bildungs- und Ausbil-
dungsförderung, um langfristig die Standortvorteile der
Regionen zu verbessern. Dies gilt insbesondere für struk-
turschwache Regionen.
3.3.2 Die polyzentrische Entwicklung: ein Leit-
bild besserer Erreichbarkeit
(111) Bei der zukünftigen Ergänzung der Transeuropäi-
schen Netze (TEN) sollte das polyzentrische Entwick-
lungsmodell als räumliche Leitvorstellung zugrunde gelegt
werden. Das bedeutet, vorrangig die Erschließung der zu
entwickelnden, global bedeutsamen wirtschaftlichen Inte-
grationszonen zu sichern sowie deren Anbindung an die
Weltwirtschaft zu gewährleisten. Darüber hinaus sollte den
Regionen mit geographischen Hemmnissen, vor allem In-
seln und abgelegenen Gebieten, mehr Aufmerksamkeit ge-
schenkt werden. Räumliche Unterschiede in der EU kön-
nen nicht reduziert werden ohne eine grundlegende Ver-
besserung der Verkehrsinfrastruktur und -dienstleistungen
in den Regionen, in denen der mangelnde Zugang zur Ver-
kehrs- und Kommunikationsinfrastruktur die wirtschaftli-
che Entwicklung hemmt. Eine grundlegende Verbesserung
der Infrastruktur und der Erreichbarkeit geht jedoch über
die Ergänzung fehlender Verbindungen der TEN hinaus.
(112) Die Festlegung von Prioritäten bei der Ergänzung des
Netzes erfordert zusätzliche Maßnahmen zur Entwicklung
intraregionaler Verknüpfungen und der innerregionalen Er-
schließung. Die Effizienz und Dichte dieser sekundären
Netze werden für die Integration der regionalen und städti-
schen Wirtschaft und deren Wettbewerbsfähigkeit ent-
scheidend sein. Sie dienen insbesondere der Stärkung klei-
ner und mittlerer Städte und deren Funktion als Auslöser
gesamtregionaler Entwicklungen.
(113) Es besteht das Risiko, daß Investitionen in sekun-
däre Netze und deren Anbindung an die TEN erst mit
Zeitverzögerung oder gar nicht getätigt werden, wenn der
Vollendung von höherrangigen Netzen eine größere Prio-
rität beigemessen wird. Zur Vermeidung einer relativen
Verschlechterung der Dienstleistungsqualität derjenigen
EU-Räume, die nicht direkt an die TEN angebunden sind,
darf der Ausbau sekundärer Netze nicht nachrangig behan-
delt werden. Dazu gehört auch die Modernisierung der
regionalen Verkehrsdienste, wobei die verwendeten Ver-
kehrsmittel den spezifischen lokalen bzw. regionalen
Bedingungen angepaßt sein sollten (konventionelles Schie-
28
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU

nennetz, Busse, Regionalflughafen, usw.). Im übrigen
können die sekundären Netze zur Bündelung der Verkehrs-
ströme auf den TEN beitragen und das kritische Potential
für großräumige Verbindungen erschließen. Insofern
kann der Zeitpunkt für die Anbindung der sekundären Net-
ze an die TEN für deren Entwicklung von großer Bedeu-
tung sein.
(114) Neben der EU-weiten muß aber auch die interkonti-
nentale Dimension der Verkehrsnetze gesehen werden.
Die gegenwärtigen Strukturen der interkontinentalen Er-
reichbarkeit der EU sind einmal durch die regional unter-
schiedlichen Standards der Verkehrsnetze und -knoten
(Seehäfen, Flughäfen) geprägt, zum anderen aber auch
durch die Politik der Flug- und Seeschiffahrtsgesellschaf-
ten, die aus zu meist marktwirtschaftlichen Gründen be-
stimmte interkontinentale Knoten im Kernraum der EU fa-
vorisieren. Die Einbindung der Regionen in die interkonti-
nentalen Netze ist deshalb bislang räumlich nicht ausge-
wogen. Dies liegt jedoch nicht nur an der ungleichen
Verteilung der Knotenpunkte für den interkontinentalen
Verkehr, sondern auch am unterschiedlichen Dienstlei-
stungsniveau der entsprechenden Knoten. Im Interesse ei-
ner ausgewogeneren Entwicklung ist es daher wichtig, daß
nicht nur die Unterschiede der Verkehrsinfrastruktur, son-
dern auch des Dienstleistungsniveaus und der entsprechen-
den Kosten abgemildert werden. Denn der private Sektor
wird eine wachsende Rolle im Entwicklungsprozeß von
Knotenpunkten und Netzwerken mit unterschiedlichen
Dienstleistungsniveaus für den interkontinentalen Verkehr
spielen.
(115) Ausgewogenheit beim Luftverkehr wie auch die Er-
richtung eines europäischen Netzes von großen Seehäfen
einschließlich regionaler Subsysteme von Häfen wäre im
Interesse aller Regionen. Dies würde sowohl den Knoten-
punkten im Kernraum der EU nutzen, die z. T. unter zu-
nehmender Überlastung leiden, als auch den Randgebieten,
die einer weiteren Förderung ihres wirtschaftlichen Poten-
tials bedürfen. Dabei ist auch die grundlegende Förderung
der Verbindung der interkontinentalen Knotenpunkte mit
dem Hinterland durch Schienen- und Binnenwasserverkehr
sehr wichtig, um das Ziel eines nachhaltigen Verkehrssy-
stems erreichen zu können. Für die Entwicklung der See-
und Flughafeninfrastrukturen in Kombination mit einer Po-
litik der leistungsfähigen Anbindung aller EU-Regionen
können transnationale Raumentwicklungskonzepte eine
wichtige Hilfestellung geben.
(116) Telekommunikationsnetze können eine bedeutende
Rolle beim Ausgleich von Nachteilen spielen, die durch
29
die Distanz und eine geringe Dichte in peripheren Regio-
nen verursacht werden. Das relativ geringe Marktvolumen
in Regionen mit niedriger Bevölkerungsdichte und ent-
sprechend hohen Investitionskosten für Telekommunikati-
onsinfrastruktur kann jedoch zu einem geringeren techni-
schen Standard und zu hohen Tarifen führen, die Wettbe-
werbsnachteile nach sich ziehen. In vielen Bereichen (Te-
learbeit, Fernstudiengänge, Telemedizin, usw.) ist aber ge-
rade die Bereitstellung hochwertiger Dienstleistungen zu
erschwinglichen Preisen ein Schlüsselfaktor für die Ent-
wicklung. Die Anwendung moderner Technologien hängt
jedoch nicht allein von der Verfügbarkeit fortschrittlicher
Infrastruktur, Ausrüstung oder Dienstleistungen und deren
Erschwinglichkeit, sondern auch vom Entwicklungsstand
der jeweiligen Region ab. Um Investitionen anzuregen,
sollte deshalb nachfragestimmulierenden Maßnahmen, der
Entwicklung von anwendungsbezogenen Fachkenntnissen
und der Bewußtseinsbildung besondere Aufmerksamkeit
geschenkt werden.
Voraussetzung für entspechende Infrastrukturvorhaben soll-
te eine frühzeitige Prüfung der zu erwartenden räumlichen
Wirkungen sowie eine Abstimmung gemeinschaftlicher, na-
tionaler und regionaler bzw. lokaler Maßnahmen sein.
(117)
Politische Optionen
24. Stärkung der sekundären Verkehrsnetze und deren
Verbindungen mit den TEN, inklusive der Ent-
wicklung effizienter regionaler öffentlicher Ver-
kehrssysteme.
25. Förderung eines räumlich ausgewogeneren Zu-
gangs zum interkontinentalen Verkehr der EU
durch eine entsprechende Verteilung von See- und
Flughäfen (global gateways) und die Steigerung
ihres Dienstleistungsniveaus sowie der Verbesse-
rung ihrer „Hinterlandanbindung“.
26. Verbesserung der Verkehrsverbindungen periphe-
rer und ultra-peripherer Regionen sowohl mit der
EU als auch mit benachbarten Drittstaaten unter
Berücksichtigung des Luftverkehrs und Ausbau
entsprechender Infrastruktureinrichtungen.
27. Verbesserung des Zugangs zu und der Nutzung
von Telekommunikationseinrichtungen; Bereit-
stellung von „Universaldienstleistungen“ in dünn
besiedelten Gebieten durch eine entsprechende
Ausgestaltung der Tarife.
28. Verbesserung der Kooperation zwischen den Ver-
kehrspolitiken auf EU-, nationaler und regionaler
Ebene.
EUREK

image
30
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
29.Einführung einer Raumverträglichkeitsprüfung
als Instrument der räumlichen Bewertung größe-
rer Infrastrukturprojekte (insbesondere im Ver-
kehrsbereich).
3.3.3 Effiziente und nachhaltige Nutzung der
Infrastruktur
(118) Das derzeitige Wachstum von Personen- und Güter-
verkehr (insbesondere im Straßen- und Luftverkehr) be-
einträchtigt zunehmend die Umwelt und die Effizienz der
Verkehrssysteme. Ansätze zur Entlastung sind durch eine
geeignete Raumentwicklungspolitik, die die Standorte von
Wirtschaft und Bevölkerung und damit den Mobilitätsbe-
darf und die Wahl der Verkehrsmittel beeinflußt, möglich.
Durch die Stärkung der umweltverträglicheren Verkehrs-
träger und die Förderung intermodaler Transportketten
kann eine effizientere Nutzung der bestehenden Infrastruk-
tur erzielt werden. Dieses Ziel muß jedoch ohne nachteili-
ge Auswirkungen auf die Konkurrenzfähigkeit der EU ins-
gesamt oder ihrer Teilregionen erreicht werden. Die Inte-
gration von Verkehrs- und Flächennutzungsplanung kann
insbesondere in großen Stadtregionen erfolgversprechend
sein, in denen die Abhängigkeit der Bevölkerung vom Pkw
stark reduziert werden könnte. Erforderlich ist eine Politik,
die in Städten und ihrem Umland sowie in Verdichtungsre-
gionen die Nutzung des öffentlichen Verkehrs begünstigt.
(119) Im Kernraum der EU, aber auch in anderen dicht be-
siedelten Gebieten entlang der großen Korridore sowie eini-
ger Küsten, hat der Verkehr, insbesondere der Straßenver-
kehr, ein so hohes Maß erreicht, daß dringend Maßnahmen
zur Verringerung der damit verbundenen Erreichbarkeitsdefi-
zite und Umweltbelastungen eingeleitet werden müssen.
Deshalb sollten vermehrt Maßnahmen zur Stärkung der um-
weltverträglicheren Verkehrsträger ergriffen werden. Dazu
gehören beispielsweise die Erhebung von Straßenbenut-
zungsgebühren oder die Internalisierung von externen Kosten
des Straßenverkehrs in Verbindung mit einer entsprechenden
Standortpolitik. Der Einsatz der Instrumente sollte sich nach
den örtlichen Gegebenheiten richten. Gleichwohl wird der
Straßenverkehr sowohl im Personen- als auch im Güterver-
kehr seine große Bedeutung behalten, insbesondere bei der
Erschließung peripherer oder dünn besiedelter Regionen.
(120) Die Stärkung der umweltfreundlicheren Verkehrsträ-
ger erfordert eine verkehrsträgerübergreifende Betrach-
tungsweise und ein koordiniertes Management der Ver-
kehrsinfrastruktur. Für ihre effizientere und nachhaltige Nut-
zung müssen die Schiene und im Güterverkehr auch die Was-
serwege (See-, Küsten- und Binnenschiffahrt) stärker ge-
nutzt werden. Neben der Erhöhung der Leistungsfähigkeit
der Netze müssen angemessene intermodale Verknüpfun-
gen, d. h. ein flächendeckendes Angebot an Umsteige- bzw.
Umladeknoten, entwickelt werden. Die Potentiale der Bahn
können nur durch eine umfassende Modernisierung ausge-
schöpft werden. Dies betrifft sowohl die Herstellung der In-
teroperabilität zwischen den einzelnen Systemen als auch
die Verbesserung der Logistik. In dichter besiedelten eu-
ropäischen Teilräumen kann der Hochgeschwindigkeits-
bahnverkehr auf Strecken bis ca. 800 km den Luftverkehr er-
setzen. In dünner besiedelten peripheren Regionen, insbe-
sondere in den Insellagen, muß jedoch dem regionalen Flug-
verkehr auch auf kürzeren Strecken größere Bedeutung ein-
geräumt werden; generell müssen besondere Lösungen für
die weniger bevorzugten Gebiete gefunden werden.
(121) Die für Häfen, Flughäfen, Eisenbahnverkehr und
Fernstraßen zuständigen Behörden sowie die Betreiber der
unterschiedlichen Netze sollten ihre Politiken und Akti-
vitäten im Rahmen von integrierten verkehrsträgerüber-
greifenden Konzepten abstimmen. Potentielle Synergien
zwischen den Transportsystemen müssen genutzt werden.
Lösungen liegen auch in der gemeinschaftlichen Nutzung
von bestehender Infrastruktur, um ggf. Überkapazitäten zu
vermeiden. So können z. B. zwei benachbarte Häfen ge-
meinsam Schienenwege nutzen, oder ein Flughafen kann
sein Hinterland grenzübergreifend bedienen.
(122) Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Kooperationen
zwischen nationalen, regionalen und örtlichen Verkehrspo-
litiken. Effiziente Verbindungen zwischen den Netzen der
unterschiedlichen Ebenen sind unerläßlich. Regionale
Initiativen können nationalen Institutionen und Netzwerk-
betreibern helfen, ihre Planungen und die Auslastung ihrer
Kapazitäten durch die Berücksichtigung der örtlichen
Bedürfnisse zu verbessern.
(123) Telekommunikation sowie Informations- und Kom-
munikationstechnologien sind ein wichtiges Ergänzungs-
instrument für die regionale Integration. Sie können jedoch

image
31
EUREK
ten Jahrzehnts, die eine große Zahl neuer Technologien her-
vorgebracht haben und die auch für verbesserte Ausbil-
dungschancen und Fachkenntnisse gesorgt haben, ist der
Zugang zu Wissen sowie das Innovationspotential noch
immer räumlich unausgewogen. Aber auch das Bewußt-
sein der Bevölkerung für die angebotenen Möglichkeiten
muß weiter gestärkt werden. Die Regierungen (auf allen
Ebenen) müssen dafür sorgen, daß Bildung und Forschung
besser mit dem Bedarf der regionalen Wirtschaftsstruktu-
ren verknüpft werden. Sie müssen auch darauf achten, das
allgemeine Bildungsniveau anzuheben.
(126) Für die künftige Entwicklung der Wirtschaft
wird dem Austausch immaterieller Leistungen ein bedeuten-
der Stellenwert beigemessen. Arbeitsplätze werden qualifi-
zierter. Die Produktivitätssteigerung und das Beschäfti-
gungswachstum sind immer stärker von einer weiten Ver-
breitung von neuen und besseren Produkten und Prozessen
abhängig. Diejenigen Firmen, die Innovationskapazitäten
mit neuen Organisationsformen und einer Höherqualifizie-
rung der Beschäftigten verbinden können, werden sich län-
gerfristig besser am Markt positionieren können.
(127) In diesem Zusammenhang ist der Zugang zu einem
Mindestangebot an hochwertiger Ausbildung und zu For-
schungszentren unabdingbar. Für eine unmittelbare Zusam-
menarbeit zwischen Unternehmen in weniger entwickelten
Gebieten und Forschungszentren sowie Ausbildungsstätten
ist entscheidend, daß gut ausgebildete Vermittler in der Lage
sind, entsprechende Kontakte herzustellen. Technische
Dienstleistungszentren, in denen Innovationen vorgestellt
und von örtlichen Unternehmen getestet werden können,
wären dabei hilfreich. Darüber hinaus ist es notwendig, die
Kommunikation zwischen lokalen Betrieben auf der einen
und Technologiezentren, Universitäten, Unternehmensbera-
tern usw. auf der anderen Seite zu verbessern, um sich er-
gänzende Kompetenzen auszunutzen.
(128) Die wirtschaftliche Attraktivität einer Region hängt
auch von dem Ausbildungsniveau und den beruflichen Fer-
tigkeiten ihrer Arbeitskräfte ab. In den letzten Jahren haben
die weniger entwickelten Gebiete diesbezüglich bedeuten-
de Fortschritte gemacht, insbesondere bei der Bekämpfung
des Analphabetentums. Diese Bemühungen müssen fortge-
setzt werden. Daneben muß sichergestellt werden, daß die
örtlichen Unternehmen auch in der Lage sind, Arbeitskräf-
te qualifikationsgerecht zu beschäftigen und zu bezahlen
und somit in der Region zu halten.
(129) Informations- und Kommunikationstechnologien
(IK) können dazu beitragen, Defizite im Zugang zu Inno-
nicht als Ersatz für verkehrliche Erschließung angesehen
werden. Ein Schwerpunkt sollte hier auf die Koordination
zwischen den Entscheidungsträgern für Verkehr und Tele-
kommunikation gelegt werden. Ebenso sollten die Raum-
und Verkehrsplanung stärker verzahnt werden.
(124)
Politische Optionen
30. Bessere Koordination von Raumentwicklungspo-
litik und Flächennutzungsplanung mit Verkehrs-
und Telekommunikationsplanung.
31. Verbesserung der öffentlichen Verkehrsdienstlei-
stungen und Bereitstellung eines Mindestangebo-
tes an öffentlichen Verkehrsleistungen in kleine-
ren und mittleren Städten.
32. Reduzierung der negativen Auswirkungen in ver-
kehrlich stark belasteten Räumen durch die Stär-
kung umweltverträglicherer Verkehrsmittel, die
Erhebung von Straßenbenutzungsgebühren und
die Internalisierung der externen Kosten.
33. Förderung der Vernetzung intermodaler Knoten-
punkte für den Güterverkehr, insbesondere für
den Verkehr auf den europäischen Korridoren, un-
ter besonderer Berücksichtigung der Schiffahrt
und Binnenschiffahrt.
34. Koordinierte und integrierte Infrastrukturplanung
und -management zur Reduzierung uneffektiver
Investitionen (z. B. unnötiger paralleler Ausbau
von Verkehrswegen) und zur Sicherung einer ef-
fizienten Nutzung der bestehenden Verkehrsinfra-
struktur.
3.3.4 Verbreitung von Innovation und Wissen
(125) Der Zugang zu Wissen hat für die Wettbewerbssitua-
tion der EU die gleiche Bedeutung wie der Zugang zu In-
frastruktur. Die regional miteinander verflochtenen Ar-
beitsmärkte sowie Produktions- und Dienstleistungsstan-
dorte benötigen dynamische Innovationssysteme, einen ef-
fektiven Technologietransfer und Institutionen zur Qualifi-
zierung ihrer Arbeitskräfte. Trotz der Fortschritte des letz-

image
32
vation und Wissen abzubauen und damit die Ansiedlung
von Unternehmen in ländlichen Regionen zu unterstützen.
Dadurch werden Investitionsanreize in Regionen geschaf-
fen, in denen die relativen Standortkosten normalerweise
geringer sind. Dies kann eine polyzentrische Entwicklung
des Raumes der EU unterstützen.
(130) Die Verbreitung der neuen Informationstechnologien
in allen Regionen bedeutet nicht nur die Bereitstellung einer
qualitativ gleichwertigen allgemeinen Grundversorgung,
sondern auch eine angemessene Gebührenpolitik. Wie die
nördlichen Länder demonstrieren, ist eine geringe Bevölke-
rungsdichte kein unüberwindbares Hindernis zur Einrich-
tung und weitverbreiteten Nutzung von hochwertigen Tele-
kommunikationsdiensten. Neben regulativen Maßnahmen
begünstigen Strategien zur Stimulierung der Nachfrage nach
Wissen die Handhabung und Nutzung von Informations- und
Kommunikationstechnologien. Dazu gehören beispielswei-
se Kampagnen zur Bewußtseinsbildung („awareness rai-
sing“) und verbesserte Ausbildungsangebote.
(131)
Politische Optionen
35. Umfassende Integration wissensrelevanter Politi-
ken, wie der Förderung von Innovation, der schu-
lischen Bildung, der Berufsausbildung und Wei-
terbildung, der Forschung und Technologieent-
wicklung, in räumliche Entwicklungskonzepte,
insbesondere auch in abgelegenen oder dünn be-
siedelten Gebieten.
36.Sicherstellung eines europaweiten Zugangs zu
wissensrelevanter Infrastruktur unter Berücksich-
tigung des sozio-ökonomischen Potentials mo-
derner kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU)
als Motoren nachhaltiger wirtschaftlicher Ent-
wicklung.
37. Begünstigung der Vernetzung von Firmen und der
schnellen Verbreitung von Innovationen, insbe-
sondere durch regionale Institutionen, die Inno-
vationen fördern.
38. Unterstützung der Einrichtung von Innovations-
zentren sowie einer Zusammenarbeit zwischen
höherer Bildung, angewandter Forschung und
Entwicklung und Privatwirtschaft, insbesondere
in wirtschaftsschwachen Gebieten.
39. Entwicklung einer Mischung aus angebots- und
nachfragestimulierenden Maßnahmen zur Ver-
besserung des regionalen Zugangs bzw. der Nut-
zung von Informations- und Kommunikations-
technologien.
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
3.4 Umsichtiger Umgang mit der Natur
und dem Kulturerbe
3.4.1 Natur und Kulturerbe als Entwicklungsgut
(132) Die Kommissionsmitteilung an den Rat und das Eu-
ropäische Parlament bezüglich der Europäischen Strategie
für Biodiversität
35
besagt, daß die Raumentwicklung eine
wichtige Rolle beim Erhalt und der nachhaltigen Nutzung
der biologischen Vielfalt auf lokaler und regionaler Ebene
spielen kann. Die Natur und das Kulturerbe der EU sind
durch unterschiedliche Einflüsse ständig bedroht. Auch
wenn strenge Schutzmaßnahmen manchmal gerechtfertigt
sein mögen, so ist es doch oft sinnvoller, den Schutz und die
Handhabung der gefährdeten Gebiete in räumliche Ent-
wicklungsstrategien für größere Gebiete einzubeziehen.
(133) Das kulturelle Erbe Europas – von den gewachsenen
Kulturlandschaften der ländlichen Gebiete bis hin zu den
historischen Stadtzentren – ist Ausdruck seiner Identität
und von weltweiter Bedeutung. Es ist auch Bestandteil der
alltäglichen Umgebung vieler Menschen und bereichert de-
ren Lebensqualität. Rigorose Schutzmaßnahmen, wie sie
der Denkmalschutz für bestimmte Stätten und Monumente
vorsieht, können nur einen kleinen Teil dieses Erbes ab-
decken. Für den größeren Teil ist ein kreativer Ansatz
vonnöten, damit der in vielen Gebieten vorherrschende
Trend zur Vernachlässigung, Beschädigung und Zerstörung
umgekehrt wird und somit das kulturelle Erbe, einschließ-
lich der zeitgenössischen Errungenschaften, an künftige
Generationen weitergegeben werden kann. Es ist außerdem
notwendig, das kulturelle Leben flächendeckend in der EU zu
entfalten, insbesondere durch die Unterstützung des Ausbaus
kultureller Einrichtungen, der Wiederaufwertung des öffentli-
chen Raumes und der Wiederbelebung von Gedenkstätten. In
diesem Sinne kann die kulturelle Entwicklung eine soziale
und räumliche Ausgleichsrolle spielen.
(134) Die Natur und das Kulturerbe sind ein wirtschaftli-
cher Faktor, der für die Regionalentwicklung zunehmend
wichtiger wird. Die Lebensqualität von Städten, ihrer Um-
gebung und der ländlichen Räume ist für die Standortent-

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33
EUREK
scheidung neuer Unternehmen von immer größerer Bedeu-
tung. Natürliche und kulturelle Sehenswürdigkeiten sind
auch eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung
des Tourismus.
3.4.2 Erhalt und Entwicklung der Natur
(135) Die Entwicklung der natürlichen Ressourcen erfolgt
in der EU über ein Management der Umweltmedien (Luft,
Wasser, Boden) und über einen gezielten Gebietsschutz
(Schutzgebiete, umweltsensible Gebiete).
(136) Der Umfang geschützter Gebiete in der EU ist
in den letzten zehn Jahren angestiegen, wobei diese
Gebiete meist geschützte „Inseln“ bleiben. Das mit der
Fauna-, Flora-, Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) und
den Umweltrichtlinien angestrebte gemeinschaftsweite
Netz von Schutzgebieten „Natura 2000“ stellt einen sinn-
vollen Ansatz dar, der frühzeitig mit der regionalen Ent-
wicklungspolitik in Einklang zu bringen ist. Konzertierte
Schutzmaßnahmen für Gebiete, die zum Netzwerk
gehören, müssen in abgestimmte räumliche Entwicklungs-
konzepte eingebunden werden. Mit einem ökologischen
Verbundsystem und Natura 2000 kann auch ein Verbund
schutzwürdiger Biotope gesichert und entwickelt werden.
Eine besondere Rolle kommt den Verbindungen und
Korridoren zwischen Schutzgebieten zu, wie beispielswei-
se den Hecken, die die Wanderung und den genetischen
Austausch bei Pflanzen und freilebenden Tieren unter-
stützen. Darüber hinaus kann eine breiter angelegte
Flächennutzungspolitik einen Rahmen für Schutzgebiete
bilden, ohne diese zu isolieren. Falls nötig können Puffer-
zonen eingerichtet werden.
(137) Neben den Schutzgebieten weisen auch verschiede-
ne Arten umweltsensibler Gebiete eine große biologische
Vielfalt auf, z. B. Berggebiete, Feuchtgebiete, Küstenre-
gionen und Inseln. Da solche weitgehend intakten Lebens-
räume immer mehr abnehmen, müssen auch deren ökolo-
gisch wertvollen Kernbereiche unter Schutz gestellt werden.
Schutz allein reicht jedoch zum Erhalt dieser Gebiete nicht
aus. Die weniger empfindlichen Teile sollten einer ihrer
ökologischen Funktion angemessenen wirtschaftlichen
Nutzung zugeführt werden. Für die Regionen eröffnen sich
dadurch gleichzeitig neue Entwicklungschancen, z. B. im
Bereich des umweltfreundlichen, „sanften“ Tourismus.
(138) Der Erhalt und die Entwicklung natürlicher Ressour-
cen erfordern angepaßte integrierte Entwicklungsstrategien
und Planungskonzepte sowie geeignete Formen des Mana-
gements. Dadurch wird sichergestellt, daß der Naturschutz
und die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Be-
völkerung ausgewogen berücksichtigt werden. Die hierfür
notwendigen Informationsgrundlagen können Raum- und
Umweltverträglichkeitsprüfungen liefern. Bei der Suche
nach ausgewogenen Lösungen ist auch die betroffene Be-
völkerung intensiv zu beteiligen. Die Empfehlungen für die
räumliche Planung in den Küstengebieten der Ostsee sind
ein vielversprechendes Beispiel internationaler Zusam-
menarbeit auf diesem Gebiet
36
.
(139) Daneben sollten verstärkt neue Wege beschritten
werden, die Naturschutz und räumliche Entwicklung in
Einklang bringen. Schutzgebiete und sonstige ökologisch
wertvolle Gebiete leisten durch den Erhalt der Natur einen
wichtigen Dienst für die gesamte Gesellschaft. Schutzauf-
lagen und Entwicklungsbeschränkungen dürfen sich jedoch
nicht nachteilig auf die Lebensbedingungen der Bevölke-
rung auswirken. Vielmehr müssen ökologische Leistungen
– etwa durch geeignete Abgabenlösungen – auch ökono-
misch in Wert gesetzt werden. Über so entstandene Ein-
künfte könnten diesen Regionen dann neue, ihrer Funktion
angemessene Entwicklungsperspektiven eröffnet und
gleichzeitig die Natur erhalten werden.
(140) Der sogenannte „Treibhaus-Effekt“, d. h. die Anrei-
cherung von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre, stellt
künftig eine zentrale Herausforderung für den Umwelt-
schutz dar. Verantwortlich für die damit verbundene Kli-
maänderung sind insbesondere die Verbrennung großer
Mengen fossiler Brennstoffe im Energie- und Verkehrssek-
tor, die Vernichtung der Wälder, die Intensivierung der
Landwirtschaft sowie die Produktion von FCKW und Ha-
lonen. Zur Gegensteuerung sind die in Kyoto von der EU
eingegangenen Verpflichtungen zur CO
2
-Minderung strikt
umzusetzen. Raumentwicklungspolitik kann einen wichti-
gen Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem sie auf ener-
giesparende und verkehrsreduzierende Siedlungsstruktu-
ren und Standorte hinwirkt sowie zum verstärkten Einsatz
von CO
2
-neutralen erneuerbaren Energien beitragen hilft.
Die europäischen Wälder sind in ihrer Funktion als „grüne
Lunge“ für eine nachhaltige Entwicklung von höchster
Wichtigkeit; hierzu gehört auch eine optimale Nutzung der

image
34
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
Waldressourcen in Europa. In diesem Zusammenhang soll-
te eine nachhaltige Forstwirtschaft höchste Priorität haben.
(141) Ein weiteres großes Umweltproblem in der EU ist die
Zerstörung der Böden. Viele Böden drohen durch Art, Aus-
maß und Intensität der menschlichen Nutzung in ihrer Viel-
falt und in ihrer Funktion als elementare Lebensgrundlagen
unwiederbringlich verlorenzugehen. Wesentliche Gefähr-
dungsfaktoren sind nutzungsbedingte Bodenerosion, Hoch-
wasser, Waldschäden, Grundwasserbelastung, Anreiche-
rung von Schadstoffen, aber auch die Intensität der Agrar-
nutzung und die Umnutzung von Freiflächen für Sied-
lungszwecke. Deshalb ist ein effizienter Bodenschutz
notwendig, der die natürlichen Ressourcen und Boden-
funktionen erhält. Dazu gehört, daß nutzungsbedingte Ver-
dichtungen, Erosionen und Bodenzerstörungen ebenso ver-
mindert werden wie Einträge von Schadstoffen oder die
übermäßige Inanspruchnahme von Freiflächen für Sied-
lungszwecke.
(142) Geschützte und gefährdete Gebiete müssen als fester
Bestandteil städtischer und ländlicher Regionen anerkannt
werden. Eine Raumplanung auf der geeigneten Regie-
rungs- und Verwaltungsebene kann hier – und auch beim
Schutz von Menschen und Ressourcen vor Naturkatastro-
phen – eine entscheidende Rolle spielen. Bei Entscheidun-
gen zur territorialen Entwicklung sind potentielle Risiken,
wie Überschwemmungen, Brände, Erdbeben, Erdrutsche,
Erosion, Muren und Lawinen und die Ausbreitung von
Dürrezonen, einzubeziehen. Bei der Vorbeugung von Risi-
ken sollte insbesondere die regionale und transnationale
Dimension berücksichtigt werden.
(143)
Politische Optionen
40.Weiterentwicklung europäischer ökologischer
Netzwerke, wie durch Natura 2000 vorgeschla-
gen, inklusive der erforderlichen Verbindungen
zwischen naturnahen Standorten und Schutzge-
bieten von regionaler, nationaler, transnationaler
und EU-weiter Bedeutung.
41. Berücksichtigung der Erhaltung der biologischen
Vielfalt in den Fachpolitiken (Landwirtschaft, Re-
gionalpolitik, Verkehr, Fischerei, usw.), wie es in
der Gemeinschaftsstrategie für biologische Viel-
falt vorgesehen ist.
42.Erarbeitung integrierter räumlicher Entwick-
lungsstrategien für Schutzgebiete, umweltemp-
findliche Gebiete und Gebiete mit hoher biologi-
scher Vielfalt, wie beispielsweise Küstengebiete,
Bergregionen und Feuchtgebiete, unter Sicher-
stellung des Ausgleichs zwischen Schutz und Ent-
wicklung auf der Grundlage von Raum- und Um-
weltverträglichkeitsprüfungen und unter Einbe-
ziehung der betroffenen Partner.
43. Stärkerer Einsatz ökonomischer Instrumente, um
die ökologische Bedeutung von Schutzgebieten
und umweltsensiblen Gebieten zu honorieren.
44.Förderung energiesparender und verkehrsredu-
zierender Siedlungsstrukturen, integrierte Res-
sourcenplanung und verstärkte Nutzung erneuer-
barer Energien zur CO
2
-Reduktion.
45.Schutz der Böden als Lebensgrundlage für Men-
schen, Tiere und Pflanzen durch Verminderung
von Erosion, Bodenzerstörung und übermäßiger
Freiflächeninanspruchnahme.
46. Entwicklung von Strategien zum Risikomanage-
ment in katastrophengefährdeten Gebieten auf lo-
kaler, regionaler und transnationaler Ebene.
3.4.3 Wasserressourcenmanagement: eine
spezielle Herausforderung für die räumliche
Entwicklung
(144) Wasser ist eine lebenswichtige Ressource für Natur,
Landwirtschaft, Haushalte, Industrie, Erholung, Energie-
gewinnung und Verkehr. In der EU wird das Vorhandensein
von Wasser oft als selbstverständlich angesehen. Die
Schwierigkeiten bei der Gewährleistung der Wasserversor-
gung werden sich jedoch wahrscheinlich in Zukunft so-
wohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht ver-
größern. Durch anhaltende Verschmutzung, Übernutzung
und schlechtes Management hat die Qualität der Wasser-
ressourcen abgenommen, wobei sich das Ausmaß dieses
Problems innerhalb der EU von Region zu Region unter-
scheidet. Da Wasser keine Grenzen kennt, haben die damit
verbundenen Probleme häufig transnationalen Charakter.
Es ist daher erforderlich, beim Management der Wasser-
ressourcen, wie in größeren Flußtälern, beim Hochwasser-
schutz, bei der Vorbeugung gegen Trockenheit sowie beim

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35
EUREK
Schutz des Grundwassers und der Feuchtgebiete, über ad-
ministrative Grenzen hinweg zu kooperieren.
(145) Wasserschutzpolitik und Wasserressourcenmanage-
ment sind zu einer Notwendigkeit geworden. Sowohl die
Politik hinsichtlich der Oberflächengewässer als auch hin-
sichtlich des Grundwassers muß mit der Raumentwick-
lungspolitik verknüpft werden. Präventive Maßnahmen zur
Verringerung der Abwässer sowie der Übernutzung und
Verschmutzung der Wasserressourcen sollten einer
nachträglichen Behebung von Umweltschäden vorgezogen
werden. Eine entsprechende Raum- und Flächennutzungs-
planung kann einen entscheidenden Beitrag zur Verbesse-
rung der Wasserqualität leisten. Die Auswirkungen großer
Projekte im Bereich der Wasserbewirtschaftung sollten
deshalb im Vorfeld von Investitionen durch Raum- und
Umweltverträglichkeitsprüfungen ermittelt werden. Darü-
ber hinaus sind grenzübergreifende und transnationale
Raumentwicklungsstrategien als Grundlage für ein besse-
res Wasserressourcenmanagement zu entwickeln.
(146) Wasser kann auch eine Bedrohung darstellen. Die
Raumplanung kann vor allem auf transnationaler Ebene ei-
nen wichtigen Beitrag für den Schutz der Menschen und die
Verringerung des Risikos von Hochwasser leisten. Vorbeu-
gender Hochwasserschutz kann mit Naturentwicklungs-
bzw. -rehabilitationsmaßnahmen kombiniert werden. Hier-
für zeigt das INTERREG II C-Programm zur Vorbeugung
gegen Hochwasser erste mögliche Ansätze auf.
(147) Die Nachfrage nach Wasser steigt vor allem als Fol-
ge des wachsenden Verbrauchs der Haushalte, der Land-
wirtschaft und des Tourismus weiter an. In den Mittel-
meergebieten ist das Problem besonders akut. Die Pro-
gramme zur Bekämpfung von Trockenheit, wie spezielle
Programme im Rahmen von INTERREG II C, müssen stär-
ker darauf ausgerichtet werden, die Nachfrage nach Wasser
zu begrenzen und die Effizienz der Wasserversorgungs-
systeme zu erhöhen. Die Raumplanung kann im Hinblick
auf Aktivitäten mit hoher Nachfrage nach Wasser schon bei
der Planung auf eine ressourcensparende Verwendung
hinweisen. Diese Probleme bedürfen einer breit angelegten
öffentlichen Diskussion, da nur durch ein entsprechendes
Bewußtsein in der Bevölkerung eine nachhaltige Nutzung
der Wasserressourcen gewährleistet werden kann.
(148) Die Übernutzung des Grundwassers und Entwässe-
rungsprojekte haben auch negative Auswirkungen auf um-
weltsensible Gebiete. Große Teile von Feuchtbiotopen
wurden zerstört, und einige Feuchtgebiete sind vollständig
verschwunden. Feuchtgebiete sind, was ihren biologischen
Wert und ihre natürlichen Reinigungs- und Regulierungs-
funktionen betrifft, eine wertvolle Ressource. Ihre Erhal-
tung und Wiederherstellung hat hohe Priorität.
(149) Der Eintrag von Schad- und Nährstoffen in die Meere
und ihre Übernutzung bedroht die Meeresökosysteme und
führt zu einer allgemeinen Verschlechterung der Umwelt.
(150)
Politische Optionen
47. Verbesserung des Gleichgewichts zwischen Was-
serversorgung und -nachfrage, insbesondere in Ge-
bieten, die der Gefahr von Trockenheit ausgesetzt
sind. Entwicklung und Anwendung ökonomischer
Instrumente für die Wasserbewirtschaftung, inklu-
sive der Förderung wassersparender landwirt-
schaftlicher Nutzungskonzepte und Bewässerungs-
technologien in Wassermangelgebieten.
48. Förderung der transnationalen und interregionalen
Zusammenarbeit bei der Durchführung integrierter
Strategien für das Management der Wasserressour-
cen einschließlich größerer Grundwasservorkom-
men, insbesondere in dürre- und hochwasserge-
fährdeten Gebieten und Küstenregionen.
49.Erhaltung und Wiederherstellung von großen
Feuchtgebieten, die durch zu starke Wasserent-
nahme oder durch Umleitung von Zuflüssen ge-
fährdet sind.
50. Abgestimmtes Meeresmanagement, insbesondere
Erhalt und Rehabilitation der bedrohten Meeres-
ökosysteme.
51. Stärkung der regionalen Eigenverantwortung im
Wasserressourcenmanagement.
52.Durchführung von Umwelt- und Raumverträg-
lichkeitsprüfungen für alle großdimensionierten
Projekte im Bereich der Wasserbewirtschaftung.
3.4.4 Kreativer Umgang mit Kulturlandschaften
(151) Die Kulturlandschaften tragen durch ihre Eigenart
zur lokalen und regionalen Identität bei und spiegeln die

image
36
Geschichte und das Zusammenspiel von Mensch und Na-
tur wider. Sie sind deshalb beispielsweise als touristische
Anziehungspunkte von beträchtlichem Wert. Die Bewah-
rung dieser Landschaften ist von großer Bedeutung. Sie
darf aber nicht dazu führen, daß eine wirtschaftliche Nut-
zung unmöglich oder übermäßig behindert wird. In einigen
Fällen ist der gezielte Schutz besonders bedeutsamer Stät-
ten erforderlich. In anderen Fällen müssen ganze Land-
schaften erhalten oder wiederhergestellt werden. Die Art
und Weise der Landbewirtschaftung ist häufig der wichtig-
ste Schritt, eine Zerstörung von Kulturlandschaften zu ver-
hindern.
(152) Ein gemeinsames Merkmal vieler europäischer
Landschaften ist ihre ständige Weiterentwicklung. Dabei
besteht jedoch die Gefahr der Vereinheitlichung und des
Verlustes biologischer Vielfalt. Eine kleine Anzahl von
Kulturlandschaften sollten als einmalige Beispiele histori-
scher Kulturlandschaften unter Schutz gestellt werden:
z. B. die „Bocage“, Wallheckenlandschaften entlang der
Atlantikküste. Schutzmaßnahmen sind auch für Elemente
nötig, die besonders typisch für ältere Landschaften sind,
wie beispielsweise die alten Systeme der offenen Felder,
durch die Orte von historischem Interesse entstanden sind.
In ähnlicher Weise sind die durch verschiedene Länder
führenden, historischen Wege wie der Pilgerweg nach San-
tiago de Compostela oder die italienische „Via Franci-
gena“ von solch hohem Wert, daß sie unter Schutz gestellt
werden sollten.
(153) In einem Großteil der Fälle ist die kreative Weiter-
entwicklung bzw. Wiederherstellung der Landschaften
wichtiger als die Erhaltung der gegenwärtigen Situation.
Derzeit werden landschaftsbeeinflussende Maßnahmen
häufig unkoordiniert durchgeführt. Ihre Ergebnisse
sind eher zufällig und spiegeln vielfach nur die verschiede-
nen Interessen der jeweils Beteiligten wider. Neue Unter-
nehmens- und Wohnansiedlungen werden oft ohne ästheti-
sche oder umweltgerechte Überlegungen angelegt. Durch
die Förderung von Rohstoffen werden z. T. ganze Land-
schaften zerstört. Für viele Gebiete in Europa ist daher eine
individuell angepaßte und kreative Landschaftspolitik er-
forderlich, d. h. eine Politik, die sich auf Integration grün-
det, offen für neue Entwicklungen ist und zur Schaffung
bzw. Wiederherstellung attraktiver Landschaftsbilder
beiträgt.
(154) Schließlich gibt es Fälle, in denen sich die Landschaft
aufgrund fehlender menschlicher Eingriffe verschlechtert.
Dies geschieht besonders dort, wo traditionelle Methoden
der landwirtschaftlichen Bodennutzung aufgegeben wer-
Politische Ziele und Optionen für das Territorium der EU
den. Die Vernachlässigung der Landbewirtschaftung in ge-
fährdeten Gebieten, wie Gebirgen und Küstengebieten,
kann besonders folgenschwer sein, indem sie z. B. die Bo-
denerosion verstärkt. In Gebieten, in denen menschliche
Aktivitäten nicht sehr ausgeprägt sind, kann der Rückgang
der menschlichen Eingriffe aber auch zur Erholung der Na-
tur führen. Die Förderung traditioneller Landbewirtschaf-
tungsmethoden, der touristischen Erschließung sowie von
Aufforstungen können beispielsweise mögliche Alternati-
ven zum vollständigen Brachliegen darstellen.
(155)
Politische Optionen
53.Erhaltung und kreative Weiterentwicklung von
Kulturlandschaften mit besonderer kulturhistori-
scher, landschaftsästhetischer und ökologischer
Bedeutung.
54.Inwertsetzung von Kulturlandschaften im Rah-
men integrierter Raumentwicklungsstrategien.
55.Verbesserte Koordinierung der Entwicklungs-
maßnahmen, die sich auf die Landschaften aus-
wirken.
56.Kreative Wiederherstellung von Landschaften,
die durch menschliche Eingriffe Schäden erlitten
haben, einschließlich von Rekultivierungsmaß-
nahmen.
3.4.5 Kreativer Umgang mit dem Kulturerbe
(156) Viele europäische Städte und Gemeinden besitzen
ein hohes Maß an kulturell äußerst wertvoller Substanz,
die vielfach in langsamen, aber stetigem Verfall begriffen
ist. Trotz beträchtlicher Investitionen zur Erhaltung und Re-
staurierung konnte dieser Trend bislang nicht gestoppt wer-
den. Um irreparable Schäden zu verhindern, müssen
Schutzprogramme initiiert werden. Die Unterzeichnerstaa-
ten des Abkommens von Granada von 1985 haben sich zu
einem Lösungsansatz verpflichtet, nach dem das architek-
tonische Erbe zu schützen und dessen Erhaltung zu sichern
ist, gleichzeitig aber auch die Bedürfnisse einer modernen
Gesellschaft berücksichtigt werden müssen
37
.

(157) Das kulturelle Erbe ist besonders durch Umweltver-
schmutzung, menschliche Interventionen und natürliche
Risikofaktoren gefährdet. Die Kenntnisse über diese Risi-
kofaktoren sind immer noch unzureichend. Hierzu ist die
Entwicklung ausgereifter Methodologien, die sich auf ein
umfassendes Konzept der Risikoeinschätzung stützen, er-
forderlich.
(158) Das Kulturerbe der EU besteht nicht nur aus einzel-
nen kulturhistorisch wertvollen Bauwerken und archäolo-
gischen Stätten. Die unterschiedlichen Lebensstile der Be-
wohner europäischer Städte und Gemeinden sind in ihrer
Gesamtheit als ein Bestandteil des Kulturerbes zu betrach-
ten. Viele europäische Städte sind den Gefahren der Kom-
merzialisierung und kulturellen Vereinheitlichung ausge-
setzt, die ihre Individualität und jeweilige Identität zer-
stören. Hierzu zählen beispielsweise Immobilienspekula-
tionen, im Vergleich zur Umgebung überdimensionierte In-
frastrukturprojekte oder unüberlegte Anpassungen an den
Massentourismus. Diese Faktoren führen häufig zu ernst-
haften Schäden in der Struktur und im gesellschaftlichen
Leben der Städte sowie zur Beeinträchtigung ihres Poten-
tials als attraktive Standorte für mobile Investitionen. Stra-
tegien der Raumentwicklung können dazu beitragen, die-
sen Gefahren entgegenzutreten.
(159) Moderne innovative Bauwerke sollten nicht als
störende Einflüsse, sondern als potentielle Bereicherungen
des kulturellen Erbes angesehen werden. In vielen
Fällen sind die besten architektonischen Werke jedoch nur
37
Einzelerfolge, die häufig von Entwicklungen begleitet
werden, die die Qualität der städtischen Umwelt herabset-
zen. Selten werden Gebäude bzw. Gebäudegruppen auf der
Grundlage einer zeitgenössischen Vision der Stadtplanung
gestaltet und harmonisch in städtebauliche Ensembles in-
tegriert. Wie im ländlichen Bereich sind auch Stadtland-
schaften häufig die Folge zufälliger Entwicklungen. Strate-
gien für eine kreative Gestaltung der Stadtbilder werden
nur allmählich entwickelt. Sie sind jedoch dringend not-
wendig, insbesondere in Städten, in denen die sich ver-
schlechternde Qualität der Bauwerke ein Stadium erreicht
hat, durch das Menschen davon abgehalten werden, dort zu
leben oder zu investieren.
(160)
Politische Optionen
57.Entwicklung von integrierten Strategien zum
Schutz des kulturellen Erbes, welches in Gefahr
oder im Verfall begriffen ist, einschließlich der
Entwicklung von Instrumenten zur Beurteilung
der Risikofaktoren und zur Bewältigung von Kri-
sensituationen.
58. Erhaltung und kreative Umgestaltung schützens-
werter städtebaulicher Ensembles.
59. Förderung zeitgenössischer Bauwerke von hoher
architektonischer Qualität.
60.Stärkung des Bewußtseins, daß aktuelle Stadt-
und Raumentwicklungspolitik zum kulturellen
Erbe zukünftiger Generationen beiträgt.
EUREK

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38
Die Anwendung des EUREK
4 Die Anwendung des EUREK
Abb. 7: Formen der Zusammenarbeit bei der Raumentwicklung
4.1 Auf dem Wege zu einer integrierten
Raumentwicklung
(161) Bei der Anwendung der politischen Optionen durch
die Regierungs- und Verwaltungsstellen der Mitgliedstaaten
und die Dienststellen der EU müssen sachliche, räumliche
und zeitliche Überschneidungen und Konflikte frühzeitig
beachtet und die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Hier-
zu bedarf es neuer Formen der Zusammenarbeit, die gemäß
den Prinzipien des EUREK auf freiwilliger Basis erfolgen.
Die Anwendung der politischen Optionen stützt sich auf das
Subsidiaritätsprinzip. Erforderlich ist deshalb eine enge Zu-
sammenarbeit einerseits der Fachpolitiken untereinander
und mit den für die räumliche Entwicklung zuständigen
Behörden auf der jeweiligen Ebene (horizontale Zusam-
menarbeit) und andererseits der Politiken der Gemein-
schaftsebene und der transnationalen, regionalen und loka-
len Ebenen untereinander (vertikale Zusammenarbeit – vgl.
Abb. 7). Kooperation ist der Schlüssel für eine integrierte
Raumentwicklungspolitik und stellt deren Mehrwert ge-
genüber isoliert handelnden Sektorpolitiken dar.
(162) Integrierte Raumentwicklungspolitik im EU-Maß-
stab muß die politischen Optionen zur Entwicklung be-
stimmter Gebiete so miteinander kombinieren, daß natio-
nale Grenzen und andere administrative Hürden keine Ent-
wicklungsengpässe mehr darstellen. Das EUREK liefert
den Rahmen für die integrierte Anwendung der politischen
Optionen. Seine inhaltliche Ausfüllung ist nicht Aufgabe
einer Behörde, sondern liegt in der Verantwortung einer
Vielzahl von Raumentwicklungsbehörden (Raumordnung,
Regionalplanung, Stadtplanung) und Fachplanungen.
(163) Die politischen Optionen unterscheiden sich im Hin-
blick auf ihren räumlichen Anwendungsbereich. Das EUREK
empfiehlt für die räumliche Kooperation drei Ebenen:

I
die Gemeinschaftsebene,
I
die transnationale/nationale Ebene,
I
die regionale/lokale Ebene.
Aus EU-Sicht ist dabei die Zusammenarbeit auf trans-
nationaler Ebene von zentraler Bedeutung. Transnationale
Strategien und Programme dienen der Differenzierung ge-
meinschaftlicher Fachpolitiken in den verschiedenen Re-
gionen der EU. Sie können auch die Abstimmung der Ge-
meinschaftspolitiken mit den entsprechenden nationalen,
regionalen und lokalen Politiken unterstützen.
(164) Aus den möglichen Kombinationen der politischen
Optionen des EUREK ergeben sich eine Reihe von
Schwerpunktaufgaben für eine ausgewogene und nachhal-
tige Raumentwicklungspolitik. Diese Aufgaben müssen
entsprechend der jeweiligen Situation vor Ort spezifiziert
werden. Beispielhaft seien genannt:
I
Förderung der Vernetzung von Stadtregionen: Alle
Städte und Regionen müssen in der Lage sein, zum Ab-
bau der Arbeitslosigkeit, zu wirtschaftlichem Wachstum
und sozialer Ausgewogenheit der EU beizutragen. Hier-
zu sollten strategische Partnerschaften und Kooperatio-
nen zwischen den Stadtregionen stärker gefördert wer-
den. Dies bedarf eines regionalen, grenzübergreifenden
und transnationalen Ansatzes für Städtenetze.
I
Bessere Erreichbarkeit als Grundvoraussetzung einer
polyzentrischen Entwicklung: Auch wenn es nicht mög-
lich ist, den gleichen Grad der Erreichbarkeit zwischen
den Regionen der EU zu schaffen, so sind unter Berück-
sichtigung des Nachhaltigkeitsgedankens Verbesserun-
gen besonders in den peripheren Regionen und in den
hochverdichteten, stark verkehrlich belasteten Räumen
von grundlegender Bedeutung.
I
Entwicklung von Euro-Korridoren: Diese Korridore
können den räumlichen Zusammenhalt der EU stärken
und sind ein wesentliches Instrument der Raument-
wicklung zur Kooperation der Städte. Das räumliche
Konzept eines Eurokorridors kann Verbindungen zwi-
schen Fachpolitiken, wie Verkehr, Infrastruktur, wirt-
schaftliche Entwicklung, Städtebau und Umwelt, her-
stellen. Solch ein Entwicklungskonzept sollte klar vor-
geben, welche Gebiete weiterhin durch Wachstum ver-
dichtet werden dürfen und welche als Freiräume erhal-
ten werden müssen. Die Zahl der möglichen Korridore
in der EU ist groß. Einzelne Korridore sind bereits gut
entwickelt. In anderen Gebieten der EU müssen solche
Korridore ausgebaut und mit bestehenden verbunden
werden. Wichtige fehlende Bindeglieder und sekundäre
Netze müssen ermittelt werden.
39
I
Stärkung der Städte und Regionen an den Außengrenzen
der EU: Politiken zur Entwicklung der „Gateway-Städte“,
der multimodalen Infrastruktur für die europäischen Kor-
ridore, der gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Telekom-
munikationseinrichtungen und der interkontinentalen Er-
reichbarkeit könnten die Rolle der Regionen an den
Außengrenzen und ihrer Städte stärken. Dies gilt sowohl
für den Erweiterungsprozeß als auch die Entwicklung in-
tensiverer Beziehungen zu Nichtmitgliedstaaten nach Sü-
den sowie zu anderen Weltwirtschaftsregionen.
I
Erhaltung und Entwicklung der biologischen Vielfalt in
den EU-Regionen: Die erfolgreiche Entwicklung eines
europäischen Naturraumnetzes hängt vom räumlich abge-
stimmten Vorgehen verschiedener Gemeinschaftspoliti-
ken untereinander und von den entsprechenden nationalen
Maßnahmen ab. Viele wildlebende Tierarten, vor allem
Vögel, nutzen im Verlauf des Jahres das gesamte Territo-
rium der EU als ihren Lebensraum. Die Beziehungen
zwischen den Elementen dieses Netzwerks, wie Feucht-
gebiete, Nationalparks, Inseln, Küstenregionen, Watten-
meere und bestimmte ländliche Regionen, müssen erfaßt
und auf europäischer Ebene unter aktiver Beteiligung der
regionalen und lokalen Ebene abgestimmt werden.
I
Entwicklung des europäischen Kulturerbes: Die Bewah-
rung der Vielfalt der europäischen Identität erfordert im
Zuge der Globalisierung, daß kohärente Strategien zum
Erhalt des Kulturerbes mit den Bedürfnissen der Wirt-
schaft und der Regionalentwicklung in Einklang gebracht
werden. Hierfür müssen Leitlinien und Instrumente der
Raumentwicklung entwickelt werden. Dies gilt sowohl
für in Europa weit verbreitetes Kulturerbe gemeinsamen
Ursprungs (z. B. das Erbe der Kelten sowie historische
Pilgerwege) als auch für lokales Erbe (z. B. die Stadt-
ensembles Brügge oder Venedig).
I
Notwendigkeit eines integrierten Managements von Kü-
stengebieten (ICZM): Aufgrund zunehmender sektoraler
Konflikte, demographischer Entwicklungen und der Viel-
zahl von Institutionen und Akteuren mit Interessen in Kü-
stengebieten stellen diese Gebiete eine große Herausfor-
derung der Raumentwicklung im EU-Maßstab dar.
(165) Es wird deutlich, daß zur Umsetzung raumentwick-
lungspolitischer Ziele und Optionen andere Politikansätze
erforderlich sind als für Politikbereiche, für die eine klare
Zuständigkeit der Gemeinschaft besteht:
I
Auch wenn auf Gemeinschaftsebene keine Raumord-
nungskompetenz verankert ist, muß gesichert werden,
daß die verschiedenen raumrelevanten Politiken der Ge-
meinschaft nicht gegeneinander wirken oder sich ge-
genseitig neutralisieren.
EUREK

I
Aus dem EUREK darf sich aber kein Rahmenplan ent-
wickeln, der über anderen Politikfeldern steht. Seine
Anwendung beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit.
Dies erfordert vor allem Kooperation, Konsensstreben
und Konsultation der betreffenden Politikverantwortli-
chen und Exekutivorgane auf gemeinschaftlicher, na-
tionaler, regionaler und lokaler Ebene. Eine umfassen-
de öffentliche Unterstützung ist eine wirkungsvolle Vor-
aussetzung für die effiziente Anwendung des raument-
wicklungspolitischen Ansatzes.
I
Der Schwerpunkt der Anwendung des EUREK als ein eu-
ropäisches Dokument liegt auf Gemeinschafts- und trans-
nationaler Ebene. Vorrang sollten Fragen haben, die nicht
in entsprechender Weise von einem oder zwei Mitglied-
staaten behandelt werden können, sondern der Kooperati-
on mehrerer Staaten bedürfen. Dabei hängt eine erfolgrei-
che Raumentwicklungspolitik, viel mehr als in einigen an-
deren Politikbereichen, vom Zusammenwirken mit der lo-
kalen und regionalen Ebene ab. Transnationale bzw.
grenzübergreifende Aktionen auf dieser Ebene sind daher
für die Anwendung des EUREK unabdingbar.
I
Es gibt eine Vielzahl von Wegen der grenzübergreifenden
Zusammenarbeit bei der Raumentwicklung. Projekte zur
ausgewogenen und nachhaltigen Entwicklung der Grenz-
regionen sowie Investitionsprojekte können gestärkt und
unterstützt werden durch gegenseitigen Konsens beider-
seits der Grenzen, politische Vereinbarungen, zwi-
schenstaatliche Bewertungen räumlicher Auswirkungen
und Anpassungen nationaler Gesetzgebungen.
Im folgenden werden die wesentlichen Vorschläge für die
Anwendung des EUREK auf den jeweiligen Regierungs-
und Verwaltungsebenen gegeben.
4.2 Die Anwendung des EUREK auf
Gemeinschaftsebene
(166) Die Anwendung bzw. Berücksichtigung des EUREK
durch die Europäischen Institutionen kann zu einer höheren
Wirksamkeit der Gemeinschaftspolitiken beitragen. Das
Europäische Parlament, der Ausschuß der Regionen sowie
der Wirtschafts- und Sozialausschuß haben mit Stellung-
nahmen zum EUREK ihre Unterstützung für eine regional
ausgewogenere Entwicklung der Städte und Regionen in
der EU deutlich zum Ausdruck gebracht.
(167) Die Europäische Kommission hat eine Interservice-
Gruppe zur Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen
Gemeinschaftspolitik und räumlicher Entwicklung gebildet.
Ferner wird eine räumliche Vorgehensweise unter Einbezie-
hung mehrerer Politikbereiche, wie z. B. im Rahmen der
Demonstrationsprogramme für das integrierte Management
von Küstengebieten, erprobt. Hierbei werden neue Bereiche
der horizontalen Zusammenarbeit geschaffen.
Der Europäischen Kommission wird vorgeschlagen, die
räumlichen Wirkungen von Politikbereichen wie der gemein-
samen Agrarpolitik, Verkehrspolitik und Transeuropäische
Netze, Strukturpolitik, Umweltpolitik, Wettbewerbspolitik
sowie Forschungs- und Technologiepolitik systematisch und
periodisch auf europäischer Ebene zu überprüfen.
(168) Die Treffen der für die Raumentwicklung verantwort-
lichen Minister und des Ausschusses für Raumentwicklung
(CSD) spielen eine zentrale Rolle bei der Anwendung und
Weiterentwicklung des EUREK. Aufgrund ihres informellen
Charakters können sie jedoch keine Beschlüsse herbeiführen.
Europäische Institutionen, wie das Europäische Parlament
und der Wirtschafts- und Sozialausschuß befürworten daher
eine Formalisierung dieser Gremien unter Wahrung des Sub-
sidiaritätsprinzips. Die Mitgliedstaaten vertreten hierzu un-
terschiedliche Positionen.
Den Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, die Vorstellungen eu-
ropäischer Institutionen zur Formalisierung der Treffen der
Raumordnungsminister sowie des Ausschusses für Raument-
wicklung unter Wahrung des Subsidiaritätsprinzips zu prüfen.
(169) Mit der Errichtung der WWU und der Ausweitung des
internationalen Handels sind Fragen der räumlichen Ent-
wicklung nicht nur für Institutionen der EU, sondern auch für
europaweit sowie international kooperierende politische Zu-
sammenschlüsse (Europarat, OECD), für Nicht-Regierungs-
organisationen, Wirtschaftsverbände und Dienstleistungsun-
ternehmen sowie Arbeitnehmervertretungen von Bedeutung.
Den europäischen Institutionen wird vorgeschlagen, ge-
meinsam mit den nationalen Raumentwicklungsbehörden
der Mitgliedstaaten geeignete Maßnahmen der Zusammen-
arbeit mit internationalen Organisationen und Institutio-
nen zu ergreifen, um die kohärente praktische Anwendung
des EUREK auf internationaler Ebene zu fördern.
(170) Die Bereitstellung umfassender Informationen auf
Gemeinschaftsebene im Rahmen einer laufenden Raumbe-
obachtung umfaßt:
I
Verbreiterung der Wissensbasis durch die Bereitstellung
vergleichbarer Daten und Indikatoren, Analyse und Er-
forschung von grenzübergreifenden, transnationalen
und europaweiten Trends, die die Raumentwicklung be-
einflussen,
40
Die Anwendung des EUREK

I
Informationsaustausch über die Praxis der Raumpla-
nung auf vergleichender Basis,
I
Beobachtung und Bewertung der räumlichen Entwick-
lung mit Schlußfolgerungen für die politischen Ziele
und Optionen sowie die Erarbeitung geeigneter Kriteri-
en und Indikatoren. Dies ist von besonderer Bedeutung
für die Weiterentwicklung des EUREK.
Den Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, regelmäßig stan-
dardisierte Informationen über wichtige Aspekte der natio-
nalen Raumentwicklungspolitik und ihrer Umsetzung in na-
tionalen Raumentwicklungsberichten aufzubereiten und
sich dabei an die Struktur des EUREK anzulehnen. Dies för-
dert die Vergleichbarkeit der Darstellung raumrelevanter
Trends in den Mitgliedstaaten.
(171) Mit dem EUREK wird eine erste Einschätzung der
Trends und Problemstellungen zur Raumentwicklung in
Europa getroffen. Zusätzlich zu weitergehenden Forschun-
gen und Studien gibt es einen Bedarf nach eingehenderen
Analysen der europäischen Raumentwickung auf der Basis
gemeinsamer statistischer Grundlagen, die einen längeren
Zeitraum abdecken. Harmonisierte Daten und Bewertun-
gen regionalwirtschaftlicher Entwicklungen in Europa ste-
hen bereits auf europäischer Ebene in Form von Doku-
menten, wie beispielsweise den Periodischen Berichten
über die soziale und wirtschaftliche Lage und die Entwick-
lung der Regionen der Gemeinschaft und dem „Kohäsi-
onsbericht“
38
zur Verfügung. Es wurden jedoch bei der Er-
stellung des EUREK große Lücken hinsichtlich vergleich-
barer raumbezogener Daten festgestellt. Einen Ansatzpunkt
für deren Erhebung könnten die Kriterien, die während der
spanischen und italienischen Präsidentschaft erstmals vor-
geschlagen und unter niederländischer Präsidentschaft er-
weitert wurden, darstellen. Im Rahmen des Studienpro-
gramms der Europäischen Kommission werden folgende
Kriterien zur Zeit eingehend untersucht:
I
geographische Lage
I
wirtschaftliche Stärke
I
soziale Integration
I
räumliche Integration
I
Druck auf die Flächennutzung
I
natürliche Werte
I
kultureller Wert.
Der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten
wird vorgeschlagen, sich auf verläßliche Kriterien und In-
dikatoren zu einigen, um eine nachhaltige Entwicklung der
Regionen und Städte wirksam unterstützen zu können. Die
langfristig ausgerichtete Forschung zu räumlich relevanten
41
Themen in der EU muß als Teil eines fortlaufenden Aktua-
lisierungsprozesses des EUREK durchgeführt werden. Ent-
sprechende Aktivitäten betreffen insbesondere:
I
auf Initiative der Kommission erstellte Studien und Pilot-
projekte, mit denen Probleme und Lösungen der Raum-
und Regionalentwicklung im Zusammenhang mit dem
EUREK ermittelt, analysiert und neuartige Kooperati-
onsformen erprobt werden,
I
den Austausch von innovativen Erfahrungen im Hin-
blick auf eine optimale Nutzung und den Transfer von
Kenntnissen im Bereich der Raum- und Regionalent-
wicklung.
(172) Räumliche Kriterien und Indikatoren sind auch für
die Erarbeitung von Langzeitszenarien der Raumentwick-
lung wichtig. Die Themen der Raumentwicklung von eu-
ropäischer Bedeutung des gegenwärtigen EUREK bezie-
hen sich auf bestimmte langfristig geltende Hypothesen.
Obwohl die Zusammenarbeit im Bereich der Raument-
wicklung sowohl kurz- als auch mittelfristig erfolgen kann,
ist es wichtig, längerfristige Probleme und Perspektiven
nicht aus dem Auge zu verlieren.
Demzufolge wird der Europäischen Kommission und den
Mitgliedstaaten vorgeschlagen, die sich entwickelnden Trends
und deren Triebkräfte sowie räumlich differenzierten Auswir-
kungen zu bewerten und als grundlegende Aufgabe langfristig
durchzuführen. Dazu würden folgende Themen gehören:
I
demographische Veränderung und Verteilung,
I
Globalisierung der Wirtschaft,
I
Struktur- und Standortwechsel der wirtschaftlichen Ak-
tivitäten und des Arbeitsmarktes,
I
Veränderungen im Bereich der Verkehrstechnologie, der
Telekommunikation, des Energiesektors und des Infor-
mationsaustauschs,
I
Fachpolitiken und Projekte der EU,
I
Wirksamkeit der unterschiedlichen Städtenetze und der
Partnerschaften,
I
EU-Erweiterung,
I
Beziehungen mit Drittstaaten.
(173) Über den Informationsaustausch hinaus sollte die po-
litische Zusammenarbeit nationaler Raumentwicklungs-
behörden untereinander und mit der Kommission von
raumwissenschaftlichen Forschungsinstituten der Mit-
gliedstaaten in Form eines Netzwerkes vorbereitet und be-
gleitet werden. Die Forschungsergebnisse könnten dem
Ausschuß für Raumentwicklung (CSD) als Beratungs-
grundlage dienen. Die Kooperation der Forschungsinstitu-
EUREK

42
Die Anwendung des EUREK
Nordseeraum
Nordwesteuropäischer
Metropolraum
Südwesteuropa
Mitteleuropäischer, Adriatischer,
Donau- und Südosteuropäischer
Raum (CADSES)
Ostseeraum
Westliches Mittelmeer
und Südalpen
Atlantischer Raum
Karte 3: Interreg II C Allgemeine Programme zur Zusammenarbeit
Quelle: Europäische Kommission GD XVI
Karte 3: Interreg II C-Allgemeine Programme zur Zusammenarbeit

43
te untereinander und ihre enge Zusammenarbeit mit dem
CSD bedarf kontinuierlich arbeitender Strukturen und soll-
te aus dem Haushalt der Gemeinschaft mitfinanziert wer-
den. Abgesehen von einem Netzwerksekretariat könnte
sich durch die erfolgreiche Vernetzung nationaler For-
schungsinstitute die Einrichtung einer weiteren zentralen
europäischen Behörde als überflüssig erweisen. Die Zu-
sammenarbeit in einem Netzwerk wird gegenwärtig im
Rahmen eines Studienprogramms nach Artikel 10 der
EFRE-Verordnung erprobt.
Die Institutionalisierung eines „Netzwerks Europäisches
Raumentwicklungsobservatorium“ sollte unter Berücksich-
tigung der Erfahrungen des Studienprogramms möglichst
umgehend eingeleitet werden.
4.3 Die transnationale Zusammenarbeit
der Mitgliedstaaten
(174) Die EU führte bereits 1996 mit der Gemeinschafts-
initiative INTERREG II C einen innovativen Ansatz zur
integrierten räumlichen Entwicklungspolitik auf transnatio-
naler Ebene ein. Die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten er-
folgt nach drei Förderschwerpunkten: transnationale Ko-
operation zur Raumentwicklung in sieben Kooperations-
räume; (vgl. Karte 3), vorbeugender Hochwasserschutz in
zwei Programmregionen, und Vorsorge vor Dürreschäden
in vier nationalen Förderprogrammen; (vgl. Karte 4) auf
der Grundlage gemeinsam ausgearbeiteter Programme.
Darüber hinaus werden in vier Kooperationsgebieten trans-
nationale Pilotprojekte nach Art. 10 des EFRE durchgeführt
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
von Überschwemmungen
Programmgebiete zur Verhütung
Interreg Rhein-Maas
Aktivitäten (IRMA)
Frankreich und Italien
Programmgebiete zur
Dürrebekämpfung
(Nationale Programme)
Quelle: Europäische Kommission GD XVI
Karte 4: Interreg II C Programme zur Verhütung von Überschwemmungen und zur Dürrebekämpfung
EUREK

(vgl. Karte 5). Die Abgrenzung der Kooperationsräume ist
das Ergebnis eines politischen Abstimmungsprozesses zwi-
schen den beteiligten Staaten. In einigen Räumen wirken
Staaten, die nicht der EU angehören, mit.
(175) In diesen großen Kooperationsräumen wird die trans-
nationale Zusammenarbeit bei räumlichen Entwicklungs-
44
vorhaben erstmals in gemeinsamen Organisations-, Ver-
waltungs- und Finanzstrukturen erprobt (vgl. Tab. 1).
(176) Es werden staatenübergreifende Entwicklungspro-
jekte durchgeführt, die über die unmittelbaren Grenzgebie-
te hinausgehen. Zum Beispiel werden im Rahmen des vor-
beugenden Hochwasserschutzes am Rhein mit EU-Mitteln
Die Anwendung des EUREK
Kooperations-
Entscheidungs-
Sekretariat
Finanzabwicklung der
Raum
gremien
EU-Fonds
INTERREG II C – Transnationale Zusammenarbeit zur Raumentwicklung
Ostsee
Gemeinsam
Zentral in Rostock, D
Zentral durch I-Bank Schleswig-
Filiale in Karlskrona, S
Holstein in Kiel/Rostock
Nordsee
Gemeinsam
Zentral in Viborg, DK
Zentral durch Jyske-Bank
in Viborg
CADSES
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
NWMA
Gemeinsam
Zentral in London, UK
Zentral durch Lloyds-Bank in
London
Atlantischer Raum
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Zentral durch
mit Unterstützung eines zentralen Sekre-
beauftragte Banken
tariates in Poitiers, F (in Vorbereitung)
Südwesteuropa
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
Westliches Mittel-
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
meer/Südalpen
INTERREG II C - Hochwasservorsorge
Hochwasserschutz
Gemeinsam
Zentral in Den Haag, NL
Zentral durch I-Bank Nordrhein-
Rhein-Maas
Westfalen in Düsseldorf
Frankreich/Italien
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
Pilotprojekte nach Artikel 10 EFRE
Nördliche Peripherie
Gemeinsam
Zentral in Oulu, Finnland
Zentral durch den Regionalrat
von Nord-Ostrobothnia
Westliches
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
Mittelmeer
Ostalpen
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
Südöstliches
Gemeinsam
Vernetzung nationaler Einrichtungen
Nationale Einrichtungen
Mittelmeer
Tab. 1: Strukturen zur Umsetzung transnationaler operationeller Programme zur Raumentwicklung

45
EUREK
die Planungen für umfangreiche Retentionsräume am Ober-
lauf (Deutschland) vorangetrieben, damit ein künftiges
Hochwasser am Unterlauf (Niederlande) nicht solche Folgen
hinterläßt wie in der Vergangenheit. Andere Projekte erpro-
ben entlang mehrerer staatenübergreifender Transportkorri-
dore ein gemeinsames Verkehrsmanagement, den Aufbau in-
tegrierter Verkehrssysteme und eine abgestimmte Er-
schließung regionaler Wirtschaftspotentiale.
(177) Vorrangig werden solche Projekte genehmigt, von
denen sich alle Partnerstaaten einen Mehrwert für ihre
Raumentwicklung versprechen, auch wenn sie sich in ein-
zelnen Fällen nicht finanziell beteiligen. Dazu gehören Pla-
nungsaktivitäten, Projektmanagement, Netzwerke, Pilotak-
tionen, Erfahrungsaustausch, Machbarkeitsstudien und in
begrenztem Umfang auch komplettierende Infrastrukturin-
vestitionen. Gleichzeitig werden an Hand der Projekte na-
tional unterschiedliche Erfahrungen in Bereichen wie öf-
fentliche Verwaltung, Planung, Recht, Management,
Public-private Partnership über die Staatsgrenzen hinweg
ausgetauscht und Anstöße zur Kooperation von Unterneh-
men, Behörden, Verbänden und Gebietskörperschaften
gegeben.
(178) Die Durchführung der operationellen Programme hat
das starke Interesse regionaler und lokaler Gebietskörper-
schaften bei der transnationalen Zusammenarbeit verdeut-
licht, die auch maßgeblich die Kofinanzierung der Projek-
te übernommen haben. Bereits in den ersten Entschei-
dungsrunden zeichnet sich eine finanzielle Überzeichnung
einzelner Programme ab. Im Ostseeraum, wo die Zusam-
menarbeit bereits auf der Grundlage gemeinsamer politi-
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
Tor zum Mittelmeer
Alpenraum
Mittlerer und östlicher
Mittelmeerraum (Archi-med)
Quelle: Europäische Kommission GD XVI
Nördliche Peripherie
Karte 5: Artikel 10-Pilotaktionen

scher Ziele zur räumlichen Entwicklung
39
erfolgt, sind bei-
spielsweise 200 Gebietskörperschaften an der Durch-
führung der Projekte beteiligt.
Der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten
wird vorgeschlagen, die projektorientierte transnationale
Zusammenarbeit zur Raumentwicklung im Rahmen der
Gemeinschaftsinitiative INTERREG III weiterzuführen und
gemeinsam die entsprechenden Rahmenbedingungen
hierfür zu schaffen. Dies wird ein wesentliches Instrument
zur Anwendung des EUREK sein. Wichtigste Aufgaben sind:
I
die Beibehaltung geeigneter Kooperationsräume und die
Weiterentwicklung gemeinsamer transnationaler Ver-
waltungs-, Finanzierungs- und Managementstrukturen
für Programme und Projekte,
I
die stärkere Mitwirkung regionaler und lokaler Gebiets-
körperschaften in den Entscheidungsprozessen und der
Programmdurchführung,
I
die weitere Förderung räumlich integrierter Projekte un-
ter Einbeziehung fachpolitischer Problemstellungen, um
Synergieeffekte zu gewährleisten,
I
die Beseitigung von rechtlichen Hindernissen in den Mit-
gliedstaaten, die die grenz- und staatenübergreifenden
Abstimmungen raumbedeutsamer Planungen und Maß-
nahmen behindern,
I
die Nutzung der Projekte zur Vorbereitung investiver
Maßnahmen, die Weiterentwicklung der Instrumente der
Raumordnung, insbesondere von grenzübergreifenden
Raumverträglichkeitsprüfungen,
I
die Unterstützung des Zusammenwirkens mit benach-
barten Nicht-EU-Staaten, insbesondere mit mittel- und
osteuropäischen Staaten und mit Zypern zur Vorberei-
tung eines EU-Beitritts, sowie mit den Mittelmeeranrai-
nerstaaten,
I
die Bewertung der Ergebnisse der transnationalen
Zusammenarbeit im Rahmen von INTERREG und
Artikel 10 EFRE vor dem Hintergrund des EUREK durch die
zuständigen Gremien der EU und der Mitgliedstaaten.
(179) Derzeit können Nichtmitgliedstaaten an INTERREG
II C und Artikel 10-Pilotaktionen teilnehmen. Sie erhalten
jedoch keine Förderung aus dem EFRE, sondern aus ande-
ren Förderprogrammen (PHARE, TACIS). Die Kombinati-
on dieser verschiedenen Förderprogramme in einem ge-
meinsamen Kooperationsraum gestaltet sich in Folge der
unterschiedlichen Verwaltungsvorschriften sehr schwierig.
Das INTERREG-Programm könnte als „Heranführungsin-
strument“ beitrittswilliger Staaten besser genutzt werden,
wenn deren Teilnahme durch vereinfachte Verwaltungs-
strukturen erleichtert würde.
46
Der Europäischen Kommission wird empfohlen, die Verbin-
dung von INTERREG mit Programmen der Gemeinschaft für
Nichtmitgliedstaaten derart zu verbessern, daß Programme
und Projekte zur Raumentwicklung
aus einer Hand“ durch-
geführt werden können.
4.4 Die grenzübergreifende und inter-
regionale Zusammenarbeit
(180) Die regionalen und lokalen Gebietskörperschaften
gehören zu den Schlüsselakteuren der europäischen Raum-
entwicklungspolitik. Die Umsetzung der politischen Op-
tionen erfordert die aktive Unterstützung seitens der regio-
nalen und lokalen Ebenen, von Kleinstädten in ländlichen
Gebieten bis hin zu Metropolregionen. Die regionalen und
lokalen Gebietskörperschaften verwirklichen die Ziele der
Gemeinschaft durch ihre Zusammenarbeit untereinander
und im Gegenstromprinzip. Gleichzeitig ist dies die Ebene,
auf der die Bürgerinnen und Bürger die Ergebnisse eu-
ropäischer Raumentwicklungspolitik unmittelbar erfahren.
Viele räumliche Entwicklungsaufgaben können dabei nur
durch die grenzübergreifende Zusammenarbeit der Ge-
bietskörperschaften zufriedenstellend gelöst werden. Die
Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg hat daher
eine Schlüsselrolle bei der Anwendung des EUREK.
(181) Die grenzübergreifende Zusammenarbeit benachbarter
Grenzregionen wurde in Europa durch Regierungs- und
Raumordnungskommissionen sowie durch Empfehlungen
des Europarates vorbereitet. Sie wird seit 1990 durch die Ge-
meinschaftsinitiative INTERREG finanziell gefördert. Fast
alle Grenzregionen haben die Förderung durch INTERREG
genutzt, um gemeinsame Organisationen, Strukturen und
Netzwerke aufzubauen. Der Aufbau dieser Strukturen war
Voraussetzung für die Ausarbeitung grenzübergreifender
Raumentwicklungskonzepte beispielsweise in der Öresund-
region, in den Benelux-Staaten, in den Euroregionen an der
deutsch-niederländischen Grenze oder in der Saar-Lor-Lux-
Region. Hierdurch konnte die räumliche Wirksamkeit und
Abstimmung von Einzelprojekten verbessert werden. Künf-
tig sind grenzübergreifende Raumentwicklungskonzepte
eine wichtige Grundlage für grenzübergreifende operatio-
nelle Programme „aus einem Guß“. Beispiele hierfür sind:
I
die Förderung der Kooperation zwischen benachbarten
Grenzgebieten, damit sich die Städte und Gemeinden zu
„einem gemeinsamen“ Wirtschaftsraum entwickeln,
I
eine bessere Verknüpfung zwischen dem regionalen öf-
fentlichen Verkehr und Hauptverkehrsnetzen über
Staatsgrenzen hinweg sowie
Die Anwendung des EUREK

I
eine Landschaftsentwicklungs- und Umweltschutzpoli-
tik für ökologisch empfindliche Gebiete zur Schaffung
grenzübergreifender Biotopverbundsysteme.
Den Mitgliedstaaten, regionalen und lokalen Gebietskör-
perschaften wird vorgeschlagen, weitere grenzübergreifende
Programme und Projekte durchzuführen, vor allem:
I
Erstellung grenzübergreifender raumordnerischer Leit-
bilder und Konzepte (Raumentwicklungskonzepte) so-
wie deren Berücksichtigung in nationalen Raument-
wicklungs- und Fachplanungen,
I
regelmäßige grenzübergreifende Abstimmung aller
raumbezogenen Planungen und Maßnahmen,
I
Aufstellung gemeinsamer grenzübergreifender Regional-
und, wo sinnvoll, Flächennutzungspläne als weitge-
hendste Form grenzübergreifender Raumentwicklungs-
politik.
(182) Den nationalen Planungsbehörden und den Regionen
und Städten ist trotz der WWU bis heute nicht die Mög-
lichkeit gegeben, aktiv auf Entscheidungen in benachbarten
Staaten, die sie betreffen, Einfluß zu nehmen.
Den Mitgliedstaaten wird deshalb vorgeschlagen, zu prüfen,
ob im Rahmen ihrer Gesetzgebung die Grundlagen für die
grenzübergreifende Abstimmung von solchen raumbedeut-
samen Planungen und Maßnahmen, die erhebliche Auswir-
kungen auf Nachbarstaaten haben, geschafft werden
sollten. Nachbarstaaten sollten dabei entsprechende
Planungen und Maßnahmen nach den Grundsätzen der
Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit abstimmen. Eine
derartige Abstimmung sollte dem Grundsatz der Partner-
schaft und dem Subsidiaritätsprinzip entsprechend sowohl
für den lokal/regionalen Bereich, aber auch für die staatli-
che Ebene vorgesehen werden.
(183) Viele politische Optionen beziehen sich auf Aufgaben
der regionalen und lokalen Ebene und erfordern eine Koope-
ration auch zwischen nicht benachbarten, geographisch ge-
trennten Gebietskörperschaften unterschiedlicher Mitglied-
staaten, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Es ist
eine der grundlegenden politischen Absichten des EUREK,
daß Lösungsansätze für räumliche Problemstellungen nicht
nur auf EU- oder transnationaler Ebene gesucht werden, son-
dern daß die regionalen und lokalen Körperschaften dazu an-
geregt werden, sich an der Lösung europäischer Probleme zu
beteiligen. Damit können auch sie ihre Vorstellungen zur
räumlichen Struktur des Europas von morgen einbringen.
Die folgenden Vorschläge beziehen sich sowohl auf die
grenzübergreifende als auch auf die interregionale Zusam-
menarbeit. Sie gelten jedoch auch genauso für die Zusam-
47
EUREK
menarbeit von Gebietskörperschaften innerhalb einer Re-
gion (intraregional).
Den regionalen und lokalen Gebietskörperschaften wird vor-
geschlagen, bei einer nachhaltigen räumlichen Entwicklung
enger zusammenzuarbeiten. Dies betrifft :
Maßnahmen zur Information und Kooperation auf regiona-
ler Ebene:
I
Verbesserung der Erreichbarkeit durch Verbindung der
regionalen Verkehrssysteme mit den nationalen/inter-
nationalen Knotenpunkten,
I
Beiträge zu einer integrierten Entwicklung der Verkehrs-
infrastruktur,
I
Aktionsprogramme für die Erhaltung von Siedlungen in
ländlichen Gebieten, die von Bevölkerungsabnahme und
Flächenstillegungen betroffen sind,
I
Strategien für eine nachhaltige Entwicklung von Land-
schaften und Bewertung des landschaftlichen Potentials
zur Ausschöpfung erneuerbarer Energien,
I
Entwicklung von Landschaften und Ökosystemen mit re-
gionaler und europäischer Bedeutung,
I
koordinierte Flächennutzungspläne unter Einbeziehung
eines intelligenten Managements der Wasserressourcen,
I
Programme zur Erhaltung und Erweiterung des gemein-
samen Kulturerbes.
Maßnahmen zur Information und Kooperation auf lokaler
Ebene:
I
gemeinsame Strategien zur wirtschaftlichen Diversifika-
tion, die auf die Entwicklung von Städtekooperationen
und Städtenetzen ausgerichtet sind,
I
Aufnahme von Planungskonzepten für eine nachhaltige
Stadtentwicklung, darunter die Förderung von multimo-
dalen Verkehrskonzepten und die Verringerung des Rei-
sebedarfs,
I
städtische und ländliche Partnerschaften zur nachhalti-
gen Ausschöpfung der Möglichkeiten für innovative
Raumentwicklungsstrategien für die Städte und ihr länd-
liches Umland,
I
Aktionsprogramme zum Schutz und zur Erhaltung des
städtischen Erbes und Förderung qualitativ hochwertiger
Architektur.

4.5 Die Anwendung des EUREK in den
Mitgliedstaaten
(184) Die für die Raumordnung auf nationaler, regionaler
und lokaler Ebene verantwortlichen Behörden haben in
zweierlei Hinsicht bedeutende Aufgaben:
I
extern, indem sie in ihrer mitgliedstaatlichen Verant-
wortung das EUREK zur Planung und Umsetzung
grenzübergreifender, transnationaler und interregionaler
Kooperationsmaßnahmen nutzen und
I
intern, indem sie das EUREK bei der Formulierung
räumlicher Entwicklungspolitik, die sich ausschließlich
auf ihre eigenen Gebiete bezieht, berücksichtigen.
Den Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, die politischen Zie-
le und Optionen des EUREK jetzt in ihrer nationalen Raum-
planung in geeigneter Form zu berücksichtigen und über Er-
fahrungen der europaweiten Zusammenarbeit bei der
Raumentwicklung öffentlich zu informieren.
(185) Die Anwendung des EUREK in der nationalen und re-
gionalen räumlichen Planung wird für den weiteren wirt-
schaftlichen und sozialen Zusammenhalt der EU von beson-
derem Wert sein. Sie wird auch dazu beitragen, daß die loka-
len Behörden die Ziele und politischen Optionen des EU-
REK in ihrer eigenen Politik besser berücksichtigen können.
Den Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, auch bei der Ab-
stimmung der nationalen Raumentwicklungspolitiken,
-pläne und -berichte die europäische Dimension der Raum-
entwicklung zu berücksichtigen. Hier stellt sich zunehmend
die Aufgabe einer „Europäisierung der Landes-, Regional-
und Stadtplanung“. Das heißt, lokale und regionale Regie-
rungs- und Verwaltungsstellen sollten bei ihren raumbe-
deutsamen Planungen inselhafte Betrachtungen ihres Terri-
toriums überwinden und europäische Bezüge und Verflech-
tungen von vornherein berücksichtigen.
(186) Eine Reihe von Mitgliedstaaten hat die Konsultati-
onsverfahren über Fragen der Raumentwicklung institutio-
nalisiert. Sie führen zu Entwicklungsprojekten mit erhebli-
chen räumlichen Wirkungen Raumverträglichkeitsprüfun-
gen durch. Durch die Beteiligung der Betroffenen sollen
schon in der Frühphase von Planungen die positiven Wir-
kungen von Investitionen für die räumliche Entwicklung
gesteigert werden. Die Ostseeanrainerstaaten haben die
Durchführung solcher Verfahren für Modellprojekte in der
Küstenregion empfohlen.
48
Die Mitgliedstaaten sollten den Erfahrungsaustausch zu
Raumverträglichkeitsprüfungen intensivieren und die
nationalen Regelungen und Instrumente weiterentwickeln.
4.6 Die Bedeutung des EUREK für die
gesamteuropäische und internationale
Zusammenarbeit
(187) Das EUREK stellt auch einen Rahmen für die engere
Zusammenarbeit zwischen den 15 EU-Staaten und 25 wei-
teren Staaten des Europarates bei der gesamteuropäischen
Raumentwicklung dar. Eine besonders intensive Zusam-
menarbeit wird dabei mit den elf Beitrittsstaaten
40
angestrebt.
Die zunehmenden Verflechtungen mit der Schweiz und mit
Norwegen und das ausdrückliche Interesse dieser Staaten an
der Zusammenarbeit bestätigen die Notwendigkeit, die
Raumentwicklungsplanung der EU über das Territorium der
15 Mitgliedstaaten hinaus auszudehnen. Der Zusammenar-
beit im Europarat kommt bei der Entwicklung einer konti-
nentalen Raumentwicklungspolitik besondere politische Be-
deutung zu.
(188) Ausgehend von den Beschlüssen der Europäischen
Raumordnungsministerkonferenz (EMKRO) im Oktober
1997 in Zypern wird derzeit eine gesamteuropäische Raum-
entwicklungsstrategie („Leitlinien für eine zukunftsfähige
räumliche Entwicklung auf dem europäischen Kontinent“) er-
stellt. Im Unterschied zur Zusammenarbeit der Mitgliedstaa-
ten der EU bei der Erstellung des EUREK liegen die Schwer-
punkte auf der Ebene des Europarates bei folgenden Aspekten:
I
stärkere Berücksichtigung der kontinentalen Dimension
der Raumentwicklung Europas,
I
Analyse der spezifischen Situation und Anforderungen
der Länder Mittel- und Osteuropas im Vergleich zu
Westeuropa und Diskussion entsprechender Leitprinzi-
pien für die räumliche Entwicklung,
I
Untersuchung von Finanzierungsmodellen für räumli-
che Entwicklungsprojekte.
Auf der nächsten Europäischen Raumordnungsminister-
konferenz (EMKRO) im Jahr 2000 im Rahmen der EXPO
in Hannover wird das Dokument von den europäischen
Raumordnungsministern behandelt werden.
Es wird vorgeschlagen, die politischen Ziele und Optionen
des EUREK als grundlegenden Beitrag der 15 EU-Mitglied-
staaten in die gesamteuropäische Raumentwicklungsstrate-
gie einzubringen.
Die Anwendung des EUREK

49
EUREK
5.1 Ein neuer Referenzraum für das
EUREK
(190) Nach der Vorlage des „Ersten offiziellen Entwurfes
des EUREK“ in Noordwijk im Juni 1997 haben sich die
Mitgliedstaaten und die Europäische Kommission geeinigt,
dem Dokument ein eigenes Kapitel anzuschließen, das die
Herausforderungen des in jüngster Zeit in Gang gekomme-
nen Erweiterungsprozesses für die europäische Raument-
wicklungspolitik behandelt.
41
(191) Das EUREK dient als Orientierung für die Raument-
wicklungspolitik der nächsten Jahre. In diesem Zeitraum ist
mit einer Erweiterung des EU-Raumes zu rechnen. Elf Staa-
ten haben den Antrag auf Mitgliedschaft in der EU gestellt.
Die Erweiterung der EU um diese Beitrittsstaaten bedeutet
eine Erhöhung der Gesamtbevölkerungszahl um 28% und ei-
nen Zuwachs an Territorium von 34% (vgl. Karte 6).
(192) Nach dem Beschluß des Europäischen Rates von
Luxemburg Ende Dezember 1997 sind mit sechs Kandida-
ten (Estland, Polen, Slowenien, Tschechische Republik,
Ungarn und Zypern) bereits Verhandlungen aufgenommen
worden. Es ist damit zu rechnen, daß zumindest einzelne
dieser Staaten noch während der Anwendungsphase
des EUREK ihren Beitritt vollziehen werden. Unab-
hängig vom Zeitpunkt des Beitritts werden von der EU
umfangreiche Vor-Beitritts-Unterstützungen angeboten,
von denen teilweise bedeutende Auswirkungen auf
die räumliche Entwicklung ausgehen können. Die vor-
aussichtlich in mehreren Schritten erfolgende Erweiterung
der EU mit der wirtschaftlichen und politischen Integra-
tion der Beitrittsstaaten ist als eine zusätzliche Heraus-
forderung für die europäische Raumentwicklungspolitik
anzusehen.
(193) Damit ergibt sich ein neuer Bezugsraum für den Pro-
zeß der Weiterentwicklung des EUREK. Dabei geht es
nicht nur um die raumentwicklungspolitische Vorbereitung
der Erweiterung der Union um die elf Beitrittsstaaten, son-
dern darüber hinaus auch um die Zusammenarbeit mit
Drittstaaten ohne Beitrittsinteressen - insbesondere auch
jene Staaten, die nach erfolgter Erweiterung künftig Nach-
barn der EU sein werden.
(194) Es ist bereits vor einer Erweiterung notwendig, das Be-
wußtsein für die spezifischen Herausforderungen des Erwei-
terungsraumes zu stärken. Die bisher fehlenden Vorarbeiten
erlauben es allerdings noch nicht, die raumbezogenen Fragen
der Regionen des Erweiterungsraumes so eingehend zu be-
handeln, wie dies für das Territorium der derzeitigen Mit-
gliedstaaten geschehen ist. Im Rahmen des EUREK-Prozes-
ses wird es darauf ankommen, die politischen Optionen und
Vorschläge zur Anwendung des EUREK im Lichte der Er-
weiterung zu überprüfen. Darum wird hier bereits ein Aus-
blick gegeben, welche nächsten Schritte auf der europäischen
und auf der transnationalen Ebene erforderlich sind, um zu ei-
ner den Erweiterungsraum einschließenden Perspektive der
europäischen Raumentwicklungspolitik unter Beteiligung der
betroffenen elf Staaten zu gelangen.
(189) Ein weiteres internationales Aktionsfeld zur
Anwendung des EUREK ist die Erarbeitung regionaler und
lokaler Agenden zur nachhaltigen Entwicklung im Ergeb-
nis des Rio-Prozesses (Agenda 21). Die hier gefundenen
Lösungen müssen für die Weiterentwicklung einer nach-
haltigen europäischen Raumentwicklungspolitik genutzt
werden. Gleichzeitig ist eine ausgewogene und nachhalti-
ge räumliche Entwicklung ein wesentlicher Bestandteil ei-
ner ökologisch verantwortlichen Politik für Europa. Diese
Zusammenhänge werden z. B. bei der Anwendung der re-
gionalen Agenda 21 für den Ostseeraum (Baltic 21) zu-
grunde gelegt.
Den Mitgliedstaaten, regionalen und lokalen Gebietskör-
perschaften wird vorgeschlagen, sich mit Konzepten und Pro-
jekten an der Erarbeitung und Umsetzung regionaler und
lokaler Agenden 21 zu beteiligen. Das EUREK kann hierzu
wichtige Anstöße geben.
5 Die Erweiterung der EU: eine zusätzliche Herausforderung
für die europäische Raumentwicklungspolitik

50
Die Erweiterung der EU
Beitrittsstaaten
EU - 15
Karte 6: Der Erweiterungsraum der EU
Norge
Sverige
Eesti
Latvija
Lietuva
Belarus
Ukraina
Moldova
Polska
Deutschland
Belgie/Belgique
Luxembourg
Schweiz
Österreich
Ceska Republika
France
España
Portugal
Italia
Ellas
Türkiye
Slovenska
Republika
Magyarorszag
România
Balgarija
Slovenija
Hrvatska
Jugoslavija
Malta
Island
Rossijskaja
Federacija
Nederland
Bosnia i
Hercegovina
Shqiperia
FYROM
Rossijskaja
Federacija
Suomi
Finland
Danmark
United Kingdom
Ireland
Quelle: Europäische Kommission - Task Force
für die Beitrittsverhandlungen (TFAN)
Cyprus
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
5.2 Wichtige Merkmale der räumlichen
Entwicklung in den Beitrittsstaaten
5.2.1 Bevölkerung
(195) Die betroffenen elf Staaten gehören sehr verschiede-
nen Größenklassen an. Mit den baltischen Staaten, Slowe-
nien und Zypern wird sich die bisher in der Union nicht
stark vertretene Gruppe von kleineren Staaten mit weniger
als 4 Mio. Einwohnern auf sieben vergrößern; nur Polen
und Rumänien sind flächenmäßig große und bevölke-
rungsreiche Länder.
(196) Die Bevökerungsdichte der elf Beitrittsstaaten (im
Durchschnitt 98 Ew./km
2
) liegt insgesamt etwas unter jener
der derzeitigen Gemeinschaft (115 Ew./km
2
). Die Spann-
weite zwischen den Dichtewerten der einzelnen Staaten ist
allerdings innerhalb der Union wesentlich größer als unter
den Beitrittsstaaten. Die Bevölkerungsdichte der am dünn-
sten besiedelten baltischen Staaten übertrifft jene der skan-
dinavischen Mitgliedstaaten.
(197) Bei der räumlichen Verteilung der Bevölkerung kann
in den Beitrittsstaaten eine insgesamt stärker konzentrierte
Siedlungsstruktur als in den Mitgliedstaaten beobachtet
werden. Allerdings leben 62% der Einwohner der Beitritts-
staaten in Grenzregionen, während es in der EU-15 nur ca.
15% sind. Die grenzübergreifende Zusammenarbeit zwi-
schen den Beitrittsstaaten ist daher eine große Herausfor-
derung für eine europäische Raumentwicklungspolitik.

51
EUREK
5.2.2 Wirtschaft
(198) Im erreichten wirtschaftlichen Wohlstand (gemessen
am Bruttoinlandsprodukt - BIP - pro Kopf in Kaufkraftpa-
ritäten) liegen die Beitrittsstaaten (1995) durchweg unter
dem Niveau der Mitgliedstaaten und dabei auch noch weit
auseinander. Der Beitrittsstaat mit dem höchsten Wohl-
standsniveau (Slowenien) liegt in etwa gleichauf mit dem
EU-Mitgliedstaat mit dem niedrigsten Wert (Griechenland:
67% des EU-Durchschnitts). Die baltischen Staaten sowie
Rumänien und Bulgarien liegen mit ihrem jeweiligen BIP
pro Kopf am unteren Ende der Skala.
(199) Im Verlauf der Wirtschaftsentwicklung sind nach den
tiefgreifenden Rückschlägen zu Beginn der 90er Jahre (un-
mittelbar nach den grundlegenden politischen Reformen)
in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in den meisten Staaten
relativ stabile Wachstumsraten zu beobachten, die größten-
teils über jenen der Mitgliedstaaten liegen. Einzelne Bei-
trittsstaaten befinden sich in einem erfolgversprechenden
Aufholprozeß.
(200) Die Entwicklung der Beschäftigung ist von einem ur-
sprünglich hohen Beschäftigtenanteil im Produktionssektor
mit starken Rückgängen sowie sehr unterschiedlichen Ent-
wicklungen des Agrarsektors gekennzeichnet (rasch fallen-
de Anteile in Tschechien, in der Slowakischen Republik
und Ungarn, Stagnation in Polen und Slowenien, Zunah-
men in Rumänien, Bulgarien und in den baltischen Staa-
ten). Die Arbeitslosenquoten sind insgesamt hoch. Die
schwierigsten Situationen treten in Regionen mit hohen Be-
schäftigtenanteilen in der Industrie und in der Landwirt-
schaft auf.
(201) Erhebliche regionale Disparitäten innerhalb der Bei-
trittsstaaten sind sowohl hinsichtlich der Beschäftigung als
auch der Wirtschaftskraft feststellbar. Insbesondere die
Hauptstadtregionen sowie Gebiete an den EU-Außengren-
zen überragen mit ihrem BIP pro Kopf (in Kaufkraft-
paritäten) die nationalen Durchschnittswerte teilweise
extrem. Da die Hauptstadtregionen und die westlichen
Regionen an der derzeitigen EU-Außengrenze eine rasante
jüngere Entwicklung zeigen, mit der sie den übrigen
Regionen im Transformationsprozeß davoneilen, sind noch
weitere Zunahmen der regionalen Disparitäten zu erwarten.
Zu den Verlierern zählen zurückfallende Industrieregionen
mit wirtschaftlichen, sozialen und Umweltproblemen
und benachteiligte ländliche Regionen (mit einem insge-
samt höheren Bevölkerungsanteil als in der EU-15), die
außerhalb des Einflusses der EU-Außengrenzen, der
Metropolen an den Nicht-EU-Grenzen und in Binnen-
Peripherien liegen.
(202) Ein regionaler Vergleich zeigt heute schon Überlap-
pungen im ökonomischen Erfolg zwischen Beitrittsstaaten
und Mitgliedstaaten: führende Regionen in den Beitritts-
staaten (Slowenien und mehrere tschechische Regionen)
übertreffen einige der wirtschaftsschwächsten Regionen
der EU. Das BIP pro Kopf in den Hauptstadtregionen von
Budapest, Prag und Sofia übersteigt jenes der schwächeren
Regionen, wie beispielsweise in Griechenland, Portugal,
Spanien und Deutschland. Das Ausmaß der regionalen
Disparitäten der Beitrittsstaaten ist daher mit jenem der
Kohäsionsländer vergleichbar.
5.2.3 Verkehr
(203) In den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten ist
es zu dramatischen Verschiebungen im Bereich des Ver-
kehrs in mehreren Dimensionen gekommen: geographisch
von einer Ost- zu einer Westorientierung, im Modal split
von der Schiene zur Straße und volkswirtschaftlich vom öf-
fentlichen zum privaten Verkehr.
(204) Der Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur
stellen in allen Beitrittsstaaten die große Herausforderung
dar. Dabei geht es in erster Linie darum, ein der Nachfrage
in den rasch wachsenden Marktwirtschaften entsprechen-
des Infrastrukturangebot zu schaffen, eine ausgewogene
Entwicklung zwischen den verschiedenen räumlichen Ebe-
nen (international, national und lokal) zu ermöglichen,
neue Finanzierungs- und Managementmethoden einzu-
führen und die technischen Standards an jene der Gemein-
schaft heranzuführen.
(205) Wenngleich die Beseitigung der infrastrukturellen
Defizite in den Beitrittsstaaten politische Priorität genießt,
stehen der Umsetzung eine Reihe von Hindernissen entge-
gen. Dazu zählen die fehlenden finanziellen Ressourcen,
denen auch noch ein geringer „return of investment“, ins-
besondere im stark wachsenden Straßenverkehr, gegenüber-
steht. Die besten Aussichten haben noch die für in- und
ausländische private Investoren attraktivsten Bereiche Te-
lekommunikation und Luftverkehr. Die anderen Bereiche
(v. a. Schienenverkehr) werden weiter starker internationa-
ler Unterstützung bedürfen.
5.2.4 Umwelt
(206) Die Umweltsituation zeigt ein insgesamt ambivalen-
tes Bild. Die meisten Beitrittsstaaten verfügen über ausge-
dehnte Kulturlandschaften bzw. Ökosysteme in einem Zu-
stand der relativen Unversehrtheit, wie er in vielen Mit-

52
Die Erweiterung der EU
gliedstaaten kaum mehr anzutreffen ist; Zahl und Ausmaß
von Nationalparks und anderen Schutzgebieten sind ein-
drucksvoll, wenngleich die tatsächliche Schutzwirkung in
der Praxis nicht überschätzt werden sollte.
(207) Der relativen ökologischen Unversehrtheit großer
Teile des Erweiterungsraumes stehen allerdings durchweg
hohe Umweltbelastungen der Luft durch Hausbrand und
Straßenverkehr (mit einem immer noch hohen Anteil ver-
alteter Fahrzeuge) und des Wassers durch landwirtschaftli-
che Intensivbewirtschaftung sowie Industrieabwässer ge-
genüber. Eine starke Konzentration von Umweltproblemen
gibt es in allen industriell geprägten Regionen. An einigen
„hot spots“ treten Umweltbelastungen in einem (ökologi-
sche Normen geradezu sprengenden) Maß mit gesundheit-
lichen Folgeschäden auf, so daß von Umweltkatastrophen
gesprochen werden muß.
(208) Insgesamt ist zu beobachten, daß das Niveau der Um-
weltbelastungen in den Beitrittsstaaten bereits stark ab-
nimmt, und zwar nicht nur im Ausmaß der rückläufigen
Produktion. Das läßt auf eine aktive Umweltschutzpolitik
schließen. Von der Fortführung der wirtschaftlichen Refor-
men kann einerseits eine weitere Verringerung der Um-
weltbelastungen bzw. eine Abkoppelung der Umweltver-
schmutzung vom Wachstumsprozeß erwartet werden. An-
dererseits wird es auch wesentlich von der Finanzierbarkeit
abhängen, wieweit Konflikte zwischen der Verbesserung
der Umweltbedingungen und der Erhaltung der industriel-
len Produktion gelöst und kostenintensive Umweltauflagen
durchgesetzt werden können.
5.2.5 Schlußfolgerung
(209) Die dargestellten Bedingungen der Ausgangslage in
den Beitrittsstaaten sind nicht ausschließlich als Probleme
zu werten. Die meisten enthalten bei entsprechender Stra-
tegie zu ihrer Bewältigung auch erhebliche Chancen. Dazu
zählen die Möglichkeiten zur Vermeidung raumstrukturel-
ler Fehlentwicklungen, wie sie in den Mitgliedstaaten auf-
getreten sind, zur volkswirtschaftlichen Nutzung der not-
wendigen Investitionen und ihrer Folgeeffekte sowie zur
Erhaltung und nachhaltigen Nutzung bisher verschonter
Ressourcen.
(210) Die Bewältigung der mit der Transformation verbun-
denen Herausforderungen wird in den mittel- und osteu-
ropäischen Beitrittsstaaten überwiegend noch als nationale
Aufgabe gesehen. Dies läßt zunächst kaum Spielräume für
regional differenzierte Strategien zu. Insofern sind in den
meisten Ländern in der politischen Praxis wenige oder nur
sehr schwache regionalpolitische Orientierungen zu
erkennen. Für eine Raumentwicklungs- und Regionalpolitik
im Sinne vieler EU-Mitgliedstaaten und der EU-Struktur-
fonds fehlt weitgehend die Tradition. Dies findet seinen Nie-
derschlag in einem Mangel an raumordnungs- und regional-
politischen Instrumenten und Institutionen sowie einem
weitgehenden Fehlen einer selbständigen regionalen
Ebene im System der politisch-administrativen Territorial-
gliederung.
(211) Die im Rahmen der Agenda 2000 der Europäischen
Kommission evaluierte nationale Regionalpolitik in den
Beitrittsstaaten zeigt bisher nur wenige Ansatzpunkte für
eine EU-Regionalpolitik nach dem bestehenden Muster
(partnerschaftliche Institutionen, regionale Entwicklungs-
konzepte, Kofinanzierung). Diesen Erfordernissen bereits
am nächsten kommt die Regionalpolitik in Polen, Sloweni-
en und Ungarn.
(212) Die bisher dargestellte Ausgangslage trifft nicht für
Zypern zu, dessen Rahmenbedingungen sich grundlegend
von jenen der übrigen zehn Beitrittsstaaten unterscheiden.
Das gilt für die geographische Lage der Insel im östlichen
Mittelmeer, die wirtschaftlichen und politischen Rahmen-
bedingungen und für die Größe Zyperns, das nur etwa die
halbe Einwohnerzahl Estlands, dem kleinsten mittel- und
osteuropäischen Beitrittsstaat, hat.
(213) Die Wirtschaft Zyperns hat verhältnismäßig
hohe Wachstumsraten erreicht, die hauptsächlich auf
den Dienstleistungssektor zurückzuführen sind. In
dieser Hinsicht ist die Bedeutung des Tourismussektors,
trotz der rückläufigen Entwicklung während der letzten
Jahre, zu beachten. Das BIP pro Kopf ist in Zypern niedri-
ger als der EU-Durchschnitt, aber höher als das von
Griechenland und Portugal. Zypern könnte in einer erwei-
terten EU aufgrund seiner geographischen Lage eine
Schlüsselrolle als „gateway-country“ für den Nahen
Osten zukommen.
5.3 Spezifische Aufgaben für die euro-
päische Raumentwicklungspolitik in den
künftigen Mitgliedstaaten
(214) Die grundlegenden Ziele des EUREK unter den Be-
dingungen der Erweiterung zu verfolgen und ohne ihre Er-
reichung innerhalb der Mitgliedstaaten zu gefährden, stellt
eine besondere Herausforderung dar. Gesamtpolitisch ge-
sehen liegt der spezifische Beitrag der europäischen Raum-
entwicklungspolitik zur Integration des Erweiterungsrau-
mes in die EU darin,

53
EUREK
I
sichtbar zu machen, auf welche Weise in den Beitritts-
staaten die öffentlichen Investitionen verschiedener,
voneinander weitgehend unabhängiger Maßnahmenträ-
ger (im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Auf-
holprozessen und der Sanierung bzw. Verhinderung gra-
vierender Umweltschäden) miteinander zusammenhän-
gen und sich in ein und demselben Raum auswirken,
I
aufzuzeigen, mit welchen Strategien absehbare Kon-
flikte zwischen verschiedenen Politikbereichen sowie
Verwaltungsebenen reduziert bzw. vermieden und mög-
liche Synergien genutzt werden können.
(215) Wenn Raumplanung auch keine ausdrückliche Auf-
gabe der Gemeinschaft ist, so muß sie bei ihrem finanziel-
len Engagement in den Beitrittsstaaten – genauso wie in
den EU-Mitgliedstaaten – dafür sorgen, daß verschiedene
politische Maßnahmen nicht einander entgegenwirken oder
sich gegenseitig neutralisieren. Der Bedarf nach europäi-
scher Zusammenarbeit im Bereich der räumlichen Abstim-
mung verschiedener Fachpolitiken gilt in besonderer Wei-
se für den Erweiterungsraum.
(216) Die geringe Finanzkraft des Erweiterungsraumes und
die zunehmende Verflechtung zwischen dem Erweite-
rungsraum und dem Raum der derzeitigen Gemeinschaft
bringen es mit sich, daß die Prozesse der räumlichen Ent-
wicklung im Erweiterungsraum nicht einfach als zeitlich
versetzte Kopien der Entwicklungsprozesse innerhalb der
EU-15 ablaufen, sondern zu neuen und spezifischen Auf-
gabenstellungen für die europäische Raumentwicklungs-
politik führen. Dem Zeitfaktor muß deshalb noch mehr
Aufmerksamkeit gewidmet werden, als es schon für die
bisherige Raumentwicklungspolitik auf der europäischen
Ebene erforderlich war.
(217) Unter den erwähnten Umständen kommt der räumli-
chen Abstimmung in den Beitrittsstaaten eine höhere Be-
deutung zu als in den derzeitigen Mitgliedstaaten. Das be-
trifft insbesondere:
I
Planungen zum Ausbau der transnationalen Verkehrsin-
frastruktur und der gemeinschaftlichen Verkehrspolitik,
I
Maßnahmen zur ökologischen Sanierung, v. a. der alten
Industriereviere, und
I
Maßnahmen zur Strukturanpassung in den ländlichen
Räumen.
(218) Durch die Intensivierung der grenzübergreifenden
Zusammenarbeit und der transnationalen Kooperation bei
der Raumentwicklung kann der Integrationsprozeß im Er-
weiterungsraum unterstützt werden. Dies gilt sowohl für
Regionen an der derzeitigen Außengrenze der EU als auch
für die vielen Grenzregionen innerhalb des Erweiterungs-
raumes zwischen den Beitrittsstaaten.
(219) Die in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaa-
ten meist schwach ausgeprägte oder fehlende regionale
Ebene im politisch-administrativen System ist eines der
wichtigsten Themen und erfordert eine spezifische Unter-
stützung seitens der EU bei der Ausbildung regionaler In-
stitutionen. Diese soll gewährleisten:
I
eine Verbesserung der Regionalisierung der räumlichen
Information,
I
eine Aktivierung regionaler Initiativen sowie
I
die Voraussetzungen zur Abwicklung der kooperativen
EU-Regionalpolitik (durch partnerschaftliche Institu-
tionen, regionale Entwicklungskonzepte, Kofinanzie-
rung).
5.4 Räumliche Auswirkungen der Er-
weiterung auf die Regionen der EU
(220) Mit der künftigen Erweiterung der EU ist eine
Reform der bisherigen Regionalpolitik und der Agrarpoli-
tik der EU erforderlich geworden. Die Europäische Kom-
mission hat ihre Vorschläge dazu in der Agenda 2000
dargelegt. Angesichts der erst bevorstehenden Reform sind
die räumlichen Auswirkungen der Erweiterung auf die
Regionen der derzeitigen Mitgliedstaaten zur Zeit schwer
abschätzbar.
(221) Aus den Erfahrungen früherer Erweiterungen der EU
läßt sich aber ableiten, daß es mit der Zunahme der Zahl
wirtschaftlich schwächerer Mitgliedstaaten zu einer weite-
ren Verringerung des regionalpolitischen Spielraumes der
wohlhabenderen Mitgliedstaaten im Rahmen der europäi-
schen Regionalpolitik kommt. Dies wird eine Erhöhung
des Einsatzes nationaler Regionalpolitiken erfordern, um
einer Zunahme regionaler Disparitäten entgegenzuwirken.
Aufgabe der europäischen Raumentwicklungspolitik in
diesem Zusammenhang ist es vor allem, infrastrukturelle
Defizite in den Beitrittsstaaten abbauen zu helfen.
(222) Zu den Auswirkungen der wirtschaftlichen Öffnung
der Beitrittsstaaten auf die Regionen der EU liegen erst we-
nige Studien vor. Weitere, den Integrationsprozeß beglei-
tende Studien zur Frage der räumlichen Auswirkungen der
Erweiterung auf die Regionen der EU sind erforderlich.
Dabei ist die Dynamik zu berücksichtigen, die sich aus dem
Prozeß der wirtschaftlichen Reformen selbst sowie aus den
veränderten Erreichbarkeiten ergibt.

54
Die Erweiterung der EU
5.6 Grundsätze zur Einbeziehung der
Erweiterungsaufgabe in die europäische
Raumentwicklung
(226) Die Bewältigung der Erweiterung, v. a. der Integrati-
on Mittel- und Osteuropas in die Union, ist eine neue zen-
trale Aufgabe für die europäische Raumentwicklungspoli-
tik. Sie darf aber nicht Anlaß zur Ausdehnung und unkriti-
schen Übernahme der innerhalb der derzeitigen Union ent-
wickelten Konzeptionen sein. Europäische Raumentwick-
lungspolitik betreiben heißt vielmehr, den Erweiterungs-
prozeß vorzubereiten, zu begleiten und damit zu fördern.
Der einerseits von Dynamik und andererseits von Unge-
wißheit hinsichtlich der möglichen Zeithorizonte der Bei-
tritte gekennzeichnete Erweiterungsprozeß macht es not-
wendig, daß die inhaltliche Analyse und Konzeptentwick-
lung auf der Ebene der europäischen Raumentwicklung ko-
operativ von den jeweils betroffenen Staaten mitgetragen
und möglichst unabhängig von den formalen Beitrittspro-
zeduren organisiert wird.
(227) Eine wichtige Voraussetzung dafür bilden die laufen-
den Kooperationsprogramme der transnationalen Raum-
planung im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative INTER-
REG II C. Schon heute greifen die Programme für den Ost-
see- und den mittel-, Adria-, Donau- und südosteuropäi-
schen Raum (CADSES-Raum) über die Unionsgrenzen
hinaus und umfassen alle mittel- und osteuropäischen Bei-
trittsstaaten.
(228) Diese transnationalen Programme sind schon jetzt,
neben der politischen Zusammenarbeit im Europarat, als
Ausgangspunkte für die Weiterentwicklung der europäi-
schen Raumentwicklungspolitik im Sinne des EUREK für
den Erweiterungsraum zu betrachten. Die neue Gemein-
schaftsinitiative INTERREG III (der Strukturfonds-Pro-
grammperiode 2000 – 2006) bietet die programmatische
und finanzielle Basis für die Beteiligung der Mitgliedstaa-
ten und der Europäischen Kommission einerseits sowie der
Beitrittsstaaten andererseits.
(229) Bei der Raumentwicklung der EU ist es außerdem
notwendig, über das Territorium ihrer Mitgliedstaaten hin-
ausgehend die Perspektiven der Nachbarstaaten zu berück-
sichtigen und diese Staaten in die Kooperation einzubezie-
hen. Dies gilt auch für Staaten an den künftigen Außen-
grenzen der Union in Europa sowie die benachbarten Mit-
telmeerstaaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Auch
hier bieten INTERREG III und der Europarat einen geeig-
neten Rahmen.
(223) Es kann erwartet werden, daß die regionalen Aus-
wirkungen des Beitritts auf das EU-15-Territorium nicht al-
lein von der Erreichbarkeit bestimmt wird, sondern von der
Reaktionsfähigkeit der EU-Regionen auf die neuen Wett-
bewerbsbedingungen. Strukturelle Verschiebungen in den
EU-Regionen an der derzeitigen Außengrenze der Union,
die in erster Linie Niedriglohnsegmente betreffen, können
als beschleunigte Anpassungsprozesse verstanden werden
und haben eine beschränkte Reichweite.
5.5 Die politischen Ziele und Optionen
des EUREK im Lichte der Erweiterung
(224) Insgesamt gesehen sollten die drei raumentwick-
lungspolitischen Leitbilder des EUREK auch für den Er-
weiterungsraum gelten. Bei der Anwendung des EUREK
ist aber zu berücksichtigen, daß im größten Teil des Erwei-
terungsraumes mit folgenden Bedingungen zu rechnen ist:
I
anhaltende Übergangssituationen im politisch-admini-
strativen System, auch in seinen räumlichen Ausprä-
gungen,
I
rasante wirtschaftliche Aufholprozesse mit erheblichen
räumlichen Polarisierungen,
I
einer sich nur langsam und sehr ungleichmäßig ent-
wickelnden technischen Infrastruktur (Telekommunika-
tion und Flugverkehr als Spitzenreiter, Straße weit vor
Bahn),
I
Umweltschäden von teilweise unvergleichlichem Aus-
maß sowie
I
wesentlich geringere finanzielle Ressourcen der öffent-
lichen Hand.
(225) Die ländlichen Regionen des Erweiterungsraumes
werden von den Transformationsproblemen in besonderer
Weise betroffen. Sie zeichnen sich durch ein starkes öko-
nomisches Gefälle aus und verfügen über relativ wenige
städtische Zentren. Teilweise kann die Mischung aus Pro-
duktions- und Beschäftigungseinbrüchen, schlechter Infra-
strukturausstattung und mangelnder Verkehrserschließung
zu massiver Abwanderung aus dem ländlichen Raum und
zum Zusammenbruch der gesamten räumlichen Struktur
führen. Auf die Situation in den ländlichen Regionen des
Erweiterungsraumes, die dort einen größeren Anteil an der
Gesamtfläche als in der EU-15 haben, muß die europäische
Raumentwicklungspolitik mit veränderten Zielen und Op-
tionen reagieren. Dabei ist auch der teilweise eingeengte
Handlungsspielraum der regionalen und lokalen Ebene im
politisch-administrativen System zu berücksichtigen.

55
EUREK
Bei der Anwendung des EUREK in der transnationalen
Zusammenarbeit mit und zwischen den Beitrittsstaaten wird
vorgeschlagen, Netzwerke für die transnationale Raument-
wicklungspolitik auch innerhalb des Erweiterungsraumes (in
Ergänzung zu den zur Zeit nur an der derzeitigen EU-Außen-
grenze eingerichteten) aufzubauen.
Für die regionale und lokale Ebene gilt es, auf den spezifischen
Bedarf nach neuen institutionellen Strukturen einzugehen.
Der Ausarbeitung von neuen politischen Zielen und Optio-
nen, die auf die spezifischen Aufgabenstellungen und Pro-
bleme in den Beitrittsstaaten ausgerichtet sein müssen, soll-
ten entsprechende Untersuchungen zugrunde liegen. Dabei
sollte auf die flächendeckende Behandlung zahlreicher Fra-
gestellungen verzichtet und selektiv problemorientierte
Prioritäten gesetzt werden.
Die Beteiligung der betroffenen Staaten von Anfang an ist
dabei unverzichtbar. Von daher ergibt sich die Notwendig-
keit, die Arbeiten des Europarates eng mit dem Prozeß der
Weiterentwicklung des EUREK zu verknüpfen.
Den beteiligten Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, die In-
stitutionalisierung der künftigen Zusammenarbeit auf der
transnationalen Ebene möglichst kurzfristig schon vor den er-
sten Beitritten einzuleiten. Sie wird den Programmrahmen
von INTERREG II C in zeitlicher Hinsicht überschreiten. Wie
weit sie auch über den durch die laufenden INTERREG II C-Pro-
gramme abgesteckten räumlichen Rahmen hinausgehen soll,
wird von den beteiligten Staaten gemeinsam mit der
Europäischen Kommission zu klären sein.
(230) Die beiden in Aufstellung befindlichen transnationa-
len Kooperationsdokumente VASAB 2010+ (für den Ost-
see-Raum) und VISION PLANET (für den CADSES-
Raum) werden Orientierungen für eine an den räumlichen
Erfordernissen der Beitrittsstaaten orientierte Verteilung
der EU-Mittel zur Vor-Beitritts-Unterstützung im Rahmen
des PHARE-Programmes (ab 2000 PHARE neu) sowie im
Rahmen der neuen Fonds ISPA (Instruments for Structural
Policies for Pre-accession) und SAPARD (Special Action
Programme for Pre-accession Aid for Agriculture and
Rural Development) bieten. Dies ist insofern von Bedeutung,
als damit für die Beitrittsstaaten innerhalb der
Programmperiode 2000 - 2006 (und gegebenenfalls schon
vor dem Beitritt) kooperativ erarbeitete Planungsgrundla-
gen für eine räumliche Differenzierung des Mitteleinsatzes
zur Verfügung stehen werden.
Den Mitgliedstaaten wird vorgeschlagen, die Einbeziehung
der Beitrittsstaaten sowie der unmittelbaren Nachbarstaa-
ten in die europäische Raumentwicklungspolitik als eine
zentrale Aufgabe der nächsten Jahre anzusehen und durch
diese Kooperation einen Beitrag zur Vorbereitung, Beglei-
tung, Förderung und Bewältigung des EU-Erweiterungspro-
zesses zu leisten.
Die beiden INTERREG II C-Programme für den Ostsee-Raum
sowie für den CADSES-Raum und ihre Strukturen bilden
gleichzeitig eine Basis für die Weiterentwicklung der Zu-
sammenarbeit zwischen den Raumordnungsministern der
EU und der Beitrittsstaaten. Ebenso wichtig ist die perma-
nente raumentwicklungspolitische Kooperation der Bei-
trittsstaaten untereinander.

57
EUREK
Teil B
Das Territorium der EU:
Tendenzen, Perspektiven und Herausforderungen

59
EUREK
EU-15
USA
JAPAN
MERCOSUR
Bevölkerung in 1000
(a)
372 082
263 250
125 095
204 523
Fläche in 1000 km
2
(a)
3 236
9 364
378
11 877
BIP Summe in Mrd. ECU (1996)
(a)
6 776
6 014
3 620
1 370
BIP pro Einwohner in ECU (1996)
(a)
18 150
22 650
28 760
6 700
Einfuhr pro Einwohner in ECU
(a)
4 210
2 404
2 194
335
Ausfuhr pro Einwohner in ECU
(a)
4 445
1 828
2 582
289
Landgrenze zu Staaten außerhalb
9 305
12 248
0
17 924
des Wirtschaftsraums in km
(davon zu MOE-Staaten)
(b)
(5006)
(a) Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 1998 für das Ausland, Wiesbaden 1998. Umrechnungskurse (1 ECU = 1,27 USD): EUROSTAT,
Durchschnitt für 1996
(b) CIA - The World Fact Book, Washington 1997
1.1 Geographische Merkmale der EU
(231) Die Europäische Union ist – nach Japan und den USA
– die drittreichste Wirtschaftsregion der Welt (gemessen am
BIP/Einwohner). Unter den aufstrebenden Wirtschaftsbünd-
nissen der Welt nimmt der lateinamerikanische Zusammen-
schluß MERCOSUR
42
eine führende Position ein (vgl. Tab.
2). Die für räumliche Entwicklungspolitiken bedeutsamen
geographischen Ausgangsbedingungen der EU sind weder
mit denen der USA
noch mit denen
Japans oder dem
MERCOSUR ver-
gleichbar. Im Gegen-
satz zur kompakten
Landmasse der USA
und des MERCO-
SUR und der vielge-
staltigen Form der
Inselwelt Japans ist
die physische Ge-
stalt der Europäi-
schen Union durch ihre „Halbinselform“ am westlichen Ran-
de des eurasischen Kontinents geprägt (vgl. Abb. 8). Auch
viele ihrer Mitgliedstaaten haben die Form einer Insel oder
Halbinsel. Während die USA insgesamt auf knapp
20.000 km Küstenlinien kommen, wird die Küstenlinie der
EU auf ca. 60.000 km geschätzt (vgl. Abb. 9).
(232) So wichtig die Nähe und Affinität zum Meer ist, so
charakteristisch ist für die EU die gute Erreichbarkeit fast
aller Regionen auf dem Landweg aufgrund der zusammen-
hängenden Gestalt. Auch das Überwinden natürlicher Bar-
rieren ist in jüngster Zeit durch technische Großprojekte,
wie den Kanaltunnel und die feste Öresund-Verbindung,
noch einmal grundlegend verbessert worden. Dies hat den
räumlichen Zusammenhalt der EU deutlich gestärkt. Für ei-
nige Randgebiete der EU stellen Meere jedoch immer noch
erhebliche Barrieren dar, so z. B. für Griechenland, das
durch das Meer von seinem nächsten EU-Nachbarn, Itali-
en, und damit vom übrigen EU-Territorium abgetrennt ist
(vgl. hierzu auch Karte 7).
(233) In gleicher Weise sollte auch den sieben in Artikel 299
Absatz 2 des Amsterdamer Vertrages aufgeführten ultrape-
ripheren Regionen besonders Rechnung getragen werden
43
.
Durch ihre geographische Lage stehen sie mit anderen Kon-
tinenten in Verbindung und bieten so der EU eine privile-
gierte Ausgangslage für die Zusammenarbeit mit deren An-
rainerstaaten, wie z. B. Martinique oder Französisch-
Guayana mit anderen lateinamerikanischen Staaten. Die
Schaffung und Festigung wirtschaftlicher, sozialer und
kultureller Entwicklungspole sowohl innerhalb dieser ultra-
peripheren Regionen und deren Anrainerstaaten als auch für
die gesamte Region, die sie bilden, sollte unterstützt werden.
1 Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
Tab. 2: Statistischer Vergleich EU - USA - Japan - MERCOSUR
Polarkreis
EU
USA
Polarkreis
Abb. 8: Überlagerung
EU - USA
EU
USA
Japan
MERCOSUR
60.000 km
20.000 km
30.000 km
13.000 km
Abb. 9: Länge der Küstenlinien
Quelle: CIA - The World Fact Book, 1997

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(234) Generell wirken die Meere und die großen Flüsse
ebenso wie die meisten Gebirgszüge heute nicht mehr nur
als physische, ökonomische und kulturelle Barrieren. Sie
sind zum Teil sogar bevorzugte Lebens-, Wirtschafts- und
Tourismusräume, so daß hier in besonderer Weise Zielkon-
flikte der Raumentwicklung durch verschiedene Nutzungs-
ansprüche entstehen. Die großen Flußtäler leiden weniger
an der trennenden Wirkung von Flüssen als an ihrer hohen
Siedlungs- und Verkehrsdichte. In Küstennähe (in einem
20-km-Streifen) lebt ca. ein Drittel der städtischen EU-Be-
völkerung (Städte über 20.000 Einwohner); einschließlich
der Flußtäler der fünfzehn größten europäischen Flüsse
summiert sich dieser Bevölkerungsanteil auf über 50 %!
44
Die Alpen gehören – gemessen an ihrer besiedelbaren
Fläche – zu den höchstverdichteten Regionen Europas.
60
Flüsse, Seen und Gebirge sind in besonderer Weise iden-
titätsstiftende Einheiten. Die Alpen, die Donau, die Ostsee
und das Mittelmeer sind gute Beispiele für Gebiete, in de-
nen ein koordiniertes Vorgehen notwendig ist, um gemein-
same Fragen zu lösen, gemeinsame Zielvorstellungen zu
bekräftigen und größere regionale Verbundenheit zu för-
dern.
(235) Zu Zeiten des kalten Krieges war die „Halbinsel“
Westeuropa faktisch, vor allem aber im Bewußtsein der
Menschen, eine „Insel“. Die politische Teilung zwischen
dem Westen und dem Osten stellte eine viel größere Bar-
riere als der Atlantik im Westen dar. Dies hat sich seit 1989
schlagartig verändert. Der Blick nach Osten, auf die ande-
re Hälfte Europas, ist frei geworden.
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
Helsinki
Stockholm
København
Berlin
Amsterdam
Bruxelles
Luxembourg
Paris
London
Dublin
Roma
Madrid
Wien
Athinai
Lisboa
Karte 7: Physische Karte und Entfernungen
ca. 1600 km
ca. 3100 km
ca. 2200 km
ca. 2400 km
ca. 4000 km
ca. 3700 km
ca. 1800 km
ca. 1800 km
ca. 7700 km
ca. 9500 km
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)

(236) Eine weitere wichtige natürliche Randbedingung der
europäischen Raumentwicklung bilden die verschiedenen
klimatischen Bedingungen in den Teilräumen der EU. Extre-
me Kälte kann z. B. erhebliche Verkehrsprobleme und -kosten
verursachen und damit die Probleme der Marktferne peri-
pherer Regionen erheblich verschärfen. In Teilen der südli-
chen Mitgliedstaaten stellen Probleme der Wasserversorgung
einen hemmenden Faktor der Regionalentwicklung dar.
(237) Die Vielfalt des kulturellen Erbes in Europa kann
heute als unschätzbarer Wert und Basis des europäischen
Zusammenwachsens angesehen werden. Neben den geo-
graphischen Ausgangsbedingungen haben unterschiedliche
kulturelle, politische und wirtschaftliche Entwicklungs-
pfade die jetzige Raum- und Siedlungsstruktur der EU maß-
geblich geprägt. Unterschiedliche Sprach- und Kulturräu-
me und Lebensweisen in den verschiedenen Teilen Europas
konnten sich herausbilden. Es bestehen erhebliche Unter-
schiede in der Bevölkerungsdichte, dem Grad der Verstäd-
terung, dem Maß an Entwicklung und Wohlstand. Dies gilt
großräumig, z. B. unter dem Gesichtspunkt von Zentrum
und Peripherie, dies gilt aber auch kleinräumig innerhalb
der Mitgliedstaaten bzw. zwischen den Regionen der EU.
(238) Die im folgenden aufgezeigten Tendenzen der räum-
lichen Entwicklung der EU werden sich natürlich nicht in
jedem Teil in gleicher Weise zeigen, und in einigen Gegen-
den werden die Erfahrungen verschieden oder sogar entge-
gengesetzt zu der allgemeinen Entwicklung sein. Die
Trends werden hier aus der europäischen Warte summa-
risch skizziert; einige Aussagen erfordern noch ein detail-
lierteres Studium und müssen weiter beobachtet werden.
(239) Die folgenden Kapitel beinhalten keine neuen geogra-
phischen Analysen. Sie greifen vielmehr auf die vielen Stu-
dien und Analysen zurück, die von europäischen, nationalen
und anderen Institutionen seit 1990 durchgeführt wurden, vor
allem die der Kommission (Europa 2000
45
, Europa 2000+
46
)
und einzelner EU-Präsidentschaften.
1.2 Bevölkerungsentwicklung
(240) Drei Trends werden die Bevölkerungsentwicklung
der EU in den nächsten 20 bis 30 Jahren beherrschen:
I
Bevölkerungsrückgang,
I
Wanderungsbewegungen und
I
Verschiebungen in der Alterspyramide.
(241) Das natürliche Bevölkerungswachstum in der Eu-
ropäischen Union ist seit Jahren sehr gering und zeigt eine
rückläufige Tendenz. Eine Umkehr von Bevölkerungs-
wachstum in Bevölkerungsrückgang wird ohne nennens-
werte Änderungen des generativen Verhaltens in der EU-15
wahrscheinlich um das Jahr 2020 eintreten
47
(vgl. Abb. 10).
Vor diesem Hintergrund sind internationale und interregio-
nale Wanderungsbewegungen von zunehmender Bedeu-
tung für die Bevölkerungsentwicklung der EU und ihrer
Teilräume. Die natürliche Wachstumsrate beträgt zur Zeit
weniger als 0,1 % (1995). Hinzu kommt jedoch die Net-
toeinwanderung in die EU, die in den vergangenen Jahren
ca. 0,2 % der Gesamtbevölkerung pro Jahr entsprach
48
.
Nettoeinwanderung trägt somit zu zwei Dritteln zum ge-
samten Bevölkerungswachstum bei und wird in Zukunft
wohl dessen einzige Quelle sein. Die regionale Verteilung
der Zuwanderung in die EU ist sehr unterschiedlich.
(242) Sprachbarrieren und administrative Hindernisse tra-
gen dazu bei, daß die Wanderungsrate zwischen den Mit-
gliedstaaten der EU relativ gering ist. Wesentlich größer,
aber im internationalen Vergleich – z. B. zu den USA – im-
mer noch sehr gering sind die Wanderungsbewegungen
zwischen den Regionen innerhalb der Mitgliedstaaten.
(243) Die meisten Zuwanderer lassen sich in städtischen
Gebieten nieder und verstärken damit die vorhandenen
verstädterten Siedlungsstrukturen. Auch innerhalb der
Mitgliedstaaten wandern die Menschen tendenziell von
Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit zu solchen mit gerin-
geren Arbeitslosenzahlen. Das Ausmaß dieser Tendenz
ist jedoch in den einzelnen Mitgliedstaaten unterschiedlich
ausgeprägt. Viele der stark verstädterten Regionen, vor al-
lem in Nordwesteuropa, werden voraussichtlich in Zukunft
Wachstumsraten aufweisen, während Regionen mit sehr
geringer Bevölkerungsdichte, z. B. auf der Iberischen
Halbinsel, in Frankreich, im Nordosten Deutschlands und
weiten Teilen der nordischen Länder, vermutlich weitere
Bevölkerungsverluste hinnehmen müssen (vgl. hierzu
auch Karte 8).
EUREK
61
Abb. 10: Bevölkerungsentwicklung
Index, 1950 = 100
100
200
300
400
500
Welt
EU
1950
1960
1970
1980
1990
2000
2010 2020
Quelle: Statistisches Jahrbuch für das Ausland 1998
0

(244) Ungeachtet der Zuwanderung von überwiegend jun-
gen Leuten wird das Durchschnittsalter der EU-Bevölke-
rung weiter steigen (vgl. Abb. 11). Die Zusammensetzung
der Bevölkerung und ihre Präferenzen hinsichtlich Standort
und Art der Wohnungen werden sich ändern. Dies wird sich
auch räumlich niederschlagen. Die zukünftige Gesellschaft
der EU wird durch einen höheren Anteil älterer Menschen
geprägt sein, die allerdings – im Gegensatz zu früheren Ge-
nerationen – mobiler, wohlhabender und aktiver sein wer-
den. Kinder und Jugendliche werden zunehmend Kinder
von Einwanderern sein, und sie werden häufig „zwischen
den Kulturen“ stehen. Nach der Mehrgenerationen-Familie
der agrarisch geprägten Gesellschaft ist auch die „Durch-
schnitts-Familie“ (Ehepaar mit Kindern) auf dem Rückzug.
Alleinlebende, Alleinerziehende – häufig finanzschwach –
62
und kinderlose Paare – als Doppelverdiener vergleichswei-
se finanzstark – prägen zunehmend die Gesellschaft der
EU. Die Ansprüche der verschiedenen Gruppen an den
Raum unterscheiden sich voneinander, die gesellschaftli-
chen Bedürfnisse der Raumnutzung werden differenzierter.
Bedingt durch Arbeitslosigkeit und die Krise des Sozial-
staats klaffen die Möglichkeiten zur Befriedigung von Be-
dürfnissen weiter auseinander.
(245) Insgesamt führt dies zur Überlagerung verschiedener
räumlicher Trends. Tendenziell führen die gesellschaftli-
chen Veränderungen zu kleineren Haushalten, und dies
wiederum führt zu wachsender Nachfrage nach Wohnraum
trotz Bevölkerungsrückgangs. Dem steht der Zwang zum
Zusammenrücken aus finanziellen Gründen gegenüber,
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
Karte 8: Bevölkerungsentwicklung
ø
- 1 % bis unter 1 %
1 % bis unter 3 %
3 % und mehr
Quelle: Eurostat
- 3 % bis unter - 1 %
Bevölkerungsentwicklung
1991 - 1995
NUTS 2
- 3 % und weniger
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)

63
EUREK
insbesondere unter jungen Menschen, in Regionen mit ho-
her Arbeitslosigkeit und dort, wo das Angebot an er-
schwinglichem Wohnraum gering ist. Auch die Verände-
rungen der Bevölkerungsstruktur verstärken den Trend zur
Verstädterung. Alleinerziehende finden in Städten bessere
Dienstleistungen, doppelverdienende Zweipersonenhaus-
halte ein besseres Spektrum an Beschäftigungsmöglichkei-
ten, Alleinlebende bessere Freizeit- und Kulturangebote.
Aber auch großräumig treffen neue Bedürfnisse auf neue
Angebote mit weitreichenden räumlichen Konsequenzen.
So entwickeln sich auch in Europa – ähnlich wie in den
USA schon seit langem – zunehmend „Rentnerstädte“
in landschaftlich und klimatisch bevorzugten Regionen
Europas.
in % der Gesamtbevölkerung
99
und mehr
90
80
70
60
50
40
30
20
10
1
Alter in Jahren
1,0
0,5
0,0
0,0
0,5
1,0
Männlich
Weiblich
Abb. 11: Altersstruktur der EU-Bevölkerung 1995-2040
1995
2040
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
1.3
Wirtschaftliche Tendenzen
(246) Die demographischen Trends stellen auch eine große
Herausforderung für die regionale Wirtschaftsentwicklung
und somit für die europäische Konkurrenzfähigkeit dar. Sie
stellen Entwicklungsfragen in Bezug auf eine nachhaltige
Entwicklung der Metropolregionen sowie die Frage, wie
sich ein gangbarer Weg in die Zukunft für die ländlichen
Regionen finden läßt. Die eingeschränkte Mobilität macht
eine aktive Regionalpolitik zur Schaffung von Arbeitsplät-
zen in den Regionen um so dringlicher. Dieses sind wichti-
ge Elemente einer Entwicklung hin zu größerer wirtschaft-
licher und sozialer Integration der EU.
(247) Für eine nachhaltige Entwicklung ist eine Politik er-
forderlich, die die Wettbewerbsfähigkeit fördert und die wirt-
schaftliche und soziale Integration unterstützt. Die Regionen
Europas brauchen wettbewerbsfähige Firmen, um Arbeits-
plätze zu schaffen, die so wichtig für individuelle Lebens-
chancen sind, und um das Steueraufkommen zu erwirtschaf-
ten, das für öffentliche Dienstleistungen notwendig ist. Ta-
belle 2 zeigt, daß die EU das höchste Bruttoinlandsprodukt
weltweit erwirtschaftet. Bei der Handelsbilanz (Ausfuhr-
Einfuhr) steht die EU nach Japan an zweiter Stelle.
(248) Die regionalen Unterschiede im BIP pro Kopf stellen
einen Ausgangspunkt für die europäische Regionalpolitik
dar (vgl. Karte 9). Die Periodischen Berichte
49
und der
Kohäsionsbericht
50
der Europäischen Kommission weisen
darauf hin, daß sich die wirtschaftliche Situation der Mit-
gliedstaaten in den vergangenen Jahren zwar einander an-
geglichen hat (insbesondere durch den Aufholprozeß Ir-
lands). Trotz der finanziellen Anstrengungen der EU-Re-
gionalpolitik haben sich jedoch die Disparitäten zwischen
den Regionen der EU (gemessen am BIP pro Kopf) nur sehr
langsam verringert. Die Wirtschaftstätigkeit in der EU kon-
zentriert sich räumlich auf einen Kernraum, der sich durch
das Fünfeck London, Paris, Mailand, München, Hamburg
begrenzen läßt. Hier leben auf ca. 20 % der Fläche ca. 40 %
der EU-Einwohner, die ca. 50 % des gesamten BIP der EU
erwirtschaften
51
.
(249) Für eine vertiefte Beurteilung der regionalen Wettbe-
werbsfähigkeit müssen jedoch weitere Gesichtspunkte wie
Beschäftigung, Produktivität, Investitionen und Handelsbi-
lanz berücksichtigt werden. Die Aussagefähigkeit des Brut-
toinlandsprodukts hinsichtlich der regionalen Verteilung
von Einkommen und Steueraufkommen ist begrenzt. Der
Kohäsionsbericht verweist auf die Tatsache, daß viele na-
tionale Politiken die Einkommensverteilung beeinflussen,
vor allem durch Steuern und Sozialleistungen. Daher

weicht die regionale Verteilung des persönlich verfügbaren
Einkommens (PDI) erheblich von der Einkommensvertei-
lung vor Steuern und Sozialleistungen ab. Der Kohäsions-
bericht kommt zu dem Ergebnis, daß die regionalen Dispa-
ritäten des PDI, d. h. unter Berücksichtigung der Wirkun-
gen von Steuern und staatlichen Haushaltsausgaben, zwi-
schen 20 % und 40 % niedriger als die regionalen Dispa-
ritäten des BIP pro Kopf in den Mitgliedstaaten sind
52
.
(250) Die Arbeitslosigkeit in der EU ist die größte Heraus-
forderung für die europäische Integrationspolitik. Nach ei-
nem Höchststand der Arbeitslosenquote im Jahre 1994
(11,2 %) sank die Arbeitslosenquote bis Ende 1998 zwar auf
knapp unter 10 %; aber dies bedeutet immer noch: 16,5 Mio.
Menschen in der Europäischen Union sind ohne Arbeit!
Etwa die Hälfte aller Arbeitslosen, also etwa 5 % der Er-
64
werbsbevölkerung, waren im Jahre 1997 länger als ein Jahr
arbeitslos (zum Vergleich: die Quote der Langzeitarbeitslo-
sen in den USAliegt unter 1 %). Es gibt sehr ausgeprägte re-
gionale Unterschiede. 1995 reichten die Arbeitslosenquoten
von 2,5 % in Luxemburg bis 32 % im südspanischen An-
dalusien und 36,8 % im französischen Überseegebiet Réuni-
on. Die meisten Regionen mit der geringsten Arbeitslosig-
keit, mit Ausnahme Portugals, befinden sich im Zentrum der
EU (Luxemburg, Süddeutschland, Norditalien), während
die Regionen mit sehr hoher Arbeitslosigkeit (mehr als
20 %) eher am Rande liegen, insbesondere in Spanien,
Süditalien, Ostdeutschland sowie den französischen Über-
seegebieten (vgl. Karte 10). Die Arbeitslosenquote von
Frauen beträgt 12,5 %, das sind 3 Prozentpunkte mehr als
die von Männern. Insgesamt sind in der EU mehr als 20 %
der jungen Leute unter 25 Jahren arbeitslos
53
.
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
Karte 9: Förderfähigkeit durch Strukturfonds
Ziel 1 1994-99(π), Ziel 2 1997-99,
Ziel 5b 1994-99, Ziel 6 1995-99
(π) Die Abruzzen kommen für die Zeit vom
1. Januar 1994 bis zum 31. Dezember 1996
für die Hilfe im Rahmen des Ziels 1 in Betracht.
Quelle: Europäische Kommission GD XVI
Ausgabe der Karte: 12/1998
Nicht förderfähig
Ziel 1: voll förderfähig
Ziel 2: voll förderfähig
Ziel 2: teilweise förderfähig
Ziel 5b: voll förderfähig
Ziel 5b: teilweise förderfähig
Ziel 6: voll förderfähig
Ziel 6: teilweise förderfähig
Ziel 5b und 6: teilweise förderfähig
Ziel 2 und 6: teilweise förderfähig
Ziel 2 und 5b: teilweise förderfähig
Ziel 2, 5b und 6: teilweise förderfähig
Andere Länder
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)
0
500km

65
EUREK
(251) Große Industriebetriebe haben oft die Grundlage des
Wohlstands vieler Städte und Ballungsräume in der EU ge-
bildet. Obwohl die Stammsitze vieler großer Unternehmen
weiterhin in den großen Städten liegen, findet die Produk-
tion in steigendem Maße an anderen Standorten statt. Re-
gionen in ländlichen Räumen profitieren hiervon. Große
Unternehmen werden auch weiterhin wichtig sein, aber es
kann nicht darauf vertraut werden, daß diese in Zukunft in
größerem Umfang neue Arbeitsplätze schaffen werden, ins-
besondere nicht an ihren Stammsitzen. Die Verlagerung
von der Produktion zur Dienstleistung und der Struktur-
wandel innerhalb der Unternehmen – wie die zunehmende
Auslagerung von Unternehmensfunktionen in selbständige
Subunternehmen – werden jedoch zur Gründung neuer Fir-
men führen.
(252) Wirtschaft und Beschäftigung in der EU basieren
in steigendem Maße auf kleinen und mittleren Unterneh-
men (KMU), wenn deren Natur auch sehr unterschiedlich
ist (vgl. Abb. 12). Von insgesamt 160 Mio. Erwerbstätigen
sind 101 Mio. in insgesamt 16 Mio. Unternehmen beschäf-
tigt (Landwirtschaft ausgenommen). In der EU sind 23 %
der Erwerbstätigen in sehr kleinen Betrieben (1-10
Mitarbeiter) beschäftigt, wohingegen der Anteil in
den USA 12 % und in Japan nur 7 % beträgt. In Südeuropa
herrschen sehr kleine Betriebe vor (im Mittel 1,8 Beschäf-
tigte in Griechenland, 4,7 in Spanien). Forschungsergeb-
nisse besagen, daß die Gründungsrate neuer Firmen in den
USA größer als in der EU ist, die neuen Firmen in der
EU jedoch eine größere Überlebenswahrscheinlichkeit
haben
54
.
Karte 10: Arbeitslosigkeit
ø
6 % bis unter 10 %
10 % bis unter 14 %
14 % und mehr
Quelle: Eurostat
bis unter 6 %
Arbeitslosenquote 1997
NUTS 2
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)

(253) Flexibilität und In-
novationsfähigkeit sind
wichtige Voraussetzun-
gen der wirtschaftlichen
Entwicklung. KMU bie-
ten in dieser Hinsicht
viele Vorteile. Sie haben
häufig eine größere
Kundennähe und können
aufgrund der kurzen Ent-
scheidungswege schnel-
ler und flexibler auf Kun-
denwünsche reagieren.
Was den Standort be-
trifft, sind KMUs jedoch in der Regel weniger flexibel. Sobald
sie in einem bestimmten Gebiet ansässig sind, sind sie sehr
stark abhängig von diesem Standort. Es gibt starke persönliche
Bindungen, die eine kleine Firma in der Gegend halten, in der
auch Unternehmer und Angestellte leben. Einige Firmen sind
in Funktion und Standort an einen einzigen, großen Auftrag-
geber oder Industriezweig gebunden. Außerdem verfügen vie-
le KMUs nicht im erforderlichen Ausmaß über die Arbeits-
kräfte und finanziellen Mittel, die zur Prüfung der Frage, ob
ein Standortwechsel profitabel wäre und welcher Ersatzstand-
ort in Frage käme, notwendig sind.
(254) Wertmäßig ungefähr
60 % der Exporte der Mit-
gliedstaaten werden inner-
halb der EU abgewickelt,
vor allem zwischen be-
nachbarten Ländern
55
(vgl. Abb. 13). Durch den
gemeinsamen Markt ent-
wickelt sich der Handel in-
nerhalb der EU schneller
als mit anderen Weltregionen. Darüber hinaus besteht ein be-
trächtliches Potential für einen wachsenden Handel mit Mittel-
und Osteuropa; ebenso wichtig ist es, vor allem für die südli-
chen Mitgliedstaaten, Ereignisse und Entwicklungen in Nah-
ost und Nordafrika im Auge zu behalten, die erhebliche Aus-
wirkungen auf die Wahl von Produktionsstandorten und
Transportwegen haben können.
(255) Ein erheblicher Teil des Handels besteht in dem Aus-
tausch innerhalb von Konzernen, verursacht durch Trends zu
Spezialisierung, wirtschaftlicher Verflechtung zwischen Fir-
men, geographischer Arbeitsteilung und flächenmäßig größe-
ren Märkten. In engem Zusammenhang mit Handelsver-
flechtungen stehen die Direktinvestitionen von Unternehmen;
sie sind teilweise komplementär, teilweise substitutiv. Die
66
ausländischen Direktinvestitionen in der EU sind zwischen
1985 und 1995 von unter 50 Mrd. ECU auf über 350 Mrd.
ECU gestiegen
56
. Die Entwicklungsperspektiven der eu-
ropäischen Regionen sind eng verknüpft mit ihrer Fähigkeit,
konkurrenzfähige Produkte auf dem Weltmarkt anbieten zu
können und ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Ir-
land und Schottland haben in jüngerer Vergangenheit in be-
sonderer Weise von ausländischen Direktinvestitionen (vor
allem aus Nordamerika und Südostasien) profitiert.
(256) Die Europäische Währungsunion wird eine weitere In-
tensivierung des EU-Binnenhandels und weitere Spezialisie-
rungen innerhalb der EU auslösen. Dies wird die Wettbe-
werbsfähigkeit der EU auf dem Weltmarkt zum Wohle aller
Mitgliedstaaten steigern. Es birgt jedoch auch das Risiko ei-
ner verstärkten Marginalisierung derjenigen Regionen, die
auf diesen verschärften Wettbewerb schlecht vorbereitet sind,
in sich.
(257) Von erheblicher Bedeutung für die räumliche Entwick-
lung werden auch die neuen Informations- und Kommunika-
tionstechnologien sein. Deren räumliche Wirkungen sind je-
doch ambivalent. Für eine zuverlässige Abschätzung dieser
Auswirkungen reicht der Forschungsstand noch nicht aus.
Einerseits können diese neuen Technologien die urbane Kon-
zentration verstärken, andererseits bieten sie auch Möglich-
keiten, die Entwicklung in entlegeneren Gebieten der Union
zu fördern. Letzteres geschieht jedoch nicht „automatisch“,
vielmehr müssen regionalpolitische Strategien entwickelt
werden, um die Potentiale der neuen Informations- und Kom-
munikationstechnologien in peripheren Regionen nutzbar zu
machen.
(258) Im allgemeinen haben ökonomische Tendenzen in der
Vergangenheit meist zu einer Verstärkung regionaler Ent-
wicklungsunterschiede geführt. Es ist wichtig, diese Trends
weiter zu beobachten und sie durch eine aktive Raument-
wicklungspolitik zu korrigieren. Die Wettbewerbsfähigkeit
der europäischen Regionen muß gestärkt werden, indem die
Regionen in die Lage versetzt werden, ihr langfristiges Po-
tential nachhaltiger Entwicklung zu erreichen. Eine Politik,
die auf die Schaffung einer diversifizierten Wirtschaftsstruk-
tur in den Regionen zielt, stellt einen guten Ausgangspunkt
für eine ausgeglichenere Verteilung von Arbeitsplätzen dar
und besitzt damit großen Einfluß auf Siedlungsstrukturen und
Wanderungsbewegungen.
1.4 Umweltrelevante Entwicklungen
(259) Die dritte Hauptgruppe von Trends, die die zukünftige
räumliche Entwicklung der EU betreffen, bezieht sich auf die
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
KMU
66 %
KMU
65 %
Beschäftigung
Umsatz
Quelle: Eurostat
Abb. 12: Bedeutung der
kleinen und mittleren Unter-
nehmen (KMU) in der EU
Anteile der KMU (unter 250 Angestellte)
(ohne Primärsektor)
außerhalb
der EU
außerhalb
der EU
innerhalb
der EU
62,9 %
innerhalb
der EU
63,6%
Ausfuhr
Einfuhr
Quelle: Eurostat Jahrbuch '97
Abb. 13: Handel 1996

Umwelt. Behutsamer Umgang mit den natürlichen Ressour-
cen und Schutz der Umweltmedien (Luft, Wasser, Boden)
vor Schadstoffeinträgen sind wichtige Ziele, die nur in inter-
nationaler, weltweiter Zusammenarbeit erreicht werden kön-
nen. Eine moderne, effektive und ressourcenschonende
Raumentwicklung kann hierzu einen Beitrag leisten.
(260) Im letzten Jahrhundert starben zwar relativ wenige
Arten der europäischen Flora und Fauna aus, trotzdem ist
die biologische Vielfalt in der EU von einer Verringerung
der Artenzahl und einem Verlust von Biotopen betroffen.
Verstädterung, der Trend zu einer intensiveren Landwirt-
schaft, Aufforstung, ungezügelter Tourismus (z. B. in den
Küstengebieten und auf den Inseln, insbesondere in den
Sommermonaten) und schädliche Infrastrukturprojekte tru-
gen zu einem Verlust an Biotopen durch Zerstörung, Ver-
änderung und Zerstückelung bei. So gingen z. B. 75 % der
Dünensysteme Südeuropas (von der Straße von Gibraltar
bis Sizilien) verloren. Auch das Mündungsgebiet der Loi-
re, das eine große Zahl von natürlichen Lebensräumen be-
herbergte, erfuhr eine Verkürzung seiner natürlichen Ufer
von 300 km zu Beginn dieses Jahrhunderts auf nunmehr 30
km
57
.
(261) Die Reichhaltigkeit und Verschiedenartigkeit der Land-
schaften bildet ein entscheidendes Merkmal der EU. Der Wert
einer Landschaft kann unter dem Aspekt der nachhaltigen
Nutzung natürlicher Ressourcen, als Lebensraum für Wild-
tiere, als Freiraum oder in Bezug auf ihre landschaftliche
Schönheit und die in ihr enthaltenen kulturellen Elemente ge-
sehen werden. Landschaften bringen auch wirtschaftliche
Vorteile – sie können z. B. den Hintergrund für eine touristi-
sche Nutzung bilden wie an den Küsten und in den Alpen.
Landschaftsqualität stand unter dem Druck städtischer Ent-
wicklung, Tourismus, Erholung, Bergbau, veränderter Nut-
zungsformen in Land- und Forstwirtschaft, was zu einer Ver-
drängung natürlicher Vielfalt geführt hat.
(262) In einigen Regionen des Mittelmeerraumes, so z. B.
in Sardinien, wurde die Bodenbeschaffenheit und somit die
Landschaftsqualität durch intensive Schafhaltung beein-
trächtigt, was in gewissem Ausmaß zur Desertifikation
beitrug. Die Bedeutung des Landschaftsschutzes, den Ver-
lust biologischer Vielfalt und kultureller Identität aufzuhal-
ten, wird jedoch in zunehmendem Maß erkannt. Man geht
dabei über den reinen Arten- oder Gebietsschutz hinaus. So
gehören z. B. Sardinien, Toskana, Languedoc-Roussillon,
Andalusien und Katalonien zu den Regionen, die eine ge-
meinsame Politik für Erhalt und Pflege der mediterranen
Landschaft betreiben. Der Europarat hat eine Reihe von In-
itiativen zum Landschaftsschutz beschlossen.
67
(263) Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe (Erdöl,
Kohle und Gas) werden weltweit fast 22 Mrd. t Kohlendi-
oxid (CO
2
) freigesetzt. CO
2
gilt als hauptverantwortlich für
den Treibhauseffekt, der langfristig zu einem Anstieg des
Meeresspiegels und darüber hinaus zu weiteren Naturkata-
strophen (Überschwemmungen, Dürre) führen könnte. Die
EU ist für ca. 15 % der weltweiten CO
2
-Emissionen ver-
antwortlich; die anderen großen Wirtschaftsregionen emit-
tieren über 30 % (die USA 24 %, Japan 5 % und MERCO-
SUR 2 %)
58
. Die wirtschaftlich Starken – dies gilt im welt-
weiten Vergleich, aber auch innerhalb der EU – sind die
Hauptemissionsquellen, sowohl absolut als auch pro Kopf.
Die Verringerung der CO
2
-Emissionen muß weltweit ange-
gangen werden. Gerade die Industrieregionen sind in be-
sonderem Maße aufgefordert, ihren Beitrag zur weltweiten
Reduktion der Treibhausgase zu leisten. Mit dem Kyoto-
Protokoll im Dezember 1997 wurden erstmals mengen-
mäßig bestimmte und verbindliche Reduktionsverpflich-
tungen für die wichtigsten Treibhausgase vereinbart. So hat
sich die EU verpflichtet, bis zum Zeitraum 2008 – 2012 ihre
Emissionen um 8 % gegenüber 1990 zu verringern.
(264) Die Regionen Europas produzieren 25 % der globalen
atmosphärischen Emissionen von Schwefeldioxid und Stick-
oxiden. Ammoniakemissionen der Landwirtschaft überstei-
gen immer noch kritische Werte in 60 % des europäischen
Territoriums
59
. Schwefeldioxidemissionen entstehen vor al-
lem bei der Verbrennung von Öl und Kohle in Kraftwerken,
Industrie und privaten Haushalten. Stickoxide werden bei
Verbrennungsprozessen emittiert, wobei Verkehr, Strom-
erzeugung und Wohnungsheizung die wichtigsten Quellen
darstellen. Das Ammoniak in der Atmosphäre entstammt
hauptsächlich der Ausbringung von Gülle.
(265) Die Auswirkungen der Versauerung von Böden hän-
gen vom Ausmaß des Eintrags und der ortstypischen Emp-
findlichkeit von Boden und Wasser ab. Sie können unter
Umständen auch weit entfernt von der Quelle auftreten.
Europäische und nationale Gesetzgebung, Verbesserung
der Verbrennungstechnologien und verbesserte Methoden
der Landwirtschaft haben zu einer Verringerung des Säure-
eintrags geführt. Die Schwelle der kritischen Belastungen
mit langfristigen Risiken für die Ökosysteme wird jedoch
voraussichtlich auch weiterhin in über der Hälfte des eu-
ropäischen Kontinents überschritten werden.
(266) Der Wasserverbrauch von Privathaushalten, Land-
wirtschaft und Industrie ist nicht nur in der EU sondern
europaweit in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestie-
gen (vgl. Abb. 14). Je nach Industrialisierungsgrad, Klima
und Bewässerung in der Landwirtschaft ist die Höhe
EUREK

68
(269) Der Flächenverbrauch für Siedlungsentwicklung und
Verkehr in der EU hält an und hat negative Folgen für die
Umwelt, wie Verlust von hochwertigem Ackerland, Zer-
störung von Biotopen, Zersplitterung der Ökosysteme. In
einigen Regionen gibt es zunehmende Flächennutzungs-
konflikte zwischen zusätzlichem Wohnraumbedarf, Ent-
wicklung von Gewerbegebieten, landwirtschaftlichen Nut-
zungen und Freiraumschutz. Andererseits gibt es in Euro-
pa 2000 km
2
brachliegende Industriegelände, welche je-
doch ungleichmäßig verteilt sind. Die Kosten für deren
Wiedernutzung werden auf 100 Mrd. ECU geschätzt
61
.
Hier liegt ein großes Flächenpotential für eine Siedlungs-
entwicklung unter Vermeidung weiterer Zersiedlung im
Einzugsbereich der großen Städte.
(270) Eine spezifische Form der Flächennutzung, die die
Raumentwicklungsstrategien von Städten und Metropolregio-
nen, aber auch ländlichen Regionen vor besondere Heraus-
forderungen stellt, sind Abfalldeponien. Trotz der Anwendung
von Abfallvermeidungsstrategien sind die Abfallmengen in
der EU gestiegen. Mengenmäßig wichtigste Abfallquellen
sind Landwirtschaft, Industrie, Haushalte und Bergbau. Der
Anteil gefährlicher Abfälle ist stark angestiegen.
(271) In einer Reihe von Mitgliedstaaten gibt es Schritte
zur Einführung von integrierten Abfallkonzepten sowie zur
getrennten Sammlung und zum Recycling der Abfälle.
Recycling von Abfällen findet jedoch in der EU immer
noch in zu geringem Ausmaß statt.
(272) Trotz moderner Techniken und strengerer Bestimmun-
gen verursacht die Abfallbeseitigung weiterhin Schadstoff-
einträge in Boden und Grundwasser (Deponien), erzeugt
CO
2
, Methan und Giftgase und führt zu Emissionen von
Dioxinen, Salzsäure und Quecksilber (Müllverbrennung).
(273) Zu einer nachhaltigen Raumentwicklungspolitik
gehören auch moderne Methoden von Abfallmanagement,
Abfallvermeidung und Abfallbeseitigung. Das beinhaltet
das Ziel, Abfallprobleme im eigenen regionalen Kontext
anzugehen und Müll-Transporte – insbesondere Transpor-
te von Giftmüll und Nuklearabfällen – über weite Entfer-
nungen zu vermeiden.
(274) Eine weitere Belastung stellen Naturkatastrophen
dar, die schlagartig durch Waldbrände, Erdbeben oder Stür-
me nicht nur das Landschaftsbild verändern und die Bo-
denbelastung erheblich erhöhen, sondern auch zum Teil
verheerende ökologische Folgen mit sich bringen können.
und die Struktur des
Wasserverbrauchs sehr
unterschiedlich. Stei-
gender Verbrauch ist
insbesondere in der
Landwirtschaft zu ver-
zeichnen, während der
Verbrauch der Privat-
haushalte im wesentli-
chen konstant bleibt
oder nur leicht ansteigt,
in einigen Mitglied-
staaten sogar rückläu-
fig ist.
(267) Von großer Bedeutung sind der Vorrat und die
Qualität von Trinkwasser. Besonders in Südeuropa, wo die
Wasservorräte bereits sehr intensiv genutzt werden und
Wasserknappheit ein häufig vorkommendes Problem dar-
stellt, bereitet die Trinkwasserversorgung Sorgen. In vielen
Regionen geht der Grundwasserspiegel zurück. Da in der
EU zwei Drittel der Bevölkerung ihr Trinkwasser aus dem
Grundwasserreservoir beziehen, hat dies ernstzunehmende
Auswirkungen. Darüber hinaus bestehen auch wachsende
Gefahren der Versalzung des Grundwassers, vor allem in
einigen Küstengebieten des Mittelmeeres und im Westen
der Iberischen Halbinsel, mit schwerwiegenden Folgen für
die Landwirtschaft. In vielen Regionen der EU stellen
undichte öffentliche Versorgungsnetze ein großes Problem
dar. Die Verluste werden in einigen Gegenden auf bis zu
50 % geschätzt
60
. Derzeit wird über den Vorschlag für eine
EU-Richtlinie, die unter anderem ein integriertes
Management der Wassereinzugsgebiete vorsieht, verhan-
delt.
(268) Auch der Grad der Wasserverschmutzung (Grund-
wasser, Oberflächenwasser, Meerwasser) gibt Anlaß zur
Sorge. Zwar haben Gesetzgebung und Aktionsprogramme
für die Aufbereitung privater und industrieller Abwässer zu
einer verbesserten Qualität des Oberflächenwassers beige-
tragen, Schadstoffeinträge aus Landwirtschaft und Indu-
strie bedrohen jedoch weiterhin die Wasserqualität.
Während die organischen Abfallstoffe in Mittel- und West-
europa nun weitgehend unter Kontrolle sind, tragen die
Nährstoffe aus dem Abwasser und der Landwirtschaft zu
einer verbreiteten Eutrophierung der Flüsse und Seen bei.
Pestizide verunreinigen weiterhin Oberflächen- und Grund-
wasser, reduzieren die biologische Vielfalt und dringen in
die Nahrungskette ein. Die Verschmutzung des Grundwas-
sers wird ein langfristiges Problem sein, da die natürliche
Erneuerung der Reserven äußerst langsam verläuft.
Bedingungen und Trends der Raumentwicklung der EU
Jahr
1950
100
200
300
400
500
600
700
1960
1970 1980
1990
2000
Quelle: Dobris Bericht 1995
Abb. 14: Wassernachfrage
in Europa
in km
3

69
EUREK
2.1 Veränderungstendenzen im europäi-
schen Städtesystem
(275) Die EU weist einen hohen Urbanisierungsgrad und
starke Regionen auf. Allerdings lebt nur etwa ein Drittel der
Bevölkerung in großen Metropolräumen. Die Raum- und
Siedlungsstruktur der EU zeichnet sich im Gegensatz zu
anderen Erdteilen dadurch aus, daß ländliche Gebiete rela-
tiv dicht besiedelt sind. Etwa ein Drittel der Bevölkerung
lebt in kleinen und mittelgroßen Städten außerhalb der Ag-
glomerationen. Die dezentrale Geschichte Europas – cha-
rakterisiert durch selbständige Nationalstaaten, die wieder-
um zum Teil erst relativ spät aus kleineren Regionalstaaten
entstanden sind – hat die Herausbildung eines starken, po-
lyzentrischen Städtesystems gefördert. Es ist ein komple-
xes Geflecht von großen, mittleren und kleineren Städten
entstanden, das in weiten Teilen Europas die Basis für ver-
städterte Raumstrukturen auch in Agrargebieten bildet.
Technologische, politische, soziale und ökonomische Ver-
änderungen haben Auswirkungen auf das Städtesystem –
auf seine Funktionen und auf den räumlichen Kontext.
2.1.1 Das Entstehen urbaner Netze
(276) Für die Stadt- und Raumentwicklung stellen diese
Veränderungen eine große Herausforderung dar. Dabei
werden sich das Städtesystem und die Siedlungsstruktur
der EU in mittelfristiger Perspektive wohl kaum grundsätz-
lich ändern. Weltstädte, wie London und Paris, und Metro-
polregionen, wie das Ruhrgebiet oder die Randstad, werden
ihre herausragenden Positionen behalten. Neue Funktionen
und Vernetzungen können jedoch in Zukunft große Aus-
wirkungen für die Entwicklung einzelner Städte und Re-
gionen haben. Verstärkt kooperieren Städte und bündeln
ihre Kräfte, beispielsweise durch die Entwicklung sich er-
gänzender Funktionen oder durch die gemeinsame Nut-
zung von Einrichtungen und Dienstleistungsangeboten.
Solche Kooperationen können vorteilhaft für die regionale
Entwicklung sein, da sie das Angebot von Dienstleistungen
und die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Region ver-
bessern und damit ihre Konkurrenzfähigkeit erhöhen.
(277) Kooperationen von Städten und Regionen gibt es zu-
nehmend auch grenzüberschreitend. Kooperation setzt je-
doch gleichberechtigte Partner mit vergleichbaren Kompe-
tenzen voraus. Deshalb können verschiedene Politik- und
Verwaltungssysteme ein Hindernis für eine grenzüber-
schreitende Zusammenarbeit darstellen. Initiativen, wie
Saar-Lor-Lux (Saarbrücken, Metz, Luxemburg) und Tor-
nio-Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze, zei-
gen jedoch, daß grenzüberschreitende Kooperation mög-
lich und erfolgreich sein kann.
(278) Ein weiterer Faktor, der die Kooperation zwischen
Städten und das Erzielen von Synergie-Effekten gleicher-
maßen notwendig wie schwierig macht, sind große Entfer-
nungen in dünn besiedelten Gebieten. Schweden z. B. hat
jedoch positive Erfahrungen mit der Verbindung mittel-
großer Städte durch Hochgeschwindigkeitszüge gemacht.
Dadurch können deren wirtschaftliche Potentiale und Ka-
pazitäten u. a. im Ausbildungsbereich gebündelt und ge-
stärkt werden.
2.1.2 Veränderung urbaner wirtschaftlicher
Möglichkeiten
(279) Die Konkurrenz zwischen den Städten und Regionen
um Investitionen nimmt zu. Die Aufrechterhaltung oder
Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit ist eine große
und wichtige Herausforderung. Viele Städte werden neue
wirtschaftliche Potentiale entwickeln müssen. Altindu-
strialisierte Städte und Regionen müssen ihren wirtschaft-
lichen Modernisierungsprozeß fortsetzen. Städte und Re-
gionen, die zu stark von einem einzigen Wirtschaftszweig,
beispielsweise von der öffentlichen Verwaltung, vom Tou-
rismus oder von Hafenfunktionen, abhängig sind, müssen
versuchen, ihre wirtschaftliche Basis zu verbreitern. Auch
einige Städte in ländlichen oder peripheren Regionen wer-
den Schwierigkeiten haben, ihre wirtschaftliche Basis zu
sichern und auszubauen. Dabei gibt es aber auch in peri-
pheren Regionen durchaus Städte, die stark und attraktiv
genug sind, um Investitionen für sich und ihre Umgebung
anzuziehen. Insbesondere Städte, die besondere „Gate-
way“-Funktionen übernehmen, können eine periphere
Lage durchaus positiv nutzen.
(280) Städte und Regionen, die ihre eigenen wirtschaftli-
chen Chancen und Potentiale zu nutzen wissen, tun dies
nicht auf Kosten anderer, sondern können im Gegenteil die
weltweite Wettbewerbsposition der EU insgesamt erheb-
lich stärken. In diesem Sinne ist Konkurrenz durchaus po-
sitiv; wichtig ist jedoch, daß der Wettbewerb zwischen
2 Themen der Raumentwicklung von
europäischer Bedeutung

image
image
image
image
Städten, Regionen und Mitgliedstaaten sozial- und um-
weltverträglich geführt wird. Eine bedingungslose Kon-
kurrenz „mit allen Mitteln“ schadet mittelfristig den Städ-
ten und Regionen selber und trägt nicht zu einer nachhalti-
gen Entwicklung Europas bei.
2.1.3 Fortschreitende Ausuferung der Städte
(281) Durch die wachsende Zahl der Haushalte sowie der
durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf steigt die Nach-
frage nach Wohnungen und Bauland weiter an. In vielen
Städten wurde neuer Wohnraum in bestehenden Wohnge-
bieten oder in Neubaugebieten erstellt. Vielfach geschah
dies geplant und geordnet, manchmal aber auch relativ un-
kontrolliert. Unkontrolliertes Wachstum führt zu erhöhtem
Verkehrsaufkommen im Individualverkehr, vergrößert den
Energieverbrauch, verteuert Infrastruktur und Dienstlei-
stungsangebote und hat nachteilige Auswirkungen auf die
Landschaftsqualität und die Umwelt. Außerdem hat in
manchen Gebieten der steigende Wohlstand die Nachfrage
nach Zweitwohnungen in die Höhe getrieben, so daß man-
che Orte inzwischen als „Wochenendstädte“ bezeichnet
werden können.
(282) Der Siedlungsdruck auf das städtische Umland stellt
in vielen städtischen Gebieten der EU ein Problem dar (vgl.
Abb. 15). Deshalb müssen gemeinsam nachhaltige Lösun-
gen exemplarisch zur Planung und zum Management des
Städtewachstums gefunden werden. In einigen Gebieten
der Union, besonders dort, wo das Land knapp ist, wurden
innovative Maßnahmen zur Stadtplanung ergriffen. Hierzu
gehören der Ansatz der „kompakten Stadt“ aus den Nie-
derlanden ebenso wie die Ansätze eines „Flächen-Recy-
cling“ im Vereinigten Königreich und in Deutschland oder
gezielte Ansätze zur Befriedigung der Wohnungsnachfrage
spezifischer sozialer Gruppen.
2.1.4 Zunehmende soziale Segregation in Städten
(283) Wachsende Einkommensunterschiede und die Aus-
differenzierung von Lebensstilen spiegeln sich in unter-
schiedlichen Wohn- und Wohnstandort-Bedürfnissen und
unterschiedlichen Möglichkeiten, diese Bedürfnisse zu be-
friedigen, wider.
(284) So werden die Lebensbedingungen in Städten oft als
ungeeignet für die Bedürfnisse von Kindern gehalten. Für
Familien mit Kindern bieten Vorstadtgebiete häufig mehr
Lebensqualität als zentralere Stadtlagen, und der Traum
vom eigenen Haus läßt sich wegen des Preisgefälles oft nur
dort realisieren. Deshalb ziehen viele Familien mit mittle-
70
rem und höherem Einkommen aus der Stadt fort. In den In-
nenstädten sowie in den großen Anlagen des sozialen Woh-
nungsbaus konzentrieren sich ärmere Familien und Zu-
wanderer. Andere zentrale Wohnlagen ziehen junge Leute
und Studenten an, wieder andere Besserverdienende und
Doppelverdiener.
(285) Soziale Entmischung und Segregation sind nicht per
se ein Problem. Wo aber wirtschaftliche Benachteiligung,
Arbeitslosigkeit und soziale Stigmatisierung zusammen-
treffen in Gebieten, die oft zusätzlich noch durch kulturel-
le und ethnische Unterschiede geprägt sind und ihren Be-
wohnern besonders hohe Integrationsleistungen abverlan-
gen, steigt das Risiko sozialer Ausgrenzung. Es ist notwen-
dig, sich diesen Problemen zu stellen, nicht nur, weil sie in
Europa weit verbreitet sind, sondern auch, weil sie die Be-
deutung der sozialen Dimension nachhaltiger Entwicklung
urbaner Räume in Europa unterstreichen. Um dem Problem
der Armut, der sozialen Ausgrenzung und der Gettobildung
erfolgreich zu begegnen, muß insbesondere die Langzeit-
arbeitslosigkeit reduziert werden; einige Mitgliedstaaten
haben dies erfolgreich im Rahmen von integrierten, multi-
sektoralen Programmen zur wirtschaftlichen Regenerie-
rung und Entwicklung benachteiligter Stadtviertel ver-
sucht.
Themen der Raumentwicklung von europäischer Bedeutung
Quelle: Europäische Kommission - Joint Researche Center
Strategy and Systems for Space Applications Unit (SSSA)
Wohnen
Industrie/Handel/Transport
Mailand 1955
Mailand 1997
Dublin 1956
Dublin 1998
Abb. 15: Urbanisierung

71
EUREK
2.1.5 Verbesserungen der städtischen Lebens-
qualität
(286) Die meisten Städte haben Maßnahmen gegen Um-
weltprobleme wie Lärm, Luft- und Wasserverschmutzung,
Verkehrsbelastungen, Abfallaufkommen und zu hohen
Wasserverbrauch ergriffen. Dennoch bleibt die Umwelt-
qualität in vielen städtischen Gebieten weiter verbesse-
rungsbedürftig. Außerdem haben städtische Entwicklungs-
maßnahmen oftmals die historischen Strukturen und die
Attraktivität der Städte und ihre Identität beeinträchtigt.
Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf Lebensqua-
lität und Gesundheit ihrer Einwohner, sondern kann sich
durch Attraktivitätsverlust und Rückgang von Investitio-
nen, Arbeitsplätzen und städtischer Finanzkraft auch öko-
nomisch auswirken.
2.2 Die sich ändernde Rolle und Funktion
der ländlichen Räume
2.2.1 Steigende Interdependezen von städtischen
und ländlichen Räumen
(287) Die Zukunft vieler ländlicher Räume ist mehr und
mehr mit der Entwicklung der Städte verknüpft. Die Städ-
te in ländlichen Regionen sind ein integraler Bestandteil
ländlicher Entwicklung. Es muß sichergestellt werden, daß
Stadt und Land in partnerschaftlicher Zusammenarbeit re-
gionale Entwicklungskonzepte erarbeiten und erfolgreich
umsetzen können. Dabei ist das Verhältnis zwischen Stadt
und Land in dicht besiedelten Regionen ein anderes als in
dünner besiedelten. In dicht besiedelten Regionen stehen
die ländlich geprägten Teilräume unter erheblichem Urba-
nisierungsdruck, mit allen – auch negativen – Begleiter-
scheinungen von Verdichtung: Verschmutzung von Wasser
und Boden, Zersplitterung offener Landschaften, Verlust
des ländlichen Charakters. Einige traditionell ländliche
Funktionen, wie z. B. extensive Landbewirtschaftung,
Forstbetrieb, Naturerhalt und Naturentwicklung, sind in
hohem Maße von großen, zusammenhängenden Land-
schaftsgebieten abhängig. Das Erreichen eines besseren
Gleichgewichts zwischen urbanen Entwicklungen und dem
Schutz der offenen Landschaft ist deshalb eine zentrale
Aufgabe der Raumentwicklung. Vor allem in dicht besie-
delten Regionen sind städtische und ländliche Teilräume
eng miteinander verflochten, z. B. profitieren ländliche
Räume vom Kulturangebot der Städte, und umgekehrt die
Städte vom Freizeit- und Erholungswert des ländlichen
Raumes. Stadt und Land können deshalb mehr als Partner
denn als Konkurrenten verstanden werden.
(288) Weniger dicht besiedelte ländliche Räume, besonders
wenn sie weiter von Metropolräumen entfernt liegen, haben
bessere Chancen, ihren ländlichen Charakter zu bewahren.
In manchen Regionen haben jedoch viele kleinräumige Ent-
wicklungsmaßnahmen zur Verbesserung der Agrarstruktur
und der Siedlungsweise einen nachteiligen Einfluß auf die
Umwelt und besonders auf die Landschaftsqualität gehabt.
In vielen ländlichen Räumen in den Randgebieten der EU
bedrohen Abwanderungen die Tragfähigkeit öffentlicher
und privater Dienstleistungen. Das natürliche und kulturel-
le Erbe dieser gefährdeten ländlichen Räume sind Schlüs-
selwerte, welche die Fundamente wirtschaftlicher und so-
zialer Erneuerung bilden können, die u. a. auf nachhaltigem
Tourismus und Erholung basieren.
2.2.2 Unterschiedliche Entwicklungslinien in
ländlichen Räumen
(289) Zur kulturellen, natürlichen und landschaftlichen
Vielfalt in der EU tragen nicht zuletzt die ländlichen Räu-
me bei. Ihre Rolle erschöpft sich nicht als suburbaner Ein-
zugsbereich der Städte und auch nicht in der Abhängigkeit
von Landwirtschaft oder Tourismus. Ihre Funktionen sind
mehr als die Sicherung der Ernährungsgrundlagen und des
Ressourcenschutzes. Vielmehr bedeutet ländliche Ent-
wicklung in Europa eine Vielfalt an räumlichen Tendenzen,
Konstellationen und Einflußfaktoren. Dabei haben viele
ländliche Räume den strukturellen Wandel erfolgreich
durchlaufen und eine eigenständige Entwicklung vollzie-
hen können. Bei der Verwirklichung der Ziele für die eu-
ropäische Raumentwicklung kommt neben den großen
Städten und Stadtregionen auch den ländlichen Räumen
eine große Bedeutung zu. Eine dezentrale, polyzentrische
Siedlungsstruktur wird nicht zuletzt dadurch erreicht wer-
den können, daß die sozio-ökonomische Funktionsfähig-
keit ländlicher Räume stabilisiert, langfristig gesichert oder
hergestellt werden kann. Dafür sind die Zugangsmöglich-
keiten zu Infrastruktur und Wissen Schlüsselpositionen,
denn bei guter Infrastrukturausstattung und Zugang zu In-
formationen haben ländliche Räume Potentiale für eine
wirtschaftliche Attraktion und Diversifikation. Auch bei der
Entwicklung des natürlichen und kulturellen Erbes sind
ländliche Räume besonders gefordert.
(290) Ländliche Entwicklung bedeutet aber auch, daß vie-
le Regionen nach wie vor mit erheblichen strukturellen
Schwächen konfrontiert sind. Diese strukturellen
Schwächen können durch natürliche Einflußfaktoren, wie
periphere oder schwer zugängliche Lage (Inseln, Bergge-
biete) oder klimatische Ungunst (mediterrane Gebiete, ex-
trem dünn besiedelte Gebiete Nordskandinaviens), ver-

stärkt werden (vgl. Karte 11). In diesen Gebieten hat die
Landwirtschaft als Erwerbsquelle oft noch eine große Be-
deutung, allerdings mit einer relativ schlechten Wettbe-
werbsposition. Diversifikation, Pluriaktivität und die Si-
cherung alternativer Erwerbsmöglichkeiten sind ohne Hil-
fe und Erfahrungsaustausch schwierig zu erreichende Zie-
le. Es wird abzuwarten sein, inwiefern die neuen Informa-
tions- und Kommunikationstechniken dezentrale Entwick-
lungsimpulse in ländlichen Räumen fördern können. Es
gibt einige hoffnungsvolle Ansätze, z. B. im schottischen
Hochland. Dort haben kleine und mittlere Unternehmen
mit staatlicher Unterstützung den Zugang zu Informations-
und Kommunikationstechniken und darüber zu globalen
Märkten gefunden.
72
2.2.3 Veränderungen in Land- und Forstwirt-
schaft – Konsequenzen für Wirtschaft und
Flächennutzung
(291) Die schrittweise Reform der europäischen Landwirt-
schaft wird angesichts wirtschaftlicher Liberalisierung,
Verringerung öffentlicher Ausgaben und Beachtung von
umweltpolitischen Überlegungen weitergehen. Nach
Schätzungen könnten in der EU zwischen 30 % und 80 %
der Flächen aus der landwirtschaftlichen Produktion ge-
nommen werden
62
. Die führende Position der Landwirt-
schaft als Basis der regionalen Entwicklung, Wirtschaft und
Beschäftigung wird in einigen Regionen jedoch weiterhin
bestehen bleiben.
Themen der Raumentwicklung von europäischer Bedeutung
0
250
500 km
über 300
280 - 300
260 - 280
240 - 260
220 - 240
210 - 220
200 - 210
190 - 200
Durchschnittliche Anzahl der Tage
pro Jahr zwischen 1961 und 1990 ,
an denen die mittlere Tagestemperatur
über +5 C liegt.
Quelle: mit freundl. Genehmigung des Finnish
Meteorological Institute, P.O. Box 503, FIN-00101 Helsinki
140 - 150
130 - 140
120 - 130
unter 120
180 - 190
170 - 180
160 - 170
150 - 160
Karte 11: Zahl der Tage pro Jahr mit einer mittleren Temperatur über +5˚C
Açores (P)
Madeira (P)
Canarias (E)
Guyane (F)
Guadeloupe (F)
Martinique (F)
La Réunion (F)

(292) Manche Regionen können durch steigende Intensi-
vierung der Landwirtschaft konkurrenzfähig bleiben. Dies
wird durch Produktionsmethoden unterstützt, die mehr auf
Logistik und Einsatz von Technik basieren als auf der
natürlichen Ausstattung einer Region. Während dieser An-
satz (zumindest kurzfristig) die Produktion steigert und die
Wettbewerbsfähigkeit der EU-Agrarindustrie hebt, kann er
auch negative Effekte haben, wie z. B. die sinkende Zahl
der Beschäftigten, steigende Umweltbelastung, sinkende
Artenvielfalt und Vereinheitlichung der Landschaft.
(293) Andere Regionen bemühen sich um eine Verbreite-
rung der Basis ihrer Wirtschaft, indem sie alternative
Aktivitäten in Forstwirtschaft und ländlichem Tourismus
entwickeln. Diversifizierung wird deshalb besonders in
den ländlichen Gegenden erfolgreich vorangetrieben, die
über geeignete Umweltbedingungen, attraktive Landschaf-
ten und eine günstige Lage zu den Bevölkerungszentren
verfügen, wie beispielsweise in Süddeutschland, in Mittel-
frankreich und in vielen Gebieten im südlichen Europa.
Ein weiteres, seit langem bestehendes Beispiel für erfolg-
reiche Diversifizierung in ländlichen Räumen, die nicht
nahe an Bevölkerungszentren gelegen sind, stellt die
kleinbäuerliche Wirtschaft in den Highlands und auf den
Inseln Schottlands dar. Zunehmende Bedeutung hat in die-
sem Zusammenhang die Zu- und Nebenerwerbslandwirt-
schaft.
(294) Eine dritte Art, wie ländliche Gegenden auf die Än-
derungen in der Agrarwirtschaft reagieren, ist die Extensi-
vierung der Produktion. Sie kann u. a. über eine Vielzahl
von Maßnahmen erfolgen, wie beispielsweise kontrolliert
biologischen Anbau. In Österreich hat beispielsweise die
Fläche, die biologisch bewirtschaftet wird, seit 1990 von
22.500 ha und 1.500 Bauernhöfen auf 250.000 ha (7,5 %
der bewirtschafteten Fläche) und 18.000 Bauernhöfe in
1996 zugenommen
63
. Auch die Zahl biologisch bewirt-
schafteter Flächen in Deutschland, Schweden, Finnland
und den Niederlanden nimmt zu.
(295) Marginalisierung tritt ein, wenn Landwirtschaft sich
wirtschaftlich nicht mehr rechnet. Marginalisierung kann
positive Auswirkungen auf Umwelt und Landschaft haben,
indem andere Landnutzungen, wie z. B. Forstwirtschaft,
möglich werden. Negative Aspekte dagegen sind die mög-
liche Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Agrarsek-
tor, die Erhöhung des Risikos für Bodenerosion und Wald-