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Report
MORGENPOST AM SONNTAG, 25.9.2011
Ob an der Zapfsäule oder am Gemüsestand:
Sachsens Eichamt -
Es kommt doch auf die Länge an!
Frank Michael (42) muss es wissen.
Er ist Eichmeister und spürt die Ab-
weichungen von der Norm auf. Er
achtet auf Längen, Gewichte und
Maße. Wir begleiteten ihn einen Tag
lang bei seinen Aufgaben im Auf-
trag des Eichamtes.
Viel abzuwägen haben derzeit die
sächsischen Goldaufkäufer. Seit
der Goldpreis Tag für Tag neue
Höhen erklimmt, wollen viele aus
ihren Goldschätzchen zu Hause
Kasse machen - und zwielichtige
Geschäftemacher wollen mitver-
dienen. Deshalb kündigte Verbrau-
cherschutzministerin Christine
Clauß an: „Die Eichämter werden
ihre unangekündigten Überwa-
chungen des Edelmetallankaufs
verstärken.“
Deshalb führt Michaels erster
Weg heute zu einem Juwelier. Im
Dresdner Trauringhaus Wahl prüft
er die Goldwaage auf Herz und Nie-
ren. „Gerade eben brachte ein Kun-
de 190 Gramm in Form von Ketten
und Ringen“, sagt Inhaberin Susan-
ne Wahl (46). Bei einem Goldpreis
nahe 50 Euro pro Gramm lässt
sich daraus schon ein
kleines Vermögen
machen. Doch die
Goldwaage ge-
fällt Michael
gar nicht. „Die
misst zu Ihren
Ungunsten,
muss justiert
werden“, attes-
tiert er der Ju-
welierin und
verweigert ihr
die begehrte
Prüfplakette.
Schon geht’s
weiter zu einer
unangemelde-
ten Stippvisite
in einen Kon-
sum-Markt.
Doch nicht zum
Einkaufen fürs
zweite Früh-
stück. Denn
Michaels
Devise
lautet:
nichts
kau-
fen,
nur angucken. Er nimmt die Ver-
packungen von Putenkeulen ins
Visier und vergleicht, ob das, was an
Gewicht draufsteht, auch wirklich
drin ist.
Durch kleinste Abweichungen
beim Nettogewicht könnten Händ-
ler ganz nebenbei ein großes Ge-
schäft machen. Michael rechnet
vor: „Wenn am Fleischstand Wurst
in gewachstes Papier eingewickelt
wird, kann die Verpackung allein
bis zu zehn Gramm
wiegen. Bei Edel-
salami, zu einem
Grundpreis von
22 Euro/Kilo-
gramm, macht
das ei-
nen Gewinn von 22 Cent.“ Auf eine
Großstadt mit 100000 Einwohnern
hochgerechnet, würden die Händ-
ler jährlich
zusätz-
lich
6,85
Mil-
lio-
nen
Euro
Von Uwe Blümel
Einfach mal fünfe gerade sein lassen? Das käme den Mitarbei-
tern des Sächsischen Eichamtes nie in den Sinn. Stattdessen
nehmen sie alles unter die Lupe, legen alles auf die Goldwaage
und messen alles penibel nach. Für die Hüter der Maße gilt
nämlich noch der alte Slogan „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist
besser“. Erst wenn alles seine Richtigkeit habt, rücken sie die
begehrten Plaketten raus - für Waagen, Taxameter, Zapfsäulen
und so weiter. Alles zum Wohle der sächsischen Verbraucher,
die so sicher sein können, nicht übers Ohr gehauen zu werden.
Zieht beim Eichen regelmäßig die Pistole: Mit einem Messwagen zapft Michael erst zehn, dann 20 und
schließlich 50 Liter aus jeder Zapfpistole und füllt damit drei Eichkolben (F.l.). Der Wert darf nur ein halbes
Prozent abweichen, dann gibt’s die begehrte Prüfplakette (F.r.).
Eichen heißt vergleichen. Für
die sächsischen Eicher gibt’s
nichts, was nicht geeicht werden
könnte - von kleinsten Präzisi-
onswaagen bis hin zu riesigen
Flüssigkeitsbehältern. Auf Weih-
nachtsmärkten kaufen sie Schin-
ken, Mandeltüten oder Gummi-
tiere, um die Gewichtsangaben
auf der Verpackung zu überprü-
fen.
In Chemnitz werden Atem-
alkohol-Messgeräte geeicht. Und
auch die Abgasmessgeräte TÜV
und DEKRA müssen sich erst ei-
chen lassen, bevor sie eingesetzt
werden dürfen. „Mit einem
Choirometer kann sogar die
Dicke der Speckschicht bei
Schweinen und damit die Qua-
lität des Fleisches gemessen wer-
den“, erklärt Jörg Lehmann,
Fachabteilungsleiter in der Eich-
direktion Dresden.
Auch Eiersortiermaschinen
werden überprüft. Lehmann:
„Dafür haben wir bunte Prüf-Eier
in verschiedenen Größen und
schauen, ob sie die Maschine in
die richtigen Güteklassen ver-
teilt.“
Die Eicherei hat in Sachsen ei-
ne lange Tradition. Schon am
5. März 1811 beauftragte König
Friedrich August I. eine Kommis-
sion zur Ausarbeitung eines ein-
heitlichen Maß- und Gewichts-
systems in Sachsen. Seit 1996
ist die Eichbehörde ein Staats-
betrieb. Seit diesem Jahr ist
der dem Sozialministerium un-
terstellt.
Eichen mit Tradition: Jörg Lehmann zeigt die Sammlung von Waagen
und Gewichten in der Dresdner Eichdirektion in der Hohen Straße 11.
SchonderKönig
nahm’sganzgenau

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MORGENPOST AM SONNTAG, 25.9.2011
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Eine Behörde stellt sicher, dass keiner zu viel bezahlt
das Maß aller Dinge
einnehmen, die sie ihren Kunden zu
Unrecht abverlangen. Die
zahlen nämlich für
Papier statt für die
Ware. Doch
nicht im
Kon-
sum: Hier stimmt alles auf Kilo und
Gramm.
„Wir kontrollieren auch fliegen-
de Händler auf Märkten. Bei
Verstößen gegen die Ver-
packungsvorschriften können
wir sofort 35 Euro Ver-
warngeld erheben“, er-
zählt Michael und
biegt mit seinem
Messfahrzeug in eine
Tankstelle ein. Aller
zwei Jahre muss sich
jede der 7500 sächsi-
schen Zapfsäulen ei-
ner Untersuchung un-
terziehen. Dafür muss
sie sich Sprit abneh-
men lassen. „Ich prüfe,
ob die abgegebene Sprit-
menge dem Wert
auf der Anzei-
ge entspricht“,
erklärt Mi-
chael.
Was viele nicht glauben: „Kommt
es zu Abweichungen, fließt in
80 Prozent der Fälle mehr Kraftstoff
aus der Zapfpistole und der Tank-
stellenpächter macht damit Verlus-
te“, weiß Michael. Heute passt alles
auf den Milliliter genau. Als Bestäti-
gung klebt Michael der Säule eine
Prüfplakette auf. Während seiner
zweistündigen Messung drehte
sich die Sprit-Preisschraube hinter
ihm munter mit Höchsttouren - ein-
mal gleich um sieben Cent nach
oben.
Weiter geht Michaels Prüffahrt
nach Reinhardtsgrimma (bei Glas-
hütte). Hier wartet schon die betagte
Sackwaage (Baujahr 1970) von
Bäcker und Müller Gerold Zahn (55)
auf das Okay des Eichers. Michael
buckelt 10- und 20-Kilo-Stücke aus
seinem Dienstwagen, belastet da-
mit das gute alte Stück aus DDR-Zei-
ten und stellt am Ende fest: „Die geht
genau!“ Der Gewichtstest gilt als be-
standen. 73,10 Euro kostet den Mül-
ler die Dienstleistung.
Zurückgekehrt in das Dresdner
Eichamt warten schon ein paar Ta-
xis auf einen Herz-und-Nieren-
Check vor dem Rollen-Prüfstand.
„Wir eichen hier die Taxameter,
damit die Kunden sicher sein
können, dass alle dasselbe für ei-
nen Kilometer gefahrene Strecke
bezahlen.“
Auch ein Prüfer muss sich übri-
gens einmal selbst einnorden
lassen. In einem klimatisierten
Laborraum prüft Michael des-
halb vor Dienstantritt anhand
von Prüfgewichten, ob seine
Gewichte, die er mitschleppt, den
genormten Maßen entsprechen. Sie
dürfen schließlich nicht plötzlich
leichter oder schwerer geworden
sein. Es muss alles haargenau stim-
men. Denn nur dann wird Eich-
meister Frank Michael für Tankstel-
len-Pächter, Markthändler, Juwelie-
re und Müller im Land zum Maß al-
ler Dinge.
Auch die Eichge-
wichte der Eicher
müssen regel-
mäßig geeicht
werden:Wie unter
Käseglocken la-
gern die Prüfge-
wichte, die vom
Ur-Kilogramm in
Paris „abgenom-
men“ wurden. In
dem wohltempe-
rierten Labor darf
die Temperatur in-
nerhalb von zwölf
Stunden nur um
ein Grad sinken
oder steigen.
Fotos: Uwe Meinhold
Damit immer genug Hafer und Mehl in den Säcken landet: Der gelernte Bäcker und Müller Gerold Zahn lässt
sich vom Eichmeister seine Neigungswaage überprüfen, die insgesamt 150 Kilo buckeln kann (F.l.). Dietmar
Auerbach eicht den Taxameter von Chauffeur Roland Saft (F.r.).
Er kennt alle 100 „Starenkäs-
ten“ in ganz Sachsen und ist doch
noch nie geblitzt worden! Hol-
ger Leibelt (49), Vize-Amtsleiter
im Eichamt Zwickau, und
seine acht Kollegen schauen ein-
mal jährlich allen „stationären
Geschwindigkeitsmessgeräten“
(Amtsdeutsch) unter die Haube -
und damit ins Blitz- und Film-
werk.
Für die Eichung lässt Leibelt
sogar regelmäßig ein Feuer-
wehrauto anrollen: „Mit dem
schweren, mehrachsigen Fahr-
zeug werden die Drucksensoren
in der Fahrbahn getestet.“ Die
müssen allerdings auch bei Flie-
gengewichten wie einem Mini-
wagen anschlagen. Im Landkreis
Bautzen hatten solche Sensoren
einmal den Geist aufgegeben, so-
dass die Anlage kein einziges Ra-
serfoto mehr schießen konnte.
Leibelt ließ sie auswechseln.
Auch jede Laserpistole, die auf
Sachsens Straßen auf Raser ge-
richtet wird, muss einmal im
Jahr nach Zwickau zum Test. An-
legen, zielen, abdrücken: Jedes
Jahr eicht Leibelt 170 solcher
Pistolen. „Dafür steht uns mit
25 Metern Ostdeutschlands
längste Lasermessbahn zur Ver-
fügung.“ Auf dieser Anlage prüft
er für jede Pistole, ob die Strahl-
achsen von Laserstrahl und
Visiereinrichtung genau über-
einstimmen. „Enden sie nicht
punktgenau, wäre es möglich,
dass zwar ein Fahrzeug anvi-
siert, aber die Geschwindigkeit
das überholenden Autos dane-
ben ‚geblitzt‘ wird“, erklärt der
Eicher. In dem Fall müsse das
Zielfernrohr neu justiert werden.
HierwerdenBlitzer
selbstkontrolliert
Damit nur auf Raser „geschos-
sen“ wird: Holger Leibelt liest
Daten aus dem „Starenkasten“
auf der Crimmitschauer Straße
in Zwickau in seinen Laptop ein.
Gewichtige Kontrolle: Susan Wike,Abteilungsleiterin für Obst und
Gemüse, wird von Eichmeister Frank Michael mit einer Fertigpackungs-
kontrolle im Konsum in der Leubnitzer Straße überrascht (F.l.). Bei Ju-
welierin Susanne Wahl kommt alles auf die Goldwaage (F.r.), doch ihr
Gerät muss nachjustiert werden.