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50 // BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen [2O11] Nr. 1
Jugendlichen konzipiert war, ihr heutiges Domizil
im Südosten des Stadtzentrums von Leipzig. Seit
mehr als 50 Jahren trägt die Schule den Namen ihres
Gründers Samuel Heinicke.
Die Samuel-Heinicke-Schule, als Förderzentrum für
Hörgeschädigte – seit 2003 in Trägerschaft des Frei-
staates Sachsen – beherbergt nicht nur die Biblio-
thek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen, sondern
sie sichert auch personell und finanziell den Betrieb
dieser öffentlichen Spezialbibliothek ab.
Geschichte und Entwicklung der Bibliothek
Die Gründung der Bibliothek geht auf einen Be -
schluss der Mitglieder des Bundes Deutscher Taub-
stummenlehrer aus dem Jahre 1894 zurück. Die
Lehrer der damaligen Leipziger Taubstummenan-
stalt haben diese spezielle Sammelstätte – ursprüng-
lich unter der Bezeichnung Deutsches Museum für
G
anz in der Nähe der Deutschen Nationalbi-
bliothek in Leipzig befindet sich die Biblio-
thek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen im
wahrsten Sinne des Wortes unter dem Dach der tra-
ditionsreichen ältesten deutschen Bildungsstätte für
Hörgeschädigte, der Sächsischen Landesschule für
Hörgeschädigte Leipzig. Mit einer Berufungsurkun-
de vom Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen
(1750 –1827) kam der im Unterrichten von Taub-
stummen erfahrene Lehrer Samuel Heinicke im
April 1778 mit seiner Familie und neun Zöglingen
aus Hamburg nach Leipzig und eröffnete sein „Kur-
sächsisches Institut für Stumme und andere mit
Sprachgebrechen behaftete Personen“.
Nach zahlreichen Umzügen des Institutes innerhalb
der Stadt fand die Schule 1915 in einem imposanten
Gebäude, das direkt für den Unterricht und die
Unterbringung von hörgeschädigten Kindern und
Steckbrief einer
Spezialbibliothek
Die Bibliothek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen
in Leipzig
von
REINHARD MÜLLER

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BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen [2O11] Nr. 1 // 51
Taubstummenbildung – im Laufe der Jahre aufge-
baut, ständig erweitert und trotz vielfältiger Hürden
erhalten. Den Grundstock der Bibliothek bildeten
damals zwei Stiftungen, die Bibliothek des Stuttgar-
ter Hofrates Carl Renz mit etwa 600 Bänden und
die Bibliothek eines Direktors der Leipziger Schule,
Gotthilf August Eichler, mit 250 Bänden. Weitere
Erwerbungen erfolgten durch Schenkungen, Spen-
den und aus Beiträgen von Mitgliedern des Bundes
Deutscher Taubstummenlehrer.
Nach Emil Göpfert (bis 1906) und Hermann Lehm
(bis 1924) leitete Dr. Paul Schumann, der Herausge-
ber des Handbuches für Taubstummenkunde, der
Verfasser der Geschichte des Taubstummenwesens
und hervorragende Heinicke-Forscher, von 1924 bis
zu seinem Tod, am 2. Februar 1943, die Bibliothek.
Der Bibliotheksbestand war im Laufe der Jahre auf
33.000 Titel angewachsen, und die Leipziger Ein-
richtung als zentrale Sammel- und Forschungsstätte
in der Fachwelt bekannt und geschätzt.
Während eines Bombenangriffes auf Leipzig, am
4. Dezember 1943, wurde das Museum für Taub-
stummenbildung in der oberen Etage der Schule
vollständig vernichtet. Nur etwa 350 seltene und
besonders wertvolle Schriften sowie Teile der Bilder-
und Kunstsammlung waren ausgelagert.
Anfang 1950 beschloss die Lehrerschaft der Leipzi-
ger Gehörlosenschule den Wiederaufbau der Bib -
liothek und beauftragte aus ihren Reihen den Taub-
stummenlehrer Herbert Härtel (1908 –1993),
dieses Vorhaben zu verwirklichen. Herbert Härtel
war als enger Mitarbeiter von Dr. Paul Schumann
mit den Arbeitsabläufen des Museums vertraut und
die „alte Bibliothek“ noch vor Augen, machte er sich
sofort ans Werk. Es wurde sein Lebenswerk. Auf
dem Grundbestand der 350 geretteten wertvollsten
Bücher baute er in mühevoller Kleinarbeit und
unter hohem persönlichen Einsatz nach und nach
die Bibliothek wieder auf.
Um die materielle und fachliche Sicherstellung der
Bibliothek zu gewährleisten, erfolgte 1968 eine
Angliederung an die Pädagogische Zentralbiblio-
thek in Berlin. Als Außenstelle Hör- und Sprach -
geschädigtenwesen verblieb die Bibliothek in der
Leipziger Hörgeschädigtenschule und wurde auch
weiterhin von Lehrern dieser Schule betreut. Durch
die Verbindung der Leipziger Spezialbibliothek mit
der Pädagogischen Zentralbibliothek in Berlin stan-
den – neben der guten fachlichen Anleitung – auch
finanzielle Mittel zur Verfügung, die eine nahezu
lückenlose Erwerbung von Fachliteratur auch aus
dem westlichen Ausland ermöglichten. Außerdem
sandten Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach
wie vor Sonderdrucke ihrer Veröffentlichungen nach
Leipzig, und viele Verlage und Institutionen stellten
in dankenswerter Weise kostenlos Bücher und Zeit-
schriften zur Verfügung.
Nach der Wende im Jahre 1989 war der Fortbestand
der Bibliothek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen
zunächst nicht gesichert. Doch ab Januar 1991
BIBLIOTHEK
HÖR- UND
SPRACHGESCHÄDIGTENWESEN
LEIPZIG
ANSCHRIFT:
Sächsische Landesschule für Hörgeschädigte Leipzig
Förderzentrum Samuel Heinicke
Bibliothek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen,
Karl-Siegismund-Straße
2
04317 Leipzig
Telefon: 0341 / 2 69 04 23
Telefax: 0341 / 2 69 04 66
E-Mail:
hsw@shs.smk.sachsen.de
ANSPRECHPARTNER:
Reinhard Müller (ehrenamtl. Leiter der Bibliothek)
Diana Preller (Dipl.-Bibliothekarin)
Lieselotte Junge (Dipl.-Bibliothekarin)
ÖFFNUNGSZEITEN:
Montag bis Freitag
9 Uhr – 12 Uhr
Montag, Mittwoch, Donnerstag
13 Uhr – 16 Uhr
Dienstag
13 Uhr – 17 Uhr

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52 // BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen [2O11] Nr. 1
Schutz der kostbaren Schriften ist vorgesehen. Um
die ältesten Schätze der Bibliothek entleihen zu kön-
nen, wurden Kopien angefertigt, die allen interes-
sierten Leserinnen und Lesern zur Verfügung stehen.
• Die Handschriftensammlung beinhaltet etwa
1.300 Einzelstücke, darunter Briefe bedeutender
Fachpersönlichkeiten, handgeschriebene Abhand-
lungen zur Methodik, selbstgefertigte Lehrbücher,
Unterrichtsvorbereitungen, Urkunden zur Fachge-
schichte und Dokumente zu Einzelpersönlichkeiten.
• Die Kunstsammlung mit Werken gehörloser
Künstler der Vergangenheit und Gegenwart. Nach
der Rekonstruktion der Bibliothek kann in deren
hellen freundlichen Räumen ständig eine Vielzahl
von Gemälden gehörloser Künstler präsentiert
werden.
Zur Zeit sind in einer Ausstellung mehr als 300
kunstvolle Postkarten mit Landschaftsmotiven des
gehörlosen Malers Erwin Spindler (1860 –1926) zu
besichtigen.
• Die Sammlung schöngeistiger Literatur enthält
Bücher, die von Hörbehinderten bzw. Sprach be -
hinderten selbst verfasst wurden und literarische
Werke hörender Schriftsteller, in denen hör- und
sprachgeschädigte Menschen als handelnde Perso-
nen auftreten.
Die Bibliothek Hör- und Sprachgeschädigtenwesen
ist eine öffentliche Bibliothek. Sie wird vorwiegend
von den Lehrerinnen und Lehrern sowie den Erzie-
herinnen der Sächsischen Landesschule für Hörge-
schädigte genutzt. Selbstverständlich gehören auch
Studentinnen und Studenten der Leipziger Hoch-
schulen zum Kreis der Leserinnen und Leser. Aber
auch auswärtige Nutzer aus dem In- und Ausland
(Hochschullehrer, Historiker, Eltern hörbehinderter
Kinder) wissen das umfangreiche Angebot an Fach-
literatur dieser im deutschsprachigen Raum einmali-
gen und umfangreichsten Sammelstätte des Fach -
gebietes zu schätzen und finden
in den Räumen der Bibliothek
optimale Arbeitsbedingungen. Es
besteht auch die Möglichkeit, Lite-
ratur über die nationale und inter-
nationale Fernleihe auszuleihen.
wurde
die Leipziger Bibliothek zusammen mit der
Berliner Bibliothek im damaligen Haus des Lehrers
vom
Deutschen Institut für Internationale Pädago-
gische Forschung in Frankfurt am Main übernom-
men.
Somit war gewährleistet, dass die umfangrei-
che Sammlung an Fachliteratur im wiedervereinten
Deutschland von Wissenschaftlern und Praktikern,
die sich der Förderung und Bildung Hör- und
Sprachgeschädigter widmen, aus der gesamten Bun-
desrepublik
genutzt werden konnte.
Nach Jahren fruchtbarer Zusammenarbeit mit der
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in
Berlin unter dem gemeinsamen Dach des Deutschen
Institutes für Internationale Pädagogische For-
schung in Frankfurt am Main passte das Profil der
Spezialbibliothek nicht mehr in das Forschungskon-
zept dieses Institutes und es musste ein neuer Träger
gefunden werden.
Anfang des Jahres 2003 wurde die Sächsische Lan-
desschule für Hörgeschädigte Leipzig zum Förder-
zentrum erklärt und die Bibliothek fest in diese
Bildungsstätte integriert. Nach den abgeschlossenen
umfangreichen Renovierungsmaßnahmen der Sa -
muel-Heinicke-Schule steht die Bibliothek seit dem
14. Mai 2003 ihren Leserinnen und Lesern in hellen
freundlichen Räumen wieder zur Verfügung. Erst-
malig wurde auch eine Bibliothekarin fest angestellt,
da der öffentliche Bibliotheksbetrieb von den Lehre-
rinnen und Lehrern der Schule in ehrenamtlicher
Tätigkeit nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Eine weitere Bibliothekarin ist damit be schäftigt,
den gesamten Bibliotheksbestand in den Online-
Katalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbun-
des
(www.bsz-bw.de)
zu stellen, so dass auch für aus-
wärtige Leserinnen und Leser die Möglichkeit
besteht, im Internet nach Literatur aus der
Spezialbibliothek zu suchen.
Sammelgebiete der Bibliothek
In der Bibliothek Hör- und Sprachgeschädigtenwe-
sen wird Literatur aus folgenden Wissenschafts -
bereichen gesammelt:
Akustik, Audiologie, Audiometrie, Gehörlosenkul-
tur, Genetik, Geschichte der Hörgeschädigtenpäd-
agogik, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Hörgeräte-
akustik, Hörgeschädigtenpädagogik, Integration der
Hör- und Sprachgeschädigten, Logopädie, Pädau-
diologie, Phonetik, Phoniatrie, Psychologie, Reha-
bilitation der Hör- und Sprachgeschädigten und
Sprachgeschädigtenpädagogik.
Die Bibliothek bezieht regelmäßig nahezu 50 Fach-
und Verbandszeitschriften aus dem In- und Ausland.
Außerdem gehören zur Bibliothek noch eine Reihe
von nennenswerten Sondersammlungen:
• Die ältesten und wertvollsten Bestände der Biblio-
thek werden besonders geschützt und gepflegt. Die
Landesstelle für Bestandserhaltung in Dresden hat
unter anderem für die aufwändige Restaurierung
beschädigter Einbände finanzielle Mittel zur Verfü-
gung gestellt. Die Anfertigung von Kassetten zum
REINHARD
MÜLLER
Ausstellung
„Ansichtskarten um 1900“
des
gehörlosen Malers
Erwin
Spindler (1860 – 1926).