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Eckhard Meyer
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Landwirtschaft/Tierhaltung, Tierfütterung
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Redaktionsschluss:
21.03.2018
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„Wie sieht der Stall der Zukunft aus?“
Zusammenfassung des Baulehrschaufachtages zur
Schweinehaltung
„Bauen ist eine Investition in die Zukunft und die heutigen Stallanlagen sind das Endprodukt
einer Entwicklung, bei der neben den biologischen Leistungen der Tiere vor allem die Ar-
beitsproduktivität der Menschen im Vordergrund gestanden haben. Dabei wurde sträflich
versäumt, die Gesellschaft auf dem Weg des technischen Fortschrittes mitzunehmen. Heute
stehen vor allem die großen Betriebe mit Schweinehaltung nach öffentlicher Wahrnehmung
für eine Erzeugung, in die viele Elemente der industriellen Produktion übernommen wurden
und geraten so gleichzeitig in den Verdacht, einen nicht angemessenen Tierschutz zu prakti-
zieren. Um zukünftig nachhaltig produzieren zu können, muss sich deshalb auch das Thema
„Tierwohl“ in der Bau- und Haltungspraxis der Betriebe wiederfinden. Mit diesen einleitenden
Worten wurde der diesjährige Baulehrschaufachtag für die Schweinehaltung eröffnet. Der
Einladung des LfULG und der Bauförderung für Landwirtschaft (BFL) waren 110 Interessierte
aus der praktischen Tierhaltung, der Beratung und der Ausrüstungsindustrie sowie den Be-
hörden am 07.03.2018 trotz widriger Witterungsverhältnisse nach Köllitsch gefolgt.
Wie aber sind Haltungssysteme zu gestalten, dass diese tierfreundlich, umweltgerecht, kli-
maschonend und verbraucherorientiert sowie wettbewerbsfähig werden? Zunächst erlaubte
Anita Hoofs vom niederländischen Versuchszentrum Sterksel einen Blick über den deut-
schen Tellerrand hinaus. In den Niederlanden ist die Tierschutzdiskussion um die Schweine-
haltung noch vor der Diskussion in Deutschland losgegangen. So wurde in Holland bereits
vor fünf Jahren von der dortigen Tierschutzorganisation „Dierenbescherming“ (=Tierschutz)
ein Tierwohl-Label mit dem Namen „Beter Leven“ (= besseres Leben) für die Schweine- und
Hähnchenfleischproduktion sowie die Legehennen-Haltung ins Leben gerufen. In drei Abstu-
fungen (1-3 Sterne) wird das Label vergeben, wenn in der Haltung der Tiere erhöhte Anfor-
derungen in Sachen Tierwohl erfüllt werden. Dabei ist das System hinsichtlich der Anforde-
rungen nicht statisch, sondern dynamisch. So steht ein Stern mittlerweile für die Haltungsbe-
dingungen in den Standardbetrieben, die die gestiegenen gesetzlichen Grundanforderungen
einhalten. Drei Sterne stehen für eine Haltung der Schweine nach Ökostandards. In Holland
wird eine Gruppenhaltung der Sauen bereits 4 Tage nach der Besamung vorgeschrieben, ab
2025 sollen dafür auch keine Selbstfangbuchten mehr vorgesehen werden. Vergleichbar ist
das „Beter Leven“-Label im Grundsatz mit dem in Deutschland vor drei Jahren gestarteten
Label „Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes. Während dieses Label in
Deutschland jedoch kaum bis gar nicht bekannt ist, erfreut sich „Beter Leven“ in den Nieder-

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landen sehr großer Bekanntheit und Akzeptanz beim Verbraucher. Mittlerweile erreicht das
Label ca. 90 % des niederländischen Lebensmitteleinzelhandels, der sich auf freiwilliger
Basis dazu verpflichtet, ab Januar diesen Jahres bei Schweinefleisch ausschließlich Produk-
te mit dem „Beter Leven“-Label in seinen Läden anzubieten (1-Stern-Stufe).
Mit dem Ziel der weiteren Verbesserung der Haltungsbedingungen wird in Sterksel intensiv
zum Thema Hitzestress geforscht. Dieser ist in hohem Maße leistungsrelevant. So führt eine
um 1°C über dem thermoneutralen Bereich von 18,7 °C erhöhte Stalltemperatur zu einer
Absenkung der Futteraufnahme der Sauen um 170 g (2,4%). Die Wohlfühltemperatur kann
vom Tierhalter am einfachsten über die Atemfrequenz der Sauen eingeschätzt werden. Nach
den Beobachtungen in Sterksel machen gesunde Sauen, die bei optimaler Stalltemperatur
gehalten werden, nur 13- 18 Atemzüge pro Minute, 20 Wochen alte Mastschweine atmen in
einer Minute 30- bis 40-mal. Die Haltung der ferkelführenden Sauen in Bewegungsbuchten
wird von den holländischen Praktikern grundsätzlich positiv gesehen. In den Bewegungs-
buchten sind die Sauen ruhiger und die Absetzgewichte sind, allerdings bei höheren Ferkel-
verlusten, um bis zu 0,5 kg höher. Dafür können höhere Futteraufnahmen der sich bewe-
genden Sauen aber auch die Ferkelverluste verantwortlich sein. Nach Köllitscher Erfahrun-
gen gehen eher die schwachen Ferkel in den Bewegungsbuchten verloren und steigern so
die durchschnittlichen Absetzgewichte. Diese sind ansonsten bislang nicht besser als in den
Standardbuchten. Daneben werden auch Gruppenhaltungssysteme nach Biostandard (3
Sterne) für 5 Sauen pro Gruppe im Abferkelbereich diskutiert bei denen die Tiere während
langer Säugezeiten (9 Wochen) bereits wieder besamt werden. In dieser Zeit kommt es zu
einer schonenden Entwöhnung (Absetzen) indem die Sauen zeitweise den Aufenthaltsbe-
reich der Ferkel verlassen. Beim Gewöhnen der Ferkel an feste Nahrung setzen die Hollän-
der zukünftig verstärkt auf den Anlerneffekt durch die Sauen. Dazu sind aber nicht nur ent-
sprechende Fütterungssysteme mit Bodenfütterung und zum Teil zweifelhafter Hygiene und
Futterausstattung, sondern auch sehr mütterliche Tiere erforderlich. Nach praktischen Be-
obachtungen von Frau Hoofs füttern 20% der Sauen aktiv ihre Ferkel auch mit ihrem Sauen-
futter. Das kann erhebliche positive Effekte verursachen, denn 40% der Ferkel haben zum
Zeitpunkt des Absetzens noch keinen Kontakt mit festem Futter gehabt. Sie wiegen deshalb
am Ende der Aufzucht etwa 2 kg weniger als ihre Zeitgefährten, die beim Absetzen bereits
fressen können (22 kg
vs.
23,8 kg). Deshalb ist es für die Ferkel zunächst wichtig zu lernen,
Futter- und Wasseraufnahme zu trennen. Tränken und Tröge, die Sauen und Ferkel gemein-
sam benutzen (Prinzip Mutter/Kind Tränke) können, sowie die Verwendung von Futterauto-
maten gleicher Bauart in der Säugezeit und Ferkelaufzucht erleichtern diesen Lernprozess.
Mit dem Ziel, in Ferkelaufzucht- oder Mastbuchten das Platzangebot vergleichsweise preis-
wert zu erhöhen und einen ca. 2°C wärmeren Liegeplatz mit geschlossenem Fußboden zu
generieren, werden sogenannte Ferkelbalkone untersucht. Diese verbessern die Struktur der
Bucht, bieten Rückzugsmöglichkeiten und werden, anders als in Deutschland, auf die Netto-
buchtenfläche angerechnet. Etwa 95% der Ferkel nehmen die 2. Ebene an. Nach belgischen
Untersuchungen kann dadurch das Risiko für Schwanzbeißen reduziert werden. Für die Zu-
kunft rät Anita Hoofs den deutschen Landwirten das Zepter des Handelns in der Hand zu
behalten und selber zu bestimmen, was Tierwohl in den deutschen Ställen bedeuten kann.

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Entscheidend ist es zukünftig, ein Produkt mit einem „emotionalen Geschmack“ und Mehr-
wert zu erzeugen und unter einer Marke aktiv zu vermarkten.
Eine bessere Kommunikation dessen, was die deutschen Schweinehalter bereits Gutes tun,
ist heute wichtiger denn je. So ist nach Ansicht des
LfULG
die Bewertung der „wahren“ Tier-
wohlrelevanz geforderter Maßnahmen eine große Herausforderung. Nicht alles was disku-
tiert wird, ist sinnvoll, genauso wenig wie alles was sinnvoll wäre diskutiert und verbessert
wird. Bei der Entwicklung neuer Stallkonzepte muss zukünftig alles den Ansprüchen an eine
Haltung von unkupierten oder unkastrierten Ferkeln und Mastschweinen gerecht werden.
Aufgrund des zunehmenden Spezialaufwandes in vergleichsweise engen Zeitfenstern (2.
Hälfte Ferkelaufzucht, 2. Hälfte Ebermast) bietet es sich an, die klassischen Haltungsphasen
neu zu definieren. Nach einer ersten Aufzuchtphase (14 Tage) sollte eine kombinierte Fer-
kelaufzucht -und Anfangsmast einer verkürzten Endmast vorgeschaltet werden. Das gilt be-
sonders unter dem Aspekt der zunehmend geforderten Schaffung von Außenklimareizen.
Denn dafür müssen warme und kalte Stallbereiche miteinander kombiniert werden, was ins-
besondere im Sommer nur funktionieren kann, wenn der warme Liegebereich immer optimal
groß, temperiert und nicht zu hell ist. Die klassischen Warmställe sind nach konventioneller
Bauart für die Wintersituation und deren Wärmeverluste optimiert. Nicht erst mit zunehmen-
der Klimaerwärmung und den hohen Zunahmen (>900 g) kommen diese im Sommer an ihre
Grenzen. Zukünftig ist über bauliche Maßnahmen (Masse möglichst hoch, Dämmung min-
destens 0,5 W/m² K, optimal verteilte Fensterflächen, vergleichsweise hohe Abteile, Prinzip:
Dach= Decke) darauf zu achten, dass der Wärmeeintrag möglichst gering ist. Gleichzeitig
sollte schon beim Bau eine Möglichkeit der Zuluft Konditionierung (aktiv, passiv über Erd-
wärmetauscher, Erdwärmespeicher, Grundwasserkühler, Schotterkühler) vorgesehen wer-
den. Gleichwohl muss auch der Wärmeaustrag (Hochdruckverneblung, weiter entwickelte
Adsorptionskältetechnik) möglichst effizient sein. Erst dann kann effektiv über die vom Tier-
schutz und investiver Förderung favorisierten Komfortliegeflächen nachgedacht werden. Die-
se bedeuten Liegekomfort, wenn sie Bestandteil eines funktionierenden Haltungssystems
sind. Eine Komfortliegefläche unterstützt die Thermoregulierung der Mastschweine gegen zu
niedrige oder zu hohe Fußbodentemperaturen (bspw. Einsatz von Metall). Versuche haben
gezeigt, dass die Schweine den Temperaturkomfort viel höher bewerten als den Liegekom-
fort. Um die Annahme der Komfortliegeflächen zu erhöhen, ist ein strukturierter Buchtenauf-
bau (z. B. Erhöhung der Liegefläche, Einbau von Liegekojen) förderlich. Die flächige Verle-
gung von Fußbodenelementen mit unterschiedlichem Schlitzanteil hat in der Vergangenheit
nicht funktioniert, weil die Schweine die damit verbundenen geringen Unterschiede in der
Oberflächentemperatur nicht wahrnehmen können. Erst bei optimalen Temperaturen der
einzelnen Spaltenbodenelemente wählen die Schweine Fußbodenelemente mit geringem
oder optimal verteiltem Schlitzanteil und auch verformbare Oberflächenmaterialien aus.

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Abbildung:
Akzeptanz von Fußbodenelementen unterschiedlicher Bauart
in der Schweinemast
In Zukunft ist insbesondere für die Ebermast (Aufreiten, Skatol, Sauberkeit) aber auch für die
Gruppenhaltung tragender Sauen eine Verbesserung der Spaltenbodenqualität (Schlitzaus-
formung, Oberflächeneigenschaften, Drainierfähigkeit) erforderlich. Klauenverletzungen sind
eine 100%-ige Quittung aus der Gruppenhaltung. Das Risiko steigt mit zunehmender Bewe-
gungsaktivität und Gewicht der Tiere vor allem durch unerfahrene Dreh- oder Rückwärtsbe-
wegungen von dominant großen oder untergeordneten Tieren auf neuem oder schlecht ver-
legtem Spaltenboden. Um diese zu verringern, sollten die Erfahrungen aus 17 Jahren Grup-
penhaltung beachtet werden. Dazu gehören unter anderem folgende Aspekte: Gruppenhal-
tung erfordert ein von der Gruppengröße und dem Verfahren abhängiges Platzangebot. Das
ist in der Regel mehr als gesetzlich vorgeschrieben (2,5 - 3 m² pro Sau), wichtig sind auch 5
- 10 % Reserveplätze. Als Gangbreiten der Doppelreiher sollten mindestens 2,80 m besser
3 m vorgesehen werden, damit sich die Tiere aus dem Weg gehen können. Der Buchtenauf-
bau muss die möglichen Folgen der Kämpfe mildern. Dazu gehören klauenfreundliche (17 -
18 mm Schlitzweite) Fußböden, die genau und optimal verlegt sind und auf professionell
betonierten Kanalwänden aufliegen. Kojen sollten nur max. 2 m tief sein und keine Sackgas-
sen bilden. Die Haltungsgruppen sollten klein (max. 20 – 25 Tiere) oder groß (> 50 Tiere)
sein. Jungsauen und Sauen im ersten Wurf sollten so lange wie möglich getrennt von den
Altsauen gehalten halten werden. Fütterung und Wasserversorgung müssen das Manage-
mentziel „trockene Fußböden“ unterstützen. Damit wird eine Prophylaxe gegen Ausrutschen
oder Infektionen realisiert. Große, dynamische Gruppen können besser funktionieren als
kleine, statische. Bei der Haltung von Ferkeln und Mastschweinen sollten die Gruppen so
groß sein, dass sie die Aufnahme von zwei Wurfgeschwister Gruppen ermöglichen. Hal-
0
0,1
0,2
0,3
0,4
0,5
0,6
Beton: Schlitzlänge
reduziert, Schlitzanzahl
konst. (10,1%)
Beton: Schlitzanzahl
reduziert, Schlitzlänge
konst. (8,4 %)
KS: Schlitzanzahl
reduziert, 10,4%
Vollbeton, (0%)
Schweine/Element

5
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tungsgruppen dieser Größe lassen sich intensiv beobachten. Die möglichen Folgen von
Fehlverhalten sind vertretbar und auch Funktionsbereiche lassen sich einrichten. Um organi-
sches Beschäftigungsmaterial einzusetzen, dass nicht nur kaubar sondern auch von ernäh-
rungsphysiologischen Nutzen ist, wird im Stall der Zukunft eine zweite Futterstrecke einge-
richtet. Die vorliegenden Versuche haben gezeigt, dass mithilfe von Beschäftigungsfutter
(pelletierte rohfaserreiche Ergänzungsfuttermittel, Wühlerde) eine nachhaltige Beschäftigung
und eine die Gesundheit von Aufzuchtferkeln verbessernde Faserversorgung möglich sind.
Die Diskussion um die käfigähnlichen Strukturen wird zu einer Neureglung der Kastenstand-
haltung im Besamungs- und Abferkelbereich führen. Die nach dem Magdeburger Urteil er-
forderliche Beinfreiheit der Sauen in Kastenstandhaltung ist in Köllitsch in unterschiedlich
vorzüglichen Varianten (s.u.) umgesetzt worden. Perspektivisch wird die Neureglung aber
eine Gruppenhaltung im Deckbereich fordern. Eine Besamung im Gruppenhaltungsbereich
ist ebenfalls möglich, der erforderliche Spezialaufwand dafür ist aber zu hoch. Um die An-
sprüche von Sauen, Ferkeln und Tierbetreuern (Landwirten) miteinander zu verbinden, sind
die Bewegungsbuchten im Abferkelbereich ein vertretbarer Kompromiss. Hierbei kommt es
nach den eigenen Auswertungen darauf an, dass das Verhältnis vom Aktionsbereich der
Sauen zu den Fluchträumen der Ferkel stimmt. Diese müssen im gesamten Buchtenbereich
(rings herum) und nicht nur abschnittsweise gegeben sein. Eher schmale Buchten, die die
Sauen dazu bringen, sich auf den dafür vorgesehenen Fußbodenabschnitten abzulegen und
von den für Erdrückung gefährlichen Rollbewegungen abzubringen, führen zu akzeptablen
Aufzuchtergebnissen auf dem Niveau von guten Standardbuchten. Freilaufbuchten ohne
Ferkelschutzkorb sind wegen der höheren Ferkelverluste nicht tiergerecht. Oft kann auch
eine dringend notwendige Geburtshilfe nicht geleistet werden. Im Bereich der Fußbodenge-
staltung bei den Bewegungsbuchten ist noch der größte Entwicklungsbedarf.
Die Frage: „Wie sieht der Stall der Zukunft aus Sicht der Haltungstechnik für Tier und Umwelt
aus?“ beantwortete im ersten Vortrag des Nachmittags
Wilfried Brede
vom Service Team
Alsfeld aus der Sicht eines erfahrenen Stallplaners. Dazu gilt es zukünftig vor allem Zielkon-
flikte zwischen dem gesellschaftlichen geforderten Tierschutz (Vollspaltenböden, zu geringes
Platzangebot, Kastenstände, Antibiotikaeinsatz, Kastration ohne Betäubung usw.) und dem
Umweltschutz (Emissionen und Nährstofffrachten) aufzulösen und Kompromisse zu finden,
mit denen auch die Praktiker noch Geld verdienen können. Das über lange Jahre bewährte
Prinzip „Kiss=
k
eep
i
t
s
mall and
s
imple“ und individuelle Lösungen für individuelle Betreiber
können heute nicht mehr an der ersten Stelle stehen. Viel mehr muss vorab die Frage be-
antwortet werden, für wen will der Betrieb eine geforderte Produktqualität erzeugen und da-
bei eine entsprechende Prozessqualität einhalten? Darauf aufbauend müssen zunächst die
Auswirkungen auf den Betrieb abgeschätzt und ein individuelles Betriebskonzept entwickelt
werden. Die Stallplanung muss einschätzen, was auf die Betriebe zukommt (Veränderungen
im Deckzentrum, Bewegung in der Abferkelbucht, mehr Fläche in allen Ställen, Struktur in
den Buchten, Verbot kurativer Eingriffe). Dabei gilt mehr denn je das Ziel, flexibel bei der
Umsetzung zu bleiben und „zu bauen aber nicht zu verbauen“. Das gilt heute insbesondere
bei der Funktionalität von Entmistungssystemen und dem Einsatz von organischem Beschäf-
tigungsmaterial. Die geforderten Verfahrensänderungen erfordern auch Veränderungen im
Management, denen Betriebsleiter und Mitarbeiter gewachsen sein müssen.

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6
Bearbeiter:
Eckhard Meyer
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Ein wichtiger Aspekt sind die sich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen, die einen
großen Einschnitt im Besamungsbereich gebracht haben oder noch bringen werden. Der
geforderte zeitige Beginn der Gruppenhaltung eine Woche nach der Besamung kann die
Befruchtungsergebnisse, gemessen an den Abferkelraten in US-amerikanischen Studien,
nur verschlechtern. Die Gruppenbildung muss deshalb unmittelbar nach der Besamung oder
erst nach dem Abschluss der Implantation der Embryonen (nach dem 21. Trächtigkeitstag)
stattfinden. Problematischer als die Umsetzung der Vorgaben im Neubaubereich ist der Um-
bau der Altbauten, weil hier das höhere, für die Gruppenhaltung erforderliche Platzangebot
meist nicht vorhanden ist. Gleichwohl gilt es in vielen Betrieben das Magdeburger Urteil um-
zusetzen. Aber auch hier spielt der verfügbare Platz eine Rolle, wie die folgende Abbildung
eines Entscheidungsschemas möglicher Alternativen für den Umbau zeigt.
Abbildung 1:
Entscheidungsbaum für die Planung des veränderten Belegstalles
© Wilfried Brede
07.03.2018
10
Ist Situation:
Kastenstände (65/70er) mit Einzelhaltung bis 28. Trächtigkeitstag
ausreichend Platz
1,60 m bei einer Einzelreihe
2,00 m bei einer Doppelreihe
Kurzzeitige Fixierung
während der Rausche
kein Umbau nötig,
eventuell
Selbstfangbesamungsstände
kein Platz
hinter den Ständen
Verbreiterung der
Stände auf Stockmaß
der Sau
Einziehen von
Zwischengittern
Kastenstände (ca. 30 cm Abstand)
benachbarte Bucht bleibt leer
(
jede 2. Bucht leer
)
Sauenzahl bleibt bestehen
Management ändert sich teils erheblich
Sauenzahl reduziert sich
Eventuell anbauen
System Einzelhaltung
System Gruppenhaltung
kein Platz
Keine Einzelhaltung
,
Besamen in der Gruppe
Einbau von Einzelbuchten
Fragen:
o
Standgröße des Besamungsstand
o
Dauer der Fixierung
Fragen:
o
Dauer der Einzelhaltung
o
Standgröße bei Buchten
Entscheidungsbaum für die Planung des veränderten Belegstalles
Abbildung 1:
Entscheidungsbaum für die Planung des veränderten Belegstalles
Auch der höhere Platzanspruch im Bereich der Mastschweinehaltung führt nach Berechnun-
gen von Wilfried Brede zu höheren Produktionskosten. So erhöht die Steigerung des Platz-
angebotes um 10% (0,82 m²) die Kosten noch moderat um 2 Cent je erzeugtes kg Schwei-
nefleisch, die Vergrößerung um 40% (1,05 m²) erhöht die Kosten um 9 Cent je kg gegenüber
dem gesetzlich vorgeschriebenen Platzangebot. Dabei sind auch in konventionellen Ställen
Verbesserungen der Buchtenstrukturen möglich, indem zum Beispiel Fütterungseinrichtun-
gen oder Tränken mit einem kurzen Stück Buchtentrennwand verbunden werden. Das aller-

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dings setzt ausreichende Gruppengrößen von mindestens 20 Schweinen je Bucht voraus.
Ausläufe schaffen Klimareize, können funktionssicher geplant werden und sind tiergerecht,
müssen aber als Kaltställe oder als kombinierte Warm/Kaltställe betrieben werden. Nicht erst
durch den Einsatz von Raufutter erfahren Schiebersysteme bei der Entmistung eine Renais-
sance. Bislang werden Edelstahlschieber als Unterflurlösung favorisiert. Das führt zu weniger
Problemen bei einem intensiven Einsatz von Beschäftigungsmaterial und weniger Emissio-
nen im Stall. Wird Kot und Harn getrennt, sollen weniger Ammoniak Emissionen im Stall ent-
stehen. Dafür entscheidend ist, dass die Schieberanlagen in den eher flachen Kanälen
mehrmals täglich laufen. Bei allen Umsetzungsvarianten geht es aber nicht nur um erhöhte
Produktionskosten, sondern auch um entgangenen Gewinn. Sofern aber das beschriebene
Konzept stimmt, können die höheren Kosten auch wieder eingefahren werden. Denn ein
Stall, der funktioniert, darf auch etwas kosten.
Die Frage, wie zukunftsfähige Fütterungstechnik aussieht, versuchte
Christian Meyer
vom
Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp im abschließenden Vortrag des Tages zu beantwor-
ten. Diese muss unter dem Eindruck zunehmend großer Würfe und einer damit nicht einher-
gehenden Entwicklung von Zitzen Veranlagungen der Sauen (mindestens 2* 7, besser 2*8
oder 9) bereits in der Abferkelbucht beginnen. In der Praxis übersteigt mittlerweile die Anzahl
der lebend geborenen Ferkel oft die der verfügbaren Zitzen. Entscheidend ist dabei jedoch,
dass die von den Sauen erzeugte Milchmenge begrenzt ist. Ferkel, deren Nährstoffansprü-
che die Milchleistung der Sau übertreffen, bekommen heute mit Hilfe moderner Technik ab
dem zweiten oder dritten Lebenstag Beifutter. Die Technik kann helfen, dass die Ferkel mög-
lichst in ihrer Abferkelbucht und im Optimalfall sogar in ihrem Geburtswurf bleiben können.
Die angebotenen vollautomatischen Systeme (Milchtassen, Sensorfütterung) sind in der La-
ge, die heutigen Anforderungen am sichersten und mit dem geringsten Arbeitsaufwand zu
erfüllen. Dabei verursachen sie allerdings vergleichsweise hohe Kosten, vor allem, wenn die
Technik nur im Zusammenhang mit bestimmten Futtermitteln funktioniert. Dazu besteht die
Gefahr, dass in Bereichen, in denen vollautomatisch gefüttert wird, die Tiere weniger beo-
bachtet werden. In Futterkamp gibt es neben diesen Systemen nach wie vor umgebaute Ab-
ferkelbuchten mit sogenannten technischen Ammen, die in der Regel untergewichtige Ferkel,
die noch nicht abgesetzt werden können, aufnehmen. Um die Futteraufnahme der Sauen zu
maximieren, stehen im Abferkelbereich neben den klassischen Systemen der Flüssig- und
Trockenfütterung (Volumendosierer) elektronische oder von den Tieren selbst gesteuerte
Systeme (ad libitum Fütterung) zur Verfügung, die die Futtermenge auf mehrere Mahlzeiten
verteilen. Als Entwicklungstendenzen im Abferkelbereich sieht der Berater Christian Meyer,
ähnlich wie Anita Hoofs, Verfahren, die eine gemeinsame Fütterung von Sauen und Ferkeln
möglich machen. Dieses Prinzip besteht im Bereich der Tränke Technik (Mutter-Kind Tränke)
schon seit vielen Jahren. In der Gruppenhaltung haben sich deutschlandweit Verfahren
durchgesetzt, die die Sauen entweder nur bei der Futteraufnahme (Abrufstationen) oder bei
der Futteraufnahme und beim Abliegen (Selbstfangbuchten) abschirmen. Aufgrund der Kas-
tenstand Diskussion werden nach Einschätzung von Christian Meyer Fütterungssysteme auf
der Basis von Selbstfangbuchten an Bedeutung verlieren, dagegen bekommen die Abrufsta-
tionen aus demselben Grund weiteren Auftrieb. Wichtig erscheint heute, dass die Fütte-
rungssysteme vor allem den tragenden Sauen eine Raufutter Gabe ermöglichen. Dazu sind

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aber Entmistungssysteme erforderlich, die ausgetragenes Futter verkraften. Im Bereich der
Fütterung von Ferkeln und Mastschweinen wird in Futterkamp großer Wert auf die Möglich-
keit des Trinkens aus der offenen Fläche gelegt. Dazu sind die von den Futterschalen kon-
struktiv getrennten Wasserschalen der modernen Breiautomaten nicht geeignet. Als die zur-
zeit beste Alternative erscheint auch nach der Erfahrung westfälischer Erzeugerringe die
Installation einer offenen Tränke mitten in der Bucht. Diese sollte zur Strukturierung der
Bucht beitragen und auf dem Spaltenboden fest installiert sein und nicht pendelnd von der
Decke herab hängen. Bei der Fütterung von Aufzuchtferkeln sowie von Mastschweinen er-
lebt der einfache Trockenfutterautomat in Schleswig Holstein eine Renaissance. Unter dem
Eindruck gesteigerter Futteraufnahme Kapazitäten moderner Genotypen ist auch nach neu-
en Köllitscher Auswertungen selbst in der Ferkelaufzucht nur noch ein geringer Leistungsab-
stand (<10 g/Ferkel/Tag) zu den Rohrbreiautomaten moderner Bauart festzustellen. Dafür
bieten die Trockenfutterautomaten mehr Fressplätze und haben sogar im Hinblick auf die
Prophylaxe von Verhaltensstörungen nachweislich Vorteile. Trockenfütterungssysteme, bei
denen jedes Schwein einen Fressplatz hat, könnten weitere Vorteile auch für die eher sen-
sible Ebermast erschließen. Diese sind aber momentan nur bei wenigen Herstellern im Pro-
gramm. Als Standard für die klassischen Rohrbreiautomaten wünscht sich Christian Meyer,
dass die Futterschale aus dem Automaten entnommen werden, leicht auszuhebeln ist und
der Behälter zur Reinigung in einer Halterung gekippt werden kann. Dazu sollten die Auto-
maten freitragend und damit leicht mit dem Hochdruckreiniger zu unterwaschen sein. Die
Trogschale sollte eine Reinigungsklappe mit einem Wasserablauf besitzen und keine Ecken
haben, die eine Reinigung verhindern.
Für den Stall der Zukunft sollte auch die Fütterungstechnik Management Unterstützung leis-
ten, um so den Anteil vermarkungsfähiger Schweine zu erhöhen (>95%). Nur mit diesem
Anteil kann der Schweinehalter auch Geld verdienen. Dabei kann die Technik das geschulte
Auge unterstützen, ersetzen kann sie es nicht.
Schlussfolgerungen
Im Rahmen der Veranstaltung wurde erfolgreich das Profil für den Stall der Zukunft ge-
schärft. Dazu werden dringend neue bauliche und technische Lösungen benötigt. Es besteht
aber auch die feste Zuversicht der Fachleute, dass diese gefunden werden. Bei allen techni-
schen und organisatorischen Möglichkeiten der Entwicklung einer verbesserten Prozessqua-
lität muss vor der Entscheidung für den Stallbau die Frage beantwortet werden, für welchen
Markt und für welchen Verbraucher soll ein Produkt mit den zu definierenden Eigenschaften
entstehen? Dazu gilt es, objektive und subjektive Tierwohlkriterien zu trennen, wohlwissend
dass zukünftig auch eine emotional vermittelte Prozessqualität zählt. Die Erfahrungen aus
den Niederlanden zeigen, dass es sinnvoll ist, ein für den Verbraucher nachvollziehbares,
eher einfaches und einheitliches System zu entwickeln. Es ist dabei wichtig, dass die Erzeu-
ger das Zepter des Handelns in die eigenen Hände nehmen. Ein Ziel der Zukunft ist auch
eine „emotionale Qualität“ der erzeugten Produkte. Zunächst gilt es im Sinne der uns anver-
trauten Tiere zu erkennen, dass die geforderten Maßnahmen zunächst auf ihre objektive
Tierwohlrelevanz hin zu überprüfen sind. Gleichzeitig ist nicht alles, was diskutiert wird, sinn-
voll und nicht alles was sinnvoll ist, wird diskutiert und letztendlich auch verbessert. Tierwohl

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kann nicht auf einzelne Werte (Schlitzweiten, Schlitzanteile) der Haltungsgesetzgebung re-
duziert werden. Gleichwohl kommen auch in den etablierten Haltungssystemen positive,
aber auch negative Faktoren zum Tragen, die stärker beachtet und verbessert werden soll-
ten. Defizite bei konventioneller Ausrüstungstechnik sind z.B. in der Fußbodengestaltung und
Spaltenbodenqualität, in der Beschäftigung aber auch in der sinnvollen Einrichtung von
Funktionsbereichen zu sehen. Gleichzeitig gilt es, Bestandteile der Verfahrenstechnik, die
bereits eine tiergerechte Haltung ermöglichen, stärker herauszustellen und die Vorteile aktiv
zu kommunizieren.
Bei allen dafür notwendigen Entwicklungen ist es entscheidend, dass im Stall der Zukunft
gegenüber dem Stall von heute die biologischen Leistungen nicht schlechter werden und
auch die Arbeitsproduktivität nicht wesentlich leidet.