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Meißner Hochschulschriften
Heft 3

Meißner Hochschulschriften
Heft 3

4 |
Konkordanzdemokratie in Mittel- und Großstädten im Freistaat Sachsen ....... 8
Prof. Dr. Manfred Schleer
Marie-Therese Leschke
1
Einleitung ..................................................................................................................................8
1.1
Forschungstheoretischer Hintergrund ..........................................................................8
1.2
Durchführung der Befragung, Rücklauf und grundlegende Daten ...............16
2
Situation in Sachsen (Ergebnisse der Befragung) .................................................19
2.1
Einschätzung der Stärke des Bürgermeisters ..........................................................19
2.2
Bewertung des parteipolitischen Einflusses auf die jeweilige Stadt .............22
2.3
Parteipolitische Prägung des Oberbürgermeisters ................................................24
2.4
Vorliegen von „Regierungskoalition und Opposition“ .........................................25
2.5
Abstimmungsverhalten ....................................................................................................31
2.6
Partizipation in der „Stadtregierung“ .........................................................................33
2.7
Ort der Entscheidungsfindung ......................................................................................35
3
Zusammenfassung .............................................................................................................38
3.1
Formale Parteipolitisierung .............................................................................................38
3.2
Stärke des Bürgermeisters ..............................................................................................40
3.3
Einfluss der Parteien .......................................................................................................... 41
3.4
Strukturelle Parteipolitisierung .....................................................................................42
3.5
Dresden und Leipzig im Vergleich ................................................................................44
3.6
Kontinuität und Wandel der Vor-Ort-Ausprägung ...............................................46
3.7
Differenzen zwischen den Sichtweisen von Oberbürgermeistern und
Fraktionsvorsitzenden .......................................................................................................46
3.8
Fazit ..........................................................................................................................................47
Literaturverzeichnis ............................................................................................................50
Inhalt

| 5
Der Minderjährige als selbständiger Betreiber eines Erwerbsgeschäfts
(§ 112 BGB) ..............................................................................................................................53
Dr. Heiko Gojowczyk
- Fortsetzung aus Heft 2 -
2
Ermächtigung zum selbständigen Betrieb eines Erwerbsgeschäfts
(§ 112 Abs. 1 BGB) ..............................................................................................................53
2.2
Rechtsfolgen der Ermächtigung nach § 112 Abs. 1 BGB ....................................53
2.2.1
Wirkung der Ermächtigung ............................................................................................53
2.2.2
Reichweite der Ermächtigung .......................................................................................55
2.2.3
Von der Ermächtigung ausgeschlossene Rechtsgeschäfte ...............................57
3
Rücknahme der Ermächtigung (§ 112 Abs. 2 BGB) ...............................................59
3.1
Voraussetzungen .................................................................................................................59
3.1.1
Rücknahme durch den gesetzlichen Vertreter ........................................................59
3.1.2
Genehmigung des Familiengerichts ............................................................................60
3.2
Rechtsfolgen .........................................................................................................................61
4
Zusammenfassung .............................................................................................................61

6 |
Wann ist das Studium an Verwaltungsfachhochschulen ein
„wissenschaftliches“? ..........................................................................................................63
Prof. Dr. Ralf Sowitzki
- Fortsetzung aus Heft 2 -
Vorbemerkungen zum zweiten Teil ..............................................................................63
6
Die Logik im speziellen Wissenschaftsbetrieb .........................................................64
6.1
Systeme und Grundlagen der Logikwissenschaft .................................................64
6.1.1
Ein kurzer Abriss der Logikgeschichte ........................................................................66
6.1.2
Zum Verhältnis von Theorie und Praxis .....................................................................67
6.1.2.1
Bausteine der Wissenschaftssprache: Definitionen, Aussagen und
Hypothesen ............................................................................................................................68
6.1.2.2
Empirische und (rein) formale Theorien ..................................................................... 71
6.1.3
Prämissen der (formalen, symbolischen) Logik ......................................................72
6.1.4
Folgerichtigkeit und Kalkül .............................................................................................72
6.1.5
Die Symbolisierung von Aussagen: Die Wahrheitstafeln ...................................74
6.1.6
Implikation, Replikation und Äquivalenz: Der „wenn …, dann …“-Satz .......81
6.1.6.1
Formalisierung und Interpretation der ersten Bedeutung .................................82
6.1.6.2
Formalisierung und Interpretation der zweiten Bedeutung ..............................84
6.1.6.3
Formalisierung und Interpretation der dritten Bedeutung ................................86
6.1.7
Die logische Folgerung .....................................................................................................90
6.1.8
Schlussformen der Aussagenlogik: Zusammenfassende Beispiele ................92
6.1.8.1
Modus ponens MP ..............................................................................................................92
6.1.8.2
Modus tollens MT ................................................................................................................93
6.1.8.3
Kettenschluss (oder auch „hypothetischer Syllogismus“ genannt) HS .........95
6.1.8.4
Disjunktiver Syllogismus DS ............................................................................................96
6.1.8.5
Konjunktiver Syllogismus KS ..........................................................................................97
6.1.8.6
Konjunktionsbeseitigung KB ...........................................................................................98
6.1.8.7
Konjunktionseinführung KE ............................................................................................99
6.1.8.8
Disjunktionseinführung DE ...........................................................................................100
6.1.8.9
Widerspruchsregel - indirekter Beweis – WR ........................................................101
6.1.8.10 Implikationseinführung IE .............................................................................................102
6.1.8.11
Klassisches Dilemma KD .................................................................................................103
- Artikel wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt -

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| 7
Vorwort Meißner Hochschulschriften
Dr. Frank Nolden
Rektor
Foto: Foto Kahle
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Leserinnen und Leser,
ich wünsche Ihnen ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr 2015.
Wir sind bemüht, die noch jungen Meißner Hochschulschriften in
regelmäßigen Abständen erscheinen und damit zu einer Tradition an
der FHSV werden zu lassen. Es freut uns daher, Ihnen nunmehr die
Ausgabe 3 vorlegen zu können. In ihr finden Sie die Fortsetzung des
Beitrags von Herrn Dr. Heiko Gojowczyk zum Thema „Der Minder-
jährige als selbständiger Betreiber eines Erwerbsgeschäfts“. Gleich-
falls fortgeführt wird der Beitrag von Herrn Prof. Dr. Ralf Sowitzki,
„Wann ist das Studium an Verwaltungsfachhochschulen ein wissen-
schaftliches?“, dem ich auf diesem Wege nochmals ganz herzlich zur
Professorierung gratulieren darf. Der dritte Beitrag dieser Ausgabe
setzt sich mit der „Konkordanzdemokratie in Mittel- und Großstädten
im Freistaat Sachsen“ auseinander. Verfasst wurde er von Frau Marie-
Therese Leschke, einer Absolventin des Fachbereichs Allgemeine Ver-
waltung und deren Diplombetreuer, Herrn Prof. Dr. Manfred Schleer,
dem ich gleichfalls zur Professorierung meine herzlichen Glückwün-
sche aussprechen darf. Ich freue mich besonders darüber, dass es mit
dem letzten Beitrag gelungen ist, auch Studierende unserer Hoch-
schule in die wissenschaftliche Arbeit einzubinden und darf meiner
Hoffnung und Zuversicht Ausdruck verleihen, dass uns dies auch in
der Zukunft gelingen möge.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.
Ihr Frank Nolden
Meißen im Januar 2015

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8 |
1
Einleitung
1.1
Forschungstheoretischer Hintergrund
Innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung wird die Ausprä-
gung der lokalen Demokratie thematisiert. Die Betrachtung erfolgt
dabei aus zwei unterschiedlichen Richtungen:
(a) aus der Differenzierung zwischen
Konkurrenz- und Konkordanz-
demokratie
(Holtkamp 2008 unter Bezugnahme auf Lehmbruch)
und
(b) aus der Differenzierung zwischen
Mehrheits- und Konsensus-
demokratie (Freitag/Fritz/Vatter
2010 unter Bezugnahme auf
Lijphart).
Häufig werden die Begriffe der Konkordanz- und Konsensusdemo-
kratie als Synonyme betrachtet, was aber eine Vereinfachung dar-
stellt (vgl. Freitag/Vatter 2008a: S. 317).
Für die kommunale Ebene wird die Begrifflichkeit aus der Differenzie-
rung von (a) verwendet. Konkordanzdemokratie bedeutet allgemein,
dass „politische Konflikte … über Verhandlungen, Kompromisse und
möglichst breite Übereinstimmung gelöst werden“ (Schubert/Klein
2011: o. S.). Die konkordanzdemokratische Ausprägung wird – auf
gemeindlicher
Ebene – mit zwei Kriterien in Verbindung gebracht:
1
Die diesem Beitrag zugrunde liegenden empirischen Erhebungen basieren
auf der Diplomarbeit der Co-Autorin.
Konkordanzdemokratie in Mittel- und
Großstädten im Freistaat Sachsen
Prof. Dr. Manfred
Schleer
Dozent für Ver-
waltungslehre und
Politikwissenschaft
Marie-Therese
Leschke
1
Absolventin des
Fachbereichs
Allgemeine
Verwaltung

| 9
(1) mit
geringer Parteipolitisierung
2
und
(2) mit
starkem Bürgermeister.
3
Zu (1) – Geringe Parteipolitisierung:
Die Gemeinden weisen eine Doppeleigenschaft auf: Sie sind sowohl eine (bürokratische)
Arbeits
organisation als auch eine
politische
Organisation (vgl. Bogumil 2001: S. 35). Die
Gemeinden als
politische
Organisation schaffen „ein Tätigkeitsfeld für politische Par-
teien, die sich auf dem Weg des Kampfes um Wählerstimmen die Leitung der Gemeinde
aneignen können. Die siegreiche Partei(enkoalition) ist dann in der Lage, Führungs-
positionen in der Gemeinde mit ihren Mitgliedern zu besetzen“ (Schöber 1991: S. 138).
Diese Parteipolitisierung fällt in den Kommunen unterschiedlich stark aus. Sie zeigt
sich jedoch nicht nur in dieser
einen
Ausprägung, dem Anteil von Parteimitgliedern
an Führungspositionen, sondern zur Bestimmung des Ausmaßes der Parteipolitisie-
rung vor Ort werden ergänzend weitere Dimensionen herangezogen (siehe folgende
Übersicht 1). Die formale/personelle Parteipolitisierung wirkt auf die anderen Dimen-
sionen der Parteipolitisierung, so dass sie für diese eine unabhängige Variable darstellt.
Gleichwohl ist sie auch eine abhängige Variable, weil ihre Ausprägung wiederum von
unterschiedlichen Faktoren (= unabhängige Variablen) abhängig ist.
2
An diesem Punkt ist ein deutlicher
Unterschied
zwischen Konsensus- und Konkordanzdemo-
kratie festzumachen: Während die Konkordanzdemokratie mit einem geringen Grad der Partei-
politisierung zusammenhängt, wird die Konsensusdemokratie mit einem „Elitekartell mit starken
Parteiorganisationen und Ämterproporz“ in Verbindung gebracht (Freitag/Vatter 2008: S. 22).
Der Proporzgedanke spielt jedoch auch in der kommunalen Ebene eine Rolle: Weist eine Kom-
mune mehrere Beigeordnete auf und entspricht die Verteilung ihrer Parteimitgliedschaften (in
etwa) den Stärkeverhältnissen der Fraktionen, dann liegt hier eine proportionale Ämter besetzung
vor, die als Ausdruck einer
konkordanz
demokratischen Ausprägung zu werten ist. Zur Gegen-
überstellung von Konkordanzdemokratie auf
staatlicher
und
kommunaler
Ebene siehe auch
Holtkamp 2008: S. 86.
3
Auch an diesem Punkt zeigt sich die Differenz zwischen
Konkordanz
- und
Konsensus
demo-
kratie: Ein starker Bürgermeister ist ein Merkmal der (kommunalen)
Konkordanz
demokratie;
eine starke Exekutive (ausgedrückt durch den Exekutivdominanz-Index) ist jedoch kein Merkmal
der (staatlichen)
Konsensus
- sondern der
Mehrheits
demokratie (
Konsensus
demokratie ist nicht
durch Macht
konzentration
sondern durch -
aufteilung
geprägt!), so dass Flick – in Anlehnung
an Lijphart – die Exekutivdominanz als Merkmal der
Konkurrenz
demokratie auffasst (vgl. 2010:
S. 30, 41).
Im Übrigen: Die beiden Punkte (1) und (2) sind nicht unbedingt unabhängig. Holtkamp weist
darauf hin, dass „die Dominanz des Bürgermeisters … durch einen geringen Grad der Partei-
politisierung forciert“ wird (2005: S. 259), konkret durch den Grad der
prozeduralen
Parteipo-
litisierung sowie die Mehrheitskonstellationen im Zusammenhang mit der parteipolitischen
Ausrichtung des Bürgermeisters (vgl. ders. 2008: S. 259). Gleichzeitig sind aber auch die persön-
lichen Faktoren des Amtsinhabers und die institutionellen Rahmenbedingungen zu berücksich-
tigen (vgl. Gehne/Holtkamp 2005: S. 137 f.).
Zur Vereinfachung werden alle Begriffe in der maskulinen Form verwendet. Sie gelten selbstver-
ständlich sowohl für weibliche als auch männliche Personen!

10 |
Übersicht 1: Vier Dimensionen der
kommunalen
Parteipolitisierung
Formale bzw.
personelle
Parteipolitische Besetzung in der Vertretungskörperschaft
(und in der Verwaltungsführung: Hauptverwaltungsbeam-
ter und Beigeordnete)
4
Strukturelle bzw.
prozedurale
Strukturen und Prozesse in der Vertretungskörperschaft wei-
sen Ähnlichkeiten/Parallelen mit denen in staatlichen Parla-
menten (und Regierungen) auf – Politics
Kulturelle
Akteure zeigen ähnliche (partei-)politisch orientierte Werte
und grundlegende Einstellungen wie Akteure in staatlichen
Parlamenten (und Regierungen)
Inhaltliche bzw.
aufgaben bezogene
(Issue-Orientierung)
Inhaltliche Ansichten zu Themen bzw. Aufgaben-/Politik-
feldern und/oder das Agenda-Setting weisen Ähnlichkeiten/
Parallelen zur parteipolitischen Argumentation auf überlo-
kaler Ebene auf – Policy
Am einfachsten ist die formale/personelle Parteipolitisierung zu bestimmen:
5
Eine hohe
Parteipolitisierung liegt vor, wenn der prozentuale Anteil der Parteimitglieder in der
kommunalen Vertretungskörperschaft hoch ausfällt bzw. anders ausgedrückt: Ein hoher
Anteil an Vertretern von Wählervereinigungen führt zu einer geringe(re)n formalen/
personellen Parteipolitisierung.
6
4
Hinweis: Hier geht es nicht um die personelle Parteipolitisierung der (gesamten)
Verwaltung
,
sondern nur der
Wahlbeamten
. Unter der Überschrift
personelle
Parteipolitisierung thematisiert
bspw. Holtkamp die (zumeist negativ bewerteten) parteipolitischen Eingriffe in die (Gesamt-)
Verwaltung (vgl. 2012a: S. 124 f.).
5
Im Weiteren werden die Begriffe formal und personell ebenso als Synonyme verwendet wie
strukturell und prozedural.
6
Zur Charakterisierung der Struktur
staatlicher
Parlamente wird unter anderem mit der effektiven
Parteienzahl (nach Laasko und Taagepera) gearbeitet. Sie ist „eine Systemeigenschaft, wohinge-
gen der Mandatsanteil freier Wähler die Stärke ganz bestimmter Gruppierungen misst. Jedoch
werden beide zu einem großen Teil von Wahlvorschriften beeinflusst und die Muster der beiden
Indikatoren korrelieren auf Kreisebene deutlich miteinander. Die Erfassung von Konkordanz kann
auf lokaler Ebene daher ohne großen Informationsverlust über die effektive Parteienzahl erfolgen“
(Schniewind 2010: S. 167). Dagegen wendet Holtkamp ein: „Die Vorstellung, dass die Konkordanz-
demokratie gleichbedeutend mit vielen Parteien ist, wird dem differenzierten und historisch an-
gelegten Konzept von Lehmbruch nicht gerecht. Zudem reicht ein Blick in die Wahlstatistik, um
festzustellen, dass diese Hypothese empirisch nicht belegbar ist. Bekanntlich sind in kleinen und
mittleren Gemeinden durchschnittlich wenige Parteien vertreten, weil das Parteiensystem sich
hier mangels Mitgliedern und Kandidaten nicht so stark ausdifferenzieren kann. Es wäre aber
wohl falsch daraus zu schließen, dass wir es gerade in den kleinen Kommunen mit einer ausge-
prägten Konkurrenzdemokratie zu tun haben. Das Gegenteil ist realitätsnäher“ (Holtkamp 2012:
S. 282 Fn. 61). Aus dieser Kontroverse ist folgendes Fazit zu schließen: Die effektive Parteien-
zahl bietet eine (erste) Annäherung an die Fragestellung, ob eher eine Konkurrenz- oder Kon-
kordanzdemokratie bzw. eine Mehrheits- oder Konsensusdemokratie vorliegt, wobei allerdings
die Berechnung und der Vergleich der effektiven Parteienanzahl für die einzelnen kommunalen
Vertretungskörperschaften immer nur
innerhalb einer
Größenklasse (ggf. sogar nur innerhalb
eines Bundeslandes) erfolgen darf.

| 11
Das Ausmaß dieser Dimension der Parteipolitisierung ist vor allem von drei Variablen
abhängig:
von der
Größe der Gemeinde:
In Großstädten ist die Parteipolitisierung ausge-
prägter als in Mittel- und dort wieder ausgeprägter als in Kleinstädten bzw. sons-
tigen Gemeinden.
vom Kommunalwahlrecht =
rechtlicher
Institutionalismus: Spezielle Regelungen
wirken fördernd darauf, dass Vertreter von Wählervereinigungen in nennenswertem
Umfang in die Vertretungskörperschaften einziehen können.
7
von der
Tradition des Landes
=
historischer
Institutionalismus: Dort, wo das Wahl-
recht erst in den letzten zwei Jahrzehnten so umgestaltet wurde, dass Wähler-
vereinigungen rechtlich eine Chance zur Wahlteilnahme eröffnet wurde, treten sie
weniger deutlich in Erscheinung als in Ländern, in denen sie sich seit über einem
halben Jahrhundert entwickeln und etablieren konnten. Rechtlich gleiche oder ähn-
liche Regelungen entfalten somit in unterschiedlichen Kontextbedingungen, die
durch unterschiedliche Pfadabhängigkeiten geprägt sind, unterschiedliche Wirkun-
gen (siehe Holtkamp 2012: S. 277 ff., basierend vor allem auf dem Ländervergleich
Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen).
Im Hinblick auf Sachsen ist auf zwei Aspekte hinzuweisen:
Hier haben sich die Wählervereinigungen flächendeckend durchgesetzt, ohne dass
sie auf eine entsprechende Tradition aufbauen konnten. Ihre Etablierung wird mit
der „traditionell konkordantere[n] Kultur in den ostdeutschen Ländern“ (Bogumil/
Holtkamp 2013: S. 166) erklärt, die sich aus unterschiedlichen Quellen speist (vgl.
dies.: S. 166 ff.).
Wählervereinigungen präsentieren sich als
sach
orientiert und über dem
Parteien-
streit stehend und werden häufig auch so wahrgenommen. Ein hoher Anteil an Wäh-
lervereinigungen auf lokaler Ebene wird daher auch direkt mit geringer (
formaler
,
aber sich auch in den anderen Dimensionen zeigender) Parteipolitisierung in Ver-
bindung gebracht.
7
Zum statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen einzelnen Bestimmungen des Kommu-
nalwahlrechts und der Stärke von Wählervereinigungen (hier untersucht in Bezug auf die Vertre-
tungskörperschaften in kreisfreien Städten und Landkreisen) siehe Schniewind 2010: S. 158 ff.:
Kumulieren und Panaschieren wirken sich ebenso fördernd auf einen hohen Anteil an Wählerver-
einigungen aus wie die Anzahl der zu vergebenden Stimmen – in manchen Ländern können die
Wähler so viele Stimmen vergeben, wie Ratsmandate zu bestellen sind. In Sachsen hat der Wähler
einheitlich (nur) drei Stimmen, die er kumulieren und panaschieren kann (§ 30 Abs. 2 SächsGemO).
Magin hat die in Deutschland existierenden Kommunalwahlsysteme umfassend untersucht, in-
dem er einen Konkordanzindex, der sich aus der Addition von Einzelwerten (0 = konkurrenz-
demokratisch, 1 = konkordanzdemokratisch) für sechs Kriterien errechnet, gebildet hat (2010:
S. 101 ff.). Für die rechtlichen Bestimmungen, die im Jahr 2008 gegolten haben, kommt er
– werden nur die Flächenstaaten betrachtet – auf einen Durchschnittswert von 4,2; der tatsäch-
lich erreichte Maximalwert liegt bei 5,5 (möglich wäre 6 gewesen); der Minimalwert liegt bei 2;
der Wert für Sachsen beträgt 3,5 (vgl. S. 118).

12 |
In Sachsen existieren in einzelnen Kommunen Wählervereinigungen, die dem
äußersten rechten politischen Spektrum zugeordnet werden können. In solchen
Fällen könnte unter dem Deckmantel reiner Sachpolitik durchaus gezielt rechts-
ideologische (NPD-)Politik betrieben werden. Die statistische Erhebung des Anteils
von kommunalen Abgeordneten aus Wählervereinigungen blendet diese
inhaltlichen
Aspekte vollkommen aus und kann daher unter gewissen Umständen auch zu Fehl-
interpretationen führen.
8
Ergänzend zu den Nennungen der Übersicht 1 ist noch die
funktionale
Politisierung als
eine mögliche Form zu nennen. Hierbei handelt es sich um die politisch vorausschau-
ende Handlungsweise des Verwaltungspersonals, also Antizipation dessen, was die
politische Führung – in ihrer parteipolitischen Prägung – erwartet (siehe Bogumil 2011:
S. 118). Damit verbinden sich die beiden Ausprägungen des klassischen und des politi-
schen Bürokraten – ein Aspekt, der im weiteren Verlauf jedoch keine Relevanz besitzt.
Zu (2) – Starker Bürgermeister:
Eine ausgeprägte exekutive Führerschaft bzw. auf den konkreten Akteur bezogen ein
starker Bürgermeister – so die
pauschale
Annahme – schwächt die Parteipolitisierung
im Gemeinderat. Er ist in der Lage, die möglichen parteipolitischen Divergenzen, die
generell in einer Kommune bzw. speziell im Vertretungsorgan auftreten, in den Griff
zu bekommen. Er kann sich
jenseits
der oder
über
den Parteien und Fraktionen etablie-
ren und profilieren und entsprechend machtvoll agieren, wobei seine adäquate Rolle
dann diejenige des Moderators/Vermittlers ist, die – um sich ´segensreich´ entfalten
zu können – aber auch als solche von den Mitgliedern in der Vertretungskörperschaft
akzeptiert werden muss. Vergleicht man Kommunalpolitik im europäischen Kontext,
dann wird ein Trend zum
Modell des „starken Bürgermeisters“
konstatiert. Seine
Stärkung erfolgte rechtlich-institutionell erstens durch die Volkswahl (Input-Seite)
und zweitens dadurch, dass ihm mehr exekutive Funktionen/Befugnisse zugestanden
wurden (Output-Seite) (siehe Steyvers 2010: S. 28 ff.).
8
Ein vergleichbares Problem, dass ein statistischer Wert ohne entsprechende Kenntnisse lokaler
oder regionaler Besonderheiten zu irreführenden Rückschlüssen führen kann, zeigt sich auch bei
der in der Fußnote 6 genannten effektiven Parteienzahl: In der sächs. Gemeinde Deutschneu-
dorf im Erzgebirgskreis bspw. erhielt bei der Gemeinderatswahl 2009 die „FDP-Kandidatenliste“
(andere Bewerber traten gar nicht an) alle 1.560 gültigen Stimmen (bei 575 gültigen Stimm-
zetteln, die Wahlbeteiligung lag bei 63,3 %), was somit einer 100-prozentigen Zustimmung
entspricht. Sämtliche 12 Gemeinderatsmitglieder sind in der „FDP-Fraktion“ vereint (zu einer
Auswahl durch den Wähler kam es trotzdem, weil 16 Bewerber auf der Liste standen). Die ef-
fektive Parteien anzahl nimmt den Wert 1 ein, was für eine Extremform der Mehrheits- bzw.
Konkurrenzdemokratie spricht, vor Ort aber sicherlich als Ausdruck hoher Konsensus- bzw. Kon-
kordanzdemokratie interpretiert werden dürfte. Allerdings führt auch die Messung des Anteils
der Mandatsträger von Wählervereinigungen in solchen Sonderfällen ebenfalls nicht weiter. 2014
ist dann der „Konsens“ auseinandergebrochen, weil bei der Kommunalwahl die Wähler aus zwei
Listen auswählen konnten mit dem Ergebnis: FDP: 9 Mandate und AfD: 3 Mandate. Angaben
entnommen aus
www.statistik.sachsen.de
(Gemeinderatswahlen 2009 und 2014).

| 13
Vielfältig sind die Ansätze, seine
institutionelle Stärke
zu analysieren und mithilfe
von numerischen Werten über die Grenzen von Bundesländern hinweg zu vergleichen.
Es liegen Konzepte vor, bei denen mit unterschiedlich vielen Variablen gearbeitet wird.
9
Zwischen den Konzepten kommt es durchaus zu abweichenden Rangfolgen der Bun-
desländer. Für Sachsen kann jedoch einheitlich festgestellt werden: Der sächsische
Bürgermeister wird – weil das für ihn geltende Recht, wenn auch nicht vollständig,
so doch größtenteils den baden-württembergischen Bestimmungen entspricht – als
institutionell sehr stark eingestuft. Seine Funktionen und Rechte ergeben sich insb. aus
den §§ 36 Abs. 1 und 3, 38 Abs. 1, 42 f., 51 ff. SächsGemO.
10
Beschäftigt man sich mit der
kommunalen
konkurrenz-/konkordanzdemokratischen
Ausprägung, so sind zwei Analyseebenen zu differenzieren:
(1) länderbezogene Betrachtung,
(2) gemeindebezogene Betrachtung.
Zu (1) – Länderbezogene Betrachtung:
Auf der Basis von drei Variablen (parteipolitischer Organisationsgrad der Bevölkerung,
Größenstruktur der Gemeinden und kommunalverfassungsrechtliche Bestimmungen)
wurde von Holtkamp ein
Konkordanzindex
gebildet und für die Flächenländer er-
rechnet (aktuell bei Bogumil/Holtkamp 2013: S. 166 ff.). Er kann den Maximalwert 9
(= höchste Konkordanz) erreichen, was für ein Bundesland auch zutrifft; der erreichte
Minimalwert liegt bei 4. Der Durchschnittswert beträgt 6,7. Sachsen erreicht den Wert 8
und wird somit als ein Bundesland eingeschätzt, in dem – pauschal betrachtet – die
gemeindliche Ebene (im Regelfall) durch konkordante Demokratieausprägung charak-
terisiert ist.
11
9
Siehe Holtkamp (2005: S. 19 ff.), aktualisiert bei Bogumil/Jann (2009: S. 110): Hier wird mit
fünf Variablen gearbeitet. Siehe Egner (2007: S. 78 ff.): Hier werden 37 Variablen herangezogen.
Ähnlich vorgehend Flick (2010: S. 40 ff.): Sie errechnet auf der Grundlage von zehn Kriterien ei-
nen kommunalen Exekutivdominanz-Index. Buß verwendet drei Dimensionen (organisatorisch-
institutioneller Rahmen, Verteilung der Sachentscheidungskompetenz, Checks und Balances),
insgesamt werden 30 Einzelmerkmale herangezogen (2000: S. 53 ff.).
10
Entsprechend schwach fällt im Gegenzug hierzu die institutionelle Stärke des Gemeinderats aus
(vgl. Egner/ Krapp/Heinelt 2013: S. 54 f.; zur Messung seiner Stärke verwenden sie 30 Indikatoren,
siehe S. 31 ff.).
11
Diese Aussage ist durchaus gewagt, weil der Konkordanzindex „nicht den Grad der Konkordanz-
demokratie misst, sondern lediglich die Ausprägung der unabhängigen Variablen, die er [Holt-
kamp] für die Ausbildung der Konkordanz verantwortlich macht“ (Freitag/Fritz/Vatter 2010: S. 11).
Korrekter ist somit die Aussage: Die drei Variablen sind in Sachsen so gestaltet, dass die konkor-
dante Demokratieausprägung vor Ort (besonders) ermöglicht/erleichtert wird.

14 |
Zu (2) – Gemeindebezogene Betrachtung:
Auch wenn aufgrund des Konkordanzindexes tendenziell Gemeinden in einem Bundes-
land eher
einer
bestimmten Ausprägung zugeordnet werden können, ist daraus nicht
zu schlussfolgern, dass dies für
jede
Gemeinde auch wirklich zutrifft. Innerhalb eines
Bundeslandes kann es sehr wohl zu mehr oder weniger deutlichen Differenzierungen
kommen. Der o. g. Konkordanzindex spricht eine Vermutung für eine zu erwartende
Vor-Ort-Ausprägung aus. Aufgrund besonderer örtlicher Kontextbedingungen kann in
einer Gemeinde aber auch genau das Gegenteil auftreten. Die Gemeinden eines Bun-
deslandes können daher in Kongruenz- und Divergenzgemeinden unterteilt werden:
Kongruenzgemeinden
sind Gemeinden, in denen diejenige Demokratieausprä-
gung auftritt, die für dieses Bundesland zu erwarten ist bzw. als typisch gelten kann.
Divergenzgemeinden
sind Gemeinden, in denen die
gegenteilige
Demokratieaus-
prägung auftritt, die für dieses Bundesland zu erwarten ist bzw. als typisch gelten
kann.
Übersicht 2: Kongruenz- und Divergenzgemeinden im Hinblick auf die Demokratie-
ausprägung
Länderzuordnung
Konkurrenzdemokratie
Konkordanzdemokratie
Gemeinde-
zuordnung
Konkurrenz-
demokratie
Kongruenzgemeinde
Divergenzgemeinde
Konkordanz-
demokratie
Divergenzgemeinde
Kongruenzgemeinde
Da für Sachsen eine konkordanzdemokratische Ausprägung als erwartbar bzw. typisch
konstatiert wird, sind Kongruenzgemeinden solche, die der
Konkordanz
demokratie
zuzuordnen sind. Die im Weiteren vorzustellenden Ergebnisse dienen einer globalen
Betrachtung. Hier beschränkt auf die Mittel- und Großstädte, und – sofern möglich
und sinnvoll – einer gemeindebezogenen Betrachtung.
Die Beschäftigung mit der kommunalen Demokratieausprägung dient zwei Erkenntnis-
interessen:
(a) Mit ihrer Hilfe kann eine (europa-, bundes-, landesweite) Systematisierung der Kom-
munen erfolgen. Damit dient das Unterscheidungsmerkmal Konkordanz-/Konkur-
renzdemokratie der Typisierung und Ordnungsbildung der kommunalen Ebene (bzw.
erweitert: eines politischen Systems).

| 15
(b) Die beiden unterschiedlichen Ausprägungen können darüber hinaus als unabhän-
gige Variable zur Erklärung von kommunalpolitisch bzw. -wissenschaftlich relevan-
ten Phänomen (= abhängige Variablen) herangezogen werden. Mit ihrer Hilfe kann
z. B. die Art und Weise, wie Akteure im kommunalen politisch-administrativen Sys-
tem miteinander umgehen, erklärt werden. Die Demokratieausprägung vor Ort ist
dann ein Kontextfaktor, der das Handeln der Akteure mit beeinflusst, bzw. ein Rah-
men, in dem die Akteure handeln.
12
Es geht jedoch nicht (nur) um Stilfragen, son-
dern umfassend um Aspekte von Politics und Policy. So wird – etwas vereinfacht –
der Konkurrenzdemokratie eine höhere Input-Legitimation zugesprochen („harte“
Opposition sieht eine ihrer Hauptaufgaben darin, Bürgermeister und Verwaltung
schärfer zu kontrollieren), während die Konkordanzdemokratie eher die Output-
Legitimation befördert, weil es zu keinen gegenseitigen Blockaden bei Sach- und
Personalentscheidungen kommt.
13
Auch das direktdemokratische Instrumentarium
in Form von Bürgerbegehren und -entscheiden entfaltet bei den beiden Ausprägun-
gen unterschiedliche Wirkungen: Während die Verfahren in Gemeinden mit kon-
kurrenzdemokratischer Ausprägung oft durch (größere) Oppositionsfraktionen in-
itiiert werden und damit auch eine große Unterstützung durch relevante Parteien
erfahren und dann als Damoklesschwert für Vorhaben der Mehrheitsfraktion(en)
wirken, werden sie in Gemeinden mit konkordanzdemokratischer Ausprägung selte-
ner durch (größere) Fraktionen initiiert, somit fehlt ihnen die entsprechende große
partei
politische Unterstützung und sie können daher auch nicht diese Wirkung er-
zielen. Zusätzlich rücken die entscheidenden Fraktionen im Gemeinderat zur Ab-
wendung des Ansinnens, das mit den Verfahren angestrebt wird, noch näher zu-
sammen, der Konsens untereinander wird also verstärkt (vgl. Bogumil/Holtkamp
2013: S. 189 ff., 208 ff.).
14
12
Gleichzeitig handelt es sich bei der demokratischen Vor-Ort-Ausprägung aber auch um einen
Faktor, der durch die Akteure in nicht unmaßgeblichem Umfang wiederum selbst beeinflusst wird!
13
Damit die „negativen“ Wirkungen sich voll entfalten können, bedarf es jedoch zumeist noch
zweier anderer, zusätzlicher Punkte: Erstens muss das Kommunalrecht Möglichkeiten eröffnen,
die es einer auf eine Konfliktstrategie angelegten Opposition ermöglicht, entsprechende Veto-
positionen aufzubauen. Zweitens kommt es entscheidend auf die Machtverhältnisse innerhalb
der Kommune an. Hoch problematisch sind dabei die sog.
Kohabitationsverhältnisse,
also
Konstellationen, bei denen ein
parteigebundener
Bürgermeister einer ihm nicht wohlwollenden
– parteipolitisch anders besetzten – Ratsmehrheit gegenüber steht. Somit ergeben sich folgende
vier Konstellationen in einer Kommune:
Konkordanzdemokratische
Vor-Ort-Ausprägung
Konkurrenzdemokratische
Vor-Ort-Ausprägung
Kohbitationsverhältnis
Geringes bis mittleres
Konfliktpotenzial
Hohes Konfliktpotenzial
mit (großen) Auswirkungen
auf Output-Legitimation
Kein Kohabitationsverhältnis
Kein bis geringes
Konfliktpotenzial
Geringes bis mittleres
Konfliktpotenzial
14
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die unterschiedliche Wirkung des direktdemokra-
tischen Instrumentariums auch in Abhängigkeit zur Haushaltslage der Kommune steht: In Ge-
meinden mit guter Haushaltslage werden eher Prestigeprojekte verhindert, in Gemeinden mit
schlechter Haushaltslage werden eher Einsparungsvorhaben verhindert.

16 |
1.2
Durchführung der Befragung, Rücklauf
und grundlegende Daten
In den Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern im Freistaat Sachsen wurde im Früh-
jahr 2013 eine Vollerhebung durchgeführt. Diese umfasste 27 Städte; davon sind drei
Städte (Chemnitz, Dresden und Leipzig) mit ihrer Einwohnerzahl Großstädte und zu-
gleich kreisfreie Städte. Mit Stichtag vom 01.01.2013 umfassten diese 27 Städte rund
52 % der Bevölkerung Sachsens (die drei Großstädte weisen rd. ein Drittel der Gesamt-
bevölkerung auf).
Folgende zentralen Fragestellungen stehen im Fokus der Analyse:
Wie ausgeprägt sind die Indikatoren für die Konkordanzdemokratie in den sächsi-
schen Mittel- und Großstädten?
Wie ausgeprägt ist – unabhängig von der Unterscheidung in Konkordanz- und
Konkurrenzdemokratie – die Parteipolitisierung in diesen Städten?
Damit wird auch deutlich, was eine solche Befragung nicht zu leisten vermag. Es kann
keine Verbindung zu Aspekten von Policy hergestellt werden.
Hauptsächlich geht es um die Vorstellung entsprechender Häufigkeitsverteilungen,
die dann auch im Rahmen weiterer Untersuchungen als Vergleichswerte herangezo-
gen werden können.
Angeschrieben wurden die Oberbürgermeister (sie kommen – sofern nicht kreisfrei –
durchgängig aus Großen Kreisstädten) und 139 Fraktionsvorsitzende.
15
22 Oberbür-
germeister und 102 Fraktionsvorsitzende antworteten;
16
dies entspricht einer Rück-
laufquote von 81,5 % bzw. 73,4 % (Gesamtrücklaufquote: 74,7 %). Für keine Stadt liegt
jedoch ein kompletter Rücklauf (auch nicht was die Ratsseite betrifft) vor. Bei den Frak-
tionsvorsitzenden beträgt der Eingang pro Stadt zwischen zwei und fünf Fragebögen.
Was die Parteizugehörigkeit von Bürgermeistern angeht, liegen komplizierte Konstella-
tionen vor. In der Wahlstatistik des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen
wird nicht die Parteimitgliedschaft als formales Differenzierungsmerkmal herangezo-
gen, sondern ob der Kandidat durch einen Wahlvorschlag oder als Einzelbewerber in
sein Amt kam. Ein Wahlvorschlag kann von einer Partei oder einer Wählervereinigung
kommen. In diesen Fällen wird der Name der Partei oder der Wählervereinigung an-
gegeben. Je nach Name der Wählervereinigung kann aus ihm entnommen werden, ob
15
Als Mindestzahl für die Fraktionsgröße wurden zwei Personen gewählt.
16
58 Vorsitzende haben ihre Fraktion zur Gruppe der drei größten Fraktionen in ihrem Stadtrat
gezählt (= 56,9 %), 42 haben dies verneint (41,2 %), zwei konnten/wollten kein Votum abgeben.

| 17
in dieser Wählervereinigung auch eine Partei eingebunden ist. Die Angabe des Wahl-
vorschlags oder die Bezeichnung als Einzelbewerber sagt nichts darüber aus, erstens,
wer den Kandidaten alles unterstützt hat und zweitens, welche Parteizugehörigkeit
der Kandidat und spätere Amtsinhaber wirklich hat. Folgende Konstellationen sind
somit denkbar:
Übersicht 3: Parteizugehörigkeit von Oberbürgermeistern aufgrund der amtlichen
Wahlstatistik
Wahlvorschlag einer
(A) Partei
(B) Wählervereinigung
(C) Einzelbewerber
Person
hat mit großer Wahr-
scheinlichkeit die gleiche
Parteizugehörigkeit (an-
dere Parteizugehörigkeit
kann nahezu ausge-
schlossen werden),
kann auch parteilos sein.
Person
kann formales Mitglied
der Wählervereinigung
sein,
ist nicht formales
Mitglied und
zugleich parteilos oder
Parteimitglied.
Person
ist parteilos (und
auch kein Mitglied
einer Wählerverei-
nigung),
ist Mitglied einer
Partei (oder einer
Wählervereinigung).
In allen Fällen kann somit eine Parteigebundenheit vorliegen.
17
Aufgrund der Ungewissheit über die Parteibindung
18
wird nur in wenigen Fällen eine
entsprechende Differenzierung vorgenommen; vereinfacht wird dann für (A) und (B)
von einem Partei-/WV-Oberbürgermeister und für (C) von einem EB-Oberbürgermeister
gesprochen.
Bei den Fraktionen handelt es sich größtenteils um Ein-Parteien- oder um Eine-
Wählervereinigung-Fraktionen. Jedoch können sich auch Mischfraktionen finden:
Partei – Partei(en), Wählervereinigung – Wählervereinigung(en) und Partei(en) –
Wählervereinigung(en). Mischfraktionen stellen dabei ein Problem dar:
17
Bei B trifft dies insbesondere dann zu, wenn hinter dem Wahlvorschlag eine Wählervereinigung
zusammen mit einer Partei steht.
18
Ein Amtsinhaber kann selbst bestimmen, wie stark/schwach er die Parteizugehörigkeit in der
Öffentlichkeit betont. Andererseits ist es in der Presse üblich, dass die Parteizugehörigkeit als
Klammerzusatz bei der Berichterstattung angegeben wird.

18 |
Ist in einer Untersuchung die Unterscheidung zwischen Parteien und Wählervereini-
gungen wichtig, so sind Mischfraktionen in Form von Partei – Wählervereinigung
19
schwierig einzuordnen. Entweder man ermittelt, welche Mitglieder in der Fraktion
überwiegen (Partei- oder Wählervereinigungsmitglieder) oder man richtet sich nach
dem Fraktionsvorsitzenden. Beides erfordert im Regelfall eine Vor-Ort-Recherche,
die im Rahmen einer breit angelegten quantitativen Untersuchung an ihre Gren-
zen stößt. Sind ausgiebig viele solcher Fraktionen enthalten, so könnten sie eine
eigenständige dritte Gruppe neben den (reinen) Partei- und Wählervereinigungs-
fraktionen bilden.
Ist in einer Untersuchung die Unterscheidung zwischen den einzelnen Parteien
von Interesse, so sind Mischfraktionen in Form von Partei – Partei problematisch.
Die o. g. Argumentation wiederholt sich hier.
20
In der Datenerhebung wurden zwei Gruppen unterschieden: die parteigebundenen
und die parteilosen Fraktionsvorsitzenden. Ein parteigebundener Fraktionsvorsitzender
kann jedoch ein Fraktionsvorsitzender einer Mischfraktion aus einer Partei und einer
Wähler vereinigung sein, umgekehrt kann ein parteiloser Fraktionsvorsitzender einer
Fraktion vorstehen, in der auch Parteimitglieder (zumeist dann kleiner Parteien) an-
gehören. Aufgrund dieser Problematik wird bei der Auswertung nur in wenigen Fällen
zwischen diesen beiden Gruppen differenziert.
Kein Stadtrat von den in die Untersuchung einbezogenen Städten weist eine abso-
lute Mehrheit
einer
Fraktion auf, so dass überall überfraktionelle Zusammenarbeit
erforderlich ist bzw. sogar „Koalitionen“ notwendig wären, um zu Entscheidungen zu
gelangen.
21
Diese „objektive“ Sicht wird „subjektiv“ auch von den Oberbürgermeistern
geteilt: Kein Amtsinhaber hat in seinem Stadtrat
eine
bestimmende Fraktion ausge-
macht. Sieben sehen für ihre Stadt
zwei
bestimmende Fraktionen und neun erkennen
19
Allein schon die Reihenfolge der beiden Begriffe mag problematisch sein. In Radebeul gibt es
bspw. die Fraktion „Bürgerforum/Grüne“. Die Reihenfolge gibt hier auch das interne Stärkever-
hältnis an.
Ein Beispiel für „extreme“ Mischfraktionen stellt die Stadt Coswig dar. Nach der Kommunalwahl
2014 haben sich die Vertreter von sieben Parteien und Wählervereinigungen zu drei Fraktionen
zusammengeschlossen, die fast gleich groß sind (Dresdner Neueste Nachrichten v. 29.08.2014,
S. 19): Im Internet-Auftritt der Stadt
(http://coswig.de/stadtinfo/idx_info.htm)
sind nun folgende
Fraktionen zu finden: CDU, Linke/SPD/Grüne (Vorsitz durch Vertreterin der Linkspartei mit zwei
Stellvertretern der anderen Parteien) und CBL/DSU/FDP (Vorsitz durch Vertreter von CBL mit zwei
Stellvertretern der anderen Parteien). Aufgrund solcher „Sonderfälle“ kann es sinnvoll sein, bei
Befragungen nur solche Fraktionen einzubeziehen, die
eindeutig
generell Parteien oder Wähler-
vereinigungen oder speziell konkreten Parteien zugeordnet werden können.
20
Eine weitere Problematik zeigt sich, wenn in einer Ein-Parteien-Fraktion noch andere Partei-
mitglieder vertreten sind: So sind in der Fraktion „Die Linke“ im Dresdner Stadtrat nach der Kom-
munalwahl 2014 auch die beiden kommunalen Abgeordneten der Piratenpartei Mitglieder, ohne
dass eine Änderung der Fraktionsbezeichnung vorgenommen wurde.
21
Jedoch hat nur ein Oberbürgermeister bestätigt, dass ein „Koalitionsvertrag oder etwas Vergleich-
bares/ Ähnliches“ existiert. Eindeutig verneint haben das aber auch nur wiederum vier Personen;
der große Rest hat sich für „keine Meinung“ entschieden. Somit lagen in den sächsischen Städ-
ten dieser Größenordnung keine
formal
verankerten „Lager“ in den Stadträten vor.

| 19
drei
solcher Fraktionen.
22
Sechs Personen haben die Antwortmöglichkeit „weder ein
noch zwei noch drei“ gewählt; sie sind daher mit einer eher diffusen Ratssituation
konfrontiert, was eine besondere Herausforderung für ihr Agieren darstellen dürfte.
Von den 102 Fraktionsvorsitzenden haben 14 bejaht, dass der Oberbürgermeister der
gleichen Partei bzw. Wählervereinigung angehört wie sie selbst; hier liegt somit ein
formaler parteipolitischer Gleichklang vor. 51 Personen haben mit nein geantwortet,
weil der Oberbürgermeister eine andere Parteizugehörigkeit aufweist, und 36 ebenfalls
mit nein, weil er parteilos ist. Keine Angabe machte eine Person.
2
Situation in Sachsen (Ergebnisse der Befragung)
2.1
Einschätzung der Stärke des Bürgermeisters
Da die den Bürgermeister betreffenden Regelungen in der SächsGemO (s. o.) im Hin-
blick auf Bestimmungen zu seiner institutionellen Stärke in Mittel- und Großstädten
keinerlei Differenzierung enthalten, ist der rechtliche Rahmen für alle Hauptverwal-
tungsbeamten gleich. Wie stark werden sie aber (subjektiv) empfunden?
Die Fraktionsvorsitzenden wurden gebeten, die folgenden beiden Aussagen zu bewer-
ten: Der Oberbürgermeister ist der bestimmende Akteur (A) in der
Verwaltung
und
(B) im
Stadtrat
.
23
Die Verteilung sieht wie folgt aus:
Oberbürgermeister ist bestimmender Akteur
(A): in der Verwaltung: (eher) ja:
71,6 %, (eher) nein: 24,5 %, ohne Votum: 3,9 %,
(B): im Stadtrat:
(eher) ja: 54,9 %, (eher) nein: 38,2 %, ohne Votum: 6,9 %.
Der Oberbürgermeister wird mehrheitlich als der bestimmende Akteur eingeschätzt,
wobei jedoch deutlich zwischen den beiden Teilsystemen Verwaltung und Politik un-
terschieden wird. Dass seine Stärke von der Mehrheit der Befragten (an-)erkannt wird,
22
Der Begriff der „bestimmenden Fraktion“ enthält eine andere inhaltliche Dimension als wenn es
um die rein quantitative Betrachtung von Fraktionsstärken geht. Dies schließt daher nicht aus,
dass bspw. selbst dann, wenn es zwei Fraktionen gibt, die knapp die Mehrheit innehaben, trotz-
dem drei Fraktionen erkannt werden, die aus Sicht der OBM bestimmend wirken. Genauso kann
aber der Fall auftreten, dass zumeist drei Fraktionen einheitlich die Ratsmehrheit bilden, davon
aber nur zwei als bestimmend empfunden werden.
23
Es geht um die
Wahrnehmung
: Diese Wahrnehmung kann korrekt sein: Der OBM ist der ent-
scheidende bzw. nicht-entscheidende Akteur, und er wird auch so eingeschätzt; die Wahrneh-
mung kann aber auch falsch sein, ebenfalls mit zwei Ausprägungen. Man gelangt so zu einer
Vier-Felder-Tafel zwischen realer und wahrgenommener Dimension (übernommen aus Walter
2002: S. 22):
Wahrgenommener Zugang zu Ressourcen
Ja
Nein
Tatsächlicher Zugang
zu Ressourcen
Ja
Manifester Einfluss
Potentieller Einfluss
Nein
Zugeschriebener Einfluss
Kein Einfluss

20 |
ist jedoch kein sächsisches Phänomen, sondern trifft bundesweit in allen Ländern zu,
so dass Egner/Krapp/Heinelt konstatieren: „Die Ratsmitglieder schätzen … die Stärke
des Bürgermeisters unabhängig von der formalen Stärke des Rates ein, die in Abgren-
zung zu den Zuständigkeiten des Bürgermeisters konzeptionalisiert wurde“ (2013: S. 56).
Wenn bundesweit generell eher vom starken Bürgermeister auszugehen ist, dann sind
die ermittelten Werte eher als gering zu interpretieren. Lässt man diejenigen Antwor-
ten außer Betracht, die sich nicht auf „(eher) ja“ oder „(eher) nein“ festlegen konnten/
wollten, so kommt man zur folgenden Feinanalyse:
Zu (A): Von den 27 Städten wird in fünfzehn ein einstimmiges Ergebnis für „(eher)
ja“ erreicht; in zwei Städten gibt es ein einheitliches Votum für „eher (nein)“.
24
In den zehn Städten, in denen sich die Fraktionsvorsitzenden uneins sind, finden
sich sechs Städte, in denen die Mehrheit für „(eher) nein“
25
und nur eine Stadt,
bei der die Mehrheit für „(eher) ja“ votiert hat. In drei Städten liegt eine Patt-
situation vor.
Bis auf die Ausnahme in Hessen ist in allen Flächenländern der Bürgermeister
die monokratische (=alleinige) Spitze der Kommunalverwaltung (§§ 51 Abs. 1,
53 SächsGemO). Eine gewisse Relativierung erfährt seine starke Stellung durch
die Beigeordneten, deren Rechte das Kommunalverfassungsrecht unterschied-
lich stark ausgestalten kann. Dass trotz dieser eindeutigen Gesetzeslage doch
in rd. 30 % der Städte der Bürgermeister
gar
nicht oder
mehrheitlich
nicht als
der bestimmende Akteur in der Verwaltung eingeschätzt wird, überrascht dann
schon. Nimmt man zusätzlich die drei Städte hinzu, bei denen eine Patt situation
vorliegt, so liegt in rd. 40 % der Fälle eine Situation vor, die weder aus Sicht
des sächsischen Kommunalrechts noch aus der Einschätzung zur konkordanz-
demokratischen Ausprägung zu erwarten war.
26
Zu (B): Von den 27 Städten wird in sieben ein einstimmiges Ergebnis für „(eher)
ja“ erreicht; in drei Städten gibt es ein einheitliches Votum für „(eher) nein“.
In 17 Städten sind sich die Fraktionsvorsitzenden uneins; in sechs Städten wird
24
Einstimmigkeit bzw. Einheitlichkeit kann unterschiedlich viele Nennungen umfassen: von zwei
bis zu fünf. Dass fünf einheitliche Voten eine andere Qualität aufweisen als zwei ist offensicht-
lich, allerdings wird im Weiteren nicht differenziert, wie viele Nennungen pro Stadt zugrunde
liegen.
25
Hier gilt das Gleiche wie in der obigen Fußnote: Die Differenz kann bei nur einer Stimme liegen,
aber auch größer ausfallen.
26
Warum ein Bürgermeister aus Sicht der Stadträte nicht als der
entscheidende
administrative
Akteur eingeschätzt wird, kann viele Gründe haben. Es kann an der Person des Bürgermeisters
selbst liegen (Alter, Amtszeit, Erfahrung, Wissen, Führungsstil/Agieren), an anderen Akteuren
(z. B. mächtiger Dezernent oder Amtsleiter), an speziellen örtlichen thematischen Problemlagen
oder sonstigen Aspekten (z. B. örtliche Verwaltungskultur, Größenstruktur der Verwaltung) und
selbstverständlich an demjenigen selbst, der die Einschätzung abgibt (z. B. seine Sympathie, was
wiederum mit der parteipolitischen Ausrichtung in Verbindung stehen könnte). Selbst wenn im
Fragebogen nach den Ursachen gefragt worden wäre, hätte eine quantitative Auswertung auf-
grund der geringen Fallzahlen ihre Grenzen; ggf. müsste eine qualitative Erhebung vorgenom-
men werden.

| 21
für mehrheitlich „(eher) nein“, in fünf für mehrheitlich „(eher) ja“ votiert und in
sechs Städten zeigt sich eine Pattsituation.
Der Oberbürgermeister wird im politischen Teilsystem schwächer eingeschätzt
als im administrativen. Dies korrespondiert mit der gesetzlichen Lage: Der Bür-
germeister ist zwar Vorsitzender des Stadtrats und bereitet seine Sitzungen
vor. Ihm kommen jedoch keine
hierarchischen
Entscheidungsrechte wie inner-
halb des administrativen Teilsystems zu. Eine Besonderheit stellen seine Wider-
spruchs
pflicht
bei seiner Meinung nach rechtswidrigen Beschlüssen und seine
Widerspruchs
möglichkeit
bei seiner Meinung nach für die Stadt nachteiligen
Beschlüssen dar (§ 52 Abs. 2 SächsGemO).
27
Bei sieben Städten wird der Bürgermeister sowohl in der administrativen als auch in der
politischen Arena einstimmig als der entscheidende Akteur eingeschätzt; hier handelt
es sich um den
unumstrittenen
„zentralen Akteur“.
28
Von den beiden Bürgermeistern,
die bei (A)
einheitlich
als „verwaltungsschwach“ eingestuft wurden, wird auch bei (B)
eine Person als schwach eingeschätzt (jedoch nicht mehr einheitlich, sondern nur noch
mehrheitlich; bei der anderen ist das Votum bei (B) unentschieden). Sie stellen somit das
Gegenstück zum
unumstrittenen
zentralen Akteur dar. Von den sechs Bürgermeistern,
die bei (A)
mehrheitlich
als „verwaltungsschwach“ eingestuft werden, wird die Hälfte
auch als „politisch schwach“ (B) eingeschätzt. Das heißt im Umkehrschluss, dass drei
Amtsinhaber bei (B) „besser“ eingeschätzt werden als bei (A), was insofern hervorhe-
benswert ist, weil aufgrund des Kommunalrechts eine andere Verteilung zu erwarten
ist. Diese andere Verteilung stellt jedoch den häufigeren Fall dar: Insgesamt kommt es
beim Vergleich zwischen (A) und (B) in elf Fällen zu einer Verschlechterung (in einem
Fall sogar von einstimmig „(eher) ja“ zu einstimmig „(eher) nein“), in gleich vielen Fäl-
len ändert sich nichts und nur in fünf Fällen erfährt der Bürgermeister im politischen
Teilsystem eine „bessere“ Beurteilung als im administrativen.
29
In der Gesamtschau können elf Bürgermeister als generell stark eingeschätzt werden,
weil sie in beiden Arenen einstimmig oder mehrheitlich als entscheidender Akteur
gesehen werden; diesen stehen vier Personen gegenüber, bei denen in beiden Arenen
27
Im Kap. 1.2 wurde darauf hingewiesen, dass die OBM die Anzahl der bestimmenden Fraktionen
in ihrem Stadtrat unterschiedlich einschätzen. Dabei wurde der Begriff der „diffusen“ Stadtrats-
situation eingeführt, die sechs Amtsinhaber für sich sahen. Eine diffuse Stadtratssituation stellt
eine besondere Herausforderung für einen OBM dar: Er kann der große (über den Fraktionen
stehende) Kommunikator und Koordinator sein; er kann aber auch in dieser undurchsichtigen
Gemengelage „untergehen“. Beides ist empirisch feststellbar: Die Fraktionsvorsitzenden in diesen
sechs Städten haben zweimal einstimmig den OBM als bestimmenden Akteur im Stadtrat ver-
neint und zweimal einstimmig bejaht. In den zwei anderen Fällen waren die Voten uneinheitlich.
28
Neben den genannten Arenen sind noch die Partei-/Fraktions- und die Bürgerarena für den
Bürgermeister relevant. Die genannten Arenen stehen untereinander „in Verbindung, so dass es
zu positiven oder negativen Rückkoppelungsschleifen kommen kann“ (Bogumil/Holtkamp 2005:
S. 61).
29
Abstufung: einheitlich „(eher) nein“ – mehrheitlich „(eher) nein“ – ausgeglichen – mehrheitlich
„(eher) ja“ – einheitlich „(eher) ja“.

22 |
zumindest mehrheitlich ein „(eher) nein“ angekreuzt wurde. Zwischen diesen beiden
Polen steht der Mittelbereich mit zwölf Amtsinhabern.
30
Die Einschätzung der Stärke eines Akteurs dürfte nicht frei sein vom Verhältnis zwi-
schen dem Bewerter und dem zu Bewertenden. Ausgehend von der Annahme, dass
der
starke
Bürgermeister generell als
wünschenswert
eingeschätzt wird, müsste diese
Einschätzung bei denjenigen Fraktionsvorsitzenden häufiger vorkommen, die ein po-
sitives Verhältnis zu ihm aufweisen. Dies bestätigt sich.
31
Parteipolitische Divergenz,
eine kritischere Einstellung zum Oberbügermeister und ein nicht-positiv eingeschätztes
Oberbürgermeister-Fraktionsverhältnis bringen die Folge mit sich, dass der Oberbürger-
meister weniger ausgeprägt als zentraler Akteur eingeschätzt/wahrgenommen wird.
Somit liegt eine andere Situation vor, als wenn die (formale und abstrakte) institutionelle
Stärkebestimmung mittels Analyse der rechtlichen Bestimmungen vorgenommen wird.
2.2
Bewertung des parteipolitischen
Einflusses auf die jeweilige Stadt
Ein großer Einfluss von Parteien verstärkt die konkurrenzdemokratische Ausprägung.
Aufgrund der generellen Zuordnung Sachsens zu den konsensdemokratischen Ländern
dürfte/sollte der Einfluss nicht so stark ausfallen. Sowohl die Oberbürgermeister als
auch die Fraktionsvorsitzenden wurden gebeten, den Einfluss der Parteien in den letzten
Jahren
allgemein
auf die Politik ihrer Stadt einzuschätzen. Die Akteure sind sich einig,
dass eine Zunahme des parteipolitischen Einflusses die Ausnahme darstellt.
Sicht der Oberbürgermeister zum Einfluss der Parteien auf die
Politik
der Stadt:
(eher) zugenommen: 9,1 %, keine Veränderung: 59,1 %, (eher) abgenommen: 31,8 %;
Sicht der Fraktionsvorsitzenden zum Einfluss der Parteien auf die Politik der Stadt:
(eher) zugenommen: 20,6 %, keine Veränderung: 37,3 %, (eher) abgenommen: 38,2 %.
32
In den drei Großstädten hat nur ein Fraktionsvorsitzender sich für „(eher) abgenom-
men“ entschieden, ansonsten wurden (sieht man von dem einen Fall ab, der kein Votum
30
Dieser Bereich könnte wie folgt gegliedert werden: nur
administrativ
starker BM, nur
politisch
starker BM,
administrativ
schwacher BM,
politisch
schwacher BM sowie BM ohne Stärke und
Schwäche (in beiden Arenen weisen diese dann ein „unentschieden“ auf).
31
Parteizugehörigkeit (gleich wie OBM / OBM hat andere Parteimitgliedschaft / OBM ist partei-
los) und Einschätzung der Stärke des OBM (a) in der Verwaltung, (b) im Stadtrat: V für (a): 0.29,
V für (b): 0.31; Einstellung der eigenen Fraktion gegenüber dem OBM (kritischer / wenig kri-
tisch / gleich bzw. ähnlich wie andere Fraktionen) und Einschätzung seiner Stärke (a) in der Ver-
waltung, (b) im Stadtrat: V für (a): 0.34, V für (b): 0.33; Verhältnis OBM–Fraktion ((eher) negativ /
(eher) positiv / neutral) und Einschätzung der Stärke des Oberbürgermeisters (a) in der Verwal-
tung, (b) im Stadtrat: V für (a): 0.45, V für (b): 0.38.
V steht für den Kontingenzkoeffizienten Cramer´s V. Er wird bei zwei nominalen Variablen be-
nutzt. Sein Wert kann zwischen 0 und 1 liegen. Je höher der Wert ausfällt, desto stärker ist der
Zusammenhang zwischen den Variablen.
32
Vier Personen (= 3,9 %) haben keine Einschätzung abgegeben.

| 23
abgegeben hat) die beiden anderen Alternativen ausgewählt. Damit bestätigt sich die
allgemeine Erkenntnis, dass die
partei
politische Prägung in diesen Städten eine andere
Bedeutung aufweist als in den Mittelstädten.
Mehrheitlich findet sich in den anderen 24 Städten eine gleichbleibende oder abneh-
mende Tendenz im Hinblick auf den allgemeinen
partei
politischen Einfluss. Nur in zwei
Städten führt die Auszählung von + (= zunehmend) und - (= abnehmend) zu einem
(einfachen) +, d. h. als Saldo ergibt sich ein „(eher) zugenommen“. Die Sichtweisen von
Oberbürgermeistern und Fraktionsvorsitzenden liegen nur in einer Stadt diametral aus-
einander, so dass sich ihre Einschätzungen als eher deckungsgleich offenbaren.
Ergänzend wurde um Einschätzung gebeten, wie stark der Einfluss der lokalen Partei-
organisationen bzw. lokalen Organisation der Wählervereinigung auf die Arbeit der
Fraktionen
im Stadtrat ist. Die Oberbürgermeister wurden gebeten, dies im Hinblick
auf die Fraktionen allgemein, die Fraktionsvorsitzenden im Hinblick auf ihre Fraktion
einzuschätzen:
Sicht der Oberbürgermeister zum Einfluss der Parteien auf die
Fraktionen
im Stadtrat:
(eher) groß: 27,3 %,
(eher) klein: 63,6 %,
ohne Votum: 9,1 %;
Sicht der Fraktionsvorsitzenden zum Einfluss der Parteien auf ihre Fraktion:
(eher) groß: 30,4 %,
(eher) klein: 55,9 %,
ohne Votum: 13,7 %.
33
Wenn es um den parteipolitischen Einfluss auf die
Fraktionen
geht, so liegen die
Einschätzungen der beiden Akteure deutlich näher beieinander als oben beim
generellen
Einfluss.
Auch hier sollte eine Trendaussage gegeben werden:
Sicht der Oberbürgermeister zum Einfluss der Parteien auf die
Fraktionen
im Stadtrat:
(eher) zugenommen: 22,7 %, keine Veränderung: 45,5 %, (eher) abgenommen: 27,3 %;
Sicht der Fraktionsvorsitzenden zum Einfluss der Parteien auf ihre Fraktion:
(eher) zugenommen: 24,5 %, keine Veränderung: 48,1 %, (eher) abgenommen: 17,6 %.
34
Die Fraktionsvorsitzenden in den drei Großstädten haben beim generellen politischen
Einfluss mehrheitlich eine zunehmende Tendenz erkannt. Dies spiegelt sich jedoch beim
Einfluss auf
ihre
Fraktion nicht wider: Mehrheitlich wurde keine Veränderung konstatiert.
33
Teilweise erklärt sich diese hohe Zahl dadurch, dass bei nicht allen Wählervereinigungen eine
fraktionsunabhängige lokale Organisationsstruktur vorliegt.
34
Bei den OBM hat eine Person kein Votum abgegeben, bei den FV waren es zehn, was 9,8 %
entspricht.

24 |
Das Gesamtergebnis zeigt, dass der Einfluss der Parteien auf die Stadt generell bzw.
auf die Fraktionen speziell als nicht zu bedeutend einzuschätzen ist, was sich mit dem
Ergebnis einer bundesweiten Befragung deckt.
35
2.3
Parteipolitische Prägung des Oberbürgermeisters
Dem Bürgermeister kommen nach der Sächsischen Gemeindeordnung drei Funktionen
zu: Er ist
gesetzlicher Vertreter (§ 51 Abs. 1 SächsGemO) und politischer Repräsentant der
Gemeinde,
stimmberechtigtes Mitglied des Stadtrats und zugleich dessen Vorsitzender (§§ 29
Abs. 1, 36 Abs. 1 SächsGemO), ebenso der beschließenden Ausschüsse,
Leiter der Verwaltung (monokratische Leitungsorganisation) und Dienstvorgesetzter
der Bediensteten (§§ 51 Abs. 1, 53 SächsGemO).
Das Selbstbild der Bürgermeister kann – je nachdem welche Antwortkategorien – bei
einer Befragung zur Auswahl stehen, in Beziehung zu diesen rechtlichen Funktionen
stehen, aber auch von ihnen losgelöst beschrieben werden.
36
Die Partei-/WV-Ober-
bürgermeister wurden direkt nach ihrer Repräsentationsrolle im Hinblick auf ihre politi-
sche Organisation gefragt. Fünf Personen haben diese parteiliche Repräsentationsfunk-
tion als „(eher) stark“ eingeschätzt (drei davon sind Wählervereinigungen zuzuordnen),
zwei als „(eher) schwach“, vier als „in der Mitte zwischen stark und schwach“ liegend
und zwei gaben keine Zuordnung an. Die
partei
gebundenen Oberbürgermeister haben
somit mehrheitlich nicht für „(eher) stark“ votiert, was mit der konkordanzdemokra-
tischen Ausprägungsvermutung korrespondiert. Nicht einbezogen sind die parteige-
bundenen OBM, die als Einzelbewerber in ihr Amt kamen. Es ist zu vermuten, dass sich
solche Personen ebenfalls weniger stark als Parteirepräsentant einschätzen.
37
35
Zum Einfluss der Parteien auf Entscheidungen der Ratsfraktionen aus Sicht von Ratsmitgliedern
wurde ein deutschlandweiter Mittelwert von 2,41 errechnet; in Sachsen liegt er mit 2,04 darun-
ter, was einen geringeren Einfluss bedeutet (vgl. Egner/Krapp/Heinelt 2013: S. 76).
36
Für Sachsen siehe Schleer 2003: S. 57: Neben „Chef der Verwaltung“, „Chef des Rates“ und „Re-
präsentant der Gemeinde“ wurden auch angeboten: „erster Bürger“, „oberster Manager“ und
„´Mädchen´ für alles“. Zwischen großen und kleinen Gemeinden kam es zu deutlichen Unter-
schieden bei der Häufigkeitsverteilung: In den größeren Gemeinden (dort ab 10.000 Einwoh-
nern) wählten 33 % die Funktion des „obersten Managers“, gefolgt mit gleich großen Anteilen
von rd. 22 %: „erster Bürger“ und „´Mädchen´ für alles“. Die Zustimmung zur letzten Variante
betrug in den Gemeinden unterhalb dieser Größenordnung zwischen 32 und 67 % (Befragung
fand 1999 statt).
37
Dies wird indirekt dadurch bestätigt, dass von diesen Personen keiner bejaht hat, im Wahlkampf
das Logo bzw. den Namen einer Partei verwendet zu haben. Genaue Fragestellung: „Haben Sie
bei Ihrem Wahlkampf das Logo bzw. den Namen einer Partei/Wählervereinigung verwendet bzw.
haben Sie – wenn Ihre Wahl bereits mehr als fünf Jahre zurückliegt – Entsprechendes vor, wenn
Sie sich zur Wiederwahl stellen?“ Bei den Partei-/WV-OBM haben 7 von 13 (zweimal nein, vier-
mal k. A.) diese Verwendung in Bezug auf eine Partei bejaht.

| 25
2.4 Vorliegen von „Regierungskoalition und Opposition“
Staatliche Parlamente sind geprägt durch ihre Zweiteilung in regierungstragende Frak-
tionen, deren Zusammenarbeit auf einem von den Parteien abgeschlossenen Koali-
tionsvertrag basiert, und Oppositionsfraktionen. Diese Differenzierung erweitert die
generelle
Konkurrenz zwischen den
Parteien/Fraktionen
um eine
spezielle
Konkurrenz
zwischen Regierungs- und Oppositions
lager
. Je stärker der Wettbewerb zwischen Par-
teien/Fraktionen generell und den beiden Lagern speziell ausfällt, umso deutlicher zeigt
sich die konkurrenzdemokratische Ausprägung der Demokratie (auf staatlicher Ebene).
Auf kommunaler Ebene findet sich diese Zweiteilung ihrer Volksvertretungen in die
beiden Lager weniger häufig. Es wurde gefragt, wie die Situation im Stadtrat einge-
schätzt wird, ob so etwas wie eine Regierungskoalition und eine Opposition vorliegt
(alle Befragten haben ein Votum abgegeben):
Oberbürgermeister:
(eher) ja:
27,3 %,
(eher) nein: 72,7 %,
Fraktionsvorsitzende:
(eher) ja:
55,9 %,
(eher) nein: 44,1 %.
Das Votum unterscheidet sich deutlich. Die Akteure im politischen Teilsystem sehen
bei sich – wenn auch nicht mit so deutlicher Ausprägung wie die Oberbürgermeister
im umgekehrten Fall – mehrheitlich eine Konstellation, die derjenigen in staatlichen
Parlamenten ähnelt. Die Mehrheit der Fraktionsvorsitzenden hat somit die
strukturelle
Parteipolitisierung/Differenzierung des Stadtrats bejaht. Damit zeigt sich für Sachsen
ein Ergebnis, das dem bundesweiten entspricht. Die Ratsmitglieder sind sich darüber
bewusst, „wie sich die Mehrheitsverhältnisse in ihrem Gemeinderat darstellen und
dass es – zumindest in der Regel – eindeutig ist, welche Ratsmitglieder bzw. Fraktio-
nen zur Mehrheit bzw. zur Minderheit gehören … Die Dichotomie Mehrheit/Minder-
heit [ist] in den Köpfen des übergroßen Teils der Ratsmitglieder fest verankert.“ (Egner/
Krapp/Heinelt 2013: S. 101).
Bei der stadtbezogenen Betrachtung relativiert sich die Mehrheit etwas, doch die
Differenz zur Einschätzung der Oberbürgermeister bleibt bestehen:
Städte, bei denen
die Mehrheit der Fraktions vorsitzenden für „(eher) ja“ votiert:
4 (51,9 %),
die Mehrheit der Fraktions vorsitzenden für „(eher) nein“ votiert:
10 (37,0 %),
sich keine Mehrheit für eine Ausprägung zeigt:
3 (11,1 %).

26 |
Die Fraktionsvorsitzenden sollten darüber hinaus ihre eigene Fraktion einer Seite
zuordnen:
38
34,3 % ordnen ihre Fraktion zur „regierungstragenden Seite“, von diesen 35 Frak-
tionen rechnen sich 25 (= 71,4 %) zu den drei größten Fraktionen.
32,4 %
ordnen ihre Fraktion zur „Oppositionsseite“, von diesen 33 Fraktionen rech-
nen sich 18 (= 54,5 %) zu den drei größten Fraktionen.
29,4 % entscheiden sich für weder die eine noch die andere Seite, von diesen
30 Fraktionen rechnen sich 13 (= 43,3 %) zu den drei größten Fraktionen.
Aus Sicht eines Bürgermeisters dürfte eine Oppositionsfraktion, die zu den großen
Fraktionen zählt, problematischer sein als wenn es sich um eine kleine Fraktion han-
delt, einfach deshalb, weil sie ein höheres Stimmengewicht im Stadtrat einbringt. Eine
große Fraktion, die echte Oppositionsarbeit betreibt, kann sicherlich stärker zu einer
konkurrenzdemokratischen Ausprägung beitragen. Andererseits kann auch eine kleine
entsprechend agierende Fraktion ihren Einfluss auf diese Ausprägung geltend machen.
39
Die Verteilung offenbart ein kommunales Spezifikum, wenn fast ein Drittel keine Ein-
ordnung zu den beiden Lagern vornehmen kann/will. Dieser hohe Wert ist insbesondere
denjenigen Personen zu verdanken, die als nicht parteigebunden gelten: Dort beträgt
der Wert der Unentschiedenen 45 % (N = 20), bei den anderen Fraktionsvorsitzenden
hingegen lediglich 25,6 % (N = 82). Somit bestätigt sich die allgemeine Erfahrung, dass
die
formale
Parteipolitisierung auf die
strukturelle
einwirkt.
Verbindet man die beiden Fragen nach der
generellen
Situation im Stadtrat mit der Ein-
schätzung der
eigenen
Fraktion, so kommt es zu folgender Verteilung:
Vorliegen einer Konstellation
in Form von Regierungs-
koalition-Opposition:
Zuordnung der eigenen Fraktion zur
Regierungsseite Oppositionsseite
Weder-noch
Ja
(N = 57):
25 (43,9 %)
22 (38,6 %)
10 (17,5 %)
Nein (N = 45):
(davon 4 ohne Votum)
10 (22,2 %)
11 (24,4 %)
20 (44,4 %)
57 Fraktionsvorsitzende erkennen in ihrem Stadtrat so etwas wie eine Regierungs-
koalition und Opposition, davon können aber 17,5 % ihre Fraktion nicht einer der beiden
Seiten zuordnen. Umgekehrt sehen 45 Befragte in ihrem Stadtrat keine entsprechende
38
Vier Personen (= 3,9 %) haben kein Votum abgegeben.
39
Als historisches Beispiel kann hier auf die Grünen verwiesen werden, die im Vergleich zu an-
deren Fraktionen eine stärkere Konfliktorientierung aufwiesen. Obwohl es sich zu Beginn um
kleine Fraktionen handelte, haben sie durch spezielle Aktionen das politische Klima in den Räten
beeinflusst und die prozedurale Parteipolitisierung verstärkt (vgl. Holtkamp 2008: S. 314 ff.).

| 27
Struktur, aber 46,6 % haben ihre Fraktion zur regierungstragenden Seite bzw. zur Oppo-
sitionsseite erklärt. Auf der kommunalen Ebene muss somit zwischen der
allgemeinen
Wahrnehmung der
Ratsstruktur
und der
speziellen
Einschätzung der
eigenen Fraktion
differenziert werden, wobei die Einordnung der eigenen Fraktion zu einem der beiden
„Lager“ ohne zuvor das Vorhandensein der beiden „Lager“ festzustellen, etwas kurios
anmutet. Dies könnte sich bspw. dadurch erklären, dass der Begriff der „Regierungsko-
alition“ inhaltlich anspruchsvoller verstanden wird als der Begriff der „Regierungsseite“.
Im Fragebogen wurde bewusst nicht von Mehrheits- und Minderheitsfraktion(en) son-
dern von Regierungskoalition bzw. regierungstragender Seite und Opposition(sseite)
gesprochen. Durch diese Wortwahl mit ihrer Bezugnahme zur „Regierung“ wird von
einem politischen Gleichklang zwischen dem Hauptverwaltungsbeamten und diesen
Fraktion(en) ausgegangen. In staatlichen Parlamenten verbindet sich damit stets ein
Wohlwollen gegenüber der „eigenen“ Regierung, verbunden mit einer weniger öffent-
lichkeitswirksamen und strengen Kontrolle der Regierung. Zugleich ist es ein typisches
Merkmal der Opposition, dass sie dem Haushalt ihre Zustimmung versagt. In Folge die-
ser Punkte kann davon ausgegangen werden, dass das Verhältnis zwischen Regierung
und Opposition eher angespannt (bzw. weniger entspannt) sein dürfte.
Im kommunalen Bereich ist von diesen klaren Konsequenzen jedoch nicht in
jedem
Fall
auszugehen. Dies zeigt das Antwortverhalten der Fraktionsvorsitzenden:
Tabelle 1:
Unterschiede zwischen Fraktionen der regierungstragenden und der
Oppositionsseite
Eigene Fraktion wird zugeordnet zu:
40
Regierungstragende
Seite (N = 35)
Oppositions-
seite (N = 33)
Weder-noch
(N = 30)
1 A) Votum beim Haushalt 2013:
V: 0.56
(a) geschlossen dafür
27
77,1 %
11 33,3 %
23
76,7 %
(b) geschlossen dagegen
1
2,9 %
12 36,4 %
0
(c) uneinheitlich
2
5,7 %
7 21,2 %
4
13,3 %
(d) keine Festlegung
5
14,2 %
3
9,1 %
3
10,0 %
B) Votum beim Haushalt 2012:
V: 0.53
(a) geschlossen dafür
33
94,3 %
17 51,5 % 22 73,3 %
(b) geschlossen dagegen
1
2,9 %
10 30,3 %
0
(c) uneinheitlich
0
6 18,2 %
7 23,3 %
(d) keine Festlegung
1
2,9 %
0
1
3,3 %
40
Vier Fragebögen ohne Festlegung

28 |
Eigene Fraktion wird zugeordnet zu:
40
Regierungstragende
Seite (N = 35)
Oppositions-
seite (N = 33)
Weder-noch
(N = 30)
2 Einstellung der eig. Fraktion ge-
genüber OBM im Vergleich zu
anderen Fraktionen: V: 0.60
(a) (eher) kritisch
4
11,4 %
23 69,7 % 10
33,3 %
(b) (eher) weniger kritisch
16
45,7 %
5 15,2 % 12 40,0 %
(c) gleich/ähnlich
15
42,9 %
5 15,2 %
8
26,7 %
(d) keine Festlegung
0
0
0
3 Einschätzung des Verhältnisses
„OBM – eigene Fraktion“: V: 0.66
(a) (eher) positiv
26
74,3 %
5 15,2 % 13 43,3 %
(b) (eher) negativ
0
13 39,4 %
6
20,0 %
(c) neutral
8
22,9 %
13 39,4 %
11 36,7 %
(d) keine Festlegung
1
2,9 %
2
6,1 %
0
Die Werte zwischen „regierungstragender Seite“ und „Oppositionsseite“ weisen deutli-
che Unterschiede auf, so dass in der Gesamtheit diejenigen Fraktionen, die sich der Op-
positionsseite zuordnen, weniger geschlossen für einen Haushalt stimmen, mehrheit-
lich eine (eher) kritische Einstellung zum Oberbürgermeister einnehmen und weniger
ein (eher) positives Verhältnis des Oberbürgermeisters zu ihnen erkennen als Frakti-
onsvorsitzende, die ihre Fraktion zur regierungstragenden Seite oder als „Weder-noch“
klassifiziert haben. Jedoch kann aus einer Zuordnung zur Oppositionsseite (anders als
im staatlichen Bereich) nicht
durchgängig
auf Ablehnung des Haushalts, auf kritische
Einstellung und gar auf ein negatives Verhältnis Oberbürgermeister – Fraktion ge-
schlossen werden.
Führt man die beiden Items 2 und 3 zusammen, so können folgende drei Konstella-
tionen als „in sich stimmig“ bewertet werden:
Konstellation I: 2 (b) und 3 (a) =
ent
spannte Oberbürgermeister-Fraktions-Beziehung,
Konstellation II: 2 (a) und 3 (b) =
an
gespannte Oberbürgermeister-Fraktions-Beziehung,
Konstellation III: 2 (c) und 3 (c) = neutrale Beziehung zwischen Oberbürgermeister
und Fraktion.
Von den 95 Fällen, die sich bei den beiden Fragen auf
jeweils
eine Position festlegen
konnten, findet sich 51-mal eine „In-Sich-Stimmigkeit“ (= 53,7 %; 24-mal Konstella-
tion I, 17-mal Konstellation II und 10-mal Konstellation III). In 46,3 % ist dies nicht der
Fall, wobei die – streng genommen sich ausschließenden – Konstellationen, dass sowohl
bei Item 2 als auch bei Item 3 (a) bzw. (b) ausgewählt wurde, nur zweimal auftreten.

| 29
Von den 24 Fraktionsvorsitzenden, die eine
ent
spannte Beziehung zwischen ihrer Frak-
tion und dem Oberbürgermeister angaben, haben sich 14 (= 58,3 %) der „regierungs-
tragenden Seite“ zugeordnet, acht (= 33,3 %) haben sich für „Weder-noch“ entschieden
und zwei (= 8,3 %) sehen ihre Fraktion auf der Seite der Opposition. 17 Fraktions-
vorsitzende sehen eher eine
an
gespannte Beziehung zwischen Fraktion und Oberbürger-
meister. Davon ordnen sich zwölf (= 70,6 %) zur Oppositionsseite und fünf (= 29,4 %)
zu „Weder-noch“ zu.
Insgesamt haben 33 Befragte ihre Fraktion zur regierungstragenden Seite und 31 zur
Oppositionsseite zugeordnet:
41
V für (a) + (d): 0.87,
V für (a) - (d): 0.65
Eigene Fraktion gehört zur
regierungstragenden Seite
Oppositionsseite
(a) Entspannte Beziehung
zum OBM
14 (42,4 %)
2
(6,5 %)
(b) Bei einer Frage:
positives Votum
13 (39,4 %) (∑ 81,8 %)
6 (19,4 %) (∑ 25,9 %)
(c) Bei einer Frage:
negatives Votum
4 (12,1 %)
8 (25,8 %)
(d) Angespannte Bezie-
hung zum OBM
0
(∑ 12,1 %) 12 (38,7 %) (∑ 64,5 %)
(e) Neutrale Beziehung
zum OBM
2
(6,1 %)
3
(9,7 %)
Eine Fraktion der „regierungstragenden Seite“ hat mehrheitlich eine eher positive
Beziehung zum Oberbürgermeister, eine Fraktion der Oppositionsseite mehrheitlich eine
eher negative. Die Gegenüberstellung zeigt ergänzend, dass rund ein Drittel der sich
selbst als Oppositionsfraktion Einschätzenden aber keine negative Beziehung zum OBM
aufweist. Eine Ursache könnten hier die Kohabitationsverhältnisse sein (siehe Fn. 13).
Anders als im staatlichen Parlament, wo es stets einen parteipolitischen Gleichklang
zwischen Parlamentsmehrheit und Regierungschef gibt, kann der Bürgermeister das
Parteibuch einer Fraktion aufweisen, die sich als Opposition sieht, weil sich bspw. drei
andere Fraktionen (formell oder informell) zu einer „Koalition“ zusammengeschlos-
sen haben. Damit stößt man aber auch begrifflich an Grenzen: Wie interpretiert der
befragte Fraktionsvorsitzende die Begriffe „regierungstragende“ und „Oppositions-
seite“ – nimmt er als Bezug die Ratssituation oder (ergänzend auch oder ersetzend)
das (parteipolitische) Verhältnis zum Bürgermeister? Allerdings zeigt die Befragung,
dass es sich hierbei um ein (eher) theoretisches Konstrukt handelt, dessen reales Vor-
kommen – jedenfalls was diesen Rücklauf betrifft – sich nicht bestätigte: Kein sich der
41
Berücksichtigt sind nur diejenigen Fragebögen, die sowohl bei Item 2 als auch bei Item 3 eine
Zuordnung vorgenommen haben.

30 |
Oppositions
seite zuordnender Fraktionsvorsitzender hat die Frage, ob der Oberbürger-
meister zur gleichen Partei bzw. Wählervereinigung gehört, bejaht. Und auch bei den
Fraktionsvorsitzenden, die „Weder-noch“ angegeben haben, findet sich bis auf drei
Ausnahmen (= 10 %) keine solche Bejahung.
42
Zugleich haben die Fraktionsvorsitzen-
den, die sich zur Oppositionsseite zählen, zu rd. 64 % angegeben, dass der Oberbür-
germeister eine andere Parteizugehörigkeit aufweist; bei der Regierungsseite beträgt
dieser Anteil hingegen nur 26 %. Somit führt die
Partei
zugehörigkeit des Hauptver-
waltungsbeamten zur Unterscheidung zwischen Regierungs- und Oppositionsseite: Der
parteiliche Nicht-Gleichklang mit dem Oberbürgermeister, weil dieser
parteilos
ist, liegt
bei den sich zur Opposition zugeordneten Fraktionsvorsitzenden mit rd. 36 % deutlich
unter den 64 %, aber mit 43 % zugleich deutlich über den 26 %.
43
Die Einschätzung der Fraktionsvorsitzenden ist in Vergleich zu setzen mit der Einschät-
zung der Oberbürgermeister.
Von den 22 Amtsinhabern sehen acht Personen (= 36,4 %)
eine
Fraktion, die gegen-
über ihnen besonders kritisch eingestellt ist oder agiert, fünf Personen (= 22,7 %)
erkennen
zwei
solcher Fraktionen und eine Person ordnet
mehr als zwei
Fraktionen
dieser Einstellung zu; sechs Antwortende (= 27, 3 %) haben keine entsprechende
Fraktion ausgemacht (zwei Fragebögen sind ohne Votum). Mehrheitlich wird so-
mit mindestens eine Fraktion als „schwierig“ empfunden, davon wiederum bleibt
es mehrheitlich aber auch bei
einer
Fraktion. Im Großen und Ganzen agieren die
Oberbürgermeister offensichtlich in einem eher als nicht unangenehm empfunde-
nen „parlamentarischem“ Umfeld.
Das Verhältnis Fraktionen – Oberbürgermeister wird wie folgt eingeschätzt: 14 Ober-
bürgermeister (= 63,6 %) sehen ein (eher) positives Verhältnis zur
Mehrheit
der
Fraktionen, 5 (= 22,7 %) sogar „zu
allen
Fraktionen (mit maximal einer Ausnahme)“.
Jeweils nur ein Amtsinhaber hat ausgewählt „etwa zur Hälfte“ und „zu weniger als
der Hälfte“; eine Person hat kein Votum abgegeben. Das bestätigt die Ausnahme
zum obigen Spiegelpunkt.
42
Nach der Kommunalwahl 2014 haben in der Landeshauptstadt Dresden Grüne/Linke/Piraten/
SPD ein „Bündnis“ mit einer knappen Mehrheit gebildet. Die größte Fraktion, die CDU, stellt zu-
gleich die Oberbürgermeisterin. Hier könnte nun die Konstellation vorliegen, dass die CDU sich
zur Oppositionsseite einschätzt und zugleich den Hauptverwaltungsbeamten stellt – ein Kohabi-
tationsverhältnis par excellence! Allerdings entspricht dies nicht der subjektiven Wahrnehmung:
Auf die Frage „wie fühlen Sie sich so als Oppositionsführer“ antwortete der CDU-Fraktionsvor-
sitzende: „Ich sehe mich nicht als Oppositionsführer“, sondern „als Fraktionsvorsitzender der
größten Fraktion … Deshalb haben wir den Anspruch zu gestalten.“ (Dresdner Neueste Nach-
richten v. 06.10.2014, S. 13).
43
Die Vermutung, dass die Parteilosigkeit von OBM für eine indifferente Haltung im Sinne von
„Weder-noch“ und für „keine Angabe“ verantwortlich gemacht werden kann, bestätigt sich nicht:
Von den 33 Personen, die zugleich auch eine Zuordnung zum OBM vorgenommen haben, gibt es
bei drei einen parteipolitischen Gleichklang zum OBM, 21 (= rd. 64 %) haben angegeben, dass
der OBM eine andere Parteizugehörigkeit hat, und nur 9 Personen (= 27 %) geben an, dass der
OBM parteilos ist.

| 31
Kein Oberbürgermeister ist der Meinung, dass
keine
Fraktion ihm nahesteht oder
ihm gegenüber wohlwollend eingestellt ist: Zehn haben
mehr als zwei
wohlwol-
lende Fraktionen erkannt, sechs Personen genau zwei solcher Fraktionen und vier
Befragte
eine
entsprechende Fraktion (drei ohne Votum).
44
Inwieweit in den unter-
suchten Fällen ein echtes Kohabitationsverhältnis vorliegt, kann aus der Befragung
nicht erschlossen werden.
Eine weitere Konsequenz einer strukturellen Parteipolitisierung in einer staatlichen
Vertretungskörperschaft kann das unterschiedliche Verhalten der Regierung gegen-
über den einzelnen Fraktionen sein. Im kommunalen Bereich könnte sich dies darin
zeigen, dass der Bürgermeister die Fraktionen unterschiedlich behandelt. Die Ober-
bürgermeister wurden gebeten, ihr Verhalten gegenüber den Fraktionen einzuschät-
zen; zur Auswahl standen die beiden Alternativen „ich behandle (max. 1 Ausnahme)
alle weitgehend gleich“
45
und „ich differenziere (doch ab und zu)“. Von den 22 Amts-
inhabern hat sich einer nicht festgelegt, nur zwei haben die Differenzierungsalterna-
tive gewählt, der Rest behandelt nach eigener Einschätzung die Fraktionen weitgehend
gleich. Die Einschätzung der Fraktionsvorsitzenden ergibt zwar auch eine klare Mehr-
heit für die Gleichbehandlung, doch etwas differenzierter fällt das Votum hier schon
aus: 38,2 % sehen eine Differenzierung, 59,8 % verneinen dies, zwei Personen haben
sich nicht festgelegt. Eigenbild und Fremdbild der Bürgermeister unterscheiden sich
– ein Phänomen, was sich nicht erst bei diesem Punkt offenbart.
2.5 Abstimmungsverhalten
In staatlichen Parlamenten ist das einheitliche Abstimmen der Mitglieder einer Fraktion
üblich, was (mit negativer Konnotation) als Fraktionszwang oder (freundlicher formuliert)
44
Die kleine Anzahl der Nennungen erschwert es, gesicherte verfeinerte Analyse zu bilden: Bei den
EB-OBM, liegt der Anteil, der mehr als zwei wohlwollende Fraktionen erkennt, über dem Anteil
bei den Partei-/WV-OBM, so dass eine Verbindung zur formalen Parteipolitisierung bestehen
könnte. Die als wohlwollend eingeschätzten Fraktionen stellen aus Sicht der „partei
losen
“ Amts-
inhaber in fünf Fällen die Mehrheit im Stadtrat (nur zwei haben dies verneint); bei den „partei-
gebundenen
“ Stadtoberhäuptern erkennt die Mehrheit hingegen keine Ratsmehrheit bei diesen
Fraktionen (dies trifft in sieben Fällen zu, wohingegen (nur) in fünf Fällen eine solche Mehr-
heit vorliegt). Gleich wie diese Fraktionen stimmten die OBM (a) (fast)immer oder (b) häufig ab:
„parteigebunden“: siebenmal (a), fünfmal (b), „parteilos“: dreimal (a), viermal (b). Die Teilnahme
an Sitzungen dieser Fraktionen ist für die „parteigebundenen“ OBM eine Selbstverständlichkeit:
(fast) immer: siebenmal, häufig: einmal, ab und zu: dreimal, nicht: einmal; bei den „parteilosen“
Akteuren lautet die Verteilung: 0 – 0 – dreimal – dreimal.
Auch wenn die Fallzahlen und Unterschiede klein sind, so zeigt sich in der Summe, dass die
formale
Parteipolitisierung die
strukturelle
beeinflusst (ob dies tatsächlich der Fall ist oder ob
nur eine andere Wahrnehmung vorliegt, kann natürlich nicht beurteilt werden): Partei-/WV-OBM
haben weniger Fraktionen in ihrem Stadtrat, die sie als nahestehend/wohlwollend einschätzen,
sie haben mit unklareren Mehrheitsverhältnissen zu kämpfen sie weisen in ihrem Abstimmungs-
verhalten und in ihrem Teilnahmeverhalten in Bezug auf Fraktionssitzungen eine größere Ver-
bundenheit zu diesen Fraktionen auf – Punkte, die weniger stark mit der konkordanzdemokra-
tischen Ausprägung in Verbindung gebracht werden.
45
Mit der Zulassung der einen Ausnahme wurde die Möglichkeit eröffnet, bspw. bei einer rechts-
extremistischen Fraktion anders zu agieren.

32 |
auch als Fraktionssolidarität oder (neutral formuliert) als Fraktionsgeschlossenheit/
-disziplin bezeichnet wird bzw. werden kann. Entsprechendes findet sich auch auf der
kommunalen Ebene. 88,2 % der Fraktionsvorsitzenden haben das Abstimmungsverhal-
ten ihrer Fraktion 2012 als „zumeist einheitlich“ eingeschätzt, fünf Personen (= 4,9 %)
haben für „zumeist nicht einheitlich“ und sechs (= 5,9 %) für „hielt sich in etwa die
Waage“ votiert (eine Person ist ohne Festlegung).
46
Eine ähnliche Verteilung zeigt sich
bei der Folgefrage, bei der die Fraktionsvorsitzenden das Abstimmungsverhalten der
anderen Fraktionen einschätzen sollten (Bezugsjahr ebenfalls 2012): 72,5 % sind der
Auffassung, dass eher die Mehrheit der Fraktionen zumeist einheitlich abstimmte, nur
4,9 % gehen davon aus, dass die Minderheit der Fraktionen zumeist einheitlich ab-
stimmte und 22,5 % schätzen ein, dass es sich in etwa die Waage hielt. Sowohl in der
Eigen
wahrnehmung der Fraktion als auch in der
Fremd
wahrnehmung der anderen Frak-
tionen werden überwiegend geschlossene Fraktionsabstimmungen konstatiert, so dass
sie für das kommunale Abstimmungsverhalten in Mittel- und Großstädten als typisch
gelten dürfen. Dies deckt sich mit Befragungsergebnissen aus anderen Ländern: Der
Aussage „Die Ratsmitglieder meiner Fraktion stimmen im Rat fast immer geschlossen
ab“ stimmten in Baden-Württemberg 2002 rund 75 % zu, in Nordrhein-Westfalen
96 % (2002) bzw. 97 % (2010) (Holtkamp 2012b: S. 199). Sachsen liegt zwischen den
beiden Werten: Es erscheint somit weniger konkordant als Baden-Württemberg, aber
konkordanter als Nordrhein-Westfalen.
Wie im Kap. 2.4 bereits vorgestellt, wurde auch nach dem Abstimmungsverhalten bei
der Verabschiedung des Haushalts gefragt. Geschlossene Abstimmungen sind auch
hier die Regel: beim Haushalt für 2013: 75,5 %, beim Haushalt für 2012: 84,3 %;
47
uneinheitliche Abstimmung beim Haushalt für 2013 und 2012 jeweils 12,7 %. Der hohe
Anteil an einem fehlendem Votum beim Haushalt für 2013: (12 Personen, Haushalt für
2012: nur 3) liegt daran, dass zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht in allen Städ-
ten über den Haushalt entschieden wurde.
Die Eigensicht der Fraktionsvorsitzenden korrespondiert mit der Fremdsicht der Ober-
bürgermeister: 16 (= 72,7 %) sind der Meinung, dass die Mehrheit der Fraktionen
geschlossen abstimmt, drei, dass dies die Minderheit tut, und drei haben sich für „hielt
sich in etwa die Waage“ entschieden. Ähnliches zeigt sich bei der Einschätzung zum
Abstimmungsverhalten bei den Haushalten: für 2013: 16-mal „Mehrheit der Fraktio-
nen stimmte geschlossen ab“, für 2012: 17-mal.
46
Von den elf Personen sind fünf Vorsitzende einer Fraktion, die nicht nur aus
einer
Partei besteht
(Gesamtsumme dieser Fraktionen bei der Befragung: 11), was ein Hinweis darauf sein könnte,
dass solche
Misch
fraktionen durchaus eher als heterogene Gebilde auftreten und sich somit bei
ihrem Abstimmungsverhalten von den klassischen
Uni
fraktionen unterscheiden.
47
Im Regelfall wird dem Haushalt
zu
gestimmt. Beim Haushalt für 2013 finden sich nur 13 Nen-
nungen (= 16,8 %, N = 77), die dagegen gestimmt haben, beim Haushalt für 2012 zeigt sich mit
11 Fällen (= 12,8 %, N = 86) ein vergleichbares Bild.

| 33
Neben der Frage, wie geschlossen oder offen Fraktionen abstimmen, ist im Rahmen
der Analyse des Agierens im kommunalen Parlament noch zu betrachten, ob Entschei-
dungen eher mit knapper Mehrheit (= Ausdruck der Abstimmungs-/Konkurrenzdemo-
kratie) oder großer Mehrheit (= Ausdruck der Verhandlungs-/Konkordanzdemokratie)
gefällt werden. Differenziert werden kann das Verhalten nach Abstimmungen/
Sach-
entscheidungen und Wahlen/
Personal
entscheidungen. Aus Sicht der Oberbürgermeister
überwiegt die Einschätzung, dass „über die Hälfte der Entscheidungen mit einer (eher)
großen Mehrheit“ getroffen wurden (Referenzjahr 2012): 21 von 22 bei den
Sach
ent-
scheidungen und 19 von 22 bei den
Personal
entscheidungen. Passend dazu wird die
„parteipolitische Aufladung“ bei den Debatten im Stadtrat (ebenfalls für 2012) als die
Ausnahme gewertet: „so gut wie nie“: dreimal, „ab und zu“: 17-mal, „häufig“: einmal,
„(fast) immer“: einmal.
48
Die Wahrnehmung des Abstimmungsverhaltens durch die Fraktionsvorsitzenden fällt
– wieder einmal – etwas differenzierter aus: Zwar kommt auch hier eine Mehrheit zur
Einschätzung, dass „über die Hälfte der Entscheidungen mit einer (eher) großen Mehr-
heit“ getroffen wurden, doch diese Mehrheit fällt weniger deutlich aus als bei den
Oberbürgermeistern: 71,6 % bei
Sach
entscheidungen (11,8 % für „über die Hälfte der
Entscheidungen mit einer (eher) knappen Mehrheit“ und 15,7 % für „hielt sich in etwa
die Waage“, eine Person ohne Votum) und 63,7 % bei den
Personal
entscheidungen
(22,5 % für „über die Hälfte der Entscheidungen mit einer (eher) knappen Mehrheit“
und 11,8 % „hielt sich in etwa die Waage“, zwei Personen ohne Votum). Die „partei-
politische Aufladung“ wird ebenfalls stärker wahrgenommen: „so gut wie nie“: 10,8 %,
„ab und zu“: 53,9 %, „häufig“: 29,4 %, „(fast) immer“: 5,9 %.
Beide Akteure differenzieren zwischen Sach- und Personalentscheidungen mit dem
Ergebnis, dass die Wahlen/
Personal
entscheidungen diejenigen sind, die eher zu knap-
peren Entscheidungen führen, so dass diese offensichtlich im Stadtrat kontroverser
beurteilt werden als Abstimmungen/
Sach
entscheidungen. Möglicherweise bleiben
kontroverse Personalentscheidungen aber auch besser im Gedächtnis haften als kon-
troverse Sachentscheidungen.
2.6
Partizipation in der „Stadtregierung“
Im Kap. 2.4 wurde die Problematik der Begrifflichkeiten thematisiert.
49
Diese verschärft
sich, wenn man den Blick nicht nur auf den „Regierungschef“ (= Hauptverwaltungs-
beamter) richtet, sondern auf die „Regierungsmannschaft“ (= „Stadtregierung“ = Haupt-
verwaltungsbeamter und Beigeordnete). Gerade in Städten mit mehreren Beigeordneten
48
Hierbei handelt es sich um die gleiche Person, die bei der Frage zuvor auch die Einschätzung
abgab, dass „über die Hälfte der Entscheidungen mit einer (eher) knappen Mehrheit“ getroffen
wurde.
49
Dies erfolgte in Bezug auf die Begrifflichkeiten Regierungsseite/-koalition.

34 |
(was stets in kreisfreien Städten der Fall ist) eröffnet sich den im Stadtrat durch Frakti-
onen vertretenen Parteien die Möglichkeit,
parteinahes
Führungspersonal legaler- und
legitimerweise im Top-Management einer Stadt unterzubringen (hier durchaus auch
im Sinne der Herrschaftspatronage verstanden, jedoch ohne negative Konnotation).
Eine Fraktion, die sich im Stadtrat in der Minderheit und Opposition (auch zum Bürger-
meister) sieht, kann dennoch einen „eigenen“ Beigeordneten in der „Stadt regierung“
aufweisen, was dann wiederum das Oppositionsdasein „erträglicher“ macht: Es handelt
sich sozusagen um eine Opposition mit „Regierungsbeteiligung“ (eine im Staat schwer
vorstellbare Konstellation).
Im Fragebogen wurde bewusst nicht nur auf konkrete Parteizugehörigkeit abgestellt,
sondern die etwas offenere Formulierung gewählt: „Wenn Sie die Beigeordneten in
Ihrer Stadt betrachten: Ist dort mindestens eine Person vertreten, die die gleiche Par-
teizugehörigkeit wie Sie aufweist bzw. die Sie als ´Ihrer Fraktion nahe stehend bzw.
wohlwollend´ einschätzen?“ 35 (= 34,3 %) Personen haben dies bejaht, 55 (= 54 %)
verneint, ohne Votum sind zwölf Fragebögen. Unter den 35 Personen haben sieben
bejaht, dass der Oberbürgermeister der gleichen Partei/Wählervereinigung angehört
wie der Befragte, so dass von einer „doppelten“ Repräsentanz in der Stadtregierung
gesprochen werden kann. Für 28 Fraktionsvorsitzende liegt zwar kein parteipolitischer
Gleichklang zwischen ihnen und dem Stadtoberhaupt vor. Sie fühlen sich jedoch trotz-
dem in der Stadtregierung „vertreten“.
50
Insgesamt können vier Situationen und damit
auch Fraktionstypen unterschieden werden:
Übersicht 4: Fraktionstypen (Kriterium: personelle Vertretung in der „Stadtregierung“)
Fraktion mit
Parteipolitische
Identität mit Bürger-
meister („unser“ BM)
Mindestens ein „eigener“
oder „nahestehender“
Beigeordneter („unser“ Beig.)
(A) sehr starker Vertretung
Ja
Ja
(B) starker Vertretung
Ja
Nein
(C) schwacher Vertretung
Nein
Ja
(D) keiner Vertretung
Nein
Nein
Die Teilhabe an der Stadtregierung in Form eines eigenen bzw. nahestehenden Beige-
ordneten verhindert zwar nicht, dass sich die Fraktion (eher) als Oppositions fraktion
sieht. Eine Opposition mit „Regierungsbeteiligung“ ist jedoch selten anzutreffen, weil
für die betreffenden Fraktionen nahezu eine Gleichverteilung von Regierungsseite
und Weder-noch vorliegt. Fehlende Teilhabe verstärkt hingegen die Tendenz, sich zur
Oppositionsseite zuzurechnen (V: 0.35):
50
Für zwölf Personen ist keine Zuordnung möglich.

| 35
Fraktion wird (eher)
zugerechnet zur
(A) = 7
(B) = 5
(C) = 28
(D) = 50
51
„regierungstragenden Seite“
6 (85,7 %)
3 (60,0 %) 12 (42,9 %) 10 (20,0 %)
„Oppositionsseite“
0
0
5 (17,9 %) 25 (50,0 %)
Weder-noch
1 (14,3 %)
2 (40,0 %) 11 (39,3 %) 13 (26,0 %)
Nur eine differenziertere Analyse ließe nun Rückschlüsse auf die Vor-Ort-Demokratie-
ausprägung zu, weil folgende Konstellationen denkbar sind:
Parteigebundenheit der Beigeordneten: Sie sind parteilos, so dass bei rein for
-
maler Betrachtung keine parteigebundene Fraktion als Sieger oder Verlierer dasteht,
was die konkordanzdemokratische Ausprägung fördern dürfte.
Wahlergebnis der Beigeordneten: Sie wurden einstimmig oder mit „überwältigender“
Mehrheit gewählt, so dass es auch hier im Stadtrat keinen Verlierer gibt, was die
gleiche Konsequenz wie im obigen Spiegelpunkt mit sich bringt.
Zusätzlich müsste das Verhalten des Beigeordneten (sowohl im Hinblick auf Politics
und Policy) einfließen, weil auch sein
Agieren
mit darüber entscheidet, wie neutral
oder der eigenen Fraktion nahe oder fern er durch die Fraktionsvorsitzenden ein-
geschätzt wird. Neutrales Verhalten verstärkt dann die konkordanzdemokratische
Ausprägung.
2.7
Ort der Entscheidungsfindung
Im
parlamentarischen
Raum können folgende drei Arenen/Gremien unterschieden
werden:
das Plenum,
die Ausschüsse,
die Fraktionen (ggf. differenziert in Arbeitskreise).
Nach den Bestimmungen des Kommunalverfassungsrechts soll das Plenum (= Sit-
zungen des Stadtrats) der Ort für Diskussionen und Abstimmungen/Wahlen sein. Die
Möglichkeit, Ausschüsse einzurichten, wird eröffnet, wobei zwischen beschließenden
Ausschüssen (die, wie auch die Sitzungen des Stadtrats, öffentlich sind) und nicht-
öffentlichen beratenden Ausschüssen zu unterscheiden ist.
52
Fraktionen waren lange
Zeit in der Sächsischen Gemeindeordnung nicht ausdrücklich erwähnt, in ihrer Existenz
51
Zwei Personen ohne Votum für eine der drei Alternativen.
52
Die Bezeichnungen sind zwar so im Kommunalrecht verankert (§§ 41, 43 SächsGemO), trotzdem
etwas unglücklich gewählt, weil auch beratende Ausschüsse Beschlüsse fassen. Korrekter wäre
es daher, zwischen Ausschüssen mit
Entscheidungs
- und
Empfehlungs
kompetenz zu differen-
zieren (vgl. Erlenkämper 2010: S. 177).

36 |
jedoch stets anerkannt; ihre Einfügung in die SächsGemO erfolgte 2005 durch § 35 a.
53
Allgemein gilt, dass dort, wo die wirklichen Entscheidungen in den
Fraktionen
getrof-
fen werden, eher eine konkurrenzdemokratische Ausprägung vorliegt.
54
Die Befragten weisen für 2012 den drei Arenen unterschiedliche Bedeutungen zu:
Gremien, in denen zumeist die wirklich entscheidenden Beratungen stattfanden
aus Sicht der:
55
O b e r b ü r g e r m e i s t e r
F r a k t i o n s v o r s i t z e n d e n
Ja
Nein
k. A.
Ja
Nein
k. A.
Stadtrat
12 54,5 %
7 31,8 %
3
42 41,2 % 39 38,2 %
21
Ausschüsse
17 77,3 %
2
9,1 %
3
73 71,6 % 18 17,6 %
11
Fraktionen
8 36,4 %
5 22,7 %
9
65 63,7 % 20 19,6 %
17
Einig sind sich die beiden Akteure, dass die Ausschüsse die wichtigsten Gremien der
Entscheidungsfindung sind.
56
Die Einschätzung von Stadtrat und Fraktionen fällt hin-
gegen unterschiedlich aus: Bei den Oberbürgermeistern ist der Stadtrat, in dem sie
Vorsitzender und ein zentraler Akteur sind, wichtiger als die Fraktionen (wobei die meis-
ten fehlenden Voten sich bei den Fraktionen zeigen). Bei den Fraktionsvorsitzenden
sind die Fraktionen, in denen sie Vorsitzender und ein zentraler Akteur sind, wichtiger
als der Stadtrat (wobei die meisten fehlenden Voten sich hier beim Stadtrat zeigen).
Stadtrat, Ausschüsse und Fraktionen sind die „offiziellen“ Gremien, in denen Entschei-
dungen vorbereitet bzw. (formal) getroffen werden. Merkmal einer konsensorientierten
Vorgehensweise ist, dass
in
formelle Gremien genutzt werden, um – im Vorfeld der
offiziellen Beratungen – Kompromisse auszuloten und ggf. auch herbeizuführen. Die
Teilnehmer an entsprechenden Runden werden als „Vorentscheider“ bezeichnet und
thematisiert. Im Fragebogen war ausdrücklich von „inoffiziellen Beratungen zwischen
Verwaltungsführung und Vertretern des Stadtrates im Vorfeld von Ausschuss- und/oder
53
In der neuesten Novellierung der SächsGemO durch das Gesetz zur Fortentwicklung des Kommu-
nalrechts wurden die Rechte der Fraktionen gestärkt (im Einzelnen siehe König 2014: S. 26 ff.),
wobei das in den Gesetzestext geflossen ist, was in größeren Städten als die Praxis gelten darf.
54
Entsprechend fallen dann auch im Ländervergleich Baden-Württemberg – Nordrhein-Westfalen
die Zustimmungen zur Aussage „Die Beratungen im Rat sind nur noch Formsache, weil die Vor-
entscheidungen bereits in der Fraktion getroffen werden“ unterschiedlich aus: B-W: 57,7 %
(2002), N-W: 88,5 % (2002) bzw. 79,9 % (2010), siehe Holtkamp 2012b: S. 199. Ausführlich zum
Fraktionsbezug und zur prozeduralen Parteipolitisierung: Holtkamp 2008: S. 202 ff.
55
Im Fragebogen wurden vier Gremien („in den Arbeitskreisen der Fraktion“, „in den Fraktionen“,
„in den Ausschüssen“, „in dem Stadtrat“) einzeln untereinander aufgeführt und jeweils mit „(eher)
ja“, „(eher) nein“ und „k. M.“ versehen, zusätzlich wurde bei den Arbeitskreisen noch als Antwort-
alternative „gibt es nicht“ angeboten. Somit war vom Prinzip offensichtlich, dass alle vier Gre-
mien einzelnen zu bewerten sind. Bedauerlicherweise haben nicht wenige Befragte dies anders
verstanden und bspw. nur einen Ort mit „(eher) ja“ angekreuzt, was die hohe Anzahl an Nicht-
voten erklärt und die Aussagekraft dieser Frage etwas mindert.
56
Je nachdem, ob es sich um öffentlich oder nicht-öffentlich tagende Gremien handelt, wird hier
auch das Problem der Throughput-Legitimation berührt. Finden die entscheidenden Beratun-
gen hinter verschlossenen Türen statt, so schmälert dies Transparenz und Nachvollziehbarkeit
der Entscheidungsfindung.

| 37
Stadtratssitzungen“ die Rede, „in denen strittige Punkte bei anstehenden Sach- oder
Personalentscheidungen (vor-)besprochen bzw. abgestimmt werden“. Eingeschätzt
werden sollte die Häufigkeit solcher Treffen. Alle Oberbürgermeister haben diese Frage
beantwortet und keiner hat dabei „k. A.“ angekreuzt. Viermal wurde „mehr als zweimal
im Monat“ ausgewählt; achtmal „weniger als zweimal im Monat“ und zehnmal „noch
seltener/nie“. Solche Beratungen stellen somit nicht den Regelfall dar. Daraus jedoch
nicht
auf konkordanzdemokratische Ausprägungen zu schließen, ist verfehlt, weil die
Inanspruchnahme inoffizieller Verfahren ja gerade auch deshalb nicht notwendig sein
kann, weil auch
ohne sie
in den offiziellen Gremien nicht nur eine ausreichende Mehr-
heit erzielt wird (eine knappe Mehrheit ist Merkmal der konkurrenzdemokratischen
Ausprägung), sondern auch eine große/breite.
Über ein Viertel der Fraktionsvorsitzenden (26,5 %) nehmen nach eigener Einschät-
zung „(fast) immer“ an inoffiziellen Beratungen teil, über ein Fünftel (21,6 %) „häufig“.
28, 4 % haben für „ab und zu“ votiert, 17,6 % für „nein“
57
und keine Angaben machten
5,9 %. Es ist zu erwarten, dass Fraktionsvorsitzende, die ihre Fraktion der Oppositions-
seite zuordnen, weniger häufig an solchen Besprechungen teilnehmen – doch diese
Verteilung zeigt sich nur eingeschränkt:
58
Eigene Fraktion wird
zugerechnet
Teilnahme an inoffiziellen Beratungen erfolgt
(fast) immer häufig ab und zu
nein
k. A.
der Regierungsseite
(N = 35)
28,6 % 25,7 %
31,4 %
8,6 %
5,7 %
der Oppositionsseite (N = 33)
27,3 % 12,1 %
36,4 % 24,2 %
-
Weder-noch
(N = 30)
23,3 % 26,7 %
16,7 % 23,3 % 10,0 %
Neben den o. g. Arenen ist noch die Parteiarena zu nennen. Diese Arena befindet
sich außerhalb des kommunalen politisch-administrativen Systems im engeren Sinn.
Dabei kann das Verhältnis sowohl im Hinblick auf Partei – Bürgermeister als auch auf
Partei – Fraktion analysiert werden. In der Befragung wurde nur das zweitgenannte
einbezogen. Zwischen Partei und Fraktion (bzw. Partei- und Fraktionsvorsitzenden)
57
Offen muss bleiben, ob sie an entsprechenden Sitzungen nicht teilnehmen oder ob es gar keine
gibt.
58
V liegt bei der dualen Betrachtung Regierungs-/Oppositionsseite zwar höher als wenn alle drei
Konstellationen herangezogen werden, in beiden Fällen wird jedoch nicht das erforderliche
Signifikanzniveau erreicht.

38 |
kann selbst wieder ein Konkordanz- oder Konkurrenzverhältnis vorliegen.
59
Eine echte
Konkurrenzsituation stellt jedoch die Ausnahme dar: Für das Jahr 2012 haben 67,1 %
die Auffassung vertreten, dass bei Personalfragen zwischen ihrer Fraktion und ihrer
lokalen Parteiorganisation zumeist die gleiche Auffassung herrschte, bei Sachfragen
lag dieser Wert bei 74,4 %. Bei beiden Fragen hat rund ein Fünftel „hielt sich in etwa
die Waage“ ausgewählt. Nur bei den Personalfragen haben vier Personen erkannt, dass
man zumeist anderer Auffassung war (sieben bzw. vier haben kein Votum abgegeben;
N = 82).
60
Personalfragen könnten somit als die Punkte interpretiert werden, die ggf.
auch zu einer Emanzipation der Fraktion von der Parteiorganisation führen.
3
Zusammenfassung
Nimmt man den Konkordanzindex, wie er im Kap. 1.1 unter Beachtung der Fußnote 11
beschrieben wurde, als Grundlage, dann ist für die kommunale Ebene in Sachsen die
konkordanz
demokratische (und nicht die
konkurrenz
demokratische) Ausprägung zu
erwarten bzw. typisch. Gemeinden, die diese Ausprägung vor Ort dann auch tatsächlich
aufweisen, können als Kongruenzgemeinden bezeichnet werden: Ihre „individuelle“
Ausprägung ist kongruent (= deckungsgleich) mit derjenigen, die in diesem Bundes-
land erwartet wird.
3.1 Formale Parteipolitisierung
A) Generell:
Ein wichtiger Punkt, der mit der kommunalen Konkordanzdemokratie in Verbindung
steht, ist die geringe
Partei
politisierung. Diese wiederum wird in Verbindung gesetzt
mit einem hohen Anteil an Wählervereinigungen. Lag ihr Anteil bei den Gemeinde-
ratswahlen in der 1990er Jahren in Sachsen noch unterhalb der 20-Prozentmarke, so
schwankte er bei den letzten drei Wahlen (2004, 2009, 2014) um die 24 %, so dass die
59
Diese nicht immer spannungsfreie Beziehung zwischen den beiden Arenen findet manchmal den
Weg in die Öffentlichkeit. In der Berichterstattung über eine Sitzung des CDU-Kreisverbandes
in Dresden war zu lesen, dass der scheidende Kreisvorsitzende die Ratsfraktion kritisierte. „Die
Arbeitskreise des Kreisverbands würden über hohen Sachverstand verfügen. Ergebnisse der Ar-
beitskreise sollten die Stadträte in ihre Überlegungen einbeziehen. ´Doch da herrscht manch-
mal völlige Ignoranz´, bemängelte [der scheidende Kreisvorsitzende] … Der Stadtratsfraktions-
vorsitzende … entgegnete: ´Die Fraktion ist kein Organ des Kreisverbandes´“ (Dresdner Neueste
Nachrichten, 22./23.06.2013: S. 15). Der neue Vorsitzende machte sich in seiner Bewerbungs-
rede „für einen besseren Dialog zwischen dem Kreisverband und der Stadtratsfraktion stark. ´Der
Kreisverband hat die Richtlinienkompetenz´, sagte er“ (Sächsische Zeitung, Ausgabe Dresden,
22./23.06.2013: S. 17).
60
Bei den Vorsitzenden von Fraktionen einer Wählervereinigung hat sich – sofern ein Votum abge-
geben wurde – bei beiden Fragen die Mehrheit (13 von 14 bzw. 10 von 12) für „zumeist gleiche
Auffassung“ entschieden.

| 39
Wählervereinigungen rund ein knappes Viertel des Wählerzuspruchs erhielten.
61
Zu-
gleich stell(t)en sie in diesen drei Wahlperioden in den Städten und Gemeinden zwi-
schen 36 und 39 % der Mandatsträger.
62
Die Wählervereinigungen haben sich somit
als bedeutender kommunalpolitischer Akteur etabliert und sind nach der CDU mit rund
10 Prozentpunkten Abstand die zweitwichtigste Kraft.
Mit Stand vom 30.06.2013 gab es 438 Bürgermeister; davon waren rd. 38 % durch
einen Wahlvorschlag der CDU in ihr Amt gelangt. 31 % waren Einzelbewerber und 22 %
waren auf dem „Ticket“ einer Wählervereinigung erfolgreich.
63
Es wird eine vergleich-
bare Konstellation wie bei den Räten erkennbar: Wenn eine Partei dominiert, dann die
CDU; als zweites schließen sich Einzelbewerber an und erst dann kommen die Wäh-
lervereinigungen, was natürlich in beiden Fällen nicht ausschließt, dass sich dahinter
Kandidaten mit einem Parteibuch verbergen (siehe Übersicht 3). Trotz dieser Einschrän-
kung ist auch diese Verteilung ein Indiz für die eher geringe formale Parteipolitisierung
auf der sächsischen kommunalen Ebene.
B)
Speziell in Städten mit über 20.000 Einwohnern:
Erfahrungsgemäß ist in den größeren Städten die formale bzw. personelle Parteipoliti-
sierung ausgeprägter als in den kleineren Städten und Gemeinden. Dies bestätigt sich,
wenn man den Anteil der Wählervereinigungen nach der letzten Wahl im Frühjahr 2014
(in Zittau im Sommer) zugrunde legt: In fünf Städten liegt ihr Anteil unter der 10-Pro-
zentmarke (gilt für alle drei kreisfreien Städte); ein Anteil zwischen 10 und 20 % findet
sich in neun Städten, zwischen 20 und 30 % liegt der Wert in acht Städten und in fünf
Städten erreichen die Wählervereinigungen einen Zuspruch von über 30 % (bei einer
Stadt fast 60 %). Der Durchschnittswert von 21,1 % (Median: 18,8 %) liegt somit un-
ter den landesweiten 24 %. Die Wählervereinigungen konnten durchschnittlich 20,9 %
der Sitze mit eigenen Kandidaten besetzen (Median: 19,2 %), was deutlich unterhalb
des landesweiten Wertes liegt. Die ausgeprägtere formale Parteipolitisierung in Städ-
ten dieser Größenordnung lässt grundsätzlich eine geringere konkordanzdemokratische
61
Das liegt zwar deutlich unterhalb des Wertes von Baden-Württemberg (das „Partnerland“, was die
Ausgestaltung des sächsischen Kommunalrechts angeht), wo die Wählervereinigungen 2014 fast
36 % erzielen konnten
(http://www.statistik-bw.de/wahlen/Kommunalwahlen_2014/GLand.asp),
und auch unterhalb der Werte von Bayern und Thüringen, doch sehr, sehr deutlich oberhalb der
Werte, die in den anderen Flächenländern erreicht werden und die dort unter der 10-Prozent-
marke liegen. Sachsen weist eine vergleichbare Situation wie Sachsen-Anhalt auf, wo die Wäh-
lervereinigungen 2014 rd. 22 % auf sich vereinigen konnten
(http://www.stala.sachsen-anhalt.de/
wahlen/gw14/index.html).
62 Datengrundlage:
www.statistik.sachsen.de;
dort die Angaben zu den Gemeinderatswahlen für
die Jahre 1994, 1999, 2004, 2009, 2014. Diese Quelle gilt auch für die Werte, die bei B) vorge-
stellt werden. Die Werte für Zittau waren am 01.11.2014 noch nicht eingestellt, daher wurden
sie direkt von der Stadt entnommen:
http://www.zittau.de/2_rathaus/stadtrat/wahlen_2014.htm.
Sie fließen nur bei B) ein.
63
Daten errechnet aus: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen: Statistisches Jahrbuch
Sachsen 2013, Kamenz 2013: S. 180 (das Jahrbuch ist abrufbar unter:
http://www.statistik.
sachsen.de/download/300_Voe-Jahrbuch/2013_StatistischesJahrbuch_SN.pdf).

40 |
Ausprägung in ihren Vertretungskörperschaften wahrscheinlich sein.
64
Zum Zeitpunkt der Befragung waren 14 Oberbürgermeister „parteigebunden“: CDU: 8,
SPD: 5, Die Linke: 1, Wählervereinigung: 4
65
, Einzelbewerber: 9
66
. Wie in den Stadt-
räten so sind auch bei den Stadtoberhäuptern in Städten dieser Größenordnung die
Parteien stärker vertreten, wobei die CDU ihre ausgeprägte Dominanz einbüßt (in den
sechs Städten mit über 50.000 Einwohnern ist sie mit einem Amtsinhaber vertreten).
3.2 Stärke des Bürgermeisters
A) Generell:
Das sächsische Kommunalrecht hat – in Anlehnung an die Regelungen in Baden-
Württemberg – einen starken Hauptverwaltungsbeamten normiert. Seine instituti-
onelle Stärke ergibt sich aus den Normen, die seinen Status als solchen bestimmen
(z. B. seine relativ lange Amtsdauer von sieben Jahren (§ 51 Abs. 3 SächsGemO)), und
aus seinen Rechten, insbesondere in bzw. gegenüber der Vertretungskörperschaft (§ 52
SächsGemO). Der sächsische Bürgermeister gilt im bundesdeutschen Ländervergleich
als ein institutionell sehr starker Akteur.
B)
Speziell in Städten mit über 20.000 Einwohnern:
In der Befragung der Fraktionsvorsitzenden wurde mehrheitlich bejaht, dass der Ober-
bürgermeister der bestimmende Akteur sowohl in der Verwaltung als auch im Stadt-
rat ist, wobei der Zustimmungswert für die Aussage in Bezug auf das administrative
Teilsystem (= Verwaltung) höher liegt als für die Aussage, die auf das politische Teil-
system (= Stadtrat) abstellt. In der Gesamtschau können elf Stadtoberhäupter als ge-
nerell stark eingeschätzt werden, weil sie einstimmig oder mehrheitlich für beide Teil-
systeme als der entscheidende Akteur eingeschätzt werden. Als eher schwach konnten
vier Personen identifiziert werden. Die restlichen Personen können einem Mittelbereich
zugeordnet werden. Während das Recht keine Differenzierung kennt, führt die Wahr-
nehmung (um diese geht es hier) durch den sachkundigen (aber nicht „objektiven“)
Personenkreis der Fraktionsvorsitzenden zu Abstufungen. Da konkordanzdemokratische
Ausprägungen in Verbindung mit einem starken Bürgermeister gebracht werden, kann
64
Von den damals 27 angeschriebenen Oberbürgermeistern fanden sich 30 % Einzelbewerber
und 15 % auf Vorschlag einer Wählervereinigung. Auch hier verlieren die Wählervereinigungen
(etwas) an Bedeutung.
65
Eine Wählervereinigung mit CDU-Beteiligung. Ein Amtsinhaber wurde zwischenzeitlich auf CDU-
Wahlvorschlag wiedergewählt. Gleiche Personen können somit im Laufe der Zeit unterschiedli-
che Vorschlagsformen durchlaufen.
66
Zumindest eine Person ist parteigebunden, nämlich FDP-Mitglied. In der Befragung haben von
den neun OBM, die als Einzelbewerber angetreten sind, fünf die Frage bejaht, ob sie schon einmal
Mitglied einer Partei/Wählervereinigung waren/sind.

| 41
konstatiert werden: In Städten dieser Größenordnung kann – aufgrund dieses Faktors –
mehrheitlich von einer konkordanzdemokratischen Ausprägung ausgegangen werden.
67
3.3 Einfluss der Parteien
A) Generell:
Erhebt man ihren Einfluss nicht direkt mittels Befragung, so können indirekte Kenn-
ziffern herangezogen werden. In Betracht kommt insb. ihr Abschneiden bei Wahlen.
Wie oben dargestellt, sind die Veränderungen auf kommunaler Ebene gering: Lag der
Anteil der Wählervereinigungen 2004 und 2009 noch über der 24-Prozentmarke, so
fiel er 2014 leicht darunter, so dass im Gegenzug die Parteien leicht an Bedeutung
gewonnen haben. Dies zeigt sich jedoch nicht bei der Mandatsverteilung: Die Wäh-
lervereinigungen (bzw. korrekter formuliert: die Personen von Wahlvorschlägen mit
Beteiligung von Wählervereinigungen) konnten mit 39 % mehr Sitze erreichen als bei
den Wahlen zuvor. Seit Jahren nimmt in Sachsen auch die Anzahl der Parteimitglie-
der ab bzw. sie stagniert, so dass auch diese (einfache) Kennziffer kein Indiz für einen
steigenden
Parteieinfluss ist.
68
B)
Speziell in Städten mit über 20.000 Einwohnern:
Die Befragung hat die allgemeine Aussage bestätigt. Sowohl Oberbürgermeister als auch
Fraktionsvorsitzende sehen mit großer Mehrheit keine Veränderung oder konstatieren
sogar eine Abnahme des Parteieinflusses auf die Politik ihrer Stadt. Eine ähnliche Ein-
schätzung zeigt sich, wenn etwas konkreter nachgefragt wird: Die Oberbürgermeister
bewerten zu rund drei Vierteln, dass der Einfluss der Partei(organisationen) auf die
Fraktionen gleich geblieben oder zurückgegangen ist. Eine vergleichbare Verteilung
bringt die Auswertung der Einschätzung der Fraktionsvorsitzenden, wenn sie beurteilen
sollen, wie sich der Einfluss ihrer Partei- bzw. Wählervereinigung(organisation) auf ihre
Fraktion entwickelt hat. Während bei diesen Fragen ein Vergleich bzw. eine Entwick-
lung bewertet werden sollte, wurde auch direkt nach dem Ist-Zustand gefragt. Auch
hier kommen die Befragten zu einem eher einheitlichen Votum: Mehrheitlich wird der
(aktuelle) Einfluss der Partei- bzw. Wählervereinigung(organisation) auf die Fraktio-
nen generell bzw. auf die eigene Fraktion als (eher) klein eingeschätzt. Alles in Allem
begünstigen die gewonnenen Ergebnisse die konkordanzdemokratische Ausprägung.
67
Hier von Interesse wäre nun ein Vergleich zu Gemeinden in anderen Größenklassen, z. B. mit
einer Einwohnerzahl zwischen 5.000 und 10.000.
68
Siehe Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (siehe Fn. 63): S. 180: Aufgelistet sind die
Mitglieder der Parteien CDU, SPD, Die Linke, Grüne, FDP und NPD von 2006 bis 2012 (jeweils am
31.12. eines Jahres). Die Entwicklung im Hinblick auf die AfD bleibt abzuwarten.

42 |
3.4 Strukturelle Parteipolitisierung
Die strukturelle Parteipolitisierung umfasst mehrere Erscheinungsformen:
Trennung der Vertretungskörperschaft in Regierungs- und Oppositionsseite: ja oder nein,
Ort der Entscheidungsfindung: hauptsächlich in den Fraktionen oder in der Vertre-
tungskörperschaft bzw. ihren Ausschüssen,
Abstimmungsverhalten der Fraktionen: geschlossen oder offen.
Die jeweils erste Alternative spricht eher für eine konkurrenzdemokratische, die zweite
eher für eine konkordanzdemokratische Ausprägung. Die Trennung der Vertretungskör-
perschaft in die beiden Lager Regierungs- und Oppositionsseite kann als solche festge-
stellt werden, ohne dass damit Folgewirkungen betrachtet werden. Sie kann aber auch
als Grundlage für weitere Analysen dienen, wie bspw. Einstellungen oder Agieren ge-
genüber dem Hauptverwaltungsbeamten.
A) Generell:
Anders als bei den Punkten von 3.1 bis 3.3 kann hier nicht mit einfachen
quantitativen
Erhebungen und Analysen eine generelle Trendaussage getroffen werden. Indirekt kann
über die Aussagen des Kommunalrechts darauf geschlossen werden, dass die struk-
turelle Parteipolitisierung als nicht wünschenswert angesehen wird. Am deutlichsten
wird dies durch die (wenn auch gerichtlich nicht durchsetzbare) gesetzlichen Rege-
lung, dass, wenn mehrere Beigeordnete vorgesehen sind, die Vorschläge von Parteien
und Wählervereinigungen nach dem Verhältnis ihrer Sitze im Stadtrat berücksich-
tigt werden sollen (§ 56 Abs. 2 SächsGemO). Damit wird ein Proporzgebot/-modell
normiert, das alle größeren Fraktionen an der Verwaltungsführung partizipieren lässt.
Merkmal einer Opposition (im staatlichen Bereich) ist jedoch gerade die Nichtteilhabe
an „Regierungsämtern“.
B)
Speziell in Städten mit über 20.000 Einwohnern:
Um das Proporzmodell aufzugreifen: Je größer die Stadt ist, umso mehr Beigeordnete
kann sie aufweisen, desto eher können größere Fraktionen mit ihrem Vorschlag be-
rücksichtigt werden. Dieser Aspekt wurde jedoch nicht analysiert. Vielmehr sollten die
Befragten direkt einschätzen, ob in ihrem Stadtrat so etwas wie Regierungskoalition
und Opposition vorliegt. Oberbürgermeister und Fraktionsvorsitzende unterscheiden
sich in ihren Voten hier klar: Erstgenannte verneinen dies (deutlich), Zweitgenannte
bejahen dies (knapp). Dieses Strukturmerkmal entzweit somit die Akteure. Wenn es
vorliegt (bzw. so empfunden wird), dann schwächt es die konkordanzdemokratische
Vor-Ort-Ausprägung.

| 43
Etwa gleichviel Fraktionsvorsitzende können ihre eigene Fraktion der „regierungstragen-
den Seite“ oder der „Oppositionsseite“ zuordnen, aber fast ebenso viele entscheiden sich
auch für Weder-noch. Damit wird deutlich, dass – anders als in staatlichen Parlamenten –
dieses Strukturmerkmal alles andere als eindeutig bestimmt bzw. bestimmbar ist. Dieses
Phänomen setzt sich fort, wenn man das Verhalten bzw. die Akteursbeziehungen
analysiert: Zwar ist es dann schon so, dass in der Gesamtheit diejenigen Fraktionen,
die sich der Oppositionsseite zurechnen, weniger geschlossen für den Haushalt stim-
men, mehrheitlich eine (eher) kritische Einstellung zum Hauptverwaltungsbeamten
einnehmen und weniger ein (eher) positives Verhältnis dieses Akteurs zu ihrer Fraktion
erkennen als diejenigen Fraktionsvorsitzenden, die ihre Fraktion zur „regierungstra-
genden Seite“ oder als „Weder-noch“ klassifiziert haben. Die Zuordnung zur Opposi-
tion in einer staatlichen Vertretungskörperschaft hat jedoch eine ganz andere Qualität
(weil sich daraus im
Regel
fall klare, fast unumstößliche, Konsequenzen ergeben) als
die (Eigen-)Zuordnung zur „Opposition“ in der kommunalen Vertretungskörperschaft.
Damit wird deutlich, dass dieses Strukturmerkmal zwar generell bzw. abstrakt betrachtet
die konkurrenzdemokratische Ausprägung begünstigt, jedoch nicht zwangsläufig Kon-
sequenzen bei der Policy (Haushaltsablehnung) und/oder Politics (besonders kritische
Haltung gegenüber dem „Regierungschef“) mit sich bringt.
Der Ort der (eigentlichen) Entscheidungsfindung sind mehrheitlich die Ausschüsse,
darin stimmen Oberbürgermeister und Fraktionsvorsitzende überein. Nicht mehr ein-
heitlich ist die Einschätzung von Stadtrat und Fraktionen.
Geschlossene Abstimmungen der Fraktionsmitglieder stellen nach Ansicht ihrer Vor-
sitzenden (und der Oberbürgermeister) den Regelfall dar. Bei einer solchen Häufig-
keitsverteilung, die deutlich über der 50-Prozentmarke liegt, kann dann nur mithilfe
eines Vergleichs mit anderen Werten (z. B. aus anderen Bundesländern oder anderen
Größenklassen) eine bewertende Aussage getroffen werden.
In der Gesamtheit entsteht eine widersprüchliche Gemengelage: Während bei den
Punkten 3.1 bis 3.3 die Befragungsergebnisse eher für die konkordanzdemokratische
Ausprägung sprechen, zeigen die Häufigkeitsverteilungen bei den Punkten bei 3.4 eher
die Tendenz zur konkurrenzdemokratischen Ausprägung. Wie ist dies zu erklären bzw.
was gilt nun?
1. Die Items, mit deren Hilfe die Demokratieausprägung ermittelt bzw. in Verbindung
gebracht werden, weisen unterschiedliche Aussagekraft und Konzeptionalisierung
auf. Die Parteipolitisierung (ermittelt durch die
formale
Parteipolitisierung) und die
Stärke des Bürgermeisters (ermittelt durch die Rechtslage) sind einfache formale
Unterscheidungsmerkmale, die keine wirklichen Aussagen über die Vor-Ort-Situation
zulassen.

44 |
2. Für die Zuordnung der Vor-Ort-Situation zu einer Ausprägung sind differenziertere
Items heranzuziehen. Diese verlassen dann die „objektive“ Dimension; es fließen
„subjektive“ Wahrnehmungen ausgewählter Akteure ein, die – das wurde im Kap. 2.1
aufgezeigt – wiederum von Variablen abhängig sind, die in Verbindung mit dem-
jenigen stehen, was beurteilt werden soll.
3. Im kommunalen Bereich können Begriffe eine andere Bedeutungsdimension auf-
weisen als in denjenigen Bereichen (hier: staatliche Ebene), in denen sie herkömm-
licherweise gebraucht werden. Einfache Wenn-Dann-Schlussfolgerungen, die im
staatlichen Bereich zulässig sind, verbieten sich daher bei den Kommunen: Eine
sich (eher) zur Oppositionsseite einordnende Fraktion muss nicht die oppositions-
typischen Verhaltensmuster an den Tag legen.
4. Aufgrund der bei 3. beschriebenen Problematik spricht vieles dafür, das Konzept zur
Bestimmung der kommunalen Demokratieausprägung auf die einfach zu ermitteln-
den Items zu beschränken, auch mit der Gefahr, dass es – v. a. bei der konkreten
Vor-Ort-Betrachtung – in Einzelfällen zu Fehlurteilen kommen kann.
3.5 Dresden und Leipzig im Vergleich
Sachsen weist die Besonderheit auf, dass die beiden größten Städte nahezu gleich groß
sind, so dass sich hier ein ideales Vergleichspaar anbietet. Im Rahmen einer
quantitativen
Befragung können nur aussagefähige Ergebnisse erzielt werden, wenn alle Befragten
sich beteiligen und die Fragen vollständig beantworten (was nicht der Fall war). Noch
aufschlussreicher ist eine
qualitative
Befragung.
Aber auch ohne diese Voraussetzungen kann eine Aussage getroffen werden: Leipzig
ist für sein „Leipziger Modell“ bekannt, bei dem im Stadtrat mit wechselnden Mehr-
heiten, die sich der Oberbürgermeister themenbezogen sucht, abgestimmt wird. Es
handelt sich hierbei um eine konkordanzdemokratische Ausprägung par excellence,
weil keine dauerhafte strukturelle Lager-/Blockbildung vorliegt. Der Konsens zwischen
den Fraktionen über dieses Modell scheint jedoch nach der letzten Kommunalwahl zu
bröckeln. Kritiker dieses Modells sehen dadurch einen zu starken Oberbürgermeister,
zu wenig Verwaltungskontrolle und fehlende Verantwortungszuordnung bei Fehlern
bzw. Nichtumsetzung von Ratsbeschlüssen. Was für die Besonderheiten der Nachwen-
dezeit angemessen gewesen war, sei nunmehr nicht günstig. Daher werden Sondie-
rungsgespräche ins Spiel gebracht, um zu einer klaren, strukturell-dauerhaften Rats-
mehrheit zu gelangen.
69
69
Siehe:
http://www.lvz-online.de/nachrichten/aktuell_themen/wahlen-2014/kommunalwahl-
leipzig-2014/ gruene-in-leipzig/buendnis-gesucht-gruene-erteilen-leipziger-modell-absage-
afd-und-npd-aussen-vor/r-gruene-in-leipzig-a-241704.html und
http://www.gruene-leipzig.de/
uploads/media/2014-06-03-Beschluss-Leipziger-Modell.pdf. Anfang November 2014 herrscht
allerdings weiterhin noch keine Klarheit darüber, wie es in Leipzig weitergeht: Der neue Stadt-
rat ist noch immer nicht konstituiert, was einer erst im Herbst durchgeführten Teilneuwahl in
einem Wahlkreis und dazu eingelegten Widersprüchen geschuldet ist.

| 45
Während Leipzig in der Vergangenheit eine eher konkordanzdemokratische Prägung
aufwies, was sich auch an der parteipolitischen Besetzung der Beigeordneten zeigte,
ist Dresden schon seit längerer Zeit eher der konkurrenzdemokratischen Seite zuzu-
ordnen: Die parteipolitische Besetzung der Beigeordneten entsprach nach der Wende
dem konkordanzdemokratischen Proprozprinzip, wurde dann jedoch aufgekündigt. Die
politisch
unterlegene Ratsseite klagte gegen die Beigeordnetenwahl, verlor jedoch in
letzter Instanz, so dass sie dann auch die
juristisch
unterlegene Seite darstellte.
70
In den
letzten Jahren zeigte sich tendenziell eine Rechts-Links-Lagerbildung. Fast folgerichtig
kam es in der sächsischen Landeshauptstadt recht zügig nach der Kommunalwahl
2014 zu einer „Kooperationsvereinbarung der Fraktionen Die Linke, Bündnis 90 / Die
Grünen und SPD im Dresdner Stadtrat“.
71
Auch wenn in Leipzig die Entwicklung noch
nicht abschließend beurteilt werden kann, so gehen die Tendenzen in beiden Städten
in die gleiche Richtung – ohne jedoch die grundlegenden Unterschiede zu verwischen:
Leipzig bewegt sich ggf. weg von der (starken) konkordanzdemokratischen Ausprägung,
in Dresden verstärkt sich – jedenfalls in der ersten Zeit nach der Gemeinderatswahl –
die konkurrenzdemokratische Ausprägung.
72
Dieselben kommunalrechtlichen Bestimmungen, die gleiche Größenordnung und doch
unterschiedliche Entwicklung und Ausprägung – was ist als Ursache auszumachen? Ein
Grund könnte die Besonderheit Dresdens als Landeshauptstadt sein, die eine größere
Nähe zur Landespolitik aufweist. Diese ist seit Anbeginn des Freistaates CDU-dominiert.
Sowohl die CDU als auch in Gegenreaktion dazu die oppositionellen Parteien/Fraktionen
könnten konfliktträchtiger agieren. Letztlich kommt es aber – wenn die anderen Kon-
textfaktoren annähernd identisch sind – entscheidend auf die handelnden Personen
an. „Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist der ´Faktor Mensch´ als Erklärung politischer
Entscheidungsstrukturen häufig etwas unbefriedigend. Aber gerade für die Kommunal-
politik … dürfte gelten, dass individuelle Faktoren eine entscheidende Bedeutung haben“
(Gehne/Holtkamp 2005: S. 135). Zur Vernachlässigung des personalen Aspekts besteht
somit kein Anlass!
73
Dass die Akteure in einer Landeshauptstadt dabei vielleicht einem
stärkeren politischen Druck der „übergeordneten“ Landesebene ausgesetzt sind als in
Städten, die diesen Status nicht aufweisen, kann dabei nicht ausgeschlossen werden.
70
Zur Entscheidung des Verwaltungsgerichts Dresden: LKV 1/2005: S. 34 ff., zur Entscheidung des
Sächsischen Oberverwaltungsgerichts in Bautzen: LKV 2/2006: S. 82 ff.
71
Die Vereinbarung enthält Aussagen zur interfraktionellen Zusammenarbeit (also zu politics)
und zu wesentlichen gemeinsamen Zielen und zu ausgewählten konkreten Vorhaben (also zu
policy). Die in der Kooperationsvereinbarung formulierten Ziele und Projekte werden unterstützt
von den beiden Stadträten der Piraten, so dass im Stadtrat eine Mehrheit vorliegt. Diese beiden
Mandatsträger sind im September 2014 Mitglieder der Linksfraktion geworden.
72
Es bleibt abzuwarten, wie bei den anstehenden Beigeordnetenwahlen agiert wird: Wird das
Proporzmodell (wieder) praktiziert oder agiert nun die neue Mehrheit vergleichbar einseitig wie
die frühere?
73
So wird das Ende des eher konsensorientierten Stils in Dresden konkret mit dem Namen eines
früheren CDU-Fraktionsvorsitzenden im Dresdner Stadtrat in Verbindung gebracht (siehe Dresd-
ner Neueste Nachrichten v. 27.08.2014).

46 |
3.6
Kontinuität und Wandel der Vor-Ort-Ausprägung
Auch wenn Untersuchungen über Jahre hinweg zu ähnlichen Ergebnissen führen
können (bspw. für Nordrhein-Westfalen, siehe Holtkamp 2012b: S. 199), so darf nicht
übersehen werden, dass Befragungen zu diesem Themenkomplex einen hohen Zeit-
bezug aufweisen. Manchmal kann durch wenige Aktionen einzelner Akteure eine Kon-
kordanzsituation abgeschwächt werden oder gar verloren gehen.
74
Überhaupt ist die
Konkordanzdemokratie leichter bzw. eher einzureißen als die Konkurrenzdemokratie
aufzubauen: Konkurrenzdemokratie lebt von gegenseitigem Vertrauen zwischen den
(auch parteipolitisch verschiedenen) Akteuren. Kommt es hier zu Rissen, so bröckelt
sie und schwächt sich ab. Der Wandel von Konkurrenz- zur Konkordanzdemokratie
hingegen benötigt mehr Zeit. Diese Problematik ist insbesondere dann relevant, wenn
pilotartig nur wenige Gemeinden in eine (qualitative) Untersuchung einbezogen werden.
3.7 Differenzen zwischen den Sichtweisen von
Oberbürgermeistern und Fraktionsvorsitzenden
Ein Problem der kommunalwissenschaftlichen Forschung liegt, wenn diese viele
Kommunen „gleichzeitig“ als Untersuchungsgegenstand hat, darin, dass, anstelle der
Beobachtung bzw. der Dokumentenanalyse, die Befragung gewählt wird. Mithilfe
von Beobachtungen (oder Analyse von Protokollen) können reale Handlungen aber
direkt (oder indirekt) erkannt werden, dies gilt insbesondere für Aspekte des Abstim-
mungsverhaltens generell oder speziell zum Haushalt. Bei der Befragung zu Items, die
beobachtbar sind, ist mit Verzerrungen zu rechnen (Erinnerungs- und Wahrnehmungs-
problematik). Die durchgeführte Befragung hat gezeigt, dass Oberbürgermeister und
Fraktionsvorsitzende in vielen Fällen – wenn auch nicht immer diametral – so doch zu
unterschiedlichen Einschätzungen gelangen. Dieser Sachverhalt ist erklärbar: Wenn vier-
bis fünfmal mehr Fraktionsvorsitzende als Oberbürgermeister befragt werden, dann ist
allein aufgrund dieser unterschiedlichen Grundmengen sehr wahrscheinlich, dass sich
bei vielen Befragten auch ein weniger einheitliches Bild abzeichnet.
Die Unterschiede bei den Ergebnissen der beiden befragten Gruppen fallen
inhaltlich
im Regelfall so aus, dass die Oberbürgermeister weniger Kontroverses im Stadtrat
erkennen bzw. in der Terminologie dieses Aufsatzes: Ihre Häufigkeitsverteilung bei
den Antworten deutet auf weniger konkurrenz- und mehr konkordanzdemokratische
Vor-Ort-Ausprägung hin. Für diese Unterschiede kommen folgende Erklärungsursachen
in Betracht:
74
In einer in die Untersuchung einbezogenen Stadt ist dies – nimmt man diverse Presseartikel als
Grundlage – offensichtlich der Fall. Es ist somit möglich, dass hier dann, würde die Befragung
jetzt durchgeführt, andere Ergebnisse zutage treten.

| 47
Die Oberbürgermeister nehmen dies in der Tat so wahr.
Die rechtlichen Regelungen und die dahinter liegenden Vorstellungen wirken auf
die Einschätzung der Oberbürgermeister.
75
Das Idealbild des über den Parteien stehenden Hauptverwaltungsbeamten wirkt
auf ihre Wahrnehmung und Bewertung des Wahrgenommenen ein. Man sieht die
Phänomene etwas „weichgespülter“/„harmonischer“, weil dies auch die Erwartung
von außen ist: Ein guter Bürgermeister behandelt (fast) alle gleich, er erreicht
große
Mehrheiten etc.
3.8 Fazit
Zur Ermittlung der kommunalen konkordanzdemokratischen Ausprägung kommen
mehrere Kriterien in Betracht. Die Kriterien können zugeordnet werden der
(a) (überörtlichen) Polity: Die Polity wird hauptsächlich durch das Kommunalverfas-
sungsrecht bestimmt und entzieht sich somit der Beeinflussbarkeit durch die ein-
zelne Kommune;
(b) Vor-Ort-Situation, wobei diese durch objektive (z. B. Grad der formalen Partei-
politisierung) und subjektive (z. B. Grad der kulturellen Parteipolitisierung) Items
bestimmt wird.
75
Sehr eindrücklich wird dies im „Arbeitsprogramm 2020“ des Leipziger Oberbürgermeisters deut-
lich
(http://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/stadtverwaltung/oberbuergermeister/
arbeitsprogramm-leipzig-2020/): „Stadtrat und Verwaltung haben eine gemeinsame Verantwor-
tung, eine Aufteilung des Stadtrats in Regierung und Opposition entspricht nicht dem Geist der
Sächsischen Gemeindeordnung. Insofern steht der Gemeinschaftsgesichtspunkt im Vordergrund.
Die Gemeindeordnung erkennt aber auch das Vorhandensein von politischen Parteien an. Diese
sollen sich angemessen in der Stadtregierung wiederfinden. Die dadurch entstehende Spannung
ist in der Praxis nicht immer konfliktfrei; die Gemeindeordnung geht aber von einem Geist der
Gemeinsamkeit aus“ (S. 16).

48 |
Übersicht 5: Kriterien zur Bestimmung der Konkordanzdemokratie in Gemeinden
Kriterium
(und Zuordnung)
Ausprägung
Sachsen
Formale Parteipoliti-
sierung:
Bestätigung durch amtliche
Wahlstatistik; in mittleren und
größeren Städten liegt formale
Parteipolitisierung durchschnitt-
lich höher als in kleinen Städten/
Gemeinden.
Vertretungskörper-
schaft (b)
Gering bis mittel
76
Hauptverwaltungs-
beamter (b)
Gering bis mittel
77
Stärke des Bürgermeis-
ters:
Gemeindeordnung normiert star-
ken BM, tendenzielle Bestätigung
durch Befragung, Differenzierung
zwischen
Verwaltungs
- und
poli-
tischer
Stärke.
rechtliche Ausgestal-
tung (a)
Hoch
Wahrnehmung durch
andere (b)
Hoch
Besetzung der Beige-
ordnetenstellen:
rechtliche Ausgestal-
tung (a)
Nach Proporz (nicht
nach Mehrheit, son-
dern nach Verhältnis)
Gemeindeordnung normiert
Proporz als Soll-Vorschrift.
Umsetzung (b)
Wie oben
Wurde so explizit nicht erhoben/
analysiert.
Einfluss der Parteien
auf die
Bestätigung durch Befragung,
parallele Sichtweise von Oberbür-
germeistern und Fraktionsvorsit-
zenden.
Stadtpolitik
Ausprägung (b)
Gering (bzw.
nicht hoch)
Entwicklung (b)
Kein Anstieg
konkrete Fraktion
Ausprägung (b)
Gering (bzw.
nicht hoch)
Entwicklung (b)
Kein Anstieg
76
Bzw. anders formuliert: Wählervereinigungen sind eine wichtige politische Kraft. Dies setzt na-
türlich voraus, dass Wählervereinigungen rechtlich überhaupt zugelassen werden (Polity-Aspekt).
77
Bzw. anders formuliert: viele Einzelbewerber bzw. Kandidaten auf Vorschlag von Wählervereini-
gungen.

| 49
Kriterium
(und Zuordnung)
Ausprägung
Sachsen
Strukturelle Parteipoli-
tisierung I:
Trennung der Vertre-
tungskörperschaft in
„Regierungs-“ und
„Oppositionsseite“ (b),
als Folge dessen:
(Mehrheitlich) nicht
gegeben
Wird so durch die Befragung nicht
bestätigt,* unterschiedliche Sicht-
weise zwischen Oberbürgermeis-
tern und Fraktionsvorsitzenden.
Typisches Verhalten
einer „Oppositions-
fraktion“ (b)
(Mehrheitlich) nicht
gegeben
Bestätigt sich so nicht für
alle
Ver-
haltensmuster. Es zeigen sich Korre-
lationen in Bezug auf ausgewählte
Items, wenn die beiden Ausprägun-
gen „Regierungs-“ und „Oppositi-
onsseite“ als unabhängige Variab-
len herangezogen werden.
Strukturelle Partei-
politisierung II:
Abstimmungs
verhalten
der Fraktionen (b)
Mehrheitlich
offen
Wird so nicht bestätigt.*
Strukturelle Partei-
politisierung III:
Ort der Entscheidungs-
findung (b)
Stadtrat, Ausschüsse
(Fraktio nen
weniger
wichtig)
Wird teilweise bestätigt.*
Kulturelle
Partei politi-
sierung des Bürger-
meisters (b)
Gering (bzw. nicht
hoch)
Wird tendenziell bestätigt.
Die Betrachtung der Häufigkeitsverteilungen als solche hat bei Punkten, die mit *
markiert sind, nur einen eingeschränkten Aussagewert. Erst durch einen Vergleich
mit einer anderen Größenklasse innerhalb des gleichen Bundeslandes oder mit der
gleichen Größenklasse in einem anderen Bundesland können die ermittelten Werte
beurteilt werden. Auch in Baden-Württemberg sagten bspw. deutlich mehr als 50 %
der Fraktionsvorsitzenden, dass die Beratungen im Rat nur noch Formsache sind,
weil die Vorentscheidungen bereits in der Fraktion getroffen werden, was tendenzi-
ell eher für eine konkurrenzdemokratische Ausprägung spricht (siehe bei Fußnote 54).
Dieser Wert liegt aber deutlich unterhalb der Vergleichswerte aus Nordrhein-Westfalen.
Insofern erfordern abschließende Aussagen über diese Thematik häufig eine kompa-
rative Vorgehensweise.

50 |
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52 |
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http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2002/1026/pdf/Diss01.pdf)

image
| 53
2
Ermächtigung zum selbständigen Betrieb
eines Erwerbsgeschäfts (§ 112 Abs. 1 BGB)
2.2
Rechtsfolgen der Ermächtigung
nach § 112 Abs. 1 BGB
2.2.1 Wirkung der Ermächtigung
Hinsichtlich der Rechtsfolgen der Ermächtigung stand der historische
Gesetzgeber vor zwei denkbaren Gestaltungsmöglichkeiten, nämlich
entweder dem Minderjährigen innerhalb der Reichweite der Ermäch-
tigung die Stellung eines voll Geschäftsfähigen zuzubilligen oder aber
die Ermächtigung als eine im Voraus erteilte allgemeine Einwilligung
des gesetzlichen Vertreters i. S. v. § 107 BGB zu allen nachfolgenden
erwerbsgeschäftsbezogenen Rechtsgeschäften des Minderjährigen
aufzufassen („Generalkonsens“). Er hat hierbei der ersten Lösung den
Vorzug gegeben, da diese insbesondere die Vorteile hat, dass zum ei-
nen der gesetzliche Vertreter seine Ermächtigung nur noch unter den
erschwerten Voraussetzungen des § 112 Abs. 2 BGB und nicht seine
Einwilligung bezogen auf ein einzelnes Rechtsgeschäft des Minder-
jährigen wieder zurücknehmen kann und dass zum anderen mit der
(Teil-)Geschäftsfähigkeit auch eine wünschenswerte (Teil-)Prozess-
fähigkeit des Minderjährigen einhergeht.
1
Dem entsprechend bestimmt § 112 Abs. 1 S. 1 BGB, dass, wenn die
Ermächtigung durch den gesetzlichen Vertreter und deren gericht-
liche Genehmigung kumulativ vorliegen, der Minderjährige nun für
1
Motive zum BGB
, Band I, S. 143.
Der Minderjährige als selbständiger
Betreiber eines Erwerbsgeschäfts
(§ 112 BGB)
– Fortsetzung des Beitrags aus Heft 2 S. 15 ff. –
Dr. Heiko
Gojowczyk
Dozent für Famili-
enrecht, Erbrecht,
Internationales
Privatrecht

54 |
solche Rechtsgeschäfte unbeschränkt geschäftsfähig ist, welche der Geschäftsbetrieb
mit sich bringt. Insoweit ruht die gesetzliche Vertretungsmacht von Eltern, Vormund
oder Pfleger
2
und es entsteht eine partielle volle Geschäftsfähigkeit des Minder
jährigen,
die auch als „Handelsmündigkeit“
3
oder „Unternehmerfähigkeit“
4
bezeichnet wird und
eine „echte Statusänderung“
5
mit sich bringt. Im Übrigen bleibt der Minderjährige
aber weiterhin beschränkt geschäftsfähig. Die beschriebenen Rechtsfolgen treten nur
für die Zukunft ein (ex nunc), einen bereits vorher in Bezug auf das Erwerbsgeschäft
geschlossenen und nach § 108 Abs. 1 BGB schwebend unwirksamen Vertrag kann der
Minderjährige allerdings in analoger Anwendung von § 108 Abs. 3 BGB selbst nach-
genehmigen und damit wirksam machen.
6
Die Unternehmerfähigkeit beinhaltet in ihrem Umfang auch die Prozessfähigkeit
des Minderjährigen nach § 52 ZPO.
7
Dies gilt ebenso für die entsprechenden, an die
Geschäftsfähigkeit anknüpfenden Regelungen in anderen Verfahrensordnungen, wie
z. B. § 46 Abs. 2 ArbGG i. V. m. § 52 ZPO, § 9 Abs. 1 Nr. 2 FamFG, § 58 Abs. 1 Nr. 2 FGO,
§ 71 Abs. 2 SGG und § 62 Abs. 1 Nr. 2 VwGO. Dabei haben die Gerichte das Vorliegen
der die Prozessfähigkeit begründenden Ermächtigung und ihrer gerichtlichen Geneh-
migung von Amts wegen zu prüfen.
8
Als weitere sekundäre Wirkungen der Ermächtigung sind beispielhaft anzuführen, dass
das Recht des Minderjährigen, eine eingegangene Personengesellschaft nach Voll-
jährigkeit zu kündigen, gemäß § 723 Abs. 1 BGB entfällt,
die im Rahmen von § 112 Abs. 1 BGB durch den Minderjährigen begründeten
Verbindlichkeiten gemäß § 1629a Abs. 2 BGB nicht von der Minderjährigenhaftungs-
beschränkung erfasst werden,
hinsichtlich der Einkünfte des Minderjährigen aus dem Betrieb des Erwerbsgeschäfts
§ 1649 Abs. 1 BGB eine besondere Verwendungsregelung trifft und
der Minderjährige sich nicht mehr auf die Schutzvorschriften des Jugendarbeits-
schutzgesetzes berufen kann.
9
2
RGZ
135, 370 (372); Palandt/
Ellenberger
, BGB, § 112 Rn. 1; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112
Rn. 1; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 24; Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 1;
W. Müller
,
BB 1957, 457 (459).
3
Weimar
, DB 1964, 1509;
ders.
, JR 1966, 90;
ders.
, DB 1982, 1554.
4
Vgl.
Weimar
, DB 1964, 1509. Dieser Begriff ist zur Umschreibung der durch § 112 Abs. 1 BGB
herbeigeführten Stellung des Minderjährigen besser geeignet als der Terminus „Handelsmün-
digkeit“, da sich das Erwerbsgeschäft i. S. v. § 112 BGB nach dem unter 2.1.1 Ausgeführten (im
1. Teil der Abhandlung in Heft 2) keineswegs auf Handelsgewerbe i. S. v. § 1 Abs. 2 HGB beschrän-
ken muss; so auch Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 9.
5
Coester-Waltjen
, JURA 1994, 668 (670); jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 24; MüKo-BGB/
J. Schmitt
,
§ 112 Rn. 1.
6
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 8; jurisPK-BGB/
J. Lange
,
§ 112 Rn. 19; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 14.
7
So bereits die
Motive zum BGB
, Band I, S. 143.
8 Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 10.
9
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510). Insoweit fehlt es dem unternehmerfähigen Minderjährigen
ohnehin bereits an der Arbeitnehmerstellung i. S. v. § 1 Abs. 1 JArbSchG.

| 55
Hinzuweisen ist außerdem auf einige handelsrechtlich relevante Folgen des Fehlens
der Ermächtigung:
10
Beteiligt sich der Minderjährige ohne oder ohne genehmigte
Ermächtigung an einer Personengesellschaft, so finden wegen des Vorrangs des Minder-
jährigen schutzes die Grundsätze über die fehlerhafte Gesellschaft keine Anwendung; er
wird also nicht Gesellschafter und folglich weder im Außen- noch im Innenverhältnis
rechtlich verpflichtet.
11
Aus demselben Grund sind auch die Grundsätze über den Schein-
kaufmann auf einen Minderjährigen, der ohne genehmigte Ermächtigung ein kauf-
männisches Geschäft betreibt, nicht anwendbar.
12
Und letztlich kann – unabhängig von
Art und Umfang des Unternehmens – in einem solchen Fall auch kein kaufmännisches
Handelsgewerbe i. S. v. § 1 HGB mit den sich ggf. daran anschließenden strafrecht
lichen
Konsequenzen (§§ 331 ff. HGB) entstehen, denn ein solches setzt unter anderem vor-
aus, dass sich die Betätigung des Kaufmanns in rechtsverbindlicher Weise vollzieht.
13
2.2.2 Reichweite der Ermächtigung
Die Unternehmerfähigkeit des Minderjährigen ist allerdings auf solche Geschäfte be-
schränkt, die der Betrieb des Erwerbsgeschäfts mit sich bringt. Im Gegensatz zum
generell-abstrakten Maßstab in § 54 Abs. 1, § 56 HGB maßgeblich ist dabei der
individuell-konkrete Betrieb unter Berücksichtigung der Verkehrsanschauung.
14
Ein
guter Glaube des Geschäftspartners an die Zugehörigkeit eines Rechtsgeschäfts zum
Erwerbsgeschäft ist wegen des Vorrangs des Minderjährigenschutzes unbeachtlich.
15
Allerdings ist ggf. zu beachten, dass auch die von einem minderjährigen Kaufmann
vorgenommenen Rechtsgeschäfte gemäß § 344 Abs. 1 HGB im Zweifel als zum Betrieb
seines Handelsgewerbes gehörig gelten.
16
Aufgrund der einzelfallbezogenen Betrachtungsweise lassen sich über die von der
Unternehmerfähigkeit erfassten Rechtsgeschäfte kaum allgemeingültige Aussagen
treffen. Als gesichert kann nur gelten, dass hierunter jedenfalls diejenigen fallen, die
den Hauptgegenstand des Erwerbsgeschäfts betreffen; also etwa Kaufverträge bei
einem Handelsunternehmen, Werkverträge bei einem Baubetrieb oder Dienstverträge,
wenn der Minderjährige als Dienstleister tätig wird. Darüber hinaus kommen einzel-
fallabhängig z. B. auch in Betracht:
10
Allgemein zum Minderjährigen als Kaufmann
Kunz
, ZBlJugR 1981, 490 ff.
11 Vgl.
BGHZ
17, 160 (166 ff.).
12
NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 28;
Kunz
, ZBlJugR 1981, 490 (493);
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510).
13
RGSt
26, 93 f.; 36, 357 f.; 45, 3 (5);
BayOblGZ
1972, 106 (107 f.);
Kunz
, ZBlJugR 1981, 490 (491,
493);
Schnitzerling
, RdJ 1959, 103 (105).
14
BGHZ
83, 76 (80); NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 16 - 21; Palandt/
Ellenberger
, BGB, § 112 Rn. 4;
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 3; Erman/
H.-F. Müller
,
BGB, § 112 Rn. 6;
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510);
ders.
, JR 1966, 90;
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).
15
Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 10; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 3;
Weimar
, DB 1964,
1509 (1510);
ders.
, JR 1966, 90;
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).
16
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510).

56 |
Einrichtung und Kündigung von Bankkonten
17
Beitritt zu Arbeitgeber- oder Einkaufsverbänden
18
Kauf von Waren und Material
19
Kauf von Geschäftsfahrzeugen und -einrichtungen
20
Abschluss und Kündigung von Miet- und Leasingverträgen
(z. B. über Geschäftsräume, -fahrzeuge und -einrichtungen)
21
Abschluss und Kündigung von Dienst- und Arbeitsverträgen
(z. B. mit Arbeitnehmern, Rechtsanwälten und Steuerberatern)
22
Provisions- bzw. Handelsvertreterverträge
23
Strom-, Telefon- oder Internetverträge
24
Teilweise wird die Ansicht vertreten, dass auch Rechtsgeschäfte, die der Bestreitung
eines angemessenen Lebensunterhaltes des Minderjährigen dienen (z. B. Wohnungs-
miete, Lebensmitteleinkäufe, Arztbesuche zur Erhaltung der Arbeitskraft etc.), als noch
zum Betrieb des Erwerbsgeschäfts gehörend in den Rahmen der Ermächtigung fallen.
25
Dies ist allerdings wegen der eindeutigen Bezogenheit solcher Geschäfte auf den
Privat
bereich des Minderjährigen nicht zutreffend.
26
Folglich ist auch der von dem
Minderjährigen aus dem Erwerbsgeschäft gezogene Gewinn nur insoweit nicht der
Verwaltung bzw. Verwendungsbefugnis durch den gesetzlichen Vertreter nach den
§§ 1642, 1649 Abs. 2, 1806 ff. BGB unterworfen, als er sogleich wieder für geschäft-
liche Zwecke verwendet wird.
27
Ganz zweifellos nicht zu den Geschäften, die der Betrieb des Erwerbsgeschäfts mit sich
bringt, gehört und damit nicht von der Ermächtigung umfasst ist jedoch die Aufgabe
des Unternehmens; dies kann auch aus dem Fehlen einer dem § 113 Abs. 1 S. 1 BGB
17
Weimar
, DB 1982, 1554 (1555).
18 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 26; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 16.
19
W. Müller
, BB 1957, 457 (458); MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 16;
Weimar
, DB 1964, 1509
(1510);
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).
20 Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4.
21 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 26;
W. Müller
, BB 1957, 457 (458); MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112
Rn. 16;
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510);
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).
22
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 26;
W. Müller
, BB 1957,
457 (458); MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 16;
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510);
ders.
, DB 1982,
1554 (1555).
23
Behrend
, NJW 2003, 1563 (1564).
24 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 26.
25
Bejahend Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 10; RGRK-
BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 3; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 16;
Weimar
, JR 1966, 90;
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).
26
So auch jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 27; Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 6.
27
NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 24; Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; Staudinger/
Knothe
, BGB,
§ 112 Rn. 10; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 3; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 28;
Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 6;
W. Müller
, BB 1957, 457 (459); MüKo-BGB/
J. Schmitt
,
§ 112 Rn. 19.

| 57
vergleichbaren Regelung in § 112 Abs. 1 BGB geschlussfolgert werden.
28
Folglich kann der
unternehmerfähige Minderjährige auch nicht den Antrag auf Eröffnung des Insolvenz-
verfahrens stellen, weil dies regelmäßig zur Beendigung des Erwerbsgeschäfts führt.
29
2.2.3 Von der Ermächtigung ausgeschlossene Rechtsgeschäfte
Nicht von der Unternehmerfähigkeit umfasst sind gemäß § 112 Abs. 1 S. 2 BGB aller-
dings diejenigen Rechtsgeschäfte, zu denen der gesetzliche Vertreter der Genehmigung
des Familiengerichts bedarf. Für sie gelten weiterhin die gewöhnlichen Regelungen der
§§ 107 ff. BGB, der Minderjährige benötigt hier also die Einwilligung seines gesetzlichen
Vertreters und dieser wiederum eine gerichtliche Genehmigung.
Grund für diese Regelung ist zum einen die Überlegung, dass dem Minderjährigen
schlechterdings weitergehende Befugnisse eingeräumt werden können, als sie dem
gesetzlichen Vertreter selbst zustehen; zum anderen ist der Gesetzgeber davon ausge-
gangen, dass derartige Rechtsgeschäfte bei der Mehrzahl der Erwerbsgeschäfte i. S. v.
§ 112 BGB ohnehin nicht oder nur ausnahmsweise vorkommen, weil es sich bei diesen
kaum um vollkaufmännische Unternehmen handeln dürfte.
30
Damit ist jedoch bereits angedeutet, dass die Regelung des § 112 Abs. 1 S. 2 BGB
zumindest bei Erwerbsgeschäften größeren Umfangs ganz erhebliche Einschränkungen
der rechtlichen und wirtschaftlichen Handlungsfreiheit des Minderjährigen mit sich
bringt. Zudem bedingt sie eine Abhängigkeit der Reichweite der Unternehmerfähigkeit
davon, ob der Minderjährige unter elterlicher Sorge oder unter Vormundschaft bzw.
Pflegschaft steht, denn Eltern sind im Hinblick auf § 1643 Abs. 1 BGB in geringerem
Umfang gerichtlichen Genehmigungserfordernissen ausgesetzt als Vormund und Pfle-
ger. Geschäftspartner des Minderjährigen müssen also in ihrem eigenen Interesse genau
prüfen, von wem dieser gesetzlich vertreten wird.
31
In allen Fällen jedoch sind von der Ermächtigung nicht umfasst die gerade für den
Betrieb eines Erwerbsgeschäfts besonders bedeutsamen Rechtsgeschäfte wie:
grundstücks- und grundstücksrechtsbezogene Geschäfte aller Art (§ 1821 BGB),
Verträge, die auf den entgeltlichen Erwerb oder die Veräußerung eines Erwerbs-
geschäfts gerichtet sind sowie Gesellschaftsverträge, die zum Betrieb eines solchen
eingegangen werden (§ 1822 Nr. 3 BGB),
Miet- oder Pachtverträge oder andere Verträge, durch die der Minderjährige zu
28
NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 22; Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 4; Jauernig/
Mansel
, BGB,
15. Aufl., § 112 Rn. 4; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 10; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112
Rn. 3; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 28; Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 6; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 22.
29 Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 10;
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510).
30
Motive zum BGB
, Band I, S. 144.
31
So auch
Weimar
, DB 1982, 1554 (1555).

58 |
wiederkehrenden Leistungen verpflichtet wird, wenn das Vertragsverhältnis länger
als ein Jahr nach dem Eintritt der Volljährigkeit fortdauern soll (§ 1822 Nr. 5 BGB),
Aufnahme von Krediten (§ 1822 Nr. 8 BGB),
Eingehung von Wechsel- oder Scheckverbindlichkeiten (§ 1822 Nr. 9 BGB)
32
und
Eingehung von Bürgschaften (§ 1822 Nr. 10 BGB).
Diese fortbestehenden Genehmigungstatbestände führen dazu, dass der Minderjährige
kaum im Stande sein wird, zumindest ein Erwerbsgeschäft größeren Umfangs ohne
die Mitwirkung seines gesetzlichen Vertreters und des Familiengerichts zu betreiben.
Wirklich rechtlich und wirtschaftlich unabhängig macht ihn die Ermächtigung daher
allenfalls bei einem kleineren Unternehmen.
Eine gewisse Erleichterung kann insoweit zwar eine „allgemeine Ermächtigung“ des
gesetzlichen Vertreters durch das Familiengericht nach §§ 1643 Abs. 3, 1825 Abs. 1
BGB bringen, die zur Entbehrlichkeit der Einzelgenehmigungen nach §§ 1812, 1822
Nrn. 8 - 10 BGB führt.
33
Eine solche soll nach § 1825 Abs. 2 BGB erteilt werden, wenn
sie zum Zweck der Vermögensverwaltung, insbesondere zum Betrieb eines Erwerbs-
geschäfts, erforderlich ist.
34
Dabei ist aber zu bedenken, dass hierdurch nicht auch das
Erfordernis der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters in das eigentlich i. S. v. § 112
Abs. 1 S. 2 BGB genehmigungsbedürftige Rechtsgeschäft entfällt,
35
weil ungeachtet
der allgemeinen Ermächtigung die eigentliche Genehmigungsbedürftigkeit weiter
bestehen bleibt und nur die Genehmigung als im Voraus bzw. allgemein erteilt gilt.
Auch in diesem Fall ist der Minderjährige also ohne Mitwirkung seines gesetzlichen
Vertreters nicht handlungsfähig.
Zu beachten ist weiter, dass die Ermächtigung wegen der Beschränkung durch § 112
Abs. 1 S. 2 i. V. m. § 1643 Abs. 1 i. V. m. § 1822 Nrn. 8, 9, 11 BGB nicht zu einer unein-
geschränkten Geschäftsfähigkeit des Minderjährigen i. S. v. § 6 Abs. 2 S. 1 GmbHG führt
und dieser folglich nicht zum Geschäftsführer einer GmbH bestellt werden kann.
36
Glei-
ches gilt für die Tätigkeit als Vorstand einer Aktiengesellschaft, der die gleichgelagerte
32
Zum Minderjährigen im Wechselrecht
Kunz
, MDR 1980, 464 ff.;
Scheerer
, BB 1971, 981 (985 f.).
33
RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 4;
Kunz
, ZBlJugR 1981, 490 (491); MüKo-BGB/
J. Schmitt
,
§ 112 Rn. 20;
Schnitzerling
, RdJ 1959, 103 (105);
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510). Bei Vormund
und Pfleger ist zudem gemäß §§ 1817, 1915 Abs. 1 S. 1 BGB auf Antrag eine Befreiung von den
ihnen nach den §§ 1806 - 1816 BGB obliegenden Verpflichtungen und damit insbesondere vom
Genehmigungstatbestand des § 1812 BGB möglich, soweit der Umfang der Vermögensverwal-
tung dies rechtfertigt und eine Gefährdung des Vermögens des Minderjährigen nicht zu besor-
gen ist. Damit kann eine weitgehende Gleichstellung mit den Eltern erreicht werden, die diesen
Beschränkungen von vornherein nicht unterliegen (arg. e contr. § 1643 Abs. 1 BGB).
34
Ein wesentliches Kriterium für die Erforderlichkeit ist dabei die Häufigkeit, mit der die genehmi-
gungsbedürftigen Rechtsgeschäfte zu erwarten sind; so
OLG Köln
, FamRZ 2007, 1268 (1269);
MüKo-BGB/
Wagenitz
, § 1825 Rn. 3.
35
So auch MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 20.
36
OLG Hamm
, OLGZ 1992, 386 f.; NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 6;
Demharter
, EWiR 1992, 1089 f.;
Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 3; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 16;
Scheerer
, BB 1971, 981
(987).

| 59
Vorschrift von § 76 Abs. 3 S. 1 AktG entgegensteht.
37
Vor diesem Hintergrund ist auch eine verbreitete Ansicht abzulehnen, wonach der un-
ternehmerfähige Minderjährige als geschäftsführender Gesellschafter einer Personen-
handelsgesellschaft diese in vollem Umfang vertreten können (§§ 125, 161 Abs. 2 HGB)
und dabei nicht den Beschränkungen des § 112 Abs. 1 S. 2 BGB unterliegen soll, da die
Abhängigkeit auch nur eines Gesellschafters von gerichtlichen Genehmigungen die
Gesellschaft unzulässigerweise in ihrer Beweglichkeit einschränken würde.
38
Denn es
darf das Interesse der Gesellschaft an ihrer Handlungsfähigkeit nicht höher gewertet
werden als das des Minderjährigen an einem effektiven gerichtlichen Schutz vor viel-
leicht leichtfertig eingegangenen, für ihn aber ggf. schwerwiegend nachteiligen Rechts-
handlungen mit großer Tragweite. Im Übrigen sind Einschränkungen durch das Erfor-
dernis gerichtlicher Genehmigungen auch in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens
präsent und im Interesse des Minderjährigenschutzes hinzunehmen.
3
Rücknahme der Ermächtigung (§ 112 Abs. 2 BGB)
3.1 Voraussetzungen
Will der Minderjährige das Erwerbsgeschäft aus eigenem Entschluss wieder beenden,
so bedarf er hierzu der Einwilligung seines gesetzlichen Vertreters nach § 107 BGB, da
dies nicht von der erteilten Ermächtigung umfasst ist.
39
Eine anders gelagerte Konstel-
lation behandelt § 112 Abs. 2 BGB: Demnach kann der gesetzliche Vertreter die Unter-
nehmerfähigkeit gegen den Willen des Minderjährigen wieder beenden, indem er die
erteilte Ermächtigung zurücknimmt. Er bedarf hierzu aber wiederum der Genehmi-
gung des Familiengerichts.
3.1.1 Rücknahme durch den gesetzlichen Vertreter
Die Rücknahme der Ermächtigung ist actus contrarius zur Erteilung. Folglich handelt
es sich bei ihr ebenso wie bei jener um eine einseitige, formfreie und seitens des
Minderjährigen empfangsbedürftige Willenserklärung des gesetzlichen Vertreters, für
die § 131 Abs. 2 BGB nicht gilt.
40
Die Rücknahme ist nur insgesamt möglich, es ist also – anders als im Fall von § 113
Abs. 2 BGB – eine nachträgliche Einschränkung der Ermächtigung, etwa auf bestimmte
37
OLG Hamm
, OLGZ 1992, 386 f.; NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 6; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112
Rn. 3; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 17;
Scheerer
, BB 1971, 981 (987).
38
So
J. W. Flume
, NZG 2014, 17 (21); Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 11;
Scheerer
, BB 1981, 981
(987);
Weimar
, DB 1964, 1509 (1510).
39
Siehe 2.2.2. (im 1. Teil der Abhandlung in Heft 2)
40
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 6; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 13; RGRK-BGB/
Krüger-
Nieland
, § 112 Rn. 8; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 37; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 23, 26.

60 |
Geschäftsbereiche oder Rechtsgeschäfte, ausgeschlossen.
41
Die Ansicht, wonach eine
entsprechende Erklärung als vollständige Rücknahme, verbunden mit einer neuen (ein-
geschränkten) Ermächtigung, auszulegen sein soll,
42
ist abzulehnen, da nach dem oben
unter 2.1.3 Gesagten (im 1. Teil der Abhandlung in Heft 2) die Erteilung einer solchen
beschränkten Ermächtigung ja gerade ausgeschlossen ist.
Auch die Rücknahme der Ermächtigung liegt im Ermessen des gesetzlichen Vertreters
und kann nicht durch das Familiengericht ersetzt werden; allenfalls ist in Ausnahme-
fällen dessen Eingreifen im Rahmen der §§ 1666 ff. BGB denkbar.
3.1.2 Genehmigung des Familiengerichts
Zur Wirksamkeit der Rücknahme der Ermächtigung durch den gesetzlichen Vertreter
ist nach § 112 Abs. 2 BGB deren Genehmigung durch das Familiengericht erforderlich.
43
Der Gesetzgeber hat dies – wie schon im Fall der Erteilung – für zweckmäßig gehalten,
um Existenz und Wirksamkeit der Rücknahmeerklärung im Rechtsverkehr durch Vorlage
des entsprechenden Genehmigungsbeschlusses mit der erforderlichen Sicherheit nach-
weisen zu können.
44
Primär aber ermöglicht das Genehmigungserfordernis auch hier
wiederum die gebotene Prüfung der Zweckmäßigkeit des Handelns des gesetzlichen
Vertreters; so kann es zum Beispiel möglichen Eingriffen durch diesen in die Füh-
rung des Erwerbsgeschäfts und in die sonstige Lebensführung des Minderjährigen
unter Zuhilfenahme des Druckmittels der drohenden Rücknahme der Ermächtigung
entgegenwirken.
45
Die Genehmigungsbedürftigkeit dient somit in erster Linie dem
Schutz des Minderjährigen.
Folglich hat sich die Beurteilung der Genehmigungsfähigkeit der Rücknahme allein an
dessen Wohl zu orientieren; die Interessen Dritter (etwa von Geschäftspartnern oder
Arbeitnehmern) am Fortbestand des Erwerbsgeschäfts haben dahinter zurückzustehen.
Vor diesem Hintergrund kann die Genehmigung zur Rücknahme zum Beispiel dann
erteilt werden, wenn deutlich geworden ist, dass der Minderjährige infolge Unreife
oder anderer Umstände wider Erwarten doch nicht zur selbständigen Führung des
Erwerbsgeschäfts im Stande ist.
46
Ebenso wird die Genehmigungsfähigkeit zu bejahen
sein, wenn sich die geschäftliche Tätigkeit negativ auf die persönlichen Interessen des
Minderjährigen, also auf dessen (Schul-)Ausbildung bzw. seine körperliche, geistige und
41
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 6; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 8;
Scheerer
, BB 1971,
981 (982); MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 25.
42
So Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 9.
43
Beendet dagegen der gesetzliche Vertreter ein von ihm im Namen des Minderjährigen betriebenes
Erwerbsgeschäft, so ist dies für Vormund und Pfleger nach § 1823 BGB genehmigungsbedürftig,
für die Eltern hingegen genehmigungsfrei (arg. e contr. § 1643 Abs. 1 BGB).
44 Vgl.
Motive zum BGB
, Band I, S. 144.
45 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 39.
46 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 41; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 24;
Weimar
, DB 1964, 1509
(1510);
ders.
, DB 1982, 1554 (1555).

| 61
sittliche Entwicklung, ausgewirkt hat.
47
Und insbesondere kommt die Genehmigungs-
erteilung dann in Betracht, wenn die wirtschaftliche Entwicklung des Erwerbs geschäfts
einen gravierend und/oder langfristig ungünstigen Verlauf nimmt und dadurch die
Vermögensinteressen des Minderjährigen bedroht sind.
Die entsprechenden Umstände hat das Familiengericht wiederum sehr sorgfältig von
Amts wegen (§ 26 FamFG) zu ermitteln. Im Übrigen gilt hinsichtlich des Genehmigungs-
verfahrens das bereits zur Genehmigung der Ermächtigung unter 2.1.4.2 Gesagte (im
1. Teil der Abhandlung in Heft 2) gleichermaßen.
3.2 Rechtsfolgen
Die gerichtlich genehmigte Rücknahme der Ermächtigung führt dazu, dass die durch
diese erlangte partielle Geschäftsfähigkeit des Minderjährigen i. S. v. § 112 Abs. 1 BGB
wegfällt. Dieser wird somit wieder in vollem Umfang beschränkt geschäftsfähig und auf
alle von ihm vorgenommenen Rechtsgeschäfte finden die §§ 107 ff. BGB Anwendung;
es tritt also erneut eine „echte Statusänderung“ ein. Die Rücknahme wirkt allerdings
nur für die Zukunft (ex nunc), vom Minderjährigen im Rahmen des Erwerbsgeschäfts
bereits geschlossene Rechtsgeschäfte bleiben also wirksam.
48
Unzutreffend ist die Auffassung, dass die Rücknahme der Ermächtigung nicht zwangs-
läufig auch den Verlust der etwa erworbenen Kaufmannseigenschaft des Minderjäh-
rigen zur Folge hat.
49
Ihr kann nicht gefolgt werden, weil die Kaufmannseigenschaft
nach § 1 Abs. 1 HGB das Betreiben eines Handelsgewerbes und damit die Ausübung
einer erlaubten und rechtlich verbindlichen Tätigkeit voraussetzt, die beim beschränkt
geschäftsfähigen Minderjährigen gerade nicht vorliegt.
50
4
Zusammenfassung
§ 112 Abs. 1 BGB bietet die Möglichkeit, dem beschränkt geschäftsfähigen Minder-
jährigen durch eine entsprechende Ermächtigung seitens des gesetzlichen Vertreters,
die der familiengerichtlichen Genehmigung bedarf, die selbständige Führung eines
Erwerbsgeschäfts und damit die Teilnahme am Wirtschaftsleben zu gestatten. Er wird so-
mit (nur) für diejenigen Rechtsgeschäfte (partiell) voll geschäftsfähig, die der individuelle
Geschäftsbetrieb mit sich bringt. Für eine solche Regelung besteht gerade in der heu-
tigen wirtschaftsorientierten Zeit und Gesellschaft durchaus ein praktisches Bedürfnis.
47 JurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 41.
48
Soergel/
Hefermehl
, BGB, § 112 Rn. 6; Jauernig/
Mansel
, BGB, § 112 Rn. 6; Staudinger/
Knothe
,
BGB, § 112 Rn. 13; RGRK-BGB/
Krüger-Nieland
, § 112 Rn. 8; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112 Rn. 37;
MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 26;
Weimar
, DB 1982, 1554 (1555).
49
So Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 13;
Scheerer
, BB 1971, 981 (987).
50
Siehe oben 2.2.1.

62 |
Allerdings wird die erforderliche Genehmigung des Familiengerichts nur unter engen
Voraussetzungen zu erlangen sein: Nur dann nämlich, wenn im Ergebnis umfangreicher
amtswegiger Ermittlungen feststeht, dass sich der Minderjährige auf Grund seiner über-
durchschnittlichen Reife im Rechts- und Wirtschaftsleben wie ein Volljähriger verhalten
kann, dass er die zum selbständigen Betrieb des konkreten Erwerbsgeschäfts erforder-
lichen Kenntnisse und Fähigkeiten hat und dass er hierdurch nicht in seiner persön-
lichen Entwicklung beeinträchtigt wird. Dabei ist zu beachten, dass – entgegen einer
verbreiteten anderen Ansicht – eine ohne Genehmigung abgegebene Ermächtigungs-
erklärung nicht schwebend unwirksam, sondern nichtig ist.
Anschließend sind die Geschäftspartner eines als Inhaber eines Erwerbsgeschäfts auftre-
tenden Minderjährigen gut beraten, vor der Kontrahierung mit diesem genau zu prüfen,
ob er über die erforderliche Ermächtigung samt wirksamer gerichtlicher Genehmigung
verfügt und ob es sich bei dem fraglichen Rechtsgeschäft um ein solches handelt, das
der konkrete Geschäftsbetrieb gewöhnlich mit sich bringt. Denn ggf. hat der Geschäfts-
partner beides – als Ausnahme vom Grundsatz der beschränkten Geschäftsfähigkeit
Minderjähriger – zu beweisen, wenn er sich auf die Unternehmerfähigkeit beruft.
51
Darüber hinaus muss der Rechtsverkehr bedenken, dass selbst bejahen denfalls eine
ganze Reihe gerade im Wirtschaftsleben bedeutsamer Rechtsgeschäfte wegen § 112
Abs. 1 S. 2 BGB weiterhin der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters und der Geneh-
migung des Familiengerichts bedarf. Deren Katalog hängt zudem davon ab, ob der Min-
derjährige von seinen Eltern oder von einem Vormund bzw. Pfleger vertreten wird.
Gegen den Willen des Minderjährigen kann der gesetzliche Vertreter das Erwerbs-
geschäft nach § 112 Abs. 2 BGB wieder beenden, indem er die Ermächtigung zurück-
nimmt. Auch hierfür ist jedoch die Genehmigung des Familiengerichts erforderlich.
Insgesamt bietet § 112 BGB zwar eine ausgewogene Lösung zwischen den Zielen
„Minder jährigenschutz“ einerseits und „Gewerbefreiheit“ andererseits. Allerdings lässt
sich die Beschränkung der Geschäftsfähigkeit des Minderjährigen auf die zum konkreten
Unternehmen gehörenden Rechtsgeschäfte wegen der damit einhergehenden teils
schwierigen Abgrenzungsfragen zumindest mit einem vollkaufmännischen Erwerbs-
geschäft kaum vereinbaren. Zudem werden Nachweisprobleme und Genehmigungs-
erfordernisse den Rechtsverkehr dazu bewegen, jedenfalls bei Geschäften von großem
Umfang oder erheblicher Tragweite von der Kontrahierung mit minderjährigen Un-
ternehmern Abstand zu nehmen. Beides dürfte letztlich dazu führen, dass die Unter-
nehmerfähigkeit nach § 112 BGB nur bei Kleinunternehmen eine gewisse Bedeutung
gewinnt. Allerdings kann von einer Regelung, die – richtigerweise – letztlich doch dem
Schutz des Minderjährigen verhaftet bleibt, auch nicht mehr erwartet werden.
51
NK-BGB/
Baldus
, § 112 Rn. 29; Staudinger/
Knothe
, BGB, § 112 Rn. 14; jurisPK-BGB/
J. Lange
, § 112
Rn. 29; Erman/
H.-F. Müller
, BGB, § 112 Rn. 10; MüKo-BGB/
J. Schmitt
, § 112 Rn. 27.

image
| 63
Vorbemerkungen zum zweiten Teil
In den ersten Kapiteln dieses Diskussionsangebotes zu meinem Anlie-
gen einer Veränderung der Studienkonzepte durch verstärkte Einbe-
ziehung wissenschaftstheoretischer „Probleme und Resultate“ wur-
den zunächst einige befürwortende Argumente skizziert und danach
Ausführungen zu den Zielen und zu den Merkmalen der Wissen-
schaften dargestellt (Teil 1). Aus den Forderungen zur verstärkten
Förderung von „Schlüsselqualifikationen“ wurde – u. a. – eine feh-
lende systematische Schulung in logischer Argumentation als ver-
änderungsbedürftiger Teil der Ausbildung kritisiert. Die dafür not-
wendigen Grundkenntnisse werden nun im Kapitel 6 – in mehreren
Facetten – präsentiert.
Einige – freundliche – Rückmeldungen zum ersten Teil dieser klei-
nen Abhandlung haben mich veranlasst, die folgenden Kapitel noch
etwas genauer (und damit auch umfangreicher) auszuarbeiten. Da-
durch wurde es von Seiten der Redaktion notwendig, die ursprünglich
geplante Darstellung derart zu verändern, dass es nunmehr (mindes-
tens) 3 statt 2 Teile geben wird. Dem kurzen Überblick zu den wesent-
lichen Aspekten der Aussagen– und Prädikatenlogik folgen mit Ka-
pitel 7 Ausführungen zum Objektivitätspostulat und zur Forderung
nach „wahren Aussagen“. Im Schlusskapitel 8 werde ich dann resü-
mierend versuchen, eine möglichst fundierte und begründete Ant-
wort auf die Titelfrage zu geben, nämlich, wann das Studium an Ver-
waltungsfachhochschulen ein „wissenschaftliches“ wäre.
Wann ist das Studium an
Verwaltungsfachhochschulen ein
„wissenschaftliches“?
Ein Diskussionsbeitrag zur konzeptionellen Verän-
derung des Studienalltags
Prof. Dr. Ralf
Sowitzki
Dozent für Volks-
wirtschaftslehre,
Betriebswirt-
schaftslehre, So-
ziologie, Psycho-
logie, Statistik

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6
Die Logik im speziellen Wissenschaftsbetrieb
6.1 Systeme und Grundlagen der Logikwissenschaft
Im Laufe der nunmehr schon mehr als zweitausend Jahre alten Geschichte der Logik
haben sich – insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten – zahlreiche unterschied-
liche Logiksysteme entwickelt, die sich grundsätzlich wie folgt unterscheiden lassen:
Neben der „Klassischen Logik“ (hauptsächlich aufgrund einer ihrer Grund prämissen
auch „Zweiwertige Logik“ genannt) wurden „Nicht-Klassische Logiksysteme“ (meist
„mehrwertige Logiken“, aber auch andere Systeme) entwickelt, die im Wissenschafts-
betrieb allerdings noch wenig etabliert sind. Verbesserungen durch Präzisierungen fan-
den in der praxisrelevanten (klassischen) Logik im Teilbereich der Aussagenlogik, vor
allem aber in der Weiterentwicklung der darauf aufbauenden Prädikatenlogik statt.
Die Logik als „Theorie des korrekten Argumentierens“ befasst sich mit einer speziellen
Form des Denkens, dem Schlussfolgern. Sie beweist im Rahmen ihres Kalküls, welche
Schlüsse gültig und welche ungültig sind. Demzufolge ist sie eine „normative
Theorie“
der gültigen Schlüsse.
1
Die wichtigsten Prinzipien („Prämissen“) der klassischen Logik sind:
1. Es gibt genau zwei Wahrheitswerte, „wahr“ und „falsch“.
2. Jede Aussage hat höchstens einen Wahrheitswert, d. h., keine Aussage ist zugleich
„wahr“ und „falsch“ (auch „Satz vom Widerspruch“ genannt).
3. Jede Aussage hat mindestens einen Wahrheitswert, d. h., jede Aussage ist entweder
„wahr“ oder „falsch“ (auch „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“ genannt).
4. Es gibt Elementaraussagen (= einfache Aussagen) und komplexe Aussagen; letztere
entstehen durch Wörter, die – sinnvolle – Satzverbindungen ermöglichen.
Um den Wahrheitsbegriff (bzw. den von der „Falschheit“) deutlicher zu fassen, sind
einige weitere wissenschaftstheoretische Erkenntnisse als Grundlage vorausgesetzt:
1. Sprachliche Ausdrücke werden in der Logik (und in der Sprachphilosophie) unter-
schieden hinsichtlich ihrer
Bedeutung
(ihrem „Sinn“ sozusagen; die Intension der
Begriffe) und ihrer jeweiligen „Referenz“ (ihrem
Bezug;
also worauf sich der Aus-
druck bezieht; die Extension der Begriffe). Bei Eigennamen ist der Bezug der jeweils
bezeichnete Gegenstand. Die Bestimmung der jeweiligen Bedeutung erfordert (oft)
weitere Erläuterungen durch – geeignete – Definitionen.
2
1
Allerdings in einem „metasprachlichen“ Sinn. Zur in vielfacher Hinsicht bedeutsamen Thematik
„Objekt– und Metasprache“ verweise ich auf das diesbezügliche Kapitel in dieser Arbeit.
2
Auch zu diesem wichtigen Terminus verweise ich bezüglich weiterer Erläuterungen auf das dies-
bezügliche Kapitel in dieser Arbeit.

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2. Man unterscheidet außerdem zwei verschiedene Sprachebenen:
Objekt–
und
Metasprache.
Die Objektsprache macht Aussagen über die „Objekte“ (also über
die „Realität“); die Metasprache hingegen spricht über die Sprache (nicht über die
Realität).
Zwei kleine Beispiele sollen dies kurz illustrieren: „Meißen liegt an der Elbe“ und „Meißen
hat mehr Buchstaben als Elbe“ sind zwei – durchaus sinnvolle und korrekte – Sätze,
deren „Wahrheit“ allerdings auf unterschiedlichen „Ebenen“ geprüft werden muss.
In der Objektsprache geht es um die Stadt, den Fluss, die Eigenschaft „liegen“, in der
Metasprache um die sprachlichen Ausdrücke (die Worte), die eine bestimmte Anzahl
von Buchstaben aufweisen.
Ebenso ist die Aussage „London is a town in europe“ in dem Sinne „wahr”, als die
Metasprache ( = deutsch) nun den Beurteilungsrahmen für die in der Objektsprache
( = englisch) formulierte Aussage, nämlich, dass – tatsächlich – London eine Stadt in
Europa ist, bildet.
Die Unterscheidung von Objekt– und Metasprache ist für die Logik besonders wich-
tig, denn die – zentralen – Begriffe „wahr“ und „falsch“ sind in der Logik (zumeist)
metasprachliche Aussagen.
Sie beurteilen die Wahrheitswerte der jeweiligen
– objektsprachlichen – Aussagen.
Die Sachverhalte in der
Realität,
die durch die Sätze beschrieben werden, treffen
entweder zu oder nicht. Obwohl nicht immer leicht zu unterscheiden: Diese Sätze
der
Objektsprache
sind also (in einem anderen Sinne, quasi „inhaltlich“) „wahr“ oder
„falsch“. Man kann es auch so sagen: Wenn der im Satz beschriebene Sachverhalt in der
Realität tatsächlich zutrifft, dann nennen wir diesen Satz „wahr“; wenn nicht, dann
„falsch“.
Die Verwendung des Wortes „ist“ führt ebenfalls oft zu Missverständnissen, da dieses
Wort sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Es ist sinnvoll, genau anzugeben,
wie dieses Wort gemeint ist, wenn man es für wissenschaftliche Argumentationen
verwendet.
Nachfolgend – zur Illustration – einige Bedeutungen von „ist“:
A ist B (im Sinne von „definitionsgleich“ mit).
Das Tier C ist im Zimmer (im Sinne von „sein“, „existieren“).
Der Mensch D ist nicht tot (im Sinne von „sein“, „existieren“, „leben“).
Der Zahlenwert für „Pi“ ist 3,14… (im Sinne von „identisch“ mit).
Ein Hund ist ein Säugetier (im Sinne der Mengenlehre: H ist Teilmenge von S).

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6.1.1 Ein kurzer Abriss der Logikgeschichte
Bei den in Demokratien üblichen Wahlen geht man davon aus, dass die wahlberech-
tigten Bürger fähig sind, sich zu den wichtigsten Problemen der Zeit und des Landes
eine eigene Meinung zu bilden. Der Partei, die im Falle eines Wahlsieges diese Meinung
durchsetzen will, wird die Stimme gegeben. Die dazu notwendige Fähigkeit, sich eine
Meinung bzw. einen „Willen“ zu bilden, ist eine kulturelle Leistung und keineswegs ein
„natürlicher Prozess“. So ist z. B. die Sprache eine Voraussetzung, die Meinung und den
Willen überhaupt kundzutun. Die Sprache und der Umgang mit der Sprache muss von
jedem Menschen neu erlernt werden. Beim wissenschaftlichen Argumentieren wird
nun versucht, die Wahrheit von Meinungen festzustellen. Hierzu sind Regeln und Nor-
men für „vernünftiges“ Argumentieren nötig, weil sonst gar nicht entschieden werden
kann, welche Meinung der Wahrheit näher kommt.
Die Aufgabe, verbindliche Regeln für das „vernünftige MiteinanderReden“ anzugeben,
versucht die Logik zu lösen. Sie lässt sich vergleichen mit dem „Rechnen“, der Arithmetik.
Während man hierbei mit Zahlen operiert, wird dies in der Logik mit wörtlichen Aussagen,
mit Sätzen getan. Dieses (möglichst korrekte) „Umgehen“ mit sprachlichen Aussagen
lernen Kinder meist schon lange vor ihrer Schulzeit. Die Frühformen des logischen
Denkens werden also in der allgemeinen Sozialisation, speziell in diversen Modellen der
Erziehung und der damit verbundenen Denk– und Sprachentwicklung der Kleinkinder
frühzeitig eingeübt. So ist beispielsweise bekannt, dass viele (Klein-)Kinder, die zwischen
Eis (A) und Schokolade (B) wählen konnten, sofort „schließen“, dass sie Schokolade (B)
bekommen können, wenn Eis (A) ausverkauft ist. Aus A oder B und nicht A folgt für
sie – logisch korrekt – B.
Da es bei den logischen Schlüssen nur auf die zugrundeliegenden Regeln ankommt,
nicht jedoch auf den Inhalt der Sätze, können die Aussagen auch durch Zeichen (z. B.
durch Buchstaben) ersetzt werden und dann, genauso wie beim Buchstabenrechnen,
der Algebra, in Strukturen gebracht werden.
Ein logischer Schluss ist dann eine Folgerung, die aufgrund bestimmter Regeln zwin-
gend erfolgen muss. Logik kann man also – in erster Annäherung – verstehen als „Lehre
von der Folgerichtigkeit von Sätzen“.
Die Logik ist keine Erfindung der Neuzeit, wenngleich sie seit einigen Jahrzehnten wie-
der an Bedeutung gewinnt. Bereits vor mehr als 2000 Jahren spielte sie – nicht nur im
antiken Griechenland – eine große Rolle im wissenschaftlichen Denken. Die schon da-
mals die Gelehrten beunruhigenden „logischen Probleme“ führten zur Entwicklung und
zum Ausbau einer leistungsfähigen „Wissenschaft vom korrekten Argumentieren“, der
Logik. Das Interesse an der „Art zu Denken“ wechselte jedoch im Laufe der Jahrhunderte

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stark: Während im Mittelalter Logikunterricht für alle Studenten ein Pflichtfach wurde,
verlor sich danach die Bedeutung immer mehr, um etwa vor 100 Jahren einer neuen
Blüte entgegen zustreben.
3
Die Sophisten lehrten die „Kunst der Streitgespräche“. Sokrates versuchte dabei in seinen
Disputen herauszufinden, mit welchem „Recht“, bzw. aus welchem „Grund“ man dabei
eigentlich von gewissen Aussagen zu anderen Aussagen übergeht, d. h., irgendwelche
„Schlüsse“ zieht. Seine Nachfolger (insbesondere Platon und Aristoteles) bauten diese
Überlegungen zu einem System der Logik aus. Später wurde der (religiöse) Glaube
durch den Wunsch nach ‚kritischer Prüfung“ hinterfragt und durch ein Suchen nach
„Wissen“ zu verdrängen versucht. In der mittelalterlichen Scholastik gewann die Logik
neue Bedeutung, weil man das, was geglaubt wurde, auch „verstanden“ haben wollte.
Hierfür vermutete man die Logik als ein geeignetes Instrument.
Die naturwissenschaftlichen Entdeckungen ließen für zahlreiche Wissenschaftler große
Teile der immer umfangreicher werdenden Logik ihren Stellenwert verlieren. Erst ma-
thematische Grundsatzfragen (wie z. B.: „Warum ist 5 mal 4 identisch mit 4 mal 5,
4 geteilt 5 jedoch nicht identisch mit 5 geteilt durch 4?“) führte über die Entwicklung
der mathematischen Grundlagenforschung zu der Erkenntnis, dass selbst die Gültig-
keit der Grundregeln der Mathematik nur durch Logik erklärbar sind und deshalb die-
ser Wissenschaftszweig erneut durchdacht und ausgebaut werden sollte (und wurde).
6.1.2 Zum Verhältnis von Theorie und Praxis
Wer sich mit „Theorien“ beschäftigt, evtl. mit ihnen argumentiert, hat wahrscheinlich
schon oft von „erfahrenen Praktikern“ die Bemerkung oder gar den Vorwurf gehört,
dass dies „alles graue Theorie“ sei, dass „in der Praxis alles ganz anders aussieht“.
Möglicherweise hat man diese Erfahrung auch selbst schon einmal gemacht. Auf
der anderen Seite haben „Praktiker“ manchmal das Gefühl, dass ihnen „irgendwo der
Durchblick fehlt“, dass z. B. ein Autobastler zwar erklären kann, wie es funktioniert,
aber leider nicht warum. Dieses fehlende Wissen um Zusammenhänge und Ursachen
macht viele Tätigkeiten „theorielos“ und wirkt deshalb auf zahlreiche Beteiligte oft
unbefriedigend.
Dieses „Theorie-Praxis-Problem“ kann man sich an vielen Beispielen – insbesondere
bei größeren Projekten, z. B. beim Hausbau – vergegenwärtigen: Ohne die gedankliche
Vorwegnahme des fertiggestellten Objekts wäre die praktische Tätigkeit fast undenk-
bar. Welcher Mensch, welche Maschine muss wann, was, wo und warum tun?
3
Wie – zwar oft nur „zwischen den Zeilen“, aber dennoch sicher unschwer – aus meiner Argu-
mentation zu erkennen ist, bedauere ich die mangelhafte Einbindung und Schulung im gesam-
ten Hochschulbereich und werbe deshalb dafür, hier in den Studienplänen Veränderungen ein-
zuplanen und umzusetzen.

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Diese theoretische Vorüberlegung kann natürlich auch fehlen. Wenn jedoch keine aus-
reichende Erfahrung bei den Tätigen vorhanden ist, birgt dieses Fehlen die Gefahr des
Scheiterns. Eine gute erfahrungswissenschaftliche Theorie kann man sich also vorstel-
len als eine gedankliche Vorwegnahme und Durchdringung wirklicher, realer Vorgänge.
Die – oft durchaus berechtigten – Klagen der „Praktiker“ über die nicht realitätsgerechten
und manchmal „wirklichkeitsfremden“ Theorien lassen sich zum einen mit der kompli-
zierten Wirklichkeit selbst erklären. Es ist eben häufig sehr schwierig, alle Aspekte und
Einflussfaktoren zu erfassen und korrekt in einer Theorie wiederzugeben.
Zum anderen dürfte aber auch die durch eine zunehmende Arbeitsteilung bedingte
personelle Trennung diese Theorie-Praxis-Kluft verstärken. Häufig kennen Theoretiker
die „Sache“, über die sie schreiben (bzw. nachdenken), gar nicht genau. Sie haben keine
ausreichende eigene – sinnliche – Erfahrung mit der Materie gesammelt, sie sind noch
„unerfahren“. Den praktisch tätigen Menschen wiederum ist es meist unmöglich, die
komplizierte Theorie zu verstehen, geschweige denn, darauf Einfluss zu nehmen.
6.1.2.1 Bausteine der Wissenschaftssprache:
Definitionen, Aussagen und Hypothesen
Die Sprache der Wissenschaften ist aus der natürlichen „Umgangssprache“ entstanden,
hat sich entwickelt und spezialisiert. Wenn sich innerhalb der Forschungsgebiete
(z. B. der Physik, der Chemie, der Mathematik, …) über einen längeren Zeitraum keine
„Lösungen“ abzeichneten, haben einige der beteiligten Fachwissenschaftler „Grund-
satzfragen“ derart aufgeworfen, dass die Begriffe, die Methoden und die Schluss-
folgerungen der „Theorien“ selbst zum Gegenstand ihrer Überlegungen wurden. Es
entstanden „meta–theoretische“ Gedanken, Überzeugungen, Sätze. Der historisch
orientierte Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn
4
erforschte diese „Krisen“ und nannte
die Phasen, die zur „Lösung“ führten, „wissenschaftliche Revolutionen“. Die damit
entstehende neue Sichtweise der Probleme und ihrer Lösungen geschehen allerdings
nicht unbedingt durch neue, bessere „korrektere“ Erkenntnisse, sondern häufig durch
von ihm „Paradigmen wechsel“ genannte neue Interpretationen (alter, nicht gelöster
Fragen).
Parallel zum Ausbau der fachwissenschaftlichen Sprachen entwickelten sich grund-
legende Übereinkünfte bezüglich der Bedeutung metatheoretischer Begriffe, die – trotz
der, wie in allen Fachwissenschaften, so auch in den „philosophischen (wissenschafts-
theoretischen) Schulen“ üblichen (zahlreichen) Uneinigkeiten – aufgrund dieser meist
einheitlich verwendeten Begriffe als „allgemein akzeptiert“ gelten können und damit
4
Vgl. hierzu Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. Aufl., Frankfurt a. M.,
1976

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als Grundlage einer (derzeit) „herrschenden Meinung“ gelten. Hierzu zählt vor allem die
Klärung der Fragen, was eine „Definition“ oder eine „Theorie“ ist, wodurch sich Sätze
von Aussagen und diese wiederum von Hypothesen unterscheiden.
Im Rahmen dieses knappen Überblicks zum Thema „Was ist Wissenschaft?“ muss
genügen, dass diese Grundbausteine nur in diesem Sinne kurz referiert werden. Die
dazu bereits entwickelten präzisierenden Spezifizierungen und ihre strittigen Aspekte,
die nicht selten mit plausiblen Argumentationen unterlegt sind, können nur durch
Literaturverweise (und eigene Recherche) im Selbststudium vertieft werden. Nicht
unerwähnt darf jedoch bleiben, dass neben anderen Fachwissenschaften hier auch die
Sprachwissenschaften wertvolle Beiträge lieferten: So ermöglichten Erkenntnisse aus der
Linguistik – mit ihren Teilgebieten Semiotik, Syntax und Semantik – den Aufbau formaler
Sprachen, wie bspw. die moderne Logik, aber auch im Teilbereich „Pragmatik“ wurden
praktikable Lösungsangebote entwickelt, um interpretationsbedürftige Unklarheiten
zu reduzieren.
Welche (sprachlichen) Grundüberzeugungen liegen der Logik (als Wissenschaft)
zugrunde?
Die menschliche Sprache (insbesondere in den Wissenschaften, und diese sollen jetzt
im Folgenden im Vordergrund stehen) besteht aus Zeichen (z. B. Buchstaben), die, in
einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, Worte ergeben. Worte sind Buchstaben-
kombinationen mit Sinn. Im Gegensatz zu der geordneten Buchstabenmenge H O N T,
für die es in der deutschen Sprache keinen Sinn (d. h., keine Vorstellung, was diese
Buchstaben bezeichnen könnten) gibt, wird mit den Buchstaben H A N D oder H U N D
eine Vorstellung verbunden. Bestimmte Buchstabenkombinationen mit einem „Sinn“,
einer Bedeutung zu belegen, wird durch Definitionen erreicht. Dabei ist man grund-
sätzlich frei. Dabei erscheint es zweckmäßig, sich nicht ohne Grund von den üblichen,
bekannten Definitionen zu entfernen.
Definitionen
sind sprachliche Festlegungen, wie bezeichnete Gegenstände (oder Sach-
verhalte) verstanden werden sollen. Sie dienen also dazu, dass die Bedeutung der Worte
nicht strittig ist und die Beteiligten die gleichen „Vorstellungen“ haben, wenn sie Worte
verwenden. Da mit Hilfe der Definitionen (i. d. R.) nur mitgeteilt wird, wie der „Spre-
cher“ das Wort verwendet, kann der „Hörer“ diese Art der „Übersetzung“ ablehnen und
eigene verwenden. Demzufolge gilt, dass Definitionen grundsätzlich nicht wahrheits-
fähig sind; sie bleiben „subjektiv“.
5
5
Anders verhält es sich, wenn eine Definition selbst zum Gegenstand der Untersuchung gemacht
wird. Hier kann durchaus „wahr“ oder „falsch“ sein, wenn behauptet wird, dass „die Definition x
vom Forscher y meint, dass a = b.“

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Sätze
sind sinnvolle Verknüpfungen von Worten (die i. d. R. eine „Vorstellung“ ermög-
lichen). Als „Satz“ bezeichnet man die sinnvolle Aneinanderreihung mehrerer Wörter
(dadurch können die nacheinander geschriebenen Wörter „HUND UND IST ABER“ aus-
gegrenzt werden).
Aussagen
sind Sätze, die „wahr“ oder „falsch“ sein können. Allerdings wird nicht ver-
langt, dass man auch angibt oder angeben könnte, wann, wodurch oder wie diese
„Wahrheit“ bewiesen wird. Auch nicht, was man unter „einer wahren Aussage“ über-
haupt versteht. Durch diese Festlegung wird der (nicht wahrheitsfähige) Fragesatz:
„Warum lesen Sie ein Buch?“ von der (wahrheitsfähigen) Aussage: „Sie lesen ein Buch“
unterschieden. In jeder Aussage steckt eine Behauptung (z. B. dass dieses Objekt ein
Buch und keine Zeitung ist und dass gelesen wird); diese kann wahr oder falsch sein.
In Aussagen werden einem Gegenstand eine Eigenschaft zu– oder auch abgesprochen;
z. B. „Diese Rosen sind rot“. Die Aussage: „Eine Rose ist ein Blume“ behauptet, dass das
Objekt „Rose“ zu der Objektgruppe „Blumen“ gehört (auch das kann wahr oder falsch
sein). Problematisch werden für viele Menschen Sätze (Aussagen?) dieser Art: „Eine
Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Wann ist dieser, aus der Gestaltpsychologie entlehnte,
Satz wahr? Wann ist er falsch? Ist er überhaupt wahrheitsfähig? Kann man angeben,
wann er wahr wäre?
Für die Qualifizierung eines Satzes als Aussage ist ausschließlich nötig, dass sie wahr
oder falsch sein kann, – nicht hingegen, ob man die Wahrheit bereits weiß oder ob es
z. Zt. möglich ist, die Wahrheit festzustellen. Somit gehören die Sätze: „Es gibt Menschen
auf Lichtjahre entfernten Sternen„ oder „Caesar war Cicero“ oder „Die größte natürliche
Zahl ist ungerade“ zur Kategorie der Aussagen. Eine Besonderheit sieht man mitunter
bei Aussagen, die aufgrund der in ihnen enthaltenen (subjektiven) Empfindungen so
strittig erscheinen, dass eine Einigung (bzw. gar Feststellung) ihres Wahrheitswertes
(also entweder wahr oder falsch zu sein) unmöglich erscheint. So wird sich z. B. bei den
Sätzen: „Diese Mozartoper ist schön“ oder „Gandhi war ein guter Mensch“ die Wahrheit
nur über eine allgemein akzeptierte Definition von „schön“ und „gut“ ermitteln lassen.
Im Rahmen der Aussagenlogik kann man diese Problematik zunächst unberücksichtigt
lassen, denn – wie schwer die Definition auch sein mag – auch diese Worte sind Prädikate,
die jemandem zukommen oder nicht. Die Feststellung, ob etwas „gut“ oder „schlecht“ ist,
lässt sich zwar nicht so leicht und zwischenmenschlich eindeutig definieren wie z. B., ob
die Eigenschaften „75 Kilogramm schwer“ oder „ist deutscher Staatsbürger“ vorliegen,
dennoch können auch diese Eigenschaften vorhanden – oder nicht vorhanden – sein.
Eine besondere Schwierigkeit bereiten Sätze, die zwar wie Aussagen wirken, aufgrund
der in ihnen enthaltenen (subjektiven) Werturteile – nach überwiegender Meinung der
Wissenschaftstheoretiker und der Fachwissenschaftler – jedoch keine sind. Bei den

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Sätzen: „Studenten sollen nicht betrügen“ oder „Menschen sollten keine Tiere quälen“
besteht – trotz des den meisten Menschen einleuchtenden Sinns – die Problematik,
dass keine vom Menschen unabhängige Realität die Wahrheit oder Falschheit aufzeigen
kann. Der letzte Aspekt verweist auf die Frage, was man eigentlich unter „Wahrheit“
versteht, wann man in den Wissenschaften von einer „wahren Aussage“ sprechen
darf und wie man die – von vielen so intensiv und manchmal sehnsüchtig gesuchte –
Wahrheit finden kann. Für manch einen dürfte erstaunlich sein, dass auch hier – wie so
oft – eine zunächst so selbstverständliche Thematik einen riesigen Problemberg birgt:
Es gibt mehrere „Wahrheitstheorien“.
Hypothesen
sind die „Teilmenge“ der Aussagen, die einen Wahrheitsanspruch erheben,
und die – i. d. R. – auch angeben, wann man diesen Anspruch für widerlegt – oder für
bestätigt – hält.
Theorien
bestehen aus (mehreren) Sätzen, in denen die Definitionen und Aussagen
(bzw. Hypothesen) in einem – größeren – Zusammenhang (z. B. für Erklärungen
6
)
betrachtet werden.
6.1.2.2 Empirische und (rein) formale Theorien
Erfordern die in den Aussagen behaupteten Zusammenhänge, neben der Korrektheit
der formalen Struktur, zusätzlich die Prüfung der Realität
7
, entsteht (neben der Frage,
wie man überhaupt prüfen kann, ob „Sätze“ ein Teilgebiet der „Realität“ korrekt wider-
spiegeln können) als zusätzliche Aufgabe, den „empirischen Gehalt“ der Aussagen fest-
zustellen, um diese dann – durch Konfrontation mit der über die Sprache festgestellten
– tatsächlichen – Realität derart zu konfrontieren, dass die Aussagen als „wahr“ – oder
nicht wahr (= falsch) beurteilt werden dürfen (bzw. sogar müssen).
Theorien, die diese „Realitätsprüfung“ entbehren (können), nennt man üblicherweise
„Formale Theorien“; der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ergibt sich allein aus den „denk-
logischen“ Schlüssen, aus den – durch Definitionen und Sätze gebildeten – Prämissen;
neben der Mathematik gehört die (moderne, formale) Logik dazu. Inwieweit die Rechts-
wissenschaft – in ihrem „Kernbereich" – eine formale oder empirische ist, scheint mir
keine unwichtige Frage zu sein.
8
6
Soll bspw. eine Inflation „erklärt“ werden, bietet sich neben der „Geldtheorie“ u. a. als Alternative
die (bzw. eine) „Nachfragetheorie“ an; beide mit zahlreichen – unterschiedlichen – Definitionen
und Hypothesen, die allerdings jeweils „zusammengefügt“, die Theorie x ergeben.
7
Wobei (naive wie „aufgeklärte“) Realisten annehmen, dass es eine unabhängig vom Menschen
und vom menschlichen Denken existierende Realität gibt. Konstruktivisten bestreiten dies (zumeist).
8
Hierzu verweise ich vertiefend – und hoffentlich diskussionsanregend – auf meinen Beitrag in
„Verwaltung und Management“(2006).

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6.1.3 Prämissen der (formalen, symbolischen) Logik
Da der Hauptzweck dieser Arbeit im „Werben“ für verstärkte Bildung im „formal-
wissenschaftlichen“ – m. E. grundlegenden – Bereich liegt, werden im Folgenden
– in gebotener Kürze – die hier (unstrittig) gültigen, im Wissenschaftsalltag somit zu
beachtenden, Prämissen referiert:
1. Es gibt nur einfache und zusammengesetzte Sätze.
2. Jeder einfache Satz wird mit einem Zeichen (z. B. einem Buchstaben) symbolisiert.
3. Jeder Satz hat genau einen von den zwei Werten „wahr“ (= w; bzw. 1) oder „falsch“
(= f; bzw. 0 ).
4. Wenn ein Satz den Wert 1 hat, dann hat die Verneinung dieses Satzes den Wert 0.
5. Wenn ein Satz den Wert 0 hat, dann hat die Verneinung dieses Satzes den Wert 1.
6. Sätze können mit logischen Zeichen („Junktoren“) verknüpft werden.
7. Dadurch entstehen aus den Elementarsätzen zusammengesetzte Sätze.
8. Der (Wahrheits-)Wert der zusammengesetzten Sätze – 0 oder 1 – wird durch die
Definitionen der Junktoren bestimmt.
9. Die (Wahrheitswert-)Definitionen der Junktoren sind für die „klassische Logik“
eindeutig festgelegt und liegen in „(Wahrheits-)Tafeln“ vor.
10. Bezüglich der dort definierten (Wahrheits-)Werte besteht in den Wissenschaften
(„weltweit“ und im Wesentlichen) ein Konsens.
11. Wenn eine (Wahrheitswert-)Verteilung immer den Wert 1 (d. h.: „wahr“) annimmt,
dann heißt dieser Satz eine „Tautologie“.
12. Eine Satzmenge
folgt
aus einer anderen Satzmenge, wenn aus den mit dem Junktor
„Konjunktion“ verbundenen Vordersätzen einer Implikation mit den (ebenfalls mit
dem Junktor „Konjunktion“ verbundenen) Nachsätzen eine Tautologie entsteht.
13. Dann heißen die Nachsätze („Konklusionen“) eine „logische
Folgerung“
aus den
Vordersätzen (den „Prämissen“).
14. Der „Sinn“ der in den Sätzen vorkommenden Ausdrücke ist unerheblich.
15. Konklusionen aus den Prämissen ergeben ein
Argument.
16. Es gibt – logisch gültige und logisch ungültige – Argumente.
17. Die Prämissen der (formalen, symbolischen) Logik sind „Metasprache“, die im
Argument in „Objektsprache“ formuliert.
6.1.4 Folgerichtigkeit und Kalkül
Zur Erarbeitung der methodischen Fähigkeit des korrekten logischen Schließens müssen
sich die Beteiligten zunächst auf ein Entscheidungskalkül einigen. Allerdings steht es uns
hier genauso wenig wie in der Mathematik völlig frei, ein beliebiges zu wählen. Das ist
zwar nicht verboten, aber sehr unzweckmäßig. Nicht nur die Fachwissenschaftler haben
sich auf ein z. Zt. gültiges System „geeinigt“, besser: sie haben das allgemein gültige

| 73
– die „Klassische Logik“ – akzeptiert und es (analog zur Mathematik) ihrer alltäglichen
Anwendung zugrunde gelegt. Es empfiehlt sich m. E., sich diesem Verfahren (zunächst)
anzuschließen.
Nun ist dieser – eigentlich nicht sehr anspruchsvolle – Kalkül oft unbekannt; insbe-
sondere fehlen die – mitunter mechanischen – Fähigkeiten zu entscheiden, ob eine
Aussage aus einer anderen „tatsächlich“ logisch folgt. Statt eines überzeugenden Be-
weises gibt es in argumentativen Disputen oft lediglich einen Appell an das intuitive
Einverständnis. Wenn dieses jedoch nicht vorhanden ist, fehlt es häufig an der Fähig-
keit, überzeugende Beweise zu liefern.
Dabei kann einerseits die (vermeintliche, mitunter unberechtigt unterstellte) nicht vor-
handene Einsichtsfähigkeit des Gesprächspartners kritisiert werden, der jedoch wie-
derum zumeist die fehlende Überzeugungskraft des Arguments bemängelt,
9
anderer-
seits lässt sich aber ohne gemeinsam akzeptierte Kalküle nicht eindeutig entscheiden,
ob etwa ein Satz aus anderen Sätzen folgt.
Erschwerend kommt hinzu, dass sogar gemeinsam akzeptierte Argumente falsch sein
können, eine notwendige Überprüfung kann jedoch häufig wegen der dafür fehlen-
den Fähigkeiten nicht erfolgen. Die „moderne“ symbolische Logik zwingt hingegen zur
präzisierenden Eindeutigkeit und, auch aufgrund der Symbolisierung der Argument-
teile, innerhalb des Kalküls, zum Beweis.
10
Die moderne, formale Logik wird üblicherweise auch mit zwei weiteren Adjektiven
„klassisch“ bzw. „zweiwertig“ benannt. Mit dem Begriff „klassisch“ will man ausdrücken,
dass die wesentliche Grundprinzipien der – über zweitausend Jahre alten – Logik
beibehalten wurden. Zu diesen „Prinzipien“ (bzw. Axiomen, Grundannahmen) zählt u. a.
die Zweiwertigkeit, also die Festlegung, dass jeder Aussage genau ein von zwei möglichen
Wahrheitswerten (nämlich wahr oder falsch) zukommt; einen dritten Wahrheitswert
gibt es nicht. Dabei ist es völlig unerheblich, welchen Wahrheitswert eine Aussage hat.
Für die Logik als System ist völlig unbedeutend, ob eine Aussage wahr (oder falsch)
ist. Ausschlaggebend ist die Ansicht, dass jede Aussage entweder wahr oder falsch ist.
Die Konsequenz aus dieser Annahme ist, dass die Verneinung einer falschen Aussage
immer eine wahre Aussage ergibt (und umgekehrt).
9
In diesem „Teufelskreis“ befinden sich häufig Dozenten und Studenten, Lehrer und Schüler,
Eltern und Kinder, – alle in Beziehungen, die über Kommunikationsstrukturen um Autorität
(und „Macht“) ringenden Personen.
10
Üblicherweise wird die „Moderne Logik“ als eine Formalwissenschaft verstanden. Als Formale
Logik beinhaltet sie die Aussagenlogik und – auf einer höheren Ebene – die Prädikatenlogik.
Im Rahmen und auf der Grundlage des hier jeweils geltenden Regelwerkes sind eindeutige
Beweise für bestimmte zu prüfende Behauptungen, z. B. der, dass ein Satz aus anderen logisch
folgt, möglich.

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Zwei Beispiele: Wenn die Aussage: „Alle Unternehmer streben nach Gewinnmaximie-
rung“ falsch ist, dann ist die Aussage: „Es ist nicht der Fall, dass alle Unternehmer nach
Gewinnmaximierung streben“ wahr.
Wenn die Aussage: „Jede Aktiengesellschaft hat einen Vorstand“ wahr ist, dann ist die
Aussage: „Es ist nicht der Fall, dass jede Aktiengesellschaft einen Vorstand hat“ falsch.
Weder die Logik (noch die Logiker) entscheiden über die Wahrheit von Aussagen, das
ist die (vornehmste) Aufgabe der beteiligten Fachwissenschaftler. Logisch Arbeitende
prüfen mit den möglichen Wahrheitswerten der vorgestellten Aussagen, ob bestimmte
geforderte Eigenschaften – wie z. B. Folgerichtigkeit oder Widerspruchsfreiheit –
vorliegen oder nicht.
Die Verneinung (auch „Negation“ genannt) einer Aussage ist – nebenbei bemerkt – nicht
immer einfach, mitunter nicht eindeutig. Die Negation des Satzes: „Alle Studenten sind
intelligent“ wird eventuell mit: „Alle Studenten sind nicht intelligent“ (also im Sinne von:
„Es gibt nicht einen intelligenten Studenten“) angegeben, oder als: „Nicht alle Studen-
ten sind intelligent“ (also im Sinne von: „Es gibt mindestens einen nicht-intelligenten
Studenten“) formuliert. Beide Bedeutungsvarianten sind in der Formalisierung der Aus-
sage zu unterscheiden, denn es lassen sich ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen
daraus ziehen. Im Rahmen der zunächst zu skizzierenden Aussagenlogik empfiehlt es
sich, die (umgangssprachlich etwas sperrige) Formulierung „es ist nicht der Fall, dass
...“ für die Negation einer Aussage zu verwenden. Somit wäre die korrekte Negation des
Beispielsatzes: „Es ist nicht der Fall, dass alle Studenten intelligent sind“, so dass also
damit behauptet wird, dass es mindestens einen nicht-intelligenten Studenten gibt.
Da den zusammengesetzten („komplexen“) Aussagen – durch Verbindungswörter wie
„und“, „oder“, „wenn ..., dann ...“ gebildet – ebenfalls Wahrheitswerte zugeschrieben wer-
den, ist deren Wahrheitswertverteilung schwieriger zu begründen als für die Elementar-
aussagen. Vorab werden jedoch – ausschließlich zur besseren Lesbarkeit und auch
der damit verbundenen Arbeitserleichterung – die in der Logik üblichen Abkürzungs-
konventionen vorgestellt. Die folgenden inhaltlichen Aspekte sind danach übersicht-
licher und kürzer darstellbar.
6.1.5 Die Symbolisierung von Aussagen: Die Wahrheitstafeln
Elementare Aussagen werden durch kleine Buchstaben (üblich sind p, q, r, s, ...; sollte
man zahlreiche Aussagen benötigen, können sie außerdem noch durch Indizes (z. B.
durch p
1
, p
2
, p
n
,...) unterschieden werden) symbolisiert. Wenn in der Aussage kein Raum-
Zeit-Bezug explizit angegeben ist, so wird zunächst ein ganz konkreter – an einem ganz
konkreten Ort (bzw. für ein konkretes Gebiet), zu einer ganz konkreten Zeit (bzw. für

| 75
einen konkreten Zeitraum) – unterstellt.
Zwei Beispiele:
p =
Die Arbeitslosenquote beträgt 6 %.
Der Satz „meint“: Die Arbeitslosenquote beträgt in der Bundesrepublik
Deutschland in diesem Jahr 6 %.
q =
Das Sozialgesetzbuch X hat 243 Paragraphen.
Der Satz „meint“: Das Sozialgesetzbuch X der Bundesrepublik hat genau zum
jetzigen Zeitpunkt 243 Paragraphen.
Verneinte (negierte) elementare Aussagen werden durch das Voranstellen eines Zei-
chens, welches die Verneinung des Satzes symbolisiert (üblich ist hier das Zeichen ¬ ),
ausgedrückt.
Zwei Beispiele:
¬ p =
Es ist nicht der Fall, dass die Arbeitslosenquote 6 % beträgt.
¬ q =
Es ist nicht der Fall, dass das Sozialgesetzbuch 243 Paragraphen hat.
Die Wahrheitswerte der elementaren Aussagen sind – weil intuitiv einleuchtend – relativ
unproblematisch. Wenn die Aussage p wahr ist, dann ist die Aussage ¬ p falsch; wenn
jedoch die Aussage ¬ p wahr ist, dann ist die Aussage p falsch.
Wie sind nun aber die Wahrheitswerte zusammengesetzter Aussagen definiert? Wir wer-
den sehen, dass die Definitionen der Wahrheitswerte hier aus dem Alltagsverständnis
nicht immer problemlos nachvollzogen werden können. In einem solchen Fall empfiehlt
sich – ähnlich wie in den Kalkülen der Mathematik – zunächst die gültigen Konven-
tionen zu lernen und mit ihnen zu operieren, weil man ansonsten an dem regelgelei-
teten Wissenschaftsprozess nicht rational teilnehmen kann. Es ist zwar niemandem
untersagt, einen Dollar „Mark“ oder „Euro“ zu nennen, die Rechenoperationen „plus“
und „minus“ zu tauschen, so dass dann 7 + 4 = 3 ergibt; die Sprachgemeinschaft, die
beteiligten Fachleute werden jedoch (vermutlich) ihre Sprache und ihre – bislang er-
folgreichen – Kalküle und Definitionen nicht (so bald und leicht) ändern. Eine zunächst
sprachliche Verwirrung, vielleicht gar Verständnisbarrieren bis hin zur Isolation der
„Anpassungsunwilligen“
11
wäre wohl unausweichlich.
Auch – relativ – unproblematisch lässt sich wohl noch nachvollziehen, wann man zwei
11
Das heißt allerdings nicht, dass hier einer „unkritischen“ Übernahme und Anpassung an tradierte
Formen, Methoden und Denkweisen das Wort geredet wird. Jedoch hat - zumindest didaktische –
Plausibilität, wenn die Kritik auf höherem Niveau, und das heißt hier: In Kenntnis der üblichen
Regeln und Definitionen – geleistet wird. Meine „Erfahrungen“ – sowohl beim Lernen, als auch
beim Lehren – zeigten oft, dass (emotionsgeleitete) erste „Abneigungen“ und Abwehrhaltungen
die Motivationsgrundlagen für eine Kritik bildeten, die sich nach der Er– und Einarbeitung in
den Gesamtkomplex fast „in Luft auflöste“.

76 |
mit „und“ verbundene Aussagen in der Logik als wahr oder falsch beurteilt.
Beispiel:
Die Aussage: „Das Preisniveau ist gestiegen und die Beschäftigung hat zugenommen“
ist genau dann wahr, wenn beide Teilaussagen wahr sind. Ist jedoch eine Teilaussage
falsch, dann ist die Behauptung der zusammengesetzten Aussage nicht mehr auf-
rechtzuerhalten, dann ist diese falsch. Symbolisieren wir das „und“ mit dem (üblichen)
Zeichen
und die Elementaraussagen „Das Preisniveau ist gestiegen“ mit p und „Die
Beschäftigung hat zugenommen„ mit q, so ergeben sich maximal vier mögliche Wahr-
heitswerte für die zusammengesetzte Aussage (die als eine Und-Verbindung „Konjunk-
tion“ genannt wird).
1. Der Satz p kann wahr sein und der Satz q kann wahr sein,
2. der Satz p kann wahr sein und der Satz q kann falsch sein,
3. der Satz p kann falsch sein und der Satz q kann wahr sein,
4. der Satz p kann falsch sein und der Satz q kann falsch sein.
In einer Wahrheitstafel lässt sich dies kurz folgendermaßen darstellen:
1
2
3
p
q
(p
q)
w
w
w
w
f
f
f
w
f
f
f
f
Die ersten beiden Spalten geben dabei alle möglichen Wahrheitswertverteilungen an;
die dritte Spalte zeigt, welcher Wahrheitswert der Konjunktion zugeschrieben wird.
Weniger eindeutig lässt sich jedoch angeben, wann man zwei mit „oder“ verbundene
Aussagen in der Logik als wahr oder falsch beurteilt. Das hängt insbesondere damit
zusammen, dass dieses Wort in zwei unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht wird,
einmal im Sinne von „entweder ..., oder“ (das „ausschließende oder“) und ein anderes
Mal im Sinne von „und-oder“, (das „nicht-ausschließende oder“), die Disjunktion.
Zwei Beispiele: „Der Versicherte kann eine Rente oder eine Rehabilitationsmaßnahme
erhalten.“ „Ermäßigungen erhalten Rentner oder Frauen“.
Im zweiten Fall soll ausgedrückt werden, dass Rentner und Frauen Ermäßigungen
erhalten, während das erste Beispiel behauptet, dass der Versicherte entweder eine
Rente oder eine Rehabilitationsmaßnahme (aber nicht beides!) bekommen kann. Beide

| 77
Aussagen haben unterschiedliche Wahrheitswertverteilungen.
Die zusammengesetzte Aussage im „nicht-ausschließenden Sinn“ (der Disjunktion)
ist nur dann falsch, wenn beide Teilaussagen falsch sind, ansonsten ist sie wahr. Die
Aussage: „Die Kaufkraft ist gefallen oder die Einkommen sind gesunken“ ist also dann
wahr, wenn eine der beiden Teilaussagen wahr ist (aber auch, wenn beide wahr sind).
Sind jedoch beide Teilaussagen falsch, dann ist die Behauptung der zusammengesetz-
ten Aussage nicht mehr aufrechtzuerhalten, dann ist diese falsch.
Symbolisieren wir dieses „oder“ mit dem (üblichen) Zeichen „∨„ und die Elementar-
aussagen: „Die Kaufkraft ist gefallen“ mit p und „Die Einkommen sind gesunken“ mit
q, so ergeben sich auch hier maximal vier mögliche Wahrheitswerte:
Der Satz p kann wahr sein und der Satz q kann wahr sein,
der Satz p kann wahr sein und der Satz q kann falsch sein,
der Satz p kann falsch sein und der Satz q kann wahr sein,
der Satz p kann falsch sein und der Satz q kann falsch sein.
Die Wahrheitstafel für die Disjunktion sieht also folgendermaßen aus:
p
q
(p
q)
w
w
w
w
f
w
f
w
w
f
f
f
Die Wahrheitstafel für das ausschließende „oder“, („Kontravalenz“ bzw. „Alternative“)
sieht hingegen folgendermaßen aus:
p
q
(p >< q)
w
w
f
w
f
w
f
w
w
f
f
f
Symbolisieren wir dieses „oder“ mit dem Zeichen
><
und die Elementaraussagen:
1. „Die Unternehmung U ist eine GmbH“ mit p und
2. „Die Unternehmung U ist eine Kommanditgesellschaft“ mit q, so sind die Wahrheits-
wertverteilungen folgendermaßen zu verstehen:
Da gemeint (behauptet) ist, dass die Unternehmung U nur entweder eine GmbH oder eine

78 |
Kommanditgesellschaft ist, muss diese Aussage falsch sein, wenn die Unternehmung U
sowohl eine GmbH und außerdem auch eine Kommanditgesellschaft ist (Zeile 1). Die
zweite und dritte Zeile erfüllt die Bedingung der Alternative, nur eine Teilaussage ist
wahr. Einleuchten dürfte auch, dass die Gesamtaussage falsch ist, wenn die betrach-
tete Unternehmung U weder eine GmbH noch eine Kommanditgesellschaft (beispiels-
weise eine OHG) ist (Zeile 4).
Zur Komplettierung sei noch die Wahrheitswertverteilung für die Negation angegeben:
p
¬ p
w
f
f
w
Wobei
p
für jede beliebige Aussage steht.
Betont werden muss die Forderung, dass die Verknüpfungszeichen („Junktoren“) zwar
die Symbolisierung der Verbindung mehrerer komplexer Sätze ermöglichen, aber dass
durch Klammersetzung eindeutig angegeben werden muss, welche Satzteile zu wel-
chem komplexen Satz verbunden werden sollen. Dadurch wird der Sinn der Gesamt-
aussage deutlich gemacht. Erst durch diese Forderung lässt sich die umgangssprachlich
äußerst schwierig zu lösende Aufgabe der Unterscheidung zwischen - beispielsweise -
Satz 1:
p
(s
t) und
Satz 2:
(p
s)
t deutlich machen.
„Peter und Sabine oder Thomas“ unterscheidet sich mündlich kaum (allenfalls durch
eine unterschiedliche Betonung oder Sprechgeschwindigkeit) von „Peter und Sabine
oder Thomas“; schriftlich (wie man sieht) sogar gar nicht; logisch haben beide Aus-
sagen jedoch möglicherweise ganz unterschiedliche Bedeutungen und demzufolge
unterschiedliche Konsequenzen. Will z. B. jemand wissen, welche Studenten die Prü-
fung bestanden haben, so ist die Aussage im Sinne des Satzes 1 so gemeint, dass
behauptet wird, dass Peter auf jeden Fall zu diesen „Glücklichen“ gehört, Thomas je-
doch nicht unbedingt.
Im Sinne der zweiten Aussage wird diese Unsicherheit auch auf Peter übertragen, denn
hier wird behauptet, dass möglicherweise nur Thomas „bestanden“ hat.
12
12
Mit anderen Worten: Wenn tatsächlich nur Thomas die Prüfung bestanden hat, bleibt die
Behauptung der zweiten Aussage gültig (ist sie „wahr“). In einem Gespräch würde der Sprecher
auf den Vorwurf, dass „aber nur Thomas bestanden hat“ antworten: „Habe ich doch gesagt!“

| 79
Im Sinne der ersten Aussage wird behauptet, dass Peter und noch eine andere (von
zwei möglichen) Personen (Sabine oder Thomas) „bestanden“ hat.
13
Die Wahrheitstafel
14
zeigt dementsprechend für alle acht möglichen Verteilungen bei
den beiden unterschiedlichen Interpretationen auch andere Verläufe. So sehen wir aus
Zeile 5, dass der Satz - gemeint als Aussage im Sinne der Variante 1 – falsch wäre, wenn
Peter nicht (wenn also die Aussage p = „Peter hat bestanden“ falsch wäre), Sabine und
Thomas jedoch bestanden hätten. Ist der Satz jedoch gemeint als Aussage im Sinne
der Variante 2, so ist er wahr, wenn Peter zwar nicht bestanden, Sabine und Thomas
jedoch bestanden hätten.
1
2
3
4
5
6
7
8
9
Satz 1
Satz 2
Zeile
p
s
t
(s
t) p
(s
t)
(p
s) (p
s)
t
1
w
w
w
w
w
w
w
2
w
w
f
w
w
w
w
3
w
f
w
w
w
f
w
4
w
f
f
f
f
f
f
5
f
w
w
w
f
f
w
6
f
w
f
w
f
f
f
7
f
f
w
w
f
f
w
8
f
f
f
f
f
f
f
Etwas ausführlicher:
Wie kann die Realität zur Aussageverknüpfung mit drei Elementaraussagen – beispiels-
weise
(Satz 1)
p
(s
t) bzw. mit
(Satz 2)
(p
s)
t – beschaffen sein?
Peter kann bestanden haben,
Sabine kann bestanden haben,
Thomas kann bestanden haben.
Peter kann bestanden haben,
Sabine kann bestanden haben,
Thomas kann nicht bestanden haben.
Peter kann bestanden haben,
Sabine kann nicht bestanden haben, Thomas kann bestanden haben.
Peter kann bestanden haben,
Sabine kann nicht bestanden haben, Thomas kann nicht bestanden haben.
Peter kann nicht bestanden haben, Sabine kann bestanden haben,
Thomas kann bestanden haben.
Peter kann nicht bestanden haben, Sabine kann bestanden haben,
Thomas kann nicht bestanden haben.
Peter kann nicht bestanden haben, Sabine kann nicht bestanden haben, Thomas kann bestanden haben.
Peter kann nicht bestanden haben, Sabine kann nicht bestanden haben, Thomas kann nicht bestanden haben.
Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.
13
Wenn in diesem Fall allerdings tatsächlich nur Thomas die Prüfung bestanden hat, kann die
Behauptung dieser Aussage nicht gültig bleiben (sie ist „falsch“). In einem Gespräch würde der
Sprecher auf den Beweis und den Vorwurf, dass „aber nur Thomas bestanden hat“ antworten
(müssen): „Sorry, da habe ich mich dann wohl geirrt “.
14
Warum gibt es nun bei 3 Aussagen, die miteinander verknüpft werden sollen, genau 8 Möglich-
keiten der Verteilungen der Wahrheitswerte? Aus der Kombinatorik kann man ableiten, dass es
bei zwei Wahrheitswerten immer genau 2
n
(wobei n die Anzahl der Aussagen meint) Möglich-
keiten gibt, also bei 3 Aussagen gibt es 2
3
= 8, bei 6 Aussagen 2
6
= 64 Möglichkeiten.

80 |
Wir können aus dieser – vollständigen – Auflistung eine wichtige (m. E. oft nicht
genügend beachtete) Besonderheit der Logik entwickeln. Logische Analysen beurteilen
nicht die Wahrheitswerte der einzelnen Aussagen (das ist ausschließlich den Fachwissen-
schaften vorbehalten!), sie prüfen alle möglichen Verteilungen der Wahrheitswerte.
Wie ergeben („errechnen“) sich nun die Wahrheitswerte komplexer Aussagen?
1. Aus den Definitionen zur Verknüpfung der Elementaraussagen ermittelt man für
den Hauptjunktor den Wahrheitswert für die komplexe Aussage.
2. Es muss eindeutig festgelegt werden, welche Teilaussagen durch welchen Haupt-
junktor verbunden werden sollen. Damit wird festgelegt, wie die gesamte Aussage
„gemeint“ ist!
3. Diese Eindeutigkeit wird durch Klammersetzung hergestellt.
So wird also festgelegt, wie die Aussage p
s
t verstanden werden soll: Entweder als
Satz 1:
p
(s
t)
(eine Konjunktion mit einer Disjunktion als Nachsatz, oder als
Satz 2:
(p
s)
t
(einer Disjunktion mit einer Konjunktion als Vordersatz.)
Es soll bereits an dieser Stelle betont werden, warum man so vorgeht. Dies geschieht
insbesondere deshalb, um „immer wahre“ (= allgemeingültige) Aussagen herauszufin-
den. Logische Folgerung heißt nichts anderes, als in einem Argument zu zeigen, dass ein
Satz (nämlich die Konklusion) nicht falsch sein kann, wenn andere Sätze (nämlich die
Prämissen) wahr sind. Das bedeutet wiederum, dass der Wahrheitsgehalt der Schluss-
folgerung (= Konklusion) bereits in den Voraussetzungen (= Prämissen) enthalten ist.
Für ein logisch korrektes Argument gilt also: Wenn die Prämissen wahr sind, dann ist
die Schlussfolgerung auch wahr.
Zum besseren Verständnis wird noch einmal erläutert, wie man diese unterschiedlichen
Verteilungen und ihre Wahrheitswertverläufe in den Tafeln lesen sollte. Nehmen wir
z. B. Zeile 5:
Der Satz: „Peter
und
(Sabine oder Thomas) haben bestanden“ ist falsch (zu sehen in
Spalte 5 von Zeile 5), wenn Peter nicht bestanden hat (p zeigt hier den Wahrheitswert
„falsch“ aus Zeile 5, Spalte 1, jedoch Sabine und auch Thomas bestanden haben (s zeigt
hier genauso wie t den Wahrheitswert „wahr“ aus Zeile 5 und Spalte 2 und 3).
Andererseits sehen wir, dass „(Peter und Sabine)
oder
Thomas haben bestanden“ genau
in diesem Fall – nämlich wenn Peter nicht bestanden, Sabine nicht bestanden – aber

| 81
Thomas bestanden hat – wahr wäre (zu sehen in Spalte 9 von Zeile 5).
15
Ob die argumentative Absicht (hier ausgedrückt in der Disjunktion ((p
s)
t) genau
in dieser so formalisierten Behauptung bestand, ist ein möglicher „Stolperstein“, eine
wichtige Fehlerquelle. Wenn man nämlich das sprachlich gleichlautende „Peter und Sa-
bine oder Thomas“ als Konjunktion – formalisiert als (p
(s
t)) – gemeint hat, ergeben
sich möglicherweise andere logische Konsequenzen.
Durch doppelte Klammern (p
(s
t)) kann die problematische Doppel– bzw. Mehr-
fachdeutigkeit reduziert bzw. ganz behoben werden; ansonsten gilt, dass dort, wo keine
Missverständnisse möglich sind, die Klammern selbstverständlich entfallen können.
Also ist p
(s
t) genauso korrekt wie (p
(s
t)).
Als – gutes – Übungsbeispiel eignet sich hier übrigens der § 1619 BGB.
16
6.1.6 Implikation, Replikation und Äquivalenz: Der „wenn …, dann …“-Satz
„Wenn ..., dann ...“-Satzverbindungen bilden in den Wissenschaften (besonders bei den
nach Kausalitäten forschenden Realwissenschaften, die Ursache-Wirkungs-Zusammen-
hänge durch: „Wenn (diese Ursache),
dann
(diese Wirkung)“ Aussagen darstellen
und auch in allen Rechtswissenschaften, in denen zahlreiche Normen durch die Satz-
struktur: „Wenn (dieser Tatbestand),
dann
(diese Rechtsfolge)“ angegeben werden)
häufig diese Aussageformen.
Einige Beispiele:
Wenn die Exporterlöse steigen, dann sinkt die Arbeitslosigkeit.
Wenn die Arbeitszufriedenheit steigt, dann wächst die Leistungsmotivation.
Wenn ein Jugendlicher arbeitslos gemeldet ist, dann besteht ein Beratungsanspruch.
Wenn man Lackmuspapier in eine Lauge taucht, dann wird es blau.
Wenn die Voraussetzungen des § 123 erfüllt sind oder das Lebensalter über 65 Jahre
ist und der Wohnsitz in Europa liegt, dann wird eine Geld– oder Sachleistung gewährt.
Bedauerlicherweise ist die „Wenn ..., dann ...“-Satzverbindung sowohl in der Um-
gangs– als auch in der Fachsprache nicht immer eindeutig (ein weiterer Grund für
15
Die Spalten 6 und 7 sind überflüssig; sie dienen nur dazu, die Übersichtlichkeit der Tabelle zu
erhöhen. Die Spalten 4 und 8 habe ich nur eingefügt, um die Wahrheitswerte von Teilaussagen
festzuhalten (und dann mit diesen weiterzuarbeiten). Bei diesen Zwischenschritten zeigt sich
die große Bedeutung der richtigen Klammersetzung: Dadurch wird festgehalten, welche Aussa-
gen – in welcher Reihenfolge – miteinander zu verbinden sind.
16
Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder
unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechen-
den Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten.

82 |
eine stärkere Berücksichtigung und Schulung der formalen Logik, die durch ihren
Zwang zur Präzisierung auch hier einen Beitrag zur Vermeidung von Missverständnis-
sen leisten kann).
17
Manchmal meint man diesen Zusammenhang als „immer wenn ..., dann ...“ – so z. B.
in allen deterministischen Gesetzen („Wenn man Lackmuspapier in Säure taucht, dann
wird es rot“) oder in juristischen Normen („Wenn die Voraussetzung X erfüllt ist, dann
besteht der Anspruch Y“) –, ein anderes Mal wird es als „nur wenn…, dann…“ oder als
Variante: „Nur wenn mindestens ..., dann ...“ verwendet, beispielsweise in einer Regel:
„Wenn von einer (aus 11 Spielern bestehenden) Fußballmannschaft 8 Spieler anwesend
sind, dann wird das Spiel eröffnet“ oder der Aussage: „Wenn ein Mensch 800 Kalorien
täglich zu sich nimmt, dann wird er nicht verhungern“.
Die dritte Bedeutung kann darin liegen, dass der Argumentierende behaupten will, dass
„immer wenn
und
nur wenn ... ein Ereignis eintritt, dann eine Wirkung folgt“. Anders
ausgedrückt: „Stets dann und nur wenn ..., dann ...“ oder auch: „Genau dann, wenn…“
6.1.6.1 Formalisierung und Interpretation der ersten Bedeutung
Im ersten Fall formuliert der „Wenn-Teil“ des Satzes eine
hinreichende
Bedingung
dafür, dass ein Ereignis eintritt. Man behauptet also, dass das Eintreten des Ereignis-
ses durch die erfüllte Bedingung – aber nicht nur durch diese! – begründet bzw. erklärt
werden kann.
Zwei Beispiele:
„Wenn man studiert, dann wird man selbstbewusster“. Hier will man nicht aus-
schließen, dass man auch durch andere Aktivitäten selbstbewusster werden kann,
aber man gibt eine Bedingung, eine „Ursache“ für ein Ereignis (für eine Wirkung) an.
Die „Wenn x, dann y“-Interpretation als
hinreichende
Bedingung erfüllt die Aufgabe,
einen guten Grund für ein erklärungsbedürftiges Phänomen anzugeben: Auf die Frage:
Warum y? ist die darauf folgende Argumentstruktur „Wenn x, dann y und jetzt x … des-
halb y“ eine hinreichende Begründung.
„Wenn die Preise steigen, dann sinkt die Nachfrage.“ Auch hier will man nicht aus-
schließen, dass auch andere Ursachen (z. B. ein Modewandel) die Nachfrage sinken
17
Mitunter ergibt sich in Diskussionen, in der die logischen Schlüsse strittig wurden, dass dem
Argumentierenden (manchmal beleidigt, manchmal auch aggressiv) vorgehalten wird, dass er
nicht korrekt genug die Satzteile formuliert hat: „Das hätte man aber dann genauer sagen müs-
sen ...“ ist hierfür ein häufig formulierter Vorwurf. Formalisierungen zwingen zur eindeutigen
Angabe des Gemeinten.

| 83
lassen kann. Jedoch wird damit auch zugestanden, dass der Satz als „falsch“ gelten
muss, wenn der behauptete Zusammenhang nicht besteht. Wenn also beispiels-
weise nachgewiesen wird, dass die Preise steigen und dann die Nachfrage nicht
gesunken ist, würde man die verknüpfte Aussage nicht mehr aufrechterhalten kön-
nen, sie wäre falsch.
Symbolisieren wir die Sätze mit: p = Die Preise steigen. q = Die Nachfrage sinkt.
Die Wahrheitstafel der Implikation hat dann folgende Definition
18
:
Implikation = hinreichende Bedingung
p
q
(p
q)
w
w
w
w
f
f
f
w
w
f
f
w
Eine Erläuterung (bzw. Begründung) dieser Wahrheitswertverteilung ist – obwohl nicht
jedem sofort einleuchtend – vielleicht folgendermaßen möglich:
Zeile 1: Angenommen, die Realität zeigt (bestätigt durch die Fachwissenschaftler), dass
der Satz: „Die Preise steigen“ wahr ist – und der Satz: „Die Nachfrage sinkt“ ebenfalls
wahr ist, dann besteht kein Grund, die verknüpfte Aussage: „Wenn die Preise steigen,
dann sinkt die Nachfrage“ als falsch anzusehen. Mit „gutem Grund“ kann man diese
Implikation als „wahr“ behaupten.
19
18
„Definition“ im Sinne von „stipulativer“ (festsetzender) Definition, deshalb, weil man sich in der
formalen Logik zwar bemüht, die umgangssprachlichen, fachspezifischen Denkoperationen zu
berücksichtigen, aufgrund der „zwischenmenschlichen“ Uneinheitlichkeit und Uneinigkeit jedoch
um Festlegungen (die allerdings für die Themenbereiche dieser Abhandlung von einer überwäl-
tigend großen Menge der beteiligten Wissenschaftler akzeptiert wird) nicht umhin kam. Die
Konsequenz für den Leser besteht darin, dass diese Definitionen der Wahrheitswertverteilun-
gen zunächst übernommen werden sollte (bzw. muss), denn („nur“) unter diesen Prämissen wird
formalwissenschaftlich korrekt gearbeitet. Alternative, eigene Definitionen der Wahrheitswerte
würden zu Ergebnissen führen, die alle (anderen) beteiligten Personen kaum nachvollziehen
könnten. Auch hier erneut ein Beispiel aus einer anderen – anerkannten – Formalwissenschaft:
Die Summe aus 4+5 ist deshalb größer als 3+2, weil die Zahlenwerte – und das Zeichen „+“
so definiert wurden. Aus diesen folgt dann, dass 4>2, 5<9, 4+8=12 etc. Natürlich kann jeder
diese „Festlegungen“ anzweifeln und für sich ändern; im Diskurs mit den Beteiligten führt diese
„Nichtakzeptanz“ der Prämissen jedoch in eine – meist unerwünschte – Isolation.
19
Es sei darauf hingewiesen, dass hier – und im Folgenden – eine sprachliche Problematik oft zu
Verständnisschwierigkeiten führt. Erst durch die Trennung der Sprachebenen – Objekt– und
Metasprache“ – wird die mehrfache Verwendung der Begriffe „wahr“ oder „falsch“ in den kor-
rekten Kontext eingeordnet. Strikt zu unterscheiden ist, ob eine Aussage über die Realität (Ob-
jektsprache) „wahr“ ist (bspw. „Der letzte Kaiser von China hieß Pu Ji“) – oder ob eine „Aussa-
genverknüpfung“ den Wahrheitswert „wahr“ zugeteilt bekommt (Metasprache).

84 |
Zeile 2: Angenommen, die Realität zeigt (bestätigt durch die Fachwissenschaftler),
dass der Satz: „Die Preise steigen“ wahr ist und der Satz: „Die Nachfrage sinkt“ jedoch
falsch ist, dann besteht kein Grund, die verknüpfte Aussage: „Wenn die Preise steigen,
dann sinkt die Nachfrage“ als wahr im Bestand der Wissenschaften stehenzulassen.
Mit gutem Grund kann man diese behauptete Aussage durch die Erfahrung als wider-
legt ansehen, sie also als „falsch“ bezeichnen.
Zeile 3: Angenommen, die Realität zeigt (bestätigt durch die Fachwissenschaftler), dass
der Satz: „Die Preise steigen“ falsch ist und der Satz: „Die Nachfrage sinkt“ jedoch wahr
ist, dann besteht kein Grund, die verknüpfte Aussage: „Wenn die Preise steigen, dann
sinkt die Nachfrage“ als falsch zu klassifizieren, denn es wurde schließlich nur behaup-
tet, dass,
wenn
die Preise steigen, dann die Nachfrage sinkt. Über die Veränderung der
Nachfrage, ob sie sinkt, steigt oder gleichbleibt, wird jedoch nichts behauptet, falls die
Preise nicht steigen (falls also der Satz: „Die Preise steigen“ falsch ist). Die Implikation
(wenn F, dann W) kann man deshalb als „wahr“ im Bestand der Wissenschaften stehen-
lassen. Es gibt keinen guten Grund, die behauptete Aussage durch die Erfahrung als
widerlegt zu betrachten, also als „falsch“ zu bezeichnen.
20
Zeile 4: Angenommen die Realität zeigt (bestätigt durch die Fachwissenschaftler),
dass der Satz: „Die Preise steigen“ falsch ist und der Satz: „Die Nachfrage sinkt“ eben-
falls falsch ist, dann besteht auch hier kein Grund, die verknüpfte Aussage: „Wenn die
Preise steigen, dann sinkt die Nachfrage“ als falsch zu klassifizieren. Die Begründung
ergibt sich zum größten Teil aus den Erläuterungen zur Zeile 3: Da nur eine Behaup-
tung aufgestellt wurde mit der Voraussetzung, dass p wahr ist („die Preise steigen“),
kann diese nicht dadurch widerlegt werden, dass beispielsweise die Preise nicht ge-
stiegen sind und die Nachfrage nicht gesunken ist; sie kann deshalb als („möglicher-
weise“) wahr definiert werden.
6.1.6.2 Formalisierung und Interpretation der zweiten Bedeutung
In der zweiten „Bedeutungsvariante“ formuliert der „Wenn-Teil“ des Satzes eventuell
eine
notwendige
Bedingung dafür, dass ein Ereignis eintritt. Man behauptet also, dass
das Eintreten des im „Dann-Teil“ des Satzes formulierten Ereignisses mindestens die
Erfüllung dieser genannten Bedingung verlangt.
20
Erfahrungsgemäß ist dieser Wahrheitswert oft nicht „intuitiv“ einleuchtend. Mitunter hilft der
gedankliche Umweg: Eine Aussage „Wenn x, dann y“ und das Wissen, dass x „falsch“ ist, berech-
tigt noch nicht zum Urteil, die Gesamtaussage als „falsch“ anzunehmen. Die Interpretation als
„hinreichende Bedingung“ verlangt nur für den Nachsatz – also für y – einen „wahren“ Vorder-
satz. Solange die Gesamtaussage nicht eindeutig als „falsch“ klassifiziert ist, bleibt sie – aufgrund
der Zweiwertigkeit der Logik – als „wahr“ (besser: als möglicherweise „wahr“) im Bestand der
Aussagen.

| 85
Drei Beispiele:
1. „Wenn man bis zum 31.3. keinen Einspruch eingelegt hat, dann wird der Bescheid
rechtskräftig“ (im Sinne von: „Nur wenn man bis spätestens am 31.3. keinen Ein-
spruch eingelegt hat, dann wird der Bescheid rechtskräftig“). Hier will man ausdrück-
lich ausschließen, dass man auch durch andere Aktivitäten die Rechtskräftigkeit
eines Bescheides verhindern kann. Andererseits will man nicht sagen, dass es genau
der 31.3. sein muss, die Tage davor würden auch ausreichen, um die Rechtskräftig-
keit zu verhindern.
2. „Wenn die Zulassung zur Prüfung vor dem 1.4. beantragt wird, dann erfolgt die
Prüfung noch im laufenden Kalenderjahr.“ Hier soll ausgeschlossen sein, dass ein
verspäteter Antrag noch einen Prüfungstermin im laufenden Kalenderjahr garan-
tiert; gemeint ist also: „Nur wenn…, dann…“.
3. „Wenn die Prüfung bestanden wurde, dann erhält der Kandidat das Zeugnis.“ Es soll
ausgeschlossen sein, dass ein Kandidat auch ohne bestandener Prüfung das Zeugnis
erhält: „Nur wenn…, dann…“.
Gegenüber der ersten Bedeutungsvariante hat die Replikation – als notwendige Be-
dingung – eine andere, nämlich die folgende Wahrheitswertverteilung:
Replikation = notwendige Bedingung
p
q
(p
q)
w
w
w
w
f
w
f
w
f
f
f
w
Eine Begründung dieser Wahrheitswertverteilung soll für die vier Möglichkeiten fol-
gendermaßen – an einem Beispiel – versucht werden:
„Wenn die Zulassung vor dem 1.4. beantragt wird, dann erfolgt sie noch in diesem Jahr.“
p =
Die Zulassung wurde vor dem 1.4. beantragt.
q =
Die Prüfung erfolgt noch in diesem Jahr.
Zeile 1: Angenommen die Realität bestätigt, dass der Satz: „ Die Zulassung wurde vor
dem 1.4. beantragt“ wahr ist und der Satz: „Die Prüfung erfolgt noch in diesem Jahr“
ebenfalls wahr ist, dann besteht kein Grund, die verknüpfte Aussage als falsch anzu-
sehen. Mit gutem Grund kann man sie als wahr behaupten.
Zeile 2: Angenommen die Realität bestätigt, dass der Satz p wahr ist und der Satz q
jedoch falsch ist, dann will man bei der Replikation, der notwendigen Bedingung,

86 |
nicht ausschließen, dass es auch aus anderen Gründen nicht im laufenden Kalender-
jahr zur Prüfung kam (z. B. aus Krankheitsgründen). Die notwendige Bedingung ver-
langt zwar ein Ereignis, behauptet jedoch nicht, dass dieses allein ausreicht, um ein
anderes Ereignis hervorzubringen. Es besteht also kein Grund, die verknüpfte Aussage:
„Wenn die Zulassung vor dem 1.4. beantragt wird, dann erfolgt die Prüfung noch im
laufenden Kalenderjahr“, als falsch zu klassifizieren und aus dem Bestand der Wissen-
schaften zu eliminieren, nur weil trotz der rechtzeitigen Antragstellung die Prüfung
nicht im angegebenen Zeitraum erfolgte. Mit gutem Grund kann man diese behaup-
tete Aussage weiterhin als wahr bezeichnen.
Zeile 3: Angenommen die Realität zeigt, dass der Satz p falsch ist und der Satz q jedoch
wahr ist, dann besteht hier ein guter Grund, die verknüpfte Aussage als falsch zu
klassifizieren, denn es wurde schließlich behauptet, dass
wenn
die Zulassung vor dem
1.4. beantragt wurde, dass dann die Prüfung noch im laufenden Kalenderjahr erfolgt.
Zeile 4: Angenommen es ist bewiesen, dass der Satz p falsch ist und der Satz q ebenfalls
falsch ist, dann besteht hier ein guter Grund, die verknüpfte Aussage als nicht falsch
zu klassifizieren, also als „wahr“ stehen zu lassen. Es wurde schließlich nur behauptet,
dass
wenn
die Zulassung vor dem 1.4. beantragt wurde, dass dann die Prüfung noch
im laufenden Kalenderjahr erfolgt. Da nur eine Behauptung aufgestellt wurde mit
der Voraussetzung, dass p wahr ist, kann diese nicht dadurch widerlegt werden, dass
(beispielsweise) p nicht gegeben ist und auch q nicht eingetreten ist.
21
6.1.6.3 Formalisierung und Interpretation der dritten Bedeutung
Die Wahrheitswertverteilung der Äquivalenz vereinigt Replikation und Implikation wie folgt:
Äquivalenz = hinreichende und notwendige Bedingung
p
q
p
q
w
w
w
w
f
f
f
w
f
f
f
w
Eine - plausible – Erläuterung dieser Wahrheitswertverteilung ist folgendermaßen mög-
lich: Jemand behauptet: „Wenn die Preise stark steigen, dann entsteht eine Inflation“,
21
Diese (letzte) Begründung ist ebenfalls oft nicht intuitiv einsichtig. Als hilfreich hat sich erwie-
sen, statt der Bedeutungszuweisung von „wahr“ für diese vierte Variante der komplexen Aus-
sage zu überlegen, ob sie „falsch“ ist? Es fällt relativ leicht, zu urteilen, dass die beiden falschen
Elementarsätze (p) und (q) diese Replikation nicht widerlegen. Somit kann gesagt werden, dass
wir das, was wir nicht als „falsch“ klassifizieren müssen, relativ problemlos als „wahr“ definieren
dürfen.

| 87
symbolisiert mit: p = Die Preise steigen stark; q = Es besteht eine Inflation.
Zeile 1: Angenommen die Realität bestätigt, dass der Satz: „Die Preise steigen stark“
wahr ist und der Satz: „Es besteht eine Inflation“ ebenfalls wahr ist. Dann besteht kein
Grund, die verknüpfte Aussage als falsch anzusehen, man kann sie als wahr behaupten.
Zeile 2: Angenommen die Realität bestätigen, dass der Satz: „Die Preise steigen stark“
wahr ist und der Satz: „Es besteht eine Inflation“ jedoch falsch ist, dann will man bei
der Äquivalenz, der hinreichenden und notwendigen Bedingung, ausschließen, dass
Preise stark steigen können, die Inflation jedoch nicht entsteht.
Zeile 3: Angenommen die Realität bestätigen, dass der Satz: „Die Preise steigen stark“
falsch ist und der Satz: „Es besteht eine Inflation“ jedoch wahr ist, dann will man bei
der als Äquivalenz gemeinten „Wenn-Dann-Aussage“ auch ausschließen, dass Inflation
zwar besteht, die Preise jedoch nicht stark gestiegen sind.
Zeile 4: Angenommen die Realität bestätigt, dass der Satz: „ Die Preise steigen stark“
falsch ist und der Satz: „Es besteht eine Inflation“ ebenfalls falsch ist, dann besteht
kein Grund, die verknüpfte Aussage als wahr anzusehen. Mit gutem Grund kann man
sie als falsch behaupten.
Möglicherweise ist beim Lesen (intuitiv) deutlich geworden, dass die als Äquivalenz
gemeinten Aussagenverknüpfungen dazu dienen können, (korrekte) Definitionen zu
liefern. Der o. a. Satz „Wenn die Preise stark steigen, dann entsteht eine Inflation“ ist
nämlich (eventuell) gar keine – empirische – Aussage, er ist eine Definition des Be-
griffs „Inflation“. Es ist keine „Realität“ denkbar, bei der der „suggerierte“ Aussagen-
zusammenhang (wirklich, tatsächlich) „falsch“ sein könnte: Preissteigerung ohne Infla-
tion ist genauso „ausgeschlossen“ – also „falsch“ – wie Inflation ohne Preissteigerung
zum Wahrheitswert „falsch“ führt. Korrekt wäre deshalb – in der Bedeutung der Äqui-
valenz – statt: „Wenn die Preise stark steigen, dann entsteht eine Inflation“ zu sagen:
„Wenn die Preise stark steigen, dann nennen wir das Inflation.“
Erneut und als vertiefende Präzisierung:
Die
notwendige,
die
hinreichende
und die
notwendige und hinreichende
Bedingung
Bezüglich einer empirischen Behauptung kann man (sinnvoll) fragen, welche Realität
mit dieser Aussage eigentlich ausgeschlossen sein soll. Durch diesen „gedachten“ Aus-
schluss wird der gemeinte Sinn der Aussage meist deutlicher. Wir können also fragen,
bei welcher Tatsache der Argumentierende selbst zugeben müsste, dass seine Behaup-
tung falsch ist und durch die Wirklichkeit widerlegt wurde. In den Realwissenschaften

88 |
kann man davon ausgehen, dass – häufig relativ eindeutig – über die Wahrheitswerte
der Elementarsätze (im Sinne der bei den Positivisten „Protokollsätze“, bei den Kritischen
Rationalisten „Basissätze“ genannten Aussagen über leicht beobachtbare Phänomene)
Einigkeit hergestellt werden kann. In der Logik geht man etwas einfacher, nämlich in
der Möglichkeitsform, an diese Frage heran: Man untersucht für alle Konstellationen
die jeweils möglichen (zwei) Wahrheitswerte und prüft dann, welche Konsequenzen
sich ergeben, wenn die Wahrheitswerte aller Varianten dargestellt wurden. Wie die
Wahrheitswerte der Aussagen „tatsächlich“ sind, d. h., „in der Realität“ vorhanden und
durch die Objektsprache als „wahr“ oder „falsch“ beurteilt wurden, ist für die logische
Analyse unerheblich. Es wird die Argumentstruktur für beide „Varianten“ untersucht:
Sowohl, dass die Aussage „wahr“, als auch wenn genau diese(!) „falsch“ wäre.
Ein weiteres Beispiel:
„Wenn ein Antrag gestellt wurde, dann wird auch eine Rentenauskunft gegeben.“ Wie
kann dieser Satz gemeint sein? Im Sinne einer Implikation soll hier die Realität aus-
geschlossen sein, dass jemand einen Antrag gestellt hat und keine Rentenauskunft
bekommen hat. Wenn es diesen Fall tatsächlich geben sollte, dann wäre der Satz – im
o. g. Sinne – falsch (vgl. Zeile 2 der Wahrheitstafel). Bei der Satzverbindung im Sinne der
Implikation lässt man jedoch als „möglich“ zu, dass jemand keinen Antrag gestellt hat
und trotzdem eine Rentenauskunft bekommen hat (z. B. weil er für einen bestimmten
Jahrgang auch ohne Antrag automatisch versandt wird). Diese „Realität“ wird deshalb
mit dem Wahrheitswert „wahr“ belegt (vgl. Zeile 3 der Wahrheitstafel).
Im Sinne einer Replikation soll hier eine andere Realität ausgeschlossen sein, nämlich
dass jemand keinen Antrag gestellt hat und trotzdem eine Rentenauskunft bekom-
men hat. Wenn es diesen Fall tatsächlich geben sollte, dann wäre dieser Satz – im o. g.
Sinne – falsch, denn der Antrag ist dann als eine notwendige Bedingung gemeint. Bei
der Replikation lässt man jedoch als „möglich“ zu, dass jemand einen Antrag gestellt
hat und trotzdem keine Rentenauskunft bekommen hat (z. B. weil die Anschrift unbe-
kannt war). Diese Realität wird deshalb mit dem Wahrheitswert „wahr“ belegt.
Der Satz, im Sinne einer Äquivalenz, soll hier ausschließen, dass jemand einen Antrag
gestellt hat
und
trotzdem keine Rentenauskunft bekommen hat (z. B. weil jede Antrag-
entgegennahme schon als Auskunft bewertet wird). Außerdem soll hier ausgeschlossen
sein, dass jemand keinen Antrag gestellt hat
und
trotzdem eine Rentenauskunft be-
kommen hat. Wenn es diese beiden Fälle tatsächlich geben sollte, dann wäre dieser
Satz – im o. g. Sinne – falsch, denn der Antrag ist dafür eine notwendige Bedingung
(vgl. hierzu die Zeilen 2 und 3 der Wahrheitstafel für die Äquivalenz; für die logische
Analyse der „Wirklichkeiten“ aus den Zeilen 1 und 4 bildet der Vordersatz eine plausi-
ble „hinreichende“ Bedingung für den Nachsatz).

| 89
Übersicht der Wahrheitstafeln der drei Bedeutungen für „wenn…, dann …“
Implikation =
hinreichende
Bedingung
Replikation =
notwendige
Bedingung
Äquivalenz =
hinreichende und not-
wendige Bedingung
(1)
(2)
(3)
p
q
(p
q)
(p
q)
p
q
w
w
w
w
w
w
f
f
w
f
f
w
w
f
f
f
f
w
w
w
Wenn wir die „Wenn-dann-Aussage“ in der für die Realwissenschaften wichtigen Ver-
wendungsweise für Ursache-Wirkungsbeziehungen verwenden, dann wird uns durch
die
Implikation
im Wenn-Teil der Aussage eine Ursache genannt, die hinreicht, das
Eintreten der im Dann-Teil der Aussage genannten Wirkung plausibel zu behaupten.
Hierbei wird jedoch nicht bestritten, dass die Wirkung auch durch andere Ursachen
hervorgerufen werden kann. Genau dies jedoch macht die
Replikation.
Indem sie im
Wenn-Teil der Aussage eine notwendige Ursache für die im Dann-Teil der Aussage ge-
nannten Wirkung angibt, wird behauptet, dass die Wirkung ohne diese Ursache nicht
eintreten kann; (nur wenn diese Ursache, dann diese Wirkung). Andererseits würde
man hier nicht bestreiten wollen, dass die Wirkung trotz der Erfüllung dieser notwen-
digen Ursache (bzw. Bedingung) noch nicht eintritt, beispielsweise weil dafür noch wei-
tere Ursachen (Bedingungen) erfüllt sein müssen. Bei einer
Äquivalenz
würde man
die im Wenn-Teil der Aussage genannte Ursache sowohl als hinreichend, als auch als
notwendig behaupten: Dann und nur dann (bzw. „genau dann“), wenn diese Ursache
gegeben ist, dann erfolgt jene Wirkung. Ohne diese (notwendige) Ursache, tritt diese
Wirkung nicht ein; außerdem ist diese (hinreichende) Ursache ein guter Grund für diese
Wirkung. Die Bedeutung der Äquivalenz für Definitionen wird aus folgendem Beispiel
deutlich: „Wenn der Arbeitnehmer einen Arbeitsvertrag hat,
dann
besteht ein Arbeits-
verhältnis.“ Wenn – und nur dann, wenn – diese Ursache, dann diese Wirkung. Symbo-
lisiert mit p
q soll damit ausgeschlossen werden, dass ein Arbeitsvertrag aber kein
Arbeitsverhältnis besteht, auch, dass ein Arbeitsverhältnis besteht, aber kein Arbeits-
vertrag geschlossen wurde. (Positiv) behauptet wird jedoch, dass immer wenn ein Ar-
beitsvertrag vorhanden ist, auch ein Arbeitsverhältnis besteht; dadurch werden zwei
Begriffe (quasi) synonym.

90 |
6.1.7 Die logische Folgerung
Mit den nun erarbeiteten Grundlagen können wir jetzt erläutern und nachvollziehen,
was es bedeutet, wenn man (berechtigt) sagt, dass „eine Aussage aus anderen logisch
folgt“. Das (intuitive) Akzeptieren des folgenden ersten Arguments wird als gültig (als
logisch, als folgerichtig) bewiesen. Ebenso werden wir die (intuitive) Ablehnung des
zweiten Arguments als ungültig (als unlogisch, nicht folgerichtig) nachweisen.
1. Paul ist Deutscher
oder
Europäer,
weil
er Deutscher und Europäer ist.
2. Petra ist Deutsche
und
Europäerin,
weil
sie Deutsche oder Europäerin ist.
In der Standardform haben beide Argumente die folgende Gestalt:
1.
2.
Paul ist Deutscher und Paul ist Europäer. Petra ist Deutsche oder Europäerin.
Also ist Paul Deutscher oder Europäer.
Also ist Petra Deutsche und Europäerin.
Symbolisiert sähen die Argumente folgendermaßen aus:
(p
q)
(p
q)
(p
q)
(p
q)
(Das Zeichen
steht für die Ankündigung der Schlussfolgerung (der Konklusion) und
kann gelesen werden als „ergo“, „also“, „demzufolge gilt“, „deshalb“) Es ist nun nachzu-
weisen, ob aus (p
q)
logisch
(p
q)
folgt,
und ob aus (p
q) logisch (p
q) folgt. Die
logische Folgerung in der Aussagenlogik wird über die Wahrheitswertanalyse nachge-
wiesen. Dabei kommt der Wahrheitstafel der Implikation eine besondere Bedeutung zu.
Ein Argument heißt „logisch (korrekt)“, wenn es allgemeingültig ist. Allgemein gültig ist
es, wenn es bei allen möglichen Verteilungen der Wahrheitswerte immer den Wahrheits-
wert „wahr“ ergibt. Die Konklusion folgt logisch aus den Prämissen, wenn es unmöglich
ist, dass die Prämissen wahr, die Konklusion jedoch falsch ist. Genau dann ist der Wahr-
heitsgehalt der Schlussfolgerung bereits in den Prämissen enthalten.
Die Prüfung der Wahrheitswertverteilung geschieht nun derart, dass man aus Prämis-
sen und der Konklusion eine Implikation (also eine „Wenn-Dann-Beziehung“) bildet.
Mehrere Prämissen werden durch das „Und“ (zu einer Konjunktion) zusammengefasst.
Ergibt die Wahrheitswertprüfung dieser Implikation für jede denkbare Verteilung der
Wahrheitswerte den Wert „wahr“, dann folgt die Schlussfolgerung logisch aus den
Prämissen. Ergibt sie jedoch auch nur einmal den Wert „falsch“, folgt die Konklusion

| 91
nicht logisch!
22
Wenn eine Schlussfolgerung logisch folgt, dann muss sie wahr sein (auch ohne Prüfung
an der Wirklichkeit). Eine nicht logisch folgende Schlussfolgerung kann jedoch wahr sein.
Prüfen wir Satz 1: „Paul ist Deutscher oder Europäer, weil er Deutscher und Europäer ist.“
(1)
p
q
(p
q)
(p
q)
w
w
w
w
w
w
f
f
w
w
f
w
f
w
w
f
f
f
w
f
Die Implikation aus Prämissen und Konklusion ergibt hier immer den Wahrheitswert
„wahr“, - d. h. es ist nicht möglich, dass alle Prämissen wahr sind, die Konklusion jedoch
falsch ist.
Wenn eine Wahrheitswertverteilung immer den Wert „wahr“ ergibt, spricht man von
einer „Tautologie“. Ein logisch korrektes (allgemeingültiges) Argument ist demzufolge
immer eine Tautologie, durch die Konklusion wird kein weiterer Wahrheitsgehalt den
Prämissen im Argument hinzugefügt. Salopp gesprochen könnte man sagen: „Alle
Wahrheit steckt schon in den Prämissen.“ Prüfen wir noch Satz 2: Petra ist Deutsche
und Europäerin, weil sie Deutsche oder Europäerin ist.
(2)
p
q
{ (p
q)
(p
q) }
w
w
w
w
w
w
f
w
f
f
f
w
w
f
f
f
f
f
w
f
Da die Implikation aus Prämissen und Konklusion hier nicht immer den Wahrheitswert
„wahr“ ergibt, folgt die Schlussfolgerung hier auch nicht logisch. Es handelt sich dem-
zufolge um ein unkorrektes (nicht allgemeingültiges) Argument, da es in diesem Fall
möglich ist, dass alle Prämissen wahr sind, die Konklusion jedoch falsch ist.
22
An dieser Stelle entstehen häufig Missverständnisse. Diese „Qualifizierung“ bedeutet allerdings
nicht, dass diese Konklusion nicht trotzdem „wahr“ sein kann „im empirischen Sinn“. Das wie-
derum bedeutet, dass dann der objektsprachlich formulierte Satz über die Realität durch eben
diese Realität als „falsch“ – im metasprachlichen Sinne – in die logische Argumentation einge-
führt wurde.

92 |
6.1.8 Schlussformen der Aussagenlogik: Zusammenfassende Beispiele
Nachfolgend werden die wichtigsten Schlussregeln der Aussagenlogik – jeweils mit
kurzen Anwendungsbeispielen – zusammengefasst und mit den „traditionell“ üblichen
Namen für diese Schlüsse gekennzeichnet.
6.1.8.1 Modus ponens
MP
p
q
wenn p, dann q
p
gegeben p
q
also folgt logisch q
Beispiel aus der Ökonomie
p
q
Wenn das Einkommen steigt, dann steigt der Konsum.
p
Das Einkommen steigt.
q
Also steigt der Konsum.
Beispiel aus der Philosophie
p
q
Wenn diese Ursache U, dann diese Wirkung W.
p
Jetzt gegeben U.
q
Also folgt W.
Beispiel aus anderen Sozialwissenschaften
p
q
Wenn Frustration, dann Aggression.
p
Jetzt gegeben Frustration.
q
Also folgt Aggression.
MP
Beweis
durch die Wahrheitswertanalyse mit Hilfe der Wahrheitstafel
p
q
p
q
(p
q)
p
[ (p
q)
p ]
q
1
1
1
1
1
1
0
0
0
1
0
1
1
0
1
0
0
1
0
1
Tautologie

| 93
Falsch wäre es, von einer Wirkung auf die Ursache zu schließen:
p
q
Wenn das Einkommen steigt, dann steigt der Konsum.
q
Der Konsum steigt.
p
Also steigt das Einkommen.
Beweis für den nicht gültigen, „falschen“ Schluss:
p
q
p
q
(p
q)
q
[ (p
q)
q ]
p
1
1
1
1
1
1
0
0
0
1
0
1
1
1
0
0
0
1
0
1
Keine Tautologie
p
q
Wenn Petra frustriert ist, dann wird sie aggressiv.
q
Jetzt ist Petra aggressiv.
p
Also war sie frustriert. – Das wäre ein Fehlschluss!
6.1.8.2 Modus tollens MT
p
q
wenn p, dann q
¬ q
jetzt nicht q
¬ p
also nicht p
Beispiel aus der Ökonomie
p
q
Wenn das Einkommen steigt, dann steigt der Konsum.
¬ q
Der Konsum steigt nicht.
¬ p
Also steigt das Einkommen nicht.
Beispiel aus der Philosophie
p
q
Wenn diese Ursache U, dann diese Wirkung W.
¬ q
Jetzt nicht diese Wirkung W.
¬ p
Also jetzt nicht diese Ursache U.

94 |
Beispiel aus anderen Sozialwissenschaften
p
q
Wenn Frustration besteht, dann entsteht Aggression.
¬
q
Jetzt entsteht keine Aggression.
∴ ¬
p
Also besteht keine Frustration.
MT
Beweis durch die Wahrheitswertanalyse mit Hilfe der Wahrheitstafel
p
q
p
q
(p
q)
¬ q
[ (p
q)
¬ q ]
¬ p
1
1
1
1
0
0
0
1
0
1
0
0
0
0
1
0
1
0
0
1
1
1
0
0
0
1
1
0
0
1
1
1
1
1
1
1
Tautologie
Falsch wäre der (aus dem MT oft entstehende) sogenannte „Detektivschluss“:
p
q
wenn p, dann q
¬ p
jetzt nicht p
¬ q
also nicht q
Beispiel aus der Ökonomie
p
q
Wenn das Einkommen steigt, dann steigt der Konsum.
¬ p
Das Einkommen steigt nicht.
¬ q
Also steigt der Konsum nicht.
Beispiel aus der Philosophie
p
q
Wenn diese Ursache U, dann diese Wirkung W.
¬ p
Jetzt nicht diese Ursache.
¬ q
Also nicht diese Wirkung.
Beispiel aus anderen Sozialwissenschaften
p
q
Wenn Petra frustriert ist, dann wird sie aggressiv.
¬ p
Jetzt ist Petra nicht frustriert.
¬ q
Also wird sie nicht aggressiv.

| 95
Beweis durch die Wahrheitswertanalyse mit Hilfe der Wahrheitstafel
p
q
p → q (p
q)
¬ p
[ (p
q)
¬ p ]
¬ q
1
1
1
1
0
0
1
0
0
1
0
0
0
0
0
1
1
1
0
1
1
1
1
1
0
1
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
Keine Tautologie
6.1.8.3 Kettenschluss (oder auch „hypothetischer Syllogismus“ genannt) HS
p
q
wenn p, dann q
q
r
wenn q, dann r
p
r
also wenn p, dann r
Oder auch manchmal anders formulierte Schlussfolgerung:
p
r
also r, wenn p
Beispiel aus der Ökonomie
p
q
Wenn das Einkommen steigt, dann steigt der Konsum.
q
r
Wenn der Konsum steigt, dann steigen die Preise.
p
r
Also steigen die Preise, wenn das Einkommen steigt.
Beispiel aus der Philosophie
p
q
Wenn diese Ursache U, dann diese Wirkung W.
q
r
Wenn diese Wirkung W, dann die Nebenwirkung N.
p
r
Also diese Nebenwirkung N, wenn diese Ursache U.
Beispiel aus anderen Sozialwissenschaften
p
q
Wenn frustriert, dann aggressiv.
q
r
Wenn aggressiv, dann gefährlich.
p
r
Also wenn frustriert, dann gefährlich.

96 |
HS
Beweis durch die Wahrheitswertanalyse mit Hilfe der Wahrheitstafel
1
2
3
4
5
aus 4
6
aus 5
aus 6
8
7
p q r p
q q
r (p
q)
(q
r) (p→q)
(q→r)
(p
r)
111
1
1
1
1
1
1
1
1
110
1
0
1
0
0
0
1
0
101
0
1
0
0
1
0
1
1
100
0
1
0
0
1
0
1
0
011
1
1
1
1
1
1
1
1
010
1
0
1
0
0
0
1
1
001
1
1
1
1
1
1
1
1
000
1
1
1
1
1
1
1
1
Tautologie!
6.1.8.4 Disjunktiver Syllogismus
DS
p
q
p oder q
¬ p
nicht p
q
also q
Beispiel aus der Ökonomie
p
q
Das Einkommen steigt oder die Arbeitslosigkeit stagniert.
¬ p
Das Einkommen steigt nicht.
q