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Nummer 72, seit 1999
Weihnachten 2021

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Haft Leben Nr. 72
2
Danke an Franziska (1+3) und an Marie C. (2) für die Ideen und die Ausführung dieser besonderen HL-Lesezeichen

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
…..……..……..……...…..
4
G
efangenen
M
it
V
erantwortung
……….………….
5
Anstaltsleitung und neu in der JVA
...........…..
6
„HaftLeben“ - Weihnachten 2021
……........…..
7
1896 - Weihnachten in Haft
……….….…..…..…...
8
HL - Kinderseite
………….………………….....….…...
9
HL - Schreibwettbewerb
.………………...……....
11
Abi in der JVA
…...……………………………...…......
12
Körpersprache
…..……………………………..…......
13
Vegetarisches Essen in der JVA
………...…...
14
Ist Resozialisierung ein Monolog?
……..…...
15
HL-Traumschiff-Surprise-Horoskop
…………...
……………………………………………………….
17
und
20
HL - Kalender 2022
..……….…….…..…...
18
und
19
Pfändungskonto - HL-Gedicht
………..….……
21
Zwischenmenschliche Beziehungen
.…...…
22
Das HL - Preisrätsel
……….……………..….…......
24
HL - Songtext
……….………….……………….…......
26
Leserbriefe
................................................................
27
Kirche 2021
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
...……….……….…….…………...
30 und 32
Worte sind Meinungen und keine Tatsachen!
Inhaltsverzeichnis
Titelbild: © Franziska Voigt
Der „HaftLeben“-Spruch des Quartals
stammt diesmal von
Benjamin Franklin,
17.01.1706 - 17.04.1790,
amerikanischer Naturwissenschaftler
und Politiker
Erfahrung ist eine teure
Schule, aber Narren wollen
anderswo nicht lernen.
Franziska, herzlich Willkommen
in der Redaktion „HaftLeben“.
Danke Marie für deine kurze
Mitarbeit.
Frohe Weihnachten und
vor allem ein gesundes
neues Jahr 2022 wünscht
die Redaktion „HaftLeben“
allen Beteiligten!
Danke an die z. B. am Druck
und der Finanzierung
Beteiligten, Danke an die
Sponsoren, Freunde und
Unterstützer unserer
ehrenamtlichen Arbeit.

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Haft Leben Nr. 72
4
Guten Morgen,
hier ist mal wieder eure Elli, aber ich muss diesmal
ehrlich sagen, ich bin geschockt, sauer, traurig,
wütend und ja, mir stehen sogar meine kleinen
Katzennackenhaare zu Berge. Ich kann gar nicht
alles in Worte fassen, so unsagbar war das Erlebte!
Nun steht die Weihnachtszeit wieder vor der Tür und
bevor der Weihnachtskater kommt und ja, er kommt
auch zu mir, wollte ich überall nach dem Rechten
schauen und Kleinigkeiten verbessern. Schließlich
sollte der Kater ja sehen, wie gut ich den Laden hier
in meinen Pfotengriff habe und dass ich mit etwas
Geschnurre und um die Beine Rumschmeicheln alles
regeln kann.
So fing ich gleich früh voll motiviert mit meinem
Kontrollspaziergang an, denn mein Revier ist ja
schon groß, wenn man alle Zellen, Büros und Gänge
sowie Treppenhäuser beachtet. Und egal wo ich war,
überall sah, hörte, spürte und roch ich Dinge, die bei
mir, selbst in einem Katzenalptraum, nicht vor-
kommen würden.
Also was mir so alles zu Ohren, unter die Pfoten und
ins Näschen gekommen ist, nein, das glaubt mir der
Weihnachtskater nie.
Zuerst las ich die letzte HaftLeben, um mich auf
meinen Rundgang vorzubereiten, denn da sind ja
manche guten Tipps versteckt, die ich dann später
ändern muss. Ganz aufgeregt las ich die Leserbriefe
und stellte fest, dass es mir ja sowas von aus dem
Herzen geschrieben war, hätte fast von mir kommen
können.
Und ja, der Lärmpegel ist selbst in meiner
Kuschelhöhle zu hören und lässt selbst mich oft
wenig, gaaanz wenig schlafen. Da schlummerte ich
letzte Woche so vor mich hin und wurde ständig von
einem Schellen geweckt. Also schlich ich so durch
die Stationen und fand den Geräuschverursacher.
Das war der immerfort kullernde Würfel auf dem
Metalltisch im Gemeinschaftsbereich. Es ist ja echt
gut, wenn sich einige Frauchen mit Monopoly oder
anderen Spielen den Tag verschönen, aber könnt ihr
nicht ein Tuch auf den Tisch legen oder euch ein
frisch gewaschenes Bettlacken vom Hausarbeiter
geben lassen, um den Geräuschpegel zu dämpfen?
Vor allem, da es ja, sobald die Tür auf ist, losgeht
und erst kurz vor dem Einschluss wieder beendet
wird. Für meine sensiblen Katzenöhrchen ist dies
wirklich eine Tortur. Merkt euch das! Miau und
schnurr.
Keiner will euch ja das Spielen
verderben, aber denkt auch
mal an den Nachbarn, der
vielleicht
gerade
Kopf-
schmerzen hat oder sich von
der Arbeit ausruhen möchte
und vielleicht sogar am Wochenende früh aufstehen
muss.
Ebenso das ständige Gebrüll am Fenster oder das
Türenknallen kann meine Ohren schon nerven, vor
allem aber lernte ich völlig neue Worte, deren
Bedeutung ich schon gar nicht mehr kannte. So
hörten meine zarten Ohren in fast jedem Satz,
„Eh
alter, Fotze, Schlampe oder Miststück“.
Muss das
denn wirklich sein, geht es nicht etwas freundlicher
mit der Wortwahl? Bitte nehmt doch etwas Rücksicht
auf die anderen, denn wir sitzen doch alle in einem
Boot!
Und dann aber das Schlimmste, was ich in meinen
neun Katzenleben je erlebt habe, da hat doch
wirklich eine ins Treppenhaus geschissen! Ja, richtig
gelesen, einen richtig großen Haufen, und da rede
ich nicht von Katzenhaufen. Da frage ich mich, wie
geht denn das? Ist eine von euch in so große Not
gekommen und konnte es nicht mehr anhalten? Hat
die Person schon ewig auf den Türaufschließer
gewartet, der aber nicht kam und konnte es nicht
mehr halten oder war es aus …? Wollte die Person
damit was sagen, so wie z. B.
„ich finde es hier
beschissen“
oder so? Das wäre interessant zu
erfahren, denn sollte es aus der Not heraus gewesen
sein, fände ich es einfach unsagbar traurig, wenn ein
Mensch zu so einer Handlung gebracht wird.
So, nun habe ich mir mal wieder alles von meiner
kleinen Katzenseele gemauzt und wünsche euch
nun noch eine schöne Adventszeit mit hoffentlich
glücklichen Kinder- oder Mann- und FreundInnen-
Augen. Auch wünsche ich euch ein angenehmes
Weihnachtsfest, auch wenn es für viele ein trauriges
sein wird und für das neue Jahr, dass es für euch
alle besser wird und vielleicht etwas mehr Rücksicht-
nahme für uns alle.
Bleibt alle gesund!
Eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
G
efangenen
M
it
V
erantwortung
Aufgrund der häufigen Nachfragen, ob es
einen Tabakautomaten wieder gibt beim
Besuch, wurde dies angesprochen. Wir, die
GMV, haben selbstständig entschieden, dass
man den Automaten nicht mehr benötigt, da
wir der Meinung sind, dass man billiger kommt,
wenn man sich für das Geld z. B. eine Dose
anstatt Schachteln kauft. Die Zuwendung von
30 Euro kann man sich weiterhin zweck-
gebunden überweisen lassen, dazu kann man
sich beim Besuch für 15 Euro etwas erwerben
und mit auf Station nehmen.
Mehrere Inhaftierte hatten ihre Arbeitskleidung
mit auf Station gewaschen, doch das ist nicht
gestattet. Daher werden wir alle gebeten, die
Arbeitskleidung ordnungsgemäß in einem
Wäschesack beim Hausmädchen abzugeben,
um sie dann in der Wäscherei waschen zu
lassen.
Glätteisen sind aus hygienischen Gründen
sowie durch die Stromzufuhr nicht gestattet
worden. Jedoch wird es nochmals besprochen,
ob man pro Station eins bekommen könnte.
Kopfhörer zum eigenen Erwerb sollen im
Hionic Katalog aufgenommen werden, die man
dann auch zum Skypen verwenden darf.
Thema Kopfkissen,: Ein zweites Kopfkissen
ist nicht mehr zugelassen, es sei denn eine
medizinische Indikation liegt vor.
Die Aufstockung der Arbeitsshirts von 3 auf 5
wird weiterhin geprüft.
Der Aufschluss für die Station 5 im Haus 3 wird
im Moment beraten, ob dies möglich wäre, wie
im Haus 1 den anzupassen. Man wird sich mit
der Abteilungsleiterin des Haus 3 zusammen-
setzen und versuchen, einen geeigneten
Tages-Aufschluss-Plan zu erstellen. Bitte habt
Geduld.
Thema Hof und deren Sitzmöglichkeiten, im
kommenden Jahr wird man sich dieses
Anliegen erneut annehmen, um eine geeignete
Lösung zu finden.
Foto: Archiv, HL/LR
Das leidige Thema mit den Katalogen wird
vorerst weiterhin bestehen bleiben, da es
organisatorische Probleme gibt. Entweder gibt
es Artikel nicht mehr oder die Liefernummer
stimmt nicht. Durch die allgemeine
Digitalisierung stellen immer weniger
Versandhäuser kaum noch Kataloge her.
Im Januar soll es, wenn möglich, ein Gespräch
mit Massak geben und die Küchenkommission
stattfinden. Solltet ihr noch Wünsche oder
Vorschläge haben, dann bitte per Antrag in
den Briefkasten in der 53 werfen.
Eine neue Regelung für den Ablauf ist, dass
jeder, der in der Schule ist, sein Feder-
mäppchen dort zu lassen hat. Die benötigten
restlichen Stifte verbleiben auf dem Haftraum.
Im Dezember wird wieder eine neue
GMV-Wahl sein, wenn ihr also
Interesse habt, dann schreibt doch
einen Antrag und lasst euch bitte mit
aufstellen.

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Haft Leben Nr. 72
6
Anstaltsleitung und neu in der JVA
Neu in der JVA Chemnitz -
Projekt Stepptanz 2022
Beim Stepptanz geht es ums Tanzen und Musizieren
gleichermaßen. Die Stepptanzschuhe, die dazu
benutzt werden, sind an den Sohlen mit Metallplatten
versehen und sorgen für den Sound.
Die Möglichkeiten der Ausführungen sind unbe-
grenzt.
Es kann schnell-langsam, laut-leise, improvisiert-
choreographiert, allein und in der Gruppe gesteppt
werden.
Stepptanz passt zu Swing- und Popmusik, zu Salsa,
Jazz, Blues, Walzer oder auch à Capella .
Erlaubt ist alles, was Spaß macht!
Stepptanz eignet sich für jedes Alter und jedes
Fitnesslevel. Um neue Choreografien oder Schritt-
folgen zu lernen, ist Konzentration erforderlich. Das
hat den Effekt, dass man alles andere um sich
herum vergisst und ganz im Rhythmus und in der
Musik drin ist.
Eine Stunde Stepptanz kann so anstrengend sein
wie eine Stunde Joggen - aber wenn am Ende die
verschiedenen Techniken zusammmengefügt sind -
dann ist die Freude um so größer. Laut Sport-
wissenschaftlern fördert Stepptanz zudem die Hirn-
aktivität und die Kreativität.
Verfasser: Frau B.
Tage der Weihnachtszeit und der anstehende Jahreswechsel
stehen Ihnen bevor.
In dieser momentan sehr schwierigen Zeit ist es für Sie
und uns besonders wichtig, dass die Türen in und zur Anstalt
bewusst geöffnet und geschlossen werden.
Unter Beachtung der derzeitigen Lage
ist die Problematik der kommenden Tage,
für Sie und natürlich auch für die
im Dienst befindlichen Mitarbeiter besonders bewusst.
Die Anstaltsleitung dankt allen, ob Mitarbeiter,
Bedienstete oder Ehrenamtliche, die an der Bewältigung
der besonderen Situation mitgeholfen bzw.
für die entstandenen Umstände Verständnis aufgebracht haben.
Die Anstaltsleitung wünscht Ihnen und
Ihren Angehörigen ein friedliches Weihnachtsfest und
gesundes Jahr 2022.
König-Bender
Anstaltsleiterin
Foto: Wipedia.de

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
„HaftLeben“ - Weihnachten 2021
Weihnachtsgrüße von der
„HaftLeben“-Redaktion an alle!
(HL/Red.)
Schon wieder ist ein Jahr bald vorbei und
das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Ja, ich bin
dieses Jahr zu Weihnachten getrennt von meinen
geliebten Kindern und/oder Familie, jedoch in
Gedanken sind wir immer ganz fest verbunden.
Sicherlich gibt es viele, die sich gerade in der
besinnlichen Zeit des Jahres den Kopf darüber
zerbrechen, was wohl ihre Familie so macht, wie sie
mit der Situation umgeht oder was sie vielleicht so
denkt, wenn die Mama/Freundin im Gefängnis ist.
Aber tut das wirklich gut? Die Versuchung, den Kopf
in den Sand zu stecken oder in die „Weihnachts-
depression“ zu verfallen ist zwar groß, aber sie hilft
keinem weiter, weder euch noch euren Angehörigen.
Vielleicht hilft es, den Blick mal darauf zu wenden,
dass sie dieses Weihnachtsfest zwar ohne mich
verbringen müssen, aber dass das neue Jahr besser
wird. Einfach das Beste aus dieser schweren
Situation zu machen und wenn es nur darum geht,
dass die Familie sich keine Sorgen zu machen
braucht. Sie haben es schon so schwer genug, mit
Sicherheit sehnen sie sich genauso nach euch, wie
ihr euch nach ihnen! Ist es nicht viel mehr meine
Aufgabe, meine Familie zu unterstützen und sei es
sie mit Lachen, Liebe, Hoffnung und positiven
Emotion zu erfüllen, damit sie sich etwas leichter
ums Herz fühlen können? Ich selbst versuche mit
jedem Brief und in den Telefonaten, meinen Kindern
und Lieben zu entlocken, was um sie so geschieht,
was in der Schule los war, wie es auf Arbeit lief, was
sonst so mit den Freunden läuft, was die nächsten
Tage geplant ist. Ich möchte meine Familie lachen
hören, schimpfen über belanglose Themen oder
auch mal über uns Eltern. So fällt es mir und meinen
Kindern leichter, die für uns beide so wichtige Nähe
zu halten. Die Tränen sind nah und das Herz
schmerzt vor Trennung und Sehnsucht, aber das
Kinderlachen und zu wissen, der Familie geht es den
Umständen entsprechend gut, entschädigt doch für
ALLES! Es macht mein schweres Herz etwas leichter
und die Zeit erträglicher!
Wir wünschen, dass du die Zeit in der Haft positiv für
dich nutzt, man kann aus jeder noch so schlimmen
Lage, die das Leben bereit hält, das Beste machen
und genau mit dieser Einstellung gehe ich durch
jeden Tag. Warum also nicht auch so in die
Weihnachtsfeiertage starten und die damit verbun-
denen Stunden des Einschlusses bewältigen? Ja,
auch im neuen Jahr schmerzt der Vollzugsalltag
genau wie im Jahr zuvor, jedoch die Zeit nicht
sinnlos ablaufen zu lassen, hilft es zu ertragen.
Was auch immer kommt, ändern können wir daran
sowieso nicht viel, bloß unsere Einstellung dazu!
Wünschenswert - wenn Mitinsassen, Bedienstete
und Entscheidungsträger gleichermaßen ihre Ein-
stellung hin und wieder überprüfen und eventuell
Raum für gute, konstruktive Gespräche schaffen.
Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme sind
hier, in einer JVA, besonders wichtig.
Wir wünschen uns einen Vollzugsalltag, der geprägt
ist von gegenseitigem Verständnis und Respekt vor
dem anderen - und das nicht nur, aber ganz
besonders zur Weihnachtszeit, in der Zeit der Ruhe
und Besinnlichkeit, wünsche wir euch Mut, Kraft,
Glück, Liebe, Hoffnung und ein wärmendes Licht für
jeden!
Für die hervorragende Unterstützung bedanken wir
uns im Namen der gesamten Redaktion und im
Namen von Herrn Richter bei der Anstaltsleitung und
allen, die am Druck der Chemnitzer Gefangenzeitung
„HaftLeben“ beteiligt sind, aber auch bei den
Männern und den Chefs der Druckerei der JVA
Waldheim.
Mit dieser Dezemberausgabe möchte die Redaktion
die Feiertage etwas netter und erträglicher machen,
es ist von allem was dabei, hoffen wir!
Die Redaktion wünscht euch allen ein besinn-
liches und schönes Weihnachtsfest und ein
erfolgreiches Jahr, ganz wichtig Gesundheit! Vor
allem in dieser sch… Coronazeit.
Foto oben: Marion S._pixelio.de.jpg, unten: Tim Reck-
mann_pixelio.de.

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Haft Leben Nr. 72
8
1896 - Weihnachten in Haft
Zeitungsartikel vom Freitag, dem
23. Dezember 1896 - Berliner
„Vorwärts“
Es sind trübe Erinnerungen, lieber Leser, die mich in
diesem Moment erschleichen, da ich mich nieder-
setze um zu beschreiben, „wie das liebe
Weihnachtsfest in der berühmten Luftkuranstalt am
Plötzensee“ gefeiert wird.
Unserer früherer Parteigenosse und späterer
Anarchist Johann Most hat die Anstalt einst „Die
Bastille am Plötzensee“ getauft. Aber ich glaube
doch, das geht zu weit und erweckt ganz falsche
Vorstellungen. Wer bei den modernen, preußischen
Gefängnissen an unterirdische Verließe denkt,
gemauert aus meterdicken Quadersteinen, an denen
das Wasser herunterrieselt, der irrt sich, der weiß
nicht, dass wir in einem Kulturstaat leben, in dem
sogar Gefängnisse und ihre Einrichtungen der
„christlichen Nächstenliebe“ dienen. Nichts von
dunklen Kellergewölben, von mittelalterlichen Folter-
werkzeugen, von dem halb verfaulten Strohlager -
wie wir das alles aus romantischen Ritter- und
Räuberromanen kennen. Nichts auch von dem Laib
Brot und dem Krug Wasser, bei dem der Delinquent
mit eisernen Kutten an die Wand geschmiedet
schmachten muss. Ähnliche Dinge kommen heute
bloß noch bei ganz renitenten Sträflingen als
Disziplinarstrafen vor. Bei uns guten, lieben, wohl-
erzogenen sozialdemokratischen Zeitungsschreibern
hat man derartig grobe Mittel nicht nötig. Wir führen
uns immer ausgezeichnet und werden stets als
„erheblich gebessert„ entlassen.
Darf man also nicht zu schwarz sehen, so freilich
auch nicht zu rosig.
Heute herrscht im Gefängnis die preußische
Schneidigkeit. Im Bunde mit viel Religion und
schlechtem Essen. Hohe einförmige Backstein-
gebäude mit lausenden fadengeraden neben-
einanderliegenden vergitterten Fenstern. Innen die
endlosen Flügel entlang. Tür an Tür, jede mit einer
Nummer versehen und mit einem verglasten
Guckloch, durch das der Zellenbewohner beobachtet
werden kann, mit einer eisernen verschlossenen
Klappe, durch die das Essen hineingereicht wird.
Hinter den Türen der einzelnen Zellen ist eine wie
die andere. 4 Meter lang, 2 Meter breit, 2,7 Meter
hoch. An der Außenwand ist das Fenster einen
Quadratmeter groß, jedoch so angebracht, dass man
vom Fußboden stehend nicht aus dem Fenster
sehen kann. An Mobiliar enthält jede Zelle zwei
kleine Wandregale zur Aufnahme des Suppen-
napfes, Wasserkruges, Waschbechers. Einen
kleinen Tisch mit Holzschemel, links ein aus einer
Matratze und Wolldecke bestehendes Bett, das
tagsüber an der Wand hochgeklappt wird und vorn
bei der Tür in der Ecke ist die Toilette. In diesem
Räumchen arbeitet, isst und schläft der Gefangene
einen Monat oder über Jahre hinweg, ein Tag wie
der andere. Immer dieselbe Hausordnung, werktags
und festtags immer dasselbe. Doch ich wollte ja
heute zum Weihnachtsfest von dem „Weihnachten
im Gefängnis“ erzählen.
Weihnachten im Gefängnis
Wer als Kind um den brennenden Weihnachtsbaum
getanzt und mit seinen Geschenken gejauchzt und
jubiliert hat, wer als Erwachsener seinen Lieben mit
kleinen oder großen Gaben Freude bereiten konnte,
begreift sofort, was das heißen soll.
Weihnachten ist uns so ein altes, liebes Familienfest.
Jeder, auch welche die zur Religion stehen, wie
wichtig es ist und wie wichtig es ist an diesem Fest
zu Hause bei den Liebsten zu sein, um zu erfreuen
und erfreut zu werden. Von solchen „Anwandlungen“
werden wir, die ältere Generation, uns wohl nicht
emanzipieren. Also noch einmal. Es ist ganz
scheußlich, gerade zu Weihnachten, im Gefängnis
sitzen zu müssen. Und doch hatte ich sogar fürs
Gefängnis ein ganz kleines bisschen Widerschein
vom „Fest der Liebe“ erwartet, das in der Welt
gefeiert wird. Ich hatte etwas munkeln hören „von
einer
Pfefferkuchenverteilung“,
von
einer
Bescherung
nötiger
Kleidungsstücke
oder
dergleichen an bedürftige Gefangene. Aber wie kann
man einer preußischen Gefängnisverwaltung solche
Rührseligkeit zutrauen. Kurz und gut, das heilige
Christfest wurde folgendermaßen gefeiert. Am
Heiligabend gabs zu Mittag Bohnensuppe. Gegen
Abend ging es zur Feier in die Kirche. Diese Kirche
ist so eingerichtet, dass jeder Gefangene in einem
hölzernen Kasten sitzt, welche Kästen so angeordnet
sind, dass der Einzelne weder vorne noch neben
sich, hinter sich andere Gefangene erblicken kann.
Er sieht nichts weiter, als vor sich eine eiserne
Galerie mit der Kanzel in der Mitte, darauf der Pastor
und zu beiden Seiten dieselben zwei preußischen
Gefängnisbeamten in Uniform, die die Gefangenen
in den Kästen beobachten. Heute, am Weihnachts-
abend, brannten hinter der Kanzel zwei große
Weihnachtsbäume, an deren Glanz sich die
Gefangenen aus der Entfernung freuen „durften“.
Der Pastor predigte davon, wie klar ersichtlich sie die
Liebe Gottes über uns arme Sünder ausgegossen
haben, da er uns an diesen Ort geführt, wo wir
gebessert werden können und wo uns das Wort
Gottes gepredigt wird. Von der Liebe der Menschen,
welche uns auch hier in der Gefängniskirche die
Weihnachtsbäume angezündet haben. Danach
wurde durch die Türklappe ein autobiographischer
Brief hereingereicht, welcher unterzeichnet war mit
''Christlicher Mitbruder''….

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
HL - Kinderseite
Heute mit Miss P. ( 8 Jahre), Aron
18 Jahre jung, Marvin 15 Jahre jung
und Stanley 6 Jahre jung
HL-Frage: Was denkst und fühlst du zu
Weihnachten?
Miss P.:
Also ich wünsch mir zu Weihnachten nen richtig
schönen Dino von Schleich( = so heißt die Marke )
aber den bekomm ich bestimmt nicht.
Dann wäre es noch toll, wenn Karlo (unser Hund)
auch was geschenkt bekommt, also eigentlich alle
Hunde sollten was geschenkt bekommen. Den
Hunden kann man ja ein Kauspielzeug schenken.
Die Katzen und die Vögel müssen aber auch was
bekommen, son Kratzbaum und für die Vögel ne
schöne Holzschaukel. Alle Kinder auf der Welt sollen
auch Geschenke bekommen, egal was, es kann ja
auch klein sein. Das schönste an Weihnachten sind
die Geschenke und das Rudolph-Lied, das mag ich
echt sehr und macht mich richtig glücklich.
Aron und Marvin
Geplant in unseren Gedanken ist, dass wir mal
wieder so richtig ausschlafen und wenn es bis 14
Uhr ist, ist es auch egal. Ich glaube, dann werden wir
die Gans essen oder was es so leckeres gibt und
dann hoffen wir auf die Weihnachtsgeschenke. Meist
ruft Mutti vorher an und da reden wir oft lange
gemeinsam. Danach wird das Geschenk (wir hoffen
auf neue individuelle Computerspiele) ausprobiert.
Ich glaube, es wird wie im letzten Jahr alles ganz
entspannt im Schlafanzug ablaufen. Und das kann
sich dann bis in die Nacht ziehen, es muss ja alles
ausprobiert werden. Somit ist der lange Schlaf dann
für den 25.12. schon vorprogrammiert. Da kommt
dann Opa und so verbringen wir diesen Tag dann zu
viert. Natürlich hoffen wir, dass wir nächstes
Weihnachten mal wieder mit Mutti verbringen
können.
Trotz der schweren Zeit, in dem sich alle Frauen
befinden, wünschen wir allen ein ruhiges und
besinnliches Weihnachtsfest und ein viel besseres
neues Jahr für alle!
Stanley:
Frage: Was denkst du zu Weihnachten?
Gegenfrage: Was ist Denken?
Antwort von B&F: Das, was du die ganze Zeit
machst.
Antwort: Ich denke, dass der Weihnachtsmann echt
ist.
Frage: Und was fühlst du?
Antwort: Ich fühle mich gut und glücklich.
Die Figur „Olaf“ hat Franziska für die HL
gezeichnet.

Haft Leben Nr. 72
10
HL - Schreibwettbewerb
HaftLeben – Wettbewerb für kreatives Schreiben der etwas anderen Art
Die besten Geschichten werden in der HaftLeben abgedruckt und für die besten drei Geschichten
loben wir Preise aus!
Manchmal hängt es beim Schreiben ja schon an der Anfangsidee, dass einem kein ausgefallener oder
inspirierender Beginn einfällt. Eine Möglichkeit, sich ein wenig dem Zufall zu überlassen und die eigene
Fantasie zu kitzeln, ist
Schreiben nach Würfeln
. Das klingt vielleicht schräg, aber probiert es mal aus.
Es funktioniert so. Ihr nehmt euch einen Würfel oder mehrere, aber es funktioniert mit einem einzelnen
Würfel. Für das Beispiel habe ich die Yatzee-Würfel von der Einkaufsliste genommen. Man legt für die
Zahlen der Würfel immer sechs Begriffe aus einer bestimmten Kategorie fest. Unten seht ihr z. B. Kategorie
Farben
oder
Verben der Bewegung
oder
Tier
. Was ihr nehmt, ist ziemlich egal, da sind eurer Phantasie oder
auch eurer Verrücktheit keine Grenzen gesetzt. Nach dem Würfeln schreibt ihr auf, welche Wörter aus den
einzelnen Kategorien erwürfelt wurden und diese Wörter bilden dann das Gerüst für euren Anfangssatz. Die
gewürfelten Wörter müssen alle in dem Satz verwendet werden, es dürfen noch so viele dazukommen, wie
ihr wollt. Versucht so spontan wie möglich zu schreiben. Ihr könnt auch mehrere Varianten probieren. Aber
die gewürfelten Wörter müssen dabei sein.
Und wer dann noch Lust hat, kann versuchen, aus dem Anfangssatz eine kleine Geschichte zu entwickeln.
Anbei mal eine Variante, was mit unserem Zufallsgenerator passiert ist.
Beispiel Würfelanordnung:
Z. B. würfelt man grün2, weiß4, gelb2, schwarz3 und rot1, d. h.
Wald
,
sie
(weiblich),
rennen
,
smaragden
und
Maus
müssen in dem Satz vorkommen.
Sie rennt durch den smaragdenen Wald, die schützenden Bäume, auf der Flucht vor der Maus ihrer
Alpträume.
Sie rennt durch den smaragdenen Wald, die schützenden Bäume, auf der Flucht vor der Maus ihrer
Alpträume. Keuchend schnellt sie an den kleinen Ästen und dem Reisig im Unterholz vorbei. Nur mit Mühe
kann sie verhindern, nicht über Wurzeln oder umgestürzte Stämme zu stolpern. Die Unebenheiten im
Waldboden nimmt sie kaum wahr. Je schneller und weiter sie läuft, desto mehr Schnitte fügen ihr die Zweige
des Unterholzes zu. Doch sie spürt es nicht. Sie spürt gar nichts außer der Triebkraft ihrer Angst. Ohne jedes
Gefühl für Zeit oder Entfernung läuft sie immer weiter, immer weiter weg. Sie wehrt sich gegen den
Widerstand der Äste und Büsche. Sie will sich nicht bezwingen lassen, will nicht aufgeben.
Erst als auf einer Lichtung ein Sonnenstrahl durch das dünnere Blätterdach ihr Gesicht trifft, erwacht sie aus
ihrer Fluchtpanik. Sie hält an, steht in dem freien Raum und hält inne. Erst hält sie nur an ihrer Atmung fest,
sie ist fast überrascht, dass sie noch atmet. Sie spürt in sich hinein, wie ihre Lungen arbeiten, wie beide
Flügel pumpen, hinein und hinaus. Es ist ein hektischer Rhythmus, bei dem sie dennoch fast zu ersticken
glaubt. Nur sehr langsam wird sie ruhiger, atmet ruhiger, nimmt die Luft in Mund und Nase tatsächlich wahr.
Ohne die Erstickungsangst beginnt sie, die Waldluft zu riechen und fast zu schmecken. Da ist die erdige
Note des feuchten Bodens unter ihren Füßen. Die kühle Luftfeuchtigkeit, die ihre heißen Lungen wieder
besänftigt. Die Luft schmeckt lebendig - nach den saftigen grünen Blättern, der zähen Baumrinde mit
süßlichen Harznoten. Und sie glaubt, unter dem verrottenden Laub auch Pilze zu riechen. So saugt sie Luft
immer weiter in sich ein, riecht jede Nuance und lässt den pelzigen Belag auf ihrer trockenen Zunge einen
moosigen Geschmack annehmen. Ihre Zehen in den Boden krallend fühlt sie sich fast, als würde sie
beginnen, selbst dort zu wurzeln.
Erst als ihre Atmung abflacht, schmeckt sie das Blut ihrer aufgesprungenen Lippen. Ein Zweig scheint ihr
einen Schnitt unter der Augenbraue beigebracht zu haben und der rötliche Schein eines Blutstropfens in
ihren Wimpern schärft wieder ihre Wahrnehmung für Farben.
1
2
3
4
5
6
grün
Insel
Wald
Wiese
Berg
Meer
Gletscher
weiß
er
du
wir
sie (wbl.)
sie (alle)
ich
gelb
laufen
rennen
spazieren
schleichen
schwimmen
fliegen
schwarz
blau
türkis
smaragden
rubinrot
mausgrau
beige
rot
Maus
Elefant
Delfin
Hund
Erdmänn-
chen
Löwe

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
HL - Schreibwettbewerb
Langsam konzentriert sie sich auf ihre Umgebung, nimmt wahr, wo sie ist.
Nimmt wahr, wer sie nicht ist. Sie ist kein Baum, der einfach hier im endlosen Grün zwischen all den anderen
unauffindbar verharren kann. Sie wollte weglaufen, so weit sie nur konnte, wollte verschwinden. Aber sie
weiß, sie kann hier nicht bleiben, kann sich hier nicht lange verstecken. Noch kann sie nicht aufstehen. Sie
fühlt ihren Körper, erschöpft, mit Schrammen und blutenden Schnitten. Sie spürt, wie die kühle Waldluft ihre
Wunden besänftigt. Wie die Schnitte weniger brennen und der Geruch frischen Blutes verblasst. Die Heilung
ihrer Haut hat schon begonnen. Doch schon der Gedanke 'ich muss zurück' lässt die Panik fast in gleicher
Intensität wieder aufflackern. Konnte das sein? Würde es jetzt immer so sein? Dass nur der kleinste
Gedanke, die kleinste Andeutung von Mäusefüßen sie in die blinde Flucht treiben würde?
Sie hatte diese Visualisierung selbst gewählt. Etwas kleines, fast niedliches, sollte ihre Angst verharmlosen,
sollte ihr ein größeres Gefühl von Stärke ermöglichen, sollte ihre Panik weniger bedrohlich machen.
Niedliche kleine Füßchen, die ihre Haut zwar berührten, ihr aber nichts anhaben konnten. Geräusche, die sie
hörte, sie aber nicht schrecken mussten. Etwas ungefährliches, dem sie problemlos überlegen sein konnte.
Warum fühlte es sich dann nicht so an? Selbst hier auf dem Waldboden, weit weg von jeder physischen
Gefahr, spürte sie, wie die Angst sie ergriff. Wie sie von ihrer Atmung Besitz ergriff, wie sich der bittere
Geschmack des Adrenalins in ihrem Mund ausbreitete, wie der Fluchtinstinkt wieder in ihre Glieder drang
und sie wegtragen wollte. War es nun ihre Willenskraft, die sie hier hielt oder die pure Erschöpfung ihres
Körpers, die ein Aufstehen noch verhinderte. Sie wusste es nicht. Und sie fürchtete diese Antwort. Die
Antwort, ob sie jemals eine Chance gegen diese Angst haben würde.
Hier geht's zum Wettbewerb:
Für alle Schreib-Begeisterten und solche, die es werden wollen, haben wir in diesem Heft einen besonderen
Ansporn. Über die Feiertage ist ja viel Einschluss und viel Zeit, mal etwas anderes auf Zelle zu machen. Und
selbst wer noch nicht ans Schreiben gedacht hat, kommt mit dem Spiel „
Schreiben nach Würfel“
vielleicht
doch leichter dazu, als ihr denkt. Ihr braucht nur Papier, Stift und einen Würfel (gibts zur Not im
Dienstzimmer zum Ausleihen) und dann kann es auch schon losgehen. Probiert es aus! Entweder mit den
Beispielwörtern von uns oder entwerft eure ganz eigenen Kategorien.
Die besten Geschichten oder Texte, die daraus entstanden sind, werden in der „HaftLeben“ veröffentlicht.
Die drei Besten bekommen einen Preis.
Bedingung für die Geschichten/Texte: Eine fast voll handgeschriebene A 4-Seite, das wäre super.
Einsendeschluss ist der 03.02.2022.
Bitte werft eure Geschichten in unsere HaftLeben-Briefkasten.
(Mitglieder der HL-Redaktion sind von der Teilnahme diesmal ausgeschlossen)
Noch ein Tipp, wer Lust am Schreiben und Ideen zur Verbesserung unserer Gefangenenzeitung
„HaftLeben“ hat, der schreibt einen aussagefähigen Antrag an Frau Böttcher.
Foto: Simone Hainz_pixelio.de.jpg

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Haft Leben Nr. 72
12
(HL/FAM)
Nachdem nun schon zwei Monate
vorbei sind, in denen mein Abitur läuft, möchte ich
euch gern einen kurzen Zwischenstand geben.
Ich muss ehrlich sagen, am Anfang ergaben sich so
einige Schwierigkeiten, bei denen ich dachte, das
Projekt würde daran scheitern. Mit Hilfe von Frau
Lantzsch konnten jedoch alle Probleme relativ rasch
bewältigt werden.
Nun, da die wichtigsten organisatorischen Dinge
geklärt wurden, läuft es ganz ruhig und entspannt
ab. Jetzt habe ich die Zeit, mich voll und ganz auf
das Lernen zu konzentrieren. Im Schulbereich auf
der 7. Station habe ich meinen „eigenen Lernraum“
und muss und darf mir dort meine Zeit auch allein
einteilen. Die ersten „Einsendeaufgaben“ sind er-
ledigt und bereits positiv bewertet worden.
Nie hätte ich gedacht, dass es mir so viel Spaß
macht und auch mein noch nie gemochtes Mathe
fängt langsam an Spaß zu machen. Mir war sehr
bewusst, dass es schwer werden wird, jedoch hätte
ich nicht gedacht, wie schwer es tatsächlich ist.
Vor allem weil man niemanden fragen kann, wenn
man was in einem Fach nicht richtig verstanden hat,
ist halt blöd, dass man hier immer allein dasteht.
In solchen Fällen ist Frau Lantzsch eine große Hilfe
und unterstützt mich nach Kräften mit Zusatz-
material. Auch Herr Schuhmann hat oft ein Buch, in
dem man nachlesen und sich so der Thematik
annähern kann.
Manche Grundkenntnisse werden vorausgesetzt,
sind aber durch die lange Zeit, die mein Realschul-
abschluss her ist, verschüttet und vergessen. Also
fange ich dann erstmal bei null an, aber nach und
nach kommen die Erinnerungen zurück an die Ober-
fläche. Am Anfang stehe ich oft perplex da und fühle
mich wie ein Schulmädchen, und ja, das bin ich!
Dennoch ist es spannend, man lernt viel neues und
es macht mir richtig viel Spaß.
Ich kann es nur jeder empfehlen - nutzt eure
Chance zur Weiterbildung hier, es muss ja nicht
gleich das Abitur sein.
Abi in der JVA - (M)ein Zwischenstand
Projekt Sorgeneulen
Hallo!
An alle HL-Interessierten, Leser und überhaupt.
Der „ Teddyverein“ ist leider Geschichte.
Aber nicht die Mädels, die gibt es noch. Sie sind nach
wie vor fleißig.
Es gibt ein Nachfolgeprojekt.
Spannung, was wohl??
Ein paar Sätze dazu.
Die
Sorgeneulen
werden in aufwändiger Handarbeit
genäht. Kreativität kennt keine Grenzen. Wichtig ist,
dass jede Sorgeneule ein angenähtes Täschchen
hat.
Diese wiederum werden an den ASB (Arbeiter-
Samariter-Bund) nach Auerbach geschickt.
Der ASB ist sehr aktiv. Vor allem im Kinder-, Jugend-
und Familienbereich, sehr professionell und vielseitig
aufgestellt.
Insgesamt also eine sinnvolle und sehr gute Sache,
die wir gern unterstützen und hoffen, dass das ein
„kleiner“ Beitrag in diesem Bereich ist.
In diesem Sinne
Spaß, Freude und gutes Gelingen.
Elsbeth Ziegler
Ehrenamtliche
Foto: Elsbeth Ziegler
Foto: Angela Parszyk_pixelio.de.jpg

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
Was sagt uns die Körpersprache
(HL/FAM)
Ständig sind wir im intensiven
Kommunikationsaustausch, egal ob es verbal ist
oder mit der Körpersprache, denn ein Nicht-
kommunizieren ist niemandem möglich! Denn die
Körpersprache ist reich an versteckten Botschaften,
schon die Haltung der Beine, der Arme, der Hände
und der Füße verrät viel. Auch wie der Blickkontakt
ist, wo gehen die Augen in dem Gespräch hin, verrät
sehr viel über die Person. Besonders vielsagend sind
die ausladenden Gesten und Selbstberührungen, die
unser Gegenüber automatisch verwendet. Wie
beobachtet ihr euren Gesprächspartner, achtet ihr
überhaupt auf die Körpersprache oder merkt ihr
diese in einem Gespräch gar nicht, weil ihr dem
Gesagten mehr glaubt? Aber dieses Thema ist sehr
interessant, denn nur aus dem ganzen Zusammen-
spiel von der Körpersprache und dem Gesagten
kann sich ein grobes Gesamtbild entwickeln. Wenn
ich z. B. ein intensives Gespräch führe, mein
Gegenüber mir zwar mitteilt, wie interessant sie es
findet, aber die Augen suchen ständig jemanden
anderen, beobachten diese Person dann genau und
der Körper ist von mir abgewandt. Da kann es z. B.
sein, dass mein Gegenüber gelangweilt ist, lieber
gerade wo anders wäre oder das Gespräch nur aus
Anstand noch führt. Vielleicht muss sie nur schnell
was klären, mal auf Toilette oder ähnliches und
getraut sich nicht, das zu sagen.
Die Körpersprache läuft oft völlig unbewusst ab,
deshalb gilt sie bei Fachleuten als echter, unver-
fälschter und verlässlicher als das Gesagte. Lange
galt die Körpersprache nur als schönes Beiwerk der
Sprache, aber 1990 erkannte der Erste Psycho-
linguist David MC Neill von Chicago deren
Wichtigkeit. Er meinte „Gesten sind in Form gegos-
sene Gedanken, wer auf sie achtet, könne beinahe
in die Köpfe hineinsehen“ und beschreibt dies näher
in seinem Buch (Hand and Mind). Schon Babys
teilen sich uns mit und das weit bevor sie reden
können und später helfen uns Bewegungen beim
Denken. Wer kennt das nicht, man denkt nach und
spielt gedankenverloren mit einer Haarsträhne oder
wippt mit den Fuß. Gerade liefen die Bundes-
tagswahlen, kaum jemand kam an all den Reden der
verschiedenen Parteivorsitzenden vorbei. Deutlich
war die Bedeutung der Körpersprache dabei zu
sehen und wie wer diese wie einsetzte. Wir betonen
damit, was uns wichtig ist. Natürlich kann man
Gesten einstudieren, aber Experten sagen, dass
diese Gesten dann nicht mehr spontan wirken. Auch
kann man nicht sagen, dass nur das Gesagte und
die Körpersprache zusammen die Wahrheit aus-
drücken, denn da gibt es noch einige weitere
Faktoren zu beachten, die nur in der Gesamtheit ein
Bild ergeben können. So z. B. passen wir uns
manchmal an unserem Gegenüber mit der Körper-
haltung an, dies deutet dann auf Sympathie hin.
Gesten können uns sehr gut mitteilen, wie der
Gesprächspartner sich gerade fühlt.
Ein Hinweis darauf, dass jemand angespannt,
gestresst oder verlegen ist, sind spontane Selbst-
berührungen. So fasst man sich dann an den Hals,
Nase oder Kinn, dies beruhigt einen, was Forscher
sogar im EEG feststellten. So fanden sie heraus,
dass, wer offener gestikuliert, meist ein extra-
vertierter Mensch ist. Diese Menschen nahmen sich
mehr Raum und zeigten im Schnitt eine entspannte
und offene Körpersprache. Weniger extrovertierte
Menschen machten im Schnitt etwas kleinere
Schritte, Gesten, hatten einen breiteren Stand und
eine gerade Körperhaltung, was dann auch von
Offenheit für neue Erfahrungen stehen kann.
Emotionale Labilität zeigte sich eher wie introvertiert
in einer steiferen Körperhaltung und gelegentlichem
nervösen Zappeln wieder. Jedoch weisen die
Wissenschaftler deutlich daraufhin, dass es nur um
Hinweise geht! Jede Geste kann auch eine andere
Bedeutung haben, somit kann es gefährlich sein,
sich nur auf eins zu verlassen. Deutlich wird dies im
folgenden Beispiel, so sitze ich in einem Gespräch,
verschränke die Arme vor mir. Mein Gegenüber
wertet dies als ablehnend, defensiv und des-
interessiert, was so aber nicht der Wahrheit
entspricht, denn mir war einfach nur kalt! Wie ihr
seht, kann nur das Zusammenspiel aller Faktoren ein
wahrheitsgemäßes Gesamtbild abgeben. Ich finde
dieses Thema sehr interessant und wenn ihr wollt,
beobachtet doch mal euren Gesprächspartner, fragt
aber auch nach, was er genau damit meint, fühlt
oder denkt.
Körpersprache
Foto: Ferdinand Lacour_pixelio.de.jpg

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Haft Leben Nr. 72
14
Vegetarisches Essen in der JVA
Das heutige HL-Interview
führte die Redaktion mit
Herrn Golz, dem Leiter der
Anstaltsküche
HL-Frage 1: „Gibt es Zahlen, wie viele Gefangene
in der JVA Chemnitz Vegetarierin sind? Gibt es
unter Umständen schon Veganerinnen?“
Herr Golz:
Der Anteil der vegetarischen Kostform
schwankt zwischen 7-10 % des Gefangenen-
bestandes. Aktuell verpflegen wir zwanzig Vegeta-
rier.
Da wir kein ausschließlich veganes Essen anbieten,
kann hier keine verlässliche Zahl zu den Veganern
genannt werden.
HL-Frage 2: „Wie werden die Gefangenen über
Inhaltsstoffe des bereitgestellten Essens infor-
miert?“
Herr Golz:
Jede Station erhält einen aktuellen
Wochenspeiseplan, auf welchem sich im unteren
Teil eine Legende zu deklarationspflichtigen Inhalts-
stoffen und kennzeichnungspflichtigen Allergenen
befindet.
HL-Frage 3: „Werden z. B. Soßen ohne tierische
Produkte hergestellt? Wie können Gefangene
das nachvollziehen?“
Herr Golz:
Soßen für die vegetarische Kostform
werden ohne tierische Produkte hergestellt. Die
Nachvollziehbarkeit ergibt sich aus der Antwort zu
Frage 2.
HL-Frage 4: „Werden gebratene Speisen ohne
tierische Fette zubereitet? Wie können Gefan-
gene das nachvollziehen?“
Herr Golz:
Wir verwenden in allen angebotenen
Kostformen Rapsöl oder Margarine zum Anbraten,
da diese Fette sich dafür aus kochtechnischer Sicht
am besten eignen.
Da diese Fette weder kennzeichnungs- noch
deklarationspflichtig sind, ist hier für den Gefan-
genen die einzige Möglichkeit der Nachvollzieh-
barkeit eine Nachfrage in der Küche.
HL-Frage 5: „Wie würde eine vegane Ernäh-
rungsvariante aussehen? Könnte die JVA-Küche
dies leisten?“
Herr Golz:
Die vegane Variante ist vom Gesetz-
geber in der Gefangenenverpflegung nicht vorge-
sehen, da sie u. a. nicht immer mit den Referenz-
werten für die Nährstoffzufuhr zu vereinbaren ist.
D. h. fehlende Nährstoffe müssten teuer supple-
mentiert werden.
Allerdings ist es so, dass viele unserer vege-
tarischen Gerichte von Natur aus vegan sind und
sich die Nährstoffe in der Wochenbilanz aus-
gleichen. Die rein vegane Verpflegung ist für uns aus
o. g. Gründen aber auch wegen des Tagessatzes
nicht umsetzbar, da die Mehrkosten nicht, wie in der
Privatwirtschaft, auf den Endpreis umgelegt werden
können, sondern für alle Verpflegungsformen
derselbe Tagessatz zur Verfügung steht.
Vielen Dank, Herr Golz, die Redaktion der Haft-
Leben dankt Ihnen für die ausführlichen Antworten.
Wir wünschen Ihnen als Leiter der Anstaltsküche
weiterhin viel Erfolg bei der Umsetzung Ihrer
Arbeitsaufgaben. Bleiben Sie gesund!
Foto: oben Tim Reckmann_pixelio.de.jpg, unten
Stefan Bayer_pixelio.de.jpg

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
Vegetarisches Essen in der JVA
Vegetarier oder Veganer? Und wie
geht das im Knast?
(HL - löwenzahn)
Als ich hier ankam
und den ersten Abendbrot-Beutel in die Hand
gedrückt bekam, war Essen so ziemlich das Letzte,
an das ich denken konnte oder wonach mir zumute
war. Trotzdem bekam ich noch den Satz raus:
„Moment mal, ich bin Vegetarierin.“
Ich schaute in ein ungehaltenes Gesicht:
Na das geht nur per Antrag und
dauert drei Tage.“
war die Antwort. Und nun? Ehrlicherweise kann ich
sagen, es ging schneller und die Hausarbeiterin kam
mir in der Zwischenzeit sehr unterstützend entgegen.
Die Gefahr eines Verhungerns bestand also nie.
Vielleicht sollten die Zugangspakete aber generell
eher für Vegetarier gepackt werden. Selbst die
größte Fleischfresserin wird ja ein Käsebrötchen
nicht ablehnen; die Vegetarierin das Wurstbrötchen
aber schon.
Zur Einordnung, ich bin auch wirklich, wirklich
Vegetarierin und nicht nur auf den Käse scharf oder
eine Kritikerin der hiesigen Wurstauswahl. Die
Gründe für die Wahl 'VK' sind ja in den Häusern hier
durchaus verschieden. Für mich war es eine
bewusste Lebensentscheidung, ganz lange bevor ich
hier im Knast gelandet bin. Das hatte was mit
kullerigen Tieraugen und süßen Tierbabys zu tun.
Ich hatte auch früher schon mit unterschiedlich
langen veganen Phasen experimentiert, aber den
Antrag wollte ich dann hier besser nicht stellen.
Je nachdem, wie streng man seinen Vegetarismus
oder Veganismus leben will, wird man ja hier auch
vor gewisse Schwierigkeiten gestellt. Bei der
Essensausgabe wird so z. B. auf Hygiene geachtet
und Wurst oder Käse nur mit Handschuhen aus-
gegeben. Aber dieselben Handschuhe, die nach der
Wurst griffen, sind dann eben auch an meinem Käse.
Klingt pingelig, nur wenn man wirklich kein totes Tier
mag, dann lässt einen das schon kurz innehalten.
Das sehe ich ja zumindest direkt und könnte dann
immer noch entscheiden, wie wichtig mir die
Unberührtheit meiner Laktoseprodukte ist.
Bei zubereiteten Sachen aus der Küche liegen die
Dinge da schon anders. Was weiß ich denn, welche
Tütenmischungen oder Zusatzstoffe da in den
einzelnen Töpfen oder Pfannen oder Behältern
landen. Welche Fette da an welchen Speisen dran
sind? Man kann zwar vermuten, dass Butter oder
Schweineschmalz etc. einfach zu teuer sind und die
Küche aus reinem Kostendruck immer nur mit dem
billigsten Pflanzenöl arbeiten kann. Aber wissen tu
ich das natürlich nicht, wenn ich die Alu-Assiette
aufmache. Aus selbigen Kostengründen wird der
Milchreis nur Spuren von echter Butter sehen, wenn
überhaupt. Aber wie sähe denn veganer Milchreis
hier aus?
Theoretisch ja ganz einfach: Reis einfach mit Hafer-
Drink oder Soja-Drink gekocht und fertig.
Das Angebot und die Vielfalt veganer Produkte
nehmen derzeit stetig zu. Auch auf der Massak-Liste
sind sie durchaus vertreten und auch für die Küche
wäre die Logistik sicher lösbar. Wenn da nur nicht
die Kostenfrage wäre! Wie bei allem, gesunde oder
spezielle Ernährung eingeschlossen, hat die freie
Wahl aus allen Möglichkeiten ja nur der, für den auch
alle Möglichkeiten erschwinglich sind. Wahlmöglich-
keiten muss man sich leisten können. Es wundert
also wenig, wenn die Justiz eine vegane Verpflegung
aus Kostengründen ablehnt. Dann kann man sich die
Soja-Extra-Wurst ja immer noch selber kaufen, oder?
Muss man dann wohl selber entscheiden, wie wichtig
und teuer einem seine Überzeugung ist - obwohl ja
hier für keine Kostform - weder Vegi noch Reli - ein
Gesinnungstest verlangt wird.
Naja, was macht dann z. B. eine neu angekommene,
überzeugte Veganerin? Wer keine Familie und viel-
leicht anfänglich hier noch keinen Job hat, die hat
dann wohl die ersten Wochen ziemlich wenig und
wenig abwechslungsreiches zu beißen. Brötchen,
Margarine und Marmelade - der Diabetes macht
schon Freudensprünge.
Leider gilt eben für alles, was gut für die
Gesundheit oder das Gewissen ist, dass es eine
Kostenfrage und des Sich-Leisten-Könnens ist.
Ob das nun vegane Produkte sind oder Bio-Produkte
(aktuell gibt es nur Zitronen in Bio-Qualität auf der
Einkaufsliste) ...
Ich muss bei solchen und ähnlichen Themen immer
über die Vollzugsgesetze lachen, wo drin steht, dass
'das Leben im Strafvollzug den allgemeinen Lebens-
verhältnissen soweit als möglich angepasst werden
soll'. Ich muss lachen, weil so viele Dinge des ver-
nünftigen Lebens hinter Gittern so viel anstrengender
und umständlicher gemacht werden - bis hin zur
Unmöglichkeit.
Vegetarische und sogar vegane Ernährung sind
auch im Gitterraster möglich
,
das mit Sicherheit,
aber nur mit den entsprechenden finanziellen und
willentlichen Mitteln. Ich muss es mir leisten können.
Ich muss die Priorität setzen, es mir auch leisten zu
wollen und das Geld für Gemüse und Co. und nicht
andere Dinge auszugeben. Und ich muss damit
leben, das nur in dem engen, von den Gitterstäben
gesetzten Grenzen umsetzen zu können. Hier kann
eben niemand essen, worauf sie wirklich Appetit hat
oder was für ihre Gesundheit am besten wäre,
sondern halt nur das, woran man durch die Gitter
kommt.
Timo Klostermeier_pixelio.de

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Haft Leben Nr. 72
16
Ist Resozialisierung ein Monolog?
Strafe und Vergebung?
(HL/nml)
Am 01.09.2021 gab es in der
Sendung Plusminus des WDR auch einen Beitrag zu
Gefängnissen, insbesondere ging es um Kosten des
Strafvollzugs und die finanzielle Situation von
Gefangenen während und nach der Haft. Dazu der
Sprecher weiter:
„137,30 €, pro Tag, kostet ein
Häftling den Staat im Bundesdurchschnitt.“
Dazu vielleicht ein paar ausgewählte Zitate für die,
die es nicht gesehen haben.
Die Moderatorin sagte unter anderem:
„Haft wird zur
doppelten Bestrafung auf Kosten der Steuerzahler.“
Weiter der Sprecher:
„Haftarbeit soll resozialisieren
helfen.... [aber] Wer länger im Knast war, bleibt arm
- für immer!“
.
Im Beitrag wird am Beispiel eines Häftlings, der 23
Jahre in Haft war und davon 21 Jahre gearbeitet
hatte, folgendes erklärt. Sein Rentenanspruch aus
Zeiten vor der Haft beläuft sich auf 126 €. Während
der Haft konnte er trotz Arbeit keine Renten-
ansprüche erwerben und somit wird er sein Leben
lang auf Grundsicherung angewiesen sein. Der
Sprecher kommentiert:
„Seine Strafe war die Haft,
nicht lebenslange Armut.“
Diesen Realitäten, entgegnet der Justizminister von
NRW, dass keine Altersarmut drohe, denn, so NRW
Justizminister Peter Biesenbach:
„Wir bieten ihm ja
die Chance, dass er in der Strafhaft die Fertigkeiten
erlernt, die ihm hinterher die Möglichkeit geben, im
ersten Arbeitsmarkt auch Arbeit zu finden,
Beschäftigung zu finden, und da wird er auch
Rentenansprüche erwerben können. Also nix mit
Altersarmut.“
Zum Thema der niedrigen Vergütung - weit unter
dem gesetzlichen Mindestlohn - in Haftanstalten sagt
Herr Minister Biesenbach später:
„Es geht nicht
darum, dem Häftling möglichst viel zu zahlen,
sondern Ziel ist, den Häftling dazu zu bringen,
nachher ein soziales Leben führen zu können und
das straffrei.“
Dieses Credo der Resozialisierung ist allen
Vollzugsgesetzen bundesweit gemein. Die Gefan-
genen sollen nicht vorrangig bestraft werden,
sondern auf ein Leben in Freiheit und in Einklang mit
der Gesellschaft vorbereitet und dafür befähigt
werden. Die Realität der Resozialisierung verlangt
aber zur erfolgreichen Umsetzung etwas von beiden
Seiten, von den Gefangenen und auch der
Gesellschaft.
Häftlinge auszubilden, ihnen Berufsabschlüsse oder
Weiterbildungen zu ermöglichen und ihnen Fähig-
keiten zu vermitteln, ist das Eine. Nur was nützen
die, wenn man sie später nirgends anwenden darf.
Nirgends einen Job bekommt. Und aufgrund von
Verschuldung nirgends kreditfähig für eine eigene
Betriebsgründung ist.
Ein Haftstempel in einem Führungszeugnis ist nach
der Entlassung die fast sichere Garantie, eben
keinen Beruf mehr ausüben zu können. Im
Öffentlichen Dienst darf man mit Vorstrafe nicht
eingestellt werden, selbst mit persönlichen Kontak-
ten, die einem vertrauen, verbieten das die
Regularien. Auch systemrelevante Branchen lehnen
Bewerber mit beflecktem Führungszeugnis ab. In der
Pflege z. B. werden händeringend Fachkräfte an
allen Ecken und Enden gesucht, aber jemanden mit
Hafterfahrung will niemand einstellen. Die Chancen
auf dem ersten Arbeitsmarkt sind für ehemalige
Häftlinge noch schlechter als für Langzeitarbeitslose.
Man hat also nicht nur in Haft keine Möglichkeit
Rentenansprüche aufzubauen, sondern mit den
rosigen Beschäftigungsfeldern, die Herr Minister
Biesenbach sich vorstellt, ist es nach der Entlassung
leider auch nicht weit her.
Eine Verurteilung bleibt ein dauerhaftes Stigma.
Nach der Entlassung aus der Haft gilt zwar die Strafe
als verbüßt, der Häftling hat seine Schuld bezahlt,
aber das heißt noch lange nicht, dass ihm die Opfer
oder die Gesellschaft vergeben hätten. Das heißt
nicht, dass die Gesellschaft denjenigen wieder
aufnehmen würde.
Wer einen geliebten Menschen durch eine Straftat
verloren hat, oder wer selbst durch eine Straftat
dauerhaft geschädigt wurde, für den wird es schwer
zu ertragen zu sein mit anzuhören, wie Häftlinge ein
würdevolles Dasein, auch ein würdevolles Alter
einfordern. Schließlich ist das den Opfern von
Straftaten auch nicht unbedingt vergönnt. Warum soll
es da dem Schuldigen besser ergehen als einem
Opfer.
Dennoch bleibt es die unbequeme Wahrheit, dass
Resozialisierung nicht von einer Seite allein durch-
gesetzt werden kann. Jeder Häftling, der eine zweite
Chance haben will, hat natürlich eine Bringschuld,
sich diese zu verdienen. Und wenn er sie sich
verdient hat, was dann? Wer hat dann die
Bringschuld? Darf eine Gesellschaft von Gefangenen
Integrationswillen und Anstrengungen verlangen,
wenn sie selbst dann nicht bereit ist, sie wieder
aufzunehmen und wieder zu integrieren?
Nein, Resozialisierung ist kein Monolog, wenn sie
funktionieren soll.
(HL/Red.) Die von der WDR Plusminus-Redaktion
der Chemnitzer Gefangenenzeitung „HaftLeben“ zur
Verfügung gestellte DVD diente als Grundlage für
diesen Artikel.
Foto: plusminus

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
HL-Traumschiff-Surprise-Horoskop 1
Neoptera-
Horoskop
(Die Vulkanette von
Traumschiff Surprise
lässt grüßen.)
(HL - fabula) Die Sternzeiten sind nach den
galaktischen Konventionen angegeben, eine
direkte Umrechnung in den gregorianischen
Kalender ist deswegen nicht möglich. Es möge
jede selbst entscheiden, wo sie sich wieder-
findet.
Zitronenfalter
Sternzeit 4379,56 bis 18530,4
Die im Sternzeichen Zitronenfalter
Geborenen sind besonders auf ihr
Aussehen und ihre weiße Weste bzw.
Flügelfarbe bedacht. Geht es mal nicht nach ihrem
Kopf und ihren ästhetischen Wünschen, dann
können sie eine recht säuerliche Note annehmen -
ganz
nach
der
namensgebenden
Frucht.
Andererseits sind Zitronenfalter zugleich sehr
ordnungsliebend und gute Organisationstalente.
Wer sich auf ihre streitbare und zuweilen passive-
aggressive Art einlässt, kann bei bestimmten
Projekten auch sehr von ihnen profitieren.
Glühwürmchen
Sternzeit 9052,31 bis 74255,2
Diese leuchtenden Sternzeichen
sind immer das Zentrum aller
Geselligkeit und erhellen jede Runde mir ihrem
sprühenden Optimismus. Wer ein Glühwürmchen
zum Freund hat, kann sich aber immer ihrer
warmherzigen Zuwendung sicher sein. Glüh-
würmchen sind nämlich nicht nur ausgelassene
Feierer, sondern auch sehr loyale Weggefährten.
Der Nachteil ist, dass sie manchmal nicht mehr im
Blick haben, wo ihre Grenzen sind oder die Grenzen
anderer. Sie lassen sich manchmal nur schwer
bremsen.
Schachbrett-
Schmetterling
Sternzeit 58003,94 bis 3146,7
Sie schätzen nichts so sehr wie
die Klarheit und Präzision ihrer eigenen Flügel-
zeichnung. Für Schachbrett-Geborene sind Vernunft
und Logik das Koordinatensystem der begreifbaren
Welt. Für ihr Wissen und Können häufig geschätzt
bleiben sie doch eher Einzelgänger und setzen sich
nur sehr ungern der Unlogik anderer aus. Zu ihren
unangenehmsten Eigenschaften zählt wohl ihre
brutale Ehrlichkeit. Ein Schachbrett zur Freundin zu
haben, kann sehr lohnend sein. Es erfordert aber ein
dickes Fell und sehr langen Atem.
Pelzbiene
Sternzeit 57443,19 bis 92737,8
In diesem Sternzeichen Gebore-
ne wirken häufig sehr unauffällig,
sie sollten aber auf keinen Fall
unterschätzt werden. Ihr kusche-
liges Äußeres hebt sie zwar von Artgenossen ab,
ohne jedoch dabei ihre Beliebtheit zu schmälern. Sie
gelten als gute Zuhörerinnen und sind sehr
umgängliche und rücksichtsvolle Zeitgenossinnen,
wohl auch deshalb weil sie sich mit kritischen
Meinungen oft zurückhalten. Harmonie und
Freundlichkeit sind ihnen die höchsten Güter. Um
herauszufinden was sie wirklich denken, muss man
dann schon etwas tiefer graben.
Regenbremse
Sternzeit
19962,73
bis
20405,1
Die Vertreterinnen dieses
Sternzeichens sind nicht etwa
gut als Meteorologinnen ge-
eignet, nein, sie sind nur
extrem nah am Wasser
gebaut. Schon die winzigste Kleinigkeit kann sie zu
Tränen rühren und ihre Begeisterung kann ganze
Säle mitreißen. Mit ihrer überschwänglichen Emotio-
nalität sind sie perfekt für Berufszweige wie
Hochzeits- oder Partyplanerin geeignet. Nur den
einen oder anderen Kitsch muss man ihnen
verzeihen können.
Dass ihre Regentänze jemals eine Dürre beendet
hätten, ist übrigens nicht belegt.
Gemeine Eintagsfliege
Sternzeit 8372,14 bis 6563,2
In diesem Sternzeichen Gebo-
rene sind nicht etwa hinter-
hältig, sondern einfach nur
langweilig. Sie sind sehr
genügsame und wirklich bescheidene Zeitgenos-
sinnen. Sie sind schon mit den einfachsten Dingen
vollauf zufrieden und können wochen-, wenn nicht
jahrelang klaglos im gleichen Trott dahinleben.
Spritzigkeit und Kreativität sind nicht ihre Stärken.
Doch wer mit der Schnelllebigkeit unserer heutigen
Welt überfordert ist, kann sich vielleicht von der fast
meditativen Langsamkeit des Seins der gemeinen
Eintagsfliegen inspirieren lassen.
Alle Fotos auf den Seiten
17 + 20 Quelle: Wikipedia

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Haft Leben Nr. 72
18
I
Haft Leben - 2022

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
19
Ferien in Thüringen
Haft Leben - 2022
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
Thalheimer Straße 29
09125 Chemnitz
E-Mails für die Redaktion, bitte an: HaftLeben@T-Online.de

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Haft Leben Nr. 72
20
Herzlichen Dank an Maria für die Genehmigung zum
Abdruck ihres Comics!
Herzlichen Dank an Frau Weyhe und Frau Koch, die
2020 maßgeblich zum Gelingen dieses Projektes
beigetragen haben!
Herzlichen Dank an die Anstaltsleitung, die dieses
Projekt ermöglicht hat. In den nächsten „HaftLeben
-
Heften“ möchten wir auch noch die anderen zwei
Comics abdrucken.
Damit die Texte lesbarer sind, haben wir den
Kontrast, abweichend vom Original, künstlich
verstärkt. Für die dabei erzeugten Unsauberkeiten
bitten wir um Entschuldigung.
Redaktion „HaftLeben“
Erdfloh
Sternzeit 12550,9 bis 39182,75
In diesem Sternzeichen Gebo-
rene sind die Lieblinge einer
jeden Chefin - sie sind harte Arbeiterinnen ohne die
kleinsten Allüren. Filigranes Handwerk liegt ihnen
weniger, aber dafür können sie ordentlich zupacken.
Bei jedem Umzug melden sie sich freiwillig zum
Tragen der Waschmaschine, bis hoch ins Dach-
geschoss. Sie sind allseits für ihre Verlässlichkeit
und Bodenständigkeit geschätzt, nur vor ihrem
Jähzorn sollte man sich unbedingt in Acht nehmen.
Wenn sie sich streiten, dann stets laut und heftig,
aber zum Glück sind sie nicht (sehr) nachtragend.
Siebenpunkt
(Familie der
Marienkäfer)
Sternzeit 2546,07 bis 71504,3
Siebenpunkt-Geborene fallen erst-
mal durch ihr sonniges Gemüt und
helles Lachen auf. Sie finden in
jeder Situation irgendetwas komi-
sches. Sie können aber auch ziemlich stur und
eigensinnig sein. Sie in einer Diskussion über-
zeugen zu wollen, kann zur Schwerstarbeit werden.
Für ihre Ziele kämpft ein Siebenpunkt äußerst
hartnäckig und sie setzt diese Kämpfernatur auch
für ihre Vertrauten ein. Aber wehe jenen, die einmal
ihren Zorn auf sich gezogen haben - der kann schon
mal halten, bis ihre Punkte grau geworden sind.
Gewöhnliche
Sandwespe
Sternzeit
62834,5
bis
4935,43
Der schlechte Ruf der Sand-
wespe ist nicht ganz unver-
dient - wer auf der Suche nach einer treuen
Partnerin ist, sollte um Sandwespen-Geborene
einen großen Bogen machen. Für kurzweilige
Abenteuer gibt es aber kaum etwas Besseres. Sie
brauchen ihre Freiheit wie die Luft zum Atmen und
sind immer auf dem Sprung zum nächsten
aufregenden Nervenkitzel. Durch ihre Spontanität
lassen sie es nie langweilig werden. Man darf nur
nicht vergessen: sobald ihnen langweilig wird, sind
sie auf und davon.
Finsterkäfer
Sternzeit
30741,91
bis
5190,6
Im Sternzeichen Finsterkäfer-
Geborene sind ausnahms-
weise genau die zwie-
lichtigen und finsteren Zeitgenossinnen, für die man
sie hält. Ihre intriganten Talente nutzen sie gern für
ihre eigenen Zwecke und spielen ihre Opfer
schamlos gegeneinander aus. Sie wissen sich
raffiniert zu verkaufen und können mit ihrem Charme
fast jeden umgarnen.
Doch wer einmal in ihre Falle tappt, wird selten
wieder froh.
Was äußerlich nach Zielstrebigkeit und Fleiß
aussieht, ist einfach nur ein geschickter Einsatz ihrer
blenderischen Fähigkeiten.
Kleiner Fuchs
Sternzeit
44208,3
bis
21837,2
In
diesem
Sternzeichen
Geborene wären vielleicht
besser
'kleine
Schlingel'
genannt, da sie Schwierigkeiten und Pech geradezu
magisch anzuziehen scheinen. Diese notorisch
unorganisierten Zeitgenossinnen lassen nie ein
Fettnäpfchen aus, lassen sich aber auch von keiner
Peinlichkeit aus der Bahn werfen. Sie sind
unheimlich großzügig und vergessen auch gern,
wem sie was oder wie viel Geld verborgt haben. Sie
denken auch selten, bevor sie sprechen - wem
sowas peinlich ist, die sollten kleine Füchse meiden.
Tagpfauenauge
Sternzeit
9369,54
bis
16574,93
In
diesem
Sternzeichen
Geborene eitel zu nennen,
wäre eine Untertreibung.
Tagpfauenaugen sind sich ihrer körperlichen Reize
sehr bewusst und spielen sie bei jeder Gelegenheit
voll aus - manchmal ohne Grund dazu. Mit dieser
Oberflächlichkeit scheinen sie dennoch ganz gut
durchs Leben zu kommen und auch immer wieder
Weggefährtinnen zu finden, die sie in ihrem
Selbstbild bestätigen. Als tiefgründige Freund-
schaften sind diese Verbindungen selten bekannt.
Die richtigen Schmink- und Styling-Tipps haben sie
aber jederzeit.
HL-Traumschiff-Surprise-Horoskop 2

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
Pfändungskonto - HL-Gedicht
Neues zum Pfändungsschutzkonto
(HL/B&F)
Da es ab den 1. Dezember 2021
neue Regelungen zu den P-Kontos gibt, wollen wir
hiermit das Wichtigste mitteilen. Ich glaube, es ist für
alle interessant, denn kaum eine, die von hier
entlassen wird, ist evtl. schuldenfrei. Jede, die
Schulden hat, muss damit rechnen, dass es zur
Pfändung kommen könnte. Damit ihr trotzdem die
Möglichkeit habt Geld abzuheben oder zu
überweisen, müsst ihr das Konto, was ihr habt oder
welches ihr eröffnet, in ein P-Konto (Pfändungs-
schutzkonto) umwandeln lassen oder eröffnen. Mit
diesem Konto könnt ihr über einen gewissen Betrag
freiverfügen, somit ist das Geld vor einer Pfändung
geschützt. Bei einem P-Konto wird dieser Betrag
„Freibetrag“ genannt, er weicht leicht von dem
Pfändungsfreibetrag für die Lohnpfändung ab. Ab 1.
Dezember ist dieser Freibetrag auf 1260,- Euro
erhöht.
Wer unterhaltspflichtig gegenüber einer anderen
Person ist oder Sozialleistungen entgegennimmt, hat
in der Regel einen Freibetrag von 1731,44 Euro/
Monat ab Dezember zur Verfügung. Bei jeder
weiteren unterhaltpflichtigen Person steigt der
Betrag. Weitere Ansparmöglichkeiten auf dem P-
Konto sind ebenfalls vergeben. So kann ein nicht
komplett verbrauchtes Guthaben über drei Monate
übertragen werden, ohne dass es der Pfändung
unterliegt. Des Weiteren hat der Gesetzgeber klar-
gestellt, dass auch ein Girokonto, welches sich im
Minus befindet, in ein P-Konto umwandeln muss! Der
negative Betrag ist demnach künftig auf einem
separaten Konto zu führen. Des Weiteren wird der
Freibetrag jetzt jährlich angepasst und nicht wie
bisher nur aller zwei Jahre. Generell könnt ihr das
Konto nur allein führen, also als Gemeinschaftskonto
ist dies nicht vorgegeben. Aber auch wenn ihr zzt.
ein Gemeinschaftskonto mit Guthaben besitzt, ist es
ohne Probleme möglich, dies in zwei P-Konten
umzuwandeln und das Guthaben wird demnach
aufgeteilt. Auf Antrag kann das Vollstreckungsgericht
sogar festsetzten, dass der gesamte Betrag auf dem
Konto dann nicht pfändbar ist.
Dafür braucht ihr nur glaubhaft machen, dass es
künftig kein pfändbares Einkommen zu erwarten gibt,
zum Beispiel bei Sozialrente. Auch wer eine Nach-
zahlung erwartet, z. B. von Kindergeld, Rente und
mehr, kann über eine Bescheinigung diesen Betrag
freistellen lassen. Somit wird dieses Geld nicht den
Gläubigern übertragen.
Es gibt noch einige weitere Vorteile des P-Kontos,
aber diese sind aus unserer Sicht die wichtigsten für
euch gewesen. Bitte befasst euch mit dem Thema,
bei denen es zutreffen könnte. Denn Geld hat keiner
zu verschenken! Und ich glaube, ein bestehendes
Konto umzuwandeln in dein Pfändungsschutzkonto
oder gleich ein Pfändungsschutzkonto zu eröffnen ist
der kurzen Mühe wert.
Foto: Timo Klostermeier_pixelio.de.jpg
Der Mensch neben Dir!
Wenn wir mit offenen Herzen hören,
was Menschen neben uns bewegt.
Wenn wir nicht mehr schweigen,
sondern reden von dem was uns hat geprägt.
Wenn uns fremde Tränen innerlich berühren,
so als wär es unser eigener Schmerz.
Wenn wir das Leid des anderen spüren,
als träf es unser eigenes Herz.
Wenn wir noch „Danke“ sagen können,
für das was eigentlich selbstverständlich scheint.
Wenn wir uns anderen anvertrauen können,
vielleicht unsere „Ich-bezogene“ Sichtweise
wiederstehen.
Wenn wir das Handeln eines Menschen,
versuchen mit seinen eigenen Augen zu verstehen.
Wenn uns noch Kritik andere treffen,
wir dann reflektieren und uns vielleicht ändern.
Wenn wir noch offen sind für Veränderungen,
wir nicht auf unserer eigenen Meinung bestehen.
Wenn wir nicht wegsehen bei Ungerechtigkeit,
wir dann gemeinsam laut sagen was uns hat gequält.
Dann können wir ganz neu entdecken,
wie gut wir es mit uns meinen.
Dann spüren wir die Freiheit in dieser Zeit,
mit all seiner Menschlichkeit!
Verfasserin der Red. bekannt.

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Haft Leben Nr. 72
22
Zwischenmenschliche Beziehungen
Was versteht man unter
„Zwischenmenschlichen
Beziehungen“?!
(HL-Jemand)
Ich
denke,
man kann das sehen, wie man
möchte.
Sicherlich gibt es dafür auch
viele Bezeichnungen und
jeder empfindet oder sieht
darunter etwas anderes.
Vielleicht denkt ihr ja
während des Lesens genau
an diesen Menschen und
wisst, was ich meine.
Dennoch möchte ich
versuchen, euch dieses
Gefühl etwas näher zu
bringen…..
… irgendwie hat es etwas magisches, wie als wäre es
nicht von dieser Welt, als hätte eine höhere Macht
entschieden, das gerade ihr euch habt. Wie als würde
man schon sein ganzes Leben mit diesen Menschen
leben, selbst wenn sie gerade nicht da sind oder einen
sogar tausende Kilometer trennen, doch irgendwie
spürt man diese Person trotzdem, man hat das Gefühl,
sie ist bei dir und das rund um die Uhr. Wenn du sie
überall siehst, obwohl es vielleicht nur ein Schatten
war oder eine ganz andere Person; wenn du ihre
Stimme unter hunderten hörst und sie dir leise etwas
ins Ohr sagt, obwohl sie gar nicht da ist; an die du
sofort denkst, wenn irgendetwas passiert, egal ob es
etwas schlimmes oder gutes ist, sie dir aber immer zur
Seite steht. Man hat einfach dieses Grundvertrauen
oder auch eine Basis, die von Anfang an besteht und
niemals zu Grunde gehen wird, wo man genau das bei
jeder Begegnung, bei jedem Telefonat oder bei jedem
Austausch spürt. Der dein Seelengefährte ist. Die kein
Blatt vor den Mund nimmt und knallhart ehrlich zu dir
ist. Wo man sich nicht in seiner Person einschränken
oder irgendwas vorspielt muss, nein, wo man sein
kann, wie man nun mal ist und dein Herzensmensch
dich genauso nimmt und akzeptiert, der dich auch
nicht ändern möchte, wo du ganz genau weißt, dass
du ihm alles sagen kannst ohne irgendwie Sorge zu
haben, was er vielleicht über dich denken könnte oder
dich gar verurteilt und wegstößt, wo du echt sein
kannst. Der trotz allen Fehlern, die du vielleicht
unwissentlich begehen wirst, immer zu dir steht; der
die Leere tief in deinem Herzen voll ausfüllt. Den du
niemals vergeben brauchst, weil ihr euch nie
verletzten würdet. Wenn dieser Mensch zu deinem
Lieblingslied wird und dir im Kopf immer wieder hin
und her schwebt und er dir nie zu viel wird oder du ihn
gar nicht mehr hören kannst. Diese Person dein Reset
-Knopf ist; der genau so fühlt wie du und zu deiner
ganz eigenen Hoffnung wird. Welchen es unter
Milliarden nur einmal gibt und er sich niemanden auch
nur ein Hauch gleicht, die für dich einzigartig ist, die zu
deiner Perfektion wird, obwohl niemand perfekt ist; mit
dem einfach alles einen Sinn macht. Dieser Mensch
sich in dein tiefstes Inneres brennt und dich sieht wie
kein anderer, der mit dir zu einer Person wird, selbst
durch das nur aneinander denken. Dessen Liebe du
durch Wände spürst und er zu deinem Antrieb für alles
wird. Wenn du ihm ohne zu zögern jedes Geheimnis
von dir erzählst und sogar jede Peinlichkeit. Wenn
man schon weiß, wann die nächste Stimmungs-
schwankung kommt und denkt „genau das liebe ich“.
Man sich ohne Worte versteht oder dem anderen
seine Sätze beendet, man aufeinander abgestimmt ist.
Der nichts machen braucht und einem selbst dadurch
unendlich viel Kraft gibt. Mit dem selbst das längste
Schweigen zur schönsten Unterhaltung wird. Der dich
selbst dann noch wunderschön findet, wenn du wie ein
zerknautschtes Kissen aussiehst und jede Beleidigung
und Diss einem der schönsten Komplimente gleicht.
Den du unzählige Kosenamen gibst oder ihn einfach
nur beim Namen nennst und du die Wärme in deinen
Adern spürst, wenn du diesen Namen sagst. Der nicht
nur mit dir lachen, sondern auch weinen kann, der dir
ein Ausgleich wird. Der dich kämpfen und wieder
aufstehen lässt. Das selbst, wenn alles den Bach
runter geht, diese Person dein Fels ist und dich aus
dem dunkelsten Tiefen des Meeres holt, der zu
deinem Anker, deinem Segel, deiner Strömung,
deinem Kompass und deinem Hafen wird. Dass, wenn
du an diesen ganz bestimmten Mensch denkst, dein
Herz wild mit schlagen beginnt, alles in dir kribbelt und
du einfach schmunzeln musst, weil du ihn so sehr
liebst, den du siehst und das wie kein anderer.
Man es kaum glauben kann, dass dieser eine Mensch
überhaupt existiert und man sich selbst kneifen muss,
das einem das Schicksal zusammengeführt hat und es
einen immer wieder aufs neue verblüfft, wenn etwas
außergewöhnliches passiert; wenn man vielleicht des
anderen Hand auf seiner Schulter spürt oder das
gemeinsame Lied läuft, wenn man an den anderen
denkt, wenn ein Zufall nach dem anderen passiert. Es
ist, als würde man seinen Liebsten besser kennen als
sich selbst, als wäre es Bestimmung, als würde man in
dem anderen wohnen. Selbst wenn man alles schöne
vom anderen schon gehört zu haben weiß, die selben
Worte wie neue klingen und dich dahinschmelzen
lassen wie Vanilleeis im Junisommer. Ihr kein Roman
oder Liebesfilm mit Happy End braucht, denn ihr zwei
seid das eigentliche Happy End, ihr seid eure
eigentliche Geschichte. Ihr seid euch eurer sicher.
Sicherlich gibt es noch mehr, was ich aber nicht in
Worte fassen kann, denn wie schon gesagt, man muss
es einfach selbst spüren und es passieren lassen.
Denn sowas hat nichts mit „auf die Jahre kennen-
lernen zu tun“ es ergreift dich einfach und lässt dich
zutiefst leben.
Ich denke, jeder von euch hat solch einen oder auch
mehrere Menschen in seinem Leben, wo man genau
dies fühlt und daher möchte ich euch ans Herz legen,
diesen Menschen und das was ihr einander habt bis
aufs letzte zu schützen. Bewahrt euch diesen
Menschen, dessen Verbindung und deren Gefühl denn
sowas gibt es leider nur noch selten und geht weit
über das Natürliche hinaus.
Dieser Mensch
Der zu deiner Zeit wird
Zu deinem ganz besonderen Ort
Zu deiner persönlichen Emotion

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
Zwischenmenschliche Beziehungen - 2
Menschliche Beziehungen sind kein
Hexenwerk, sie sind harte Arbeit!
(HL- NW)
Menschliche Beziehungen sind
keine tosende Achterbahnfahrt immer neuer
Glücksausbrüche. Wie bei jedem Wildwasser gibt es
Untiefen, Stromschnellen, alles verschlingende
Strudel, versteckte Strömungen, tückische
Hindernisse, die an der Wasseroberfläche nicht zu
sehen sind. Scharfe Unterwasserkanten, die selbst
erfahrenen Wellenbezwingern gefährlich werden
können.
Menschliche Beziehung ist das, was nach der Kuss-
Katharsis in der finalen Szene des Liebesfilms
wirklich passiert. Es ist das normale Leben, das nach
der Filmabblende gelebt werden muss. Die
Beschreibung des 'Und wenn sie nicht gestorben
sind ...', vor dem sich alle Märchen drücken.
Menschliche Beziehungen sind vor allem langweilig
und Alltag, langweiliger Alltag mit Haushalt und
Routinen! Ja, das ist nicht romantisch, weil echte
Liebe und wahrhafte menschliche Beziehungen das
auch nicht sind. Sie suchen keine Endorphin-Kicks,
sie zünden keine Feuerwerke, verursachen kein
ekstatisches Dauer-High. Sie sind keine Wandel-
gänge aus Rosenblättern und Vergissmeinnicht.
Menschliche Beziehungen sind Bequemlichkeit und
Gewohnheiten - oft genug der faule Weg des
geringsten und bekannten, vertrauten Widerstands.
Menschliche Beziehungen sind Meinungsver-
schiedenheiten, Unachtsamkeit und Missver-
ständnisse. Nein, es ist keine mystische Gedanken-
verbindung, mit der man dem anderen in den Kopf
sehen kann. Beziehungen sind ermüdende, langer
Kampf um Kompromisse. Und nach jedem gefun-
denen Kompromiss geht der Kampf aufs Neue
weiter. Menschliche Beziehungen sind ein Zerren
und Ringen ohne Sieger, denn eine Beziehung kann
es nur bleiben, wenn es keine Sieger gibt.
Menschliche Beziehungen sind auch Schweiß und
Tränen. Liebe ist kein Perpetuum mobile von Glücks-
gefühlen und flatternden Schmetterlingsflügeln.
Liebe und Beziehungen sind echter Streit und nicht
bloß solcher, um die Versöhnungskuss-Szene
einzuleiten. Da ist kein Hoch nach jedem Schlagloch.
Menschliche Beziehungen sind keine reibungslosen
Magnetschwebetrassen, sondern holprige Feldwege.
wenn menschliche Beziehungen andauern sollen,
müssen sie alle möglichen Schotterpisten über-
dauern. Menschliche Beziehungen muss man wollen
und dann aushalten, man muss sie eingehen und
dann pflegen.
Es ist eben
kein „Alles
macht
automatisch
einfach so nur
Klick, weil's
endlich der
eine Richtige
ist“, sondern es
ist eine
Entscheidung,
nicht mehr das
Einzigartige zu
suchen,
sondern selbst
das
Einzigartige zu
tun! Eine
Entscheidung
für die Arbeit,
für den Einsatz.
Dabei gibt es keinen Menschen, der dich nie
verletzen würde. Im Gegenteil, Menschen verletzen
sich andauernd völlig gedankenlos und achtlos. Die
fehlende Absicht des einen lindert nicht zwingend
den Schmerz des anderen. Auch echte Liebe ist kein
allheilendes Pflaster für alle Wunden.
Echte Liebe ist vor allem keine Selbstaufgabe. Nicht
die Verschmelzung mit jemand anderem ist echte
Stärke, sondern es ist echt stark, auch im 'Wir' noch
sein ‘Ich‘ zu bewahren. Niemand, der sich selbst
verliert, kann noch eine Beziehung führen, er kann
höchsten von einer dominiert werden und darin
verschwinden. Jede Liebe, jede gesunde Liebe,
muss natürlich Grenzen haben.
Menschliche Beziehungen sind keine Magie, die
einfach so vom Himmel fällt. Sie sind nichts, was
mühelos und selbstverständlich funktioniert. Für
alles, was einem menschliche Beziehungen geben,
verlangen sie dir auch genauso viel ab. All das Gute,
Schöne, Tolle, was wir nur allzu gern in
menschlichen Beziehungen sehen und uns
ersehnen, hat einen Preis, den wir genauso bereit
sein müssen, mit in Kauf zu nehmen.
Nur wenn dir das bewusst ist und du bereit bist,
danach zu handeln, haben deine Beziehungen - egal
in welcher Tiefe - eine Chance.
Engel und Teufel hat Franziska für uns gezeichnet. Danke.

Haft Leben Nr. 72
24
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.
Das HL - Preisrätsel
1. Was steht nicht nur bei einem Pfarrer
sonntags auf dem Frühstückstisch?
A: Butterturm
B: Brotgewölbe
C: Wurstaltar
D: Käseglocke
2. "Tausendmal berührt, tausendmal ist nix
passiert, tausend und eine Nacht" und es hat
wie gemacht?
A: Boing
B: Bumm
C: Peng
D: Zoom
3. Wie wachsen viele Kinder in ihren Familien
auf?
A: gut behütet
B: fein beschlipst
C: schick bemäntelt
D: sorgsam beschuht
4. Tick, Trick und Track, die Neffen von Comic-
Held Donald Duck, sind begeisterte ...?
A: Feuerwehrmänner
B: Schützenbrüder
C: Messdiener
D: Pfadfinder
5. Welcher dieser Namen ist kein italienischer
Männername?
A: Beate
B: Simone
C: Andrea
D: Nicola
6. Welcher dieser Filme spielt nicht in Berlin?
A: Sonnenallee
B: Rossini
C: Lola rennt
D: Goodbye Lenin
7. Was ist häufig mit einer Fugendüse
ausgestattet?
A: Parfumzerstäuber
B: Staubsauger
C: Wasserpistole
D: Feuerlöscher
8. Wo wird die gregorianische Schaltregel
angewandt?
A: im Elektrizitätswerk
B: zur Empfängnisverhütung
C: bei der Kalenderberechnung
D: im Gefängnis
9. Wen erkennt man am grünen Kopf?
A: Lattenschwan
B: Plankenhuhn
C: Brettergans
D: Stockente
10. Was ist unter anderem in den Varianten B,
HB, F und H erhältlich?
A: Bleistifte
B: Druckerpapier
C: Elektrokabel
D: Kontaktlinsen
11. Meint man etwas wirklich ernst, heißt es
umgangssprachlich oft: "Ja, wirklich, ..."?
A: 100 % Seide
B: ohne Flachs
C: echt Leder
D: reine Baumwolle
12. Joseph-Ignace Guillotin, nach dem die
Guillotine benannt wurde, war ein ...?
A: Verbrecher
B: Priester
C: Arzt
D: Richter
13. Ein Flugblatt bezeichnet man neudeutsch
auch gerne als ...?
A: Surfer
B: Schwimmer
C: Flyer
D: Skater

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
14. Wer wird für seine Tätigkeit eher selten
bezahlt?
A: Zimmermann
B: Stubenhocker
C: Raumpfleger
D: Kammerjäger
15. T
A:
B:
C:
D:
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
17.02.2022
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
Dez
21
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Das HL - Preisrätsel
Hallo zusammen,
Wir von der HaftLeben-Redaktion haben da mal
eine Frage:
Welche Themen für die Gefangenenzeitung
würdest du dir wünschen?
Über was sollen wir (mehr) berichten?
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!
Wünsche:

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Haft Leben Nr. 72
26
HL - Songtext
Love Don't Lie - Lyrics Übersetzung
Love don´t lie
Ich wandere einsam durch die Nacht
wie fest gefroren in der Zeit.
Ist diese Liebe richtig oder falsch
geht es mir immer wieder durch den Kopf.
Ich versuchte ohne sie zu leben
redete mir ein es mache mir nichts aus.
Es ist schwer nicht an sie zu denken
wo ihr Gesicht doch überall ist.
Jetzt kann ich endgültig sagen,
dass ich sie liebe
und ich werde die Wahrheit
nie mehr verstecken müssen.
Liebe lügt nicht, wenn sie echt ist.
Ich kann es nicht verstecken und
ich pfeif drauf.
Mein Herz kann nicht verstecken
wie ich fühle.
Liebe lügt nicht!
Liebe lügt nicht!
Die Tage sind angefüllt mit Lachen
und die Nächte sind angefüllt mit Tränen
wenn Liebe einen Moment anhält Mädel,
dann kann sie auch ewig halten.
Liebe lügt nicht, wenn sie echt ist.
Ich kann es nicht verstecken und
ich pfeif drauf.
Mein Herz kann nicht verstecken
wie ich fühle.
Liebe lügt nicht!
Liebe lügt nicht, wenn sie echt ist.
Ich kann es nicht verstecken und
ich pfeif drauf.
Mein Herz kann nicht verstecken
wie ich fühle.
Liebe lügt nicht!
Writer(s): Bush Lyrics powered by
www.musixmatch.com
Originaltext
Love Don't Lie
I walk the night alone
Like I′m frozen here in time
Is this love right or wrong
It's still running through my mind
I tried to live without her
Make believe I don′t care
It's hard not to think about her
Where her face is everywhere
Now I can finally say that I love her
And I'll never have to hide the truth again
Love don′t lie when it′s real
I can't pretend I don′t care no more
My heart can't hide how I feel
Love don′t lie
Love don't lie
The days are filled with laughter
And the nights are filled with tears
If love can last a moment girl
It can last a thousand years
Love don′t lie when it's real
I can't pretend I don′t care no more
My heart can′t hide how I feel
Love don't lie
Love don′t lie when it's real
I can′t pretend I don't care no more
My heart can′t hide how I feel
Love don't lie
Love don't lie
Love don′t lie

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
Leserbriefe
Leserbrief - „Die einzige Konstante im Universum ist die
Veränderung“ (Heraklit). Wenn man sich nicht bewegt,
bewegt sich nichts!
Sehr geehrter Herr Richter,
vielen Dank für die Zusendung der "HaftLeben", [nun] möchte ich
Ihnen ein Feedback zukommen lassen. … Ellis Alltag finde ich
auch sehr schön beschrieben :)
[...]
Der Artikel "Geheilte Verletzungen" beschreibt nachvollziehbar,
wie Glaubenssätze den Alltag auch heute noch beeinflussen
können, wie wichtig Aufarbeitung ist und dass Verdrängung kein
Weg sein kann. Denn Verdrängung ist wie ein Ball, den man
unter Wasser drückt: Wenn man keine Kraft mehr hat, schnellt
der Ball aus dem Wasser nach oben und fliegt einem um die
Ohren. Man muss nicht immer alles sagen, was man denkt, aber
es ist wichtig, konstruktiv und wertschätzend seine Meinung zu
äußern und Grenzen zu setzen. [… ]. Loslassen - aufräumen -
durchatmen, um letztlich frei zu sein. Wow! Toller Artikel :)
Der nächste Artikel „Vertrauen“ macht sehr gut einen emotionalen
Prozess transparent. Zwischen Vertrauen und Misstrauen gibt es
eine große Bandbreite. In jeder Beziehung - ob zum Partner, zu
den Kindern, zu Freunden oder zum Arbeitgeber etc. - ist der
„Vertrauenslevel“ unterschiedlich. Nicht jedem Menschen vertraut
man gleich stark. Manchmal gibt man Menschen einen
„Vertrauensvorschuss“: Man ist mutig und riskiert damit, verletzt
zu werden.
[…] Manchmal kann es leider auch richtig sein, nicht zu vertrauen
[!]
Der Artikel "Wer bin ich?" sucht auf poetische Weise nach
Antworten auf die Fragen des Lebens. Wer sich diese Fragen
selbst beantworten kann, ist schon ein großes Stück weiter […]
Der Artikel von HL geht so viel tiefer. Ich finde es großartig, wenn
sich jemand [ernsthaft mit den wichtigsten Fragen des Lebens]
auseinandersetzt. Jeder wird darauf eine eigene Antwort finden,
aber irgendwie versteht man als Leser trotzdem das große
Ganze.
[…] Auch die neue Arbeitstherapie finde ich sehr wichtig. Um
nach der Haft in die Berufswelt zurückzukehren, […] Auch ich bin
der Meinung, dass jeder etwas kann, wenn man bereit ist, etwas
zu verändern. Der Philosoph Heraklit schrieb dazu: „Die einzige
Konstante im Universum ist die Veränderung“. Wenn man sich
nicht bewegt, bewegt sich nichts.
[…] Die Postkarten sind einfach cool zum Aufhängen. Ich musste
sofort lachen und denke, dass damit auch gleich ein Problem
gestorben ist :)
Also: Alles in allem eine sehr gelungene und ausgewogene
Zeitschrift, in der für jeden Geschmack etwas dabei ist.
An die Redaktion: Macht weiter so!
Viel Erfolg und mit den besten Grüßen
J. Schüßler
Wie kannst du nur????!!!!!!
(von einer, die es nicht versteht)
Ich weiß, es ist eigentlich zu schrecklich normal, um
noch schrecklich zu sein. Und doch schockt es mich
immer wieder, sogar jedes Mal mehr, wenn jemand
schon wieder hier ist. Eine Gefangene schon zum
x-ten Mal wiederkommt.
Es ist so normal, dass es niemanden mehr überrascht.
Nicht die Bediensteten und nicht die Gefangenen - von
denen manche vielleicht selber schon zum so-und-so-
vielten Mal da und dann froh sind, wieder eine
vertraute Freundin hier zu haben. Wie gesagt, es
überrascht niemanden, aber ich bin jedes Mal aufs
Neue geschockt davon, sogar jedes vorhersehbare
Mal mehr geschockt: Wie kannst du nur? Wie kannst
du nur mit deiner Freiheit so abschätzig umgehen?
Wie kannst du nur deine Freiheit so schnell wieder
wegwerfen? Wie kannst du nur????!!!!!!
Ich bin zum ersten Mal hier und kann auch leider
morgen nicht gehen, weswegen es für mich mit jedem
Mal unerträglicher wird zu sehen, wie Leute 'nach
Hause kommen'. Natürlich ist es draußen nicht einfach
- für jede anders schwierig! Natürlich rollt einem
niemand den roten Teppich aus! Natürlich sind die
Umstände ganz individuell und sicher gravierend! Aber
du warst draußen; du warst frei; du hattest die Chance,
mehrfach - wovon manche hier jahrelang nur träumen
können. Für manche hier wird die erste Chance auf
Freiheit noch länger nicht greifbar sein und du hast
nichts Besseres zu tun, als nach wenigen Monaten
(manchmal nur Wochen) wieder herzukommen. Wie
kannst du nur? Und lässt dich nach der Rückkehr wie
eine Heldin feiern - wofür denn bitte? Dafür dass du
das 'Heimweh' keine Bundesligasaison lang durch-
gehalten hast?
Was andere sich sehnlichst wünschen, wirfst du
einfach so achtlos weg. Wie kannst du nur?
Liebe Mädels,
einige aus der Redaktion kenne ich vielleicht noch,
auch wenn ich schon wieder ein Jahr lang nicht
mehr in Chemnitz wohne. Das Heft, das ich gerade
lese (stimmt nicht, ich schreibe ja gerade diese
Zeilen), ist wieder sehr gut geworden. Mit Interesse
habe ich natürlich die Abenteuer der lieben Katze
gelesen mit dem spannenden Gedanken: Schafft sie
es oder wird alles auffliegen? Ich habe auch schon
den einen oder anderen guten Artikel gelesen.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein
„Lebenszeichen“ aus der JVA erhalte. Macht weiter
so.
So dumm es klingt: „Ich war gerne eingesessen bei
euch in der Redaktion.“
Es grüßt
P. Bernhard
Aus Platzgründen wurden einige Briefe von der Redaktion
„HaftLeben“ etwas gekürzt. Danke für ihr Verständnis.
Herzlichen Dank für ihre Meinungen zu unserem HaftLeben-Heft.

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Haft Leben Nr. 72
28
Kirche 2021
Weihnachtslicht
Weihnachten feiern wir, zumindest hier in Europa, in
der dunkelsten Zeit des Jahres. Wenn es am
dunkelsten ist, ist die Sehnsucht nach Licht groß und
so sind Weihnachtsgeschichten immer auch
Lichtgeschichten.
Da gibt es die drei Sterndeuter, die dem Licht eines
Sternes vertrauen und sich von ihm den Weg weisen
lassen. Da steht ein strahlender Engel plötzlich in
der dunklen Nacht der Hirten und ruft sein „Fürchtet
euch nicht“ in die erschrockenen Gesichter. Da
erkennen der alte Simeon und die Prophetin Hannah
in dem neugeborenen Kind das Licht der Welt.
Dies alles wird an Weihnachten gefeiert Die
Menschen
zünden
Kerzen
an,
stellen
Weihnachtsbäume auf, versammeln sich um die
Weihnachtslichter.
Aber im Gefängnis? In der JVA sind besinnliche
Kerzenmomente wohl eher nicht vorgesehen. Das
Licht ist im Normalfall hell bis grell und wenig
vertrauenerweckend. Und ich habe die Vermutung,
dass gerade in den weihnachtlichen Tagen die
Dunkelheit und Traurigkeit in Ihren Herzen
besonders groß ist.
Nutzen Sie die Heilkraft des Lichtes. Lassen Sie
Helligkeit in Ihren Haftraum. Stellen Sie sich ans
Fenster und halten Sie Ihr Gesicht ganz bewusst ins
Tageslicht. Üben Sie sich im Lichtbaden.
Vielleicht lassen Sie sich sogar anrühren, von
diesem besonderen Kind in der Krippe und halten
Ihre Dunkelheiten, Ihre Lebenserfahrungen in das
heilende Licht der Weihnachtsbotschaft hinein.
Das sibirische Märchen von der Befreiung der Sonne
erzählt noch einmal auf andere Weise über das
Geheimnis vom Weihnachtlicht. Geduld ist nötig.
Nicht immer gelingt der erste Anlauf. Und doch:
Lachen befreit und bringt das Licht zurück. Lachen
Sie
miteinander
und
verbreiten
Sie
so
Weihnachtslicht auf Ihren Stationen. Ich wünsche
Ihnen den Mut zum Weihnachtslachen und lege
Ihnen den indischen Friedensgruß Namaste ans
Herz. Frei übersetzt heißt Namaste: „Das
Menschenfreundliche
in
mir
grüßt
das
Menschenfreundliche in Dir“. Frohe Weihnachten,
liebe Frauen!
Ihre Gabriele Paul, kath. Gefängnisseelsorgerin
Die Befreiung der Sonne
Der Rabe Welwimtilyn hatte die Sonne verschluckt.
Er legte sich hin. Da brach ein Schneesturm los, der
hörte nicht wieder auf. Es war finster und kalt, weil
der Rabe die Sonne verschluckt hatte.
Ememkut sprach zu seiner Tochter Klükenewyt: „Geh
zum Raben Welwimtilyn, ruf ihn her.“
Sie setzt sich auf den Schlitten und fährt los. Die
Frau des Raben kommt heraus, sie sieht das
Mädchen und spricht zum Raben: „Steh auf! Da
kommt jemand zu dir.“
Der Rabe fragt: „Wer?“
Die Frau antwortet: „Klükenewyt, die Tochter des
Ememkut.“ Der Rabe sagt: „Ach was! M-m-m!“
Der Himmel hellt sich nicht auf, es stürmt immer
mehr. Klükenewyt kehrt nach Hause
zurück. Ememkut fragt: „Wo ist der Rabe?“
Klükenewyt antwortet: „Er wollte nicht mitkommen.
‚Ach was!‘, hat er gesagt.“
Da spricht Ememkut zu seiner jüngeren Tochter
Inianawyt: „Kämme dich, mach dich schön, und dann
geh du zum Raben.“
Die schöne Inianawyt kämmt sich, sie legt ihre
besten Kleider an und fährt auf ihrem Schlitten fort.
Sie kommt zu Welwimtilyn und setzt sich nieder. Die
Frau kommt heraus, sieht das Mädchen und spricht:
„Rabe, steh auf! Verstell dich nicht! Du wirst geholt.“
Der Rabe fragt: „Wer?“ Sie antwortet: „Inianawyt.“
Welwimtilyn kommt heraus, sieht das Mädchen an
und lacht vor Freude: „Ha! Ha-ha!“ Und beim Lachen
speit er die Sonne aus. Der Himmel wurde wieder
klar, der Schneesturm hörte auf.
Ein Märchen der Korjaken der Halbinsel Kamtschatka, Nord-Ost-
Sibirien. In: Die großen Mythen der Menschheit, Götter und
Dämonen. Hrsg. Rudolf Jockel. Pattloch Verlag. Augsburg 1990.
Erzählfassung von Linde Knoch. Abgedruckt in Märchenforum,
57. Ausgabe, Frühjahr 2013, S. 26.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
29
Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 03-2021
1 - D, 2 - A, 3 - C,
4 - B, 5 - B, 6 - A,
7 - C, 8 - C, 9 - A,10 - D, 11 - ,D 12 - B,
13 -B, 14 - D, 15 - XXX
Gewonnen haben diesmal:
EG:
Lina E
Stat. 1:
Kassandra W.
Stat. 2:
Susann, E.
Stat. 3:
Susann L.
Stat. 4:
Maria L.
Stat. 5:
Lisa S.
Stat. 6:
Christine K.
Stat. 7:
Nadine I.
Haus III:
Janine B.
OVA und Mutter und Kind: Keine Teilnahme
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe!)
Herzlichen Glückwunsch!
Justizvollzugsanstalt
Chemnitz
Redaktion „Haft Leben“
Thalheimer Str. 29
09125 Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@t-online.de
HaftLeben@live.de
Haft Leben - online seit 2017, neu unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-
uns-4007.html
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Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam:
fabula, FAM, Jemand, B&F, Franciska, nml,
löwenzahn und XY
Lektorat:
BR
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
Redaktionsschluss für die Ausgabe 01/2022:
17.02.2022
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Impressum

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Haft Leben Nr. 72
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HL - Rätselseite
Über Weihnachten
haben wir für euch
zwei schwere
Sudoku-Aufgaben
herausgesucht.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
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Die besten HL - Rezepte
Französischer Kartoffelsalat
1 kg Kartoffeln
2 Eier, 2 frische Eigelb
3 TL scharfer Senf
1 EL Zitronensaft
ca. 160 ml Sonnenblumenöl
Salz, Pfeffer, Petersilie
300 g Tomaten
200 g gekochter Schinken
6 saure Gurken
Kartoffeln waschen und in kochendem Wasser ca. 20 min. garen. Anschließend abgießen, abschrecken,
pellen, abkühlen lassen. Eier in kochendem Wasser ca. 6 Minuten wachsweich garen. Dann abschrecken
und pellen. Für die Mayonnaise Eigelbe, Senf, Zitronensaft verrühren. Öl erst tropfenweise, dann in dünnem
Strahl darunterschlagen. Mit Salz, Pfeffer würzen und kalt stellen.
Tomaten waschen und halbieren. Schinken in Stücke schneiden und zupfen. Saure Gurken in dünne
Scheiben schneiden und Petersilie waschen und grob hacken.
Kartoffeln in dickere Scheiben schneiden. Mit Tomaten, Schinken, saure Gurken, Petersilie und Mayonnaise
mischen. Salat nochmals abschmecken. Mit halbierten Eiern anrichten.
Fenster-Kekse
125 g zimmerwarme Butter
80 g Zucker
1 Packung Vanillezucker
Salz
250 g Mehl
200 g Paradiesbonbons
Butter, Zucker, Vanillezucker und eine Prise Salz verkneten, dann erst das Ei kurz unterkneten und zum
Schluss das Mehl. Teig in Folie legen, einwickeln und für 2 h in den Kühlschrank. Bonbons auf ein Brett
legen und zerteilen ( wenn möglich in 4 Teile ). Auf bemehlter Fläche den Teig ausrollen und in Herz, Stern
oder anderen Formen ausstechen. Die Mitte der Kekse ebenfalls mit der gleichen Form ( nur in kleiner )
oder eine kleine Kreisform, ausstechen. Mit Holzspieß jeweils ein Loch stechen zum Faden durchfädeln,
nach dem backen. In die kleinere Form der Kekse die zerkleinerten Bonbons legen und in den Backofen bei
200 °C für 10-11 Minuten.
Alle Abbildungen ähnlich.

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Haft Leben Nr. 72
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HL - Rätselseite

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
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HL - Rätselseite

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Haft Leben Nr. 72
HL - Rätselseite

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HaftLeben, 04-2021, © Stefan Bayer_pixelio.de
Powerd by HaftLeben, 04-2021
HaftLeben, 04-2021, © Stefan Bayer_pixelio.de
HaftLeben, 04-2021, © TiM Caspary_pixelio.de

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