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48. Jahrgang
2006
ISSN 0863–0704
in Sachsen

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Alpen-Smaragdlibelle (Somatochlora alpestris)
Foto: A. Günther
Vom Aussterben bedroht …

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Inhalt
F. Klenke
Naturschutz als staatliche Aufgabe –
3
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
seit 100 Jahren
Zur Wetterwarte 11, 01109 Dresden
H. Kubasch
Organisation und Arbeitsweise
9
Louisenstr. 7, 01936 Königsbrück
des Naturschutzdienstes
C. Hettwer, D. Krüger, I. John
Monitoring zur Fauna-Flora-
13
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Habitat-Richtlinie in Sachsen
Zur Wetterwarte 11, 01109 Dresden
D. Ille, Prof. Dr. Dr. P. A. Schmidt, M. Denner
Zur Situation der gebietsfremden
21
Technische Universität Dresden
Baumart Weymouth-Kiefer
Institut für Allgemeine Ökologie und Umweltschutz
(Pinus strobus) im Nationalpark
Pienner Str. 8, 01737 Tharandt
Sächsische Schweiz
F. Wagner
Nationalparkamt Sächsische Schweiz
An der Elbe 4, 01814 Bad Schandau
K.-H. Mayer
Untersuchungen zur Struktur
31
Pirnaer Str. 26, 01816 Bad Gottleuba
waldbestockter Flächennatur-
K. Noritzsch
denkmale(FND) in der collinen
Erich-Schütze-Weg 6, 01796 Pirna
und submontanen Höhenstufe
D. Loschke
im Landkreis „Sächsische Schweiz“
Walter-Richter-Str. 17, 01796 Pirna
Dr. K. H. Großer
Das Hochmoor bei Jahnsgrün
41
Lärchenweg 18, 14806 Belzig
im Erzgebirge
Dr. S. Wolters
Niedersächsisches Institut
für historische Küstenforschung
Viktoriastr. 26/28, 26382 Wilhelmshaven
J. Schaarschmidt
Regierungspräsidium Chemnitz, Abteilung Umwelt,
Umweltfachbereich, Außenstelle Plauen
Bahnhofstr. 46/48, 08523 Plauen
M. Cipriotti
Effizienz einer Grünbrücke
53
Reitbahnstr. 35/108, 01069 Dresden
am Beispiel „Burkauer Berg“
der Bundesautobahn A4
R. M. Schreyer
Erfahrungen mit Fischotter-
59
Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teich-
querungshilfen im Biosphären-
landschaft, Dorfstr. 29, 02694 Guttau, OT Wartha
reservat Oberlausitzer Heide-
Dr. A. Jahn
und Teichlandschaft
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Zur Wetterwarte 11, 01109 Dresden
F. Klenke
„Änderungen im Bestand
65
Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie
der Naturschutzgebiete
Zur Wetterwarte 11, 01109 Dresden
in Sachsen im Jahr 2005“

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2
LSG Sächsische Schweiz, historische Aufnahme
Foto: Archiv LfUG, K. H. Großer

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3
1
Einleitung
Mit der Gründung einer „Staatlichen Stelle für
Naturdenkmalpflege“ in Danzig (Preußen) vor
100 Jahren am 30. Mai 1906 wurde erstmals in
Europa der Naturschutz als staatliche Aufgabe
anerkannt. Am 22. Oktober 1906 erließ das
Preußische Kultusministerium „Grundsätze für
die Wirksamkeit der Staatlichen Stelle für
Naturdenkmalpflege”, die die Arbeitsaufgaben
dieser Behörde definierten.
Aus sächsischer Sicht bietet dieses Datum
Anlass für folgende Fragestellungen:
– Warum wurde der Naturschutz 1906 zur
staatlichen Aufgabe erklärt?
– Wie entwickelte sich der staatliche Natur-
schutz in Sachsen seit 1906?
– Welche Aufgaben hat staatlicher Natur-
schutz in Sachsen im Jahr 2006?
2
Warum wurde der Naturschutz 1906
zur staatlichen Aufgabe erklärt?
Bis ins ausgehende Mittelalter sah sich der
Mensch einer Natur gegenüber, die ihn exis-
tenziell bedrohte. Als nomadisierender Jäger
und Sammler, als rodender Siedler, als sess-
hafter Bauer, als Holzfäller, Flößer oder Berg-
mann – überall hatte er sich gegen Naturkräfte
und Naturkatastrophen zur Wehr zu setzen.
Erst die beginnende Epoche der Romantik
ermöglichte es, die Erhabenheit und Eigenge-
setzlichkeit der Natur (so beim späten SCHILLER)
auch ästhetisch wahrzunehmen. Natursehn-
sucht und Heimatverbundenheit als Vertreter
einer Welt des Gefühls und des Wunderbaren,
des Organischen, waren durch einen tiefen
Bruch von der Welt des Mechanischen, der
Zahlen und Figuren getrennt (so beim jungen
NOVALIS). Die Sehnsucht nach Heilung der Welt
ist eine zentrale Säule der Romantik und
zugleich eine Wurzel des Naturschutzes.
Im 19. Jahrhundert bewirkten Fleiß, Erfinder-
geist, Technikbegeisterung und Fortschritts-
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 3–8
Naturschutz als staatliche Aufgabe –
seit 100 Jahren
Friedemann Klenke
optimismus einen enormen wirtschaftlichen
Aufschwung, in dessen Ergebnis Sachsen
rasch zum industriereichsten und dichtest-
besiedelten Land Deutschlands wurde. Indus-
trialisierung, Urbanisierung und Zersiedelung
kennzeichneten die Städte und ihre bisher dörf-
liche Umgebung. Die Landwirtschaft war
geprägt durch Separation, also Aufhebung des
Flurzwangs, Gemeinheitsteilung, Feldrefor-
men, Beginn der Melioration und der Mine-
raldüngung, also Intensivierung. Moore und
kleine Hohlformen wurden entwässert, Fließ-
gewässer begradigt und reguliert, zahlreiche
neue Verkehrswege gebaut und die Forstwirt-
schaft eingeführt. Aus vielfältigen Kulturland-
schaften wurden tendenziell homogene Nutz-
und Funktionsräume (F
ROHN & SCHMOLL 2006).
Der ehedem von der Natur bedrohte Mensch
wurde selbst zu einer Bedrohung der Natur.
Der grenzenlose Fortschrittsoptimismus fand
zahlreiche Kritiker. Eine Ursache dafür war
das Tempo der Landschaftszerstörung: Die
durchaus gravierenden Veränderungen in der
spätmittelalterlichen Landschaft (Erzbergbau,
Entwaldung usw.) verliefen immerhin ver-
gleichsweise langsam. Jetzt erlebte erstmals
eine einzige Generation zerstörerische Eingriffe
in ihre aus der Kindheit vertraute Heimat. So ist
es nicht verwunderlich, dass um 1900 Heimat-,
Wander- und Vogelschutzvereine wie Pilze aus
dem Boden schossen. Das Wissen um die
Bedrohung von Tier- und Pflanzenarten wuchs.
Einer der Naturschutz-Visionäre dieser Zeit war
der Berliner Musik-Professor Ernst Rudorff
(1840-1916), der aus dem Weserbergland
stammte. Seine Denkschrift „Ueber das Ver-
hältniss des modernen Lebens zur Natur“
(R
UDORFF 1880) enthielt zahlreiche programma-
tische Forderungen zum Naturschutz, die nicht
nur in Preußen, sondern auch in Sachsen
starke Beachtung fanden (KLENKE 2003).
Rudorff prägte 1888 den Begriff Naturschutz

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4
Die preußische Regierung gab daraufhin meh-
rere Gutachten in Auftrag. Am bedeutendsten
war die Denkschrift des Danziger Museumsdi-
rektors Hugo Conwentz (1855 – 1922) „Die
Gefährdung der Naturdenkmäler und Vor-
schläge zu ihrer Erhaltung” (C
ONWENTZ 1904), in
der er die planmäßige Inventarisierung und den
staatlichen Schutz von Naturdenkmälern vor-
schlug. Conwentz, der kein Feind des techni-
schen Fortschritts war, hatte damit eine Kon-
zeption für die 1906 geschaffene „Staatliche
Stelle für Naturdenkmalpflege“ erarbeitet und
wurde zu deren – zunächst ehrenamtlichem –
Leiter ernannt. Ihm als Naturschutz-Pragmati-
ker gelang es durch extremen Fleiß und takti-
sche Klugheit (P
IECHOCKI 2006b), in den folgen-
den Jahren ein Netz ehrenamtlicher Komitees
für Naturdenkmalpflege zu gründen, ministeri-
elle Erlasse zugunsten des Naturschutzes zu
erwirken und zahlreiche öffentlichkeitswirk-
same Vorträge zu halten (vgl. auch MILNIK
2004). Auch wenn die Kompetenzen und Finan-
zen noch recht bescheiden waren und die
dadurch bedingte Beschränkung der Arbeit als
„Pritzelkram“ und „conwentzioneller Natur-
schutz“ kritisiert wurden: Der staatliche Natur-
schutz war geboren! 1910 wurde diese Stelle
von Danzig nach Berlin verlegt, vergrößert und
1911 feierlich eröffnet. Später wurde daraus
das Bundesamt für Naturschutz.
3
Wie entwickelte sich der staatliche
Naturschutz in Sachsen seit 1906?
Am 14. Januar 1907 wurde im damals preußi-
schen Görlitz ein „Landschaftskomitee für
Naturdenkmalpflege in der Preußischen Ober-
lausitz“ gegründet (C
ONWENTZ 1908). Wie aber
reagierten die königlich-sächsischen Ministe-
rien in Dresden? Das Finanz- und das Innenmi-
nisterium hatten bereits in den Jahren zuvor
der Naturzerstörung Grenzen gesetzt. 1897
wurde der Bau elektrischer Seil- und Zahnrad-
bahnen z. B. von Pirna auf die Bastei und von
Königstein zum Lilienstein verweigert. 1899
wurden die fiskalischen Steinbrüche am Elb-
ufer in der Sächsischen Schweiz geschlossen.
1905 gab es die ersten Erlasse des Innenmini-
steriums an die Kreis- und Amtshauptmann-
schaften sowie an die Forsteinrichtungsanstalt,
die Förderung der Erhaltung der Naturdenk-
mäler betreffend. In die Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg fallen auch die ältesten Schutzanord-
nungen für „Naturschutzbezirke“ (K
LENKE
1997). Ein erster Gesetzentwurf zum Schutz
der Naturdenkmäler scheiterte jedoch 1909.
Abb. 1: Titelblatt der Denkschrift von Hugo
Conwentz „Die Gefährdung der
Naturdenkmäler und Vorschläge zu
ihrer Erhaltung“ aus dem Jahre 1904
und initiierte die Gründung des deutschland-
weiten „Bundes für Heimatschutz“ am 30.
März 1904 in Dresden.
Die Abgeordneten, aber auch die Staatsbeam-
ten begriffen solche Forderungen bald als eine
Frage des öffentlichen Wohls. Wilhelm Wete-
kamp (1859 – 1945) machte sich als erster
Naturschutz-Parlamentarier einen Namen (PIE-
CHOCKI 2006a). Er war Abgeordneter des
Preußischen Landtags und konnte sehr leben-
dig debattieren und argumentieren. Ermutigt
von Ministerialdirektor Friedrich Althoff (1839 –
1908), hielt er am 30. März 1898 eine aufrüt-
telnde Rede in der Plenarsitzung des Preußi-
schen Abgeordnetenhauses, in der er dem
Staat dessen Verantwortung für den Natur-
schutz und die Erhaltung der Landschaft
bewusst machte. Damit wurde er zum Initiator
des staatlichen Naturschutzes in Deutschland.

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5
Neben den genannten Ministerien nahmen
auch einzelne Forstämter und Stadtverwaltun-
gen behördliche Naturschutz-Anordnungen vor.
Eine zentrale Stelle wie in Preußen gab es in
Sachsen jedoch nicht.
In diesem Zusammenhang ist ein Erlass des
Ministeriums des Innern vom 14. Juli 1910 an
die Amtshauptmannschaften und Stadträte
interessant, „die Erhaltung und den Schutz der
sogenannten Naturdenkmäler betreffend“
(Hauptstaatsarchiv MdI Nr. 17529 Blatt 78).
Diese Verordnung bezweckt nicht nur den
Schutz von Alleen, bemerkenswerten Bäumen
und sonstigen Anpflanzungen, dort heißt es
auch: „Der
‚Sächsische Heimatschutz, Landes-
verein zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und
Bauweise’ in Dresden … hat eine besondere
Abteilung ‚für Naturschutz’ eingerichtet. Es
wird den Verwaltungsbehörden anheimgege-
ben, vorkommenden Falls sich mit dem Verein
und insbesondere auch mit seiner Unterabtei-
lung für Naturschutz entsprechend ins Einver-
nehmen zu setzen…“ Damit beschreitet Sach-
sen einen deutlich anderen Weg als Preußen:
keine staatliche Stelle, sondern ein privatrecht-
licher Verein übernimmt Aufgaben der Fachbe-
ratung für die Verwaltungsbehörden der ver-
schiedensten Ebenen. Interessant ist der
Erlass auch deswegen, weil der Landesverein
Sächsischer Heimatschutz erst exakt zwei
Jahre zuvor, am 14. Juli 1908, gegründet
wurde. Allerdings gab es mit dem 1903
gegründeten „Ausschuß für heimatliche Kunst
und Bauweise in Sachsen und Thüringen“
einen Vorläufer, der sich ab 1905 auch mit
Fragen des Naturdenkmalschutzes befasste.
Neben der Fachberatung entfaltete der Verein
in den folgenden Jahren auch eine rege Öffent-
lichkeitsarbeit, kaufte und pachtete Natur-
schutzflächen und trat sogar programmatisch
in Erscheinung, z. B. 1911 mit einem Konzept
landesweit repräsentativer Naturschutzbezirke
(K
LENKE 1997).
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Natur-
schutz erstmals als staatliche Aufgabe in die
Reichsverfassung von Weimar aufgenommen
(Art. 150). Während jedoch Preußen am 8. Juli
1920 sein Feld- und Forstpolizeigesetz dahin-
gehend änderte, dass künftig polizeiliche
Anordnungen u. a. zum Schutz von Natur-
schutzgebieten möglich waren (§ 34) und dass
1921 eine Polizeiverordnung zum Naturschutz
erlassen wurde, gab es in Sachsen keine fach-
gesetzliche Regelung dafür. Der Entwurf eines
„Gesetzes über den Denkmal- und Natur-
schutz“ von 1925 scheiterte im Februar 1926
im sächsischen Landtag. So fand der 3. Deut-
sche Naturschutztag 1929 in Dresden in einem
Land ohne Naturschutzrecht statt. Erst am 13.
Januar 1934 wurde das „Sächsische Gesetz
zum Schutze von Kunst-, Kultur- und Natur-
denkmalen (Heimatschutzgesetz)“ erlassen.
Es wurde aber hinsichtlich seiner Bestimmun-
gen zum Naturschutz schon am 26. Juni 1935
vom neuen Reichsnaturschutzgesetz abgelöst,
das den Naturschutz erstmals einheitlich für
Gesamtdeutschland regelte. Oberste Natur-
schutzbehörde war der Reichsforstmeister,
höhere Behörden waren in Preußen die Regie-
rungspräsidenten, in Sachsen die Landesforst-
verwaltung. Untere Behörden waren in
Preußen die Kreispolizeibehörden, in Sachsen
die Kreishauptmänner (später durch Regie-
rungspräsidenten ersetzt). Außerdem wurde in
Sachsen mit einem System ehrenamtlicher
Vertrauensmänner gearbeitet. Als erster Lan-
desbeauftragter für Naturschutz wurde 1936
Werner Schmidt, Direktor des Landesvereins
Sächsischer Heimatschutz, berufen. Die rege
Tätigkeit des Landesvereins reichte über die
Zeit der kriegsbedingten Einstellung der Natur-
schutzaktivitäten hinaus bis zur zwangsweisen
Auflösung des Vereins 1948 (K
LENKE 1999).
Auch in der DDR galt das Reichsnaturschutzge-
setz anfangs weiter. Zwar herrschte zunächst
Unklarheit über Zuständigkeiten, insbesondere
zwischen den verschiedenen Ministerien,
diese wurde aber durch eine sächsische Ver-
ordnung über die Weitergeltung und Erweite-
Abb. 2: Logo des Landesvereins Sächsischer
Heimatschutz e. V.

image
6
Naturschutzhelfern. Auf die Arbeit im Kultur-
bund und seiner Gesellschaft für Natur und
Umwelt soll an dieser Stelle lediglich hingewie-
sen werden.
Nach der politischen Wende bestimmten das
Umweltrahmengesetz und der Einigungsver-
trag 1990 zunächst die Gültigkeit des Bundes-
naturschutzrechts in der DDR, ehe der Frei-
staat Sachsen sich 1992 ein eigenes
Naturschutzgesetz gab. Es entstand eine neue
Verwaltungsstruktur, sie hielt jedoch an der
Dreistufigkeit der Naturschutzbehörden fest,
wie wir sie bis heute kennen: Oberste Natur-
schutzbehörde ist das Staatsministerium für
Umwelt und Landesentwicklung (SMU, ab
1998 SMUL), Höhere Naturschutzbehörden
sind die Regierungspräsidien, Untere Natur-
schutzbehörden die Landratsämter und Kreis-
freien Städte. Am 16. September 1991 wurde
die Errichtung eines Landesamtes für Umwelt
und Geologie (LfUG) und von fünf Staatlichen
Umweltfachämtern (StUFÄ) zum 1. Oktober
1991 beschlossen. Jede dieser Behörden ver-
fügte über eine eigene Naturschutzabteilung.
Es gab erstmals in Sachsen leistungsfähige
Naturschutz-Fachbehörden. Damit erfuhren
sowohl der Verwaltungs- als auch der fach-
behördliche Naturschutz eine entscheidende
Stärkung. Allerdings wuchsen auch die zu erle-
digenden Aufgaben in den kommenden Jahren
rasch und stark an. Im LfUG wurde 2004 durch
Zusammenlegung die Abteilung Natur, Land-
schaft, Boden geschaffen, die seit 2006 ihren
Sitz in Freiberg hat. Die fachlich weitgehend
unabhängigen StUFÄ wurden 2005 den Regie-
rungspräsidien als Umweltfachbereiche an-
bzw. eingegliedert.
4
Welche Aufgaben hat staatlicher Natur-
schutz in Sachsen im Jahr 2006?
Naturschutz ist nicht mehr das, was er vor
100, 50 oder 20 Jahren war (B
RENDLE 2006,
Abb. 3: Schriftzug des Instituts für Landschaftsforschung und Naturschutz Halle
rung von Naturschutzbestimmungen vom 29.
August 1951 beseitigt. Die fachliche Betreuung
des Naturschutzes lag zu dieser Zeit vorüber-
gehend in den Händen des sächsischen Lan-
desamtes für Volkskunde und Denkmalpflege.
Mit dem Demokratisierungsgesetz vom 23.
Juli 1952 wurden jedoch die Länder in der DDR
aufgelöst und die Verwaltung zentralisiert.
Für die wissenschaftliche Beratung der Natur-
schutzarbeit in der DDR wurde am 1. April
1953 das Institut für Landesforschung und
Naturschutz (ILN) gegründet. Es war der Aka-
demie der Landwirtschaftswissenschaften der
DDR angegliedert, konnte aber trotz politischer
Vorgaben weitgehend selbstständig arbeiten.
Neben der Zentrale in Halle wurden Außenstel-
len geschaffen, von denen die in Dresden für
die Bezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leip-
zig, die in Potsdam u.a. für den Bezirk Cottbus
zuständig war. Ab 1974 nannte sich das ILN
Institut für Landschaftsforschung und Natur-
schutz. Es war durch die gesamte DDR-Zeit
hindurch die einzige Naturschutz-Fachinstitu-
tion und betrieb schwerpunktmäßig Naturfor-
schung, aber auch Öffentlichkeitsarbeit (Her-
ausgabe der Zeitschrift „Naturschutzarbeit in
Sachsen“), die Aus- und Weiterbildung der
Ehrenamtlichen sowie die fachliche Beratung
der Naturschutzverwaltung. Die ILN-Zweig-
stelle Dresden hatte jedoch zu keiner Zeit mehr
als sechs Mitarbeiter!
Auf den Verwaltungsebenen waren seit Verab-
schiedung des DDR-Naturschutzgesetzes vom
4. August 1954 das Ministerium für Land- und
Forstwirtschaft in Berlin als Zentrale Natur-
schutzverwaltung und die Räte der Bezirke
bzw. Kreise auf regionaler bzw. lokaler Ebene
zuständig. Der Löwenanteil der Naturschutzar-
beit vor Ort lag jedoch bei den ehrenamtlichen
Naturschutzbeauftragten der Kreise bzw.
Bezirke und seit Inkrafttreten des Landeskul-
turgesetzes 1970 bei ebenfalls ehrenamtlichen

image
7
aber auch schon E
RZ 1970). Zum Schutz der
„Urnatur“ ist die Pflege und Gestaltung der
Kulturlandschaft getreten. Der biologisch-öko-
logische Naturschutz wird zunehmend durch
ökonomische und sozialwissenschaftliche
Aspekte ergänzt, so dass Strategien zur nach-
haltigen Landnutzung und die tragfähige,
„ausgewogene“ Regionalentwicklung Teil
des Naturschutzes geworden sind. Zu den
segregativen, auf Teilflächen wirkenden
Schutzformen treten mehr und mehr integra-
tive Schutzinstrumente für die Gesamtfläche
hinzu, wie die Entwicklungen z. B. beim Bio-
topverbund und bei Kulturlandschaftselemen-
ten zeigen. Naturschutz ist nicht nur eine
Frage von Kopf und Verstand, sondern auch
von Herz und Gefühl, denn auch ethische und
ästhetische Fragen gehören dazu. Das Auf-
greifen historischer oder gar archaischer Nut-
zungsformen ist relativ neu, ebenso die
Beschäftigung mit urban-industriellen Land-
schaften. Naturschutz ist breiter und vielfälti-
ger geworden (ausführlich vgl. K
ONOLD 2004).
Aber das erfordert auch mehr Kommunikation
und Kompromissfähigkeit.
Naturschutz wurde und wird nicht allein von
staatlichen Naturschutzbehörden „gemacht“.
Erstens spielen Privatpersonen vor Ort nach
wie vor eine entscheidende Rolle, sowohl als
ehrenamtliche Naturschützer als auch als Land-
nutzer, und das ist gut so. Zweitens ergänzen
private Naturschutzverbände und -vereine die-
ses Engagement, insbesondere in der Öffent-
lichkeit und mit konkreten Projekten. Drittens
gibt es zahlreiche Firmen und Unternehmen,
Handwerks- und Gewerbebetriebe, Sport- und
Tourismusvereine, Zweckverbände usw., die
aus unterschiedlichsten Gründen auch Natur-
schutzaktivitäten betreiben, darunter ebenfalls
viele Landnutzer. Viertens tragen die Land-
kreise, Städte und Gemeinden eine große Ver-
antwortung für den Naturschutz in ihren Territo-
rien, für die sie vom Gesetzgeber mit
entsprechenden Kompetenzen ausgestattet
worden sind. Fünftens gibt es eine ganze Reihe
von staatlichen Behörden bzw. Staatsbetrieben
außerhalb des originären Naturschutzes, die
Naturschutzaufgaben wahrnehmen und dafür
teilweise auch extra Personal eingestellt haben
(z. B. im Staatsbetrieb Sachsenforst).
Abb. 4: Der segregative Naturschutz im NSG Luchberg (Osterzgebirge) würde ohne integrativen
Naturschutz auf der Gesamtfläche in die Isolation führen. (Foto: Archiv LfUG, W. Böhnert)

8
Die staatlichen Naturschutzbehörden haben
aus den dargestellten Gründen heute nicht nur
alte, sondern auch neue Kernaufgaben. Deren
Erfüllung können und sollen sie in der Regel
nicht allein leisten, sondern in Zusammenarbeit
mit den genannten Akteuren:
– Begleitung, Koordination und Umsetzung
internationaler, EU- und bundesweiter
Prozesse (Natura 2000, Weltnaturerbe,
UNESCO-Programm Man and Biosphere,
Naturschutzgroßprojekte)
– Entwicklung von Leitbildern und Strategien
für Naturschutz und Landschaftspflege in
Sachsen (z. B. Landes- und Regional-
planung, Gesamtkonzept Naturschutz),
– Entwicklung und Umsetzung von Program-
men und Plänen für Arten- und Biotop-
schutz, Schutzgebiete, Management, Bio-
topvernetzung, Monitoring usw.,
Naturschutz-Gesetzgebung und „klassischer“
Vollzug,
– Entwicklung von Förderprogrammen, För-
dermittelverwaltung und -kontrolle (z. B. für
naturschutzgerechte Nutzung, Landschafts-
pflegemaßnahmen),
– Durchführung, Koordination und Betreuung
von Forschungs-, Bildungs-, Weiterbildungs-,
Beratungs- und sonstiger Öffentlichkeits-
arbeit in alten und neuen Formen,
– Betreuung, Begleitung und Koordination
ehrenamtlicher und privater Naturschutz-
aktivitäten, aber auch zunehmend Koordina-
tion staatlicher Naturschutzaktivitäten ande-
rer Ressorts.
Anlässlich eines Festaktes zu „100 Jahre staat-
licher Naturschutz“ am 30. Mai 2006 sagte der
Präsident des Bundesamtes für Naturschutz,
Prof. Dr. Hartmut Vogtmann: „Eine der wichtig-
sten Staatsaufgaben im Naturschutz heute ist
es, den bedrohlichen Schwund an Tier- und
Pflanzenarten und der biologischen Vielfalt auf-
zuhalten. Den Leitfaden dafür stellt die interna-
tionale Konvention über die biologische Vielfalt
(CBD) dar, die 1992 auf dem Umweltgipfel in
Rio de Janeiro beschlossen worden ist und von
über 170 Staaten unterzeichnet wurde. Die
Ziele der CBD lassen sich am ehesten errei-
chen, wenn die Natur dort, wo nötig, streng
geschützt und dort, wo möglich, nachhaltig
genutzt wird.“ Diese Maxime ist nicht nur für
den Staat, sondern auch für Kommunen,
Betriebe, Vereine, Ehrenamtliche und Private
sinnvoll.
5 Zusammenfassung
Die weltweit erste Gründung einer „Staat-
lichen Stelle für Naturdenkmalpflege“ 1906 in
Danzig hatte in Sachsen keine Entsprechung.
Stattdessen wurde hier der Landesverein
Sächsischer Heimatschutz e.V. mit der Natur-
schutz-Fachberatung für Behörden betraut.
Spezielle Rechtsgrundlagen für Naturschutz
mit behördlichen Zuständigkeiten gibt es in
Sachsen erst seit 1934. In der DDR wurde
1953 mit dem Institut für Landesforschung und
Naturschutz (ILN) eine staatliche Naturschutz-
Fachinstitution geschaffen. Ab 1990 wuchs mit
dem Umfang der Naturschutzaufgaben auch in
Sachsen die Zahl staatlicher Naturschutzbehör-
den. Deren Tätigkeit umfasst mehr und mehr
die Konzipierung, Koordination und Betreuung
naturschutzfachlicher Analysen, Bewertung
und Planungen sowie die fachliche Begleitung
entsprechender Umsetzungsprojekte. Künftig
werden zum Schutz der Natur neben lokalem
Engagement stärker als bisher auch internatio-
nale Bemühungen erforderlich sein.
Literatur
BRENDLE, U.: Naturschutz im Spannungsfeld zwischen staatli-
cher Aufgabe und bürgerschaftlichem Engagement. – Natur
und Landschaft 81 (2006) 1, S. 39 – 42.
C
ONWENTZ, H.: Die Gefährdung der Naturdenkmäler und Vor-
schläge zu ihrer Erhaltung. Denkschrift. Berlin (1904), 207 S.
C
ONWENTZ, H.: Bericht über die Staatliche Naturdenkmalpflege
in Preußen im Jahre 1907. – Berichte zur Naturdenkmal-
pflege I (1908) 2, S. 96 – 97.
E
RZ, W.: Opas Naturschutz ist tot! – Das Parlament 20 (1970)
Nr. 34 v. 22. August.
F
ROHN, H.-W. & F. SCHMOLL: Amtlicher Naturschutz – Von der
Errichtung der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege“
bis zur „ökologischen Wende“ in den 1970er Jahren. – Natur
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K
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1945. – Naturschutzarbeit in Sachsen 39 (1997), S. 35 – 46.
K
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Der Kampf des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
gegen widerrechtliche Enteignung. – Mitt. Landesverein
Sächs. Heimatschutz (1999) 2, S. 48 – 55.
K
LENKE , F.: Der Plauensche Grund in Dresden. Die Wandlung
einer Kulturlandschaft. – Mitt. Landesverein Sächs. Heimat-
schutz (2003) 2, S. 34 – 40.
K
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ANL 28 (2004), S. 5 – 15.
M
ILNIK, A.: Hugo Conwentz. Klassiker des Naturschutzes.
Remagen-Oberwinter (2004), 212 S.
P
IECHOCKI, R.: Der staatliche Naturschutz im Spiegel seiner
Wegbereiter. 1. – Wilhelm Wetekamp (1859 – 1945): „Feind
jeder Verweichlichung und Verpimpelung“. – Natur und
Landschaft 81 (2006a) 1, S. 46 – 47.
P
IECHOCKI, R.: Der staatliche Naturschutz im Spiegel seiner
Wegbereiter. 4. – Hugo Conwentz (1855 – 1922): „Extremer
Fleiß und taktische Klugheit“. – Natur und Landschaft 81
(2006b) 3, S. 158 – 159.
R
UDORFF, E.: Ueber das Verhältniss des modernen Lebens zur
Natur. Berlin (1880), 18 S. Separatdruck aus: Preußische
Jahrbücher 45.

image
9
„Ehrenamtliche Arbeit ist für die Gesellschaft
überlebenswichtig. Dies gilt insbesondere für
Leistungen, für die es am Markt keine Käufer
gibt und die somit nicht bezahlt werden, weil
sie keinen individuellen zurechenbaren Nutzen
bringen. Ein klassisches Beispiel sind die
Naturschutzleistungen. Der Bedarf an gem-
einnütziger ehrenamtlicher Tätigkeit steht
außer Frage“ (G
ERSS W.: Naturschutz in der
Mitverantwortung von Bürgern – Ehrenamtliche
Tätigkeit im deutschen Naturschutzrecht –
Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissen-
schaften (1998), S. 9).
Wolfgang Gerss weiß wovon er spricht, denn
er hat seine Erfahrungen durch die jahrzehnte-
lange ehrenamtliche Tätigkeit in den Land-
schaftsbeiräten aller Verwaltungsebenen im
Bundesland Nordrhein-Westfalen gesammelt.
Gleichzeitig war er in verschiedenen Vorstands-
funktionen im Naturschutzbund Deutsch-
lands (NABU) gemeinnützig tätig. Eine derar-
tige Leistungsbereitschaft im Dienste des
Naturschutzes ist kein Hobby, sondern eine
selbst auferlegte Bürde, die ethischer und
sozialer Verantwortung gegenüber der Mitwelt
entspringt. Die Tätigkeit als ehrenamtlicher
Naturschützer ist mit erheblichem Zeitaufwand
verbunden, bereitet auch Sorge und Verdruss
und kann daher nur von Bürgern getragen wer-
den, die von der Notwendigkeit und der Rich-
tigkeit ihres Weges überzeugt sind. Diese
moralische Grundhaltung hat den Naturschutz
hervorgebracht und wesentliche Teile unseres
Naturerbes und der Kulturlandschaft bis in die
Gegenwart vor Devastierung und Zerstörung
bewahren können.
Aus dem Sämling des ausgehenden 19. Jahr-
hunderts ist inzwischen ein starker Baum her-
angewachsen, dessen späte Früchte Wissen-
schaftlern zur Erforschung dienen und anderen
die Grundlage für ein sicheres Einkommen bil-
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 9–12
Organisation und Arbeitsweise
des Naturschutzdienstes
Heinz Kubasch
den. Dies ist das Ergebnis einer langfristigen
und kontinuierlichen Tätigkeit im Sinne des
Naturschutzes. Diejenigen, die das bewirkt
haben, verdienen es nicht vergessen zu wer-
den, denn sie schufen die Wurzeln des Bau-
mes, die lebendig bleiben müssen, damit er
nicht an Kopflastigkeit, zu starker Verästelung
oder mangelnder seelischer Hinwendung lang-
sam aber sicher verdorrt und seine Lebenskraft
verliert. Mittels eines professionell praktizier-
ten Naturschutzes, durch Erlass hoheitlicher
Restriktionen und Anhäufungen wissenschaft-
licher Daten allein kann man den Erforder-
nissen der Naturbewahrung im 21. Jahrhundert
nicht entsprechen. Dazu gehört mehr, denn
die wirklich bewahrende Kraft ist und bleibt
die ethische Wertschätzung der regionalen
Naturerscheinungen und natürlichen Lebens-
grundlagen durch möglichst viele Bürger. Der
Naturschutz benötigt daher demokratische
Mehrheiten um seine Ziele verwirklichen zu
können. Solange die nicht gegeben sind,
wird der Naturschutz unseres Landes weiter-
hin ziemlich hilflos subjektiven Auslegungen
und wechselnden politischen Auffassungen
ausgeliefert sein.
Ein Beispiel dafür ist die unterschiedliche
Wahrnehmung und Verwirklichung der Verord-
nung über den Sächsischen Naturschutzdienst
in den drei sächsischen Regierungsbezirken.
Es gelang nur im Regierungsbezirk Dresden,
die verdienstvolle und bewährte Traditionslinie
des ehrenamtlich geleisteten Naturschutzes
ohne Unterbrechung weiterzuführen. Die per-
sonellen Veränderungen ergaben sich aus der
Übernahme bisher ehrenamtlich wirkender
Personen in die Naturschutzbehörden, wo sie
eine fachkundige Arbeit leisten, wie auch aus
dem Ausscheiden von Mitarbeitern. Die nach
der Wende veränderten Arbeits- und Lebens-
bedingungen sorgten dafür, dass für Viele die
ehrenamtlichen Tätigkeiten kaum mehr mög-

image
10
lich sind. Trotz alledem erklärten fast 700 Bür-
ger allein im Regierungsbezirk Dresden ihre
Bereitschaft, auch künftig die Unteren Natur-
schutzbehörden beim Vollzug und der Durch-
setzung des Naturschutzrechtes nach Kräften
und Möglichkeiten zu unterstützen. Sie opfern
dafür einen erheblichen Teil ihrer berufsfreien
Zeit und müssen ständig bemüht bleiben, ihre
persönlichen und beruflichen Verpflichtungen
mit diesem Ehrenamt in Übereinstimmung zu
bringen. Trotz dieser Schwierigkeiten folgen
sie der Berufung durch die Naturschutzbehör-
den ihres Kreises und schließen eine entspre-
chende Arbeitsvereinbarung über ihre Pflichten
und Rechte ab. Ihr Inhalt ist ein personenge-
bundener Auftrag zur zuverlässigen Betreuung
von geschützten Flächen oder Objekten. Die
Betreuer unterliegen nicht dem Weisungsrecht
der Behörden und können somit das ihnen
anvertraute Schutzgut in allen Fällen wie ein
Anwalt vertreten und verteidigen. Eine Ver-
pflichtung, die an eine entsprechende Eignung,
ausreichende Befähigung sowie an ein enges
Vertrauensverhältnis zum Kreisbeauftragten
und der Berufungsbehörde gebunden ist. Wei-
tere Verpflichtungen ergeben sich aus der Teil-
nahme an zwei Arbeitsanleitungen im Jahr und
der Abgabe eines Tätigkeitsberichtes an die
Berufungsbehörde. Es handelt sich demnach
um einen freiwillig übernommenen Dienst im
Rahmen der Aufgaben des behördlichen Natur-
schutzes und somit um ein Ehrenamt im
eigentlichen Sinne des Begriffes. Ein Ehrenamt
ist immer eine gemeinnützige Tätigkeit, aber
nicht jede gemeinnützige Tätigkeit ist eine
ehrenamtliche. Ein Ehrenamt setzt amtliche
Berufung voraus. Als fachliche Voraussetzun-
gen für die Übernahme des Ehrenamtes wurde
festgelegt:
1. Ausreichende naturkundliche Kenntnisse,
insbesondere der Ökologie gefährdeter
oder vom Aussterben bedrohter heimischer
Pflanzen- und Tierarten,
2. Kenntnisse der wesentlichen, für ihre Auf-
gabenerfüllung erforderlichen Rechtsvor-
schriften zum Schutz der Natur und Land-
schaft und
Abb. 1: Pionierstadien auf einer Düne der Königsbrücker Heide Foto: Archiv LfUG, H. Kubasch

image
Abb. 2: Im Pulsnitztal in der Königsbrücker Heide
Foto: Archiv LfUG, H. Kubasch
11
3. ausreichende Kenntnisse der örtlichen Ver-
hältnisse insbesondere der Schutzgebiete
und -gegenstände im zu übertragenden Auf-
gabengebiet.
Im Mittelpunkt der praktischen Tätigkeit steht die
Gebietskontrolle. Sie umfasst folgende Aufgaben:
– Feststellung und vorbeugende Abwehr von
Ordnungswidrigkeiten und sonstigen
anthropogenen Störungen im Aufgabenbe-
reich Naturschutz und Landschaftspflege je
nach dem persönlichen Zeit- und Leistungs-
vermögen,
– Überwachung und Beobachtung des natürli-
chen Geschehens im zugewiesenen Land-
schaftsausschnitt insbesondere des Ent-
wicklungsganges des Pflanzen- und
Tierlebens im Jahreslauf.
Zum Kompetenzbereich eines Kreisbeauftrag-
ten gehören folgende Aufgaben:
1. Erkennung und Darstellung vollzugshem-
mender Konflikte und Probleme für die
Bestellungsbehörde,
2. Ermittlung von aktuellen Schutzaufgaben im
Zuständigkeitsbereich wie Pflegebedürftig-
keit von geschützten Geo- und Biotopen
oder das Vorhandensein von Horsten,
Baumhöhlen und anderen Vermehrungs-
stätten von Tieren,
3. Kontrolle und Beobachtung geschützter
Flächen, Objekte und Arten,
4. Leitung des Naturschutzdienstes
– Aufbau und Aufrechterhaltung eines
funktionierenden Betreuernetzes für
geschützte Flächen, Objekte und Arten,
– Einweisung der Betreuer vor Ort und
Erläuterung der Arbeitsvereinbarung mit
der Bestellungsbehörde,
– Durchführung der obligatorischen Anlei-
tung aller Mitarbeiter zur Erfüllung anste-
hender Aufgaben,
– Gewinnung und Motivierung weiterer
Mitarbeiter,
– Fortbildungsangebote in Form von Vor-
trägen, Geländeführungen, Literaturan-
geboten u. ä.,
5. jährliche Zusammenfassung der Ergebnisse
der Gemeinschaftsarbeit und Auswertung
für die Bestellungsbehörde und den
Bezirksnaturschutzbeauftragten und

image
12
6. Unterbreitung von Vorschlägen über die
Höhe der Aufwandsentschädigung für die
erbrachten Leistungen der einzelnen Mitar-
beiter des Naturschutzdienstes.
Zur immer besseren Erfüllungsmöglichkeit die-
ser umfassenden Aufgaben finden im Regie-
rungsbezirk Dresden jährlich zwei spezielle
Fortbildungsveranstaltungen für die Kreis-
beauftragten und deren Stellvertreter statt.
Über ihr vorhandenes Spezialwissen hinaus
werden ihnen multidisziplinäre Voraussetzun-
gen für einen unabhängigen Anwalt der hei-
mischen Natur vermittelt:
1. Naturkundliches Grundwissen geo- und bio-
wissenschaftlicher Art,
2. Grundkenntnisse der Landschaftsökologie
und Ökosystemlehre,
3. Eingehende Regionalkenntnisse über:
– Genese und Struktur der Landschaft,
– Eigenart und Besonderheit der Naturraum-
ausstattung,
– Anthropogene Veränderungen der Natur-
gegebenheiten der einzelnen Land-
schaftsausschnitte und
4. Befähigung zur Erkennung, Begründung und
dem Vollzug von Naturschutzaufgaben im Rah-
men der bestehenden Rechtsvorschriften.
Der Umfang der aufgezeigten Aufgabenstel-
lung des Sächsischen Naturschutzdienstes
wird durch die sachliche Konzentration und
räumliche Beschränkung auf ein bestimmtes
Betreuungsgebiet eingegrenzt. Durch diese
bewusste Beschränkung erwirbt der Betreuer
eine spezielle Gebiets- und Artenkenntnis wie
kein Anderer, die ihn in die Lage versetzt, die
ihm anvertraute Naturausstattung immer bes-
ser zu schützen und seinen Beitrag zur natur-
schutzfachlichen Zweckforschung zu leisten.
Der Betreuer wird zum unentbehrlichen Teil im
Netzwerk der Bemühungen zum Schutz der
heimatlichen Natur. Die künftigen personellen
und materiellen Möglichkeiten professionellen
Handelns im Bereich des vollziehenden Natur-
schutzes sind auf die Mitwirkung des ehren-
amtlichen Naturschutzes angewiesen. Das
zwangsläufig entstehende Vollzugsdefizit kann
nur durch sachkundige ehrenamtliche Mithilfe
ausgeglichen und verhindert werden.
Der ehrenamtliche Naturschutz ist eine mora-
lische Instanz, die allen Störungen und Unbe-
rechenbarkeiten der Zeitläufe zum Trotz uner-
müdlich für die Bewahrung des verbliebenen
Naturerbes als unersetzbares Menschheitsgut
eintritt und tätig bleibt.
Abb. 3: 25jähriges Jubiläum der Naturschutzstation Gräfenhain am 12.12.1995
Foto: Archiv LfUG, D. Synatzschke

image
13
1
Einleitung
Mit der Verabschiedung der Vogelschutz-Richt-
linie 1979 und der Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)
Richtlinie 1992 haben sich die EU-Mitglieds-
staaten den Erhalt der Artenvielfalt zum Ziel
gesetzt. Zusammen bilden die beiden Richtli-
nien das europäische Schutzgebietssystem
Natura 2000. Während sich die Vogelschutz-
Richtlinie speziell auf den Erhalt zahlreicher
Vogelarten bezieht, ist die FFH-Richtlinie auf
die Bewahrung und Herstellung eines guten
Erhaltungszustandes von Arten (außer Vogel-
arten) und Lebensraumtypen (LRT) „gemein-
schaftlicher Bedeutung“ ausgerichtet.
Zur Umsetzung dieses Ziels sieht die Richtlinie
in ihren 24 Artikeln verschiedene Instrumente
vor. Neben der Meldung von speziellen Schutz-
gebieten zum Erhalt der LRT nach Anhang I der
FFH-Richtlinie und Arten nach Anhang II sind
dies vor allem die Erstellung von Management-
plänen zu den Gebieten mit Empfehlungen zu
bestimmten Maßnahmen sowie der Aufbau
eines strengen Schutzsystems für die Arten
des Anhangs IV der FFH-Richtlinie.
Um die Ziele der Richtlinie zu erreichen und um
die Effizienz der Maßnahmen zu kontrollieren,
enthält die FFH-Richtlinie Anforderungen an ein
allgemeines Monitoring und die Berichtspflicht
gegenüber der EU. Nach Artikel 11 der FFH-Richt-
linie überwachen die Mitgliedsstaaten den
Erhaltungszustand der LRT und Arten unter
besonderer Berücksichtigung der prioritären
LRT und Arten. Die Staaten liefern gemäß
Artikel 17 der FFH-Richtlinie alle 6 Jahre einen
Bericht über die Maßnahmen und die wichtig-
sten Ergebnisse des Monitorings an die EU-
Kommission.
Zur Umsetzung dieser gesetzlichen Vorgaben
wurde für den Freistaat Sachsen ein Monito-
ring konzipiert und aufgebaut, das die EU-
Anforderungen an Monitoring und Berichts-
pflicht erfüllt. Die Ergebnisse müssen erst-
malig nach der Gebietsmeldung bis Mitte 2007
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 13–20
Monitoring zur Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie
in Sachsen
Christoph Hettwer, Doreen Krüger, Iris John
in Form eines Berichtes der EU übermittelt
werden.
In Sachsen kommen rund 47 der deutschland-
weit 91 LRT des Anhangs I und 129 der 258
Arten der Anhänge II, IV und V vor (vgl.
www.lfulg.smul.sachsen.de/de/wu/umwelt/lfug/
lfug-internet/natur-landschaftsschutz_5659.html
unter Link Lebensraumtypen bzw. FFH-Arten;
K
RAUSE 2004). Für diese LRT und Arten gilt es,
ihre Verbreitung zu bestimmen, ihren Erhal-
tungszustand, Beeinträchtigungen und Gefähr-
dungen zu benennen sowie Entwicklungs-
trends fachlich abgesichert zu ermitteln.
2
Naturschutzfachliche Dauerflächenbe-
obachtung und Monitoringprogramme
Monitoring hier als die Überwachung des
Naturhaushaltes beinhaltet:
– die wiederholte Erfassung des Zustandes
von Natur und Landschaft oder deren
Bestandteile sowie darauf einwirkender
menschlicher Aktivitäten,
– das Wahrnehmen von Veränderungen,
– die Ausrichtung auf feste Zielsetzungen (z. B.
als Grenzwert) oder Fragestellungen, die
einen Anwendungsbezug haben und
– die Verwendung festgelegter Standard-
methoden, um die Vergleichbarkeit der
Ergebnisse innerhalb eines Untersuchungs-
durchgangs sowie zwischen mehreren
Durchgängen sicherzustellen (erweitert um
den vierten Spiegelstrich nach D
RÖSCHMEI-
STER 1998).
In Sachsen gibt es neben dem FFH-Monitoring
einige weitere auf naturschutzfachliche Frage-
stellungen ausgerichtete Monitoringprogramme
bzw. Dauerflächenbeobachtungen. Ein natur-
schutzfachliches Monitoring läuft im NSG
Königsbrücker Heide seit 2000, das u. a. eine
Betrachtung im Hinblick auf Biotope, LRT und
eingeschränkt auch auf die Landschaft umfasst
(R
ICHTER & ZINNER 2001). Des Weiteren finden
zum Förderprogramm „Naturschutz und Erhalt

image
image
14
der Kulturlandschaft“ (NAK) naturschutzfach-
liche Begleituntersuchungen statt, die die Pro-
grammwirksamkeit kontrollieren (vgl. S
CHWARZ-
BACH et al. 2003).
Die FFH-Richtlinie stellt darüber hinausge-
hende Anforderungen einer landesweit einheit-
lichen Erfassung mit einer teilweise größeren
Erfassungstiefe.
3
FFH-Monitoring
Das Landesamt für Umwelt und Geologie koor-
diniert und betreut das FFH-Monitoring in Sach-
sen. Es sichert damit eine landesweit einheit-
liche Erfassung ab und stellt eine direkte
Verbindung zur Berichtspflicht sicher. Die
Europäische Union hat in ihren Dokumenten
den Inhalt der Berichtspflicht festgelegt, die
Methoden zur Ermittlung dieser Ergebnisse
aber freigestellt. Dieser Spielraum wurde
genutzt, um vorhandene Erfassungsprogram-
me in das FFH-Monitoring einzubinden.
Zur Erfüllung der Berichtspflichten sind Verbrei-
tungsangaben ebenso notwendig wie Daten zur
Qualität (Erhaltungszustand) von LRT sowie
Populationen und Habitaten. Diese umfassen-
den und vielschichtigen Daten werden mittels
mehrerer Monitoringprogrammteile zusammen-
gestellt.
3.1 Grobmonitoring der Lebensraumtypen
Laut FFH-Richtlinie sind landesweite Daten zur
Verbreitung der LRT erforderlich. Diese wer-
den im Grobmonitoring zusammen mit einem
gutachterlich eingeschätzten Gesamterhaltungs-
zustand der Einzelflächen erhoben. Die Katego-
rien zum Erhaltungszustand wurden bundes-
einheitlich in die Gruppen A – sehr gut, B – gut
und C – mittel bis schlecht eingeteilt.
Außerhalb der FFH-Gebiete geschieht dies
durch Verknüpfung mit der Aktualisierung der
selektiven Biotopkartierung. Biotoptypen nach
dem Sächsischen Naturschutzgesetz und LRT
nach FFH-Richtlinie sind z. T. nicht identisch.
Es besteht jedoch eine größere Schnitt-
menge, sodass eine gemeinsame Erfassung
sinnvoll ist. Innerhalb der FFH-Gebiete
werden die Ergebnisse der Ersterfassung
aus den Managementplänen übernommen.
Bei Wiederholungskartierungen, voraussicht-
lich 6 Jahre nach der Ersterfassung, sollen
die Flächen innerhalb der FFH-Gebiete ebenso
wie die außerhalb nur gutachterlich einge-
schätzt werden. Außerdem sind dann
Flächenänderungen, die Hauptbeeinträch-
tigungen und andere auffällige Änderungen
sowie die durchgeführten Maßnahmen zu
dokumentieren.
3.2 Feinmonitoring der Lebensraumtypen
Um die Daten des gutachterlich erhobenen
Grobmonitorings fachlich abzusichern und die
Analyse von Trendursachen zu ermöglichen,
werden im Feinmonitoring auf Einzelflächen
vertiefte Untersuchungen zu wichtigen, den
Erhaltungszustand untersetzenden Parametern
durchgeführt. Das Feinmonitoring liefert
Grundlagendaten für die Einschätzung des
Erhaltungszustandes und kann so die im Grob-
monitoring verwendeten Bewertungsschlüssel
fachlich hinterlegen und eichen. Gleichzeitig
dienen die Stichprobenflächen als Referenz-
flächen für die unterschiedlichen Erhaltungs-
zustände der LRT. Um Aufwand und Kosten
gering zu halten, findet das Feinmonitoring aus-
schließlich auf ausgewählten Stichproben-
flächen statt.
Abb. 1a: Waltersdorf mit Lausche, ca. 1920
Foto: Silesia-Verlag
Abb. 1b: Waltersdorf mit Lausche, 2004
Foto: C. Martin

image
image
15
Im Feinmonitoring werden sämtliche 47 LRT
mit möglichst allen 3 Erhaltungszuständen
untersucht. Für Auswertungen sind relativ ein-
heitliche Gruppen sinnvoll. Bestimmte LRT
umfassen sehr unterschiedliche Vegetationsty-
pen. So gehören Bachbegleitende Erlen-
Eschenwälder und Weichholzauen von Flüssen
zu einem LRT. Für diese Typen wurden jeweils
eigene Stichprobengruppen ausgewählt. Neben
bekannten herausragenden Vorkommen wur-
den bewusst auch Bestände mittlerer bis
ungünstiger Erhaltungszustände in das Monito-
ring einbezogen, um einen repräsentativen
Querschnitt zu bekommen. Ein weiteres Schich-
tungskriterium bildet die landesweite Verteilung
der LRT innerhalb der naturräumlichen Haupt-
einheiten (Sachsen hat Anteil an 8 Einheiten
dieses nationalen Gliederungssystems) sowie
der Naturräume Sachsens. Dadurch sind die
LRT entsprechend ihrer landesweiten Verbrei-
tung repräsentiert. Innerhalb der naturräum-
lichen Einheiten wurden die Stichprobenflächen
möglichst zufällig in den FFH-Gebieten auf
geeigneten Flächen verteilt (Abb. 2).
Zur Bewertung des Erhaltungszustands in der
Ersterfassung der Managementpläne liegen
Kartier- und Bewertungsschlüssel zu den LRT
vor. Die auf der LRT-Stichprobenfläche unter-
suchten Parameter leiten sich aus den Kriterien
dieser Schlüssel ab. So werden die bundesein-
heitlichen Einzelkriterien Struktur, Arteninven-
tar und Beeinträchtigungen mit Erfassungs-
daten aus reproduzierbaren Standardmethoden
hinterlegt. Zur floristischen Charakterisierung
und Bewertung wird eine halbquantitative
Gesamtartenliste erstellt und relevante Zeiger-
arten (z. B. zu Verbuschung, Eutrophierung,
Verbrachung oder Störung) erfasst (Abb. 3). Die
kleinräumige Zusammensetzung der Pflanzen-
arten und die syntaxonomische Zugehörigkeit
zum LRT dokumentieren jeweils zwei Vegetati-
onsaufnahmen. Bei Wald-LRT werden Menge
und Zustand von Totholz und Biotopbäumen
ermittelt. Da die FFH-Richtlinie zur Sicherung
der Artenvielfalt bei den LRT auf die Biozöno-
sen von Pflanzen- und Tierarten ausgerichtet
ist, werden hier im Rahmen des Feinmonito-
rings zur faunistischen Bewertung der Fläche
Abb. 2: Übersichtskarte der Feinmonitoring-Stichprobenflächen 2003 – 2005

image
16
ausgewählte Artengruppen untersucht. Diese
Indikatorartengruppen wurden LRT-spezifisch
ausgewählt. Es handelt sich um aussagekräf-
tige Artengruppen, bei denen z. B. mittels
Artenspektrum und -häufigkeit Aussagen zum
Erhaltungszustand der Stichprobenfläche mög-
lich sind (so Libellen bei Teichen, Heu-
schrecken und Laufkäfer bei bestimmten Grün-
land-LRT). Bestimmte floristisch arme LRT wie
Binnendünen mit Zwergstrauchheiden oder
Binnendünen mit offenen Grasfluren lassen
sich über die Fauna (z. B. Heuschrecken) bes-
ser bewerten als über die wenigen kennzeich-
nenden Pflanzenarten. Es wurden bewusst
Artengruppen ausgewählt, deren Art-Ökologie
relativ gut bekannt ist, die sich gut standardi-
siert erfassen und gut bestimmen lassen. Die
Indikatorartengruppen liefern Bewertungen
zum Kriterium Arteninventar der Fauna. Außer-
dem bilden die für den LRT besonders charak-
teristischen Arten die Gruppe der für die
Berichtspflicht relevanten so genannten typi-
schen Arten.
Die vertiefte Erfassung einer Stichprobenfläche
findet einmal pro Berichtszeitraum, d. h. alle
6 Jahre einmal statt. Verschiedene Tierarten
(-gruppen) zeigen natürliche, witterungsabhän-
gige Populationsschwankungen. Um diese von
bewertungsrelevanten Veränderungen unter-
scheiden zu können, werden diese Artengrup-
pen in zwei meist aufeinander folgenden Jah-
ren innerhalb eines Berichtszeitraums erfasst
und die Einzelbewertungen zu einer Gesamt-
bewertung zusammengefasst.
Das Feinmonitoring wird in Form von Werkver-
trägen vergeben. Derzeit werden rund zwei
Drittel der insgesamt ca. 500 Stichproben-
flächen sachsenweit verteilt untersucht.
Zur Reduzierung von Aufwand und Kosten
wurden vorhandene Beobachtungsprogram-
me, u. a. die in Kapitel 2 genannten, in das
Feinmonitoring eingebunden. Dazu zählen
Brutvogel-Siedlungsdichteflächen, NAK-Moni-
toringflächen, vegetationskundliche Beobach-
tungsflächen in Naturschutzgroßprojekten des
Bundes oder anderer Institutionen. Außerdem
findet ein Datenaustausch mit der Ersterfas-
sung der Managementpläne statt. Für die
Gewässer-LRT besteht ein enger Austausch
mit den Bearbeitern zur EU-Wasserrahmen-
richtlinie, um ein gemeinsames Messnetz zu
konzipieren. Durch diese Anknüpfungen konnte
auf z. T. langjährige Trendreihen zurückgegrif-
fen werden.
3.4 Artenmonitoring
Im Artenmonitoring werden die Arten der
Anhänge II und IV der FFH-Richtlinie unter-
sucht, soweit sie in Sachsen nach 1980 nach-
gewiesen wurden, autochthon sind und nach
derzeitigem Wissen beständige Vorkommen
haben. Es handelt sich um 8 Pflanzen- und 66
Tierarten. Zu den rund 56 Arten des Anhangs
V findet derzeit kein systematisches Monito-
ring statt. Es werden die Ergebnisse von Kon-
trollbegehungen sowie anderer landesweiter
Erfassungsprogramme für die Berichtspflich-
ten genutzt (z. B. Moose, Gefäßpflanzen,
Amphibien).
Das Monitoring der FFH-Arten in Sachsen wird
hauptsächlich in Zusammenarbeit mit Ehren-
amtlichen, Naturschutzverbänden bzw. der
Freizeitforschung durchgeführt. Diese Einbin-
dung geschah verglichen mit anderen Bundes-
ländern auf einer besonders breiten Basis. Die
Freizeitforscher haben eine umfangreiche
Kenntnis zur Verbreitung und Biologie der
Arten, die dem Programm zugute kommt. Sie
Abb. 3: Vegetationskundliche Erfassung auf
einer LRT-Stichprobenfläche eines
Übergangsmoores mit Schnabelried-
Gesellschaften (LRT 7140) im FFH-
Gebiet Presseler Heidewald- und
Moorgebiet.
Foto: Chr. Hettwer

17
leisten einen direkten Beitrag zur Ausgestal-
tung von FFH in Sachsen und bekommen mit
dem Monitoring eine weitere Austauschplatt-
form ihrer Ergebnisse. Das Interesse wird
dabei auch auf bestimmte Arten gelenkt,
die bisher nur in einem engen Kreis von Spezia-
listen Beachtung fanden (z. B.
Osmoderma
eremita, Mollusken wie Vertigo angustior, V.
mou-linsiana). Die Anforderungen an die Daten
bedingen teilweise für die Erfasser einen
erhöhten Aufwand zur Einarbeitung in die
Methodik. Um die Qualität der Daten zu
sichern, sind einerseits umfangreiches Qua-
litätsmanagement sowie interne Schulungen
der Erfasser erforderlich. Andererseits stellt
sich das LfUG auch der Aufgabe, die Kartier-
bögen und -anleitungen für zukünftige Erfas-
sungen praktischer und übersichtlicher zu
gestalten, um den Erfassern ein optimales und
effektives Arbeiten zu ermöglichen.
Die Mitwirkung im Artenmonitoring führt
außerdem zu einer zusätzlichen Stärkung der
Zusammenarbeit von behördlichem und ehren-
amtlichem Naturschutz.
Beim Artenmonitoring ergeben sich aufgrund
der Biologie der Arten und der Verfügbarkeit
von Daten und Methoden unterschiedliche
Untersuchungsansätze zur Populationserfas-
sung (vgl. Tab. 1). Auf Grundlage vorhandener
und recherchierter Daten wurden entspre-
chend der landesweiten Verbreitung innerhalb
der 8 naturräumlichen Haupteinheiten sowie
der Naturräume in Sachsen mehrere Vorkom-
men als Monitoringflächen ausgewählt. Bei
seltenen Arten werden möglichst alle Vorkom-
men untersucht. Die Erfassungen sind nicht
auf die FFH-Gebiete beschränkt, sondern
berücksichtigen bei der Auswahl der Untersu-
chungsflächen die gesamte Landesfläche.
Damit werden auch die Arten des Anhangs IV
der FFH-Richtlinie ausreichend repräsentiert,
die für die Auswahl und Abgrenzung der FFH-
Gebiete nicht berücksichtigt werden mussten.
Zur Erstellung der Monitoringkulisse, wie im
Artengruppe
Anzahl
Übersicht zu bestimmten Methodiken
Erfassungs-
bzw. Art
Arten
der Populationserfassung
häufigkeit
Anhang in 6Jahren
II oder IV
Amphibien
9
Rufe- bzw. Reproduktionserfassung;
2-3 aufeinander
Fang-Wiederfang-Methode beim Kammmolch
folgende Jahre
Reptilien
3
Zählungen, Ermittlung der Aktivitätsabundanz
2-3 aufeinander
bei Zauneidechse
folgende Jahre
Entomofauna
18
Zählungen bei Imagines, Präimaginalstadien auf
2-3 aufeinander
Transekten, Dauerflächen, Nahrungsflächen, Brutstätten folgende Jahre
Fledermäuse
19
Bestandszählung in bzw. Ausflugszählung
einmal
an Wochenstuben und Winterquartieren;
z. T. Netzfang/Detektorerfassung im Jagdrevier
Haselmaus
1
Bestandszählung in ausgebrachten Haselmausnistkästen einmal
Biber
1
Präsenzerfassung mittels Aktivitätsmerkmalen in Biber-
einmal
revieren, Bestandszählung in ausgewählten Vorkom-
mensgebieten (Zählreviere)
Luchs, Wolf,
3
Präsenzerfassung
einmal
Feldhamster
Fischotter
1
Präsenz-/Absenz-Erfassung an 4 Stichprobenorten je
einmal
MTB, halbquantitative Erfassung in ausgewählten MTB
Mollusken
4
Auszählen auf Probeflächen
2-3 (aufeinander
folgende) Jahre
Moose
3
Auszählen auf Probeflächen
einmal
Gefäßpflanzen
5
Auszählen auf Probeflächen
2-3 aufeinander
folgende Jahre
Fische
8
Elektro-Befischung durch LfL
einmal
Tab. 1:
Übersicht der im Monitoring untersuchten Artengruppen und ihrer Methodik

image
18
Beispiel des Amphibienmonitorings (Abb. 4),
wurden hauptsächlich vorliegende Daten aus
Arterfassungsprogrammen ausgewertet. Wei-
tere Unterlagen lieferten die Verbände und ins-
besondere bei FFH-Arten des Anhangs II die
Ersterfassungsdaten der Managementpläne.
Bei einigen Arten wurden gezielt Daten von
Artspezialisten angefragt.
Die Untersuchung erfolgt nach standardisierten
Methoden, um eine landesweite Vergleichbar-
keit auch über einen Berichtszeitraum hinaus
zu gewährleisten. Zumeist werden Methoden
eingesetzt, die sich bereits seit längerem
bewährt haben. Neben dem Präsenznachweis
werden in einigen Fällen Fang-Wiederfang-
Methoden (z. B. mittels Reusenfallen und
Bauchmusterfotografie beim Kammmolch) ein-
gesetzt und so Hochrechnungen zur Populations-
größe ermöglicht. Weiterhin werden Angaben
zur Habitatqualität und -größe erfasst, um
Daten für die berichtspflichtrelevanten Parame-
ter Habitat und Beeinträchtigungen zu erhalten.
Bei Arten mit hoher räumlicher Dynamik findet
die Erfassung z. T. über Präsenznachweise
innerhalb einer größeren Fläche (Messtisch-
blatt – MTB) statt. So erfolgt beispielsweise die
Untersuchung der Pionierarten Kreuz- und
Wechselkröte auf MTB-Quadranten-Ebene.
Dabei wird auf vier benachbarten MTB-Qua-
dranten die Präsenz der jeweiligen Art durch
Verhören geprüft und daran anschließend eine
Bestands- und qualitative Habitaterfassung zu
den jeweiligen Vorkommen durchgeführt.
Zur FFH-Art Fischotter liegen bereits aus der
Erfassung zum Artenschutzprogramm Fischot-
ter in Sachsen (LfUG 1996) landesweite Daten
vor, die erste Aussagen zur Vorkommensent-
wicklung liefern. Nach einem Methodenab-
gleich wurde im Rahmen des FFH-Monitorings
eine landesweite Rasterkartierung (Abb. 5)
durchgeführt, wobei jeder MTB-Quadrant auf
einem ausgewählten Uferabschnitt von 600 m
Länge (Stichprobenort) auf Fischotterspuren
(Trittsiegel, Kot, Markierungssekret sowie
FFH-Monitoring Amphibien
Bearbeitungsstand:
26/10/2006
Fachdaten: 2004-2006, Landesamt für Umwelt und Geologie
Geobasisdaten: © 2006, Landesvermessungsamt Sachsen
Änderungen und thematische Ergänzungen durch den Herausgeber.
Jede Vervielfältigung bedarf der Erlaubnis des Herausgebers und des Landesvermessungsamtes.
Standorte
untersuchte Gewässer 2004 - 2006
0 5 10 20 30 40
km
Abb. 4: Gebietskulisse des Amphibienmonitorings 2004 bis 2006

image
19
..37
43..
58..
57..
56..
55..
54..
53..
52..
51..
50..
49..
48..
47..
46..
45..
44..
..55
..56
..53
..54
..51
..52
..49
..50
..47
..48
..44
..45
..46
..38
..39
..40
..41
..42
..43
0 5 10 20 30 40
km
Stichprobenorte (SPO)
SPO ohne Nachweis
SPO mit Nachweis
FFH-Monitoring Fischotter
Bearbeitungsstand:
27/09/2006
Fachdaten: 2004-2005, Landesamt für Umwelt und Geologie
Geobasisdaten: © 2006, Landesvermessungsamt Sachsen
Änderungen und thematische Ergänzungen durch den Herausgeber.
Jede Vervielfältigung bedarf der Erlaubnis des Herausgebers und des Landesvermessungsamtes.
Semiquantitative Erfassung
MTB
Abb. 5: Übersichtskarte der Monitoring-Stichprobenorte Fischotter

20
Direktbeobachtungen) untersucht wurde.
Neben der Rasterkartierung, die vorwiegend
Aussagen zur Verbreitung des Fischotters
zulässt, fand zusätzlich in Anlehnung an die
Erfassung zum Artenschutzprogramm eine
semiquantitative Erhebung auf drei MTB statt,
mit deren Ergebnisse sich Aussagen zur Popu-
lationsdichte und -struktur treffen lassen.
Die Erfassungsintervalle sind an den in der
FFH-Richtlinie festgelegten sechsjährlichen
Berichtsrhythmus angepasst. Um größere
natürliche Populationsschwankungen der
betreffenden Arten von langfristigen Entwick-
lungstrends unterscheiden und genauere Pro-
gnosen abgeben zu können, müssen z. B.
Arten der Entomo- und Herpetofauna in zwei
bis drei aufeinander folgenden Jahren unter-
sucht werden, andere wie Fischotter oder
Moosarten mit eher stabilen Populationen
dagegen nur einmal im Berichtszeitraum.
Wo fachlich möglich, werden Daten aus ande-
ren bestehenden Erfassungsprogrammen
übernommen. Dies gilt u. a. für die Daten zu
Fischarten von der Landesanstalt für Landwirt-
schaft (Fachbereich Fischerei), zu Wolf, Feld-
hamster, Flussperlmuschel oder Moosarten.
3.5 Backgroundmonitoring
zum Artenmonitoring
Im Artenmonitoring werden nicht alle berichts-
relevanten Arten erfasst (Arten des Anhangs V
der FFH-Richtlinie), und bei weiterverbreiteten
Arten der Anhänge II und IV können im Arten-
monitoring nicht alle Vorkommen auf Präsenz
geprüft werden. Entsprechend greift man auf
zusätzliche Informationen aus landesweiten
Arterfassungsprogrammen als Backgroundmo-
nitoring zur übergreifenden Ergebnisabsiche-
rung für die Berichtspflicht zurück (z. B. Daten
des Säugetieratlasses und der Entomofauna
Saxonica).
Bei einigen Arten hat die Kenntnis über die lan-
desweite Verbreitung deutlich zugenommen,
so wurden beim Eremit von 2003 bis 2006
über 10 neue Standorte bekannt. Allerdings
liegen bei bestimmten Arten, insbesondere
Schlingnatter, derzeit abgesehen von Zufalls-
funden keine landesweit einheitlich erfassten
Angaben vor. Hier sind in Zukunft weitere
Anstrengungen notwendig, um die Qualität
des Monitorings sicherzustellen.
4
Zusammenfassung
Mit der Umsetzung der FFH-Richtlinie ergibt
sich für die EU-Mitgliedsstaaten u. a. die Auf-
gabe der Überwachung eines günstigen Erhal-
tungszustandes für die LRT und Arten gemein-
schaftlicher Bedeutung. Alle 6 Jahre ist der
EU-Kommission über den Zustand dieser LRT
und Arten Bericht zu erstatten.
In Sachsen wurde dazu das FFH-Monitoring
begonnen, welches landesweit nach einheit-
lichen Erfassungsstandards Angaben zu Ver-
breitung, Erhaltungszustand der LRT, Habitate
und Populationen, Beeinträchtigungen, Gefähr-
dungen sowie den jeweiligen Trends liefern
soll. Neben den LRT werden vorrangig die
Arten der Anhänge II und IV der Richtlinie
innerhalb des Monitorings untersucht. Das
Monitoring ist modular aufgebaut und umfasst
die vier Programmteile Grob- und Feinmonito-
ring der LRT, Arten- sowie Backgroundmonito-
ring. Diese Monitoringteile werden soweit
möglich durch Angaben aus anderen Program-
men untersetzt, um Synergien zu nutzen. Die
Monitoringdaten werden nicht nur zur Erfüllung
der Berichtspflicht benötigt, sondern erweitern
darüber hinaus die Kenntnisse zur Verbreitung
und Ökologie der in Sachsen vorkommenden
LRT und Arten der FFH-Richtlinie.
5
Literatur
DRÖSCHMEISTER, R.: Aufbau von bundesweiten Monitoringpro-
grammen für Naturschutz – welche Basis bietet die Langzeit-
forschung? – In: D
RÖSCHMEISTER, R. & GRUTTKE, H. [Bearb.]: Die
Bedeutung ökologischer Langzeitforschung für Naturschutz
[= Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 58]. –
Münster (Landwirtschaftsverlag) (1998), S. 319 – 337.
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gramm für das NSG Königsbrücker Heide – Materialen zu
Naturschutz und Landschaftspflege 2001, Hrsg.: Sächsisches
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S
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schutzes – Das Förderprogramm „Naturschutz und Erhalt
der Kulturlandschaft“ (NAK). – Naturschutzarbeit in Sachsen.
45 (2003), S. 3 – 12.

image
21
1 Einleitung
Im Nationalpark (NLP) Sächsische Schweiz tre-
ten mehrere Baumarten auf, die im Elbsand-
steingebirge nicht einheimisch sind, beispiel-
haft seien Lärchen (Larix
decidua, L. x
eurolepis, L. kaempferi), Rot-Eiche (Quercus
rubra), Weymouth-Kiefer (Strobe, Pinus stro-
bus) oder Lawson-Scheinzypresse (Chamaecy-
paris lawsoniana) genannt (SCHMIDT et al. 1994,
DREßEL & JÄGER 2002, SCHMIDT & KLAUSNITZER
2002, ILLE 2005). Dazu gehören sowohl aus
Mitteleuropa stammende und in (Teilgebieten
von) Deutschland indigene Arten wie die
Europäische Lärche (L.
decidua) als auch aus
anderen Ländern bzw. Kontinenten eingeführte
(fremdländische) Arten, also Baumarten, deren
natürliche Verbreitungsgebiete außerhalb des
Bezugsgebietes (NLP Sächsische Schweiz
bzw. Elbsandsteingebirge) liegen, weshalb sie
als gebietsfremd bezeichnet werden. Die
bereits im 19. Jahrhundert oder erst wenige
Jahr(zehnt)e vor der Ausweisung des National-
parkes forstlich angebauten Arten weisen ein
differenziertes Verhalten bezüglich ihrer Inte-
gration in die aktuelle Vegetation („Einbürge-
rungsgrad“) auf. Zu den gebietsfremden Arten,
die sich im NLP Sächsische Schweiz natürlich
verjüngen und ausbreiten, gehören die aus
Nordamerika stammenden Neophyten Rot-
Eiche (hierzu D
REßEL & JÄGER 2002) und Wey-
mouth-Kiefer. Dabei erhebt sich die Frage, ob
sich diese Arten in den Fels- und Waldökosys-
temen des Naturraumes Elbsandsteingebirge
bereits als neuheimische Arten (Agriophyten)
etabliert haben. Oder führt die Ausbreitung von
Pinus strobus sogar zu solch unerwünschten
Auswirkungen, dass die Art als invasiv einzu-
stufen ist? Invasiven Arten wird heute interna-
tional verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet, da
die Einflüsse diverser Neobiota auf indigene
Arten und auf Ökosysteme als so dramatisch
eingeschätzt werden, dass daraus eine Gefähr-
dung der Biodiversität resultiert (IUCN/ROfE
2005, B
UNDESAMT FÜR NATURSCHUTZ 2005). Im
Spannungsfeld heutiger Diskussion stehen
weniger die ökologischen Sachverhalte, die im
Ergebnis wertfreier wissenschaftlicher Analy-
sen erzielt werden, sondern naturschutzfachli-
che und -politische Schlussfolgerungen, insbe-
sondere zur Notwendigkeit bzw. Art und Weise
regulierender Eingriffe (LUKEN & THIERET 1997,
STARFINGER et al. 1998, KOWARIK 2003). Beson-
ders brisant wird die Problematik, wenn Natur-
verjüngung gebietsfremder Baumarten in
Nationalparken zur Etablierung dieser Arten
führt. Für den NLP Böhmische Schweiz wurde
die Ausbreitung der Weymouth-Kiefer bereits
als ein akutes Problem dargestellt (H
ÄRTEL &
HADINCOVÁ 1998). Hier ist zu beobachten, dass
von den Beständen dieser Baumart (Fläche von
250 ha) seit den 1990er Jahren eine „explo-
sive“ Ausbreitung ausgeht, vor allem in die
nicht mehr bewirtschafteten Bereiche des
Nationalparkes. Deshalb werden im NLP
Böhmische Schweiz inzwischen Maßnahmen
gegen die Ausbreitung von Pinus strobus
durchgeführt (Abb. 2). Zur Begründung der
Notwendigkeit eines derartigen Vorgehens
wurden unter anderem Ergebnisse wissen-
schaftlicher Untersuchungen zur Ausbreitungs-
dynamik von
Pinus strobus (MÁCOVÁ 2001, KUL-
HÁNKOVÁ et al. 2002, HADINCOVÁ et al. 2002 und
2006) herangezogen.
Vorrangiger Schutzzweck von Nationalparken
ist der Schutz natürlicher oder naturnah sich
entwickelnder Ökosysteme durch Gewährlei-
stung eines von menschlichen Eingriffen
ungestörten Ablaufs natürlicher Prozesse
(„eigendynamische Entwicklung“), deshalb
haben aus Naturschutzsicht Eingriffsvermei-
dung und -minimierung Priorität. So fordern
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 21–30
Zur Situation der gebietsfremden Baumart
Weymouth-Kiefer (Pinus strobus)
im Nationalpark Sächsische Schweiz
Doreen Ille, Peter A. Schmidt, Maik Denner, Frank Wagner

image
22
S
UCCOW et al. (2001) konsequent: „Das Zulas-
sen von natürlicher Entwicklung schließt aller-
dings lenkendes, pflegendes, ,korrigierendes‘,
manipulierendes Eingreifen des Menschen
absolut aus. Es akzeptiert die natürliche Dyna-
mik sowohl in ihrer ganzen Bandbreite als
auch in ihrer ,Wildheit und unbändigen Kraft
entfesselter Naturgewalten‘, in ihrer Unbere-
chenbarkeit und Zufälligkeit.“ Lässt man der
Naturentwicklung freien Lauf, müsste man
akzeptieren, dass gebietsfremde Baumarten
naturnahe Bereiche erobern, Arten der heimi-
schen Flora verdrängen und neuartige Waldbil-
der, die dem Naturraum bisher fremd sind,
entstehen. Stellen jedoch die „von Natur aus
heimische Pflanzen- und Tierwelt“ sowie die
„natürlichen Lebensräume“ für den NLP Säch-
sische Schweiz Schutzziele dar (Sächsisches
Naturschutzgesetz (SächsNatSchG), NLP-
Verordnung 2003), birgt die Etablierung
gebietsfremder Baumarten wie der Strobe ein
Konfliktpotenzial, wenn jegliche Eingriffe
unterbleiben und ihre Ausbreitung zu Verände-
rungen der Biozönosen führt, die diesen
Schutzzielen zuwiderlaufen.
Zum Umgang mit standorts- und gebietsfrem-
den Baumarten in Nationalparken wurden und
werden kontroverse Auffassungen vertreten,
die Handlungsempfehlungen reichen von radi-
kalem Ausmerzen bis hin zum absoluten Ver-
zicht auf jegliche Eingriffe. Deshalb sind Dis-
kussionen um konsensfähige Konzepte, wie
sie 2005 im NLP Harz zu Walddynamik und
Waldumbau in Entwicklungszonen von Natio-
nalparken geführt wurden, zu begrüßen. Der
NLP Sächsische Schweiz gehört zu den Natio-
nalparken, die aus Kulturlandschaften hervor-
gegangen sind und ihre Schutzziele räumlich
und zeitlich differenziert umsetzen (Zonierung).
Deshalb bietet sich eine Prüfung an, ob ein
unterschiedliches Management in den bereits
der natürlichen Entwicklung überlassenen
Bereichen (Naturzone A, vgl. Abb. 1) und in den
Bereichen, in denen in Übergangszeiträumen
Maßnahmen der Waldbehandlung zur Förde-
rung natürlicher Entwicklungsprozesse stattfin-
den (Naturzone B), sinnvoll ist. Letztlich sind
von regionalen und objektbezogenen Leitbil-
dern abzuleitende (naturschutz)politische Ent-
scheidungen zu treffen, da sich Naturschutz-
Abb. 1: Übersichtskarte der Nationalparkregionen Sächsische und Böhmische Schweiz
(erstellt: F. Wagner)

image
23
argumente pro und kontra finden lassen (vgl.
K
OWARIK 2003). Wesentliche Voraussetzungen
für Leitbilder und Handlungskonzepte sind die
Kenntnis und Bewertung der Sachverhalte im
konkreten Einzelfall (SCHMIDT 2006). Deshalb
wurde in Zusammenarbeit mit dem National-
park- und Forstamt (jetzt Nationalparkamt)
Sächsische Schweiz am Institut für Allgemeine
Ökologie und Umweltschutz der TU Dresden,
Fachrichtung Forstwissenschaften Tharandt,
eine Diplomarbeit durchgeführt (I
LLE 2005), um
den aktuellen Zustand und mögliche Folgen
einer Ausbreitung der Strobe besser einschät-
zen und fachlich gestützte Behandlungsvarian-
ten zur Diskussion vorschlagen zu können.
2 Methodik
Zur Beurteilung der aktuellen Situation von
Pinus strobus im NLP Sächsische Schweiz
wurden Verbreitung, Bestandesstrukturen,
Verjüngungspotenzial und die Entfernung der
Pflanzen aus Naturverjüngung von den Samen-
bäumen analysiert sowie die Faktoren, die eine
erfolgreiche Verjüngung beeinflussen können,
aufgenommen. Die Auswertung der Ergeb-
nisse der Erhebungen durch I
LLE (2005) und
der im NLP Böhmische Schweiz gewonnenen
Erkenntnisse (s. oben!) bildeten die Basis
für die Aufstellung von Entwicklungsszenarien
und für Vorschläge möglicher Behandlungs-
maßnahmen.
Zur Ermittlung der mit Weymouth-Kiefer
bestockten Flächen erfolgten Auswertungen in
der verfügbaren Forsteinrichtungsdatenbank
und eine schriftliche Befragung der Revierför-
ster. Letztere ermöglichte nicht nur einen
Flächenabgleich der von der Forsteinrichtung
dokumentierten und in der Datenbank erfass-
ten mit den aktuell vorhandenen Flächen, son-
dern erbrachte zusätzliche Informationen (z. B.
bisherige Bestandesbehandlungen, auftre-
tende Krankheiten). Für die Untersuchungen
wurden zwölf Probeflächen ausgewählt (drei in
Vorderer, neun in Hinterer Sächsischer
Schweiz), davon vier in der Naturzone A. Auf
den Probeflächen wurden in einem System
gestaffelter Probekreise (Außenradius 12 m) in
Anlehnung an die Permanente Stichproben-
inventur (LAF 1998) Daten zur Bestandes- und
Verjüngungsstruktur erhoben. Die Probekreise
wurden so gelegt, dass der Anteil an
Pinus
strobus
im Bestand repräsentativ erfasst wer-
den konnte. Für die Aufnahme der Verjüngung
dienten vier in den Haupthimmelsrichtungen
angelegte Satellitenkreise (r = 1,78 m), in
Abb. 2: Aushieb der Weymouth-Kiefer im NLP Böhmische Schweiz
Foto: D. Ille

image
24
denen die Verjüngung getrennt nach Baum-
arten ausgezählt und ihre Wuchshöhe vermes-
sen wurde. Zur Analyse der Ausbreitungsdyna-
mik wurden ausgehend vom äußersten
Probekreis vier Transekte mit einer Länge von
je 100 m nach N, O, S und W angelegt, in wel-
chen alle 5 m die Verjüngung der Strobe
erfasst wurde. Mittels Bohrspanentnahmen
und Auszählung der Jahrringe an einem bereits
vollständig mit
Pinus strobus bestockten Sand-
steinriff im Revier Hohnstein konnte der zeit-
liche Verlauf der Ausbreitung der Strobe
rekonstruiert werden. Zur standörtlichen Cha-
rakterisierung wurden auf den Probeflächen
Vegetationsaufnahmen durchgeführt und ana-
lysiert (Weiserarten, Berechnung mittlerer Zei-
gerwerte). Die Mittelpunkte der Probekreise
wurden mit Magneten dauerhaft markiert, um
ein Auffinden der Versuchsflächen für Wieder-
holungsaufnahmen zu ermöglichen.
3
Ergebnisse und Diskussion
Da die Kenntnis des ökologischen Verhaltens
im Herkunftsgebiet für die Einschätzung der
Situation einer gebietsfremden Baumart (Pinus
strobus 1705 nach Europa eingeführt) im
Anbau- und Etablierungsgebiet (Elbsandstein-
gebirge) wesentlich ist, sollen einige Angaben
hierzu vorangestellt werden. Im natürlichen
Areal, das sich im kühlhumiden östlichen Nord-
amerika von Neufundland über die Seenstaa-
ten und Neuengland entlang der Appalachen
bis ins nördliche Georgia erstreckt, tritt die
Weymouth-Kiefer vor allem als Mischbaumart
in Beständen mit
Tsuga canadensis, Quercus
rubra und Betula papyrifera auf. Das Klima
zeichnet sich durch eine weite Spanne der
mittleren Jahresniederschläge (510 – 2030 mm)
und der durchschnittlichen Jahrestemperatur
(5 – 12 °C) aus.
Pinus strobus erträgt Trocken-
heit, ist raschwüchsig und langlebig (~450
Jahre), erreicht Maximalhöhen bis zu 65 m und
Stammdurchmesser (BHD) bis 4 m. Die Art
fruktifiziert schon ab dem 6. – 10. Lebensjahr,
größere Samenmengen werden aber erst ab
einem Alter von 20 Jahren erzeugt. Samen-
jahre sind aller 2 – 5 Jahre, denn die Zapfen rei-
fen erst nach einem dreijährigen Zyklus. Die
Strobe erweist sich als eine Intermediärbaum-
art, denn aufgrund ihrer hohen Konkurrenz-
stärke, vor allem auf nährstoffarmen sandigen
Böden, und ihrer Schattenerträgnis ist sie eine
Halbschattenbaumart. Die häufig und in großen
Mengen produzierten Samen, die vorrangig
vom Wind verbreitet werden, kennzeichnen
jedoch Eigenschaften eines Pionierbaums. Sie
wirft ihre Nadeln schon sehr zeitig im Juni/Juli
und bedeckt dadurch mit ihrer Streu die Boden-
vegetation und Verjüngung. H
ÄRTEL & HADIN-
COVÁ (1998) stellten fest, dass die Nadelstreu-
produktion in Pinus strobus-Beständen etwa
doppelt so hoch ist wie in gleichaltrigen
Beständen von Pinus sylvestris. Dies führt in
Reinbeständen zu einem starken Rückgang der
Artenzahlen und Deckungsgrade der Kraut- und
Moosschicht, eine Eigenschaft, die früher
sogar als Begründung für den Anbau der Art
diente, was folgendes Zitat von MÜLLER (1937)
unterstreicht: „Ihre dichte Nadelstreu deckt
den Boden gut und hält das Unkraut im
Bestand länger und besser fern als die
[Gewöhnliche] Kiefer“ (vgl. Abb. 3).
Die erste forstliche Anbauwelle der Wey-
mouth-Kiefer fällt in die Mitte des 18. Jahrhun-
derts. Weitere Wellen folgten, denn der Anbau
war mit hohen Erwartungen an überlegene
Massenleistung verbunden. Doch die Euphorie
hielt immer nur kurz an, da das Risiko durch
Befall mit Blasenrost
(Cronartium ribicola) hoch
ist. Letztlich erlangte diese Kiefernart waldbau-
Abb. 3: Streuauflage unter Verjüngung von
Pinus strobus am Plattenstein im
Revier Lohmen
Foto: D. Ille

image
25
lich keine Bedeutung, tritt aber in den säch-
sischen Wäldern noch zerstreut auf und hat
sich an mehreren Orten über Naturverjüngung
etabliert, so auch in der Sächsischen Schweiz
(Anbau seit 1833, S
CHMIDT et al. 1994).
Bereits wenige Jahre nach Festsetzung des
NLP Sächsische Schweiz stand die Proble-
matik nichteinheimischer Baumarten zur Dis-
kussion (NATIONALPARKVERWALTUNG SÄCHSISCHE
SCHWEIZ 1994). Da „die konsequente Besei-
tigung aller fremden Baumarten zur Folge
hätte, dass längerfristig keine Ruhebereiche
ausgewiesen werden könnten und dass dazu
notwendige Maßnahmen, zwar naturschutz-
fachlich begründet, auch in Gebieten durchge-
führt werden müssten, die teilweise schon
Jahrzehnte ,unberührt’ geblieben (z. B. Polenz-
tal, Teile des Großen Zschand) sind“, einigte
man sich darauf, dass „der Status eines Natio-
nalparks durch das Vorkommen gebietsfrem-
der Arten nicht gefährdet wird“ und dass
„heutzutage auch gebietsfremde Baumarten
zu den „neuen“ Waldökosystemen gehören …
Einer Verdrängung von Arten der potentiell-
natürlichen Vegetation soll jedoch entgegenge-
wirkt werden.“ Im Rahmen der Waldbehand-
lung sollten im Pflegebereich (heute Naturzone
B) die gebietsfremden Arten zurückgedrängt
werden und in den Ruhebereichen (Naturzone
A) auf Eingriffe verzichtet werden (bzw. aus-
nahmsweise Eingriffe auf geringer Fläche
zulässig). Seit 1996 gelten als verbindliche
Verfahrensgrundlage die „Waldbehandlungs-
grundsätze im NLP Sächsische Schweiz“ (SML
1996). Darin ist für die Ruhebereiche eine
„Zurückdrängung gebietsfremder Baumarten
auf einvernehmlich bestimmten Einzelflächen“
festgelegt, in den Pflegebereichen sollen diese
mittels Waldumbau- und Waldpflegemaßnah-
men gezielt entnommen werden. Seither wur-
den nur in Einzelfällen gebietsfremde Baum-
arten entfernt.
Im NLP Sächsische Schweiz sind derzeit 7,6 %
der Waldfläche mit gebietsfremden Baumarten
(6,2 % Nadelbäume; 1,4 % Laubbäume)
bestockt (LAF 1998). Dabei weist die Strobe
laut Forsteinrichtung nur einen verschwindend
geringen Anteil auf (0,09 %, d. h. 7,1 ha, davon
1,1 ha in Naturzone A). Es musste jedoch
davon ausgegangen werden, dass nicht alle
Flächen mit
Pinus strobus-Bestockung auf-
grund zu geringer Anteile der Art von der Forst-
einrichtung erfasst wurden. Bei den Gelän-
debegängen konnten tatsächlich zahlreiche
weitere Flächen mit Strobe gefunden werden,
auf denen sie sich zumeist gut verjüngt und
sogar ausbreitet. Spontane Ansiedlungen erfol-
gen vor allem auf Felsriffen (Abb. 4), aber die
Art dringt auch in naturnahe Bestände von
Birken-Kiefern- und Kiefern-Eichenwäldern ein,
also in Waldökosysteme, die wesentlich zur
besonderen Eigenart des NLP Sächsische
Schweiz beitragen. Dabei stellt sich die Frage,
ob die Strobe in diesen Waldgesellschaften in
der Lage ist, die einheimische Kiefer zu ver-
drängen und ihre Rolle zu übernehmen.
Die genannten Zahlen zum Vorkommen von
Pinus strobus im NLP lassen natürlich keine
Aussagen zur Verjüngungssituation und damit
zur Ausbreitungstendenz in den kommenden
Jahren zu. Die aktuellen Bestände sind über-
wiegend 60 – 100 Jahre alt, dagegen wurden
von der Forsteinrichtung kaum Bestände unter
40 Jahren erfasst. Dies ergibt sich daraus, dass
in den 1930er und 1960er Jahren verstärkt
Weymouth-Kiefer angebaut wurde, jedoch spä-
ter wegen der Blasenrostgefahr ein Anbau nur
noch selten erfolgte. Schwerpunkte der Ver-
breitung sind der Große Zschand, das Brand-
Abb. 4: Verjüngung von Pinus strobus am
Auerhahnstein
Foto: D. Ille

26
gebiet und das Lohmener Hauptrevier. Die
Bestände treten laut Forsteinrichtung in der
Hinteren Sächsischen Schweiz zahlreicher auf,
wohingegen eine Rasterkartierung für den
NLP (R
IEBE 2005) gehäufte Vorkommen der
Weymouth-Kiefer in der Vorderen Sächsischen
Schweiz verzeichnet. Bei dieser Kartierung
im Gauß-Krüger-Netz in einem Raster von
250 x 250 m wurde zwar die Art flächen-
deckend, jedoch mengen- und altersunab-
hängig registriert. Die verschiedenen Erfas-
sungsmethoden ergeben unterschiedliche
Häufigkeitsverteilungen.
Die Auswertung der von I
LLE (2005) aufge-
nommenen Stroben-Verjüngung ergab unter-
schiedliche Dichten, die Zahlen schwanken
zwischen 200 und 26.600 Stück pro ha. Signifi-
kante Zusammenhänge zwischen der Anzahl
der Verjüngungspflanzen und vorherrschenden
Standortsfaktoren konnten nicht nachgewie-
sen werden. Tendenziell lagen die Verjün-
gungszahlen in der Hinteren Sächsischen
Schweiz deutlich höher als in der Vorderen.
Innerhalb der verschiedenen Wuchshöhenklas-
sen der Verjüngung nehmen die Keimlinge den
größten Anteil ein (68 %). Von den Jungpflan-
zen gehören ca. 90 % den Wuchshöhenklas-
sen bis 40 cm an. Diese bilden das „Startkapi-
tal“ für eine erfolgreiche Etablierung und
Ausbreitung. Niedriger Verbissdruck, rasches
Jugendwachstum, kaum Befall durch Patho-
gene und geringe interspezifische Konkurrenz
begünstigen vor allem auf Felsriffen die Verjün-
gung von Pinus strobus. Ein Vergleich mit den
Verjüngungszahlen der heimischen Baumarten
zeigt, dass lediglich Picea abies in vergleichba-
rer Anzahl vertreten ist, wobei im Durchschnitt
die Fichte in der Verjüngung noch höhere Pflan-
zenzahlen erreicht (Abb. 5). Allerdings holt die
Weymouth-Kiefer diesen zahlenmäßigen Vor-
sprung der Fichte durch rascheres Jugend-
wachstum und hohe Konkurrenzkraft bald auf.
Bei den Zahlenangaben (Abb. 5) zu den stan-
dortsheimischen Laubbaumarten (z. B. Rot-
Buche) ist zu berücksichtigen, dass diese in
den naturfernen Nadelbaumbeständen mit
Jungpflanzen 0-4,9 cm
Jungpflanzen 10-14,9 cm
Jungpflanzen 20-39,9 cm
Jungpflanzen 60-79,9 cm
Jungpflanzen 100-129,9 cm
Jungpflanzen 200-299,9 cm
Jungpflanzen 400-499,9 cm
Acer pseudoplatanus
Quercus robur
Larix decidua
Fagus sylvatica
Quercus rubra
Sorbus aucuparia
Pseudotsuga menziesii
Rhamnus frangula
Betula pendula
Pinus sylvestris
Pinus strobus
Picea abies
0
500
1000
1500
2000
2500
3000
3500
4000
4500
Pflanzenzahl/ha
Abb. 5: Verjüngungspflanzen pro Hektar nach Baumart und Wuchshöhe in den 12 untersuchten
Beständen mit Strobe in der Baumschicht

27
Pinus strobus im Oberstand erhoben wurden.
Bleiben die Bestände der natürlichen Entwick-
lung überlassen, sind Folgebestände aus
Fichte und Weymouth-Kiefer zu erwarten.
Die Analysen ergaben, dass die Struktur der
umliegenden Bestände einen entscheidenden
Einfluss auf den Ausbreitungserfolg von Pinus
strobus hat. In lichten Beständen, vorzugs-
weise auf nährstoffärmeren Standorten, erfol-
gen Wachstum und Etablierung der Verjün-
gung besonders gut. Den Schwerpunkt bei der
Ausbreitung bilden Jungpflanzen bis 60 cm
Höhe, wobei wiederum Keimlinge den größten
Anteil einnehmen. Bezüglich der bei einer Aus-
breitung erreichten Entfernung der Verjüngung
von den Samenbäumen ergab sich, dass sich
90 % der Pflanzen in einem Abstand bis zu 65
m befinden, maximal wird eine Entfernung von
etwa 100 m erreicht (Abb. 6). Untersuchungen
von H
ADINCOVÁ et al. (2006) im NLP Böhmi-
sche Schweiz führten zu vergleichbaren Ergeb-
nissen. Am geringsten ist die Zahl der Ver-
jüngungspflanzen bei allen Aufnahmen in
W-Richtung der Samenbäume, am höchsten in
S-Richtung (Samen anemochor).
4
Bewertung der Situation und Entwick-
lungsprognosen
Im NLP Sächsische Schweiz herrschen ähn-
liche klimatische Bedingungen wie in einem
Teil des Heimatareals von
Pinus strobus. Die
standörtlichen Verhältnisse im NLP liegen in
vielen Bereichen innerhalb der Standortsampli-
tude der Art. Es sind optimale Voraussetzun-
gen für eine erfolgreiche Ausbreitung im
Gebiet gegeben, z. B. häufige Fruktifikation,
hohes Verjüngungspotenzial, erfolgreiche Dis-
tribution über anemochore Diasporen,
Raschwüchsigkeit, Anspruchslosigkeit und
Konkurrenzvermögen. Leicht zu besiedelnde
Offenbereiche und Lücken in den Beständen
auf den Sandsteinfelsen mit ihren Waldgrenz-
standorten werden von
Pinus strobus schnell
erobert, begünstigt durch eine hohe Stresstole-
ranz der Keimlinge (vgl. HANZÉLYOVÁ 1998). Für
die Bewertung des gegenwärtigen Zustandes
und möglicher Entwicklungen ist es wichtig,
die ökologischen Eigenschaften der Wey-
mouth-Kiefer und der Baumarten, mit denen
sie zurzeit in Konkurrenz steht (Abb. 7), verglei-
chend zu betrachten, vor allem Gewöhnliche
Kiefer (Pinus sylvestris) und Gewöhnliche
Fichte (Picea abies). Da die Strobe die Fichte in
der Schattentoleranz übertrifft und vor allem auf
nährstoffarmen und sandigen Böden im Wachs-
tum beiden einheimischen Nadelbaumarten
überlegen ist, besitzt sie im NLP Konkurrenz-
vorteile. Dass sie diese auch als Einzelbaum
erfolgreich nutzen kann, bezeugt die Etablie-
rung von Reinbeständen aus
Pinus strobus auf
Felsriffen, die aus der natürlichen Verjüngung
einzelner Altbäume hervorgegangen sind.
Die Ausbreitung der Strobe auf den Felsriffen
im Bereich der Birken-Kiefernwälder bedeutet
Beeinträchtigung der naturnahen Ökosysteme
und Veränderung des Landschaftsbildes. Es ist
ebenfalls eine Beeinflussung von Flora und
Fauna zu erwarten. Insbesondere die verdäm-
mende Nadelstreu (Abb. 3) könnte sich nach-
teilig auf spezialisierte Felsbewohner (Flechten,
Moose, Insekten) und die standortstypische
Bodenflora auswirken. Für epigäische Krypto-
gamen ist bekannt, dass diese in Beständen
mit starkem und auf einen engen Zeitraum
begrenztem Streufall durch Ausdunklungs-
effekte verdrängt werden. Diese Wirkung wird
verstärkt, wenn sich die Streu langsam zer-
setzt. Solche Verdrängungseffekte treten
besonders dann ein, wenn die Strobe in der
Baumschicht zur Dominanz gelangt. In Sach-
sen gefährdete bzw. im Rückgang befindliche
Kryptogamenarten, die einen Verbreitungs-
schwerpunkt im NLP in den Fels-Kiefernwäl-
dern aufweisen, sind z. B. die Moose
Dicranum
polysetum und Ptilidium ciliare sowie die Flech-
ten Cladonia portentosa, Cetraria islandica und
Cetraria muricata.
Im Folgenden werden auf der Grundlage der
dargestellten Ergebnisse drei Szenarien für die
Ausbreitungsdynamik der Strobe im NLP Säch-
sische Schweiz bei unterschiedlichem Manage-
ment (mit/ohne anthropogene Steuerung) ent-
worfen.
y = -70,94Ln(x) + 325,84
R
2
= 0,7383
0
50
100
150
200
250
300
0
20
40
60
80
100
120
Entfernung (in m) zum Samenbaum
Anzahl WKI-NV je ha
Abb. 6: Ausbreitung von Pinus strobus-Ver-
jüngung bezüglich der Entfernung zu
den Samenbäumen

image
28
In Szenario 1 wird auf jegliche Eingriffe verzich-
tet, d. h. Altbäume und Verjüngungspflanzen
von
Pinus strobus verbleiben im NLP. Damit
wird sich die Art im Gebiet weiter etablieren.
Vermutlich werden sich vorübergehend Misch-
bestände mit einheimischen Baumarten ausbil-
den, welche sich jedoch im Laufe der Zeit unter
bestimmten Standortsbedingungen aufgrund
der Konkurrenzvorteile zu Reinbeständen der
Weymouth-Kiefer entwickeln können. Eine Ver-
drängung durch einheimische Baumarten kann
zumindest für die extremeren Rifflagen nahezu
ausgeschlossen werden. Aufgrund der aktuell
noch geringen Flächenanteile von
Pinus strobus
wird die Ausbreitung im NLP vorerst recht
langsam voran schreiten, doch es kann nach
bestimmten Zeiträumen mit einer explosiven
Populationsentwicklung gerechnet werden. Eine
weitere Ausbreitung der Baumart hat nicht nur
eine Veränderung des Landschaftscharakters
auf den Sandsteinriffen zur Folge, sondern führt
aufgrund der Streuauflagen zur Bodenversaue-
rung und zum Rückgang standortstypischer
Elemente der Bodenvegetation.
Szenario 2 geht von einer Entnahme der Wey-
mouth-Kiefern ausschließlich in der Naturzone
B aus, um das Eingriffsverbot in der Naturzone
A zu wahren. Hierbei werden die Altbäume im
Zuge forstlicher Maßnahmen entfernt, was eine
deutliche Reduzierung der Anteilsfläche der Art
in der Naturzone B zur Folge hat. In der Natur-
zone A, und damit in den vorrangig naturnahen
bzw. bereits der natürlichen Eigendynamik
überlassenen Bereichen, bleiben die Samenträ-
ger aber erhalten und ermöglichen die weitere
Ausbreitung von Pinus strobus. Damit ist zwar
die Problematik auf eine geringere Fläche
begrenzt, aber die Folgen einer invasiven Aus-
breitung, wie unter Szenario 1 ausgeführt, sind
nicht auszuschließen. Die sich etablierende Ver-
jüngung wird zukünftig in die Baumschicht ein-
wachsen und sich zu neuen Samenspendern
entwickeln. Es kann zwar mit einer stark verzö-
gerten Ausbreitung gerechnet werden, jedoch
wird die Etablierung in die besonders naturna-
hen, bereits dem Prozessschutz überlassenen
und bezüglich der Naturausstattung wertvoll-
sten Bereiche verschoben.
Abb. 7: Pinus strobus-Verjüngung in Konkurrenz mit heimischen Baumarten (Probekreis 9)
Foto: D. Ille

29
In Szenario 3 werden alle Individuen der Wey-
mouth-Kiefer sowohl in Naturzone A als auch B
entfernt. Dabei wären auf Einzelflächen Hiebe
von 0,1 – 0,3 ha oder zwei schlagfreie Entnah-
memaßnahmen durchzuführen. Problematisch
erscheint die Entnahme aller Pflanzen an den
Sandsteinfelswänden, unter anderem aus Sicht
der Arbeitssicherheit. Eine Umsetzung dieses
Szenarios zur radikalen Rückdrängung der Art
bedingt jedoch, dass flächendeckend die Ver-
jüngung entfernt wird, denn das Verbleiben
potenzieller Samenspender würde zukünftig
erneut Eingriffe erfordern, die aber unterlassen
werden sollen. Für eine gezielte Entfernung
der Art wären im NLP entsprechend den Daten
der Forsteinrichtung 31 Flächen abzuarbeiten.
Dazu kommen die Einzelflächen mit Naturver-
jüngung, die von der Forsteinrichtung nicht
erfasst wurden. Für eine konsequente Durch-
führung entsprechender Maßnahmen zur nach-
haltigen Beseitigung der Art wäre ein Zeitrah-
men von 5 – 10 Jahren zu planen.
Die drei Szenarien, die auf der Grundlage der
Untersuchungen erstellt wurden, sollten mög-
liche Entwicklungen skizzieren und eine Ein-
schätzung der Folgen unterschiedlicher Hand-
lungsvarianten erleichtern. Dabei sind die
Erkenntnisse aus dem tschechischen NLP
Böhmische Schweiz zu berücksichtigen, da
hier die Etablierung und Ausbreitung bereits
ein wesentlich größeres Ausmaß angenom-
men haben.
Für die Entscheidung, ob eine aktive Zurück-
drängung der Weymouth-Kiefer im NLP Säch-
sische Schweiz erfolgen sollte, ist folgendes zu
beachten:
– Die Dimension der Ausbreitung und deren
zukünftige Auswirkungen sind durch die bis-
her durchgeführten Untersuchungen nicht
eindeutig zu klären. Die Folgen lassen sich
nur unter Einbeziehung der Erkenntnisse
aus dem im gleichen Naturraum (Elbsand-
steingebirge) gelegenen NLP Böhmische
Schweiz und der Literatur abschätzen.
Obwohl sich nicht mit Sicherheit sagen
lässt, wie zukünftige Umweltentwicklungen
die Situation beeinflussen werden, könnten
die invasive Ausbreitung der Strobe und
dadurch bedingte Standorts- und Biozöno-
severänderungen, wie sie bereits im
angrenzenden NLP Böhmische Schweiz
ablaufen, als Rechtfertigung für regulie-
rende Maßnahmen dienen. Die auch im
NLP Sächsische Schweiz nachweislich
gegebenen Konkurrenzvorteile gegenüber
heimischen Baumarten, die weite Standorts-
amplitude und die ernorme Verjüngungs-
freudigkeit werden den Ausbreitungserfolg
der Art sichern.
– Eine „Rückholbarkeit“ der Art erscheint
unter Berücksichtigung der derzeit besiedel-
ten Flächen möglich, zumal im Zuge von
Pflegemaßnahmen in der Naturzone B
bereits Altbäume und Verjüngung entfernt
werden könnten. Dazu wäre ein mit dem
NLP Böhmische Schweiz abgestimmtes
Handlungskonzept unerlässlich.
– Der Aufwand für die Zurückdrängung wäre
hinsichtlich des angestrebten Zustandes
und des (noch) relativ geringen Arbeitsum-
fanges verhältnismäßig. Bisher liegen aller-
dings keine langzeitigen Studien zum
Wuchsverhalten und zur Persistenz der
Stroben-Vorkommen sowie zu eventuellen
Wiedereinwanderungen vor.
– Ein „Rückdrängungserfolg“ scheint nach
bisherigem Wissen nur dann nachhaltig zu
sein, wenn jede Strobenpflanze entfernt
wird. Da sich die Art nicht vegetativ ver-
mehrt, könnte sich nach Beseitigung aktuel-
ler und potenzieller Samenquellen (also
auch jeglicher Verjüngung) dauerhaft ein
Entwicklungsprozess ohne
Pinus strobus
entfalten. Nur in Zusammenarbeit mit dem
NLP Böhmische Schweiz durchgeführte
Aktionen würden zum Erfolg führen (vor
allem im Kirnitzschtal grenzüberschreiten-
der Samenflug). In siedlungsnahen Berei-
chen oder durch Tierausbreitung (Vögel,
Eichhörnchen) ist nicht auszuschließen,
dass die Art wieder in den NLP einwandern
könnte. Zurzeit sind jedoch derartige Vor-
kommen nicht bekannt.
5 Zukünftige Behandlung
der Weymouth-Kiefer im NLP
Grundlage für die Waldpflege im Nationalpark
Sächsische Schweiz ist der seit 1998 geltende
Pflege- und Entwicklungsplan Wald. Dessen
Ziel besteht in der Unterstützung der Waldent-
wicklung in Richtung der natürlichen Wald-
gesellschaften. Dies erfolgte bisher schwer-
punktmäßig durch Förderung und Stabilisierung
gebietsheimischer Baumarten und Misch-
bestände. Die Entnahme gebietsfremder Baum-
arten erfolgte nur ausnahmsweise, obwohl die
Waldbehandlungsgrundsätze (SML 1996) dies
grundsätzlich ermöglichen. Mit Gültigkeit ab
01.01.2008 wird der Pflege- und Entwicklungs-

plan Wald für den Zeitraum von zehn Jahren
neu aufgestellt. Für die Entnahme gebietsfrem-
der Baumarten im Zuge der Waldpflege wer-
den dann u. a. folgende Grundsätze gelten, die
unter Berücksichtigung der Zonierung differen-
ziert umzusetzen sind:
In der Naturzone B werden gebietsfremde Baum-
arten bei der Waldpflege insbesondere in
Mischbeständen bevorzugt entnommen.
Außerdem werden gezielt fruktifikationsfähige
Einzelbäume und kleinere Reinbestände der
Weymouth-Kiefer beseitigt. Um dabei Kahl-
schläge zu vermeiden, sind Hiebe nur bis zu
einer Größe von höchstens 0,2 ha zulässig.
In der Naturzone A sind keine flächigen Ein-
griffe, sondern ausschließlich die selektive Ent-
nahme von Samenbäumen vorgesehen. Diese
sollen vorrangig durch Ringeln zum Absterben
gebracht werden und als Totholz im Wald ver-
bleiben. Dazu wird die Rinde der Bäume am
unteren Stammabschnitt in einem Streifen um
den Stamm abgeschlagen. Diese Methode ist
auf ihren Erfolg bei der Zurückdrängung der
Weymouth-Kiefer zu testen. Außerdem ist die
Nutzung der behandelten Bäume als Brutraum
für Borkenkäfer und die daraus resultierende
Gefahr der Ausbreitung in benachbarte Wald-
bestände zu prüfen.
Bei der Entnahme einzelner Weymouth-Kiefern
sind deren Funktion für die Stabilität des Wald-
bestandes und für den Schutz von Verjüngun-
gen gebietsheimischer Baumarten durch Über-
schirmung zu beachten. Umfang und Zeitpunkt
der Eingriffe richten sich nach dem Schutz-
bedarf gefährdeter Pflanzen- und Tierarten.
Bei der Erfassung der Vorkommen und Beseiti-
gung von Einzelbäumen der Weymouth-Kiefer
in schwer zugänglichen Felsgebieten der
Naturzone A werden vorrangig ortskundige
Mitarbeiter der Nationalparkwacht eingesetzt.
Insbesondere die nahe der Staatsgrenze vorge-
sehenen waldbaulichen Maßnahmen werden
mit der Nationalparkverwaltung Böhmische
Schweiz abgestimmt.
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30

image
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 31–40
Untersuchungen zur Struktur
waldbestockter Flächennaturdenkmale (FND)
in der collinen und submontanen Höhenstufe
im Landkreis „Sächsische Schweiz“
Karl-Heinz Mayer, Kai Noritzsch, Dieter Loschke
31
Vorbemerkungen
Der vorliegende Artikel ist das Ergebnis der
engen Zusammenarbeit aller drei Mitarbeiter
des ehrenamtlichen Naturschutzdienstes. Die
Erhebung der Daten erfolgte durch Revierleiter
K. Noritzsch gemeinsam mit der Praktikantin
J. Meschkat im Rahmen eines Vorpraktikums
zum Studium der Forstwissenschaften in
Tharandt (MESCHKAT 2004).
1 Einleitung
Die Ausscheidung von waldbestockten
Flächennaturdenkmalen (FND) dient vorwie-
gend der Erhaltung und Sicherung autochtho-
ner Restbestockungen (Restpopulationen) von
Baumarten. Die Bedeutung – trotz geringer
Flächengrößen – für die Erhaltung der geneti-
schen Mannigfaltigkeit mit Unterarten, Öko-
typen usw. ist unbestritten (S
CHLOSSER 1983).
Langfristig ist die Sicherung unterschiedlicher
Biotope bzw. Standorte durch Flächenschutz
eine vorrangige Aufgabe, zumal die Zahl der
natürlichen Bestockungen inmitten forstlich
geprägter Waldbestände sehr gering ist. Hohe
Baumalter und entsprechender Totholzanteil
sind positive Kriterien für Naturnähe. Xylobi-
onte und Höhlenbrüter finden hier ihre Habitat-
ansprüche und letztendlich stellen diese Wald-
bestände Refugien für seltene Moos- und
Flechtenarten sowie Insekten- und Spinnen-
arten dar. Außerdem haben landschaftsbestim-
mende Waldstrukturen einen hohen ästhe-
tischen Wert für die Waldbesucher.
2
Charakteristik der FND
In den Formulierungen des Schutzzweckes der
FND wird die Erhaltung der wertvollen Reste
charakteristischer Buchenwaldgesellschaften
inmitten einer stark von Fichten-Reinbeständen
geprägten Waldlandschaft, sowie deren Reich-
tum an höhlenreichen Altbuchen hervorgeho-
ben. Damit verbunden ist die Sicherung von
Lebensräumen vom Aussterben bedrohter
Tierarten (Bundesartenschutzgesetz).
FND „Buchenberg westlich
der Klarenswiese bei Berggießhübel“
Das FND umfasst die Forstabteilung 211a1 des
Forstreviers Berggießhübel mit einer Fläche
von 1,54 ha. Nach den Erkenntnissen der forst-
lichen Standorterkundung gehört das Gebiet
zur Makroklimaform „Glashütter Klimaausbil-
dung“ und umfasst die unteren Lagen des Mit-
telgebirges und Hügellandes (siehe Tab. 1) mit
feuchtem Klima (Uf).
Aus naturräumlicher Sicht muss das Gebiet als
Teil des „Unteren Osterzgebirges“ betrachtet
werden und repräsentiert die colline bzw.
hochcolline Höhenstufe (Gottleubaer Bergland,
Osterzgebirgsflanke).
Die Fläche des FND ist in einer Höhenlage von
420 m über NN schwach nach Norden geneigt
mit leicht welligen, stellenweise blockbestreu-
ten Abschnitten im Anschluss an eine Hangver-
ebnung. Die auf Markersbacher Biotitgranit
ausgeprägte Lokalbodenform BaGt-5 (Bahraer
Granit-Braunerde) umfasst steinig-grusige, san-
Tab. 1:
Charakteristik der „Glashütter Klimaausbildung“ (VEB FORSTPROJEKTIERUNG 1973)
Höhe über NN
Zahl der Tage über 10°C
Jahresmittel N / T
(Trockenheitsindex) Ti
300 m – 450 m
140 – 150
730 – 850 mm
40 – 50
7,0 – 8,5°C

image
Abb. 1: FND „Buchenberg westlich Klarenswiese“
Foto K. Noritzsch
32
dige Lehme bis schluffige Lehme und gehört
zur Standortgruppe TM2, welche die frischen
bis mäßig frischen Standorte mit mittlerer
Nährkraft charakterisiert.
Als natürliche Waldgesellschaft ist ein collin-
submontaner Traubeneichen-Buchenwald
(Luzulo-Fagetum M
EUSEL 1937, Melampyro-
Fagetum OBERDORFER 1957, Luzulo-Querco-
Fagetum F. K. HARTMANN 1953) ausgebildet,
dessen flächenkonkrete Form als Subasso-
ziation Luzulo-Fagetum myrtilletosum (M
AYER
1997) bezeichnet wird.
Seit den 1960er Jahren bis etwa 1990 haben
starke Immissionsbelastungen, in der Haupt-
sache durch SO
2
, den Buchenbestand nach-
haltig beeinflusst.
FND „Rotbuchen-Altholz
am Birkenweg bei Hellendorf“
Das Schutzgebiet umfasst 2,10 ha der Forstab-
teilung 205b7 des Forstreviers Markersbach.
Das FND ist der Landschaftseinheit „Osterz-
gebirgsflanke“ zugehörig und wird durch die
„Lauensteiner Klimaausbildung“ charakteri-
siert. Diese stellt eine relativ trockene, im Lee-
bereich des Osterzgebirges liegende und bis
ins Gebiet von Rosenthal reichende Klimaaus-
bildung dar. Aus naturräumlicher Sicht ist es
ein Teil des „Unteren Osterzgebirges“, wird
aber administrativ dem Landschaftsschutz-
gebiet „Sächsische Schweiz“ zugeordnet.
Diese Klimaausbildung repräsentiert die mitt-
leren Lagen des Mittelgebirges mit feuchtem
Klima, somit die submontane Höhenstufe
(siehe Tab. 2).
Die in einer Höhenlage von 480 – 500 m über
NN liegende Fläche umfasst einen W-SW-
exponierten, steilen, teilweise stein- und
blockbestreuten, welligen Hangabschnitt. Oel-
sengrund-Gneis-Braunerde (OgGn-5h) und
Hirschberg-Gneis-Braunerde (HgGn-5h) sind
die vorkommenden Lokalbodenformen auf
Biotitgneis mit wechselndem Skelettanteil
(HgGn-5h – skelettreicher). Bodentypologisch
sind typische und podsolige Braunerden vor-
handen. Diese Lokalbodenformen werden der
Standortsgruppe TM2 zugeordnet (mittelfrisch,
mäßig nährstoffhaltig).

image
33
Das Schutzgebiet stellt einen artenarmen Hain-
simsen-Rotbuchenwald in der Subassoziation
von Waldreitgras (Luzulo-Fagetum calamagro-
stidetosum arundinacaeae M
EUSEL 1937) dar.
3
Struktur und Entwicklung der
Bestände – Methodik der Erfassung
Zur Untersuchung der horizontalen Struktur
von Waldbeständen bedient man sich bewähr-
ter Verfahren der Holzmesskunde (SCHNEIDER
1955). Bei der Vollkluppung von Beständen
werden die Brusthöhendurchmesser (BHD,
d
1,3
) in cm mit Rinde (m. R.) in 1,3 m Höhe über
dem Erdboden mit Hilfe einer Kluppe gemes-
sen, wobei forstüblich die untere „Klupp-
schwelle“ bei 7 cm d
1,3
m. R. liegt, auch als
Derbholzgrenze bezeichnet.
Um in den beiden FND auch den Jungwuchs
(Naturverjüngung) der Baumarten zu erfassen,
erfolgte die Messung schon ab 4 cm d
1,3
cm
m. R.
Auf Grund der Tatsache, dass ein Ausgleich
von Fehlern infolge von Auf- und Abrundungen
bei einer größeren Anzahl von Stämmen
geschieht, wurden mehrere Durchmesser zu
Durchmesserstufen vereinigt. Eine Zusam-
menfassung zu 4 cm-Durchmesserstufen hat
sich als zweckmäßig erwiesen.
Lediglich die Messung des Jungwuchses ab
4 cm erfolgte in einer 2 cm Durchmesserstufe
(4,0 cm – 6,99 cm). Einen Einblick in die hori-
Tab. 2:
Charakteristik der Lauensteiner Klimaausbildung (VEB FORSTPROJEKTIERUNG 1973)
Höhe über NN
Zahl der Tage über 10°C
Jahresmittel N / T
Trockenheitsindex Ti
> 450 m
125 – 140
800 – 900 mm
> 50
6,0 – 9,0°C
Abb. 2: FND „Rotbuchen-Altholz am Birkenweg“
Foto K. Noritzsch

image
image
34
zontale Struktur der Bestände ergibt die Aus-
wertung der Vollkluppung in Form von Stamm-
zahlverteilungskurven bzw. Stammzahlfre-
quenz (E
RTELD 1952, 1957). Zur graphischen
Darstellung der Stammzahlverteilung über den
Durchmessern werden die Stärkestufen auf
der Abszisse und die ermittelten Stammzahlen
auf der Ordinate aufgetragen. Eine Messung
der Oberhöhen mit Hilfe des Baumhöhenmes-
sers „Blume-Leiß“ diente der Einschätzung
der Leistungsfähigkeit der Baumarten im Ver-
gleich mit den Ergebnissen der Forsteinrich-
tung (Oberhöhenbonität). Aus den Forsteinrich-
tungsunterlagen konnten die Bestandsalter
ermittelt werden. GPS- Daten ermöglichten die
genaue Standortbestimmung der Höhlen-
bäume.
4
Auswertung der Messdaten
FND „Buchenberg westlich der
Klarenswiese bei Berggießhübel“
Das Alter des Bestandes ist mit 138 Jahren
(2004) ermittelt worden. Nach den Ergebnis-
sen der Vollkluppung aus dem Jahre 2004 ver-
teilen sich die Baumarten nach den Stamm-
zahlen (siehe Tab. 3).
Die Abb. 3 zeigt die Verteilung der Stammzah-
len nach Durchmesserstufen pro ha (Stamm-
zahl-Stärkefrequenz). Die Verteilung der Stamm-
zahlen für Rotbuche ist annähernd symme-
trisch und somit typisch für gleichaltrige,
einschichtige Bestände. Eine Ähnlichkeit mit
der theoretischen Verteilungskurve (Gauß`sche
Glockenkurve) ist gegeben (E
RTELD 1957, 1952,
Tab. 3:
Verteilung der Baumarten nach Stammzahlen
Baumart
Stammzahlen
n – absolut
%
n/ha
Rotbuche
311
85
202
Europäische Lärche
34
9
22
Hänge-Birke
21
6
14
Summe
366
100
238
Abb. 3: Stammzahlverteilung nach Durchmesserstufen für die Baumarten Rotbuche, Lärche
und Birke im FND „Buchenberg westlich der Klarenswiese bei Berggießhübel“
FND „Buchenberg westl.
Klarenswiese“ bei Berggießhübel
Forstrevier Berggießhübel
Abt. 211a
1
Vollkluppung 2004
Stammzahlverteilung nach Durchmesserstufen
N/ha
35
30
25
20
15
10
5
0
4 6 8 12 16 20 24 28 32 36 40 44 48 52 60 64 68 72 76
Rotbuche
Lärche
Birke
Mayer 2005
d
1,3
cm

image
35
W
ECK 1955). Es ist eine überdurchschnittliche
Stammzahlkonzentration in den mittleren
Durchmesserstufen festzustellen (Gipfelhöhe
der Stammzahlfrequenz).
Bestandesgeschichtliche Ermittlungen bezeu-
gen für die waldbauliche Behandlung der Ver-
gangenheit eine durchgängige Niederdurchfor-
stung, in deren Ergebnis die oben geschilderte
Ausprägung der Stammzahlverteilungskurve
erfolgt ist (D
UCHIRON 2000). Der Buchen-
bestand befindet sich zurzeit im „Horizontal-
schluss“. Anzustreben ist ein „ungleichmäßi-
ger Bestandschluss“ mit einer vertikalen
Strukturierung, in dem die Kronen den ganzen
vertikalen Raum ausfüllen. Die vorhandene Lär-
che befindet sich ebenfalls im Horizontal-
schlussgefüge wie die Rotbuche. Zwischen
4 cm und 20 cm ist die Birke als Pionierbaum-
art vorhanden. Erst die femelartige Auflichtung
im Jahre 1993 zum Zwecke der Einleitung der
Naturverjüngung führt in der Zukunft zur all-
mählichen Differenzierung und Strukturierung.
In der auf diese Art und Weise entstandenen
0,30 ha großen gezäunten Verjüngungsfläche
ist unter einem lichten Schirm von Birke Ver-
jüngung von Buche festzustellen. Zum Zeit-
punkt der Kluppung des Bestandes erreichten
die Jungbuchen noch nicht die Marke von 4 cm
Durchmesser. In der Behandlungs- und Pflege-
konzeption des FND ist künftig die Auflichtung
des Bestandschirmes zu Einleitung der Natur-
verjüngung vorgesehen.
Zur Abschätzung des Leistungsvermögens der
Baumarten auf dem Standort werden Ober-
höhen gemessen und mit dem jeweiligen
Bestandesalter zur Grundlage einer Bonitierung
verwendet (DGZ100-Bonität = durchschnittli-
cher Gesamtzuwachs im Alter von 100 Jahren).
Der 138 Jahre alte Bestand mit einer ermittel-
ten Oberhöhe von 33 m erreicht eine Bonität
von sieben. Das entspricht einer relativen
Ertragsklasse von II.0 und ist Ausdruck einer
guten Zuwachs- und Ertragsleistung .
Erfassung der Höhlenbäume
Eine genauere Verteilung der Höhlenbäume in
der Fläche war durch die Ermittlung der GPS-
Daten (Abb. 4) möglich. Aus dieser Skizze ist
ersichtlich, dass keine gleichmäßige Verteilung
vorhanden ist, sondern eine „clustermäßige“
Ausprägung – ein gehäuftes Auftreten sowohl
innerhalb, als auch außerhalb der eingezäunten
Fläche – festzustellen ist. Ermittelt wurden 25
Höhlenbäume, ausschließlich Rotbuchen.
Die Höhe der Höhlen am Baum betrug im
Durchschnitt 9,65 m. Die Erfassung der Höhlen
und ihre Zuordnung zu den beiden Spechtarten
(Bunt- und Schwarzspecht) erfolgte gutachter-
lich auf Grund längerer Erfahrungen und ört-
licher Kenntnisse. Der Versuch über Qualitäts-
merkmale der Bäume (Z-Stämme, Stämme mit
Tab. 4:
Übersicht der ermittelten Parameter zu den Höhlenbäumen im FND „Buchenberg
westlich der Klarenswiese bei Berggießhübel“
Parameter
Anzahl
Anzahl pro Fläche
absolut
n/ha
Höhlenbäume
25
16
mittlerer d
1,3
der Höhlenbäume
48 cm
-
Baumhöhlen
33
21
Davon Buntspecht
8
5
Davon Schwarzspecht
25
16
Abb. 4: Verteilung der Höhlenbäume im FND
„Buchenberg westlich der Klarens-
wiese bei Berggießhübel“
FND „Buchenberg westl.
Klarenswiese“
bei Berggießhübel
2004
Verteilung der
Höhlenbäume
Mayer 2005
211a
3

image
36
Tab. 5:
Anteile der Baumarten
Baumart
Stammzahlen
n – absolut
%
n/ha
Rotbuche
1138
83
542
Hänge-Birke
221
15
100
Trauben-Eiche/ Eberesche
19
2
9
Summe
1368
100
651
Tab. 6:
Übersicht zur natürlichen Verjüngung
Baumart
Stammzahlen
n – absolut
%
n/ha
Rotbuche
394
77
188
Hänge-Birke
102
20
48
Trauben-Eiche/Eberesche
15
3
7
Summe
511
100
243
geringem Fehler, Stämme mit größeren Feh-
lern, schlecht geformte Vorwüchse, Zwiesel
u.s.w.) zu einer fundierten Aussage über Bevor-
zugung bestimmter Baumtypen zu kommen,
erwies sich als nicht tauglich. Allgemein ist aber
eine Bevorzugung glatter, durchgehender
Schäfte zur Anlage von Höhlen festzustellen.
Die in Abb. 5 dargestellte Verteilung der Baum-
höhlen nach Exposition lassen erkennen, dass
Expositionen W bis NW bevorzugt werden.
Der Anteil an Totholz ist als sehr gering ein-
zuschätzen, da lediglich drei abgestorbene
Birken (stehend) bei der Vollkluppung erfasst
worden sind.
FND „Rotbuchen-Altholz
am Birkenweg bei Hellendorf“
Das Rotbuchenaltholz hat ein Alter von 175
Jahren (2004). Nach den Ergebnissen der Voll-
kluppung ergaben sich Anteile der Baumarten
entsprechend der Tab. 5.
Die Messungen der vorhandenen Baumarten
von 4,00 – 6,99 cm gestatten einen umfassen-
den Einblick in die natürliche Verjüngung (siehe
Tab. 6).
Während die Birke im Wesentlichen einen
lockeren Schirm bildet, sind Buche, Trauben-
Eiche und Eberesche für die Verjüngung des
Bestandes wichtige Baumarten. Der Anteil der
Buche mit 77 % ist als völlig ausreichend für
die neue Baumgeneration anzusehen.
Die in Abb. 6 dargestellten Stammverteilungs-
kurven zeigen die für Naturwälder typische
Ausprägung. K
ORPEL (1995) gibt für die Urwäl-
der der Buchenvegetationsstufe der Westkar-
paten eine Reihe von ähnlichen Kurventypen
an. Der Kurvenverlauf der Rotbuche gibt die
Bestandessituation exakt wieder: In den
schwächsten Durchmesserstufen (4,0 – 12,0 cm)
kommt die Verjüngung des Bestandes zum
Ausdruck, während die stärkeren Stärkestufen
eine flache Kurve bis zum Durchmesser 114 cm
ausbilden. Die Birke ist als Pionierbaumart zu
Abb. 5: Verteilungsmuster der Baumhöhlen
nach der Exposition im FND
„Buchenberg westlich der Klarens-
wiese bei Berggießhübel“
Verteilungsmuster der Baumhöhlen
nach der Exposition
FND „Buchenberg westl. Klarens-
wiese“ bei Berggießhübel
Erfassung 2004
Abt. 211a
1
Größe 1,54 ha
Exp.
n
N4
NO
3
O3
SO
1
S-SO
1
S5
SW
3
W9
NW
4
Σ
33
Mayer 2005

image
image
37
interpretieren. Der Anteil der Traubeneiche ist
sehr gering.
Eine Erklärung für den Kurvenverlauf gibt die
bisherige Bestandsgeschichte. So sind seit
mindestens 1970 – also etwa 34 Jahre! – kein-
erlei Hiebsmaßnahmen durchgeführt worden.
Durch natürliche Absterbeprozesse und
dadurch hervorgerufene Lückenbildungen
konnte sich Naturverjüngung etablieren,
ebenso durch Seitenlicht, als Folge der starken,
mehrere Jahrzehnte andauernden Immissions-
einwirkungen von vorwiegend SO
2
auf die
angrenzenden Fichtenbestände und deren all-
mählicher Auflösung. Der gegenwärtige
Bestockungsgrad wird mit 0,6 angegeben.
Die starke Abflachung des Kurvenverlaufs der
Buche spiegelt eine zunehmende horizontale
Differenzierung des Bestandes über alle vor-
handenen Durchmesserstufen wider. Eine ver-
tikale Strukturdifferenzierung wird sicherlich
noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Erkennbar ist, dass die Stammzahlenvertei-
lungskurve des FND „Buchenberg westlich der
Klarenswiese bei Berggießhübel“ unter einer
forstlichen Behandlung (Niederdurchforstung)
eine völlig gegensätzliche Ausprägung erfahren
hat als die des FND „Rotbuchen-Altholz am
Birkenweg bei Hellendorf“.
Totholz
Im Zusammenhang mit der Vollkluppung
wurde auch das vorhandene liegende und ste-
hende Totholz – neben dem hohen Bestandes-
alter ein wichtiges Kriterium für die Naturnähe
– erfasst und gemessen:
Die Gesamtsumme an Totholz beträgt 35,36
m
3
, das entspricht 16,84 m
3
17 m
3
/ha. Die
Geschwindigkeit der Zersetzung des liegenden
Totholzes ist abhängig von der Baumart (Laub-
holz, Nadelholz), dem Wuchsort (Bergland,
Flachland) und der Holzqualität. Die Rotbuche
zersetzt sich im Vergleich zu anderen Baumar-
ten (Eiche) ziemlich rasch, so dass größere
Holzmengen nur wenige Jahrzehnte überdau-
ern. Stehendes Totholz kann über lange
Zeiträume im Bestand verbleiben. Die Totholz-
menge von 17 m
3
/ha ist eine beachtliche
Menge, vergleicht man Zahlen, die für bayri-
Abb. 6: Stammzahlverteilung nach Durchmesserstufen im FND „Rotbuchen-Altholz am Birken-
weg bei Hellendorf“
Stammzahlverteilung nach Durchmesserstufen
Mayer 2005
N/ha
140
130
120
110
100
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0
144
4 6 8 12 16 20 24 28 32 36 40 44 48 52 60 64 68 72 76 80 84 88 92 96 100 114
d
1,3
cm
FND „Rotbuchen-Altholz am
Birkenweg bei Hellendorf”
Forstrevier Markersbach
Abt. 205b
7
Vollkluppung 2004
Rotbuche
Birke
Traubeneiche
Eberesche

image
38
Abb. 7: Verteilung de Höhlenbäume im FND
„Rotbuchen-Altholz am Birkenweg
bei Hellendorf“
sche Naturwaldreservate zwischen 9 m
3
/ha bis
95 m
3
/ha angegeben werden (zit. in SCHERZIN-
GER 1996). Von den 26,08 m
3
Totholz liegend
sind bereits 9,67 m
3
oder 37 % zerfallen bis
stark zerfallen.
Erfassung der Höhlenbäume
Aus der Skizze über die Verteilung der Höhlen-
bäume (Abb. 7) ist eine gewisse Häufung in
bestimmten Bereichen der Fläche festzustellen.
Im Durchschnitt befinden sich die Höhlen
9,23 m über dem Erdboden. Die in Abb. 8 dar-
gestellte Häufigkeit der Baumhöhlen nach
Exposition lässt keine eindeutige Abhängigkeit
erkennen, jedoch werden südliche und östliche
Expositionen bevorzugt.
Für das Rotbuchenaltholz mit einem Alter von
175 Jahren und einer gemessenen Oberhöhe
von 37 m konnte eine DGZ100-Bonität von 8
Tab. 8:
Totholz liegend
Baumart
Mittendurch-
Länge in m
Inhalt in m
3
Zustand
messer in cm
(Zersetzung)
Rotbuche
41
14
1,85
frisch
Rotbuche
25
2
0,10
stark zerfallen
Rotbuche
49
10
1,89
frisch
Rotbuche
29
13
0,86
frisch/Zwiesel
Rotbuche
36
13
1,32
frisch/Zwiesel
Rotbuche
62
2
0,60
frisch
Rotbuche
54
22
5,04
frisch
Rotbuche
46
22
3,66
zerfallen
Rotbuche
56
24
5,91
stark zerfallen
Rotbuche
48
21
3,80
frisch
Rotbuche
28
17
1,05
frisch
n = 10
Summe
= 26,08m
3
Tab. 7:
Totholz stehend
Baumart
d1,3
Höhe in m
Bemerkung
Inhalt in m
3
Rotbuche
47
4
Baumstumpf
0,35
Rotbuche
91
7
Baumstumpf
2,28
Rotbuche
98,5
2,5
Baumstumpf
0,95
Rotbuche
42
30
2,08
Trauben-Eiche
42
26
1,80
Trauben-Eiche
40
29
1,82
n = 6
Summe = 9,28 m
3
FND „Rotbuchen-Altholz“ am
Birkenweg bei Hellendorf 2004
Verteilung der
Höhlenbäume
Mayer 2005

image
39
ermittelt werden, welche einer relativen Ertrags-
klasse von I.4 entspricht. Dies weist auf eine
sehr gute Zuwachs- und Ertragsleistung hin.
5
Zur faunistischen Bedeutung der FND
In beiden betrachteten Rotbuchenbeständen
sind die Höhlen fast ausschließlich vom
Schwarzspecht angelegt worden. Nur ein
geringer Anteil ließ sich den kleineren Specht-
arten (Buntspechte) zuordnen. Eine natürlich
entstandene Höhle wurde registriert.
Da der Schwarzspecht zwar nicht alljährlich,
doch aller paar Jahre neue Höhlen zur Brut
anlegt, ist er eine wichtige Schlüsselart im
Waldökosystem. Seine Höhlen sind in allen
Zerfalls- und Entwicklungsstufen sehr bedeu-
tungsvoll für viele andere Tierarten, nicht nur
für Vögel, auch für Insekten und Kleinsäuger.
So wurden von M
EYER (2001) in Thüringen 19
Wirbeltierarten in Schwarzspechthöhlen gefun-
den. Die Größe der Schwarzspechthöhlen ist
für viele dieser Faunenelemente optimal. Zum
Höhlenbau bevorzugt der Schwarzspecht
Bäume, die einen astfreien Schaft besitzen, der
zudem einen Mindestdurchmesser und eine
ausreichende Höhe aufweisen sollte. Die Bau-
mart Rotbuche ist auf Grund ihres starken
Durchmessers, ihrer Geradschaftigkeit, Rotkern-
ausbildungshäufigkeit und Windbruchgefähr-
dung nachweisbar bevorzugt. So nahm die Rot-
buche bei den von M
EYER (2001) untersuchten
570 Höhlenbäumen einen Anteil von 88 % ein.
In der Region um Berggießhübel ist die Rot-
buche die fast ausschließlich zum Höhlenbau
verwendete Baumart. S
EICHE (1993) rechnet
erst bei Altersklassen der Rotbuche über 120
Jahre mit einer Eignung zum Höhlenbau. In der
vorliegenden Untersuchung konnte keine
Bevorzugung einer bestimmten Himmelsrich-
tung bei der Anlage des Bruthöhleneinganges
festgestellt werden. Dies deckt sich auch mit
den Beobachtungen von MEYER (2001).
2005 wurde bei Kontrollen in jedem FND der
Schwarzspecht mit je einem Paar festgestellt,
die Hohltaube war ebenfalls mit mehreren
Brutpaaren vertreten. Nach MEYER (2001) ist
die Hohltaube gleichsam der produktivste
Nachnutzer von Schwarzspechthöhlen und übt
auf Grund ihrer Stellung im Nahrungsnetz
einen nicht unwesentlichen Einfluss auf ihre
Prädatoren aus. Im FND „Buchenberg westlich
der Klarenswiese bei Berggießhübel“ wurden
sowohl Grün- als auch Grauspecht verhört. In
den vergangenen Jahren und Jahrzehnten
wurde von G. M
ANKA (Fachgruppe Ornithologie
Pirna) regelmäßig der Rauhfußkauz registriert.
Diese Art ist wie die Hohltaube ebenfalls auf
Schwarzspechthöhlen angewiesen. Nach
UPHUES (2004) brütet diese Eulenart bevorzugt
in Altholzbeständen mit einem gehäuften
Vorkommen von Bruthöhlen, sogenannten
Höhlenzentren. Im FND „Rotbuchen-Altholz
am Birkenweg bei Hellendorf“ fanden sich in
Abb. 8: Verteilungsmuster der Baumhöhlen
nach der Exposition im „Rotbuchen-
Altholz am Birkenweg bei Hellen-
dorf“
Tab. 9:
Übersicht der ermittelten Daten
Parameter
Anzahl
Anzahl pro Fläche
absolut
n/ha
Zahl der Höhlenbäume
23
11
Mittlerer d
1,3
der Höhlenbäume
73cm
Anzahl der Baumhöhlen
32
15
davon Buntspecht
3
1,5
davon Schwarzspecht
29
14
Exp.
n
N 4
NO
1
O7
SO
1
S7
SW
3
W4
NW
5
Σ
32
Mayer 2005
Verteilungsmuster der Baumhöhlen
nach der Exposition
FND „Rotbuchen-Altholz am
Birkenweg bei Hellendorf“
Erfassung 2004

image
40
einem zerfallenden Stamm Hautflüglerwaben.
An Hand der registrierten Arten wird die heraus-
ragende ökologische Bedeutung höhlenreicher
Altholzinseln, die oft auch mit einem erhöhten
Totholzanteil ausgestattet sind, deutlich sicht-
bar. Auf Grund der Rauchschadsituation im
Osterzgebirge in den 1980er Jahren und einem
dadurch zwangsläufig bedingten frühzeitigen
Einschlag der geschädigten älteren Bestände ist
in diesem Bereich zur Zeit ein sehr hoher Anteil
von jüngeren Beständen vorhanden. Die weni-
gen älteren Rotbuchenbestände sind somit
wertvolle Relikte und Rückzugsorte geworden.
In den nächsten Jahren werden wenige Laub-
holzbestände in Alters- und Durchmesserdimen-
sionen einwachsen, die den Anforderungen der
oben genannten Arten entsprechen.
Die zwei FND haben somit eine herausragende
Bedeutung für den Artenschutz im angrenzen-
den Wirtschaftswald und sollten unbedingt
erhalten werden.
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Abb. 9: Totholz mit Zunderschwamm (Fomes fomentarius) im FND „Rotbuchen-Altholz
am Birkenweg“
Foto: K. Noritzsch

image
1 Einführung
In ihrer Studie über die Pflanzengesellschaften
der erzgebirgischen Moore verweisen KÄSTNER
& FLÖSSNER (1933) bei etwa 20 der 60 von
ihnen untersuchten Hochmoore auf Vorkom-
men der Spirke.
Die Spirke (Pinus rotundata LINK grex arborea),
eine Kleinart aus dem Verwandtschaftskreis
der Berg-Kiefer (Pinus mugo agg.), besiedelt
als Baumart nährstoffarmer Moore in Europa
die höheren und niederen Gebirgslagen der
submeridionalen bis südlich-temperaten Zone
(R
OTHMALER 1996). Im Erzgebirge erreicht sie –
mit dem gesamten Formenkreis der Art –
innerhalb Deutschlands ihre natürliche Nord-
grenze (KÄSTNER & FLÖSSNER 1933; BENKERT et
al. 1996 [Karte 1359]). Hier findet sie sich,
zusammen mit der Kussel- und der Latschen-
form, in allen Altersstufen auf den Gehänge-
mooren der Kammlagen und der nördlichen
Gebirgsabdachung. Zahlreiche ihrer hiesigen
natürlichen Standorte waren, zum Teil über
Jahrhunderte, auch für die Torfgewinnung
interessant, was schließlich zu einem deut-
lichen Rückgang der Art und ihrer Wuchsfor-
men führte. Nach der Roten Liste der Pflanzen-
gesellschaften Deutschlands (RENNWALD et al.
2000) gehört somit der Spirken-Moorwald bun-
desweit zu den
gefährdeten, in Ostdeutsch-
land nach KNAPP et al. (1985) sogar zu den stark
gefährdeten Wald-Ökosystemen.
Zu den einst reichen Vorkommen der Spirke im
Erzgebirge gehörte das Hochmoor von Jahns-
grün. Es liegt ca. 6 km südwestlich der Stadt
Schneeberg und 1,5 km südöstlich der Sied-
lung Jahnsgrün bei 568 ... 563 m NN (TK 25,
Section Schneeberg). Seiner Topographie nach
ist es ein Moor in Sattellage (Sattelmoor), das
nach Norden und Nordosten über den Schnee-
berger Filzbach zum Filzteich, nach Südosten
über den Hundshübler Bach zur Zwickauer
Mulde entwässert (Abb. 1). Als mittlere Jahres-
niederschlagssumme verzeichnet die nahe-
gelegene Station Hartmannsdorf-Torfstich
(565 m NN) den Wert von 1009 mm (MHD
1961). Die Jahresmitteltemperatur liegt bei
etwa 6° C (MHD 1955).
Vom Standort her gehörte das Jahnsgrüner
Moor zu den armen, stark sauren, rein organi-
schen Ablagerungen von Ried-, Moos-, Wald-
und Heidetorf in einer Mächtigkeit von meist
1 – 6 m der Standortsformengruppe OE H1
(Spirkenreiche Hochmoore). Den Untergrund
bildet die Verwitterungsdecke des Eiben-
stocker Granits (normaler, grobkörniger Turma-
lingranit von Eibenstock; Gt der Geologischen
Karte). K
ÄSTNER & FLÖSSNER (1933, Zitat, S. 191)
bezeichnen es als „ein ziemlich trocknes Spir-
kenmoor ... mit Zwergsträuchern in der Feld-
schicht und Cladonia rangiferina und Leuco-
bryum glaucum in der Bodenschicht“. Sie
erwähnen aber auch die Schlenken mit Sphag-
num cuspidatum und einen durchgehenden
nassen Streifen mit Eriophorum vaginatum.
Schon die Messtischblatt-Ausgabe von 1876
verzeichnet im Bereich des Moores selbst
einen ausgedehnten Torfstich; drei weitere
Torfstiche lagen – der gleichen Quelle nach – in
der nahen Umgebung. Dies und die Bezeich-
nung der von Hartmannsdorf und Bärenwalde
heraufführenden Zufahrtsstraße als „Torf-
Strasse“ bezeugen, dass hier seit langem Torf
gestochen wurde. Das hiesige Spirkenmoor
hatte wohl schon seit über 100 Jahren Schritt
für Schritt an Fläche verloren. Trotzdem galt es
um 1950 noch als das am besten erhaltene erz-
gebirgische Spirkenmoor in Sachsen. Ange-
sichts dieser Tatsache beantragte der Staat-
liche Forstwirtschaftsbetrieb Zwickau als
Rechtsträger der Fläche für die Abteilungen
15 e, 16 f, und 23 a des Reviers Lichtenau in
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 41–52
Das Hochmoor bei Jahnsgrün im Erzgebirge
Karl Heinz Großer, Steffen Wolters, Jörg Schaarschmidt
41

image
image
image
42
der Oberförsterei Hartmannsdorf (zusammen
11,19 ha; siehe Abb. 4) am 15. August 1957
die Unterschutzstellung als Waldschutzgebiet
(Naturschutzgebiet). Mit Wirkung vom 21.
Januar 1958 wurde daraufhin durch den Rat
des Bezirkes Karl-Marx-Stadt die „Einstweilige
Sicherung als NSG“ verfügt. Die Bestockung
bildeten nach dem Betriebswerk vom 1. Januar
1958 Spirke (bis 138-jährig) und Fichte (3- bis
85-jährig) im Verhältnis von ca. 80:20. Die
größte Teilfläche – Abt. 16 f mit 7,67 ha – war
als Saatgutbestand der Spirke ausgewiesen.
Abb. 1: Lage des Hochmoores Jahnsgrün, Ausschnitt aus dem Messtischblatt 5441 (Schnee-
berg) aus dem Jahre 1910
Abb. 2: Restbestand der Spirke im
Hochmoor Jahnsgrün, September
1959
Foto: Archiv LfUG, K. H. Großer
Abb. 3:
Bergkiefern-Moorgehölz im Hoch-
moor Jahnsgrün mit Naturverjün-
gung der Spirke, September 1959
Foto: Archiv LfUG, K. H. Großer

43
2
Schutz oder Vernichtung
von Naturressourcen?
Heftigen Widerstand gegen die eingeleiteten
Schutzmaßnahmen gab es seitens des VEB
Torfwerk Hartmannsdorf, der den Torfstich
nördlich des Spirkenmoores weiter betrieb und
auf eine schrittweise Ausweitung der Abbau-
fläche drang.
Nach den einschlägigen geowissenschaft-
lichen Gutachten (M
ÖBUS in litt.) begann das
Torfstechen bereits vor 600 Jahren. Nachrich-
ten aus dem Jahr 1791 zufolge war der Torf-
stich damals die Sommerbeschäftigung der
sonst im Wintereinschlag tätigen Waldarbeiter.
1924 wurde der Betrieb aus wirtschaftlichen
Gründen eingestellt, u. a. als Folge eines Ver-
bots der Frauenarbeit. Schuppen und Gerät
wurden verkauft. 1946 wurde der Torfstich
wieder aufgenommen, zuerst (?) durch das
Staatsforstrevier Hartmannsdorf, ab 1. Juni
1947 durch den Betrieb Torfverwertung m. b.
H. Dresden. Die verfügbare Torfmenge wurde
mit 687.950 m
3
angegeben (nach anderer
Quelle 670.000 m
3
, davon 340.000 m
3
Weißtorf [Zersetzungsgrad H < 4; rd. 34.000 t
lufttrockene Torfmasse] und 330.000 m
3
Schwarztorf [H 5-9; rd. 49.000 t lufttrockene
Torfmasse]). Da gerade der Weißtorf als Sub-
strat in der Zierpflanzenproduktion zu Beginn der
60er Jahre (und wohl auch später) ein lukrativer
Posten im Exportgeschäft der DDR war, führte
der seit Verfügung der Einstweiligen Sicherung
des „Hochmoores Jahnsgrün“ als NSG aufge-
brochene Interessenkonflikt zwischen Torfwirt-
schaft und Naturschutz letztendlich zu der Ent-
scheidung der Hauptabteilung Forstwirtschaft
beim Landwirtschaftsrat der DDR, dass der
Torfabbau in schrittweiser Abstimmung zwi-
schen StFB Zwickau und VEB Torfwerk Hart-
mannsdorf weitergeführt werden könne. Einer
Mitteilung der Zentralen Naturschutzverwal-
tung an den Direktor des ILN Halle zufolge
wurde der Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt als
Bezirksnaturschutzverwaltung angewiesen, die
Einstweilige Sicherung des „Hochmoores
Jahnsgrün“ als NSG aufzuheben; zusätzlich
war festgelegt worden,
„... daß die Räumung
der Fläche, die zugunsten des Torfwerkes
nötig ist, im Interesse der wissenschaftlichen
Auswertung des Objekts nur entsprechend
dem jährlichen Abbaubedarf des Torfwerkes
erfolgen soll“
(Nachricht ILN an Institut für
Forsteinrichtung und Standorterkundung Pots-
dam vom 30. Januar 1961). Die wissenschaftli-
che Auswertung begann im August 1961 mit
Vegetationsaufnahmen und der Anlage und
Aufnahme eines Bestockungsprofils durch K.
H. Großer (ILN Halle) und Willy Flößner (Natur-
schutzbeauftragter des Kreises Marienberg).
Bereits 1960 hatte Dr. Peter Hentschel (ILN
Halle) die Stammanalyse einer 8,45 m hohen
Spirke bearbeitet. Im November 1962 folgte
Karte 2
Hochmoor Jahnsgrün
als NSG vorgesehene Fläche
nach dem Zustand um 1960
23 b
<
(vor der totalen Devastation)
<
<
||
Torfstich
<
||
||
||
||
<
<
||
||
||
||
<
<
23 a
|| || ||
<
<
<
<
|| || ||
15 e
<
|| || ||
<
<
Nord
<
<
|| ||
<
<
24 a
<
|| ||
<
<
16 f
<
15 c1
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
12
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
<
liegende Fichte
<
Bestockungsprofil
0
50
100
150
200 m
Spirke
<
<
Fichte
offenes Moor
||
||
Kahlfläche
Windwurf
Fließgewässer
Graphische Bearbeitung: K. H. Großer 2005
Abb. 4: Hochmoor Jahnsgrün. Als NSG vorgesehene Fläche nach dem Zustand von 1960
(vor der totalen Devastation)

image
44
die Entnahme eines Torfprofils zur pollenanaly-
tischen Untersuchung, die 1964 durch Dr.
Hanna Müller (Aschersleben) vorgenommen
wurde. Zu weiteren Bearbeitungen kam es
damals leider nicht mehr.
3
Die Vegetation des Moores
Der Darstellung der Vegetationsverhältnisse
liegen zwölf Vegetationsaufnahmen zugrunde
– sechs im bewaldeten Teil des Moores
(Tabelle 1) und sechs in den waldfreien Moor-
bereichen (Tabelle 2). Tabelle 1 zeigt die ört-
lichen Ausbildungen des Bergkiefernmoores
(Vaccinio mugetum O
BERD. 34), nach OBERDOR-
FER (1957) einer subarktisch-alpinen Reliktge-
sellschaft der Späteiszeit, hier in ihrer ostherzy-
nischen Rasse. Die Bestände werden im
Wechsel teils von der Spirke (Pinus rotundata
grex arborea), teils von der Fichte (Picea abies)
beherrscht; sehr vereinzelt tritt auch die Wald-
Kiefer (Pinus sylvestris) auf. Als Begleitgehölze
erscheinen Moor- und Sand-Birke (Betula pube-
scens, B. pendula), Eberesche (Sorbus aucupa-
ria), Ohr-Weide (Salix aurita) und Faulbaum
(Frangula alnus). In der Bodenvegetation finden
sich mit hoher Stetigkeit die für mitteleuropäi-
sche Nadelwälder verbreitet kennzeichnenden
Arten der
Myrtillus-Gruppe (vgl. PASSARGE &
HOFMANN 1964): Heidelbeere (Vaccinium myrtil-
lus), Preiselbeere (V. vitis-idaea), Heidekraut
(Calluna vulgaris), seltener Drahtschmiele
Tab. 1:
Vegetationstabelle des bewaldeten
Teils des Hochmoors Jahnsgrün
Aufnahme Nr.
1
2
3
4
5
6
soz.AGr.
Artenzahl
12
22
+
)
22
32
19
13
B1
Bx
Pinus rotundata grex arborea
3
4
3
+
1
.
B3
Picea abies
+
.
+
4
4
.
B6
Pinus sylvestris
... 1
+
.
B2
Bx
Pinus mugo
3
.....
B3
Picea abies
..13..
St
Bx
Pinus mugo
3
3
+
+
.
+
B3
Picea abies
+
1
2
+
2
+
B1
Betula pubescens
... +
.
+
B6
Sorbus aucuparia
.. +
1
2
+
B6
Betula pendula
..++..
St1
Salix aurita
... +
+
.
St2
Frangula alnus
....+ .
F
67
Vaccinium myrtillus
3
3
3
3
2
3
67
Vaccinium vitis idaea
.
+
.
1
1
+
67
Calluna vulgaris
+
+
+
+
.
+
67
Avenella flexuosa
.. +
1
3
.
67
Melampyrum pratense
... +
..
67
Galium saxatile
....2 .
27
Vaccinium uliginosum
1
2
2
+
..
18
Eriophorum vaginatum
2
1
.
+
.
3
18
Andromeda polifolia
+
.. +
..
18
Oxycoccus palustris
.
+
.
+
.
2
17
Eriophorum angustifolium
... +
.
+
17
Carex nigra
... +
..
23
Equisetum palustre
... +
..
34
Calamagrostis villosa
... +
3
+
34
Dryopteris austriaca
.. +
.
+
+
62
Trientalis europaea
... 1
2
.
62
Majanthemum bifolium
... +
1
.
26
Molinia caerulea
+.+1..
26
Potentilla erecta
... +
..
26
Succisa pratensis
... +°
..
24
Deschampsia caespitosa
....+ .
61
Epilobium angustifolium
....+ .
jg.
Pinus mugo jg.
.
1
....
Picea abies jg.
.
1
....
Pinus sylvestris jg.
......
M
15
Sphagnum recurvum
4
3
+
1
.
5
16
Sphagnum medium
21+
...
xx
Sphagnum robustum
.. +
+
.
15
Aulacomnium palustre
.
+
....
64
Pleurozium schreberi
1
1
2
1
..
63
Dicranum scoparium
.
1
2
...
64
Pohlia nutans
..1+..
61
Dicranella heteromalla
.. +
...
62
Polytrichum formosum
... +
1
.
xx
Plagiothecium succulentum
.
+
...
31
Tetraphis pellucida
.
+
+
...
65
Lophocolea bidentata
... +
1
.
xx
Mylia anomala
.
2
....
xx
Calypogeia paludosa
.
+
....
xx
Calypogeia neesiana
.
+
....
xx
Calypogeia trichomanes
.
+
.
+
..
xx
Cephalozia connivens
.
+
....
xx
Cephalozia bicuspidata
+
.....
xx
Bazzania trilobata
.
1
+
...
31
Lepidozia reptans
.
1
....
66
Ptilidium ciliare
.. +
...
xx
Cladonia chlorophaea
.. +
...
xx
Cladonia incrassata
.. +
...
Trametes abietina (Dirks.) Pilat
seltener
--
--
-
Fund!
Vegetationsaufnahmen:
W. Flößner (1und 3 bis 6) 02.08.1961; K. H. Großer (2) 21.05.1956
Herkunft der Aufnahmen:
5 (F1b): oberer Teil (des Moores)
1 (F6): an der Trasse bei 75-m-Punkt;
6 (F4a): Lagg oder Vernässung an der
2 (Gr): Abt. 23 a Rev. Lichtenau *)
Ost-Ecke des Moores. Fichtengruppen
3 (F3): am Moorgehänge über dem Bach
*) Moose det. H. Reimers (Berlin-Dahlem) und
4 (F1a): in der Ecke von A und B
E. Glotz (Görlitz
Abb. 5: Torfstich des VEB Torfwerk Hart-
mannsdorf, September 1959
Foto: Archiv LfUG, K. H. Großer

image
45
(Avenella
flexuosa) und Wiesen-Wachtelwei-
zen (Melampyrum pratense), dazu das Harz-
Labkraut (Galium saxatile). Charakteristisch für
die Hochmoorgesellschaft ist die Rauschbeere
(Vaccinium uliginosum) im Verein mit Schei-
den-Wollgras (Eriophorum vaginatum), Rosma-
rinheide (Andromeda polifolia), Moosbeere
(Oxycoccus palustris) und den Moosen Sphag-
num recurvum, Sph. medium, Sph. robustum
und Aulacomnium palustre. In den von der
Fichte beherrschten Bereichen (Aufn. 4 und 5)
der Gesellschaft finden sich neben den Moor-
arten auch Vertreter der Fichtenwaldgesell-
schaften wie Berg-Reitgras (Calamagrostis
vil-
losa) oder Siebenstern (Trientalis europaea).
Aufnahme 6 repräsentiert einen lichten Jung-
bestand der Gesellschaft mit deutlichen Ver-
moorungserscheinungen.
Tabelle 2 vermittelt einen Eindruck von der
Vegetation der waldfreien Moorbereiche. Im
ersten Teil (Aufn. 1 – 3) sind es von der Schna-
bel-Segge (Carex rostrata) beherrschte Nass-
stellen, die mit Scheiden-Wollgras (Eriophorum
vaginatum) und Sphagnum recurvum teils
Ansätze zur Hochmoorbildung (Aufn. 2), teils
mit Pfeifengras (Molinia caerulea), Flatter-Binse
(Juncus
effusus) und Weißem Straußgras
(Agrostis stolonifera) eher Anzeichen einer
anthropogenen Entwicklung zum Zwi-
schenmoor erkennen lassen (Aufn. 3). Im zwei-
ten Teil (Aufn. 4 – 6) tritt die Hochmoorbildung
mit Scheiden-Wollgras,
Sphagnum recurvum
und Moosbeere (Oxycoccus palustris) deut-
licher hervor. Dabei gibt es (vgl. Aufn. 4 und 5)
sowohl ältere, zur Waldbildung tendierende
wie auch (Aufn. 6) jüngere, wie hier in einer
Suhle entstandene Entwicklungsformen.
4 Bestockungsstrukturen
Zur Veranschaulichung der Bestockung wurde
ein Bestockungsprofil als Transekt 100 x 2 m
vom Grenzstein Nr. 12 her nach Norden einge-
messen und Stamm für Stamm nach Baumart,
Standkoordinaten, Durchmesser in Brusthöhe
1,3
> 4 cm), Scheitelhöhe und Höhe des Kro-
nenansatzes aufgenommen; an Stämmen
unter 4 cm Ø
1,3
entfiel die Feststellung des
Durchmessers. Von Fall zu Fall wurden Anga-
ben zum Wuchs notiert. Die Abmessungen des
Transektes ergaben sich aus dem Dichtstand
von Verjüngung und Jungwuchs, die hier
stammweise erfasst wurden. Die Aufnahme
Tab. 2:
Vegetationstabelle der waldfreien
Moorvegetation des Hochmoors
Jahnsgrün
Tabelle 2
Hochmoor Jahnsgrün im Erzgebirge
MTB 5441
Waldfreie Moorvegetation
(Schneeberg)
Aufnahme Nr.
1 2 3 4 5 6
Artenzahl
2 5 6 8 5 4
Carex rostrata
5
5
4
+
..
Deschampsia caespitosa
+
.....
Molinia caerulea
.. 2
...
Juncus effusus
.. +
...
Agrostis stolonifera
.. +
...
Sphagnum recurvum
.
+
+
2
3
3
Eriophorum vaginatum
.
1
2
2
2
3
Oxycoccus palustris
... +
..
Eriophorum angustifolium
.
+
.. +
.
Sphagnum cuspidatum
..... 1
Dicranella cerviculata
..... +
Vaccinium myrtillus
... +
2
.
Vaccinium vitis idaea
.. +
..
Vaccinium uliginosum
... +
..
Polytrichum commune
.
+
.
4
..
Pinus mugo jg
.... +
.
Vegetationsaufnahmen: W. Flößner 02.08.1961
1 (2b): östlich vom Stichgraben (4 m breit, 6 m lang)
2 (4c): Lagg oder Vernässung an der Ost-Ecke des Moores; nasse Rinne
3 (2a): westlich vom [1961] neu angelegten Stichgraben (3 m breit, 12 m lang)
4 (4b): Lagg oder Vernässung an der Ost-Ecke des Moores
5 (7): rüllenartig, nur angedeutet, allererste Anfänge. Oberhalb des "Tobels"
Anmerkung dazu: Art Flutrülle, gegen 20 m lang, leicht gewunden, ganz seicht
eingebettet. Boden weich, naß, vereinzelt Wasserlöcher, diese bis 30 cm tief
6 (5): Suhle im Spirken-Bestand
Abb. 6: Sphagnum-Bult mit Vaccinium myrtil-
lus unter junger Fichte im Hochmoor
Jahnsgrün, September 1959
Foto: Archiv LfUG, K. H. Großer

image
46
diente als Grundlage einer zeichnerischen Dar-
stellung und einer graphischen Wiedergabe der
Schichtungsverhältnisse; es war wohl die erste
ihrer Art in einem Naturschutzgebiet (Wald-
schutzgebiet) der DDR.
Das Baumartenverhältnis Spirke zu Fichte ent-
spricht der Stammzahl nach mit 80:20 den
Angaben des Betriebswerkes von 1958;
anders die Grundfläche: hier überwiegt die
Spirke mit 93 Prozent weit den Anteil der
Fichte mit nur drei Prozent. Die stärksten
Bäume waren zwei Spirken mit 26 cm Ø
1,3
, die
höchsten – gleichfalls Spirken, aber nicht
zugleich die stärksten – erreichten eine Schei-
telhöhe von 12,5 m. Die Quotienten Höhe zu
Durchmesser (h/d-Quotienten aller Stämme
> 4 cm Ø
1,3
) streuen erheblich, liegen aber bei
der Spirke mehrheitlich unter der kritischen
Stabilitätsmarke von 80, d. h. die Bäume sind
mehrheitlich ausreichend standfest gegenüber
Wind und Sturm.
Die Formverhältnisse der Spirke verdeutlicht
genauer eine Stammanalyse, ausgeführt 1960
von Peter Hentschel an einem ausgewählten
Stamm (Abb. 7). Der Baum hatte ein Alter von
111 Jahren; etwa zur Hälfte seines Lebens-
alters war er 4 m hoch, insgesamt erreichte er
eine Scheitelhöhe von 8,45 m. Sein Stammvo-
lumen errechnet sich bei sektionsweiser
Kubierung auf 0,087 m
3
, es gingen somit 11
1
/
2
Stämme dieser Dimension auf einen Festme-
ter. Die echte Formzahl, d. h. das Verhältnis
zwischen dem wirklichen Schaftinhalt und dem
Inhalt eines Idealzylinders mit der Grundfläche
in 1/10 der Baumhöhe (λ
09
; vgl. ERTELD &
HENGST 1966) beträgt 0,58. Bei diesen Wuchs-
eigenschaften besteht der Nutzwert der
Stämme in ihrer Geradschaftigkeit, und die war
im Bestand des Jahnsgrüner Moors auffallend
häufig zu beobachten. Wichtiger ist aber wohl
der landeskulturelle Wert der Spirke, und der
besteht, wie beim gesamten Formenkreis
Pinus mugo agg., in ihrer Schutzwirkung für
Boden und Lokalklima in den höheren oder
auch standörtlich exponierten Gebirgslagen.
5
Pollenanalytische Untersuchungen zur
Wald- und Moorgeschichte
Moore sind Archive der Vegetationsgeschichte.
Der drohende und endgültige Verlust des
Hochmoores bei Jahnsgrün Anfang der 60er
Jahre war daher Anlass zur Entnahme einer
Probenserie für die nachfolgende pollenanalyti-
sche Untersuchung. Die Beprobung erfolgte
dezimeterweise mit einer Dachnowski-Sonde
bis auf den mineralischen Untergrund in einer
Tiefe von 5,30 m. Die anschließenden Pollen-
analysen von H. M. Müller stellen mehr als 40
Jahre danach die Grundlage des nun vorliegen-
den Diagramms (Abb. 8) und der vegetationsge-
schichtlichen Interpretation dar.
Dabei gestalten sich vergleichende Betrach-
tungen relativ schwierig, da in den letzten
50 Jahren aus dem Erzgebirge nur wenige
vegetationsgeschichtliche Untersuchungen
bekannt geworden sind und Radiokarbonda-
tierungen meist fehlen. Somit stellen die zahl-
reichen Arbeiten aus der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts, die bei F
IRBAS (1952) zusam-
mengestellt sind, und die Pollendiagramme
von HEYNERT (1961) aus der Nachbarschaft
des Jahnsgrüner Hochmoores den größten
Fundus dar. Zu den jüngsten Arbeiten aus
dem Erzgebirge zählen die Untersuchungen
im Georgenfelder Hochmoor (STEBICH & LITT
1997) und in der Mothäuser Heide (LANGE et
al. 2005), die allerdings 85 bzw. 45 km vom
Jahnsgrüner Hochmoor entfernt liegen. Auf
tschechischer Seite des Erzgebirges liegen
keine aktuellen Untersuchungen vor
(RYBNÍC
ˇ
KOVA & RYBNÍC
ˇ
EK 1996).
Abb. 7: Stammanalyse einer Spirke (Bearbei-
tung 1960 durch P. Hentschel †)

47
Die vegetationsgeschichtliche Aufzeichnung
des Diagramms Jahnsgrün setzt mit Beginn
der organogenen Sedimentation bei 5,25 m
ein. Die Zone ist pollenanalytisch durch hohe
Werte von
Pinus und Corylus, sowie den
ansteigenden Kurven der Arten des Eichen-
mischwaldes (Quercus,
Ulmus, Tilia) gekenn-
zeichnet. Damit dürfte klar die Kiefern-Hasel-
zeit nach FIRBAS (1952) erfasst sein, die dem
waldgeschichtlichen Abschnitt V (Boreal,
Frühe Wärmezeit; FIRBAS 1949) entspricht. Da
schon die Basisprobe etwa 20 % Corylus-Pol-
len enthält, dürfte trotz hoher Betula-Werte der
Übergang von der Kiefern-Birkenzeit (Vorwär-
mezeit) nicht mehr erfasst sein. Damit ist die
Basis des Diagramms wohl etwa 10.000 Jahre
alt. Der Anteil der Arten des Eichenmischwal-
des steigt gegen Ende der Zone auf Werte zwi-
schen 15 und 20 %, so dass ausgangs des
Boreals die Kiefern-Hasel-Eichenmischwaldzeit
einsetzte. Dabei fallen besonders die hohen
Lindenwerte auf. Aufgrund ihrer geringen Pol-
lenproduktion und Pollenverbreitung ist die
Linde im Diagramm stark unterrepräsentiert –
etwa zwei- bis vierfach (L
ANG 2003). Die Beteili-
gung der Linde im Pollendiagramm von bis zu
9 % lässt daher auf reichliche Vorkommen im
Sinne von lindenreichen Edellaubbaum-
Mischwäldern schließen.
Der Beginn der Moorentwicklung ist durch die
Ablagerung eines amorphen, dunkelbraunen
Sediments, welches vegetative Reste von
Carex enthält und einer Torfmudde entspricht,
fassbar. Auslöser der Moorentwicklung dürften
Versumpfungsvorgänge gewesen sein (S
UC-
COW & JOOSTEN 2001), die dem Pollendiagramm
zufolge anfänglich Birken- und Kiefernbruch-
wälder gefördert haben. Nach ihrer Einwande-
rung gegen Ende des Boreals trat mit der Erle
ein weiteres Bruchwaldelement hinzu.
Der Steilanstieg der Picea-Kurve markiert den
Übergang zum Atlantikum (Mittlere Wärmezeit;
FIRBAS-Abschnitte VI und VII). Während die
Bedeutung der Kiefer in dieser Zeit immer stär-
ker abnimmt, bleiben die Werte von Eiche,
Ulme und Linde, von einzelnen Schwankungen
abgesehen, im gesamten Atlantikum konstant.
Dies bezeichnet die Fichten-Eichenmischwald-
zeit, die von etwa 7000 bis 3800 v. u. Z.
herrschte und die durch die stetige Ausbrei-
tung der Fichte gekennzeichnet ist. Der Beginn
der Massenausbreitung der Fichte ist in den
angrenzenden Landschaften gut erfasst und
datiert in NW-Böhmen und dem Riesengebirge
auf etwa 6000 v. u. Z. (R
YBNÍC
ˇ
KOVA & RYBNÍC
ˇ
EK
1996), im Bayerischen Vogtland und dem Fich-
telgebirge auf etwa 6300 bzw. 6500 v. u. Z.
(H
AHNE 1992) und im Oberpfälzer Wald auf
etwa 6000v.u.Z. (KNIPPING 1989). Die
Zunahme der
Picea-Kurve auf über 40 % ist
sicher nicht nur auf eine Ausbreitung in den
Kiefern-Eichenmischwäldern zurückzuführen.
Ein großer Anteil des
Picea-Pollens dürfte von
den anmoorigen Flächen und geringmächtigen
Bruchmooren stammen, wo die Fichte immer
eine bevorzugte Holzart war (KÄSTNER & FLÖSS-
NER 1933). Ein solches geringmächtiges Moor
war auch das Jahnsgrüner Hochmoor zu dieser
Zeit (etwa 30 bis 50 cm Mächtigkeit), und der
stark zersetzte Basistorf lässt auf eine Bruch-
waldvegetation schließen. Die einsetzende Cal-
luna-Kurve mag in diesem Zusammenhang
auch als Anzeiger für flächige Versumpfung
gelten. Die Bedeutung der Besenheide als
Anmoorbesiedler mit starkem Podsolierungs-
einfluss ist besonders aus dem Tiefland
bekannt (B
RANDE 1995; MÜLLER et al. 1971).
Eine Unterteilung des Atlantikums in einen
älteren und einen jüngeren Teil lässt sich
anhand des Beginns der geschlossenen Kur-
ven von Fagus und Abies vornehmen. So voll-
zieht sich die Einwanderung der Buche mit
dem Beginn des Älteren Atlantikums (VI) und
die der Tanne erst im Jüngeren (VII), welches
auch mit den Befunden aus den benachbarten
Landschaften übereinstimmt. Das Ende des
Atlantikums wird durch den starken Rückgang
der Ulmus-Kurve markiert und lässt sich
anhand des überregional nachweisbaren
Ulmenfalls auf etwa 3800 v. u. Z. datieren.
Das Subboreal (Späte Wärmezeit, Abschnitt
VIII) bezeichnet F
IRBAS (1952) als Fichten-
Buchenzeit. Sie ist durch eine anfängliche Vor-
herrschaft der Fichte und die zeitgleiche Mas-
senausbreitung der Buche charakterisiert. Im
jüngeren Teil des Subboreals kam es dann zur
Ausbreitung der Tanne. Nun zeigt sich im vorlie-
genden Diagramm ein gegenüber dem Picea-
Maximum (hier > 70 %) deutlich verzögerter
Fagus-Anstieg, der parallel zum Anstieg der
Abies-Kurve verläuft. Dies konnte auch in Dia-
grammen vergleichbarer Höhenstufe von HEYN-
ERT (1961) beobachtet werden, und auch bei
HEINRICH & LANGE (1969) lässt sich ein Vorausei-
len der Buche nicht erfassen. Dagegen bestäti-
gen Untersuchungen aus den höheren Lagen
des Erzgebirges (auch in H
EYNERT 1961, LANGE
et al. 2005) die frühe Massenausbreitung der
Buche. Somit scheinen orographische Unter-
schiede zu einer Phasenverschiebung in der

48
dürfte am ehesten im grundwassernahen
Bereich gemeinsam mit der Hainbuche Stand-
orte des Carpinions einnehmen. Die sich nun
häufenden Einzelfunde sekundärer Siedlungs-
zeiger wie
Artemisia (ruderal) oder Plantago
lanceolata (Brache, Grünland) weisen auf ein
insgesamt stärkeres Siedlungsgeschehen in
der Region im ersten Jahrtausend u. Z. hin,
doch liegt eine direkte Beeinflussung der Wäl-
der um das Jahnsgrüner Hochmoor kaum vor.
Abschnitt X hingegen ist durch eine deutliche
Häufung krautiger Taxa gekennzeichnet, die in
ihrer Gesamtheit auf anthropogen verursachte
lichtere Verhältnisse schließen lassen und
somit in das Jüngere Subatlantikum (Nachwär-
mezeit – jüngerer Teil) datieren. Insbesondere
das synchrone Auftreten von Getreide (incl.
Roggen), weiterer Siedlungszeiger und der
abrupte Rückgang von
Abies am Übergang IX/X
weisen hier auf eine siedlungsgeschichtliche
Zäsur hin, die mit dem hochmittelalterlichen
Landesausbau erklärbar ist. In diesen Zeitraum
fällt auch die Gründung der Siedlung Jahns-
grün, welche allerdings im 15. Jahrhundert
schon wieder wüst gefallen war (HUNGER o. J.).
Der Rückgang von Abies ist somit eine Folge
teilweisen, und offensichtlich selektiven Holz-
einschlags. Von den lichteren Verhältnissen
profitierten die anderen Gehölze nur leicht, so
dass von größeren Waldverwüstungen nicht
ausgegangen werden kann. Eine großflächige
Umwandlung von Wald in Ackerland hat – den
sehr geringen Getreidewerten folgend – auch
nicht stattgefunden. Der Steilanstieg der
Pinus-
Kurve auf 80 % an der Spitze des Diagramms
dürfte in die jüngste Vergangenheit datieren
und reflektiert sicherlich die Eroberung der
Mooroberfläche durch Spirken. Durch den star-
ken Eintrag lokal produzierten Pollens tritt der
Pollenniederschlag der umgebenden Vegeta-
tion, welche zum Zeitpunkt der Probennahme
vorherrschte, zurück. Leider kann nicht mit
Sicherheit festgestellt werden, wann sich die
Spirke auf dem Moor ausbreitete. Die ausge-
sprochen geringe Sedimentmächtigkeit bei
schwachem Zersetzungsgrad lässt auf einen
Hiatus schließen, der möglicherweise auf früh-
neuzeitlichen Torfabbau zurückzuführen ist
(vgl. H
UNGER o. J.).
6
... und weiter?
Nach ca. 30 Jahren wurde der Torfabbau 1991
endgültig beendet. Die bereits 1978 begon-
nene Kompostierung von Fichtenrinde unter
Beimischung der letzten verwertbaren Torf-
Buchenausbreitung geführt zu sein. Dabei hat
offensichtlich erst die fortschreitende klimati-
sche Degradierung im Verlauf des Subboreals
es der Buche ermöglicht, in die tieferen Lagen
des Erzgebirges vorzudringen – und zwar aus
den höheren Lagen, wo sie schon seit Beginn
des Subboreals zur Entfaltung kam.
Während des gesamten Subboreals werden
Sphagnum-Torfe infolge einer verbesserten
Wasserversorgung abgelagert. Dieser Prozess
begann schon ausgangs des Atlantikums nach-
dem das klimatische Optimum überschritten
war und die Temperaturen abnahmen. Ab etwa
330 cm nimmt der Zersetzungsgrad des
Spha-
gnum-Torfes weiter ab. Dies steht offensicht-
lich im Zusammenhang mit dem Übergang zur
nun ombrogenen Torfbildung, die in den Mittel-
gebirgs-Regenmooren frühestens ab dem Sub-
boreal, meist aber erst ab dem Subatlantikum
feststellbar ist (SUCCOW & JOOSTEN 2001). Die
stark schwankenden Calluna-Werte und im
weiteren Verlauf auch die des Vaccinium-Typs
repräsentieren Vertreter der Ericaceae auf der
Mooroberfläche. Letztere stammen sehr wahr-
scheinlich von Vaccinium oxycoccus ab.
Abschnitt IX (Älteres Subatlantikum, Nachwärme-
zeit – älterer Teil) ist durch die Vorherrschaft von
Tanne und Buche und die weitgehende Ver-
drängung der Fichte charakterisiert und wird
daher als Buchen-Tannenzeit bezeichnet (F
IR-
BAS 1952). In dieser Zeit, die etwa 800 v.u.Z.
einsetzte und in der mit der Hainbuche nun
auch das letzte einheimische Gehölzelement
eingewandert ist, kam es zur Herausbildung
der natürlichen Waldgesellschaften der Gegen-
wart im Erzgebirge. Für die Umgebung des
Jahnsgrüner Hochmoores kann aus dem Pol-
lendiagramm nun ein Tannen-Buchenwald mit
starker Beteiligung von Abies abgeleitet wer-
den, der dem Luzulo-(Abieti)-Fagetum HART-
MANN 1948 entsprechen würde. Wie bei HEYN-
ERT (1961) lassen sich auch im vorliegenden
Diagramm keine Hinweise auf die Ursprüng-
lichkeit des Tannen-Höhenkiefernwaldes fin-
den, der in Lagen unterhalb von 700 m Mitte
des 20. Jahrhunderts nicht selten war. Dafür
ist der Anteil an
Pinus-Pollen mit durchschnitt-
lich 15 % deutlich zu niedrig. Die Arten des
Eichenmischwaldes spielen mit Ausnahme der
Eiche keine Rolle an der Zusammensetzung
der Wälder. Ulme und Linde sowie Hasel, aber
auch Esche und Ahorn sind spätestens seit der
Ausbreitung von Buche und Tanne Mitte des
Subboreals weitestgehend verdrängt. Lediglich
Quercus ist mit etwas unter 5 % vertreten und

image
49
Abb. 8: Pollendiagramm aus dem Hochmoor Jahnsgrün.

image
image
50
Abb. 10: Randflächen des NSG
nahezu vegetationslos 1997
Foto: J. Schaarschmidt
reste wurde bereits 1990 mangels Absatz ein-
gestellt. Nach 1991 wurde die Firma Südhu-
mus GmbH Hartmannsdorf gegründet, die auf
den nördlichen Betriebsflächen bis ca. 2003
weiterhin die Kompostierung von verschiede-
nen Erdmischungen für den Gartenbau betrieb.
Seit der Insolvenz von Südhumus wird die
Kompostierung von einer kleinen Nachfolge-
firma in geringerem Umfang fortgesetzt.
Südlich der heutigen Betriebsfläche blieb im
Grunde eine Ödlandfläche zurück, ein Mosaik
aus mineralischem Untergrund, Resten von
Torf unterschiedlicher Mächtigkeit und vernäs-
senden Mulden, das sich entsprechend dem
jeweiligen Standort mit Vegetation bedeckte.
In dieser Situation wurde 1991 nach Abschluss
des Torfabbaus mit ABM-Kräften auf einer
Fläche von ca. 20 ha mit dem Abbau der Gleis-
anlagen und der „Rekultivierung“ begonnen.
Aus nicht verwerteten Torfresten wurden
Dämme geschoben und verbliebene Entwäs-
serungsgräben verschlossen, um die Voraus-
setzungen für eine Wiedervernässung der
Fläche mit Niederschlagswässern und die Ent-
wicklung von Moorlebensräumen zu schaffen.
Ansonsten wurde die Fläche der Eigenentwick-
lung überlassen.
Diese Fläche wurde anfangs von der Treuhand-
Anstalt dem Landkreis Zwickauer Land mit der
Option zur Ausweisung eines Naturschutz-
gebietes übertragen. Infolge Rückübertragung
an den Landesforst wurde das Gebiet später
wieder Landeswald und wird heute vom
Staatsbetrieb Sachsenforst betreut. Mit Erlass
der Verordnung des Regierungspräsidiums
Chemnitz zur Festsetzung des Naturschutzge-
bietes „Jahnsgrüner Moor“ vom 12.12.1995
wurde der ehemalige Schutzstatus des Wald-
schutzgebietes auf einer Fläche von 27,9 ha
wiederhergestellt. Seit Ende 2004 ist das
Jahnsgrüner Moor als Bestandteil des FFH-
Gebietes „Moorgebiet am Filzteich und Stock-
teich“ bestätigter Teil des europaweiten
Schutzgebietssystems Natura 2000. Insbeson-
dere dystrophe Stillgewässer, Birken-Moorwäl-
der, trockene europäische Heiden, Übergangs-
und Schwingrasenmoore und regenerierbare
Hochmoore gehören heute zu den wertbestim-
menden Lebensraumtypen von gemeinschaftli-
cher Bedeutung.
Mit der Ausweisung des NSG wurde zum
Betriebsgelände hin ein Gehölzschutzstreifen
zur Minderung von Nährstoffeinträgen des
Kompostierungsbetriebes auf dem Luftpfad in
die Moorflächen angelegt. Zur Stützung des
Spirkenbestandes wurden Ende der 90er Jahre
aus autochthonem Samenbestand des Jahns-
grüner Moores herangezogene Spirkensäm-
linge auf Flächen mit stärkerer Torfauflage im
nordwestlichen und südlichen Randbereich des
NSG angepflanzt.
Die spontane Wiederbesiedlung verlief anson-
sten sehr differenziert. Während im zentralen
Teil des NSG schnell eine flächige Ansiedlung
von Wollgräsern (insbesondere Eriophorum
vaginatum) erfolgte (Abb. 9), waren die südli-
chen Randflächen lange Zeit fast vegetations-
los (Abb. 10). Pfeifengrasbestände entwickel-
ten sich auf den trockenen Bereichen und
insbesondere den geschobenen Dämmen. Im
nördlichen Teil siedelten sich bedingt durch
den Einfluss des Kompostierwerkes und den
Abb. 9: Zentraler Teil des NSG mit Woll-
gräsern (insbesondere Eriophorum
vaginatum) 1992
Foto: J. Schaarschmidt

image
51
damit bedingten meso- bis eutrophen Bedin-
gungen in Flachwasserbereichen und ver-
schlossenen Entwässerungsgräben flächige
Bestände von Knäuelbinse (Juncus
conglome-
ratus) und erste Ruderalisierungszeiger an.
Florenreste der einstigen Hochmoorgesell-
schaft sind lediglich im Südosten und Südwe-
sten erhalten geblieben – Moosbeere (Oxycoc-
cus palustris) und Rauschbeere (Vaccinium
uliginosum), Heidelbeere (V. myrtillus), Preisel-
beere (V.
vitis-idaea), Schmalblättriges Woll-
gras (Eriophorum angustifolium), Scheiden-
Wollgras (E. vaginatum) und Moospolster aus
Sphagnum fallax, Sph. cuspidatum, Sph. papil-
losum und Polytrichum commune. Im Jahre
1996 untersuchte GOLDE die aktuelle Situation
der Moorpopulationen der Berg-Kiefer in Sach-
sen und stellte dabei an den Rändern der ehe-
maligen Abbaufläche im Jahnsgrüner Moor nur
noch 43 Spirken als „zumeist schlechtwüch-
sige und abgängige Exemplare“ des ehemals
reichen Spirkenbestandes fest (Abb. 11).
In tieferen Schlenken entstanden dystrophe
Moortümpel mit Schwingrasen aus Sphagnum
cuspidatum und Drepanocladus fluitans. Die
Torf-Mosaikjungfer (Aeshna juncea) und die
Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia
dubia) als
typische Moorlibellen sind hier anzutreffen. Auf
den trockeneren Kuppen und Dämmen hat sich
das Pfeifengras (Molinia caerulea) ausgebrei-
tet. Auf den trockensten Standorten des mine-
ralischen Untergrundes entwickelten sich stel-
lenweise Gebirgsheiden aus Borstgras (Nardus
stricta), Heidekraut (Calluna vulgaris), Draht-
schmiele (Avenella flexuosa) und Harz-Labkraut
(Galium saxatile), in die zunehmend Gehölze
einwandern – Fichte, Wald-Kiefer, Sand- und
Moor-Birke – und der umgebenden Vegetation
der Nass- und Feuchtstandorte einen gewissen
Schutz bieten. Im Schutze der flächigen Woll-
grasbulten breiten sich heute in kleinsten Was-
seransammlungen erste Torfmoospolster aus
und überdecken so wieder zunehmend flächig
die dünnen Resttorfschichten und den minera-
lischen Untergrund (Abb. 12).
Sehr bedenklich sind Eutrophierungserschei-
nungen, die nach wie vor von den Kompost-
mieten im Norden ausgehen und das Einwan-
dern von Neophyten sowie die Entstehung von
Ruderalgesellschaften zur Folge haben. Insbe-
sondere von den aufgehaldeten, cyanidhaltigen
Deinkingschlämmen aus der Papierindustrie,
die von der ehemaligen Südhumus GmbH als
Zuschlagstoffe bei der Kompostierung verwen-
det wurden und im Grenzbereich zwischen
Kompostierwerk und NSG lagern, geht eine
latente Gefahr aus. Diese Anlagen bedrohen
die langfristige Renaturierung des im nährstoff-
armen Standortbereich angesiedelten Moor-
Ökosystems. Die Kompostmieten sollten über-
haupt nicht im Wald sondern nahe den Orten
des Bedarfs im agrarischen Bereich angelegt
werden bzw. im Falle der Zuschlagstoffe ord-
nungsgemäß entsorgt werden. So lange hier
keine grundsätzliche Lösung, d. h. eine Verle-
gung des Kompostierungsbetriebes herbeizu-
führen ist, wird die Gefahr der Eutrophierung
fortbestehen. Ein Schutzgürtel aus Gehölzen,
die gegen Immission und Deposition von Nähr-
stoffen unempfindlich sind, müsste sehr dicht
und mehrreihig sein und kann auch dann kei-
nen absoluten Immissionsrückhalt bieten.
Durch den Torfabbau hat das Hochmoor Jahns-
grün seinen ursprünglichen Charakter verloren;
die Torfnutzung hat neue Standorte einer
Moorentwicklung geschaffen, die fördernswert
und schutzwürdig sind und in ihrer Entwicklung
aufmerksam beobachtet und weiterhin doku-
mentiert werden sollten.
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Foto: J. Schaarschmidt

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Abb. 12:
Wollgrasbulte und beginnende Bildung von Torfmoospolster im Hochmoor Jahnsgrün
2001
Foto: J. Schaarschmidt

image
53
1 Einleitung
Der Bau von Verkehrswegen insbesondere
Straßen gewinnt mit der zunehmenden Indus-
trialisierung und Mobilität der Menschen immer
mehr an Bedeutung. Mit der Zunahme des Zer-
schneidungsgrades im Zuge der anthropogenen
Überprägung der Landschaft in den letzten
Jahrzehnten sind allerdings die ökologischen
Risiken von Verkehrswegen immer deutlicher
ins Licht der Öffentlichkeit getreten. So doku-
mentieren seit längerem zahlreiche Unter-
suchungen verschiedene negative Folgen von
Verkehrstrassen auch für die Tierwelt (M
ADER
1981, RECK & KAULE 1992, GLITZNER et al 1999).
Hierzu zählen die direkte Beeinträchtigung von
Individuen, Populationen und Lebensgemein-
schaften durch die Zerschneidung und Zer-
störung des Lebensraums sowie die Erhöhung
der Mortalitätsraten durch Verkehrsverluste.
Dabei steigt im Allgemeinen die trennende
Wirkung mit der Breite der Strasse bzw. der
Anzahl der Fahrspuren und dem Verkehrsauf-
kommen (KOZEL & FLEHARTY 1979, WILKENS
1982). Bei Mittel- und Großsäugern nehmen
Barriereeffekte von Verkehrstrassen mit zuneh-
mender Körpergröße und der damit verbunde-
nen höheren Mobilität zwar ab, doch steigt
dafür das Risiko der Verkehrsmortalität in der
Regel an (B
ELOVSKY 1987, ROTH et al. 2000).
Zur Minimierung der ökologischen Risiken von
Verkehrswegen wurden in den letzten fünf-
zehn Jahren vermehrt bautechnische Maßnah-
men getroffen, mit dem Ziel, die Durchlässig-
keit der Straßen zu erhöhen (WÖLFEL & KRÜGER
1991, PFISTER et al. 1997, GEORGII et al. 2002,).
Dabei zeigte sich, dass die Attraktivität der
Querungshilfen für spezifische Tiergruppen
sehr stark von Formgebung, Konstruktion,
landschaftlicher Einbindung und Lage abhängt,
wobei vor allem der Anschluss an bestehende
Wechsel entscheidend ist.
Im Rahmen einer Diplomarbeit (C
IPRIOTTI 2003)
wurde am Beispiel der seit 1998 bestehenden
Grünbrücke „Burkauer Berg“ nahe der Aus-
fahrt Burkau die Durchlässigkeit eines
Streckenabschnittes der Bundesautobahn A4
im Bereich Dresden-Bautzen für Wildtiere
erfasst und bewertet. Im Ergebnis konnten
Empfehlungen zur Gestaltung und Pflege die-
ser Grünbrücke abgeleitet werden.
2
Gestaltung der Grünbrücke
„Burkauer Berg“
Die Grünbrücke „Burkauer Berg“ befindet sich
zwischen den Anschlussstellen Ohorn und
Burkau, ca. 1 km westlich der Anschlussstelle
Burkau. Die Grünbrücke wurde von April 1997
bis Juli 1998 gebaut, um Säugetieren eine
gefahrlose Querung der Autobahntrasse zu
ermöglichen. Sie ist ein Zweifeldrahmenbau-
werk, mit einer Länge von 63 m und einer Bau-
werksbreite von 57,5 m. Die nutzbare Breite
zwischen den Wildzäunen beträgt 50 m. Die
Ränder sind mit kombinierten Wild- und Otter-
schutzzäunen und einer Amphibienleiteinrich-
tung versehen, welche in 1 m Abstand zu den
Schutzzäunen verläuft. Außerhalb befinden
sich Erdwälle zum Immissions- und Lärm-
schutz.
Auf der Südseite werden die Immissions-
schutzwälle von Kleintierdurchlässen (Kasten-
durchlass 75 x 75 cm) durchbrochen, die vor
den Schutzzäunen enden. Auf der Nordseite
befinden sich Entwässerungsrohre (ø 70 cm),
die hinter den Schutzzäunen enden. Die
Brückenoberfläche ist durch Trocken- und
Magerrasen begrünt. Überdies ist die Brücke
streifen- und gruppenweise mit Bäumen und
Sträuchern bepflanzt, um Versteck- und Siche-
rungsmöglichkeiten für zahlreiche Tierarten zu
bieten (Autobahnamt Sachsen 1998). Im
Bereich der Waldsäume und Rampen, welche
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 53–58
Effizienz einer Grünbrücke
am Beispiel „Burkauer Berg“
der Bundesautobahn A4
Melina Cipriotti

image
54
relativ steil sind, wurden ebenfalls Gehölzgrup-
pen und -streifen angepflanzt. Auf der süd-
lichen Rampe befinden sich zwei Stubben-
haufen. Außerdem sind auf dieser Seite
Totholzfaschinen fischgrätenartig auf den Bö-
schungsoberflächen angeordnet. Auf der Brücke
selbst befinden sich fünf Gruppen von Granit-
bruchsteinen, die kegelförmig mit großen
Zwischenräumen aufgeschichtet sind und bis
gut 1 m über die Fläche hinausragen.
Für den Betrachter ergibt sich ein gegliedertes
Bild der Grünbrücke. Die östliche Seite
(
2
/
3
) erscheint üppig zugewachsen, während
die westliche Seite (
1
/
3
) nur spärlichen
Bewuchs zeigt. Im Übergangsbereich liegen
die Steinhaufen.
Etwa 1 km in westlicher Richtung von der
Grünbrücke befinden sich zwei größere Unter-
führungen, zuerst ein Wirtschaftsweg und
dann ein Grabenzufluß zum Grubenteich.
Abb. 1: Skizze der Grünbrücke „Burkauer Berg“ (ABA Sachsen, Vorentwurf 1998, verändert).

55
Zwischen diesen beiden Unterführungen
queren außerdem zwei Amphibientunnel die
Autobahn.
Nördlich und südlich der Autobahn schließen
sich im Bereich des Untersuchungsgebiets
relativ große Waldgebiete an.
3
Nutzung der Grünbrücke
Im Rahmen der Diplomarbeit (C
IPRIOTTI 2003)
wurde die Nutzung der Grünbrücke „Burkauer
Berg“ mit Videoüberwachung und dem Auf-
stellen von Mäusefallen erfasst, ergänzt durch
die Dokumentation von Spuren im Schnee.
Es konnten vier Arten von Kleinsäugern beo-
bachtet werden: Waldspitzmaus (Sorex
ara-
neus), Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis),
Feldmaus (Microtus arvalis) sowie das Maus-
wiesel (Mustela nivalis). Die einzelnen
Kleinsäugerarten bevorzugten verschieden
strukturierte Bereiche der Brücke und die
Hauptwechselaktivitäten waren zu unter-
schiedlichen Zeiten zu beobachten.
Die Grünbrücke wird von Rehen (Capreolus
capreolus), Füchsen (Vulpes vulpes), Wild-
schweinen (Sus scrofa), Feldhasen (Lepus
europaeus) und Mardern (Martes spec.)
genutzt. Überdies war einmal eine streunende
Katze zu beobachten. Die Querungen der
Brücke durch die verschiedenen Säuger ereig-
neten sich zu unterschiedlichen Tages- und
Nachtzeiten. Rehe wurden vor allem in der
Morgen- und Abenddämmerung von der Video-
kamera aufgezeichnet. Im Gegensatz dazu
nutzten Füchse die Grünbrücke ausschließlich
in der Dunkelheit. Auch Erholungssuchende
mit oder ohne Hund(en) passierten die Brücken
beim Wandern, Spazierengehen, Reiten und
Fahrradfahren.
Wildschweine konnten auf der Grünbrücke nur
durch die Analyse von Spuren im Schnee nach-
gewiesen werden. Es ist davon auszugehen,
dass im Untersuchungszeitraum kaum Wild-
schweine vorkamen. Dies deckt sich mit den
Angaben durch Jäger und Förster (S. M
ÜLLER,
H. VOGEL mdl. Mitt).
Die an zwei Tagen am Rand des Untersu-
chungsgebiets beobachteten Damhirsche
(Cervus dama) sollen aus dem etwa 20 km
nördlich liegenden Vorkommen bei Piskowitz
(Nähe Neschwitz) stammen (S. MÜLLER mdl.
Mitt.). Bisher wurden noch keine Tiere auf der
Grünbrücke oder in dem südlich der Brücke
liegenden Waldteil gesehen.
Rothirsche (Cervus elaphus) sind seit Mitte der
80er Jahre wieder vereinzelt im Unter-
suchungsgebiet zu beobachten (S. M
ÜLLER
mdl. Mitt.). PFISTER et al. (1997a) gehen davon
aus, dass Grünbrücken ab einer Mindestbreite
von 50 m von Rothirschen genutzt werden,
wobei neben der Dimensionierung die Fakto-
ren Einzugsgebiet (Standortwahl), Leitsystem,
Gestaltung des Zugangs, Bepflanzung/Gestal-
tung und Geländemorphologie entscheidenden
Einfluss auf die Akzeptanz der Grünbrücke
haben (KRAMER-ROWOLD & ROWOLD 2001).
Über die Akzeptanz von Grünbrücken durch
Mufflons (Ovis
ammon musimon) fehlen
Literaturdaten. Gegenwärtig werden hin und
wieder einzelne Mufflons im Untersuchungs-
gebiet gesichtet. Eine Nutzung der Grünbrücke
durch die Tiere gilt als wahrscheinlich
(BURG mdl. Mitt.).
Füchse können die Grünbrücke nicht nur zum
Queren, sondern auch zum Beutefang nutzen
(GEORGII 1994). Die absolut höhere Anzahl von
Füchsen, welche die Brücke bei Schneelage
querten, kann damit erklärt werden, dass bei
der Videoüberwachung nicht alle Tiere erfasst
wurden. Es ist aber auch möglich, dass Füchse
während der Spurenerfassung vermehrt aktiv
waren, da im Januar/Februar die Fuchsranz
stattfindet und Füchse überdies bei Schnee-
lagen mehr Zeit und Aktivität für Nahrungs-
erwerb aufwenden.
Marder wurden dagegen kaum auf der Grün-
brücke gefilmt. Dies bedeutet jedoch keine
Meidung der Grünbrücke durch diese Gattung.
Basierend auf der Analyse der Spuren im
Schnee verliefen die Marderspuren nicht zwi-
schen den Wildzäunen, sondern in den Immis-
sionsschutzpflanzungen auf der der Autobahn
zugewandten Seite. Diese Querungsart der
Grünbrücke wurde durch die Videoüber-
wachung nicht erfasst. Es ist nicht unwahr-
scheinlich, dass Marder die Grünbrücke durch-
aus häufiger nutzen, aber auf Grund der Mahd
den entstandenen deckungslosen Raum der
Grünbrückenoberfläche mieden und sich statt-
dessen innerhalb der dichten Immissions-
schutzpflanzung bewegten.
Über die Nutzung des Bauwerks durch Hasen
ist auf Grund des geringen Stichproben-
umfangs keine Aussage möglich.
Auf der Grünbrücke konnten zudem im gesam-
ten Untersuchungszeitraum 47 Lurche und
Kriechtiere gefangen werden. Der Großteil (59
%) aller gefangenen Tiere waren Erdkröten
(Bufo
bufo), am zweithäufigsten (22%) Wald-
eidechsen (Lacerta vivipara). Zu 8 % wurden
Knoblauchkröten (Pelobates fuscus) und zu

image
image
56
4 % Grasfrösche (Rana
temporaria) gefangen.
Überdies konnte ein Braunfrosch im südlichen
Teil der Grünbrücke beobachtet werden.
Obwohl bei den regelmäßigen Kontrollen der
Fangeimer immer wieder einzelne Tiere aller
drei im Untersuchungsgebiet vorkommenden
Molcharten auf der nördlichen Amphibienleit-
einrichtung westlich der Grünbrücke (Richtung
Brücke) wanderten, gelang keine einzige Fest-
stellung von Molchen (Triturus spec.) auf der
Grünbrücke.
Nach L
ÖDERBUSCH (1997) sind Grünbrücken auf
Grund ihrer oftmals laichgewässerunabhän-
gigen Lage für saisonale Wanderungen der
Amphibien kaum, für nichtsaisonale Wanderun-
gen aber sehr bedeutsam. Da es sich hierbei
um zeitlich und räumlich nicht koordinierte
Wanderungen von Einzelindividuen handelt, ist
ein Nachweis kaum unter vertretbarem Auf-
wand zu erbringen. Obwohl diese nichtsaisona-
len Wanderungen zahlenmäßig sehr geringen
Umfang besitzen, sind sie für den genetischen
Austausch der einzelnen Populationen unter-
einander unerlässlich. Es ist anzunehmen, dass
der im Oktober 2002 auf der Grünbrücke beo-
bachtete Braunfrosch die Brücke zu einer
solchen nichtsaisonalen Wanderung nutzte.
In allen publizierten Untersuchungsergebnissen
in der Literatur zur Effizienz von Grünbrücken,
bleiben Fischotter (Lutra
lutra) unberücksichtigt.
Entweder kam diese Tierart im Untersuchungs-
gebiet nicht vor oder sie galt nicht als Zielart für
die Grünbrücke. Nach Aussagen von Mitarbei-
tern des Autobahnamtes Sachsen führten im
Frühjahr 2000 Fischotterspuren im Schnee über
die Grünbrücke (KLOTZ mdl. Mitt.). Es ist nicht
auszuschließen, dass der Fischotter die Grün-
brücke nutzt, da Wanderungen mit einer Aus-
dehnung von über 10 km bei einer Reviergröße
von bis zu 20 km bekannt sind (H
AHN & BUTZEK
2000). Ein Nachweis für die Nutzung der Grün-
brücke durch den Fischotter gelang während
des gesamten Untersuchungszeitraums nicht,
obwohl die Nachweishäufigkeit laut HAHN &
BUTZEK (2000) in den Monaten November bis
März am höchsten ist. Ein möglicher Grund für
den fehlenden Nachweis auf der Grünbrücke
mag die hohe Frequentierung der Brücke durch
Erholungssuchende sein, da Fischotter ausge-
sprochen empfindlich auf derartige Störungen
reagieren (M
EIßNER & WÖLFEL 2003). PFISTER et
al. (1997a) stellen klar heraus, dass Grün-
brücken die Lebensräume der Zielarten mitein-
ander verbinden müssen und dabei Strukturen
dieser Lebensräume korridorartig über die
Brücke gezogen werden sollen. Im Falle des
Fischotters bedeutet dies, dass nördlich und
südlich der Grünbrücke geeignete Lebens-
räume oder Teillebensräume direkt an die
Brücke anschließen müssten.
4
Hinweise und Empfehlungen zur
Gestaltung und Pflege der Grünbrücke
Die Empfehlungen zur weiteren Pflege der
Grünbrücke sind immer abhängig von den ange-
strebten Zielen. Soll die Grünbrücke eine höhere
Attraktivität für größere Säuger erhalten, muss
dem enorm hohen Sicherheitsbedürfnis dieser
Tierarten entsprochen werden. Daher wird emp-
fohlen auf die Mahd der Brückenvegetation im
Sommer und Herbst zu verzichten, um ausrei-
chend Deckung für die Tiere zu erhalten. Einer
weiteren Eutrophierung durch Stickstoffeinträge
kann durch kleinflächige Mahd mit Abtransport
Abb. 2: Blick auf die Grünbrücke
und die Autobahn
Foto: Archiv LfUG, M. Cipriotti
Abb. 3: Blick auf die Grünbrücke
Foto: Archiv LfUG, M. Cipriotti

image
57
des Mahdgutes Rechnung getragen werden. Es
wäre beispielsweise denkbar, jährlich jeweils
nur ein Drittel der östlichen Brückenseite zu
mähen und die restliche Bodenvegetation als
Deckung zu belassen.
Gegen eine sukzessive Verbuschung der
Brückenoberfläche bestehen keine Einwände.
Sie erhöht die Korridorfunktion des Bauwerks
zwischen den angrenzenden Wäldern. Eine
höhere und vor allem auch dichtere Bestockung
der Brücke wäre sowohl für Rehe und Hirsche,
als auch für Fuchs und Marderartige wün-
schenswert. Allerdings schließen bautech-
nische Merkmale (Tragfähigkeit, Mächtigkeit
der Bodenauflage) eine flächendeckende Be-
stockung der Brücke mit hohen Bäumen aus.
Fokussiert die Grünbrücke auch auf eine
Erhöhung der Querung durch andere Tierarten
wie Feldhase, Kleinsäuger und Reptilien, wäre
eine flächige Bestockung eher unvorteilhaft.
Unter diesen Umständen wird empfohlen, den
steppenartigen Offenlandcharakter auf dem
westlichen Drittel der Brücke zu erhalten. Auf-
kommende Sukzession in diesem Bereich ist
zu beseitigen. Auf Grund der Bodenverhält-
nisse ist hier allerdings nur mit der Ansamung
einzelner weniger Pioniergehölze zu rechnen.
Daher wird es als ausreichend erachtet, die
Fläche nur alle 2-3 Jahre von der Verbuschung
zu beräumen. Für den östlichen Teil der Grün-
brücke ist ein dichterer Brückenbewuchs anzu-
streben. Zu diesem Zweck sollten ausgefallene
Baumpflanzungen erneuert und vorhandene
Baumpflanzungen durch Erneuerung der
Schutz-Drahthosen gefördert werden. Dabei
erscheint es ratsam, höhere Schutz-Draht-
hosen zu verwenden.
Die Zweiteilung in der Strukturbeschaffenheit
der Grünbrücke sollte sich auf den Rampen
fortsetzen. Es wird empfohlen, auch hier abge-
storbene Bäume und Sträucher zu ersetzen
und die Pflanzung durch weitere Bäume und
Sträucher zu ergänzen, um eine bessere Anbin-
dung an die umliegenden Waldbestände
sicherzustellen. Hierbei sollte aber wie bereits
erwähnt ein Teil der Zuführung zur Brücke auch
weiterhin über einen „offenen“ Flächenteil
erfolgen. Durch diese zwei Korridore, einer
dicht zugewachsen und einer eher offen, wel-
che sich über die Grünbrücke und die Rampen
bis direkt an die Lebensräume oder zumindest
Teillebensräume der Zielarten erstrecken,
würde die Grünbrücke ihre Funktion nicht nur
als Querungshilfe, sondern vor allem auch als
Teillebensraum dieser Arten besser erfüllen
können. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass
gerade der offenere Teil der Brücke auch von
Erholungssuchenden als Weg angenommen
wird. Daher sollte Totholz, in erster Linie ganze
Baumstämme, einzeln in den Übergangsbe-
reichen vom Wald zur Brückenrampe, aber
auch auf der Grünbrücke selbst, abgelegt wer-
den, um diesen „Weg“ für Menschen unattrak-
tiver zu gestalten und den Reptilien Sonnen-
und Versteckplätze anzubieten.
Eine entsprechende Waldbehandlung der
angrenzenden Bestände wäre eine weitere
Voraussetzung zur Verbesserung der Nutzung
der Querungshilfen durch Tiere. So sollten die
Bestände im direkten Umkreis der Brücke und
des Durchlasses aufgelichtet werden, um
deckungsbringenden Unterwuchs zu fördern.
Neben der Ausstattung und Gestaltung der
Grünbrücke sind während der Untersuchungs-
zeit auch bauliche Mängel in Erscheinung
getreten. So fiel auf, dass die Entwässerungs-
rohre auf der Nordseite der Brücke direkt auf
die Autobahnseite führten. Hierdurch können
Klein-, aber vor allem auch mittelgroße Säuge-
tiere direkt auf die Fahrbahn gelangen. Es wird
daher empfohlen, diese Rohre mit Gitterklap-
pen zu versehen, welche sich nur in Richtung
der Grünbrücke öffnen lassen um die Rück-
wanderung von verdrifteten Tieren zu sichern.
Diese Gitter sind mindestens einmal im Früh-
jahr zu kontrollieren und zu säubern.
Die beidseitige Installation von Lärm- und
Sichtschutzblenden am Durchlass ist in Erwä-
gung zu ziehen, um die Attraktivität der Que-
rungshilfe für Tiere, insbesondere Schalenwild,
zu erhöhen.
Abb. 4: Reh auf der Grünbrücke
„Burkauer Berg“
Foto: Archiv LfUG, M. Cipriotti

58
5 Zusammenfassung
Durch den Bau von Verkehrswegen insbeson-
dere Straßen wird die Landschaft zerschnitten.
Dies führt zu einer Beeinträchtigung von Indivi-
duen, Populationen und Lebensgemeinschaf-
ten. Grünbrücken und andere Querungshilfen
können diese Beeinträchtigungen lokal mil-
dern, wenn sie Lebensräume verbinden, Teil-
lebensräume darstellen und von den Tieren
angenommen werden.
Am Beispiel der Grünbrücke „Burkauer Berg“
über die Bundesautobahn A 4 bei Burkau
wurde im Rahmen einer Diplomarbeit die Nut-
zung und Effizienz dieser Grünbrücke unter-
sucht. Die Grünbrücke wird von Säugern, Lur-
chen und Kriechtieren recht gut angenommen.
Die Attraktivität der Grünbrücke für spezifische
Tiergruppen ist dabei sehr stark abhängig von
Formgebung, Konstruktion, landschaftlicher
Einbindung und Lage, wobei die Einbindung
der Grünbrücke und deren Rampen in die
angrenzenden Lebensräume von entscheiden-
der Bedeutung ist. Die Pflegeempfehlungen
und Hinweise zur Gestaltung dieser Grün-
brücke sind prinzipiell auch auf andere Grün-
brücken und Querungshilfen übertragbar.
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image
59
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 59–64
Erfahrungen mit Fischotterquerungshilfen
im Biosphärenreservat Oberlausitzer
Heide- und Teichlandschaft
Ralf M. Schreyer, Anette Jahn
1 Einleitung
Der Fischotter Lutra lutra zählt zu den am stärk-
sten gefährdeten Wirbeltieren Mittel- und
Westeuropas. Ursprünglich war er hier weit
verbreitet, aber um die vorige Jahrhundert-
wende ging sein Vorkommen stark zurück.
Während sich die Bestände in vielen Gegenden
Deutschlands nicht vom „Ausrottungsfeldzug“
Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts
erholen konnten, entwickelte sich in der Lau-
sitz seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder
eine stabile und vitale Population (S
TUBBE
1992). Neben umfangreichen Schutzmaßnah-
men in der DDR spielte die hohe Nahrungsver-
fügbarkeit durch die intensive Karpfenteichwirt-
schaft in einer ansonsten naturnahen, viel-
gestaltigen Teichlandschaft eine entschei-
dende Rolle. Die Lausitzer Vorkommen sind
ein wichtiger Bestandteil des derzeitigen Kern-
gebietes der Otterverbreitung in Deutschland
(REUTHER 2002).
Die Todesursachen frei lebender Fischotter
sind im Zusammenhang mit der Besiedlung,
Bewirtschaftung und dem Lebensstandard der
Bevölkerung zu betrachten. KUBASCH (1987)
gibt für die von ihm erfassten Fischotter-Ver-
luste im Bezirk Dresden von 1945 bis 1985 die
Verkehrsopfer mit 30 % an. Zwischen 1945
und 1974 wurde das Verlustgeschehen beson-
ders in den nördlichen Bereichen Deutschlands
durch Reusenopfer bestimmt, und der Repro-
duktionszuwachs reichte nicht mehr aus,
um die Bestandseinbußen auszugleichen. Seit
Ende der 1980er Jahre nahm die Anzahl ver-
kehrstoter Fischotter stark zu. In den Jahren
1990/1991 waren 75 % der Fischotter-Verluste
Verkehrsopfer (S
TUBBE et al. 1993). Im Zeitraum
1991 bis 2000 waren in Sachsen unter 383 Tot-
funden ca. 83 % Fahrzeug-Opfer (RAU & ZÖPHEL
2001).
Ausgehend von diesem Anstieg des Anteils
verkehrstoter Fischotter wurden in der Ober-
lausitz die Stellen untersucht, an denen
Fischotter zum Verkehrsopfer wurden. Dabei
stellte sich heraus, dass ein Großteil dieser
Verluste an den Stellen zu beobachten war, an
denen Fließgewässer die Straße kreuzen. Dar-
auf aufbauend untersuchten S
TRIESE und
SCHREYER vom August 1991 bis Oktober 1992
im Gebiet des früheren Naturparks „Oberlau-
sitzer Heide und Teichlandschaft“ 170 Brücken
und Durchlässe auf die Passage durch den
Fischotter. Im Ergebnis dieser Untersuchungen
wurden Vorschläge zur ottergerechten Gestal-
tung von Brücken und Durchlässen erarbeitet
(S
TRIESE & SCHREYER 1993).
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren
auch die Grundlage für alle diesbezüglichen
Stellungnahmen der Naturpark- bzw. Bio-
sphärenreservatsverwaltung und gingen in das
Artenschutzprogramm Fischotter des Säch-
sischen Landesamtes für Umwelt und Geolo-
gie (SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT UND
GEOLOGIE 1996) mit ein.
2
Hinweise und Empfehlungen zur Gestal-
tung von Fischotterquerungshilfen
Ein Otterdurchlass sollte grundsätzlich mit dem
Durchlass für das Fließgewässer kombiniert
sein, so dass es dem Fischotter möglich ist,
innerhalb des Durchlasses vom Gewässer auf
die Berme bzw. auf den Uferbereich zu wech-
seln und umgekehrt. Ein großzügig gestalteter
Durchlass verbindet nicht nur die Lebensräume
des Fischotters auf beiden Seiten der Que-
rungshilfe, sondern verbessert auch die Konti-
nuität des Lebensraums „Fließgewässer“.
Entscheidend für die Gestaltung einer otter-
gerechten Unterquerung ist eine ganzjährig
trockene Markierungsmöglichkeit. Gerade Re-
viergrenzen und Zwangswechsel (besonders

60
bei gemeinsamer Nutzung von mehreren
Fischottern unterschiedlicher Reviere) werden
vom Fischotter durch Abgabe eines Sekrets
aus den Analdrüsen markiert. Diese Markierun-
gen werden bevorzugt an erhöhten Stellen
platziert. Deshalb ist es wichtig, Markierungs-
möglichkeiten im ungefährdeten Bereich unter-
halb der Brücke anzubieten, da ansonsten an
der höchsten Stelle der Gewässerkreuzung – d. h.
auf der Straße – markiert wird. Der markie-
rende Otter und weitere Fischotter, die diese
Markierungsstelle ebenfalls aufsuchen, sind im
Bereich der Straße einer erhöhten Gefährdung
durch den Straßenverkehr ausgesetzt.
Bei Durchlässen, die trocken sind (bzw. im
Winter zugefroren) oder einen geringen
Wasserstand haben, so dass sie der Otter
nicht durchschwimmen kann, wird grundsätz-
lich markiert. Bei Durchlässen die durch-
schwommen werden können, fördert das Vor-
handensein von Markierungsmöglichkeiten
zumindest deren Nutzung. Grundsätzlich soll-
ten deshalb alle Brücken, die vom Fischotter
nicht durchschwommen werden können, am
besten mit einer durchgehenden Berme verse-
hen werden.
Die Annahme von Fischotterquerungshilfen
hängt von der lichten Höhe unter der Brücke,
der relativen Enge, der Helligkeit und dem
Geräuschpegel ab (K
LENKE 1996). BLANKE (1996)
gibt als grobe Richtlinie an, dass die Landstrei-
fen etwa die halbe Gewässerbreite umfassen
sollten. Großzügig aufgeständerte, weit span-
nende Brücken wie die neu gebaute Brücke
über das Löbauer Wasser in Guttau (siehe
Abb. 5) sind somit optimale Querungshilfen.
Die Uferstreifen unter der Brücke sollten nicht
steiler als 25° geneigt und das Bodensubstrat
der natürlichen Umgebung angepasst und
unbefestigt sein. Eine Begrünung wäre im
Sinne eines Deckungsschutzes auch für
andere Tierarten wünschenswert, ist aber für
die Annahme der Querungshilfe für Fischotter
nicht zwingend erforderlich. Die Gewässer-
sohle sollte auch im Bereich des Bauwerkes im
naturnahen Zustand erhalten bzw. zurückver-
setzt werden, um der aquatischen Fauna not-
wendige Wanderungsbewegungen zu ermög-
lichen (vgl. B
LANKE 1996). Auf diese Weise
kann langfristig ein wesentlicher Beitrag zur
Sicherung der Nahrungsgrundlage für den
Fischotter geleistet werden.
Die häufige Kombination Brücke – Stauwehr
muss rückgebaut werden, damit dem Fisch-
otter die Querung nicht versperrt wird. Sollte
dies nicht möglich sein, bietet sich je nach ört-
lichen Gegebenheiten ggf. die Anlage eines
Umfluters an. Wenn es keine Möglichkeit gibt,
das Stauwehr zu umgehen, kann auch eine
Kombination von Brücke und Stauwehr mit
breiten Bermen als Querungshilfe in Erwägung
gezogen werden. Ein Umfluter berücksichtigt
aber nicht nur die Belange des Fischotter-
schutzes, sondern ermöglich es auch anderen
Arten (z. B. Invertebraten und Fischen) das
Stauwehr gefahrlos zu umgehen.
Wenn der Wasserstand des Fließgewässers so
stark variiert, dass ein ausreichend breiter Ufer-
streifen nicht garantiert werden kann, sollen
nach K
LENKE (1996) zusätzlich beidseitig des
Ufers überschwemmungssichere Trocken-
rohre eingebaut werden. Ein Trockendurchlass
ist auch erforderlich, wenn eine Verbindung
zwischen Standgewässern hergestellt werden
soll. Hierfür bietet sich ein Trockentunnel mit
einem Bodensubstrat aus einer ca. 10 cm
hohen Sandschicht bzw. mit einem Boden-
material, das der natürlichen Umgebung ent-
spricht, an. Bei Trockentunneln werden Leit-
maßnahmen empfohlen (KLENKE 1996).
Leitstrukturen wie Zäune, Schleusen- und
Gatterkonstruktionen sowie Hecken und
Wälle tragen deutlich zur sicheren Querung
eines Durchlasses bei, viele Otterdurchlässe
werden aber auch ohne Leitstrukturen ange-
nommen. Dazu sollte die Linienführung des
Gewässers nicht wesentlich verändert wer-
den und auf beiden Seiten der Straße an das
vorhandene Gewässer anschließen. Somit
wird das die Straße kreuzende Fließgewässer
mit den trockenen Bermen für den Fischotter
zum attraktivsten Wechsel und eine Zäunung
ist vielfach nicht erforderlich (O. Z
INKE, mdl.
Mitteilung).
Erfolgt eine erhebliche Veränderung der Linien-
führung des Gewässers bzw. wird ein neues
Fließgewässer angelegt, sollte grundsätzlich
eine (Leit-)Zäunung erfolgen. Diese sollte sich
in das Landschaftsbild einfügen und für größe-
res Wild (zumindest für Rehe) passierbar sein,
um Wildunfälle durch versehentlich zwischen
die Zäune geratenes Wild zu verhindern. Durch
geeignete Schleusen- und Gatterkonstruktio-
nen könnte solchen Tieren der Rückweg
ermöglicht werden. Für den Fischotter geeig-
nete Leitzäune müssen in den Boden eingegra-
ben und umgelegt werden, damit sie nicht
unterwühlt werden können. Im Biosphärenre-
servat wurden gute Erfahrungen mit plastum-
manteltem grünen Maschendraht (Maschen-

61
Tab. 1:
Auswirkungen von ottergerechten Ausbaumaßnahmen an Brücken auf verkehrsbedingte Fischotterverluste
Jahr der
Brückenbauwerk
Gewässer
Straße
Kurzbeschreibung
Nutzung/Markierung
Verkehrsopfer (Datum)
Fertig-
durch Fischotter
fett gedruckt:
stellung
am 05.01.2005
nach Umbau
1992
Neubau Brücke
Fischgraben
S 153
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
20.02.1986, 10.03.1987,
nördlich Kreba
Bermen,keine Zäunung
12 Markierungen
08.07.2002
1996
Neubau Brücke 2
Kleine Spree
K 7214
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
in Lippitsch
Bermen, keine Zäunung
10 Markierungen
1997
Neubau Durchlass
Zuleiter
S 101
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
östlich Klix
TG Klix
Bermen, keine Zäunung
1 Markierung
1997
Neubau Brücke
Weigersdorfer
K 8472
beidseitig trockene
Nutzung möglich
keine bekannt
in Tauer
Fließ
Bermen, Grundstücks-
0 Markierungen
zäunung mit Leitwirkung
1997
Neubau Brücke in
Weigersdorfer
Fußweg
Nachrüstung mit einseitiger
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
Förstgen, OT Ölsa
Fließ
Schwelle, keine Zäunung
1 Markierung
1997
Neubau Brücke
Dürrbacher
Gemeinde-
einseitig trockene Berme,
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
westlich Dürrbach
Fließ
straße
keine Zäunung
2 Markierungen
1997
Neubau Brücke
Löbauer
S 109
beidseitig trockene Ufer
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
westlich Guttau
Wasser
keine Zäunung
Frische Spuren
1999
Neubau Durchlass östlich Ablaufgraben
K 8472
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
08.10.1993, 20.05.1996,
vom Tauerwiesenteich
vom Neuteich
Bermen, neue Zäunung
1 Markierung
09.05.1997, 06.10.1998
1999
Neubau Durchlass
Ablaufgraben
Gemeinde-
einseitig trockene Berme
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
östlich Jetscheba
Gerstenteiche
straße
keine Zäunung
5 Markierungen
1999
Neubau Brücke
Tremisch-
S 121
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
18.06.1994,
westlich Kreba
graben
Bermen, neue Zäunung
4 Markierungen
28.11.1997
1999
Straßenbrücke in
Weigersdorfer
K 8471
beidseitig trockene Bermen,
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
Förstgen
Fließ
Regelbauwerk für Düker
1 Markierung
2001
Neubau Brücke
Lomschanke
S 106
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
26.11.1994
nördlich Lomske
Bermen, keine Zäunung
10 Markierungen
2001
Neubau Brücke
Raudenscher
B 156
beidseitig trockene
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
westlich Uhyst
Graben
Bermen, keine Zäunung
1 Markierung
2004
Neubau Durchlass
Ableiter
K 8473
einseitig trockene Berme
regelmäßige Nutzung
keine bekannt
östlich Rauden
TG Mönau
neue Zäunung
2 Markierungen
2006
Neubau Durchlass
Zulauf
K 7215
durchschwimmbar
noch nicht kontrolliert
keine bekannt
nördlich Milkel
Mattkesteich
neue Zäunung

62
weite < 5 cm, 1,00 bis 1,20 m hoch, davon 0,2
m eingegraben) gemacht. Trotz der geringen
Höhe über Gelände reicht die Leitwirkung für
den Fischotter aus. Für Schalenwild ist der
Zaun leicht überwindbar und er fügt sich aus-
reichend in das Landschaftsbild ein, besonders
wenn er am Böschungsfuß des Straßendam-
mes aufgebaut wird. Eine Alternative zu Zäu-
nen stellen Wälle aus Baumstubben oder Erde,
aber auch Hecken dar. Im schrägen Winkel auf
Trockentunnel und Brücken zulaufend lenken
sie die Tiere mit hoher Wahrscheinlichkeit auf
den sicheren Weg (K
LENKE 1996).
Das Sächsische Staatsministerium für Wirt-
schaft und Arbeit hat im Februar 2006 in
Abstimmung mit dem Sächsischen Staats-
ministerium für Umwelt und Landwirtschaft
Regelungen für die Planung von Fischotterque-
rungshilfen erlassen. Diese „Hinweise für die
Planung von Maßnahmen zum Schutz des
Fischotters und Bibers an Straßen“ sind für
den Bereich von Bundesfern- und Staats-
straßen zu beachten. Die Regelungen enthalten
technische Grundlösungen und Gestaltungs-
grundsätze für artgerechte Querungsbauwerke
an Straßen und dienen einer einheitlichen Ver-
fahrensweise der Straßenbauverwaltung.
3
Gestaltung und Nutzung der Fischotter-
querungshilfen im Biosphärenreservat
Oberlausitzer Heide- und Teichland-
schaft
Im Gebiet des Biospärenreservats wurden in
den letzten 12 Jahren 14 Brückenbauwerke im
Einvernehmen mit der Biosphärenreservatsver-
waltung fischottergerecht gestaltet. Eine Auf-
listung der Einzelmaßnahmen ist in Tabelle 1
dargestellt:
Zwei weitere Brücken werden zurzeit umge-
baut (in Spreewiese an der K 7211 – Kleine
Spree und in Mücka an der K 8471 – Schwarzer
Schöps; der Bau soll noch 2006 fertig sein). Für
weitere fünf Bauwerke (an der B 156) sind die
Planungen abgeschlossen – der Bau wird erst
2007 und 2008 erfolgen.
Breite Bermen an beiden Ufern und ein guter
Übergang zum umliegenden Gelände stellen
ideale Fischotterquerungshilfen dar. Aber auch
zweiseitige schmale Bermen (siehe Abb. 1)
oder eine einseitige Berme (siehe Abb. 2) oder
sogar der nachträgliche Einbau einer Schwelle
oberhalb der Mittelwasserlinie (siehe Abb. 4)
werden vom Fischotter angenommen. Die
Materialwahl für die Berme scheint eine unter-
geordnete Rolle zu spielen. Sowohl auf Beton,
als auch auf Granit, Kies, Sand, Gras und
Schlamm wird markiert. Die ideale Brücke aus
der Sicht des Fischotters überspannt ein
Gewässer weiträumig mit ununterbrochen
durchgehendem Ufer- und Vorlandbereich wie
z. B. die Brücke über das Löbauer Wasser in
Guttau (siehe Abb. 5). Vom Fischotter werden
allerdings auch weniger attraktive Markierungs-
möglichkeiten genutzt (siehe Abb. 3).
Allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, dass
einzelne Tiere auch jahrelang genutzte Fisch-
otter-Wechsel verlassen und dabei zu Tode
kommen können. Für das Biosphärenreservat
wurde dies an einem Fall nachgewiesen. Einen
weiteren Nachweis lieferte H. Schnabel
(mdl. Mitteilung) für eine ottergerechte Brücke
im Zuge der Ortsumfahrung Wittichenau. Bei
beiden Brücken gab es keine Zäunung.
Alle ottergerecht ausgebauten Brücken im
Biosphärenreservat wurden innerhalb kurzer
Zeit vom Fischotter angenommen. Bei allen
kontrollierten Brücken wurden auf den trocke-
nen Bermen regelmäßige Markierungen fest-
gestellt. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich konnten
die Fischotterverluste an Schwerpunkten (z. B.
Neubau des Durchlasses östlich vom Tauer-
wiesenteich und der Brücken westlich Kreba
und nördlich Lomske ) weitgehend verhindert
werden. Lediglich an der Brücke nördlich von
Kreba wurde innerhalb von 12 Jahren an einer
ottergerecht gestalteten Brücke ein Fischotter
überfahren.
4 Zusammenfassung
Das Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet zählt
schon lange zu den Gebieten mit einer hohen
Dichte des Fischotters
Lutra lutra. Durch den
Straßenverkehr sterben relativ viele Fischotter;
Fischotterquerungshilfen helfen, die Fisch-
otterverluste drastisch zu reduzieren bzw. zu
verhindern.
Im Biosphärenreservat „Oberlausitzer Heide-
und Teichlandschaft“ gibt es verschiedene
Fischotterquerungshilfen. Es werden einige
Beispiele für Fischotterquerungshilfen vorge-
stellt, die zeigen, dass selbst einfache Maßnah-
men schon sehr wirkungsvoll sein können.
Neben speziellen Beispielen aus dem Bio-
sphärenreservat werden auch allgemeine Hin-
weise zur Gestaltung von Fischotterquerungs-
hilfen dargestellt.

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63
Abb. 1: Ersatzneubau Durchlass östlich vom Tauerwiesenteich
Foto: R. Schreyer
Abb. 2: Ersatzneubau Straßenbrücke zwischen Rauden und Mönau
Foto: R. Schreyer
Abb. 3: Ersatzneubau Durchlass Jetscheba
Foto: R. Schreyer
Abb. 4: Brücke Förstgen, OT Ölsa
Foto: R. Schreyer
Abb. 5: Neubau der Brücke über das Löbauer Wasser in Guttau
Foto: R. Schreyer
1
2
3
4
5

image
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Abb. 6: Fischotter (Lutra lutra)
Foto: R. Schreyer

image
65
„Naturschutzarbeit in Sachsen“
48. Jahrgang 2006 Seite 65–68
Änderungen im Bestand der Naturschutz-
gebiete in Sachsen im Jahr 2005
Friedemann Klenke
Die vorzustellenden vier Naturschutzgebiete
(NSG) erhielten im Jahr 2005 neue Rechtsver-
ordnungen. Zwei NSG wurden dabei erweitert.
NSG C 26 Hermannsdorfer Wiesen
(Erweiterung um ca. 65 ha auf ca. 180 ha)
Das in Naturschutzkreisen bekannte NSG Her-
mannsdorfer Wiesen (vgl. HEMPEL & SCHIEMENZ
1986) im Mittelerzgebirge erhielt eine neue
Verordnung, die den Schutz der zahlreichen
Lebensraumtypen und der Tierarten der Fauna-
Flora-Habitat- (FFH-) Richtlinie besonders her-
vorhebt. Im Zentrum des Schutzes stehen
nach wie vor die ausgedehnten Übergangs-
und Niedermoorflächen, ehemalige Torfstiche,
Nass- und Pfeifengraswiesen, Quellfluren,
Bäche und Gräben, Sumpf- und Moorwälder. In
trockeneren Bereichen sind Fichtenbestände
unterschiedlicher Naturnähe verbreitet, aber
auch Berg-Mähwiesen und artenreiche Borst-
grasrasen treten auf.
Im Bereich des bisherigen NSG wird die
Abgrenzung dahin korrigiert, dass vor allem
Pufferflächen für den Moorschutz einbezogen
und an anderen Stellen nicht benötigte Flächen
ausgegliedert wurden. Die Erweiterungen die-
nen auch dem Schutz des Schwarzen Teichs
als dystrophes Gewässer, in dem explizit Bade-
verbot besteht.
Östlich der Staatsstraße Elterlein-Geyer befin-
det sich eine neue Teilfläche des NSG, in der
ähnlich wertvolle Nasswiesen, Quellsümpfe
und Moorwälder wie im Alt-NSG geschützt
werden. Dabei wurden auch artenreiche Berg-
wiesen und das nährstoffarme Flächennatur-
denkmal (FND) „Kuckucksblumenwiese am
Fuchsstein“ mit einbezogen. Ehemaliges
Intensivgrünland wurde extensiviert und weist
bereits einen hohen Anteil Kleiner Klappertopf
(Rhinanthus
minor) auf.
Hinsichtlich des Artenschutzes sind aus EU-
Sicht die Vorkommen von Bachneunauge
(Lampetra
planeri), Westgroppe (Cottus gobio),
Großer Moosjungfer (Leucorrhinia pectoralis),
Abbiss-Scheckenfalter (Euphydryas aurinia)
und des Firnisglänzenden Sichelmooses (Hae-
matocaulis vernicosus) von besonderer Bedeu-
tung. Weitere bemerkenswerte Pflanzenarten
im NSG sind Weiß-Tanne (Abies alba), Nieren-
blättriger Frauenmantel (Alchemilla reniformis),
Katzenpfötchen (Antennaria dioica), Arnika
(Arnica
montana), Mond-Rautenfarn (Bot-
rychium lunaria), Echte Gelb-Segge, Armblütige
und Floh-Segge (Carex flava s. str., C. paucif-
lora, C. pulicaris), Rundblättriger Sonnentau
(Drosera rotundifolia), Breitblättriges Wollgras
(Eriophorum latifolium), Sudeten-Hainsimse
(Luzula sudetica), Bach-Quellkraut (Montia fon-
tana s. str.), Sumpf-Herzblatt (Parnassia palust-
ris), Sumpf- und Wald-Läusekraut (Pedicularis
palustris, P. sylvatica), Fettkraut (Pinguicula vul-
garis), Knöterich-Laichkraut (Potamogeton poly-
gonifolius), Großer Klappertopf (Rhinanthus
angustifolius), Weißes Schnabelried (Rhyn-
chospora alba), Niedrige Schwarzwurzel (Scor-
zonera humilis), Zwerg-Igelkolben (Sparganium
natans), Moor-Klee (Trifolium spadiceum), Klei-
ner Wasserschlauch (Utricularia
minor) und ver-
schiedene Orchideenarten. Die Moosflora
beeindruckt mit Bryum cyclophyllum, B. weige-
lii, Calliergon giganteum, Dicranum bonjeanii,
Drepanocladus intermedius, D. revolens s. l.,
Homalothecium nitens, Hypnum pratense,
Paludella squarrosa, Pseudobryum cinclidioides
und einer großen Zahl stark gefährdeter Torf-
moose (Sphagnum spp.). Bedeutende Groß-
pilzarten sind Camarophyllus lacmus, Cortina-
rius armillatus, C. muscigenus, Entoloma
euchroum, E. nitidum, E. sphagneti, Geoglos-
sum cookeianum, Hygrocybe calyptriformis, H.
cantharellus, H. coccineocrenata, H. mur-

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66
cinacea, H. punicea, H. spadicea, Lactarius
sphagneti und Mycena adonis.
Im NSG brütet die Bekassine (Gallinago galli-
nago), in manchen Jahren auch Wachtelkönig
(Crex crex) und Raubwürger (Lanius excubitor).
Bedeutsam ist das NSG auch für viele Durch-
zügler, Wintergäste und für den Schwarzstorch
(Ciconia
nigra) als Nahrungsraum. Selten
geworden ist die Kreuzotter (Vipera berus). Aus
der Libellenfauna sind Speer-Azurjungfer (Coe-
nagrion hastulatum), Zweigestreifte Quelljung-
fer (Cordulegaster boltonii), Kleine und Nordi-
sche Moosjungfer (Leucorrhina dubia, L.
ribicunda) sowie Arktische Smaragdlibelle
(Somatochlora arctica) zu erwähnen. Die Lauf-
käferarten Carabus silvestris, Trechus pilisensis
und Amara strenua treten regelmäßig im
Gebiet auf, von Carabus menetriesi fehlen
aktuelle Nachweise. Bemerkenswerte Schmet-
terlingsarten sind Hochmoor-Perlmutterfalter
(Boloria aquilonaris), Lilagold-Feuerfalter (Lyca-
ena hoppothoe), Hochmoor-Gelbling (Colias
palaeno) und Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia
medusa).
Zu erwähnen sind auch die Zikaden-
arten Oncodelphax pullulus, Paradelphacodes
paludosa, Sorhoanus xanthoneurus und Xant-
hodelphax flaveolus und die Wanze Cerato-
combus brevipennis.
NSG C 48 Großer Kranichsee
(Erweiterung auf ca. 611 ha unter Einbeziehung
des bisherigen NSG C 23 Hochmoor Weiters
Glashütte)
In den Kammlagen des Westerzgebirges befin-
det sich das größte natürliche Fichtenwaldareal
in Sachsen. Hier liegen auch die Hauptvorkom-
men der Hochmoore. Als eines der ältesten
sächsischen NSG steht der Große Kranichsee
seit 1912 unter Schutz (K
LENKE 1997). 1961
kamen die Hochmoore Große Säure und Kie-
bickenmoor im Quellgebiet der Wilzsch hinzu,
ebenso die sie umgebenden Fichten-Moorwäl-
der und Berg-Fichtenwälder (HEMPEL & SCHIE-
MENZ 1986). Die aktuelle Erweiterung erfolgt in
nordöstlicher Richtung und umfasst weitere
unzerschnittene Fichtenwälder auf überwie-
gend mineralischen, aber auch auf organischen
Standorten. Dabei wird auch die Trinkwasser-
talsperre Carlsfeld und das bisherige NSG
Hochmoor Weiters Glashütte mit einbezogen.
Über letzteres hinaus kommen einige artenrei-
che Berg-Mähwiesen im Siedlungsbereich von
Weitersglashütte hinzu. Damit entstand das
größte NSG im sächsischen Erzgebirge.
Während die Hochmoore bis auf wenige
Schlenken und Risse mit niedrigem Moor-
kiefern-Moorgehölz (Vaccinio uliginosi-Pinetum
rotundatae) bewachsen sind, ist in ihrer Umge-
bung eine Abfolge von Fichtenwäldern zu
beobachten, die vom Rauschbeeren-Fichten-
Moorwald (Vaccinio uliginosi-Piceetum) über
den Torfmoos-Fichtenwald (Calamagrostio vil-
losae-Piceetum sphagnetosum) bis zum typi-
schen Wollreitgras-Fichtenwald (Calamagrostio
villosae-Piceetum) reicht. Einige Bestände sind
noch strukturarmer Altersklassenforst, andere
sind sehr strukturreich und gemischtaltrig. Auf
Verjüngungsflächen spielen auch Eberesche
und Berg-Ahorn eine Rolle. Offene Flächen fin-
den sich außerhalb der Rodungsinsel Weiters-
glashütte nur an der Talsperre, die von einem
schmalen Wiesensaum umgeben ist, in den
Hochmoorkernen und entlang der Forstwege
und Schneisen.
Unter den schützenswerten Moorpflanzen sind
Rosmarinheide (Andromeda
polifolia), Arm-
blütige und Schlamm-Segge (Carex pauciflora,
C. limosa)
sowie Krähenbeere (Empetrum
nigrum) hervorzuheben. Bemerkenswerte Tier-
arten sind Auerhuhn (Tetrao urogallus), Kreuz-
otter (Vipera berus), Alpen- und Arktische Sma-
ragdlibelle (Somatochlora alpestris, S. arctica)
und Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarc-
tica). In den Fichtenwäldern kommen u. a. die
Rentierflechte (Cladonia rangiferina) und das
Bartmoos Barbilophozia lycopodioides vor. Auf
den Bergwiesen findet man auch Arnika
(Arnica montana).
Gemäß der Schutzverordnung unterliegen die
genannten Hochmoore und angrenzende Wald-
Abb. 1: Erweiterungsfläche des NSG Her-
mannsdorfer Wiesen 2006
Foto: Archiv LfUG, F. Klenke

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67
bereiche dem Prozessschutz und werden nicht
bewirtschaftet. In den übrigen Waldbereichen
soll vorzugsweise Naturverjüngung zur Erhal-
tung und Entwicklung der genannten Wald-
gesellschaften beitragen. Durch pflegliche Nut-
zung und geeignete Forsttechnik soll vor allem
die Bodenvegetation (Beerstrauchbestände,
Moos- und Flechtengesellschaften) geschont
werden. Für die Bergwiesen ist einschürige
Mahd mit Heugewinnung vorgesehen. Beson-
ders wichtig ist eine gute Besucherlenkung
und -betreuung, vor allem im Winter, um Schä-
den durch Verlassen der gespurten Loipen und
Wege, aber auch durch falsche Loipentrassie-
rung zu vermeiden.
NSG C 50 Halbmeiler Wiesen
(neue Verordnung, ca. 17,2 ha)
Auf dem Kamm des Westerzgebirges liegt die
kleine Rodungsinsel Halbemeile/Halbmeil. In
Höhenlagen über 900 m gedeihen vor allem
Berg-Mähwiesen (Meo-Festucetum rubrae),
aber auch Braunseggensümpfe (Carici canes-
centis-Agrostietum caninae) und Torfbinsen-
Borstgrasrasen (Juncetum squarrosi), jeweils in
verschiedenen Ausbildungsformen. Kleinflächig
treten montane Zwergstrauchheiden, Quell- und
Hochstaudenfluren hinzu. Eine Besonderheit
stellen Zwischenmoor-Regenerationsstadien
(Sphagnetum magellanici) dar, die als soligenes
Hangmoor eingestuft werden. Schon HEMPEL &
SCHIEMENZ (1986) weisen darauf hin.
Die Pflanzenwelt weist zahlreiche bemerkens-
werte Arten auf, darunter Katzenpfötchen
(Antennaria dioica), Arnika (Arnica montana),
Mond-Rautenfarn (Botrychium
lunaria), Arm-
blütige Segge (Carex pauciflora), Rundblätt-
rigen Sonnentau (Drosera rotundifolia), Breit-
blättriges Wollgras (Eriophorum latifolium),
Alpenlattich (Homogyne alpina), Sudeten-Hain-
simse (Luzula sudetica), Wald-Läusekraut
(Pedicularis sylvatica), Fettkraut (Pinguicula vul-
garis),
Platanenblättriger Hahnenfuß (Ranuncu-
lus platanifolius), Großen Klappertopf (Rhinan-
thus angustifolius), Alpen-Goldrute (Solidago
virgaurea ssp. minuta), Moor-Klee (Trifolium
spadiceum) und verschiedene Orchideenarten.
Als Brutvögel wurden u. a. Bekassine (Galli-
nago gallinago) und Schwarzkehlchen (Saxicola
torquata) nachgewiesen. Aus der Schmetter-
lingsfauna sind Hochmoor-Perlmuttfalter (Bolo-
ria aquilonaris), Wachtelweizen- und Baldrian-
Scheckenfalter (Melitaea athalia, M. diamina)
und Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa)
hervorzuheben.
Nach den Schutzanordnungen von 1972 und
1987 liegt jetzt erstmals eine detaillierte Verord-
nung für das NSG vor. Auch die Pflege wurde
neu organisiert. Einen Eindruck vom Gebiet ver-
mittelt ein neues Faltblatt (S
CHEFFLER 2005).
NSG D 77 Spannteich Knappenrode
(neue Verordnung, ca. 138,3 ha)
Die Geschichte des einst mäßig nährstoff-
reichen, später durch Einschwemmung von
Kohlenschlamm ausgetrockneten Spannteichs
Knappenrode bei Hoyerswerda wurde von K.
H. GROßER in FISCHER et al. 1982 dargestellt. Ab
1955 lag der Spannteich völlig trocken, 1963
wurde er wegen der Brandgefahr mit Gruben-
Abb. 2: Schlenke im NSG Großer Kranichsee
2006
Foto: Archiv LfUG, F. Klenke
Abb. 3: Grünlandpflege im NSG Halbmeiler
Wiesen
Foto: Archiv LfUG, W. Böhnert

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68
wässern wieder bespannt und 1967 als Was-
servogelschongebiet sowie 1981 als NSG aus-
gewiesen. Es dominieren bis heute ausge-
dehnte Schilfröhrichte, die nur an wenigen
Stellen kleine Wasserflächen offenlassen. Die
hohe Verdunstung des Schilfs trägt sicher zum
sommerlichen Wassermangel bei, dem der
Spannteich regelmäßig unterliegt. Sonstige
Verlandungsvegetation ist nur schwach ausge-
bildet. Der Spannteich wird nicht genutzt.
Im kaum zugänglichen Röhricht sollen Strauß-
Gilbweiderich (Lysimachia
thyrsiflora) und
Faden-Segge (Carex lasiocarpa) vorkommen.
Es ist Lebensraum zahlreicher Brutvogelarten,
darunter Knäkente (Anas querquedula), Rohr-
dommel (Botaurus stellaris), Kranich (Grus
grus), Rohrschwirl (Locustella luscinioides),
Bartmeise (Panurus biarmicus), Kleinralle (Por-
zana parva) und das vermutlich stärkste Vor-
kommen der Wasserralle (Rallus aquaticus) in
Sachsen. Auch Fischotter (Lutra lutra) und Rot-
bauchunke (Bombina bombina) kommen hier
vor. Die Randbereiche und Gräben werden von
Großer Moosjungfer (Leucorrhinia
pectoralis)
und Grüner Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia)
besiedelt.
Am Südufer des Spannteichs gibt es wenige
kleine Wiesenflächen, ansonsten ist er in Kie-
fernbestände eingebettet, die in den trocken-
sten Bereichen dem Beerstrauch-Kiefernwald
entsprechen. Hier gedeihen Dolden-Winterlieb
(Chimaphila umbellata), Mondraute (Bot-
rychium lunaria) und Grünblütiges Wintergrün
(Pyrola chlorantha). Auch Mopsfledermaus
(Barbastella
barbastellus), Wendehals (Jynx tor-
quilla) und Ziegenmelker (Caprimulgus europa-
eus) wurden nachgewiesen. Die standort-
typischen Birken-Stieleichenwälder (Molinio-
Quercetum) nehmen vor allem das Westufer
ein; Erlenbrüche und ein Buchenbestand spie-
len kaum eine Rolle. Im Nordwesten des NSG
wurden kleinflächig Lärchen und Fichten, im
Nordosten Pappeln aufgeforstet. Eine artenrei-
che Pflanzen- und Insektenwelt besiedelt
offene Sandflächen und sonnige Wegränder,
vor allem im Osten des NSG. Hier kommen
Glattnatter (Coronella
austriaca), Wechsel- und
Kreuzkröte (Bufo viridis, B. calamita) vor. Als
Brutvögel zur Zeit nicht nachweisbar sind Wie-
dehopf (Upupa epops), Raubwürger (Lanius
excubitor), Heidelerche (Lullula arborea) und
Bekassine (Gallinago gallinago).
Über die Insektenwelt des NSG ist leider noch
wenig bekannt. Aus der Libellenfauna sind
Gemeine Keiljungfer (Gomphus vulgatissimus),
Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia),
Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo), Fle-
dermaus-Azurjungfer (Coenagrium pulchellum)
und Große Moosjungfer (Leucorrhinia pectora-
lis) besonders zu erwähnen. Von 98 nachge-
wiesenen Schmetterlingsarten ist die Sumpf-
gras-Spannereule (Macrochilo
cribrumalis)
hervorzuheben. Auch die Wasserkäferarten
Dytiscus circumcinctum und Graphoderus
zonatus wurden nachgewiesen.
Zu den Pflege- und Entwicklungsgrundsätzen
der neuen Schutzverordnung gehören die
Gewährleistung einer ständigen Wasserführung
in den Zuläufen, die Optimierung seltener und
wertvoller Biotope sowie der naturnahe Wald-
umbau. Die Schaffung einer größeren offenen
Wasserfläche bis 40 % könnte die Vorkommen
von Fischen, Fischfressern und von Vogelarten
der offenen Wasserflächen und Schilfsäume
fördern, jedoch auch zu Rückgängen bei Bart-
meise und Wasserralle führen (F. FÖRSTER mdl.).
Literatur
FISCHER, W.; GROßER, K. H.; MANSIK, K.-H. & WEGENER, U.: Hand-
buch der Naturschutzgebiete der DDR. Bd. 2, 3. Aufl. Leipzig
(1982).
H
EMPEL, W. & SCHIEMENZ, H.: Handbuch der Naturschutzgebiete
der DDR. Bd. 5, 2. Aufl. Leipzig (1986).
K
LENKE, F.: Zur Geschichte der sächsischen Schutzgebiete bis
1945. – Naturschutzarbeit in Sachsen 39 (1997), S. 35 – 46.
S
CHEFFLER, M.: Die „Halbmeiler Wiesen“ – eine Rodungsinsel
auf dem Kamm des Westerzgebirges. Hrsg.: Landschafts-
pflegeverband Westerzgebirge Schneeberg, o. J. (2005).
Faltblatt.
Abb. 4: Blick ins NSG Spannteich
Knappenrode
Foto: Archiv LfUG, F. Klenke

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Herausgeber:
Sächsisches Landesamt
für Umwelt und Geologie
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für verschlüsselte elektronische Dokumente)
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Dr. Anette Jahn, Udo Kolbe, Heinz Kubasch,
Hellmut Naderer, Dr. Justus Oertner,
Dr. habil. Rolf Steffens, Hans-Jörg Vorberger
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