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Leitfaden
Vogelschutz an Windenergieanlagen
im Freistaat Sachsen
Stand 1. Dezember
2021

Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis ............................................................................................................................ 4
1
Einführung ....................................................................................................................................... 5
2
Rechtliche Grundlagen der Artenschutzprüfung im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen
Genehmigungsverfahrens ............................................................................................................... 6
3
Windkraftempfindliche Arten und artspezifische Abstandswerte .................................................. 8
4
Erfassung und Bewertung der Avifauna ........................................................................................ 10
4.1
Relevanzprüfung .................................................................................................................... 10
4.2
Bestandserfassung am Eingriffsort ........................................................................................ 10
5
Prüfung der Verbotstatbestände .................................................................................................. 11
5.1
Prüfung des signifikant erhöhten Tötungsrisikos für kollisionsgefährdete Brutvogelarten
(Signifikanzprüfung) .......................................................................................................... 11
5.1.1
Bewertungsmethoden ................................................................................................... 11
5.1.2
Gestufte Vorgehensweise zur Bewertung signifikant erhöhter Tötungsrisiken ........... 17
5.2
Prüfung des Störungsverbotes für störempfindliche Brutvogelarten ................................... 19
5.3
Prüfung des Verbots der Zerstörung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten ........................ 20
6
Schutzmaßnahmen sowie CEF- und FCS-Maßnahmen ................................................................. 21
6.1
Allgemeine Hinweise und Rahmenbedingungen .................................................................. 21
6.1.1
Schutzmaßnahmen ........................................................................................................ 21
6.1.2
CEF- Maßnahmen .......................................................................................................... 22
6.1.3
FCS-Maßnahmen ........................................................................................................... 23
6.2
Typische Schutzmaßnahmen zugunsten windkraftempfindlicher Arten .............................. 24
6.2.1
Grundlegende Maßnahmen: Einhaltung der Abstandswerte ....................................... 24
6.2.2
Artspezifische Standard-Maßnahmen ........................................................................... 24
6.2.3
Optionale Maßnahme: WEA Abschaltung zur Balz-, Brut- und/oder Zugzeit ............... 28
6.3
Weitere Maßnahmen, die auch für nicht windkraftempfindliche Arten gelten ................... 29
7
Ausnahmen .................................................................................................................................... 30
7.1
Vorbemerkungen ................................................................................................................... 30
7.2
Ausnahmegründe .................................................................................................................. 31
7.2.1
Zwingende Gründe
des überwiegenden öffentlichen Interesses ................................. 31
7.2.2
Interesse der öffentlichen Sicherheit ............................................................................ 32
7.3
Keine zumutbaren Alternativen ............................................................................................ 37
7.3.1
Standortalternativen ..................................................................................................... 38
7.3.2
Ausführungsalternativen ............................................................................................... 40
7.4
Keine Verschlechterung des Erhaltungszustands der Populationen einer Art...................... 40
7.4.1
Betrachtung der Gesamtpopulation .............................................................................. 40
7.4.2
Wahrung des Erhaltungszustands (Verschlechterungsprognose) ................................. 42
2

7.4.3
Berücksichtigung von Ausgleichsmaßnahmen .............................................................. 43
7.5
Ermessen ............................................................................................................................... 44
8
Repowering - vorläufige Vollzugshinweise zu § 16b Abs. 4 BImSchG ........................................... 45
8.1
Geltungsbereich .................................................................................................................... 46
8.2
Artenschutzrechtliche Signifikanzprüfung (§ 44 Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 BNatSchG) ................... 46
8.3
Artenschutzrechtliche Ausnahmeprüfung (§ 45 Abs. 7 Satz 1 bis 3 BNatSchG) ................... 48
9
Befreiungen ................................................................................................................................... 48
10
Glossar ........................................................................................................................................... 49
11
Literatur und Quellen .................................................................................................................... 52
Anhang .................................................................................................................................................. 56
I Tabellen zu Vogelarten und Arteigenschaften ................................................................................ 57
II Untersuchungsmethoden ............................................................................................................... 60
III Rasteranalyse und -bewertung im Rahmen einer brutpaarbezogenen RNA ................................ 69
IV Hinweise zur bedarfsgerechten Anwendung von Betriebszeitenreglungen ................................. 72
3

 
Abkürzungsverzeichnis
AtG
Atomgesetz
BauGB
Baugesetzbuch
BfN
Bundesamt für Naturschutz
BImSchG
Bundesimmissionsschutzgesetz
BNatSchG
Bundesnaturschutzgesetz
BVerwG
Bundesverwaltungsgericht
CEF
Continuous ecological functionality
EEG
Erneuerbare-Energien-Gesetz
EKP
Sächsisches Energie- und Klimaprogramm
EuGH
Europäischer Gerichtshof
FCS
Favourable conservation status
FFH-VP
Fauna-Flora-Habitat Verträglichkeitsprüfung
Fn.
Fußnote
HPA
Habitatpotenzialanalyse
KAG
Gesetz zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung
KoalV
Koalitionsvertrag
KNE
Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende
KSG
Bundes-Klimaschutzgesetz
LAG VSW
Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten
LANA
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung
LfULG
Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
Rn.
Randnummer
RNA
Raumnutzungsanalyse
seT
Signifikant erhöhtes Tötungsrisiko
THG
Treibhausgas
VS-RL
Vogelschutzrichtlinie
UMK
Umweltministerkonferenz
UVP
Umweltverträglichkeitsprüfung
WEA
Windenergieanlage
zAR
Zentraler Aktionsraum
ZenA
Zentrale Artdatenbank des LfULG
4

 
1
Einführung
Dem Ausbau der Windenergie an Land kommt eine tragende Rolle zu, um den Energiesektor
in Richtung Erneuerbarer Energien zu transformieren und die gesteckten Reduktionsziele für
Treibhausgase zu erreichen. Dabei ist ein naturverträglicher Bau und Betrieb notwendig. In
der Praxis zur Genehmigung von Windenergieanlagen (WEA) treten oftmals Zielkonflikte mit
dem Schutz wild lebender Vogelarten auf, denn für mehrere Arten besteht ein erhöhtes Risiko,
mit WEA zu kollidieren und dabei tödlich verletzt zu werden.
Insbesondere das Individuen bezogen ausgestaltete und an eine signifikante Risikoerhöhung
gegenüber dem „normalen Lebensrisiko“ geknüpfte artenschutzrechtliche Verletzungs- und
Tötungsverbot nach § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG führt zu großen Herausforderungen in der
Rechtsanwendung.
Den sächsischen Genehmigungsbehörden stehen bereits seit dem Jahr 2010 relevante Fach-
standards im Rahmen der WWW-Arbeitshilfe Artenschutz des LfULG
1
zur Verfügung. Seither
sind in vielen Bundesländern zu verschiedenen Aspekten der artenschutzrechtlichen Bewer-
tung Leitfäden auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erarbeitet worden.
Darin werden den drei zentralen Bewertungsverfahren (1. Abstandsbasierte Bewertung, 2.
Habitatpotenzialanalyse, 3. Raumnutzungsanalyse) unterschiedliche Bedeutungen beigemes-
sen. Diese Bewertungsverfahren finden auch in den sächsischen Landkreisen und Kreisfreien
Städten in unterschiedlichem Maße Anwendung.
Der vorliegende „Leitfaden Vogelschutz an Windenergieanlagen im Freistaat Sachsen“ hat
zum Ziel, den sächsischen Genehmigungsbehörden
einheitliche Maßstäbe für die Bewertung
der artenschutzrechtlichen Störungs-, Verletzungs- und Tötungsrisiken bei der Errichtung
und beim Betrieb von WEA
an die Hand zu geben, den Vollzug der artenschutzrechtlichen
Regelung klarer zu gestalten und zur Rechtssicherheit der behördlichen Entscheidungen bei-
zutragen. Er bezieht sich allein auf WEA, die nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz zu ge-
nehmigen sind.
Zu Themen, die mit dem besonderen Artenschutz im Rahmen der immissionsschutzrechtli-
chen Genehmigung von WEA in engem Zusammenhang stehen, die jedoch vom Leitfaden
nicht erfasst werden, wird auf Handreichungen an anderer Stelle verweisen. Das betrifft die
Raumplanung
2
, den Gebietsschutz, namentlich den Schutz von Natura 2000-Gebieten
3
und
den Artenschutz bei Kleinwindenergieanlagen
4
.
Der Leitfaden führt die drei gängigen Bewertungsmethoden zur Signifikanzbewertung in ei-
nem gestuften Verfahren zusammen und benennt Fallkonstellationen, in denen die jeweiligen
Methoden am ehesten geeignet sind, um unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit des Auf-
wandes zu einem fachlich validen Ergebnis zu kommen. Durch die gestufte Vorgehensweise
werden Praktikabilität und Verhältnismäßigkeit in einfachen Entscheidungskonstellationen
gewahrt, in denen auf vertiefte Sachverhaltsermittlungen, zum Beispiel in Form aufwändiger
Raumnutzungsanalysen, verzichtet werden kann.
Der Leitfaden bildet den untergesetzlichen Maßstab bzw. Standard zur artenschutzrechtlichen
Signifikanzbewertung nach § 44 Abs. 5 Nr. 1 BNatSchG. Weiterführend werden grundsätzlich
1
https://www.natur.sachsen.de/arbeitshilfen-artenschutz-20609.html
2
siehe SMI & SMUL (2011) bzw. nachfolgende Fassungen
3
z.B. LAMBRECHT & TRAUTNER (2007) zu erheblichen Beeinträchtigungen von Natura 2000-Gebieten
4
Zu den Artenschutzbelangen bei der Errichtung von Kleinwindenergieanlagen wird auf das entsprechende
Skript des BfN
verwiesen:
https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/Skript550.pdf
5

 
geeigneten Schutzmaßnahmen, die in konkreten Situationen geeignet sein können, das Tö-
tungsrisiko unter die Signifikanzschwelle zu senken, dargestellt. Des Weiteren werden Maß-
stäbe zur Ausübung der Ausnahmeregelung nach § 45 Abs. 7 BNatSchG geliefert sowie vorläu-
fige Vollzugshinweise zur Umsetzung des § 16b Abs. 4 BImSchG (Repowering) gegeben.
Dieser Rahmen ist für die Behörden im Freistaat Sachsen verbindlich. Abweichungen sind in
begründeten Einzelfällen möglich, wenn aktuellere fachliche Erkenntnisse oder andere sach-
liche Gründe vorliegen, die ohne Berücksichtigung rechtliche Risiken für die Zulassung erzeu-
gen würden.
Durch den Leitfaden werden die bisherigen „Arbeitshilfen Artenschutz“ für den Anwendungs-
bereich artenschutzrechtlicher Prüfungen im Zusammenhang mit der Genehmigung von WEA
ersetzt.
Wesentliche Grundlagen sind der Signifikanzrahmen der UMK (2020), die Länderleitfäden aus
Hessen (HKMULV 2021) und Thüringen (TLUG 2017), welche auf neuen wissenschaftlichen Er-
kenntnissen beruhen, sowie aktuelle gerichtliche Auslegungen des Artenschutzrechts.
Perspektivisch wird eine Überprüfung und ggf. Fortentwicklung der Kriterien und Maßstäbe
dieses Leitfadens an den aktuellen Stand von Wissenschaft und Praxis durch das SMEKUL er-
folgen.
2
Rechtliche Grundlagen der Artenschutzprüfung im Rahmen des im-
missionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens
Die nachfolgenden Hinweise konkretisieren die artenschutzrechtliche Prüfung im Sinne des
§ 44 f BNatSchG für europäische Vogelarten bei immissionsschutzrechtlichen Genehmigungs-
verfahren.
Nach § 5 BImSchG sind genehmigungsbedürftige Anlagen so zu errichten und zu betreiben,
dass zur Gewährleistung eines hohen Schutzniveaus für die Umwelt insgesamt Vorsorge gegen
schädliche Umwelteinwirkungen und sonstige Gefahren, erhebliche Nachteile und erhebliche
Belästigungen getroffen wird. Nach § 6 BImSchG ist die Genehmigung zu erteilen, wenn
sichergestellt ist, dass die sich aus § 5 und einer auf Grund des § 7 erlassenen Rechtsverord-
nung ergebenden Pflichten erfüllt werden und andere öffentlich-rechtliche sowie europa-
rechtliche Vorschriften der Errichtung und dem Betrieb der Anlage nicht entgegenstehen.
Hierfür hat die Antragstellerin oder der Antragsteller die Errichtung und den Betrieb der An-
lage so zu beantragen, dass keine Vorschriften des Naturschutzrechts entgegenstehen. Dazu
gehört eine umfassende Darstellung der für einen naturschutzrechtskonformen Betrieb erfor-
derlichen und vorgesehenen Maßnahmen. Stellen die Antragsunterlagen dies – auch nach et-
waiger Nachbesserung – nicht sicher, ist der Antrag durch die zuständige Behörde abzulehnen.
Gemäß § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG ist es verboten, wild lebende Tiere der besonders geschütz-
ten Arten, zu denen die europäischen Vogelarten zählen, zu verletzen oder zu töten. Für nach
§ 15 Abs. 1 BNatSchG unvermeidbare Beeinträchtigungen durch Eingriffe in Natur und Land-
schaft sowie für Vorhaben im Sinne des § 18 Abs. 2 S. 1 BNatSchG liegt das Tötungsverbot
nach § 44 Abs. 5 S. 2 Nr. 1 BNatSchG nicht vor, wenn die Beeinträchtigung durch den Eingriff
oder das Vorhaben das Tötungs- und Verletzungsrisiko für Exemplare der betroffenen Arten
nicht signifikant erhöht und diese Beeinträchtigung bei Anwendung der gebotenen, fachlich
anerkannten Schutzmaßnahmen nicht vermieden werden kann.
6

Mit dieser im Jahr 2017 eingeführten Regelung hat der Gesetzgeber die ständige Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts aufgegriffen
5
, die verhindern soll, dass das Tötungsver-
bot zu einem unverhältnismäßigen Planungshindernis wird oder die Ausnahmeregelung des
§ 45 Abs. 7 BNatSchG – entgegen der Gesetzessystematik – über Gebühr genutzt werden
müsste
6
.
Für wild lebende Tiere, und damit auch für solche besonders geschützter Arten, besteht stets
bereits vorhabenunabhängig ein allgemeines Tötungsrisiko, welches sich nicht nur aus dem
allgemeinen Naturgeschehen ergibt, sondern auch dann sozialadäquat und deshalb hinzuneh-
men ist, wenn es zwar vom Menschen verursacht ist, aber nur einzelne Individuen betrifft
7
.
Eine signifikante Erhöhung des Tötungsrisikos, im Vergleich zum Grundrisiko, kann sich aus
dem Betrieb oder der Errichtung eines Vorhabens ergeben.
8
Die Klärung der Frage, ob eine Risikoerhöhung im Einzelfall als „signifikant“ anzusehen ist,
setzt eine wertende Betrachtung voraus.
9
Hierbei sind artspezifische Verhaltensweisen, die
häufige Frequentierung des durch das Rotorblatt überstrichenen Raumes und die Wirksamkeit
vorgesehener Schutzmaßnahmen zur Abwendung von Verbotseintritten zu berücksichtigen.
10
Ein Nullrisiko ist dabei nicht zu fordern, weshalb auch Schutzmaßnahmen nicht mit nahezu
100 %-iger Sicherheit jegliche Kollisionen vermeiden müssen.
11
Wenn die Signifikanzschwelle nicht überschritten wird und dennoch der unvermeidliche Ver-
lust einzelner Exemplare eintritt, ist dementsprechend kein Verstoß gegen das Tötungsverbot
gegeben.
12
Diese Gesetzesänderung sollte ausdrücklich die bisherige ständige Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts fortführen.
Für die spezielle artenschutzrechtliche Prüfung, die auf die Signifikanzbewertung abzielt, wird
im Folgenden die Bezeichnung „
artenschutzrechtliche Signifikanzprüfung
“ verwendet.
Das nachfolgende Schaubild (Abbildung 1) verdeutlicht, wie sich die artenschutzrechtliche Sig-
nifikanzprüfung nach § 44 Abs. 5 Nr. 1 BNatSchG sowie die artenschutzrechtliche Ausnahme-
prüfung nach § 45 Abs. 7 BNatSchG in den Gesamtkontext der artenschutzrechtlichen Prüfung
einordnet.
5
BVerwG, Urteil vom 9. Juli 2008 – 9 A 14/07, juris, Rn. 90; u.a. keine Änderungen der Rechtslage durch die Ge-
setzesänderung vgl. VGH Bayern, Beschluss vom 27. November 2017 – 22 CS 17.1574, juris, Rn. 32
6
BVerwG, Urteil vom 9. Juli 2008 – 9 A 14/07, juris, Rn. 90 f.
7
BVerwG, Beschluss vom 8. März 2018 – 9 B 25/17, juris, Rn. 11
8
BVerwG, Urteil vom 8. Januar 2014 – 9 A 4/13, juris, Rn. 99
9
BVerwG, Beschluss vom 8. März 2018 – 9 B 25/17, juris, Rn. 11
10
BVerwG, Urteil vom 14. Juli 2011 – 9 A 12/10, juris, Rn. 99; vgl. BVerwG, Beschluss vom 8. März 2018 – 9 B
25/17, Rn. 11, juris
11
vgl. BVerwG, Urteil vom 28. April 2016 – 9 A 9/15, juris, Rn. 141
12
Bundestag Drucksache 18/11939, 12. April 2017, S. 17; so bereits BVerwG, Urteil vom 9. Juli 2008 – 9 A
14/07, juris, Rn. 91
7

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Abbildung 1: Übersichtsschema zur Einordnung der artenschutzrechtlichen Signifikanzprüfung nach § 44
BNatSchG und der Ausnahmeprüfung nach § 45 Abs. 7 BNatSchG (Quelle: BfN & KNE 2020, verändert).
3
Windkraftempfindliche Arten und artspezifische Abstandswerte
Grundsätzlich sind bei einer artenschutzrechtlichen Prüfung alle aufgrund der Vogelschutz-
richtlinie 2009/147/EG (VS-RL) besonders geschützten Vogelarten zu betrachten.
Bestimmte Vogelarten unterliegen durch den Betrieb der Anlagen einem erhöhten Kollisions-
risiko („Vogelschlag“). Sie sind im Rahmen der Genehmigung einer WEA von besonderer Be-
deutung für die Prüfungen zum Tötungs- und Verletzungsverbot (§ 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG).
Darüber hinaus sind im Rahmen der Beurteilung des Störungsverbotes (§ 44 Abs. 1 Nr. 2
BNatSchG) auch besonders störungsempfindliche Arten von Bedeutung, die z. B. gegenüber
der WEA mit einem Meideverhalten („Scheuchwirkung“) reagieren.
Arten, die gegenüber dem WEA-Betrieb als kollisionsgefährdet und/oder besonders störungs-
empfindlich einzustufen sind, werden im Folgenden zusammengefasst als „windkraftempfind-
lich“ bezeichnet.
Die in Sachsen vorkommenden windkraftempfindlichen Arten sind in der Tabelle A1 im An-
hang aufgelistet. Der Liste liegen das sogenannte Helgoländer Papier (LAG VSW 2015) und,
bezogen auf die Kollisionsgefährdung, der länderübergreifend einheitliche Signifikanzrahmen
(UMK 2020c) zu Grunde.
In der Artenliste sind die Einstufungen des Signifikanzrahmens, die gegenüber dem Helgolän-
der Papier abweichen, gekennzeichnet.
Die Reiher-Arten, die Sumpfohr-Eule, die Waldschnepfe und der Wespenbussard sind noch im
Helgoländer Papier (LAG 2015), jedoch nicht mehr im Signifikanzrahmen (UMK 2020c) als kol-
lisionsgefährdet eingestuft. Da keine landesspezifischen Gründe vorliegen, die ein Abweichen
8

vom Signifikanzrahmen rechtfertigen würden, und diese Arten zudem nicht besonders stö-
rungsempfindlich sind, fehlen sie in der Tabelle der windkraftempfindlichen Vogelarten.
Abweichend vom Signifikanzrahmen, im Sinne einer landesspezifischen Ergänzung, werden in
Sachsen auch Möwen und Flussseeschwalben als kollisionsgefährdet eingestuft. Ihre Brutko-
lonien konzentrieren auf die Braunkohleseen und Teichgebiete im sächsischen Tiefland, wo
sie ausgeprägte und (bezogen auf Verbreitungsgebiet der Arten) vulnerable Dichtezentren bil-
den.
Die Tabelle A1 beziffert die artspezifischen Abstandswerte
13
ausgehend von den Mobilitäts-
und Raumnutzungsmustern der Arten, und sie gibt Hinweise zur Abgrenzung der lokalen Po-
pulationen.
Die Abstandswerte haben als Bewertungsstandards nur Relevanz für Arten und Zeiträume, in
denen territoriale Tiere regelmäßige Pendelflüge zwischen Nest/Schlafplatz und Nahrungsha-
bitat durchführen. Sie gelten nicht für Rast- und Zugvögel.
14
Zur Verwendung der Abstandswerte im Rahmen der Bestandsaufnahme und Bewertung wer-
den in den nachfolgenden Kapiteln (Kapitel 4 und 5) noch nähere Hinweise gegeben.
Die artspezifischen Einstufungen der Tabelle A1 sind von den zuständigen Behörden künftig
bei artenschutzrechtlichen Prüfungen bezogen auf Vögel im Zusammenhang mit der Geneh-
migung von WEA anzuwenden.
Andere Artenlisten und Abstandswerte, zum Beispiel solche mit Bezug auf bestimmte Schutz-
gebietskategorien oder Lebensräume (z. B. Mindestabstände zu bedeutenden Vogellebens-
räumen, LAG VSW 2015) finden im Rahmen immissionsschutzrechtlicher Genehmigungsver-
fahren im Freistaat Sachsen keine Anwendung mehr.
Ausnahmen bilden die seltenen Fälle, in denen Arten nachgewiesen werden, die auf der Roten
Liste als ausgestorben bzw. verschollen geführt werden und die deshalb keinen Eingang in die
Tabelle A1 gefunden haben.
15
Für sie sind bis zur Aktualisierung der Tabelle die Einstufungen
des Helgoländer Papiers (LAG VSW 2015) anzuwenden.
Die Ausschließlichkeit der Anwendung der Einstufungen in der Tabelle A1 gilt ab dem 1. Januar
2022, soweit die zuständige Behörde nicht bei bereits zu diesem Zeitpunkt behördenanhängi-
gen Verfahren aus konkretem Anlass abweichende Einstufungen begründet festgelegt haben.
13
Die Meterangaben zu den Abstandswerten (Nahbereich, Regelabstand, Prüfbereich) beziehen sich jeweils auf
die Mitte des Mastfußes der WEA.
14
Für diese können zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich Erfassungsstandards (siehe Anlage II) jedoch keine
Bewertungsstandards zur Anwendung vorgegeben werden.
15
Auerhuhn, Großer Brachvogel, Großtrappe, Haselhuhn, Uferschnepfe
9

 
4
Erfassung und Bewertung der Avifauna
4.1 Relevanzprüfung
Die in der Tabelle A1 (Anhang) als kollisionsgefährdet aufgeführten Vogelarten (Spalte 4) sind
relevant für eine vertiefte Prüfung des signifikant erhöhten Tötungsrisikos (Verbotstatbestand
§ 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG).
Für die vertiefte Prüfung einer erheblichen Störung der lokalen Population (Verbotstatbestand
§ 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG) sind alle in der Tabelle A1 als besonders störungsempfindlich
aufgeführten Arten relevant (Spalte 5).
Alle nicht in der Tabelle aufgeführten Brutvogelarten besitzen keine Relevanz für eine vertiefte
Prüfung bezogen auf die genannten Verbotstatbestände. Für sie ist eine vereinfachte Prüfung
(z. B. in Tabellenform) ausreichend.
4.2 Bestandserfassung am Eingriffsort
Nach ständiger Rechtsprechung des BVerwG ist eine ausreichende Sachverhaltsermittlung als
Grundlage der artenschutzrechtlichen Prüfung erforderlich.
16
Die Naturschutzbehörden sind
gehalten, die nachfolgend und in der Anlage II (Untersuchungsmethoden) formulierten Anfor-
derungen an die Sachverhaltsermittlung anzuwenden, sofern die zuständige Behörde nicht bei
bereits zu diesem Zeitpunkt behördenanhängigen Verfahren aus konkretem Anlass abwei-
chende Anforderungen begründet festgelegt haben.
Für die Frage nach dem Eintritt artenschutzrechtlicher Verbotstatbestände ist zu prüfen, ob
die relevanten Arten im Untersuchungsraum des Vorhabens grundsätzlich vorkommen. Be-
trachtungsgegenstand sind regelmäßige Vorkommen. Grundlage dafür bilden die vorhande-
nen Verbreitungs- und Vorkommensdaten der Fachbehörden (Daten der Zentralen Artdaten-
bank, ZenA). Vielfach reichen auch hinreichend begründete Potenzialabschätzungen aus.
Ergänzende Hinweise auf Vorkommen der Arten im Verfahren durch fachkundige Dritte (aus-
gewiesene Ornithologen) beziehungsweise aus ornithologischen Fachdatenbanken, die nicht
von den Fachbehörden betrieben werden (z.B. „Ornitho.de“) sind zu berücksichtigen, wenn
sie hinreichend substantiiert sind und ihnen eine belastbare Datenqualität zugrunde liegt.
17
Vor Verwendung der verfügbaren Daten ist fachgutachtlich einzuschätzen, ob und in wie weit
diese geeignet sind, die Vogelwelt am Eingriffsort zu repräsentieren.
Sogenannte „Worst Case -Annahmen“ (ein Vorkommen wird mangels Erfassungsdaten unter-
stellt) sind nach Möglichkeit zu vermeiden, da sie ggf. weitere Prüfungen erschweren und ei-
nen Kompensationsumfang unnötig erhöhen. Sie können jedoch bei flächenhaft verbreiteten
und schwer zu erfassenden Arten, zur Vermeidung eines unnötig hohen Untersuchungsum-
fangs ausnahmsweise sinnvoll sein. Untersuchungen „ins Blaue hinein“ sind nicht erforder-
lich.
18
Da die vorliegenden Vorkommensdaten häufig, z. B. aufgrund ihres Alters, nur eine Hinweis-
funktion haben und nicht ausreichen, um eine belastbare und sachgerechte Bearbeitung der
16
siehe BVerwG, Beschluss vom 18. Juni 2007 – 9 VR 13/06
17
Merkmale dafür sind unter anderem das Datum der Beobachtung, Statusangaben zur beobachteten Art
(Brutzeitcode) sowie Kontaktdaten des Beobachters für Nachfragen.
18
BVerwG, Urteil vom 9. Juli 2008, Az.: 9 A 14.07, Rn. 54
10

 
artenschutzrechtlichen Fragestellungen bei der Vorhabenzulassung durchzuführen, sind vom
Vorhabenträger weitergehende Kartierungen vor Ort entsprechend Anlage II zu veranlassen.
Die zuständige Behörde hat in Zusammenarbeit mit den Naturschutzfachbehörden dafür
Sorge zu tragen, dass die Vorkommensdaten, unter Beachtung des Schutzbedarfs sensibler
Daten, spätestens mit Einreichung der Antragsunterlagen in die ZenA eingehen.
5
Prüfung der Verbotstatbestände
5.1
Prüfung des signifikant erhöhten Tötungsrisikos für kollisionsgefährdete
Brutvogelarten (Signifikanzprüfung)
5.1.1
Bewertungsmethoden
Neben der Berücksichtigung der artspezifischen Mortalitätsgefährdung, der Konfliktträchtig-
keit des Vorhabens und der betroffenen Individuen gehört nach ständiger Rechtsprechung
auch die Prognose der Habitat- bzw. Raumnutzung der betroffenen Arten im Vorhabensgebiet
zu den zentralen Anforderungen der Bewertung des artenschutzrechtlichen Tötungsrisikos
nach § 44 Abs. 1 BNatSchG. Dabei ist zum Beispiel zu klären, ob der Vorhabenstandort selten
bzw. durchschnittlich häufig überflogen wird oder ob es im Bereich der Anlagen zu deutlich
erhöhten Aufenthaltswahrscheinlichkeiten kommt, die eine signifikante Erhöhung des Tö-
tungsrisikos vermuten lassen.
19
Letzteres kann beispielsweise der Fall sein, wenn der Vorha-
benstandort dauerhaft oder zeitlich begrenzt eine besondere ökologische Bedeutung für die
Art hat, zum Beispiel sich im Bereich bevorzugte Nahrungshabitate, Schlafplätze oder andere
wichtige Habitate befinden.
Grundsätzlich muss die artenschutzrechtliche Bewertung so erfolgen, dass die Vermeidung
von Zuwiderhandlungen gegen das Tötungsverbot nach § 44 Abs. 5 Nr. 1 BNatSchG auch in-
nerhalb absehbarer Zeiträume sichergestellt ist.
20
Zur Prognose des Raumnutzungsverhaltens windkraftempfindlicher Arten haben sich ver-
schiedene methodische Ansätze unterschiedlicher Komplexität bewährt. Dazu zählen:
1.
Abstandsbetrachtungen (AB), welche indikatorisch die Nutzungsfrequenz von Flächen
und Räumen basierend auf typischen artspezifischen Mobilitätsmustern und Raumnut-
zungsdaten abbilden,
2.
Habitatpotenzialanalysen (HPA), welche die potenzielle Habitateignung und -bedeu-
tung, aber auch Nicht-Eignung von Flächen und Räumen für eine Art auf Grundlage
einer möglichst standardisierten Ermittlung und Abschätzung arttypischer Habitatty-
pen, Habitatstrukturen und sonstiger Habitatparameter im Raum analysieren sowie
3.
Raumnutzungsanalysen (RNA), welche Einblicke in die reale Nutzung von Flächen und
Räumen durch die Art zu bestimmten Zeitpunkten sowie das etwaige Vorhandensein
regelmäßig genutzter räumlich-funktionaler Beziehungen über möglichst standardi-
sierte Erfassungsdesigns ermitteln können.
Jede Methodik hat im Hinblick auf Planungsebene und -maßstab, Differenzierungsgrad, Eig-
nung und Aussagefähigkeit sowie Aufwand und Nutzen verschiedene Vor- bzw. Nachteile.
19
VGH München, Urteil vom 18. Juni 2014 – 22 B 13.1358, juris, Rn. 50
20
VGH München, Urteil vom 29. März 2016 – 22 B 14.1875 und 22 B 14.1876, juris, Rn. 44
11

 
Sie werden nachfolgend differenziert dargestellt und entsprechend KNE & BfN (2020) in einem
gestuften Vorgehen mit dem Ziel verknüpft, möglichst effizient zu einer fachlich validen Prog-
nose- und Bewertungsentscheidung zu kommen.
5.1.1.1 Abstandsbetrachtungen (AB)
Die Beurteilung von Kollisionsrisiken erfordert immer auch eine Betrachtung der Entfernung
des Vorhabens und seiner räumlichen Lage im Aktionsraum der betroffenen Individuen. Je
näher eine Fläche zum Beispiel am Brutplatz liegt, desto höher ist ihre potenzielle Bedeutung
als Habitat für die Art. Die räumliche Nähe indiziert eine höhere Frequentierung und somit –
im Falle einer WEA-Planung – auch ein höheres Kollisionsrisiko.
Den Abstandbetrachtungen liegen sogenannte Abstandswerte zugrunde, die auf der Verallge-
meinerung wissenschaftlicher Untersuchungen zum Flugverhalten von Arten anhand von Te-
lemetriestudien, Funktionsraumanalysen, langjährigen Beobachtungen und Expertenein-
schätzungen basieren. Sie stellen eine Untergliederung des typischen Aktionsraums im Hin-
blick auf eine grundsätzliche Nutzungsfrequenz einer Art dar. Die Zusammenführung dieser
Untersuchungen stellt den „komprimierten bestverfügbaren Wissensstand“ dar (siehe LAG
VSW 2015).
Es besteht eine breite Übereinstimmung in allen Länderregelungen, dass fachlich empfohlene
Regelabstände („Mindestabstände“ entsprechend LAG VSW 2015) und Prüfradien für wind-
kraftempfindliche Vogelarten in der Planungs- und Genehmigungspraxis als Bewertungsmaß-
stäbe bei der speziellen Artenschutzprüfung herangezogen werden.
21
Aktuelle Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass es sinnvoll ist, neben den Regelabständen
und Prüfbereichen einen dritten, an den Brutplatz angrenzenden Nahbereich als besonderen
Gefahrenbereich zu berücksichtigen und somit ein dreigestuftes System hinsichtlich der Ab-
stände zum Nistplatz zu etablieren.
22
Grundlage für die Beurteilung ist die Aufenthaltswahr-
scheinlichkeit bei Flugaktivität .
Die Abstandswerte werden über artspezifische Meterangaben definiert (siehe Tabelle A1, An-
lage I), die als Radien horizontal um den Mitte des Mastfußes der WEA zu messen sind (vgl.
Abbildung 2).
A: Regelabstand („zentraler Aktionsraum“)
Mit dem Regelabstand (oder „zentraler Aktionsraum“) wird der artspezifische Bereich bemes-
sen, in dem der überwiegende Teil der Aktivitäten zur Brutzeit stattfindet. Die Skalierung er-
folgt in 500 m-Schritten (siehe Abbildung 2, Tabelle A1, Spalte 8).
Die Regelabstände sind nicht als „Tabubereiche“ zu interpretieren. Sie erlauben jedoch eine
überschlägige Aussage zur vermutlichen Beeinträchtigung von Vorkommen windkraftemp-
findlicher Vogelarten im Sinne einer widerlegbaren Regelvermutung (vgl. zum Beispiel TLUG
2017).
B: Nahbereich
Der Nahbereich ist ein festgelegter Bereich im direkten Umfeld des Brutplatzes (siehe Abbil-
dung 2, Tabelle A1, Spalte 7). Der Begriff kennzeichnet hier die unmittelbare Umgebung um
21
vgl. zum Beispiel TLUG 2017, HMUKLV 2021, UM & LUBW 2021
22
vgl. zum Beispiel BERNOTAT & DIERSCHKE 2016, SPRÖTGE et al. 2018, ISSELBÄCHER et al. 2018, HMUKLV
2021, UM & LUBW 2021
12

den Brutplatz, in der verstärkt Revierabgrenzung, Revierverteidigung und Balzflüge stattfin-
den, Nistmaterial gesammelt und Junge flügge werden sowie sich auch weitere Aktivitäten
zwangsläufig konzentrieren. SPRÖTGE et al (2018) nennen diesen Bereich „Kernbereich“.
Die Abgrenzung muss aufgrund der unterschiedlichen Mobilität der Vogelarten artspezifisch
erfolgen. Den Methodenempfehlungen des Bundes folgend (BfN & KNE 2020), wird der Nah-
bereich entsprechend 50 % des artspezifischen Regelabstands angesetzt. Die Skalierung er-
folgt in 500 m-Schritten beziehungsweise in 100 m-Schritten bei Regelabständen von 500 m
und kleiner.
Mit dem Nahbereich können im Rahmen der artenschutzrechtlichen Prüfung Vorhaben erfasst
werden, die sich „inmitten“ eines Brutgebiets befinden und bei denen offenkundig auch von
einer stark erhöhten Raumnutzung und in der Regel von signifikant erhöhten Tötungsrisiken
auszugehen ist.
Der Nahbereich ist nur für kollisionsgefährdete, windkraftempfindliche Arten relevant. Er be-
gründet im Rahmen der Vorhabenzulassung keine Tabuzone, wenngleich es in den meisten
Fällen nicht möglich sein wird, das signifikant erhöhte Tötungsrisiko durch Schutzmaßnahmen
zu vermeiden, so dass regelmäßig die Ausnahmeregelung anzuwenden sein wird.
C: Prüfbereich („weiterer Aktionsraum“)
Mit dem Prüfbereich wird der Betrachtungsraum der artenschutzrechtlichen Prüfung außer-
halb des Regelabstandes begrenzt (siehe Abbildung 2, Tabelle A1, Spalte 9). Im Prüfbereich
kann die Aufenthaltswahrscheinlichkeit eines Individuums aufgrund artspezifischer funktiona-
ler Beziehungen (zum Beispiel zwischen Brut- und Nahrungshabitaten) erhöht sein („weiterer
Aktionsraum“). Solche Räume ergeben sich zum Beispiel aus bevorzugten Flugrouten, bevor-
zugten Jagd- und Streifgebieten der Brut- und Jungvögel, Schlafplätzen oder Reliefstrukturen,
die günstige thermische Verhältnisse bedingen.
Die Größe der Prüfbereiche orientiert sich an der Dimension der sogenannten Homerange,
das ist der Bereich, der von den Individuen regelmäßig genutzt wird (LAG VSW 2015). Die
Skalierung erfolgt in 500 m-Schritten.
Der Prüfbereich dient zur Ermittlung von Aktivitäten bezogen auf regelmäßig aufgesuchte
Nahrungshabitate, und er gibt den Untersuchungsradius für die Datenrecherche zu wind-
kraftempfindlichen Arten und die HPA an.
13

image
Abbildung 2: Unterscheidung der räumlichen Abstände um den Brutplatz mit A: Regelabstand / zentraler
Aktionsraum (grün schraffiert), B: Nahbereich um den Brutplatz (rot), und C: Prüfbereich / weiterer Aktions-
raum (Fläche zwischen grün schraffierter Fläche und schwarz gestrichelter Linie). Zeichnungselemente sind
nicht maßstabsgetreu abgebildet. Quelle: BfN & KNE (2020), verändert.
14

 
5.1.1.2 Habitatpotenzialanalyse (HPA)
Eine Habitatpotenzialanalyse (HPA) hat das Ziel, die Raumnutzung windkraftempfindlicher Vo-
gelarten insbesondere auf Basis von Habitatstrukturen (unter Berücksichtigung der Landnut-
zung), der Lage von Fortpflanzungs- und Ruhestätten sowie landschaftsmorphologischen
Merkmalen und der vorhandenen Siedlungs- und Verkehrsinfrastruktur fachgutachterlich ein-
zuschätzen (Tabelle 1). Im Gegensatz zu Raumnutzungsanalysen erfolgt keine systematische
Erfassung von Flugbewegungen. Angaben zum Lebensraum und zur Ökologie der Arten kön-
nen den WWW-Arbeitshilfen des LfULG entnommen werden.
23
Die Größe des HPA-Untersuchungsgebietes um das Brutvorkommen
24
entspricht den in der
Tabelle A1 (Anlage I) angegebenen Prüfbereichen. Es wird bei Arten ohne angegebenen Prüf-
bereich in einem 2 km – Radius um das Brutvorkommen abgegrenzt. Bei der HPA sind Flächen
herauszuarbeiten, für die anzunehmen ist, dass sie mit deutlich erhöhter Aktivität oder ledig-
lich durchschnittlich häufig oder selten überflogen werden. Auf die Angaben zur Untersu-
chungsmethode in der Anlage II wird verwiesen.
Tabelle 1: Geländemerkmale und funktionale Elemente, die sich auf die Raumnutzung windkraftempfindli-
cher Vogelarten auswirken und zur Konzentration von Flugbewegungen führen können. Quelle: nach LAG
VSW (2020).
Landschaftsmorphologie
zum Beispiel Täler, Bergrücken, Hangkanten, Plateaulagen
Landschaftsstruktur
zum Beispiel Wald-Offenland-Grenze, Feldraine, Hecken, Baum-
reihen
Infrastruktur
zum Beispiel Siedlungen, Verkehrstrassen, Freileitungen, Ka-
näle, Gräben
Lebensstätten
zum Beispiel Horststandorte, Schlafplätze
Regelm. Aufenthaltsorte
zum Beispiel Sitzwarten, Schlaf- und Sammelplätze, Kröpfplätze
Nahrungshabitate
zum Beispiel Gewässer, Kompostanlagen, landwirtschaftliche
Kulturen
Grundsätzlich ist zwischen folgenden drei Auswertungskategorien der HPA zu unterscheiden:
A: Hohe Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die HPA indiziert eine hohe Raumnutzung im Vorhabensbereich, die sich entweder aus einer
überdurchschnittlichen Habitateignung im Vorhabensbereich ergibt oder daraus, dass das
Vorhaben im Bereich räumlich-funktionaler Beziehungen bzw. bevorzugter Flugwege bzw.
Flugkorridore zu anderen (dahinterliegenden) Teilhabitaten liegt.
Dies kann zum Beispiel aus dem Vorhandensein essentieller Teilhabitate mit hoher Habitat-
eignung resultieren. Dazu zählen zum Beispiel bevorzugte Jagd- und Streifgebiete der Brut-
und Jungvögel, attraktive oder essentielle Nahrungshabitate, die im Raum nur begrenzt vor-
handen sind, regelmäßige Schlafplätze, Ansitz- und Rufwarten oder auch Reliefstrukturen, die
günstige thermische Verhältnisse bedingen.
23
https://www.natur.sachsen.de/arbeitshilfen-artenschutz-20609.html
:
Exceltabelle „In Sachsen auftretende
Vogelarten“ und von dort verlinkte Artensteckbriefe.
24
Nest- oder Reviermittelpunkt
15

 
B: Durchschnittliche Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die HPA indiziert eine durchschnittliche Raumnutzung im Vorhabensbereich. Der Vorhaben-
bereich weist eine durchschnittliche Habitateignung auf, die erwarten lässt, dass sich die Art
nur an einzelnen Tagen im Jahr dort aufhalten würde, währenddessen andernorts im Aktions-
raum höherwertige Habitatstrukturen vorhanden sind.
C: Fehlende oder geringe Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die HPA indiziert eine fehlende oder geringe Raumnutzung im Vorhabensbereich. Der Vorha-
bensbereich selbst ist für eine Habitatnutzung durch die Art nicht oder kaum geeignet, da die
Art diese Strukturen aufgrund fehlender Habitateignung oder bestehender Störung mit hoher
Wahrscheinlichkeit meiden würde. Zudem bestehen im Vorhabensbereich weder räumlich-
funktionale Beziehungen noch bevorzugte Flugrouten zu anderen (dahinterliegenden) Teilha-
bitaten. Diese Einschätzungen sind prognostisch auch dadurch validiert, dass entsprechend
hochwertige Habitatstrukturen in anderen – vom Vorhaben nicht betroffenen – Bereichen des
Aktionsraums erkennbar in ausreichender Weise vorhanden sind.
5.1.1.3 Raumnutzungsanalyse (RNA)
Im Gegensatz zu HPA basieren Raumnutzungsanalyen (RNA) auf systematischen Beobach-
tungsdaten, die standardisiert erfasst und ausgewertet werden können.
In der Regel erfolgt die Erfassung des Flugverhaltens visuell, das heißt über Sichtbeobachtun-
gen, die im Gelände in Feldkarten verortet und später mit Hilfe eines geografischen Informa-
tionssystems (GIS) aufbereitet werden.
RNA sind zeit- und kostenintensiv, methodisch anspruchsvoll und nicht für alle relevanten Vo-
gelarten geeignet.
25
Sie sind daher nur dann heranzuziehen, wenn über AB und HPA keine
Prognosen der Raumnutzung möglich sind.
Die RNA ist im Regelfall Brutpaar bezogen unter Anwendung der in der Anlage II angegebenen
Untersuchungsstandards durchzuführen.
26
Die Auswertung soll mittels GIS gestützter Raster-
analyse erfolgen. Mit ihrer Hilfe können die Rasterzellen in Klassen gleicher Flugereignisanzahl
eingeteilt werden, die dann einer standardisierten quantitativen Bewertung zugänglich sind.
Die Rasteranalyse wird in Anlage III näher erläutert. Nur im Ausnahmefall, z.B. bei einer sehr
geringen Anzahl auswertbarer Flugereignisse, ist eine rein fachgutachterliche Bewertung der
RNA vorzunehmen.
Bei Beobachtungen im Rahmen von RNA ist zu bedenken, dass sie eine zeitliche Stichprobe
darstellen und somit nicht alle möglichen Ereignisse erfassen. Die Ergebnisse der RNA sollten
daher immer im Zusammenhang mit der AB und HPA und der phänologischen Entwicklung
von landwirtschaftlichen Nutzungen bzw. Vegetation interpretiert werden.
25
zur artspezifischen Eignung siehe Anlage I
26
Im Ausnahmefall, der fachlich näher zu begründenden ist, kann für Rot- und Schwarzmilane alternativ eine
standortbezogene RNA zur Anwendung kommen. Diesbezüglich wird auf die im schleswig-holsteinischen Leitfa-
den angegebenen Standards verwiesen (MELUND 2021). Die standortbezogene Variante kann angewendet
werden beim Vorkommen vieler Individuen einer Art im Untersuchungsgebiet, z.B. bei großen WEA-Vorhaben,
bei denen der brutpaarbezogene Ansatz an seine Grenzen stößt, da oftmals mehrere Brutvorkommen betrof-
fen sind und sich die dazugehörigen Brutvögel individuell nicht unterscheiden lassen.
16

 
Dabei ist insbesondere zu klären, welche ökologische Bedeutung dem Vorhabenstandort für
die Arten zukommt, ob er zum Beispiel im Bereich bevorzugt genutzter Flugrouten oder wich-
tiger Nahrungsflächen liegt und ob darauf aufbauend eine erhöhte Aufenthaltswahrschein-
lichkeit von windkraftempfindlichen Vogelarten im Vorhabensbereich zu vermuten ist.
Zur Auswertung der Ergebnisse der RNA sind die gleichen Bewertungsmaßstäbe im Hinblick
auf die Bewertung der Signifikanz von Kollisionsrisiken wie bei der HPA anzuwenden, da die
Prüffragen identisch sind und lediglich die Methodik variiert. Daher sollte erneut grundsätzlich
zwischen folgenden drei Bewertungskategorien und Schwellenwerten
27
unterschieden wer-
den:
A: Hohe Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die RNA indiziert eine hohe Raumnutzung im Vorhabensbereich. Für eine hohe bzw. eine
deutlich erhöhte Flugaktivität ist ein Schwellenwert von ≥ 75 % der Flugaktivität entsprechend
Rasteranalyse (Anlage III) anzusetzen.
28
B: Durchschnittliche Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die RNA indiziert eine „durchschnittliche Raumnutzung“ im Vorhabensbereich. Dafür ist als
Schwellenwert ≥ 50 % der Flugaktivität anzusetzen.
C: Fehlende oder geringe Raumnutzung im Vorhabensbereich indiziert
Die RNA indiziert eine „fehlende“ oder „geringe Raumnutzung“ im Vorhabensbereich. Das gilt
für die Flugaktivität im Bereich < 50 %.
5.1.2
Gestufte Vorgehensweise zur Bewertung signifikant erhöhter Tötungsrisiken
Entsprechend des länderübergreifend einheitlichen Methodenrahmens (UMK 2020c) sind die
Abstandsbetrachtungen (AB) als Basis der Signifikanzbewertung anzuwenden. Sofern erfor-
derlich sind die weiteren Verfahren (HPA, RNA) ergänzend hinzuzuziehen. Dabei ist gestuft
vorzugehen (siehe Abbildung 3). Mit dem gestuften Verfahren wird sichergestellt, dass die
Signifikanzbewertung mit dem relativ geringsten möglichen methodischen Aufwand erfolgt,
indem zum Beispiel die aufwändige RNA „nur“ bestimmten Fallkonstellationen vorbehalten
bleibt. Ebenso besteht die Möglichkeit, Vermeidungs- bzw. Minderungsmaßnahmen bereits
zu einem früheren Zeitpunkt vorzusehen und – eine hinreichende Wirksamkeit vorausgesetzt
– von weitergehenden Untersuchungsschritten (zum Beispiel von RNA) abzusehen.
27
Der Standard von Thüringen (TLUG 2017; so auch LAG VSW 2020) wird übernommen. Darin wird jedoch nur
die
hohe Raumnutzung
mit einem Schwellenwert (>75%) versehen. Für die
durchschnittliche
und
geringe
Raumnutzung
werden für den sächsischen Leitfaden die Schwellenwerte von BfN & KNE (2020) übernommen.
28
entsprechend TLUG 2017, LAG VSW 2020, BfN & KNE 2020
17

image
Die Abbildung enthält Regelannahmen, die vom Vorhabenträger durch vertiefte Untersuchun-
gen widerlegt werden können.
29
Im Ergebnis des gestuften Vorgehens muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob
das geplante Vorhaben im Hinblick auf das artenschutzrechtliche Tötungsverbot absehbar
kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko im Sinne des § 44 Abs. 5 Nr. 1 BNatSchG bewirkt.
Abbildung 3: Signifikanzprüfung für unvermeidbare Tötungsrisiken eines WEA-Vorhabens durch stufenweise
und aggregierte Raumnutzungsprognose basierend auf Abstandsbetrachtung (AB), Habitatpotenzialanalysen
(HPA) und Raumnutzungsanalysen (RNA) (nach BfN & KNE 2020, verändert)
grün (a, e, h, j, m) indiziert eine nicht signifikante Risikoerhöhung, rot (b, f, g, k) indiziert eine signifikante Risi-
koerhöhung,
schwarz
(c, d, i, l) indiziert, dass in der Regel eine weitergehende Sachverhaltsaufklärung notwen-
dig ist.
29
Das bedeutet z.B., dass ein seT, dass sich durch Lage des Vorhabens im Nahbereich oder bei Lage im Regelab-
stand bei gleichzeitiger Feststellung einer durchschnittlichen/hohen Habitateignung im Rahmen der HPA durch
mehrjährige RNA widerlegt werden kann.
Vorhaben im
Regelabstand
/ im
zentralen Aktionsraum
der Art indiziert eine
hohe Raumnutzung im
Vorhabensbereich
Vorhaben im
Nahbereich
um den
Brutplatz oder im Rast-
gebiet indiziert eine hohe
Raumnutzung im
Vorhabensbereich
HPA
begründet
nicht
möglich
HPA
begründet
nicht
möglich
18

 
5.2
Prüfung des Störungsverbotes für störempfindliche Brutvogelarten
Bei den in Tabelle A1 genannten seltenen und störungsempfindlichen Vogelarten (Anlage I,
Spalten 5 und 11) können WEA zu einer betriebsbedingten Vergrämung („Scheuchwirkung“)
führen, so dass das Störungsverbot (§ 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG) zum Tragen kommen kann.
Störungen können aber auch durch die Verkleinerung von Jagdhabitaten oder die Unterbre-
chung von Flugrouten bewirkt werden.
30
Rechtlich relevant ist nur eine erhebliche Störung.
Das ist eine Störung, durch die sich der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art
verschlechtert. Eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes der lokalen Population tritt
insbesondere ein, wenn die Überlebenschancen oder der Fortpflanzungserfolg der lokalen Po-
pulation nachhaltig vermindert werden, was artspezifisch im Einzelfall zu untersuchen und zu
beurteilen ist.
Eine durch die WEA mögliche Verschlechterung des Erhaltungszustandes soll durch geeignete
Schutzmaßnahmen zur Vermeidung und Minimierung der Beeinträchtigungswirkung (z. B.
kleinräumige Standortoptimierung) abgewendet werden. Das kann auch Maßnahmen umfas-
sen, die die betroffene lokale Population trotz der eintretenden Störungen stabilisieren und
dadurch Verschlechterungen ihres Erhaltungszustandes verhindern.
31
Die Maßnahmen müs-
sen artspezifisch so ausgestaltet sein, dass eine funktional wirksame Wahrung oder Verbesse-
rung des aktuellen Erhaltungszustandes auf Dauer belastbar prognostiziert werden kann.
Innerhalb der in Tabelle A1 genannten Abstände ist das Eintreten erheblicher Beeinträchti-
gungen durch Meideeffekte auf die Lokalpopulation zu prüfen. Bezugsbasis auf der Genehmi-
gungsebene ist die Lokalpopulation. Sie ist bei den besonders störempfindlichen Arten ent-
sprechend der Zuordnungen in der Tabelle A1 (Spalte 10: Abgrenzung Lokalpopulation) ent-
weder auf der Ebene von Einzelvorkommen
32
oder bezogen auf die Fläche der Landkreise
33
abzugrenzen.
Diese größenordnungsmäßig beschriebene Raumkulisse für die Lokalpopulation ist ggf. zur
Berücksichtigung von räumlichen Besonderheiten des Einzelfalls zu konkretisieren.
Keine erhebliche Beeinträchtigung der Lokalpopulation von besonders störempfindlichen Vo-
gelarten ist zu erwarten, wenn
der Regelabstand (Tabelle A1, Spalte 8) eingehalten wird und
die geplante WEA nicht auf den regelmäßig genutzten Flugrouten oder
nicht in essentiellen Nahrungshabitaten im Prüfbereich (Tabelle A1, Spalte 9) errichtet
wird (siehe Kapitel 5.1.1.1).
30
BVerwG, Urteil vom 9. Juli 2009, AZ: 4C 12/07 Rdnr. 40, BVerwG, Urteil vom 12. März 2008, AZ.: 9 A 3/06,
Rdnr. 230
31
BVerwG, Urteil vom 12. August 2009, AZ.: 9A 6407, Rdnr. 86
32
Die Lokalpopulationen dieser Arten lassen sich vergleichsweise gut anhand von Vorkommens- und Lebens-
raumdaten abgrenzen. Es handelt sich dabei um Arten, die Brutkolonien bilden und/oder deren Aktionsräume
sich auf zusammenhängende Gebiete mit einheitlicher Biotopausstattung beziehen lassen.
33
für mehr oder weniger flächendeckend verbreitete Arten mit Aktionsräumen von >100 ha, wobei für Land-
kreise, die sich über das Berg- und Tiefland oder großflächig über sehr heterogene Landschaftseinheiten erstre-
cken, die Grenzen der Altkreise (Stand Juli 2008) zu wählen sind.
19

 
Sollen diese Abstände unterschritten werden, sind Nachweise zur Vermeidung einer Störung
im Einzelfall zu erbringen, oder das Ausnahmeverfahren nach § 45 Abs. 7 BNatSchG ist durch-
zuführen.
5.3
Prüfung des Verbots der Zerstörung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten
Nach § 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG sollen Planungen so erfolgen, dass Fortpflanzungs- und Ru-
hestätten der besonders geschützten Arten nicht beschädigt oder zerstört werden. Dabei
kommt es auf die spezielle ökologische Funktion der Lebensstätten im räumlichen Zusammen-
hang an. Nach § 44 Abs. 5 Satz 2 BNatSchG ist das Schädigungsverbot für die Arten des Anhang
IV der FFH-RL und der europäischen Vogelarten bei genehmigten Eingriffen nicht erfüllt, wenn
die auf die jeweiligen Arten bezogenen ökologischen Funktionen der betroffenen Fortpflan-
zungs- und Ruhestätten in ihrem räumlichen Zusammenhang gewährleistet werden kann. Der
räumliche Zusammenhang besteht dann, wenn die durch das Vorhaben beeinträchtigten Tiere
in geeignete Lebensräume ausweichen oder von entsprechenden Maßnahmen auf der Geneh-
migungsebene profitieren können. Eine Abwendung erheblicher Beeinträchtigungen von Fort-
pflanzungs- und Ruhestätten durch Naturschutzmaßnahmen, die die Fortwirkung der ökolo-
gischen Funktionen zum Zeitpunkt des Eingriffs sicherstellt (sogenannte CEF-Maßnahmen) ist
möglich (Kapitel 6).
20

 
6
Schutzmaßnahmen sowie CEF- und FCS-Maßnahmen
6.1 Allgemeine Hinweise und Rahmenbedingungen
6.1.1
Schutzmaßnahmen
Im Rahmen der Prüfung nach § 44 Abs. 5 S. 2 Nr. 1 BNatSchG ist zu prüfen, ob sich die zu er-
wartende Risikoerhöhung durch gezielten Einsatz von Schutzmaßnahmen
34
unter die Signifi-
kanzschwelle reduzieren lässt. Es besteht die Anforderung der Verhältnismäßigkeit, die sich
primär aus den Konstellationen des Einzelfalls ergibt und u. a. auch davon abhängt, wie
schwerwiegend die artenschutzrechtlichen Konflikte sind, die damit vermieden werden kön-
nen beziehungsweise könnten.
Die Verhältnismäßigkeit wird durch die Frage der „Zumutbarkeit“ begrenzt. Die Reduzierung
der WEA-Anzahl in ausgewiesenen Vorranggebieten als Vermeidungsmaßnahmen stellt in der
Regel keine zumutbare Option dar, da die möglichst vollständige Ausnutzung der WEA-Vor-
ranggebiete zur Erreichung der energiepolitischen Ziele erforderlich ist und mildere Möglich-
keiten zur Minderung der Artenschutzkonflikte bestehen.
Sofern Schutzmaßnahmen erforderlich sind, sind Angaben zur Art und Weise der Umsetzung,
die dem Bestimmtheitsgebot genügen, als Nebenbestimmung in die Genehmigung aufzuneh-
men. Dazu sind vor allem die Art der Maßnahme(n), die Standorte sowie die Zeitdauer der
Umsetzung jeweils konkret festzusetzen.
Verbleibenden Unsicherheiten über die zukünftige Wirksamkeit
35
von Maßnahmen kann – in
begrenztem Maße – durch ein adäquates Monitoring
36
und ggf. erforderliche und zugleich
grundsätzlich verhältnismäßige Korrekturmaßnahmen (etwa der Gestaltung und Bewirtschaf-
tung einer Ablenkfläche) begegnet werden. Die Korrekturmaßnahmen müssen rechtzeitig er-
griffen werden können, so dass ein Eintritt des Verbotstatbestandes zuverlässig ausbleibt.
37
Ein Nachsteuerungsszenario muss jeweils so genau umrissen sein, dass es dem Bestimmtheits-
gebot von Nebenbestimmungen nach § 12 Abs. 1 S. 1 BImSchG entspricht. Die konkrete Form
der Nebenbestimmung – ob Auflage, Bedingung oder Auflagenvorbehalt – wird im Genehmi-
gungsbescheid durch die Immissionsschutzbehörde festgeschrieben. Der Grund für die An-
nahme einer Prognoseunsicherheit (z. B. hinsichtlich der Größe einer entstehenden Vernäs-
sungsfläche) und die Maßnahme zur Gegensteuerung (z. B. nachträgliche Feinjustierung der
Bewässerung durch Zuflussregulierung) sind im Genehmigungsbescheid festzulegen. Im Re-
gelfall reicht jedoch die Pflege- und Funktionskontrolle hergestellter Maßnahmen aus. Auch
dies ist durch die Antragstellerin oder den Antragsteller in den Antragsunterlagen darzulegen
und wird anschließend durch die Genehmigungsbehörde in Abstimmung mit der Naturschutz-
behörde geprüft.
34
Maßnahmen zur Vermeidung und Minderung der Artenschutzrisiken gemäß § 44 Abs. 1 Nr. 1 bis 3 BNatSchG.
35
Generelle methodische Hinweise, wie sich artspezifische Wirksamkeiten einer Kollisionsvermeidung trotz be-
grenzter wissenschaftlicher Datenlage methodisch herleiten lassen, finden sich bei LIESENJOHANN et al. (2019).
36
Gerade bei wissenschaftlicher Unsicherheit über die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen kann es sich anbie-
ten, durch ein Monitoring weitere Erkenntnisse über die Beeinträchtigungen zu gewinnen und dementsprechend
die Durchführung des Vorhabens zu steuern (BVerwG, Urteil vom 17. Januar 2007 - 9 A 20/05, juris, Rn. 55).
37
BVerwG, Urteil vom 17. Januar 2007 - 9 A 20/05, juris, Rn. 55
21

 
Sofern ein Monitoring zur Auflage gemacht wird, ist in den Nebenbestimmungen festzulegen,
dass ermittelte artbezogene Vorkommensdaten in der in Anlage II (Untersuchungsmethoden)
beschriebenen Weise behördenverfügbar gemacht werden.
Je nach Größe des artenschutzrechtlichen Konfliktpotenzials kann es erforderlich werden, ver-
schiedene Schutzmaßnahmen miteinander zu kombinieren, um das Tötungsrisiko unter die
Schwelle der Signifikanz zu senken.
Die Schutzmaßnahmen müssen vor Eintritt der Beeinträchtigung wirksam sein.
38
6.1.2
CEF- Maßnahmen
Die auf die Fortpflanzungs- und Ruhestätten bezogenen Verbote gelten nicht, wenn ihre Funk-
tion im räumlichen Zusammenhang weiterhin erfüllt werden (§ 44 Abs. 5 Nr. 3 BNatSchG). Das
kann durch vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen bzw. CEF
39
-Maßnahmen erreicht werden.
Bei den nicht windkraftempfindlichen Arten sowie bei den windkraftempfindlichen Arten mit
größeren Landesbeständen (> 100 Brutpaare, Tabelle A1, Spalte 11) kann die ökologische
Funktion betroffener Fortpflanzungs- und Ruhestätten in der Regel über CEF-Maßnahmen ge-
währleistet werden. Sie müssen folgende Anforderungen erfüllen
40
:
1. Rechtzeitige Herstellung der Maßnahme, so dass zum Zeitpunkt des Eingriffs die Ausgleichs-
wirkung vollumfänglich gegeben ist und damit ein Verlust der ökologischen Funktionalität der
betreffenden Lebensstätte ausgeschlossen werden kann.
2. Die Maßnahme hat eine funktionale Beziehung zur betroffenen Lebensstätte und zur be-
troffenen lokalen Individuengemeinschaft (Aktionsradius der Art beachten).
3. Maßnahmen zugunsten windkraftempfindlicher Arten dürfen jedoch nicht innerhalb der
Regelabstände (Tabelle A1 Spalte 8) umgesetzt werden, um zusätzliche Anlockwirkungen und
Risiken zu verhindern.
4. Die vom Eingriffsvorhaben betroffene Lebensstätte wird verbessert oder erweitert, so dass
die ökologische Funktionalität erhalten bleibt. Die betroffene Fortpflanzungs- oder Ruhestätte
muss nach Durchführung dieser Maßnahme mindestens die gleiche (oder eine größere) Aus-
dehnung und eine gleiche (oder bessere) Qualität für die zu schützende Art aufweisen.
5. Die Maßnahmenfläche muss rechtlich gesichert sein.
6. Verbleiben trotz hoher Erfolgsaussichten Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahme, muss
ein hinreichendes Risikomanagement aus Funktionskontrollen (Monitoring) und Korrektur-
maßnahmen festgelegt werden.
7. Wirksame CEF-Maßnahmen können z.B. auf die betroffene Art zugeschnittene Nutzungs-
weisen mit einer Beruhigung der als Bruthabitat geeigneten Gehölzbestände darstellen.
38
Eine erste umfassende Bewertung der Wirksamkeit von Maßnahmen speziell gegen Vogelkollisionen an WEA
ist im BfN-Skript 518 vorgenommen (Blew et al. 2018). Eine Hilfestellung bei der Konzeption von Maßnahmen
zur Vermeidung von Beeinträchtigungen WEA-sensibler Arten bilden auch der Leitfaden des MKULNV Nord-
rhein-Westfalen zur Wirksamkeit von Artenschutzmaßnahmen (MKULNV 2013) sowie die Fachkonvention
„Rahmenbedingungen für die Wirksamkeit von Maßnahmen des Artenschutzes bei Infrastrukturvorhaben“
(Runge et al. 2010). Sie können daher ergänzend bei der Maßnahmenplanung hinzugezogen werden.
39
continuous ecological functionality-measures
40
entsprechend UM & LUBW (2021)
22

 
6.1.3
FCS-Maßnahmen
Bei Verstößen gegen das Tötungsverbot und Störungsverbot, die nicht vermieden werden
können oder Verstößen gegen das Beschädigungsverbot, die auch durch CEF-Maßnahmen
nicht abgewendet werden können, sind die Voraussetzungen der artenschutzrechtlichen Aus-
nahmeregelung nach § 45 Abs. 7 BNatSchG zu prüfen. Eine Tatbestandsvoraussetzung ist hier-
bei, dass sich der Erhaltungszustand der Population einer Art durch die Umsetzung des Vor-
habens nicht verschlechtert (siehe Kapitel 7.4). Wird eine Verschlechterung prognostiziert, ist
zu prüfen, ob der aktuelle Erhaltungszustand durch FCS
41
-Maßnahmen (Kompensationsmaß-
nahmen) gewahrt werden kann. Befindet sich eine Art in einem ungünstigen Erhaltungszu-
stand
42
, sind FCS-Maßnahmen erforderlich, sofern eine Verbesserung des Erhaltungszustan-
des ohne solche Maßnahmen erschwert wäre.
Beurteilungsmaßstab für die Notwendigkeit und Wirksamkeit von FCS-Maßnahmen ist somit
der Erhaltungszustand der betroffenen Art. Entsprechend müssen FCS-Maßnahmen nicht
zwangsläufig auf die betroffene, lokale Population abgestimmt werden. Vielmehr müssen FCS-
Maßnahmen geeignet sein, den Erhaltungszustand der Art im natürlichen Verbreitungsgebiet
(hier: Sachsen) zu wahren. Hieraus folgt
43
:
1. Die Maßnahme muss den Erhaltungszustand der Population im Rahmen der durch die Aus-
wirkung der erteilten Ausnahme prognostizierten Schädigung sichern. Das Nettoergebnis ei-
ner Ausnahmeregelung sollte für eine Art immer neutral oder positiv sein.
2. Die Maßnahme muss erfolgversprechend sein, d.h., sie muss mit hoher Wahrscheinlichkeit
die ihr zugedachte Wirkung erzielen.
3. Die Maßnahme muss möglichst schon vor oder spätestens zum Zeitpunkt der Zerstörung
der betroffenen Fortpflanzungs- oder Ruhestätte Wirkung zeigen.
4. Es müssen Funktionskontrollen und im Regelfall ein Risikomanagement festgelegt sein.
5. Die Maßnahme muss bei windkraftempfindlichen Arten außerhalb der Prüfabstände zur
WEA durchgeführt werden, um Anlockwirkungen zu verhindern.
Für die räumlichen Anforderungen gilt ein weiterer Betrachtungsmaßstab als bei CEF-Maß-
nahmen. Die kompensatorischen Maßnahmen kommen der gesamten Population der bioge-
ographischen Region zugute. Die Maßnahmen erfordern keine funktionale Verbindung zur
konkret durch einen Eingriff betroffenen Fortpflanzungs- und Ruhestätte.
Eine klare Abgrenzung gegenüber CEF-Maßnahmen ist nicht immer möglich. So kann beispiels-
weise die Extensivierung von geeigneten Grünlandflächen zur Optimierung der Habitateig-
nung der Feldflur für den Wachtelkönig im unmittelbaren Umfeld eines Eingriffs als CEF-Maß-
nahme gewertet werden. Erfolgt die Extensivierung in einiger Distanz zum Eingriffsvorhaben
(und kommt somit nicht den Fortpflanzungs- und Ruhestätten der betroffenen Individuen zu
Gute), so ist diese als FCS-Maßnahme anzusehen.
41
Favourable conservation status-measures,
42
siehe WWW-Arbeitshilfen des LfULG, Exceltabelle „in Sachsen auftretende Vogelarten“
https://www.na-
tur.sachsen.de/arbeitshilfen-artenschutz-20609.html
43
entsprechend UM & LUBW (2021)
23

 
6.2
Typische Schutzmaßnahmen zugunsten windkraftempfindlicher Arten
44
Die in Frage kommenden Maßnahmen werden analog UM & LUBW (2021) eingeteilt in grund-
legende (= primär zu prüfende), optionale (= nur im Einzelfall anzuwendende) Maßnahmen
und Standardmaßnahmen (= in der Praxis etablierte Maßnahme). Eine Maßnahmenliste mit
Angabe der Eignung für die einzelnen windkraftempfindlichen Vogelarten enthält die Tabelle
A2 im Anhang. Ob und welche Maßnahme in Frage kommen, hängt von den spezifischen Be-
dingungen des Genehmigungsfalls (z.B. ermitteltes Risikoausmaß) ab.
6.2.1
Grundlegende Maßnahmen: Einhaltung der Abstandswerte
Grundlegend bedeutet, dass diese Maßnahmen grundsätzlich für alle Vorhaben und Vogelar-
ten in Frage kommen und primär zu prüfen sind. Das trifft auf die Standortwahl unter Einhal-
tung der artspezifischen Abstandswerte zu. Das Freihalten der betreffenden Bereiche ist die
effektivste Maßnahme, um zu verhindern, dass die Tötungs- und Störungstatbestände gemäß
§ 44 Abs. 1 Nr. 1, 2 BNatSchG eintreten.
6.2.2
Artspezifische Standard-Maßnahmen
Darüber hinaus kommen je nach betroffener Art weitere in Deutschland etablierte Vermei-
dungsmaßnahmen in Betracht, die darauf abzielen, das Raumnutzungsverhalten der betroffe-
nen Individuen zu verändern und somit einer Tötung wirksam vorzubeugen. Artspezifisch kann
ggf. eine Wirksamkeit erst durch die Kombination von zwei bis drei Komponenten erreicht
werden.
Anlagen-Gestaltung: > 80 m rotorfreie Zone über Grund, Verzicht auf Gittertürme
Entsprechend des länderübergreifenden Signifikanzrahmens besteht bei den Weihen-Arten
und dem Uhu eine Kollisionsgefahr in der Regel nur, wenn die Höhe der Rotorunterkante we-
niger als 30 bis 50 m bzw. in hügeligem Gelände weniger als 80 m beträgt (UMK 2020c). In
Ausnahmefällen können kritische Flughöhen erreicht werden (z.B. Balzflüge, Geländestufen),
deren Risiken einzelfallspezifisch abzuschätzen sind.
Bei den Milan-Arten wird eine Rotor-Höhe von über 80 m über Grund als Vermeidungs- und
Minderungsmaßnahme eingestuft, die in der Regel mit weiteren Maßnahmen zu kombinieren
ist (HMUKLV 2021).
Unattraktive Gestaltung der unmittelbaren Mastfußumgebung
Die Bereiche von Mastfuß und Kranstellfläche werden bei schütterer Vegetation von Greifvö-
geln bevorzugt patrouilliert. Gezielte Regelungen zur Bodennutzung unterhalb der Windener-
gieanlage können die Attraktivität insbesondere für Rotmilane verringern. Dazu zählen unter
anderem eine ausreichend dichte Vegetationsdecke bis Mitte Juli (z. B. einmalige Mahd nicht
vor Mitte Juli), keine Lagerung von Mist oder Ähnlichem. Aufkommende Gehölze sind ab 1 m
Höhe zu entfernen.
Abschaltung von WEA bei Bewirtschaftungs- und Bodenbearbeitungsereignissen
Bewirtschaftungsereignisse wie Mahd, Ernte oder Feldumbrucharbeiten ziehen in der Nähe
brütende Greifvögel und Störche, aber auch Nichtbrüter und revierfremde Brutvögel an. Diese
44
Übersichten und Systematisierungen verschiedener Vermeidungs- und Minderungsmaßnahmen finden sich
zum Beispiel auch in BULLING et al. (2015) oder BLEW et al. (2018).
24

Anlockwirkung frisch bearbeiteter Flächen ist nachweislich ausgesprochen hoch. Diese Flä-
chen werden zum Teil aus großer Entfernung angeflogen, und es kann zu Ansammlungen zum
Beispiel von Rot-, Schwarzmilanen oder Weißstörchen auf engstem Raum kommen. Finden
solche Ereignisse im näheren Umfeld von Windenergieanlagen statt, führt das in der Regel zu
einer Erhöhung des Kollisionsrisikos.
Durch die Abschaltung der WEA während und kurz nach den Bewirtschaftungsereignissen
kann regelmäßig eine wirksame Reduktion des Kollisionsrisikos erreicht werden. Da die erfor-
derlichen Abschaltungen nur einen kurzen Zeitraum bei zugleich hoher Wirksamkeit umfas-
sen, sind sie in der Regel als verhältnismäßig anzusehen.
Die Abschaltung während und kurz nach Bewirtschaftungsereignissen kann bei Erforderlich-
keit durch folgende Nebenbestimmung in den Genehmigungsbescheid aufgenommen werden
(siehe dazu Abbildung 4):
Die WEA ist/sind zu den Bewirtschaftungsereignissen Mahd, Ernte und Bodenbearbeitung im Umkreis des Rotor-
radius zuzüglich eines Puffers von 200 m um die jeweilige/n WEA auf Feldblöcken von mehr als einem Hektar
Größe und bei mehreren gleichzeitig bewirtschafteten kleineren Feldblöcken, deren Größen aufsummiert über
einem ha Gesamtfläche liegt, von April bis August mit Beginn des Bewirtschaftungsereignisses bis Sonnenunter-
gang und an den beiden Folgetagen von 30 Minuten vor Sonnenaufgang bis 30 Minuten nach Sonnenuntergang
abzuschalten.
Die Betriebs- und Abschaltzeiten sind über die Betriebsdatenregistrierung der WEA zu erfassen, über das lau-
fende Kalenderjahr aufzubewahren und neben einer tabellarischen Aufstellung zu den Bewirtschaftungsereig-
nissen im beauflagten Umgriff um die WEA der Genehmigungsbehörde spätestens bis zum 31.01. des Folgejahres
unaufgefordert vorzulegen.
Voraussetzung für die Maßnahmenwirksamkeit sind vertragliche Vereinbarungen zwischen
den Betreibern der WEA und den Flächenbewirtschaftern im beauflagten Flächenumgriff. Da-
her ist die Vorlage einer vertraglichen Vereinbarung Genehmigungsvoraussetzung, in der sich
der jeweilige Landwirt verpflichtet, den WEA-Betreiber rechtzeitig vor Beginn der Mahd-, Bo-
denbearbeitungs- und Erntearbeiten zu unterrichten. In zu begründenden Ausnahmefällen
kann die Informationsweitergabe, die zur Abschaltung der WEA bei Bewirtschaftungsereignis-
sen führt, auch durch sogenannte Windparkpaten, die vertraglich vom Betreiber gebunden
sind und diesen über Bewirtschaftungsereignisse in Kenntnis setzen, erfolgen.
25

image
Abbildung 4: Beispielskizze zur Abschaltung von WEA bei Bewirtschaftungsereignissen im Umkreis
Die Maßnahme ist umzusetzen, wenn die hellblau hinterlegten Feldblöcke bearbeitet werden. Diese befinden
sich entweder ganz oder teilweise im Umkreis zum Anlagenstandort, der sich aus dem Rotorradius zuzüglich
200 m bemisst, und sind größer als 1 ha. Die dunkelblau hinterlegten Feldblöcke sind kleiner als 1 ha und kön-
nen bei der Umsetzung der Maßnahme unberücksichtigt bleiben, sofern sie nicht als Einheit bewirtschaftet
werden. Bei Flächen ohne Farbgebung handelt es sich um Feldblöcke, die entweder nicht vom Radius geschnit-
ten oder keiner landwirtschaftlichen Nutzung zugeordnet werden (Quelle: TLUG 2017, verändert).
Entwicklung von Ablenkflächen
Ablenkmaßnahmen zielen auf die Beeinflussung des Raumnutzungsverhaltens windkraftemp-
findlicher Vogelarten. In der Regel handelt es sich um die (Neu-) Gestaltung von attraktiven
Nahrungshabitaten oder bestimmten defizitären Habitatstrukturen außerhalb von Windparks
bzw. auf WEA-fernen Flächen. Lenkungs- oder Ablenkmaßnahmen richten sich somit primär
auf das "Weglocken" einer Art. Im Falle der windkraftempfindlichen Arten, die keine deutlich
erhöhte Kollisionsempfindlichkeit aufweisen, wird die betroffene Vogelart in ein optimiertes
(Brut)habitat gelockt, weil das ursprüngliche durch das WEA-Vorhaben entwertet wird (z. B.
Scheuchwirkung der WEA auf die betroffene Vogelart). Im Falle kollisionsempfindlicher Arten
wird durch optimierte Nahrungshabitate in geeigneter Entfernung und Örtlichkeit erreicht,
das Kollisionsrisiko in relevanter Weise zu senken. Die Beurteilung der Wirksamkeit der Maß-
nahme setzt Kenntnisse zur Raumnutzung der entsprechenden Vogelarten zwingend voraus.
Die Ablenkflächen sind zwingend außerhalb des Regelbereichs und in der Regel auch außer-
halb des Prüfbereichs anzulegen, um unerwünschte Anlockwirkungen in den Gefahrenbereich
zu vermeiden.
26

In den Vorhabensunterlagen sind die geplanten Ablenkmaßnahmen (örtlich und zeitlich) zu
konkretisieren und für den gesamten WEA-Betriebszeitraum in geeigneter Weise zu sichern
(ggf. Flächenkauf / dingliche Sicherung durch den WEA-Betreiber, anschließendes Durchfüh-
ren der Habitatstrukuren schaffenden Maßnahmen, Selbstverpflichtung zur Pflege oder durch
geeignete vertragliche Vereinbarungen mit dem Eigentümer und/oder Nutzer der entspre-
chenden Flächen).
Ferner ist in den Vorhabensunterlagen eine Prognose zur Wirksamkeit der vorgeschlagenen
Ablenkungsmaßnahmen beizulegen. In dieser soll durch eine HPA folgende Zustände, nämlich
Istzustand, Planzustand mit WEA ohne Ablenkung und Planzustand mit WEA mit Ablenkung,
die Wirksamkeit der Maßnahmen für eine behördliche Überprüfung belegt werden. Dabei ist
insbesondere bei den kollisionsmindernden Ablenkmaßnahmen auf die Lage der Ablenkflä-
chen einzugehen, im Hinblick auf einen möglichen Tierfalleneffekt auf weiter weg brütende
Greifvögel, die durch die Maßnahme angelockt in den Windpark geraten könnten.
Beispiel für eine geeignete Ablenkmaßnahme für ein Brutpaar des Rotmilans sind im räumli-
chen Zusammenhang stehende Landwirtschaftsflächen (Grünland, Ackerfutter, Feldfrüchte)
mit einem zeitlich eng getakteten Nutzungsregime, bei dem im Brutzeitraum im möglichst wö-
chentlichen Rhythmus Teilflächen von ca. 0,5 ha gemäht oder beackert werden.
Technische Systeme zur ereignisbezogenen, bedarfsgerechten Abschaltung
45
Der Einsatz technischer Systeme zur ereignisbezogenen, bedarfsgerechten Abschaltung bietet
perspektivisch eine weitere, vielversprechende Möglichkeit, um Vogelkollisionen zielgerichtet
und wirksam zu vermindern.
46
Sie basieren auf einer technikgestützten Vogelerkennung (Ka-
mera- und/oder Radarsysteme) und bringen den Rotor im Falle der kritischen Annäherung in
den Trudelbetrieb
47
. Für einen breiten Praxiseinsatz ist Voraussetzung, dass die Anforderun-
gen an die technische Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Systeme durch Erprobungen
belegt sind
48
und als fachlich anerkannt gelten. Bereits jetzt ist absehbar, dass die Systeme
geeignet sind, artenschutzrechtliche Konflikte zu reduzieren. Wie auch bei anderen Maßnah-
men, sind technische Systeme jedoch nicht als Standardanwendung bei allen Vorhaben vor-
zusehen, sondern es ist im Einzelfall zu entscheiden, welche Maßnahmen unter Aufwands-
und Nutzengesichtspunkten am effektivsten sind. Als standortunabhängige Voraussetzung für
den Einsatz eines Abschaltsystems als Vermeidungs- und Minderungsmaßnahme in Sachsen
soll die überdurchschnittliche Erfüllung der in der Checkliste der KNE (2021)
49
angesetzten
Kriterien angesehen werden. Die Vermeidungswirksamkeit des Systems muss dann noch
45
Die Einordnung als Standardmaßnahme erfolgt im Vorgriff auf die zu erwartende Etablierung in der Praxis
46
Siehe Übersichten zu den verfügbaren Systemen in KNE (2019a, 2020) und AMMERMANN et al. (2020); Aktuali-
sierungen der Synopsen zum Stand der Technik
unter
https://www.naturschutz-energiewende.de/fachwis-
sen/veroeffentlichungen/synopse-detektionssysteme-zur-ereignisbezogenen-abschaltung-von-windenergiean-
lagen-zum-schutz-von-tagaktiven-brutvoegeln/
47
Trudelbetrieb bezeichnet den Zustand der WEA mit aus dem Wind gedrehten Rotorblättern und aktivierter
Windnachführung der Rotorgondel (OVG Lüneburg Beschl. v. 29.4.2019 – 12 ME 188/18, BeckRS 2019, 7750,
beck-online Rn. 20.). Gemäß dem zitierten OVG-Beschluss wäre zur Unterschreitung der Signifikanzschwelle
nicht grundsätzlich ein Rotorstillstand erforderlich. Eine Verlangsamung der Rotorumdrehungen, bei großen
Anlagen auf eine Drehung pro Minute, reicht regelmäßig aus, um das Kollisionsrisiko für Vögel wirksam zu sen-
ken (KNE 2019b).
48
z.B. im Rahmen von Projekten der Naturschutzbegleitforschung siehe Reichenbach & Reers (2019), Achwa-
den & Liechti (202)
49
KNE-Checkliste_Antikollisionssysteme_2021_06.pdf
(naturschutz-energiewende.de)
27

 
durch eine GIS-gestützte Abschätzung auf der Grundlage vorhandener Daten anhand der spe-
ziellen Randbedingungen des Einsatzortes (Einsehbarkeit, Störwirkungen und Maskierungsef-
fekte, Vogelaufkommen, etc.) überprüft werden.
6.2.3
Optionale Maßnahme: WEA Abschaltung zur Balz-, Brut- und/oder Zugzeit
Die Abschaltung von WEA zur Balz-, Brut- und/oder Zugzeit ist im Allgemeinen eine wirksame
Vermeidungs- bzw. Minderungsmaßnahme für die
Weihen- und Milan-Arten, den Baumfal-
ken sowie den Fischadler
, bei der jedoch vor allem in Abhängigkeit von der Anzahl der be-
troffenen Arten die Grenzen der Verhältnismäßigkeit bzw. Zumutbarkeit regelmäßig zu be-
rücksichtigen sein werden.
Die Zeiträume mit Abschaltungen beginnen mit der Revierbesetzung/Balzzeit und enden,
wenn Alt- und Jungvögel das Revier verlassen. Sie erstrecken sich beim Rotmilan auf März bis
August bei den Weihen und dem Schwarzmilan auf April bis August und beim Fischadler auf
Ende März bis Anfang September.
Die Abschaltung erstreckt sich grundsätzlich von 30 Minuten vor Sonnenaufgang bis 30 Minu-
ten nach Sonnenuntergang.
50
Die Abschaltzeiten während der Fortpflanzungs- und Zugzeit sind entsprechend der in Anlage
IV aufgeführten Regeln auszugestalten.
Durch entsprechende Nebenbestimmung ist dem Betreiber jährlich die Möglichkeit einzuräu-
men, nach Überprüfung des Revierstatus durch einen ausgewiesenen Ornithologen, der Zu-
lassungsbehörde mitzuteilen, dass das Revier im betreffenden Jahr im genannten Zeitraum
nicht besetzt ist und die Abschaltung vier Wochen nach Eingang der Mitteilung auszusetzen.
Wenn sich die geplante WEA im
Nahbereich
(siehe Tabelle A1, Spalte 7) des Horstes befindet,
können Tötungsrisiken mit Betriebszeitenregelungen gemäß Anlage IV, ergänzt durch weitere
Schutzmaßnahmen, im Allgemeinen nicht unter die Signifikanzschwelle abgesenkt werden. Es
ist zu prüfen, ob ein artenschutzrechtliches Ausnahmeverfahren erforderlich ist (Kapitel 7).
Ist die Abschaltung nicht zumutbar, ist in der Regel ebenfalls das artenschutzrechtliche Aus-
nahmeverfahren durchzuführen.
Ausschließlich bei der Betroffenheit von kollisionsempfindlichen Arten mit punktuellem und
zugleich seltenem Verbreitungsmuster in hochwertigen Habitaten (Fischadler, Kornweihe,
Wiesenweihe) ist bis zum Vorliegen alternativer Maßnahmen zum Schutz vor einem signifikant
erhöhten Tötungsrisiko die
Reduzierung der WEA-Anzahl
als letzte Alternative zu prüfen.
50
Die Umsetzung als Nebenbestimmungen im Genehmigungsbescheid würden dann bei tagaktiven Arten lau-
ten: Für die Art/en XY ist die WEA täglich von 30 Minuten vor Sonnenaufgang bis 30 Minuten nach Sonnenun-
tergang im Zeitraum von A bis B abzuschalten.
28

 
6.3 Weitere Maßnahmen, die auch für nicht windkraftempfindliche Arten gelten
Eine Betroffenheit nicht windkraftempfindlicher Brutvogelarten kann in vielen Fällen durch
eine sorgfältige Standortwahl vermieden werden. Darüber hinaus kommen insbesondere im
Eingriffsbereich folgende Vermeidungs- und Minderungsmaßnahmen in Betracht (UM &
LUBW 2021):
Bauzeitbeschränkungen (Eingriffe außerhalb der Brutzeit durchführen).
Reduktion der temporären (z.B. für Baueinrichtungsflächen, Zuwegung, etc.) als auch
dauerhaften Flächeninanspruchnahme (z.B. Anlagenstandort, dauerhaft zu erhaltende
Kranstellflächen, Zuwegungen, Netzanschluss) auf ein Minimum.
Kleinräumige Verschiebungen des Eingriffsbereichs zur Schonung bekannter (Brut-)
Vorkommen (Berücksichtigung bereits auf Ebene der Vorhabenplanung), sofern davon
auszugehen ist, dass die Vorkommen an bestimmte (dauerhafte) Strukturen gebunden
sind (z. B. Erhaltung eines Baumes mit Bruthöhlen, nicht jedoch eines Busches mit ei-
nem einzelnen Nest).
Vermeidung von Anlockeffekten (z.B. keine Schaffung von Nistmöglichkeiten durch La-
gerung von Baumaterialien lange vor dem Eingriff im Eingriffsbereich).
Stromableitung von den WEA über Erdkabel, um Leitungsanflüge auszuschließen.
Kann die Beschädigung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten nach § 44 Absatz 1 Nr. 3
BNatSchG auch durch Vermeidungsmaßnahmen nicht verhindert werden, so ist zu prüfen, ob
die ökologische Funktion betroffener Fortpflanzungs- und Ruhestätten im räumlichen Zusam-
menhang gewährleistet ist oder dies durch
vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen
(CEF-Maß-
nahmen) gewährleistet werden kann (§ 44 Abs. 5 BNatSchG). Wegen der großen Zahl nicht
windkraftempfindlicher Arten können die CEF- oder FCS-Maßnahmen an dieser Stelle nicht
artspezifisch und im Detail dargestellt werden. Grundsätzlich kommen Maßnahmen aus den
folgenden Gruppen infrage:
Schaffung bzw. Entwicklung natürlicher Ausweichhabitate durch (kleinräumigen) Nut-
zungsverzicht (Brachen), Erhaltung und Förderung von Sonderstrukturen (Hecken,
Brachstreifen, Sitzwarten, staunasse Senken)
Schaffung künstlicher Fortpflanzungsstätten (Nistkästen, Kunsthorste, Feldlerchen-
fenster etc.).
Schutz vor Prädation (z.B. Überkletterungsschutz)
Beruhigung potenzieller Brut- und Nahrungshabitate durch Einrichten von Schutzzo-
nen und Nutzungsverzicht.
Zur Ausgestaltung von FCS-Maßnahmen zugunsten von Rot- und Schwarzmilan, Rohrweihe
und Weißstorch wird auf MELUND (2021)
51
verwiesen.
51
Kapitel „FCS-Maßnahmen“
29

 
7
Ausnahmen
52
7.1 Vorbemerkungen
Bei der Zulassung von Windenergieanlagen können Konflikte mit den artenschutzrechtlichen
Zugriffsverboten auftreten. Insbesondere mit Blick auf windkraftempfindliche Vogelarten
müssen das auf Art. 5 der Vogelschutzrichtlinie 2009/147/EG (VS-RL) zurückgehende Verlet-
zungs- und Tötungsverbot des § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG, das Störungsverbot des § 44 Abs. 1
Nr. 2 BNatSchG sowie das Verbot der Zerstörung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten des
§ 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG für besonders und streng geschützte Arten gewahrt bleiben. Zu-
gleich besteht am Ausbau der Windenergie vor dem Hintergrund der internationalen und na-
tionalen Ziele und Verpflichtungen zum Klimaschutz ein hohes öffentliches Interesse, dessen
besondere Bedeutung auch bei der Abwägung mit den Zielen des Naturschutzes und der Land-
schaftspflege zu berücksichtigen ist (§ 1 Abs. 3 Nr. 4 BNatSchG).
Wenn ein Windenergievorhaben zu einer signifikanten Erhöhung des Tötungs- oder Verlet-
zungsrisikos (§ 44 Abs. 5 Nr. 1 BNatSchG) führen kann, ist es die vorrangige Aufgabe der An-
tragstellenden und der zuständigen Behörden, dass der Eintritt des Verletzungs- und Tötungs-
verbotes durch geeignete, fachlich anerkannte Schutzmaßnahmen abgewendet wird.
Sollten diese nicht ausreichen, ist zu prüfen, inwiefern das Vorhaben gegebenenfalls durch
Erteilung einer artenschutzrechtlichen Ausnahme genehmigungsfähig ist. Mit der Ausnahme-
vorschrift des § 45 Abs. 7 BNatSchG steht ein rechtliches Instrument zur Verfügung, um die
Belange des Artenschutzes und der zügigen Schaffung und Sicherung einer klimaneutralen
Energieversorgung zu einem sachgerechten Ausgleich zu bringen. Dies ist einzelfallbezogen
durch die zuständige Behörde zu klären.
53
Nach § 45 Abs. 7 BNatSchG sind Ausnahmen möglich, wenn ein Ausnahmegrund vorliegt, zu-
mutbare Alternativen nicht gegeben sind und sich der Erhaltungszustand der Populationen
der betroffenen Art als solche in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet nicht verschlechtert.
Der Bedarf nach einer langfristig klimaverträglichen und vor allem gesicherten Energieversor-
gung in Deutschland kann in bestimmten Einzelfällen die Erteilung von Ausnahmen insbeson-
dere nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG im Interesse der öffentlichen Sicherheit erlauben.
Das nach § 45 Abs. 7 S. 2 BNatSchG geforderte Fehlen von Alternativen für das betreffende
Windenergievorhaben stellt durch das einschränkende Merkmal der Zumutbarkeit und durch
die faktische, vielfach auch bereits planerisch oder gesetzgeberisch festgelegte Verringerung
der prüffähigen Standortalternativen keine unbegrenzten Prüfungsanforderungen. Der Aus-
schluss der Verschlechterung der Populationen der betroffenen Art kann nach den insoweit
schon vorliegenden Konkretisierungen durch die Rechtsprechung und die EU-Kommission
häufig bereits aufgrund von Prognosen von Auswirkungen auf die lokale Population geklärt
werden. Kompensatorische Maßnahmen und Artenschutzprogramme, deren Durchführung
und Wirksamkeit dauerhaft gesichert ist, bieten zusätzlich Gestaltungsspielräume. Sie können
im Einzelfall eine Verschlechterung der Gesamtpopulation in ihrem Verbreitungsgebiet ver-
meiden und damit die Ausnahmeerteilung ermöglichen, wenn keine Maßnahmen zur Vermei-
dung einer signifikanten Beeinträchtigung zur Verfügung stehen, mit denen bereits eine Ver-
letzung der Verbotstatbestände des § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG ausgeschlossen werden
könnte.
52
Quelle: UMK (2020b) „Hinweise zu den rechtlichen und fachlichen Ausnahmevoraussetzungen nach § 45 Abs.
7 BNatSchG bei der Zulassung von Windenergievorhaben“
53
vgl. auch Gesetzesbegründung BT-Drs. 18/11939, S. 17.
30

 
Die zuständige Behörde hat ihr Ermessen dahin auszuüben, eine Ausnahme bei Vorliegen der
o.g. Voraussetzungen zu erteilen, sofern nicht atypische Rahmenbedingungen des Einzelfalls
den dargestellten grundlegenden Wertungen entgegenstehen.
7.2
Ausnahmegründe
Ausnahmen bei der Zulassung von WEA werden teilweise auf § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 5 BNatSchG
(andere zwingende Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses einschließlich solcher
sozialer oder wirtschaftlicher Art) gestützt.
54
Dies lässt sich auch unter Berücksichtigung des
europäischen Primär- und Sekundärrechts rechtfertigen (dazu Kapitel 7.2.1). Darüber hinaus
kommt jedenfalls eine Ausnahmeerteilung nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG (Interesse der
öffentlichen Sicherheit) in Betracht (dazu Kapitel 7.2.2). Auf weitere denkbare Ausnahme-
gründe wie die maßgeblich günstigen Auswirkungen auf die Umwelt oder den Schutz der Tier-
und Pflanzenwelt wird im Folgenden nicht näher eingegangen. Keine Auseinandersetzung er-
folgt auch mit dem im Einzelfall, zum Beispiel zur Erprobung von Vogelerkennungssystemen,
durchaus in Betracht kommenden Ausnahmegrund nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 3 BNatSchG (For-
schung). Liegt ein unter § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 oder Nr. 5 BNatSchG fallendes öffentliches Inte-
resse an der Vorhabenverwirklichung vor, ist grundsätzlich von Amts wegen in einer einzelfall-
bezogenen Abwägungsentscheidung zu ermitteln, ob dieses die konkreten artenschutzrecht-
lichen Beeinträchtigungen überwiegt.
55
Insoweit ist jedoch zu berücksichtigen, dass eine Aus-
nahmeerteilung nur dann zulässig ist, wenn zumutbare Alternativen nicht gegeben sind (dazu
Kapitel 7.3) und die zugelassenen Beeinträchtigungen den Erhaltungszustand der Populatio-
nen der betroffenen Art in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet nicht verschlechtern (dazu
Kapitel 7.4). Zu beachten ist darüber hinaus, dass der Katalog der Ausnahmegründe bereits
eine strenge Vorauswahl überhaupt hinreichend schwerwiegender öffentlicher Interessen
enthält.
7.2.1
Zwingende Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses
Auch wenn allgemeine Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses nicht in den Aus-
nahmetatbeständen des Art. 9 Abs. 1 VS-RL erwähnt sind (vgl. hierzu das Urteil des EuGH zu
Polen vom 26.01.2012
56
), kann auch bei europäischen Vogelarten der entsprechende Ausnah-
megrund nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 5 BNatSchG herangezogen werden. § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 5
BNatSchG ist selbst im Anwendungsbereich der Vogelschutzrichtlinie europarechtskonform,
denn Art. 9 VS-RL ist im Lichte des primärrechtlich verankerten Grundsatzes der Verhältnis-
mäßigkeit auszulegen, der es verbietet, bedeutende Infrastrukturvorhaben scheitern zu las-
sen, für die – zwingende – Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses streiten.
57
Dies
54
Vgl. zum Beispiel den bayerischen Windenergieerlass (BayWEE) vom 19.07.2016, Allgemeines Ministerial-
blatt v. 31.08.2016, S. 1642 (1659), oder den niedersächsischen Windenergieerlass, Niedersächsisches Mi-
nisterialblatt v. 24.02.2016, S. 190 (202).
55
Lütkes
in: Lütkes & Ewer (2018) Rn. 40, 45
56
C-192/11, nicht amtliche deutsche Übersetzung in NuR 2013, 718-722.
57
BayVGH, Urt. v. 19.02.2014 – 8 A 11.40040 u.a. –, juris Rn. 849. Siehe auch
Müller-Mitschke
, NuR 2015, 741
(744);
Gellermann,
in: Schrödter, BauGB, 9. Aufl. 2019, § 1a Rn. 219;
Gellermann,
in: Landmann/Rohmer,
Umweltrecht, 91. EL September 2019, BNatSchG, § 45 Rn. 24; VG Münster, Urt. v. 12.07.2018 – 10 K 4940/16
–, juris Rn. 68 ff;
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 32 m. w. N.
31

 
gilt zumindest in Fällen, in denen alle Möglichkeiten zur Vermeidung und zum Ausgleich von
Beeinträchtigungen ausgeschöpft wurden.
Daraus, dass im Rahmen der Kodifizierung der VS-RL im Jahr 2009 die Ausnahmevorschrift des
Art. 9 VS-RL unverändert beibehalten wurde, ist nicht zu schließen, dass die daran beteiligten
EU-Organe eine Harmonisierung mit den Ausnahmetatbeständen der FFH-RL gerade nicht ge-
wollt haben,
58
denn ein Kodifizierungsverfahren zielt stets und von vornherein lediglich darauf
ab, „die zu kodifizierenden Rechtsakte aufzuheben und durch einen einzigen Rechtsakt zu er-
setzen, der keine inhaltliche Änderung der betreffenden Rechtsakte bewirkt“
59
.
Somit kann die Ausnahmeerteilung bei der Zulassung von WEA nach wie vor auf den Ausnah-
megrund in § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 5 BNatSchG gestützt werden. Der EuGH
60
hat zudem bereits
entschieden, dass die Förderung Erneuerbarer Energien im übergeordneten öffentlichen Inte-
resse liegen kann. Auch handelt es sich bei dem Ziel, die Stromversorgungssicherheit in einem
Mitgliedstaat jederzeit zu gewährleisten, um einen zwingenden Grund des überwiegenden öf-
fentlichen Interesses.
61
Angesichts des o.g. EuGH-Urteils vom 26.01.2012 (siehe Fn. 56) er-
scheint es jedoch sinnvoll, eine Zulassung von WEA zusätzlich auf den Ausnahmegrund nach
§ 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG (Interesse der öffentlichen Sicherheit, s.u.), einen Spezialfall
eines zwingenden Grundes des öffentlichen Interesses, zu stützen.
7.2.2
Interesse der öffentlichen Sicherheit
Im Fall der Zulassung von WEA kommt insbesondere, aber nicht ausschließlich, eine Ausnah-
meerteilung im Interesse der öffentlichen Sicherheit nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG in
Betracht. Dieser Ausnahmegrund entspricht Art. 9 Abs. 1 lit. a, 1. Spiegelstrich VS-RL. Das Bun-
desverwaltungsgericht (BVerwG)
62
hat für Verkehrsinfrastrukturprojekte bereits den Ausnah-
megrund nach § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG als erfüllt angesehen. Ein zumindest gleichran-
giges Interesse der öffentlichen Sicherheit (s.u.) besteht auch für die Sicherung der Energie-
versorgung, die eine weitere unabdingbare Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Staa-
tes darstellt. Dies gilt auch für Vorhaben privater Träger.
63
Als zentraler Baustein eines klima-
neutralen, inzwischen planerisch und gesetzgeberisch gesicherten Energieversorgungskon-
zepts der Zukunft in Deutschland liegt der Ausbau der Windenergieerzeugung daher im Inte-
resse der öffentlichen Sicherheit.
Begriff der öffentlichen Sicherheit
Der Begriff der „öffentlichen Sicherheit“ im Sinne des § 45 Abs. 7 S. 1 Nr. 4 BNatSchG umfasst
nicht nur „die Belange im Zusammenhang mit der Existenzsicherung des Staates, der Bekämp-
fung von Gewaltanwendung im Inneren oder von außen sowie der Abwehr unmittelbarer oder
58
So aber VG Gießen, Urt. v. 22.01.2020 – 1 K 6019/18.GI –, juris Rn. 109. S. dazu die Anmerkung von
Geller-
mann,
NuR 2020, 178-181.
59
Absatz 1 der Interinstitutionellen Vereinbarung vom 20. Dezember 1994 über ein beschleunigtes Arbeitsver-
fahren für die amtliche Kodifizierung von Rechtstexten. S. dazu auch
Gellermann,
NuR 2020, 178 (180).
60
Urt. v. 04.05.2016 – C-346/14 –, juris Rn. 71 ff. zur Wasserrahmenrichtlinie.
61
EuGH, Urt. v. 29.07.2019 – C-411/17 –, juris Rn. 155, 157 zu Art. 6 Abs. 4 UAbs. 1 der Habitatrichtlinie.
62
Urteile v. 16.03.2006 – 4 A 1075/04 –, Rn. 566; 4 A 1073.04 –, juris Rn. 573 zum Verkehrsflughafen Berlin-
Schönefeld und Urt. v. 09.07.2008 – 9 A 14/07, juris Rn. 124 ff. zur Nordumfahrung von Bad Oeynhausen.
63
Vgl. auch BT-Drs. 18/11939, S. 17.
32

absehbarer Gefahren für grundlegende gesellschaftliche Interessen“.
64
Nach obergerichtli-
cher Rechtsprechung
65
ist der Begriff der öffentlichen Sicherheit vielmehr deutlich weiter aus-
zulegen. Er erfasst „neben dem Schutz der zentralen Rechtsgüter Leben, Gesundheit, Freiheit,
Eigentum und Vermögen des Einzelnen auch den Schutz von Einrichtungen des Staates oder
[…] von sonstigen durch Private betriebenen, dem öffentlichen Interesse dienenden Einrich-
tungen und kollektive Schutzgüter und ist außer auf bereits vorhandene Einrichtungen auch
auf solche, die sich noch in der Planung befinden, zu erstrecken“.
66
Der EuGH
67
hat zur Auslegung des Begriffs der öffentlichen Sicherheit entschieden, dass Ener-
giequellen in der modernen Wirtschaft „wesentlich sind für die Existenz eines Staates, da nicht
nur das Funktionieren seiner Wirtschaft, sondern vor allem auch das seiner Einrichtungen und
seiner wichtigen öffentlichen Dienste und selbst das Überleben seiner Bevölkerung von ihnen
abhängen.“ Die Unterbrechung der Energieversorgung kann somit die öffentliche Sicherheit
schwer beeinträchtigen. Die öffentliche Sicherheit sah der EuGH
68
auch im Fall von Privatun-
ternehmen als betroffen an, die in den Bereichen der öffentlichen Energieversorgung mit
Elektrizität tätig sind und damit im Hoheitsgebiet des fraglichen Mitgliedstaats Gemeinwohl-
dienstleistungen erbringen.
69
Die öffentliche Sicherheit kann geltend gemacht werden, wenn
eine tatsächliche und hinreichend schwere Gefährdung vorliegt, die ein Grundinteresse der
Gesellschaft berührt.
70
Dass die Sicherheit der Energieversorgung „ein Kernelement der öf-
fentlichen Sicherheit“ ist, ergibt sich auch aus Erwägungsgrund 25 der Richtlinie
2009/72/EG
71
.
Diese Erwägungen zur Sicherung der Energieversorgung gelten vor dem Hintergrund der Kli-
maziele sowohl der EU als auch der Bundesrepublik Deutschland verbunden mit den Entschei-
dungen zum Ausstieg aus der Atomkraft sowie schrittweise bis 2038 aus der Kohleverstro-
mung insbesondere bei der Zulassung von WEA. Auch hier kann dargelegt werden, dass eine
tatsächliche und hinreichend schwere Gefährdung droht, die ein Grundinteresse der Gesell-
schaft berührt, wenn eine ausreichende, sichere und umweltschonende Energieversorgung
anderenfalls nicht sichergestellt werden könnte.
64
So aber VG Sigmaringen, Urt. v. 02.04.2019 – 3 K 74/17 –, juris Rn. 18. Das VG Gießen, Urt. v. 22.01.2020 –
1 K 6019/18.GI –, juris Rn. 119 ff. legt den Begriff der öffentlichen Sicherheit ebenfalls eng aus und verweist
dazu auf
Lau
, in: Frenz/Müggenborg, 2. Aufl. 2016, § 45 Rn. 17, zitiert aber unvollständig: Der Begriff umfasst
selbst bei enger Auslegung nicht nur die Existenzsicherung des Staates und die Bekämpfung von Gewaltan-
wendungen im Inneren oder von außen, sondern auch die Abwehr unmittelbarer oder absehbarer Gefahren
für grundlegende gesellschaftliche Interessen.
65
OVG RP, Urt. v. 06.11.2019 – 8 C 10240/18 –, juris Rn. 280; OVG NRW, Urt. v. 29.03.2017 – 11 D 70/09.AK –
, juris Rn. 949; BayVGH, Urt. v. 19.02.2014 – 8 A 11.40040 u.a. –, juris Rn. 849.
66
HessVGH, Urt. v. 21.08.2009 – 11 C 318/08.T –, juris Rn. 771.
67
Urt. v. 10.07.1984 – Rs. 72/83 –, Rn. 34 zu Erdölerzeugnissen. S. zu diesem Urteil, zur Übertragbarkeit auf
die Stromversorgung und zum Begriff der öffentlichen Sicherheit ausführlich
Lau,
NVwZ 2017, 830 (834 f.).
A. A.
Gellermann,
NuR 2020, 178 (180).
68
Urt. v. 04.06.2002 – C-503/99 –, juris Rn. 46.
69
EuGH, Urt. v. 08.11.2012 – C-244/11 –, juris Rn. 65 m. w. N.
70
EuGH, Urt. v. 04.06.2002 – C-503/99 –, juris Rn. 47; EuGH, Urt. v. Urt. v. 08.11.2012 – C-244/11 –, juris Rn. 67
m. w. N. Vgl. auch EuGH, Urt. v. 29.07.2019 – C-411/17 –, juris Rn. 158 f. zu Art. 6 Abs. 4 UAbs. 1 der Habi-
tatrichtlinie.
71
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.07.2009 über gemeinsame Vorschriften für
den Elektrizitätsbinnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie 2003/54/EG ABl. L 211 v. 14.08.2009, S. 55-
93.
33

Windenergieausbau als Belang der öffentlichen Sicherheit
Die Errichtung von Windenergieanlagen ist vor dem Hintergrund der Bedeutung des Ausbaus
der Erneuerbaren Energien als Maßnahme des Klimaschutzes und zur Sicherstellung der Ener-
gieversorgung ein Belang der öffentlichen Sicherheit, der in der Einzelfallabwägung bei Vorlie-
gen der übrigen Ausnahmevoraussetzungen, insbesondere der erforderlichen Neutralität der
Auswirkungen des Vorhabens für den Erhaltungszustand der Gesamtpopulationen (dazu Ka-
pitel 7.4), die artenschutzrechtlichen Belange in bestimmten Fällen überwiegen kann.
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich in Übereinstimmung mit und zur Umsetzung von
Völker- und Unionsrecht zur Reduktion von Kohlenstoffdioxid-Emissionen verpflichtet. Die zu
diesem Zwecke auf Bundes- und Landesebene bereits vorgenommenen, rechtsverbindlichen
gesetzgeberischen und planerischen Festlegungen sehen vor, dass die Windenergie einen
maßgeblichen, wenn nicht den tragenden Teil, einer auf erneuerbaren Technologien basierten
Energieversorgung stellen wird (§ 3 Nr. 21 lit. b EEG). Vor dem Hintergrund der für die Planung
und Verwirklichung dieser Energiewende erforderlichen Investitionen und zeitlichen Vorläufe
hängt die Sicherheit der Energieversorgung insgesamt daher auch untrennbar damit zusam-
men, ob die Schaffung ausreichender Kapazitäten im Windenergiesektor gelingt.
Aufgrund der technisch bedingten Erforderlichkeit einer großen Zahl von Anlagen kann die
Erteilung einer Ausnahme vor diesem Hintergrund nicht mit dem Hinweis abgelehnt werden,
die Errichtung einer einzelnen WEA oder eines einzelnen Windparks sei nicht im Interesse der
öffentlichen Sicherheit.
Die Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren Energien, insbesondere der Windenergie,
lässt sich auf allen Ebenen der Normhierarchie ablesen:
Völker- und Europarecht
Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung zur Umsetzung des Klimaschutz-
plans 2050, Bundesgesetze, zum Beispiel KAG, KSG, AtG, EEG
Landesgesetze, z.B. Klimaschutzgesetze mit konkreten THG-Minderungszielen
Landesweite Raumordnungspläne
Regionalpläne
Flächennutzungspläne
Erlasse der Landesministerien
Aus dem Völkerrecht ist insbesondere das Protokoll von Kyoto vom 11.12.1997 zum Rahmen-
übereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (Kyoto-Protokoll) mit dem
deutschen Zustimmungsgesetz vom 27.04.2002
72
zu beachten. Darin haben die Vertragspar-
teien die Erfüllung quantifizierter Emissionsbegrenzungs- und -reduktionsverpflichtungen ver-
einbart.
Unionsrechtlich ergibt sich die Bedeutung der Windenergienutzung für die öffentliche Sicher-
heit aus Erwägungsgrund 1 der Richtlinie 2009/28/EG
73
: Die vermehrte Nutzung von Energie
72
BGBl. II, S. 966.
73
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23.04.2009 zur Förderung der Nutzung von Ener-
gie aus erneuerbaren Quellen und zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinien 2001/77/EG
und 2003/30/EG, ABl. L 140 v. 05.06.2009, S. 16-62.
34

aus erneuerbaren Energiequellen ist hiernach ein wesentliches Element des Maßnahmenbün-
dels, das zur Verringerung der Treibhausgasemissionen und zur Einhaltung des Protokolls von
Kyoto sowie weiterer gemeinschaftlicher und internationaler Verpflichtungen zur Senkung der
Treibhausgasemissionen benötigt wird und „eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Energie-
versorgungssicherheit“ spielt. Auch in der Richtlinie (EU) 2018/2001
74
ist in Erwägungsgrund
65 erwähnt, dass die Erneuerbaren Energien eine bessere lokale Energieversorgungssicherheit
ermöglichen.
Relevante bundesgesetzliche Festlegungen ergeben sich zum einen aus dem KSG. Nach § 3
Abs. 1 KSG werden die Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Jahr 1990 bis 2030 um min-
destens 55 Prozent gemindert. Die jährlichen Minderungsziele für die einzelnen Sektoren (Jah-
resemissionsmengen) sind in § 4 KSG i.V.m. den Anlagen 1 und 2 des Gesetzes festgelegt. Zum
anderen sieht auch das EEG in § 1 Abs. 2 und 3 als Ziel die Steigerung des Anteils des aus
Erneuerbaren Energien erzeugten Stroms am Bruttostromverbrauch bis 2025, 2035 und 2050
vor.
Der Energiebedarf kann mit Blick auf den beschlossenen Atomausstieg (§ 7 Abs. 1a AtG) auch
nicht durch Kernkraft gedeckt werden.
75
Im Fall der Reduzierung der Stromproduktion aus
WEA bleiben daher eben nicht ohne weiteres „ausreichend Möglichkeiten, diese Strommenge
durch eine andere Energiegewinnung auszugleichen“.
76
Es handelt sich nicht nur um „klima-
politische Zielsetzungen eines Mitgliedstaats“, sondern in nach demokratischer Willensbil-
dung durch ein nationales Parlament beschlossenen Gesetzen und weiteren Rechtsakten ver-
ankerte verbindliche Vorgaben, die vielfach insbesondere auf der Ebene der Regionalplanung
konkretisiert werden und im Rahmen der Ausnahmeerteilung zu berücksichtigen sind. Ebenso
wenig wie die „Systemalternative“ des Wiedereinstiegs Deutschlands in die Gewinnung von
Atomstrom möglich ist, kann auf eine weitere, klimapolitisch unverantwortbare Verzögerung
des Kohleausstiegs verwiesen werden (§ 1 Abs. 2 KAG).
Ein Zusammenhang von Klima- und Naturschutz wird in § 1 Abs. 3 Nr. 4 BNatSchG deutlich:
Danach ist das Klima auch durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege
zu schützen und kommt dem Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung insbesondere
durch zunehmende Nutzung Erneuerbarer Energien eine besondere Bedeutung zu.
77
Das für die Sicherstellung der künftigen Gesamtenergieversorgung in Deutschland relevante
öffentliche Interesse am Windenergieausbau manifestiert sich besonders deutlich in Regelun-
gen, die eine Gesamtleistung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt oder eine jährlich zu erbrin-
gende Leistung festlegen:
Im Koalitionsvertrag zur siebten Legislaturperiode des Sächsischen Landtages wird ausgeführt,
dass sich das EKP an einem zusätzlichen Ausbau von 10 Terrawattstunden (TWh) Jahreserzeu-
gung aus Erneuerbaren Energien bis 2030 orientieren soll und dass sich die Staatsregierung
74
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11.12.2018 zur Förderung der Nutzung von Ener-
gie aus erneuerbaren Quellen (Neufassung), ABl. L 328 v. 21.12.2018, S. 82-2019.
75
Zur Verfassungskonformität der Vorschrift siehe BVerfG, Urt. v. 06.12.2016 – 1 BvR 2821/11 u.a. – juris =
BVerfGE 143, 246-396.
76
So aber VG Gießen, Urt. v. 22.01.2020 – 1 K 6019/18.GI –, juris Rn. 125.
77
S. dazu auch die Artenschutzrechtliche Arbeits- und Beurteilungshilfe für die Errichtung und den Betrieb von
Windenergieanlagen (AAB-WEA) des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Teil Vögel, Stand: 01.08.2016, S. 8,
abrufbar unter
https://www.lung.mv-regierung.de/dateien/aab_wea_
voegel.pdf.
35

bis 2024 an einem Zubau-Zwischenziel von 4 TWh, von dem der Hauptteil durch Windenergie
sein soll, orientieren will.
78
Der sächsische Landesentwicklungsplan
79
nimmt in einer Zielfestlegung darauf mit einer dy-
namischen Verweisung Bezug (Z 5.1.3: „In den Regionalplänen sind die räumlichen Vorausset-
zungen zum Erreichen des für die Nutzung der Windenergie geltenden Zieles der Sächsischen
Staatsregierung in der jeweils geltenden Fassung entsprechend dem Flächenanteil der jewei-
ligen Planungsregion an der Gesamtfläche des Freistaates Sachsen (regionaler Mindestener-
gieertrag) zu sichern.“).
Auch in anderen Bundesländern werden Ausbauziele für Erneuerbare Energien in Plänen, Ziel-
konzepten und Gesetzen formuliert.
80
Schließlich zeigt sich die Relevanz des Windenergieausbaus für die öffentliche Sicherheit auch
in den bundesgesetzlichen Regelungen zur Bauleitplanung. Im Rahmen der Abwägung bei Auf-
stellung von Bauleitplänen wie dem Flächennutzungsplan, sind den Erfordernissen des Klima-
schutzes durch Maßnahmen, die dem Klimawandel entgegenwirken, Rechnung zu tragen, § 1
a Abs. 5 i.V.m. § 1 Abs. 7 BauGB. Ferner sind nach § 35 Abs. 1 Nr. 5 BauGB Vorhaben zur Er-
forschung, Entwicklung und Nutzung von Windenergie im Außenbereich privilegiert, d.h.
grundsätzlich zulässig, wenn öffentliche Belange nicht entgegenstehen und die ausreichende
Erschließung gesichert ist. Diese gesetzgeberische Entscheidung belegt, dass jedes einzelne
Vorhaben zum Gelingen der Energiewende beitragen kann.
Auch die Rechtsprechung des BVerwG, wonach der Windenergienutzung substanziell Raum
verschafft werden muss
81
, belegt die Bedeutung der Windenergie für die Sicherung der Ener-
gieversorgung.
Dies ist im Rahmen der einzelfallbezogenen Abwägungsentscheidung, ob das unter § 45 Abs. 7
S. 1 Nr. 4 (oder Nr. 5) BNatSchG fallende öffentliches Interesse an der Vorhabenverwirklichung
gegenüber den konkreten artenschutzrechtlichen Beeinträchtigungen überwiegt, zu berück-
sichtigen.
78
KoalV, S. 38 abrufbar
unter
https://www.staatsregierung.sachsen.de/download/Koalitionsvertrag_2019-
2024-2.pdf
79
S. 146, abrufbar
unter
https://www.landesentwicklung.sachsen.de/31381.htm
80
zum Bespiel Gesetz zur Energiewende und zum Klimaschutz in Schleswig-Holstein (EWKG), Klimaschutzgesetz
Baden-Württemberg (KSG BW), Dritte Landesverordnung zur Änderung der Landesverordnung über das Lan-
desentwicklungsprogramm Rheinland-Pfalz, Dritte Verordnung zur Änderung der Verordnung über den Landes-
entwicklungsplan Hessen 2000, Verordnung über das Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen (LROP-
VO)
81
BVerwG, Urt. v. 17.12.2002 – 4 C 15/01, juris, Rn. 29
36

 
7.3
Keine zumutbaren Alternativen
Nach § 45 Abs. 7 S. 2 BNatSchG darf eine Ausnahme nur zugelassen werden, wenn zumutbare
Alternativen nicht gegeben sind. Für diese artenschutzrechtliche Alternativenprüfung gelten
im Ansatz vergleichbare Grundsätze wie für diejenige im Rahmen der gebietsschutzrechtli-
chen Beurteilung nach § 34 Abs. 3 Nr. 2 BNatSchG.
82
Wie die gebietsschutzrechtliche ist die
artenschutzrechtliche Alternativenprüfung in vollem Umfang gerichtlich überprüfbar.
83
Ausgangspunkt der Alternativenprüfung ist dabei das mit dem Vorhaben verfolgte Ziel, sofern
es die Voraussetzungen eines Ausnahmegrundes erfüllt (dazu Kapitel 7.2). Eine Alternativlö-
sung setzt voraus, dass die zulässigerweise verfolgten Planungsziele trotz hinnehmbarer Ab-
striche auch mit ihr erreicht werden können.
84
Die Null-Variante, d.h. der Verzicht auf das
Vorhaben, kommt daher als zumutbare Alternative von vornherein nicht in Betracht.
85
Glei-
ches gilt für eine Umgestaltung des Vorhabens, die auf ein anderes Projekt hinausläuft, weil
die vom Vorhabenträger in zulässiger Weise verfolgten Ziele nicht mehr verwirklicht werden
könnten.
86
Daher scheidet auch der Verweis auf andere Systemvarianten wie die Nutzung der
Atomenergie und Kohleverstromung oder einen vermehrten Einkauf von Energie aus anderen
Ländern als zumutbare Alternative aus (HMUKLV 2021).
Durch das zusätzliche Kriterium der Zumutbarkeit wird dem unions- und verfassungsrechtli-
chen Verhältnismäßigkeitsprinzip Rechnung getragen.
87
So darf das dem Vorhabenträger zu-
gemutete Maß an Vermeidungsanstrengungen nicht außerhalb jedes vernünftigen Verhältnis-
ses zu dem damit erzielbaren Gewinn für die betroffenen Schutzgüter stehen.
88
Ein Vorhaben-
träger braucht sich auf eine Alternativlösung nicht verweisen zu lassen, wenn sich die arten-
schutzrechtlichen Schutzvorschriften am Alternativstandort als ebenso wirksame Zulassungs-
sperre erweisen wie an dem von ihm gewählten Standort. Wenn die artenschutzrechtlichen
Probleme am Alternativstandort allerdings kleiner sind, kommt diese Alternative durchaus in
Betracht. Außerdem darf eine Alternativlösung auch verworfen werden, wenn sie sich aus na-
turschutzexternen Gründen als unverhältnismäßiges Mittel erweist.
89
Ferner muss es dem
Vorhabenträger bzw. demjenigen, dessen Interesse die Ausnahme dienen würde,
90
möglich
sein, die einen Alternativstandort bietende Fläche zumindest zu pachten oder sich aneignen
zu können, sie muss für ihn also rechtlich und tatsächlich verfügbar sein.
91
82
BVerwG, Urt. v. 23.04.2014 – 9 A 25/12 –, juris Rn. 120 = BVerwGE 149, 289-315; HessVGH, Urt. v. 21.08.2009
– 11 C 318/08.T –, juris Rn. 692;
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 37.
83
BVerwG, Urt. v. 09.06.2010 – 9 A 20/08 –, juris Rn. 57; BVerwG, Beschl. v. 13.03.2008 – 9 VR 9/07 –, juris Rn.
50;
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 37.
84
BVerwG, Beschl. v. 01.04.2009 – 4 B 62.08 –, juris Rn. 45 (zum Habitatschutz);
Grothe/Frey,
NuR 2016, 316
(320)
85
BVerwG, Urt. v. 17.01.2007 – 9 A 20/05 –, juris Rn. 142 (zum Habitatschutz) = BVerwGE 128, 1-76;
Lau,
in:
Frenz/Müggenborg, BNatSchG, 2. Aufl. 2016, § 45 Rn. 21;
Grothe/Frey,
NuR 2016, 316 (320); a. A.
Müller-
Walter,
BNatSchG, 3. Aufl. 2013, § 45 Rn. 16.
86
BVerwG, Urt. v. 17.01.2007 – 9 A 20/05 –, juris Rn. 143 (zum Habitatschutz) = BVerwGE 128, 1-76;
Lau,
in:
Frenz/Müggenborg, BNatSchG, 2. Aufl. 2016, § 45 Rn. 21;
Müller-Walter,
BNatSchG, 3. Aufl. 2013, § 45 Rn.
16.
87
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 41.
88
BVerwG, Urt. v. 12.03.2008 – 9 A 3/06 –, juris Rn. 172 (zum Habitatschutz) = BVerwGE 130, 299-383.
89
BVerwG, Urt. v. 23.04.2014 – 9 A 25/12 –, juris Rn. 120 = BVerwGE 149, 289-315 m. w. N.
90
S. dazu, dass die Alternativenprüfung nicht durch vertraglich vereinbarte Auftragsverhältnisse ausgehebelt
werden darf, OVG Berlin-Brandenburg, Beschl. v. 26.02.2015 – OVG 11 S 3.15 –, juris Rn. 19.
91
Grothe/Frey,
NuR 2016, 316 (320).
37

 
Planungsalternativen müssen dabei grundsätzlich nicht erschöpfend, sondern nur so weitge-
hend ausgearbeitet und untersucht werden, dass sich einschätzen lässt, ob sie für die beson-
ders, ggf. auch streng geschützten Arten ein erhebliches Beeinträchtigungspotenzial bergen.
Vergleichbar der durch das planungsrechtliche Abwägungsgebot geforderten allgemeinen Al-
ternativenprüfung wird zur Beurteilung dieser Fragestellung häufig eine bloße Grobanalyse,
das heißt ohne Anwendung der in Anlage II und Kapitel 5.1.1.2/3 (HPA, RNA) dargestellten
Methoden, ausreichen. Selbst in Fällen, in denen sich eine genauere Untersuchung als not-
wendig erweist, lässt sich das Vorhandensein eines erheblichen Gefährdungspotenzials jeden-
falls einschätzen, ohne die betreffenden Alternativen einschließlich möglicher Vermeidungs-
maßnahmen bis zur Planreife auszuarbeiten.
92
Als zu prüfende Alternativen können im Einzelfall in Betracht kommen:
1. Standortalternativen (dazu Kapitel 7.3.1) und
2. Ausführungsalternativen, insbesondere technische Alternativen (dazu Kapitel 7.3.2).
7.3.1
Standortalternativen
Eine (zumutbare) Standortalternative ist vorzugswürdig, wenn sie aus naturschutzfachlicher
Sicht weniger einschneidend ist, beispielsweise weil an einem Alternativstandort keine beson-
ders (und ggf. streng) geschützten Arten betroffen sind.
93
Da Ausgangspunkt für die Prüfungen durch den Betreiber zwar der gewünschte Standort ist,
im Landkreise aber die verschiedenen Belange in der Genehmigung von Windenergieanlagen
gebündelt sind, ist für Sachsen die Alternativprüfung (nach § 45 Abs. 7 BNatSchG) auf das Ge-
biet des jeweiligen Landkreises zu erstrecken. Die Prüfung von Standortalternativen kann im
Einzelfall aufgrund planerischer Vorentscheidungen oder spezieller gesetzlicher Regelungen
jedoch stark eingeschränkt sein.
Dies gilt insbesondere, wenn in Regionalplänen Eignungsgebiete für Windenergie ausgewie-
sen werden, die nach § 7 Abs. 3 Nr. 3 ROG für diese Maßnahmen oder Nutzungen an anderer
Stelle im Planungsraum Ausschlusswirkung entfalten (dazu siehe Abschnitt A) oder Vorrang-
gebiete (ohne Ausschlusswirkung) in Regionalplänen durch geeignete naturschutzfachliche
Pläne der Landesbehörden ergänzt werden. Auch die Ausweisung durch Darstellungen in Flä-
chennutzungsplänen wirkt sich in diesem Zusammenhang aus (dazu siehe Abschnitt B). Gibt
es keine räumliche Windenergieplanung, hat die zuständige Behörde die Standortalternativen
im Einzelfall zu prüfen.
Die tatsächliche Verfügbarkeit potentiell geeigneter Standortalternativen ist daher i.d.R. so
weitgehend eingeschränkt, dass nur noch kleinräumige Standortverschiebungen innerhalb
des geplanten Vorrang- und Eignungsgebiets in Frage kommen. Dies gilt auch dann, wenn ein
Teil der übrigen Vorrangflächen im Planungsraum weiterhin der Windenergienutzung zugäng-
lich ist oder durch andere Planungsinstrumente (z.B. gemeindliche Flächennutzungspläne) Flä-
chen für die Windenergienutzung außerhalb der Vorranggebiete zur Verfügung stehen.
92
Vgl. BVerwG, Urt. v. 12.03.2008 – 9 A 3/06 –, juris Rn. 172 (zum Habitatschutz) = BVerwGE 130, 299-383;
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 43.
93
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 40.
38

A Vorrang- und Eignungsgebiete mit Ausschlusswirkung in Regionalplänen
Nach § 2 Abs. 1 SächsLPlG darf die Festlegung von (Windenergieanlagen an anderer Stelle
ausschließenden) Eignungsgebieten nur i.V.m. der Festlegung von Vorranggebieten erfolgen.
In Ziel 5.1.3 Satz 2 des Landesentwicklungsplans 2013 ist die Nutzung der Windenergie durch
eine abschließende, flächendeckende Planung nach dem Prinzip der dezentralen Konzentra-
tion in den Regionalplänen durch die Festlegung von Vorrang- und Eignungsgebieten zur Nut-
zung der Windenergie räumlich zu konzentrieren. Stand Oktober 2021 wurde bisher nur der
Regionalplan Oberelbe/Osterzgebirge auf Grundlage des Landesentwicklungsplans 2013 fort-
geschrieben. Alle anderen drei Regionalpläne befinden sich noch in Fortschreibung.
Die Festlegung solcher Vorrang- und Eignungsgebiete mit Ausschlusswirkung in Regionalplä-
nen führt regelmäßig dazu, dass Standortalternativen außerhalb dieser Gebiete nicht in Be-
tracht gezogen werden müssen. Es verbleibt somit nur noch eine Prüfung im Einzelfall, ob der
artenschutzrechtliche Konflikt durch eine kleinräumige Standortverlagerung innerhalb des
Vorrang- oder Eignungsgebietes gelöst werden kann (MELUND 2021).
Voraussetzung für eine solche Abschichtung der Alternativenprüfung zwischen Planungs- und
Genehmigungsebene ist, dass die artenschutzrechtlichen Belange bereits auf der Ebene der
Regionalplanung adäquat berücksichtigt oder ergänzende artenschutzfachliche Festlegungen
der Landesbehörden aufgestellt wurden, so dass die identifizierten Bereiche in artenschutz-
rechtlich möglichst konfliktarmen Bereichen liegen. Dabei müssen Bereiche mit hohem Kon-
fliktpotential abgegrenzt und dargestellt werden.
94
Ist die Ermittlung konfliktarmer Planungs-
räume nicht möglich, muss ein artenschutzrechtlicher Vergleich der Planungsräume hinsicht-
lich ihrer Konfliktschwere vorgenommen werden.
95
Zu beachten ist, dass im Rahmen des § 35 Abs. 3 BauGB bereits ein in Aufstellung befindliches
Ziel der Raumordnung die Qualität eines öffentlichen Belangs innehat, wenn es inhaltlich hin-
reichend konkretisiert und zu erwarten ist, dass es sich zu einer verbindlichen, den Wirksam-
keitsanforderungen genügenden Zielfestlegung verfestigt. Eine solche Verlautbarungsreife ist
regelmäßig mit der öffentlichen Auslegung gegeben.
96
B Darstellungen in Flächennutzungsplänen
§ 35 Abs. 3 BauGB stellt die Privilegierung und damit die Errichtung von Windenergieanlagen
im gemeindlichen Außenbereich unter einen Planungsvorbehalt, der dazu führt, dass Vorha-
ben a) die den Darstellungen des Regionalplans oder Flächennutzungsplans widersprechen (§
35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 BauGB) sowie b) außerhalb der Darstellungen von Konzent-
rationszonen im Regionalplan oder Flächennutzungsplan liegen, im Gemeindegebiet in der
Regel unzulässig sind (§ 35 Abs. 3 Satz 3 BauGB). Diese gesetzliche Ausschlusswirkung der Kon-
zentrationszonen ist bei der Prüfung von Standortalternativen zu berücksichtigen.
In Flächenstaaten stellt sich die Frage, ob die Prüfung von Standortalternativen auf das Gebiet
der jeweiligen Gemeinde begrenzt ist. Das OVG Lüneburg
97
hat dies verneint, stattdessen
„eine Regionalisierung der Perspektive“ befürwortet und die Alternativenprüfung auf das Ge-
biet des jeweiligen Trägers der Regionalplanung bezogen. Eine Ausdehnung der Alternativen-
prüfung auf das Bundesgebiet oder die Fläche des jeweiligen Bundeslandes kommt hiernach
94
Wulfert/Köstermeyer/Lau,
Fn. 54, S. 118 ff.
95
Wulfert/Köstermeyer/Lau,
Fn. 54, S. 120.
96
BVerwG, Urteil vom 27.01.2005 – 4 C 5/04 -, juris, Rn. 28.
98
Vgl. zum Habitatschutz BVerwG, Urt. v. 06.11.2013 – 9 A 14/12 –, juris Rn. 131 = BVerwGE 148, 373-399;
auch zum Artenschutz BVerwG, Urt. v. 28.03.2013 – 9 A 22/11 –, juris Rn. 136 = BVerwGE 146, 145-175.
39

 
jedenfalls nicht in Betracht. Für Sachsen ist die Alternativenprüfung auf das Gebiet des jewei-
ligen Landkreises auszudehnen.
7.3.2
Ausführungsalternativen
Zu den möglichen Alternativen nach § 45 Abs. 7 S. 2 BNatSchG können andere Größenordnun-
gen oder alternative Aktivitäten, Prozesse oder Methoden gehören.
98
An dieser Stelle werden
nochmals die in § 44 Abs. 5 S. 2 Nr. 1 BNatSchG im Kontext der Signifikanzprüfung geregelten
„fachlich anerkannten Schutzmaßnahmen“ relevant; diese Vermeidungs- oder (bei nicht voll-
ständiger Vermeidung einer Verbotsverwirklichung) Minderungsmaßnahmen
99
müssen aber
auch verhältnismäßig sein.
Eine Ausführungsalternative – sofern zumutbar – ist vorzugswürdig, wenn sie aus naturschutz-
fachlicher Sicht weniger einschneidend ist, beispielsweise weil eine alternative Ausführung
besonders (und ggf. streng) geschützte Arten weniger stark beeinträchtigt.
100
Als im Einzelfall durch die zuständige Behörde zu prüfende Ausführungsalternativen kommen
insbesondere die in Kapitel 6.2 und Tabelle A2 dargestellten Maßnahmen in Betracht, die als
Neben- oder Inhaltsbestimmung Teil der Zulassungsentscheidung sein können.
In jedem Einzelfall ist die Zumutbarkeit der in Betracht kommenden Alternativmaßnahme zu
prüfen. Dazu gehört auch die Berücksichtigung des Zeit- und Kostenaufwands und der Erfolgs-
aussichten der Maßnahme.
7.4
Keine Verschlechterung des Erhaltungszustands der Populationen einer Art
Liegt ein Ausnahmegrund vor und sind zumutbare Alternativen nicht gegeben, kann die zu-
ständige Behörde eine Ausnahme vom naturschutzrechtlichen Tötungs- und Verletzungsver-
bot erteilen, wenn sich der Erhaltungszustand der Populationen der betroffenen Art bei Um-
setzung des Vorhabens nicht verschlechtert (§ 45 Abs. 7 S. 2 BNatSchG).
7.4.1
Betrachtung der Gesamtpopulation
Eine Population ist eine biologisch oder geografisch abgegrenzte Zahl von Individuen (§ 7 Abs.
2 Nr. 6 BNatSchG), die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie derselben Art oder Unterart an-
gehören und innerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets in generativen Vermehrungsbe-
ziehungen stehen.
101
Maßgeblich ist im Rahmen des § 45 Abs. 7 BNatSchG, dass die Gesamt-
population in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet, das über das Plangebiet hinausreicht, als
lebensfähiges Element des Naturhaushalts erhalten bleibt.
102
Vor diesem Hintergrund kann
eine Prüfung auf zwei räumlichen Ebenen, insbesondere auf lokaler und ggf. großräumigerer
Ebene erforderlich werden. Hierbei gilt jedoch: Eine angemessene und ökologisch aussage-
98
Vgl. zum Habitatschutz BVerwG, Urt. v. 06.11.2013 – 9 A 14/12 –, juris Rn. 131 = BVerwGE 148, 373-399;
auch zum Artenschutz BVerwG, Urt. v. 28.03.2013 – 9 A 22/11 –, juris Rn. 136 = BVerwGE 146, 145-175.
99
Fellenberg,
NuR 2016, 749 (750).
100
Schütte/Gerbig,
in: GK-BNatSchG, 2. Aufl. 2017, § 45 BNatSchG Rn. 40.
101
BVerwG, Urt. v. 16.03.2006 - 4 A 1075/04 - Rn. 571; OVG Lüneburg, Urt. v. 27.08.2019 - 7 KS 24/17, Rn. 356.
102
BVerwG, Urt. v. 16.03.2006 - 4 A 1075/04 - Rn. 572; OVG Koblenz, Urt. v. 06.11.2019 – 8 C 10240/18 –, Rn.
283, juris; OVG München, Urt. v. 10.07.2019 – 22 B 17.124 –, Rn. 55, juris.
40

kräftige Bewertung einer spezifischen Ausnahme wird in den meisten Fällen auf einer niedri-
geren Ebene als der biogeografischen Region (BGR) stattfinden müssen.
103
Als eine solche ist
die Landesebene aufzufassen.
104
Die Notwendigkeit einer Binnendifferenzierung nach BGR,
die in größeren Flächenländern notwendig ist (zum Beispiel BY, NI, NRW), entfällt, denn die
Landesfläche Sachsens gehört vollständig zu einer Region (kontinentale BGR). Die Feststellun-
gen zum Ausschluss einer Verschlechterung des Erhaltungszustandes sind stets artspezifisch
im Einzelfall auf einer sachgemäßen Grundlage zu treffen und zu begründen. Dies setzt eine
ausreichende Bestandsaufnahme der Arten voraus, die in den Planungsbereich oder Einwir-
kungsbereich des Vorhabens fallen.
105
Lokale Betrachtung
Zunächst ist ausgehend vom Einwirkungsbereich des Vorhabens die lokale Population der Art
zu betrachten (siehe Tabelle A1, Spalte 10 und Kapitel 4.2).
106
Eine Verschlechterung der lo-
kalen Population ist dann anzunehmen, wenn sich die Anzahl der Individuen einer Population
wesentlich verkleinert.
107
Wenn einzelne Exemplare oder einzelne Reviere oder Siedlungs-
räume im Zuge der Verwirklichung eines Planvorhabens vernichtet werden oder verloren ge-
hen, heißt dies nicht zwangsläufig, dass eine Ausnahme ausscheidet, sofern der Erhaltungszu-
stand bezogen auf die relevante Gesamtpopulation stabil bleibt.
108
Dies kann etwa dann der
Fall sein, wenn – sofern möglich – geeignete Ausweichhabitate orts- und zeitnah in ausrei-
chendem Umfang zur Verfügung gestellt werden.
109
Es empfiehlt sich, den Nachweis der
Nichtverschlechterung bereits auf lokaler Ebene regelhaft durch die Planung geeigneter FCS-
Maßnahmen (dazu unter Kapitel 6.3) abzusichern. Der Suchraum entspricht dabei dem Ver-
breitungsgebiet der lokalen Population. Sind danach auf lokaler Ebene keine erheblichen Aus-
wirkungen zu erwarten, ist eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes auch für das
überörtliche Verbreitungsgebiet auszuschließen.
110
Überregionale und landesweite Betrachtung
Falls die lokale Population negativ betroffen ist, muss eine weiträumigere Betrachtung statt-
finden. Falls der Erhaltungszustand der Population in ihrem Verbreitungsgebiet auf Landes-
ebene
111
stabil bleibt, kommt eine Ausnahmeerteilung in Betracht
112
, wobei auch auf überge-
ordneter Ebene – dann mit erweiterten Raumbezügen – FCS-Maßnahmen für die betroffenen
103
EU-Kommission, Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse im
Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (2007), S. 68.
104
Ständiger Ausschuss Arten und Biotopschutz der LANA (2009): Hinweise zu zentralen unbestimmten Rechts-
begriffen des Bundesnaturschutzgesetzes, 2009,
https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/recht/Doku-
mente/Hinweise_LANA_unbestimmte_Rechtsbegriffe.pdf , abgerufen am 9.12.2019
105
Heugel
, in: LÜTKES § EWER (2018): § 45, Rn. 50.
106
Vgl. dazu EU-Kommission, Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Inte-
resse im Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (2007), S. 68, 69.
107
LANA 2006, Hinweise zur Anwendung des europäischen Artenschutzrechts bei der Zulassung von Vorhaben
und bei Planungen, S. 7.
108
Vgl. BVerwG, Urt. v. 16.03.2006 - 4 A 1075/04 - Rn. 572.
109
BVerwG, Beschl. v. 17.04.2010 – 9 B 5/10 Rn. 10.
110
BVerwG, Urt. v. 12.03.2008 - 9 A 3/06, Rn. 249; OVG Koblenz, Urt. v. 09.10.2019 - 8 C 10240/18, Rn. 283.
111
siehe Einführung zu Kapitel 7.4.1
112
Lütkes
, in: LÜTKES § EWER (2018): § 45, Rn. 56.
41

 
Arten (dazu Kapitel 6.3) vorzusehen sind, um gesamthafte und schleichende Beeinträchtigun-
gen ausschließen zu können. Die in den WWW-Arbeitshilfen des LfULG
113
angegebenen art-
spezifische Hinweise zur Größe und zum Erhaltungszustand der Populationen im Freistaat
Sachsen sind zu Grunde zu legen.
7.4.2
Wahrung des Erhaltungszustands (Verschlechterungsprognose)
Die Prognoseentscheidung über den Erhaltungszustand der Art nach Durchführung des Vor-
habens und somit über den Ausschluss einer möglichen Verschlechterung hängt wesentlich
vom Ausgangszustand der Populationen ab. Der Erhaltungszustand einer Art ist als günstig
anzusehen, wenn aufgrund der Daten über die Populationsdynamik anzunehmen ist, dass die
Art ein lebensfähiges Element des natürlichen Lebensraumes, dem sie angehört, bildet und
langfristig weiterhin bilden wird und ein genügend großer Lebensraum vorhanden ist und
wahrscheinlich auch weiterhin vorhanden sein wird, um langfristig ein Überleben der Popula-
tionen der Art zu sichern.
114
Bei günstigem Ausgangszustand sind Ausnahmen in Abhängigkeit
von der Schwere der zu erwartenden Beeinträchtigungen eher gerechtfertigt.
115
Dies bedeu-
tet allerdings nicht, dass aus einem günstigen Ausgangszustand automatisch darauf geschlos-
sen werden kann, dass der Erhaltungszustand der Populationen sich nicht verschlechtern wird.
Vielmehr ist auch bei günstigem Ausgangszustand immer eine Einzelfallprüfung vorzunehmen.
Die flankierende Anordnung von FCS-Maßnahmen in Übereinstimmung mit den Leitlinien der
EU-Kommission
116
wird in der Regel geboten sein, um eine Verschlechterung mit der hinrei-
chenden Sicherheit ausschließen zu können und eine Ausnahme im Ergebnis rechtssicher er-
teilen zu können. Ein ungünstiger Ausgangszustand erschwert die Erteilung einer Ausnahme,
steht allerdings nicht generell entgegen. Auch bei einem ungünstigen Ausgangszustand der
Populationen der betroffenen Art sind Ausnahmen zulässig, wenn sachgemäß nachgewiesen
ist, dass sie weder den ungünstigen Erhaltungszustand dieser Populationen weiter verschlech-
tern noch die Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustands behindern.
117
Bei weit
verbreiteten, überregional vorkommenden Arten im günstigen Erhaltungszustand ist regelmä-
ßig davon auszugehen, dass die Populationen in einem günstigen Erhaltungszustand verblei-
ben werden, weil die verschiedenen lokalen Populationen solcher allgemein häufigen Arten
naturgemäß Ausdehnungen haben, die es ohne weiteres ermöglichen, Störungen einzelner
Brutreviere zu verkraften, ohne dass die Population als Ganzes destabilisiert wird.
118
113
https://www.natur.sachsen.de/arbeitshilfen-artenschutz-20609.html
114
BVerwG, Urt. v. 16.03.2006 - 4 A 1075/04 - Rn. 571.
115
EU-Kommission, Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse im
Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (2007), S. 69.
116
EU-Kommission, Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse im
Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (2007), S. 70.
117
EuGH, Urt. v. 14.6.2007 – Rs. C-342/05 – Rn. 29.
118
BVerwG, Urt. v. 12.03.2008 - 9 A 3/06, Rn. 258; OVG Koblenz, Urt. v. 09.10.2019 - 8 C 10240/18, Rn. 283.
42

 
7.4.3
Berücksichtigung von Ausgleichsmaßnahmen
Bei absehbar negativer Entwicklung des Erhaltungszustands kann eine Ausnahme unter Be-
rücksichtigung von populationsstützenden Ausgleichsmaßnamen (FCS-Maßnahmen) gewährt
werden, wenn diese der Population unmittelbar zugutekommen und die negativen Auswir-
kungen der Ausnahme populationsbezogen kompensieren (MELUND 2021).
Die Erfolgsaussichten, eine Verschlechterung des Erhaltungszustands unter Anordnung von
FCS-Maßnahmen zu vermeiden, sind umso höher,
je geringer der Anteil der Individuen einer Population ist, der von der dem Vorhaben
betroffen ist
je geringer der Vernetzungsgrad im Lebensraum seltener Arten
119
durch eine Wind-
energieplanung reduziert wird
je höher Flexibilität und Mobilität der Arten in der Lebensraumnutzung
120
ausgeprägt
sind und
je höher das Reproduktionsvermögen der Art beschaffen ist (HMUKLV 2021).
Alle genannten Gesichtspunkte sind fachlich zu unterlegen und in einer Gesamtschau zu be-
werten.
Da die Maßnahmen nicht an dem betroffenen Vorkommen der Art bzw. an den betroffenen
Fortpflanzungs- oder Ruhestätten ansetzen müssen, können sie räumlich flexibler ausgestaltet
werden als Vermeidungs- und CEF-Maßnahmen. Auch hinsichtlich des Funktionsbezugs ist
eine flexiblere Ausgestaltung der Maßnahmen möglich, da diese primär auf die Wahrung des
Erhaltungszustands der betroffenen Population ausgerichtet sein müssen. FCS-Maßnahmen
können auch für mehrere Vorhaben gebündelt und im Vorfeld von deren Genehmigung und
Errichtung umgesetzt werden. Zu diesem Zweck können vorausschauend Flächenpools aufge-
baut werden, spezielle Ökokonten eingerichtet oder bestehende Ökokonten und Flächen-
pools mit entsprechenden Maßnahmen angereichert werden. Dies gilt umso mehr, als die FCS-
Maßnahmen in aller Regel zugleich multifunktional als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
nach § 15 Abs. 2 BNatSchG angerechnet werden und auch sonst hinsichtlich der rechtlichen
Sicherung von Artenschutzmaßnahmen auf die Instrumente der Eingriffsregelung zurückge-
griffen wird.
121
Dies ermöglicht eine Beschleunigung des Ausnahmeverfahrens, erleichtert die
rechtliche Sicherung, Umsetzung und ggf. Überwachung der Maßnahmen und kann im Einzel-
fall das konkrete Vorhaben von dem Flächenbeschaffungsproblem entlasten.
122
Die Maßnah-
men müssen aber auf die betreffende Art ausgerichtet und wirksam sein, bevor die zu kom-
pensierende negative Wirkung eintritt. Um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu belegen, ist
119
Dies umfasst u.a. komplexe Habitatansprüche einer Art bzw. von Individuen im Jahreszyklus, „Ausweichmög-
lichkeiten“ zur Besiedlung von Kompensationsflächen, Austauschmöglichkeit von Individuen innerhalb einer
Population und die Möglichkeit zur Besiedlung durch Quellpopulationen.
120
Vorausgesetzt, dass geeignete, bisher unbesiedelte Lebensräume vorhanden und erreichbar sind.
121
Vgl. HessVGH, Urt. v. 25.06.2009 – 4 C 1347/08.N, Rn. 55; ausführlich zum Ganzen auch
Lau/Wulfert/Müller-
Pfannenstiel
, NuR 2019, 721 ff.
122
Lau/Wulfert
, Vögel und Windenergienutzung: Best Practice-Beispiele und planerische Ansätze zur Konflikt-
lösung, Projektbericht FKZ 3519861000 (noch unveröffentlicht).
43

 
im Regelfall ein Risikomanagement mit Korrektur- und Vorsorgemaßnahmen sowie einem be-
gleitenden Monitoring erforderlich.
123
Für die Umsetzung erforderlicher FCS-Maßnahmen, die im Rahmen der Feststellung einer
Nichtverschlechterung des Erhaltungszustandes nach § 45 Abs. 7 BNatSchG berücksichtigt
werden können, sind grundsätzlich zwei Möglichkeiten denkbar: Die Maßnahmen können bei
Genehmigungserteilung einzelfallbezogen anhand fachlicher Kriterien im Hinblick auf die
Lage, den Maßnahmeninhalt und den Flächenumfang durch Nebenbestimmungen angeord-
net und rechtzeitig vor Eintritt der negativen Wirkungen des Vorhabens durchgeführt werden.
Sie müssen grundsätzlich für die gesamte Dauer des Vorhabens (Betrieb der WEA) bestehen
und wirksam bleiben. Alternativ können die populationsstützenden Wirkungen von Arten-
schutz- und Artenhilfsprogrammen
124
(vgl. § 38 Abs. 2 S. 1 BNatSchG) berücksichtigt werden,
soweit diese geeignet sind, eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes im Einzelfall zu
vermeiden und der Erfolg sichergestellt ist (MELUND 2021).
7.5 Ermessen
Die Vorschrift des § 45 Abs. 7 BNatSchG räumt der Behörde zwar ein Ermessen ein, welches
sie gemäß dem Zweck der Vorschrift und unter Einhaltung des Verhältnismäßigkeitsprinzips
auszuüben hat. Da wichtige Entscheidungsvoraussetzungen bereits ausführlich im Tatbestand
der Rechtsnorm selbst aufgenommen sind und insbesondere in jedem Einzelfall im Rahmen
einer Abwägung zu prüfen ist, ob das öffentliche Interesse an der Vorhabenverwirklichung die
konkreten artenschutzrechtlichen Beeinträchtigungen überwiegt, ist die Ausnahme bei Vor-
liegen dieser Voraussetzungen aber in der Regel zu erteilen.
125
123
Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, Hinweise zu artenschutz-
rechtlichen Ausnahmen vom Tötungsverbot bei windenergieempfindlichen Vogelarten bei der Bauleitpla-
nung und Genehmigung von Windenergieanlagen, 01.07.2015, S. 18f.
124
Vgl. EU-Kommission, Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse
im Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (2007), S. 69.
125
Vgl. hierzu auch VG Freiburg, Urt. v. 17.02.2009 - 3 K 805/08 zu § 43 Abs. 8 BNatSchG a.F.;
Lau
, in: Frenz/Müg-
genborg BNatSchG § 45, Rn. 13; wohl auch:
Gläß,
in: BeckOK UmweltR, 53. Ed. 1.1.2020, BNatSchG § 45 Rn.
37; a.A.
Müller-Walter
, in: Lorz u.a., BNatSchG, 3. Aufl., § 45 BNatSchG Rn. 14.
44

 
8
Repowering - vorläufige Vollzugshinweise zu § 16b Abs. 4 BImSchG
Das Gesetz zur Umsetzung von Vorgaben der Richtlinie (EU) 2018/2001 des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 11. Dezember 2018 zur Förderung der Nutzung von Energie aus
erneuerbaren Quellen (Neufassung) für Zulassungsverfahren nach dem BImSchG, dem Was-
serhaushaltsgesetz und dem Bundeswasserstraßengesetz vom 18. August 2021 ist am 31. Au-
gust 2021 in Kraft getreten (BGBl. I S. 3901).
Verfahren zur Modernisierung von WEA müssen auf Antrag des Vorhabenträgers seitdem
nach den Vorgaben des § 16b BImSchG ablaufen. Danach wird der Umfang der artenschutz-
rechtlichen Prüfung durch das Änderungsgenehmigungsverfahren nicht berührt. Die Auswir-
kungen der zu ersetzenden Bestandsanlage müssen bei der artenschutzrechtlichen Prüfung
als Vorbelastung berücksichtigt werden (§ 16b Abs. 4 Satz 1 und 2 BImSchG).
Bis zur Erstellung einer bundeseinheitlichen Vollzugshilfe wird im Kapitel 8 dieses Leitfadens
folgende vorläufige Vollzugshilfe, die ein sachsenweit einheitliches Vorgehen gewährleistet,
bereitgestellt. Sobald eine bundeseinheitliche Vollzugshilfe vorliegt, wird das Kapitel 8 fortge-
schrieben.
Bei der Auslegung des im Artenschutzrecht neu eingeführten Begriffs der Vorbelastung sind
insbesondere die beiden folgenden Aspekte zu berücksichtigen:
Vor dem Hintergrund der internationalen und nationalen Ziele und Verpflichtungen zum
Klimaschutz besteht am Ausbau der Windenergie ein hohes öffentliches Interesse, dessen
besondere Bedeutung auch bei der Abwägung mit den Zielen des Naturschutzes und der
Landschaftspflege zu berücksichtigen ist (§ 1 Abs. 3 Nr. 4 BNatSchG). § 16b BImSchG ein-
schließlich der Gesetzesbegründung bilden den Willen des Gesetzgebers, dass dies in be-
sonderem Maße für die Modernisierung von WEA gilt, ab.
Die modernisierten WEA sind in der Regel höher als die Bestandsanlagen. Trotz größerem
Rotorblattdurchmesser ist der Abstand zwischen Bodenniveau und unterer Rotorblatt-
spitze daher in der Regel nach der Modernisierung größer. In diesem Bereich findet der
überwiegende Teil der Flugbewegungen vieler Vogelarten statt. Die Zahl der WEA sinkt in
der Regel. In vielen Fällen sinken daher durch die Modernisierung die Belastungen für die
vor Ort auftretenden Arten im Verhältnis zu der zu ersetzenden Bestandsanlagen.
Im Vergleich zu einem Neugenehmigungsverfahren ist im Ergebnis an den Prüfschritten für
eine artenschutzrechtliche Prüfung nach §§ 44, 45 BNatSchG festzuhalten. Die Bestandsanlage
mindert allerdings die Schutzwürdigkeit der Belange des Artenschutzes. Dies rechtfertigt in
den Fällen nach Kapitel 8.1 die unter 8.2 und 8.3 dargestellten Abweichungen von den Vorga-
ben der Kapitel 3 bis 7 dieses Leitfadens.
45

 
8.1
Geltungsbereich
Die Vollzugshinweise gelten für das Repowering von WEA, wenn die Bestandsanlage bereits
einer Genehmigung nach BImSchG bedurfte. Auch für den Fall, dass eine WEA erst durch die
Modernisierung immissionsschutzrechtlich genehmigungsbedürftig wird, gelten § 16b BIm-
SchG und damit auch diese Vollzugshinweise.
Repowering umfasst demnach:
den vollständigen oder teilweisen Austausch von Anlagen oder Betriebssystemen und -ge-
räten zum Austausch von Kapazitäten oder zur Steigerung der Effizienz oder der Kapazität
der Anlage (§ 16b Abs. 2 Satz 1 BImSchG) und
zusätzlich beim vollständigen Austausch der Anlage, wenn die neue Anlage innerhalb von
24 Monaten nach Rückbau der Bestandsanlage in einem Abstand von höchstens dem Zwei-
fachen der Gesamthöhe der neuen Anlage errichtet wird (§ 16b Abs. 2 Satz 2 BImSchG).
Von einem Fall in diesem Sinne darf die Naturschutzbehörde ausgehen, wenn der Betreibende
im Rahmen der Antragstellung plausibel darlegt, dass die neue Anlage innerhalb von 2 Jahren
errichtet wird und der Abstand zur Bestandsanlage höchstens das Zweifache der Gesamthöhe
der neuen Anlage betragen wird.
Das mit § 16b BImSchG ins BImSchG aufgenommene vereinfachte Verfahren für das
Repowering findet mangels einer Übergangsregelung auch für im Zeitpunkt des Inkrafttretens
von § 16b BImSchG am 31. August 2021 anhängige Genehmigungsverfahren Anwendung.
Die Vollzugshinweise gelten nur für den Schutz von Vögeln an WEA. Die Vollzugshinweise gel-
ten nicht für den Schutz von Fledermäusen an WEA.
8.2
Artenschutzrechtliche Signifikanzprüfung (§ 44 Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 BNatSchG)
Vögel leben nicht in „unberührter Natur“ sondern in von Menschenhand gestalteten Natur-
räumen, in denen sie bereits vorhabenunabhängig einem allgemeinen Tötungs- und Verlet-
zungsrisiko durch natürliche und anthropogene Gefahren ausgesetzt sind („Grundrisiko“).
126
Zu diesem Grundrisiko gehören auch bereits vorhandene WEA. Nur, wenn dieses Grundrisiko
signifikant durch das zu prüfende Vorhaben erhöht wird, und sich durch Schutzmaßnahmen
nicht unter die Signifikanzschwelle absenken lässt, ist der Verbotstatbestand nach § 44 Abs. 1
Nr. 1 BNatSchG erfüllt. Die Differenz zwischen diesem allgemeinen Grundrisiko und dem vor-
habenbedingten Risiko ist in Verfahren nach § 16b BImSchG nach Maßgabe der Umstände des
Einzelfalls kleiner als bei einem Neugenehmigungsverfahren.
Im Einzelnen gilt:
1.
Erfassung und Bewertung der Avifauna
Kapitel 3 und 4 dieses Leitfadens finden auch im Rahmen von Repoweringverfahren nach
§ 16b BImSchG Anwendung. Das heißt, es ist stets eine vollumfängliche Sachverhaltsermitt-
lung durchzuführen, die sich auf alle vorkommenden windkraftempfindlichen Brutvogelarten
nach Tabelle A1 des Leitfadens beziehen. Für alle anderen Brutvogelarten ist eine vereinfachte
Prüfung (z.B. in Tabellenform) ausreichend.
126
Vgl. BVerwG, Beschluss vom 07.01.2020 - 4 B 20/19, Rn. 5.
46

2.
Prüfung der Verbotstatbestände
a. Prüfung des signifikant erhöhten Tötungsrisikos für kollisionsgefährdete Brutvogelar-
ten (§ 44 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 BNatSchG)
Die Abstandsbetrachtungen sind als Basis für die Signifikanzbewertung anzuwenden. So-
fern erforderlich, sind die weiteren Verfahren (HPA, RNA) ergänzend hinzuzuziehen. Da-
bei ist gestuft vorzugehen.
Abweichend von Kapitel 5 des Leitfadens gilt im Rahmen von Repoweringverfahren nach
§ 16b BImSchG:
Liegt ein Vorhaben lediglich im Prüfbereich (im weiteren Aktionsraum) einer Art,
nicht jedoch im Regelabstand oder Nahbereich, ist im Regelfall kein signifikant
erhöhtes Tötungsrisiko anzunehmen.
Liegt ein Vorhaben im Regelabstand (im zentralen Aktionsraum) und indiziert die
durchgeführte HPA lediglich eine durchschnittliche Habitateignung / Raumnut-
zung im Vorhabensbereich, ist kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko anzuneh-
men.
Liegt ein Vorhaben im Regelabstand (im zentralen Aktionsraum) und indiziert
eine durchgeführte RNA lediglich eine durchschnittliche Raumnutzung, ist kein
signifikant erhöhtes Tötungsrisiko anzunehmen.
b. Prüfung des Störungsverbotes für störempfindliche Brutvogelarten (§ 44 Abs. 1 Nr. 2
BNatSchG)
Abweichend von Kapitel 5 des Leitfadens gilt im Rahmen von Repoweringverfahren nach
§ 16b BImSchG:
Keine erhebliche Beeinträchtigung der Lokalpopulation von besonders störempfindli-
chen Vogelarten ist zu erwarten, wenn der Regelabstand (Tabelle A1, Spalte 8) eingehal-
ten wird.
Im Übrigen findet Kapitel 5 des Leitfadens auch im Rahmen von Repoweringverfahren nach
§ 16b BImSchG Anwendung.
3.
Schutzmaßnahmen
Kapitel 6 des Leitfadens findet auch im Rahmen von Repoweringverfahren nach
§ 16b BImSchG Anwendung. Das heißt, es ist zu prüfen, ob die zu erwartende Risikoer-
höhung durch Anwendung von Schutzmaßnahmen unter die Signifikanzschwelle abge-
senkt werden kann.
47

 
8.3
Artenschutzrechtliche Ausnahmeprüfung (§ 45 Abs. 7 Satz 1 bis 3 BNatSchG)
Abweichend von Kapitel 7 des Leitfadens gilt im Rahmen von Repoweringverfahren nach § 16b
BImSchG:
Standortalternativen kommen nicht in Betracht, es sei denn, der Regionalplan
weist explizit abweichende Repoweringstandorte aus.
Es ist regelmäßig davon auszugehen, dass sich der Erhaltungszustand einer Art
durch das Vorhaben nicht verschlechtert.
Im Übrigen findet Kapitel 7 des Leitfadens auch im Rahmen von Repoweringverfahren nach §
16b BImSchG Anwendung.
9
Befreiungen
Grundsätzlich bietet der § 67 BNatSchG die Möglichkeit, auf Antrag Befreiungen von den Ge-
boten und Verboten des § 44 BNatSchG zu gewähren, wenn die Durchführung der Vorschrif-
ten im Einzelfall zu einer unzumutbaren Belastung führen würde. Hierzu sind im Zusammen-
hang mit der Genehmigung von WEA keine Anwendungsfälle bekannt. Die vorliegende jün-
gere Rechtsprechung des BayVGH im Beschluss v. 02.04.2015, 22 C 14.2701, Rn. 23 zitiert
hierzu: „Die gesonderte Erörterung eines Rechts auf Befreiung nach § 67 Abs. 2 Satz 1
BNatSchG könnte sich nach ggf. erfolgter Verneinung eines Anspruchs auf eine Ausnahme
nach § 45 Abs. 7 BNatSchG zudem erübrigen. Denn da das Kapitel 5 des Bundesnaturschutz-
gesetzes – insbesondere in § 45 Abs.7 Satz 1 Nr. und Nr. 5 BNatSchG - bereits umfangreiche
Regelungen zur Vermeidung unzumutbarer Härten enthält, sind kaum Fallgestaltungen vor-
stellbar, in denen zwar die Voraussetzungen einer Ausnahme nach § 45 BNatSchG nicht erfüllt
sind, jedoch eine ‚unzumutbare Belastung' im Sinn von § 67 Abs. 2 Satz BNatSchG angenom-
men werden muss."
48

 
10 Glossar
Abstand
Soweit nicht abweichend geregelt, wird der Abstand horizontal vom jeweiligen
Objektmittelpunkt gemessen (Mitte des Mastfußes der WEA, Neststandort,
Brutplatz, Reviermitte usw.).
Brutplatz
Horst- und Neststandort.
CEF-Maßnahmen
vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen;
C
ontinuous
E
cological
F
unctionality
Measures = kontinuierliche ökologische Funktionalität, funktionserhaltende
Maßnahmen
Eingriffsbereich
Unmittelbar von WEA betroffene Flächen, inkl. Zufahrt usw.
FCS-Maßnahmen
kompensatorische Maßnahmen mit dem Ziel, den günstigen Erhaltungszustand
(
F
avourable
C
onservation
S
tatus) der betroffenen Art zu gewährleisten
Flugkorridor
Flugkorridore sind Bereiche mit verdichteten Flugbewegungen bestimmter
Vogelarten, die eine räumlich-funktionale Verbindung von Teilhabitaten und/
oder essentiellen Requisiten (z.B. Nest und Schlafplatz) im Lebensraum eines
Revierpaars aufzeigen und auf die ein erheblicher Anteil aller zu
prognostizierten bzw. ermittelten Flugbewegungen entfallen. Sie können
entsprechend im Rahmen der HPA prognostiziert oder im Rahmen einer RNA
ermittelt werden.
Fortpflanzungsstätte
Gemäß dem Interpretationsvorschlag von RUNGE ET AL (2010:9): „Alle Orte im
Gesamtlebensraum eines Tieres, die im Verlauf des Fortpflanzungsgeschehens
benötigt werden. Als Fortpflanzungsstätten gelten z.B. Balzplätze,
Paarungsgebiete, Neststandorte, Brutplätze oder -kolonien, Wurfbaue
oder -plätze, Eiablage-, Verpuppungs- und Schlupfplätze oder Areale, die von
den Larven oder Jungen genutzt werden.“ In dem vorliegenden Papier wird der
engeren Interpretation gemäß R
UNGE ET AL. (2010: 6) gefolgt, so dass hier nur
die „Stätte“ gemeint ist. Demensprechend wird der Begriff
Fortpflanzungsstätte synonym zu Brutplatz (Horst- und Neststandort)
verwendet. Sofern die weitere Interpretation gemeint ist, wird von
„Fortpflanzungs- und Ruhestätten“ gesprochen.
Grundrisiko (allg.
Tötungsrisiko)
Das für Tiere artspezifisch bereits vorhabenunabhängig bestehende allgemeine
Tötungsrisiko, welches sich aus dem allgemeinen Natur-geschehen in einer
vom Menschen gestalteten Landschaft ergibt.
Habitatpotenzial-
analyse (HPA)
Methodik zur Erfassung der Raumnutzung auf Grundlage der Habi-
tatausstattung und Habitateignung im Untersuchungsraum (vgl. Kapitel 5.1.1.2)
kollisionsgefährdete
Art
Art, die durch eine Kollision mit den drehenden Rotoren oder dem
Turm/Gondel der WEA gefährdet ist. In Bezug auf den Betrieb von WEA kommt
ein Verstoß gegen das artenschutzrechtliche Tötungsverbot nur für solche
Vogelarten in Betracht, bei denen aufgrund ihres artspezifischen Verhaltens
das Kollisionsrisiko als betriebsbedingtes Tötungs- und Verletzungsrisiko über
das Maß des allgemeinen Tötungsrisikos hinaus signifikant (deutlich, erheblich)
erhöht sein kann. Eine Auflistung der als kollisionsgefährdet eingestuften Arten
in Sachsen erfolgt in Tabelle A1, Spalte 4.
Mastfußumgebung
Die unmittelbare Umgebung des Mastfußes. Sie umfasst die nicht
bewirtschaftete Fundamentüberdeckung, die Kranstellfläche und nicht
bewirtschaftete Zwickelflächen.
49

Meideverhalten
Verhaltensweisen, mit Hilfe derer ein Individuum Störungen ausweicht oder
unangenehmen Reizen entgehen kann.
Monitoring
Im Zusammenhang mit WEA: Funktionskontrollen anhand der Ergebnisse
systematischer Kartierungen
Nahbereich
Festgelegter Bereich im direkten Umfeld des Nests (vgl. Tabelle A1, Spalte 7).
Bei Lage einer WEA innerhalb des Nahbereichs des Nistplatzes einer
kollisionsgefährdeten Brutvogelart sind hier aufgrund von Brutbiologie,
Territorialverhalten, Bewegungsmustern und häufiger horstnaher Anwesenheit
in der Reproduktions- und Jungenaufzuchtphase stets überproportional viele
Flugaufenthalte zu prognostizieren. Nur für kollisionsgefährdete,
windkraftempfindliche Arten relevant. Der Nahbereich begründet im Rahmen
der Vorhabenzulassung keine Tabuzone, die Errichtung von WEA ist auf Basis
einer vertieften Einzelfallprüfung möglich.
Nicht windkraft-
empfindliche
Vogelarten
Alle Vogelarten, die nicht nach Tabelle A1 in Sachsen als windkraftempfindlich
eingestuft sind.
Prüfbereich
Artspezifisch festgelegter Bereich im Anschluss an den =>Regelabstand, durch
den der Betrachtungsraum im Rahmen der Signifikanzprüfung einschränkt wird
(vgl. Tabelle A1, Spalte 9). Der Prüfbereich dient der Ermittlung von Aktivitäten
bezogen auf regelmäßig aufgesuchte Nahrungshabitate und gibt den
Untersuchungsradius für die Datenrecherche und die HPA an.
Raumnutzungs-
analyse (RNA)
Methodik zur Erfassung der Raumnutzung auf Grundlage der im Gelände
erhobenen Flugbewegungen im Untersuchungsraum (vgl. Kapitel 5.1.1.3)
Regelabstand,
Regelbereich
Artspezifischer Radius, der sich von regelmäßigen Aktivitäten mit Bezug zum
Brutplatz ableitet und der in Tabelle A1, Spalte 8 benannt wird. Der
Regelbereich ist die artspezifische, horizontal projizierte Kreisfläche um den
Mittelpunkt des WEA-Turms bis zum jeweiligen Regelabstand. Der
Regelbereich begründet im Rahmen der Vorhabenszulassung keine Tabuzone,
die Errichtung von WEA ist auf Basis einer vertieften Einzelfallprüfung möglich.
Repowering
Vollständiger Austausch einer WEA oder teilweiser Austausch von Anlagen
oder Betriebssystemen und –geräten zum Austausch von Kapazitäten oder zur
Steigerung der Effizienz oder der Kapazität der WEA. Bei einem vollständigen
Austausch muss die neue Anlage innerhalb eines konkreten zeitlichen und
örtlichen Bezugs zur alten Anlage errichtet werden (§ 16b Absatz 2 Nummer 1
und 2 BImSchG).
Rotorunterkante
(Höhe)
Die Höhe der Rotorunterkante ist der Abstand zwischen der Geländeoberfläche
(ohne Vegetation) und dem tiefsten Punkt der Rotorblattspitze.
störungsempfindliche
Arten
Arten, die eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber WEA durch Meideverhalten
während der Brutzeit zeigen. Eine Auflistung der als störungsempfindlich
eingestuften Arten in Sachsen siehe Tabelle A1, Spalte 5
Schutzmaßnahmen
Maßnahmen, die zur Vermeidung und Minderung der Zugriffsverbote gemäß
§ 44 BNatSchG beitragen. Sie dienen insbesondere dazu, das Tötungs- und
Verletzungsrisiko unter die Signifikanzschwelle zu senken. Von den
Schutzmaßnahmen abzugrenzen sind die => CEF-Maßnahmen und => FCS-
Maßnahmen. Die Schutzmaßnahmen werden hinsichtlich der Anwendung
differenziert in grundlegende (= primär zu prüfende) S., Standard-S. (= in der
Praxis etablierte V.), Optionale (= nur im Einzelfall anzuwendende) S.
50

Trudelbetrieb
Zustand einer WEA mit aus dem Wind gedrehten Rotorblättern und aktivierter
Windnachführung der Rotorgondel
127
Windenergieanlage
(
WEA)
Windenergieanlage an Land mit mehr als 50 m Gesamthöhe im Sinne des
Bundes-Immissionsschutzgesetzes.
Windkraft-
empfindliche
Vogelarten
Als windkraftempfindlich werden in Anlehnung an die Ausführungen der LAG-
VSW (2015) solche Vogelarten definiert, für die eine erhöhte Empfindlichkeit
gegenüber WEA durch Meideverhalten während der Brutzeit (=>
störungsempfindliche Arten), ein erhöhtes Kollisionsrisiko (=>
kollisionsgefährdete Arten) oder beide Faktoren gegeben sein kann. Eine
Auflistung der als windkraftempfindlich eingestuften Arten in Sachsen erfolgt
mit der Tabelle A1
127
OVG Lüneburg Beschluss v. 29.4.2019 – 12 ME 188/18, BeckRS 2019, 7750, beck-online Rn. 20.
51

 
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55

 
Anhang
56

 
287 Baumfalke
Falco subbuteo
x
-
AB [HPA] [RNA]
200
350
a
3.000
L
336 Bekassine
Gallinago gallinago
-
a
x
AB HPA
-
500
1.000
E
x
292 Birkhuhn
Tetrao tetrix
-
a
x
AB HPA
-
1.000
d,e
-
E
x
282 Fischadler
Pandion haliaetus
x
-
AB HPA RNA
500
1.000
4.000
E
x
374 Flussseeschwalbe
Sterna hirundo
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
323 Kiebitz
Vanellus vanellus
-
a
x
AB HPA
-
500
b
1.000
b
E
x
269 Kornweihe
Circus cyaneus
(x)
c
-
AB HPA RNA
500
1.000
3.000
E
x
304Kranich
Grus grus
-
x
AB HPA
-
500
-
L
362 Lachmöwe
Larus ridibundus
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
25897 Mittelmeermöwe
Larus michahellis
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
x
199 Rohrdommel
Botaurus stellaris
-
a
x
AB HPA
-
1.000
3.000
E
x
268 Rohrweihe
Circus aeruginosus
(x)
c
-
AB HPA RNA
300
500
a
-
E
262 Rotmilan
Milvus milvus
x
-
AB [HPA] RNA
500
1.500
4.000
L
345 Rotschenkel
Tringa totanus
-
a
x
AB HPA
-
500
b
1.000
b
E
x
359 Schwarzkopfmöwe
Larus melanocephalus
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
x
261 Schwarzmilan
Milvus migrans
x
-
AB [HPA] RNA
500
1.000
3.000
L
208 Schwarzstorch
Ciconia nigra
(x)
f
x
AB HPA RNA
500
1.000
f
6.000
h
L
x
263 Seeadler
Haliaeetus albicilla
x
-
AB HPA RNA
1500
3.000
6.000
L
x
366 Silbermöwe
Larus argentatus
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
367 Steppenmöwe
Larus cachinnans
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
364 Sturmmöwe
Larus canus
x
j
-
AB HPA [RNA]
k
500
1.000
g
3.000
g
E
g
394 Uhu
Bubo bubo
(x)
c
-
AB [HPA]
500
1.000
3.000
L
x
301 Wachtelkönig
Crex crex
-
x
AB HPA
-
500
b
-
E
290 Wanderfalke
Falco peregrinus
x
-
AB [HPA]
500
1.000
i
2.000
L
x
209 Weißstorch
Ciconia ciconia
x
-
AB HPA RNA
500
1.000
2.000
L
271 Wiedehopf
Upupa epops
-
x
AB HPA
-
1.000
b
1.500
b
E
x
410 Wiesenweihe
Circus pygargus
(x)
c
-
AB HPA RNA
500
1.000
3.000
E
x
404 Ziegenmelker
Caprimulgus europaeus
-
x
AB HPA
-
500
b
-
E
200 Zwergdommel
Ixobrychus minutus
-
x
AB HPA
-
1.000
-
E
x
Spalte 10
Abgrenz-
ung Lokal-
population
Spalte 11
sehr kleiner
Landes-
bestand
(< = 100 BP)i
Tabelle A1: Liste der windkraftempflindlichen Vogelarten, Abstandswerte sowie weitere Standards für die artenschutzrechtlichen Bewertungen in Sachsen
Spalte 1
Art-ID
Spalte 2
Artname
(deutsch)
Spalte 3
Artname
(wissenschaftlich)
Spalte 4
kollisions-
gefährdet
Spalte 5
besonders
störungs-
empfindlich
(WEA-Meidung)
Spalte 6
grundsätzlich
geeignete
Bewertungs-
methode
Spalte 7
Nah-
bereich
[m]
Spalte 8
Regel-
abstand
[m]
Spalte 9
Prüf-
bereich
[m]
57

Fortsetzung Tabelle A1 (Erläuterungen, Legende)
Grundlagen: "Helgoländer Papier" (LAG VSW 2015) und Signifikanzrahmen (UMK 2020c). Zur Artenauswahl wird auf Kapitel 3
verwiesen.
Abstandswerte (Nahbereich, Regelabstand, Prüfbereich): Die Abstände sind nicht gleichbedeutend mit "Tabubereichen". Zur
Definition und Bedeutung im Rahmen der Signifikanzbewertung wird auf Kap. 5.1.1.1 und das Glossar verwiesen.
Inkrafttreten: Die Einstufungen gelten ab dem 1. Januar 2022 soweit nicht die zuständige Behörde bei bereits zu diesem Zeit-
punkt behördenanhängigen Verfahren aus konkretem Anlass abweichende Einstufungen begründet festgelegt hat.
AB
Abstandbetrachtung
BP
Brutpaar
HPA
Habitatpotenzialanalyse
RNA
Raumnutzungsanalyse
RL
Rote Liste
WEA
Windenergieanlage
[ ]
bedingt geeignet
E
"Einzelvorkommen" - Die Lokalpopulationen dieser Arten lassen sich vergleichsweise gut anhand von Vorkommens-
und Lebensraumdaten abgrenzen. Es handelt sich dabei um Arten, die Brutkolonien bilden und/oder deren Aktions-
räume sich auf zusammenhängende Gebiete mit einheitlicher Biotopausstattung beziehen lassen.
L
"Landkreisebene" - Abgrenzung der Lokalpopulation für +/- flächendeckend verbreitete Arten mit Aktionsräumen von
>100ha auf der Grundlage der Landkreisgrenzen, wobei für Landkreise, die sich über das Berg- und Tiefland oder
großflächig über sehr heterogene Landschaftseinheiten erstrecken, die Grenzen der Altkreise (Stand Juli 2008) zu
wählen sind.
a
Abweichung von LAG VSW (2015) aufgrund UMK (2020c)
b
bezogen auf regelmäßige Brutvorkommen, die mehrjährig wiederkehrend bestanden haben
c
Entsprechend UMK (2020c) gilt die Kollisionsgefahr bei den Weihen-Arten und dem Uhu i.d.R. nur, wenn die Höhe der
Rotorunterkante weniger als 30 bis 50 m bzw. in hügeligem Gelände weniger als 80 m beträgt; in Ausnahmefällen
können kritische Flughöhen erreicht werden (z.B. Balzflüge, Geländestufen), deren Risiken einzelfallspezifisch abzu-
schätzen sind.
d
bezogen auf Vorkommensgebiete
e
Freihalten von Korridoren zwischen Vorkommensgebieten
f
Abweichungen von LAG VSW (2015) bzgl. Kollisionsgefahr aufgrund UMK (2020c); HMUKLV (2021) und LUBW (2021)
folgend wird davon ausgegangen, dass eine Kollisionsgefahr nur innerhalb des Regelabstandes von 1.000 m für flug-
unerfahrene Jungvögel sowie für die unter Fn. "h" aufgeführten Situationen besteht; von WEA innerhalb des Regelab-
standes geht i.d.R. eine erhebliche Störung aus
g
bezogen auf Kolonien
h
Prüfbereich entsprechend HMUKLV (2021) und LUBW (2021); darin ist durch HPA und ggf. RNA zu überprüfen, ob fol-
gende Konstellationen, aus denen sich erhöhte Tötungs- und Verletzungsrisiken für die Altvögel ergeben können, vor-
liegen:
- Das Umfliegen der geplanten WEA ist topografisch bedingt nicht möglich (in Sattellagen entfaltet WEA Barrierewir-
kung), oder
- die geplanten WEA liegt in Reliefstrukturen, die zum Aufkreisen in größere Höhen (in Hangbereichen mit regelmäßi-
gen Aufwinden) genutzt
werden können und befinden sich innerhalb der häufig frequentierten Nahrungshabitate und Flugkorridore, oder
- die geplante WEA selbst liegt in essenziellen Teilhabitaten.
Sofern sich zeigt, dass die ermittelten flugkritischen Situationen nicht oder nicht häufig genutzt werden, liegt kein sig-
nifikant erhöhtes Tötungsrisiko vor.
i
entsprechend der Zuarbeit Sachsens zum Vogelschutzbericht gem. Art. 12 VS-RL
j
landesspezifische Abweichung von UMK (2020c); hier: wegen der besonderen Situation der Braunkohlefolge- und
Teichgebiete
k
Normalerweise sind bei den Kolonie brütenden Möwen und Seeschwalben HPA ausreichend; RNA, die sich nur auf die
Brutkolonie in Gesamtheit beziehen können, können ggf. bei Hinweisen auf eine ungleichmäßige Nutzung der poten-
ziellen Nahrungshabitate in Betracht kommen.
58

 
Tabelle A2: Artspezifisches Spektrum geeigneter Schutzmaßnahmen zur Vermeidung und Minderung der anlagen-/betriebsbedingten Tötungs- und Störungsrisiken für windkraftempfindliche
Vogelarten.
Ob und welche Maßnahme in Frage kommen, hängt von den spezifischen Bedingungen des Genehmigungsfalls (z.B. ermitteltes Risikoausmaß) ab. Die weitergehenden
Maßnahmenerläuterungen im Kapitel 6.2# sind zu beachten.
Maßnahme
(Abstandswerte siehe Tab. A1)
Art
Baumfalke
Bekassine
Birkhuhn
Fischadler
Flussseeschwalbe
Kiebitz
Kornweihe
Kranich
Lachmöwe
Mittelmeermöwe
Rohrdommel
Rohrweihe
Rotmilan
Rotschenkel
Schwarzkopfmöwe
Schwarzmilan
Schwarzstorch
Seeadler
Silbermöwe
Steppenmöwe
Sturmmöwe
Uhu
Wachtelkönig
Wanderfalke
Weißstorch
Wiedehopf
Wiesenweihe
Ziegenmelker
Zwergdommel
1
Freihalten des Nahbereichs zu den Fortpflanzungsstätten
x
x
x
x
x
x
x
2
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
2
x
3
x
x
x
x
2
x
x
2
Einhalten des Regelabstands zu den Fortpflanzungs- und
Ruhestätten
x
x
x
x
x
x
x
2
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
2
x
x
x
x
x
2
x
x
3
Freihalten der wichtigen/häufig frequentierten
Nahrungshabitate und Flugkorridore im Prüfbreich
x
x
x
x
x
x
x
2
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
x
2
x
x
x
x
x
2
x
x
4
Vergrößerung der rotorfreien Zone über Grund
x
x
x
x
x
x
5
Verzicht auf Verwendung von Gittertürmen
1
x
x
x
x
x
x
x
x
6
Gestaltung der Bodennutzung in der Umgebung des
Mastfußes
1
x
x
x
x
x
7
Anlage von Ablenkflächen außerhalb des Prüfbereichs
1
x
x
8
Abschaltung zur Flugzeit der Jungvögel bei Brutvorkommen
im Nahbereich
1
x
x
x
9
Abschaltung WEA während Bewirtschaftungsereignissen auf
Flächen im Umkreis Rotorlänge zzgl. 200 m
1
x
x
x
x
x
x
10
Technische Systeme zur ereignisbezogenen
bedarfsgerechten Abschaltung
(x)
3
x
4
x
5
(x)
3
(x)
3
(x)
3
Optional
11
Betriebszeitenregelung: Abschaltung WEA am Tag während
der Balz- bzw. Brutzeit, bzw. während der Zugzeit bei großen
Vogelansammlungen, innerhalb des
Regelabstandes/Nahbereichs (siehe Anlage IV).
x
x
x
x
x
x
x
2
In Abhängigkeit von der Höhe der Rotorunterkante (Tab. A1)
3
Aufgrund des Flugverhaltens dieser Arten wird die artspezifische Eignung automatischer Abschaltsysteme als wahrscheinlich eingeschätzt, sie ist jedoch noch nicht (Stand 6/2021) durch veröffentlichte Erprobungsergebnisse untersetzt.
4
siehe Aschwanden & Liechti (2020)
5 Die für den Rotmilan gewonnenen positiven Erprobungsergebnisse werden auf den Schwarzmilan übertragen.
Standard
Grundlegend
Legende
1
Maßnahme ist für sich genommen nicht geeignet, die entsprechenden Beeinträchtigungen bei Unterschreitung des Regelabstandes zu den Fortpflanzungs- und Ruhestätten vollständig zu vermeiden.
59

 
II Untersuchungsmethoden
i
Vorliegend
ii
werden möglichst vollständig die theoretisch möglichen
Untersuchungspro-
gramme
beschrieben. Es ist im konkreten Einzelfall zu klären, welche dieser Untersuchungen
erforderlich sind. Dies erfolgt auf der Grundlage eines naturschutzfachlich begründeten Vor-
schlags der Gutachterin oder des Gutachters der Antragstellerin oder des Antragstellers, der
mit der im Verfahren beteiligten Genehmigungs- und Naturschutzbehörde fachlich abge-
stimmt wird. Sofern ein Scoping-Termin im Rahmen einer durchzuführenden UVP stattfindet,
erfolgt diese Abstimmung dort. Im Zweifel muss die Behörde begründen, warum sie umfang-
reichere Untersuchungen fordert.
Der
Untersuchungsumfang
zur Klärung der von der Planung betroffenen Vogelarten und der
im Wesentlichen von ihnen genutzten Räume wird auf der Genehmigungsebene nach Maß-
gabe der beschriebenen fachlichen Standards fallspezifisch mit der Genehmigungs- und Na-
turschutzbehörde grundsätzlich einmalig festgelegt.
Im Vorfeld der vertiefenden Untersuchung ist zunächst anhand der Habitatstruktur und der
Auswertung vorliegender Daten zu klären, ob im geplanten WEA-Bereich eine vergleichsweise
hohe oder geringe
Konfliktträchtigkeit zur Umgebung
vorliegt. Auf dieser Grundlage ist die
konkrete Untersuchungsmethodik zu entwickeln.
Die
Sachverhaltsermittlung
soll maximal fünf Jahre vor Einreichung des Genehmigungsan-
trags zurückliegen. Anderenfalls ist die Validität durch die Antragstellerin oder den Antragstel-
ler auf der Grundlage einer fachgutachterlichen Einschätzung zu begründen.
Die
Art und die Umstände der Datenerhebung
sind auf Genehmigungsebene von der Antrag-
stellerin oder den Antragsteller nachvollziehbar zu dokumentieren und von der Behörde auf
Vollständigkeit zu prüfen: Art der Erfassung, verwendete Geräte, beteiligte Personen und Qua-
lifikation, Datum, Uhrzeit, Sichtweite, Bewölkung, Temperatur, Niederschlag, Standorte, be-
sondere Ereignisse mit Auswirkungen auf die Datenerfassung. Werden die im Leitfaden Vo-
gelschutz/WEA vorgegebenen Anforderungen der Datenerhebung bei den zur Anwendung
kommenden Erfassungsmethoden nicht erfüllt, sind die Ursachen sowie die fachliche Belast-
barkeit der Ergebnisse vom Vorhabenträger darzulegen und von der Behörde auf Entschei-
dungserheblichkeit zu prüfen. Sofern die verfügbaren Daten eine nachvollziehbare und be-
gründete Entscheidung ermöglichen (ggf. durch ergänzende Einschätzung oder Analogie-
schlüsse), kann die Behörde auf fehlende Angaben verzichten.
Eine
Vollständigkeit der Unterlagen
ist bei Vorliegen folgender Daten gegeben:
Bereits vorhandene Daten (insbesondere aus ZenA),
Befragungsergebnisse lokaler Ornithologen,
Horstkartierung,
grobe Habitatanalyse (Analyse der Lebensraumeignung),
Kartierung vorkommender windkraftempfindlicher Brutvogelarten sowie von Rast-
und Zugvögeln.
i
in Anlehnung an den hessischen Leitfaden (HMUKLV 2021)
ii
siehe auch Tabelle A3 am Ende des Abschnitts
60

Ebenfalls vorzulegen sind die bei Abstimmung des Untersuchungsumfangs mit der zuständi-
gen Genehmigungs- und Naturschutzbehörde vereinbarten weitergehenden Unterlagen.
Bei der
Erfassung und Verarbeitung von artbezogenen Vorkommensdaten
sind die Vorgaben
des LfULG für die Erfassung von Artdaten
iii
sowie die speziellen Hinweise zu Vogelerfassun-
gen
iv
zu beachten. Die Artdaten werden im System MultiBaseCS oder Systemen, die mit dem
MultiBaseCS-Format kompatibel sind, erfasst.
Die
Bewertung der Rohdaten
in der Planung ist nachvollziehbar und begründet zu dokumen-
tieren. Sofern begründete Zweifel an der Verwertbarkeit der Daten bestehen und der Vorha-
benträger eine Nachbesserung ablehnt, kann die Behörde nach § 17 Abs. 4 BNatSchG die Vor-
lage von Gutachten verlangen.
Bei der
Konzeption von Flächen für CEF- und FCS-Maßnahmen
kann auf artspezifische Be-
standserfassungen vor Ort zugunsten einer Bewertung der Habitatstruktur verzichtet werden,
wenn allgemeine Erkenntnisse zu artspezifischen Verhaltensweisen und Habitatansprüchen
vor dem Hintergrund der örtlichen Gegebenheiten
sichere
Rückschlüsse auf die Eignung eines
Raumes als Habitat oder auf seine Aufwertungsfähigkeit zulassen. Dies schließt Kenntnisse
über eine bereits bestehende Besiedlung durch die betroffene Art mit ein. Vertiefende Be-
standserfassungen vor Ort – z. B. auf Flächen für Ersatzhabitate – können umso eher erforder-
lich sein, je bedeutender ein betroffenes Artvorkommen bzw. je gravierender die zu erwar-
tende Beeinträchtigung und je gewichtiger der hierfür erforderliche Ausgleich ist.
Die Genehmigungsbehörde darf von der Antragstellerin oder dem Antragsteller Unterlagen
nachfordern
, wenn die Genehmigungsunterlagen unvollständig sind, dem erforderlichen
fachlichen Standard nicht genügen oder entscheidungsrelevante Fragestellungen nicht ausrei-
chend in den vorgelegten Unterlagen geklärt worden sind. Sofern aus nicht von der Antrag-
stellerin oder dem Antragsteller zu vertretenden Gründen die Zahl der in Tabelle A3 aufge-
führten oder vereinbarten Untersuchungstage unterschritten wird, hat die Antragstellerin
oder der Antragsteller hierüber unmittelbar die Genehmigungsbehörde zu informieren, die
Ergebnisrelevanz fachgutachtlich zu bewerten und begründete Vorschläge zu unterbreiten,
wie entgegenstehende Naturschutzbelange ausgeräumt werden können. Verbleiben hiernach
oder aufgrund von Amts wegen erfolgter Prüfungen zur Überzeugung der Genehmigungsbe-
hörde begründete Zweifel an der Belastbarkeit, ist – unbeschadet der Fälle des § 7 Abs. 1, 9.
BImSchV – nach der Feststellung der Defizite in den zur Genehmigung gestellten Unterlagen
unverzüglich eine Nachforderung an Untersuchungen möglich. Dabei ist die Verhältnismäßig-
keit zu wahren. Die Nachforderung ist zu begründen.
Sofern begründete Zweifel an der Verwertbarkeit der Daten bestehen und der Vorhabenträ-
ger eine Nachbesserung ablehnt, kann die Behörde nach § 17 Abs. 4 BNatSchG die Vorlage
von Gutachten verlangen.
Die Hinweise zur Erfassung gelten für ein ggf. erforderliches
Monitoring oder vergleichbare
Untersuchungen
entsprechend.
iii
https://www.natur.sachsen.de/vorgaben-des-lfulg-zur-erfassung-von-artdaten-21215.html
iv
https://www.natur.sachsen.de/kartierung-und-datenerfassung-21371.html
61

Die
Beobachtungszeiten
müssen sich nach den täglichen Hauptaktivitätszeiten der entspre-
chenden Arten richten. Art, Umfang, Methodik, Ausführende und deren Ausstattung sowie
Zeitpunkt und Witterung der Beobachtungen sind zu dokumentieren (Kartierungsprotokolle).
Bei nachtaktiven Arten ist die Beobachtungszeit und Methodik an die spezifischen Beobach-
tungsbedingungen anzupassen.
Die
technische Ausstattung
hat sich an dem zum Zeitpunkt der Durchführung der Kartierung
geltenden Stand der Technik auszurichten und ist mit der zuständigen Naturschutzbehörde
abzustimmen.
Die
Übergabe der Kartierungsergebnisse
erfolgt in Kartenausschnitten mit dem Maßstab
1:10.000, ggf. auch 1:5.000 – bei Raumnutzungsanalysen auch bis 1:25.000 – als Ausdruck und
Datei (PDF und shape-Dateien) sowie nach Vorliegen der vollständigen Daten elektronisch als
MultibaseCS-Datenbank.
Auch die bei der Arterhebung anfallende
Rohdaten
(z. B. Kartierungsprotokolle, Fotos [mit
Lagedaten]) sind der Behörde mit einer Beschreibung der Datenformate in elektronischer
Form zu übergeben.
Die Datenbestände der Datenerfassung sind auf einem üblichen
Wechseldatenträger
(Fest-
platte, DVD, USB-Stick) der Genehmigungsbehörde zur Kontrolle und ggf. ergänzenden Aus-
wertungen zu überlassen.
Zum Umgang mit
temporär genutzten Brutplätzen/Revieren
v
: Zur Herleitung von regelmäßi-
gen Brutvorkommen einschließlich Wechselhorsten ist in den Genehmigungsverfahren in fol-
genden Fällen von einer regelmäßigen Brut im (Wechsel-)Horst auszugehen, soweit diese
nicht durch nachgewiesene Habitatveränderungen nicht mehr nutzbar sind:
bei relativ seltenen Großvögeln (See-, Fischadler, Weiß-/Schwarzstorch) sowie Brutko-
lonien von Möwen/Seeschwalben: mindestens eine Brut innerhalb der letzten 5 Jahre
bei Rotmilan, Schwarzmilan, Uhu, Baumfalke und weiteren Arten der Tabelle A1: min-
destens eine Brut innerhalb der letzten 3 Jahre.
Baumhöhlen
in Wäldern als mögliche Fortpflanzungs- und Ruhestätte von Vögeln sind aus-
schließlich auf potenziellen Rodungsflächen und ggf. deren unmittelbarem Wirkumfeld (max.
100 m) zu erfassen, sofern diese als Bruthabitat geeignet sind.
Eine
Telemetrierung
unterbleibt in der Regel. Sie ist insbesondere eine Option, die auf
Wunsch des Vorhabensträgers für eine vertiefte Sachverhaltsaufklärung zur Anwendung kom-
men kann. Soweit eine Telemetrierung von Brutvögeln zur Ermittlung der Raumnutzung er-
folgt, sind die Daten nach Auswertung für das Projekt auch dem LfULG zur gesammelten Aus-
wertung durch die Naturschutzfachbehörden zu übergeben.
Sofern
Raumnutzungsanalysen
im Einzelfall vorgesehen werden, ist hierfür in der Regel ein
Beobachtungsjahr vorzusehen. Dies ist ausreichend, um funktionale Zusammenhänge in der
Raumnutzung zu erkennen. Sofern im Untersuchungsjahr ein Wechselhabitat nicht genutzt
v
Der Brutplatzschutz erlischt erst, wenn der Horst bzw. das Revier endgültig aufgegeben wurde vgl. BVerwG,
Urt. v. 21.06.2006, 9 A 28/05, Rn. 33 zu Vorgängerregelungen; OVG Lüneburg, Urt. v. 31.07.2018, 7 KS 17/16,
Rn. 297
62

wird, ist für die artenschutzrechtliche Prüfung eine begründete fachliche Einschätzung anhand
einer Habitatpotenzialanalyse vorzunehmen.
Bezugspunkt der Sachverhaltsermittlung
gemäß der nachstehenden Tabelle ist die mögliche
Wirkung auf den Standort der geplanten WEA. Die Erfassung erfolgt bei bekannten oder an-
zunehmenden Querungen des Projektbereichs, sofern die nachstehenden Abstände unter-
schritten werden.
Tabelle A3: Untersuchungsmethoden
Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Erfassung
Brutvögel
Abfrage
von amtlichen Daten sowie
bei Experten
Windkraftempfindliche
Arten:
In der Regel im Radius
des artspezifischen Prüf-
bereichs gemäß Tabelle
A1 (Spalte 9) um die ge-
plante WEA.
Windkraftempfindliche
Arten ohne Prüfbereich:
In der Regel 2 km um die
geplante WEA.
Digitale Dokumentation
und kartografische Darstel-
lung der
Revierzentren
(Brutplätze) und Reviere in
topografischen Karten im
Maßstab 1:5.000 bzw.
1:10.000.
Ziel:
Erfassung der Fortpflan-
zungs- und Ruhestätten
Selektive, qualitative Erfassung
Revierkartierung
von Anfang März bis
Ende Juli (vgl. S
ÜDBECK ET AL. 2005) für
alle Vogelarten im Umfeld von WEA.
10 Erfassungstage
verteilt auf die Re-
vierbesetzungs- und Brutzeit, mit Ab-
ständen von mindestens einer Woche.
Zusätzlich 1-3 Dämmerungs-/ Nachtbe-
gehungen spätestens ab Anfang Februar
für die Erfassung nachtaktiver Arten (z.
B. Uhu).
Bei Groß-, Greifvogelarten:
Horstsuche
in der
unbelaubten Zeit
(November bis Februar).
Erfassung regelmäßiger
Ansammlungen
nicht brütender Vögel
windkraftemp-
findlicher Arten an Sammel- und Schlaf-
plätzen; in den Hauptrastzeiten (Mitte
März bis Ende April und August bis Ok-
tober) 1 x wöchentlich, sonst alle zwei
Wochen bei guten Witterungsverhält-
nissen.
Windkraftempfindliche
Arten:
In der Regel im Radius
des artspezifischen Regel-
abstandes gemäß Tabelle
A1 (Spalte 8) um die ge-
plante WEA, zuzüglich
500 m
vi
.
Nicht Windkraftempfind-
liche Arten:
In der Regel im 300 m-Ra-
dius um die geplanten
WEA und im 100 m-Ra-
dius zur benötigten Ver-
sorgungsinfrastruktur
(Zuwegungen, Leitungs-
trassen, Stellplätze für
Kran und Kranausleger,
Lagerplätze für Baumate-
rialien).
Bei Greifvogelarten, Uhu
und Schwarzstorch sind re-
gelmäßig genutzte Wech-
selnester/- horste mit zu
erfassen und in die Arten-
schutzprüfung einzubezie-
hen.
Prüfung der Einhaltung
artspezifischer
Abstandswerte
gemäß Tabelle A1
Ziel:
Ausschluss von arten-
schutzrechtlichen Verbots-
tatbeständen
Abstandsbetrachtung (AB)
Windkraftempfindliche
Arten:
Artspezifischer Nahbe-
reich, Regelabstand und
Prüfbereich gemäß Ta-
belle A1
Arten ohne Prüfbereich:
2 km Prüfbereich um das
Nest bzw. den angenom-
menen Reviermittelpunkt
Kartografische Darstellung
der Ergebnisse zusammen
mit den kartierten und re-
cherchierten Brutvorkom-
men
vi
Dadurch wird sichergestellt, dass auch randlich des empfohlenen Regelabstandes gelegene Brutreviere oder Wechselhorste bei der ar-
tenschutzrechtlichen Bewertung Berücksichtigung finden.
63

Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Ermittlung des
Habitatpotenzials
Ziel: Erfassung der
-
hochwertigen Habitate
(v.a. Nahrungshabitate)
-
bevorzugten Flugwege
-
Geländemerkmale, die
das Raumnutzungsver-
halten voraussichtlich
maßgeblich steuern (z.
B. Täler, Bergrücken,
Hangkanten).
Ziele, z. B.:
-
Klärung der Betroffen-
heit essentieller Habi-
tate
-
Ökologischer Kontext für
RNA (keine Überinter-
pretation vereinzelter
Flugbewegungen)
Habitatpotenzialanalyse (HPA)
1) Einschätzung potenziell geeigneter
Nahrungshabitate der zu beurteilenden
Art auf Grundlage vorhandener Daten,
z.B. Luftbilder, Topografische Karten zur
Erfassung der Höhenlinien, Biotoptypen-
kartierungen, Daten zur Gewässerstruk-
turgüte und der typischen Verhaltens-
muster und ökologischen Ansprüchen
der Art.
vii
2) Verifizierung der Ergebnisse im Ge-
lände und ggf. Untersetzung mit Einzel-
beobachtungen bzw. indirekten Hinwei-
sen auf die Anwesenheit der Art (Fe-
dern, Rupfungen, Gewölle, Beutereste,
etc.). Hierfür werden i. d. R. zwei Bege-
hungen durchgeführt.
3) Ermittlung der zu erwartenden art-
spezifischen Flughöhen und des Frei-
raums zwischen Geländeoberfläche und
Rotorunterkante.
4) Ableitung, ob für bestimmte Flächen
anzunehmen ist, dass sie wegen ihrer
hohen Habitatwertigkeit zu einer hohen
Raumnutzung durch Arten führen oder
wertvolle Flugkorridore bilden. Einstu-
fung in Wertstufen A,B,C entsprechend
Kapitel 5.1.1.2.
Schwarzstorch:
Zusätzlich Ableitung, ob durch die WEA-
Planung voraussichtlich die folgenden
flugkritischen Situationen
viii
entstehen:
-
aufgrund Sattellage der geplanten
WEA kein kleinräumiges Umfliegen
möglich
Lage geplanter WEA in Hangbereichen
mit Aufwinden, die bei Pendelflügen zu
essentiellen Nahrungshabitaten zum
„Aufkreisen“ in größere Höhen genutzt
werden
Windkraftempfindliche
Arten:
Im artspezifischen Prüf-
bereich um das Nest bzw.
den angenommenen Re-
viermittelpunkt (siehe Ta-
belle A1, Spalte 9)
Arten ohne Prüfbereich:
2 km um das Nest bzw.
den angenommenen Re-
viermittelpunkt
Kartografische Darstellung
der Ergebnisse zusammen
mit den kartierten und re-
cherchierten Brutvorkom-
men
vii
Angaben zum Lebensraum und zur Ökologie der Arten können den WWW-Arbeitshilfen des LfULG entnommen
werden.
https://www.na-
tur.sachsen.de/arbeitshilfen-artenschutz-20609.html
:
Exceltabelle „In Sachsen auftretende Vogelarten“ und von dort verlinkte Artensteck-
briefe.
viii
Diese Konstellationen können dann Anlass für eine RNA zur Einschätzung des Kollisionsrisikos für Schwarzstörche geben. Da die Konstel-
lationen in Sachsen aufgrund Topografie und weitgehendem Verzicht auf WEA in Wäldern sehr selten zu erwarten sind, wird auf eine Me-
thodendarstellung im Einzelnen an dieser Stelle verzichtet und auf den hessischen Leitfaden (HMUKLV 2021) verwiesen.
64

Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Empirische Ermittlung der
Raumnutzung
Ziel:
Funktionale Zusammen-
hänge zwischen Brut- und
Nahrungshabitaten/
Schlaf- und Nahrungshabi-
taten
Anwendung insbesondere
bei:
-
HPA begründet nicht
möglich
-
HPA lässt überdurch-
schnittliche Raumnut-
zung der Art im Vorha-
bensbereich erwarten
Raumnutzungsanalyse (RNA)
Die Erfassung erfolgt durch fachlich ver-
sierte Ornithologen und mit hoch ver-
größernder Optik (mindestens 20-fache
Vergrößerung). Auf den Einsatz von
Hubsteigern etc. kann bei geschickter
Wahl der Beobachtungspunkte verzich-
tet werden.
Die Genauigkeit der Verortung kann
über Laser Rangefinder erheblich ver-
bessert werden, indem technische Hilfs-
mittel die räumlichen Koordinaten des
Vogels erfassen (Reichweite: 1 bis 4
km). Unter Umständen kann auch eine
automatische Dauerbeobachtung durch
3D-Radargeräte oder Videokameras in-
frage kommen, wenn diese Praxisreife
und Wirtschaftlichkeit erlangt haben.
Dabei ist die Reichweite dieser Geräte
zu beachten (Rangefinder 1-4 km, Video
bisher < 1 km, 3D-Radar > 1,5 km.)
Artübergreifend
Beobachtungsdauer:
6 Stunden
pro Begehung und Kartierung
während Tagesaktivitätsmaxima der ein-
zelnen Arten.
Art der RNA
:
Im Regelfall
Brutpaar bezogene RNA
mit Ausnahme der Koloniebrüter (Mö-
wen, Seeschwalben, s.u.);
Auswertung:
mittels
Rasteranalysen
(siehe Anlage III)
Bewertung der RNA
:
Die
Signifikanzschwelle
ist bei Lage des
Vorhabens im Bereich mit
≥ 75 Prozent
der Flugaktivität um den
Horst erreicht.
Milane, Weihen, Störche, Fischadler
Untersuchungszeitraum:
Anfang März bis Ende August
(Balz- bis Bettelflugperiode)
Untersuchungsumfang
:
Im Gesamtzeitraum sind je zu untersu-
chender Art insgesamt mindestens
108
Stunden
Untersuchungszeit vorzusehen.
Bei mehreren Beobachtungspunkten
sind dabei mindestens 54 Stunden je Be-
obachtungspunkt einzuhalten. Sie kön-
nen je nach Aktivitätsphase der Vögel
gruppiert oder verteilt werden, z. B.
Betrachtet werden im Re-
gelfall Brutpaare.
ix
Der Untersuchungsraum
wird durch die Lage fes-
ter Beobachtungspunkte
bestimmt.
Die Zahl der Punkte ist
abhängig von der Topo-
graphie, Waldbedeckung,
Ausdehnung und Anord-
nung WEA in Windparks
etc.
In Untersuchungsgebie-
ten mit hoher Struktur-
und Reliefvielfalt sind zu-
mindest zeitweise Syn-
chron-Erfassungen durch
zwei Personen zu emp-
fehlen.
Die Erfassungsstandorte
sind in Abhängigkeit vom
geplanten WEA-Standort
und im Radius von
1 bis 3
km um den Brutplatz
zu
wählen.
Es sollten vorrangig Be-
obachtungstage mit
günstigen witterungsbe-
dingten Sichtverhältnis-
sen in die Auswertung
einfließen.
Digitale Dokumentation
sowie Darstellen
der Rich-
tungsflüge
zwischen Brut-
und Nahrungshabitat oder
Schlaf- und Nahrungshabi-
tat in topografischen Kar-
ten im Maßstab 1:25.000
sowie als Raumnutzungs-
raster in Rasterkarten
(Rasterzellen mit einer
Größe von 250 m x 250 m).
Flugbewegungen der ver-
schiedenen Arten
, diffe-
renziert nach Art der Be-
wegung (Balz-/ Territorial-
flüge; Kreisen/ Strecken-
flug/ Nahrungsflug usw.)
möglichst in der Raster-
karte.
Zudem sind die
Zeitanteile
aufzunehmen (absolut,
prozentual).
Die für die jeweilige Art
re-
levante Bewirtschaftung
und einzelne Bewirtschaf-
tungsereignisse
sind zu
dokumentieren. Im
Standortumfeld sind mög-
lichst die realen Flächen-
nutzungen nach der
Schlagkartei der letzten
Jahre bzw. Forsteinrich-
tung zu dokumentieren.
ix
Auf die Aussagen zu den Ausnahmen vom Regelfall („standortbezogene RNA“) im Kapitel. 5.1.1.3 wird verwiesen.
65

Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Rotmilan:
-
Anfang März bis Ende März
(Balz): 3 Erfassungstage
-
Anfang April bis Mitte Mai
(Brut): 4 Erfassungstage
-
Ende Mai bis Mitte Juli
(Nestlingszeit, Aktivitätsmaximum ):
8 Erfassungstage
-
Ende Juli bis Ende August
(Ästlingszeit bzw. flügge Jungvögel):
3 Erfassungstage.
Schwarzmilan:
-
Anfang März bis Anfang April
(Balz): 3 Erfassungstage
-
Mitte April bis Mitte Mai
(Brut): 4 Erfassungstage
-
Ende Mai bis Mitte Juli
(Nestlingszeit, Aktivitätsmaximum):
8 Erfassungstage
-
Ende Juli bis Mitte August
(Ästlingszeit bzw. flügge Jungvögel):
3 Erfassungstage.
Weihen:
-
Anfang April bis Ende April
(Balz): 3 Erfassungstage
-
Anfang Mai bis Anfang Juni
(Brut): 4 Erfassungstage
-
Mitte Juni bis Ende Juli
(Nestlingszeit, Aktivitätsmaximum):
8 Erfassungstage
-
Anfang bis Ende August
(Ästlingszeit bzw. flügge Jungvögel):
3 Erfassungstage.
Weißstorch:
-
Ende Februar bis Mitte April:
(Balz)
5 Erfassungstage von exponierten
Standorten.
-
Ende April bis Mitte Mai:
(Brut)
3 Erfassungstage.
-
Ende Mai bis Ende Juli:
(Nestlingszeit, Aktivitätsmaximum)
8 Erfassungstage.
-
Anfang bis Mitte August:
(Ästlingszeit bzw. flügge Jungvögel)
2 Erfassungstage.
Fischadler:
-
Ende März bis Mitte April
(Balzzeit):
4 Erfassungstage
-
Ende April bis Mitte Mai
(Brutzeit):
4 Erfassungstage.
-
Ende Mai bis Mitte Juli
(Nestlingszeit, Aktivitätsmaximum):
6 Erfassungstage
-
Ende Juli bis Anfang September (Äst-
lingszeit bzw. flügge Jungvögel):
4 Erfassungstage
Seeadler
Untersuchungszeitraum:
Aufgrund der
ganzjährigen
Anwesenheit
muss auch außerhalb der Brutzeit von
hohen Flugaktivitäten im Brutrevier aus-
gegangen werden.
66

Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Untersuchungsumfang
:
Es sind insgesamt mindestens
240 Stun-
den
Untersuchungszeit vorzusehen. Die
Erfassungsschwerpunkte sollen die Mo-
nate mit Balz und Horstbau (Januar bis
Februar) sowie die Nestlingszeit (Anfang
April bis Ende Juli) umfassen.
Möwen, Seeschwalben (Koloniebrüter)
Art der RNA
:
i.d.R. ist HPA ausreichend; RNA nur in
begründeten Ausnahmen, wenn es Hin-
weise auf eine ungleichmäßige Nutzung
der potenziellen Nahrungshabitate gibt,
wobei sich die RNA auf das Brutvorkom-
men in seiner Gesamtheit (d. h. die Ko-
lonie) bezieht. Nach Möglichkeit wird
die Brutkolonie vollständig umstellt. Ab-
fliegende Vögel werden als Individuum
oder als Trupp gezählt.
Untersuchungsumfang
:
Mindestens 60 Stunden (Flusssee-
schwalbe), 78 Stunden (Möwen)
Untersuchungszeitraum:
Schwerpunkt zur Besetzung der Kolo-
nie/Balz und zur Nestlingszeit.
Uhu:
Bei dieser dämmerungs- und nachtakti-
ven Art kann keine RNA durchgeführt
werden. Stattdessen erfolgt die Kartie-
rung singender Männchen und rufender
Weibchen. Bei einem Negativnachweis
wird der Einsatz einer Klangattrappe
oder indirekte Nachweise (bekalkte Stel-
len, Rupfungen, Igelhäute usw.) in Ver-
bindung mit einer HPA empfohlen.
Wanderfalke, Baumfalke:
Wegen ihres sehr rasanten Flugverhal-
tens in großen Höhen ist bei diesen Ar-
ten ebenfalls keine RNA sinnvoll. Für sie
bleibt daher in der Regel die Beurteilung
des Sachverhalts auf Basis der HPA.
Rastvogelerfassung
(Ruhestätten)
Flächendeckende Kontrollen von stö-
rungsempfindlichen Offenlandarten im
Frühjahr (Mitte Februar bis Ende April)
und Herbst (August bis November).
Erfassung in den Hauptrastzeiten (Mitte
März bis Ende April und August bis Ok-
tober) 1 x wöchentlich, sonst alle zwei
Wochen bei guten Witterungsverhält-
nissen.
Erfassen rastender Wasservögel wie
Gänse (Oktober bis Ende März) bei Be-
darf.
Erfassen von Kranichrastgebieten u.
Funktionsraumbetrachtung zwischen
Ruhe- (Schlafplätzen) und Nahrungsge-
bieten
Mindestens 2 Kilometer
im Radius um die geplan-
ten WEA Standorte so-
wie ggf. im Einzugsbe-
reich des Untersuchungs-
gebietes gelegene, für
Rastvögel geeignete Be-
reiche .
Digitale Dokumentation
und kartographische Dar-
stellung der Rastgebiete in
topographischer Karte
Maßstab 1 : 5.000 bzw. 1 :
10.000, Eintragung von
möglichen Funktionsbezie-
hungen.
67

Untersuchungsziel
Methode
Untersuchungsraum
Dokumentation
Zugvogelerfassung
(Herbstzug)
(Frühjahreszug)
kleinräumiger, lokaler Vo-
gelzug soll erfasst werden
Von weiten, Übersicht bietenden Gelän-
depunkten wird der nähere Luftraum in
regelmäßigen Rundblicken mit dem
Fernglas nach ziehenden Vögeln abge-
sucht.
Bei größeren Flächen sind mehrere Be-
obachtungspunkte erforderlich, die in
etwa 1.500 m Abstand ausgewählt und
synchron besetzt werden.
Dabei zu erfassen sind: Art, Anzahl, ge-
schätzte Flughöhen (< 100 m, 100 bis
200 m und > 200 m) Flugrichtung, Da-
tum, Uhrzeit sowie Beobachtungs-
punkte.
Wöchentliche Zählungen an mindestens
8 Tagen zwischen Mitte September und
Mitte November im Zeitraum ab Son-
nenaufgang bis 4 Std. danach. Einteilung
des Herkunftshorizontes in drei gleich
große Abschnitte, ununterbrochen von
W nach O, fünf Minuten auf ziehende
Vögel absuchen, nach 15 Min. beginnt
neue Zähleinheit.
Der rasch verlaufende Heimzug bei vor-
herrschender Rückenwind-Situation und
geringen Zugfrequenzen ist - ausgenom-
men des Kranichzuges - vernachlässig-
bar.
1 Kilometer
im Radius
um die Anlagenstandorte
bei Kleinvögeln, bei Groß-
vögeln auch darüber hin-
aus.
Die ermittelten Zug- und
Wanderräume
sowie Flughöhen
sind in Karten im Maßstab
1 : 10.000, ggf. auch
1 : 5.000
einzutragen und in ihren
regionalen Bezügen darzu-
stellen.
Vergleich der ermittelten
Werte je Zugroute unterei-
nander und mit überregio-
nalen Werten.
68

 
III Rasteranalyse und -bewertung im Rahmen einer brutpaarbezogenen RNA
Im Rahmen der Rasteranalyse zur RNA sind folgende Arbeitsschritte durchzuführen:
i
1. Karte der Flugpolygone
Die im RNA-Untersuchungsgebiet erfassten Flüge der Arten werden von den Feldkarten ins
GIS übertragen, sodass für jede Art eine Karte (sog. „Spaghetti-Karte“) entsteht, die alle er-
fassten Flugbewegungen über den gesamten Beobachtungszeitraum enthält (siehe Abbildung
A2, graue Linien).
2. Rasterkarte mit Flugereignisklassen
Diese digitalisierten Fluglinien werden mit einem Raster verschnitten, das sich am Blattschnitt
der TK orientiert und Rasterzellen mit einer Größe von 250 x 250 m aufweist. Jede Fluglinie,
die eine Rasterzelle durchläuft, wird als ein Flugereignis gewertet (vgl. Abbildung 8). Das et-
waige Kreisen eines Vogels innerhalb einer Rasterzelle wird mit einem Ereignis pro angefan-
gene Minute gewertet. Im Anschluss werden die Ereignisse aller Rasterzellen aufsummiert.
Für die Auswertung werden alle identischen Ereigniswerte einer Ereignisklasse zugeordnet
(Abbildung A3).
3. Ermittlung von Rasterzellen mit erhöhter (durchschnittlicher/geringer) Flugaktivität
Anschließend werden vom höchsten Ereigniswert ausgehend (in absteigender Folge) alle Zel-
lenwerte aufsummiert (Abbildung 9). Die Wertstufe „erhöhte Flugaktivität“ ist bei der Klasse
erreicht, bei der die Summe der Klassenwerte den Schwellenwert übersteigt, der entspre-
chend TLUG (2017) bei 75 % angesiedelt wird.
Mit dem gleichen Verfahren können auch die Rasterzellen ermittelt werden, die den Schwel-
lenwert, der eine geringe von einer durchschnittlichen Raumnutzung abgrenzt und der bei 50
% ansiedelt wird, ermittelt werden. Das geschieht durch Aufsummieren ausgehend von der
niedrigsten Ereignisklasse „1“.
Grundsätzlich umfasst das Raster das gesamte RNA-Untersuchungsgebiet unabhängig davon,
ob in allen Zellen Beobachtungen durchgeführt werden konnten. Beispielsweise könnten Ge-
hölze bzw. Wälder das Beobachten von Flugbeobachtungen verhindern (bzw. es wären art-
spezifisch keine Flugaktivitäten zu erwarten). Unter diesen Umständen gehen die betroffenen
Zellen mit dem Ereigniswert „0“ in die Auswertung ein. Rasterzellen, die an vier Seiten von
Rasterzellen mit Ereigniswerten größer als der Schwellenwert umgegeben sind, werden unab-
hängig von ihrem eigenen Ereigniswert als Zelle mit erhöhten Flugaktivitäten gewertet. Sofern
keine Rasterzelle mit erhöhten Flugaktivitäten den Vorhabenstandort überlagert, kann i. d. R.
von einer Vermeidung artenschutzrechtlicher Konflikte ausgegangen werden.
i
entsprechend des Thüringer Leitfadens (TLUG 2017) und der Ergänzung durch BfN & KNE (2020)
69

image
Abbildung A2: Fallbeispiel zum rasterbezogenen Aufsummieren der Flugereignisse im Rahmen der Raster-
analyse (Betrachtungsraum = Prüfbereich; nicht alle Zeichnungselemente sind maßstabsgetreu abgebildet;
Quelle: TLUG (2017)
Erläuterung: Die grauen Punkte symbolisieren die Standorte der Beobachter. Der rote Kreis grenzt das RNA-
Untersuchungsgebiet ab, über das ein Raster mit einer Zellgröße von 250 m x 250 m gelegt wird. Die grauen
Linien kennzeichnen die Flugbewegungen des beobachteten Brutpaares. Jede dieser Linien stellt pro Raster-
zelle ein Flugereignis dar. Die Summe aller Flugereignisse pro Rasterzelle wird durch die roten Zahlen darge-
stellt. Fluglinien, die eine Zelle doppelt schneiden (verlassen und wieder zurückführen) werden doppelt gezählt
(fett grau umrandete Rasterzellen). In der rot umrandeten Rasterzelle symbolisiert die grau geschriebene „3“,
dass in dieser Zelle Thermikkreisen mit einer Dauer zwischen drei und vier Minuten beobachtet wurde. Zudem
wurde die Zelle einmal durchflogen. Die Zelle erhält somit den Ereigniswert „4“, obwohl sie nur von zwei Flugli-
nien geschnitten wird. Rasterzellen, in denen keine Flugaktivitäten beobachtet wurden, bleiben leer bzw. be-
kommen den Ereigniswert „0“. Die auf diese Weise klassifizierte Gesamtheit aller Flugbewegungen kann an-
schließend über die Ermittlung eines Schwellenwertes grafisch aufbereitet und bewertet werden (vgl. Abbil-
dung A3).
70

image
image
Abbildung A3: Fallbeispiel zur Ermittlung von Rasterzellen mit erhöhter Flugaktivität und daran anknüpfen-
der Signifikanzbewertung (Betrachtungsraum = Prüfbereich; nicht alle Zeichnungselemente sind maßstabsge-
treu abgebildet; Quelle: TLUG (2017)
Der rote Kreis grenzt das RNA-Untersuchungsgebiet ab, über das ein Raster mit einer Zellgröße von 250 m x
250 m gelegt wurde. In 88 der 400 Rasterzellen wurden insgesamt 179 Flugereignisse in neun Ereignisklassen
dokumentiert. Wenn die Summen der Zellenwerte von der höchsten Ereignisklasse abwärts aufaddiert werden,
ergibt sich einschließlich der Ereignisklasse „2“ eine Summe von 115. Durch das Hinzuzählen der Summe der
Zellenwerte in der Ereignisklasse „1“ würde das Ergebnis 75 % des Gesamtereigniswerts (179) und damit den
Schwellenwert, der eine hohe Raumnutzung von einer durchschnittlichen oder geringen Raumnutzung ab-
grenzt (vgl. Kap. 5.1.1.3) übersteigen. Demzufolge bilden die Klassen „2“ bis „9“ die Bereiche ab, in denen eine
deutlich erhöhte Flugaktivität (hohe Raumnutzung) angenommen werden muss. Diese Bereiche sind rot darge-
stellt. Sie liegen vollständig außerhalb des Vorhabenstandortes, so dass in diesem Fall von keiner signifikanten
Erhöhung des Tötungsrisikos durch die WEA auszugehen ist, obwohl einzelne Flüge auch über den Vorhaben-
standort verlaufen. Rasterzellen mit keinen oder nur wenigen Flugaktivitäten sind grün dargestellt.
71

 
IV Hinweise zur bedarfsgerechten Anwendung von Betriebszeitenreglungen
i
(zur Maßnahme 11 in Tabelle A2 und zu Kapitel 6.2.3)
a) In der Regel keine Anwendung der Betriebszeitenregelung in folgenden Fällen:
1. Kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko prognostizierbar (Kapitel 5.1.2).
2. Lage der geplanten WEA in einem nicht hochwertigen Arthabitat
ii
, da hier kein so regel-
mäßiger und intensiver Aufenthalt der Arten prognostiziert werden kann, dass etwaige
Restrisiken nicht über mildere Maßnahmen zur Mortalitätssenkung abgedeckt werden
könnten (z. B. rotorfreie Zone von mindestens 80 m über Grund beim Rot- und Schwarz-
milan, Habitatgestaltung).
3. Signifikant erhöhtes Tötungsrisiko einer nach der Genehmigung angesiedelten Art, da hier
in der Regel Zumutbarkeitsgründe für die Durchführung des artenschutzrechtlichen Aus-
nahmeverfahrens (siehe Kapitel 7) sprechen.
4. Erhebliche Störung der Lokalpopulation einer windkraftempfindlichen Art, da neben Ge-
wöhnungseffekten in der Regel auch Möglichkeiten zur Aufwertung der Lebensräume in
der Umgebung bestehen.
iii
5. Planung eines Windparks aus maximal 3 WEA, sofern
maximal 1 BP der in Sachsen mit mehr als 500 BP vertretenen kollisionsempfindlichen
Arten außerhalb des Horst-Nahbereichs betroffen ist (Rotmilan, Schwarzmilan, Lach-
möwe)
folgende Maßnahmen zur Mortalitätssenkung zum Tragen kommen:
o
Mindestens 80 m rotorfreie Zone über Grund (Rot-, Schwarzmilan),
o
Habitatgestaltungen (z. B. unattraktive Bepflanzung unter den Rotoren zuzüglich
50 m-Puffer, sofern erforderlich, Ablenkungsmaßnahmen.
b) In der Regel temporäre Abschaltung am Tag als Ergänzung zur Habitatgestaltung (Ro-
torunterpflanzung, Ablenkungsmaßnahmen) in folgenden Fällen:
1. Lage geplanter WEA in hochwertigen Habitaten mit geringer Vorbelastung zum Beispiel
durch WEA sowie einer erhöhten Flugaktivität
iv
, wo keine Ablenkungsmaßnahmen mög-
lich sind. In diesen Fällen wird ein Schutz von 90 Prozent der Flugaktivität
v
vorgesehen.
i
In Anwendung des in Hessen operationalisierten Zusammenhangs zwischen Flughöhe und Windgeschwindig-
keit (siehe HKMULV 2021: 25-28).
ii
Wertstufen B und C in der HPA/RNA (Kap. 5.1.1.1)
iii
In Vogelschutzgebieten ist neben der artenschutzrechtlichen Störung im Rahmen einer FFH-Verträglichkeits-
prüfung unter Einbeziehung von Summationswirkungen zu prüfen, ob erhebliche Beeinträchtigungen der Erhal-
tungszielarten vorhabenbedingt eintreten können.
iv
Wertstufe A in der HPA/RNA (Kap. 5.1.1.1)
v
Für die Klassifizierung der Flugaktivitäten sollen die Windstärke abhängigen Grenzwerte entsprechend des
hessischen Leitfadens (HMUKLV 2021) Anwendung finden, die unter 2. angegeben werden. Dabei entspricht
jeweils der erste Wert dem Bereich von 90 % Flugaktivität und der in Klammern angegebene Wert dem artspe-
zifischen niedrigeren Wert zwischen 50 und 85 %.
72

In allen anderen Fällen mit Betroffenheit hochwertiger Arthabitate und zugleich deutlich
überdurchschnittlicher Flugaktivität wird, sofern ein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko
nicht durch eine
rotorfreie Zone von mindestens ca. 80 m über Grund (Rot-, Schwarzmilan),
unattraktive Gestaltung der Flächen unter den Rotoren zuzüglich 50 m Puffer,
Ablenkungsmaßnahme, sofern erforderlich und aufgrund der Habitatausstattung sinn-
voll („Fokussierung auf die Maßnahmenfläche“ wahrscheinlich),
zweitägige Abschaltung während Bewirtschaftungsereignissen im Umfeld um den
Mastfuß, das sich aus dem Rotorradius zuzüglich 200 m bemisst (sofern erforderlich)
ausreichend vermieden werden kann, ein ergänzender Schutz von 50 bis 85 Prozent der
Flugaktivität
iii
vorgesehen.
2. Signifikant erhöhtes Tötungsrisiko von mindestens 2 BP der Arten:
Rot- und Schwarzmilan: Schutz von rund 90 Prozent (85 Prozent) der Fluganteile in
Abhängigkeit der rotorfreien Zone über Grund und der Windgeschwindigkeit:
o
Bei rotorfreier Zone ≥ 70 m über Grund:
WEA-Abschaltung bei Windgeschwindigkeit
≤ 5,8 m/s (≤ 4,7 m/s)
im Gondelbe-
reich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang
o
Bei rotorfreier Zone ≥ 80 m über Grund:
WEA-Abschaltung bei Windgeschwindigkeit
≤ 5,2 m/s (≤ 4,1 m/s)
im Gondelbe-
reich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang
o
Bei rotorfreier Zone ≥ 90 m über Grund:
WEA-Abschaltung bei Windgeschwindigkeit
≤ 4,8 m/s (≤ 3,5 m/s)
im Gondelbe-
reich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Baumfalke: Bis zum Vorliegen näherer Erkenntnisse gelten bei der Art vorsorglich die
für die Milan-Arten genannten Abschaltungen.
3. Signifikant erhöhtes Tötungsrisiko in Sachsen seltener und/oder nur noch punktuell vor-
handener Schwerpunktvorkommen kollisionsempfindlicher Arten (betrifft die Arten Fisch-
adler, Kornweihe, Wiesenweihe): WEA-Abschaltung von Sonnenaufgang bis Sonnenunter-
gang oder Anlagenreduzierung, sofern nicht auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse –
zum Beispiel zum artspezifischen Flugverhalten dieser Arten oder zur Wirksamkeit von Ab-
lenkungsmaßnahmen – eine andere Form der Vermeidung möglich ist.
c) Spezielle Kollisionsschutzmaßnahmen für regelmäßige Vogel-Ansammlungen:
Schutz von regelmäßigen Ansammlungen an Schlafplätzen kollisionsempfindlicher Arten (z. B.
Rotmilan) durch WEA-Abschaltung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang während der An-
wesenheit der Tiere, sofern kein Ausweichen im räumlichen Zusammenhang und keine andere
Vermeidungsmöglichkeit besteht.
73