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____________________________________________________________________________________________________
Universität Bielefeld
■ Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
■ Postfach 10 01 31
■ 33501 Bielefeld
proVal
■ Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Analyse, Beratung und Evaluation
■ Hildesheimer Str. 265-267
■ 30519 Hannover
Gutachten zu den
Wirkungen des Einsatzes von Paten/Patinnen im Projekt
„Interkulturelles Lernen in der Kindertagesstätte“
(Träger: Arbeit und Leben Sachsen e.V.)
im Rahmen der Evaluation des Landesprogramms
„Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“
im Auftrag
des Sächsischen Staatsministeriums des Inneren
bearbeitet von: Dr. Alexander Mewes
Bietergemeinschaft
proVal – Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Analyse, Beratung und Evaluation
&
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld
Hannover und Bielefeld, Juni 2014
IKG

pro al & IKG – Gutachten
2
Inhalt
1. Zur Einführung: Wirkungsanalysen zu Projekten des Landesprogramms „Weltoffenes
Sachsen für Demokratie und Toleranz“ ........................................................................... 3
2. Kurze Darstellung des Projektanliegens ........................................................................... 4
2.1 Problembeschreibung und Ursachenanalyse ........................................................... 4
2.2 Logik des Projektes und zu überprüfende Ziele des Projektes .................................... 4
3. Methodisches Vorgehen ................................................................................................. 7
4. Empirische Ergebnisse ................................................................................................. 11
4.1 Leistungen des Projekts ........................................................................................ 11
4.2 Wirkungen des Projekts ........................................................................................ 11
4.3 Zusammenfassung............................................................................................... 18
5. Literatur ...................................................................................................................... 19

pro al & IKG – Gutachten
3
1. Zur Einführung: Wirkungsanalysen zu Projekten des Landesprogramms
„Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“
Die geförderten Projekte des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und
Toleranz“ setzen an einem unbefriedigenden Ist-Zustand an und wollen vor diesem Hinter-
grund positive Veränderungen erreichen. Die von der Evaluation zu beantwortende Frage lau-
tet daher: Konnte mit dem, was getan wurde, eine Veränderung in die erwünschte Richtung
erreicht werden? Die Klärung der Wirksamkeit der eingesetzten Maßnahmen und Strategien ist
für die Projekte und für den Fördermittelgeber von großer Bedeutung. Darüber hinaus muss
aber auch analysiert werden, wie eine Veränderung in die erwünschte Richtung erreicht wurde.
Größere Veränderungen im Sinne von anspruchsvollen Zielen sind allerdings oft nur möglich,
wenn mit einer festen Zielgruppe über einen längeren Zeitraum gearbeitet wird. Wenn diese
Voraussetzung nicht erfüllt ist, führen Wirkungsevaluationen nach dem Black-Box-Prinzip häu-
fig zu unbefriedigenden und entmutigenden Resultaten, weil die Teilziele im Sinne von relativ
kurzfristig erreichbaren, konkreten Handlungszielen nicht spezifiziert und überprüft werden.
Unberücksichtigt bleiben oft auch förderliche und hinderliche Kontextbedingungen. Weil im
Prinzip jeder Fehler im Detail die Ablehnung des kompletten Projektansatzes zur Folge haben
kann, sind Black-Box-Evaluationen zur Identifizierung und Entwicklung wirksamer Einzelmaß-
nahmen in der Regel ungeeignet.
Um Erkenntnisse für die Weiterentwicklung und Optimierung der Projekte des Landespro-
gramms bereitstellen zu können, verwenden wir daher einen Evaluationsansatz, der auf der
Ebene konkreter Handlungsziele ansetzt und die Wirksamkeit der an dieser Stelle eingesetzten
Maßnahmen überprüft. So basieren die von uns durchgeführten Wirkungsanalysen auf den
Ergebnissen eines zweitägigen Workshops zu Beginn der Projektevaluation, in dem es sowohl
um eine genaue Zielklärung als auch um eine Einschätzung der mit den verschiedenen Maß-
nahmen erreichbaren unmittelbaren Wirkungen geht. Die Wirkungsevaluation konkreter Ein-
zelmaßnahmen gestattet es dann, einen Fundus an gut dokumentierten und wirksamen Maß-
nahmen und Handlungsstrategien aufzubauen. Die Identifikation und Dokumentation solcher
Maßnahmen und Strategien ist eine zentrale Voraussetzung für eine Effektivitäts- und Effizienz-
steigerung bei Projekten zur Förderung von Demokratie und Toleranz und trägt damit auch
zur Optimierung des Landesprogramms bei.

pro al & IKG – Gutachten
4
2. Kurze Darstellung des Projektanliegens
2.1
Problembeschreibung und Ursachenanalyse
Das Projekt bearbeitet das Problem einer potentiellen intergenerationellen Weitergabe frem-
denfeindlicher Einstellungen und Vorurteile. Es sucht daher nach Wegen, Kinder im Kindergar-
tenalter gegen Fremdenfeindlichkeit in einem frühen Stadium zu immunisieren. Zu diesem
Zweck setzt der Träger „Arbeit und Leben Sachsen e.V.“ ein Patenprojekt um, in dessen Rah-
men Personen mit Zuwanderungshintergrund („Paten“) über einen längeren Zeitraum in die
Arbeit in Kindertagesstätten einbezogen werden. Sie unterstützen die alltägliche Arbeit in den
Einrichtungen, gestalten aber auch (temporär) selbstverantwortlich Angebote mit dem Ziel, die
eigene Herkunftskultur den Kindern näherzubringen. Die Wirkannahme des Projektes besteht
darin, dass aufgrund des „Umgang[s] mit Personen anderer Kulturen auf eine ganz spieleri-
sche, natürliche, einfache, unkomplizierte Art und Weise“ (Interview) der kulturell Andere zwar
als anders wahrgenommen wird (anhand äußerlicher Stilattribute), ohne allerdings damit eine
„Andersartigkeit“ (Interview) des Gegenüber zu behaupten.
1
Fehlende Vertrautheit mit Frem-
den, so die entwicklungspsychologische Annahme des Projekts, begünstige die Ausbildung
fremdenfeindlicher Einstellungen. Und weil Kontaktgelegenheiten zu Menschen mit Migrati-
onshintergrund in ländlichen Regionen Sachsens laut Aussage des Projekts rar seien, will das
Projekt diese Gelegenheit bereits in einem frühen Kindesalter schaffen und rechnet dabei mit
präventiven Effekten.
2
2.2
Logik des Projektes und zu überprüfende Ziele des Projektes
Im Rahmen eines Zielexplikationsworkshops mit den Projektverantwortlichen wurden die Pro-
jektziele rekonstruiert und in einer Zieltabelle transparent dargestellt. Die Ziele wurden dabei
auf drei Ebenen systematisiert: Das Leitziel soll gewissermaßen das Motto des Projekts abbil-
den und klar kommunizieren, wofür das Projekt steht. Mittlerziele sollen das Leitziel hinsichtlich
der angenommenen Problemursachen und der Umsetzung konkretisieren. Schließlich wurden
mit Blick auf die Realisierung der Mittlerziele konkrete Handlungsziele benannt und als Wir-
kungsziele formuliert. Weiterhin wurden mit den Projektmitarbeiter/inne/n Indikatoren entwi-
ckelt, die die Handlungsziele näher bestimmen.
1
„Es geht um spielerische Effekte insoweit, als dass die Patinnen und Paten temporär mit den Kindern in den
Kindertagesstätten zusammen sind und gemeinsam Spiele machen, und diese merken dabei, dass zum Beispiel
der Dunkelhäutige eben genauso ein Mensch ist wie du und ich. Er hat lediglich eine andere Hautfarbe, aber an
sich ist er genauso wie du und ich. Und das löst dann schon bei den Kindern Aha-Effekte aus“ (Interview).
2
„Die Annahme ist, dass beim Entstehen von Rechtsextremismus am Anfang erst einmal eine Unsicherheiten
gegenüber der Andersartigkeit da ist. Du fängst nicht an, als Kind rechtsextrem zu denken oder irgendwie frem-
denfeindlich. Sondern erst einmal ist das Andersartige das Komische. Und darauf baut sich so eine gewisse sub-
jektive Unwohlheit auf, die dann natürlich, wenn sie entsprechend verstärkt und begrüßt wird, sich dann in rech-
ten Einstellungen äußern kann. Und diese Andersartigkeit, das wollen wir halt von Anfang an bekämpfen. Es ist
nichts ‚andersartig‘ an dieser Stelle. Und wenn die Kinder diese Erfahrung selber machen, dann können eigent-
lich die Eltern erzählen was sie wollen: wenn ich mit jemanden, der andersartig ist, gut klar gekommen bin,
dann erschüttert mich das nicht mehr so stark“ (Interview).

pro al & IKG – Gutachten
5
Das Leitziel des Projekts, bei Kindern Grundlagen für die Entwicklung eines offenen Umgangs
mit Personen unterschiedlicher Herkunftsgruppen zu schaffen, trägt der Problemdiagnose (die
drohende Weitergabe rechter Einstellungen zwischen den Generationen) Rechnung. Es nimmt
die potentiellen "Erben" fremdenfeindlicher Einstellungen und Vorurteile in den Blick, die dieses
Erbe aber nicht übernehmen sollen. Die Annäherung an das Leitziel gelingt aus Projektsicht
dann, wenn die Zielgruppe (Kindergartenkinder) weiß, dass sich Kulturen unterscheiden (MZ2)
und wenn sie Menschen unterschiedlicher Herkunft als gleichwertig anerkennt (MZ1).
Gleichwertigkeit konkretisiert sich auf der Ebene der Handlungsziele durch eine – aufseiten der
Kindergartenkinder – unbelastete Einstellung gegenüber Personen anderer Herkunftsgruppen
(HZ1.1) sowie durch Gefühle emotionaler Verbundenheit zu ihnen (HZ1.2). Als Maßnahme
sind dazu der längere Aufenthalt (3 bis 6 Monate) eines Paten in einer Kita vorgesehen, der
die Kita-Erzieherinnen bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben unterstützt, aber zum Teil
auch selbstständig Abschnitte gestaltet (die Einheiten werden von den Paten selbst geplant, es
gibt keine Vorgaben durch die Projektleitung).
Das Wissen um Unterschiede zwischen Kulturen (MZ2) wird handlungszielbezogen durch das
Kennen von Elementen anderer Kulturen (HZ2.1) und durch die Fähigkeit der Zielgruppe kon-
kretisiert, sich mit Personen anderer Herkunft/Muttersprache zu verständigen (HZ2.2). Zu ei-
nem auf kulturelle Unterschiede bezogenen Wissen gehört schließlich ein fortdauerndes Inte-
resse an fremden Kulturen über die Aufenthaltszeit des Paten hinaus (HZ2.3). Die Maßnahmen
sind mit jenen, die HZ1.1 und HZ1.2 umsetzen sollen, identisch. Hinsichtlich des Mittlerziels 2
vermutet das Projekt einen Zusammenhang mit dem oben dargestellten Handlungsziel 1 der-
art, dass sich dieses nur dann erfüllen lässt, wenn jenes erreicht ist.
Die vorliegende Wirkungsevaluation bezieht sich auf die Wirkungen, die das Projekt bei der
Zielgruppe 4- bis 6-jährige Kita-Kinder erzielen konnte. Untersucht wurde das Mittlerziel „Kin-
der sächsischer Kitas erkennen Menschen unterschiedlicher Herkunft als gleichwertig im Alltag
an“ (MZ1) sowie das Mittlerziel „Kinder sächsischer Kitas wissen, dass sich Kulturen unterschei-
den können“ (MZ2).
Mit Blick auf Mittlerziel 1 wurden folgende zwei Handlungsziele hinsichtlich ihrer Wirkungen
bei den Kindern konkret untersucht: Die Kita-Kinder haben nach der Patenphase eine von
Ressentiments und Vorurteilen unbelastete Einstellung gegenüber Personen unterschiedlicher
Herkunft (HZ1.1). Die Kita-Kinder sind in der Lage, emotionale Verbundenheit zu Menschen
anderer Herkunft zu entwickeln (HZ2.1). Folgende Indikatoren wurden zur Zielerreichung fest-
gelegt: Kinder äußern sich positiv über die Erfahrungen mit ihren Patinnen und Paten (bzgl.
HZ1.1), Kinder freuen sich auf die gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Paten (bzgl. HZ1.2).
Hinsichtlich Mittlerziel 2 wurden drei Wirkungsziele überprüft: Die Kita-Kinder kennen nach der
Patenphase Elemente anderer Kulturen (patenbezogen) (HZ2.1) sowie Die Kita-Kinder können
zum Ende der Patenphase sich mit Personen anderer Herkunft/Muttersprache verständigen
(HZ2.2) und schließlich Die Kita-Kinder haben nach der Patenphase bleibendes Interesse an
Elementen anderer Kulturen (MZ3.2). Indikator zu HZ2.1 ist die Nennung entsprechender Bei-
spiele. HZ2.2 ist dann erfüllt, wenn die Kinder bei der Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten mit

pro al & IKG – Gutachten
6
Personen
anderer
Herkunft
Sprachbarrieren
ignorieren.
Die
gegenüber
den
Kita-
Mitarbeiterinnen artikulierte Neugier bezüglich von Elementen anderer Kulturen wurde als
Indikator zur Zielerreichung von Handlungsziel 2.3 festgelegt.
Im folgenden Veränderungsmodell des Projekts „Interkulturelle Bildung in der Kindertagesstät-
te“ sind die Zusammenhänge zwischen Mittler- und Handlungszielen transparent dargestellt.
Die im Modell verwendeten Symbole bedeuten Folgendes:
Kausalbeziehung
Zusammenhang/
Beeinflussung
Noch nicht verfolgtes
Wirkungsziel
(Mittlerziel)
Vermutete
Kausalbeziehung
Vermuteter
Zusammenhang
Noch nicht
umgesetzte
Maßnahme
Noch nicht
berücksichtigter
Wirkfaktor
(Handlungsziel)
Vermuteter
Einflussfaktor
Beeinflussbarer
Wirkfaktor
(Handlungsziel)
Wirkung aus Sicht der
Projektverantwortlichen
(Mittlerziel)
Maßnahme
Einflussfaktor
Die abgebildeten Einflussfaktoren kennzeichnen die Kontextbedingungen, die sich auf die Pro-
jektumsetzung förderlich auswirken.
Abbildung 1:
Veränderungsmodell
des
Projektes
„Interkulturelle
Bildung
in
der
Kindertagesstätte (Arbeit und Leben Sachsen e.V.)

pro al & IKG – Gutachten
7
3. Methodisches Vorgehen
Um Veränderungen bei der Zielgruppe der Kinder beobachten und damit die Wirksamkeit des
Projekts „Interkulturelles Lernen in der Kindertagesstätte“ überprüfen zu können, wurde durch
die wissenschaftliche Begleitung ein pädagogisches Experiment entwickelt und umgesetzt. Das
Experiment machte den methodisch umfangreichsten Teil der Evaluation aus. Es wurde in ei-
ner am Patenprojekt teilnehmenden Einrichtung sowie in einer Kontrollgruppen-Kita durchge-
führt. Zudem wurden in insgesamt acht Kindertagesstätten, die am Projekt teilgenommen ha-
ben bzw. weiterhin teilnehmen, Gruppeninterviews mit Erzieherinnen geführt. Ergänzend ha-
ben wir Eltern zu ihrem Eindruck vom Projekt befragt.
Pädagogisches Experiment
Das pädagogische Experiment wurde so gestaltet, dass die vom Projekt anvisierten Ziele in
einem experimentellen Kontext überprüft werden konnten. Der unten stehende Ablaufplan des
Experiments bezieht sich auf die im Zielworkshop formulierten Wirkungsziele. Um eine opti-
male Auswertung des erhobenen Materials zu gewährleisten, war es wichtig, die einzelnen am
Experiment teilnehmenden Kinder voneinander unterscheiden zu können. Deshalb erhielten
3-6monatiger Aufenthalt einer
Patin/eines Paten in einer Kita
(pädagogische/r Assistent/in, die in
die alltäglchen Abläufe in der
Einrichtung integriert ist und zum Teil
auch selbstverantwortlich EInheiten
gestaltet)
MZ1: Kinder sächsischer
KItas erkennen Menschen
unterschiedlicher Herkunft
als gleichwertig im Alltag
an.
MZ2: Kinder sächsischer
Kitas wissen, dass sich
Kulturen unterscheiden
können.
HZ1.1: Kita-Kinder haben
eine von Ressentiments
und Vorurteilen
unbelastete Einstellung
gegenüber Personen
unterschiedlicher Herkunft
.
HZ1.2: Kinder sind in der
Lage, emotionale
Verbundenheit zu
Menschen anderer
Herkunft zu entwickeln.
HZ2.1: Kita-Kinder
kennen Elemente
anderer Kulturen.
HZ2.2: Kita-Kinder können
sich mit Personen anderer
Herkunft/Muttersprache
verständigen.
HZ2.3: Kita-Kinder
haben ein bleibendes
Interesse an
Elementen anderer
Kulturen.
Ideelle Unterstützung des
Projekts durch Kita-Leitung
freiwilliges
Engagement der
Patin/des Paten

pro al & IKG – Gutachten
8
die Kinder von den Evaluatoren spezielle T-Shirts mit unterschiedlichen, gut sichtbar aufge-
druckten Ziffern.
Um sicherzugehen, dass durch das Experiment tatsächlich das gemessen wird, was als Ziel-
stellung des Projekts formuliert wurde, haben wir vorbereitend (unter Feldbedingungen) einen
Pretest mit einer eigens zu diesem Zweck akquirierten Probandengruppe durchgeführt. Unter
Berücksichtigung der Ergebnisse der umfangreichen Auswertung des Pretests wurde das Erhe-
bungsinstrument überarbeitet.
Das ca. 30- bis 40minütige Experiment wurde an zwei Untersuchungszeitpunkten (t
0
= vor der
Maßnahme, t
1
= ca. 16 Wochen nach t
0
) in einer Kindertagesstätte durchgeführt, in der im
Rahmen des Projekts zwei Patinnen im Jahr 2013 aktiv waren. Um sicherzustellen, dass even-
tuelle Veränderungen auf das Projekt zurückzuführen sind und nicht auf natürliche Entwick-
lungsprozesse, wurde das Experiment auch in einer Einrichtung durchgeführt, die nicht am
Projekt teilnahm (Experimental- und Kontrollgruppendesign). 15 Kinder in der Teilnehmer-Kita
und 11 Kinder in der Kontrollgruppen-Kita haben beide Erhebungswellen (t
0
, t
1
) durchlaufen.
An allen Erhebungen waren drei Personen beteiligt. Für die Durchführung des Experiments
wurden zwei Personen nichtdeutscher Herkunft – eine Japanerin (t
0
-Erhebung) sowie eine Chi-
lenin (t
1
-Erhebung) – in das Evaluationsteam eingebunden. Diese Mitarbeiterinnen (im Weite-
ren „Moderatorinnen“) wurden in einem eintägigen Workshop auf die didaktische, methodi-
sche und inhaltliche Umsetzung des Experiments vorbereitet. Wir haben sichergestellt, dass
das Experiment nicht zweimal von der gleichen Person durchgeführt wurde, da die Effekte
sonst auch das Ergebnis einer Vertrautheit mit der Moderatorin hätten sein können. Dieses
Vorgehen entspricht auch der Projektlogik, der zufolge es ja immer fremde Personen sein sol-
len, denen gegenüber die Kinder ein gewünschtes Verhalten (gemäß Handlungszielen) zeigen
sollen. Die beiden anderen Mitarbeiter des Evaluationsteams begleiteten das pädagogische
Experiment und führten eine Videoaufzeichnung des gesamten Ablaufs sowie eine teilneh-
mende Beobachtung durch.
Die Videoaufzeichnungen wurden mit der Analysesoftware Atlas.ti aufbereitet und ausgewer-
tet. Für diesen Zweck wurde ein Kategoriensystem entwickelt, dem dann die entsprechenden
Szenen aus dem Filmmaterial zugeordnet wurden. Insgesamt sind 7,5 h Filmmaterial ausge-
wertet worden. Im Folgenden wird der Ablauf des Experiments schematisch beschrieben.
Tabelle 1: Ablauf des Experiments mit Kita-Kindern
Phase
Impuls/Aktivität
Sozialform
Handlungsziel
Begrü-
ßung/
Einstieg
Kinder werden in Gruppen zu je 6
Personen eigeteilt; Kinder - sowie die
zuständige Erzieherin und ein Mitar-
beiter des Evaluatorenteams – sitzen
vor der Tür (des Raums, in dem das
Experiment stattfindet) und wurden auf
die Situation eingestellt, dass ein Gast
in der Kita ist, den sie kennenlernen
wollen. Den Kindern wurde gesagt,
HZ1.1: Die Kitakin-
der haben eine von
Ressentiments und
Vorurteilen unbelas-
tete Einstellung ge-
genüber Personen
unterschiedlicher
Herkunft

pro al & IKG – Gutachten
9
Phase
Impuls/Aktivität
Sozialform
Handlungsziel
dass der Gast erst einmal jedes Kind
begrüßen will und dass die Kinder
wiederum auch den Gast begrüßen
sollen, mit dem hierzulande üblichen
Handschlag. Jedes Kind betritt dann
einzeln den Raum, wird individuell
begrüßt und begrüßt den Gast*
Pro-
gramm
Gast/Moderatorin (M) sagt, warum sie
heute in der Kita ist*; wenn M dabei
ein paar Dinge über ihr Herkunftsland
erzählt und etwas über Kulturtechniken
erzählt (bspw. das Essen mit Stäbchen
im Falle der japanischen M), dann soll
M diese Technik auch einzeln mit je-
dem Kind probieren, zuvor jedoch
jedes Kind fragen, ob es dies auch
möchte*
…dann…
Auflockerung/Bewegung: M spielt mit
den Kindern „Stuhltanz“
…dann…
M erklärt den Kindern ein in Ja-
pan/Chile beliebtes Spiel (mit oder
ohne Spielutensil) auf Japa-
nisch/Spanisch (unterstützt durch Mi-
mik/Gestik) und spielt individuell mit
jedem Kind dieses Spiel – zuvor wird
jedes Kind gefragt, ob es dieses Spiel
mit der M spielen möchte*)
Im Falle der Teilnehmergruppe schließt
sich bei der t1-Erhebung jetzt ein Ge-
spräch zwischen M und den Kindern
über die Patin an; M ermuntert die
Kinder, ihr etwas über die Patin zu
erzählen - Könnt ihr mir darüber etwas
erzählen? Wie hieß sie denn? Wo kam
sie denn her? Was habt ihr denn ge-
meinsam gemacht? Was hat euch
denn dabei gefallen, könnt ihr euch
noch an besondere Sachen erinnern?
… dann in etwa so weiter: „Ihr habt
mir ja erzählt, die, die bei euch war,
kommt aus dem Land Polen. Was hat
euch denn [Name Patin] erzählt: Ist in
Sitzhalbkreis
Utensil (Kultur-
technik)
CD-
Radio/Musik-
CDs,
Ggf. Spieluten-
sil; Sozialform,
die das Spiel
erfordert
HZ2.2: Die Kita-
Kinder können sich
mit Personen ande-
rer Her-
kunft/Muttersprache
verständigen.
HZ2.2: Die Kita-
Kinder können sich
mit Personen ande-
rer Her-
kunft/Muttersprache
verständigen.
HZ2.1: Kita-Kinder
kennen Elemente
anderer Kulturen
(patenbezo-
gen)/MZ2: Kinder
sächsischer Kitas
wissen, dass sich
Kulturen unterschei-
den können.

pro al & IKG – Gutachten
10
Phase
Impuls/Aktivität
Sozialform
Handlungsziel
Polen etwas anders als hier?, könnt ihr
mir das erzählen?, was ist denn da
Besonderes?“
„Möchtest Du, dass [Name Patin] wie-
derkommt?“* (jedes Kind wird einzeln
befragt)
HZ.1.2: Kita-Kinder
sind in der Lage,
emotionale Verbun-
denheit zu Menschen
anderer Herkunft zu
entwickeln.
Ab-
schluss
M liest den Kindern eine Geschichte
ihrer Wahl (auf Deutsch) vor; M: „Vie-
len Dank, dass ihr so toll mitgemacht
habt. Als Dankeschön lese ich euch
noch eine Geschichte vor, ich habe
zwei dabei und ihr könnt euch eine
aussuchen“ => M bietet ein/e als ‚ty-
pisch deutsch‘ geltendes Mär-
chen/Geschichte und eines aus der
japanisches/chilenischen Kultur an,
dann soll jedes Kind einzeln befragt
werden: „Welche Geschichte möchtest
du lieber hören?“
Sitzhalbkreis
HZ2.3: Die Kinder
haben bleibendes
Interesse an Elemen-
ten anderer Kulturen
Bei den im Ablaufplan mit „*“ gekennzeichneten Elementen wurden die individuellen Reaktio-
nen der Kinder (Zustimmung/Ablehnung) auf die durch die Moderatorin gesetzten Stimuli er-
fasst, um bei jedem Kind Veränderungen im Rahmen des Vorher-Nachher-Vergleichs feststel-
len zu können.
Interviews mit Erzieherinnen und Eltern
Neben der Durchführung des pädagogischen Experiments wurden auch leitfadengestützte
Gruppen- und Einzelinterviews mit Mitarbeiterinnen aus 8 am Projekt teilnehmenden Kinder-
tagesstätten geführt. Im Rahmen der qualitativen Interviews wurden die Teilnehmerinnen zu
den Wirkungen bzw. Veränderungen befragt, die sie bei den Kindern durch den Pateneinsatz
wahrgenommen haben. Wir wollten wissen, wie der Einsatz der Patin in den Kindertagesstät-
ten organisiert war, welche Rolle das Thema (Herkunfts-) Kultur in der Arbeit des Paten mit den
Kindern gespielt hat und wie sich die Beziehung zwischen Paten und Kindergruppe über die
Zeit entwickelt hat. Zudem haben wir die Reaktion der Eltern auf das Patenprojekt erfragt (In-
terviewleitfaden im Anhang). Wir haben schließlich mit Eltern einer am Projekt teilnehmenden
Kita Interviewgespräche geführt und sie zum Austausch zwischen den Kindern und ihren Eltern
über die Aktivitäten mit der Patin, zur Wahrnehmung von Veränderungen bei den Kindern
sowie zu ihren gesamten Erfahrungen mit dem Patenprojekt befragt.

pro al & IKG – Gutachten
11
4. Empirische Ergebnisse
4.1
Leistungen des Projekts
Das Projekt „Interkulturelles Lernen in der Kindertagesstätte“ des Arbeit und Leben Sachsen
e.V. hat im Förderjahr 2013 30 Seminare zum Thema interkulturelles Lernen in den am Pro-
jekt teilnehmenden Kitas veranstaltet, davon fanden 15 Seminare mit Kita-Leitungen ein-
schließlich der Patinnen und Erzieherinnen der jeweiligen Kindertagesstätten sowie 15 Semina-
re mit Eltern der jeweiligen Einrichtungen statt. Zudem hat das Projekt vier Vernetzungstreffen
und 10 Patenqualifizierungen (davon 8 auf regionaler und zwei auf überregionaler Ebene)
durchgeführt. Der Output des Projekts ist als gut zu bewerten.
4.2
Wirkungen des Projekts
Mit Blick auf das Handlungsziel einer unbelasteten Einstellung zu herkunftsfremden Personen
(HZ1.1) wurde im Rahmen des pädagogischen Experiments geprüft, wie die Kita-Kinder sich
beim ersten Kontakt mit einer ihnen unbekannten Person verhalten. Den Kindern wurde unmit-
telbar vor Beginn des Experiments gesagt, dass ein Gast zu Besuch in der Kita ist, der sie gern
kennenlernen würde und den sie erst einmal begrüßen sollen. Dabei wurden die Kinder da-
rauf hingewiesen, dass sie es gelernt hätten, dass man sich hierzulande zur Begrüßung die
Hand gibt. Es wurde ihnen jedoch freigestellt, ob sie dies nun (gegenüber dem Gast) auch so
machen wollen. Gaben bei der ersten Erhebungswelle 4 von 15 Kindern (26,7%) der Experi-
mentalgruppe der fremden Person die Hand, erhöhte sich die Zahl bei der zweiten Erhebung
auf 9 von 15 (60%). Allerdings zeigt sich auch bei der Kontrollgruppe eine Verbesserung: ha-
ben in der ersten Welle 4 Kinder (33,3%) die Hand gegeben, so waren es in der zweiten Welle
7 Kinder (58,3%). Hinsichtlich dieses Elements wird im Vergleich der Teilnehmer- mit der Kon-
trollgruppe der Chi-Quadrat-Test nicht signifikant. D.h., dass es keinen Einfluss auf das
Handgeben hat, ob ein Kind zur Teilnehmer- oder Kontrollgruppe gehört. Aufgrund dieses
Ergebnisses kann die konstatierte Verbesserung bei der Experimentalgruppe nicht auf die
Maßnahme zurückgeführt werden. Unserer Ansicht nach ist die nachweisbare Veränderung in
beiden Gruppen auf einen Lerneffekt zurückzuführen, der durch das pädagogische Experiment
hervorgerufen wurde.

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pro al & IKG – Gutachten
12
Abbildung 2:
Begrüßung mit Handschlag (Angaben in Prozent)
In Bezug auf das Ziel, dass sich Kinder nach dem Wirken eines Paten in der Kita herkunfts-
gruppenübergreifend verständigen können (HZ2.2) konnte keine Verbesserung festgestellt
werden.
3
Bei den Kindern sollte sich die Veränderung darin zeigen, dass sie Sprachbarrieren
bei der Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten absichtlich nicht beachten. Um dieses Ziel zu
überprüfen, wurde den Kindern ein (hierzulande gut bekanntes und beliebtes) einfaches Spiel
in einer Fremdsprache (japanisch/spanisch), mimisch und gestisch unterstützt, erklärt. Dann
wurde jedes Kind gefragt, ob es dieses Spiel mit der fremden Person bzw. mit der Moderatorin
spielen möchte. Wollten dies in der Experimentalgruppe bei der ersten Erhebung 8 (53,3%)
von 15 Kindern, so waren es bei der zweiten Erhebung noch 7 von 15 (46,7%). Auch in der
Kontrollgruppe verringerte sich der Anteil der (mit)spielenden Kinder im Vergleich beider Er-
hebungswellen, von 9 von 12 (75%) auf 7 von 12 (58,3%).
Abbildung 3:
fremdsprachliche Verständigung (Angaben in Prozent)
3
Der T-Test für abhängige Stichproben ergab einen Wert p=0,167 n.s. bei der Experimentalgruppe, bei der
Kontrollgruppe p=0,1695 n.s..
26,7
33,3
60
58,3
73,3
66,7
40
41,7
0
20
40
60
80
100
120
Experimentalgruppe 1.
Erhebungswelle
Kontrollgruppe 1. Erhebungswelle
Experimentalgruppe 2.
Erhebungswelle
Kontrollgruppe 2. Erhebungswelle
Ja
Nein

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pro al & IKG – Gutachten
13
Das Ziel, emotionale Verbundenheit zu herkunftskulturell fremden Personen zu entwickeln
(HZ1.2), war in der Diskussion über die Projektziele eng auf die in der jeweiligen Kita tätige
Patin bzw. den Patin fokussiert; ebenso das Ziel, dass die Kinder über ausgewähltes Wissen
zur Herkunftskultur verfügen (HZ2.1). Im Rahmen des pädagogischen Experiments wurde
zwecks Überprüfung dieser Ziele in der 2. Erhebungswelle ein Gesprächskreis bzw. eine Ge-
sprächssituation geschaffen, in der die Moderatorin die Kinder auf den zurückliegenden Be-
such der Patin in der Einrichtung ansprach und sie bat, ihr darüber zu berichten. Die Modera-
torin hat nach dem Namen der Patin gefragt, woher bzw. aus welchem Land sie kam, was sie
miteinander gemacht haben, ob sie sich an Sachen erinnern können, die ihnen besonders
gefallen haben, ob im Herkunftsland der Patin etwas anders ist als hier und was sie über ihr
Land erzählt hat. Die Kinder konnten den Namen der Patin und das Herkunftsland nennen.
Sie haben angegeben, dass die Patin „eigentlich nur deutsch“ mit ihnen gesprochen hätte, in
geringem Umfang „polnisch“. Des Weiteren erinnerten sich die Kinder an äußere Merkmale
(„lockige Haare“, „braune Haare“). Inhaltswissen zu herkunftskulturellen Elementen oder ge-
meinsame Aktivitäten konnten die Kinder nicht berichten. Mit Blick auf die Operationalisierung
des Ziels "emotionale Verbundenheit mit der Patin" wurde jedes Kind in derselben Gesprächs-
runde gefragt, ob es möchte, dass die Patin wiederkommt. Knapp drei Viertel der befragten
Kinder bejahten diese Frage.
Abbildung 4:
Soll die Patin wiederkommen? (Angaben in Prozent)
53,3
75
46,7
58,3
46,7
25
53,3
41,7
0
10
20
30
40
50
60
70
80
ja
nein

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pro al & IKG – Gutachten
14
Mit dem Pateneinsatz in Kindertagesstätten verbindet sich schließlich das Ziel, bei den Kindern
ein nachhaltiges Interesse an fremden Kulturen zu wecken (HZ2.3). Dieser Zustand ist dann
erreicht, wenn die Kinder Neugier für Elemente anderer Kulturen artikulieren. Im Kontext unse-
res Experiments haben wir dieses Ziel in der Form überprüft, dass die Moderatorin den Kin-
dern als Dankeschön für ihre Beteiligung ein Märchen vorträgt. Die Kinder konnten zwischen
einem deutschen Märchen und einem aus der Herkunftskultur der Moderatorin wählen: Jedes
Kind wurde einzeln befragt, welche Geschichte es hören möchte. Ein nachhaltiges Interesse an
fremden Kulturen wird hier durch die Wahl des nicht-deutschen Märchens indiziert. Wiederum
wird hinsichtlich dieses Elements im Vergleich der Teilnehmer- mit der Kontrollgruppe der Chi-
Quadrat-Test nicht signifikant. Es hat also keinen Einfluss auf die Wahl des Märchens, ob ein
Kind zur Teilnehmer- oder Kontrollgruppe gehört.
Abbildung 5:
Wahl eines Märchens (Angaben in Prozent)
73,33
26,66
ja
nein
53,3
83,3
66,7
75
46,7
16,7
33,3
25
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
deutsch
nicht deutsch

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15
Im pädagogischen Experiment haben wir auch die Offenheit bzw. das Interesse der Kinder
gegenüber anderskulturellen Elementen getestet und sie mit Kulturpraktiken aus den Her-
kunftsländern der Moderatorinnen bekannt gemacht. Den Kindern (der Experimental- und
Kontrollgruppe) wurde in der ersten Erhebungswelle das Essen mit Stäbchen gezeigt und sie
wurden gefragt, ob sie das auch einmal probieren wollen. In der t1-Erhebung hat die Mode-
ratorin den Kindern der Teilnehmergruppe ein Instrument (Flöte) vorgestellt, das in lateiname-
rikanischen Indianerstämmen für rituelle Zwecke benutzt wird. Jedes Kind wurde gefragt, ob
es probieren möchte darauf zu spielen. Bei der Kontrollgruppe wurde statt der Flöte ein Kopf-
schmuck (Band) einer ranghohen Person einer südamerikanischen indigenen Gesellschaft ein-
gesetzt und es wurde gefragt, ob die Kinder es anlegen wollen. Erneut wird im Vergleich der
Teilnehmer- mit der Kontrollgruppe der Chi-Quadrat-Test nicht signifikant. Ob die Kinder eine
Kulturtechnik probieren wollten oder nicht, hing demzufolge nicht davon ab, ob sie zur Teil-
nehmer- oder Kontrollgruppe gehörten.
Abbildung 6:
Kulturtechnik probieren (Angaben in Prozent)
Die Auswertung des Gruppeninterviews mit Mitarbeiterinnen jener Kindertagesstätte, in der wir
das pädagogische Experiment durchgeführt haben, liefert Hinweise darauf, dass das Erreichen
der durch das Projekt anvisierten Ziele schon an grundlegenden Aspekten der Prozessqualität
scheitert. So spielte die kulturelle Herkunft sowie die Muttersprache bei der Arbeit der Patinnen
mit den Kindern kaum eine Rolle. Einzig die Landesflagge des Herkunftslandes der Patin wur-
de gemeinsam gezeichnet, und bei der Vermittlung von Sachwissen durch die Gruppenerzie-
herin wurden punktuell Begriffe in die Fremdsprache übersetzt. Themen waren Farben, Obst,
Gemüse, Tiere und Wochentage. Die Übersetzungen hätten die Kinder schon bald vergessen,
weil ein pädagogisches Konzept zur Verankerung des Gelernten fehlte. Schon das zu kleine
Zeitfenster der Patinnenpräsenz in der Kita mache eine nachhaltig wirksame Arbeit mit den
60
66,7
40
58,3
40
33,3
60
41,7
0
10
20
30
40
50
60
70
80
ja
nein

pro al & IKG – Gutachten
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Kindern aussichtslos;
4
dazu sei ein Umfang von 3 Besuchen pro Woche für mindestens 2
Stunden angemessen. Andere Interviewpartnerinnen bemängelten die kurze Laufzeit des Pro-
jekts; nachhaltiger wäre ein mindestens einjähriges Wirken einer Patin in einer Gruppe.
Eine Veränderung im Sinne einer generalisierten Neugier bzw. ein generalisiertes nachhaltiges
Interesse an fremden Kulturen, das auf die Anwesenheit der Patin/des Paten zurückgeführt
werden kann, konnte keine der Interviewpartnerinnen beobachten. Die Auswertung der Inter-
views ergibt, dass im Projektverlauf vor allem auf die Person der Patin bezogene Sympathien
entwickelt wurden; mit wenigen Ausnahmen waren die Kinder von den Patinnen begeistert.
Die Patinnen sind den Kindern überwiegend als Interaktionspartner beim Spielen oder ge-
meinsamen Basteln in Erinnerung.
Die Patinnen waren in den befragten Kitas einmal wöchentlich für 2 oder 3 Stunden präsent.
Da es bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung der Arbeit mit den Kindern keinerlei Standardi-
sierungen bzw. keine inhaltliche Vorgaben gab, war dies den Patinnen (und der Kita) selbst
überlassen. Wirft man nun einen Panoramablick auf die in den Einrichtungen durch die Patin-
nen umgesetzte Arbeit, ergibt sich eine Fülle heterogener Maßnahmen, bei denen die Vermitt-
lung von „Elementen anderer Kulturen“ nur eine punktuelle oder überhaupt keine Rolle spielt.
Hinsichtlich der durch das Projekt vorgenommenen Maßnahmenbeschreibung, dass die Patin-
nen in die normalen alltäglichen Abläufe in der Kindertagesstätte integriert sind (pädagogi-
sche Assistenz), ergibt die Auswertung der Interviews ein anderes Bild: Ihre Anwesenheit hatte
eher den Status des Besonderen und Außeralltäglichen, beispielsweise wenn eine Patin die
Kita-Kinder allein zum Zwecke des Einstudierens eines kleinen Bühnenstücks besucht oder
wenn sie eine (an der Einrichtung sonst nicht übliche) Vorschule einrichtet und für die Dauer
ihres Einsatzes Sachthemen mit den Kindern erörtert.
Mit Blick auf das Thema Offenheit gegenüber bzw. Sensibilisierung für Personen fremder Her-
kunftskulturen wiesen unsere Interviewpartnerinnen darauf hin, dass die Kita-Kinder den Um-
gang mit Personen nichtdeutscher Herkunft gewohnt sind. Denn (fast) alle Einrichtungen wer-
den auch von Kindern besucht, deren Eltern oder Großeltern einen Zuwanderungshintergrund
haben. Hinsichtlich der Bedeutung des Patenprojektes für Eltern der Kita-Kinder ergibt die
Auswertung unserer Gespräche mit den Erzieherinnen, dass es – nachdem das Projekt auf
Elternabenden vorgestellt wurde und dort auf breite Zustimmung bei den Eltern traf – im Pro-
jektverlauf insgesamt auf ein eher bescheidenes Interesse stieß. In den Elterninterviews wurde
diese Wahrnehmung bestätigt: Bei der Vorstellung waren die Eltern gegenüber dem Patenpro-
jekt äußerst eingestellt. Hinsichtlich des Verlaufs des Projektes bzw. hinsichtlich seiner Inhalte
sei jedoch nichts zu Hause angekommen (Elterninterview). Die konkreten Abläufe hinsichtlich
des Pateneinsatzes waren den Eltern überwiegend nicht bekannt. Mit Blick auf die Frage, ob
die Eltern bei ihren Kindern Veränderungen wahrgenommen haben, die sie auf das Wirken
4
Die Patinnen waren einmal wöchentlich für ca. 2 Stunden in der Kita. In der hier interessierenden Kita war das
aber nicht regelmäßig der Fall, oft wurde der Besuch kurzfristig abgesagt. Die Enttäuschung über die Unzuver-
lässigkeit der Patinnen wog umso schwerer, als die Kita eine zusätzliche Vereinbarung mit den Patinnen getrof-
fen hatte, die eine Präsenz von 2 Tagen in der Einrichtung vorsah, zu der es schließlich aber nicht gekommen ist.
Für die häufigere Präsenz hatte die Kita sogar zusätzliche Honorarmittel bereitgestellt.

pro al & IKG – Gutachten
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der Patin in der Kita zurückführen würden, wurden keine Veränderungen berichtet. In diesem
Zusammenhang wiesen die Eltern darauf hin, dass das Thema Interkulturalität kein Neuland
darstellt, das erst mit dem Patenprojekt betreten worden wäre. Vielmehr seien andere Kulturen
auch schon vor der Umsetzung des Patenprojekts ein Thema gewesen, etwa im Zusammen-
hang mit Kita-Kindern, die einen Zuwanderungshintergrund haben und deren Herkunftskultu-
ren in der pädagogischen Arbeit aufgriffen worden sei.
Mit Blick auf die Erforschung von Vorurteilen in der frühen Kindheit kommt Aboud in ihrer Me-
tastudie, in der sie kognitionspsychologische Studien zu Vorurteilstrukturen bei Kindern aus-
wertet, zu dem Schluss, dass die Vorurteilsentwicklung entscheidend vom kognitiven Entwick-
lungsstand beeinflusst wird (Aboud 1988; auch Holmes 1995). Gemäß ihrer Entwicklungsthe-
orie sind Kinder bis zu einem Alter von 7 Jahren aufgrund eines eingeschränkten kognitiven
Entwicklungsstandes unhintergehbar vorurteilsbehaftet, da ihre in dieser Altersspanne bipolar
strukturierten Denkmuster strukturelle Homologien zu vorurteilsvollem Denken aufwiesen. Im
Verlauf der weiteren Entwicklung bzw. des Grundschulalters kommt es Aboud zufolge auf-
grund zunehmender kognitiver Fähigkeiten zu einem Rückgang von Vorurteilen. Das Abklin-
gen von Vorurteilen im Grundschulalter wird auf gestiegene kognitive Fähigkeiten zurückge-
führt, die es Kindern ermöglichen, immer mehr Informationen für die Beurteilung von fremden
Gruppen aus ihrer Umwelt zu entnehmen. Kontakte mit Personen fremder Herkunft bieten
dann die Gelegenheit, diese gesteigerten kognitiven Fähigkeiten auch einzusetzen. Interventi-
onsbezogen empfiehlt die Entwicklungspsychologie, zunächst den Entwicklungsstand eines
Kindes zu berücksichtigen und „Kontaktmöglichkeiten in der späten Kindheit [9-12 Jahre; d.
Verf.] [zu] schaffen (Raabe/Beelmann 2009: 132), denn (erst) hier „weisen Kinder die kogniti-
ven Fähigkeiten auf, um hinreichend viele Unterschiede zwischen Fremdgruppenmitgliedern
wahrzunehmen“ (ebd.).
Kinder sind ab ca. 4 Jahren in der Lage, Gruppenbezeichnungen mit positiven oder negativen
Bewertungen, die sie aus ihrer sozialen Nahwelt übernehmen, zu verbinden, ohne allerdings
inhaltliches Wissen über die Gruppen zu besitzen. Hinsichtlich der in ihrer sozialen Umwelt
wirksamen Gruppenkategorisierungen leiten Kinder dann Annahmen über Eigenschaften der
Fremdgruppe ab. Negative Einstellungen werden aber nicht nur mithilfe der sozialen Umwelt
erlernt, indem sie Kinder mit Gruppenkategorien samt deren Bewertung versorgt, sondern
können allein durch die bloße Sichtbarkeit des Fremden ausgelöst werden: 5- bis 7-Jährige
lehnen Personen, die hinsichtlich äußerlich wahrnehmbarer Attribute der eigenen deutlich un-
ähnlich sind, stärker ab als in anderen Entwicklungsstadien.
Diese entwicklungs- und kognitionspsychologischen Hinweise sind bezüglich der durch das
Projekt verfolgten Ziele wichtig: dass Kinder in diesem Alter Inhaltswissen zu anderen Kulturen
im Gedächtnis verankern und Abstraktions- und Reflexionsleistungen vollbringen, ist unwahr-
scheinlich (auch in unseren Test konnten die Probanden kein inhaltliches Wissen artikulieren).
Ebenso unwahrscheinlich ist, dass die Kinder Kulturen vergleichen und dadurch Unterschiede
und Gemeinsamkeiten (Abschlussinterview mit dem Projekt) zwischen Kulturen entdecken. Fer-
ner ist nicht erwartbar, dass Kinder dann dieses Wissens zur Grundlage der Anerkennung des

pro al & IKG – Gutachten
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kulturell Anderen machen. Denn erst mit ansteigenden kognitiven Fähigkeiten „erkennen Kin-
der zunehmend, dass einige Mitglieder der fremden Gruppe durchaus Ähnlichkeiten mit ihnen
aufweisen, wohingegen Personen mit derselben Gruppenzugehörigkeit hinsichtlich vieler
Merkmale unterschiedlich sind“ (Raabe/Beelmann 2009: 119).
4.3
Zusammenfassung
Unter Berücksichtigung der Projektkosten in Höhe von 83.333,33 Euro, wovon 75.000 Euro
aus Mitteln des Landesprogrammes bestritten werden, ist der Output des Projekts – die Ausbil-
dung und Begleitung der Patinnen sowie die Seminarveranstaltungen für Mitarbeiterinnen der
teilnehmenden Kindertagesstätten – als akzeptabel zu bezeichnen. Es geht hier um ein länger-
fristiges Engagement der Patinnen in den Kindereinrichtungen. Für die Zielgruppe Kita-Kinder
wird durch den regelmäßigen wöchentlichen Einsatz der Patinnen insgesamt eine hohe Konti-
nuität des Angebots gewährleistet. Der Pateneinsatz stößt auf eine hohe Akzeptanz, die Erzie-
herinnen sprechen (mit wenigen Ausnahmen) von einer „Bereicherung“, die das Projekt den
Kitas gebracht hätte. Positiv zu würdigen ist, dass das Projekt neue Erfahrungsmöglichkeiten
für Kinder schafft. Die Angebote der Patinnen lösten bei den Kindern (und auch bei den Erzie-
herinnen) überwiegend Begeisterung aus.
Die vom Projekt angestrebten Wirkungen wurden größtenteils nicht erreicht. Weder können
Verbesserungen bezüglich verringerter Ressentiments beziehungsweise Vorurteile (HZ1.1), die
auf die Maßnahmen des Projekts zurückzuführen sind, nachgewiesen werden noch verbesserte
Fähigkeiten zur Verständigung mit Personen anderer Herkunft (HZ2.2). Auch kennen die Kin-
der keine Elemente anderer Kulturen (HZ2.1) und es ist auch keine bleibendes Interesse an
Elementen anderer Kulturen (HZ2.3), das durch die Projektmaßnahmen bewirkt würde, fest-
stellbar. Drei viertel der Kinder fühlen sich nach Beendigung der Projektmaßnahme der Patin
verbunden (HZ1.2); dieses Ziel gilt als erreicht.
Aus Sicht der wissenschaftlich Begleitung hat das Projekt kein Präventionspotenzial und ist we-
der aus theoretischen noch empirischen Gründen geeignet, die erhofften Ergebnisse zu errei-
chen.
Unabhängig davon, dass sich in unserer Untersuchung die vom Projekt angestrebten Wirkan-
nahmen nicht bestätigt haben, bietet früh ansetzende Prävention grundsätzlich Potenzial; je-
doch auf anderem Wege als den, den das Projekt beschreitet. Positiv ist in diesem Zusam-
menhang etwa zu erwähnen, dass das Projekt Schritte in Richtung einer stärkeren Betonung
von teilhabe- und mitbestimmungspädagogischen Elementen unternimmt und in die Akquise-
gespräche mit Vertretern von Kindertagesstätten einbringt. Denkbar ist in diesem Zusammen-
hang, dass die Erfahrungen aus einem Projekt zur Demokratieentwicklung in Kitas, das im
selben Trägerverein angesiedelt ist, zu Fortbildungsworkshops entwickelt werden. Hier sind
strukturelle soziale Innovationen möglich wie etwa die (Neu-) Gestaltung der Mitbestimmung
durch Kinder oder die Begleitung organisatorisch-institutioneller Prozesse in Kindertagesstät-
ten. Für den Fall, dass das Projekt neue Zielgruppen erschließen und etwa Kulturkontakte für

pro al & IKG – Gutachten
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Grundschulkinder schaffen möchte (wofür es hinsichtlich des sozial-kognitiven Entwicklungs-
stands bzw. entwicklungstheoretisch gute Gründe gibt), sollte es die Reichweite seines bisher
praktizierten Formats – eine Patin für eine Gruppe von Kindern – kritisch überdenken. Wahl,
Ottinger-Gaßebner, Kleinert und Renninger weisen darauf hin, dass sich Kinder in ihren emo-
tionalen sozialen und kognitiven Kompetenzen voneinander unterscheiden und daher „prä-
ventive Maßnahmen auf das Individuum zugeschnitten werden [müssen], statt sich nur kollektiv
an Gruppen zu wenden“ (2005: 66). Da Familie die primäre Sozialisationsinstanz von Kindern
ist, sollte auch überlegt werden, wie Eltern – die gemäß der Problembeschreibung des Pro-
jekts ja gerade die Problemklientel sind – mit angemessenen Formaten erreicht werden kön-
nen. Da der „Familie bei der Entwicklung fremdenfeindlicher Orientierungen besondere Be-
deutung zu[kommt]“ (Rieker 2007: 38), kann Präventionsarbeit sinnvoll bei Eltern ansetzen.
5. Literatur
Aboud, F.E. (1988): Children an prejudice. New York: Blackwell Publisher.
Bründel, H./ Hurrelmann, K. (1996): Einführung in die Kindheitsforschung. Weinheim und
Basel: Beltz.
Holmes, R.M. (1995): How Young Children Perceive Race. Thousand Oaks, CA: Sage Publica-
tions.
Raabe, T./Beelmann, A. (2009): Entwicklungspsychologische Grundlagen. In: A. Beelmann
und K. Jonas (Hrsg.): Diskriminierung und Toleranz: Psychologische Grundlagen und An-
wendungsperspektiven. Wiesbaden: VS, S. 113-135.
Rieker, P. (2007): Fremdenfeindlichkeit und Sozialisation in Kindheit und Jugend. In: Aus Poli-
tik und Zeitgeschichte. Heft 37, S. 31-38.
Wahl, K.; Ottinger-Gaßebner, M.; Kleinert, C.; Renninger, S.-V. (2005): Entwicklungs- und
Sozialisationsbedingungen für Toleranz. In: Bertelsmann-Stiftung, Bertelsmann Forschungs-
gruppe Politik (Hrsg.), Strategien gegen Rechtsextremismus. Band 1: Ergebnisse der Recher-
che, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, S. 16-79.