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____________________________________________________________________________________________________
Universität Bielefeld
■ Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
■ Postfach 10 01 31
■ 33501 Bielefeld
proVal
■ Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Analyse, Beratung und Evaluation
■ Hildesheimer Str. 265-267
■ 30519 Hannover
Abschlussbericht
zur Evaluation des Landesprogramms
„Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“
im Auftrag
des Sächsischen Staatsministeriums des Inneren
vorgelegt durch die
Bietergemeinschaft
proVal – Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Analyse, Beratung und Evaluation
&
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld
proVal GbR Hannover
Projektleitung und Berichtslegung:
PD Dr. Rainer Strobl & Dr. Olaf Lobermeier
Projektmitarbeit und Berichtslegung:
Dr. Jana Klemm
Universität Bielefeld
Projektleitung:
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
Projektmitarbeit und Berichtslegung:
Dr. Alexander Mewes
Hannover und Bielefeld
Juni 2014
IKG

pro al & IKG – Abschlussbericht
2
Inhalt
Teil I
Überblick über die Evaluation des Programms sowie über die Ergebnisse der
Wirkungsanalysen und des Coachings
1. Zusammenfassung ........................................................................................................ 3
2. Einleitung ...................................................................................................................... 5
3. Der Evaluationsansatz .................................................................................................... 8
3.1 Systematik und Ablauf der Evaluation auf der Programmebene ................................ 8
3.2 Systematik und Ablauf der Evaluation auf der Projektebene .................................... 10
3.2.1
Monitoring .............................................................................................. 11
3.2.2
Wirkungsevaluation ................................................................................. 12
3.3 Verfahren der Bewertung ..................................................................................... 13
3.4 Metaevaluation .................................................................................................... 16
4. Ergebnisse der Programmevaluation ............................................................................. 17
4.1 Weiterentwicklung von Förderkriterien und Optimierung der Konzeptqualität des
Landesprogramms ............................................................................................... 17
4.2 Strukturen und Strukturqualität des Landesprogramms ........................................... 24
4.2.1
Kooperationsbeziehungen zwischen den geförderten Projekten und ihren
Trägern .................................................................................................. 24
4.2.2
Regionale Verteilung der geförderten Projekte ........................................... 32
4.2.3
Die Programmumsetzung aus der Sicht der Projektverantwortlichen............ 35
4.3 Umsetzung des Landesprogramms ....................................................................... 38
4.3.1
Zielgruppen und Zielgruppenerreichung ................................................... 40
4.3.2
Maßnahmen zur Zielerreichung................................................................ 43
5. Empfehlungen für die weitere Gestaltung des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen
für Demokratie und Toleranz“ ...................................................................................... 49
Literatur ........................................................................................................................... 52

pro al & IKG – Abschlussbericht
3
Teil I Überblick über die Evaluation des Programms
sowie über die Ergebnisse der Wirkungsanalysen
und des Coachings
1. Zusammenfassung
Das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ ist ein wichtiges
Instrument, um Projekte und Initiativen, die sich für eine demokratische Kultur einsetzen, zu
unterstützen und zu fördern. Auf diesem Wege trägt es dazu bei, extremistischen Tendenzen in
Sachsen entgegenzuwirken. Um das Landesprogramm konsequent auf Wirksamkeit auszurich-
ten, wurden die Konzept- die Struktur- die Prozess- und die Ergebnisqualität sowohl auf der
Programm- als auch auf der Projektebene in einem umfangreichen, wirkungszentrierten Eva-
luationsprozess analysiert. Mit Blick auf die Konzeptqualität wurden in einem Workshop mit
den Programmverantwortlichen spezifische Wirkungsziele formuliert, die eine Grundlage für
die Ausrichtung des gesamten Landesprogramms auf nachhaltige Wirksamkeit bilden können.
Dabei ist die Fokussierung der Ziele auf eine Verhaltensänderung bei relevanten Zielgruppen
ein Gesichtspunkt, der bei der Weiterentwicklung des Landesprogramms besonders berück-
sichtigt werden sollte.
Hinsichtlich der Strukturqualität zeigt die durchgeführte Netzwerkanalyse, dass sich das Lande-
sprogramm bei der Umsetzung auf eine Gruppe angesehener Projektträger stützen kann, die
in der Regel schon etliche Jahre im Rahmen des Programms aktiv sind. Allerdings gibt es auch
Projekte, die noch nicht ausreichend in Kooperationsprozesse eingebunden sind. So gibt es
insgesamt eine hohe Zahl an gewünschten, aber noch nicht realisierten Kooperationsbezie-
hungen. In diesem Zusammenhang könnte die Veranstaltung einer jährlichen Fachtagung
dazu beitragen, gewünschte Kooperationsbeziehungen aufzubauen.
Durch die aktuelle Förderpraxis ist es gelungen, lokal und regional arbeitende Projekte in al-
len Landkreisen Sachsens zu verankern. Viele dieser Projekte arbeiten dort, wo Schwerpunkte
des Rechtsextremismus identifiziert wurden. Die geförderten Projekte fühlen sich in der Regel
von den Programmverantwortlichen beim LPR und bei der SAB gut unterstützt. Die äußerten
allerdings den Wunsch nach mehr Anerkennung und Wertschätzung für die geleistete Projekt-
arbeit. Auch diesem Wunsch könnte man im Rahmen der erwähnten Fachtagung entgegen-
kommen.
Unsere Analyse der Umsetzung des Landesprogramms durch die Projekte zeigt zunächst, dass
die Tätigkeitsschwerpunkte der Projekte gut mit den Vorgaben der Förderrichtlinie überein-
stimmen. Bei den Zielgruppen der Projekte fällt allerdings eine starke Ausrichtung auf Kinder
und Jugendliche auf, die in einem gewissen Spannungsverhältnis zu der Erkenntnis steht, dass
Rechtsextremismus kein reines Jugendproblem ist und rechtsextremistische und fremdenfeindli-
che Einstellungen bei Erwachsenen und älteren Menschen zum Teil deutlich stärker ausgeprägt
sind als bei Jugendlichen.

pro al & IKG – Abschlussbericht
4
Die mit den Programmverantwortlichen erarbeiteten Ziele wurden auch den Projekten vorge-
legt. Viele Projekte zeigten sich überzeugt, diese Ziele mit den von ihnen eingesetzten Maß-
nahmen zumindest teilweise erreichen zu können. Bei den angegebenen Maßnahmen handel-
te es sich allerdings oft um verschiedene Formen der Wissensvermittlung, mit denen die in
etlichen Zielen angesprochenen Verhaltensänderungen kaum zu erreichen sind. Die Angaben
dokumentieren zum einen, dass zum Teil unrealistische Erwartungen an die Wissensvermitt-
lung geknüpft werden und zeigen zum anderen, dass Voraussetzungen und Bedürfnisse der
Zielgruppen oft zu wenig berücksichtigt werden.
Die Ergebnisse der Wirkungsanalysen auf der Projektebene unterstreichen diese Problematik.
So konnten wir nur ein Projekt ohne Modifikationen zur Weiterförderung empfehlen. Dieses
Projekt verfolgt den vielversprechenden Ansatz, über die Beratung und Begleitung engagierter
Akteure vor Ort partizipative Angebote für Jugendliche zu schaffen. Sieben Projekte sind nach
unseren Ergebnissen grundsätzlich geeignet, positive Veränderungen zu bewirken. Die not-
wendigen Modifikationen betreffen meist Maßnahmen, um das gelernte Wissen einzuüben
und im Gedächtnis zu verankern und bestimmte Verhaltensweisen zu erproben oder zu trai-
nieren. Ferner müssen bei einzelnen Projekten die Voraussetzungen und Bedürfnisse der Ziel-
gruppe stärker berücksichtigt und die Maßnahmen stärker auf die Lebenswirklichkeit der Ziel-
gruppe zugeschnitten werden. Auch die Auswahl der Zielgruppe nach Zugänglichkeit ist des
Öfteren ein Problem. Hier muss künftig der Bedarf bzw. die Problembelastung im Vordergrund
stehen. Bei den drei nicht als förderwürdig eingestuften Projekten sind die vom Projekt ange-
strebten Ziele auch durch Modifikationen des Projektkonzeptes nicht zu erreichen. In diesen
Fällen muss ein völlig neues Konzept entwickelt werden.
Erstmals wurde im Landesprogramm auch ein Coaching angeboten. Die Form des Coachings
war darauf ausgerichtet, Projekte bei der Entwicklung und Umsetzung wirksamer Projekte zu
unterstützen. Deshalb bildete ein Workshop, der von einem Wissenschaftler des Evaluations-
teams geleitet wurde, jeweils den Auftakt des Coachingprozesses. Im Rahmen dieses Work-
shops wurde die Konzeptqualität des jeweiligen Projektes analysiert und eine Explikation der
Projektziele durchgeführt. Praktiker der Aktion Zivilcourage haben das Projekt dann bei der
Umsetzung der Maßnahmen beraten und unterstützt. Grundsätzlich halten wir dieses Vorge-
hen nach wie vor für wegweisend. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass etlichen Projekten die
strukturellen Voraussetzungen fehlten, um von dem angebotenen Coachingprozess profitieren
zu können. Um solche Projekte zu unterstützen, muss daher eine andere Form des Coachings
angeboten werden, bei der es vor allem um Organisations- und Teamentwicklung geht.
Insgesamt bleibt festzustellen, dass das Land Sachsen mit dem Landesprogramm auf einem
guten Weg hin zu einer evidenzbasierten Präventionsarbeit ist. Jetzt gilt es, die wissenschaftli-
chen Evaluationsergebnisse für die Steuerung des Landesprogramms zu nutzen. Wenn es ge-
lingt, das Programm konsequent auf Wirksamkeit auszurichten, dann dürfte Sachsen zum Vor-
reiter bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und bei der Stärkung einer demokra-
tischen Kultur werden.

pro al & IKG – Abschlussbericht
5
2. Einleitung
Nach der Wahl zum 4. Sächsischen Landtag haben die Christlich-Demokratische Union
Deutschlands und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Koalitionsvertrag verein-
bart, ein Programm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit im Freistaat Sachsen zu initiie-
ren. Das Engagement für Demokratie und Toleranz wird auch in der 5. Legislaturperiode
durch die Koalition aus CDU und FDP fortgeführt. Gemäß der aktuellen Richtlinie können Pro-
jekte und Maßnahmen gefördert werden, die
a) „Extremismus, insbesondere Rassismus und Antisemitismus, in unserer Gesellschaft abbau-
en helfen,
b) demokratische Werte stärken, demokratische Handlungskompetenzen fördern sowie bür-
gerschaftliches Engagement motivieren,
c) Toleranz und Akzeptanz unterschiedlicher religiöser, kultureller, ethnischer Zugehörigkeiten
oder sexueller Orientierungen fördern und stärken,
d) zum interkulturellen und interreligiösen Austausch beitragen,
e) Opfer von Gewalt qualifiziert beraten und unterstützen,
f) Multiplikatoren und Fachkräfte ausbilden, fortbilden und deren Arbeit inhaltlich und me-
thodisch betreuen,
g) zu einem lokal oder regional vernetzten Gemeinwesen unter Beteiligung maßgeblicher
staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen sowie relevanter Akteure beitragen,
h) durch beratende und wissenschaftliche Begleitung von Maßnahmen eine nachhaltige Ent-
wicklung innovativer Handlungskonzepte initiieren“ (FördRL WOS vom 1. März 2011, S. 1).
Vor allem sollen solche Projekte und Maßnahmen gefördert werden, die an den lokalen und
gemeinwesenorientierten Erfordernissen ausgerichtet und in regionale Netzwerke eingebun-
den sind (vgl. FördRL WOS vom 1. März 2011, S. 1).
Die von der Bietergemeinschaft als Zusatzleistung erstellte Expertise zur Gruppenbezogenen
Menschenfeindlichkeit in Sachsen belegt die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit al-
len Formen der Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen. Die Ergebnisse beruhen
auf einer Sonderauswertung der Jahre 2008 – 2011 im Rahmen der vier zuletzt durchgeführ-
ten repräsentativen Bevölkerungsumfragen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
(GMF-Surveys). Die Teilstichprobe umfasst 800 sächsische Männer und Frauen, die zum Be-
fragungszeitpunkt mindestens 16 Jahre alt waren. Viele der befragten Sachsen waren bereit,
menschenfeindlichen Einstellungen zuzustimmen. So waren beinahe zwei Drittel (62,3 %) der
Ansicht, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben und gut 37 % stimmten der Aussage zu,
dass in Deutschland lebende Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollten, wenn
Arbeitsplätze knapp werden. Immerhin etwa 17 % der Sachsen vertraten die Meinung, Weiße
seien zu Recht führend in der Welt. Ebenso viele stimmten dem klassisch antisemitischen Vor-
urteil zu, Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss. 31 % waren der Ansicht, dass Muslimen
die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. 44 % sprachen sich dafür aus,
bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen zu entfernen und ein Zehntel fand viele For-

pro al & IKG – Abschlussbericht
6
derungen von Behinderten überzogen. Schließlich meinten 38 %, dass diejenigen, die schon
immer hier gewohnt haben, mehr Rechte als später Zugezogene haben sollten. Für die Aus-
richtung des Landesprogramms sind insbesondere auch die Ergebnisse der differenzierten
Auswertungen wichtig. Sie zeigen unter anderem, dass ältere sächsische Befragte fremden-
feindlicher, rassistischer, antisemitischer, islamfeindlicher, homophober und sexistischer einge-
stellt sind als jüngere. Außerdem werten sie Behinderte und Obdachlose stärker ab. Die be-
fragten Sachsen mit niedrigem Bildungsstand haben fast durchgängig höhere durchschnittli-
che Zustimmungswerte zu Elementen der GMF als jene mit hoher Bildung. Ferner zeigen die
Ergebnisse, dass Bewohner ländlicher Gegenden eher zur Abwertung von schwachen Grup-
pen neigen als Bewohner größerer Gemeinden und vor allem großer Städte. Demzufolge
muss das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ jungen Män-
nern mit niedrigem Bildungsstand, älteren Menschen, die ihre abwertenden Einstellungen und
Vorurteile unter Umständen an nachfolgende Generationen weitergeben, und ländlichen Re-
gionen besondere Aufmerksamkeit widmen (vgl. Beckmann 2012, S. 3 f.).
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die oben genannten Ziele und Förderkriterien, dann
fällt auf, dass der Freistaat Sachsen den Fokus vor allem auf die Sichtbarkeit und Attraktivität
einer demokratischen Kultur legt. Unsere Forschungs- und Evaluationsergebnisse belegen,
dass dieser Ansatz prinzipiell geeignet ist, rechtsextremistische Aktivitäten und fremdenfeindli-
che und intolerante Einstellungen einzudämmen (vgl. Heitmeyer/Strobl/Lobermeier/Unzicker/
Wiebke 2008; Strobl/Würtz/Klemm 2003; Lynen von Berg/Palloks/Steil 2006). Allerdings darf
dabei der Bezug zu Problemen wie dem oben dargestellten Syndrom der Gruppenbezogenen
Menschenfeindlichkeit nicht verlorengehen. Ohne eine klare Problemdefinition und ohne ei-
nen eindeutigen Problembezug kann von jeder beliebigen Maßnahme, die in irgendeinem
Zusammenhang zum Themenfeld der demokratischen Kultur steht, ein präventiver Effekt im
Sinne der Ziele des Landesprogramms behauptet werden. Da die verfügbaren Ressourcen
begrenzt sind, muss an dieser Stelle außerdem genau geklärt werden, welche Zielgruppen
vorrangig in den Genuss der Maßnahmen kommen sollen. Wenn Zielgruppen nicht aufgrund
ihrer besonderen Problemlagen oder ihres besonderen Förder- und Unterstützungsbedarfes,
sondern einfach nach Zugänglichkeit ausgewählt werden, laufen auch prinzipiell wirksame
Maßnahmen ins Leere. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die klare Unterscheidung
zwischen einer generalpräventiven und einer individualpräventiven Strategie. Bei der positiven
Generalprävention geht es vor allem um die Stärkung demokratischer Werte und Normen in
konkreten sozialen Kontexten. Für diese Aufgabe müssen einflussreiche, interessierte und en-
gagierte Akteure gewonnen und in der Regel fortgebildet und unterstützt werden (vgl.
Strobl/Klemm/Würtz 2005). Die positive Individualprävention ist dagegen darauf ausgerichtet,
rechtsextreme Einstellungs- und Verhaltensmuster bei bestimmten Zielgruppen zu verhindern
und einem Abgleiten in rechtsextreme Szenen zuvorzukommen.
An dieser Stelle muss betont werden, dass für eine generalpräventive Strategie im Sinne der
Stärkung einer demokratischen Kultur andere theoretische Voraussetzungen gelten, andere
Zielgruppen angesprochen werden müssen und andere Maßnahmen erforderlich sind als für
eine individualpräventive Strategie. Theoretische Bezugspunkte einer generalpräventiven Stra-

pro al & IKG – Abschlussbericht
7
tegie sind vor allem die Aktivierungstheorie (vgl. z.B. Strobl/Würtz/Klemm 2003; Strobl/
Klemm/Würtz 2005), die Konflikttheorie (vgl. z.B. Coser 1956; Messmer 2003) sowie die Rati-
onal Choice Theorie (vgl. z.B. Esser 1990). Naheliegende Zielgruppen sind Menschen in
Schlüsselpositionen, Funktionsträger, (kommunale) Verantwortungsträger und jugendliche und
erwachsene Multiplikatoren. Eine individualpräventive Strategie wird sich dagegen eher auf
die Desintegrationstheorie (vgl. z.B. Anhut/Heitmeyer 2000), die Anomietheorie (vgl. z.B. Mer-
ton 1968), die Autoritarismustheorie (vgl. z.B. Adorno 1973; Oesterreich 2000), die Depriva-
tionstheorie (vgl. z.B. Runciman 1966; Gurr 1970) oder auch die Bindungstheorie (vgl. z.B.
Hopf 2005) stützen und sollte sich auf Personen konzentrieren, bei denen problematische
Tendenzen erkennbar sind (vgl. auch Lobermeier/Strobl/Klemm/Mewes 2013b, S. 14). Die
unzureichende Unterscheidung zwischen beiden Vorgehensweisen ist eine ernsthafte Bedro-
hung der Effektivität der durchgeführten Maßnahmen.
Mit Blick auf die oben genannten Eckpunkte hat die wissenschaftliche Evaluation drei zentrale
Aufgaben bearbeitet:
1. Auf der Programmebene wurde untersucht, inwieweit die in der Förderrichtlinie genannten
Förderkriterien ausreichen, um über die Steuerung des Programms positive Veränderungen
im Sinne der Programmziele zu gewährleisten. Unsere Vorschläge zur Weiterentwicklung
der Förderkriterien basieren auf einer Explikation und Konkretisierung der Programmziele
und beziehen unsere Evaluations- und Forschungsergebnisse zum Landesprogramm eben-
so ein wie die einschlägige Forschungslage und Evaluationsergebnisse zu Förderprogram-
men mit ähnlicher inhaltlicher Ausrichtung.
2. Auf der Projektebene wurde analysiert, inwieweit die eingesetzten Maßnahmen geeignet
sind, um nachhaltige Wirkungen sicherzustellen. Ferner wurden Ansatzpunkte für eine Ver-
besserung der Wirksamkeit identifiziert.
3. In Zusammenarbeit mit Praktikern wurde ein Coaching zur Entwicklung und Unterstützung
ausgewählter Projekte umgesetzt.
Der vorliegende Abschlussbericht zur Evaluation des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen
für Demokratie und Toleranz“ gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil greifen wir auf der Pro-
grammebene noch einmal die Frage nach den Voraussetzungen für ein nachhaltig wirksames
Landesprogramm auf und diskutieren vor dem Hintergrund unserer Evaluationsergebnisse
Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung und Optimierung. Dabei konzentrieren wir uns auf
die drei zentralen Dimensionen Konzept-, Struktur- und Prozessqualität. Mit Blick auf die Kon-
zeptqualität analysieren wir die inhaltliche Ausrichtung des Landesprogramms und seiner För-
derrichtlinie. Unter Bezug auf die Strukturqualität untersuchen wir die Orientierung der För-
derpraxis an der regionalen Bedarfslage sowie die Vernetzung der geförderten Projekte und
die Programmsteuerung. Bei der Prozessqualität richten wir unser Augenmerk auf die Ziel-
gruppen der geförderten Projekte und auf die Maßnahmen, die von den Projekten zur Errei-
chung der Programmziele eingesetzt werden. Der vorliegende Berichtsteil schließt mit einem
Überblick über die Ergebnisse der Wirkungsanalysen und der Coachings.

pro al & IKG – Abschlussbericht
8
Im zweiten Teil dieses Abschlussberichts werden die Ergebnisse der Wirkungsanalysen diffe-
renziert dargestellt. Die Gutachten zu den einzelnen Projekten sind so aufgebaut, dass sie je-
weils auch ohne Kenntnis der anderen Berichtsteile gelesen werden können. Im Hinblick auf
die Strukturqualität haben wir insbesondere die Ressourcen- und die Zeitplanung der Projekte
in den Blick genommen. Darüber hinaus haben wir die Leistungen bewertet, die mit den zur
Verfügung gestellten Ressourcen erbracht wurden. Zur Reflexion des eigenen Vorgehens ha-
ben wir die Projekte um die Durchführung einer Stärken-Schwächen-Analyse gebeten. Diese
Ergebnisse bildeten die Grundlage für unsere Analysen zur Prozessqualität. Die Wirkungen der
Projektmaßnahmen bei den Zielgruppen wurden mit einem auf das jeweilige Projekt zuge-
schnittenen Evaluationsdesign überprüft.
Im dritten Teil des Berichts werden drei von uns entwickelte wirkungszentrierte Konzepte für
Praxisprojekte vorgestellt.
Der letzte Teil des Berichts ist ein eigenständiges Handbuch, das Antragstellern die Konzeption
und Umsetzung wirksamer Projekte im Rahmen des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen
für Demokratie und Toleranz“ erleichtern soll.
3. Der Evaluationsansatz
Im Hinblick auf die oben genannten Evaluationsaufgaben sind Kontextbedingungen, Konzept-
qualität, Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität sowohl auf der Programm- als
auch auf der Projektebene zentrale Themen. Die hier genannten Aspekte finden sich in ähnli-
cher Form z.B. auch in dem bekannten CIPP-Modell von Daniel L. Stufflebeam (2000) und
werden dort als Kontext, Input, Prozess und Produkt (CIPP) bezeichnet. Inzwischen wurde die-
ses Modell weiterentwickelt und enthält mittlerweile zehn Elemente. Die Frage der Programm-
und Projektziele wird in den CIPP-Elementen dagegen nicht diskutiert. Diese Ziele sind nach
unseren Erfahrungen jedoch eine unverzichtbare Grundlage jeder Evaluation (vgl. hierzu auch
Rossi/Lipsey/Freeman 2004). Die Explikation und Konkretisierung der Programm- und Projekt-
ziele und die Ausrichtung der Zielformulierungen auf Wirkungen im Sinne von Veränderungen
bei den Zielgruppen war daher ein zentrales Element unseres Vorgehens.
3.1 Systematik und Ablauf der Evaluation auf der Programmebene
Die Evaluation des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“
wurde so konzipiert, dass alle wesentlichen Qualitätsaspekte berücksichtigt werden konnten.
Für die genaue Beschreibung und Eingrenzung des zugrundeliegenden Problems im Sinne
einer Kontextevaluation hat die Bietergemeinschaft als Zusatzleistung eine Expertise zur Grup-
penbezogenen Menschenfeindlichkeit in Sachsen erstellt. Vorliegende Daten aus den Berichten
des Landesamtes für Verfassungsschutz zu extremistischen Schwerpunkten und Aktivitäten in
den sächsischen Regionen wurden in der Kontextevaluation ebenfalls berücksichtigt. Im Rah-
men der Konzeptevaluation wurde neben der Explikation und Konkretisierung der Programm-

pro al & IKG – Abschlussbericht
9
ziele auch eine Ursachenanalyse vor dem Hintergrund der relevanten wissenschaftlichen Lite-
ratur durchgeführt. Die Umsetzung des Landesprogramms durch die Förderung von Projekten
und Aktivitäten war Gegenstand der Prozessevaluation. Hierbei wurde zum einen die Struktur
des Programms im Sinne von relevanten Merkmalen der geförderten Projekte rekonstruiert;
zum anderen wurde auch die Arbeit der Programmverantwortlichen bei der Umsetzung und
Steuerung des Programms berücksichtigt. Die summative Bewertung des Programms erfolgte
vor allem auf der Grundlage verschiedener Qualitätskriterien (s. Abschnitt 3.3). In die Bewer-
tung sind aber auch die Ergebnisse der Wirkungsanalysen eingeflossen.
Abbildung 1:
Elemente der Programmevaluation
Kontextevaluation
Zielexplikation und
Konzeptevaluation
Strukturanalyse und
Prozessevaluation
Summative Evaluation
Ziele auf der
Programmebene
Identifikation von
Bevölkerungsgruppen
mit starker Ausprä-
gung beim Syndrom
der Gruppenbezoge-
nen Menschfeindlich-
keit, Identifikation von
Schwerpunkten ext-
remistischer Aktivitä-
ten
Analyse und Konkreti-
sierung der Pro-
grammziele vor dem
Hintergrund des aktu-
ellen Forschungsstan-
des zu Ursachen und
Erscheinungsformen
des Extremismus;
Analyse der Förder-
ziele und Förder-
grundsätze auf der
Grundlage der gel-
tenden Förderrichtlinie
Beurteilung und Op-
timierung der Förder-
praxis
Bewertung des Pro-
gramms im Hinblick
auf die Anlage, die
Umsetzung und die
Ergebnisse; Erstellung
eines Leitfadens für
potentielle Antragstel-
ler
Methoden auf der
Programmebene
Sonderauswertung
von Datensätzen zur
Gruppenbezogenen
Menschenfeindlich-
keit; Analyse von Da-
ten des Landesamtes
für Verfassungsschutz
Zielexplikations-
workshop; Auswer-
tung von Fachlitera-
tur; Dokumentenana-
lyse
Analyse von Projekt-
unterlagen, Projektbe-
richten und der För-
derentscheidungen;
Beratung der Pro-
grammverantwortli-
chen
Analyse von For-
schungs- und Evalua-
tionsergebnissen;
Analyse der Resultate
der evaluierten Pro-
jekte
Die Programmebene ist ein wichtiger Kontext für die Aktivitäten von Projekten und Einzelakteu-
ren. Damit diese Akteure den Anforderungen des Programms gerecht werden und zum Errei-
chen der Programmziele beitragen können, haben wir mit dem Handbuch „Projektmanage-
ment, Qualitätssicherung, Selbstevaluation“ einen praxisnahen Leitfaden für die Beantragung
und Umsetzung von Projekten im Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und
Toleranz“ entwickelt.

pro al & IKG – Abschlussbericht
10
3.2 Systematik und Ablauf der Evaluation auf der Projektebene
Die zentrale Frage auf der Projektebene lautet: Werden die richtigen Dinge getan, um bei der
Zielgruppe eine Veränderung in die erwünschte Richtung anzustoßen, zu fördern oder zu sta-
bilisieren? Es geht also zunächst um die Frage der Wirksamkeit; deshalb bezeichnen wir unser
Vorgehen auch als wirkungszentriert. Folglich muss sichergestellt werden, dass die Maßnah-
men des Projektes geeignet sind, um realistische Ziele zu erreichen, die dann als Schritte auf
dem Weg zu größeren erwünschten Veränderungen anzusehen sind. Im Ansatz der theoriege-
leiteten Evaluation (Chen 1990; 2005) spricht man an dieser Stelle von einem Veränderungs-
modell.
Abbildung 2:
Struktur eines Veränderungsmodells (vgl. Chen 2005)
Veränderungsmodell
Zielgruppe
Maßnahmen
Beeinflussbare
Wirkfaktoren
(Handlungsziele)
Wirkungen
(Mittlerziele)
Kontext
Problem /
Ursachen des
Problems
Abbildung 2 veranschaulicht die Struktur so eines Veränderungsmodells, das für die Konzept-
qualität eines Projektes entscheidend ist. Nach diesem Modell haben die Wissenschaftler des
Evaluationsteams sowohl bei den in die Wirkungsanalyse als auch bei den ins Coaching ein-
bezogenen Projekten zunächst geklärt, ob das Projekt vor dem Hintergrund der Problemlage
und den zugrundeliegenden Ursachen und unter Berücksichtigung des Projektkontextes und
der Besonderheiten der Zielgruppe Maßnahmen einsetzt, mit denen sich konkrete Handlungs-
ziele erreichen lassen. In diesem Zusammenhang wurden Daten zur Problembeschreibung, zur
Ursachenanalyse, zu den Kontextbedingungen und zu den Besonderheiten der Zielgruppen
über qualitative Einzel- oder Gruppeninterviews mit den Projektverantwortlichen erhoben.
Die Analyse und Weiterentwicklung des bei den Projekten zunächst meist impliziten und un-
vollständigen Veränderungsmodells war jedoch nur der erste Schritt. Entscheidend ist, dass die
Maßnahmen zur Zielerreichung auch angemessen implementiert und umgesetzt werden. Bei
den ins Coaching einbezogenen Projekten haben wir an dieser Stelle mit erfahrenen Prakti-
kern der Aktion Zivilcourage zusammengearbeitet. Diese Praktiker haben vor dem Hinter-
grund eigener Erfahrungen mit den Projektverantwortlichen geklärt, welche Ressourcen, wel-
che organisatorischen Voraussetzungen und welche Qualifikationen für die Umsetzung be-

pro al & IKG – Abschlussbericht
11
stimmter Maßnahmen notwendig sind, welche Partnerorganisationen und Akteure gegebenen-
falls noch eingebunden werden müssen, wie solche Organisationen und Akteure eingebunden
werden können und welche Kontextbedingungen zu beachten sind. Da die räumliche Entfer-
nung der Praktiker zu den gecoachten Projekten verhältnismäßig gering war, konnten Umset-
zungsprobleme auch kurzfristig gelöst werden.
Den in die Wirkungsevaluation einbezogenen Projekten wurden relevante Informationen zu
Fragen der Konzept-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität im Rahmen eines zweitägigen
Workshops vermittelt, der am 7. und 8. Februar 2013 von Wissenschaftlern des Evaluations-
teams durchgeführt wurde.
Die einzelnen Evaluationsschritte auf der Projektebene sind in Abbildung 3 zusammenfassend
dargestellt. An dieser Stelle wird auch noch einmal deutlich, dass wichtige Evaluationselemen-
te sowohl bei den Projekten im Coaching-Prozess als auch bei den Projekten in der Wirkungs-
evaluation eingesetzt worden sind.
Abbildung 3:
Ablauf der Evaluation von Projekten des Programms „Weltoffenes Sachsen für
Demokratie und Toleranz“
Kontextevaluation
Zielexplikation und
Konzeptevaluation
Strukturanalyse und
Prozessevaluation
Wirkungsevaluation
Ziele auf der
Projektebene
Erfassung zentraler
Kontextfaktoren für
die einzelnen Pro-
jekte
Konkretisierung der
Projektziele unter Einbe-
ziehung der Ergebnisse
aus der Kontextanalyse;
Erfassung und Bewer-
tung der Maßnahmen
zur Umsetzung der Pro-
jektziele; Analyse der
Beziehungen zwischen
Zielen und Maßnahmen
Implementation und
Umsetzung angemesse-
ner Maßnahmen, aus-
reichende Dauer und
Intensität der Maßnah-
men zur Erzielung ge-
wünschter Wirkungen
Erreichung der ange-
strebten Zielgruppen
Bewertung der Wirkun-
gen des Projekts
Methoden auf der
Projektebene
Problemzentrierte
Interviews
Zielexplikation und
Klärung des Verände-
rungsmodells; ergän-
zende Analyse von Pro-
jektdokumenten
Monitoringerhebungen
Stärken-Schwächen-
Analysen
Analyse der von den
Projekten erhobenen
Daten
Auf die Projekttypen be-
zogene Evaluationsdes-
igns (in der Regel drei-
malige Befragung der
Zielgruppen)
Analyse der von den
Projekten erhobenen
Daten
3.2.1 Monitoring
Probleme bei der Umsetzung von Maßnahmen können oft durch eine standardisierte Erhe-
bung verschiedener Parameter erkannt werden, die gleichzeitig Aufschluss über die Leistungen
der Projekte geben. Solche Daten haben wir im Rahmen eines Monitorings erhoben. Um eine
effiziente Erfassung und Verarbeitung der Daten zu gewährleisten, wurde die Datenerhebung
jeweils in Form einer weitgehend standardisierten Online-Befragung durchgeführt. Wo es er-
forderlich war, wurden jedoch auch offene Fragen gestellt, so dass die Projektverantwortlichen

pro al & IKG – Abschlussbericht
12
bestimmte Aspekte ausführlich schildern konnten. Die Länge der Freitexteingaben war nicht
begrenzt. Ferner war es möglich, den Fragebogen zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzu-
rufen, so dass Angaben, z.B. nach Rücksprache mit Kollegen, korrigiert und ergänzt werden
konnten. Die Projektverantwortlichen wurden gegebenenfalls sowohl per E-Mail als auch tele-
fonisch an das Ausfüllen des Fragebogens erinnert.
Das Monitoring erfolgte in zwei Untersuchungswellen. Die erste Erhebung fand in der Zeit vom
1.3.2013 bis zum 30.5.2013 statt; von den 68 angeschriebenen Projekten haben 65 den
Fragebogen beantwortet. Die zweite Erhebung wurde in der Zeit vom 26.4.2014 bis zum
28.5.2014 durchgeführt. Diesmal wurden 80 Projekte angeschrieben, wovon 77 den Frage-
bogen bearbeitet haben. Die Ergebnisse der ersten Onlineerhebungen sind in unseren zweiten
Zwischenbericht eingeflossen (vgl. Lobermeier/Strobl/Klemm/Mewes 2013a). Die Ergebnisse
der zweiten Monitoringerhebung bilden eine wichtige Grundlage für die Bewertung des Ge-
samtprogramms in dem vorliegenden Abschlussbericht.
3.2.2 Wirkungsevaluation
Um die nachhaltige Wirksamkeit von Projekten im Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für
Demokratie und Toleranz“ zu überprüfen, wurden bei ausgewählten Projekten Wirkungsanaly-
sen durchgeführt. Die Projektauswahl erfolgte durch die Programmverantwortlichen.
Den Auftakt der Wirkungsevaluation bildete bei jedem Projekt ein zweitägiger Workshop. In
diesem Workshop ging es sowohl um eine Zielklärung als auch um eine Analyse der Maß-
nahmen, mit denen bestimmte Wirkungen in den jeweiligen Projektkontexten bei den relevan-
ten Zielgruppen erreicht werden können. Mit dieser Analyse wurde folglich nicht nur geklärt,
was erreicht werden soll, sondern auch wie es erreicht werden soll. Die gemeinsame Klärung
von Zielen und Maßnahmen war darüber hinaus eine wichtige Möglichkeit zur Identifikation
von konzeptionellen Schwächen. Dadurch konnten gleichzeitig Ansatzpunkte für die Optimie-
rung der Projektpraxis aufgezeigt werden. Die im Rahmen des Workshops entwickelten Wir-
kungsziele und Indikatoren bildeten dann die Grundlage für die Entwicklung hierauf abge-
stimmter Evaluationsinstrumente für die Wirkungsanalyse.
In der Regel wurde ein quasi-experimentelles Untersuchungsdesign mit einer Teilnehmergrup-
pe und einer Kontrollgruppe sowie mehreren Befragungszeitpunkten umgesetzt. Die Befra-
gungszeitpunkte wurden so gewählt und definiert, dass es sich bei t
0
um den Befragungszeit-
punkt vor der Durchführung der Maßnahme handelt. Die Befragung zum Zeitpunkt t
1
fand im
direkten Anschluss an die durchgeführte Maßnahme statt, um unmittelbar die Akzeptanz und
den Erfolg z.B. in Form einer Wissensveränderung oder Sensibilisierung bei den Teilnehmern
zu überprüfen. Eine Befragung der Nicht-Teilnehmer zum Zeitpunkt t
1
war nicht sinnvoll, da
eine Wissensveränderung oder Sensibilisierung bei ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet
werden konnte. Die Befragung zum Zeitpunkt t
2
diente der Überprüfung der Nachhaltigkeit
der durchgeführten Maßnahmen. Die Befragung zum Zeitpunkt t
2
fand daher in einigem zeitli-

pro al & IKG – Abschlussbericht
13
chen Abstand zu den durchgeführten Veranstaltungen statt, wobei wir einen Zeitraum von
mindestens 3 Monaten angestrebt haben.
Abbildung 4:
Ablaufschema eines Feldexperimentes mit drei Befragungszeitpunkten
Z
I
E
L
G
R
U
P
P
E
Teilnehmer
Maß-
nahme
Teilnehmer
Teilnehmer
Befragung
t0
Kontroll-
gruppe
Kontroll-
gruppe
Befragung
t1
Befragung
t2
Vor der
Maßnahme
Unmittelbar
nach der
Maßnahme
Einige Wochen
oder Monate
später
Zusätzlich zum hier vorgestellten Untersuchungsdesign wurden folgende qualitative Erhe-
bungsmethoden eingesetzt: problemzentrierte Interviews, teilnehmende Beobachtungen, Fo-
kusgruppen und Gruppendiskussionen. In einem Fall wurde umfangreiches Videomaterial
erhoben und ausgewertet. Zum Teil haben wir im Rahmen der Wirkungsevaluation eines Pro-
jektes mehrere qualitative Erhebungsmethoden eingesetzt. Ein verstärkter Einsatz qualitativer
Methoden ist vor allem dort erfolgt, wo das quasi-experimentelle Forschungsdesign mit stan-
dardisierten Befragungen aus unterschiedlichen Gründen an seine Grenzen stieß.
3.3 Verfahren der Bewertung
Die Bewertung erfolgte sowohl auf der Programm- als auch auf der Projektebene nach Krite-
rien entlang der Qualitätsdimensionen Konzept-, Struktur- Prozess und Ergebnisqualität (vgl.
Strobl/Lobermeier 2014, S. 9). Die Gutachten zur Wirkungsevaluation des jeweiligen Projekts
sollten darüber hinaus mit klaren Voten und folgenden eindeutigen Aussagen enden:
1. Das Projekt erfüllt die Anforderungen des Programms und leistet einen messbaren Beitrag.
2. Das Projekt erfüllt grundsätzlich die Anforderungen des Programms und bietet die Chance,
einen messbaren Beitrag zu leisten, sollte aber modifiziert werden.

pro al & IKG – Abschlussbericht
14
3. Das Projekt erfüllt die Anforderungen des Programms nicht und leistet keinen messbaren
Beitrag.
Für diese Projekte wurde daher ein transparentes und objektives Bewertungsverfahren entwi-
ckelt, das sich in der folgenden Formel zusammenfassen lässt:
Gesamtpunktzahl = Punktzahl
Konzept/Prozess/Ergebnis
* Punktzahl
Gesamtwürdigung
+
* 3 (=Punktzahl
Wirkung
)
Der Punktzahl zur Konzept-, Prozess- und Ergebnisqualität liegen folgende Kriterien zugrunde:
▪ Das Problem ist genau beschrieben und klar abgegrenzt (Konzeptqualität).
▪ Die Ursachen des Problems sind benannt und die wichtigsten Ursachen sind identifiziert
(Konzeptqualität).
▪ Die Stärken und Schwächen des Projekts sind dokumentiert (Prozessqualität).
▪ Es ist sichergestellt, dass die festgelegte Zielgruppe erreicht wird (Prozessqualität).
▪ Es ist sichergestellt, dass die Maßnahmen von der Zielgruppe angenommen werden (Akzep-
tanzbefragung) (Ergebnisqualität).
▪ Anzeichen, an denen man Wirkungen erkennen kann (Indikatoren), sind identifiziert und
werden systematisch protokolliert (Ergebnisqualität).
Wenn ein Kriterium nicht erfüllt wurde, erhielt das jeweilige Projekt keinen Punkt, wenn es an-
satzweise erfüllt wurde, erhielt das Projekt einen Punkt und wenn es vollständig erfüllt wurde,
erhielt das Projekt zwei Punkte. Insgesamt konnten in diesem Bereich 12 Punkte erreicht wer-
den.
Bei der Punktzahl im Bereich der Gesamtwürdigung gab es folgende Möglichkeiten:
0 = Nach dem derzeitigen Konzept sind keine Wirkungen des Projektes zu erwarten. Es sind
derzeit keine Ansätze vorhanden, die zu einer Überprüfung und Verbesserung der Wirk-
samkeit führen können.
1 = Im Projekt gibt es Ansätze, die zu einer Überprüfung und Verbesserung der Wirksamkeit
führen können.
2 = Das Projekt arbeitet systematisch an der Überprüfung und Verbesserung seiner Wirksam-
keit.
Durch die multiplikative Verknüpfung hat diese Bewertung sehr große Auswirkungen auf die
Gesamtpunktzahl. Dieser starke Effekt ist beabsichtigt, weil Projekte, von denen keine Wirkun-
gen zu erwarten sind, nicht gefördert werden sollten.
Im letzten Teil der Formel geht es um die von uns nachgewiesenen Wirkungen des Projekts.
Da alle Handlungsziele im Auftaktworkshop als Wirkungsziele formuliert wurden, haben wir
für jedes erreichte Handlungsziel (HZ) Punkte vergeben. Die Zahl der jeweils vergebenen
Punkte richtete sich nach dem Gewichtungsfaktor (GW), der die Bedeutung des Handlungsziels
widerspiegelt. Da es letztlich um eine Verhaltensänderung bei den Zielgruppen gehen sollte
(vgl. hierzu auch S. 17), wurde für die erfolgreiche Vermittlung von Wissen nur ein Punkt ver-
geben, da Wissen ohne starke emotionale Komponenten und ohne Anwendungsübungen nur
einen sehr lockeren Bezug zum Handeln hat. Enger ist der Bezug bei den Einstellungen. Des-
halb wurden zwei Punkte vergeben, wenn ein Ziel im Bereich der Einstellungsveränderung

pro al & IKG – Abschlussbericht
15
erreicht wurde. Wenn durch die Maßnahmen des Projekts eine erfolgreiche Verhaltensände-
rung erreicht wurde, haben wir 3 Punkte vergeben. Wenn Veränderungen im Sinne der Pro-
jekt- oder Programmziele in den Bereichen Wissen, Einstellungen oder Verhalten als er-
wünschte Nebenwirkungen der Maßnahmen aufgetreten sind, wurden ebenfalls die genann-
ten Punktzahlen vergeben.
Mit dem Kriterium RP (Ressourcenpunkte) im Nenner haben wir ein Element der Strukturquali-
tät in die Formel aufgenommen. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass größere Projekte
mit festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr und anspruchsvollere Handlungsziele errei-
chen können als kleinere Projekte. Projekte mit einer Gesamtfördersumme bis 20.000 Euro,
die normalerweise über keine festen Mitarbeiter/innen verfügen, erhielten 1 Punkt, Projekte ab
20.000 Euro bis unter 40.000 Euro, die oft schon eine halbe Stelle besetzen können, erhielten
2 Punkte und Projekte, die mit 40.000 Euro und mehr gefördert wurden und in der Regel min-
destens eine ganze Stelle besetzen können, erhielten 3 Punkte. Der Faktor RP ist also ein Ge-
wichtungsfaktor zugunsten kleinerer Projekte. Die Multiplikation mit dem Faktor 3 am Ende
der Formel dient einfach dazu, eine angemessene Berücksichtigung der Wirksamkeit bei der
Berechnung der Gesamtpunktzahl sicherzustellen.
Um ein Fördervotum im Sinne der Aussage 2 zu erlangen, müssen mindestens 10 Punkte er-
reicht werden. Wie sich aus der Formel ergibt, können diese 10 Punkte selbst dann über
nachgewiesene Wirkungen erreicht werden, wenn keine Punkte im Bereich der verschiedenen
Qualitätsdimensionen erreicht wurden und/oder wenn die Gesamtwürdigung negativ ausfällt.
Um ein Fördervotum im Sinne der Aussage 1 zu erlangen, müssen mindestens 25 Punkte er-
reicht werden. Durch den Aufbau der Formel wird auch sichergestellt, dass gut konzipierte, gut
umgesetzte und gut dokumentierte Projekte, die trotzdem keine Wirkungen erzielen, nicht be-
nachteiligt werden, wenn sie an der Verbesserung und Überprüfung ihrer Wirksamkeit arbei-
ten. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, weil aus dem sogenannten erfolgreichen Scheitern
wichtige Schlüsse für die zukünftige Projektarbeit gezogen werden können.
Da die Zahl der erreichten Handlungsziele nicht nach oben begrenzt ist, kann keine Maximal-
punktzahl angegeben werden. Eine Beispielberechnung verdeutlicht aber, dass in der Praxis
kaum Punktzahlen über 40 erreicht werden dürften. So können im ersten Bereich der Formel
bei einer sehr positiven Gesamtwürdigung maximal 24 Punkte erreicht werden. Wenn ein Pro-
jekt mit einer Gesamtfördersumme von mindestens 40.000 Euro ferner drei Handlungsziele im
Bereich des Wissens, drei im Bereich der Einstellungen und drei im Bereich des Verhaltens
erreicht, dann erzielt es im zweiten Teil der Formel 18 Punkte und erhält insgesamt 42 Punkte.

pro al & IKG – Abschlussbericht
16
3.4 Metaevaluation
Das Evaluationsteam orientiert sich auch selbst an den oben genannten Qualitätsdimensionen
sowie an den Qualitätsstandards der DeGEval. Letztere beinhalten eine Ausrichtung der Eva-
luation an den Kriterien Nützlichkeit, Durchführbarkeit, Fairness und Genauigkeit. Um die
Einhaltung dieser Standards zu gewährleisten, wurden verschiedene reflexive Komponenten im
Sinne einer Metaevaluation in den gesamten Evaluationsprozess aufgenommen. So wurden
die oben dargestellte Bewertungsformel in mehreren Sitzungen des Evaluationsteams disku-
tiert, modifiziert und optimiert, um eine möglichst hohe Fairness und Genauigkeit bei der Be-
wertung und bei der Abgabe der Fördervoten zu gewährleisten. Weitere Maßnahmen im Be-
reich von Fairness und Genauigkeit waren die Einbindung der Projekte in die Entwicklung der
Erhebungsinstrumente und die Bereitstellung einer Vorabfassung des Gutachtens. In der Regel
wurden alle Ergebnisse der Evaluation mit den Projekten besprochen und gegebenenfalls wur-
den danach einzelne Aspekte des Gutachtens überarbeitet.
Die Nützlichkeit der Evaluation wurde durch eine enge Abstimmung mit dem Auftraggeber
über den Evaluationsgegenstand und die Evaluationsziele gewährleistet. Ferner wurde sicher-
gestellt, dass die Evaluationsberichte alle wesentlichen Informationen enthalten, leicht zu ver-
stehen und nachvollziehbar sind und dass alle Berechnungen und Schlussfolgerungen den
wissenschaftlichen Standards entsprechen. Um dies zu erreichen, hat das Evaluationsteam
regelmäßige interne Qualitätsaudits durchgeführt.
Eine effiziente und einheitliche Durchführung der Evaluation im Sinne der Durchführbarkeits-
standards der DeGEval wurde durch die Erstellung und Visualisierung von Schlüsselprozessen
in Form von Flow-Charts erreicht. Auf einer internen Webseite wurden alle notwendigen Aktivi-
täten mit den dazugehörenden Instrumenten (Leitfäden, Fragebögen etc.) bzw. Checklisten
verknüpft. Die Instrumente und Checklisten wurden durch die Qualitätsbeauftragten ständig
aktualisiert, so dass jede Wissenschaftlerin/jeder Wissenschaftler jederzeit Zugriff auf die aktu-
ellen Unterlagen hatte.
Bei der Wirkungsevaluation ergaben sich aufgrund kleiner Fallzahlen allerdings zum Teil Prob-
leme bei den Wirkungsnachweisen, so dass die statistische Bedeutsamkeit von Veränderungen
nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Wir haben deshalb in der Regel auch die Effekt-
stärke als Maß für die praktische Signifikanz einer Wirkung berechnet und in die Bewertung
einbezogen. Dieses Vorgehen ist letztlich ein Kompromiss zwischen den Anforderungen an die
Genauigkeit und den Anforderungen an die Fairness einer Evaluation. Um die Ergebnisse bei
kleinen Stichproben weiter abzusichern und ihre Genauigkeit zu erhöhen, haben wir aber zum
Teil umfangreiche qualitative Datenerhebungen durchgeführt. Mit Hilfe der Ergebnisse aus
den qualitativen Datenanalysen konnte in allen Fällen eine faire und genaue Bewertung der
Projektergebnisse gewährleistet werden.

pro al & IKG – Abschlussbericht
17
4. Ergebnisse der Programmevaluation
Die an dieser Stelle präsentierten Ergebnisse basieren zum einen auf einer Analyse der Pro-
grammunterlagen und zum anderen auf der zweiten Monitoringerhebung, die in der Zeit vom
26.4.2014 bis zum 28.5.2014 durchgeführt wurde und an der 77 der 80 angeschriebenen
Projekte teilgenommen haben. Ferner sind sowohl die Ergebnisse der ersten Monitoringerhe-
bung als auch Ergebnisse der durchgeführten Wirkungsanalysen und des Coachings in die
Bewertung des Gesamtprogramms eingeflossen.
Auch bei der Bewertung des Gesamtprogramms ist „Wirksamkeit“ das ausschlaggebende Kri-
terium. Im dritten Zwischenbericht hatten wir im Zusammenhang mit den Wirksamkeitsvoraus-
setzungen auf der Programmebene ja bereits darauf hingewiesen, dass allein durch die För-
derung vielversprechender Einzelprojekte noch keine nachhaltigen Effekte in den zentralen
Bereichen des Landesprogramms sichergestellt werden können (vgl. Lobermeier/Strobl/
Klemm/Mewes 2013b, S. 8). Vielmehr muss über die Programmsteuerung gewährleistet wer-
den, dass die Projekte nicht nur die in den jeweiligen Anträgen vorgeschlagenen Maßnahmen
umsetzen, sondern auch zum Erreichen der Programmziele beitragen. In diesem Zusammen-
hang geht es um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel: Projekte müssen darauf verzich-
ten, liebgewonnene Maßnahmen als Selbstzweck zu betrachten und dazu übergehen, ihre
Maßnahmen und Aktivitäten als Mittel zur Zielerreichung zu begreifen. Dazu gehört dann
auch, nicht funktionierende Maßnahmen durch andere zu ersetzen. Auf der Programmebene
setzt dies entsprechende Steuerungsanstrengungen und einen konstruktiven Umgang mit Fehl-
schlägen voraus. Wenn ein vielversprechendes Konzept gut umgesetzt wurde und trotzdem
gescheitert ist, dann kann aus diesem Ergebnis sehr viel gelernt werden. Wir sprechen in die-
sem Zusammenhang deshalb auch von erfolgreichem Scheitern. Ein erfolgreiches Scheitern
sollte keinerlei negative Konsequenzen für den Projektträger haben. Vielmehr sollte er die
Chance erhalten, sein Projekt so zu modifizieren, dass die erwünschten Wirkungen eintreten.
Ein konstruktiver Umgang mit Fehlschlägen erfordert sowohl einen selbstkritischen Umgang
mit den Resultaten der eigenen Anstrengungen als auch ein Kooperations- und Diskussions-
klima unter den geförderten Projekten, das die Verbesserung von Maßnahmen und die Ent-
wicklung neuer Lösungen begünstigt. Die Förderung eines konstruktiven Diskussions- und Ko-
operationsklimas ist daher eine wichtige Aufgabe der Programmsteuerung.
4.1 Weiterentwicklung von Förderkriterien und Optimierung der
Konzeptqualität des Landesprogramms
Bereits im dritten Zwischenbericht haben wir hervorgehoben, dass sich das Landesprogramm
„Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ im Verlauf von mehreren Evaluationswel-
len zunehmend in Richtung einer Wirkungsorientierung weiterentwickelt hat (vgl. Lobermei-
er/Strobl/Klemm/Mewes 2013b, S. 8). Diesen Aspekt möchten wir hier noch etwas vertiefen.
Wenn die Wirkungsfrage ernsthaft verfolgt wird, dann geht es im Bereich des Sozialen letztlich
immer um Verhaltensänderungen bei bestimmten Zielgruppen. In diesem Zusammenhang

pro al & IKG – Abschlussbericht
18
räumen wir natürlich ein, dass auch der Erwerb von Wissen oder die Veränderung von Einstel-
lungen Wirkungen von Projektmaßnahmen sein können. Solche Wirkungen interessieren aber
vor allem deshalb, weil sie als Voraussetzungen für eine Verhaltensänderung gelten. Wenn
Wissen oder Einstellungen keinerlei Einfluss auf das Verhalten hätten, wären alle Bemühungen
in diesen Bereichen sinnlos. Wenn es aber letztlich immer auf Verhaltensänderungen an-
kommt, dann sollte in den Zielen eines Programms klar werden, welches Verhalten geändert
werden soll. In dieser Hinsicht sind die Kriterien der zurzeit gültigen Förderrichtlinie zu allge-
mein und zu unspezifisch. Im Vergleich dazu stellen die Ziele, die im Rahmen eines Workshops
des Evaluationsteams mit den Programmverantwortlichen am 14. November 2012 formuliert
wurden, eine deutliche Verbesserung dar. In den meisten dieser Ziele kommen die erwünsch-
ten Verhaltensänderungen deutlich zum Ausdruck. Deshalb haben wir die Zieltabelle auch in
diesen Bericht noch einmal aufgenommen.
Tabelle 1: Ziele für die Programmebene
Leitziel: Sachsen hat eine starke demokratische Kultur
Mittler-
ziele
MZ1: Demo-
kratinnen und
Demokraten
bestimmen
das Klima vor
Ort.
MZ2: Kinder
leben demo-
kratische
Werte in ih-
rem Alltag.
MZ3: Jugend-
liche leben
demokratische
Werte in ih-
rem Alltag.
MZ4: Men-
schen in Sach-
sen - insbe-
sondere sol-
che in gesell-
schaftlichen
Schlüsselposi-
tionen - be-
greifen Vielfalt
als berei-
chernden
Bestandteil der
Gesellschaft
und handeln
in ihrem Alltag
im Sinne von
Gleichwertig-
keit und Men-
schenrechten.
MZ5: Kommu-
nale Verantwor-
tungsträger sind
in der Lage, auf
extremistische
Bedrohungen
angemessen zu
reagieren.
MZ6: Menschen in
Sachsen kennen
die Aktivitäten und
die Bedeutung des
Landespro-
gramms.
Hand-
lungs-
ziele
HZ1.1: De-
mokratinnen
und Demo-
kraten ergrei-
fen im Sinne
demokrati-
scher Werte
das Wort.
HZ2.1: Multi-
plikator/innen
im Kita- und
Schulbereich
wenden Me-
thoden der
demokrati-
schen Beteili-
gung an.
HZ3.1: Multi-
plikator/innen
in der Schule
und im außer-
schulischen
Freizeitbereich
wenden Me-
thoden der
demokrati-
schen Beteili-
gung an.
HZ4.1: Men-
schen in Sach-
sen - insbe-
sondere sol-
che in gesell-
schaftlichen
Schlüsselposi-
tionen – sind
sich ihrer
Vorurteile
bewusst und
reflektieren
sie.
HZ5.1: Kom-
munale Verant-
wortungsträger
sind sensibel für
extremistische
Bedrohungen
und erkennen
sie.
HZ6.1: Projektver-
antwortliche stel-
len ihre Ziele,
Aktivitäten und
Erfolge öffentlich
sichtbar dar.
HZ1.2: Akteu-
re schaffen
attraktive
Angebote für
demokratische
Beteiligung.
HZ2.2: Eltern
und Großel-
tern unterstüt-
zen die Multi-
plikator/innen
bei der An-
wendung von
Methoden der
demokrati-
HZ3.2: Eltern
und Großel-
tern unterstüt-
zen die Multi-
plikator/innen
bei der An-
wendung von
Methoden der
demokrati-
HZ4.2: Men-
schen in Sach-
sen - insbe-
sondere sol-
che in gesell-
schaftlichen
Schlüsselposi-
tionen – er-
kennen Dis-
HZ5.2: Kom-
munale Verant-
wortungsträger
sind handlungs-
sicher im Um-
gang mit extre-
mistischen Be-
drohungen.
HZ6.2: Engagierte
Akteure erfahren
öffentliche Aner-
kennung und
motivieren andere
zum Mitmachen.

pro al & IKG – Abschlussbericht
19
schen Beteili-
gung.
schen Beteili-
gung.
kriminierun-
gen und
schreiten
dagegen ein.
HZ1.3: Multi-
plikator/innen
erkennen
extremistische
Erscheinun-
gen.
HZ2.3: Kinder
haben ge-
lernt, dass sie
ihren Alltag
mitgestalten
können.
HZ3.3: Ju-
gendliche
beeinflussen
aktiv Ent-
scheidungen,
die das eige-
ne Lebensum-
feld betreffen.
HZ4.3: Men-
schen in Sach-
sen - insbe-
sondere sol-
che in gesell-
schaftlichen
Schlüsselposi-
tionen han-
deln in ihrem
Alltag als
Vorbilder im
Sinne von
Gleichwertig-
keit und Men-
schenrechten.
HZ6.3: Politische
Entscheidungsträ-
ger sind über die
Aktivitäten des
Landesprogramms
informiert.
HZ6.4: Pro-
grammverantwort-
liche stellen die
Ziele und Aktivitä-
ten des Landes-
programms öffent-
lich dar.
Um das Ziel einer Verhaltensänderung erreichen zu können, müssen die Voraussetzungen und
Bedürfnisse der Zielgruppe möglichst genau analysiert und bei der Auswahl und der Umset-
zung der Maßnahmen berücksichtigt werden. Die entscheidende Frage lautet an dieser Stelle
zunächst: Handelt es sich bei der Zielgruppe bereits um engagierte Personen oder müssen die
Personen erst noch vom Anliegen des Programms überzeugt werden? Engagierte Personen,
die z.B. bisher nicht im Sinne des oben genannten Handlungsziels 1.1 das Wort ergriffen ha-
ben, aber im Prinzip bereits dazu bereit sind, benötigen vielleicht einfach nur einige Informati-
on oder müssen bestimmte Handlungen einüben, um ihr Verhalten im Sinne des Programms
zu ändern. Wenn man davon ausgeht, dass viele Personen in Verwaltung, Schule, Jugendhilfe,
Polizei, Vereinen, Verbänden, Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Bereichen durch-
aus bereit sind, Spielräume im Sinne von Weltoffenheit, Toleranz und demokratischer Kultur zu
nutzen, dann ist ein Fortbildungsprogramm wie es zurzeit im Thüringer Landesprogramm um-
gesetzt wird, durchaus sinnvoll.
1
In ein- bis zweitägigen Seminaren können Teilnehmer spezifi-
sches Wissen erwerben und neue Verhaltensweisen einüben um dann tatsächlich zu tun, was
sie schon vorher für richtig hielten. Im Prinzip ging die vom Zentrum für demokratische Bil-
dung Leipzig angebotene Fortbildung im Themenfeld „Interkulturelle Kompetenz“ in diese
Richtung; allerdings wurden die spezifischen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Teilneh-
mer/innen bei der Fortbildungsplanung kaum berücksichtigt, so dass die Fortbildung letztlich
ins Leere lief.
Eine ganz andere Zielgruppe sind Personen, die noch gar kein Problembewusstsein haben
und für die Ziele des Programms noch nicht aufgeschlossen sind. Die Vermittlung von Wissen
ist dann lediglich ein erster Schritt, der einen längeren Prozess anstoßen kann. Dass relevantes
Wissen keineswegs zwangsläufig zu einer Verhaltensänderung führt, haben z.B. die Informati-
onskampagnen zu den Gefahren des Rauchens in den vergangenen Jahrzehnten überdeutlich
1
Das Fortbildungsprogramm im Rahmen des Thüringer Landesprogramms wird von proVal evaluiert. Ergebnisse
liegen zurzeit allerdings noch nicht vor. Weitere Informationen zum Programm und zu den Fortbildungsveran-
staltungen finden sich auf den Webseiten des Thüringer Landesprogramms unter
http://www.denkbunt-thueringen.de/denkbunt/

image
image
image
image
image
pro al & IKG – Abschlussbericht
20
gemacht. Trotzdem kann neues Wissen dazu beitragen, dass eine Handlungsabsicht im Sinne
des Programms gebildet und entsprechende Handlungen später tatsächlich vorbereitet, ausge-
führt und aufrechterhalten werden. In der Regel bedarf es dazu aber weiterer Unterstützung.
Besonders wichtig ist dabei ausreichend Zeit für Wiederholung und Übung. Das Verände-
rungsmodell von Prochaska, Norcross und DiClemente (1994), das wir bereits im zweiten Zwi-
schenbericht diskutiert haben (vgl. Lobermeier/Strobl/Klemm/Mewes 2013a, S. 9) macht al-
lerdings deutlich, dass neues Wissen und gute Absichten auch wieder vergessen werden kön-
nen.
Abbildung 5:
Stufen der Veränderung nach James O. Prochaska, John C. Norcross und
Carlo C. DiClemente (1994)
Dieses Problem ist auch in den Projekten aufgetreten, in denen wir im Rahmen unserer Wir-
kungsanalysen die Nachhaltigkeit des erworbenen Wissens überprüft haben. Unmittelbar nach
der Veranstaltung konnten viele Teilnehmer Fragen zu den neuen Inhalten korrekt beantwor-
ten. Einige Monate später waren die Effekte jedoch wesentlich schwächer und in einigen Berei-
chen sogar ganz verschwunden. Das Kapitel aus unserem zweiten Zwischenbericht zu den
Bedingungen für erfolgreiches Lernen wollen wir an dieser Stelle nicht wiederholen; trotzdem
möchten wir hier noch einmal auf Faktoren hinweisen, die insbesondere für den zentralen
Bereich der Verhaltensänderung wichtig sind: Bedeutsamkeit und Begeisterung sowie Zeit für
Wiederholung und Übung. Menschen empfinden eine Tätigkeit dann als befriedigend und
gehen in ihr auf, wenn sie eine Übereinstimmung von Anforderungen und Fähigkeiten auf
hohem Niveau, klare Handlungsanforderungen und eine eindeutige Handlungsstruktur erfah-
ren sowie Interesse an dieser Tätigkeit haben bzw. von dieser Tätigkeit begeistert sind (vgl.
Csikszentmihalyi/Schiefele 1993; Hüther 2010). Eine wichtige Voraussetzung für solche Zu-
stände der Begeisterung ist die Bedeutsamkeit dessen, womit wir uns beschäftigen. Interesse,
Motivation und im Idealfall Begeisterung entstehen in der Regel aber nur, wenn die Lernge-
genstände einen Bezug zu unserem Leben haben. Die Filmworkshops zum Thema Demokratie

pro al & IKG – Abschlussbericht
21
an Schulen des Trägers Objektiv waren als eines der wenigen in die Wirkungsevaluation ein-
bezogenen Projekte in der Lage, so eine Begeisterung bei der Zielgruppe zu wecken. Leider ist
über der Arbeit mit dem Medium Film das Anliegen des Landesprogramms sehr stark in den
Hintergrund getreten. In der Werbung spricht man in diesem Zusammenhang auch von einem
Kannibalisierungseffekt und meint damit, dass durch im Prinzip erwünschte Effekte die eigent-
lich wichtigen Anliegen verdrängt werden.
An welchen Stellen können Projekte nun ansetzen, wenn sie eine Verhaltensänderung im Sinne
der in Tabelle 1 dargestellten Ziele erreichen wollen? Eine Antwort auf diese Frage wollen wir
mit Bezug auf die Theorie des vernünftigen Handelns geben (vgl. Fishbein/Ajzen 1975).
Abbildung 6:
Die Theorie des vernünftigen Handelns nach Fishbein und Ajzen 1975
Erwartung von
Konsequenzen
Bewertung der
Konsequenzen
Meinungen über
Erwartungen und
Verhaltenswünsche
anderer Personen
Motivation, diesen
Erwartungen und
Wünschen zu folgen
Einstellung zum
Verhalten/
zur Handlung
Subjektiv
interpretierte
soziale Norm
(wahrgenommener
sozialer Druck)
Relative Wichtigkeit
von Einstellung
und Norm
Absicht
Verhalten/
Handlung
Ein erster Blick auf die empirisch gut überprüfte Theorie des vernünftigen Handelns überrascht
zunächst: Wissen wird in der Theorie gar nicht thematisiert. Das heißt allerdings nicht, dass
Wissen im Hinblick auf die Möglichkeit, bestimmte Handlungen auszuführen, unwichtig ist. Ein
unmittelbarer, direkter Zusammenhang zwischen Wissen und Handlungsabsicht besteht dage-
gen nicht. Wer z.B. in einer Veranstaltung vor rechtsextremer Musik gewarnt wird, kann das
neu erworbene Wissen trotzdem nutzen, um sich rechtsextreme Musik zu beschaffen oder um
entsprechende Konzerte zu besuchen. Außerdem unterstellt das Modell, dass eine Handlungs-
absicht bereits ausreicht, damit die erwünschten Handlungen gezeigt werden. Wie wir oben
ausgeführt haben, ist hierzu jedenfalls bei anspruchsvolleren Handlungen aber auf jeden Fall
eine Phase des Übens erforderlich.

pro al & IKG – Abschlussbericht
22
Interessant ist das Modell vor allem im Hinblick auf die Frage, wie eine Handlungsabsicht bei
Personen entstehen kann, die noch nicht im Sinne der Programmziele eingestellt sind. Hier
bieten insbesondere die Einstellung zum Verhalten und die wahrgenommenen und interpre-
tierten Erwartungen anderer (d.h. die subjektiv interpretierte soziale Norm) Ansatzpunkte für
Projekte. Auf die relative Wichtigkeit der Einstellung und der subjektiv interpretierten sozialen
Norm werden wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. In diesem Zusammenhang sind auch
individuelle Unterschiede von Bedeutung: Manche Menschen handeln eher aufgrund ihrer
eigenen Einstellung und folgen ihren Wünschen während andere sich vor allem nach den Er-
wartungen und Wünschen ihrer Mitmenschen richten (vgl. Herkner 1991, S. 218).
Die Einstellung zum Verhalten oder zur Handlung ist dagegen vor allem von der erwarteten
Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Vor- und Nachteilen und von der Größe dieser Vor- und
Nachteile abhängig. Das Projekt „Vielfalt lieben – Toleranz leben“ des Bildungswerks Sachsen
ist ein Beispiel für eine (implizite) Bezugnahme auf diese Faktoren: durch die Schilderungen
eines Aussteigers wird den Schülerinnen und Schülern vor Augen geführt, dass eine Beteili-
gung an den Aktivitäten der rechtsextremen Szene mit hoher Wahrscheinlichkeit große negati-
ve Konsequenzen hat. Dies sollte der Theorie zufolge zu einer negativen Einstellung gegen-
über entsprechenden Handlungen führen und zur Folge haben, dass eventuell in diese Rich-
tung schon vorhandene Handlungsabsichten aufgegeben werden. Ob dieser Effekt eintritt,
dürfte allerdings entscheidend davon abhängen, ob es attraktive demokratische Alternativen
zu den Angeboten der rechtsextremen Szene gibt. Damit solche Alternativen angenommen
werden, müssen die Personen nach dem Modell erwarten, dass sie mit hoher Wahrscheinlich-
keit einen relativ großen Nutzen haben, wenn sie das Angebot in Anspruch nehmen.
Eine Handlungsabsicht hängt aber nicht nur von der eigenen Einstellung, sondern auch von
den Erwartungen und Wünschen anderer Personen ab. Die Handlungsabsicht kann also auch
auf einem indirekten Weg beeinflusst werden, indem bestimmte Werte und Normen in einem
sozialen Kontext betont werden und die Motivation, sich an solchen Werten und Normen zu
orientieren, z.B. durch Vorbilder gestärkt wird. So beschreibt Roth (2010, S. 74 f.) die konse-
quente Umsetzung eines betrieblichen Handlungskonzepts beim Unternehmen ArcelorMittal in
Eisenhüttenstadt als ein Beispiel guter Praxis. In unserem dritten Zwischenbericht hatten wir in
diesem Zusammenhang auf Hebeleffekte
2
hingewiesen, die sich bei den Mittlerzielen 1, 4 und
5 ergeben, „wenn Schlüsselakteure und Verantwortungsträger den lokalen Kontext und das
Klima vor Ort so beeinflussen und gestalten, dass ein aufgeschlossenes und tolerantes Mitei-
nander der gesellschaftlichen Gruppen in einem demokratischen Rahmen gefördert wird“ (Lo-
bermeier/Strobl/Klemm/Mewes 2013b, S. 10). Die Zielgruppe für Projekte sind dann aller-
dings diese Schlüsselakteure und Verantwortungsträger. Sie müssen vom Nutzen eines ent-
sprechenden Engagements überzeugt werden und durch Fortbildungen und Trainings befähigt
werden, die notwendigen Handlungsschritte auszuführen. Einen entsprechenden Ansatz ver-
folgt das Projekt des Kinder und Jugendrings Sachsen mit der Förderung der Jugendbeteili-
2
Hebelwirkungen oder Hebeleffekte (Leverage-Effekte) werden besonders in der Finanzwirtschaft thematisiert und
beschreiben hier Situationen, in denen relativ kleine Veränderungen große Auswirkungen haben. Im Bereich der
Stärkung einer demokratischen Kultur wäre so ein Hebeleffekt natürlich sehr erwünscht.

pro al & IKG – Abschlussbericht
23
gung. Die hier beschriebene Herangehensweise gilt auch für die im Zusammenhang mit den
Mittlerzielen 2 und 3 genannte Zielgruppe der Multiplikatoren. Übrigens hat sich nach den
Ergebnissen der Implementationsforschung ein On-the-Job-Training als ein besonders wirk-
samer Weg für die Etablierung neuer Handlungsstrategien und Verhaltensweisen erwiesen:
„Most skills needed by successful practitioners can be introduced in training but really
are learned on the job with the help of a consultant/coach“ (Fixsen et. al. 2005, S. 29).
Wacker (2008, S. 87f.) weist außerdem darauf hin, dass Neuerungen besonders gut akzep-
tiert werden, wenn sie mit keinen allzu großen Umwälzungen verbunden sind, an bisherige
Erfahrungen anknüpfen und Spielräume für eine individuelle Ausgestaltung lassen.
Das sechste Mittlerziel und die zugehörigen Handlungsziele wirken im Hinblick auf die soeben
diskutierten Faktoren eher unterstützend. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit kann aber dazu bei-
tragen, bestimmte Werte und Normen im öffentlichen Bewusstsein wachzuhalten und als etwas
Erstrebenswertes zu präsentieren. Die Wahrnehmung solcher Normen, Erwartungen und Wün-
sche kann sich dann durchaus auf die Handlungsabsichten auswirken.
Die Notwendigkeit einer gewissen Breitenwirkung ergibt sich auch aus der Expertise „Grup-
penbezogene Menschenfeindlichkeit in Sachsen“, die Teil unseres ersten Zwischenberichts ist.
In dieser Expertise mussten wir vergleichsweise hohe Zustimmungsraten bei den Elementen
Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Homophobie und Abwertung von Ob-
dachlosen berichten. Dennoch halten wir die positive Ausrichtung des Landesprogramms an
den Werten Weltoffenheit, Demokratie und Toleranz auch aus theoretischen Gründen für rich-
tig, um eine sichtbare, attraktive, demokratische Kultur zu stärken und dadurch rechtsextremis-
tische Aktivitäten und fremdenfeindliche und intolerante Einstellungen zumindest auf längere
Sicht einzudämmen (vgl. Strobl/Würtz/Klemm 2003). Allerdings haben wir auch darauf hin-
gewiesen, dass die positive Ausrichtung nicht dazu führen darf, dass rechtsextremistische Akti-
vitäten und Erscheinungsformen aus dem Blick geraten (vgl. Lobermeier/Strobl/Klemm/Mewes
2013b, S. 20). Es sollte zwar nicht dazu kommen, dass Rechtsextreme mit ihren Aktivitäten die
Agenda bestimmen und deshalb sind diese Erscheinungsformen auch kein unmittelbarer An-
lass zum Reagieren. Sie müssen aber schon als Störungen und Irritationen betrachtet werden
und sollten zu einer Reflexion der Maßnahmen anregen. In diesem Zusammenhang muss
dann kritisch überprüft werden, ob das Zusammenleben in der Behörde, der Schule, dem Be-
trieb oder dem Verein wirklich den Anforderungen einer demokratischen Kultur entspricht, ob
die Angebote für spezifische Zielgruppen attraktiv sind und deren Voraussetzungen und Be-
dürfnisse ausreichend berücksichtigen und ob auch schwierige Zielgruppen erreicht werden.

pro al & IKG – Abschlussbericht
24
4.2 Strukturen und Strukturqualität des Landesprogramms
4.2.1 Kooperationsbeziehungen zwischen den geförderten Projekten und ihren Trägern
Gute Kooperationsbeziehungen zwischen den geförderten Projekten sind eine wichtige Vo-
raussetzung für die Weiterentwicklung und Optimierung von Maßnahmen zur Erreichung der
Programmziele. Wir haben in unsere zweite Monitoringerhebung daher auch eine Netzwerk-
frage aufgenommen. In diesem Zusammenhang wurden alle Befragten gebeten anzugeben,
wie häufig sie in den letzten 12 Monaten mit den Trägern der geförderten Projekte zusam-
mengearbeitet oder Informationen ausgetauscht haben. Die Antwortmöglichkeiten waren
„häufig“ (mindestens einmal im Monat), „selten“ (weniger als einmal im Monat), „gar nicht,
aber ich würde gern“ sowie „gar nicht, ist auch nicht geplant“. Zunächst lässt sich ermitteln,
wie oft ein Projektträger von den Befragten als Kooperationspartner genannt wurde. Diese
Zahl gibt Auskunft über das Prestige des jeweiligen Trägers (vgl. Jansen 1999). Die Zahl der
erhaltenen Nennungen findet sich in der ersten Spalte von Tabelle 2.
Wenn ein Träger mindestens 20-mal als Kooperationspartner genannt wurde, ist die entspre-
chende Zelle der Tabelle grün unterlegt, wenn er überhaupt nicht genannt wurde, ist sie grau
unterlegt. Einige Befragte geben generell sehr viele Kooperationsbeziehungen an, weil sie da-
von ausgehen, dass ein dichtes Kooperationsnetz von ihnen erwartet wird. Um diesen Effekt
der sozialen Erwünschtheit zu kontrollieren, wurden für die weiteren Analysen nur noch bestä-
tigte Beziehungen zugelassen. In diesem Fall wird nur dann eine Beziehung angenommen,
wenn Akteur A eine Beziehung zu Akteur B angibt und Akteur B eine Beziehung zu Akteur A
berichtet. Es kann in diesem Fall jedoch vorkommen, dass Akteur B einen tatsächlich stattge-
fundenen Informationsaustausch oder eine tatsächlich stattgefundene Zusammenarbeit
schlicht vergessen hat. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Zahl der Beziehungen bei den
nachfolgenden Analysen tendenziell unterschätzt wird. Bei Trägern, die mit mindestens 10
bestätigten Beziehungen in dieses Netzwerk eingebunden sind, ist die entsprechende Zelle der
Tabelle grün unterlegt; bei Trägern, die gar nicht in das Netzwerk eingebunden sind (0 Bezie-
hungen) ist sie grau unterlegt. Neben der in der vorletzten Spalte aufgeführten Zahl der bestä-
tigten Beziehungen haben wir auch die Zahl der bestätigten starken Beziehungen untersucht
(letzte Spalte). Jetzt wurden Beziehungen nur dann berücksichtigt, wenn mindestens einer der
Partner eine häufige Zusammenarbeit bzw. einen häufigen Informationsaustausch angegeben
hatte. Bei Trägern, die mit mindestens 5 bestätigten Beziehungen in dieses Netzwerk einge-
bunden sind, ist die entsprechende Zelle der Tabelle grün unterlegt; bei Trägern, die gar nicht
in das Netzwerk eingebunden sind (0 Beziehungen) ist sie wiederum grau unterlegt.

pro al & IKG – Abschlussbericht
25
Tabelle 2: Kooperationsbeziehungen der Projektträger
Nr.
Projektträger
Zahl der
erhalte-
nen Nen-
nungen
(Prestige)
Zahl der
bestätig-
ten Bezie-
hungen
Zahl der
bestätig-
ten star-
ken Be-
ziehungen
1
Akademie für lokale Demokratie e.V.
1
0
0
2
Akifra e.V. - MOVE IT!
5
2
1
3
Aktion Zivilcourage e.V.
35
15
7
4
Alter Gasometer e.V.
8
3
0
5
Amt für Kultur und Denkmalschutz der Landeshaupt-
stadt Dresden
9
2
1
6
ARBEIT UND LEBEN Sachsen e.V.
10
5
1
7
Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Freistaat
Sachsen e.V.
12
4
2
8
Arthur e.V.
5
4
2
9
Ausländerrat Dresden e.V.
22
8
4
10
AWO SONNENSTEIN gGmbH
7
2
2
11
Bildungswerk Sachsen der Deutschen Gesellschaft e.V.
8
5
2
12
Blickwerk e.V.
2
1
1
13
Brandenburgischer Kulturbund e.V.
0
0
0
14
Cammerspiele Leipzig e.V.
2
2
0
15
Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM) Leipzig
e.V.
10
1
1
16
Courage-Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit
e.V.
20
10
5
17
Daetz-Stiftung
5
1
0
18
Deutsche Kinderschutzbund, Kreisverband Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge e.V.
6
2
2
19
different people e.V.
5
2
1
20
Erich-Zeigner-Haus e.V.
9
5
1
21
Evangelische Hochschule Dresden
19
10
2
22
Familienzentrum Oberwiesenthal e.V.
3
1
0
23
Förderverein des F.-A.-Brockhaus-Gymnasiums Leipzig-
Mockau e.V.
0
0
0
24
Förderverein Jugend-, Kultur- und Sozialzentrum Aue
e.V.
8
4
0
25
Förderverein Tolerantes Sachsen e.V.
27
21
6
26
Frauenkultur e.V. Leipzig
4
4
2
27
Freizeit- und Familienzentrum Thum e.V.
2
1
0
28
Gerede - homo, bi und trans e.V.
12
5
3
29
Gesellschaft Bürger & Polizei e.V.
9
7
2
30
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
Dresden e.V.
6
5
3
31
Große Kreisstadt Annaberg-Buchholz
8
4
2
32
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.
7
0
0

pro al & IKG – Abschlussbericht
26
Nr.
Projektträger
Zahl der
erhalte-
nen Nen-
nungen
(Prestige)
Zahl der
bestätig-
ten Bezie-
hungen
Zahl der
bestätig-
ten star-
ken Be-
ziehungen
33
HATiKVA e.V.
11
8
4
34
Hillersche Villa gGmbH
16
9
3
35
JuCo Soziale Arbeit gGmbH
4
0
0
36
Jugendring Oberlausitz e.V.
9
0
0
37
Kinder- und Jugendring Sachsen e.V.
17
3
1
38
KINDERVEREINIGUNG Chemnitz e.V.
5
2
2
39
Kulturbüro Sachsen e.V.
41
34
9
40
Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung
Sachsen e.V. (pokuBi)
21
10
4
41
Landesfeuerwehrverband Sachsen e.V.
10
8
4
42
Landesfilmdienst Sachsen für Jugend- und Erwachse-
nenbildung e.V.
13
8
2
43
Landessportbund Sachsen e.V.
21
9
4
44
Landratsamt Bautzen
8
5
3
45
Landratsamt Landkreis Leipzig
8
3
2
46
Landratsamt Nordsachsen
8
7
4
47
Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
10
6
6
48
Landratsamt Vogtlandkreis
3
0
0
49
Lichtpunkt e.V.
0
0
0
50
Netzwerk für demokratische Kultur e.V.
22
12
5
51
Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit e.V.
10
5
3
52
Netzwerk Sachsen - gegen Rechtsextremismus, Gewalt
und Fremdenfeindlichkeit (NWS) e.V.
8
1
1
53
Oberschule Kötzschenbroda
3
0
0
54
Objektiv e.V.
3
1
0
55
Ökumenisches Informationszentrum e.V.
9
6
2
56
Pro Jugend e.V.
8
5
4
57
Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und
Demokratie Sachsen e.V.
10
5
4
58
Rosalinde Leipzig e.V.
3
3
2
59
Sächsische Jugendstiftung
19
3
1
60
Sächsischer Fechtverband e.V.
3
2
2
61
Seniorpartner in School Sachsen e.V.
0
0
0
62
Sprungbrett e.V.
7
5
2
63
Stadt Leipzig
21
8
6
64
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
7
0
0
65
Stadtverwaltung Kamenz
5
3
1
66
Stadtverwaltung Limbach-Oberfrohna
5
2
0
67
Stadtverwaltung Pirna
11
10
5
68
Stadtverwaltung Riesa
5
2
1

pro al & IKG – Abschlussbericht
27
Nr.
Projektträger
Zahl der
erhalte-
nen Nen-
nungen
(Prestige)
Zahl der
bestätig-
ten Bezie-
hungen
Zahl der
bestätig-
ten star-
ken Be-
ziehungen
69
Stadtverwaltung Weißwasser
3
3
0
70
Stiftung „Zukunft durch Bildung“
0
0
0
71
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
11
6
2
72
Theaterpädagogisches Zentrum Sachsen e.V.
1
1
1
73
Tierra - Eine Welt e.V.
5
2
0
74
Treibhaus e.V.
10
4
0
75
Vivere - Leben für Vielfalt und Courage e.V.
7
0
0
76
Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur e.V.
6
3
1
Mindestens 20 erhaltene Nennungen bzw. mindestens 10 bestätigte oder 5 bestätigte starke
Beziehungen
Die nachfolgende Abbildung zum Prestige der Projektträger im Landesprogramm veranschau-
licht die in der Tabelle aufgeführten Daten. Auf das Prestige wirken sich nur die eingehenden
Beziehungen aus (Pfeilspitze in Richtung des Kreises). Je größer der den jeweiligen Träger
symbolisierende Kreis ist, desto höher ist auch das Prestige. Ferner wurde die Position im
Netzwerk anhand aller aus- und eingehenden Beziehungen bestimmt. Zentrale Träger mit
hohem Prestige sind das Kulturbüro Sachsen (39), die Aktion Zivilcourage (3), der Förderver-
ein Tolerantes Sachsen (25), die Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sach-
sen (40), der Landessportbund Sachsen (43) und die Courage-Werkstatt für demokratische
Bildungsarbeit (16). Etwas weniger zentrale, aber ebenfalls oft genannte Träger sind der Aus-
länderrat Dresden (9), das Netzwerk für demokratische Kultur (50) und die Stadt Leipzig (63).
Für unseren Abschlussbericht zur Evaluation des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen für
Demokratie und Toleranz“ aus dem Jahr 2008 hatten wir ebenfalls eine Netzwerkanalyse
durchgeführt. Der Vergleich der Ergebnisse zeigt, dass das Kulturbüro Sachsen, die Aktion
Zivilcourage und das heute vom Förderverein Tolerantes Sachsen getragene Netzwerk Tole-
rantes Sachsen auch damals schon über das größte Prestige verfügten. Auch die Landesar-
beitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen, die Courage-Werkstatt für demokrati-
sche Bildungsarbeit, das Netzwerk für demokratische Kultur und die Stadt Leipzig verfügten
bereits über ein hohes Prestige. Insgesamt gibt es folglich eine recht hohe Konstanz bei den
zentralen Trägern im Landesprogramm.

image
pro al & IKG – Abschlussbericht
28
Abbildung 7:
Prestige der Projekte im Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für
Demokratie und Toleranz“
Die Trägerstruktur des Landesprogramms wird besonders deutlich, wenn man nur die bestä-
tigten Beziehungen berücksichtigt, bei denen mindestens einer der Partner einen häufigen
Informationsaustausch bzw. eine häufige Zusammenarbeit angegeben hatte. Träger, die die-
ses Kriterium nicht erfüllen, fallen aus dem Netzwerk heraus (s. die letzte Spalte in Tabelle 2).
Mit Hilfe einer sogenannten Community-Analyse können nun eng verbundene Projektträger
identifiziert werden. In Abbildung 8 ist außerdem leicht zu erkennen, welche Träger die zentra-
len Akteure in der jeweiligen Gruppe eng verbundener Projekte sind. In der roten Gruppe
spielen das Kulturbüro Sachsen (39) und der Förderverein Tolerantes Sachsen (25) eine zent-
rale Rolle; in der dunkelblauen Gruppe sind die Aktion Zivilcourage (3), die Stadtverwaltung
Pirna (67) und das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (47) besonders wichtig; in
der hellblauen Gruppe nehmen die Courage-Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit (16)

image
pro al & IKG – Abschlussbericht
29
und das Netzwerk für demokratische Kultur (50) die zentralen Positionen ein; in der dunkel-
grünen Gruppe ist der Verein „Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokra-
tie Sachsen“ besonders wichtig (57); in der schwarzen Gruppe ist es die Landesarbeitsgemein-
schaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen (40); in der sandfarbenen Gruppe ist die Stadt
Leipzig (63) besonders wichtig und in der violetten Gruppe hat Gerede – homo, bi und trans
(28) eine zentrale Stellung. Die beiden nicht mit dem Netzwerk verbundenen Träger können
wir hier unberücksichtigt lassen. Die oben genannten Träger bilden das Rückgrat in der Trä-
gerstruktur des Landesprogramms. Bei der Steuerung des Programms in Richtung auf die in
Tabelle 1 genannten Ziele sollten diese Träger besonders beachtet und möglichst als Unter-
stützer gewonnen werden.
Abbildung 8:
Community-Analyse des Kooperationsnetzwerks (nur bestätigte Beziehungen,
bei denen mindestens ein Partner einen häufigen Informationsaustausch oder
eine häufige Zusammenarbeit angegeben hat)

image
pro al & IKG – Abschlussbericht
30
Abbildung 9 zeigt das gesamte Netzwerk der Träger, die über bestätigte Beziehungen gleich
welcher Stärke miteinander verbunden sind. Die über eine weitere Community-Analyse identi-
fizierten Gruppen sind relativ ähnlich zu den oben beschriebenen Gruppen, aber wegen der
abweichenden Datenbasis nicht mit diesen identisch. Überhaupt muss bei der Community-
Analyse beachtet werden, dass die Gruppen in der Praxis nicht so trennscharf sind, wie sie
aufgrund der Analyse erscheinen.
Abbildung 9:
Community-Analyse des Kooperationsnetzwerks (alle bestätigten Beziehungen
zur Zusammenarbeit und zum Informationsaustausch)
Die oben wiedergegebenen Antwortvorgaben auf die Frage zum Informationsaustausch bzw.
zur Zusammenarbeit gestatten auch die Analyse eines Netzwerks der gewünschten Kooperati-

image
pro al & IKG – Abschlussbericht
31
onsbeziehungen. Dieses Netzwerk ist sehr komplex und enthält insgesamt 888 Kooperations-
wünsche. In Abbildung 10 beschränken wir uns daher auf die Fälle, in denen es zwar noch
keine Zusammenarbeit gibt, diese aber von beiden Seiten gewünscht wird. Auch dieses Netz-
werk ist noch verhältnismäßig komplex, was darauf hindeutet, dass die bisher vorhandenen
Möglichkeiten zum Aufbau von Kooperationsbeziehungen nicht ausreichen. Mindestens 9
neue Kooperationsbeziehungen werden zum Netzwerk Sachsen - gegen Rechtsextremismus,
Gewalt und Fremdenfeindlichkeit (52), zur Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bil-
dung Sachsen (40), zum Bildungswerk Sachsen der Deutschen Gesellschaft (11), zur Evangeli-
sche Hochschule Dresden (21), zur Akademie für lokale Demokratie (1), zur AWO Sonnenstein
(10), zum Landesfeuerwehrverband Sachsen (41) sowie zu Objektiv (54) gewünscht. Wie oben
bereits erwähnt, werden die Beziehungen aber auch von den genannten Trägern selbst ge-
wünscht. Allerdings sind die in Abbildung 10 dargestellten wechselseitigen Kooperationswün-
sche den Befragten zurzeit noch nicht bekannt. Sobald die Träger diese Informationen von den
Programmverantwortlichen erhalten, dürfte dem Aufbau von Kooperationsbeziehungen aber
nichts im Wege stehen.
Abbildung 10: Netzwerk zu beidseitig gewünschten Kooperationsbeziehungen

pro al & IKG – Abschlussbericht
32
Insgesamt zeigt die Netzwerkanalyse, dass etliche Projekte nur schwach oder gar nicht in Ko-
operationsbeziehungen eingebunden sind. Auch die hohe Zahl von insgesamt 888 gewünsch-
ten, aber noch nicht vorhandenen Kooperationsbeziehungen und von 76 wechselseitig ge-
wünschten Kooperationsbeziehungen zeigt, dass die bisher angebotenen Möglichkeiten nicht
ausreichen, um im Landesprogramm ein ausreichendes Maß an Austausch und Kooperation
sicherzustellen. An dieser Stelle zeigt sich deshalb die Notwendigkeit für die Entwicklung von
Formaten, die möglichst allen Projekten einen Austausch über die Optimierung von Maßnah-
men zur Erreichung der Programmziele ermöglichen. Denkbar wäre zum Beispiel die Veran-
staltung einer Fachtagung mit Arbeitsgruppen zum Thema „Maßnahmen zur Erreichung der
Programmziele“.
4.2.2 Regionale Verteilung der geförderten Projekte
Ein anderer Aspekt der Strukturqualität betrifft die regionale Verteilung der geförderten Projek-
te in Sachsen. Nach der aktuellen Förderrichtlinie sollen unterschiedliche Projekttypen geför-
dert werden (s. hierzu S. 5). Die zurzeit lokal und regional arbeitenden Projekte sind in Abbil-
dung 11 dargestellt. Die Abbildung macht deutlich, dass es dem Landesprogramm gelingt,
Projekte in ganz Sachsen zu fördern. Einzelne Landkreise sind allerdings verhältnismäßig
schwach vertreten. Hierzu zählen insbesondere die Landkreise Nordsachsen, Mittelsachsen,
Leipzig Land, Zwickau sowie der Vogtlandkreis. Etliche der lokalen und regionalen Projekte
sind in den Städten Leipzig, Dresden, Chemnitz, Bautzen und Pirna angesiedelt.
Mit Blick auf die Ausrichtung der lokal und regional arbeitenden Projekte fällt auf, dass Tole-
ranzförderung, sach- und subjektorientierte Demokratievermittlung sowie Vernetzung auch im
aktuellen Förderzeitraum dominieren. In den ländlichen Regionen spielt die Vernetzung eine
große Rolle. Entsprechende Projekte sind hier oft auch Anlauf- und Koordinierungsstelle für die
Durchführung zahlreicher Einzelmaßnahmen. Gefördert werden allerdings auch zwei lokale
Projekte mit dem Schwerpunkt „Entwicklung innovativer Handlungskonzepte/Forschung“ sowie
ein lokales Projekt zum interkulturellen bzw. interreligiösen Austausch.
Das Projektangebot wird durch 36 überregional tätige Projekte ergänzt (Stand: 22.04.2014).
Etliche dieser landesweit agierenden Projekte sind nicht nur präventiv tätig, sondern intervenie-
ren auch bei aktuellen Problemen.

image
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image
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image
Abbildung 11: Verteilung der vom Landesprogramm geförderten lokal und regional arbeitenden Projekte (Stand: April 2014)
Legende
Projekttyp
Tätigkeits-
schwerpunkt
lokal
regio-
nal
Sachorien-
tierte Demo-
kratievermitt-
lung
Subjektorien-
tierte Demo-
kratievermitt-
lung
Toleranzför-
derung
Vernetzung
Interkulturel-
ler/ interreli-
giöser Aus-
tausch
Entwicklung
innovativer
Handlungs-
konzepte/
Forschung
Kartenmaterial: © OpenStreetMap und Mitwirkende, Lizenz: CC BY-SA
Umrisskarte: © dmaps.com,
http://d-maps.com/carte.php?num_car=24085&lang=de
Karte mit Projektverteilung: © proVal

pro al & IKG – Abschlussbericht
34
Die Zahlen des Verfassungsschutzes zum Rechtsextremismus in Sachsen zeigen, dass viele der
lokal und regional arbeitenden Projekte tatsächlich dort verortet sind, wo sich eine größere
Zahl an offiziell bekannten Rechtsextremisten aufhält. Ein gewisses Defizit ist allerdings in den
Landkreisen Zwickau und Mittelsachsen erkennbar. Leipzig, der Landkreis Sächsische Schweiz-
Osterzgebirge und der Erzgebirgskreis stechen als Schwerpunktregion mit jeweils etwa 250 bis
300 registrierten rechtsextremistischen Personen hervor. Hier befinden sich aber auch viele
Projekte. Bis zum Jahr 2012 war auch im Freistaat Sachsen ein Rückgang des rechtsextremisti-
schen Personenpotenzials zu beobachten. Seitdem stagniert die Zahl der vom Verfassungs-
schutz registrierten Rechtsextremisten in Sachsen jedoch bei ca. 2.500 (vgl. Sächsisches
Staatsministerium des Innern/Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen 2013, S. 7). Insge-
samt lässt die Abbildung darauf schließen, dass es im gesamten Bundesland rechtsextremisti-
sche Akteure und Strukturen gibt. Deshalb können Maßnahmen zur Auseinandersetzung mit
Rechtsextremismus und zur Stärkung einer demokratischen Kultur prinzipiell in ganz Sachsen
sinnvoll sein.
Dem Verfassungsschutzbericht zufolge verliert die NPD auch in Sachsen zunehmend an Attrak-
tivität; die Mitgliederverluste wurden jedoch durch Zuwächse bei ihrer Jugendorganisation
Junge Nationaldemokraten (JN) zum Teil wieder ausgeglichen. Nichtsdestotrotz erzielte die
NPD bei der Bundestagswahl 2013 im Wahlkreis Sächsische Schweiz mit 5,1 % ein verhält-
nismäßig hohes Zweitstimmenergebnis (vgl. Sächsisches Staatsministerium des Innern/ Lan-
desamt für Verfassungsschutz Sachsen 2013, S. 7 und S. 33). Ein großes Problem ist auch die
gewaltbereite neonationalsozialistische Szene. Die Zahl der vom Verfassungsschutz registrier-
ten Neonationalsozialisten ist nach dem Verbot der „Nationalen Sozialisten Döbeln“ allerdings
leicht auf 980 (2013) zurückgegangen. Trotz solcher Entwicklungen ist von 2012 bis 2013 ein
Anstieg der registrierten rechtsextremistischen Gewalttaten von 54 auf 67 zu beobachten (vgl.
Sächsisches Staatsministerium des Innern/ Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen 2013, S.
14 und S. 88 ff.).

image
image
pro al & IKG – Abschlussbericht
35
Abbildung 12: Regionale Verteilung der Rechtsextremisten in Sachsen (absolute Zahlen)
Quelle: Sächsisches Staatsministerium des Innern/Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen
2013, S. 9
4.2.3 Die Programmumsetzung aus der Sicht der Projektverantwortlichen
Auf der Programmebene sind Mitarbeiter/innen des sächsischen Landespräventionsrates (LPR)
und der Sächsischen Aufbaubank (SAB) für die Umsetzung zuständig. Die Aufgaben der Mit-
arbeiter/innen des Landespräventionsrates umfassen die Antragsbearbeitung, die Steuerung
und Beratung, das Controlling, die Begleitung der Evaluation, die Bearbeitung von Landtags-
anfragen sowie die Öffentlichkeitsarbeit für das Programm. Seit September 2013 gibt es drei
neue Mitarbeiter/innen bei der Sächsischen Aufbaubank, die anteilig für das Landespro-
gramm tätig sind. Ihre Aufgabe ist vor allem die Antragsbearbeitung. Das Landesprogramm
wird aber auch in den Bereichen Bewilligung, Auszahlung und Verwendungsnachweisprüfung
durch Mitarbeiter/innen der SAB unterstützt. Insgesamt steht seit September 2013 ein Vollzeit-
äquivalent von 5,375 für das Landesprogramm zur Verfügung. Um eine hohe Strukturqualität
sicherzustellen, wurden die neuen Mitarbeiter/innen der SAB im Rahmen eines Workshops mit
den Themen Projektmanagement, Qualitätsentwicklung und Evaluation vertraut gemacht. Der
Workshop fand am 18. und am 19. September 2013 statt und wurde von zwei Wissenschaft-
lern des proVal-Instituts durchgeführt.

pro al & IKG – Abschlussbericht
36
Im Rahmen der zweiten Monitoringerhebung wurden die Projektverantwortlichen vor allem zu
verschiedenen Aspekten der Projektbegleitung durch den LPR und die SAB befragt. Am besten
schnitt der LPR bei den Aspekten „Erreichbarkeit bei Fragen und Problemen“ und „Unterstüt-
zung bei Problemen“ ab. Mehr kritische Rückmeldungen erhielt der LPR bei den Punkten „Fle-
xibilität bei unerwarteten Ereignissen“ und „Anerkennung und Wertschätzung der Projektar-
beit“. Insgesamt gaben die Befragten dem LPR die gute Durchschnittsnote 2,2.
Abbildung 13: Projektbegleitung durch die Mitarbeiter/innen des LPR
Die Befragten hatten außerdem die Möglichkeit, Anmerkungen zur Projektbegleitung des LPR
in ein Freitextfeld einzutragen. Diese Möglichkeit nutzten etliche Befragte, um die Arbeit des
LPR zu würdigen:
„Wir sind sehr froh, über die sehr gute und freundliche Zusammenarbeit mit den kom-
petenten Mitarbeiter/innen des LPR!“
„Wir danken für die angenehme und unterstützende Zusammenarbeit!“
„Die Projektbegleitung durch den LPR ist seit dem Jahr 2011 sehr gut verlaufen.“
„Mit der Zusammenarbeit mit dem LPR bin ich sehr zufrieden. Anfragen werden sehr
schnell und ausführlich beantwortet.“
„Die Projektbegleitung ist sehr gut, die Mitarbeiter sind freundlich und zuvorkommend.“
Kritisiert wurde insbesondere eine späte Auszahlung der Fördermittel:
„Die Begleitung ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Gelder so spät ausge-
zahlt werden und kleinere Vereine nicht in der Lage sind, so lange in Vorkasse zu ge-
hen.“
Einzelne Projektverantwortliche vermuteten eine Einflussnahme sächsischer Ministerien auf die
Mittelvergabe oder klagten über Intransparenz bezüglich der Kriterien für ein positives Förder-
votum. Vereinzelt wurde auch ein zu hoher Aufwand für die Antragstellung kritisiert. Ein Be-
6
2
4
4
7
7
1
10
9
9
6
6
13
17
15
16
10
47
34
43
41
57
26
31
25
31
26
0
50
100
Insgesamt [70]
Anerkennung und Wertschätzung der
Projektarbeit [71]
Flexibilität bei unerwarteten Ereignissen
[68]
Unterstützung bei Problemen [71]
Erreichbarkeit bei Fragen und Problemen
[72]
M=1,99 SD=0,85
M=2,17 SD=1,15
M=2,35 SD=1,24
M=2,38 SD=1,41
M=2,20 SD=1,07
ungenügend
mangelhaft
ausreichend
befriedigend
gut
sehr gut

pro al & IKG – Abschlussbericht
37
fragter wünschte sich mehr Unterstützung für kleine, einfach konzipierte niederschwellige Pro-
jekte:
„Die Unterstützung für niederschwellige Angebote wird leider vernachlässigt und die ist
extrem wichtig. Manche Eltern und Senioren kann man nicht durch hoch angesetzte Vor-
träge oder Workshops erreichen.“
Die SAB wurde insgesamt kritischer als der LPR bewertet und erhielt eine befriedigende bis
gute Durchschnittsnote von 2,6. Am besten wurden die Aspekte „Finanzielle Abwicklung“ und
„Unterstützung bei Problemen“ bewertet. Relativ viele kritische Rückmeldung gab es in Bezug
auf die Flexibilität bei unerwarteten Ereignissen und die Anerkennung und Wertschätzung der
Projektarbeit.
Abbildung 14: Projektbegleitung durch die Mitarbeiter/innen der SAB
Zur Projektbegleitung der SAB konnten die Befragten ebenfalls Anmerkungen in ein Freitext-
feld eintragen:
„Auch mit der Zusammenarbeit mit der SAB bin ich sehr zufrieden. Mein Ansprechpart-
ner bei der SAB ist sehr hilfsbereit und beantwortet Fragen auch sehr zügig und umfas-
send.“
„Sehr angenehm ist die Erreichbarkeit, die Freundlichkeit der Mitarbeiter/innen und das
Bemühen, Problemen (im Rahmen der Möglichkeiten) positiv zu begegnen.“
„Individuelle und zeitnahe Beratung bei auftretenden Problemen; individuelle Lösungs-
vorschläge; vertrauensvolle Zusammenarbeit.“
„Der Abrechnungsmodus ist o.k. das Geld wird schnell überwiesen, die Anträge nicht zu
aufwendig.“
Neben solchen positiven Rückmeldungen gibt es auch kritische Stimmen, insbesondere zur
Zeitspanne bis zur ersten Auszahlung von Fördermitteln:
1
6
3
1
1
6
9
1
16
23
17
14
12
26
23
30
24
26
43
27
31
47
43
12
16
14
13
16
0
50
100
Insgesamt [74]
Anerkennung und Wertschätzung der
Projektarbeit [70]
Flexibilität bei unerwarteten Ereignissen [71]
Unterstützung bei Problemen [72]
Finanzielle Abwicklung [74]
M=2,43 SD=1,03
M=2,50 SD=1,06
M=2,75 SD=1,16
M=2,93 SD=1,38
M=2,55 SD=1,04
ungenügend
mangelhaft
ausreichend
befriedigend
gut
sehr gut

pro al & IKG – Abschlussbericht
38
„Die Bearbeitungszeit des Antrages 2014 wurde sehr verbessert, großes Lob! Doch ist es
für einen gemeinnützigen Verein kaum tragbar, frühestens im Laufe des dritten Monats
über finanzielle Mittel verfügen zu können.“
Ein anderer Kritikpunkt betrifft unklare Entscheidungsstrukturen und einen häufigen Wechsel
der zuständigen Mitarbeiter/innen:
„Manchmal ist nicht klar, ob WOS oder SAB die inhaltliche Entscheidung über die Fra-
gestellung hat. Dies führt zu ärgerlichem und aus unserer Sicht unnötigem Mehrauf-
wand.“
„Unangenehm ist für uns der ständige Wechsel der Mitarbeiter/innen, so dass wir uns
immer wieder neu erklären müssen.“
Vereinzelt wurde auch über einen hohen bürokratischer Aufwand, viele Nachfragen und eine
aufwendige inhaltliche Prüfung geklagt.
Insgesamt sind die Rückmeldungen aber recht positiv. Verbesserungen beim Aspekt „Anerken-
nung und Wertschätzung der Projektarbeit“ ließen sich wahrscheinlich durch eine gemeinsa-
men Fachtagung oder eine ähnliche Veranstaltung, zu der alle geförderten Projekte von den
Programmverantwortlichen eingeladen werden, erreichen.
4.3 Umsetzung des Landesprogramms
Das Landesprogramm wird im aktuellen Förderzeitraum von 80 Projekten umgesetzt (Stand
22.4.2014), von denen 77 den Online-Fragebogen der zweiten Monitoringwelle beantwortet
haben. Abbildung 15 zeigt die Verteilung der Projekte auf die in der Förderrichtlinie Weltoffe-
nes Sachsen (FördRL WOS) vorgegebenen Schwerpunkte. Bei der Beantwortung dieser Frage
waren Mehrfachnennungen zugelassen; allerdings waren nur maximal drei Antworten mög-
lich. Die ersten drei Schwerpunkte der Förderrichtlinie wurden – wie auch im ersten Monitoring
– von den Projektverantwortlichen am häufigsten als Tätigkeitsschwerpunkte ihrer Projekte
genannt. Die Stärkung demokratischer Werte und Handlungskompetenzen und die Förderung
bürgerschaftlichen Engagements, die Förderung und Stärkung von Toleranz und Akzeptanz
gegenüber unterschiedlichen religiösen, kulturellen und ethnischen Zugehörigkeiten oder se-
xuellen Orientierungen sowie der Abbau von Extremismus, insbesondere von Rassismus und
Antisemitismus, bilden auch in dem aktuellen Förderzeitraum den Kernbereich des Landes-
programms. Relativ häufig wurden darüber hinaus die Vernetzung und die Aus- und Fortbil-
dung von Multiplikatoren und Fachkräften genannt. 15-mal wurde die Förderung von interre-
ligiösem und interkulturellem Austausch als Schwerpunkt angegeben. Die Entwicklung von
innovativen Handlungskonzepten durch beratende wissenschaftliche Begleitung von Maßnah-
men bezeichneten sieben und die Unterstützung von Gewaltopfern bezeichneten zwei Projekte
als einen Tätigkeitsschwerpunkt. Unter „Sonstiges“ wurden die Mobile Beratung, die bewusste
Auseinandersetzung mit der Geschichte des Rechtsextremismus, die Geschichts(er)forschung
und ganz allgemein die Schwächung von Neonazismus und Rassismus genannt.
Auch im aktuellen Förderzeitraum stimmen die Tätigkeitsschwerpunkte der Projekte gut mit
den Vorgaben der Förderrichtlinie überein. Vergleicht man die Ergebnisse des zweiten Monito-

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pro al & IKG – Abschlussbericht
39
rings mit denen des ersten, dann ist im Hinblick auf die Tätigkeitsschwerpunkte der geförder-
ten Projekte eine große Kontinuität festzustellen.
Abbildung 15: Anzahl der Projekte mit entsprechenden Tätigkeitsschwerpunkten
(Mehrfachnennungen möglich; maximal 3 Antworten)
Die Beurteilung der Umsetzung des Landesprogramms erfolgt im Folgenden vor dem Hinter-
grund unserer Expertise zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Sachsen sowie der
in Tabelle 1 dargestellten Ziele. Mit Blick auf die Ergebnisse der Expertise stellt sich z.B. die
Frage, ob Erwachsene und ältere Menschen als Zielgruppen angemessen berücksichtigt wer-
den. Bezüglich der erwähnten Ziele ist zu beachten, dass diese zurzeit noch nicht zur Steue-
rung der Förderpraxis dienen. Wir prüfen daher lediglich, ob im aktuellen Förderzeitraum
durch die bereits eingesetzten Maßnahmen Veränderungen in Richtung der angestrebten Ziele
erwartet werden können.
4
7
25
17
2
15
39
54
33
0
10
20
30
40
50
60
Sonstiges
Entwicklung innovativer Handlungskonzepte durch
beratende und wissenschaftliche Begleitung von
Maßnahmen
Vernetzung von staatlichen und nichtstaatlichen
Institutionen und relevanten Akteuren
Aus- und Fortbildung von Multiplikatoren und
Fachkräften sowie deren inhaltliche und methodische
Betreuung
Beratung und Unterstützung von Gewaltopfern
Förderung von interkulturellem und interreligiösem
Austausch
Förderung und Stärkung von Toleranz und Akzeptanz
gegenüber unterschiedlichen religiösen, kulturellen
und ethnischen Zugehörigkeiten oder sexuellen
Orientierungen
Stärkung demokratischer Werte und
Handlunkskompetenzen sowie Förderung
bürgerschaftlichen Engagements
Abbau von Extremismus, insbesondere Rassismus und
Antisemitismus

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pro al & IKG – Abschlussbericht
40
4.3.1 Zielgruppen und Zielgruppenerreichung
Abbildung 16 zeigt zunächst, dass in fast
2
/
3
der Projekte Kinder und Jugendliche die wichtigs-
te Zielgruppe sind. Die Auswertung der Kategorie „sonstige Zielgruppen“ zeigt allerdings, dass
in einem Projekt ältere Bürger, in weiteren zwei Projekten erwachsene Bürger und in einem
Projekt Auszubildende die wichtigste Zielgruppe sind. Trotzdem erweckt die gegenwärtige Aus-
richtung der Projekte den Eindruck, dass Rechtsextremismus entgegen den Ergebnissen unse-
rer Expertise und anderer Studien (vgl. z.B. Stöss 2005, S. 66; Heyder/Schmidt 2002; Rippl
2005) vor allem als Jugendproblem betrachtet wird und präventive Maßnahmen deshalb vor
allem bei Kindern und Jugendlichen ansetzen.
Abbildung 16: Wichtigste Zielgruppe, die im Förderjahr 2014 erreicht werden soll
Dieser Eindruck relativiert sich allerdings, wenn man nicht nur nach der wichtigsten, sondern
nach allen Zielgruppen fragt, die im aktuellen Förderzeitraum erreicht werden sollen. Auch
hier stehen Kinder und Jugendliche sowie Personen, die professionell mit Kindern und Jugend-
lichen arbeiten, im Mittelpunkt. Aber auch ehren- und hauptamtliche Akteure aus Vereinen
und Verbänden, Akteure aus dem Bereich der Kommunalpolitik, Vertreter/innen von Bündnis-
sen für Demokratie, Verwaltungsmitarbeiter/innen und Unternehmer/innen, die Einfluss auf
die Gestaltung ihres Handlungskontextes in Richtung einer demokratischen Kultur nehmen
1,5
1,5
1,5
1,5
1,5
1,5
3
4,5
7,6
10,6
65,2
0
10
20
30
40
50
60
70
Akteure aus dem Bereich der Kommunalpolitik
Vertreter/innen von Jugendtreffs und Jugendclubs
Vertreter/innen von Bündnissen für Demokratie
Polizeibeamte
Lehrerinnen und Lehrer
Eltern
Mitarbeiter/innen der Verwaltung
Hauptamtliche Akteure aus Vereinen und
Verbänden
Mitarbeiter/innen der Sozial-, Kinder- und
Jugendarbeit
Ehrenamtliche Akteure aus Vereinen und
Verbänden
Kinder und Jugendliche

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pro al & IKG – Abschlussbericht
41
können, spielen bei zahlreichen Projekten als Zielgruppe eine Rolle. Auffällig ist, dass Polizei-
beamte nur selten als Zielgruppe genannt wurden, obwohl sie bei Problemen mit Rechtsextre-
misten und beim Umgang mit Personen, die von rechtsextremer Gewalt betroffen sind, zwei-
fellos eine wichtige Rolle spielen. Unter „Sonstige“ nannten 17 Projekte weitere Zielgruppen
wie Asylbewerber/innen, Migranten und Migrantinnen, Freiwillige, Studierende, Erzie-
her/innen, Ausbilder/innen, Auszubildende, Senioren, Medienvertreter/innen, Landespoliti-
ker/innen und Lehramtsanwärter/innen.
Abbildung 17: Zielgruppen die im Förderjahr 2014 erreicht werden sollen
(Mehrfachnennungen möglich)
Die Projektverantwortlichen wurden außerdem gebeten, die prozentualen Anteile der verschie-
denen Altersgruppen an ihren Zielgruppen anzugeben. Der Online-Fragebogen war bei die-
ser Frage so programmiert, dass der Gesamtwert von 100 % durch die einzelnen Angaben
nicht überschritten werden konnte. Die Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt gut die Hälfte
der zu erreichenden Personen zur Altersgruppe der unter 18-Jährigen gehört. Junge Erwach-
sene im Alter von 18 bis unter 25 Jahren haben einen Anteil von 16,3 %, Erwachsene bis un-
ter 65 Jahren einen Anteil von 28,6 % und ältere Menschen einen Anteil von 3,2 % an den
Zielgruppen. Diese Altersstruktur steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu der Erkennt-
nis, dass rechtsextremistische und fremdenfeindliche Einstellungen kein reines Jugendproblem
17
9
12
22
25
26
30
32
33
37
45
51
62
0
10
20
30
40
50
60
70
Sonstige
Polizeibeamte
Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region
Mitarbeiter/innen der Verwaltung
Vertreter/innen von Jugendtreffs und Jugendclubs
Eltern
Vertreter/innen von Bündnissen für Demokratie
Akteure aus dem Bereich der Kommunalpolitik
Hauptamtliche Akteure aus Vereinen und Verbänden
Ehrenamtliche Akteure aus Vereinen und Verbänden
Mitarbeiter/innen der Sozial-, Kinder- und
Jugendarbeit
Lehrerinnen und Lehrer
Kinder und Jugendliche

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pro al & IKG – Abschlussbericht
42
sind, sondern bei Erwachsenen und älteren Menschen zum Teil deutlich stärker ausgeprägt
sind.
Abbildung 18: Durchschnittliche Prozentanteile der einzelnen Altersgruppen an den zum
Befragungszeitpunkt erreichten Personen*
* Diese Frage wurde von allen 77 Projekten beantwortet.
Die Projektverantwortlichen, die ein ähnliches Projekt bereits im Förderjahr 2013 durchgeführt
hatten, wurden außerdem gefragt, wieviel Prozent der Akteure, die das Projekt im Jahr 2013
erreichen wollte, dann tatsächlich erreicht wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass der durch-
schnittliche Grad der Zielgruppenerreichung bei Kindern und Jugendlichen, Vertreter/innen
von Bündnissen für Demokratie und Mitarbeiter/innen der Kinder und Jugendarbeit am höchs-
ten ist. Am schwierigsten zu erreichen sind offenbar Akteure aus dem Bereich der Kommunal-
politik, Polizeibeamte sowie Unternehmerinnen und Unternehmer.
19,8
30,9
16,3
21,1
7,5
3,2
0
5
10
15
20
25
30
35
unter 14
Jahre
14 bis unter
18 Jahre
18 bis unter
25 Jahre
25 bis unter
50 Jahre
50 bis unter
65 Jahre
65 Jahre und
älter

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pro al & IKG – Abschlussbericht
43
Abbildung 19: Durchschnittlicher Anteil der erreichten Personen aus der jeweiligen Zielgruppe
im Förderjahr 2013 (in Prozent)*
* Zahl der Projekte, die die jeweilige Zielgruppe erreichen wollten, in Klammern hinter den Zielgruppen.
4.3.2 Maßnahmen zur Zielerreichung
Die Projekte wurden auch bei der zweiten Monitoringerhebung wieder gefragt, ob sie glauben,
die mit den Programmverantwortlichen entwickelten Ziele (s. Tabelle 1) mit ihren Maßnahmen
zumindest teilweise erreichen zu können. Insgesamt ist festzustellen, dass die Projekte davon
ausgehen, viele Ziele mit ihren Maßnahmen erreichen zu können. Lücken sehen wir – wie
schon in der ersten Monitoringwelle – bei der Einbeziehung von Eltern und Großeltern und bei
Ansätzen, die gezielt auf Verantwortungsträger und Menschen in Schlüsselpositionen zuge-
schnitten sind.
50,4
34,7
42,4
42,7
45
50,1
51,4
53,6
57,7
58
61,4
67,8
75,6
0
10
20
30
40
50
60
70
80
Sonstige Akteure [19]
Unternehmerinnen und Unternehmer aus der
Region [15]
Polizeibeamte [16]
Akteure aus dem Bereich der Kommunalpolitik
[36]
Eltern [29]
Vertreter/innen von Jugendtreffs und
Jugendclubs [31]
Mitarbeiter/innen der Verwaltung [30]
Lehrerinnen und Lehrer [47]
Ehrenamtliche Akteure aus Vereinen und
Verbänden [39]
Hauptamtliche Akteure aus Vereinen und
Verbänden [36]
Mitarbeiter/innen der Sozial-, Kinder- und
Jugendarbeit [47]
Vertreter/innen von Bündnissen für Demokratie
[32]
Kinder und Jugendliche [56]

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pro al & IKG – Abschlussbericht
44
Abbildung 20: Anzahl der Projekte, die annehmen, die jeweiligen Programmziele mit ihren
Maßnahmen zumindest teilweise zu erreichen
Im Unterschied zur ersten Monitoringerhebung wurden die Befragten diesmal außerdem ge-
beten, die wichtigsten Maßnahmen zur Erreichung der Ziele zu nennen, die sie im Rahmen
ihres Projekts in der aktuellen Förderphase für zumindest teilweise erreichbar halten.
26
21
38
10
21
16
24
24
39
2
27
37
6
18
37
26
36
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
HZ6.3: Politische Entscheidungsträger sind über die
Aktivitäten des Landesprogramms informiert.
HZ6.2: Engagierte Akteure erfahren öffentliche
Anerkennung und motivieren andere zum
Mitmachen.
HZ6.1: Projektverantwortliche stellen ihre Ziele,
Aktivitäten und Erfolge öffentlich sichtbar dar.
HZ5.2: Kommunale Verantwortungsträger sind
handlungssicher im Umgang mit extremistischen
Bedrohungen.
HZ5.1: Kommunale Verantwortungsträger sind
sensibel für extremistische Bedrohungen und
erkennen sie.
HZ4.3: Menschen in Sachsen - insbesondere solche
in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen - handeln in
ihrem Alltag als Vorbilder.
HZ4.2: Menschen in Sachsen - insbesondere solche
in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen - erkennen
Diskriminierungen und schreiten dagegen ein.
HZ4.1: Menschen in Sachsen - insbesondere solche
in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen - sind sich
ihrer Vorurteile bewusst und reflektieren sie.
HZ3.3: Jugendliche beeinflussen aktiv
Entscheidungen, die das eigene Lebensumfeld
betreffen.
HZ3.2: Eltern und Großeltern unterstützen die
Multiplikatoren bei der Anwendung von Methoden
der demokratischen Beteiligung.
HZ3.1: Multiplikatoren in der Schule und im
außerschulischen Freizeitbereich wenden Methoden
der demokratischen Beteiligung an.
HZ2.3: Kinder haben gelernt, dass sie ihren Alltag
mitgestalten können.
HZ2.2: Eltern und Großeltern unterstützen die
Multiplikatoren bei der Anwendung von Methoden
der demokratischen Beteiligung.
HZ2.1: Multiplikatoren im Kita- und Schulbereich
wenden Methoden der demokratischen Beteiligung
an.
HZ1.3: Multiplikatoren erkennen extremistische
Erscheinungen.
HZ1.2: Akteure schaffen attraktive Angebote für
demokratische Beteiligung.
HZ1.1: Demokratinnen und Demokraten ergreifen im
Sinne demokratischer Werte das Wort.

pro al & IKG – Abschlussbericht
45
Im Hinblick auf das Ziel „Demokratinnen und Demokraten ergreifen im Sinne demokratischer
Werte das Wort“ (HZ1.1) haben 36 Befragte zahlreiche Maßnahmen genannt, die sie zur Er-
reichung dieses Ziels einsetzen. Die meisten der von den Befragten genannten Maßnahmen
sind aus unserer Sicht allerdings ungeeignet, weil sie das Kernproblem nicht berühren. Dieses
besteht darin, dass Demokratinnen und Demokraten den Mut aufbringen müssen, in einer
Situation, die durch feindselige und diskriminierende Äußerungen geprägt ist, das Wort zu
ergreifen. Hier sind aus unserer Sicht verhaltensbezogene Maßnahmen wie Rollenspiele oder
Trainings unverzichtbar. Solche Maßnahmen wurden jedoch nur vereinzelt genannt. Eventuell
kann auch das Format des Politik-Battle, das ebenfalls einmal genannt wurde, geeignet sein,
um die nötige Sicherheit für das Vertreten demokratischer Positionen zu gewinnen. Allein
durch allgemeine Bildungsveranstaltungen, Diskussionen und Gespräche, Runde Tische, das
Kennenlernen von Beteiligungstechniken, Gremienarbeit, Vorträge, Informationsveranstaltun-
gen und Fachtagungen kann die zur Erreichung des Handlungsziels notwendige Verhaltens-
änderung jedenfalls nicht erreicht werden. Diese genannten Maßnahmen sind allenfalls ein
erster Schritt, um Bürgerinnen und Bürger auf das Problem hinzuweisen.
Zur Erreichung des Handlungsziels „Akteure schaffen attraktive Angebote für demokratische
Beteiligung“ haben 26 Befragte Maßnahmen genannt. Hierunter sind etliche Maßnahmen, die
vielversprechend klingen, wenngleich die Beschreibungen in der Regel zu knapp sind, um die
Attraktivität der Angebote einschätzen zu können. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang
Angebote wie die 48-Stunden-Aktion Vogtlandkreis, Projekte zum Wahljahr, die Schaffung
eines ständigen Jugendbeteiligungsforums, die Wiesenthaler Zwergenstadt, kindgerechte Be-
teiligungsprojekte und Bürgerbeteiligungsprojekte, aber auch Fortbildungs- und Unterstüt-
zungsangebote, die die Zielgruppen zur Entwicklung solcher Angebote befähigen sollen.
Insgesamt 37 Befragte haben zur Erreichung des Handlungsziels „Multiplikatoren erkennen
extremistische Erscheinungen (HZ1.3)“ zahlreiche plausible Maßnahmen genannt. Hierzu zäh-
len insbesondere Vorträge, Schulungen, Workshops, Expertengespräche und Fortbildungsver-
anstaltungen sowie die Bereitstellung von Informationsmaterialien.
B
eim Ziel „Multiplikatoren im Kita- und Schulbereich wenden Methoden der demokratischen
Beteiligung an“ (HZ3.1) wurden von 18 Befragten nahezu ausschließlich Informations- und
Bildungsmaßnahmen genannt. Solche Maßnahmen können zwar dazu führen, dass sich die
Multiplikatoren mit dem Thema beschäftigen; um tatsächlich die mit dem Ziel beabsichtigte
Verhaltensänderung zu erreichen, bedarf es jedoch darüber hinausgehender Maßnahmen wie
der praktischen Erprobung von Beteiligungsmethoden oder einem On-the-Job-Training.
Zur Erreichung des Handlungsziels „Eltern und Großeltern unterstützen die Multiplikatoren bei
der Anwendung von Methoden der demokratischen Beteiligung“ haben lediglich sechs Befrag-
te recht allgemeine Maßnahmen genannt. Einzig der Vorschlag, eine Kooperationsvereinba-
rung mit Eltern abzuschließen, war speziell auf eine der im Ziel genannten Zielgruppen ausge-
richtet.
37 Projekte gehen davon aus, das Handlungsziel „Kinder haben gelernt, dass sie ihren Alltag
mitgestalten können“ mit ihren Maßnahmen zumindest teilweise erreichen zu können. In die-

pro al & IKG – Abschlussbericht
46
sem Zusammenhang wurden vor allem Workshops, Projektwochen, Projekte, eine interaktive
Ausstellung und andere Bildungsmaßnahmen als zielführend angesehen. Unklar bleibt bei
diesen Maßnahmen aber oft, inwieweit die besonderen Voraussetzungen und Bedürfnisse der
Kinder berücksichtigt werden. Mit Blick auf das oben genannte Ziel wurden aber auch stärker
verhaltensbezogene Maßnahmen wie Debatten über Lösungswege, eine kinderstadtinterne
Bürgerversammlung, Zeitungsinterviews, eine Ergebniskonferenz unter Beteiligung von Kin-
dern, Rollenspiele, partizipative Spiele sowie die Methode des Forumtheaters aufgeführt.
Um das Handlungsziel „Multiplikatoren in der Schule und im außerschulischen Freizeitbereich
wenden Methoden der demokratischen Beteiligung an“ (HZ3.1) zu erreichen, werden ebenfalls
Lesungen, Projekttage, Projektwochen und Fortbildungsmaßnahmen eingesetzt. Wie wir oben
schon ausgeführt haben, können solche Maßnahmen bestenfalls dazu führen, dass sich die
Multiplikatoren mit dem Thema beschäftigen. Damit Multiplikatoren, die bisher keine Metho-
den der demokratischen Beteiligung angewendet haben, ihre Handlungsweise ändern, bedarf
es jedoch darüber hinausgehender Maßnahmen. Hier sind die ebenfalls genannten Begleit-
prozesse sehr sinnvoll, wenn es sich dabei um ein On-the-Job-Training handeln sollte. Auch
die Durchführung einer Schülerkonferenz kann hier sinnvoll sein. Insgesamt haben 27 Befrag-
te in diesem Zusammenhang Maßnahmen genannt, die aber zum Teil nicht oder nicht ausrei-
chend auf die genannte Zielgruppe und das spezifische Ziel ausgerichtet sind (z.B. Netzwerk-
arbeit im Sozialraum, Darstellung von Beiträgen zur Integration, Akzeptanz für vielfältige Le-
bensweisen schaffen etc.).
Zur Erreichung des Ziels „Eltern und Großeltern unterstützen die Multiplikatoren bei der An-
wendung von Methoden der demokratischen Beteiligung“ wurde lediglich eine allgemeine,
nicht auf die Zielgruppe zugeschnittene Maßnahme genannt.
39 Befragte haben Maßnahmen zur Erreichung des Ziels „Jugendliche beeinflussen aktiv Ent-
scheidungen, die das eigene Lebensumfeld betreffen“ (HZ3.3) beschrieben. In diesem Zu-
sammenhang wurden zum einen wieder Projekttage, Projektwochen, Workshops, Diskussio-
nen, Aufklärung, Ausstellungsbesuche und andere Bildungsmaßnahmen genannt; zum ande-
ren wurden Beispiele für konkrete Aktivitäten genannt (48-Stunden-Aktion Vogtlandkreis, En-
gagement 48h-Aktion). Aus unserer Sicht kommt es hier aber vor allem auf Maßnahmen an,
die eine Veränderung von einer passiven Konsumhaltung hin zu einer aktiven Rolle bei der
spezifischen Zielgruppe der Jugendlichen bewirken können. Beispiele hierfür sind vielleicht
Peerleader, die als Vorbilder in Schule und Gemeinwesen wirken, die Teilnahme von Jugendli-
chen an Sitzungen, bei denen es um ihre Interessen geht, die Reflexion des eigenen Verhaltens
im Rahmen des Forumtheaters oder die Durchführung von Mikroprojekten.
Um das Handlungsziel „Menschen in Sachsen - insbesondere solche in gesellschaftlichen
Schlüsselpositionen - sind sich ihrer Vorurteile bewusst und reflektieren sie“ (HZ4.1) zu errei-
chen, sind Bildungsmaßnahmen naheliegend. 24 Befragte haben in diesem Zusammenhang
angegeben, dass dieses Ziel von ihrem Projekt durch Lesungen, Buchpräsentationen, Medien-
auftritte, Fort- und Weiterbildung, Vorträge, Workshops und Ausstellungen zumindest teilweise
erreicht wird. Es ist jedoch nicht erkennbar, dass Maßnahmen speziell auf die Zielgruppe der

pro al & IKG – Abschlussbericht
47
Menschen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen ausgerichtet sind. Bei einigen Maßnahmen
(Projekte mit Migranten zum Thema Asyl, Seminarabend zu jüdischer und christlicher Identität,
Erstellung eines Inklusionskataloges, Wanderausstellung „Mein Gott, Dein Gott, Kein Gott“,
Brainstorming) bleibt rätselhaft, wie Menschen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen hier-
durch zur Auseinandersetzung mit ihren Vorurteilen gebracht werden können.
Die im Zusammenhang mit dem Handlungsziel „Menschen in Sachsen – insbesondere solche
in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen – erkennen Diskriminierungen und schreiten dagegen
ein“ (HZ4.2) von 24 Befragten genannten Informations- und Bildungsmaßnahmen (Lesungen,
Buchpräsentationen, Ausstellungen, Workshops, Fortbildungen) sind nur für den ersten Teil
des Handlungsziels plausibel. Die spannendere Frage ist, wie insbesondere Menschen in ge-
sellschaftlichen Schlüsselpositionen dazu gebracht werden können, gegen Diskriminierungen
einzuschreiten. Diese Frage bleibt nach der Lektüre der genannten Maßnahmen jedoch unbe-
antwortet.
Das Defizit im Bereich von Maßnahmen zur Verhaltensänderung wird auch bei dem Hand-
lungsziel „Menschen in Sachsen - insbesondere solche in gesellschaftlichen Schlüsselpositio-
nen - handeln in ihrem Alltag als Vorbilder im Sinne von Gleichwertigkeit und Menschenrech-
ten“ (HZ4.3) deutlich. Hier haben 16 Befragte Maßnahmen vorgestellt, die aber meist nicht
auf Menschen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen zugeschnitten sind. Eine prominente
Rolle spielen wieder die verschiedenen Informations- und Bildungsmaßnahmen, bei denen
aber offen bleibt, wie diese dazu führen können, dass eine Person in einer gesellschaftlichen
Schlüsselposition ihre Handlungsweise so ändert, dass sie fortan als Vorbild im Sinne von
Gleichwertigkeit und Menschenrechten angesehen werden kann. Die erwähnte Thematisierung
der besonderen Rolle von lokalen Verantwortungsträgern reicht hierfür sicher nicht aus – im-
merhin wurde hier aber wenigstens die relevante Zielgruppe benannt. Die ebenfalls genann-
ten Workshops für Lehrkräfte und Fachkräfte in sozialen Bereichen könnten für Multiplikatoren
zielführend sein; ob sie bei Menschen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen Anklang finden,
ist indes fraglich.
Beim Handlungsziel „Kommunale Verantwortungsträger sind sensibel für extremistische Be-
drohungen und erkennen sie“ (HZ5.1) haben 21 Personen Maßnahmen genannt. Hier sind
Informations- und Bildungsveranstaltungen (Fachtagungen, Workshops, Vorträge, Aufklärung)
naheliegend. Allerdings bleibt wiederum unklar, wie die Maßnahmen den spezifischen Vo-
raussetzungen und Bedürfnissen der kommunalen Verantwortungsträger gerecht werden kön-
nen. Die genannte handlungsanlassbezogene Abstimmung mit Akteuren aus der Verwaltung,
die ebenfalls genannte Integration kommunaler Verantwortungsträger in ein vorhandenes
Netzwerk oder die erwähnte Sensibilisierung über persönliche Gespräche sind aber vielleicht
ganz gute Ansatzpunkte.
Das Handlungsziel „Kommunale Verantwortungsträger sind handlungssicher im Umgang mit
extremistischen Bedrohungen“ (HZ5.2) wollen die Projekte wiederum mit Informations- und
Bildungsveranstaltungen (Fachtagungen, Workshops, Schulungen) sowie durch Beratungsan-
gebote erreichen. Die genannte Netzwerkarbeit kann als flankierende Maßnahme sinnvoll

pro al & IKG – Abschlussbericht
48
sein. Allerdings wurden nur von 10 Befragten Maßnahmen genannt. Wie die besonderen Vo-
raussetzungen und Bedürfnisse der kommunalen Verantwortungsträger bei den Maßnahmen
berücksichtigt werden, bleibt jedoch auch hier unklar.
Maßnahmen, um das Handlungsziel „Projektverantwortliche stellen ihre Ziele, Aktivitäten und
Erfolge öffentlich sichtbar dar“ zumindest teilweise zu erreichen, wurden von 38 Personen ge-
nannt. Nach unserem Verständnis geht es bei dem Ziel darum, das Projekt einer breiteren
Öffentlichkeit bekanntzumachen. Wie Lesungen und Buchpräsentationen, Diskussionen in Se-
minaren, Beratungen im Rahmen des Lokalen Aktionsplans, Begleitprozesse oder Beratung
und Coaching zur Erreichung dieses Ziels beitragen sollen, erschließt sich uns nicht. Plausibler
sind die genannten Maßnahmen aus dem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit wie die Erstellung
von Webseiten, die Ausstellung von künstlerischen Arbeiten und von Workshopergebnissen,
die Verteilung von Flyern, die Einrichtung von Infoständen, die persönliche Projektvorstellung
in verschiedenen Einrichtungen oder die Zusammenarbeit mit der Presse.
21 Befragte nannten Maßnahmen, um im Rahmen ihres Projekts das Handlungsziel „Enga-
gierte Akteure erfahren öffentliche Anerkennung und motivieren andere zum Mitmachen“
(HZ6.2) zumindest teilweise zu erreichen. In etlichen Fällen vertrauen die Befragten aber wohl
darauf, dass ihre Maßnahmen so attraktiv sind, dass den Teilnehmenden schon durch das
bloße Mitmachen Anerkennung zuteil wird und dass diese die Maßnahmen deshalb weiter-
empfehlen werden. Folglich wurden diese Maßnahmen einfach noch einmal aufgezählt (Stol-
persteinverlegung, Begleitprozesse, Einzelprojektförderung, Jugendgeschichtstage im Sächsi-
schen Landtag, 48h-Aktion etc.). Darüber hinaus wurden auch einige stärker auf das Hand-
lungsziel bezogene Maßnahmen genannt: Ehrenamtspässe, Einladung zum Neujahrsemp-
fang, Abschlussveranstaltungen, Preisausschreiben sowie die journalistische Berichterstattung
über durchgeführte Projekte.
Um das Ziel „Politische Entscheidungsträger sind über die Aktivitäten des Landesprogramms
informiert“ (HZ6.3) zu erreichen, nannten 26 Befragte nachvollziehbare Maßnahmen wie den
Informationsaustausch zwischen Projektträgern und Verwaltung, persönliche Gespräche mit
Bürgermeistern/Bürgermeisterinnen und anderen Kommunalpolitikern, Lobbyarbeit, Einbin-
dung von Abgeordneten und Stadträten in die praktische Projektumsetzung, die Einrichtung
von Begleitausschüssen, regelmäßige Informationen an den Stadtrat und an politische Ent-
scheidungsträger z.B. durch die Versendung von Infobriefen.
Insgesamt zeigt sich, dass der Schwerpunkt der Maßnahmen auf der Wissensvermittlung liegt.
Hier drängt sich der Eindruck auf, dass mit dem Wissenserwerb zum Teil unrealistische Erwar-
tungen verknüpft werden. Wie wir oben ausführlich dargestellt haben, kann die Vermittlung
von Wissen jedoch nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Verhaltensänderung sein – und
nur hierdurch kann sich an einer unbefriedigenden Situation wirklich etwas ändern. Neu er-
worbenes Wissen führt jedenfalls in der Regel nicht auf direktem Wege zu erwünschten Hand-
lungen. Wenn neues Wissen keinen direkten Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit hat, dann
wird es nach einiger Zeit oft schlicht wieder vergessen. Die Ergebnisse unserer Wirkungsanaly-
sen unterstreichen diese Problematik. Maßnahmen zur Verankerung und Anwendung des er-

pro al & IKG – Abschlussbericht
49
worbenen Wissens sowie Maßnahmen zur Erprobung, Einübung und Festigung neuer Hand-
lungen und Verhaltensmöglichkeiten finden sich jedoch nur sehr vereinzelt.
5. Empfehlungen für die weitere Gestaltung des Landes-
programms „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und
Toleranz“
Das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ ist ein wichtiges
Instrument, um Projekte und Initiativen, die sich für eine demokratische Kultur einsetzen, zu
unterstützen und zu fördern. Auf diesem Wege trägt das Landesprogramm dazu bei, extremis-
tischen Tendenzen im Land entgegenzuwirken. Die Weiterentwicklung und Optimierung des
Landesprogramms geht dabei in Richtung einer zunehmenden Wirkungsorientierung. Dies
wird durch den aktuellen Evaluationsauftrag mit seiner starken Fokussierung auf nachhaltige
Wirkungen noch einmal unterstrichen. Unsere Analyse der aktuellen Förderrichtlinie vom 1.
März 2011 zeigt allerdings, dass die geltenden Förderkriterien für eine Fokussierung der Pro-
jektarbeit auf nachhaltige Wirksamkeit zu unspezifisch sind. Sowohl die Ergebnisse unserer
Wirkungsanalysen als auch die in diesem Bericht geschilderten Befunde zu verschiedenen ein-
gesetzten Maßnahmen dokumentieren, dass viele Projekte nur sehr allgemein und abstrakt
über Wirkungen nachdenken und vor allem auf die Umsetzung der von ihnen favorisierten
Maßnahmen fixiert sind. Das engagierte Eintreten für eine gute Sache und die Überzeugung,
dass bei bestimmten Problemen schnell etwas getan werden müsse, ersetzen deshalb zu häu-
fig die nüchterne Überlegung, bei welchen Zielgruppen welche Veränderungen mit den ins
Auge gefassten Aktivitäten überhaupt erreicht werden können. Nur so sind beispielsweise die
überzogenen Erwartungen an die Effekte einer Wissensvermittlung zu erklären. Die unspezifi-
schen Förderkriterien begünstigen an dieser Stelle die Subsumtion relativ beliebiger Maßnah-
men unter die verschiedenen Förderzwecke.
Wir empfehlen deshalb, die geltenden Förderkriterien durch spezifische Wirkungsziele zu er-
setzen. Die in diesem Bericht (s. Tabelle 1) genannten Ziele sollten so weiterentwickelt werden,
dass auf der mittleren Ebene jeweils deutlich wird, bei welcher Zielgruppe welche Verhaltens-
änderung angestrebt wird. Durch solche verhaltensbezogenen Ziele wird zum einen erreicht,
dass das zugrunde liegende Problem (z.B. diskriminierendes Verhalten gegenüber Minderhei-
ten) nicht aus dem Blick gerät und zum anderen wird klar zum Ausdruck gebracht, dass sich
eine unbefriedigende Situation erst dann ändern kann, wenn Menschen anders handeln als
zuvor.
Wir empfehlen in diesem Zusammenhang eine klare Unterscheidung zwischen zwei Vorge-
hensweisen. Einmal sollten Projekte gefördert werden, die unmittelbar dazu beitragen wollen,
dass von rechtsextremistischer Gewalt Betroffene ihre ursprüngliche Handlungsfähigkeit und
Handlungssicherheit zurückerlangen. Ferner sollten Projekte gefördert werden, die erreichen
wollen, dass gefährdete Menschen nicht in (rechts-) extremistische Strukturen abrutschen. Wis-
sensvermittlung kann hier allerdings nur ein erster Schritt sein. Dabei zeigen die Wirkungsana-

pro al & IKG – Abschlussbericht
50
lysen, dass auf jeden Fall geeignete Maßnahmen zur Verankerung des Gelernten im Ge-
dächtnis erforderlich sind. Noch wichtiger ist allerdings das Ermöglichen neuer Erfahrungen
und die Erprobung und Bestärkung demokratischer Verhaltensalternativen. Bei der Auswahl
der Zielgruppen muss darauf geachtet werden, dass vor allem Personen mit besonders starken
Problemen vorrangig in den Genuss der Maßnahmen kommen. Projekte, die mit Schulklassen
arbeiten möchten ohne eine besondere Gefährdung dieser Schulklassen durch rechtsextremis-
tische Aktivitäten belegen zu können, sollten nicht gefördert werden.
Stattdessen empfehlen wir Projekte zu fördern, die Verhaltensänderungen über die Gestaltung
sozialer Kontexte erreichen wollen. Hierzu gehören alle Ansätze, die z.B. den Schulkontext, die
Unternehmenskultur oder die Kultur in Behörden, Vereinen oder Verbänden in Richtung de-
mokratischer Werte und Normen verändern wollen, so dass demokratisches und tolerantes
Handeln begünstigt wird. Solche Ansätze sind ja im aktuellen Förderzeitraum durchaus schon
vorhanden. Zielgruppe bei diesen Ansätzen sind engagierte Personen aus den jeweiligen Kon-
texten, die befähigt werden müssen, geeignete Maßnahmen in ihren Einrichtungen zu planen
und umzusetzen oder in bestimmten Situationen als Vorbilder aufzutreten. Die Vermittlung von
Wissen kann bei dieser Zielgruppe durchaus wichtig sein. Darüber hinaus dürften aber in vie-
len Fällen Trainingselemente erforderlich sein. Große Bedeutung hat ferner die kontinuierliche
Unterstützung der engagierten Akteure bei ihren Bemühungen. Dies kann z.B. im Rahmen von
Seminarreihen geschehen, wenn in den ersten Sitzungen neue Verhaltensmöglichkeiten be-
sprochen und erprobt werden und in den späteren Sitzungen die praktischen Erfahrungen
diskutiert und Lösungen für aufgetretene Probleme gesucht werden. Die Erfahrungen des Kin-
der- und Jugendrings Sachsen mit der Beratung und Begleitung engagierter Akteure bei der
Entwicklung und Umsetzung von Jugendbeteiligungsprojekten zeigen, dass diese Vorgehens-
weise durchaus vielversprechend ist.
Bei beiden geschilderten Vorgehensweisen kommt es aber darauf an, die Maßnahmen an den
Voraussetzungen und Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe auszurichten. Je stärker die
Maßnahmen auf die Lebenswirklichkeit der Zielgruppe Bezug nehmen, desto eher werden sich
die erhofften Wirkungen einstellen. Schon von daher verbieten sich unspezifische Zielgruppen
wie „die Bürger“ und Projekte mit einer derartigen Zielgruppendefinition sollten deshalb nicht
gefördert werden. Eine Ausnahme kann höchstens dort gemacht werden, wo es allein um die
symbolische Funktion der Aktivitäten geht. Diese symbolische Funktion ist dort, wo Menschen
unter widrigen Umständen zeigen, dass ihnen demokratische Werte wichtig sind, nicht zu un-
terschätzen. Hier kommt es dann aber darauf an, dass das Engagement durch eine gute Öf-
fentlichkeitsarbeit möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern bekannt wird.
Uns ist bewusst, dass unsere Empfehlungen einen Paradigmenwechsel bedeuten: Projekte
müssen die ihnen am Herzen liegenden Aktivitäten und Maßnahmen auf den Prüfstand stellen
und sich fragen, ob ihre Maßnahmen zur Erreichung der angestrebten Ziele beitragen. Keine
Maßnahme hat aus unserer Sicht deshalb einen Wert an sich, sondern ist immer nur Mittel
zum Zweck. Wenn von Seiten des Landesprogramms klare Ziele vorgegeben werden, ist es
deshalb die Aufgabe der Projekte, geeignete Wege zum Erreichen dieser Ziele zu entwickeln

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und Maßnahmen und Aktivitäten, die hierbei keinen nennenswerten Beitrag leisten, durch an-
dere zu ersetzen. Dieser experimentelle Ansatz erfordert oft einen langen Atem und muss von-
seiten der Programmverantwortlichen gewürdigt, unterstützt und mit flankierenden Maßnah-
men wie angemessenen Projektlaufzeiten abgesichert werden.
Darüber hinaus erfordert die Umsetzung dieses Paradigmenwechsels auch Überzeugungsar-
beit. Unsere Netzwerkanalyse zeigt aber, dass sich das Landesprogramm auf eine stabile
Struktur angesehener Projektträger stützen kann, die für so einen Paradigmenwechsel gewon-
nen werden müssen. Ferner muss es Möglichkeiten geben, um Erfahrungen mit verschiedenen
Maßnahmen zur Erreichung der Programmziele zu diskutieren und auszutauschen. Wir emp-
fehlen daher, mindestens einmal im Jahr eine Fachkonferenz auszurichten, zu der alle geför-
derten Projekte eingeladen werden. So eine Fachkonferenz ist auch ein geeigneter Ort, um
zurzeit noch fehlende Kooperationsbeziehungen aufzubauen.
Das erstmals eingesetzte Verfahren des Coachings ist grundsätzlich ein guter Weg, um Projek-
te bei der Ausrichtung auf Wirkungen zu unterstützen. Das Vorgehen, bei dem ein Wissen-
schaftler die Konzeptqualität analysiert und mit dem Projekt eine Zielexplikation durchführt
und ein Praktiker dann Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung geeigneter Maß-
nahmen leistet, halten wir ebenfalls nach wie vor für richtig. Die Erfahrungen zeigen jedoch,
dass etliche der in das Coaching einbezogenen Projekte noch gar nicht über die strukturellen
Voraussetzungen verfügten, um von dem angebotenen Coaching profitieren zu können. Aus
diesen Erfahrungen können zwei unterschiedliche Konsequenzen gezogen werden. Zum einen
könnten nur noch solche Projekte in einen Coachingprozess aufgenommen werden, die über
die nötigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Projektumsetzung verfügen. Zum anderen
könnte die Schaffung dieser notwendigen Voraussetzungen aber auch eine Aufgabe des
Coachings sein. Dies erfordert dann aber eine andere Form des Coachings, die zusätzlich
angeboten werden müsste. Hierbei dürfte es dann vor allem um Organisations- und Tea-
mentwicklung gehen.
Insgesamt sehen wir das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Tole-
ranz“ auf einem guten Weg. Wenn es gelingt, das Programm konsequent auf Wirksamkeit
auszurichten, dann dürfte Sachsen zum Vorreiter bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextre-
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