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L - 159
Landesamt
für Archäologie
Archäologische Untersuchungen
Leipzig - Café Felsche
(20.06.08 - 22.08.08)

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I
Aus dem Inhalt
Ausschau 2009
.......................... 1
Nach 1945
........................... 1
Das Café Felsche .......................... 2
Pläne
............................ 3
Der Leipziger Schuldnerturm ....................... 4
Die Gruftanlagen .......................... 5
Mittelalterliche Befestigungsstrukturen
.................... 6
Danksagung
Für die gute Zusammenarbeit sei an dieser Stelle der MBI Café Felsche Investitionsgesellschaft mbH & Co. KG, der Firma Köster AG,
der Firma Süß und der Arge Leipzig gedankt.
Impressum
© Landesamt für Archäologie Sachsen
August 2008
Besucheradresse und Postanschrift
Zur Wetterwarte 7
01109 Dresden
Telefon: 0351 8926 603
Telefax: 0351 8926 666
info@archsax.smwk.sachsen.de
www.archsax.sachsen.de
Autorin: Petra Schug
Layout: Roland Schmidt
Carl Benjamin Schwarz: Grimmaische Straße mit Blick zur Paulinerkirche und dem Grimmaischen Tor.
Kolorierter Kupferstich um 1790

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Ausschau 2009
Für das Frühjahr 2009 plant der Bauherr, die MIB Investitionsgesellschaft Café Felsche mbH & Co. KG die Neueröffnung des traditi-
onsreichen Café Felsches. Entworfen hat das unterkellerte sechsgeschossige Bauwerk das Architekturbüro Erick van Egeraat
Associated Architects, das auch den Wettbewerb um die Neugestaltung des südlich anschließenden Universitätshauptgebäudes
einschließlich der Paulineraula gewann. Wenn zum 600jährigen Universitätsjubiläum der Neubau der Universität Leipzig und das
Café Felsche feierlich eröffnet werden, wird die Westfassade des Augustusplatzes wieder in angemessener Form geschlossen. Sie
nimmt die Formen der historischen Vorgängerbauten, der Universitätskirche St. Pauli und des Augusteums erinnernd auf und
„verführt in die Zukunft“.
Nach 1945
Das Café Felsche wurde 1943/44 von Bomben vollständig zerstört.
Die Fläche wurde nach dem Kriege planiert und lag bis zum
Neubau der Universität 1968 brach. Die nördliche Außenmauer der
modernen Universität reichte bis in das Flurstück 737 des Cafe Fel-
sche und hatte zudem im südwestlichen Viertel der Grabungsflä-
che sämtliche bauhistorische und archäologische Substanz zer-
stört.
Über 1 000 Kubikmeter lockere Trümmerschuttmassen mussten zu
Beginn der Grabung abgebaggert werden. Aus ihnen wurden viele
Alltagsgegenstände des Kaffehausbetriebes geborgen. Unter dem
Kriegsschutt konnten Mauern und Fußböden des Café Felsche
dokumentiert werden.
südliches Turmfundament
Übersicht über die Grabungsfläche, links die Turmfundamente.
Wie bei jedem Bauvorhaben in der historischen Leipziger Innen-
stadt auf archäologisch relevantem Terrain fanden im Vorfeld des
Baus archäologische Untersuchungen seitens des Landesamtes für
Archäologie statt, das im Juni/Juli 2008 fünf Wochen mit bis zu 10
Mitarbeitern unter der Grabungsleitung von Herrn Mag. Hiptmair
vor Ort die Ausgrabungen durchführte.

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Das Café Felsche
Das repräsentative Kaffeehaus Felsche ergänzte bis zu seiner Zerstörung 1943/44 das Bild der klassizistischen Westfassade des
Augustusplatzes, der als einer der schönsten Plätze Europas galt. Geprägt wurde diese Fassade von Karl Friedrich Schinkel, zu
Grunde lag ihr der Entwurf von Albert Geutebrück, tiefgreifend umgestaltet wurde sie 1893-97 von Arwed Rossbach. Das Kaffee-
haus Felsche schloss nördlich an die Universitätskirche an und lag damit am Kreuzungspunkt Augustusplatz / Grimmaische
Straße. Eröffnet worden war es vom Konditor Wilhelm Felsche 1835 als Café français, mit dem Beginn des 1. Weltkriegs wurde es
in Kaffeehaus Felsche umbenannt.
Funde aus der Zeit des Café Felsche.
Kellermauern des Café Felsche.
Mittelpfeiler aus Porphyr in einem Kellerraum.
Der Kellergrundriss war aus den Bau-
akten überliefert, beim Studium der
Akten fielen schon im Vorfeld der
Grabung mittig im Kellergeschoß
sehr dickwandige Mauern auf.
Sie sind dem aus schriftlichen und
bildlichen Quellen an dieser Stelle
überlieferten „Schuldnerturm“ zuzu-
weisen, und wurden damals, da zu
mächtig für einen Abriss, in den
Keller integriert.
Etliche Funde von Alltagsgegenständen konnten aus dem Kriegsschutt geborgen
werden. Reich profilierte Ofenkacheln, Emailleschilder, Milch-, Bier- und Cognacfla-
schen, Löffelchen, Kaffeetassen, Eierbecher und sogar eine Wandfliese mit der Auf-
schrift „Felsche“ zeugen vom Kaffeehausbetrieb des 19. und 20. Jahrhunderts. Reste
mehrerer Kellerräume wurden freigelegt und dokumentiert. Durchreichen in den
Wänden und in die Fußböden eingelassene Becken und Eisenschienen sind Spuren
des technischen Betriebs des Hauses. Sogar im Keller findet sich der Glanz des klassi-
zistischen Cafés, die Fliesen sind allesamt von Villeroy & Boch und statt aus Backstein
ist der Mittelpfeiler eines Raumes aus Porphyr.

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Gesamtplan der Grabung L-159
Kellergrundriss des Café Felsche aus
den Bauakten

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Der Leipziger Schuldnerturm
Für den Neubau des Café francais wurde 1834 der sogenannte Schuldnerturm abgebrochen, der schriftlichen Quellen zufolge
1577 entstanden sein soll. Er stand direkt neben dem Grimmaischen Tor. In ihm wurde der Arrest an säumigen Schuldner vollzo-
gen. Bei der Grabung L-159 wurden seine Fundamentmauern freigelegt und dokumentiert. Seine nördliche Außenwand war
dabei schon beim Einrichten der Baustelle 2008 durch eine Betonschablone zerstört worden, erhalten waren aber das östliche,
westliche und südliche Außenmauerfundament des Turmes. Das südliche 7 m lange Mauerfundament war beeindruckende 2m
breit und hatte noch eine erhaltene Höhe von 4,20 m! Die Mauer war aus Bruchsteinen als Schalenmauer hochgezogen worden,
in den unteren Lagen waren massive, zum Teil tonnenschwere Geschiebeblöcke von etwa 1m Durchmesser verbaut.
Turmfenster im südlichen Mauerfundament des Schuldnerturmes.
Belüftungsschacht hinter dem Fenster.
Blockbergung des Turmfensters.
In späteren Zeiten wurden vor allem an die Südseite des Turmfundamentes
Ziegelwände und Gewölbe vorgeblendet und angebaut. Im Turminneren
hatten sich Reste eines Fußbodens aus Schieferplatten erhalten. Der Raum
war ursprünglich mit einem Tonnengewölbe eingedeckt. Ein besonders schö-
nes Detail hatte sich in der Südwand des Schuldnerturmes 2m über dem
Schieferfußboden erhalten. Hierbei war in die Innenseite der Mauer ein Fens-
terrahmen aus Porphyrblöcken mit einem eisernen Fensterkreuz eingepasst.
Hinter dem Fensterrahmen führte ein noch auf einer Länge von 1,20m erhal-
tener Belüftungsschacht im Inneren des Mauerkerns nach oben. Das Fenster
samt Belüftungsschacht wurden von einer Spezialfirma für das Landesamt für
Archäologie im Block geborgen und in das Fundmagazin nach Dresden ver-
bracht.
Turmfenster und Rohbau Paulineraula.

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Die Gruftanlagen
Die südliche Außenwand des Turmes saß auf einer Backsteinmauer, die
einen 4,30 m x 3,80 m großen Raumrest umfasste. In der Südwestecke des
Raumes hatten sich Reste eines Gewölbepfeilers und eines Ziegelfußbo-
dens erhalten. Fragmente von Sargauflagern auf diesem Ziegelboden
wiesen den Raum als Gruft aus.
In einer Mauer, mit der man später die Gruft überbaut hatte, waren etliche
Spolien verbaut, die von der ehemals über der Gruft angelegten Grabka-
pelle stammten, so z.B. Wendeltreppenstufen und gotische Fenster- und
Türgewände aus Porphyr. Die Gruft war zwar sorgfältig beräumt, es
fanden sich aber dennoch in einer Nische des Turmfundamentes sekundär
verlagerte Skelettreste. Dabei handelt es sich um Langknochen und Schä-
del von mindesten 6, z.T. adulten, z.T. infantilen Individuen. Schon bei den
Grabungen auf dem Unicampus 2007 konnten mehrere an die Paulinerkir-
che angefügte Grabkapellen dokumentiert werden.
Sekundär verlagerte Skelette.
Übersicht: rechts im Bild die Gruft
Gruft mit Spolienmauer.
Südwestecke der Gruft mit Sargauflagern.

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Mittelalterliche Befestigungsstrukturen
Zwischen den klassizistischen Kellern und frühneuzeitlichen Bruchsteinmauern wurden leider keine der erhofften mittelalterli-
chen Befunde oder Funde gemacht. Dabei war der Standort vielversprechend: Der Kreuzungspunkt Augustusplatz – Grimmai-
sche Straße war schon im Mittelalter strategisch bedeutend. Hier befand sich bis 1830 eins der vier Stadttore, das Grimmaische
Steintor, von dem aus die Ausfallstraße gen Osten nach Grimma führte. Über die früheste Stadtmauer Leipzigs ist so gut wie
nichts bekannt. Die Pegauer Annalen erwähnen für 1215/16 die Errichtung von drei Burgen, die angeblich Markgraf Dietrich der
Bedrängte gegen die Leipziger Bürger in ihrer Stadt anlegen ließ.
Schlusswort
Die Grabung belegte anschaulich durch Funde und Befunde die Tradition eines fast zweihundertjährigen Cafés, das nun im
neuen Glanz entsteht. Wie erwartet konnten innerhalb und unterhalb der Kaffeehauskellern die mächtigen Fundamentmauern
des Schuldnerturms freigelegt und dokumentiert werden. Dessen bis zu zwei Meter dicke Schalenmauern, aus denen riesige
Findlinge klafften und durch die Belüftungsschächte führten, sind eine beeindruckende Vorführung der Leistung eines frühneu-
zeitlichen Baubetriebs. Die tiefgreifenden Keller des Cafés und der Universität hatten ältere Befunde, die Aussehen und Verlauf
der mittelalterlichen Befestigung und Besiedlung am Standort des Café Felsche belegt hätten, vollständig ausgeräumt. Obwohl
die Grabungsfläche außerhalb des Dominikanerklosters und der Paulinerkirche lag, konnte, wie schon bei den Grabungen auf
dem westlich anschließenden Unicampus eine beräumte Gruft freigelegt werden. Von der zerstörten Grabkapelle lässt sich
anhand der später verbauten Spolien, die vom LfA allesamt geborgen wurden, ein Bild machen. So ergänzt die Grabung Café Fel-
sche als kleines, aber zentrales Puzzlestück die Strukturen, die bei den großen Grabungen auf dem Augustusplatz und dem Uni-
campus gewonnen wurden.
Südliches Turmfundament.
Eine dieser Burgen soll am östlichen Stadtrand gelegen haben. Die Hypothe-
se, dass das Grimmaische Steintor auf den Resten einer dieser drei Zwing-
burgen errichtet wurde, konnte die Grabung vorerst nicht belegen. Wahr-
scheinlich ist aber, dass das mächtige Fundament des Schuldnerturms auf
und aus den Fundamenten der mittelalterlichen Stadtmauer errichtet
wurde.
Unmittelbar südlich der Grabungsfläche „Kaffeehaus Felsche“ lag das ehe-
malige Dominikanerkloster St. Pauli, dessen Bau der Markgraf von Meißen,
Heinrich der Erlauchte, 1231 genehmigt hatte. Die Klosterkirche St. Pauli
wurde im Jahr 1240 geweiht. Sie bildete den nördlichen Abschluss der Klos-
teranlagen. Die Grabungsfläche lag somit außerhalb des Klostergeländes.