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Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
Archäologische Ausgrabungen
LANDESMUSEUM
für Vorgeschichte
.
Dresden
LANDESAMT
für Archäologie
.
Sachsen

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Grabung 2003
Z
wischen dem Tiergarten Delitzsch und der Kleingartenanlage
„Rosenthal“ entsteht am Westrand der Stadt Delitzsch eine so
genannte Kultur- und Begegnungsstätte. Auf dem zuletzt landwirt-
schaftlich genutzten Areal von ca. 1,5 Hektar „begegneten“ sich
schon seit alters – genauer gesagt erstmals vor ca. 5.500 Jahren –
verschiedene Kulturen.
Vom ersten Menschen in Ostafrika bis zu den ersten Acker-
bauern im Raum Delitzsch
Vor schon 4,8 Millionen Jahren trat der erste Mensch – belegt aus
Ostafrika – ins Rampenlicht der Geschichte. Europa wird seit ca.
1,8 Millionen Jahren von Georgien her besiedelt, wobei die ältes-
te belegte Anwesenheit des Menschen im Leipziger Raum in die
Zeit um 220.000 vor heute datiert. Die nomadische Lebensweise
der damaligen Menschen war auf Jagd und Sammeltätigkeit aus-
gerichtet. Erst vor 7.000 Jahren wurde die jahrtausendelang er-
probte Wirtschaftsweise zugunsten einer viel arbeitsintensiveren
Lebensart aufgegeben: Ackerbau und Viehzucht setzten sich durch.
Die Idee des Bauerntums wurde zunächst im Vorderen Orient ge-
boren und verbreitete sich in Windeseile donauaufwärts bis nach
Zentraleuropa. Europa war von Ungarn bis ins Pariser Becken ein
– politisch und ökonomisch – stabiles Gebilde, das ein gemeinsa-
mes Wirtschafts- und Kommunikationsgeflecht nutzte. Prozesse
wie Unabhängigkeit, Überschuss und regionale Macht ließen die
europäische Einheit schon nach 500 Jahren zerbrechen und führ-
ten zur Regionalisierung.
Die Träger der ersten europäischen Bauernkultur – die so genann-
ten Bandkeramiker – besiedelten die Leipziger Region intensiv. Aus
dem Kreis Delitzsch sind uns zahlreiche Siedlungsplätze dieser
Zeitstellung bekannt, indes auf der Fläche der zukünftigen Kultur-
und Begegnungsstätte errichte man vor 7.000 Jahren noch keine
Ansiedlung.
Archäologie und Geschichte
Woher können Archäologen das alles beschreiben, obwohl wir
überhaupt keine schriftlichen Notizen aus diesen vergangenen
Zeiten haben? Setzt doch die historische, durch Schriftquellen
fassbare Zeit erst in der späten vordynastischen Periode Ägyp-
tens, vor rund 5.000 Jahren ein. Unsere schriftlich bezeugte Ver-
gangenheit macht also gerade einmal 0,1 Prozent der gesamten
menschlichen Entwicklung aus. Unser Wissen zu unserer eigenen
Geschichte basiert darum fast ausschließlich auf archäologischen
Funden. Diese wurden zum Teil in den letzten Jahrzehnten bis
Jahrhunderten geborgen, zum Teil wurden sie achtlos zerstört, und
ein Teil ist noch im Boden vorhanden.
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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Zeichnerische Dokumentation einer Bestattung.
Freilegung einer Bestattung.

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Die archäologische Ausgrabung
Um unsere eigenen Wurzeln nicht abzuschneiden und um etwas
über unsere Vergangenheit zu erfahren, finden vor Bodeneingriffen
– beispielsweise Straßenbau, Neubau eines Einfamilienhauses etc. –
archäologische Untersuchungen statt.
Hierfür wird zunächst mit großen Baggern der Oberboden abge-
nommen. Archäologen können nun im anstehenden Boden – bei
Delitzsch hellgelber Löß – alle alten Bodeneingriffe erkennen. Denn
jedes noch so kleine Loch, das vor langer Zeit in den Boden ein-
gebracht wurde, verfüllte sich – schneller oder langsamer, natürlich
oder bewusst – mit Material, das in der Regel nicht dem anste-
henden Boden entspricht. Somit stellt heute eine im gewachsenen
Boden (Löß) erkennbare Verfärbung eine alte Eingrabung dar.
All diese Verfärbungen – es waren im Bereich der Kultur- und Be-
gegnungsstätte ca. 240 – wurden in der Fläche dokumentiert. Um
diesen Arbeitsprozess möglichst schnell abzuschließen, kamen ver-
schiedene Techniken zum Einsatz: Handzeichnungen im Maßstab
1:50 kombiniert mit einem mechanischen Zeichengerät (Panto-
graph) und mit hochtechnischer EDV-gestützter Vermessung, die
sich direkt auf Weltkoordinaten bezieht. Sobald der Plan über die
„Bodenverfärbung“ erstellt ist, beginnt die eigentliche Ausgrabung.
Die einzelnen Verfärbungen, wir nennen sie Befunde, werden nach
ihrer Form, Tiefe und Zusammensetzung ihrer Verfüllung unter-
sucht. Zwischenschritte der Ausgrabung werden in Zeichnungen,
Fotos und schriftlich dokumentiert.
Zum Werkzeug des Archäologen zählen neben Zeichenutensilien,
Photoapparat, Messgerät und Zollstöcken vor allem Spaten, Schau-
fel, Schubkarre und natürlich die Kelle und Stuckateureisen sowie
manchmal sogar feines Zahnarztbesteck und Pinsel. Damit die ar-
chäologischen Untersuchungen im Rosenthal in kürzester Zeit ab-
geschlossen werden konnten, haben wir gelegentlich auch einen
Minibagger eingesetzt, der unter den Augen eines erfahrenen Ar-
chäologen die Erdschichten Zentimeter für Zentimeter abtrug.
Alle geborgenen Funde werden nach Abschluss der Grabung mit
eindeutig identifizierbaren Buchstaben- und Zahlencodes verse-
hen. Auf alle Scherben der Grabung „Kultur- und Begegnungsstät-
te“ wird zunächst DZ-53 und anschließend eine Fundnummer ver-
merkt.
Schon an kleinen Bruchstücken von Tongefäßen gelingt dem Ar-
chäologen eine genaue zeitliche Ansprache der Befunde. Denn so
wie heute unsere Mode ständig ändernden Zeitströmungen unter-
worfen ist, haben sich auch in der Vorgeschichte geschmackliche
Vorlieben stark geändert. Anhand des Zusammenspiels von Ge-
fäßform, Verzierungsart, Tonzusammensetzung und Brennart ge-
lingt meist eine rasche zeitliche Einordnung.
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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
Grabung 2003
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Aufbau eines Zeltes: auch bei Regenwetter werden die archäogischen Ausgra-
bungsarbeiten fortgesetzt.
Gesamtplan der Ausgrabung DZ-53
(Kultur- und Begegnungsstätte).
Das Grubenhaus zeichnet sich als dunkle Verfärbung im
hellen Lößboden ab.
Aufgrund der großen Hitze im Sommer 2003 mussten die Fundstücke stets
Im Gelände wird auf einem Feldbuchrahmen gezeichnet.
mit Folie geschützt werden.

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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
Geschichte“ der Kultur- und Begegnungsstätte
Salzmünder Kultur
Das Areal der Kultur- und Begegnungsstätte wird erstmals während
der Salzmünder Kultur als Siedlungsplatz ausgewählt. Wir befinden
uns in der Zeit zwischen 3.600 und 3.400 v. Chr. Funde dieser Zeit-
stellung wurden erstmals 1921 beim Kiesabbau in Salzmünde-Schiep-
zig, Saalkreis, gemacht. Die Verbreitung der Salzmünder Kultur be-
schränkt sich im wesentlichen auf das mittlere und untere Saalege-
biet, „Ausläufer“ sind aus dem Altenburger und Leipziger Raum be-
kannt. Doch leider wurden Anfang des 20. Jahrhunderts nicht alle Tage-
baue vergleichbar der Salzmünder Kiesgrube archäologisch beglei-
tet, so dass sich heute nicht mehr überprüfen lässt, inwieweit die Leip-
ziger Tieflandsbucht das Hauptverbreitungszentrum gewesen sein
könnte.
Die Salzmünder Kultur ist auf unserer Untersuchungsfläche mit zwei
„Grubenhäusern“ vertreten. Von den ersten Ackerbauern (s. o.) wis-
sen wir, dass sie in bis zu 30 m langen Gebäuden lebten und deren
dachtragende Pfosten tief in den Untergrund eingelassen waren.
Nun, ca. 1.500 Jahre später, bevorzugte man so genannte Gruben-
häuser. Es handelt sich dabei nicht um ebenerdige Häuser, sondern
um in den Boden eingetiefte Bauten. Es wurde in dem eigentlichen Kel-
lerraum gelebt, den man über wenige Stufen oder eine Rampe be-
trat. Vorteil dieser zunächst ungemütlich wirkenden Behausungen ist
zweifelsfrei, dass das umgebende Erdreich im Winter vor der bei-
ßenden Kälte isoliert und in den heißen Sommermonaten eine wohl-
temperierte Atmosphäre im Raum vorherrscht.
Die beiden Grubenhäuser der Salzmünder Kultur wurden ehemals ver-
mutlich sehr überraschend aufgegeben – wir konnten daraus große
Keramikstücke bergen, die sich zu fast kompletten Gefäßen zusam-
menfügen lassen. Bei einem geplanten und geordneten Auszug hätte
man sicherlich seine Vorratsbehältnisse mitgenommen.
Ebenso schnell wie die beiden Gebäude vor 5.500 Jahren verlassen
wurden, mussten sie im Jahr 2003 n. Chr. archäologisch ausgegra-
ben werden. Genau an dieser Stelle entstand in den ersten Tagen der
Baustelle ein Toilettengebäude und die für spätere Großveranstal-
tungen notwendige Trafostation.
Schnurkeramische Kultur
Von 2.800 bis 2.300 v. Chr. – zu dieser Zeit errichtete man in Ägyp-
ten die Pyramiden – herrschte in Europa von Russland bis nach Frank-
reich und von Skandinavien bis Bayern erneut eine einzige Kultur vor
– die Schnurkeramik. Die Archäologen wählten mit ihrer bildlichen
Sprache diesen Begriff, weil die Töpfer jener Zeit zur Verzierung der
Keramikgefäße Schnüre in den noch weichen Ton eindrückten.
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Grabung 2003
Verbreitung der Salzmünder Kultur.
Schnurkeramische Gefäßbeigabe in einer Bestattung.

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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
Aus dem riesigen Verbreitungsgebiet der Schurkeramischen Kultur
sind uns fast ausschließlich Gräber bekannt, Häuser kennen wir nicht.
Wir dürfen davon ausgehen, dass man zu dieser Zeit weder in Gru-
benhäusern noch in tief im Boden verankerte Pfostenbauten lebte.
Vermutlich wurden zu dieser Zeit Blockbauten in Schwellbalkenweise
errichtet. Hierfür war in der Regel kein tiefgründiger Bodeneingriff
notwendig und somit sind die Spuren von Gebäuden – bei einer an-
genommenen Erosion von einem Meter innerhalb der letzten 7.000
Jahre – für uns nicht mehr fassbar. Vereinzelt sind aus dieser Zeit
Brunnen belegt. Ein häufiges Zeugnis der Schnurkeramik sind indes,
wie bereits erwähnt, Bestattungen. Die Toten wurden meist in gehock-
ter Lage beigesetzt. Stets war ihr Blick nach Süden gerichtet; die Män-
ner lagen auf der rechten Seite, die Frauen hingegen auf der linken.
Im Rosenthal wurden einige Bestattungen dieser Zeitstellung gebor-
gen. Meist gab man den Toten ein Gefäß mit – es war sicher mit Spei-
sen oder Getränken gefüllt, sowie als Werkzeug ein bis zwei Feuer-
steinklingen. Manchmal finden wir in den Gräbern auch Steinbeile.
Aunjetitzer Kultur
In den zuvor beschriebenen Kulturen war Stein das Universalwerk-
zeug. Aus feinem Felsgestein stellte man kleine Beile her, die man
unter anderem beim Fällen von Bäumen einsetzte. Mit künstlich zu-
behauenen Feuersteinklingen wurde das Getreide geerntet, Tiere ge-
häutet und zähe Sehnen durchschnitten. Obwohl heute noch immer
in manchen Bereichen Feuerstein mit seinen scharfen Kanten Stahl
den Rang abläuft – beispielsweise bei Augen- und Schönheitsopera-
tionen – wurde seit Beginn der Aunjetitzer Kultur, die den Beginn der
Bronzezeit markiert, der Stein durch die neu erkannte Bronze lang-
sam in den Schatten gestellt. Bronze ist eine Legierung aus Kupfer
und Zinn. Im Gegensatz zum Kupfer ist Bronze erheblich härter und
widerstandsfähiger. Am Beginn der Bronzezeit (ca. 2.000 v. Chr.) – e-
ben der Aunjetitzer Kultur [benannt nach dem Gräberfeld
Únûtice
bei
Prag] wurde zunächst beim Schmuck mit dem neuen Werkstoff expe-
rimentiert. Beim Werkzeug verlief der Abnabelungsprozess vom alt-
hergebrachten Material „Stein“ erheblich langsamer.
Zweifelsfrei der Aunjetitzer Kultur zuzuordnende Hausgrundrisse konn-
ten auf dem Gelände der Kultur- und Begegnungsstätte nicht erkannt
werden. Doch mit einem Grab dieser Zeitstufe ist die Anwesenheit
des Menschen zu Beginn der Bronzezeit zweifelsfrei belegt. Von der
Bestattung war aufgrund der für Knochenerhaltung schlechten Boden-
bedingungen nur noch der Schädel erhalten. In seiner unmittelbaren
Nähe hatte man dem Toten ein Gefäß ins Grab gestellt. Aufgrund der
Gefäßform und -machart gelingt uns eine eindeutige zeitliche An-
sprache der Bestattung. Alter und Geschlecht des Toten lassen sich
anhand der wenigen erhaltenen Knochen nicht mehr bestimmen.
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Grabung 2003
Bestattung der Aunjetitzer Kultur. Vom
Gewand blieben zwei bronzene Na-
deln erhalten.
Von der Bestattung 13 künden nur noch der Schädel sowie die bronzenen
Beigaben.
Gefäß aus dem
Aunjetitzer Hortfund.

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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Neben diesem Grab ist ein weiterer interessanter Befund der Aunjetitzer
Kultur zum Vorschein gekommen. In einer ca. ein Meter großen, noch
70 cm tief erhaltenen Grube fanden sich vier vollständig erhaltene Ge-
fäße. Um eine Abfallgrube dürfte es sich zweifelsfrei nicht handeln. Ha-
ben wir hier eine winzige Kellergrube angeschnitten oder versteckte hier
jemand Kostbares? Das Kostbare waren sicher nicht die Gefäße, son-
dern der – leider bis heute vollständig vergangene – Inhalt. Dann hät-
ten wir einen so genannten Hortfund vor uns.
Latènezeit (jüngere vorrömische Eisenzeit)
Während der 2. Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts erstreckt
sich von den Alpen bis zu den Mittelgebirgen die so genannte Latène-
kultur (benannt nach der Erstentdeckung in La Tène am Neuenburger
See [CH]). Auch an Saale und Weißer Elster herrschte diese Kultur vor.
Ein paar latènezeitliche Gruben vom Areal der Kultur- und Begeg-
nungsstätte bezeugen, das dieses Gelände immer wieder als sied-
lungsgünstig erkannt wurde.
Der bei den Werkzeugen, Waffen und auch Schmuck nun vorherr-
schende Werkstoff ist bereits seit ein paar Jahrhunderten das Eisen
(vgl. Eisenzeit). Bei der Keramikherstellung macht sich eine bahnbre-
chende Neuerung bemerkbar: die schnell drehende Töpferscheibe. Nun
entsteht eine sehr feine und sehr gleichmäßige Tonware.
Römische Kaiserzeit
Viele Befunde, die auf dem Gelände der Kultur- und Begegnungsstätte
aufgedeckt und ausgegraben wurden, stammen aus den ersten beiden
Jahrhunderten nach Christi Geburt. Die Phase wird als „Römische Kai-
serzeit“ bezeichnet.
Wieder wurde auf unserem Areal am Westrand der heutigen Stadt De-
litzsch eine kleine Ansiedlung gegründet. Nachweis hierfür geben uns
zahlreiche Grubenhäuser. Von den meisten sind die Kellerbereiche noch
gut erkennbar. Doch bei einigen ist aufgrund der jahrhundertelang an-
greifenden Bodenerosion nur noch die unterste Sohle, also der Boden,
erhalten; und bei manchen können wir die Position nur noch anhand der
tiefer als die Laufsohle verankerten Wand oder Dachpfosten bestim-men.
Neben der teilweise sehr gut erhaltenen Keramik wurden auch andere
Gegenstände des täglichen Lebens geborgen – hierzu zählen beispiels-
weise ein eiserner Schlüssel oder ein aus Knochen gefertigter Kamm.
Frühmittelalterliche Periode
Seit dem 6. Jahrhundert nach Christi Geburt machen sich hierzulande
im archäologischen Fundbild Kulturen bemerkbar, die gerne als sla-
wisch bezeichnet werden. Die Keramik dieser Zeit können wir anhand
des grauen Tones und der charakteristischen Wellenbandverzierung
eindeutig identifizieren. Ein wesentliches Merkmal der Träger dieser Kul-
Grabung 2003
Funde der Latènezeit
und Römischen Kaiserzeit.
Kaiserzeitliches Grubenhaus während der Ausgrabung in Foto und Zeichnung.

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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Grabung 2003
tur war es, alle Gebäude in den Boden einzutiefen – man lebte erneut
unter der Erde in Grubenhäusern. Auch bei den archäologischen Unter-
suchungen auf dem Areal der Kultur- und Begegnungsstätte wurden ei-
nige Grubenhäuser aufgedeckt.Wie in der Kaiserzeit sind diese ca. 4 x
6 Meter groß.
Von der frühmittelalterlichen Siedlung im Rosenthal kennen wir aber mehr
als nur Grubenhäuser und Abfallgruben. Hier ist ein aus Holzbalken er-
bauter Kastenbrunnen überliefert. Den Brunnen hatte man in der immer
feuchten Loberaue errichtet. Durch die Begradigung der Lober ist der
Standort heute zwar trocken, doch aus dem unmittelbaren Umfeld be-
legte Torfe zeigen noch die vormaligen Wasserverhältnisse an. Da der
Brunnen über die Jahrhunderte bis heute – trotz der Eingriffe des Men-
schen in den Naturhaushalt – niemals vollständig trocken fiel, konnte sich
hier unter Luftabschluss das Konstruktionsholz erhalten; normalerweise
verfault oder vermodert Holz in kürzester Zeit.
Schauen wir heute in einen modernen Brunnen – beispielsweise am
Marktplatz – so können wir am Grund zahlreiche Objekte ausmachen.
Meist handelt es sich um bewusst hineingeworfene Münzen.Würden wir
diese alle herausfischen, so könnten wir anhand der jüngsten Münze
(verm. 2003) grob bestimmen, wann der Brunnen in Betrieb war/ist.
Genau so ist die Arbeitsweise der Archäologen. Funde, die auf der Brun-
nensohle liegen, datieren den Brunnen. Hier im Rosenthal war es eine
frühmittelalterliche Scherbe, die uns sofort erlaubte, den Brunnen in Ver-
bindung zu den gleichzeitigen Grubenhäusern und Abfallgruben zu setzen.
Im Zuge der wissenschaftlichen Bearbeitung der Grabungsergebnisse
werden die Hölzer des Brunnenkastens dendrochronologisch unter-
sucht (Vermessung der Jahrringe). Dann werden wir sogar wissen, in
welchem Jahr die zu Brunnenbalken verarbeiteten Bäume gefällt wur-
den – manchmal gelingt sogar die Bestimmung der Jahreszeit.
Berufsfeld zwischen Erdarbeiter und Detektiv
Archäologen arbeiten wie Kriminalisten. Bei der archäologischen Aus-
grabung werden nach dem ersten Bodenabtrag zunächst verschiedene
Phänomene beobachtet. Um für diese eine Erklärung zu erhalten, geht
man mit Spaten und Schaufel oder Kelle und Pinsel in die Tiefe und ver-
sucht folgende Fragen zuklären. Wie tief ist der Befund in den Boden
eingebracht, welche Form hat er? Wozu dürfte er wohl gedient haben –
Haus, Abfallgrube, Grab, Brunnen, Gartenzaun etc? Finden sich im Be-
fund Fundgegenstände; dann: wie alt, wie gelangten sie hinein? Fragen
über Fragen. Oftmals wird während der Ausgrabung nicht sofort die rich-
tige Antwort gefunden. Auch dies ist vergleichbar zur Kriminalistik, wo
der eine oder andere Fall erst nach Jahren aufgeklärt werden kann. Bei
der Archäologie wird auch manchmal erst einige Zeit nach der Ausgra-
bung eine Lösung gefunden. Bei der Ausgrabung in Delitzsch-Rosenthal
wurden sehr viele Aspekte der regionalen Geschichte beleuchtet und ge-
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Frühmittelalterliches Gefäß.
Das Holz der Brunnenkonstruktion wurde während der Ausgrabung mit Folie bedeckt; so konnte es feucht bleiben.

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Brückenschlag zwischen den Kulturen – Kultur- und Begegnungsstätte Delitzsch
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Grabung 2003
klärt; ein paar Fragen blieben jedoch offen. Im östlichen Bereich der
Grabungsfläche beispielsweise befand sich ein tonnenschwerer
Stein. Da er inmitten eines archäologischen Befundes lag, kann er
nicht auf natürliche Weise hierher gelangt sein; vielmehr wurde er
bewusst von Menschenhand platziert. Der imposante Stein über-
deckte mehrere ineinander verschachtelte Befunde. Einer deutet
von seiner länglichen Form her auf ein Grab hin. Die Steinsetzung
an seiner Schmalseite kennen wir genauso aus dem Kopfbereich
einiger anderer Bestattungen. Einzelne Knochen oder gar ein gan-
zes Skelett war aber in dem grabförmigen Befund nicht vorhanden.
Haben wir hier eventuell ein symbolisches Grab – ohne Leichnam –
vor uns? Sollte der oben aufliegende schwere Stein vor der Wieder-
kehr des symbolisch Bestatteten bewahren?
Diese kurze Zusammenschau der ersten Grabungsergebnisse zeigt,
auf welch geschichtsträchtigem Boden die Kultur- und Begegnungs-
stätte Delitzsch erbaut wird und welch wichtiges geschichtliches
Erbe für nachfolgende Generationen durch die archäologische Tätig-
keit bewahrt werden konnte.
Danksagung
An dieser Stelle sei allen beteiligten Institutionen, Behörden und
Firmen gedankt, ohne deren Unterstützung der zügige Ablauf der
archäologischen Ausgrabung im Bereich der Kultur- und Begeg-
nungsstätte Delitzsch nicht möglich gewesen wäre:
Stadt Delitzsch – Bauamt und Friedhofsverwaltung; Ingenieurbüro
Hanke; Firma Etzel Bau; Tierpark Delitzsch; Regierungspräsidium
Leipzig – Denkmalschutz; Arbeitsamt Leipzig – Geschäftsstelle De-
litzsch.
S. Friederich
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte
Zur Wetterwarte 7
01109 Dresden
Telefon: 0351 / 89 26 603
Email:
Presse@archsax.smwk.sachsen.de
Fax:
0351 / 89 26 666
Internet:
www.archsax.sachsen.de
Vervielfältigungen nach vorheriger Absprache mit dem LfA
LANDESAMT
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Dresden
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Sollte dieser tonnenschwere Stein die Wiederkehr eines symbolisch Bestatteten verhindern?
Bereits während der archäologischen Ausgrabung wurde stellenweise mit dem Bau der Kultur- und Begegnungsstätte begonnen.