64. Europaministerkonferenz
am 20. März 2014 in Brüssel
TOP 9
Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Roma
in ihren Herkunftsländern
Berichterstatter: Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen,
Hessen
Bericht
(aktualisierte Fassung vom 20.05.2014)
Einleitung
Insbesondere in einigen neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) lebt ein
großer Teil der Bevölkerungsgruppe der Roma
1
unter extrem schwierigen
Lebensbedingungen. Vor allem in den Ländern Bulgarien und Rumänien, aber auch
in anderen europäischen Staaten wie etwa in der Slowakei, der Tschechischen
Republik, Italien, Griechenland und Ungarn, leben viele Angehörige dieser
gesellschaftlichen Minderheit in äußerst ärmlichen Verhältnissen am Rande der
Gesellschaft und sind in hohem Maße von sozialer Ausgrenzung betroffen.
Zahlreiche der in der EU lebenden Roma sind Vorurteilen, Intoleranz und
Diskriminierung ausgesetzt.
Seit vielen Jahren befassen sich die europäischen Institutionen verstärkt mit der
Situation der Roma in der Europäischen Union, den Kandidatenländern und
potentiellen Beitrittsländern und definieren die Beseitigung der Benachteiligung der
Roma als eine gemeinsame Verantwortlichkeit der europäischen Institutionen und
der Mitgliedstaaten.
Die verstärkte Wahrnehmung innereuropäischer Migrationsbewegungen in west- und
südeuropäische Länder, auch aus der Bevölkerungsgruppe der Roma, hat eine
intensive öffentliche Debatte auf EU-Ebene und in den Mitgliedstaaten über den
Zusammenhang von Freizügigkeit und Armutsmigration ausgelöst. Vermehrt nehmen
auch Regionen und Kommunen Europas und ihre Verbände zur Frage des
Umgangs mit armuts- und ausgrenzungsbedingten Wanderungsbewegungen
1
Der Begriff „Roma“ wird, angelehnt an das Faktenblatt der Europäischen Agentur für Grundrechte, als
Oberbegriff für Personengruppen verwendet, die sich in ihren kulturellen Eigenschaften mehr oder weniger
ähneln, wie Sinti, Ashkali, Kalderasch, Lovara, Manusch, Kalé u.a.. Diese Gruppen haben eine gemeinsame
Geschichte einer dauerhaften Ausgrenzung in europäischen Gesellschaften. Zehn bis zwölf Millionen Roma leben
schätzungsweise heute in Europa, davon sechs Millionen in der EU. Die Roma bilden die größte ethnische
Minderheit in Europa.

innerhalb Europas Stellung und ziehen in Erwägung, durch eigene Maßnahmen in
den jeweiligen Herkunftsländern der von Armut und Ausgrenzung besonders stark
betroffenen Bevölkerungsgruppen einen Beitrag zur Bewältigung der Problemlagen
zu leisten.
Der hier vorgelegte Bericht fasst die vielfältigen Maßnahmen auf europäischer sowie
nationaler, regionaler und kommunaler Ebene der EU-Mitgliedstaaten zusammen.
1. Europäische Ebene
Auf europäischer Ebene befasst sich neben der Europäischen Union seit vielen
Jahren auch der Europarat mit der Förderung der Integration der in Europa lebenden
Roma, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat durch seine
Rechtsprechung seit Mitte der Neunziger Jahre europaweit das Bewusstsein für die
die vielfältige Diskriminierung von Roma in Europa geschärft. Gleiches gilt für die
Aktivitäten des Office for Democratic Institutions and Human Rights (ODIHR) der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die
entsprechenden Aktivitäten des Europarates und der Europäischen Union wurden
intensiviert, nachdem ab Juli 2010 in Frankreich zahlreiche Wohnlager von Roma
geräumt und dort lebende EU-Bürgerinnen und -Bürger ausgewiesen und kollektiv in
ihre Herkunftsländer zurückgeführt worden sind. Die erste politische Reaktion auf
europäischer Ebene auf dieses Vorgehen Frankreichs stammte vom Europarat. Das
Vorgehen wurde alsbald darauf auch von Institutionen der Europäischen Union
scharf kritisiert. Seither ist die politische Aufmerksamkeit für das Thema deutlich
gewachsen. So haben die Kommissare Reding, Andor, Hahn und Vassiliou die
Verbesserung der Situation der Roma in einer gemeinsamen Erklärung am 8. April
2013 als eine der größten europäischen Herausforderungen bezeichnet.
2
Auch bei
der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) liegt - bereits seit der
Gründung der EU Beobachtungsstelle gegen Rassismus und Xenophobie im Jahr
1997, die in der Grundrechteagentur aufgegangen ist, - ein wichtiger
Tätigkeitsschwerpunkt auf der Situation der Roma in Europa.
1.1 Europarat
Seiner Kernaufgabe der Förderung der Menschenrechte, der Demokratie und des
Rechtsstaates entsprechend beschäftigt sich der Europarat seit langem und
kontinuierlich mit Fragen des Menschenrechts- und Minderheitenschutzes der in
Europa lebenden Roma. Einen Überblick über die entsprechenden Aktivitäten gibt
das Portal „Roma and Travellers“ des Europarates.
3
Im September 2011
2
Presseerklärung zum internationalen Tag der Roma vom 08.04.2013, MEMO/13/306:
http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-13-306_de.htm
(abgerufen am 14.12.2013).
3
Abrufbar unter:
http://www.coe.int/t/dg3/romatravellers/default_en.asp
.
2

veröffentlichte der Europarat eine umfassende Informationsbroschüre "Der
Europarat: Der Schutz der Rechte der Roma“.
4
Fragen der Lebensbedingungen von Roma in Europa bilden einen Schwerpunkt der
Arbeit des Kongresses der Gemeinden und Regionen des Europarates (KGRE). Der
KGRE beriet die Situation der Roma auf seiner 21. Plenartagung im Oktober 2011
und verabschiedete dort eine Resolution und eine Empfehlung zur Lage der Roma in
Europa, die er dabei als Herausforderung für die regionale und kommunale
Verwaltungsebene bezeichnete.
5
Zuletzt befasste sich der KGRE auf seiner
26. Plenartagung vom 24. bis 26. März 2014 mit der Thematik und verabschiedete
eine Resolution zur Teilhabe von Jugendlichen aus der Bevölkerungsgruppe der
Roma
6
.
1.2 Europäische Union
Auch die EU-Institutionen haben ihre Bemühungen zur Verbesserung der
Lebenssituation der Roma in der EU als Reaktion auf die Abschiebungen aus
Frankreich seit dem Jahr 2010 noch einmal deutlich verstärkt.
1.2.1 Europäische Kommission und Rat der Europäischen Union
Die Europäische Kommission (KOM) betont grundsätzlich, dass sowohl den
EU-Organen als auch den Mitgliedstaaten die gemeinsame Verantwortung obliege,
die soziale Eingliederung und Integration der Roma zu verbessern. Hierzu seien alle
Instrumente und Politiken einzusetzen, die in den jeweiligen Zuständigkeitsbereich
fallen.
7
Der KOM zufolge sollte die Situation der Roma systematisch in allen
einschlägigen europäischen und nationalen Politikbereichen berücksichtigt werden.
Dabei sollten Fortschritte bei der Integration der Roma nicht mit einer Segregation
einhergehen, sondern vielmehr zu einer besseren Integration der ethnischen
Minderheiten beitragen. Dies schließe jedoch eine Förderung von Konzepten, die die
4
Abrufbar unter:
http://www.coe.int/AboutCoe/media/interface/publications/roms_de.pdf
.
5
Resolution 333 (2011) „The situation of Roma in Europe: a challenge for local and regional authorities“; abrufbar
unter:
https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?Ref=RES333(2011)&Language=lanEnglish&Ver=original&Site=Congress&
BackColorInternet=C3C3C3&BackColorIntranet=CACC9A&BackColorLogged=EFEA9C
und
Recommendation 315 (2011); abrufbar unter:
https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?Ref=REC315(2011)&Language=lanEnglish&Ver=original&Site=Congress&BackC
olorInternet=C3C3C3&BackColorIntranet=CACC9A&BackColorLogged=EFEA9C
.
6
Resolution 366 (2014) “Empowering Roma youth through participation: effective policy design at local and
regional levels”; abrufbar unter:
https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?Ref=RES366(2014)&Language=lanEnglish&Ver=original&Site=COE&BackColorI
nternet=C3C3C3&BackColorIntranet=CACC9A&BackColorLogged=EFEA9C
7
Internetseite der KOM, Generaldirektion (GD) Justiz, „Die EU und die Roma“
.
:
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/roma/index_de.htm
(abgerufen am 14.12.2013).
3

spezielle Situation der Roma-Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten
berücksichtigen, nicht aus.
8
Im Jahr 2010 veröffentlichte die Europäische Kommission eine Mitteilung über die
„Soziale und wirtschaftliche Integration der Roma in Europa“.
9
2011 legte die KOM
einen „EU‑Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020“
10
vor, auf dessen Grundlage sich die Mitgliedstaaten durch einen entsprechenden
Ratsbeschluss vom 24. Juni 2011 verpflichteten, entsprechende nationale Strategien
aufzustellen, die jährlich von der Europäischen Kommission bewertet werden.
2012 veröffentlichte die KOM ihre erste Untersuchung zur Umsetzung der nationalen
Strategien zur Integration der Roma und legte diese samt Schlussfolgerungen dem
Europäischen Parlament (EP) und dem Europäischen Rat (ER) vor.
11
Danach hatten
bis März 2012 alle Mitgliedstaaten entweder eine eigene nationale Strategie zur
Integration der Roma oder ein entsprechendes Bündel politischer Maßnahmen
vorgelegt. Allerdings sahen lediglich zwölf Mitgliedstaaten gesonderte Mittel zur
Förderung der Inklusion von Roma vor. Auch die Zusammenarbeit mit regionalen und
lokalen Behörden sowie mit der Zivilgesellschaft bewertete die KOM als
verbesserungsbedürftig.
Im Juni 2013 legte die KOM ihren zweiten Bericht über die Umsetzung der nationalen
Romastrategien
12
sowie einen Vorschlag für eine Empfehlung des Rats über
wirksame Maßnahmen zur Integration der Roma
13
vor. Die KOM bewertete in dem
Bericht die tatsächlich bisher in den Mitgliedstaaten erreichten Veränderungen als
nicht ausreichend. Der Bericht hält fest, dass Rassismus und Diskriminierung von
Roma in allen Mitgliedstaaten, insbesondere in ihren Herkunftsländern, weit
verbreitet sind. Die Wahrung der EU-Grundrechtecharta und der Europäischen
Menschenrechtskonvention werden von der Kommission eingefordert. Aus diesem
Grund wurde beschlossen, die Fortschritte durch das Rechtsinstrument einer
Empfehlung des Rates zu beschleunigen.
8
Mitteilung der KOM „Soziale und wirtschaftliche Integration der Roma in Europa“, KOM(2010) 133 vom
07.04.2010; abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2010:0133:FIN:DE:PDF
.
9
Mitteilung der KOM „Soziale und wirtschaftliche Integration der Roma in Europa“, KOM(2010) 133 vom
07.04.2010; abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2010:0133:FIN:DE:PDF
.
10
Mitteilung der KOM „EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020“, KOM(2011) 173
vom 05.04.2011;
abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0173:FIN:DE:PDF
.
11
Mitteilung der KOM „Nationale Strategien zur Integration der Roma: erster Schritt zur Umsetzung des EU-
Rahmens“, KOM(2012) 226 vom 21.05.2012;
abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2012:0226:FIN:DE:PDF
.
12
Mitteilung der KOM „Weitere Schritte zur Umsetzung der nationalen Strategien zur Integration der Roma“,
KOM(2013) 454 vom 26.06.2013;
abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2013:0454:FIN:DE:PDF
.
13
Vorschlag für eine „Empfehlung des Rates für wirksame Maßnahmen zur Integration der Roma in den
Mitgliedstaaten“, KOM(2013) 460 vom 26.06.2013;
abrufbar unter:
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/com_2013_460_de.pdf
.
4

Am 9. Dezember 2013 nahmen die 28 Mitgliedstaaten dem Vorschlag der KOM
folgend die „Empfehlung des Rates für wirksamere Maßnahmen zur Integration der
Roma in den Mitgliedstaaten“ einstimmig an.
14
Die mit der Empfehlung
verabschiedeten Leitlinien sollen die Anstrengungen der Mitgliedstaaten zur
Integration der Roma verstärken und beschleunigen. Die Mitgliedstaaten werden in
der Empfehlung aufgefordert, transnational auf nationaler, regionaler und lokaler
Ebene zu kooperieren, um sich zum einen in Angelegenheiten der
Wanderungsbewegungen von Roma innerhalb Europas zu koordinieren und um zum
anderen voneinander, insbesondere im Bereich der Strukturfondsverwaltung, zu
lernen. Hierzu sollen politische Initiativen und Projekte etwa im Bereich der
Zusammenarbeit von Behörden ausgearbeitet werden.
Am 4. April 2014 veröffentlichte die KOM ihren aktuellen Bericht über die Fortschritte,
die die Mitgliedstaaten innerhalb des Europäischen Rahmens für nationale
Strategien zur Integration der Roma erzielt haben.
15
Obwohl nach der Bewertung der
KOM weiterhin Handlungsbedarf besteht, wurden erste Erfolge in den vier
Kernbereichen Bildung, Beschäftigung, Gesundheit und Wohnungswesen
verzeichnet. Zeitgleich fand der dritte EU-Roma-Gipfel statt, in dessen Rahmen
Politikerinnen und Politiker der lokalen, nationalen und europäischen Ebene
gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft die Fortschritte bei
der Integration der Roma erörterten.
16
Die Europäische Kommission unterstützt über die genannten Maßnahmen hinaus
verschiedene Projekte und Plattformen, darunter das Netzwerk EURoma
17
, das nach
dem ersten Roma-Gipfel der EU im Jahr 2008 entstanden ist und die bessere
Nutzung von EU-Fördermitteln für die Integration von Roma zum Ziel hat. Die KOM
fordert die Mitgliedstaaten damit auf, sich an dem Erfahrungsaustausch zwischen
den mitgliedstaatlichen Verwaltungen über erfolgreiche Programme für Roma in
diesem europäischen Netzwerk zu beteiligen.
Darüber hinaus betonen die Europäischen Institutionen seit langem, dass
verschiedene zur Verfügung stehende EU-Fördermittel zur gezielten Verbesserung
der Integration von Roma eingesetzt werden können. Allerdings ist die Absorption
dieser Mittel in einigen Mitgliedstaaten nach wie vor gering. Wesentliche Gründe
hierfür sind unzureichende Verwaltungsstrukturen sowie fehlendes Knowhow bei der
Projektbeantragung und Projektverwaltung. Die Europäische Kommission hat daher
ein hohes Interesse an einem vermehrten und wirksameren Einsatz von
14
Abrufbar unter:
http://www.consilium.europa.eu/uedocs/cms_data/docs/pressdata/en/lsa/139979.pdf
.
15
Mitteilung der KOM „Bericht über die Umsetzung des EU-Rahmens für nationale Strategien zur Integration der
Roma“, KOM(2014) 209 final vom 02.04.2014; abrufbar unter:
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/com_209_2014_de.pdf.
16
Weitere Informationen über die Pressemitteilung der KOM zum EU-Roma-Gipfel; abrufbar unter:
http://europa.eu/rapid/press-release_IP-14-317_de.htm.
17
Die Internetseite des “European Network on Social Inclusion and Roma under the Structural Funds” ist abrufbar
unter:
http://www.euromanet.eu/
.
5

Strukturfondsmitteln in den neuen EU-Mitgliedstaaten zum Zwecke der Integration
der Bevölkerungsgruppe der Roma und würde entsprechende
Unterstützungsmaßnahmen wie etwa die Bereitstellung von Fachkompetenz in den
neuen EU-Mitgliedstaaten unterstützen.
In der Förderperiode 2014 bis 2020 sollen die Mitgliedstaaten gemäß den
Empfehlungen des Rates vom 9. Dezember 2013 mindestens 20 Prozent der ESF-
Mittel für „Investitionen in Menschen“ veranschlagen, um hierdurch die „Förderung
der sozialen Inklusion und der Bekämpfung von Armut und Diskriminierung,
einschließlich unter anderem die sozioökonomische Integration marginalisierter
Bevölkerungsgruppen wie der Roma“ zu erleichtern. Zudem sollen lokale Behörden
und zivilgesellschaftliche Organisationen dabei unterstützt werden, Kapazitäten
aufzubauen und bereitstehende Finanzmittel für die effektive Durchführung von
Projekten zu verwenden. Die KOM erachtet dabei die frühzeitige Einbeziehung der
nationalen Roma-Kontaktstellen sowie von Experten und
Nichtregierungsorganisationen in die Verhandlungen über die Vergabe der
Strukturfondsmittel der neuen Förderperiode als äußerst wichtig und für die Erfolge
bei den Anstrengungen zur weiteren Inklusion der Roma in Europa entscheidend.
18
1.2.2 Europäisches Parlament
Das Europäische Parlament (EP) hat die Empfehlung des Rates vom 9. Dezember
2013 am 12. Dezember 2013 ausdrücklich begrüßt.
19
Es verabschiedete eine
Entschließung über die Fortschritte bei der Umsetzung nationaler Strategien zur
Integration der Roma, in der die Rolle der lokalen und regionalen Behörden bei der
Entwicklung und Umsetzung der Roma-Strategien sowie die Bedeutung einer
angemessenen Mittelausstattung für Strategien zur Integration der Roma
hervorgehoben werden.
20
Bereits in den Jahren 2010
21
und 2011
22
hatte das EP zwei Entschließungen
verabschiedet, in denen die KOM und die Mitgliedstaaten aufgefordert wurden,
18
Presseerklärung zum internationalen Tag der Roma vom 08.04.2013, MEMO/13/306:
http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-13-306_de.htm
(abgerufen am 14.12.2013).
19
Punkt 27der Entschließung des EP vom 12.12.2013 (P7_TA(2013)0594):
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2013-
0594+0+DOC+XML+V0//DE
(abgerufen am 23.01.2014).
20
Insbesondere Punkt 8, 11 und 14 der Entschließung des EP vom 12.12.2013 (P7_TA(2013)0594):
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2013-
0594+0+DOC+XML+V0//DE
(abgerufen am 23.01.2014).
21
Entschließung des Europäischen Parlaments vom 09.09.2010 zur Lage der Roma und zur Freizügigkeit in der
Europäischen Union, (2011/C 308 E/12); abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2011:308E:0073:0078:DE:PDF
.
22
Entschließung des Europäischen Parlaments vom 9. März 2011 zur EU-Strategie zur Integration der Roma,
(2012/C 199 E/15); abrufbar unter:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2012:199E:0112:0131:DE:PDF
.
6

bestehende EU-Strategien und -Instrumente zu nutzen, um die sozioökonomische
Integration der Roma sicherzustellen.
1.2.3 Ausschuss der Regionen
Der Ausschuss der Regionen (AdR) hat bislang zwei Stellungnahmen zum Thema
der Eingliederung von Roma veröffentlicht. Im Jahr 2011 verabschiedete er eine
Stellungnahme zu der Mitteilung der KOM zum „EU-Rahmen für nationale Strategien
zur Integration der Roma bis 2020“.
23
Zuletzt nahm der AdR auf seiner Plenartagung
im November 2013 die Stellungnahme „Strategien zur Integration von Roma“ an.
Darin begrüßt der AdR insbesondere, dass die KOM in ihrer Mitteilung vom Juni
2013 den Schwerpunkt ihrer Empfehlungen auf strukturelle Voraussetzungen wie die
engere Zusammenarbeit mit den regionalen und kommunalen Gebietskörperschaften
sowie die Zuweisung angemessener Finanzmittel legt.
2. Nationale Ebene
2.1 Bundesregierung
Durch den Ratsbeschluss aus dem Jahr 2011 haben sich die Mitgliedstaaten
verpflichtet, nationale Roma-Strategien aufzustellen, die jährlich von der
Europäischen Kommission bewertet werden. Deutschland hat bislang keine eigene
nationale Roma-Strategie vorgelegt, sondern - als eine von der KOM zur Erfüllung
dieser Pflicht anerkannte Vorgehensweise - ein entsprechendes Bündel politischer
Maßnahmen vorgelegt. Diese Maßnahmen sind in dem Bericht der Bundesrepublik
Deutschland an die Europäische Kommission „EU-Rahmen für nationale Strategien
zur Integration der Roma bis 2020 – Integrierte Maßnahmenpakete zur Integration
und Teilhabe der Sinti und Roma in Deutschland“ aus dem Jahr 2011 aufgeführt.
24
Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD für die 18. Legislaturperiode
enthält zwar keine Aussagen zur Frage spezieller Problemlagen von Roma in
Europa. Im Kontext des Kapitels zur „Armutswanderung innerhalb der EU“,
25
kündigt
die Bundesregierung aber an, sich zur „Verbesserung der Lebensbedingungen in
den Herkunftsstaaten“ dafür einzusetzen, dass „EU-Finanzmittel von den
Herkunftsländern abgerufen und zielgerichtet eingesetzt werden“. Dafür werde die
Regierung Verwaltungsunterstützung anbieten.
23
Stellungnahme des Ausschuss der Regionen “EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma
bis 2020”, CdR 247/2011 vom 14./15.12.2011; abrufbar unter:
http://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=48438
.
24
Abrufbar unter:
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/roma_germany_strategy_de.pdf
.
25
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD für die 18. Legislaturperiode „Deutschlands Zukunft gestalten“,
Seite 108.
7

2.2 Bundesrat
Der Bundesrat hat am 8. November 2013 eine Stellungnahme zum Vorschlag der
KOM für eine Empfehlung des Rates für wirksame Maßnahmen zur Integration der
Roma in den Mitgliedstaaten beschlossen.
26
In dieser Stellungnahme weist der
Bundesrat unter anderem auf die besondere Herausforderung hin, die die
Zuwanderung von sozial benachteiligten Roma für die Länder und Kommunen in
Deutschland bedeutet und fordert die KOM sowie die Bundesregierung dazu auf,
sich dafür einzusetzen, dass die für die Herkunftsstaaten zur Verfügung stehenden
erheblichen Fördermittel des ESF zielgerichtet und effektiv zur Verbesserung der
Lebenssituation in diesen Ländern eingesetzt werden.
3. Regionale und kommunale Ebene
Auch auf regionaler und kommunaler Ebene werden die vielschichtigen
Problemlagen von Armut und Armutsmigration aus osteuropäischen Mitgliedstaaten
sowie die Notwendigkeit eines bewussteren Umgangs mit der Situation der Roma in
den alten wie auch den neuen Mitgliedstaaten erörtert. Wenngleich die Gruppe der
Roma in vielen Stellungnahmen nicht ausdrücklich erwähnt wird, ist sie als
besonders von Armut betroffene Bevölkerungsgruppe doch eine wesentliche
Zielgruppe der Überlegungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den
Herkunftsländern.
3.1 Bund
Länder
Arbeitsgemeinschaft „Armutswanderung aus Osteuropa“ der
Arbeits- und Sozialministerkonferenz
Auf der Grundlage eines unter Federführung der Freien und Hansestadt Hamburg
gefassten Beschlusses der Arbeits- und Sozialministerkonferenz (ASMK) aus dem
Jahr 2012 wurde eine Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft „Armutswanderung aus
Osteuropa“ eingerichtet. Sie hat am 6. Februar 2013 ihre Arbeit aufgenommen.
Aufgrund des breiten Themenspektrums und der komplexen und unterschiedlichen
fachlichen Gesichtspunkte wurden die Themen in fünf Unterarbeitsgruppen (UAG),
von denen eine mit „Maßnahmen in den Herkunftsländern“ befasst war, bearbeitet.
Die UAG „Maßnahmen in den Herkunftsländern“ hat sich im Wesentlichen mit den
zur Verfügung stehenden europäischen Strukturfondsmitteln, mit der
Zusammenarbeit mit Wohlfahrtsverbänden und mit der Einrichtung von Anlauf- und
Beratungsstellen befasst.
Im Ergebnis hat die UAG drei wesentliche Maßnahmenkomplexe zur Verbesserung
der Situation in den Herkunftsländern herausgearbeitet. Diese Vorschläge finden sich
in dem Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft vom 11. Oktober
26
Beschluss des Bundesrates vom 08.11.2013, Drs. 603/13 (B).
8

2013.
27
Darin wurde zum einen die Einrichtung von miteinander vernetzten, durch
ESF-Mittel finanzierten Beratungsstellen in Bulgarien, Rumänien und Deutschland
befürwortet. Auch der Personalaustausch zwischen diesen Ländern wurde als ein
begrüßenswertes Instrument zum gegenseitigen Erfahrungs- und Wissensaustausch
benannt. Schließlich wurde die Durchführung von Workshops empfohlen, um
Verwaltungsbehörden, Wohlfahrtsverbände und andere Träger mit Blick auf die
Beantragung, Durchführung und Abwicklung von Projekten zu unterstützen.
Die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft hat der ASMK in ihrem Abschlussbericht unter
anderem einen Beschlussvorschlag zum Arbeitsbereich der UAG „Maßnahmen in
den Herkunftsländern“ unterbreitet. Mit Beschluss vom 27./28. November 2013 nahm
die ASMK diese Empfehlung an und begrüßt darin „die Einrichtung von
Beratungsstellen, den Personalaustausch zwischen Deutschland, Bulgarien und
Rumänien und die Durchführung von Workshops zur besseren Nutzung von
Fördermitteln“.
28
Am 27. November 2013 fand der erste Workshop „Durchführung von ESF-
Maßnahmen in Rumänien, Bulgarien und Deutschland“ in der Landesvertretung
Nordrhein-Westfalen in Brüssel statt, an dem vor allem Praktikerinnen und Praktiker
der beteiligten Fondsverwaltungen Erfahrungen austauschen konnten.
3.2 Eurocities
Das Eurocities-Netzwerk europäischer Städte, das die Zusammenarbeit der lokalen
Behörden in mehr als 140 Großstädten in über 30 europäischen Ländern fördert,
unterstützt die Anstrengungen zur Verbesserung der Lebenslagen von Roma in
europäischen Kommunen. Um zur Umsetzung des EU-Rahmens beizutragen, wurde
eine Arbeitsgruppe für die Eingliederung der Roma gegründet, an der verschiedene
Städte beteiligt sind. Die Arbeitsgruppe stellt Fachwissen und Daten zur Lage vor
Ort, zur Entwicklung von Richtlinien und Informationen zu erfolgreichen Richtlinien
bereit, um die Probleme der Roma zu lösen.
29
3.3 Deutscher Städtetag
Bereits im Jahr 2012 rief der Deutsche Städtetag (DST) auf Initiative der Stadt
Dortmund und des Städtetags Nordrhein-Westfalen eine Arbeitsgruppe
„Zuwanderung von Menschen aus Rumänien und Bulgarien“ ins Leben. An dieser
Arbeitsgruppe haben sich unter anderem die Städte Berlin, Hamburg, München,
Hannover, Offenbach, Mannheim, Köln, Duisburg und Dortmund beteiligt. Das
27
Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft „Armutswanderung aus Osteuropa“ vom 11.10.2013,
S. 24ff.
28
Ergebnisprotokoll der 90. Konferenz der Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Arbeit und
Soziales der Länder am 27./ 28. November 2013 in Magdeburg, TOP 5.21, Ziffer 9, S. 38.
29
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/working_together_for_roma_inclusion_de.pdf.
9

Präsidium des DST hat auf Initiative dieser Arbeitsgruppe im Februar 2013 ein
Positionspapier
30
angenommen, in dem besonders darauf hingewiesen wird, dass es
sich um ein Problem handele, für dessen Bewältigung ein koordiniertes
Zusammenwirken von Bund, Ländern, europäischer Ebene und anderen relevanten
Akteuren erforderlich sei. Neben innerstaatlichen Forderungen sieht es der DST
dabei als unabdingbar an, in den Herkunftsländern Maßnahmen zur Verbesserung
der Lebenssituation für die besonders von Armut betroffene Bevölkerung zu treffen.
Außerdem fordert er die Entsendung von „Integrationskommissaren“ durch die EU in
die Herkunftsländer, um sicher zu stellen, dass die Integration in diesen Ländern
voranschreitet und die europäischen Mittel zur Verbesserung der
Lebensbedingungen von Minderheiten zielgerichtet und wirksam eingesetzt werden.
3.4 Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V.
Das Präsidium des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge hat am
11. September 2013 ein Diskussionspapier zur Zuwanderung von Unionsbürgern
und Unionsbürgerinnen aus Südosteuropa verabschiedet.
31
In dieser Stellungnahme
wird ebenfalls die Erforderlichkeit von Maßnahmen zur Verbesserung der
Lebenssituation der besonders von Armut betroffenen Bevölkerungsteile in den
Herkunftsländern betont. Die Nutzung europäischer Fördermittel könne dazu
beitragen, die Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort zu verbessern. Dabei solle
insbesondere die langjährige Erfahrung der Wohlfahrtsorganisationen bei der
Realisierung sozialer Projekte vor Ort einbezogen werden.
3.5 Berliner Aktionsplan zur Einbeziehung ausländischer Roma
Der aktuelle Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission zur Umsetzung der
nationalen Roma-Strategien enthält neben deutlicher Kritik an den bisher erreichten
Fortschritten bei der Integration der Roma auch den Hinweis auf mehrere Best-
Practice-Beispiele für bewährte Verfahren aus den Mitgliedstaaten. Dabei nennt die
KOM ausdrücklich den vom Berliner Senat am 16. Juli 2013 beschlossenen
regionalen „Berliner Aktionsplan zur Einbeziehung ausländischer Roma“
32
. Der
Berliner Aktionsplan ist das Ergebnis einer ressortübergreifenden und bezirksoffenen
Lenkungsgruppe „Roma“, die im September 2012 gebildet wurde. Das Ziel des
Aktionsplans ist es, die Lage der EU-Bürgerinnen und –Bürger mit Roma-Hintergrund
und ihrer Familien in Berlin zu verbessern. Der Berliner Aktionsplan ist der erste
30
Positionspapier des DST zu den Fragen der Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien vom 22.01.2013;
abrufbar unter:
http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/dst/internet/fachinformationen/2013/positionspapier_zuwanderung_
2013.pdf
.
31
Diskussionspapier des Deutschen Vereins zur Zuwanderung von Unionsbürger/innen aus Südosteuropa vom
1309.2013, DV 11/13 AF III; abrufbar unter:
http://www.deutscher-verein.de/05-empfehlungen/empfehlungen_archiv/2013/DV-11-13-Zuwanderung
.
32
Abrufbar unter:
http://www.parlament-berlin.de/ados/17/IIIPlen/vorgang/d17-1094.pdf
.
10

regionale Aktionsplan zur Integration von Roma in Deutschland und kann europaweit
als Beispiel für andere Regionen dienen.
Zusammenfassung
Auf allen Ebenen wird derzeit verstärkt über die den europäischen Standards vielfach
nicht entsprechenden Lebensbedingungen von Roma in Europa diskutiert. Es
besteht Einigkeit darüber, dass die Lebensverhältnisse der in hohem Maße von
Armut betroffenen Gruppe der Roma in der gesamten EU und insbesondere in ihren
Herkunftsländern verbessert werden müssen. Solange Menschen ohne Perspektive
in ärmsten Verhältnissen und von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen leben,
wird die Europäische Union ihren eigenen Wertemaßstäben nicht gerecht. Dieser
Situation entgegenwirkende Maßnahmen können durch finanzielle Mittel der EU
gefördert werden. Solche Mittel stehen bereit. Staatliche Stellen und Zivilgesellschaft
in den europäischen Mitgliedstaaten können durch Erfahrungsaustausch und
Technische Hilfe dazu beitragen, die Absorption der Mittel zu erhöhen und zu einer
Verbesserung von Infrastruktur und Lebensverhältnissen in den betroffenen
Regionen beizutragen.
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