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SächSiScheS
StaatSarchiv
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2012

Seite
1
Landesprojekt Langzeitspeicherung und elektronische Archivierung (LeA) kurz vor Abschluss
Burkhard Nolte
2
Wertpapierdruck – Der Bestand Giesecke & Devrient AG im Staatsarchiv Leipzig
Maren Worrich
4
Ein verheißungsvoller Beginn? – Kulturbund und Film in Sachsen nach dem Zweiten Weltkrieg
Mona Harring
6
Von Lappland nach Sachsen – Der Filmnachlass von Erich Wustmann im Hauptstaatsarchiv Dresden
Carmen Schwietzer / Stephanie Patzschke / Martin Kühn
8
„Eine Kiste Sonnenschein hab ich froh erbrochen“ (Ringelnatz) –
Nachlass des Generaldirektors der Schocken AG im Staatsarchiv Chemnitz
Jürgen Nitsche
9
Nachlass der Familie Neefe – Eine familiengeschichtliche Kostbarkeit im Staatsarchiv Chemnitz
Ute Pfannschmidt
10
Polizeifach und Fußabdrücke – Sächsische Landespolizeiausbildung in der Weimarer Republik und
ihr Nachweis im Stadtarchiv Leipzig
Olaf Hillert
12
Schillerverein zu Leipzig – Stadtarchiv Leipzig bewahrt Vereinsnachlass
Frauke Gränitz
14
Goethe, Herder, Wieland ... – Sächsisches Staatsarchiv erhält bislang verschollene Klassikerbriefe
Volker Jäger
16
Das Grubenrettungs- und Gasschutzwesen in der DDR – Archivbestand im Bergarchiv Freiberg
Christiane Helmert / Sabine Landgraf
18
Zeichen der Vollstreckung – Wie Zweig, Span und Erde in die Akten kamen
Andrea Tonert
20
Weitere Meldungen und Berichte:
Arbeitsgruppe Ministerialüberlieferung im Hauptstaatsarchiv Dresden
Dörte Engmann
20
200 Jahre Staatsarchiv Breslau
Wilfried Reininghaus
21
Saturn, Mars, Erde, Uranus und Venus – Archivpädagogik im Stadtarchiv Leipzig
Anett Müller
23
Hauptstaatsarchiv Dresden mit drei „Tagen der offenen Tür“ wiedereröffnet
Gisela Petrasch
24
Tag der Archive am 3. März 2012 – Andrang in Leipziger Archiven
Birgit Richter
25
„Jeder Tag zählt wie ein Jahr“ – Festakt mit dem Bundespräsidenten zum 20-jährigen Bestehen des
Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen
Raymond Plache
26
Dresdner Archive, Bibliotheken und Museen gründen Notfallverbund
Arnd Vollmer
27
Zwischen Kirchenbüchern und Computergenealogie – Das Referat Deutsche Zentralstelle für
Genealogie / Sonderbestände im Staatsarchiv Leipzig
Thekla Kluttig
28
Rezensionen:
Susanne Baudisch / Markus Cottin (Bearb.), Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen 1196–1234
Eckhart Leisering
30
Tom Graber (Bearb.), Die Papsturkunden des Hauptstaatsarchivs Dresden, Bd. 1
Eckhart Leisering
31
Andreas Vogel (Hrsg.), Digitalisierungsfibel. Leitfaden für audiovisuelle Archive
Stefan Gööck
31
Peter Rückert / Erwin Frauenknecht (Hrsg.), Wasserzeichen und Filigranologie
Barbara Kunze
32
Katrin Wenzel / Jan Jäckel (Hrsg.), Retrokonversion, Austauschformate und Archivgutdigitalisierung
Christiane Helmert
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 1
Landesprojekt Langzeitspeicherung
und elektronische Archivierung (LeA)
kurz vor Abschluss
Die Verwaltung arbeitet zunehmend elek-
tronisch: Sie tauscht E-Mails aus, führt e-
lektronische Akten, speichert Informationen
in Datenbanken. Dadurch wird für den Bürger,
der diese Daten zunehmend auch im Internet
abrufen kann, vieles leichter, und die Verwal-
tung arbeitet schneller und effizienter. Die
Daten werden gespeichert, so lange sie stän-
dig benötigt werden. Aber was passiert dann?
Die funktionelle Ausgestaltung der elekt-
ronischen Bearbeitung und Aktenführung ist
nicht zu trennen vom Problem der Langzeit-
speicherung und elektronischen Archivierung.
Nur durch die revisionssichere Aufbewahrung
elektronischer Unterlagen kann die Vollstän-
digkeit und Rechtskonformität mit wirtschaft-
lich vertretbarem Aufwand gewährleistet
werden.
Um den elektronischen Gedächtnisverlust zu
verhindern, hat das Kabinett 2008 das Pro-
jekt LeA („Langzeitspeicherung und elektroni-
sche Archivierung“) ins Leben gerufen (siehe
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2010, S. 5 f.).
Ziele des Projekts sind der Aufbau und der
Betrieb eines landesweit einheitlichen Systems
zur Langzeitspeicherung und elektronischen
Archivierung. Die Verwaltung wird hierdurch
in die Lage versetzt werden, auch elektroni-
sche Unterlagen rechtssicher aufzubewahren
und nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist an
das Sächsische Staatsarchiv auszusondern.
Das Sächsische Staatsarchiv wird die archiv-
würdigen Unterlagen dauerhaft elektronisch
vorhalten. Die hierzu erstellten Fachkonzepte
können im Internet abgerufen werden (siehe
http://www.archiv.sachsen.de/6265.htm).
Im letzten Jahr wurde das Vergabeverfahren
zur Beschaffung des elektronischen Staats-
archivs erfolgreich abgeschlossen. Die tech-
nische Lösung haben die Firma T-Systems In-
ternational GmbH, die Schweizer Firma scope
solutions ag und die Firma H&T Greenline
GmbH entwickelt. Betrieben wird die Technik
Die Direktorin des Sächsischen Staatsarchivs, Frau Dr. Wettmann, begrüßt den Sächsischen Staatsminister der Justiz und für Europa, Herrn Dr. Martens, und den CIO des
Freistaates Sachsen, Herrn Dr. Bernhardt, zur Auftaktveranstaltung am 13. Januar (Foto Sylvia Reinhardt)
künftig beim Staatsbetrieb Sächsische Infor-
matik Dienste. Der Startschuss für die Auf-
taktveranstaltung fiel am 13. Januar in Anwe-
senheit des Sächsischen Staatsministers der
Justiz und für Europa, Herrn Dr. Martens, und
des Chief Information Officers (CIO) des Frei-
staates Sachsen, Herrn Dr. Wilfried Bernhardt.
Bereits Ende des Jahres können elektronische
Akten, die nicht mehr ständig benötigt wer-
den, in das System zur Langzeitspeicherung
eingestellt und Daten der sächsischen Ver-
waltung, die bleibenden Wert besitzen, im
elektronischen Staatsarchiv archiviert wer-
den. Damit ist sichergestellt, dass auch künf-
tige Generationen sich ihr eigenes Bild von
ihrer (elektronischen) Vergangenheit machen
können.
Burkhard Nolte
(Zentrale Aufgaben / Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 2
Wertpapierdruck – Der Bestand Giesecke &
Devrient AG im Staatsarchiv Leipzig
Am 1. Juni 1852 gründeten Hermann Giesecke
(1831–1900) und Alphonse Devrient (1821–
1878) in Leipzig das Typographische Institut
Giesecke & Devrient. Beide waren ausgebil-
dete Buchdrucker und hatten ihre Kenntnisse
bei verschiedenen Aufenthalten in Paris er-
weitert. Von Anfang an galt bei der Firma ein
hoher Qualitätsstandard. Schon bald erhielt
sie dafür die ersten Auszeichnungen, so 1854
die Ehrenmedaille der Allgemeinen Deutschen
Industrieausstellung in München und 1855
den ersten Preis von der Jury der Expositi-
on Universelle in Paris. Das anfängliche Ge-
schäftsfeld umfasste Buch- und Kunstdrucke
sowie Akzidenzdrucksachen. Mit Erweiterung
der technischen Einrichtungen konnte dies
schon bald ausgedehnt und ein Großteil al-
ler damals möglichen graphischen Techniken
ausgeführt werden. So wurde die Abteilung
Lithographie und Steindruckerei eingerichtet,
der die Kupfer- und Stahldruckerei, die Gra-
vier- und die galvanische Anstalt folgten. Aus
den Mieträumen in der Bosenstraße 1 (spätere
Nürnberger Str. 10) zog man 1858 in ein ei-
genes Geschäftshaus in der Bosenstraße 1 b
(Nürnberger Str. 12). Im Dezember 1889 öff-
nete die Firmenvertretung in Berlin, die von
wesentlicher Bedeutung für die Erlangung von
Banken- und Versicherungsaufträgen wurde.
Neben Privatpersonen, Firmen und Künstlern
zählten schon früh staatliche Stellen zu den
Auftraggebern. So wurden 1864 Passfor-
mulare für Sachsen und seit 1899 Lose für
die Sächsische Landeslotterie gedruckt. Die
Aufträge der 1874 entstandenen kartogra-
phischen Abteilung kamen zum Großteil von
verschiedenen Behörden. So entstanden in
Zusammenarbeit mit dem Königlich Sächsi-
schen Generalstab und der Königlich Säch-
sischen Geologischen Landesanstalt eine
Geologische Spezialkarte 1 : 25.000 und eine
Geologische Übersichtskarte 1 : 250.000; es
folgten militärische Karten, aber auch Stadt-
pläne und Wanderkarten.
Seit 1854 gab es auch einen firmeneigenen
Verlag, der sich vorwiegend historisch-wis-
senschaftlichen Veröffentlichungen widmete.
Der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit von
Giesecke & Devrient lag aber beim Wertpa-
pierdruck. Schon kurz nach der Firmengrün-
dung wurden Banknoten hergestellt, u. a.
Porträtmarken der Verlagsbuchhandlung R. O. Seemann in Friedenau, um 1900 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 21061 Giesecke & Devrient AG, Nr. 656)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 3
für die Leipziger Bank, die Danziger Privat-
Actien-Bank und das Herzogtum Sachsen-
Altenburg. In den 1920er Jahren übernahm
Giesecke & Devrient einen Teil des Druckes
der Reichsbanknoten. Da jedoch am Ende des
19. Jahrhunderts die deutschen Privatbanken
in der Nutzung ihres Notenprivilegs durch ge-
setzliche Bestimmungen stark eingeschränkt
worden waren, begann die Firma bereits in
dieser Zeit das Exportgeschäft zu intensivie-
ren. In der Folge erhielt sie bis 1943 zahlreiche
Aufträge aus dem Ausland, darunter Brasili-
en, Portugal, Luxemburg, dem Osmanischen
Reich, Bulgarien, China und Spanien. Gleich-
zeitig wurde durchgehend im firmeneigenen
Labor an der Entwicklung neuer Verfahren –
unter anderem zur Steigerung der Sicherheit
gegen Fälschungen – gearbeitet. Durch die
Heirat einer Nichte von Hermann Giesecke mit
einem Neffen von Alphonse Devrient wurden
die Gründer der Firma im Jahre 1891 auch
verwandtschaftlich zusammengeführt. 1901
wurde die offene Handelsgesellschaft in eine
Kommanditgesellschaft umgewandelt. Mit
dem 1. Oktober 1931 entstand die Giesecke
& Devrient AG.
Bei dem Bombenangriff auf Leipzig vom 3. auf
den 4. Dezember 1943 wurden die Gebäude
und technischen Anlagen der Firma zu 80 Pro-
zent zerstört. Dennoch hielt sie den Betrieb
aufrecht, indem sie einen Teil der Druckauf-
träge von anderen Druckereien ausführen ließ,
überwiegend durch den graphischen Großbe-
trieb Förster & Borries in Zwickau, wohin auch
ein Teil des Leipziger Personals versetzt wurde.
Ab 15. November 1945 stand die Firma unter
Treuhandverwaltung der Stadt Leipzig. 1948
wurde sie enteignet und als VEB Deutsche
Wertpapierdruckerei der Deutschen Noten-
bank in Berlin unterstellt. Im selben Jahr be-
gann Siegfried Otto (1914–1997), ein Schwie-
gersohn von Ludwig Devrient (1894–1948), in
München mit dem Neuaufbau von Giesecke
& Devrient.
Mit 60 Metern Archivgut und einer Laufzeit
von 1785 bis 1948 wurden die Unterlagen
der Giesecke & Devrient AG im Jahr 1981
aus dem VEB Wertpapierdruckerei der DDR
Leipzig ins Staatsarchiv Leipzig übernommen.
Sie sind heute unter der Bestandssignatur
21061 aufgestellt. Die gleichzeitig entstan-
dene, hauptsächlich einfache Verzeichnung
konnte 2010/2011 mittels einer Spende der
Giesecke & Devrient GmbH in München
durch eine erweiterte Verzeichnung erheblich
verbessert werden. Im Mai 2011 wurde das
entsprechend überarbeitete Findbuch fertig
gestellt. Obwohl kriegsbedingt das überliefer-
te Schriftgut nicht vollständig ist, vermittelt
es doch einen guten Einblick in die Unterneh-
menstätigkeit. Die Geschäftskorrespondenz
ist allerdings nur für die ersten drei Firmen-
Einladung des Gesangvereins Giesecke & Devrient
(Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, 21061
Giesecke & Devrient AG, Nr. 766)
jahre relativ geschlossen überliefert. Dass die
Druckerei sich schnell etablieren konnte, sei
durch die Erwähnung einiger wichtiger Namen
verdeutlicht. Zu den Auftraggebern dieser An-
fangszeit gehörten der Schriftsteller Oswald
Marbach, der Historienmaler Hermann Stilke,
der Lyriker und Übersetzer Adolf Böttger so-
wie wissenschaftliche Verlage wie Duncker &
Humblot aus Berlin und Vandenhoeck & Rup-
recht aus Göttingen.
In den Briefwechseln wird teilweise detailliert
die Ausführung von Druckaufträgen mit den
Auftraggebern oder deren Vertretern be-
sprochen. So ist der Entstehungsprozess der
100-Mark-Note der Bayerischen Notenbank
von 1922 sehr gut dokumentiert durch die
Korrespondenz nicht nur mit der Direktion der
Bank, sondern auch mit dem Gestalter Otto
Hupp. Als weiteres Beispiel soll der Druck der
Geologischen Übersichtskarte des Königreichs
Sachsen, entstanden unter der Leitung Her-
mann Credners, erwähnt werden.
Ungefähr die Hälfte der Akten sind dem Be-
reich Finanzen und Vermögen zuzuordnen,
innerhalb dessen die Geschäftsbücher den
Großteil ausmachen. Da die Buchhaltung je-
den Geschäftsgang widerspiegelt, haben die-
se Unterlagen eine große Bedeutung für den
gesamten Bestand. So lassen sich in den Auf-
trags- und Kalkulationsbüchern oder bei den
Rechnungen Nachweise zu Aufträgen finden,
die in der Korrespondenz nicht dokumentiert
sind. Aus dem firmeneigenen Verlag befinden
sich im Bestand u. a. Prachtausgaben von
Konrad Kretschmer „Die Entdeckung Ameri-
kas in ihrer Bedeutung für die Geschichte des
Weltbildes. Atlas der Festschrift der Gesell-
schaft für Erdkunde zu Berlin zur vierhundert-
jährigen Feier der Entdeckung Amerikas“ von
1892 und von Paul Seidel „Friedrich der Große
und die bildende Kunst“ von 1912.
Unter den Druckmustern haben die Wertpa-
piere den größten Anteil. Fast zu allen Bank-
notenaufträgen sind Druckmuster vorhanden.
Ebenso existiert eine vollständige Mappe der
ausgegebenen Eintrittskarten, Ausweise und
Abzeichen bei den XI. Olympischen Spielen
1936 in Berlin sowie eine Sammlung von Pa-
piermustern mit Wasserzeichen als Grundlage
für die Herstellung von Wertpapieren. Bei den
Familienunterlagen befinden sich Geburts-
urkunden, Tauf- und Konfirmationsscheine.
Umfangreich ist die Korrespondenz zwischen
Hermann Giesecke und seinem Bruder Bruno
(1835–1905), der nach dem Tod von Alphonse
Devrient in die Geschäftsführung eintrat. In
ihr gehen Privat- und Geschäftsangelegenhei-
ten ineinander über; sie zeugt auch von den
Schwierigkeiten in der Führung eines Famili-
enunternehmens.
Die betriebsgeschichtliche Sammlung liefert
ein Bild von der Position der Firma in Wirt-
schaft und Gesellschaft. Regelmäßige Be-
triebsveranstaltungen sind ebenso dokumen-
tiert wie die Besuche hochrangiger politischer
Personen wie Albert von Sachsen und Georg
von Sachsen oder Studienkommissionen aus
China und Italien.
Die Ämter, die Ludwig Devrient neben der Lei-
tung von Giesecke & Devrient bekleidete, sind
in entsprechender Korrespondenz gut doku-
mentiert. Er fungierte als Vorsitzender des
Schulausschusses der Meisterschule für das
Graphische Gewerbe zu Leipzig und Bezirks-
vorsitzender des Deutschen Buchdrucker-Ver-
eins. Außerdem war er Aufsichtsratsmitglied
und später Kommanditist der Firma Regel &
Krug, Kunstanstalt und Verlag, da seine Frau
Anneliese als geborene Krug zu den Erben von
Regel & Krug gehörte. Diese Firma ging 1936
in Konkurs. Die vorangegangen Sanierungs-
versuche sind umfangreich in entsprechenden
Unterlagen dokumentiert.
1944 pachtete Giesecke & Devrient die
Buchdruckerei G. Kreysing, deren Besitzerin
Elisabeth Fikentscher gleichzeitig Inhaberin
des Verlages Dr. Fritz Fikentscher war. Akten
dieser beiden Firmen sind mit im Bestand von
Giesecke & Devrient überliefert.
Durch die weitreichenden und vielfältigen
Verknüpfungen der Firmengeschichte ge-
winnt der Bestand der Giesecke & Devrient AG
übergreifende Relevanz für die Dokumentati-
on des einst so bedeutenden Leipziger Buch-
gewerbes.
Maren Worrich
(Staatsarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 4
Ein verheißungsvoller Beginn? – Kulturbund und
Film in Sachsen nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Geschichte des Kulturbundes kann mitt-
lerweile als leidlich gut erforscht gelten. Kaum
vertiefend behandelt wurde hingegen der Be-
reich Film – sieht man von der Filmklubbewe-
gung ab –, obwohl teilweise bereits 1945 Ar-
beitsgemeinschaften auf Landes- und später
auf örtlicher Ebene eingerichtet wurden. 1947
erfolgte auf zentraler Ebene gar die Gründung
der Kommission „Film“. Die Vernachlässigung
der Filmsparte mag zum einen dem Fokus der
Forschung auf strukturell-organisatorische
Aspekte des Zirkels geschuldet sein und trifft
somit auch auf andere Arbeitskreise zu. Zum
anderen assoziiert man mit dem zur Umerzie-
hung der Intelligenz gegründeten Kulturbund
vorrangig die Beschäftigung mit Themenfel-
dern der Hochkultur und der Wissenschaft
und weniger mit dem populären Medium Film.
Um diese Forschungslücke schrittweise zu fül-
len, soll nachfolgend an Hand ausgewählter
Beispiele ein erster Einblick in die Aktivitäten
sächsischer „Film“-Arbeitsgemeinschaften der
ersten Nachkriegsjahre gegeben werden.
Knapp einen Monat vor Gründung des Lan-
desverbandes Sachsen des „Kulturbundes zur
demokratischen Erneuerung Deutschlands“
am 23. September 1945 fand in Freiberg die
erste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft (AG)
„Film“ statt. Ihr gehörten der Dramaturg Gün-
ther Sauer, der Kameramann Herbert Eckert,
der Architekt Alfred Becker sowie Hellmut
Schneider an. Im Mittelpunkt der Sitzung
standen künstlerische und organisatorische
Fragen einer sofort in Angriff zu nehmenden
sächsischen Filmproduktion. Hierzu erstellten
die Mitglieder ein Arbeitsprogramm, das man
dem designierten Landesleiter, Wolfram von
Hanstein, persönlich überreichte. In dem vor-
läufigen Programm definierte die AG den Film
als eines der wichtigsten Erziehungsmittel des
Volkes, dessen zweckentsprechender Einsatz
allerdings „einer klaren Formulierung der ge-
planten Ziele in der Filmarbeit, der Verschie-
bung des Hauptakzents vom ökonomischen
auf den politisch-erzieherischen Sektor und
einer Reorganisation des gesamten techni-
schen und künstlerischen Apparates“ bedürfe
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv
Dresden, 11853 KPD-Bezirksleitung Sachsen
und Kreisleitungen, Nr. I/A/046).
Vorrangiges Anliegen der AG war jedoch der
Aufbau einer eigenen Filmgesellschaft mit der
Bezeichnung „Sachsenfilm“. Hierfür wurde die
Übereignung der Dresdner Filmgesellschaft
„Boehner“ gefordert, deren technisches Equip-
ment und Fachverstand man benötigte. Die
Leitung des Unternehmens sollte ebenso wie
die Erstellung des Produktionsprogramms und
die künstlerische Durchführung in die Hän-
de der AG „Film“ des Kulturbundes Sachsen
gelegt werden. Die Planungen gingen sogar
so weit, dass Günter Sauer mit der Erstellung
von Exposés für zwei geplante Spielfilme be-
auftragt wurde. Auch Vorschläge für die Be-
setzung der Leitungspositionen unterbreitete
die AG, darunter der ehemalige Mitarbeiter der
„Boehner“-Film und spätere Filmdezernent der
Landesverwaltung Alfred Förster.
Mit dem vorläufigen Arbeitsprogramm im Ge-
päck suchte von Hanstein am 5. Oktober 1945
den Präsidenten der Landesverwaltung Rudolf
Friedrichs auf und schlug vor, eine Filmgesell-
schaft mit dem Namen „Saxonia“ zu grün-
den. Die erforderliche technische Infrastruk-
tur hierfür sei, so erklärte von Hanstein, bei
der „Boehner“-Film vorhanden. Als Leiter der
Filmgesellschaft brachte er den Dramaturgen
Sauer ins Gespräch, zu dieser Zeit Direktor des
Freiberger Theaters. Überdies empfahl von
Hanstein, den Kulturbund, vertreten durch
seine Person, in die Produktion einzuschal-
ten, was durch Berufung in den Aufsichtsrat
der Gesellschaft erfolgen könne. Glaubt man
dem sächsischen Kulturbundchef war die
Gründung einer Filmgesellschaft unter staat-
licher Ägide auch Anliegen des 1. Vizepräsi-
denten der Landesverwaltung Kurt Fischer. So
heißt es in einem Schreiben von Hansteins an
Friedrichs: „Bezüglich der Filmsache teile ich
höflichst mit, dass Herr Vizepräsident Fischer
vorgeschlagen hat, eine Gesellschaft zu grün-
den, an welcher der Staat sich maßgeblich mit
beteiligt“ (Sächsisches Staatsarchiv, Haupt-
staatsarchiv Dresden, 11377 Landesregierung
Sachsen, Ministerium des Innern, Nr. 242).
Nach diesem engagierten Beginn wurde es
ausgesprochen ruhig um die Landesarbeits-
gemeinschaft „Film“. Zwar fanden weitere Be-
sprechungen zwischen den Befürwortern der
Produktionsgesellschaft und dem Filmdezer-
nat statt, die u. a. die vorwiegend finanziellen
Interessen der Initiatoren zu Tage förderten.
Gleichwohl zeichnete sich rasch ab, dass die
Landesverwaltung den Plänen kritisch ge-
genüberstand, da Filmdezernent Förster mit
seinem einstigen Arbeitgeber eigene Ziele ver-
folgte. Vor allem jedoch wurden die Planungen
von der sowjetischen Besatzungsmacht aus-
gebremst, die an einer Konkurrenz zu der nur
wenig später gegründeten DEFA kein Interesse
hatte. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ver-
wunderlich, dass auch die „Boehner“-Film kei-
ne eigene Produktionslizenz erhielt, sondern
ab 1946 als Filialbetrieb der DEFA firmierte.
Während also in Folge der Korrosion vorge-
nannter Ambitionen eine weitere Tätigkeit der
Landes-AG „Film“ für die Zeit der Sowjetischen
Besatzungszone nicht mehr nachzuweisen ist,
konstituierten sich in verschiedenen sächsi-
schen Ortsgruppen entsprechende Arbeits-
gemeinschaften. Hierzu zählten die AG „Foto
und Film“ der Ortsgruppe Chemnitz ebenso
wie die Arbeitsgruppe „Theater und Film“ der
im November 1945 gegründeten Ortsgruppe
Görlitz. Vergleichsweise spät, im März 1947,
wurde bei der Ortsgruppe Dresden ein ent-
sprechender Arbeitskreis errichtet, dem Film-
dezernent Förster vorstand.
Zum Tätigkeitskanon der Arbeitsgemeinschaf-
ten gehörten regelmäßige öffentliche Film-
veranstaltungen, die mit der propagierten
„Popularisierung des fortschrittlichen Film-
schaffens“ korrespondierten. Entsprechend
kamen Spielfilme sowjetischer und DEFA-
Provenienz, später auch so genannte volks-
demokratische Produktionen zur Vorführung.
Die AG „Film“ der Ortsgruppe Dresden präsen-
tierte zudem Folgen der DEFA-Wochenschau
„Der Augenzeuge“. Ziel dieser Veranstaltungen
war nicht nur die Heranführung des Publikums
an die Filme, sondern zugleich die Auseinan-
dersetzung mit ihnen. Der Zuschauer, so die
Idealvorstellung, sollte nicht mehr nur der rei-
nen Unterhaltung wegen ein Kino besuchen,
sondern in der Ventilierung mit dem „sozia-
listischen Filmschaffen“ (um)erzogen werden.
Wie das Beispiel der Ortsgruppe Chemnitz
Werbekarte der AG „Film“ des Kulturbundes Sachsen
für die Vorführung ausgewählter Berichte der DEFA-
Wochenschau „Der Augenzeuge“ am 2. Juli 1947
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dres-
den, 11401 Landesregierung Sachsen, Ministerium für
Volksbildung, Nr. 2660)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 5
zeigt, waren die seit 1947 durchgeführten
monatlichen Filmvorführungen zu Beginn
stark besucht, doch hielt sich die Beteiligung
an den Diskussionen sehr in Grenzen. Als
Gründe gaben die Besucher an, zum einen
noch zu sehr vom Film gefangen zu sein, zum
anderen Hemmungen zu haben, in der Öffent-
lichkeit ihre Meinung zu äußern. Dies schien
sich im Folgejahr zu wandeln. So beteiligten
sich an der im Januar 1948 veranstalteten
Diskussion zum sowjetischen Film „Unter
fremden Menschen“ (1939) zwei Drittel der
knapp 200 Besucher, während im Jahr zuvor
stets zwei Drittel den Kinosaal sofort nach
Beendigung des Films verlassen hatten. Die
Frage, ob der Film persönlich gefallen habe,
beantworteten allerdings nur 20 % des Pub-
likums positiv. Auch die im Oktober 1948 im
Chemnitzer „Metropoltheater“ veranstaltete
Vorführung des DEFA-Films „1-2-3 Corona“
(1948), der 295 Besucher, davon 193 Nicht-
mitglieder, gefolgt waren, wies eine höhere
Diskussionsbereitschaft auf. Skepsis ist al-
lerdings angebracht, wenn der zugehörige
Bericht ausführt, dass die anwesenden Ju-
gendlichen dem Film vorwarfen, eine falsche
Romantik statt des Weges zur produktiven
Arbeit zu zeigen. Andererseits dokumentie-
ren die Chemnitzer Filmrapporte auch, dass
Teilnehmer, größtenteils Nichtmitglieder, offen
Kritik übten. Im Rahmen der Diskussion zum
Film „Die russische Frage“ (1948) bspw. wies
ein Besucher darauf hin, dass es auch eine
deutsche Frage gäbe und dass diese deutsche
Frage Zonengrenzen und Oder-Neiße-Linie
heiße. Diese Frage, so der Diskutant weiter,
müsse ebenfalls geklärt werden, denn den
Deutschen stehe die deutsche Frage näher
als jede russische. Der Veranstaltungsbericht
versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass der
Redner hierfür den Beifall fast des gesamten
Hauses erntete. Entsprechend ernüchtert re-
sümierte die AG: „Bei diesen Filmdiskussionen
zeigen sich besondere Schwächen in unserer
Arbeit; da der Besucherkreis hauptsächlich
dem Zufall überlassen ist, treten hier oftmals
konservative, sogar reaktionäre Tendenzen
zu Tage. 12 Jahre süßlicher Operetten- und
Unterhaltungszauber tragen heute noch ihre
Früchte; besonders der russische Film ist der
Kritik ausgesetzt.“ (Stiftung Archiv der Par-
teien und Massenorganisationen der DDR im
Bundesarchiv (SAPMO), DY 27 Kulturbund der
DDR, Nr. 481) Da jedoch die Verantwortlichen
nicht gewillt waren, sich mit der durchaus
berechtigten Kritik tatsächlich auseinander-
zusetzen, mündete die Lösung zwangsläufig
in die Reduzierung des Zuschauerkreises auf
ein vermeintlich weltanschaulich gefestigtes
Publikum: „Wir haben vor, in Zukunft die Kar-
ten für diese Filmdiskussionen über den FDGB
direkt den Betrieben zugängig zu machen und
einen Teil über unser Sekretariat den Mitglie-
dern des Kulturbundes, um zu erreichen, dass
Kulturschaffende und Werktätige aus den Be-
trieben zu diesen Filmdiskussionen erscheinen
und zu den Filmen sprechen.“ (SAPMO, DY 27
Kulturbund der DDR, Nr. 481)
In diesem Kontext ist auch das zunehmend
stärker forcierte Instrument des organisier-
ten Filmbesuchs zu sehen, gestattete es doch
Vorführungen vor einem interessierten Pub-
likum, wenngleich diese in der Regel schlecht
besucht waren. So klinkte sich die Ortsgruppe
Dresden in die anlässlich des 30. Jahrestages
der Oktoberrevolution stattfindenden Wo-
chen des sowjetischen Films im Herbst 1947
mit einer sonntäglichen Matineevorführung
in der Dresdner „Schauburg“ ein. Zentrales
Programmelement war ein Referat des russi-
schen Kulturoffiziers Alexej Kotschetow über
das Filmwesen in der Sowjetunion. Flankie-
Sitzungsprotokoll der AG „Film“ des Kulturbundes Sachsen am 3. November 1947 (Sächsisches Staatsarchiv, Haupt-
staatsarchiv Dresden, 11401 Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung, Nr. 2660)
rend wurden russische Kurzfilme gezeigt.
Die wenigen Beispiele mögen für die Nach-
kriegszeit verdeutlichen, dass es an filmi-
schen Initiativen innerhalb des sächsischen
Kulturbundes nicht gefehlt hat. Allerdings
standen den Plänen für den zeitweise inten-
siv betriebenen Aufbau einer eigenständigen
Filmproduktionsgesellschaft kulturpolitische
und wirtschaftliche Gründe entgegen. Wie
exemplarisch dargelegt wurde, erfreuten sich
die als Filmdiskussionen offerierten Veranstal-
tungen zu Beginn durchaus einer gewissen
Beliebtheit. Da jedoch Filmkritik zunehmend
mit Systemkritik gleichgesetzt wurde, war die
Entwicklung der Filmvorführungen des Kul-
turbundes zu regimekonformen Vorstellungen
vorprogrammiert.
Mona Harring
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 6
Von Lappland nach Sachsen – Der Filmnachlass von
Erich Wustmann im Hauptstaatsarchiv Dresden
Fritz Erich Wustmann wurde am 9. Novem-
ber 1907 in Niedersedlitz bei Dresden ge-
boren. 1908 zog seine Familie von Dresden
nach Bad Schandau-Ostrau. Im Alter von
20 Jahren unternahm er eine neunmonatige
Reise entlang der norwegischen Küste und
lernte in Lappland die Kultur der samischen
Bevölkerung kennen. Nach der Trauung mit
Hildegard, geb. Fischer, verließ Wustmann
Deutschland gen Lappland, erlernte die sa-
mische Sprache, sammelte Lieder, filmte das
Leben der Samen und publizierte darüber. Die
Beherrschung des Norwegischen ermöglich-
te es ihm, in Norwegen und Deutschland als
freiberuflicher Journalist zu arbeiten. Für das
Völkerkunde-Museum in Mannheim erwarb er
eine Sammlung ethnografischer Gegenstände.
Seine umfangreiche Joiken-Sammlung (Ge-
sänge der Samen) wurde im Phonogramm-
Archiv Berlin auf Wachswalzen dokumentiert.
Mit dem Geleisteten legte er den Grundstein
seiner späteren Arbeiten.
Doch wie kam der Film zum „multimedial“
veranlagten Wustmann? Er erwarb beim Dis-
triktvorsteher eine Normalfilmkamera und be-
reits 1935 entstand das erste längere, thema-
tisch abgegrenzte kinematographische Werk:
„Zehntausend Boote auf Fang“, in den Lofoten,
gedreht auf 35 mm mit einer Spieldauer von
13 Minuten als ein für Norwegen fabrizierter
Dokumentarfilm. Dem folgten der mit spek-
takulären Aufnahmen bestückte Kulturfilm
„Wunder ewigen Eises“ über den Jostedals-
breen, den größten europäischen Festland-
und Plateaugletscher und das gleichnamige
Buch, in dem er seine Filmarbeit intensiv be-
schrieb.
Den Abschluss der norwegischen Schaffens-
periode bildete 1938 der fast halbstündige
Dokumentarfilm „Tollkühne Fähringer“ über
die Zeit, in der er mit Frau und Kind Synnöve
auf den Färöer-Inseln weilte (vgl. Ralf Forster/
Volker Petzold, Im Schatten der DEFA. Private
Filmproduzenten in der DDR, Konstanz 2010.
S. 251 ff.). Nach Ausbruch des Zweiten Welt-
krieges schob Norwegen die Wustmanns nach
Deutschland ab. Während des Krieges wurde
Erich anfänglich zur kulturellen Truppenbe-
treuung („Deutsches Volksbildungswerk –
Truppenbetreuung“) eingesetzt, später Soldat
und geriet schließlich in amerikanische Kriegs-
gefangenschaft.
Filmtafel aus dem Nachlass Wustmanns (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 13831 Nachlass Erich Wustmann)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 7
Nach seiner Rückkehr arbeitete Wustmann
als freischaffender Autor und wurde 1949
Mitarbeiter beim Kieler „Archiv für Polarfor-
schung“. Es vollzog sich ein Wechsel seines
Betätigungsfeldes: Er bereiste Brasilien, Peru,
Bolivien, Kolumbien und Ecuador. Das Kern-
interesse lag hierbei auf der Erforschung der
Lebensweise verschiedenster Indianerstämme
(insgesamt 36). Seine Forschungsreisen riefen
ihn in die Libysche Wüste, auf die Kanarischen
Inseln, nach Ägypten, erneut nach Norwegen
und Lappland. Wieder arbeitete er beobach-
tend, vergleichend und schreibend.
Reiseberichte folgten in zahlreichen Film-
vorträgen, Lichtbildern, Tonaufnahmen und
Büchern – summa summarum 105 Titel in
23 Verlagen mit ca. 2.260.000 Exempla-
ren – die in breiten Bevölkerungskreisen, die
abenteuerlichen Werke besonders aber bei
Jugendlichen, ihre Anerkennung fanden. Als
Beispiele sollen genannt sein: „Paradies der
Vögel“, „Crao, Indianer der roten Berge“ „Land
ohne Weiße“ (Farbfilm), „Indianerkinder vom
Xingú“, „Yahuá – Die Blasrohr-Indianer“ oder
„Yucos, Zwergindianer in Kolumbien“. 1984
erschien im DDR-Fernsehen der populäre
16-Teiler „Unter Indianern, Lappen und Be-
duinen“ mit Wustmanns Moderation. Bereits
ein Jahr später machte sich bei ihm eine zu-
nehmende Aphasie (Wortfindungsstörung)
als Folge einer Gehirnembolie bemerkbar,
die ihn zu einem zurückgezogenen Leben in
Bad Schandau-Ostrau, zwang (vgl. Altner,
Manfred: Wustmann, Erich, in: Sächsische
Biografie,
www.isgv.de/saebi,
aufgerufen am
28.10.2011). Erich Wustmann verstarb am
24. Oktober 1994 fast 87-jährig in seinem
Haus in Bad Schandau.
Durch wissenschaftliche Recherchen und Hin-
weise von Volker Petzold und Ralf Forster zu
privaten Filmproduzenten der DDR wurde das
Staatsarchiv auf den bei Wustmanns Tochter,
Frau Synnöve Wustmann nach wie vor in Bad
Schandau lagernden Nachlass aufmerksam.
Nach einer groben Erfassung und dem Ab-
schluss eines Depositalvertrages erfolgte im
Oktober 2011 die Übergabe des Nachlasses.
Nils Brübach, Referatsleiter im Hauptstaats-
archiv Dresden, Stefan Gööck vom Sachgebiet
audiovisuelle Medien sowie die drei Auszu-
bildenden des Staatsarchivs Leipzig, Carmen
Schwietzer, Stephanie Patzschke und Martin
Kühn, brachen am 20. Oktober 2011 nach Bad
Schandau auf. Die Azubis absolvierten in die-
ser Zeit ein dreiwöchiges Praktikum im Archiv-
zentrum Hubertusburg in Wermsdorf. Vor Ort
wurde das angebotene Material im hauseige-
nen „Archiv“ gesichtet, das Film- und Schrift-
gut voneinander separiert in Archiv kisten
verpackt und verladen. Übernommen wurden
alle auf der Anbietungsliste aufgeführten
Filmrollen in den vorhandenen Formaten und
Fassungen sowie weiteres Material.
Nach der Überführung ins Archivzentrum
erfolgte durch die Auszubildenden eine
Ersterfassung in Tabellenform. Aufgenom-
men wurden – vorlagengetreu – der Titel, das
Filmformat und auf der Filmdose vorhandene
Einträge. Weiterhin wurden fortlaufende Titel-
und Stücknummern vergeben, die Dosen eti-
kettiert und, sofern nötig, neu verpackt. Dabei
wurde ersichtlich, dass zu einzelnen Titeln je-
weils mehrere physische Einheiten vorhanden
sind. Darüber hinaus sind auch Filmfragmente
überliefert.
Der Bestand 13831 Personennachlass Erich
Wustmann (D) umfasst kinematografisches
Material und Schriftgut. Die Filme doku-
mentieren sowohl Wustmanns Schaffen in
Norwegen als auch seine Expeditionen nach
Südamerika. Die Filme sind stumm, da Erich
Wustmann erläuternde Texte „live“ während
der Vorführungen dazu gesprochen hat.
Insgesamt 26 Titel sind auf 107 Einzelrollen
überliefert. Hauptsächlich handelt es sich
um 16 mm- und 35 mm-Schwarz-weiß- und
Farbmaterial. Außerdem waren zwei Filme
auf DVD vorhanden. Vorhandenes Schriftgut
– dabei handelt es sich überwiegend um Pro-
grammhefte, Filmmanuskripte und inhaltliche
Erläuterungen, die von Wustmann in Verbin-
dung mit Filmvorführungen erarbeitet und
verwendet wurden – wurde für die weitere
Bearbeitung in zweifacher Ausführung umko-
piert. Nach Abschluss der Sicherung steht der
Bestand zur Nutzung zur Verfügung.
Carmen Schwietzer /
Stephanie Patzschke / Martin Kühn
(Staatsarchiv Leipzig)
Die drei Autoren, Auszubildende als Fachangestellte für Medien und Informationsdienste im Sächsischen Staats-
archiv Carmen Schwietzer, Martin Kühn, Stephanie Patzschke (v. l. n. r.) (Foto Stefan Gööck)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 8
„Eine Kiste Sonnenschein hab ich froh erbrochen“
(Ringelnatz) – Nachlass des Generaldirektors
der Schocken AG im Staatsarchiv Chemnitz
Mit dem Bestand 33309 Nachlass Georg
Manasse sind im Staatsarchiv Chemnitz Un-
terlagen einer bedeutenden Persönlichkeit
archiviert, die nicht nur an exponierter Stel-
le eines namhaften Unternehmens, sondern
auch politisch und gesamtgesellschaftlich
Bedeutendes geleistet hat. Insoweit verwun-
dert es nicht, dass Georg Manasse selbstver-
ständlich auch Kontakte und Freundschaften
zu anderen bedeutenden Persönlichkeiten sei-
ner Zeit unterhielt, unter anderem zu Dr. Leo
Baeck, Max Seydewitz und Renée Sintenis.
Unter verschiedenen Zeugnissen dieser
Kontakte findet sich im Nachlass auch eine
Bildpostkarte mit einem Gedicht, das der
Schriftsteller, Kabarettist und Maler Joachim
Ringelnatz (1883–1934) im August 1933 sei-
nem „Freund Manasse“ widmete. „Auf Wo-
chen“ hätte er „Gastwirt lieben Freunden
sein“ dürfen. Mit diesen Worten spielte der
bereits schwer Erkrankte wahrscheinlich auf
einen Besuch der Eheleute Manasse anläss-
lich seines 50. Geburtstages in Berlin und die
freudige Erinnerung daran an.
Teile des Nachlasses von Georg Manasse
(1893–1980), des langjährigen Generaldirek-
tors der Schocken Aktiengesellschaft in Zwi-
ckau, die sich seit einigen Jahren im Besitz des
Staatsarchivs Chemnitz befinden, sind im letz-
ten Jahr erschlossen worden. Ein detailliertes
Findbuch bietet Einblick in die Unterlagen, die
von beachtenswerter regional- und firmenge-
schichtlicher Bedeutung sind. Der Bestand hat
einen Umfang von 0,60 Metern und ist unter
anderem eine wertvolle Ergänzung zur Über-
lieferung des „Schocken-Konzerns & Nachfol-
ger“, die im Staatsarchiv Chemnitz unter der
Bestandssignatur 31451 archiviert ist.
Die Unterlagen waren dem Staatsarchiv von
Renata Manasse Schwebel (USA), der Tochter
von Georg Manasse, in mehreren Teillieferun-
gen in den Jahren 2008 bis 2011 als Schenkung
übergeben worden. Dem war eine Initiative
von ihr und Eva Weil Freudenheim (Uruguay),
einer Nichte von Georg Manasse, vorausge-
gangen. Die Cousinen hatten sich im Frühjahr
2006 an Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, die
damalige Leiterin des Staatsarchivs Chemnitz,
gewandt und auf die Bedeutung des Nach-
lasses hingewiesen. Bereits bei einem ersten
Gespräch in Chemnitz boten die Nachlassver-
walterinnen die Materialien dem Staatsarchiv
als Schenkung an. Nach Klärung der damit
verbundenen Fragen wurde dem Staatsarchiv
im Oktober 2008 ein erster Teil des Nachlasses
übergeben. Im Juli 2009 überreichten die Cou-
sinen einen weiteren Teil vor Ort. Dazu gehörte
ein Buch von Renata Manasse Schwebel über
ihre Familie, das sie verfasst und im Eigen-
verlag herausgegeben hatte. Im März 2011
wurden dann schließlich die vorläufig letzten
Unterlagen übernommen. Das Staatsarchiv
hat vor allem geschäftliche Dokumente und
Schriftstücke aus dem Nachlass erhalten. Ein
restlicher Teil – vor allem private Schriftstücke
und Fotografien – befindet sich weiterhin im
Besitz von Manasses Tochter.
Als der frühere Generaldirektor der Schocken
AG im Juli 1935 ins Exil ging, nahm er in
größerem Umfang Schriftgut mit, das aus
dem Zwickauer Warenhauskonzern stamm-
te. Überlieferte Geschäftsberichte, Bilanzen,
Statistiken und Fotografien zeugen davon.
Einige Unterlagen entstanden zudem im
Kaufhaus Manasse in Mühlhausen (Thürin-
gen), das sich im Besitz von Georg Manasse
befand. Zum Nachlass gehören ferner Teile
der privat bzw. geschäftlich geführten Kor-
respondenz und ein sicher einmaliges Ver-
zeichnis seiner Privatbibliothek, das auf eine
gesonderte Auswertung wartet. Da Manasse
ein stetiger Sammler von Materialien zum
Weltgeschehen war, gehören auch solche
Unterlagen zum Nachlass. Auch einige Do-
kumente zum Leben der Brüder Julius, Simon
und Salman Schocken gehören zum Nachlass.
Der Bestand enthält weiterhin Reden und An-
sprachen von Georg Manasse, Salman und
Simon Schocken sowie des Architekten Erich
Mendelsohn, die anlässlich der Eröffnung
weiterer Niederlassungen – u. a. in Crimmit-
schau, Waldenburg/Schlesien und Chemnitz –
gehalten wurden. Ein Teil des Schriftguts
entstand in den 1950er und frühen 1960er
Jahren im Rahmen der Restitutionsverfahren
des Nachlassers. In den Folgejahren begann
Manasse, seine ins Exil geretteten Unterlagen
in Sammelmappen zusammenzufassen. Damit
bereitete er eine großangelegte Autobiografie
sowie ein Buch über Wirtschaftsfragen vor.
Aus diesem Grund ergänzte er die Mappen
mit zahlreichen Notizen. Eine systematische
Ordnung der Unterlagen – z. B. nach einer
Gliederung – konnte jedoch nicht festgestellt
werden. Die Arbeiten an beiden Projekten blie-
ben unvollendet, vermutlich weil sich sein Ge-
sundheitszustand in den letzten Lebensjahren
zunehmend verschlechterte.
Die im Nachlass vorhandenen persönlichen
Dokumente der Familie Manasse vermitteln
einen Einblick in die Lage der deutschen Juden
nach der nationalsozialistischen Machtergrei-
fung in Deutschland. Sie zeigen aber auch das
oftmals beschwerliche Leben im Exil. Alles in
allem bietet der Nachlass, auch wenn er nicht
vollständig ist, einen umfangreichen Überblick
zum Leben und Wirken von Georg Manasse.
Insbesondere seine vielfältigen Kontakte zu
Personen der Kultur- und Zeitgeschichte sind
von großem Interesse für die biografische
Forschung.
Jürgen Nitsche
(Staatsarchiv Chemnitz)
Foto von Georg Manasse, 1940er Jahre (Privatbesitz
von Renata Manasse Schwebel, USA)
Bildpostkarte von Joachim Ringelnatz (Foto Ignaz
Gidal; Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz,
33309 Nachlass Georg Manasse, Nr. 90)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 9
Im Staatsarchiv Chemnitz befindet sich als Be-
stand 33175 Familienstiftung Neefe der Nach-
lass dieser Familie, die über lange Zeit eine be-
deutende Rolle in der Stadt Chemnitz spielte.
Die Vertreter der Familie Neefe bestimmten
über fast 300 Jahre als Ratsmitglieder und
Bürgermeister die Geschicke der Stadt Chem-
nitz mit. Zeitweise saßen drei ihrer Mitglieder
im Rat der Stadt. Als Zeitgenossen des Chem-
nitzer Bürgermeisters Georgius Agricola erleb-
ten sie die Reformation mit, sie bemühten sich
im 30jährigen Krieg Schaden von der Stadt
und ihren Bürgern abzuwenden und suchten
die Auswirkungen des Seuchenzuges der Pest
1680 in Chemnitz zu begrenzen.
Der bedeutendste Vertreter der Familie war
Dr. med. Johann Neefe (1499–1574). Er war
wie sein Bruder Dr. Caspar Neefe kurfürstli-
cher Leibarzt und betreute als solcher mehrere
sächsische Kurfürsten. Mit seinem ärztlichen
Rat half er auch Kaiser Ferdinand I. und war
ihm zugleich ein geschätzter Gesprächspart-
ner, Berater und Freund. Der Kaiser bedankte
sich für die Hilfe Dr. Johann Neefes mit einem
Adelsbrief. Am 20. Mai 1559 erhob er ihn und
seine Brüder auf dem Reichstag in Augsburg
in den erblichen Adelsstand.
Dr. Johann Neefe war selbst kinderlos und
gründete aus seinem Vermögen am 18. No-
vember 1560 eine Stiftung zur Unterstüt-
zung von Studenten aus der Familie an den
Universitäten Leipzig und Halle. Gab es „keine
Mitglieder der Familie Neefe, die zum studie-
ren tüchtig“, sollten gemäß Stiftungsurkunde
arme Chemnitzer Stadtkinder und, falls solche
nicht vorhanden waren, andere arme Studen-
ten in den Genuss der Zuwendungen kommen.
Die Kollatoren waren die jeweils Ältesten der
Familie. Sie verwalteten das Stiftungskapital
und vergaben die Stipendien in Zusammen-
arbeit mit dem Rat der Stadt Chemnitz und
dem Sächsischen Ministerium für Kultus und
öffentlichen Unterricht in Dresden. Stipendien
wurden bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhun-
derts ausgereicht.
Interessant ist der Bestand schon deshalb,
weil er einen Zeitraum vom 16. bis Mitte des
20. Jahrhunderts umfasst und Familienunter-
lagen sowie die Unterlagen zur Verwaltung
der Stiftung und der Vergabe der Stipendi-
en enthält. Wir finden dort Abschriften von
Stiftungsurkunden, verschiedene Übersichten,
Leichenpredigten, Testamente, persönliche
Briefe sowie verschiedenste Dokumente und
Notizen.
Der Bestand der Familie Neefe enthält haupt-
sächlich Notizen und Schriftverkehr der Kol-
latoren der Stiftung. Die Überlieferungen der
einzelnen Kollatoren sind so verschieden wie
deren Persönlichkeiten und Berufe. Einige
von ihnen nummerierten jedes Schriftstück,
fügten den Akten jeden Jahres noch ein In-
haltsverzeichnis hinzu und ließen sie binden.
Andere legten ihre Unterlagen nur in eine
Mappe – teilweise ungeordnet.
Die Akten der Kollatoren der Neefeschen
Stiftung sind in mehrfacher Hinsicht eine
Fundgrube für die Forschung. Die Bewer-
bungsunterlagen bieten tiefe Einblicke in die
Familien der Bewerber. Familienverhältnisse
und Schicksalsschläge werden in den Be-
werbungsschreiben teilweise ausführlich ge-
schildert. Für das jeweilige historische Umfeld
liefern sie interessante Illustrationen.
Die Bewerbungsunterlagen der künftigen
Stipendiaten sind auch für den Familienfor-
scher eine reichhaltige Quelle. Oft enthalten
sie Stammtafeln zum Nachweis der Abstam-
mung aus der Familie Neefe. Abschriften
von Tauf-, Trau- und Sterbeeinträgen aus
Kirchenbüchern finden sich häufig als Ergän-
zung. Dazu kommen noch Reifezeugnisse,
Armutszeugnisse und andere Dokumente, die
Informationen zur Biographie des Bewerbers
liefern. Über die lange Zeit, in denen Neefe-
sche Stipendien vergeben wurden, können –
leider nicht lückenlos – die Bewerber und die
Vergabe der Neefeschen Stipendien nachvoll-
zogen werden.
Auch im Hinblick auf das Verfahren der Ver-
gabe der Stipendien, der Auswahl der Bewerber,
die Rolle des Ministeriums sowie des Rates
der Stadt Chemnitz können aus dem Bestand
Erkenntnisse gewonnen werden.
Als interessante Randnotiz ist zu bemerken,
dass die Unterlagen an den verschiedensten
Stellen „Familienhistörchen“ enthalten und
Auseinandersetzungen zwischen den Fami-
lienmitgliedern sichtbar werden, die bis zum
Streit über die Ernennung des neuen Kollators
führten.
Der Bestand 33175 Familienstiftung Neefe,
der durch seine vielfältige Überlieferung zu
den unterschiedlichsten Bereichen bemer-
kenswert ist, umfasst sechs Meter. Die Er-
schließung des Bestandes, die sich durch die
Verschiedenartigkeit der Unterlagen und der
Dokumentenstruktur schwierig gestaltet, ist
inzwischen nahezu abgeschlossen, macht die
Bearbeitung aber auch sehr interessant.
Ute Pfannschmidt
(Staatsarchiv Chemnitz)
Zeichnung der beiden Schlüssel zur Lade der Familie
Neefe. Die Familienlade selbst wird heute im Stadt-
archiv Chemnitz aufbewahrt. (Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Chemnitz, 33175 Familienstiftung Neefe,
Nr. 341)
Nachlass der Familie Neefe –
Eine familiengeschichtliche Kostbarkeit
im Staatsarchiv Chemnitz

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 10
Polizeifach und Fußabdrücke – Sächsische Landes-
polizeiausbildung in der Weimarer Republik und ihr
Nachweis im Stadtarchiv Leipzig
Wer mit den Zuständigkeiten im Archivwesen
vertraut ist, wird Unterlagen zur Ausbildung
der sächsischen Landespolizeibeamten in der
Weimarer Republik nicht in einem Stadtar-
chiv, noch dazu in Leipzig, vermuten. Dem an
dieser Thematik Interessierten wird bekannt
sein, dass es zwischen ca. 1922 und 1935
in Meißen-Zaschendorf eine Landespolizei-
schule gab. Folgerichtig wendet er sich des-
halb zunächst an das Sächsische Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden. Dort sind jedoch
in einem nur geringen Umfang Unterlagen von
der Polizeischule überliefert, die sich v. a. auf
Bauangelegenheiten beziehen.
Durch den Umstand, dass einige Polizeibe-
amte Anfang der 1930er Jahre auf eigenen
Wunsch die Landespolizei verließen und in die
städtische Wohlfahrtspolizei wechselten, sind
bei uns im Stadtarchiv Leipzig auch solche Ak-
ten überliefert, die bis zum Wechsel bei den
staatlichen Stellen geführt wurden. Es handelt
sich um die Personalakten der Landespolizei-
schule, vom Polizeipräsidium weitergeführt,
und um die Schul- und Krankenakten von
sechs ehemaligen Landespolizeibeamten (sie-
he Anhang). Am Beispiel der Akten zu Alfred
Reinhold aus Auerbach im Vogtland soll auf-
gezeigt werden, was sich in diesen Akten alles
nachweisen lässt.
Begonnen wird mit seiner Personalakte, die
im Februar 1929 an der Landespolizeischule
in Meißen angelegt und ab April 1931 beim
Polizeipräsidium Leipzig weitergeführt wurde
(Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 1). Das darin enthaltene
Bewerbungsschreiben und der Lebenslauf ge-
ben Auskunft über seine bisherige schulische
Ausbildung und berufliche Entwicklung. Oft,
so auch in diesem Fall, wird Arbeitslosigkeit
als Bewerbungsgrund angegeben. Knapp ei-
nen Monat später zog er sein Gesuch zurück,
da er „durch günstige Umstände selbständig
werde“. Es scheint mit der Selbständigkeit
nicht geklappt zu haben. Im September des-
selben Jahres stellte er erneut einen Aufnah-
meantrag. Daraufhin erhielt er Fragebögen zu
seinen persönlichen Verhältnissen sowie zu
seinen Vorerkrankungen und Krankheiten in
der Familie. Bei der für ihn zuständigen Po-
lizeidirektion Plauen erfolgte am 1. Oktober
1929 die polizeiärztliche Untersuchung. An
dieser Stelle wurden erstmals die im Titel an-
gegebenen Fußabdrücke abgenommen. Das
von der Polizei Fingerabdrücke von Verdäch-
tigen genommen werden, ist bekannt und so-
fort nachvollziehbar. Aber Fußabdrücke von
Polizeianwärtern, dass erschließt sich nicht
sofort. Im Nachhinein ist aber auch das er-
klärbar. Polizeidienst hieß damals vor allem
Streifendienst, und das bedeutete nicht die
Streife mit einem Fahrzeug, sondern zu Fuß.
Es lag im Interesse der anstellenden Behör-
de, dass die Bewerber gesund und gut zu Fuß
waren. Nach dieser polizeiärztlichen Untersu-
chung, deren Ergebnisse alle in der Akte ent-
halten sind, erfolgten am selben Tag auch eine
schriftliche Prüfung in Deutsch und Rechnen
sowie eine Eignungsprüfung, die in der noch
vorzustellenden Schulakte überliefert sind.
Am nächsten Tag ging es zum Röntgen; der
Befund liegt ebenfalls in der Akte vor. Zuvor
war bereits ein Auszug aus dem Strafregis-
ter angefordert worden. Im November wurde
Reinhold als geeignet eingestuft. In der Zwi-
schenzeit wohnte er in Zschöllau-Oschatz, wo
er vorläufig eine Stelle angenommen hatte.
Zum April 1930 erfolgte die Einberufung.
Der Akte ist sein Personalbogen mit Pass-
bild vorgeheftet. Der Bogen wurde über die
Dauer seiner Ausbildung und des Dienstes
bei der Landespolizei geführt. Oberstleutnant
Meißner, Leiter der Landespolizeischule, ver-
pflichtete ihn am 1. Mai 1930. Jetzt war er ein
Polizeianwärter. An der Landespolizeischule
gehörte er zur I. Inspektion, Hörsaal 1. Am
4. November 1930 wurden zum zweiten Mal
Fußabdrücke genommen. Man wollte sich
wohl vergewissern, dass keine Veränderung,
sprich Verschlechterung, eingetreten war. Die
Akte enthält einen Leistungsnachweis über
seine an der Polizeischule erbrachten sport-
lichen Leistungen und eine Beurteilung vom
Februar 1931. An der Landespolizeischule er-
folgte die Vorstufe der Polizeiausbildung. Die-
se Etappe seiner Ausbildung war im März 1931
abgeschlossen. Die weitere Ausbildung in den
Hauptstufen I bis IV wurde in den jeweiligen
Polizeipräsidien vorgenommen. Am 17. März
1931 erhielt Reinhard sein Zeugnis über den
erfolgreichen Besuch der Polizeischule. Zum
1. April 1931 wurde er zum Polizeipräsidium
Leipzig, Inspektion Nord, 4. Bereitschaft ver-
setzt. Die weitere Ausbildung sollte sich noch
bis März 1934 hinziehen. Hier durchlief er die
Ausbildung in den Klassen 17 (H bis H III) und
Klasse 4. Am 1. April 1932 wurde er zum Poli-
zeiwachtmeister befördert. In dieser Akte sind
u. a. Hinweise auf bestandene Anstellungsprü-
fungen vom 23. März 1933 und 24. März 1934
enthalten. Interessant ist aus heutiger Sicht
sein Gesuch um Genehmigung der Eheschlie-
ßung, dass er am 10. März 1934 an die Lan-
despolizeiabteilung Leipzig, 2. Hundertschaft,
seine damalige Einheit, gestellt hat. Die Akte
enthält auch sein Gesuch um Übernahme in
den Wohlfahrtspolizeidienst der Stadt Leipzig
vom 12. Juni desselben Jahres und endet mit
seinem Ausscheiden aus der Sächsischen Lan-
despolizei am 30. Juni 1934. Die Akte umfasst
ca. 52 Blatt.
Es folgt eine sehr interessante und mit ca. 215
Blatt auch äußerst umfangreiche Akte, seine
Schulakte (Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 2). Diese Akte
wurde zwischen April 1930 und März 1931
bei der Landespolizeischule und ab April 1931
beim Polizeipräsidium Leipzig geführt. Sie
beginnt mit seinem eine Seite umfassenden
Kurzaufsatz zum Thema „Meine Reise zur Auf-
nahmeprüfung für die Schutzpolizei“, enthält
ein Blatt mit einfachen Rechenaufgaben und,
als Eignungsprüfung bezeichnet, einen auszu-
füllenden Lückentext und Angaben zu einem
nicht vorliegenden Bild. Das war im Oktober
1929 seine Aufnahmeprüfung. Die Prüfung
in Deutsch schloss er mit genügend, die in
Rechnen mit gut und die Eignungsprüfung
mittelmäßig ab. Es folgen korrigierte Vier-
teljahres- und Abschlussarbeiten, Aufsätze,
Klassenarbeiten und Prüfungsarbeiten für
Vor- und Endprüfungen. Oft sind auch die
Aufgabenstellungen überliefert. Die Ausbil-
dung war vielseitig. Neben naturwissenschaft-
lichen Fächern wie Naturkunde, Erdkunde und
Mathematik wurden auch gesellschaftswis-
senschaftliche, wie Geschichte und Staats-
Passbild aus der Personalakte für Alfred Reinhold
(Stadtarchiv Leipzig, Kapitelakten, Kap. 10 R Nr. 892
Bh. 1 Bl. 1)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 11
bürgerkunde, und selbstverständlich polizei-
fachliche, wie Polizeifach und Polizeianzeige,
gelehrt. Hinzu kamen Deutsch, hier v. a. Auf-
sätze und die Einheitskurzschrift. An dieser
Stelle können nur beispielhaft einige Aufga-
ben benannt werden. Im Fach Polizeianzeige
mussten Fälle bearbeitet werden, die sich auf
einer Streife ergeben können wie z. B. Verstöße
gegen die Straßenverkehrsordnung, Tierquäle-
rei, Verdacht auf Diebstahl und Verdacht auf
die Verteilung unsittlicher Schriften. Im Poli-
zeifach, verbunden mit der so genannten Frei-
en Arbeit, gab es Themen wie z. B. „Der Straf-
antrag“, „Der Waffengebrauch des einzelnen
Polizeibeamten, erläutert an Beispielen“, „Wie
verhält sich der Polizeibeamte bei folgenden
polizeilichen Amtshandlungen: Verwarnung,
Abstrafung, Namensfeststellung und Zufüh-
rung zur Wache?“ und „Was habe ich bei dem
letzten Ausmarsche in das Gelände gelernt?“.
In Geschichte und Staatsbürgerkunde, oft
gemeinsam gegeben, musste er sich u. a. mit
den Themen „Das Deutsche Reich – ein Ein-
heitsstaat. Gedanken zu diesem Streitsatz und
ihre Begründung“, „Deutschland – Russland.
Die Beziehungen der beiden Staaten von 1813
bis 1918“, „Welche Bedeutung haben die Jahre
1806, 1813 ... 1918, 1920 für das Land Sach-
sen?“, „Aufgaben und Rechte des Reichstags“
und „Rechte des Reichspräsidenten“ ausein-
andersetzen. In Deutsch waren z. B. die Auf-
satzthemen „Kameradschaft im Dienste“, „Ur-
laub“, „Die Bedeutung des Meeres“, „Saubere
Straßen“, „Zur Charakteristik des Majors von
Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm“ und
„Teufel Alkohol“ zu bearbeiten. Beim Rechnen
ging es v. a. um die Grundrechenarten, um
Prozentrechnung und verbunden damit um
das Lösen von Textaufgaben. In Erdkunde
wurden u. a. Frankreich, Länder und Städte am
Bodensee und die Höhen in Großbritannien
und Irland behandelt. Die Akte enthält auch
sein Prüfungszeugnis (den so genannten Ak-
tenvermerk) zum Bestehen der Vorprüfung am
23. März 1933 beim Polizeipräsidium Leipzig
und ein Jahr später der Anstellungsprüfung
am 24. März 1934 bei der Landespolizeiab-
teilung Leipzig. Es folgt seine nur ca. 20 Blatt
umfassende Krankenakte (Kap. 10 R Nr. 892
Bh. 3). Sie wurde zwischen Oktober 1929 und
Juni 1934 geführt. Sie enthält v. a. seine Ein-
stellungsuntersuchung, einen Nachweisbogen
für Sportmaße (Gewicht, Größe, Umfang be-
stimmter Körperteile zwischen April 1930 und
Februar 1931), Krankenscheine, Fiebertafeln
und Zahnbehandlungsbögen. Diese Bögen
enthalten auch ein Verzeichnis der in Sach-
sen für Polizeibeamte zugelassenen Zahnärzte
und Dentisten.
Anhand eines Aktenverzeichnisses zu kom-
munalen Personalakten ließen sich von ei-
nem weiteren ehemaligen Landespolizeibe-
amten Akten nachweisen, die von staatlichen
Stellen abgegeben wurden, aber nicht mehr
überliefert sind (Repertorium zu Kap. 10 B). Es
handelt sich um Willy Karl Bergmann (ehemals
Kap. 10 B Nr. 1225 Bh. 1–4), zu dem auch eine
Dienststrafakte vorlag. Nach dem Eintrag im
Repertorium wurden die Beihefte 1938 an die
Kreishauptmannschaft abgegeben. Die 1934
begonnene städtische Hauptakte ist eben-
falls nicht überliefert. Es konnten anhand der
im unterschiedlichen Umfang vorliegenden
städtischen Personalakten weitere ehemalige
Landespolizisten und spätere Angehörige der
Wohlfahrtspolizei ermittelt werden, welche
die Landespolizeischule in Meißen besucht
haben. In diesen Fällen sind im Aktenver-
zeichnis jedoch keine Hinweise auf die staat-
lichen Personalakten enthalten. Dabei handelt
es sich z. B. um Oswin Albin Fischer (Kap. 10
F Nr. 538), Fritz Gansel (Kap. 10 G Nr. 773),
Wilhelm Düring (Kap. 10 D Nr. 603) und Kurt
Fischer (Kap. 10 F Nr. 729). Die Akte von Kurt
Fischer enthält auf dem Aktendeckel den Hin-
weis auf die ehemals als Bh. 1 eingeordnete,
jedoch nicht mehr überlieferte Personalakte
der Landespolizei.
Anhand der Überlieferung kann sehr gut
nachvollzogen werden, aus welchem sozialen
Umfeld die Bewerber für den Landespolizei-
dienst kamen, wie zuvor ihre schulische und
berufliche Entwicklung verlaufen war, welche
Bewerbungsgründe es gab und welche Schul-
kenntnisse, sportlichen und gesundheitlichen
Voraussetzungen vorliegen mussten. Die
Schulakten widerspiegeln die Anforderungen
und die Breite der Ausbildung. In der Weimarer
Anhang
Aufstellung der im Stadtarchiv Leipzig ermittelten Per-
sonal-, Schul- und Krankenakten vormaliger Landes-
polizeibeamter:
Herbert Dorst
(* 27.11.1907)
– Kap. 10 D Nr. 421 Bh. 1, „Personalakte. Landespolizei-
schule Meißen, später Polizeipräsidium Leipzig“, Jan.
1929–Juni 1934 (ca. 55 Blatt)
– Kap. 10 D Nr. 421 Bh. 2, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Febr. 1929–Juli 1934 (ca. 170 Blatt)
– Kap. 10 D Nr. 421 Bh 3., „Krankenakte“, Febr. 1929–
Juni 1934 (ca. 30 Blatt)
Alfred Reinhold
(* 17.04.1909)
– Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 1, „Personalakte. Landespolizei-
schule Meißen, später Polizeipräsidium Leipzig“, Febr.
1929–Juni 1934 (ca. 52 Blatt)
– Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 2, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Okt. 1929–Juli 1934 (ca. 215 Blatt)
– Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 3, „Krankenakte“, Okt. 1929–Juni
1934 (ca. 20 Blatt)
Rudolf Doneck
(* 10.10.1907)
– Kap. 10 D Nr. 419 Bh. 1, „Personalakte. Landespoli-
zeischule Meißen, später Polizeipräsidium Chemnitz
danach Polizeipräsidium Leipzig“, Juni 1926–Juni
1934 (ca. 60 Blatt)
– Kap. 10 D Nr. 419 Bh. 2, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Sept. 1928–Mai 1934 (ca. 185 Blatt)
– Kap. 10 D Nr. 419 Bh. 3, „Krankenakte“, Dez. 1928–Mai
1934 (ca. 15 Blatt)
Walter Bendrat
(* 29.04.1906)
– Kap. 10 B Nr. 1224 Bh. 1, „Personalakte. Landespo-
lizeischule Meißen, später Polizeipräsidium Leipzig“,
Dez. 1928–Juni 1934 (ca. 65 Blatt)
– Kap. 10 B Nr. 1224 Bh. 2, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Jan.1929–Mai 1934 (ca. 150 Blatt)
– Kap. 10 B Nr. 1224 Bh. 3, „Krankenakte“, Jan. 1929–
Mai 1934 (8 Blatt)
Georg Friedrich
(* 14.01.1908)
– Kap. 10 F Nr. 648 Bh. 1, „Personalakte. Landespoli-
zeischule Meißen, später Polizeipräsidium Chemnitz
danach Polizeipräsidium Leipzig“ Juli 1927–Juli 1934
(ca. 95 Blatt)
– Kap. 10 F Nr. 648 Bh. 2, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Okt. 1927–Aug. 1933 (ca. 140 Blatt)
– Kap. 10 F Nr. 648 Bh. 3, „Krankenakte“, Mai 1928–Dez.
1933 (ca. 30 Blatt)
Paul Welinsky
(* 13.12.1908)
– Kap. 10 W Nr. 967 Bh. 1, „Schulakte. Landespolizei-
schule Meißen“, Jan. 1929–Apr. 1934 (ca. 175 Blatt)
– Kap. 10 W Nr. 967 Bh. 2, „Krankenakte“, Apr.1929–
März 1934 (ca. 20 Blatt)
– Kap. 10 W Nr. 967 Bh. 3, „Personalakte. Landespolizei-
schule Meißen, später Polizeipräsidium Leipzig“, Dez.
1928–Mai 1935 (ca. 55 Blatt)
Fußabdruck Reinholds, genommen bei der polizeiärzt-
lichen Untersuchung in Plauen (Stadtarchiv Leipzig,
Kapitelakten, Kap. 10 R Nr. 892 Bh. 1 Bl. 12)
Republik hatten die sächsischen Landespolizei-
beamten ein Mindestmaß an Allgemeinbildung
und eine polizeifachliche Ausbildung vorzu-
weisen. Die Zeiten, wo Kenntnisse als Berufs-
soldat als ausreichend für den Polizeidienst
angesehen wurden, waren vorbei. An dieser
Stelle können vom Verfasser keine Aussagen
dazu getroffen werden, in welchem Umfang
der Anspruch an die Polizeiausbildung später
im Dienstbetrieb umgesetzt werden konnte.
Olaf Hillert
(Stadtarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 12
Schillerverein zu Leipzig – Stadtarchiv Leipzig
bewahrt Vereinsnachlass
Schillerhaus, Schillerweg, Schillerdenkmal und
Schillerstraße sind allgegenwärtige Bestand-
teile des Leipziger Stadtbildes. Ihre Existenz bis
auf den heutigen Tag ist das Resultat der sich
seit der Vormärzzeit in Leipzig entwickelnden
Erinnerungskultur an Friedrich Schiller, an sei-
ne Werke und vom Freiheits- und Einheits-
gedanken getragenen Ideen. Maßgeblicher
Initiator dieser Leipziger Erinnerungskultur
war der Wegbereiter der deutschen Revolu-
tion von 1848/49 Robert Blum. Auf seine An-
regung schloss man sich in Leipzig seit 1840
mit jährlichen Schillerfesten an die in ganz
Deutschland entwickelte Tradition der Ehrung
des Nationaldichters an. Ein positiver Verlauf
der Leipziger Feierlichkeiten, der herrschende
Zeitgeist sowie die Aktivitäten des Festkomi-
tees um Robert Blum führten am 24. Oktober
1842 zur Gründung des Schillervereins zu
Leipzig. Der im Stadtarchiv Leipzig erschlosse-
ne Vereinsnachlass birgt interessante Quellen
zur Vereinsgeschichte mit sehr unterschied-
lichen Facetten, die von zahlreichen Aktivi-
täten zur Erinnerung an Schiller und seine
Werke, über Bildungsarbeit vielfältigster Art
bis hin zur politischen Instrumentalisierung
der Schillerverehrung in den verschiedenen
gesellschaftlichen Systemen reichen.
Den Schwerpunkt des Vereinsnachlasses (3,18 m)
bilden die Akten zur allgemeinen Dokumen-
tation der Vereinstätigkeit. Sie umfassen eine
Laufzeit von 1840 bis 1948 und reichen somit
inhaltlich von der ersten Leipziger Schillerfeier
bis zur Löschung des Schillervereins aus dem
Vereinsregister des Amtsgerichts Leipzig in
der Sowjetischen Besatzungszone. Protokolle
und Berichte von Generalversammlungen und
Vorstandssitzungen, Rundschreiben und Sta-
tutenänderungen zeugen hauptsächlich von
vereinsinternen Angelegenheiten. Korrespon-
denzen mit Vertretern der Stadtverwaltung,
Verlegern und Buchhändlern geben interes-
sante Einblicke in öffentlichkeitswirksame
Belange. Die Schriftwechsel mit Künstlern, so
z. B. mit dem Kapellmeister Albert Lortzing,
Programmdiskussionen sowie Ankündigungen
und Berichte über die Schillerfeiern zeugen
von einem großen Organisationsaufwand und
intensiver Vereinsarbeit. Texte von Festreden,
zahlreiche Tafellieder und Gedichte, u. a. zur
Huldigung Friedrich Schillers, geben Einblick
in die Festkultur ihrer Zeit.
Das Mitgliedswesen des Vereins wird beson-
ders durch eine Sammlung von Dankschreiben
der Ehrenmitglieder sowie Akten zur Mitglie-
derverwaltung dokumentiert. Das Konvolut
umfasst u. a. Abrechnungslisten und Mah-
nungen zur Zahlung der Mitgliedsbeiträge
sowie Ein- und Austrittserklärungen. Diese
Dokumente belegen auch den zeitweise stark
schwankenden Mitgliederstand des Vereins.
Von rund 120 Mitgliedern in der Anfangszeit,
wuchs der Verein zeitweise auf ca. 3.000 Mit-
glieder an. Nach der 1848er Revolution und
in der darauffolgenden Reaktionszeit sank
seine Mitgliederzahl auf 65, was den größ-
ten Mitgliederschwund der Vereinsgeschichte
darstellte. Mit 98 Mitgliedern im Jahr 1933
war auch in der NS-Zeit die Vereinsmitglieder-
zahl gering. Die im Archivbestand befindlichen
Mitgliederverzeichnisse verdeutlichen eine
Ansichtspostkarte Schillerhaus Leipzig (Stadtarchiv Leipzig, Schillerverein zu Leipzig, Nr. 159)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 13
enge Verflechtung zahlreicher Vereinsmit-
glieder mit weiteren Bereichen des kulturellen
Lebens in Leipzig. Nicht zuletzt deshalb steht
der Bestand in enger inhaltlicher Beziehung zu
anderen Beständen des Stadtarchivs, so z. B.
den Beständen Gewandhaus zu Leipzig, Män-
nerchor Leipzig und Leipziger Kunstverein.
Einblicke in die finanzielle Situation des Schil-
lervereins bieten Kassen- und Rechnungsbü-
cher sowie Akten zum Vermögensstand. Ge-
richts- und Verlagsrechnungen, Übersichten
über Versicherungs- und Steuerzahlungen,
Nachweise über Zahlungen an Unterstüt-
zungskassen sowie Spendennachweise geben
außerdem eine Übersicht über das Kassenwe-
sen. Ein Großteil des Aktenbestandes bezieht
sich auf die Haupttätigkeiten des Vereins. Zu
den Aktivitäten zählten besonders die Orga-
nisation und Durchführung der Schillerfeste,
Vortrags-, Rezitations- und Dichterabende
sowie Gedenkveranstaltungen für andere
Schriftsteller. Die Bildungsarbeit diente der
Verbreitung der Schillerschen Werke und Ide-
ale. Sie umfasste die jährliche Stiftung und
Verteilung von Bücherprämien für Gohliser
Schüler, die Mitorganisation von Schillerfeiern
in Schulen und die Errichtung der, inzwischen
in den Bestand der Universitätsbibliothek
Leipzig eingearbeiteten, Schillerbibliothek.
Einige Akten liefern Auskünfte über die ge-
meinschaftlich mit der Schillerstiftung ver-
anlasste Unterstützung hilfsbedürftiger, nach
der Satzung des Vereins als „würdig“ einzu-
stufender Schriftsteller und die Durchführung
von Wohltätigkeitsveranstaltungen.
Eine weitere Aktivität im Zuge der Dichtereh-
rung war der, durch zahlreiche Spendengelder
unterstützte, im Jahr 1864 erfolgte Ankauf
des Schillerhauses in der Gohliser Mencke-
Ansichtspostkarte zur Erinnerung an den 100. Todestag Friedrich Schillers (Stadtarchiv Leipzig, Schillerverein zu
Leipzig, Nr. 159)
straße. „Hier wohnte SCHILLER und schrieb
das Lied an die Freude im Jahre 1785.“, erinnert
eine am Gebäude angebrachte Tafel an den
Aufenthalt des Dichters. Seit dem Hauserwerb
nahmen die Sanierung und Unterhaltung des
Hauses sowie die Einrichtung der Dichterge-
denkstätte einen großen Teil der Vereinsar-
beit ein. Von diesbezüglichen umfassenden
Vereinsaktivitäten zeugen Architekturzeich-
nungen und schriftliche Quellen. Letztere
reichen inhaltlich von der Klärung fraglicher
Grundstücksangelegenheiten über Probleme
bei der Hausinstandhaltung und -verwaltung
bis hin zu aussagekräftigen Besucherbüchern.
Im Vereinsnachlass befinden sich auch inter-
essante Dokumente (z. B. Denkmalsentwürfe
und Fotografien) über die Planung und Er-
richtung eines Schillerdenkmals unmittelbar
an der im Süden des Leipziger Zentrums be-
findlichen Schillerstraße.
Bemerkenswert ist außerdem das im Ver-
einsnachlass befindliche Sammlungsgut.
Es umfasst 274 Ansichtspostkarten und
25 Nachdrucke. Abgebildet sind zahlreiche
Schillerporträts, teils schlicht die Person
zeigend, teils auch den politischen Zeitgeist
charakterisierend. Auch Szenen und Figuren
aus Schillers Werken kommen zur Darstellung,
wie z. B. ein Reigen von Schillers literarischen
Helden, der sich um das Porträt ihres geistigen
Vaters windet. Notendrucke und Notenhand-
schriften von Werken, die speziell für die Schil-
lerfeierlichkeiten komponiert oder dem Schil-
lerverein für die Feiern überlassen wurden,
bilden einen weiteren Bestandteil des Samm-
lungsgutes. Ein Beispiel dafür ist die für die
Schillerfeier 1841 von dem Kapellmeister Franz
Roser vertonte Schillersche Ballade „Die Thei-
lung der Erde“. Die Sammlung von Plakaten
gibt Auskunft über die vielfältigen Vereinsver-
anstaltungen, zu denen auch Vortragsabende
und Dichterlesungen gehörten. So zeugt z. B.
ein Veranstaltungsplakat aus dem Jahr 1913
von einem Dichterabend mit Thomas Mann.
Wie viele Veranstaltungen wurde auch dieser
Dichterabend in den im Vereinsnachlass be-
findlichen Zeitungsausschnitten Leipziger Ta-
geszeitungen reflektiert. Weiterhin bietet eine
Sammlung von Druckschriften Einblicke zur
regionalen und überregionalen Schillervereh-
rung sowie zum literarischen Leben Leipzigs.
Die Geschichte des Schillervereins zu Leip-
zig, die auf Grund des politischen Anspruchs
teilweise von äußerer Reglementierung, aber
auch von vereinsinternen Kurswechseln
bestimmt war, verlief wechselvoll. Externe
Einflüsse, Mitgliederschwund und finan-
zielle Schwierigkeiten brachten den Verein
mehrmals bis kurz vor seine Auflösung. Dem
konnten gezielte Statutenänderungen und die
zunehmende Hinwendung zu literarischen
Fragen entgegenwirken. Die Vereinsgeschichte
zeichnet sich durch Phasen verstärkter und
Phasen eingeschränkter Beschäftigung mit
politischen Themen aus. Daneben gab es aber
ebenso konstante Vereinsaktivitäten, wie die
Durchführung der Schillerfeste und -feiern,
das Anliegen der Erhaltung des Schillerhau-
ses als Dichtergedenkstätte sowie die Schü-
lerprämierungen. Sie blieben auch in der Zeit
der nationalsozialistischen Gleichschaltung
erhalten. Auch konnte sich der Schillerverein
der Aufforderung, das Vereinsvermögen und
die Entscheidung über die Vereinsauflösung
in die Hand des Propagandaministeriums zu
legen, teilweise entziehen. Für das zum Ver-
einsvermögen gehörende Schillerhaus wurde
ein Sonderstatus erwirkt. Ab 1938 bestand
die Pflicht, jede Veranstaltung mit Thema
und Referenten beim zuständigen Reichspro-
pagandaamt anzuzeigen, dem die Befugnis
oblag, eventuell Schritte zur Verhinderung der
jeweiligen Veranstaltung einzuleiten. 1939/40
erfolgte die Eingliederung des Schillervereins
in das „Reichswerk Buch und Volk“, dessen Be-
zeichnung dem Vereinsnamen voranzustellen
war. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ruhte
die Tätigkeit des Vereins gemäß den Bestim-
mungen der sowjetischen Besatzungsmacht.
Zum 28. Dezember 1948 erfolgte die Löschung
aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts
Leipzig. Das Ende des Schillervereins zu Leipzig
war somit endgültig. Der im Stadtarchiv Leip-
zig erschlossene Vereinsbestand mit seinen
eindrucksvollen schriftlichen und bildlichen
Quellen dokumentiert die Höhen und Tiefen
einer 106-jährigen Vereinsgeschichte im Kon-
text gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen.
Frauke Gränitz
(Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 14
Goethe, Herder, Wieland ... – Sächsisches Staats-
archiv erhält bislang verschollene Klassikerbriefe
Die Übernahme originaler Briefe Goethes und
anderer Klassiker gehört wohl zu den Stern-
stunden eines Archivars. Entsprechend groß
war die Freude, als eine Erbengemeinschaft
Ende 2010 dem Staatsarchiv Leipzig solche
Briefe anbot. Den ersten Informationen nach
waren sie dem bereits im Archiv befindlichen
Bestand 20547 Rittergut Seerhausen zuzu-
ordnen. Wie die Briefe in die Hände der Er-
bengemeinschaft kamen, ließ sich nicht mehr
ermitteln. Nach verschiedenen Prüfungen und
der Klärung der rechtlichen Seite war es dann
so weit. Am 14. Oktober 2011 konnten die
wertvollen Unterlagen übernommen werden.
Zu betonen ist, dass die Erbengemeinschaft
die fünf Briefbände gegen eine symbolische
Aufwandsentschädigung dem Sächsischen
Staatsarchiv überlassen hat.
Die Freiherren von Fritsch, in deren Besitz
sich das Rittergut Seerhausen seit 1729 be-
fand, hatten in Dresden, Weimar und Frank-
furt am Main wichtige politische Ämter inne.
Thomas von Fritsch (1700–1775) war unter
Kaiser Karl VII. Reichshofrat und unter Franz I.
Reichspfennigmeister. In sächsischen Diens-
ten leitete er u. a. das Dresdner Münzkabinett.
Besondere Bedeutung erlangte er als Ver-
handlungsführer bei den Friedensverhand-
lungen 1763 in Schloss Hubertusburg und
als Wegbereiter des Aufschwungs in Sachsen
nach dem Siebenjährigen Krieg. Sein Sohn Ja-
kob Friedrich (1731–1814) war Geheimer Rat in
Weimar und leitete dort ab 1772 das Gesamt-
ministerium. Dessen Sohn Karl Wilhelm von
Fritsch (1769–1851) war ebenfalls in Weimar
Geheimer Rat, Präsident des Landespolizeikol-
legiums und Staatsminister. Diese unvollstän-
dige Aufzählung legt nahe, dass die Freiherren
von Fritsch eine umfangreiche Korrespon-
denz führten, die zum Teil im Archivbestand
des Rittergutes Seerhausen im Staatsarchiv
Leipzig überliefert ist. Den Schwerpunkt des
Bestandes bildet das Familienarchiv, welches
2010 im Rahmen des Ausgleichsleistungs-
gesetzes restituiert wurde, für den aber eine
Depositalregelung gefunden wurde, die den
Verbleib des Bestandes im Staatsarchiv und
seine weitere öffentliche Nutzung ermöglicht.
In der überlieferten Korrespondenz finden sich
bereits Briefe des Weimarer Großherzogs Karl
August und zahlreicher Politiker am dortigen
Hof, aber auch Briefe Dresdner Staatsmänner.
Zu ihnen gehören Namen wie von Hohenthal,
Briefe Goethes an die Freiherren von Fritsch

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 15
von Carlowitz, von Schönberg, von Einsie-
del, von Lindenau und weitere Vertreter aus
sächsischen Adelsgeschlechtern. Es existieren
darin aber auch Briefe z. B. des Fürsten von
Metternich.
Die im Archivbestand vorhandene Korrespon-
denz ist bereits in Seerhausen geordnet und
mit Signaturen versehen worden. Bei einem
Abgleich der überlieferten Unterlagen lassen
sich unschwer Lücken erkennen, als deren Ur-
sachen die Wirren nach Ende des 2. Weltkrie-
ges zu vermuten sind. Einige Lücken konnten
nun durch die Übernahme der Briefbände ge-
schlossen werden. Die Prüfung der Signaturen
auf den Bänden erbrachte zweifelsfrei, dass
sie ursprünglich zum Seerhausener Schloss-
archiv gehörten.
Die erste ungebundene Einheit der übernom-
menen Unterlagen umfasst Briefe von Karl
August, Großherzog von Sachsen-Weimar-
Eisenach (2), sowie der späteren sächsischen
Könige Friedrich August II. und Johann I. aus
den Jahren 1800 bis 1836. In einem weiteren
Band sind 87 Briefe Karl Augusts an Carl Wil-
helm von Fritsch zusammen mit vier Briefen
von Fritschs selbst zusammengefasst (1803–
1823). Daran schließt sich direkt ein weiterer
Band an, der ebenfalls vor allem Briefe (55) des
Großherzogs an Carl Wilhelm von Fritsch aus
den Jahren 1824 bis 1828 beinhaltet. Hinzu
kommen am Schluss lose eingelegte Briefe der
Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach,
Maria Pawlowna, sowie von Ida von Sachsen-
Meiningen und Karl Bernhard von Sachsen-
Weimar.
Aus der breiten Palette der Korrespondenzthe-
men des Großherzogs Karl August sei ein Brief
vom 22. Juli 1819 erwähnt, der einen Hinweis
auf das geplante Geheimtreffen der Außen-
minister verschiedener deutscher Länder in
Karlsbad, das mit den sog. Karlsbader Be-
schlüssen endete, enthält. Vermutlich erhielt
Karl August die Informationen über die bevor-
stehende Tagung über Goethes Freundschaft
mit Wilhelm von Humboldt, der zu diesem
Zeitpunkt preußischer Minister war.
Eine weitere ungebundene Einheit beinhal-
tet fünf Briefe Goethes an Jacob Friedrich
Freiherr von Fritsch aus den Jahren 1779 bis
1785 und eine Karte an Carl Wilhelm. Hier ist
anzumerken, dass das Verhältnis Goethes zu
Jakob Friedrich von Fritsch nicht spannungs-
frei war. Letzterer hatte 1776 gegen die Auf-
nahme Goethes in die Weimarer Regierung
gestimmt, wobei er als Gründe dessen Ju-
gend und Unerfahrenheit anführte. Zweifel-
los waren ihm auch Goethes Skandale sus-
Veranstaltung zur Präsentation der Übernahme im Staatsarchiv Leipzig am 14. Dezember 2011
(Foto Armin Junghans)
pekt. Auch gegen Goethes Aufnahme in die
Freimaurer-Loge „Amalia“ sträubte er sich,
aber gleichfalls vergeblich. Da er jedoch in
seinem Amt Goethes Vorgesetzter war, blie-
ben Spannungen nicht aus. Trotz aller Proble-
me rühmte Goethe aber später, dass der Ge-
heime Rat von Fritsch stets redlich gegen ihn
gewesen sei, obgleich sein, Goethes, Treiben
und Wesen ihm durchaus nicht habe zusa-
gen können. Ein deutlich besseres Verhältnis
hatte Goethe zu Carl Wilhelm von Fritsch, der
seinem Vater in verschiedenen Ämtern folgte
und den Goethe bereits als Kind in die von
ihm veranstalteten Kinderfeste einbezogen
hatte. Carl Wilhelm von Fritsch hielt auch
1832 den Nachruf auf Goethe in der Loge
„Amalia“. In den 20 übernommenen Briefen
Goethes an ihn aus dem Zeitraum von 1805
bis 1831 spiegelt sich dieses gute Verhältnis
wider. Der gleiche Band enthält noch zahl-
reiche andere Briefe. Es liest sich fast wie im
Who’s Who der Weimarer Klassik. So finden
sich Briefe von Christoph Martin Wieland,
Johann Gottfried Herder, Karl Ludwig Kne-
bel, Anna Amalie von Imhoff, Caroline von
Wolzogen u. a. Der Band ist eine reine Fund-
grube. Als weitere Namen sind zu nennen:
Christoph Wilhelm Hufeland, der Dichter und
Begründer der Jugendsozialarbeit Johannes
Daniel Falk, der Dichter Franz Karl Leopold
von Seckendorf-Aberdar, des Weiteren Jo-
hann Friedrich Röhr, der als Oberhofprediger
auch die Trauerrede bei der Bestattung Goe-
thes hielt, und der Dichter und Dramatiker
der Romantik Friedrich Ludwig Zacharias
Werner. Nicht zu vergessen seien auch ein
Brief von Alexander von Humboldt an Kanz-
ler von Müller und ein Fragment von Schiller,
das einen Auszug aus Schillers „Wilhelm Tell“
enthält.
Unter den insgesamt 256 neu übernommenen
Briefen befinden sich 25 von Goethe verfass-
te. Damit hat sich der Bestand des Sächsi-
schen Staatsarchivs an derartigen Briefen
verdoppelt, da das Hauptstaatsarchiv Dresden
bereits über 25 verfügt. Die bisher verscholle-
nen Klassikerbriefe wurden am 14. Dezember
im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung der
Öffentlichkeit präsentiert. Birgit Richter wies
dabei in einem Vortrag auf die in Ritterguts-
beständen zu findenden vielfältigen Schätze
hin. Volker Jäger informierte über den Um-
fang und Inhalt der übernommenen Unterla-
gen und beleuchtete deren Verbindung zum
Seerhausener Schlossarchiv. Gerhard Müller
von der Klassik Stiftung Weimar referierte zur
amtlichen Korrespondenz von Goethe und zu
aktuellen Fragen der Veröffentlichung des
Goethe-Briefrepertoriums. In letzterem sind
die genannten Goethebriefe bisher noch mit
dem Vermerk „Verbleib unbekannt“ versehen.
Es ist erfreulich, dass dies nun korrigiert wer-
den kann.
Im Rahmen der Präsentation übergab das
Staatsarchiv der Klassik Stiftung Weimar für
Forschungszwecke die übernommenen Klas-
sikerbriefe in digitalisierter Form. Aus der Ver-
anstaltung ergaben sich neben einem breiten
Medienecho bereits darüber hinaus gehende
weitere Forschungskontakte.
Volker Jäger
(Staatsarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 16
„Die Erhaltung des Lebens von 1.239 Werktä-
tigen [ist] für die Mitglieder der Gruben- und
Gasschutzwehren eine stolze Bilanz“ – diese
Aussage wird in der Chronik des Grubenret-
tungs- und Gasschutzwesens der DDR getrof-
fen. Hier wird deutlich, welche lebenswichtige
Bedeutung die Arbeit der Wehren im Einzelnen
und das Grubenrettungs- und Gasschutzwe-
sen insgesamt hatten. Das Bergarchiv Freiberg
verwahrt mit dem Bestand „40103 Zentralstel-
le für das Grubenrettungs- und Gasschutz-
wesen mit Vorgängern und nachgeordneten
Stellen“ die Überlieferung der obersten und
mittleren Ebene des Grubenrettungs- und
Gasschutzwesens. Etwa 48 Meter Schriftgut
geben Auskunft über viele Facetten der Ge-
schichte der Hilfsorganisation zur Rettung
und Bergung verunglückter Bergleute.
Bevor die Unterlagen im Juli 2010 in das
Staatsarchiv übernommen wurden, lagerten
diese bei der Hauptstelle für das Grubenret-
tungswesen in Leipzig, die in den Räumen
der ehemaligen Zentralstelle der DDR unter-
gebracht ist. Im Bergarchiv wurden die Unter-
lagen technisch bearbeitet und im Magazin
eingelagert. 2011 konnte das Schriftgut im
Rahmen eines Werkvertrages erschlossen
werden.
Bereits zum Anfang des 20. Jahrhunderts bil-
dete sich ein System zur Rettung von Berg-
leuten und zur Vorbeugung von Grubenun-
glücken im Montan- und Hüttenwesen. Den
Anlass gab das große Grubenunglück in Cour-
rières (Frankreich) im Jahr 1906, bei dem 1.099
Bergleute tödlich verunglückten. Diese Katas-
trophe offenbarte deutlich die Notwendigkeit
der Schaffung eines organisierten Grubenret-
tungswesens zur Rettung von Menschen und
zur Bergung von Verletzten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
wurde etwa 1948 damit begonnen in der da-
maligen Sowjetischen Besatzungszone das in
Trümmern liegende Grubenrettungssystem
wieder aufzubauen. Es fehlte nicht nur an aus-
reichend funktionstüchtigen Rettungsgeräten
für mögliche Einsätze der Grubenwehrmänner,
sondern auch an einer funktionierenden Inf-
rastruktur und entsprechend ausgebildetem
Personal. Das Rettungs- und Gasschutzwesen
bedurfte einer Erneuerung und Erweiterung.
Insgesamt kann man von drei großen Haupt-
abschnitten der Entwicklung der Organisati-
onsstruktur im Grubenrettungswesen der DDR
sprechen. Mit der Anordnung vom 6. April
1949 über das Grubenrettungswesen in der
sowjetischen Besatzungszone begann die
planmäßige Neuordnung. Dabei wurde eine so
genannte „gemischte Organisation“ gebildet.
Vor Ort entstanden Grubenrettungsstellen
bzw. Gasschutzstellen bei den Bergbaubetrie-
ben oder gasgefährdeten Betrieben. Als koor-
dinierende Einrichtungen wurden Bezirksstel-
len als mittlere und die Hauptstelle als oberste
Instanz geschaffen. Im Jahr der Gründung
der DDR waren sieben Bezirksstellen für das
Grubenrettungswesen geplant: Großräschen
(später Senftenberg), Zwickau, Oelsnitz/E.,
Borna (später Leipzig), Eisleben, Staßfurt und
Sondershausen. Zunächst unterlagen die
Hauptstelle und die ihr nachgeordneten Ins-
titutionen der Kontrolle durch die Technische
Bergbauinspektion bei der Hauptverwaltung
Kohle. Später unterstanden sie verschiedenen
Ministerien, bis sie schließlich
der 1959 der neugeschaffe-
nen Obersten Bergbehörde
zugeordnet wurden.
Die Verordnung vom 14. Juli
1955 über das Grubenret-
tungs- und Gasschutzwesen
maß unter anderem dem
Gasschutzwesen eine größe-
re Bedeutung bei. In diesem
Zusammenhang wurden die
Hauptstelle in „Hauptstelle
für das Grubenrettungs- und
Gasschutzwesen“ und die
Bezirkstellen in „Bezirksstel-
len für das Grubenrettungs-
und Gasschutzwesen“ umbe-
nannt. Nach einem schweren
Grubenunglück in der Nacht
vom 15. auf den 16. Juli 1955
auf einem Schacht der SDAG
Wismut in Niederschlema
wurde auch der Uranbergbau
der Hauptstelle unterstellt.
Noch im selben Jahr wur-
de die Hauptstelle der SDAG
Wismut in eine Bezirksstelle
umgewandelt und in die Hi-
erarchie des DDR-Grubenret-
tungs- und Gasschutzwesen
eingebunden. Damit war die
Hauptstelle für den gesamten
Bergbau der DDR zuständig.
Mit der Anordnung vom 22. Juli 1970 kam es
zur Auflösung der Bezirksstellen und damit
zum Wegfall der dort stationierten Bereit-
schaftsgruppen. Die Hauptstelle wurde zur
Zentralstelle für das Grubenrettungs- und
Gasschutzwesen, welche als eine zentrale
Einrichtung der Obersten Bergbehörde beim
Ministerrat der DDR fungierte. Der Umorgani-
sation zufolge sollten nun die Kombinate und
Betriebe in Eigenverantwortung die Einsatz-
bereitschaft ihrer Gruben- und Gasschutz-
wehren gewährleisten. Diese Grundstruktur
blieb bis zur Auflösung der DDR erhalten.
Die Rettung und Erhaltung von Menschen-
leben sowie die Bergung von Verunglückten
stellten die Hauptaufgaben des Grubenret-
tungswesens dar. Es galt, Brände, Gasaus-
brüche und Explosionen zu verhüten und zu
bekämpfen. Das Grubenrettungswesen war
nach einheitlichen Gesichtspunkten aufzu-
Übersicht über die Zuständigkeit der Hauptstelle für das Grubenrettungs-
und Gasschutzwesen 1964 (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg,
40103 Zentralstelle für das Grubenrettungs- und Gasschutzwesen mit
Vorgängern und nachgeordneten Stellen, Akten Nr. 1116)
Das Grubenrettungs- und Gasschutzwesen in
der DDR – Archivbestand im Bergarchiv Freiberg

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 17
bauen, anzuleiten und zu überwachen. Die
Hauptstelle hatte somit die Aufgabe, Ange-
legenheiten des Grubenrettungswesens um-
fassend zu regeln und die Bezirksstellen, Gru-
ben- und Gasschutzstellen anzuweisen und
zu überprüfen. Dazu gehörten die Aus- und
Weiterbildung der Oberführer und Gerätewar-
te der Grubenwehren,
die Durchführung von
Oberführer- und Gerätewartberatungen und
Probealarmen, die Mitwirkung und Unterstüt-
zung bei der Durchführung von Ernstfallein-
sätzen und schwierigen Arbeiten mit Atem-
schutzgeräten sowie die Instandsetzung von
Geräten und Einrichtungen. Die Sorge um die
Einsatzbereitschaft der Rettungstechnik ist in
den Archivalien vielfach belegt.
Zahlreiche Unfälle im Bergbaualltag und vor
allem die großen Grubenunglücke sind im Ar-
chivbestand dokumentiert. Im Kohlenbergbau
handelte es sich dabei zumeist um verdeck-
te und offene Grubenbrände, teilweise mit
nachfolgenden Explosionen. Die großen Ka-
tastrophen im Schacht IV des Martin-Hoop-
Werkes im Jahr 1952 und im Zwickauer Stein-
kohlenwerk Karl-Marx im Jahr 1960 geben
ein trauriges Zeugnis darüber ab. Verdeckte
und offene Grubenbrände ereigneten sich in
mehreren Jahren auch im Erzbergbau, zum
Beispiel im Raum Schlema, im thüringer Raum
oder 1987 im Bernard-Koenen-Schacht des
VEB Mansfeld-Kombinat Wilhelm Pieck. Im
Kalibergbau lag der Schwerpunkt der Einsät-
ze der Grubenwehren in der Bekämpfung der
Folgen von Gas-Salz-Ausbrüchen. Aber auch
Vollbrände von Gummifördergurten, die eine
starke Rauchentwicklung nach sich zogen,
waren hier keine Seltenheit.
Auf Grund der besonderen Bedingungen unter
Tage, wie etwa hohe Temperaturen, fehlende
Atemluft und begrenzter Raum, waren siche-
re, moderne und einsatzbereite Rettungsaus-
rüstungen und Rettungstechnik unabdingbar.
Die entsprechende Technik wurde allerdings
nicht nur aus den sozialistischen „Bruder-
Ländern“, sondern auch aus dem nichtsozi-
alistischen Ausland importiert. Dabei bezog
man Produkte unter anderem aus der BRD
und aus Frankreich. Selbstrettertechnik (z. B.
CO-Filterselbstretter), Atemschutztechnik
und Funksprechanlagen (UKW-Alarmanlagen)
genossen besonderes Interesse, wie sich aus
dem zahlreichen Prospektmaterial schließen
lässt. Zur steten Einsatzbereitschaft mussten
Geräte, Zubehörteile und sonstige Einrichtun-
gen in Stand gesetzt werden. So nahm 1951
der VEB Medizintechnik Leipzig zunächst die
Produktion von Ersatzteilen für Regenerati-
onsgeräte auf. Man verfolgte hierbei das Ziel,
ein komplettes Gerät (BG 494) zu entwickeln,
welches schließlich ab 1953 zur Einführung
kam.
Eine wichtige Rolle spielte die Entwicklung
eines Rettungsbohrsystems. In Auswertung
des verheerenden Wasser- und Schlammein-
bruches in Lengede/Niedersachsen (BRD), bei
dem es zahlreiche tote Bergleute zu beklagen
gab, gründete sich Ende 1963 die Arbeits-
gemeinschaft Versorgungs- und Rettungs-
bohrungen. Zur schnellen und effektiven
Bergung von Bergleuten aus unterirdischen
Hohlräumen entwickelten die Oberste Berg-
behörde, das Ministerium für Geologie, die
Bergakademie Freiberg, die Bergbau- und
Grubenwehrmitglieder proben 1977 die Rettung Einge-
schlossener. Das Foto zeigt an der Übung Beteiligte, die
vor einer Rettungskapsel, sogenannte Dahlbuschbom-
be, posieren. (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Frei-
berg, 40103 Zentralstelle für das Grubenrettungs- und
Gasschutzwesen mit Vorgängern und nachgeordneten
Stellen, Fotos Nr. 3)
Bohrbetriebe sowie die Zentralstelle für das
Grubenrettungs- und Gasschutzwesen ge-
meinsam ein ausgeklügeltes Rettungssystem
durch Bohrungen, welche sowohl von unter
Tage als auch von über Tage aus ausführbar
waren.
Am 3. Oktober 1990 wurde die Zentralstelle
für das Grubenrettungs- und Gasschutzwe-
sen in eine Hauptstelle für das Grubenret-
tungswesen überführt und am 31. Dezem-
ber 1990 aufgelöst. Die bundesweit tätige
Bergbau-Berufsgenossenschaft errichtete ab
1. Januar 1991 eine neue Hauptstelle für das
Grubenrettungswesen, die ihre Arbeit in den
Räumen der ehemaligen Zentralstelle auf-
nahm. Die neue Hauptstelle ist seitdem der
Hauptverwaltung der Bergbau-Berufsgenos-
senschaft (seit 2010: Berufsgenossenschaft
Rohstoffe und chemische Industrie [BG RCI])
in Bochum direkt unterstellt. Ihr Verantwor-
tungsbereich erstreckt sich auf die fünf neuen
Bundesländer.
Anhand des erst kürzlich erschlossenen Be-
standes lassen sich nicht nur Erkenntnisse
zur Entwicklung des Grubenrettungs- und
Gasschutzwesen der gesamten DDR gewin-
nen. Es werden auch Aspekte der Bergbau-
geschichte sichtbar, wie etwa zur Sicherheit
unter Tage oder zur grenzüberschreitenden
Zusammenarbeit. Neben zahlreichen Fach-
beiträgen, etwa zur Ernährung eingeschlos-
sener Bergleute, sind ebenfalls Informationen
zu den Tagungen mit den Ländern des Rates
für gegenseitige Wirtschaftshilfe überliefert.
Von der umfangreichen Übungstätigkeit legen
zum Beispiel Protokolle über das Antihavarie-
training Zeugnis ab. Trotz aller Übungen blieb
die Arbeit unter Tage gefährlich. Der eingangs
genannten Anzahl von geretteten Leben steht
eine Zahl von etwa 300 nur noch tot geborge-
nen Bergleuten gegenüber. Die verschiedenar-
tigen Unterlagen des Bestandes vermitteln ein
Bild von den Arbeitsbedingungen und zeigen
Bemühungen auf, diese sicherer zu gestalten
sowie die Vorbereitungen, um beim Eintritt
des Ernstfalles entsprechend reagieren zu
können. Dabei ergänzt der vorliegende Be-
stand die Überliefung der Montanunterneh-
men und staatlichen Einrichtungen im Berg-
archiv. Der Bestand „40103 Zentralstelle für
das Grubenrettungs- und Gasschutzwesen
mit Vorgängern und nachgeordneten Stellen“
ist seit diesem Jahr für die Benutzung frei-
gegeben.
Christiane Helmert / Sabine Landgraf
(Bergarchiv Freiberg / Industrie-
und Handelskammer Chemnitz)
Am 21. April 1965 wurde auf dem Gelände des VEB
Kombinat Espenhain eine Einsatzübung durchgeführt.
Diese wurde schriftlich und fotografisch dokumentiert.
Hier wird der Einsatz der Grubenwehr unter Tage ge-
zeigt. (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg,
40103 Zentralstelle für das Grubenrettungs- und Gas-
schutzwesen mit Vorgängern und nachgeordneten
Stellen, Akten Nr. 32)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 18
Zeichen der Vollstreckung – Wie Zweig, Span
und Erde in die Akten kamen
Wie kommen Holz und vertrocknete Erde in
eine Akte, mag man sich bei Betrachtung der
Abbildungen fragen und es für ein Kuriosum
halten. Tatsächlich zeugen diese Gegenstände
von einer symbolischen Rechtshandlung. Die
bekannteste Handlung dieser Art, die sich über
die Redewendung „über jemanden den Stab
brechen“ im heutigen Sprachgebrauch erhal-
ten hat, ist sicherlich der gebrochene Stab, der
im Strafverfahren das Todesurteil gegen den
Angeklagten symbolisierte. Im vorliegenden
Fall geht es allerdings nicht um Leben und
Tod, auch wenn der Vorgang für den Betroffe-
nen existenzbedrohend sein konnte, da Zweig,
Span und Erde vom Vollzug einer Zwangs-
oder Hilfsvollstreckung zeugen. Grundsätzlich
standen diese Gegenstände für Immobilien
und symbolisierten durch ihre Wesensver-
wandtheit Eigentumsübertragungen jeder Art.
In den aus den Beständen des Hauptstaats-
archivs Dresden bekannten Fällen, die alle aus
dem 19. Jahrhundert stammen, sind bislang
jedoch nur Zwangsvollstreckungen bekannt.
Ihren Ablauf schildert eine Instruktion des
Kreisamts Meißen: „Der Amtsfron Friedrich
erhält hiermit Anweisung, sich zum 24. April
1843 nach Göltzscha und daselbst mit Zuzie-
hung der dasigen Ortsgerichten in die Woh-
nung des Kramers Carl Gottlob Harzbecker zu
begeben und demselben über die der Kirche zu
Martinskirchen schuldigen 148 Reichstaler […],
im Fall derselbe aber dieselbe weder sofort zu
leisten, noch durch richtige Quittung nachzu-
weisen im Stande, die Hülfe in dessen Grund-
stücks durch Ausschneiden eines Spahns aus
dem Hause und Ausstechen eines Stück Ra-
sens aus dem Garten sowie Abbrechen eines
Zweiges von den dort stehenden Bäumen zu
vollstrecken, diese Zeichen der Besitzentset-
zung des Schuldners und Einsetzung der Kir-
che in diesen Besitz wegen des Capitals, der
Zinsen, der aufgelaufenden und noch entste-
henden Kosten zum Amte abzuliefern“. Diesem
Vorgang vorausgegangen war eine Klage des
Kirchenvorstandes in Martinskirchen bei Bel-
gern gegen den Krämer und Hausbesitzer Carl
Gottlob Harzbecker aus Göltzscha, in der die
Kirche Schadenersatz für den Weiterverkauf
von aus der Kirche gestohlenen Silbergefäßen
forderte. Ihm blieb für die Zahlung der Sum-
me eine Frist von vier Wochen. Da er den Be-
trag nicht aufbringen konnte, beantragten die
Gläubiger daraufhin die Zwangsversteigerung.
Laut Krünitz’ Oeconomischer Encyclopädie
konnte auch die Übergabe eines Grundstücks
an den Gläubiger auf dem Weg der Hilfsvoll-
streckung durch symbolische Rechtshand-
lungen vollzogen werden, und zwar durch
das Auslöschen und Wiederanzünden des
Feuers oder die Übergabe der Schlüssel. Die-
ses geschah aber nur, wenn der Gläubiger die
Grundstücke bis zur Einlösung der Schuld
übernahm. In dem Fall war er verpflichtet,
die erhaltenen Güter genauso sorgfältig wie
die eigenen zu bewirtschaften und für Schä-
den zu haften. Daher dürfte dieser Fall in der
Praxis eher selten vorgekommen sein. Üblich
waren die behördliche Zwangsverwaltung und
schließlich die Zwangsversteigerung.
Holz, Erde und Türspan als Zeichen einer Zwangsvollstreckung gegen Carl Gottlob Harzbecker, Göltzscha (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10057
Kreisamt Meißen, Nr. 185, Bl. 96)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 19
Versiegelte Umschläge mit Erde der Grundstücke von Carl Gottlieb Müller aus Dittersbach (Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden, 10050 Amt Frauenstein, Nr. 525)
Es konnten auch mehrere Personen gleichzei-
tig von dieser Art der Zwangsvollstreckung
betroffen sein, im hier abgebildeten Fall waren
es 23 Grundstücksbesitzer aus Friedebach. In
den verschlossenen und versiegelten Um-
schlägen, beschriftet mit „signum executio-
nis“, also „Zeichen der Vollstreckung“, befinden
sich vermutlich Holzspäne und Rasenstücke.
Dieser Hilfsvollstreckung war ein Rechtsstreit
zwischen der Gerichtsherrschaft Purschen-
stein und Einwohnern in Friedebach wegen
rückständiger Getreidezinsen vorausgegan-
gen. Zwangsversteigerungen konnten jedoch
durch Abschluss eines Vergleichs verhindert
werden.
Auch war e i n „Zeichen der Vollstreckung“
nicht ausreichend, wenn der Schuldner mehre-
re Grundstücke besaß, vielmehr war für jedes
Grundstück die symbolische Rechtshandlung
zu vollziehen. So befinden sich in der Akte
über eine Schuldklage gegen den Gutsbesitzer
Carl Gottlieb Müller in Dittersbach Umschläge
mit Erde und Holzspänen von seinem Hufen-
gut, zwei Wiesen und dem Beigut.
Mit der „Verordnung zu Ausführung des Ge-
setztes vom 6ten November 1843, die Grund-
und Hypothekenbücher und das Hypotheken-
wesen betreffend, vom 15ten Februar 1844“
fielen diese symbolischen Handlungen weg.
Das betraf „Aushauung eines Spans, An-
zündung eines Feuers auf dem Feuerheerde,
Ausstechung eines Stücks Rasen, Abbrechung
eines Baumzweigs u. d. m. sowie die Erklärung
des Schuldners, die Hülfe für vollstreckt an-
zunehmen“. Da mit dem symbolischen Akt der
Zwangsvollstreckung die vierwöchige Frist
zur Wiedereinlösung begann, mussten die Be-
hörden dem Schuldner stattdessen ein förm-
liches Schreiben zustellen. Das oben genannte
Beispiel des Gutsbesitzers Müller aus Ditters-
bach vom 7. Januar 1845 zeigt jedoch, wie
zählebig die alten Verfahrensweisen waren.
Ursprünglich dienten symbolische Handlun-
gen zur Unterstützung und Sichtbarmachung
von vor Zeugen mündlichen geschlossenen
Rechtsgeschäften in ritualisierter Form. Die
vorliegenden Beispiele zeigen, dass diese
Rechtskultur trotz Übergang zur Schriftlich-
keit des Verfahrens fortgeführt wurde und
bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts über-
dauerte.
Andrea Tonert
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Versiegelte Umschläge mit aus Türrahmen her-
ausgeschnittenen Holzspänen und Rasen von 23
Grundstücksbesitzern aus Friedebach (Sächsisches
Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10050 Amt
Frauenstein, Nr. 215)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 20
Arbeitsgruppe Ministerialüberlieferung
im Hauptstaatsarchiv Dresden
Laut § 5 des Archivgesetzes für den Freistaat
Sachsen sind die Gerichte, Behörden und
sonstigen öffentlichen Stellen des Freistaates
Sachsen dazu verpflichtet, die zur Erfüllung
ihrer Aufgaben nicht mehr benötigten Unter-
lagen nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist
dem Sächsischen Staatsarchiv zur Über-
nahme anzubieten. Dies gilt natürlich auch
für die obersten Staatsbehörden. Die Über-
lieferungsbildung der Staatskanzlei und der
Staatsministerien, d. h. die Entscheidung
über die Archivwürdigkeit (Bewertung) und
anschließende Übernahme von Unterlagen,
liegt in der Zuständigkeit des Hauptstaatsar-
chivs Dresden (Abteilung 2 des Sächsischen
Staatsarchivs). Dieser Überlieferung kommt
ein besonderer Wert zu, da in ihr Fragen der
politischen Planung und administrativen Um-
setzung zusammenfließen. Daher ist die Über-
nahmequote im Vergleich zu anderen staat-
lichen Behörden deutlich höher anzusetzen.
Im März 2011 wurde im Hauptstaatsarchiv
Dresden eine interne Arbeitsgruppe „Minis-
terialüberlieferung“ gegründet. Sie umfasst
sechs Archivare und Archivarinnen des geho-
benen und höheren Dienstes und tagt i. d. R.
zweiwöchentlich. Ziel ist die gemeinsame
Erarbeitung von Bewertungsansätzen für
Schriftgutgruppen, die typisch für die Minis-
terialüberlieferung sind und gleichartig bei der
Staatskanzlei und den acht Ministerien anfal-
len. In den ersten Sitzungen wurden gemein-
same Problemstellungen zusammengetragen,
die nun in Workshops bearbeitet werden. Dazu
gehört u. a. der archivfachliche Umgang mit
der Kleinteiligkeit des Verwaltungsschriftguts,
mit Schriftgutverlagerungen bei Struktur- und
Aufgabenänderungen zwischen den Ressorts
sowie mit elektronischen Verfahren (z. B.
SaxMBS, PersonalDB, FÖMISAX, E-Kabinett).
Für einzelne Unterlagengruppen wird jeweils
geprüft, an welcher Stelle eine besonders
aussagekräftige Überlieferung vorliegt. Im
Vorlauf der Bewertung werden die Verwal-
tungsabläufe der Staatsregierung mit korres-
pondierenden Stellen, z. B. dem Sächsischen
Landtag, sowie innerhalb der Staatskanzlei /
eines Staatsministeriums betrachtet (hori-
zontale und vertikale Bewertung). Die in der
Arbeitsgruppe abgestimmten Bewertungs-
ansätze werden durch beispielhafte Sichtung
von Unterlagen und im Benehmen mit jeweils
zwei bis drei Ministerien auf ihre Umsetzbar-
keit geprüft und nach Möglichkeit auch die
Überlieferung der korrespondierenden Stel-
len einbezogen. So fand z. B. mit Blick auf die
Landtagsüberlieferung der obersten Staatsbe-
hörden am 14. Dezember 2011 ein Besuch im
Archiv des Sächsischen Landtags statt.
Demnächst anstehende Themen sind u. a. die
Zusammenarbeit der Staatsregierung mit der
Bundesregierung, dem Bundesrat sowie die
Mitwirkung in länderübergreifenden Gremien.
Die Arbeitsgruppe besteht zunächst für ein
Jahr. Anschließend werden die Ergebnisse und
das Vorgehen evaluiert und über eine Fortset-
zung entschieden. Eine im Juli stattgefundene
erste Einschätzung zur Gruppenarbeit ergab
ein positives Feedback der Teilnehmer.
Dörte Engmann
(Zentrale Aufgaben / Grundsatz,
vorher Hauptstaatsarchiv Dresden)
200 Jahre Staatsarchiv Breslau
Am 28. September 2011 feierte das Staatsar-
chiv Breslau sein 200-jähriges Jubiläum mit
einem Festakt. Anlass der Gründung 1811 war
die Säkularisation der Klöster in der preußi-
schen Provinz Schlesien, für deren Urkunden
und Akten eine Auffangstelle gesucht wurde.
Zunächst war das Archiv innerhalb der Uni-
versität untergebracht. Schon 1821 nahm das
von der Universität unabhängig gewordene
Staatsarchiv staatliche Unterlagen auf. 1945
wurde das Staatsarchiv Breslau in die polni-
sche Archivverwaltung integriert. Im Dezem-
ber 1946 öffnete das Archiv seine Pforten
in der ulica Pomorska 2; diese Adresse gilt
auch heute noch. Am hochrangig besuchten
Festakt nahmen Wojwode Aleksander Marek
Skorupa und Marschall der Wojwodschaft
Niederschlesien Rafal Jurkowlaniec, der Erzbi-
schof von Breslau Marian Golebiewski sowie
der Generaldirektor der Polnischen Staatsar-
chive Prof. Wladyslaw Stepniak (Warschau)
teil. Direktor Dr. Jozef Drozd stellte in seiner
Ansprache zum Jubiläum die besondere Ver-
antwortung seines Hauses für das kulturel-
le Erbe in Schlesien hervor, das wegen der
vielfältigen Verflechtung Schlesiens unmit-
telbar europäische Dimensionen gewinnt.
Vizedirektor Dr. Janusz Golaszewski führte
in seinem Vortrag die Vielfalt der trotz der
großen Kriegsverluste immer noch reichen
Breslauer Bestände vor. Darin waren auch
die Bestände der Zweigstellen in Hirschberg,
Kamenz, Liegnitz und Lauban eingeschlossen.
Nach dem Festakt wurde eine Ausstellung zur
Geschichte des Archivs und seiner Mitarbei-
ter eröffnet, die mit einer Präsentation von
Zimelien verbunden war. Aus Anlass des Jubi-
läums erschien eine Festschrift mit deutschen
Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel
(Jozef Drozd/Janusz Golaszewski (Red.), Archi-
wum Panstwowe we Wroclawiu 1811–2011.
Przeszlosc i wspolczesnosc, Wroclaw 2011).
Als deutsche Gäste gratulierten Dr. Jürgen
Rainer Wolf für das Sächsische Staatsarchiv
sowie der Berichterstatter für das Landes-
archiv Nordrhein-Westfalen. Das Sächsische
Staatsarchiv hat viele gemeinsame Projekte
mit seinen schlesischen Nachbarn durchge-
führt, die nordrhein-westfälischen Staatsar-
chive haben mit Breslau bei der Erschließung
der preußischen Bergbauüberlieferung zwi-
schen 1750 und 1865 zusammengearbeitet.
Wilfried Reininghaus
(Landesarchiv Nordrhein-Westfalen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 21
Saturn, Mars, Erde, Uranus und Venus –
Archivpädagogik im Stadtarchiv Leipzig
Planeten im Stadtarchiv? Das erscheint recht
ungewöhnlich. Aber hinter den Bezeich-
nungen verbargen sich fünf Gruppen von
Schülern der Grundschule des Evangelischen
Schulzentrums Muldental, die das Archiv im
Rahmen einer Projektarbeit erkundeten und
einen Tag im Stadtarchiv verbrachten. Und so
besuchten die Lerngruppen „Saturn“, „Mars“,
„Erde“, „Uranus“ und „Venus“ das Stadtarchiv
Leipzig.
Als die Schule beim Stadtarchiv wegen des
Projekttages anfragte, bestand von Seiten des
Archivs doch eine gewisse Skepsis. Mit größe-
ren Schülern und Studenten gab es Erfahrun-
gen, aber es waren die ersten Grundschüler im
Archiv und hier fehlten jegliche Vorkenntnisse.
Bedenken bestanden, wie der Tag zweckmä-
ßig – es sollte ja der Bildungsauftrag wahrge-
nommen werden – , interessant und abwechs-
lungsreich gestaltet werden konnte, eben so,
dass die Schüler das Archiv spannend und
interessant finden und gleichzeitig dennoch
Wissen für die Schule vermittelt werden wür-
de. Was kann man den Schülern zumuten?
Nach einigen Überlegungen – Anregungen
fanden sich beim Arbeitskreis Archivpädago-
gik und Historische Bildungsarbeit im Verband
deutscher Archivarinnen und Archivare – ka-
men doch recht viele Ideen, die im kleinen
Kreis diskutiert wurden und sich so immer
mehr präzisierten. Es kristallisierte sich letzt-
endlich das Programm heraus, welches sich
dann auch bewähren sollte.
Der Projekttag fand an fünf Mittwochen im
Mai / Juni 2011 von 9.30 Uhr bis 14.30 Uhr
statt. Die Schüler wurden von ihren Lehrern
und Eltern begleitet, die auch für den Trans-
port von der Schule in Großbardau ins Stadt-
archiv nach Leipzig und zurück sorgten. Die
Lerngruppen bestanden aus insgesamt 20 bis
23 Schülern der 1., 2., 3. und 4. Klasse.
Nach der Begrüßung, der Vorstellung des
Programms und der Akteure erhielten die
Schüler als Erstes Namensschilder mit ihrem
Vornamen in Sütterlinschrift. Dies löste schon
Begeisterung und Neugierde aus. Den drei
Mitarbeitern des Archivs, die den Tag gestal-
teten, ermöglichte es, die Schüler direkt anzu-
sprechen und einzubeziehen. In einer ersten
Runde im Vortragsraum wurde das Archiv mit
seinen Unterlagen und Aufgaben vorgestellt,
wobei die Schüler auch zu ihren Vorstellungen
befragt wurden. Gemeinsam wurde erarbeitet,
was das für Unterlagen sind, die das Stadtar-
chiv verwahrt, warum sie aufbewahrt werden
und was man dafür tun kann, sie dauerhaft
zu sichern. An die Antworten konnte gut an-
geknüpft werden und es entwickelte sich ein
Gespräch, in dem versucht wurde, die archi-
vischen Fachbegriffe der Altersgruppe gemäß
zu erklären und das erforderliche Wissen zu
vermitteln. Trotz der Vorbereitung und Ein-
stellung auf die Schülergruppe gab es dabei
doch das eine oder andere Verständnispro-
blem, was aber immer gelöst werden konnte.
So wurde nach der zweiten Gruppe nicht mehr
der Begriff der „Unterlagen“ verwandt, den
die Schüler in der Tat mit etwas „unter legen“
verbanden; ersetzt wurde er durch den Begriff
der „Dokumente“, der für sie verständlicher
war. Erstaunlich war, wie viel die Schüler, vor-
wiegend der 3. und 4. Klasse, wussten, wie
Schüler und Eltern schauen sich ein Fotoalbum der Nikolaischule an (Fotos Hannelore Hoffmann)
Heinrich-H. Albert bei der „Vorführung“ von Japanpapier und der Erklärung seiner Werkstatt.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 22
sie sich einbrachten und wie wissbegierig sie
Fragen stellten.
Nach einer kleinen Frühstückspause, die mit
einem gründlichen Händewaschen abge-
schlossen wurde, ging es in den Lesesaal.
Während im Fahrstuhl und Treppenhaus sich
noch lautstark ausgetauscht wurde, herrschte
im Vorraum und im Lesesaal Stille und es wur-
de nur noch geflüstert. Die Schüler durften,
nachdem wiederum kurze Erklärungen er-
folgt waren, den Benutzern über die Schulter
schauen und sich im Lesesaal umsehen bzw.
ihn entdecken. Sie kamen sehr schnell mit den
Benutzern – der Besuch war nicht angekün-
digt – ins Gespräch und diese beantworteten
bereitwillig und ausführlich alle Fragen und
ließen sich immerhin ca. 15 Minuten von der
Arbeit abhalten. Auch dies war eine positi-
ve Erfahrung: Die Benutzer reagierten offen.
Neben den Gesprächen wurde jeder Winkel im
Lesesaal inspiziert, durch Schranktüren ge-
späht, ausliegende Publikationen vorsichtig
durchgesehen und eine alte Zeitung auf dem
Bildschirm des Lesegerätes in Augenschein
genommen. Hier war es von Vorteil, dass
zwei Mitarbeiterinnen – Sandra Miehlbradt
und Anett Müller – die Schüler lenkten und
die Benutzer letztendlich diese unterstützten,
denn für die begleitenden Eltern und Lehrer
war der Lesesaal in seinem Erscheinungsbild
und mit seinem Inhalt genauso faszinierend
wie für die Schüler.
Die nächste Station war das Urkundenzimmer.
Hier lagen für je zwei Schüler verschiedene Ar-
chivalien aus, die es zu erforschen galt. Es waren
ein gebundener Zeitungsband, diverse Akten
aus unterschiedlichen Zeiten, ein Fotoalbum
sowie das Faksimile einer Urkunde. Die Schüler
fühlten und rochen an den Dokumenten und
versuchten, sie inhaltlich zu erfassen. Dabei
wurden sie von den zwei Mitarbeiterinnen
unterstützt, die sie auf Besonderheiten auf-
merksam machten. Ihre Eindrücke gaben die
Schüler dann der Reihe nach kurz wieder, wo-
bei diese durch Erklärungen der Mitarbeiterin-
nen ergänzt wurden.
An das Urkundenzimmer schloss sich das
Magazin an. Hier sahen die Schüler, wie die
Archivalien aufbewahrt werden und es konn-
te nochmals auf die Bestandserhaltung und
die Notwendigkeit der Ordnung eingegangen
werden. Fasziniert waren die Schüler von der
Hebelschubregalanlage und den Ratsbüchern,
die im 19. Jahrhundert sehr voluminös sind.
Sie suchten aus den Ratsbüchern das umfang-
reichste Buch heraus. Dieses 28 cm starke und
1.236 Blatt umfassende Buch muss sie sehr
beeindruckt haben, denn die letzte Gruppe
fragte schon am Eingang nach dem „dicksten
Buch Deutschlands“.
Zurückgekehrt im Untergeschoss wurde nach
einer kleinen Pause die Restaurierungswerk-
statt besichtigt. Unser Restaurator, Heinrich-
H. Albert, stellte seine Werkstatt vor und
zeigte den Schülern verschiedene Beschreib-
stoffe und Materialien – Papyrus, Pergament,
verschiedene Papiere, wie Japanpapier – sowie
Bindungsarten, erklärte unterschiedliche Re-
staurierungstechniken und Möglichkeiten der
Wiederherstellung mit den dabei erforderli-
chen Arbeitsschritten. Dabei versuchte er, die
Schüler durch Fragen mit einzubeziehen. Auf-
merksam und interessiert folgten diese den
Ausführungen, ließen sich alles ganz genau
zeigen und erläutern und stellten selbst viele
Fragen. Angeregt durch die Ausführungen lie-
Sandra Miehlbradt bei Schriftübungen (Foto Hannelore Hoffmann)
ßen sie Japanpapier durch Pusten in der Luft
schweben und standen ehrfurchtsvoll vor der
Papierschneidemaschine.
Nach diesem informationsreichen Vormittag
folgte eine größere Mittagspause, die die
Schüler im Volkspark, einer Parkanlage in der
Nähe, verbrachten. Hier konnten sie ihrem Be-
wegungsdrang nachgehen und sich stärken.
Am Nachmittag wurden die Schüler in zwei
Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe stellte un-
ter Anleitung des Restaurators und mit Hilfe
der begleitenden Lehrer und Eltern ein kleines
Buch her, indem drei bis vier Lagen Papier
zwischen buntem Fotokarton als Einband mit
Nadel und Faden zusammengeheftet wurden.
Die andere Gruppe versuchte sich im Schrei-
ben der Sütterlinschrift. Nach einer kleinen
PowerPoint-Einführung zu Schreibmitteln
und Beschreibstoffen und einem Quiz dazu,
übten die Schüler anhand einer Vorlage, ihren
Namen mit dem Griffel auf einer Schiefertafel
zu schreiben. Nach ca. 45 Minuten wechselten
die Gruppen.
Gegen 14.30 Uhr endete für die Schüler, die
begleitenden Lehrer und Eltern, aber auch für
die Mitarbeiter des Stadtarchivs ein erlebnis-
und erfolgreicher Tag.
Für das Stadtarchiv war der Besuch der Grund-
schüler eine positive Erfahrung. Es hat sich
gezeigt, dass solch ein Projekt bei guter Pla-
nung und Vorbereitung durchaus machbar ist
und auch eine Bereicherung für beide Seiten
darstellen kann. Durch die Abwechslung zwi-
schen verschiedenen Tätigkeiten – Zuhören,
Fragen beantworten, Fragen stellen, Lesen,
Bewegen, Sitzen, Heften, Schreiben – waren
die Aufmerksamkeit und das Interesse immer
gegeben. Die Mittagspause im Park trug zur
Regenerierung der Kräfte bei. Ebenso hat es
sich bewährt, dass die Schüler bei allen Akti-
vitäten einbezogen wurden. Positiv wirkte sich
auch aus, dass es sich um gemischte Grup-
pen handelte. Die größeren Schüler halfen den
kleineren bzw. ermahnten sie und sorgten so
für die notwendige Disziplin. Trotz gleicher Vo-
raussetzungen war jedoch jeder Projekttag
anders, was u. a. bedeutet, dass man sich als
Betreuer darauf einstellen und dementspre-
chend flexibel reagieren muss. Dass es den
Schülern gefallen hat, zeigte sich u. a. darin,
dass von Gruppe zu Gruppe Informationen
weitergegeben wurden und bereits am Ein-
gang zielgerichtet nach einzelnen Aktivitäten
gefragt wurde. Ferner bedankten sich einzelne
Schüler bei der Verabschiedung von sich aus.
Anett Müller
(Stadtarchiv Leipzig)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 23
Hauptstaatsarchiv Dresden mit drei
„Tagen der offenen Tür“ wiedereröffnet
Nach dem offiziellen Einweihungsakt am
24. August 2011 öffnete das Hauptstaatsar-
chiv Dresden vom 17. bis 19. November 2011
seine neuen Räumlichkeiten auch für das
breite Publikum. An drei „Tagen der offenen
Tür“ konnten der Magazinneubau, der sanierte
Altbau und die neuen Öffentlichkeitsbereiche
von jedermann durchstöbert werden.
Das Interesse der Dresdner an Historie und
Architektur war ungemein hoch – geweckt
sicher nicht nur durch die rege Pressebericht-
erstattung über die zurückliegenden Baumaß-
nahmen, sondern auch durch eine intensive
Werbung. Mit großen Fassadenbannern und
einem Werbefilm, der in den öffentlichen Ver-
kehrsmitteln Dresdens zu sehen war, wurde
auf das Ereignis aufmerksam gemacht. Danach
besuchten an drei Öffnungstagen fast 4.000
Personen das Archiv. Etwa 1.500 Besucher
nahmen an insgesamt 70 Gruppenführungen
teil. Schon vor Öffnung des Hauses bildete
sich an jedem Morgen eine lange Schlange
von wartenden Menschen, während sich im
Innern des Hauses die Mitarbeiter und Mit-
arbeiterinnen auf den Ansturm vorbereiteten.
Die Besucher wurden von sachkundigen
Em pfangs damen im neu geschaffenen
zweigeschossigen Eingangsfoyer mit einer
Ausstellung zur Baugeschichte des Haupt-
staatsarchivs begrüßt. Hier erhielten sie ei-
nen Orientierungsplan, um ganz nach eigenen
Interessen einen individuellen Rundgang zu
unternehmen oder sich einer der halbstünd-
lich durchgeführten Gruppenführungen an-
zuschließen. Der neu gestaltete Anmelde- und
Findmittelbereich für die Benutzer, noch vor
drei Jahren ein mit Wildwuchs überwucher-
ter Innenhof des Magazingebäudes, präsen-
tierte sich jetzt als großzügig gestaltetes
Atrium mit Garderoben, Aufenthaltsbereich,
Kaffee- und Snackautomaten. Hier wurden
die Besucher durch die Mitarbeiterinnen des
Lesesaales mit der Handhabung der Filmle-
segeräte, den Recherchemöglichkeiten am
PC und den klassischen Findmitteln vertraut
gemacht. Der Rundgang führte weiter zur
Handbibliothek im oberen Bereich der Benut-
zung. Die Besucher hatten die Wahl zwischen
Besichtigung der Ausstellung „Meilensteine –
Originaldokumente aus 1000 Jahren sächsi-
scher Geschichte“ oder einem direkten Zu-
gang zu den Magazinen in Alt- und Neubau.
In der Ausstellung brachten 69 Zimelien die
Besucher zum Staunen; darunter mittelalter-
liche Königs- und Kaiserurkunden, die Bann-
androhung gegen Martin Luther von 1520,
Fahnenbücher sächsischer Truppen aus dem
Dreißigjährigen Krieg, Siegelstempel, Karten,
Zeichnungen, Bilder, und Staatsverträge bis
hin zum Gohrischer Entwurf der Verfassung
des Freistaates Sachsen von 1990.
Sehr gut besucht waren auch die zwölf Film-
vorführungen mit Erläuterungen zur audiovi-
suellen Überlieferung des Hauptstaatsarchivs
Dresden. Zwei Themenbeiträge, „Dresden im
Film“ und „Historische Filmschätze aus Sach-
sen“, wurden im neuen Vortragsraum mit sei-
ner modernen Präsentationstechnik gezeigt.
Da ein großer Andrang bereits im Vorfeld ab-
zusehen war, erhielten die Besucher, solange
der Vorrat reichte, schon am Eingang Eintritts-
karten mit dem jeweiligen Programm ausge-
händigt. Großen Andrang gab es schließlich in
den Funktionsräumen des Neubaumagazins
mit Repro- und Restaurierungswerkstatt. Be-
sonders faszinierten hier die moderne Scan-
technik und die Anfaserungsmaschine, mit
der beschädigte Papiere stabilisiert werden
können.
Damit auch die kommende Benutzergenerati-
on in den Rundgang integriert werden konnte,
hatten die Archivpädagogen ein Such- und
Ratespiel unter Leitung von Archibald, der
sächsischen Archivmaus, vorbereitet. Ausge-
stattet mit einer Schreibunterlage, Fragebo-
gen, Stift, Orientierungsplan und einer kleinen
Tüte Gummibärchen zur Stärkung, marschier-
ten wissbegierige Kinder durch die Gänge und
erfuhren so manches über die Bestände und
die Aufgaben des Archivs. Das Mitmachen
lohnte sich: Jeweils ein Gewinner aus Grund-
schule, Mittelschule und Gymnasium konnte
das Archiv im Anschluss noch einmal mit sei-
ner ganzen Schulklasse besuchen.
Gisela Petrasch
(Hauptstaatsarchiv Dresden)
Blick in den Findmittel- und Anmeldebereich. Im Hinter-
grund sind unten (beleuchtet) Forschungssäle, darüber
der Magazinbereich zu erkennen.
(Foto Sylvia Reinhardt)
Schlangestehen an den Tagen der offenen Tür vor dem
Eingang zum alten „Arbeitssaal“, jetzt als Vortragsraum
genutzt. Die neuen Forschungssäle haben für den Re-
gelbetrieb mit 95 Arbeitsplätzen ausreichend Potential.
(Foto Heike Moses)
Blick von der Galerie in einen unteren Teilbereich der
Forschungssäle mit Recherche-PC
(Foto Heike Moses)
Ausschnitt der Zimelienschau des Hauptstaatsarchivs
Dresden in seinem neuen Ausstellungsraum
(Foto Regina Malek)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 24
Tag der Archive am 3. März 2012 –
Andrang in Leipziger Archiven
Der nunmehr 6. bundesweite „Tag der Archive“
stand unter dem Motto „Feuer, Wasser, Krieg
und andere Katastrophen“. Bereits im Vorfeld
stimmten sich mehrere Leipziger Archive unter
der Koordination des Stadtarchivs über Öff-
nungszeiten, Angebote und die Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit ab. Im Ergebnis lag ein
gemeinsamer Flyer der fünf teilnehmenden
Archive vor, ein gut besuchtes Pressegespräch
stimmte die Medienvertreter auf die geplanten
Vorhaben der Einrichtungen ein.
Das Staatsarchiv Leipzig beteiligte sich mit
einem anspruchsvollen Programm an die-
ser Veranstaltung. Zu den Themenbereichen
Brände, Hochwasser, Unglücke und Kata-
s trophen wurden sehenswerte Archivalien
ermittelt: Berichte, Statistiken, Karten, Fotos,
Einsatzpläne, Flugblätter u. v. m. Die Unter-
lagen deckten einen Zeitraum vom Beginn
des 17. Jahrhunderts (Großbrand in Leipzig)
bis zum jüngsten Hochwasser an Mulde und
Elbe im Jahr 2002 ab. Vorgestellt wurden
ebenso die Themenfelder Feuerwehr und
Brandversicherung sowie Naturkatastrophen
wie die verheerende Windhose im Jahr 1912,
der Kampf gegen den Kartoffelkäfer und der
Jahrhundertwinter 1978/79. Große öffentliche
Aufmerksamkeit erfuhren die Unterlagen der
Volkspolizei über das tragische Flugzeugun-
glück zur Herbstmesse 1975.
Neben dem „klassischen“ Archivgut gelangten
auch audiovisuelle Unterlagen zum Einsatz.
Jeweils vormittags und nachmittags wurde in
drei Vorträgen ein historischer Streifzug durch
ausgewählte Themen anhand von abgebilde-
ten Archivalien und Originalfilmen unternom-
men. Zwischen 10 und 16 Uhr wurden darüber
hinaus stündlich Archivführungen angeboten.
Zusätzlich fanden zwei Führungen speziell für
Kinder statt.
Die Resonanz auf das vielfältige Angebot
war mit 230 Besuchern sehr gut. Die im Le-
sesaal präsentierten Archivalien waren stets
dicht umlagert, Führungen und Vorträge mit
mehr als 30 Interessenten bildeten eher den
Archivalien zum Thema „Kartoffelkäferplage“ (Foto Hans-Jürgen Voigt)
Normalfall als die Ausnahme. Am Ende nahm
reichlich ein Drittel mehr Besucher die Ange-
bote des Staatsarchivs wahr als im Jahr 2010.
Das Interesse reichte vom „Schnupperbesuch“
über gezielte Fachinformation zu eigenen
Forschungsthemen bis zum Durchlaufen aller
Angebote, was mindestens vier Stunden in
Anspruch nahm.
Über regen Zulauf freuten sich ebenso das
benachbarte Archiv für Geographie, die BStU-
Außenstelle und das Leipziger Stadtarchiv. Ge-
genüber den Medien präsentierte sich Leipzig
als Kommune mit großer Archivdichte und
interessanten Angeboten. Das schlug sich
positiv in der Ankündigung und Berichterstat-
tung über das Archiv-Ereignis in den Medien
nieder. Neben der lokalen Presse war der Tag
der Archive in der Stadt Leipzig auch im MDR-
Sachsenspiegel, dem Leipzig-Fernsehen und
Info TV Leipzig vertreten.
Birgit Richter
(Staatsarchiv Leipzig)
Archivalien zum Thema „Feuer“ (Foto Birgit Richter)
Archivführung für Kinder in der Restaurierungswerkstatt (Foto Birgit Richter)
Führung durch den Magazinbereich (Foto Birgit Richter)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 25
„Jeder Tag zählt wie ein Jahr“ – Festakt mit dem
Bundespräsidenten zum 20-jährigen Bestehen des
Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen
Das 20-jährige Bestehen des Frauenkreises der
ehemaligen Hoheneckerinnen war am 13. Mai
2011 Anlass für eine Veranstaltung, die in viel-
fältiger Weise an das Schicksal der in der DDR
aus politischen Gründen in der Justizvollzugs-
anstalt Hoheneck inhaftierten Frauen erinner-
te. „Jeder Tag zählt wie ein Jahr“ – der Titel
eines Dokumentarfilmes von Kristin Derfler,
der auf dem Festakt präsentiert wurde – lässt
Nichtbetroffene nur erahnen, was diese Frauen
erleiden mussten. Die meisten der politisch in-
haftierten Frauen hatten in die Bundesrepublik
ausreisen wollen, was die DDR mit harten Haft-
bedingungen ahndete. Völlig überfüllte Zellen,
in denen mangels fehlender (3-Stock-)Betten
sogar „Bodenschläfer“ eingepfercht wurden,
und mangelhafte sanitäre Bedingungen gehör-
ten über viele Jahre ebenso zur „Normalität“,
wie die entwürdigende Behandlung durch das
Gefängnispersonal. Verschärfte Haftbedingun-
gen in Form von Dunkelhaft oder Haft in der
Wasserzelle offenbaren die Unmenschlichkeit,
die hier herrschte, in aller Deutlichkeit.
Mit seiner Teilnahme an dieser Gedenkveran-
staltung setzte Bundespräsident Dr. Christian
Wulff ein deutliches Zeichen seiner Anteil-
nahme am Schicksal der politisch Inhaftier-
ten. Begleitet wurde er von der sächsischen
Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst,
Prof. Dr. Sabine Freifrau von Schorlemmer. Der
Einladung des Frauenkreises waren zudem
zahlreiche sächsische und regionale Vertreter
aus Politik und Gesellschaft gefolgt, u. a. die
Bundestagsabgeordneten Marco Wanderwitz
und Günther Baumann, die Landtagsabgeord-
nete Uta Windisch, der Landrat des Erzge-
birgskreises, Frank Vogel, sowie die Oberbür-
germeisterin von Chemnitz, Barbara Ludwig,
und der Oberbürgermeister von Stollberg,
Marcel Schmidt sowie der Bundesbeauftragte
für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, und der
Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen,
Lutz Rathenow.
Auch das Staatsarchiv Chemnitz war an der
Ausgestaltung eines Programmpunktes betei-
ligt. Seit einigen Jahren bestehen regelmäßige
Kontakte zu Tatjana Sterneberg, der Organisa-
torin der Veranstaltung, und zu Carl-Wolfgang
Holzapfel, der sich für den Frauenkreis stark
engagiert. Bei einem Besuch im Staatsarchiv
Chemnitz entstand die Idee, dem Bundesprä-
sidenten anhand von Originalunterlagen aus
dem Frauengefängnis Hoheneck die dortigen
Zustände zu erläutern.
Die Gedenkveranstaltung am 13. Mai 2011
begann mit einer Kranzniederlegung am Eh-
renmahl für die Opfer des Stalinismus vor dem
Gefängnis, der eine Führung durch die Haft-
anstalt folgte. In einem Zellentrakt war der
Pressepoint aufgebaut, an dem Bundespräsi-
dent Wulff und seinen Begleitern durch den
Leiter des Staatsarchivs Chemnitz drei Akten
aus dem Archivbestand der ehemaligen Straf-
vollzugsanstalt Hoheneck präsentiert wurden.
Am Beispiel ausgewählter Seiten eines Rap-
portbuches des medizinischen Dienstes aus
den Jahren 1982 und 1983, in denen Namen
Betroffener mittels aufgelegter Folien anony-
misiert waren, konnte der physische und psy-
chische Zustand der Gefangenen dargestellt
werden. Allein für den Zeitraum vom Mai 1982
bis Dezember 1983 sind über das Rapportbuch
u. a. 11 Suizid- und Suizidgefährdungsfälle, ein
Tbc- und ein weiterer Tbc-Verdachtsfall sowie
zahlreiche Fälle von Nahrungsverweigerun-
gen nachweisbar. Der Bundespräsident und
die Wissenschaftsministerin brachten den
Ausführungen Aufmerksamkeit und großes
Interesse entgegen und waren vor allem von
der Aussagekraft der archivalischen Überlie-
ferung beeindruckt. Abschließend erkundigte
sich Christian Wulff nach der Situation des
Archivwesens und dessen Organisation in
Sachsen. In dem anregenden Gespräch reflek-
tierte er auch seine Erfahrungen aus Nieder-
sachsen und hob dabei vor allem die dortige
Ressortierung bei der Staatskanzlei hervor.
Auf dem anschließenden Festakt ging der
Bundespräsident in seiner Rede aufmerksam
auf das Schicksal der politisch Inhaftierten ein
und betonte darin besonders: „Deshalb ist es
wichtig, dass wir die Erinnerung weiter geben
und wach halten.“
Der Bestand 30461 Strafvollzugsanstalt Stoll-
berg/Hoheneck, aus dem die ausgestellten Un-
terlagen stammen, umfasst derzeit 4,75 Meter
Archivgut aus dem Zeitraum 1954 bis 1996.
Dabei handelt es sich unter anderem um Lage-
berichte, Protokolle von Dienstbesprechungen,
Statistiken, Planungsunterlagen, Anweisun-
gen der Anstaltsleitung, Tätigkeitsbücher der
Wachdienste und des medizinischen Diens-
tes sowie Unterlagen der SED-Parteigruppe.
Der Bestand ist vorläufig erschlossen und
bedarf noch einer archivarischen Ordnung
und Verzeichnung. Weitere Ergänzungen des
Bestandes sind aus künftigen Übergaben der
Justizvollzugsanstalt Waldheim zu erwarten.
Daneben verwahrt das Staatsarchiv Chemnitz
auch (Lese)Filme von Gefangenenakten der
Entlassungsjahre 1961 bis 1970.
Raymond Plache
(Staatsarchiv Chemnitz)
Staatsministerin Prof. Dr. Sabine Freifrau von Schorlemmer, Bundespräsident Dr. Christian Wulff und Raymond
Plache (v. r. n. l.) bei der Präsentation einer Akte aus der Strafvollzugsanstalt Hoheneck (Foto Jürgen Richter)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 26
Dresdner Archive, Bibliotheken und Museen
gründen Notfallverbund
Archivgut ist, wie auch andere Arten von
Kulturgut, etwa die Bestände von Museen
und Bibliotheken, vielfachen Gefahren durch
Katastrophenfälle ausgesetzt. Das haben in
der jüngeren Vergangenheit in besonderem
Maße der Einsturz des Historischen Archivs
der Stadt Köln und der Brand der Herzogin-
Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar deutlich
gemacht. Aber auch in Dresden ist der Schutz
von Kulturgut vor Naturkatastrophen ein
wichtiges Thema, wie das Hochwasser 2002
gezeigt hat, als die Bestände von Kulturgut
verwahrenden Einrichtungen wie den Staat-
lichen Kunstsammlungen oder dem Sächsi-
schen Staatsarchiv betroffen waren, teilweise
in Sicherheit gebracht werden mussten und
teilweise auch geschädigt wurden. Um künf-
tig bei Großschadensereignissen noch besser
vorbereitet zu sein, haben elf Dresdner Ein-
richtungen – vor allem Museen, Archive und
Bibliotheken – durch eine Vereinbarung zur
gegenseitigen Unterstützung in Notfällen
den Notfallverbund Dresden gegründet. Die
Vereinbarung trat am 23. September 2011 in
Kraft; an diesem Tag wurde der Notfallverbund
auf einer Landespressekonferenz im Landtag
in Anwesenheit der Leiter der beteiligten Ein-
richtungen der Öffentlichkeit vorgestellt.
Partner des Dresdner Notfallverbunds sind
Kultureinrichtungen in unterschiedlicher Trä-
gerschaft. Es sind zwei Archive beteiligt, das
Sächsische Staatsarchiv mit seiner Abteilung
Hauptstaatsarchiv Dresden und das Stadt-
archiv Dresden. Der Freistaat Sachsen ist au-
ßer mit dem Staatsarchiv mit den Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden, der Sächsischen
Landesbibliothek – Staats- und Universitäts-
bibliothek Dresden (SLUB), dem Landesamt
für Denkmalpflege, dem Staatsbetrieb Staat-
liche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen
und dem Sächsischen Landtag vertreten, die
Stadt Dresden neben dem Stadtarchiv auch
mit dem Brand- und Katastrophenamt. Au-
ßerdem nehmen folgende rechtlich selbst-
ständige Einrichtungen am Notfallverbund
teil: die Technische Universität Dresden, die
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, das
Verkehrsmuseum Dresden gGmbH und die
Senckenberg Naturhistorische Sammlungen
Dresden. Die Notfallvereinbarung steht dem
Beitritt weiterer Dresdner Kultureinrichtun-
gen offen; über die Aufnahme eines neuen
Mitglieds wird mit einfacher Mehrheit der be-
teiligten Institutionen entschieden. Bereits in
der ersten Sitzung der Arbeitsgruppe des Not-
fallverbunds ist so die Außenstelle Dresden
des Bundesbeauftragten für die Unterlagen
des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen
DDR in den Verbund aufgenommen worden.
Auch anderswo sind bereits solche Koopera-
tionsvereinbarungen zwischen örtlichen bzw.
regionalen mit der Erhaltung von Kulturgut
befassten Institutionen geschlossen worden,
etwa in Weimar, Magdeburg und Münster. In
Sachsen ist der Dresdner Notfallverbund der
erste, der Leipziger befindet sich in Gründung.
Die Notfallvereinbarung sieht gegenseitige
Unterstützung der beteiligten Institutionen
unter zwei Aspekten vor: Zum einen betrifft
sie die Zusammenarbeit bei der Notfallvorbeu-
gung; hier sieht die Vereinbarung die Einrich-
tung einer Arbeitsgruppe Notfallverbund vor,
in der die beteiligten Institutionen mit jeweils
mindestens einem Mitarbeiter vertreten sind
und die unter anderem die Einrichtungen bei
der Erstellung von gebäudespezifischen Not-
fallplänen unterstützt und die regelmäßige
Besichtigungen der Räumlichkeiten aller am
Notfallverbund beteiligten Institutionen durch
das im Notfall zum Einsatz kommende Per-
sonal organisiert sowie Kontakte zu den für
den Kulturgutschutz verantwortlichen Auf-
gabenträgern und Behörden, insbesondere der
Ein Mitarbeiter des Hauptstaatsarchivs Dresden rettet 2002 – bereits im Wasser
Augusthochwasser 2002 in der Dresdener Altstadt (Fotos Michael Merchel)
stehend – Archivgut aus dem Untergeschoss des Archivs

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 27
Zwischen Kirchenbüchern und Computergenealogie –
Das Referat Deutsche Zentralstelle für Genealogie/
Sonderbestände im Staatsarchiv Leipzig
Wer sich heute schriftlich an die Deutsche
Zentralstelle für Genealogie (DZfG) in Leip-
zig wendet, erhält als Antwort ein Schreiben
vom Sächsischen Staatsarchiv, Staatsarchiv
Leipzig. Seit über 15 Jahren ist die DZfG in das
Staatsarchiv eingegliedert; trotzdem lebt ihr
Mythos fort. Begründet ist dieser in der an-
haltenden Bedeutung der Bestände der DZfG
für die genealogische Forschung, die sich auch
deutlich in den Benutzerzahlen niederschlägt.
So gehen jährlich rd. 1.300 darauf bezogene
schriftliche Anfragen ein. Auch an den per-
sönlich im Lesesaal des Staatsarchivs Leipzig
tätigen Forschern stellen die Genealogen ei-
nen erheblichen Anteil.
Die 1967 als Zentralstelle für Genealogie in
der DDR gebildete Einrichtung unterstand der
Staatlichen Archivverwaltung des Ministeri-
ums des Innern der DDR. Nach dem 3. Ok-
tober 1990 wurde sie unter der Bezeichnung
„Deutsche Zentralstelle für Genealogie“ als
Spezialarchiv für Personen- und Familienge-
schichte vom Freistaat Sachsen übernommen
und 1995 als Abteilung in das Staatsarchiv
Leipzig eingegliedert. 2007 wurden die bis-
herigen Dienststellen in Chemnitz, Dresden,
Freiberg und Leipzig zu Abteilungen des Säch-
sischen Staatsarchivs, die vormalige Abteilung
„Deutsche Zentralstelle für Genealogie/Son-
derbestände“ gehört seitdem als Referat zur
Abteilung 3 des Sächsischen Staatsarchivs.
Den Kern der genealogisch bedeutsamen
Bestände bilden die Familiengeschichtlichen
Sammlungen des Reichssippenamtes, hier vor
allem die Kirchenbücher und Kirchenbuchfil-
me aus den vormaligen Ostprovinzen, und
die Überlieferung wichtiger genealogischer
Vereine inklusive z. B. der Ahnenstammkartei
des Deutschen Volkes (ASTAKA), der Ahnen-
listensammlung und des vom Verein Roland,
Dresden angelegten Gesamtkataloges der
Personalschriften- und Leichenpredigten-
sammlungen.
Im Jahr 2008 bot ein Wechsel in der Refe-
ratsleitung die Chance, grundsätzlich über
die Funktion und das Profil des Referats
nachzudenken. Im Ergebnis stand eine mit
der Behördenleitung abgestimmte Konzep-
tion, die drei wesentliche Ziele formulierte:
Die Verbesserung der Dienstleistungen für
Familienforscher, die Sicherung von archiv-
würdigen genealogischen Unterlagen (auf die
im Folgenden nicht näher eingegangen wird)
sowie die gezielte Öffentlichkeitsarbeit und
Profilierung als Spezialarchiv für genealogi-
sche Forschungen.
Familienforscher sind in vielen Archiven eine
große Kundengruppe. Dies gilt auch für das
Staatsarchiv Leipzig, bei dem sie mit rd. einem
Drittel der Direktbenutzungen und schriftli-
chen Anfragen zu Buche schlagen. Das Re-
ferat Deutsche Zentralstelle für Genealogie/
Sonderbestände hat sich zum Ziel gesetzt,
die Online-Recherchemöglichkeiten zu sei-
nen Beständen sukzessive zu verbessern. Da
die Erschließungsinformationen bis 2008 fast
ausschließlich hand- oder maschinenschrift-
lich vorlagen, mussten und müssen zunächst
die vorhandenen Findmittel retrokonvertiert
und teilweise dabei aktualisiert und ergänzt
werden. In den vergangenen drei Jahren
konnte so – neben der Verzeichnung kleinerer
Dresdner Feuerwehr, pflegt. Die Notfallpläne
enthalten mindestens einen Ablaufplan für
Notfallmaßnahmen, einen Feuerwehrplan, ei-
nen Alarmierungsplan samt Personallisten mit
den dienstlichen und privaten Rufnummern
der für den Brand- und Katastrophenschutz
zuständigen Mitarbeiter und Ansprechpartner
im Notfallverbund sowie einen Bergungsplan;
sie werden der Feuerwehr Dresden zur Verfü-
gung gestellt und zusätzlich in der Zentra-
le des Technischen Dienstes der Staatlichen
Kunstsammlungen hinterlegt.
Zum anderen leisten sich die beteiligten Ein-
richtungen im Katastrophenfall gegenseitig
personelle und technische Hilfe. Die Hilfe er-
folgt unentgeltlich und besteht insbesondere
in der Bergung des betroffenen Kulturguts
und der Bereitstellung von Ausweichlager-
flächen für eine Überbrückungszeit. Dabei ist
ein Notfall in der Vereinbarung definiert als
„eine akute, umfangreiche Gefährdung oder
Schädigung des in Dresden zu verwahrenden
Kulturgutes durch Brand, Wasser, Unwetter,
technische Defekte und andere unvorherseh-
bare Ereignisse“. Über die Art und den Um-
fang der Hilfeleistung im Notfall entscheiden
die jeweils helfenden Einrichtungen selbst.
Besondere Bedeutung kommt dabei den Mit-
gliedern der Arbeitsgruppe Notfallverbund zu,
deren Aufgabe im Notfall in der Koordinierung
der Hilfeleistungen der Notfallpartner besteht.
Der Text der Dresdner Vereinbarung orientiert
sich am Vorbild der Magdeburger Notfallver-
einbarung und wurde unter Federführung der
Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und
Universitätsbibliothek Dresden und der Staat-
lichen Kunstsammlungen Dresden zwischen
den beteiligten Institutionen abgestimmt. Die
erste Arbeitssitzung der Arbeitsgruppe Not-
fallverbund fand am 10. November 2011 im
Residenzschloss Dresden statt. In der Sitzung
wurde Michael John, Leiter des Technischen
Dienstes der Staatlichen Kunstsammlungen,
für zwei Jahre zum Vorsitzenden der Ar-
beitsgruppe gewählt; außerdem wurde das
Arbeitsprogramm für das Jahr 2012 festge-
legt. Es wurden ein Zeitplan für die Erstellung
und Hintgerlegung der gebäudespezifischen
Notfallpläne aufgestellt und vier Termine
für Führungen der Mitglieder der Arbeits-
gruppe durch die Gebäude der Staatlichen
Kunstsammlungen, die SLUB Dresden, das
Stadtarchiv Dresden und das Landesamt für
Denkmalpflege geplant. Somit hat der Notfall-
verbund seine Tätigkeit im präventiven Bereich
im vollem Umfang aufgenommen.
Die Gründung des Notfallverbundes Dresden
ist ein wichtiger Schritt zu einer weiteren In-
tensivierung der Zusammenarbeit der Dresd-
ner Archive, Bibliotheken und Museen in der
Notfallvorsorge durch eine enge Vernetzung
der Dresdner Kultureinrichtungen unterei-
nander, einen regelmäßigen Wissens- und
Erfahrungsaustausch sowie eine koordinierte
gegenseitige Hilfe im Notfall. Über den Inter-
netauftritt des Notfallverbundes, der auf der
Homepage der SLUB Dresden eingerichtet
wurde
(http://www.slub-dresden.de/ueber-
uns/bestandserhaltung/notfallverbund-dres-
den), besteht die Möglichkeit, sich über den
Notfallverbund, seine Mitglieder und seine
Aufgaben zu informieren.
Arnd Vollmer
(Zentrale Aufgaben / Grundsatz)

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Rezensionen
Susanne Baudisch/Markus Cottin (Bearb.),
Urkunden der Markgrafen von Meißen
und Landgrafen von Thüringen 1196–1234,
Register, auf der Grundlage der Vorar-
beiten von Elisabeth Boer (†), Hannover:
Hahnsche Buchhandlung 2009, 252 S.
(Codex diplomaticus Saxoniae, Erster
Hauptteil, Abt. A, Bd. 3, Register),
ISBN 987-3-7752-1902-0
Es hatte lange Zeit den Anschein, dass der
Codex diplomaticus Saxoniae (bis 1918 Codex
diplomaticus Saxoniae regiae) und damit die
Edition der mittelalterlichen Urkunden zur
Geschichte Sachsens auf Dauer ein Torso
bleiben würde. Nachdem von 1864 bis 1909
insgesamt 24 Bände veröffentlicht werden
konnten, stagnierte die Arbeit in der nach-
folgenden Zeit. Bis auf ein 1941 gedrucktes
Urkundenbuch erschienen im 20. Jahrhundert
keine weiteren Veröffentlichungen innerhalb
dieses Editionswerks. Diese insbesondere un-
günstigen Zeitumständen, aber auch subjek-
tiven Entscheidungen zuungunsten des Editi-
onsvorhabens geschuldete Situation hat sich
seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre
des 20. Jahrhunderts schrittweise verbes-
sert. Am Institut für Sächsische Geschichte
und Volkskunde e. V. und an der Sächsischen
Akademie der Wissenschaften zu Leipzig wur-
den Arbeitsstellen zur Fortführung des Codex
diplomaticus Saxoniae eingerichtet, denen es
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 28
genealogischer Bestände – der rd. 50 Meter
umfassende und zuvor nur über einen Zettel-
katalog nutzbare Bestand 22179 Genealogi-
sche Mappenstücke erschlossen werden, die
Online-Stellung steht kurz bevor. Noch wichti-
ger ist die Erstellung eines Online-Findmittels
zu den stark nachgefragten Kirchenbuchfil-
men und Kirchenbüchern. Grundlage für die
2011 abgeschlossene Retrokonversion bilde-
ten die gedruckten Bestandsverzeichnisse aus
den Jahren 1992–1994. Sie sind allerdings teil-
weise zu ergänzen und von Fehlern zu berei-
nigen – angesichts des Volumens (insgesamt
rd. 32.000 Datensätze) eine zeitaufwändige
Aufgabe.
Schließlich legte die Konzeption von 2008 die
Grundlage für gezielte Maßnahmen der Öf-
fentlichkeitsarbeit: Hierzu zählt die Präsenz
auf den jährlich stattfindenden Deutschen
Genealogentagen, über die regelmäßig im
„Archivar“ berichtet wird. In begrenztem Um-
fang engagiert sich das Referat bei regional
tätigen genealogischen Vereinen, v. a. durch
Vorträge auf regionalen Genealogentagen
und Publikationen in den Vereinszeitschriften
wie „Zeitschrift für mitteldeutsche Famili-
enforschung“, „SEDINA-Archiv“ oder „BAST“
(Baltische Ahnen- und Stammtafeln). Eine
langjährige Mitarbeiterin ist Vorsitzende der
Leipziger Genealogischen Gesellschaft und in
Nebentätigkeit Fachberaterin des Mitteldeut-
schen Rundfunks für die Fernsehserie „Spur
der Ahnen“. Um gezielt Leipziger Bürger anzu-
sprechen, beteiligt sich das Referat mit einem
Genealogie-Stand beim jährlichen Leipziger
Archiv- und Bibliothekenfest und dem alle
zwei Jahre stattfindenden Tag der Archive.
Ein intensiver Kontakt wurde mit dem Vor-
stand des Vereins für Computergenealogie
(CompGen) aufgebaut. Der 1989 gegründete
Verein ist überregional tätig und heute mit
über 3.400 Mitgliedern der mitgliederstärkste
genealogische Verein in Deutschland. Unter
der URL
www.genealogy.net
betreibt Comp-
Gen einen „deutschen Genealogieserver“,
von dem man auf zahlreiche Informationen
und Datenbanken zugreifen kann. Besonders
erwähnenswert sind das 2003/2004 gestar-
tete „GenWiki“, auf dem Familienforscher
Informationen rund um die Genealogie zur
Verfügung stellen, sowie die Datenbanken
„Adressbücher“, „Digitale Bibliothek“, „Genea-
logisches Ortsverzeichnis (GOV)“, „Genealo-
gische Datenbasis“ (GedBas; Personendaten
aus individueller Ahnenforschung), „Orts-
familienbücher“ und das vor kurzem gestar-
tete Projekt zu Verlustlisten des 1. Weltkriegs.
Der Verein gibt vierteljährlich die Zeitschrift
„Computergenealogie“ heraus sowie das Ma-
gazin „Familienforschung. Ahnenforschung
leicht gemacht – Computergenealogie für
jedermann“, das auch über den Buchhandel
zu beziehen ist (s. Abbildung).
Da die Überlieferung der DZfG einen über-
regionalen Zuschnitt hat, bietet die Zusam-
menarbeit mit dem deutschlandweit tätigen
Verein für Computergenealogie die effektive
Möglichkeit, einen großen Kreis potentieller
Nutzer und Interessenten zu erreichen. Im
Jahr 2011 wurde daher eine Artikelserie in der
„Computergenealogie“ gestartet und in bisher
drei Beiträgen über die DZfG und ihre Bestän-
de und Nutzungsmöglichkeiten informiert.
Auf Anfrage der Redaktion wurde ein Beitrag
über die sachgerechte Zitierung archivalischer
Quellen erstellt, der unter dem Titel „Richtiges
Zitieren vermeidet Verdruss im Archiv“ in die
aktuelle Ausgabe des Magazins „Familienfor-
schung“ aufgenommen wurde.
Angesichts der geringer werdenden perso-
nellen Ressourcen und des weiterhin großen
Interesses an den genealogisch interessanten
Quellen, v. a. den Kirchenbuchunterlagen, wird
nach Lösungen zu suchen sein, wie am Bedarf
orientierte Dienstleistungen und zielgerichtete
Information und Beratung künftig noch effi-
zienter erbracht werden können.
Thekla Kluttig
(Staatsarchiv Leipzig)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 29
gelungen ist, das Editionsvorhaben wieder in
Gang zu bringen. Seit 2006 sind drei Bände
des Codex diplomaticus Saxoniae veröffent-
licht worden. Vor den beiden hier und in der
nachfolgenden Rezension zu besprechenden
Bänden war bereits der folgende Band er-
schienen: Tom Graber (Bearb.), Urkundenbuch
des Zisterzienserklosters Altzelle, T. 1, 1162–
1249, Hannover 2006 (Codex diplomaticus
Saxoniae, Zweiter Hauptteil, Bd. 19).
Der von Susanne Baudisch und Markus Cot-
tin bearbeitete Band bietet ein Register und
Ergänzungen zu einem bereits 1898 erschie-
nenen Band, der von Otto Posse (1847–1921),
dem damaligen leitenden Redakteur des Co-
dex diplomaticus Saxoniae regiae, bearbeitet
wurde. Der von Posse 1898 im Vorwort an-
gekündigte Nachfolgeband für die Zeit von
1235 bis 1247, der das Register ursprünglich
mit enthalten sollte, ist nie fertig gestellt wor-
den. Posses wissenschaftliches Interesse galt
insbesondere in seinen späteren Lebensjah-
ren weniger der Arbeit an Urkundeneditionen,
sondern vorwiegend Themen der historischen
Hilfswissenschaften, insbesondere der Sphra-
gistik. Hinzu kam, dass er ab 1906 als Direktor
des Sächsischen Hauptstaatsarchivs stark in
Verwaltungsaufgaben eingebunden war. Die
gewisse Vernachlässigung der Aufgaben, mit
denen er beim Codex diplomaticus Saxoniae
regiae betraut war, hat Posse, der auf anderen
Gebieten wissenschaftlich und archivorga-
nisatorisch herausragende Verdienste hatte,
schon zu Lebzeiten erhebliche Kritik einge-
bracht.
Die Bearbeiter des Registerbandes konnten
sich auf sehr umfangreiche und inhaltlich
wertvolle Vorarbeiten der früheren Dresdner
Stadtarchivarin Elisabeth Boer (1896–1991)
stützen, die jedoch konzeptionell für die
Drucklegung einer erheblichen Überarbei-
tung bedurften. Während ihres Ruhestands
begann Boer in den sechziger Jahren mit der
Erarbeitung unfangreicher Orts- und Perso-
nenregister sowie eines Glossars zum bezüg-
lich des Registers unvollendet gebliebenen
Band Posses. Sie konnte diese Arbeiten, die
sich heute im Bestand 12657 Personennach-
lass Elisabeth Boer des Hauptstaatsarchivs
Dresden befinden, 1986 abschließen.
In der Druckfassung wurde das Register
(S. 1–137), wie bei Urkundeneditionen üblich,
als kombinierter Index der Orts- und Perso-
nennamen realisiert. Auf ein Sachregister
wurde verzichtet. Die Originalschreibweisen
der Orte und Personen sind über Verweise
auf die heute übliche Schreibweise erfasst.
Personen stehen unter ihrem Herkunftsort
oder Geschlechternamen, auf die unter den
Vornamen verwiesen wird. Kleinere Orte wer-
den durch Angabe der Lage zu einer Stadt
lokalisiert. Bei allen Orten ist außerdem die
Zugehörigkeit zu einem heutigen deutschen
Bundesland bzw. bei außerhalb Deutschlands
befindlichen Orten zu einem heutigen Staat
angegeben. Nur sporadisch wird dagegen
die heutige Eingemeindung eines Ortes als
Ortsteil in einen anderen Ort vermerkt, ins-
besondere bei Ortsteilen von Großstädten.
Da sich die Zugehörigkeit von Ortsteilen
durch Eingemeindungen und Gemeinde-
vereinigungen relativ häufig ändert, ist die
durchgängige Verwendung dieser Angabe
für ein auf langfristige Nutzung angelegtes
Urkundenbuch nicht sinnvoll. Die Unterbe-
griffe zu den Hauptbegriffen sind logisch und
übersichtlich gegliedert. Hervorhebenswert
ist, dass bei den Unterbegriffen ausdrücklich
ausgewiesen wird, in welchen Fällen ein Ort
als Ausstellungsort einer Urkunde auftritt.
Das erleichtert die Orientierung für den Nut-
zer erheblich. Das Register ist im Vergleich
zum 2010 erschienenen Band zu den Papst-
urkunden des Hauptstaatsarchivs Dresden,
der nachfolgend besprochen wird, in einigen
unwesentlichen Details anders gestaltet und
in einem Punkt ausführlicher. Den Orts- und
Personennamen sind in Klammern die Origi-
nalschreibweisen nachgestellt. In Anbetracht
der Tatsache, dass der 1898 von Otto Posse
bearbeitete Band, auf den sich das Register
bezieht, vielen Nutzern der Registers nicht in
gedruckter Form, sondern nur als Digitalisat
im Internet zur Verfügung steht, kann diese
Zusatzinformation im konkreten Fall die Ar-
beit erheblich erleichtern.
Außer dem Register enthält der Band weitere
wichtige Ergänzungen zum Band von 1898,
der außer einem sehr kurzen, achtzeiligen
Vorwort nur die Urkundentexte jeweils mit
einem Kopfregest umfasst. Eine Liste mit den
Daten, an denen die wettinischen Markgrafen
von Meißen und die ludowingischen Land-
grafen von Thüringen als Urkundenaussteller
bzw. Zeugen fassbar sind, kann als wesentli-
che Grundlage für eine Itinerarforschung zu
diesen Herrschern dienen. Die Ergänzungen
und Berichtigungen (S. 191–239) enthalten
Angaben zu allen Urkunden der Edition von
1898 und sind somit künftig stets mit heran-
zuziehen. Vorwiegend handelt es sich dabei
um die Ergänzung von seit 1898 neu erschie-
nenen Editionen, aber auch Textkorrekturen
kommen vor. Eine nochmalige Einsichtnahme
in die Originale der von Posse edierten Urkun-
den hat es nach Angaben der Bearbeiter je-
doch nicht gegeben. Vollständigkeit wurde in
Hinblick auf die Auffindung möglicher Lese-
und Druckfehler nicht angestrebt. Diese Ent-
scheidung ist aus arbeitsökonomischer Sicht
verständlich, zumal der wesentliche Mangel
an Posses Edition nicht die Lesung der Texte,
sondern vielmehr der weitgehend fehlende
wissenschaftliche Apparat war.
Der Band enthält zudem als Nachträge in
Form von Kurzregesten 31 von Posse nicht
erfasste Stücke (S. 241–251). Im Register so-
wie in der Aussteller- und Zeugenliste sind
diese Nachträge mit erfasst. Nur für etwa ein
Drittel dieser Stücke liegen bisher Editionen
im Volltext vor. Eine solche Volltextedition
ist für den Band I/4 des Codex diplomaticus
Saxoniae geplant. Abgesehen von dieser noch
ausstehenden Volltextedition ist mit dem vor-
liegenden Band auf qualitativ hohem Niveau
die Lücke geschlossen worden, die durch die
über mehr als ein Jahrhundert unvollständige
gebliebene Edition der Urkunden der Wetti-
ner und Ludowinger für die Zeit von 1196 bis
1234 entstanden war.
Zur ausführlichen Information über die Ge-
schichte und die Konzeption zur Fortfüh-
rung des Codex diplomaticus Saxoniae kann
auf folgende Publikation verwiesen werden:
Matthias Werner, „Zur Ehre Sachsens“. Ge-
schichte, Stand und Perspektiven des Co-
dex diplomaticus Saxoniae, in: Tom Graber
(Hrsg.), Diplomatische Forschungen in Mit-
teldeutschland, Leipzig 2005 (Schriften zur
sächsischen Geschichte und Volkskunde,
Bd. 12), S. 261–301. Es bleibt zu hoffen, dass
das hier dargelegte Gesamtkonzept dieses
zentralen Editionswerks zur mittelalterlichen
Geschichte Sachsens künftig kontinuierlich
realisiert werden kann, ohne das es nochmals
zu Unterbrechungen kommt.
Eckhart Leisering
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

image
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 30
Tom Graber (Bearb.), Die Papsturkunden
des Hauptstaatsarchivs Dresden, Bd. 1,
Originale Überlieferung, T. 1, 1104–1303,
Hannover: Hahnsche Buchhandlung
2009, 379 S. (Codex diplomaticus Saxo-
niae, Dritter Hauptteil, Papsturkunden,
Bd. 1), ISBN 987-3-7752-1903-07
Wie in der vorhergehenden Rezension aus-
geführt, konnte die Arbeit am Codex dip-
lomaticus Saxoniae nach langer Pause im
vergangenen Jahrzehnt erfolgreich wieder
aufgenommen werden. Dabei wurde die
Konzeption des Werkes, die ursprünglich
aus zwei Hauptteilen (Erster Hauptteil: Ur-
kunden der Markgrafen von Meißen und
Landgrafen von Thüringen; Zweiter Haupt-
teil: Die Urkunden der Städte und geistlichen
Institutionen in Sachsen) bestand, um einen
dritten Hauptteil (Papsturkunden) ergänzt.
Dieser dritte Hauptteil knüpft an den vom
italienischen Diplomatiker Franco Bartoloni
(1914–1956) begründeten „Censimento“ (Be-
standsaufnahme) der Papsturkunden an, der
eine vollständige Erfassung der Papsturkun-
den vorsieht, die in einer bestimmten Region
bzw. in einem bestimmten Archivfonds ent-
halten sind. Der leider kürzlich verstorbene
Walter Zöllner (1932–2011) hat mit zwei 1966
und 1982 erschienenen Bänden über die
Papsturkunden des Staatsarchivs Magdeburg
(heute Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt,
Abteilung Magdeburg) erstmals für den mit-
teldeutschen Raum eine Papsturkundenedi-
tion nach den Grundsätzen des „Censimento
Bartoloni“ vorgelegt. Als Mitglied der für den
Codex diplomaticus Saxoniae zuständigen
Kommission der Sächsischen Akademie der
Wissenschaften zu Leipzig war er maßgeblich
am Zustandekommen der hier besprochenen
Edition beteiligt. Er war zudem neben Tho-
mas Vogtherr einer der beiden Gutachter
für die 2001 vorgelegte Dissertationsschrift
von Tom Graber, deren um die Urkunden des
12. Jahrhunderts erweiterte Druckfassung
der hier besprochene Band ist.
Gerade bei den Papsturkunden mit ihren von
der päpstlichen Kanzlei sehr stark normierten
inneren und äußeren Merkmalen bringt die
durch Fondseditionen mögliche Gesamtsicht
auf die Urkunden eines Archivs unter dem
Aspekt des Ausstellers erhebliche Vorteile.
Der Vergleich erleichtert, wie auch der hier
besprochene Band zeigt, die Auffindung von
Fälschungen, Fehldatierungen und anderen
Unregelmäßigkeiten. Wie das vom selben
Bearbeiter stammende Urkundenbuch des
Zisterzienserklosters Altzelle (Codex diplo-
maticus Saxoniae, Zweiter Hauptteil, Bd. 19)
ist auch der Band zu den Papsturkunden
eine äußerst exakte Edition mit weit über-
durchschnittlichem hilfswissenschaftlichem
Apparat.
Der Band enthält 157 Regesten, umfasst
die Amtszeit der Päpste von Paschalis II. bis
Bonifaz VIII. und enthält somit Urkunden von
insgesamt 18 Päpsten. Gerade die Nr. 1 des
Bandes, ein angebliches Original des ansons-
ten hier nicht belegten Papstes Paschalis II.
für das Kloster Pegau, ist dabei eine der we-
nigen enthaltenen Fälschungen. Zwei in den
Findmitteln des Hauptstaatsarchivs Dresden
bisher auf die Jahre 1392 und 1393 datierte
Urkunden, die irrtümlich Papst Bonifaz IX.
zugeordnet waren, konnten jetzt Papst Boni-
faz VIII. zugewiesen und auf 1297 und 1298
umdatiert werden (Nr. 146 und 149). Dies
zeugt von der Sorgfalt des Bearbeiters, der
die Findmittel des Hauptstaatsarchivs Dres-
den nach möglicherweise falsch datierten
Stücken durchgesehen hat.
Bemerkenswert ist auch die Rekonstruktion
der Texte von sechs Urkunden des Jahres
1244, deren Originale im Zusammenhang
mit der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg
verschollen sind (Nr. 61–66). Gestützt auf die
bei den Findmitteln des Hauptstaatsarchivs
vorhandenen Regesten der Urkunden aus
dem 19. Jahrhundert in lateinischer Sprache
und die Kenntnis über das stark normierte
Formular der päpstlichen Kanzlei gelang dem
Bearbeiter in allen sechs Fällen eine vollstän-
dige Textrekonstruktion.
Am häufigsten tritt im hier besprochenen
Band das Zisterzienserkloster Altzelle auf,
das mit 26 Urkunden belegt ist. Es folgen das
Hochstift Meißen mit 17 und des Klarissen-
kloster Seußlitz mit 16 Stücken. Es handelt
sich fast ausschließlich um Urkunden für
geistliche Empfänger, vorwiegend für Klös-
ter und Chorherrenstifte des meißnisch-
thüringischen Raumes. Lediglich ein Stück
kann einem weltlichen Empfänger zugeord-
net werden (Nr. 94). Es ist ein Ehedispens vom
15. Juli 1253. Dieser erlaubte Dietrich, dem
Sohn Markgraf Heinrichs (des Erlauchten)
von Meißen und späteren Markgrafen von
Landsberg, die Eheschließung mit einer Toch-
ter Markgraf Johanns I. von Brandenburg, die
mit ihm im vierten Grad verwandt war.
Der Band enthält ein mit ausführlichen Li-
teraturbelegen versehenes Verzeichnis der
in den Urkundentexten und Kanzleivermer-
ken nachweisbaren Schreiber (S. 253–270).
Es folgen Verzeichnisse zu den in den Ur-
kunden vorkommenden Kanzleivermerken
(S. 271–297) die durch Tafeln mit Abbildun-
gen der auf den Urkunden vorkommenden
Symbole (S. 299–302) ergänzt werden. Der
Zugang zu den Urkunden unter Gesichts-
punkten der Diplomatik wird durch ein
chronologisches Verzeichnis mit Angabe der
Urkundenart und des Incipits (S. 305–310)
erleichtert. Auch eine Suche nach der Prove-
nienz der Urkunden im archivischen Sinn ist
anhand einer entsprechenden Übersicht mög-
lich (S. 311–314). Weitere Verzeichnisse er-
leichtern den Zugang zu formelhaften Teilen
der Urkunden (Incipit-Vereichnis, S. 315–321;
Explicit-Verzeichnis, S. 323–329; Verzeichnis
zur Sanctio, S. 331–335). Das Verzeichnis der
Siegel (S. 337–345) ist mit umfangreichen
Quellen-, Literatur- und Abbildungsnachwei-
sen versehen.
Die Orts- und Personennamen sind, wie auch
in den bisherigen Bänden des Codex diploma-
ticus Saxoniae üblich, in einem kombinierten
Namensregister erfasst (S. 347–379). Über
Verweise wurden alle in den Urkunden vor-
kommenden Schreibungen berücksichtigt.
Personen sind sowohl unter ihrem Vornamen
als auch unter dem Ort erfasst, nach dem sie
sich benannten oder aus dem sie stammten.
Es bleibt zu hoffen, dass unter Beibehaltung
des sehr hohen Qualitätsstandards bald wei-
tere Bände mit der Fortsetzung der Edition der
Papsturkunden im Hauptstaatsarchiv Dres-
den sowie in den anderen Archiven Sachsens
folgen können. Gerade die hier noch nicht
bearbeitete spätmittelalterliche Überlieferung
des Hauptstaatsarchivs Dresden enthält vie-
le noch gänzlich unedierte Stücke, die eine
Bearbeitung dieses Zeitabschnitts besonders
lohnenswert erscheinen lassen.
Eckhart Leisering
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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image
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 31
Andreas Vogel (Hrsg.), Digitalisierungs-
fibel. Leitfaden für audiovisuelle Archive,
Potsdam: Transfermedia 2011, 227 S.
(ohne ISBN)
In sieben Kapiteln wird der gegenwärtige
Diskussionsstand zur Medien-Archivierung
ausgebreitet, wobei der Schwerpunkt auf dem
Bewegtbild und dort beim Video liegt. Die
Autoren bieten zunächst etwas Medienkunde,
stellen den Umgang mit Metadaten dar, er-
läutern die Schritte vom kinematografischen
Material zum Digitalisat, äußern sich über ana-
loge und digitale Filmrestaurierung, kommen
schließlich zur digitalen Langzeitarchivierung,
zum Management der Digitalisate und zum
Workflow insgesamt, bevor einige der aktu-
ellen Rechtsfragen den Band abrunden. Dabei
ist schon vom Umfang her eine allumfassende
Darstellung der Materie weder zu leisten noch
zu erwarten. Wenn jedoch Begriffe wie „Fibel“
oder „Leitfaden“ auf eine gewisse Verbindlich-
keit hinweisen sollten, so stehen dem die Viel-
stimmigkeit der elf Autoren und drei Vorwort-
Schreiber sowie das wohl eher zurückhaltende
Lektorat entgegen. Der somit vorliegende Sam-
melband reißt zumindest im Überblick an, wel-
che Fragen zur Diskussion und Entscheidung
in der Medienarchivierung anstehen, und es
werden Angebote zur Beantwortung dieser
Fragen unterbreitet. Insofern richtet sich die
„Digitalisierungsfibel“ an Verantwortungsträ-
ger, die über Arbeitsweisen bestimmen und
über Ressourcen verfügen. Dabei bliebe zu
hinterfragen, wie stark die vorgetragenen In-
sider-Kompetenzen etwa aus Privatwirtschaft
und Hochschulen im Berlin-Brandenburger
Raum von deren Interessen geprägt sind, wie
der Herausgeber selbst, der 2003 als gemein-
nützige Pro Babelsberg GmbH auf Initiative
der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte
Sonderaufgaben und des transnationalen
Medienkonzerns Vivendi gegründet wurde. Als
frühere Projekte werden genannt: „join media
– das Medienpraktikum in berlinbrandenburg“
(2006), das „Innovationsforum ‚CINEARCHIV
digital’“ und „HD at work“ (2007), gefolgt von
der Umbenennung in „Medien Bildungsgesell-
schaft Babelsberg gGmbH“. Die vorliegende
Publikation entstand im Zuge des Projekts
„mediaglobe – the digital archive“ (ab 2009),
einer Art Bestandsaufnahme der Medienar-
chivierung in Deutschland (vgl.
http://www.
projekt-mediaglobe.de). Den jetzigen Namen
– transfermedia – nahm die Firma 2011 an.
Stefan Gööck
(Zentrale Aufgaben / Grundsatz)
Peter Rückert/Erwin Frauenknecht (Hrsg.),
Wasserzeichen und Filigranologie. Bei-
träge einer Tagung zum 100. Geburtstag
von Gerhard Piccard (1909–1989), Lan-
desarchiv Baden-Württemberg, Stutt-
gart: Verlag W. Kohlhammer 2011, 151 S.,
80 Abb., klebegebunden, kartoniert,
ISBN 978-3-17-021923-6, 20,00
Die Wasserzeichensammlung von Gerhard
Piccard ist in ihrem Umfang international ein-
zigartig. Nach Motiven systematisiert können
hier rund 100.000 Wasserzeichen recherchiert
werden. Dies ist das Ergebnis einer enormen
Lebensleistung, bedenkt man, dass sich Pic-
card seit 1948 über fast vier Jahrzehnte hin-
weg den Wasserzeichen gewidmet hat und
dabei durchschnittlich etwa 15 Wasserzei-
chen täglich aufgefunden, durchgezeichnet
und verzeichnet haben muss. Im vorliegenden
Tagungsband berichtet Hermann Bannasch fa-
cettenreich von dem Forscher und Menschen
Piccard, dessen zentrale Wirkungsstätte das
Hauptstaatsarchiv Stuttgart war. Nicht zuletzt,
um mit Hilfe seiner Sammlung vergleichende
zeitliche Einordnungen zu ermöglichen, erfass-
te Piccard Wasserzeichen ausschließlich von
datierten Dokumenten, überwiegend von Ar-
chivalien. Über diese Dokumente wiederum er-
folgt dann auch die räumliche Zuordnung zum
Ausstellungsort des jeweiligen Schriftstückes.
Auf der Tagung in Stuttgart 2009 anlässlich
des 100. Geburtstages von Piccard wurden
Maßnahmen
zur digitalen
Nutzbarma-
chung dieser
Sammlung,
ihre Zusam-
menführung
mit anderen
Sammlungen
sowie einige
Forschungs-
ergebnisse vorgestellt. Die Beiträge der inter-
nationalen Experten sind in dem vorliegen-
den Band wiedergegeben. So wird der Leser
auf die allgemein zugänglichen Datenbanken
hingewiesen, allen voran das internationale
Portal „Bernstein, Memory of Paper“, das
von nationalen Adressen gespeist wird. Für
Deutschland ist dies „Piccard-Online PO“
(Hauptstaatsarchiv Stuttgart). Darüber hin-
aus wird das inzwischen laufende DFG-Projekt
vorgestellt, ein „Wasserzeicheninformati-
onssystem Deutschland WZIS“ aufzubauen,
dessen Kooperationspartner die Württem-
bergische Landesbibliothek, die Bayerische
Staatsbibliothek, die Universitätsbibliothek
Leipzig und das Hauptstaatsarchiv Stuttgart
sind. Die Errungenschaften der elektronischen
Datenverarbeitung und des Internets bieten
dabei einmal mehr nicht nur den verbesserten
Zugriff auf das einzelne Wasserzeichen, son-
dern auch wertvolle Hilfen bei der grafischen,
statistischen und geografischen Auswertung.
Ergebnisse bei der Forschungsarbeit mit die-
sen Hilfsmitteln werden in dem Tagungsband
allerdings leider weniger präsentiert. So zeigt
der Beitrag von Erwin Frauenknecht „Symbo-
lik im Papier?“ beispielhaft, welche Arten der
Fragestellung bei der Erforschung der Wasser-
zeichen auch möglich sind. Erneut sei auf Her-
mann Bannasch verwiesen, der feststellt, dass
eine Nutzung der „Spezialkenntnisse Piccards“
durch die Archivare des Hauptstaatsarchivs
Stuttgart kaum stattgefunden hat (vgl. S. 146).
Tatsächlich würde sich die Rezensentin grund-
sätzlich eine stärkere Wahrnehmung der Aus-
sagekraft des Materials wünschen. Dafür kann
das Wasserzeichen nicht nur als Datierungs-
hilfe beispielhaft herangezogen werden. Dem
Hauptstaatsarchiv Stuttgart gilt daher Dank
und Hochachtung dafür, dass es nicht nur die
Arbeit von Gerhard Piccard gestützt hat, son-
dern sich bis heute für die Nutzbarmachung
seiner Grundlagenarbeit engagiert und somit
auch diesen Tagungsband ermöglicht hat.
Bleibt also zu hoffen, dass sich weiterhin Wis-
senschaftler der Erforschung der Wasserzei-
chen widmen und wir zukünftig auf der Basis
der vorgestellten Wasserzeichen datenbanken
ergänzende Forschungsergebnisse über die
Herstellung und Verwendung des Papiers und
damit über die Entstehung unseres schriftli-
chen Kulturgutes erhalten.
Barbara Kunze
(Zentrale Aufgaben / Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2012 | 32
Katrin Wenzel / Jan Jäckel (Hrsg.),
Retrokonversion, Austauschformate und
Archivgutdigitalisierung. Beiträge zum
Kolloquium aus Anlass des 60-jährigen
Bestehens der Archivschule Marburg.
Zugleich 14. Archivwissenschaftliches
Kolloquium der Archivschule Marburg,
Marburg 2010, 378 S. (Veröffent-
lichun gen der Archivschule, Nr. 51),
ISBN 978-923833-38-2
Seit 1994 werden an der Archivschule Kollo-
quien zu verschiedenen archivwissenschaft-
lichen Themen veranstaltet. Das nunmehr 14.
fand unter der Prämisse statt, dass „Informa-
tionen bereitstellen und Benutzung […] för-
dern […] eine der wichtigsten Aufgaben von
Archiven“ ist. Der Tagungsband behandelt die
Erfahrungen, Ziele und Nutzen der Retrokon-
version, von Austauschformaten und Archiv-
gutdigitalisierung anhand 17 deutsch- bzw.
englischsprachiger Beiträge nationaler und
internationaler Fachleute. Die Förderung von
Retrokonversionsprojekten und die Unterstüt-
zung bei diesen Vorhaben durch die Koordinie-
rungsstelle werden dabei ebenso beleuchtet
wie die Verwendung von Austauschformaten
und die Digitalisierung von Archivgut in ver-
schiedenen europäischen Ländern.
Der Zusammenhang der drei Themen wird
durch die Logik der Arbeitsabläufe darge-
stellt: Über die Retrokonversion werden ana-
log vorhandene Findmittel, etwa Karteikarten,
in eine digitale Form gebracht, welche u. a.
als Grundlage für die Verbreitung im Internet
genutzt wird. Die Verwendung von standardi-
sierten Austauschformaten ermöglicht dabei
zum Beispiel die Bereitstellung dieser Daten in
einem übergreifenden Internetportal, in dem
im Rahmen der online gestellten Findbücher
Digitalisate von Archivalien eingestellt werden
können.
Zur Retrokonversion referierte u. a. Frank
Bischoff, welcher ein Resümee zu den Auf-
gaben und Erfahrungen der Koordinierungs-
stelle verfasste. Dabei ging er näher auf die
Förderung durch die DFG ein und stellte die
Retrokonversion als Grundlage für die Online-
stellung von Findmitteln und Archivgutdigita-
lisaten dar. Dies versteht er als Service für den
Benutzer und Teil der Wissensvermittlung in
einer auf das World Wide Web fixierten Ge-
sellschaft.
Die Retrokonversion als Hilfe bei der Krisen-
bewältigung nach dem Einsturz des Kölner
Stadtarchivs ist Thema des Beitrages von
Ulrich Fischer. Auch bibliothekarische Retro-
konversion ist in diesem Band vertreten, dabei
werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten
zwischen Archiven und Bibliotheken erkennbar.
Michael Fox, einer der Gründerväter des
weltweit genutzten Austauschformates EAD
[Encoded Archival Description], zeigte derzei-
tige Entwicklungen und Fragen bei den ar-
chivischen Austauschformaten auf, während
die Beiträge von Kollegen aus Italien und dem
spanischsprachigen Raum die dortigen Ver-
hältnisse umreißen. Im Text von Sigrid Schie-
ber wird der Nutzen von Austauschformaten
konkretisiert. Peter Worm stellt das Archiv-
portal „Archive in NRW“ nach dem Relaunch
2007 vor und präsentiert damit ein Beispiel
für den Austausch von Daten in der Praxis.
„Europeana“ als europäische digitale Biblio-
thek wird von Gerald Meier vorgestellt. Als
deutscher Beitrag soll eine Deutsche Digitale
Bibliothek geschaffen werden, der wiederum
das „Archivportal D“ zugehörig sein soll. Hier
sollen vorhandene Digitalisate von Archivalien
hinzugefügt werden können. Die Situation in
Frankreich wird wiederum von Claire-Sibille
de Grimoüard beschrieben. Dort wurden ers-
te Digitalisierungsprojekte bereits 1993 bzw.
1994 gestartet und es existiert ein nationaler
Digitalisierungsplan, der u. a. festlegt, dass
Digitalisate innerhalb eines Jahres nach ihrer
Erstellung online stehen müssen. Angelika
Menne-Haritz befasste sich mit den Zielen,
Verfahren und Werkzeugen bei der Digitali-
sierung und Online-Stellung von Archivgut im
größten deutschen Archiv, dem Bundesarchiv.
Sie ging u. a. auf Auswahlkriterien für zu digi-
talisierenden Bestände ein, während Johannes
Kistenich die Digitalisierung im Rahmen der
Bestandserhaltung thematisierte. Er hält fest,
dass das Digitalisat vor allem ein Schutzme-
dium ist, das für die Schonung und damit
längeren Erhalt des Originals sorgt, aber eben
kein Sicherungs- oder Ersatzmedium. Zum
Schluss des Bandes wird von Joachim Kemper
das virtuelle Urkundenarchiv „Monasterium“
vorgestellt, welches als Partner der Plattform
„Europeana“ vor allem mittelalterliche und
frühneuzeitliche Urkunden der bayerischen
Archive bereithält. Das Portal sieht die Betei-
ligung der Nutzer vor, etwa bei der Erstellung
von Regesten, und kann wie auch die zuvor
genannten Portale kostenlos genutzt werden.
Insgesamt ist festzuhalten, dass sich der Blick
über die Ländergrenzen hinweg interessant
liest. Nützlich sind praktische Überlegungen,
etwa wann die Retrokonversion eher von ei-
nem externen Dienstleister oder von eigenem
Personal durchgeführt werden sollte. Auch
der sog. „intrinsische Wert“ von Archivalien
oder der Terminus „Web 2.0“ werden ange-
sprochen. Letzterem wird meines Erachtens
zu wenig Bedeutung zugemessen. Nur in
Kempers Beitrag zu monasterium.net ist die
Einbeziehung des Nutzers explizit vorgesehen.
Gerade hier bieten sich noch weitgehend un-
genutzte Möglichkeiten, die Bekanntheit der
Archive zu vergrößern und sie vom alten Bild
der verschlossenen, verstaubten Institution
zu befreien. Was leider fehlt, ist eine Unter-
suchung zum Verhältnis von eingesetztem
Aufwand und dem erreichbaren Nutzen bei
ohnehin knappem Personal.
Zu beachten ist gerade bei dem hier vorlie-
genden Thema, dass der besprochene Ta-
gungsband lediglich den Stand von 2009
bzw. 2010 repräsentieren kann, der inzwi-
schen zum Teil überholt ist. In das Portal
„Europeana“ sind mittlerweile über 20 Mio.
digitale Objekte eingebunden und bei „Mo-
nasterium“ sind weitere deutsche Bundes-
länder beteiligt. Neuerungen und Änderun-
gen sind im Internet selbst nachzuverfolgen.
Für einen ersten Überblick zu den Beiträ-
gen dürften für den Leser auch die Power-
pointpräsentationen zu den Tagungsbeiträgen
interessant sein. Diese werden, ergänzt um
weitere Beiträge, auf der Seite archivschule.de
bereitgestellt. Als Einstieg in die Thematik ist
die Lektüre aber dennoch zu empfehlen.
Christiane Helmert
(Bergarchiv Freiberg)

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2012
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Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
12. März 2012
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