Von Glauchau nach Brasilien
A 21

Veröffentlichungen des Sächsischen Staatsarchivs
Reihe A: Archivverzeichnisse, Editionen und Fachbeiträge
Band 21
Herausgegeben vom Sächsischen Staatsarchiv
In Kommission beim mdv Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale, 2018
Auswandererbriefe von Ida und Ottokar Dörffel (1854–1906)
Judith Matzke (Red.)
VON GLAUCHAU NACH BRASILIEN
mitteldeutscher verlag

5
© 2018 Sächsisches Staatsarchiv
Alle Rechte vorbehalten.
Titelbild: Ida und Ottokar Dörffel auf der Veranda ihres Hauses in Joinville (Brasilien), 1866; im
Teich Spiegelung einer Stadtansicht von Glauchau (Fotomontage; Gestaltung: Robert Matzke,
www.5gradsued.de);
Quellen: Arquivo Histórico de Joinville; Institut für Sächsische Geschichte und
Volkskunde e.V., Dresden, Bildarchiv, Nr. 100063
Reihengestaltung: Julie August + Sabine Golde, Leipzig
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
ISBN 978-3-96311-108-2
Printed in the EU
INHALT
Vorwort
7
Judith Matzke
Ida und Ottokar Dörffel – ein Leben auf zwei Kontinenten
13
Michael Wetzel
Ottokar Dörffels Herkunftsregion. Die Schönburgischen
Herrschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
29
Débora Bendocchi Alves
Brasilien als Ziel deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert
41
Dilney Cunha
Die Entstehung und Entwicklung der Kolonie
Dona Francisca/Joinville in Südbrasilien im 19. Jahrhundert
57
Genealogische Übersicht
70
Edition der Briefe und Postkarten
Editionsrichtlinien 74
Die Briefe und Postkarten
77
Abkürzungen 513
Abbildungsnachweis 514
Quellen und Literatur
516
Ungedruckte Quellen
516
Gedruckte Quellen
517
Literatur 524
Autoren 541
Register 542
Ortsregister 542
Personenregister 548

7
VORWORT
Dona Francisca, Südbrasilien, 1854: „Der Zustand, in welchem wir die Colonie Dona
Francisca angetroffen haben, war selbst den, im Allgemeinen geringen Erwartungen,
die ich mir von derselben gem[acht hatte,] keineswegs entsprechend. […] Wir mußten
uns […] daher mit [anderen in] eins der allgemeinen Empfangshäuser einquartieren lassen
und erhielten daselbst [eine] etwa 6 Ellen im Quadrat haltende Localität angewiesen, mit
welcher in Deu[tsch]land keine Kuh zufrieden sein würde. Denn man befindet sich darin
auf Gottes freiem Erdboden, weil an Dielen nicht zu denken ist, die Decke fehlt ganz, und
man hört aus den benachbarten Localitäten fortwährend Zanken roher Leute und Kinder-
geschrei, ein einfaches Blätterdach schützt nothdürftig vor Regen, ein darin angebrachtes
Gerüste von Palmenlatten dient zur Lagerstätte und wenn man seine Sachen nicht preis-
geben will, muß man die darin befindliche Thür, welche der Breite nach zwei Flügel bil-
det, von außen mit einem Vorlegschloß versehen, von innen aber, während der Nacht, mit
einem starken Knüppel zustemmen.“
1
Zeithain, Sachsen, 2015: „Die Sammelunterkunft war eine ehemalige Werkshalle.
Um innen für 130 Flüchtlinge kleinere Bereiche abzuteilen, wurden einfach Bauzäune mit
angetackerten Planen aufgestellt. Also null Privatsphäre, keine Möglichkeit nachts das Licht
auszuschalten. Die kleinste Einheit teilten sich zwölf Mann. Und das als Dauerzustand.“
2
Zwischen beiden Berichten liegen 161 Jahre und über 10.000 Kilometer, und doch
finden sich erschreckende Parallelen in den Lebensbedingungen für neuankommende
Fremde, die nach oft monatelangen und gefahrvollen Wegen in einer fremden kulturel-
len Umgebung ein neues Leben beginnen wollten und wollen. Mögen die Motive für das
Verlassen der alten Heimat vielfältig und die aus der Ferne gemachten Angebote der Ziel-
regionen nicht immer vergleichbar sein, die mit dem Neuanfang verbundenen Hoffnun-
gen und Ängste waren im 19. Jahrhundert kaum andere, als sie heutige Migranten erleben.
1854 verließen der ehemalige Glauchauer Bürgermeister Ottokar Dörffel und seine
Frau Ida ihre sächsische Heimat für immer. Nach Verwicklung in den Dresdner Maiauf-
stand des Jahres 1849 in einem Hochverratsprozess zunächst zu zwölf Jahren Zuchthaus
verurteilt, in zweiter Instanz jedoch freigesprochen, sah der Jurist für sich keine Perspek-
tive mehr in Sachsen. Eine seinen Ansprüchen angemessene Lebensführung mit aktiver
Beteiligung am öffentlichen Leben schien nicht mehr möglich. Neuer Lebensmittelpunkt
der Dörffels wurde die erst wenige Jahre zuvor entstandene Siedlung Dona Francisca in
Südbrasilien.
„Das Thema ‚Migration‘ hat in Europa negative Hochkonjunktur. Den Hinter-
grund bilden weltweite Migrationsprobleme und europäische Ängste vor wachsendem
‚Wanderungsdruck‘“.
3
Zu dieser Feststellung kam der Migrationsexperte Klaus J. Bade
bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der ‚wachsende Wanderungsdruck‘ ist seit ei-
nigen Jahren besonders in Deutschland Realität geworden und hat zu einer intensiven
1
Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz (im Folgenden: SächsStA-C), 32875 Dörffel –
Kretzschmar, Familiennachlass, Nr. 4/70.
2
Porträt,
S.
32.
3
Bade, Europa, S. 11.

8
9
vor allem der kleinräumigen Migration im sächsisch-böhmischen Grenzraum Aufmerk-
samkeit gewidmet.
12
Der Massenexodus in die Neue Welt, der fast sechs Millionen Deut-
sche in die USA und mit wesentlich geringeren Anteilen nach Kanada, Lateinamerika und
Australien führte, ist aus sächsischer Perspektive bislang kaum in den Blick genommen
worden und bleibt ein lohnendes Forschungsfeld. Regionale, lokale und mikroperspekti-
vische Studien könnten helfen, dem Bild der transatlantischen Migration aus Sachsen im
19. Jahrhundert schärfere Konturen zu verleihen.
Vom deutschlandweiten Trend der Massenauswanderung im 19. Jahrhundert grenzt
sich die sächsische Entwicklung jedoch etwas ab. Abgesehen von kurzzeitigen Wande-
rungsverlusten um die Mitte des Jahrhunderts, war Sachsen auch damals bereits ein Ein-
wanderungsland. Der große Bevölkerungszuwachs des dicht besiedelten Flächenstaats re-
sultierte zu etwa einem Fünftel aus Zuwanderung, wozu auch Zuzüge aus benachbarten
Bundesstaaten zählten.
13
Eine überseeische Auswanderung aus Sachsen setzte in größerem
Umfang überhaupt erst in den 1840er Jahren mit einem Höhepunkt in den 1880er Jah-
ren ein. Schätzungsweise 100.000 Personen verließen im 19. Jahrhundert ihre sächsische
Heimat mit dem Ziel Nordamerika, gerade einmal zwei Prozent der deutschen Auswan-
derer dorthin.
14
Auch wenn vertiefende Studien bis heute ein Desiderat darstellen, gelten
das dicht besiedelte Erzgebirge und Vogtland als Schwerpunktgebiete der sächsischen Aus-
wanderung – „beides hausindustriell und gewerblich geprägte Regionen, in denen eine
rasch wachsende Bevölkerung auf ein begrenztes Erwerbs- und Nahrungsangebot traf“
15
.
Nahezu unbekannt ist auch das Schicksal jener etwa 100.000 sächsischen Amerika-
Auswanderer in der Neuen Welt. Ihre Siedlungsschwerpunkte, Siedlungsformen, ihre Be-
schäftigungsmöglichkeiten und ihr Lebensweg zwischen Abgrenzung und Integration sind
von der Forschung bislang kaum thematisiert worden. Jenseits administrativer Quellen
können individuelle Lebenszeugnisse hier wertvolle Einblicke aus der Mikroperspektive
bieten.
Schreiben an Familie und Freunde bildeten für die Zurückgebliebenen oftmals die
einzig glaubwürdigen Berichte über das Leben jenseits des Ozeans. Sie trugen in erheb-
lichem Maße zur Entscheidungsfindung über Nachwanderung oder Verbleib in Europa
bei und wurden nicht nur im breiten Familienkreis rezipiert, sondern durch mediale Ver-
breitung auch in der Ratgeberliteratur zur Auswandererwerbung gezielt eingesetzt. Der
Auswandererbrief schuf für eine sonst eher schreibungeübte Gruppe erstmals eine kon-
tinuierliche Verbindung zur Schriftsprache
16
und ist seit Jahrzehnten in der historischen
Forschung verankert. Als herausragende Quelle der Kultur-, Mentalitäts- und Alltags-
geschichte hat er Eingang in zahlreiche Untersuchungen gefunden. Die Briefe vermitteln
anschauliche Einblicke in die Lebenswelt in der Fremde. Geschildert werden häufig die
12
Vogel, Aufnehmen oder abweisen?; Lehnert, Un-Ordnung.
13
Zwischen 1815 und 1871 stieg die sächsische Bevölkerung von 1,1 Millionen Einwohnern auf
2,5 Millionen, darunter 240.000 Zuwanderer, d. h. knapp zehn Prozent. Heute liegt der Auslän-
deranteil in der sächsischen Bevölkerung bei 3,9 Prozent (Stand Ende 2015); vgl. Vogel, Auf-
nehmen oder abweisen?, S. 11–12;
https://www.statistik.sachsen.de/html/369.htm
(3. März
2018).
14
Vogel,
Auswanderung,
S.
18–19.
15
Ebenda,
S.
19.
16
Zum Auswandererbrief vgl. u. a. Grosse/Grimberg/Hölscher/Karweick, „Denn das Schrei-
ben …“, S. 121 ff.; Helbich/Kamphoefner/Sommer, Briefe; Elspaß, Sprachgeschichte.
politischen und gesellschaftlichen Debatte über den Umgang mit Fremden geführt. Da-
bei gehört Migration als „auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verla-
gerung des Lebensmittelpunktes“
4
zu den Konstanten der Menschheitsgeschichte. Wan-
derungsbewegungen und die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit verschiedenen
Kulturkreisen sowohl für die Migranten selbst als auch für die aufnehmende Gesellschaft
hat es immer gegeben und wird es immer geben. Auch die Migrationsmotive mit ei-
ner Gemengelage aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen, religiösen und persönlichen
Gründen und die Hoffnungen auf Chancenverbesserung durch Bewegung im Raum
durchziehen die Migrationsgeschichte seit Jahrhunderten. Im Zeitalter der Globalisie-
rung sind „Mobilität und Migration [heute] zum konstitutiven Bestandteil des Lebens
geworden“
5
, stellt etwa Arbeitsmigration den Normalfall dar. Seit ungefähr 20 Jahren fin-
det auch in der politischen Diskussion in Deutschland ein langsamer Paradigmenwechsel
statt, der Migration nicht mehr als defizitäre Krisenerscheinung, sondern als Entwick-
lungschance begreift.
6
Daran haben auch Historiker mit ihren vielfältigen Forschungs-
ergebnissen einen Anteil, indem sie das „Hereinwachsen von Migranten in die Aufnahme-
gesellschaft als […] generationenübergreifende[n] Sozial- und Kulturprozess“
7
betrachten
und immer wieder stärkere Akzeptanz für diese langandauernde Annäherung einfordern.
Ausgehend von den USA und Großbritannien hat sich die Migrationsforschung
seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als eigenes historisches Forschungsgebiet etabliert. Im
deutschsprachigen Raum findet sich aber erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein
verstärktes Interesse an der Thematik, die durch die aktuelle Konfrontation der Öffent-
lichkeit mit umfangreichen Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrzehnten geradezu
einen Boom erlebt und ein „stark expandierendes Forschungsfeld“
8
darstellt. Mittlerweile
existiert eine kaum mehr zu überblickende Fülle von Detailstudien und Überblicksdar-
stellungen
9
zu Ausgangs- und Zielräumen von Wanderung, Quantifizierungen, Typologie-
versuchen, Auswanderungsmotiven, Auswanderungsratgebern, Auswanderungsagenturen,
Auswandererbriefen, Herausforderungen für die aufnehmenden Gemeinschaften, Fragen
der sozialen Mobilität von Migranten, Formen der Integration und vieles mehr. Trotz vor-
handener Forschungen mit regionalem Fokus bilden einzelne deutsche Territorien und
regionale Vergleiche aus migrationsgeschichtlicher Perspektive immer noch überwiegend
weiße Flecken. Eine nennenswerte Forschung zum Wanderungsgeschehen aus und nach
Sachsen im 19. Jahrhundert hat lange Zeit nicht stattgefunden. Basis zentraler Aussagen zu
Quantitäten und Zielen der sächsischen Auswanderung ist bis heute die aus den 1930er
Jahren stammende Arbeit von Hildegard Rosenthal.
10
Erst in jüngster Zeit sind aus histori-
scher wie volkskundlicher Perspektive neue Studien zu Mobilität und Migration erschie-
nen. Während zu den böhmischen Glaubensflüchtlingen der Frühen Neuzeit und ihrer
Integration mehrere jüngere Arbeiten vorliegen,
11
wurde für das 19. Jahrhundert zuletzt
4
Oltmer, Migration, S. 1.
5
Vogel, Aufnehmen oder abweisen?, S. 9.
6
Metasch, Exulanten, S. 11.
7
Ebenda,
S.
11.
8
Trevisiol, zitiert nach Vogel, Aufnehmen oder abweisen?, S. 14.
9
Für Grundlagendarstellungen vgl. Bade, Europa; ders., Deutsche im Ausland; ders., Enzyklopä-
die Migration; Oltmer, Migration (mit Literaturüberblick).
10
Rosenthal,
Auswanderung.
11
Metasch, Exulanten; Wäntig, Grenzerfahrungen; Schunka, Gäste die bleiben.

10
11
Überfahrt nach Brasilien, der Ankunft und ersten Einrichtung, schildern die Erweiterung
des eigenen Grundstücks, Tier- und Pflanzenwelt, Landwirtschaft und Viehzucht, Klima
und Wetter, Ernährungsgewohnheiten und private Festkultur, gesellschaftliches Leben und
Vereinswesen, Gesundheitsfragen, persönliche Netzwerke, Sehnsucht nach und Abgren-
zung von der alten Heimat sowie Dörffels Werdegang vom Landwirt zum Konsul des
Deutschen Reichs und zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Joinvilles in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die individuellen Eindrücke ordnen sich dabei auf-
grund von Dörffels Tätigkeiten in Politik und Verwaltung sowie seines gesellschaftlichen
Engagements immer in die aktuelle Entwicklung der Siedlung sowie das politische Zeit-
geschehen in Brasilien wie in Deutschland ein. Die Briefe fanden durch Vorlesen in ge-
selliger Runde und Weitergabe im persönlichen Umfeld nicht nur im Sinne „private[r]
Kollektivkommunikation“
21
größere Verbreitung, einige wurden auch publiziert. Die Aus-
wandererbriefe der Dörffels bieten in dieser Konstellation der Schreiber, ihrer Dauer und
Intensität herausragendes Material zu Fragen von Abgrenzung, Akkulturation und Inte-
gration von Migranten sowie zum Wissenstransfer zwischen Alter und Neuer Welt. Sie
eignen sich aber ebenso für interdisziplinäre Projekte zur Sprach- und Kommunikations-
geschichte und sind damit weit mehr als ein Baustein zur sächsischen Migrationsgeschich-
te des 19. Jahrhunderts.
Dass dieser Briefwechsel nun der Forschung sowie jedem an Auswanderung und
anderen Kulturkreisen Interessierten zur Verfügung steht, ist dem historischen Bewusst-
sein Dr.-Ing. Günter Kretzschmars (Nürnberg), eines Urgroßneffen Ottokar Dörffels, zu
verdanken. Er überließ die bis dahin im Familienbesitz befindliche Korrespondenz im
Jahr 2009 dem Sächsischen Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz als Schenkung, um sie der
Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dauerhaft zu erhalten.
22
Sie wird nunmehr in
der Region verwahrt, in der ihre ursprünglichen Adressaten lebten.Vor der Abgabe an das
Sächsische Staatsarchiv ließ Günter Kretzschmar die Briefe auf eigene Kosten restaurieren
und transkribierte sie zur familieninternen Verbreitung. Diese Transkription bildete die
Grundlage für die vorliegende Edition. Einem ausgewählten Fachpublikum erstmals vor-
gestellt wurde der Briefwechsel im Juni 2014 auf dem Workshop „Schreiben in die alte
Heimat – Auswandererbriefe in der Kultur des 19. Jahrhunderts“ in Gotha.
23
Die Dis-
kussion in dieser Veranstaltung, bei der sich die Singularität dieser überaus dichten und
langandauernden Korrespondenz klar herausstellte, gab den Anstoß, den Briefwechsel in
einer historisch-kritischen Edition der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dies ge-
schieht nunmehr im Jahr 2018 aus Anlass von Ottokar Dörffels 200. Geburtstag.
Neben der Aufbereitung der Schriftstücke selbst wird die Edition durch eine aus-
führliche Einführung in den Kontext des Zeitgeschehens gestellt. Im Zentrum stehen da-
bei Ida und Ottokar Dörffels Lebensweg, die politische, wirtschaftliche und soziale Situ-
ation in den Schönburgischen Herrschaften – Ottokar Dörffels Herkunftsregion – in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie Brasilien als Zielland deutscher Auswanderer und
die Entwicklung von Ottokar Dörffels neuer Heimat Dona Francisca/Joinville bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts. Gewonnen werden konnten für diese Texte mit Dr. Michael
Wetzel (Chemnitz), Dr. Débora Bendocchi Alves (Köln) und Dilney Cunha (Joinville/
21
Schikorsky, Schriftlichkeit, S. 70; Elspaß, Sprachgeschichte, S. 63.
22
Matzke, Von Glauchau nach Brasilien, S. 10.
23
Dies., „Schreiben in die alte Heimat“, S. 24–25.
Überfahrt und Ankunft in der Neuen Welt, Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse,
Speisen, Getränke, Kleidung, Verdienst, Preise und Freizeitmöglichkeiten. Als Briefserien,
die einen längeren Zeitraum umfassen, zeugen sie von Eingliederung in, aber auch Ab-
grenzung von der vorgefundenen Gesellschaft. Überlieferte Serien stellen unter den schät-
zungsweise 280 Millionen Auswandererbriefen aus Amerika zwischen 1820 und 1914
17
aber eine Minderheit dar.
18
Eine systematische Sicherung dieser überwiegend in Privatbesitz befindlichen Quel-
len vor drohendem Verlust ist dem Historiker Wolfgang Helbig zu verdanken, der durch
einen Medienaufruf in den 1980er Jahren bis 1990 etwa 6.000 Briefe zusammentrug.
19
Die Sammlungsaktivität war dabei auf die Auswanderung in die USA konzentriert und
nur in der alten Bundesrepublik möglich. Die heute in der Gothaer Forschungsbibliothek
institutionell fest verankerte Nordamerika-Briefsammlung (ehemals Bochumer Auswan-
dererbriefsammlung) erhielt nach 1990 neue Impulse für ihre Sammlungstätigkeit und ein
verändertes Sammlungskonzept, das nun auch die neuen Bundesländer und Schreiben aus
Lateinamerika umfasst. Unter den gegenwärtig 3.589 Briefen dieser Neuen Sammlung
befinden sich etwa 40 Prozent aus Sachsen. Die gesamte Auswandererbriefsammlung um-
fasst gegenwärtig ca. 13.000 Briefe.
Auswandererbriefe finden sich darüber hinaus in zahlreichen weiteren Kulturinsti-
tutionen. Auch das Sächsische Staatsarchiv sammelt neben seinem Auftrag der Überliefe-
rungsbildung aus Behörden, Gerichten und sonstigen öffentlichen Stellen des Freistaats
ergänzende Dokumente, um die Quellengrundlage für die Forschung nicht allein auf die
Perspektive staatlichen Handelns zu reduzieren.
Ida und Ottokar Dörffel sahen ihre sächsische Heimat zwar nicht wieder, der Kon-
takt dahin riss jedoch nie ab. Zeit ihres Lebens unterhielten sie mit der zurückgebliebenen
Familie und Freunden intensive Korrespondenz. Resultat dessen ist ein über einen Zeit-
raum von mehr als 50 Jahren geführter Briefwechsel mit fast 100 Schreiben, deren größter
Teil im Sächsischen Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz verwahrt wird. Weitere Schreiben
befinden sich im Museum und Kunstsammlung Schloss Hinterglauchau. Dieser Brief-
wechsel stellt sowohl in Quantität wie Qualität ein außerordentliches Zeugnis der Kultur-
und Alltagsgeschichte von Auswanderern dar. Mit viel Herzlichkeit, Offenheit, Humor,
Ironie und spielerischem Umgang mit Sprache beschreiben Ida und Ottokar Dörffel –
beides intellektuelle Schreiber – ihren Alltag vom Aufbruch in Glauchau im Herbst 1854
bis in Ottokar Dörffels Todesjahr 1906. Sie holen den Leser geradezu in ihre Mitte und
lassen ihn den Alltag an ihrer Seite miterleben.
20
Thematisch beginnen die Briefe mit der
17
Helbich/Kamphoefner/Sommer, Briefe, S. 31.
18
In der Auswandererbriefsammlung der Forschungsbibliothek Gotha finden sich nur we-
nige mehrere Jahrzehnte umfassende Serien; vgl.
http://www.auswandererbriefe.de/brief
listen/Alte_Sammlung.pdf;
http://www.auswandererbriefe.de/brieflisten/Neue_Sammlung.
pdf (3. März 2018).
19
Siehe
http://www.auswandererbriefe.de/quellenbestand.html
(3. März 2018).
20
„Wenn Du nun mit mir Kaffee getrunken u[nd] dazu oben erwähntes Brod […] genossen hast,
so führe ich Dich zu erst in den Hof, wo, Bohnen, Taback, oder derg[leichen] zum Trocken
ausgebreitet ist“; vgl. SächsStA-C, 32875 Dörffel – Kretzschmar, Familiennachlass, Nr. 4/250;
„nun werde ich Dir meinen Damensattel einmal borgen damit Du auch das schöne Vergnügen
des Reitens kennen lernst, und dann solltest Du einmal eine Urwaldsparthie mit uns machen“;
vgl. ebenda, Nr. 4/270.

12
13
Brasilien) ausgewiesene Experten für die jeweiligen Themen. Alle drei haben die vorlie-
gende Publikation in den Jahren ihrer Entstehung begleitet und mit ihren Hinweisen und
Kommentaren entscheidend bereichert. Sie sind weit mehr als nur Autoren der einleiten-
den Texte.
Die intensive Kommentierung regional sächsischer wie brasilianischer Sachverhal-
te und familiärer Netzwerke ist das Ergebnis eines regen Austauschs mit vielen Kollegin-
nen und Kollegen sowie eigener Quellenstudien in zahlreichen Archiven. Dank des Ma-
terials an den Standorten Chemnitz, Dresden und Leipzig des Sächsischen Staatsarchivs,
des Landesarchivs Thüringen, Staatsarchiv Altenburg, des Universitätsarchivs Leipzig, des
Kreisarchivs Zwickau, des Staatsarchivs Hamburg, des Geheimen Staatsarchivs Preußischer
Kulturbesitz, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts und des Arquivo Histórico de
Joinville (Brasilien) kann der Lebensweg Ottokar Dörffels heute gut nachgezeichnet wer-
den. Die Erläuterung lokaler brasilianischer Sachverhalte wäre ohne die intensive Kor-
respondenz über den Atlantik hinweg in dieser Intensität nicht möglich gewesen. Die-
se Bereicherung verdankt die Publikation der unermüdlichen Quellenarbeit von Dilney
Cunha, dem Leiter des Stadtarchivs in Joinville (Brasilien). Wertvolle Hinweise zu Ida
Dörffels Familie erhielt ich von ihrem Urgroßneffen Hartmut Morgeneyer (Eschwege).
Für die kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich meiner Kollegin Yvonne Gerlach
(Staatsarchiv Hamburg). Dem Sächsischen Staatsarchiv und seiner Direktorin Dr. Andrea
Wettmann bin ich für die Aufnahme dieses Ergebnisses mehrjähriger privater Forschungs-
arbeit in die Publikationsreihe des Sächsischen Staatsarchivs zu großem Dank verpflichtet.
Die Betreuung der Drucklegung lag beim Staatsarchiv Chemnitz bei Raymond Plache
und Dr. Michael Wetzel in bewährten Händen.
„Gestern früh beim Kaffeetrinken bewegte sich Dein Bild durch den Luftzug ge-
trieben, ich aber bildete mir ein, Du würdest eben an uns denken.“ So wie Ida Dörffel
im fernen Brasilien ihre Familie in Sachsen nicht vergaß, bleiben die Dörffels mit diesem
Briefwechsel unvergessen. Möge das reichhaltige Material weite Verbreitung finden und
der Forschung vielfältige Anregungen bieten.
Dresden, im Frühjahr 2018
Judith Matzke
Judith Matzke
IDA UND OTTOKAR DÖRFFEL – EIN LEBEN
AUF ZWEI KONTINENTEN
„Die Bananenbäume geben uns eine köstliche Frucht, schade nur, daß sie nicht über See
zu transportiren sind, doch will ich einmal einen Versuch mit dem Abhacken machen,
vielleicht dann.“
1
Diese Beschreibung der uns heute so geläufigen Südfrucht gelangte im
Frühjahr 1855 nach Sachsen und zählt mit zu den ersten Erwähnungen dieses Exoten
hierzulande.
2
Sie entstammt einem Brief Ida Dörffels, die im Jahr zuvor gemeinsam mit
ihrem Mann Ottokar Sachsen den Rücken gekehrt hatte, um in Südbrasilien, in der erst
wenige Jahre zuvor entstandenen und dem Urwald abgerungenen Siedlung Dona Fran-
cisca eine neue Perspektive zu finden.
Im Alter von 36 bzw. 32 Jahren wagten der Jurist und ehemalige Bürgermeister von
Glauchau und seine Frau einen Neuanfang in einer über 10.000 Kilometer von ihrer
Heimat entfernten Weltgegend, zu der in Sachsen nur begrenzt Informationen existierten.
Wann sich die Dörffels zur Auswanderung entschlossen und wie ihr Blick auf Bra-
silien gelenkt wurde, lässt sich trotz des umfangreichen überlieferten Briefwechsels nicht
zweifelsfrei ermitteln. Sicher ist jedoch, dass Ottokar Dörffel von der Beteiligung seines
früheren Dienstherrn Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg als Aktionär am Kolo-
nisationsverein
3
von 1849 in Hamburg zur Besiedlung Dona Franciscas in Südbra silien
unterrichtet war. Otto Victor I. hatte im April 1853 156 Vereinsaktien erworben und war
damit nach dem Hamburger Senator Christian Matthias Schröder als einem der drei Di-
rektoren des Vereins der größte Aktionär des Siedlungsunternehmens.
4
Verbunden mit
dem Aktienkauf war der allerdings erst 1857 erfolgte Erwerb von Grundeigentum durch
den Fürsten vor Ort. Laut Grundbesitzerverzeichnis von 1860 war Otto Victor I. mit
1
SächsStA-C, 32875 Dörffel – Kretzschmar, Familiennachlass, Nr. 4/90.
2
Seit 1837 betrieb Ernst August Geitner (1783–1852) in Planitz (heute Stadtteil von Zwickau)
eine Gärtnerei mit Treibhäusern auf durch jahrhundertelange ungelöschte unterirdische Schwel-
brände erwärmtem Boden. Neben Orchideen und Kaffeebäumen wuchsen dort auch Südfrüch-
te wie Bananen. Geitner publizierte darüber und zog Besucher aus ganz Europa an; vgl. Geitner,
Beschreibung.
3
Der häufig gebrauchte Koloniebegriff entstammt der zeitgenössischen Eigenbezeichnung der
Einwanderersiedlungen, der auch im brasilianischen Sprachgebrauch verankert ist, und bezeich-
net keine politisch-administrative Abhängigkeit von Deutschland oder anderen Herkunftsstaaten
der Einwanderer.
4
SächsStA-C, 30593 Herrschaft Waldenburg, Nr. 235; 30571 Urkunden der Hauptlinie Walden-
burg, Nr. H.XVI.4; H.XVI.5; H.XVI.11.