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SÄCHSISCHES
STAATSARCHIV
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2017

Seite
1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016
Andrea Wettmann
10
Aus den Beständen
Ortsjubiläen auf der Grundlage schriftlicher Quellen – Fragen der praktischen Herangehensweise
Eckhart Leisering
13
Sächsische Gerichtsbücher – weltweit im Fokus
Birgit Richter
16
Zwangsarbeit für die Deutsche Reichsbahn der DDR – Blick auf die regionalen Quellen
Jan-Henrik Peters
18
Meldungen/Berichte
„Verbrannt? Luther, Herzog Georg und die Bannandrohungsbulle“ – Eine Ausstellung des Sächsischen Staatsarchivs
zum Reformationsjubiläum 2017
Peter Wiegand
20
Digitale Archivierung – (Zu-)Fälle bei der Formatidentifizierung am Beispiel von PRONOM und DROID
Stephanie Kortyla
22
„Retten Sie Ihre Videokassetten!“ – Es lebe das Magnetband
Stefan Gööck
24
Anbietung und Aussonderung von Personalakten geregelt
Burkhard Nolte
25
Vom Leipziger Land bis zum Erzgebirge – Das Archiv des Landkreises Mittelsachsen
Frank Haase
27
Das Archiv der TU Bergakademie Freiberg
Herbert E. Kaden
29
Nationalsozialistische Zwangssterilisationen in Sachsen – Buchpräsentation im Staatsarchiv Chemnitz
Boris Böhm / Hagen Markwardt
30
Kooperation und Effizienz im Dienste des Eroberungskrieges – Buchpräsentation im Staatsarchiv Chemnitz
Silke Schumann
31
Filmpräsentationen im Staatsarchiv Chemnitz
Stefan Gööck
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016
Die Nachfrage nach den Dienstleistungen
des Staatsarchivs steigt, die personellen und
finanziellen Ressourcen nehmen jedoch ab
– dies war kurz gefasst die Bilanz des Jahres-
berichts 2015. Eine wachsende Nachfrage lässt
sich in vielen Aufgabenbereichen auch für das
Berichtsjahr 2016 erkennen. Der Blick in die
Statistik zeigt neben den ansteigenden jedoch
auch rückläufige Tendenzen, die neue Schwer-
punktsetzungen und eine entsprechende An-
passung des Ressourceneinsatzes erforderlich
gemacht haben.
Aufgabenschwerpunkte verschieben sich
Beispielhaft soll hier das Aufgabengebiet der
Benutzung betrachtet werden, das nicht den
einzigen, aber einen ganz wesentlichen Grad-
messer für die Nachfrage nach den Dienst-
leistungen des Staatsarchivs darstellt. Ein
besonders deutlicher Anstieg zeigt sich bei
der Zahl der Archivalien, die den Benutzern in
den Lesesälen im Original vorgelegt wurden.
Hier ist eine Zunahme um mehr als 9 % zu
verzeichnen. Aber auch die Zahl der Kopien
von Archivgut, die im Auftrag der Benutzer
vom Staatsarchiv oder von den Benutzern im
Rahmen der Selbstbedienung an Readerprin-
tern oder Scannern angefertigt wurden, ist
nochmals um fast 6 % gegenüber dem Vorjahr
angestiegen.
Auf gleichbleibend hohem Niveau lagen die
Benutzertage, also die Zahl der Tage, an de-
nen Benutzer das Archiv aufgesucht haben,
während die absolute Anzahl der Benutzer im
Lesesaal ebenso wie die Menge der schriftli-
chen Anfragen deutlich zurückgegangen sind.
Zwar fehlen eindeutige Belege, aber die Sta-
tistik lässt die Vermutung zu, dass für diesen
Rückgang auch das erweiterte Serviceangebot
des Staatsarchivs und ein verändertes Benut-
zerverhalten ursächlich sind.
So scheinen Benutzer ihren Archivaufenthalt
dadurch zu verkürzen, dass sie erheblich grö-
ßere Mengen an Archivgut bestellen, selbst
oder im Auftrag Kopien anfertigen und die
Auswertung an den heimischen Computer
verlegen. Der Rückgang bei den schriftlichen
Anfragen könnte u. a. darauf zurückzufüh-
ren sein, dass Interessierte bereits auf der
erweiterten und neugestalteten Website des
Staatsarchivs fündig werden und in vielen Fäl-
len einen schriftlichen Kontakt nicht mehr für
erforderlich halten.
Da dieser Service weiter ausgebaut werden
wird, ist zu erwarten, dass der Trend hin zur
Online- und weg von der Direktbenutzung
künftig weiter zunimmt, sobald der Bestand
des Staatsarchivs vollständig im Internet re-
cherchierbar und immer mehr ausgewählte
Archivalien auch als Digitalisate verfügbar sein
werden. Der Arbeitsaufwand für das Staats-
archiv verschiebt sich dann von der Beratung
im Lesesaal und der Beantwortung von An-
fragen hin zur Bereitstellung von qualifizierten
Informationen im Internet.
Die Veränderungen in der Benutzung zeigen
beispielhaft, dass die Art und Weise der Aufga-
benerledigung, aber auch der Einsatz der vor-
handenen personellen und finanziellen Res-
sourcen im „digitalen Zeitalter“ immer wieder
hinterfragt, neu ausgerichtet und flexibel an
die Anforderungen angepasst werden müssen.
Für die Gestaltung dieser Veränderungspro-
zesse benötigt das Staatsarchiv nicht nur
die erforderlichen Sachmittel. Viel wichtiger
ist das qualifizierte und vielseitig einsetz-
bare Fachpersonal – sowohl im archivischen
und restauratorischen Bereich als auch in
sämtlichen Querschnittsbereichen von der
Verwaltung über das Justiziariat bis hin zur
Information und Kommunikation (IuK). Nur
dieses vermag einerseits den laufenden Betrieb
effizient und reibungslos sicher zu stellen und
andererseits die Entwicklungschancen dieser
Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und
daraus die nötigen Schlussfolgerungen zu
ziehen.
„Weiterer Personalabbau ist nicht leistbar.“
Eine Aufrechterhaltung des Betriebes an den
fünf Standorten des Staatsarchivs ist nur
möglich, wenn der vorhandene Personal -
bestand langfristig gesichert wird und die
durch Altersabgänge frei werdenden Stellen
konsequent mit Fachpersonal nachbesetzt
werden können. Da die Möglichkeiten der
Aufgabenkritik und der Verbesserung von Ar-
beitsabläufen im Staatsarchiv ausgeschöpft
sind, stellte die „Kommission zur umfassen-
den Evaluation der Aufgaben, Personal- und
Sachausstattung“ des Freistaates in ihrem
2016 veröffentlichten Abschlussbericht fol-
gerichtig fest, dass das Staatsarchiv einen
weiteren Personalabbau nicht leisten kann.
Die Personalabbau verpflichtungen bestehen
zum gegenwärtigen Zeitpunkt dennoch fort.
Da der Einstellungskorridor des Innenministeri-
ums für das Staatsarchiv genutzt und einzelne
unvorhergesehen frei gewordene Stellen nach-
besetzt werden konnten, hat sich die Personal-
situation im Berichtsjahr aber zumindest auf
niedrigem Niveau stabilisiert.
Bei der Nachbesetzung von Stellen hat sich
aber auch gezeigt, dass der allgemein beklag-
te Fachkräftemangel auch oder gerade vor
dem hochspezialisierten Aufgabenbereich des
Personal-Ist (Stellen im Personalsoll A, ohne
Auszubildende, Anwärter und Referendare)
Personal-Ist
2006
2015
2016
insgesamt
127,88
106,77
106,13
* Archiv
70,56
57,26
55,44
* Bibliothek
1,50
1,50
1,50
* Verwaltung
14,63
14,48
15,36
* Magazin
20,44
13,75
13,80
* technische
Werkstätten
15,75
14,78
15,03
* IuK u. AVM
5,00
5,00
5,00

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 2
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016
Staatsarchivs nicht Halt macht. Die einzige
unbefristete Stelle im Sachgebiet Audiovisuelle
Medien (AVM) konnte bisher trotz mehrmaliger
Ausschreibungen nicht wieder besetzt werden;
für befristete Projektstellen steht inzwischen
überhaupt kein Fachpersonal mehr zur Ver-
fügung.
Die Nachbesetzung altersbedingt frei werden-
der Stellen ist insbesondere im Magazindienst
dringend erforderlich. Für diesen und andere
Aufgabenbereiche bildet das Staatsarchiv re-
gelmäßig drei Fachangestellte für Medien- und
Informationsdienste (FaMI) aus, konnte ihnen
bisher aber keine dauerhafte berufliche Pers-
pektive bieten. Umso erfreulicher ist es, dass
zwei der drei Archivinspektorenanwärter, die
2016 ihre Staatsprüfung für den gehobenen
Archivdienst erfolgreich abgeschlossen ha-
ben, unbefristet eingestellt werden konnten.
Im Jahr 2017 werden dann die beiden Archiv-
referendare des Staatsarchivs ihren zweijäh-
rigen Vorbereitungsdienst beenden und dem
Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Die Fachkräfte des Staatsarchivs wurden auch
im Berichtsjahr von Hilfskräften unterstützt,
die wiederum ca. 17 % des Stammpersonals
ausmachten. Sehr gut eingespielt hat sich auch
die Zusammenarbeit mit Behindertenwerk-
stätten, die an vier Standorten des Staatsar-
chivs Außenarbeitsplätze eingerichtet haben.
Die sich schnell ändernden Anforderungen
und die schwieriger werdenden Rahmenbe-
dingungen machen eine klare Ausrichtung der
Behörde und die transparente Kommunikation
ihrer Ziele erforderlich. Das Staatsarchiv hat
2016 daher einen zweitägigen Strategiework-
shop durchgeführt, in dem es seine bisheri-
ge Ausrichtung kritisch hinterfragt und die
mittelfristigen strategischen und für 2017/18
geltenden operativen Ziele definiert hat. Die
Spielräume für Schwerpunktsetzungen und
neue Weichenstellungen sind zwar gering –
etwa 75 % des Personals setzt das Staats-
archiv für die Aufrechterhaltung des laufen-
den Betriebes ein –, aber sie sollen mithilfe
eindeutiger Zielsetzungen möglichst optimal
genutzt werden.
„Wir konzentrieren uns auf
die Überlieferung der wichtigsten
anbietungspflichtigen Stellen.“
Zu den wichtigsten Aufgaben der Archive
gehört es, vertrauenswürdige Unterlagen zu
sichern. Dies bedeutet, dass die Unterlagen
von den Behörden und Gerichten auf eine Art
und Weise übernommen und das im Archiv
verwahrte Archivgut in einer Form erhalten
und bereitgestellt werden muss, dass seine
Echtheit nachgewiesen, nachträgliche Ver-
änderungen ausgeschlossen und somit seine
Glaubwürdigkeit und Benutzbarkeit sicherge-
stellt werden können. Dieser Prozess beginnt
bereits bei der Überlieferungsbildung, also bei
der Auswahl des kleinen Teils der Unterlagen,
dem ein bleibender Wert zukommt.
Das Ziel, durch eine fachlich fundierte und
möglichst objektive Auswahl eine auswer-
tungsoffene Überlieferung für künftige
Benutzer zu schaffen, hat das archivische
Bewertungsverfahren in den vergangenen
Jahrzehnten zu einem immer stärker stan-
dardisierten, zwischen den Archiven des
Bundes und der Länder in vielen Bereichen
abgestimmten modellhaften Prozess werden
lassen. Darüber hinaus wird das Verfahren
der Anbietung und Übergabe zwischen den
abgebenden Stellen immer weiter verbessert.
Im Berichtsjahr konnte nach umfangreichen
Vorarbeiten die für den gesamten Freistaat
geltende Verwaltungsvorschrift über die Aus-
sonderung von Personalakten in Kraft gesetzt
werden, in der die Kriterien für die Archiv-
würdigkeit von Personalakten einheitlich und
vorausschauend festgelegt sind (siehe Beitrag
von Dr. Burkhard Nolte in diesem Heft). Damit
trägt sie auch dazu bei, die Behörden bei der
Aussonderung ihrer Personalakten deutlich
zu entlasten. Darüber hinaus wurden die Ver-
waltungsvorschrift über die Aussonderung,
Anbietung und Übernahme von Schriftgut
der Justiz novelliert und die Arbeit an einem
Bewertungsmodell für Unterlagen der Vermes-
sungsverwaltung fortgesetzt.
Veikko Thiele bei Magazinarbeiten im Staatsarchiv Chemnitz (Foto Mark Frost)
Im Berichtsjahr wurden dem Staatsarchiv von
166 Behörden und Gerichten insgesamt 23 km
Unterlagen – 11 % mehr als im Vorjahr – ange-
boten. Nur 400 m bzw. 1,7 % sind als archiv-
würdig bewertet und übernommen worden.
Auch in der Überlieferungsbildung hat sich das
Staatsarchiv 2016 entschieden, neue Wege
zu gehen. Dazu zwingt nicht nur die große
Menge der Unterlagen, die mit abnehmendem
Personal zu bewerten sind. Das Staatsarchiv
muss auch auf organisatorische Veränderun-
gen in der Verwaltung, auf die Einführung
der elektronischen Akte und auf die vielfach
unzureichende Schriftgutverwaltung in den
Behörden flexibel reagieren, um den Prozess
der Überlieferungsbildung proaktiv und effizi-
ent steuern zu können. Im Berichtsjahr wurde
daher eine abteilungsübergreifende „Arbeits-
gruppe Priorisierung der anbietungspflichtigen
Stellen“ gegründet, die Steuerungsinstrumente
für diesen Prozess erarbeitet hat und weitere
konkrete Vorhaben und Richtlinien entwickeln
wird.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 3
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016
„Die Überlieferung der elektronischen
Unterlagen wird aktiv ausgeweitet.“
Für die Übernahme elektronischer Unterlagen
ist das Staatsarchiv inzwischen technisch und
personell gut gerüstet. Das 2014 novellierte
Archivgesetz hat den erforderlichen rechtli-
chen Rahmen geschaffen, und die genannten
Verwaltungsvorschriften zur Aussonderung
des Schriftgutes berücksichtigen auch elektro-
nische Akten und Fachverfahren. Die wenigs-
ten Behörden, die täglich mit elektronischen
Akten oder mit Fachverfahren arbeiten, ha-
ben jedoch die rechtzeitige und rechtskon-
forme Aussonderung der Daten im Blick. Das
Staatsarchiv hat daher im Berichtsjahr sechs
Fachverfahren ausgewählt, die vordringlich
betrachtet und in Abstimmung mit den zu-
ständigen Behörden gezielt archiviert werden
sollen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Fach-
verfahren der Vermessungsverwaltung. Aus
der für den Freistaat zentral eingerichteten
elektronischen Altregistratur konnten bereits
erste Probeübernahmen durchgeführt werden.
Ferner wurde ein Verfahren zur „Überlieferung
von Netzressourcen der Gerichte, Behörden
und sonstigen öffentlichen Stellen des Frei-
staates Sachsen“ erarbeitet, mit dem bereits
erste erfolgreiche „Crawls" der Website sach-
sen.de durchgeführt werden konnten.
Dass insbesondere Altdaten nicht standardi-
siert behandelt werden können, zeigen bei-
spielhaft die vom Statistischen Landesamt
übernommenen DDR-Statistiken, die vom
Sachgebiet Elektronische Archivierung für
die dauerhafte Speicherung besonders vor-
bereitet werden mussten. Für unstrukturierte
Datei- und Ordnersammlungen wurde darü-
ber hinaus ein Programm entwickelt, das die
Daten analysiert und in eine archivfähige Da-
tenbankstruktur überführt. Auf der 20. Tagung
„Archivierung von Unterlagen aus digitalen
Systemen“ (AUdS) in Potsdam wurde diese
Anwendung einem internationalen Experten-
kreis vorgestellt.
Der fachliche Austausch ist insbesondere auf
diesem sich schnell entwickelnden Gebiet der
elektronischen Archivierung wichtig. Im Be-
richtsjahr waren sowohl das Digitale Bundes-
archiv als auch die Arbeitsgruppe „E-Akte“ des
„Network of Expertise in long-term Storage
and Availability of digital Resources in Germa-
ny“ (nestor) im Staatsarchiv zu Gast, um sich
über neueste Entwicklungen auszutauschen.
Vertreter des Bundesrates und des Auswärti-
gen Amtes informierten sich im Rahmen eines
Erfahrungsaustausches mit der Staatskanzlei
und dem Innenministerium auch über das
Vertreter des Bundesrates besuchen das Staatsarchiv (Foto Sylvia Reinhardt)
Verpackung von Archivgut (Foto Mark Frost)
elektronische Staatsarchiv. Im Rahmen sei-
nes archivgesetzlichen Beratungsauftrages
unterstützte das Staatsarchiv darüber hinaus
die kommunalen Spitzenverbände Sachsens
beim Aufbau eines elektronischen Kommu-
nalarchivs.
„Das Archivgut wird komplett
fachgerecht verpackt.“
Zur Sicherung einer vertrauenswürdigen Über-
lieferung gehört auch die Bestandserhaltung
der originalen Archivalien. Nachdem alle fünf
Standorte des Staatsarchivs die baulichen
Vor aussetzungen für eine adäquate Verwah-
rung des Archivgutes erfüllen, wird die fach-
gerechte Verpackung der Akten, Amtsbücher,
Karten, Pläne und Fotos in dauerhaft haltbare
Archivboxen und -mappen systematisch fort-
gesetzt.
Diese aufwändige, aber besonders effizi-
ente präventive Schutzmaßnahme wird im
Staatsarchiv im Wesentlichen von Hilfskräf-
ten durchgeführt. Mit Unterstützung von
geringfügig Beschäftigten, Hilfskräften im
Freiwilligendienst aller Generationen und einer
großen Zahl von Menschen mit Behinderung
konnten mehr als vier Kilometer Archivgut
und über zehntausend Einzelarchivalien ver-
packt, teilweise auch gereinigt und technisch
bearbeitet werden. Auf die noch im Jahr 2015
durchgeführte Vergabe von Verpackungsleis-
tungen an externe Dienstleister wurde hin-
gegen verzichtet. Der hohe Aufwand für die
Beschreibung und Abnahme der Leistung an
dem nicht standardisierten Archivgut stand
in keinem zufriedenstellenden Verhältnis zur
Qualität des Ergebnisses.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 4
„Wir konzentrieren die Bestandserhaltung
auf die Bestände mit hoher Priorität.“
Nur von Fachpersonal und in speziellen Werk-
stätten können hingegen die qualifizierten
Maßnahmen zur Konservierung und Restau-
rierung von Archivgut durchgeführt werden.
In der auf die Behandlung großer Mengen von
Archivgut ausgerichteten Zentralwerkstatt des
Staatsarchivs im Archivzentrum Hubertusburg
wurden im Berichtsjahr 24,5 m Akten und –
vornehmlich im Rahmen der Verfilmungsmaß-
nahmen – fast 12 982 Einzelblätter behandelt.
band deutscher Archivarinnen und Archivare
(VdA) veranstaltete mit dem Staatsarchiv im
Archivzentrum Hubertusburg einen Workshop
zur „Bestandserhaltung analoger Fotos“. Auf
einer eintägigen Veranstaltung zur „Hygiene in
Archiven“ der Landesfachstelle für Archivbera-
tung des Landes Brandenburg in Kooperation
mit dem Kompetenzzentrum für Bestands-
erhaltung Berlin wurden rund 30 Teilnehmerin-
nen und Teilnehmer für die Auswirkungen von
Schmutz in Archiven sensibilisiert und geeig-
nete Präventionsmaßnahmen im Gesundheits-
und Arbeitsschutz informiert.
Einen ganz wesentlichen Beitrag zum Erhalt
der Originale liefern die aus Landesmitteln
finanzierte Schutz- und die vom Bund getra-
gene Sicherungsverfilmungsstelle. Hier werden
an speziellen Schrittschaltkameras langzeit-
stabile Mikroformen hergestellt. Für die farbige
Reproduktion von großformatigen Archivalien
wie Karten und Plänen bis zu einer Größe von
vierfach DIN A0 steht außerdem eine Verti-
kalkamera bereit, die speziell für die Zwecke
des Archivzentrums als Einzelanfertigung
gebaut wurde. Die Reproduktionen sind von
einer solchen Güte, dass sie die abgebildeten
Informationen nahezu verlustfrei wiedergeben
und auf die Benutzung der Originale weitest-
gehend verzichtet werden kann. Sowohl in der
Schutz- als auch in der Sicherungsverfilmung
konnten die Leistungen 2016 erneut gestei-
gert und 748 345 bzw. 651 829 Aufnahmen
angefertigt werden, was insgesamt ca. 280 m
Archivgut entspricht.
Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die
Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der
ehemaligen Deutschen Demokratischen Re-
publik, informierte sich auf einem Rundgang
Archivgutbestand (in Auswahl, in Stück)
Akten (in m)
104 183,98
Filme
10 836
Urkunden
60 281
Karten und Pläne
740 587
Fotos
1 998 362
Reine Tonträger
9 864
Lauffilme
9 507
Videos
5 364
Plakate
4 618
Flugblätter
1 980
Elektronisches Archivgut (AIP)
271
amtliche Druckschriften
38 214
Bibliotheksgut
254 370
Damit die begrenzten Ressourcen auch im
Bereich der Konservierung und Restaurierung
mit möglichst großer Wirkung eingesetzt wer-
den können, hatte das Staatsarchiv bereits
2015 ein Konzept erarbeitet, um die zu behan-
delnden Archivgutbestände zu priorisieren. In
einem ersten Schritt waren archivfachliche
Kriterien erarbeitet und angewendet worden.
Im Berichtsjahr wurden nun die nach diesen
A-Kriterien eingestuften Bestände nach be-
standserhalterischen Kriterien in einem Stich-
probenverfahren untersucht, um u. a. den Be-
handlungsaufwand festzustellen. Im Ergebnis
konnte die Behandlung von 50 m Akten, da-
runter wichtige Unterlagen des Ministeriums
des Innern, und 21 Urkunden mit Siegeln an
Dienstleister vergeben und nachbereitet wer-
den. Im kommenden Jahr ist beabsichtigt, das
Verfahren zu evaluieren.
Auch im konservatorisch-restauratorischen
Bereich unterstützt das Staatsarchiv andere
Archive, indem es seine Fachkompetenz für
Fortbildungsveranstaltungen zur Verfügung
stellt. Der Landesverband Sachsen im Ver-
Workshop „Bestandserhaltung analoger Fotos“ (Foto Regine Bartholdt)
Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen besucht das Archivzentrum Hubertusburg, v. r. n. l.: Roland Jahn
(BStU), Dr. Andrea Wettmann (StA), Dr. Thomas-Sergej Huck (StA), Nils Schwiderski (BStU) (Foto Ines Dietrich)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 5
durch die Werkstätten über aktuelle Fragen der
Erhaltung, Verfilmung und Digitalisierung von
Archivgut. Ein kurzer Blick in das Sachgebiet
Audiovisuelle Medien und die vom Kooperati-
onspartner Stadtarchiv Köln genutzten Räum-
lichkeiten rundeten den Besuch ab.
Die audiovisuellen Medien, also archivwürdige
kinematographische Filme, Videoaufnahmen
und Schallarchivalien, für die das Staatsar-
chiv zuständig ist, werden vom gleichnamigen
Sachgebiet in klimatisierten Sondermagazinen
im Archivzentrum Hubertusburg verwahrt.
Seine langjährige Erfahrung im Umgang mit
diesem besonderen Archivgut konnte das
Staatsarchiv 2016 in zwei Workshops des
Bestandserhaltungsausschusses der Konfe-
renz der Leiterinnen und Leiter der Archiv-
verwaltungen des Bundes und der Länder
(KLA) einbringen, aus der die im Berichtsjahr
veröffentlichten Empfehlungen „Bilder und
Töne bewahren“ zur Erhaltung von analogen
Fotomaterialien und audiovisuellen Medien
hervorgegangen sind. Ein Arbeitsschwerpunkt
der Zukunft wird darauf liegen, sowohl die di-
gital entstandenen AV-Archivalien als auch die
im Rahmen der Bestandssicherung erstellten
Ersatzdigitalisate im elektronischen Staats-
archiv zu erhalten.
„Bei der Bereitstellung des
Archivgutes setzen wir verstärkt
auf moderne Technologien.“
Die Sicherung vertrauenswürdiger Unterlagen
dient letztlich dem Zweck, dieses Archivgut je-
der Bürgerin und jedem Bürger sowie Wissen-
schaft und Verwaltung zugänglich zu machen.
Ganz im Sinne der E-Government-Strategie
des Freistaates Sachsen, die auf die effiziente
Abwicklung von Verwaltungsabläufen mittels
Informationstechnik und damit auf eine Mo-
dernisierung der Verwaltung abzielt, setzt auch
das Staatsarchiv auf moderne Technologien,
um sein Archivgut bereit zu stellen.
Benutzerorientierte Website des Staatsarchivs (Screenshot Ausschnitt)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 6
Dem sich wandelnden Benutzerverhalten
konsequent folgend, war die Überarbeitung
des Internetauftritts mit der Erweiterung des
Serviceangebots 2016 ein wichtiger Schritt,
um das Staatsarchiv und seine Bestände
leichter auffindbar und möglichst barrierefrei
benutzbar zu machen. Wesentliche Ziele der
Maßnahme, die auch in den Medien Beachtung
fand, waren eine bessere Benutzerführung
durch eine übersichtliche Gestaltung und die
Präsentation zentraler Angebote zur Benut-
zung direkt auf der Startseite.
Dazu wurden gleich mehrere Basiskomponen-
ten der E-Government-Plattform des Freistaa-
tes genutzt. Zur Suche für Archivalien wird
z. B. die zentrale Suchmaschine eingesetzt,
die Suchanfragen mittels Schlüsselwörtern
und Gewichtungsalgorithmen mit einer nach
Relevanz geordneten Trefferliste beantwortet.
Digitalisate werden erstmals mit Hilfe einer so
genannten Docker-Anwendung inkl. Massen-
datenspeicherung zur Verfügung gestellt,
so dass sie in jeder technischen Umgebung
performant dargestellt werden können. Die
Umstellung der Website führte jedoch auch
dazu, dass zeitweise kein Zugriff über die gän-
gigen Internetsuchmaschinen möglich war.
Die technischen Probleme, die auch zu einem
erkennbaren Rückgang der Anfragen führten,
konnten von den zuständigen Stellen erst nach
einigen Monaten gelöst werden.
Im Jahr 2017 sollen die Erschließungsinfor-
mationen des Staatsarchivs auch vollständig
in das nationale Archivportal-D eingespielt
werden. Aufgrund des hohen Datenaufkom-
mens beim Aufbau des Portals konnte das
Staatsarchiv im Berichtsjahr noch nicht be-
rücksichtigt werden. Auch um diesen Prozess
zu beschleunigen, beteiligt es sich daher an der
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) geförderten Weiterentwicklung des Ar-
chivportals. 2016 veranstaltete es in diesem
Rahmen einen Workshop zur Optimierung der
technischen Verfahren zur Datenlieferung und
-übernahme, an dem sowohl führende Anbie-
ter archivischer Softwarelösungen als auch
Fachexperten aus Archiven und Bibliotheken
teilnahmen.
Der Einsatz moderner Technologien zur Bereit-
stellung von Archivgut stand auch im Mittel-
punkt eines Besuchs der Staatsministerin für
Wissenschaft und Kunst, die sich im Haupt-
staatsarchiv Dresden über die Aufgaben des
Staatsarchivs und die zahlreichen fachlichen
Schnittmengen mit ihrem Ressort informierte.
Aber auch die von der Öffentlichkeit kaum
wahrgenommenen Abläufe zur Aufrecht-
erhaltung des Archivbetriebes unterliegen ei-
nem ständigen Wandel. Bereits 2014 war die
elektronische Magazinverwaltung einschließ-
lich der elektronischen Archivalienbestellung
in der Abteilung 4 Staatsarchiv Chemnitz
eingeführt worden. Im Berichtsjahr wurden
die Arbeiten – wiederum durch umfangreiche
Unterstützung der Abteilung 1 Zentrale Aufga-
ben, Grundsatz – in der Abteilung 5 Bergarchiv
Freiberg im Wesentlichen zum Abschluss
gebracht. In Abteilung 2 Hauptstaatsarchiv
Dresden wurde mit ersten vorbereitenden
Maßnahmen begonnen.
Die internen Prozesse sollen darüber hinaus
durch die Einführung der IT-gestützten Vor-
gangsbearbeitung und elektronischen Akten-
führung verbessert werden. 2016 wurde das
Projekt zum Einsatz der landesweit einheit-
lichen Lösung VIS.SAX im Staatsarchiv ge-
startet, mit dem die bisher papierbezogenen
Vorgänge künftig konsequent elektronisch
abgebildet werden. Bis 2018 soll die elekt-
ronische Akte an allen fünf Standorten ein-
geführt, die Durchlaufzeit reduziert und die
Qualität und Effizienz der Verwaltungsarbeit
erhöht werden.
„Alle Findmittel werden
elektronisch erfasst.“
Die Nutzung moderner Technologien für die
Bereitstellung von Archivgut setzt voraus, dass
die Erschließungsinformationen standardisiert
und in elektronischer Form vorliegen. Im Be-
richtsjahr lag der Fokus des Staatsarchivs da-
her wiederum auf der Retrokonversion, also
auf der Übertragung konventioneller Findmit-
tel in die zentrale Datenbank. Durch eigenes
Personal, durch Hilfskräfte, aber auch durch
externe Dienstleister konnte der Umfang der
recherchierbaren Datensätze um 9 % und des
online verfügbaren Archivgutes um mehr als
7 % gesteigert werden.
Der Abbau der Erschließungsrückstände verlief
– wie schon 2015 prognostiziert – hingegen
wiederum nur sehr langsam. Mit dem vor-
handenen Fachpersonal konnte das Verhältnis
der vollständig zu den unzureichend erschlos-
senen Beständen vor dem Hintergrund des
jährlichen Zuwachses von ca. 400 m Archivgut
lediglich in etwa konstant gehalten werden.
Durch eine entsprechende Schwerpunktbil-
dung ist es aber bei den audiovisuellen Medien
ebenso wie bei Karten und Plänen gelungen,
den Erschließungszustand signifikant zu ver-
bessern.
Das von der DFG mit 393.600
E
geförderte
Projekt zur Erfassung der intensiv nachge-
fragten Gerichtsbücher wurde nach vierjäh-
riger Laufzeit mit einem sehr gut besuchten
Fachkolloquium im Staatsarchiv Leipzig abge-
schlossen. Unter
www.saechsische-gerichts-
buecher.de sind nun Informationen zu 25 925
Gerichtsbüchern mit einer Laufzeit von 1359
bis 1914 abrufbar. Die Online-Recherche ist
über eine Ortssuche sowie über eine Suche
nach Gerichtsstellen möglich. Die ortsbezo-
genen Daten sind darüber hinaus mit weiteren
Datenbanken des Instituts für Sächsische Ge-
schichte und Volkskunde e.V. (ISGV) wie dem
„Digitalen Historischen Ortsverzeichnis von
Sachsen“ verknüpft.
Die Wissenschaftsministerin informiert sich über die Aufgaben des Staatsarchivs, v. r. n. l. Dr. Eva-Maria Stange
(SMWK), Dr. Andrea Wettmann, Dr. Peter Wiegand, Dr. Nils Brübach (alle StA) (Foto Sylvia Reinhardt)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 7
Ein vergleichbares Großprojekt wird das
Staatsarchiv in absehbarer Zeit voraussichtlich
nicht noch einmal durchführen können. Die
vorhandenen Kräfte sollen in den kommenden
Jahren jedoch auf die Erschließung weiterer
Großbestände mit hoher informationeller
Bedeutung konzentriert werden, um deren
Zugänglichkeit insbesondere für die wissen-
schaftliche Forschung zu verbessern.
„Wir erhöhen kontinuierlich
die Zahl der Digitalisate“.
Die Benutzer des Staatsarchivs erwarten zu-
nehmend, nicht nur die Findmittel, sondern
auch das Archivgut selbst zu jeder Zeit und
ortsunabhängig einsehen zu können. Das
Staatsarchiv hat sich daher zum Ziel gesetzt,
ausgewählte Bestände zu digitalisieren und
mittelfristig 5 % seiner Bestände kostenfrei
im Internet zur Verfügung zu stellen.
Einen wesentlichen Schritt auf diesem Weg
markiert die im Dezember 2016 veröffentlichte
Ausschreibung der DFG zur „Digitalisierung
archivalischer Quellen“, mit der durch die Di-
gitalisierung und die zentrale Zusammenfüh-
rung im Archivportal-D eine deutliche Ver-
besserung der Zugänglichkeit von Archivgut
für die Forschung erreicht werden soll. Das
Staatsarchiv hatte 2012 bis 2015 an diesem
Projekt mitgearbeitet und wird nun im Jahr
2017 die Förderung der Digitalisierung von
bereits verfilmten Beständen beantragen.
Im Berichtsjahr lag der Schwerpunkt daher
auf der Auswahl und Vorbereitung geeigneter
Bestände sowie auf der Bereitstellung der
technischen Infrastruktur. Denn während
die Herstellung der Digitalisate insbeson-
dere von bereits erstellten Mikroformen re-
lativ kostengünstig ist, entstehen durch die
langfristige Speicherung und Bereitstellung
der Daten dauerhaft erhebliche technische,
personelle und finanzielle Aufwände, die von
den wenigsten Archivträgern geleistet werden
können.
Das Staatsarchiv hat daher an einer Empfeh-
lung zur „Wirtschaftlichen Digitalisierung in
Archiven" des Fototechnischen Ausschusses
der KLA mitgearbeitet, die nicht nur Parameter
für die entstehenden Kosten nennt, sondern
auch ausdrücklich darauf hinweist, dass die
dauerhaften Folgekosten von Digitalisie-
rungsmaßnahmen über den langfristigen Pro-
jekterfolg entscheiden. Die Beschaffung des
Speicherplatzes und die Herstellung weiterer
technischer Voraussetzungen für die Präsen-
tation der Digitalisate, bei der das Staatsarchiv
mit der zuständigen Staatskanzlei und dem
Staatsministerium des Innern (SMI) zusam-
menarbeitet, konnte im Berichtsjahr noch
nicht abgeschlossen werden. Derzeit werden
daher nur etwa 60 000 Scans aus dem Bestand
10006 Oberhofmarschallamt des Hauptstaats-
archivs online gezeigt.
„Wir etablieren die Marke ‚Staatsarchiv‘.“
Das Staatsarchiv sieht sich selbst als eine Be-
hörde, die für Werte wie „Vertrauenswürdig-
keit“, „Benutzbarkeit“, „Transparenz“ und „Kun-
denorientierung“ steht. Bei der für 2017 und
2018 angestrebten Etablierung einer Marke
„Staatsarchiv“, mit der Kunden diese Werte
automatisch assoziieren, steht es aber noch
ganz am Anfang. Da für eine systematische
Medien- und Öffentlichkeitsarbeit bisher die
Kapazitäten fehlten, konzentrierte sich die
Erschließung von Archivgut (Foto Mark Frost)
Dr. Volker Jäger (StA) erläutert Teilnehmern des Kolloquiums die Recherche im Gerichtsbücher-Portal
(Foto Regine Bartholdt)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 8
Arbeit in diesem Bereich im Berichtszeitraum
auf eine anlass- und aufgabenbezogene Zu-
sammenarbeit mit Partnern und Medien.
Angesichts der jüngsten gesellschaftlichen
und politischen Entwicklungen in Sachsen
hat das Staatsarchiv dabei ganz bewusst the-
matische Schwerpunkte gesetzt, die aktuelle
Themen wie die internationale Migration, den
Umgang mit Minderheiten und Formen des
demokratischen Diskurses in den historischen
Zusammenhang einordnen. Das monatlich auf
der Website veröffentlichte „Archivale im Fo-
kus“ griff z. B. die massenhafte Auswanderung
aus Sachsen in der Mitte des 19. Jahrhunderts
oder die Bemühungen der Bergbauverwaltung
auf, nach 1945 Flüchtlinge zu integrieren und
gleichzeitig Arbeitskräfte für den Bergbau zu
gewinnen.
Auch der regelmäßig vom VdA veranstaltete
Tag der Archive, an dem 2016 das Staats-
archiv Leipzig und das Bergarchiv Freiberg
teilnahmen, widmete sich unter dem Titel
„Mobilität im Wandel“ diesem Themenkreis.
Ein Vortrag von Frank Richter, dem Leiter der
Landeszentrale für politische Bildung, zum
Thema „Geschichte als politische Keule“ sowie
Archivführungen und Archivalienpräsentatio-
nen zu Glaubensflüchtlingen, Auswanderern,
Vertriebenen und Ausreisewilligen stießen an
zwei Tagen auf ein breites Interesse.
Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein führte
Veranstaltungen im Staatsarchiv Chemnitz zur
„Nationalsozialistischen Zwangssterilisation in
Sachsen“ und gemeinsam mit dem Verein für
sächsische Landesgeschichte im Hauptstaats-
archiv Dresden zur „Sächsischen Psychiatrie
in der Weimarer Politik“ durch. Im Bergarchiv
Freiberg wurde eine Wanderausstellung zu
Flucht, Vertreibung und Integration nach 1945
des Landesverbands der Vertriebenen und
Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesi-
sche Lausitz e.V. gezeigt, während Studierende
und Dozenten des Instituts für Geschichte der
TU Dresden unter dem Titel „Beleidigung und
Protest“ ihre an Originalquellen entwickelten
Forschungsergebnisse in Form einer innova-
tiven Posterpräsentation darstellten. Mit der
jüngsten Vergangenheit beschäftigten sich die
Veranstaltung der BStU-Außenstelle Chemnitz
zum Frauenzuchthaus Hoheneck im Staats-
archiv Chemnitz und eine Podiumsdiskussion
mit Zeitzeugen zum Tag der Deutschen Einheit
im Bergarchiv Freiberg, die von der Wander-
ausstellung „Helden im Wilden Osten“ der
Leipziger Agentur „Zeitläufer“ begleitet wurde.
Im Staatsarchiv Chemnitz konnte die bereits
im Vorjahr nach musealen Standards errichtete
kleine Kabinettausstellung „Die Schönburger
Bekanntmachung über die Eröffnung des Nachweisungsbüros für Auswanderer in Bremen, Februar 1851 (SächsStA-L,
20005 Ältere Amtshauptmannschaften des Leipziger Kreises, Nr. 2275)
Eröffnung der Kabinettausstellung „Die Schönburger“ im Staatsarchiv Chemnitz, v. l. n. r. Annette Rothenberger-
Temme (SMI), Dr. Andrea Wettmann (StA), Jörg Schröder (SMI), Raymond Plache (StA), Dr. Alfred Prinz von Schön-
burg-Hartenstein (Foto Judith Matzke)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 9
– Herrschaftsträger zwischen Sachsen und
dem Reich“ eröffnet werden. Sie zeigt dauer-
haft ausgewählte Archivalien zur Geschichte
dieser Adelsfamilie, die bis 1740 die Selbst-
ständigkeit ihrer Territorien gegenüber den
sächsischen Wettinern behaupten konnte und
die Geschichte Südwestsachsens über Jahr-
hunderte bestimmte.
Im besten Sinne routiniert verlief auch 2016 die
Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum
für Archäologie in Chemnitz (smac), wo in der
„Schatzkammer Staatsarchiv“ im regelmäßigen
Wechsel Archivalien zum Aufbau einer funk-
tionierenden Verwaltung im Kurfürstentum
Sachsen gezeigt werden. Für großes öffentliches
Interesse sorgen immer wieder Ersterwähnun-
gen und Ortsjubiläen, deren schriftliche Belege
in aller Regel von Archiven verwahrt werden. Im
Berichtsjahr war es die Feier „800 Jahre städ-
tische Verfassung in Dresden“, die eine vom
Hauptstaatsarchiv Dresden verwahrte Urkunde
ins Rampenlicht stellte. Dieser älteste schriftliche
Beleg für Dresden als „Stadt“ wurde – beglei-
tet durch einen Fachvortrag des Hauptstaats-
archivs – für einen Tag im Stadtarchiv Dresden
ausgestellt. Aus der Tagung „Wissen – Wolle
– Wandel“, die das Hauptstaatsarchiv mit dem
ISGV durchführte, entstand in der Schriftenreihe
des Staatsarchivs eine Publikation, in der die
Beiträge zur Geschichte der sächsischen Meri-
noschafzucht und damit verbundener Bereiche
Eröffnung der Wanderausstellung „Helden im Wilden Osten“ im Bergarchiv Freiberg (Foto Maria Fischer)
der Agrar- und Wirtschaftsgeschichte Sachsens
im 18. und 19. Jahrhundert zusammengefasst
sind. Die im vergangenen Jahr vom Staatsarchiv
Leipzig entwickelte Ausstellung zu dem Bankier
Christian Gottlob Frege wurde von Lehrern einer
Leipziger Oberschule besucht, die nach einem
Beschluss der Stadt heute seinen Namen trägt.
Ausblick
Der Beginn des „digitalen Zeitalters“ soll sich
auf das Jahr 2002 datieren lassen, in dem es
der Menschheit vermutlich erstmals mög-
lich war, mehr Informationen digital als im
Analogformat zu speichern. Seither haben sich
die Erwartungen der Verwaltung, der Bürger
und der Wissenschaft an die Archive nicht
grundlegend verändert. Auch in der modernen
Informationsgesellschaft haben sie die Aufga-
be, eine vertrauenswürdige Überlieferung zu
bilden und authentisches Archivgut zur Benut-
zung bereit zu stellen. Die Ausrichtung und der
Charakter ihrer Aufgabenerfüllung sind seit
dem Einsatz der Informations- und Kommu-
nikationstechnologien jedoch einem stetigen
und unaufhaltsamen Wandel unterworfen.
Die Archive und ihre Träger stehen also nicht
erst seit heute vor der Herausforderung, die
internen Arbeitsprozesse ebenso wie die
Dienstleistungen für den Kunden so weiter
zu entwickeln, dass sie den gegenwärtigen
Anforderungen gerecht werden können. Auch
im Staatsarchiv hat die Digitalisierung in den
vergangenen 15 Jahren dazu beigetragen, dass
archivische Abläufe vereinfacht, beschleunigt
und der Ressourcenbedarf in einigen Aufga-
benbereichen reduziert werden konnte. Im
Rückblick zeigt sich aber ebenso deutlich, dass
sich in anderen Bereichen der Mittelbedarf
signifikant erhöht hat, die Anforderungen an
das Fachpersonal gewachsen sind und die
steigenden Folgekosten der Digitalisierung
derzeit noch nicht einmal genau beziffert
werden können.
Auch im nächsten Jahr wird es also darauf
ankommen, diese Schwerpunktverschiebung
einerseits gegenüber Politik, Verwaltung und
Öffentlichkeit angemessen zu kommunizieren,
und andererseits ihre Folgen intern so zu or-
ganisieren, dass das Staatsarchiv die Chancen
der Digitalisierung auch weiterhin erfolgreich
nutzen kann. Mein Dank gilt auch in diesem
Jahresbericht allen Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeitern des Staatsarchivs, die den Betrieb an
allen fünf Standorten aufrechterhalten und
durch ihre engagierte Arbeit und konstruktive
Kritik zum Gelingen dieses anspruchsvollen
Vorhabens beitragen.
Andrea Wettmann
(Direktorin)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2016

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 10
Ortsjubiläen auf der Grundlage schriftlicher Quellen –
Fragen der praktischen Herangehensweise
Grundsätzliches
Ortsjubiläen sind heute ein wesentlicher Be-
standteil der Traditionspflege auf kommunaler
Ebene. Für die meisten Orte bedarf die Fest-
legung des Jubiläumsdatums jedoch gründ-
licher Überlegung, da Gründungsurkunden im
eigentlichen Sinn nur selten überliefert sind.
Mittel, um das ungefähre Alter eines Ortes
dennoch festzustellen, sind die Datierung ar-
chäologischer Funde, die sprachwissenschaft-
liche Analyse des Ortsnamens, die Analyse der
Orts- und Flurform sowie die Einbeziehung
der Kenntnisse zum allgemeinen Verlauf der
Siedlungsgeschichte im entsprechenden Ge-
biet. Als Grundlage für Ortsjubiläen dienen
solche durch interdisziplinäre Forschungen
gewonnenen Ergebnisse jedoch heute selten.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass man auf
diese Weise kein genaues Jahr, sondern, je nach
Aussagekraft der vorhandenen Überlieferung
und Stand der Forschung, einen Zeitraum von
wenigen Jahrzehnten bis zu einigen Jahrhun-
derten erhält. Dies ist als Grundlage für ein
Jubiläum, das zu einem bestimmten Jahr be-
gangen werden soll, unbefriedigend.
Ersatzweise wird deshalb heute meist zur
ersten schriftlichen Erwähnung des Ortes
gegriffen, bei Städten daneben auch zum
ersten ausdrücklichen Beleg als Stadt. Man
begeht das Jubiläum also auf der Grundlage
eines Datums, an dem der Ort bereits bestand.
Nicht zu übersehen ist jedoch ein anderes
Problem. Wegen der geringen Schriftlichkeit
des Mittelalters und inzwischen eingetrete-
ner Überlieferungsverluste sagt die Erster-
wähnung nur sehr bedingt etwas über das
wirkliche Alter eines Ortes aus. Abstände von
einigen Jahrhunderten zwischen der Gründung
eines Ortes und seiner Ersterwähnung sind
nicht selten. Zunächst gibt es für die Zeit bis
zum Jahr 924 (Erwähnung von Püchau bei
Wurzen zu diesem Jahr in der zwischen 1012
und 1018 entstandenen Chronik Thietmars
von Merseburg) überhaupt keine schriftliche
Überlieferung, die Ortsnamen im Gebiet des
heutigen Freistaats Sachsen anführt. Frühe
sorbische Ortsgründungen in diesem Gebiet
seit dem 6. Jahrhundert sind also einige Jahr-
hunderte ohne schriftlichen Beleg geblieben.
Die schriftliche Überlieferung setzt auch da-
nach sehr schleppend ein und bleibt bis ins
Spätmittelalter hinein gemessen an heutigen
Verhältnissen äußerst gering. Hinzu kommt,
dass mit erheblichen Überlieferungsverlusten
sowohl durch Nachlässigkeit als auch durch
Krieg, Brand, Überschwemmungen und andere
Unglücksfälle zu rechnen ist. Die schriftliche
Überlieferung mancher Dynastien ist völlig
verschwunden. Beispiele sind die Burggrafen
von Dohna und die Herren von Waldenburg
auf Wolkenstein. Es gibt zwar noch Urkunden,
die Mitglieder dieser Familien zugunsten von
anderen Empfängern ausstellten, jedoch fehlt
von der urkundlichen Überlieferung, die die
Burggrafen von Dohna bis zum Verlust ihrer
Herrschaft Dohna an die Wettiner (1402) und
die Herren von Waldenburg auf Wolkenstein
bis zu deren Aussterben im Mannesstamm
(1472 oder wenig später) in ihren Burgen auf-
bewahrten, bisher jede Spur. Allgemein ist auch
davon auszugehen, dass geistliche Instituti-
onen früher als weltliche Herrschaftsträger
Bedingungen für eine geordnete und sichere
Aufbewahrung ihres Schriftguts schufen. Die
für geistliche Empfänger ausgestellten Ur-
kunden hatten bis ins Spätmittelalter hinein
wesentlich bessere Chancen, der Nachwelt
erhalten zu bleiben, als die für weltliche Emp-
fänger ausgestellten Stücke.
Somit ist klar, dass der Zeitpunkt der Erst-
erwähnung eines Ortes nicht nur von seinem
Alter, sondern daneben von vielen Überlie-
ferungszufällen abhängt. Es ist keineswegs
selten, dass Orte, die unzweifelhaft der Zeit
der deutschen Ostsiedlung und des hochmit-
telalterlichen Landesausbaus von etwa 1150
bis 1250 zuzuordnen sind, erst im 14. oder
15. Jahrhundert schriftlich fassbar sind. Trotz
dieser Unwägbarkeiten ist die Ersterwähnung
als erstes exakt fixierbares Datum einer Orts-
geschichte die beste Grundlage für ein Orts-
jubiläum, sofern nicht ausnahmsweise eine
Gründungsurkunde vorliegt. Ortsjubiläen sind
ohnehin oftmals Anlass für neue Publikati-
onen zur Ortsgeschichte, in denen die Erst-
erwähnung gegenüber anderen Ereignissen
und Entwicklungen angemessen eingeordnet
werden kann.
Eine Ausnahme stellen späte Gründungen seit
dem ausgehenden 15. Jahrhundert dar. Hier ist
die Gründungsgeschichte selbst oftmals schon
recht exakt dokumentiert und das Gründungs-
jahr daher bekannt. In Sachsen handelt es sich
dabei vor allen um Bergstädte aus der zweiten
Blütezeit des erzgebirgischen Bergbaus wie
Schneeberg (1471) und Annaberg (1496) sowie
um Gründungen böhmischer Exulanten wie
Johanngeorgenstadt (1654).
Jubiläumstraditionen haben einen erheblichen
Einfluss auf die Entscheidung über den Zeit-
punkt von Ortsjubiläen, sollten jedoch stets
kritisch hinterfragt werden, bevor man sie
wieder aufgreift (vgl. dazu Winfried Schich,
Ersterwähnungen und Ortsjubiläen. Betrach-
tungen zur brandenburgischen Siedlungsge-
schichte, Vortrag auf dem „Tag der branden-
burgischen Orts- und Landesgeschichte“ am
6. November 2005 in Potsdam,
http://www.
landeshauptarchiv-brandenburg.de/index.
php/service/ort-landesgeschichte/tage-orts-
landesgeschichte (20.02.2017), besonders
S. 2–6). Insbesondere sollte geprüft werden,
ob die Jubiläumsdaten noch dem heutigen
wissenschaftlichen Kenntnisstand entspre-
chen. Beispielsweise kann es neue Erkenntnisse
über die Fälschung mittelalterlicher Urkunden
oder die falsche Zuordnung historischer Belege
zu Orten mit ähnlichem Namen geben. Zu-
dem sind die oft bisher unedierten Quellen ab
etwa 1250 noch keineswegs vollständig unter
dem Gesichtspunkt der Ortsersterwähnungen
ausgewertet. Gerade bei relativ späten Erwäh-
nungen sind daher oftmals noch Korrekturen
zu erwarten. Zu rechnen ist daneben auch
mit früheren Ortsjubiläen, die aus politischen
Gründen auf unzureichender oder falscher
Quellengrundlage begangen wurden. Insbe-
sondere historische Daten, die auf Jubiläen aus
der Zeit des Nationalsozialismus und aus der
DDR-Zeit zurückgehen, sollten diesbezüglich
kritisch hinterfragt werden.
Einschlägige Nachschlagewerke
und Quelleneditionen
Bezüglich historisch topographischer und
sprachwissenschaftlicher Nachschlagewerke,
mit denen der derzeitige Kenntnisstand zu
Ersterwähnungen von Orten festgestellt wer-
den kann, ist Sachsen vergleichsweise gut
ausgestattet. In erster Linie zu nennen ist das
Historische Ortsverzeichnis von Sachsen, des-
sen Erstausgabe (bearb. v. Karlheinz Blaschke,
Leipzig, 1957) inzwischen durch eine wesent-
lich überarbeitete Neuausgabe (bearb. v.
Susanne Baudisch und Karlheinz Blaschke,
Leipzig, 2006) ersetzt wurde. Die Neuaus-
gabe ist die Grundlage der vom Institut für
Sächsische Geschichte und Volkskunde be-

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 11
treuten Onlineausgabe, die gegenüber der
Druckausgabe bereits einige Korrekturen und
Ergänzungen enthält
(http://hov.isgv.de/orte/
(20.02.2017)).
Nicht ganz unproblematisch ist, dass die
gedruckten Fassungen des Historischen
Ortverzeichnisses auf Quellenangaben bei den
Ortsnamenbelegen verzichten und diese auch
in der Onlinefassung bisher nur sporadisch
nachgetragen sind. Weitgehend zugänglich
sind die Quellenangaben jedoch durch die
zu den Findmitteln des Hauptstaatsarchivs
1068 Okt. 28, Rochlitz, König Heinrich IV. schenkt dem Domkapitel zu Meißen zwei Königshufen in Löbtau (Ortsname „Livbitvwa“, gesprochen Liubituwa) (SächsStA-D, 12856
Domkapitel Meißen (D), Nr. 5)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 12
Dresden gehörenden Karteien zum Histori-
schen Ortsverzeichnis (19010 Spezialinven-
tar Historisches Ortsverzeichnis), die auch
die wesentlichen Ergebnisse der 1904 unter
Leitung Alfred Meiches begonnenen Vorar-
beiten zu einem Historischen Ortsverzeichnis
von Sachsen enthalten. Einen relativ guten
Zugang zu den Quellen für die Ortsnamenbe-
lege bietet außerdem das Historische Ortsna-
menbuch von Sachsen (hrsg. v. Ernst Eichler
und Hans Walter, Berlin, 2001). Diese sprach-
wissenschaftliche Publikation bietet mit der
Untersuchung der sprachlichen Herkunft
und Bedeutung der Ortsnamen wesentliche
Zusatzinformationen zum Historischen Orts-
verzeichnis.
Als nächster Schritt nach der Ermittlung der
Ersterwähnung eines Ortes bietet sich die
Prüfung der Frage an, ob die entsprechende
Quelle bereits ediert ist. Das für Ortserster-
wähnungen in Sachsen wichtigste Editions-
vorhaben ist dabei der Codex diplomaticus
Saxoniae (bis 1918 Codex diplomaticus Saxo-
niae regiae). Die meisten bereits erschienenen
Bände dieses bei der Sächsischen Akademie
der Wissenschaften zu Leipzig und dem Insti-
tut für Sächsische Geschichte und Volkskunde
in Dresden noch laufenden Editionsvorhabens
sind bereits online verfügbar
(http://codex.
isgv.de/ (20.02.2017)).
Handschriftliche Quellen in Archiven
und Bibliotheken
Bei Ortsjubiläen entsteht seitens der Organi-
satoren meist der Wunsch, für Publikations-
und Ausstellungszwecke eine Reproduktion
der entsprechenden Quelle herstellen zu las-
sen. Dazu ist es wichtig, mit Hilfe der oben
angeführten Hilfsmittel zunächst den Aufbe-
wahrungsort des entsprechenden Stückes zu
ermitteln. Die einschlägige Hauptüberlieferung
befindet sich im Sächsischen Staatsarchiv. Be-
sonders ergiebig ist dabei die Überlieferung
der Abteilung 2 Hauptstaatsarchiv Dresden
mit seinen Beständen 10001 Ältere Urkunden,
10004 Kopiale und 10005 Hof- und Zentral-
verwaltung (Wittenberger Archiv). Zu weiteren
Informationen über die einschlägigen Bestän-
de sei auf die Rubrik „Unsere Bestände“ auf
der Homepage des Sächsischen Staatsarchivs
verwiesen:
http://www.archiv.sachsen.de/
unsere-bestaende.html (21.02.2017).
Das Sächsische Staatsarchiv ist jedoch bei wei-
tem nicht die einzige Institution, die Quellen
zu Ersterwähnungen von Orten in Sachsen
besitzt. Insbesondere für die Gebiete, die von
1485 bis 1547 zum ernestinischen Kurfürs-
tentum Sachsen gehörten, kommt auch das
Landesarchiv Thüringen, insbesondere dessen
Abteilung Hauptstaatsarchiv Weimar, in Be-
tracht. Auch die Stadtarchive größerer Städte
verfügen oftmals über relativ frühe Quellen
sowohl zur eigenen Stadt als auch zu benach-
barten Orten. Vergleichsweise bedeutend ist
aufgrund des früheren Status der Oberlausitz
als böhmisches Kronland und des hohen Stel-
lenwerts der wirtschaftlichen und politischen
Beziehungen zu Böhmen bereits im Mittelalter
auch die einschlägige Überlieferung in tsche-
chischen Staatsarchiven, insbesondere im
Nationalarchiv in Prag. In diesem Zusammen-
hang sei darauf hingewiesen, dass zahlreiche
Urkunden tschechischer Archive, aber auch
die bedeutende urkundliche Überlieferung
des Stadtarchivs Bautzen bereits online auf
dem europäischen Urkundenportal Monas-
terium.net einsehbar sind
(http://icar-us.eu/
cooperation/online-portals/monasterium-net/
(21.02.2017)).
In geringerem Umfang als Archive verfügen
daneben auch Bibliotheken mit größeren
Handschriftenabteilungen wie die Sächsische
Landesbibliothek – Staats- und Universitäts-
bibliothek Dresden, die Universitätsbibliothek
Leipzig und die Ratsschulbibliothek Zwickau
über Quellen, die Ersterwähnungen von Orten
enthalten können. Dies können beispielsweise
handschriftliche Chroniken aus dem Mittelal-
ter und der frühen Neuzeit sein.
Die Ersterwähnung des Dresdner
Stadtteils Löbtau 1068 als Beispiel
Mit seiner Ersterwähnung in einer von König
Heinrich IV. in Rochlitz ausgestellten Urkun-
de vom 28. Oktober 1068 ist Löbtau der am
frühesten erwähnte Stadtteil von Dresden
und wird 2018 eine 950-Jahrfeier begehen.
Typisch für diese relativ frühe schriftliche
Erwähnung ist, dass der Ort zum Interessen-
bereich des Hochstifts Meißen gehörte, also
einer geistlichen Institution mit relativ früh
ausgeprägter Schriftlichkeit und geregelter
Schriftgutverwahrung. Löbtau ist der Haupt-
gegenstand dieser Beurkundung. Heinrich IV.
übertrug dem Meißener Domkapitel hier auf
Bitten dreier hoher Geistlicher, darunter des
Bischofs Benno von Meißen, zwei Königshu-
fen in Löbtau mit allem Zubehör, darunter den
dazugehörigen Hörigen beiderlei Geschlechts.
Königshufen waren meist etwa doppelt so
groß wie normale Hufen. Der Passus, dass in
dem Fall, dass in Löbtau nicht genügend Land
für die Schenkung vorhanden sei, gleichwer-
tige Ländereien in der Umgebung herange-
zogen werden sollten, deutet möglicherweise
auf eine gewisse Unsicherheit der königlichen
Kanzlei über die tatsächlichen Verhältnisse vor
Ort. Der Ortsname Löbtau in der Schreibweise
Livbitvwa ist in der Urkunde mit Kapitälchen
hervorgehoben. Angegeben ist auch die Lage
des Ortes im Gau Nisan im Weißeritzburg-
ward.
Löbtau hat somit zweifellos 1068 als Ort be-
reits bestanden. Die spätere Ortsform eines
Platzdorfes, die zu dieser frühen Entstehungs-
zeit nicht passt, deutet vermutlich auf eine
Ortserweiterung in der Zeit des hochmit-
telalterlichen Landesausbaus. Der slawische
Ortsname von Löbtau passt dagegen gut zur
relativ frühen Entstehungszeit des Ortes. Er ist
nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich
von einem Personennamen etwa in der Form
Lubota oder Lubeta abgeleitet.
Die Schenkung von 1068 markiert den Be-
ginn von umfangreichen Besitzerwerbungen
des Meißener Domkapitels in diesem Ort. Ein
1350 angelegtes Gesamtverzeichnis über die
Besitzungen des Domkapitels zählte jeden-
falls schon das gesamte Dorf Löbtau zu den
Besitzungen des Domkapitels (Sächsisches
Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden,
10001 Ältere Urkunden, Nr. 3222).
Eckhart Leisering
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 13
Sächsische Gerichtsbücher – weltweit im Fokus
Seit dem 16. September 2016 sind die Infor-
mationen zu fast 26 000 sächsischen Ge-
richtsbüchern online recherchierbar. Wäh-
rend des Fachkolloquiums des Sächsischen
Staatsarchivs wurde an diesem Tag die neue
Website „Sächsische Gerichtsbücher“
(www.
saechsische-gerichtsbuecher.de) offiziell frei-
geschaltet. Auf dieser Veranstaltung konnten
die Ergebnisse des durch die Deutsche For-
schungsgemeinschaft (DFG) mit einer Sach-
beihilfe von 393.600
geförderten Erschlie-
ßungsprojekts einem interessierten Publikum
aus Familien- und Heimatforschern, Histori-
kern und Archivaren aus Sachsen, Sachsen-
Anhalt und Thüringen vorgestellt werden.
Ziel des DFG-Projekts „Erschließung der im
Sächsischen Staatsarchiv verwahrten Ge-
richtsbücher und Einbindung der Metadaten
in bestehende Informationssysteme“ war die
elektronische Erschließung der rund 23 000
Bände des Bestands 12613 Gerichtsbücher.
Es handelt sich dabei um Amtsbücher einer
Vielzahl von Untergerichten des ausgehen-
den Mittelalters bis zur Verstaatlichung der
Gerichtsbarkeit um 1856. Inhaltlich betref-
fen die Gerichtsbücher meist verschiedene
Bereiche der Freiwilligen Gerichtsbarkeit wie
Grundbesitzveränderungen, Nachlässe und
Vormundschaften. Diese Unterlagen gelangten
ab den 1920er Jahren aus den Registraturen
der Amtsgerichte in das Hauptstaatsarchiv
Dresden. In den folgenden Jahrzehnten wurde
der umfangreiche Sammelbestand „Gerichts-
bücher“ formiert, jedoch kamen Bemühungen
um die fachgerechte Erschließung nicht über
Ansätze hinaus. Es blieb bis in die jüngste Ver-
gangenheit im Wesentlichen bei der Nutzung
der Abgabelisten der Amtsgerichte, die kaum
Hinweise auf Provenienzen der Einzelarchiva-
lien gaben und durch zahlreiche Korrekturen
und Streichungen die Recherchen zusätzlich
erschwerten.
Der unbefriedigende Erschließungszustand
stand im Gegensatz zur überdurchschnittli-
chen Benutzung der Quellen. Die Gerichtsbü-
cher geben Auskunft über Kaufhandlungen,
Liegenschaften, verbriefte Rechte, Besitzer-
familien, verwandtschaftliche Beziehungen
und vieles mehr. Sie sind für Sachsen in den
Grenzen von 1815 nahezu flächendeckend
überliefert. Für viele Ortschaften setzt die
schriftliche Überlieferung mit den Gerichts-
büchern ein. Sie spiegeln durch eine Fülle von
Informationen sowohl den Alltag der Men-
schen als auch strukturelle Veränderungen in
den Herrschaftsverhältnissen über mehrere
Jahrhunderte wider. Daher sind die Gerichts-
bücher unverzichtbar für die historische, hei-
mat- oder familienkundliche Forschung.
Zwischen 2013 und Frühjahr 2016 sind im Rah-
men des Projekts alle Gerichtsbücher des Be-
stands 20613 nach einem einheitlichen Sche-
ma elektronisch erschlossen worden. Neben
der Erfassung der üblichen Verzeichnungsan-
gaben wie Signaturen, Titel, Laufzeit usw. sind
erstmals die Provenienzen für jeden einzelnen
Band ermittelt worden. Damit sind nun sowohl
zielgerichtete Verweise auf die Aktenüberliefe-
rung als auch die provenienzgerechte Ordnung
Diskussionsrunde während des Kolloquiums im Staatsarchiv Leipzig (Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 14
Titelblatt für das Lehn-, Gerichts- und Zinsbuch des Pfarrdotalgerichts Lausick, 1676–1706 (SächsStA-D,
12613 Gerichtsbücher, GB AG Bad Lausick Nr. 54)
des Bestands möglich. Für die Erforschung
der Herrschaftsverhältnisse und insbesondere
der örtlichen Gerichtsorganisation in Sachsen
ergeben sich völlig neue Auswertungsmöglich-
keiten. Darüber hinaus sind zur Erleichterung
der historischen, genealogischen und namen-
kundlichen Forschungen die in den einzel-
nen Gerichtsbüchern tatsächlich enthaltenen
Orte mit Rechtshandlungen, d. h. Orte in der
Zuständigkeit eines Gerichts, erfasst worden.
Auch hieraus lassen sich Untersuchungen zur
Ausdehnung der Gerichtsbezirke und deren
Wandel über die Jahrhunderte durchführen.
Mit der Erfassung der zugehörigen Orte konn-
te auch das zweite Ziel des Projekts, die Ver-
knüpfung mit den ortsbezogenen Datenbanken
des Instituts für Sächsische Geschichte und
Volkskunde (ISGV), realisiert werden. Jedes Ge-
richtsbuch ist entsprechend seines Inhalts mit
mindestens einem Ortsnamen verbunden. Die-
ser Ortsname ermöglicht eine Verknüpfung mit
dem „Digitalen Historischen Ortsverzeichnis“
bzw. dem „Repertorium Saxonicum“, zwei viel
benutzten Online-Datenbanken des ISGV. Die
technischen Voraussetzungen dafür sind durch
das ISGV als Projektpartner geschaffen worden.
Im Verlauf des DFG-Projekts war es außer-
dem möglich, Gerichtsbücher aus mehreren
sächsischen Stadtarchiven zu erschließen und
auf diese Weise in das Projekt einzubeziehen.
Damit wurden neben den 22 920 Archivali-
en des Bestands 12613 Gerichtsbücher auch
2 868 Gerichtsbücher in die Datenbank auf-
genommen, die heute in den Stadtarchiven
Bautzen, Dresden, Görlitz, Kamenz, Leipzig,
Löbau, Meißen, Plauen und Zwickau verwahrt
werden. Hinzu kamen 137 Gerichtsbücher der
preußischen Oberlausitz im Staatsfilialarchiv
Bautzen, womit nach Abschluss des Projekts
insgesamt 25 925 Gerichtsbücher aufberei-
tet wurden. Sie enthalten mehr als 218 000
Einträge zu ca. 4 700 Orten. Diese Orte sind
1 351 Provenienzstellen zuzuordnen, darunter
allein 1 300 Untergerichten im Bestand 12613
Gerichtsbücher des Sächsischen Staatsarchivs.
Mit der Freischaltung der Website „Sächsische
Gerichtsbücher“ ist der Zugang zu den häufig
nachgefragten Gerichtsbüchern für die Nutzer
erheblich vereinfacht und sehr komfortabel
gestaltet worden. Im Recherchebereich ist eine
Abfrage nach den in den Gerichtsbüchern ent-
haltenen Orten oder nach Gerichten möglich.
Als Ergebnis erhält der Nutzer eine Übersicht
über alle ermittelten Gerichtsbücher mit den
Bestellangaben für das verwahrende Archiv.
In der Einzelansicht werden weitere inhaltli-
che Angaben sichtbar sowie die Links zu den
ortsbasierten Webseiten des ISGV (HOV und
RepSax) sowie zur Beständeübersicht des
Ehevertrag mit Bestätigung durch den Rat zu Zittau, 1798, im Gerichtshandelsbuch der Stadt Zittau (SächsStA-D,
12613 Gerichtsbücher, GB AG Zittau Nr. 50)
Chronikartige Einträge für Frankenberg im Stadtbuch von Frankenberg bei Hainichen, 1570/1571 (SächsStA-D,
12613 Gerichtsbücher, GB AG Frankenberg Nr. 46)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 15
Staatsarchivs (SAX.Archiv). Die entsprechen-
den Verknüpfungen funktionieren selbstver-
ständlich auch von der Homepage des ISGV,
so dass auch das Historische Ortsverzeichnis
von Sachsen Ausgangspunkt für die Recherche
nach Gerichtsbüchern sein kann. Über die Ge-
richtssuche erhält der Benutzer zusätzlich eine
Kurzbeschreibung der jeweiligen Gerichtsstel-
le mit Angaben zur Geschichte, der örtlichen
Zuständigkeit und zu korrespondierenden Be-
ständen. Letztere führen durch Links direkt zu
diesen Beständen in den Internetauftritten
des Sächsischen Staatsarchivs und weiterer
Archive.
Für die Suche nach Gerichtsbüchern bietet
die neue Website übergreifende Recherche-
möglichkeiten: Sie verknüpft sowohl mehrere
Ausschnitt aus der Karte „Sächsische Gerichte, 14.–19. Jahrhundert“, Region Wurzen – Grimma
sächsische Archive mit ganz unterschiedli-
chen Trägern als auch einzelne Datenbanken
über die Grenzen von Institutionen hinweg.
Detaillierte Informationen über das Projekt,
die Funktion von Gerichten, die Inhalte und
Auswertungsmöglichkeiten von Gerichtsbü-
chern und vieles mehr sind dem Tagungs-
band zu entnehmen, der 2017 innerhalb
der Veröffentlichungsreihe des Sächsischen
Staatsarchivs erscheinen wird. Die Publikation
enthält im Anhang eine Karte mit allen aus
den Gerichtsbüchern ermittelten Gerichts-
stellen, eingeteilt in die Gruppen Ämter,
Ritter- und Kammer güter, Stadt- und kom-
munale Gerichte usw. Die Untersuchung der
flächenmäßigen Verteilung der Untergerichte
bietet ebenfalls Ansätze für vergleichende
regionale Forschungen. Die Karte macht al-
lerdings auch Lücken in der Überlieferung
der Gerichtsbücher deutlich. Sie betreffen
die Gebiete, die 1815 an Preußen abgetreten
wurden, sowie insbesondere den Leipziger
Raum. Die Ursachen dafür liegen in der unter-
schiedlichen Bestandsgeschichte. Es existie-
ren daher weitere sächsische Gerichtsbücher
u. a. im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, in den
Ämter- und Ritterguts-/Grundherrschaftsbe-
ständen des Sächsischen Staatsarchivs und in
Kommunalarchiven. In deren Erfassung wie
auch in der sukzessiven Digitalisierung der
Gerichtsbücher liegen Ansätze für künftige,
weiterführende Projekte.
Birgit Richter
(Staatsarchiv Leipzig)
Website Sächsische Gerichtsbücher, Trefferliste für die Ortssuche nach Auerbach (bei Zwickau), Ausschnitt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 16
Zwangsarbeit für die Deutsche Reichsbahn der DDR –
Blick auf die regionalen Quellen
Die Deutsche Bahn AG gab im Jahre 2014
unter anderem beim Verfasser eine Studie
in Auftrag, in der das Verhältnis der Deut-
schen Reichsbahn (DR) zum Strafvollzug der
DDR beleuchtet werden sollte. Vor allem die
Fragen nach Art, Umfang und Bedeutung
der Häftlingszwangsarbeit für die Deutsche
Reichsbahn sowie die Modalitäten des Häft-
lingstransports auf der Schiene waren hierbei
zu untersuchen. Das Buch erschien unter fol-
gendem Titel: Susanne Kill/Christopher Kopper/
Jan-Henrik Peters, Die Reichsbahn und der
Strafvollzug in der DDR. Häftlingszwangsarbeit
und Gefangenentransport in der SED-Dikta-
tur, Essen: Klartext Verlag, 2016. Die folgende
Darstellung beschränkt sich auf die Häftlings-
zwangsarbeit, da für das Thema des Gefan-
genentransportes vor allem zentrale Quel-
len des Bundesarchivs von Relevanz waren.
Die handelnden Akteure – Strafvollzugsbe-
hörden und die Staatsbahn der DDR – waren
überwiegend zentralistisch organisiert. Ledig-
lich für die Zeit bis ca. 1950/1952 war der
Strafvollzug noch Angelegenheit der Länder-
justizverwaltungen, danach ging er nach so-
wjetischem Vorbild auf das Ministerium des
Innern der DDR (MdI), Verwaltung Strafvollzug,
über. Aber die zentralistischen Verwaltungen
der DDR besaßen auch regionale Strukturen:
Das MdI verfügte in jedem Bezirk der DDR
über eine Bezirksbehörde der Deutschen
Volkspolizei (BDVP) mit einer eigenen Ver-
waltung Strafvollzug. In Ost-Berlin war dies
das Präsidium der Volkspolizei. Im Bereich der
Deutschen Reichsbahn existierten als regiona-
le Verwaltung Reichsbahndirektionen (Rbd).
Die Rbd-Grenzen orientierten sich nicht an
den Grenzen der Länder oder Bezirke; zudem
umrissen sie kein Territorium, sondern nur die
Zuständigkeit für die Eisenbahnstrecken inner-
halb ihres Einzugsgebietes. Für das Bau- und
das Ausbesserungswesen (schwere planmä-
ßige Instandhaltung) gab es zudem jeweils
sachbezogene Reichsbahndirektionen für die
gesamte DDR.
Nach einer zu Beginn des Forschungsprojektes
durchgeführten Recherche in den Beständen
des MdI (DO 1) und des Ministeriums für Ver-
kehrswesen (DM 1) des Bundesarchivs ließ sich
die Entstehung eines 1966 unterzeichneten
Vertrages zwischen dem Minister des Innern
und dem Verkehrsminister/Generaldirektor
der DR über den Einsatz von Strafgefangenen
nachvollziehen. Zudem konnten in geringem
Umfang archivalische Unterlagen über einzel-
ne Arbeitseinsatzorte von Häftlingen für die
DR aufgefunden werden. Relativ schnell wurde
aber erkennbar, dass sich die eingehendere Un-
tersuchung der konkreten Arbeitsbedingungen
vor Ort mit den zentralen Quellen nicht würde
bewerkstelligen lassen.
Dagegen ermöglichte die Heranziehung der
Quellen vor allem der BDVP und in geringerem
Maße auch der Rbd eine genauere Analyse
der Modalitäten des Gefangeneneinsatzes für
die Reichsbahn. Der Verfasser zeichnete hier
für das Gebiet des heutigen Freistaates Sach-
sen verantwortlich. Hieraus ergab sich, dass
insbesondere die Bestände 11228 Deutsche
Reichsbahn, Reichsbahndirektion Dresden,
11380 Landesregierung Sachsen, Ministeri-
um der Justiz und Hauptabteilung Justiz beim
Ministerpräsidenten, 11464 Bezirksbehörde
der Deutschen Volkspolizei Dresden, 20250
Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei
Begehung der Außenanlagen der Strafvollzugseinrichtung Zeithain 1977. Anlässlich der Schlüsselübergabe besichtigen die Auftraggeber des Gefängnisbaus den gesicherten
Bereich. Im Hintergrund ist das Rohrwerk III des Stahl- und Walzwerks Riesa zu sehen. (SächsStA-D, 11464 Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Dresden, Nr. K.1454
N.18/ 7, Foto A 36264)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 17
Leipzig und 30441 Bezirksbehörde der Deut-
schen Volkspolizei Karl-Marx-Stadt für die
Untersuchung heranzuziehen waren, wobei
sich vor allem die Bestände der Rbd und der
BDVP Dresden im Hauptstaatsarchiv Dresden
als besonders ergiebig erwiesen. Während der
Bestand der BDVP Dresden recht gut bis aus-
reichend erschlossen ist und damit gut zu nut-
zen war, stellte sich die Situation im Bestand
der Rbd Dresden allenfalls als ausreichend dar,
da oft nur Übergabelisten als Verzeichnungs-
ersatz existieren. Ein größerer Bestandsteil ist
hier auch noch völlig unbearbeitet und damit
nicht nutzbar.
Im Rahmen der Untersuchung kristallisierten
sich für Sachsen zwei Schwerpunkte der Ge-
fangenenarbeit für die Deutsche Reichsbahn
heraus: der Einsatz beim Ausbau der Erzge-
birgsstrecke Schwarzenberg – Johanngeorgen-
stadt und die Häftlingsarbeit auf dem Ober-
bauplatz bzw. dem Oberbauwerk in Wülknitz
bei Riesa. Der Oberbau bildet den eigentli-
chen Fahrweg der Eisenbahn und besteht aus
den Schienen, Schwellen, Weichenteilen, dem
Kleineisen (Befestigungsmaterial) sowie dem
Schotter. In Wülknitz wurde vor allem mit den
Gleisbestandteilen gearbeitet.
Der Streckenausbau Schwarzenberg – Johann-
georgenstadt begann im Frühjahr 1950 und
war von der Sowjetischen Militäradministra-
tion in Deutschland initiiert. Die Besatzungs-
macht vermutete in Johanngeorgenstadt
größere Uranerzvorkommen, welche durch
die Sowjetische Aktiengesellschaft Wismut
abgebaut werden sollten. Zu deren Abtrans-
port war der zweigleisige Ausbau der einglei-
sigen Nebenbahn von Schwarzenberg nach
Johanngeorgenstadt erforderlich. Hierfür
errichtete man in Erlabrunn ein Haftarbeits-
lager für knapp 700 Strafgefangene, die in
Güterwagenkästen, welche aber mit einer
neuwertigen Inneneinrichtung ausgestattet
waren, unterkamen. Um die geforderten Häft-
lingszahlen zu erreichen, mussten Gefangene
Besichtigung der Zellen des Gefängnisneubaus der DDR. An der Führung nahmen Delegierte des Rohrkombinats und der Reichsbahn teil, deren Betriebe von den Häftlingen
profitieren sollten. (SächsStA-D, 11464 Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Dresden, Nr. K.1454 N.18/ 7, Fotos A 36257 und A 36263)
aus der gesamten DDR nach Erlabrunn verlegt
werden. Die Häftlinge des Haftlagers „Fort-
schritt“ in Erlabrunn hatten schwere Erd- und
Oberbauarbeiten zu verrichten. Dennoch kann
ihre Situation – verglichen mit dem damaligen
Gefängnisstrafvollzug in der DDR – als eher
günstig eingeschätzt werden: Sie erhielten
extra ein zweites warmes „Wismut-Essen“
pro Tag und neben den mit den üblichen Ab-
zügen belegten Lohnzahlungen in voller Höhe
Zuschläge und Prämien. Auch die Behandlung
der Häftlinge konnte nicht allzu streng ausfal-
len, da die uniformierten Wachmannschaften
unter den freien Wismut-Arbeitern verhasst
waren und Übergriffe befürchten mussten.
Der Ausbau der Strecke geschah allerdings
hastig und in schlechter Qualität. Auch stellte
er sich im Nachhinein als überflüssig heraus,
weil die Uranerzvorkommen im Johanngeor-
genstädter Raum deutlich weniger ergiebig
waren als erwartet und der Abbau bald nach
Fertigstellung des Streckenausbaus eingestellt
werden musste.
Für den Oberbauplatz Wülknitz wurden in den
1960er Jahren zunächst Häftlinge aus der
Waldheimer Vollzugsanstalt eingesetzt. Auf-
grund der größeren Entfernung zum Arbeitsort
wurde ein näher liegender Unterbringungs-
standort gesucht, der sich in einem Riesaer
Barackenlager fand, das dort zuvor für den
Elbbrückenbau der Reichsbahn gedient hatte.
Da das ebenfalls in Riesa ansässige Stahl- und
Walzwerk Riesa gleichfalls Häftlinge einsetzen
wollte, kam es zur Einrichtung eines gemein-
samen Haftarbeitslagers für beide Betriebe.
In Wülknitz mussten die Häftlinge schwere
körperliche Arbeiten bei der Montage und
Demontage von Gleisjochen (vormontierte
Gleisstücke aus Holzschwellen und Schienen,
die dann auf den Baustellen ausgelegt wurden)
unter freiem Himmel leisten.
Ab Beginn der 1970er Jahre wurde das Lager
baufällig und außerdem hatte die Stadt Riesa
andere Pläne für das Gelände. Daher plan-
te das Stahl- und Walzwerk Riesa bzw. das
Nachfolgeunternehmen Rohrkombinat Riesa
den Neubau eines Gefängnisses in Glaubitz
bei Riesa. Nach einigem Zögern beteiligte sich
die Reichsbahn finanziell an dem unterneh-
menseigenen Gefängnis und erhielt dafür zwar
keinen Eigentumsanteil, aber ein dauerhaftes
Belegungsrecht.
Neben der Entdeckung, dass das modernste
Gefängnis der DDR von der Industrie finanziert
und erbaut wurde, ermöglichten die regiona-
len Quellen auch detaillierte Aussagen zu den
Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter: Ein
technologischer Wandel beim Gleisbau brachte
es mit sich, dass statt der Montage von Gleis-
jochen nunmehr so genannte Langschienen
mit bis zu 150 m Länge und zehn Tonnen Ge-
wicht zu bearbeiten waren, die erst auf den
Gleisbaustellen auf komplett konfektionierte
Betonschwellen aufgebracht wurden. Hierzu
projektierte der Dresdener Entwurfs- und Ver-
messungsbetrieb der DR eine Verladeanlage,
die nicht ansatzweise korrekt funktionierte
und damit die Zwangsarbeiter stark gefährde-
te. Die Unfallquote der unausgebildeten und
zu hohen Leistungen angetriebenen Zwangs-
arbeiter stieg bis auf das Zehnfache des bei
der Reichsbahnbaudirektion durchschnittlich
zu verzeichnenden Maßes an.
Obwohl im Bereich des Hauptstaatsarchivs
Dresden kein Bestand zum Gefängnis in Zeit-
hain existiert, konnte doch anhand der pe-
riodischen Berichte der Gefängnisleitung an
die BDVP Dresden ein recht detailliertes Bild
der damaligen Verhältnisse vor Ort gewonnen
werden. Gleiches gilt für die Einsatzdienststelle
Oberbauplatz Wülknitz: Auch hier ermöglich-
ten die regionalen Quellen der Rbd Dresden
eine plastische Darstellung der damaligen Zu-
stände am konkreten historischen Ort.
Jan-Henrik Peters
(Berlin/Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 18
„Verbrannt? Luther, Herzog Georg und die Bann­
androhungsbulle“ – Eine Ausstellung des Sächsischen
Staatsarchivs zum Reformationsjubiläum 2017
Welcher Teil Mittel-
deutschlands als „Ur-
sprungsland“, welcher
als „Kernland“ und
welcher als „Mutter-
land“ der Reformation
gelten darf – darüber
lässt sich trefflich
streiten. Sicher ist je-
denfalls: Das Haupt-
staatsarchiv Dresden
besitzt einen der
bedeutendsten Quel-
lenbestände zur Ge-
schichte der lutherischen Reformation. Einige
seiner wertvollsten Luther zimelien werden in
Kürze am Ort ihrer Verwahrung öffentlich prä-
sentiert – in dieser Form zum ersten Mal seit
fast 100 Jahren. Mit der kommenden Ausstel-
lung, die ab September 2017 in den Räumen
des Hauptstaatsarchivs Dresden zu sehen sein
wird, leistet das Sächsische Staatsarchiv seinen
Beitrag zum 500. Reformationsjubiläum.
Im Fokus der Schau wird ein legendäres Ob-
jekt stehen – die Bannandrohungsbulle Papst
Leos X. (1475–1521) vom 15. Juni 1520. Mit
ihrer Verbrennung vor dem Wittenberger Els-
tertor vollzog Luther am 20. Dezember 1520
seinen Bruch mit der römischen Kirche. Der
Akt setzte den Schlusspunkt unter eine Ent-
wicklung, die unumkehrbar geworden war,
seit der Reformator während der Leipziger
Disputation im Sommer 1519 die päpstliche
Machtvollkommenheit dezidiert in Frage ge-
stellt hatte. Damit waren auch im albertini-
Das Sächsische Staatsarchiv ist Partner des Reformationsjubiläums 2017.
Ausstellung im
Sächsischen Staatsarchiv
Hauptstaatsarchiv Dresden
14.09.2017–11.01.2018
Mo., Mi 8.30–18.00 Uhr
Di., Do. 8.30–16.00 Uhr
Fr. geschlossen (Eintritt frei)
Das Begleitprogramm zur Ausstellung
(Führungen und Vorträge) wird in Kürze hier veröffentlicht:
http://www.archiv.sachsen.de/online-ausstellungen.html
schen Sachsen die Weichen gestellt. Herzog
Georg von Sachsen (1471–1539), der Luthers
Streben nach kirchlichen Reformen zunächst
begrüßt und dessen Beteiligung an der Leipzi-
ger Disputation gefördert hatte, wandelte sich
nun zu einem der entschiedensten Gegner der
Reformation.
Nur drei Originale der Bannandrohungsbul-
le sind erhalten, darunter das Exemplar des
Hauptstaatsarchivs Dresden, das dem Be-
trachter wie kaum ein anderes Dokument
seiner Zeit einen entscheidenden Moment der
Reformationsgeschichte vergegenwärtigt. Es
stammt aus dem Besitz Herzog Georgs und
wird nun erstmals in seinem ursprünglichen
Überlieferungszusammenhang – der Korre-
spondenz der herzoglichen Kanzlei – zu se-
hen sein. Die Ausstellung stellt die Bannan-
drohungsbulle als Zeugnis der inneren und
äußeren Entwicklung Luthers vor und fragt
nach der symbolischen Bedeutung von dessen
Verbrennungstat. Sie erzählt den Weg dorthin
aus der Perspektive Herzog Georgs und prä-
sentiert dessen eigenhändigen Briefwechsel
mit dem Reformator aus der Zeit vor, während
und nach der Leipziger Disputation, bei dem
sich der Landesherr von Luther die Anrede als
„ungnediger fürst“ gefallen lassen musste. Zu
den besonderen Höhepunkten der Schau wird
neben weiteren Lutherautographen ein bislang
unbekannter, in Leipzig entstandener zeitge-
nössischer Plakatdruck der Banndrohungsbulle
gehören, der ebenfalls aus dem Kontext von
Herzog Georgs Kanzlei stammt. Natürlich kann
man auch erfahren, was es denn eigentlich ge-
nau war, das der Reformator am 20. Dezember
1520 in Wittenberg den Flammen übergab.
Peter Wiegand
(Hauptstaatsarchiv Dresden)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 19
Kopie der Bannandrohungsbulle gegen Martin Luther aus dem Januar 1521 (Druck: Leipzig, Melchior Lotter d. Ä.) (SächsStA-D, 10024 Geheimer Rat (Geheimes Archiv),
Loc. 10299/8, Bl. 6)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 20
Nutzbarmachung ist das Ziel jeder Archivie-
rung. Im digitalen Bereich kommt hinzu, dass
Daten nicht ohne weiteres wahrnehmbar sind.
Es bedarf einer technischen Darstellungsum-
gebung. Nicht jedes Dateiformat lässt sich mit
jeder Software öffnen bzw. in vollem Umfang
nutzen. Eine Bilddatei lässt sich auch mit ei-
nem Texteditor öffnen. Das Bild würde dann
zwar als Zeichenkette dargestellt, so könnten
jedoch eingebettete Metadaten sichtbar ge-
macht werden.
Nicht nur bei „unbekannten Objekten“ (un-
bekannte, fehlerhafte oder fehlende Format-
endung) ist es unabdingbar, das vorliegende
Format zu identifizieren, denn hieraus ergibt
sich ein Anhaltspunkt, anhand dessen Daten
lesbar bzw. nutzbar gemacht werden können.
Für den aktuellen, aber auch für den zukünf-
tigen Gebrauch, z. B. in Vorbereitung für eine
Formatmigration, sind passende Werkzeuge
auszuwählen. Nicht zuletzt können durch For-
matidentifizierung auch Fehler (z. B. falsche
Formatendung, Fehler im Bitstrom) erkannt,
Risikomanagement durchgeführt sowie Sta-
tistiken erhoben werden.
Formaterkennung kann mit verschiedenen Me-
thoden durchgeführt werden. Alleiniger Ver-
lass auf die Dateinamenserweiterung ist wenig
ratsam. Jene kann fehlen oder fehlerhaft sein
bzw. ist sie generell nicht eindeutig. Hinter
„.pdf“ können sich mindestens 37 verschiedene
Formatvarianten bzw. -versionen verbergen.
Eine beliebige JPEG-Version kann „.jpe“, „.jpg“,
„.jpeg“ oder noch anders enden. Ebenso ist
die Erkennung über MIME-Types zu ungenau.
Hierbei handelt es sich um eine Angabe zum
Inhalt einer Datei, wie z. B. „application/pdf“
oder „text/html“. Weitaus verlässlicher, jedoch
auch nicht vollumfänglich, ist die Überprüfung
der Signature oder „Magic Number“. (Fast) Je-
des Format verfügt über spezielle Bitmuster
(Signatures), die teils an festen Positionen wie
am Dateianfang (BOF = begin of file) oder
Dateiende (EOF = end of file) auftreten. Sie
können manchmal aber auch variabel, heißt
willkürlich inmitten eines Bitstroms auftreten.
Bei der Signature-Prüfung wird mittels Abtas-
tens des Bitstroms (entweder der gesamten
Datei oder nur abschnittsweise) ermittelt, ob
an bestimmten Stellen eben solche bestimm-
ten Muster vorhanden sind, die dann einem
Format zugeordnet werden können.
Im Folgenden soll auf eines der gängigsten
Verfahren zur Formaterkennung mit Signa-
ture-Check eingegangen werden. Hierbei han-
delt es sich um die Kombination von PRONOM
und DROID. In der Praxis sind dabei mehrere
diskutable (Zu-)Fälle im Elektronischen Staats-
archiv (el_sta) aufgetreten, die nachfolgend
kurz skizziert werden.
Grundlage bildet eine Formatdatenbank na-
mens PRONOM (technical registry), die seit
2002 besteht, auf der Website vom Britischen
Nationalarchiv gehostet und zur freien Verfü-
gung bzw. Mitarbeit bereitgestellt wird
www.nationalarchives.gov.uk/PRONOM/
Default.aspx). In der Datenbank werden u. a.
technische Informationen zu Formaten (z. B.
Aufbau), Abhängigkeiten (Formatversionen/
historische Entwicklung, Darstellungsum-
gebungen) und Migrationswege, aber auch
Tools zum Erstellen und Rendern (Darstellen)
vorgehalten. Ein spezielles Identifier-Schema
soll Eindeutigkeit und Persistenz gewährleisten
(PUID = PRONOM Unique Identifier). Regel-
mäßig werden sog. Signature-Files für Erken-
nungstools veröffentlicht (aktuell 88. Ausga-
be). Das Nationalarchiv stellt zum Beispiel das
Werkzeug DROID (Digital Record Object Iden-
tification, aktuell v.6.3, erste Veröffentlichung
2005) bereit. Derzeit gibt es mehrere Tools, die
sich u. a. auf PRONOM/ Signature-Files oder
davon eigens angepasste Versionen stützen
(z. B. Fits, Fido, Siegfried, KOST-Val). Neben
PRONOM gibt/gab es weitere Formatdaten-
banken, von denen einige jedoch entweder
nicht beständig waren (z. B.
http://udfr.org/)
oder auf einen speziellen Fokus ausgerichtet
sind (im weitesten Sinne Schwerpunkt auf
Archivfähigkeit: KOST-Katalog archivischer
Dateiformate (KaD)
http://kost-ceco.ch/wiki/
whelp/KaD/index.php, Library of Congress
http://www.digitalpreservation.gov/formats/,
JustSolve
http://fileformats.archiveteam.org
etc.), dabei oftmals mit Bezug auf PRONOM.
PRONOM ist aktuell vermutlich die größte der-
artige Datenbank mit über 1 400 Einträgen, hat
jedoch auch einige Schwachstellen. So kann
es einige Zeit dauern, bis Formatvorschläge
aufgenommen und mit PUID versehen sind.
Außerdem existieren für einige Formate bis-
her auch nur Platzhaltereinträge. Es bestehen
zudem unterschiedliche Meinungen bezüglich
des Nutzens von Granularität, sprich, ist eine
derart detaillierte Differenzierung von Format-
versionen (o. g. 37 PDF-Varianten) tatsächlich
notwendig?
DROID kann als Standalone-Version eingesetzt
und in Prozesslandschaften integriert werden
(Kommandozeile oder GUI, plattformunab-
hängig, Java-Umgebung, open source, frei
verfügbar). Das Tool unterscheidet zwischen
Datei, Verzeichnis und „Archiv“-Datei (z. B. zip,
tar). Auf Basis der Signature-File werden neben
Format-PUID (wenn vorhanden) Formatname,
-version und MIME-Type ausgegeben. Zudem
werden Erkennungsstatus sowie -methode
(Signature|Extension|Container) angegeben.
Metadatenextraktion führt weitere Informa-
tionen wie die Extension, Dateigröße sowie
optional Prüfsummen hinzu. Zudem werden
Mismatches (= falsche oder fehlende Datei-
endungen) anzeigt. DROID gibt jedoch auch
Digitale Archivierung – (Zu­)Fälle bei der Format­
identifizierung am Beispiel von PRONOM und DROID
In Formatdatenbank PRONOM aufgenommene Signature für PDF/A-1a unter PUID fmt/95 (links), Beispieldatei in PDF/A-1a für Signature-Überprüfung in Hex-Editor geöffnet (rechts).

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 21
Ambiguitäten aus. Eine Ergebnisgewichtung
wird nicht vorgegeben, der Nutzer entschei-
det selbst. Die Verarbeitung findet im Sta-
pelverfahren statt. Zunächst wird dateiintern
nach Signatures gesucht (Methode Signature),
anschließend gegebenenfalls extern identifi-
ziert (Methode Extension). Gelegentlich treten
Performanceprobleme (Scanprofileinstellung,
Absturz) auf. Aufgrund dessen gibt es seit ei-
niger Zeit die Überlegung, etwa die komplexe,
umfangreiche Signature-File zu reduzieren
(Reduktion des Umfangs der von der ein-
setzenden Institution akzeptierten Formate
bei
http://martin.hoppenheit.info/blog/2017/
minimizing-the-droid-signature-file/ oder
Syntaxreduktion bei
http://exponentialdecay.
co.uk/blog/hacking-the-droid-signature-file-
keep-it-simple-stupid/).
In der Praxis sind beim Sachgebiet Elektronische
Archivierung des Sächsischen Staatsarchivs
(el_sta) seit 2014 verschiedentlich Auffällig-
keiten im Gebrauch mit PRONOM und DROID
aufgetreten. Das Staatsarchiv hat sich daher
u. a. an die nestor-AG Formaterkennung ge-
wandt (https://wiki.dnb.de/display/NESTOR/
PRONOM%3A+Persistenz+von+PUIDs) und da-
rüber weitere Hinweise erhalten können. Dabei
wurde deutlich, dass in der deutschsprachigen
Community das Thema insgesamt bisher nicht
weit verbreitet ist, in der englischsprachigen
Community ist es dagegen bereits diskutiert
worden. (Tests und Erfahrungsberichte seit
2012 z. B. durch die Nationalbibliothek Neusee-
lands/Jay Gattuso u. a. und die Britische Natio-
nalbibliothek, vereinzelt Beiträge in Blogs und
auf Twitter, z. B. Ross Spencer, 2016 ETH Zürich
auf der iPRES-Tagung/Matthias Töwe u. a.).
Etwas stutzig wird der PRONOM-Nutzer,
wenn er von Persistenz, Eindeutigkeit und
Einmaligkeit hört und das zugrunde liegende
Identifier-Schema näher betrachtet. So gibt es
zwei PUID-Typen: fmt und x-fmt. (Zur weite-
ren Verwirrung bietet etwa Rosetta/ExLibris
noch die Variante „Exl-fmt“, die jedoch nicht
in PRONOM geführt wird.) Zunächst soll-
ten x-fmt-PUID als provisorisch gelten und
später nach Abnahme des Formateintrags in
fmt umgewandelt werden. Inzwischen wur-
den für einige x-fmt-Einträge entsprechende
fmt-Einträge mit anderen Formaten erstellt
(Beispiel x-fmt/18 = CSV, fmt/18 für PDF 1.4,
aktuell gilt dies für etwa 450 Identifier). Zur
Gewährleitung der Persistenz werden daher
beide Schemavarianten nun parallel geführt.
Ein weiterer Aspekt in Sachen Persistenz ergibt
sich durch „deprecated“ PUID. Durch steten
Kenntnisgewinn bzw. Fortschreibung von
PRONOM werden immer wieder Formatein-
träge überholt und durch neue ersetzt. Dies
ist in der Datenbank (in „Release notes“ und
einzelnen Formateinträgen) und somit auch in
den Signature-Files dokumentiert. Hier, aber
auch an anderen Punkten stellt sich die „Re-
run-Frage“, heißt, ob und/oder wann eine Re-
Identifizierung von Formaten (von Echtdaten)
durchgeführt werden sollte. Im Grunde könnte
mit Veröffentlichung jeder neuen Signature-
File ein Rerun ausgelöst werden. Dies leitet
über zum Thema (Scan-)Ergebnisdifferenzen.
Seit der DROID Version 6 kann zwischen Full-
Scan-Modus und „Max Byte Scan“ (MBS) aus-
gewählt werden. Das heißt, dass anstelle des
Abtastens der gesamten Datei auch nur ein Teil
(mit selbst gewählter Byte-Anzahl) der Datei
gescannt werden kann. Auch hier sind Vor-
und Nachteile abzuwägen. Je nach Dateigröße
kann das entsprechende Gesamtscannen einer
Datei dauern, das Ergebnis wird aber sicherer.
Je kleiner der Scanabschnitt eingestellt wird
(gescannt wird sowohl ab BOF als auch ab
EOF), desto schneller wird der Scan vonstat-
tengehen, desto wahrscheinlicher wird aber
auch eine mögliche Ungenauigkeit. Als Beispiel
sei dies anhand von PDF demonstriert: Jede
PDF-Datei sollte in der Regel mit „%PDF 1._%“
beginnen („_“ = Versionsnummer) und mit
„%%EOF“ enden. Bei einigen Versionen gibt
es verschiedene (Sub-)Typen, so basieren zum
Beispiel auf PDF 1.4 der Typ PDF/A-1 sowie
einige PDF/X-Versionen. Dies hat zur Folge,
dass innerhalb des Bitstroms an einer variablen
Stelle eben jener genannte Zusatz vermerkt ist,
der je nach Scaneinstellung erfasst wird bzw.
nicht. Als Ergebnis kann dementsprechend PDF
1.4 anstelle von (PDF 1.4 mit) PDF/A-1(a) aus-
gegeben werden. Der empfohlene Wert liegt
bei 65.536 Bytes.
Abschließend sei noch auf einen (Zu-)Fall
hingewiesen, bei dem DROID einwandfrei
gearbeitet hat, in der Praxis aber Aufmerk-
samkeit geboten ist: Einfache Textformate
haben keine speziellen Bitstrommuster. Sie
werden mit DROID daher mit der (unsiche-
ren) Methode Extension überprüft. Da jede
Überprüfung im ersten Schritt mit der Me-
thode Signature beginnt, wird in jeder Datei,
unabhängig davon, ob es sich um Text-, Bi-
när- oder Containerdateien handelt, zunächst
nach gelisteten Signatures gesucht. Bei einer
Übernahme von Daten in einem Text-Format
und EBCDIC-Codierung (fmt/159) hatte DROID
zufällig die Signature eines anderen Formats
(fmt/473, Microsoft Office Owner File) in einer
EBCDIC-Datei gefunden und ausgegeben. Bei
einer Stichprobe zur Qualitätssicherung fiel
dies in den Metadaten auf und konnte manuell
noch angepasst werden.
Diese Auf- und Anfälligkeiten belegen, dass
bei Formaterkennungswerkzeugen Nutzen
und Grenzen existieren. Im steten technolo-
gischen Wandel, in dem Formate mit sicherer
Wahrscheinlichkeit früher oder später obsolet
werden, ist es unverzichtbar, zu wissen, was im
eigenen Repository vorliegt. Formaterkennung
bildet im Rahmen von digitaler Archivierung
bzw. Zugang zu Daten im Allgemeinen nur
einen ersten Schritt. Erkennungswerkzeuge
und Informationsquellen wie Datenbanken
sind daher auch immer nur als temporär und
pragmatisch anzusehen. Austausch mit bzw.
Kooperation in der Community sind für „best-
mögliche Zwischenstände“ gefragt.
Stephanie Kortyla
(Abteilung Zentrale Aufgaben,
Grundsatz)
Test-Scan mit identischen Dateien, aber unterschiedlichen Scan-Ergebnissen des Formatidentifizierungswerkzeugs
Droid v6.1.3 auf Basis der Siganture-File_V88 - Scaneinstellungen: Full-Mode-Scan (oben), Max-Byte-Scan mit Emp-
fehlungswert 65336 Bytes (unten). Die Scan-Differenz bei PDF/A-1a, hier "Test7.pdf" (bei MBS 65336) ist zu erklären
durch unzureichende Scan-Einstellung und daraus resultierend nicht auffindbare Signature-Bestandteile (grün).
Außerdem sichtbar sind verzeichnisübergreifende (violett) sowie Archivdateienidentifizierung (rot), verschiedene Er-
kennungsmethoden (blau) sowie ein Konflikt bei der Identifizierung der Datei "Test8.lck" (orange). Nicht erkannt wurde
eine Textdatei ohne Dateiendung, da hier, wie zu erwarten, die Methode Extension nicht greifen konnte (schwarz).

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 22
„Retten Sie Ihre Videokassetten!“ –
Es lebe das Magnetband
Elektronische Bewegtbildinhalte sind jene au-
diovisuellen Medien, die ursprünglich zur Wie-
dergabe auf dem TV-Gerät bestimmt waren,
und wurden gemeinhin Video genannt. Wenn
Video gespeichert werden sollte, geschah das
hauptsächlich auf Magnetband. Dies war an-
fangs sehr aufwändig, deshalb nur bei den
TV-Anstalten praktikabel. Der technische Fort-
schritt miniaturisierte die Magnetbandformate
und überführte die empfindlichen, offenen
Spulen in handhabungssichere Videokasset-
ten. Es begann die Evolution der Video-Kas-
setten-Formate, wobei zu unterscheiden ist
zwischen dem elitären, professionellen Zweig
(„Broadcast“) und der Massenproduktion für
„Consumer“. Insbesondere Kassetten im Video-
merformaten vorgefunden, außerdem Beleg-
und Wettbewerbskopien sowie kommerzielle
Vertriebs-und Vervielfältigungsstücke. Erheb-
lich seltener im örtlichen und Landesarchiv,
jedoch technisch wertvoller sind Überliefe-
rungen aus der Medienproduktion, konkret
Kamerakassetten und Masterkassetten, also
Trägermedien der ersten Kopiergeneration
von Medienwerken, in den anspruchsvollen
Formaten der Studiotechnik. Der krasse qua-
litative Unterschied zwischen Consumer- und
Broadcastformaten wirkte sich vor allem dann
aus, wenn analog kopiert werden musste – wie
unvermeidlich beim klassischen Videoschnitt
der Fall. Während eine originale Videoaufnah-
me auf VHS-Kassette akzeptabel erscheinen
konnte, war bereits die erste Kopie erkennbar
schlechter, schon die dritte Generation kaum
noch zu gebrauchen. Anders in der Studio-
technik, die angeblich bis zur 7. Kopiergene-
ration die sichtbare Qualität erhalten konnte.
Deshalb mussten sich Medienproduktionen
mit professionellem Anspruch auch professio-
neller Video-Kassetten-Formate bedienen und
waren schon wegen des hohen finanziellen
Aufwands elitär.
Dass dieser Übergang fließend war, belegen
ältere Videoformate, die eine analoge Bildauf-
zeichnung bereits mit digitalem Ton verbinden
konnten. Zur Bewältigung des Übergangs gab
es „abwärtskompatible“ Video-Kassetten-
Laufwerke, die zwar für aktuelle digitale For-
mate bestimmt waren, jedoch innerhalb einer
Normfamilie auch die analogen Vorgänger
wiedergeben konnten und damit eine Brücke
schlugen zu veralteten Formaten. Ganz zum
Schluss, mit Umstellung der Fernsehtechnik,
wurde die digitale Videokassette auch noch
zum Trägermedium der neuen, hochauflösen-
den HD-TV-Formate.
Doch das Ende der Video-Kassetten-Technolo-
gie war absehbar (vgl. Stefan Gööck in: Säch-
sisches Archivblatt, Nr. 1/2013, S. 8–10). Als
Anfang der 1990er Jahre die Hörfunkprodukti-
on auf computergestützten Betrieb umgestellt
wurde, gab es keinen Bedarf mehr für Studio-
Magnettonbandgeräte, ihre Produktion lief
aus. Vor zehn Jahren erreichte die Umrüstung
der deutschen Kinos auf digitale Projektion
einen Höhepunkt, entsprechend verringerte
sich der Bedarf an 35-mm-Filmkopien; Her-
steller von Filmprojektoren und Rohfilm sowie
Filmkopierwerke und Servicebetriebe hatten
das Nachsehen. Weil Digitalspeicher immer
besser verfügbar wurde, konnte gleichfalls im
letzten Jahrzehnt die Fernsehproduktion auf
„bandlosen“ Betrieb umgestellt werden – ein
Nachvollzug dessen, was dem weniger spei-
cherhungrigen Hörfunk zwanzig Jahre früher
möglich war. Dementsprechend verkündete
das Deutsche Rundfunkarchiv bereits 2012
eine Retro-Digitalisierungs-Dekade für sei-
ne gesamten Video-Kassetten-Bestände.
Im Consumersegment wurde seit Mitte der
2000er Jahre die beschreibbare DVD zum
Sargnagel der Video-Kassetten-Wirtschaft,
das MP3-Format zum Konkurrenten zunächst
für die analoge Audiokassette und dann für
die Audio-CD.
Im Oktober 2016 veranstaltete der Arbeits-
kreis Filmarchivierung Nordrhein-Westfalen
gemeinsam mit der Katholischen Akademie
in Schwerte die Fachtagung „Retten Sie Ihre
Videokassetten!“. Medienarchivare unter-
schiedlicher Archivarten, die beiden Landes-
medienzentren und mehrere Mediendienst-
leister berieten mit Vertretern aus Politik und
Verwaltung, wie der fortschreitenden Tech-
nologie zu entsprechen sei. Ausgangspunkt
Heim-System („VHS“) finden sich häufig in der
Überlieferung von Behörden und Institutionen.
Offensichtlich bestand und besteht noch im-
mer Bedarf, Dokumentationsmitschnitte v. a.
von Sprachereignissen längerer Dauer selbst-
ständig herstellen zu können. Dies konnte der
örtlich verfügbare Schmalfilm nicht leisten.
Besser geeignet war hingegen das seit Mitte
der 1950er Jahre lieferbare Heimtonbandgerät,
dessen rege behördliche Nutzung nahtlos in
den Gebrauch von Heimvideotechnik überging,
sobald diese verfügbar wurde. Beispielsweise
sind aus Dresden und Leipzig (Bestände 11430
Bezirkstag/Rat des Bezirkes Dresden und
20237 Bezirkstag und Rat des Bezirkes Leipzig)
Mitschnitte noch der letzten Bezirkstagssit-
zungen auf Consumer-Magnettonband und
analogen Audiokassetten überliefert. Wenige
Monate später nutzte der neue Sächsische
Landtag von Anfang an VHS-Videokassetten
zur Dokumentation seiner Tagungen.
Neben solchen originalen Aufnahmen werden
Mitschnitte von der Antenne, also Fernkopien
ausgestrahlter Medienproduktionen, in Consu-
Im Staatsarchiv vorkommende Kassettenformate und
ihre Herkunft
Erst mit Aufkommen der digitalen Formate,
also Mitte der 1990er Jahre, fiel zeitweise
die berufsständisch durchaus erwünschte
Schranke zwischen professioneller und Con-
sumerqualität, wurde insofern eine gewisse
Demokratisierung der Medienproduktion
technisch verfügbar. Nun war tatsächlich mit
5.000-DM-Camcordern im Format „mini-DV“
eine Bildqualität erreichbar, wie sie zuvor nur
von professionellen 35.000-DM-Kameras im
Format BetacamSP erwartet werden konnte.
Allerdings führte der Übergang von analogen
zu digitalen Videoformaten keineswegs zur
Abschaffung der Videokassette als solcher.
Es handelte sich vielmehr um den Übergang
von der analogen zur digitalen Videokassette.

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 23
und allgemeiner Konsens war die Abkehr vom
physischen Aufzeichnungsmedium Videokas-
sette, also die Loslösung der aufgezeichneten
Inhalte vom Träger, die Erzeugung von Files
zur Sicherung, die damit den Status von Er-
satzoriginalen erhalten, und die Bereitstellung
von Benutzungsdateien. Erwartungsgemäß
wurde dargestellt, dass die Inhalte früher
Video-Kassetten-Formate wie U-Matic be-
sonders dringend zu sichern sind. Darüber
hinaus formulierten vor allem die Referenten
aus dem Bereich Mediendienstleistung drin-
gende Appelle, sich auch von allen anderen
Video-Kassetten-Formaten zu trennen. Auf
Nachfrage aus dem Publikum wurde dies so-
gar für digitale Videokassetten gefordert, die
der gleiche Dienstleister erst 15 Jahre zuvor
geliefert hatte.
Es wurde mitgeteilt, SONY PROFESSIONAL hät-
te inzwischen den Service für alle Varianten
seiner Videokassetten-Hardware abgekündigt
(vgl. auch Dorcas Müller in: RESTAURO, Nr.
8/2016, S. 38) – dies betrifft große Teile der
Video-Studio-Technik im Sachgebiet Audio-
visuelle Medien des Sächsischen Staatsarchivs.
Zwar sei zu hoffen, dass etablierte Fachfirmen
innerhalb der nächsten zehn Jahre noch Ser-
vice für verbreitete, neuere Hardware wie Digi-
talBetacam anbieten könnten, jedoch sei dies –
selbst in NRW! – nicht sicher. Angeregt wurde,
Gebrauchtgeräte notfalls bei Ebay zu erwerben
und auf Vorrat einzulagern. Eindeutige Aus-
sagen, welche Videocodecs und -container
für die zu erzeugenden Videofiles anzuwenden
wären, wurden nicht getroffen. Die Tendenz
ging dahin, zur Sicherung des Contents nach
Möglichkeit unkomprimierte Formate zu ver-
wenden (weiter vgl. Stefan Gööck, ebenda), dies
besser im AVI-Container, weil das Quicktime-
Format („mov“) als Marketinginstrument miss-
braucht werden könnte. Für die Speicherung
der Videofiles wurde neben der Nutzung von
Rechenzentren und Cloudlösungen, wie etwa
dem WDR-Rechenzentrum gegen Bezah-
lung, Server- und RAID-Systemen, zunächst
auf externe Computer-Festplatten und LTO-
Daten-Magnetbandkassetten verwiesen. Ei-
nem Vertreter des „Digitalen Archiv NRW“,
der zur Schlussdiskussion auftrat, begegneten
die übrigen TeilnehmerInnen erwartungsvoll;
dennoch wurde ihnen keinerlei konkrete Un-
terstützung hinsichtlich digitaler Archivierung
in Aussicht gestellt – dies, obwohl in NRW
sowohl die Förderung kulturell-künstlerischer
Initiativen, als auch das „Digitale Archiv NRW“
und das Landesarchiv gleichermaßen beim
Kultusministerium angesiedelt sind.
Die Dringlichkeit der Situation wurde in fol-
genden Statements deutlich: „Was wir in den
nächsten Jahren nicht digitalisieren, werden
wir nie mehr digitalisieren“, „Das Videokunst-
Original entwickelt sich in Kopier-Generatio-
nen ständig weiter“, die Lage der Nutzungs-
rechte sei „kein Ausschlusskriterium für die
Sicherung“, für die Digitalisierung müsse gel-
ten: „Gute Infrastruktur ermöglicht gute Ent-
scheidungen“, dies vorgetragen von Dr. Renate
Buschmann unter der Überschrift „Welche
Video-Werke werden überleben?“. Der Offene
Kanal Essen stellte dar: „Video ist immer auch
eine Sache der Demokratisierung der Nutzung
audiovisueller Medien“, und die Bedeutung
von Bürgermedien liege darin, „Geschichten
anders zu erzählen als z. B. der WDR“. Zum Ab-
schluss wurde im Hinblick auf die langfristige
Verfügbarkeit vorgestellter Projektergebnisse
geäußert, „nur eine zentrale Speicher-Lösung
macht Sinn“ (Kai Gottlob, filmforum GmbH,
Kommunales Kino & filmhistorische Samm-
lung, Duisburg).
Über alle Formate hinweg steht der Zusammen-
bruch der Video-Kassetten-Wirtschaft bevor.
Die Erfahrung lehrt: Wenn die Herstellerfirmen
ein medientechnisches Format „abkündigen“,
werden keine neuen Geräte mehr entwickelt
und hergestellt. Gleichzeitig sind aber auch
keine Ersatzteile mehr beim Hersteller zu be-
ziehen, ebenso wenig die unverzichtbaren Ser-
viceunterlagen. Wer dennoch Bedarf hat, muss
sich selbst behelfen, ist auf Gebrauchtgeräte
und das Know-how erfahrener Spezialisten
verwiesen, deren Zahl stetig abnimmt, dies
außerhalb der großen Medienzentren zuerst.
Die Erhaltung alter Videolaufwerke ist sicher-
lich noch anspruchsvoller als der Service in
den Nachbarbereichen Audio und Kinemato-
grafie, weil sich viele Videokomponenten nicht
mit vertretbarem Aufwand nachbauen lassen,
ganz abgesehen vom Haushalts- und Verga-
berecht. Auch das erfolgreiche Netzwerk des
Arbeitskreises Filmarchivierung im Film-Land
NRW, das seit einem Vierteljahrhundert ge-
wachsen ist, hat keine Patentlösungen für die
aktuellen Herausforderungen zur Hand. Umso
wichtiger muss es erscheinen, die vorhandenen
Ausrüstungen und die verbleibende Zeit sinn-
voll zu nutzen, um die Video-Kassetten-Über-
lieferung tatsächlich noch retten zu können.
Weil Nachfolgeverfahren auf langzeittaugli-
chen, redundanten digitalen Speichersystemen
beruhen, darf deren Beschaffung und Zugäng-
lichkeit nicht weiter verschoben werden, um
unwiederbringliche Verluste zu vermeiden. Ein
Blick über den eigenen Arbeitsbereich hin-
aus, etwa zu den TV-Anstalten, führt zu der
Einsicht, dass dort funktionierende Lösungen
etabliert sind. 2013 gab die RTL-Gruppe zur
Frühjahrstagung der Medienarchivare in Köln
Einblick in Aufbau und Struktur ihres Archiv-
Speicher-Systems. Als wesentlicher Bestandteil
der integrierten Lösung wurde die Sicherung
von 40 000 Stunden hochwertigem Videocon-
tent auf Daten-Magnetband-Kassetten (hier
vom Typ „Jaguar“) vorgestellt.
Stefan Gööck
(Archivzentrum Hubertusburg)
Zerlegte VHS-Kassette (Foto Stefan Gööck)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 24
Anbietung und Aussonderung
von Personalakten geregelt
Am 21. Oktober 2016 ist die gemeinsame Ver-
waltungsvorschrift der Sächsischen Staats-
kanzlei und der Sächsischen Staatsministe-
rien zur Anbietung und Aussonderung von
Personalakten (VwV AusPersAkten) in Kraft
getreten.
Mit der VwV AusPersAkten wird das Ausson-
derungsverfahren von Personalakten sowohl
für die Gerichte und Behörden als auch für
das Sächsische Staatsarchiv standardisiert
und damit erheblich vereinfacht. Konkret
wurden in Anbetracht der relativ geringen
Aussagekraft moderner Personalakten und
nach eingehender Prüfung anderer Bewer-
tungsszenarien eine hierarchische Auswahl
und eine Quotenauswahl vorgesehen, um eine
genügende Überlieferungsdichte zu gewähr-
leisten. Beispielsweise sind dem Sächsischen
Staatsarchiv alle Grundakten der Mitglieder
der Staatsregierung, aller Beschäftigten der
Besoldungs- bzw. Vergütungsgruppen A 16,
E 15, B 1 und höher, C 4, W 3, R 2 und höher
sowie aller außertariflich Beschäftigten zu
übergeben. Dies gilt auch für die Grundakten
der Leiter der Gerichte, Behörden und sons-
tigen öffentlichen Stellen einschließlich der
Außen- und Nebenstellenleiter ohne deren
ständige Vertreter. Schließlich sind alle Grund-
akten von Beschäftigten zu übergeben, die am
Personalakten im Hauptstaatsarchiv Dresden (Fotos Sylvia Reinhardt)
1.3., 1.6., 1.9. und 1.12. eines Jahres geboren
sind. Zu diesen Grundakten sind darüber hi-
naus u. a. die Teilakten zu Nebentätigkeiten,
Fortbildungen, Beurteilungen, Disziplinarakten
sowie Gerichtsakten zu übergeben.
Unabhängig davon sind dem Sächsischen
Staatsarchiv die Grundakten herausragender
Persönlichkeiten, von Beschäftigten, zu de-
nen der Bundesbeauftragte für die Unterlagen
des Staatssicherheitsdienstes der ehemali-
gen Deutschen Demokratischen Republik im
Rahmen der Überprüfung auf Tätigkeit beim
Ministerium für Staatssicherheit (MfS)/Amt
für Nationale Sicherheit (AfNS) eine positive
Auskunft erteilt hat, in denen sich gerichtliche
Auseinandersetzungen widerspiegeln und von
Beschäftigten, die in Ausübung ihres Diens-
tes zu Tode gekommen sind, anzubieten. Das
Gleiche gilt für Datensätze aus Personalver-
waltungssystemen, die im fünfjährigen Zyklus
anzubieten sind. Damit ist auch die Archivie-
rung elektronischer Personalunterlagen, die
laufend aktualisiert werden, gewährleistet.
Mit dieser Auswahl wird dem Ziel der vor-
liegenden VwV AusPersAkten entsprochen,
die Menge des zu archivierenden Schrift-
gutes – sowohl aus archivfachlichen wie aus
wirtschaftlichen Gründen – auf das erforder-
liche Minimum zu beschränken, eine aussa-
gekräftige Überlieferung zu bilden und die
Bewertungsentscheidung des Staatsarchivs
transparent und nachvollziehbar zu machen.
Burkhard Nolte
(ehemals Abteilung Zentrale Aufgaben,
Grundsatz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 25
Vom Leipziger Land bis zum Erzgebirge –
Das Archiv des Landkreises Mittelsachsen
Der Landkreis Mittelsachsen, entstanden 2008
aus den Altkreisen Freiberg, Mittweida und
Döbeln, verwahrt das Archivgut des Land-
kreises regionalbezogen in drei kreiseigenen
Archivstandorten in Freiberg, Mittweida und
Wechselburg. Die territoriale Zuständigkeit der
einzelnen Archivstandorte widerspiegelt die
Gebiete der ehemaligen Landkreise.
Neben den historischen Überlieferungen der
Kreisverwaltungen zählen zum Archivgut auch
archivwürdige Unterlagen der Stadt- und Ge-
meindeverwaltungen im Landkreis, die kein
eigenes Archiv im Sinne des Sächsischen Ar-
chivgesetzes unterhalten, sowie Archivgut aus
Schulen, Betrieben und Einrichtungen, Verei-
nen, Verbänden und Organisationen des Land-
kreises Mittelsachsen. Im Kreisarchiv integriert
ist auch das Verwaltungsarchiv der Landkreis-
behörde, in dem das Verwaltungsschriftgut
bis zum Ablauf gesetzlicher Aufbewahrungs-
fristen verwahrt und zur behördeninternen
Nutzung bereitgestellt wird. Das Kreisarchiv
Mittelsachsen verfügt zudem über eine Ar-
chivbibliothek als Präsenzbibliothek, archivi-
sche Sammlungen sowie Vor- und Nachlässe.
Der Archivstandort Freiberg befindet sich am
Hauptsitz des Landratsamtes Mittelsachsen
und ist zuständig für das Archivgut o. g. Pro-
venienzen der Regionen der ehemaligen Kreise
Freiberg, Flöha und Brand-Erbisdorf. Zugleich
ist er Verwaltungsarchiv- und Endarchivstand-
ort des Landratsamtes Mittelsachsen.
Hausadresse:
Frauensteiner Straße 43, 09599 Freiberg
Nach umfangreichen Um- und Ausbaumaß-
nahmen eines ehemaligen Kinosaales am
Verwaltungsstandort des Landratsamtes
Mittelsachsen in Mittweida wurde der dor-
tige Archivstandort im Dezember 2016 seiner
Bestimmung übergeben. Dieser kann seit Ja-
nuar 2017 durch die Öffentlichkeit in Anspruch
genommen werden.
Im Zuge dieser Baumaßnahmen wurde ein
Magazin geschaffen, das in zwei Ebenen mit
Fahrregalanlagen ausgestattet ist und über
eine Kapazität von ca. 7 500 laufenden Re-
galmetern verfügt. Moderne Lüftungs- und
Klimatechnik bieten die Gewähr für entspre-
chende Raumbedingungen, die für die dauer-
hafte Verwahrung von Archivgut erforderlich
sind.
Der behindertengerechte Zugang in den
Öffentlichkeitsbereich ermöglicht allen Be-
suchern in moderner und angenehmer At-
mosphäre Akteneinsichten zu den verschie-
densten Themen durchzuführen. Bei Bedarf
stehen dem Benutzer auch Einzelleseplätze
sowie technische Voraussetzungen für die Be-
nutzung von elektronischen Arbeitsmitteln
zur Verfügung.
Am Archivstandort Mittweida sind Archiv-
bestände kommunaler und nichtkommunaler
Provenienzen der ehemaligen Kreise Döbeln
und Hainichen zusammengeführt worden, in
dessen Zuständigkeit sich die Überlieferungen
dieser Region widerspiegeln.
Hausadresse:
Am Landratsamt 3, 09648 Mittweida
Standort Mittweida (Foto Pressestelle LRA Mittelsachsen)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 26
Der Archivstandort Wechselburg ist zustän-
dig für die historischen Überlieferungen aus
den vorgenannten Provenienzen der Regionen
um den ehemaligen Landkreis Rochlitz so-
wie der ehemaligen Landkreise Geithain und
Chemnitz/Land, die in den späteren Landkreis
Mittweida eingegliedert wurden.
Im Archivstandort Wechselburg werden aktu-
ell alle Stadt- und Gemeindearchivbestände in-
nerhalb des Zuständigkeitsbereiches archiviert.
Hausadresse:
Waldstraße 2, 09306 Wechselburg
Der Gesamtbestandsumfang des Kreisarchivs
Mittelsachsen beträgt über 18 000 lfm und
umfasst im Wesentlichen einen Zeitraum von
drei Jahrhunderten. Zu den ältesten überlie-
ferten Unterlagen zählen Einzeldokumente aus
dem 15. und 16. Jahrhundert.
Für Bestandsergänzungen sind an allen Ar-
chivstandorten derzeit ausreichend freie Ma-
gazinkapazitäten vorhanden. Künftig könnten
diese durch archivfachliche und objektbezo-
gene Arbeit noch erweitert werden, so dass
die Überlieferungsbildung des Kreisarchivs
Mittelsachsen hinsichtlich der Archivie-
Archiv des Landkreises Mittelsachsen, Gemeinde Höckendorf (Fotos Pressestelle LRA Mittelsachsen, Andrea Funke)
rungsmöglichkeiten nach jetzigem Stand
über viele Jahre hinaus sicher gestellt werden
kann.
Zur Bestandserhaltung und zur Notfallvorsor-
ge im Katastrophenfall wurden für das Kreisar-
chiv Mittelsachsen außerdem zwei Notfallbo-
xen angeschafft, mit deren Hilfe bedarfsweise
erste erforderliche Maßnahmen zur Sicherung
des Archivgutes ergriffen werden können.
Die starke Nutzung und auch der teilweise
schlechte Erhaltungszustand der historischen
Zeitungssammlung, überliefert ab den Jahren
1807 bzw. 1819, erforderten die Schutzverfil-
mung der Originale. Für die Benutzung dieser
Mikrofilme stehen dem Nutzer ein Lesegerät
und seit jüngerer Zeit auch ein Mikrofilmscan-
ner zur Verfügung. Seit diesem Jahr werden für
die Reproduktionen von Archivgut außerdem
auch Buchscanner eingesetzt.
Um die Archivbestände künftig effizient zu
verwalten, kommt im Kreisarchiv Mittelsach-
sen die Archivsoftware ACTApro zur Anwen-
dung. Derzeit finden dafür umfangreiche und
zeitintensive Vorarbeiten statt, die im laufen-
den Archivbetrieb sicherzustellen sind.
Neben der Bestandsergänzung und Verzeich-
nung der Archivalien soll ein weiterer Schwer-
punkt auf der Bewertung und Erschließung
der Unterlagen liegen, damit die vielfältigen
Archivbestände des Kreisarchivs Mittelsachsen
im Rahmen der Vorgaben des Sächsischen
Archivgesetzes möglichst umfänglich zur Nut-
zung und Auswertung bereitgestellt werden
können.
Die Benutzungen und Anfragen beziehen sich
zumeist auf die Heimat- und Regionalge-
schichte, in deren Ergebnis u. a. Festschriften
und Chroniken überliefert sind. Aber auch für
genealogische Forschungen sowie Anfragen
zu wissenschaftlichen Projekten werden die
archivalischen Quellen des Kreisarchivs Mit-
telsachsen ausgewertet.
Das Kreisarchiv Mittelsachsen ist Di., Do.
9.00–12.00 Uhr und 13.00–18.00 Uhr sowie
Fr. 9.00–12.00 Uhr geöffnet.
Weitere Informationen zum Kreisarchiv Mit-
telsachsen finden Sie auch auf der Homepage
des Landkreises Mittelsachsen unter:
www.landkreis-mittelsachsen.de
Frank Haase
(Landratsamt Mittelsachsen,
Zentrale Dienste)
Rollregalanlage in Mittweida

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 27
Das Archiv der TU Bergakademie Freiberg
Gründungsgeschichte des
Universitätsarchivs
Die Existenz des heutigen Universitätsarchivs
der TU Bergakademie Freiberg begann, auch
wenn sich der Name „Hochschularchiv“ be-
reits Anfang der 1950er Jahre in den Akten
nachweisen lässt, am 1. Februar 1961 – also
vor nunmehr 56 Jahren. Damals kam Karl-Fritz
Zillmann (1922–2010) als ausgebildeter Archi-
var auf die Bergakademie und etablierte hier
in Freiberg das erste Hochschularchiv, dessen
Geschicke er – zu Beginn noch innerhalb der
Bücherei der Bergakademie – 20 Jahre lang
leitete. Das am 1. Juli 1952 ebenfalls der Hoch-
schulbibliothek angegliederte Archiv des 1946
aufgelösten Oberbergamtes dagegen ging
1967 als „(Historisches) Bergarchiv Freiberg“
in den Aufsichtsbereich der Staatlichen Ar-
chivverwaltung im damaligen Ministerium des
Innern der DDR über und wurde dem Staats-
archiv Dresden unterstellt.
Zu den ältesten vom Hochschularchivar ver-
walteten „Beständen“, die anfangs in zwei
Aktenregalen Platz gefunden haben sollen,
gehörten die Aufsichtsunterlagen des (1869
aufgelösten) Königlich Sächsischen Ober-
bergamtes über die Bergakademie, die nach
der Gründung der Bergakademie (1765) vom
Bergakademieinspektor geführten Akten sowie
die der Bergakademischen Disziplinarbehörde.
Bereits im ersten Jahr nach Errichtung des
Hochschularchivs konnten die sehr umfang-
reichen, bis dahin vom Rektorat der Bergaka-
demie verwahrten Unterlagen der früheren
Direktion der Bergakademie (ab 1869), die des
späteren Rektorates sowie die des Verwal-
tungsdirektors – letztere umfassten vor allem
den Überlieferungszeitraum von 1929 bis 1950
– vom Hochschularchiv übernommen werden.
Daneben bildeten die umfangreichen Matrikel-
unterlagen – dazu zählen v. a. die zwischen
1869 und 1947 verwendeten, formalisierten
Matrikelbögen, die bis 1960 vom Prorektorat
für Studienangelegenheiten verwaltet worden
waren – sowie einige weitere kleinere Bestände
das Grundgerüst für die Recherchearbeiten,
die im Kontext mit den damals gerade bevor-
stehenden Feierlichkeiten zum 200-jährigen
Gründungsjubiläum der Bergakademie zu be-
wältigen waren.
Umfangreiche Ordnungs- und Verzeichnungs-
arbeiten, größtenteils nach den individuellen
Intentionen des Archivleiters, begannen. Die
dazu erarbeiteten Findmittel – eine umfang-
reiche Personenkartei, Inventare und andere
Verzeichnisse, die z. T. den Inhalt der einzelnen
Akten minutiös wiedergeben – legen Zeugnis
ab von den Erschließungsmethoden des da-
maligen Archivleiters. Geradezu einmalig sind
die entstandenen Verzeichnisse über die Stu-
dierenden der Bergakademie, die detaillierte
Angaben zu Herkunft, Vorbildung sowie dem
absolvierten Studium auf der Bergakademie
beinhalten. Selbst Gesuche um das unentgelt-
liche Hören der an der Bergakademie gelehr-
ten Fächer bzw. um die Gewährung verschie-
denster Unterstützungen/Wohltätigkeiten
(die mit Landesunterstützung Studierenden
bezeichnete man deshalb eine geraume Zeit
auch als Benefiziaten) wurden tabellarisch
erfasst. Für den Laien z. T. kaum verständlich,
bieten sie dem Kundigen eine ungeahnte Fül-
le an Informationen, die moderne Findmittel
oft nicht enthalten. Erstmalig konnte so auf
deren Grundlage auch die bauliche Entwick-
lung der Bergakademie in ihrer Gesamtheit
aufgearbeitet und dargestellt werden. Für die
Bewältigung der Recherchearbeiten sowie die
Auswertungstätigkeit der Archivmitarbeiter in
Vorbereitung auf das 250-jährige Gründungs-
jubiläum der Bergakademie waren diese Ar-
beitsergebnisse aus der Pionierzeit des Hoch-
schularchivs von außerordentlichem Nutzen.
Noch heute bilden sie eine wesentliche Grund-
lage für die Bewältigung der im Archivgesetz
verankerten archivischen Kernaufgaben.
Die Bestandsüberlieferung des Universitäts-
archivs setzt mit den Aufsichtsakten des
Kursächsischen Oberbergamtes über die
Verwendung von Stipendiengeldern an der
so genannten Stipendiatenkasse, einem im
Jahre 1702 auf Initiative des damaligen Ober-
berghauptmannes Abraham von Schönberg
eingerichteten landesherrlichen Geldfonds
ein, dessen Zweck darin bestand, interessier-
ten Bergbeflissenen eine fachlich gehobene
Ausbildung im Silberbrennen, Markscheiden,
Probieren sowie weiteren Wissensgebieten
zukünftiger Berg- und Hüttenbeamter zu er-
möglichen. Dieser Geldfonds ist später in das
komplizierte Finanzierungssystem der Berg-
akademie überführt worden.
Nach der erwähnten Ausgliederung des Ober-
bergamtsarchivs (Bergarchiv) aus der Hoch-
schulbibliothek der Bergakademie (1967) er-
folgte im Rahmen der Hochschulreform 1968
die Unterstellung des Hochschularchivs unter
den Verwaltungsdirektor/Direktor für Ökono-
mie der Bergakademie. Im Ergebnis unter-
schiedlicher verwaltungsmäßiger Zuordnung
wurde das (nunmehrige) Universitätsarchiv,
wie es seit 1993 offiziell genannt wird, im Juli
2001 endgültig dem Kanzler der Universität
als Stabsstelle zugeordnet. Es nimmt heute
sowohl die Funktion eines Zugangsarchivs
(Verwaltungsarchiv) für die etwa 75 akten-
führenden Stellen der TU Bergakademie, als
auch die eines Endarchivs für über 150 Be-
stände wahr.
Vor nunmehr knapp 16 Jahren (2001) erfolgte
der Umzug des Universitätsarchivs in die sa-
nierten Räumlichkeiten der Prüferstraße 9. In
diesem Gebäude, in dem von 1893 bis 1919 die
Freiberger (Haupt-)Bergschule ihren Sitz hatte,
wurden nahezu ideale Lagerungsbedingungen
für die Archivbestände und gute Arbeitsbedin-
gungen für Archivmitarbeiter sowie Benutzer
geschaffen.
Karl-Fritz Zillmann, erster Leiter des Hochschularchivs
der Bergakademie, hier 1977 (Foto TU Bergakademie
Freiberg, Medienzentrum)

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Kernaufgaben und Leistungen des
Universitätsarchivs Freiberg
Der zu den gesetzlichen Kernaufgaben der
Archive gehörenden Erschließungs- und Aus-
wertungstätigkeit wird im Universitätsarchiv
eine hohe Aufmerksamkeit geschenkt, auch
wenn im Zusammenhang mit der Vorberei-
tung und Durchführung des Universitätsjubi-
läums 2015/16 die Arbeitsschwerpunkte vor-
übergehend neu gewichtet werden mussten.
So gab das Universitätsarchiv – neben der
Veröffentlichung einer Vielzahl von Beiträgen
zur Geschichte der Universität – in den letzten
Jahren eine eigene Historische Schriftenreihe
heraus, in der auf der Grundlage des über-
lieferten Archivgutes das bislang zu wenig
beachtete Wirken mancher Absolventen oder
Funktionsträger der Bergakademie nachge-
zeichnet wurde. Hierbei bestätigte sich die
Funktion des Universitätsarchivs als „Ge-
dächtnis der Bergakademie“. Faktisch keine
der aus Anlass des Jubiläums entstandenen
Schriften zur Universitätsgeschichte entstand
ohne Beteiligung von Archivmitarbeitern.
Besonders hervorzuheben dürfte dabei der
„Catalogus Professorum Fribergensis“ sein,
ein umfangreiches und „gehaltvolles Kom-
pendium zu 250 Jahren Lehre an der Berg-
akademie“. Diesem kommt wenigstens die
gleiche Bedeutung zu, wie den ebenfalls unter
wesentlicher Mitwirkung der Archivmitarbei-
ter schon vorher erschienenen Werken „Die
Technische Universität Bergakademie Frei-
berg und ihre Geschichte“ bzw. „Wissenschaft
vor Ort“, einem wissenschaftlich fundierten
und zugleich künstlerisch anspruchsvollen
Bildband.
Schwerpunkte der Arbeiten der Archivmitar-
beiter in den nächsten Jahren werden die Auf-
holung von Erschließungsrückständen sowie
die Retrokonversation vorhandener analoger
Findmittel sein. Gleichzeitig sollen ausge-
wählte Archivbestände einer Digitalisierung
zugeführt werden, wobei der zu betreibende
finanzielle Aufwand in einem angemessenen
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 28
Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen ste-
hen soll. Ein besonderes Erschließungsprojekt,
das in den nächsten eineinhalb Jahren abge-
schlossen werden wird, stellt der „Fotonachlass
Jurasky“ dar, ein sich aus ca. 6 000 Glasplatten
zusammensetzender, zwischen 1928 und 1945
angefertigter und zu einem großen Teil einem
hohen künstlerischen Anspruch gerecht wer-
dender Bestand fotografischer Aufnahmen.
Zeitgleich mit der Digitalisierung durch darauf
spezialisierte Firmen erfolgt auf der Grundlage
der überlieferten Glasplattendaten die Erfas-
sung von Bildtitel, Bildbeschreibung etc. sowie
die anschließende redaktionelle Bearbeitung
der Erschließungsresultate. Lange geplant,
aber immer noch ausstehend, ist die Erarbei-
tung einer fundierten eigenständigen Digita-
lisierungsstrategie des Universitätsarchivs, in
der die mit der Digitalisierung verbundenen
Chancen genauso berücksichtigt werden sol-
len, wie die nicht zu leugnenden Risiken zu
betrachten sind. In diesem Kontext wird zu
beachten sein, dass das Universitätsarchiv als
„Dienstleister“ zwar gehalten ist, die Informa-
tionswünsche seiner Benutzer weitestgehend
zu befriedigen, sich dies aber nur unter strikter
Beachtung des gesetzlich geregelten Grund-
auftrages, der in der dauerhaften Aufbewah-
rung, Sicherung und Erhaltung des Archivguts
besteht, vollziehen darf.
Da Archivgut als Landeskulturgut grundsätz-
lich im Original aufzubewahren ist, somit der
gesetzliche Archivierungsauftrag auch nicht
ersatzweise durch digitale Systeme bzw. Ver-
fahren der „elektronischen Archivierung“ –
außer bei originär elektronisch entstandenen
Unterlagen – erfüllt werden kann, führt auch
in naher Zukunft an der klassischen, d. h. „ana-
logen“ Archivierung kein Weg vorbei.
Das Universitätsarchiv in Zahlen:
Gesamtbestandsumfang z. Zt. ca. 2 200 lfm
Archivgut bzw. Unterlagen, deren Aufbe-
wahrungsfristen noch nicht abgelaufen sind;
– Jährliche Übernahme: ca. 40 lfm;
– Im Jahresdurchschnitt erteilt das das Archiv
150 bis 200 (i. d. R. auf wissenschaftliche
Anfragen) schriftliche Auskünfte zur Ent-
wicklung der Bergakademie und ihrer Ein-
richtungen bzw. zu ehemaligen Studenten
und Lehrkräften;
– Etwa 90 Benutzer (an ca. 250 Benutzer-
tagen) frequentieren jährlich die Räumlich-
keiten des Archivs, hinzu kommen noch ca.
– 60 Studienzeitbescheinigungen für Studen-
ten bzw. Rentenversicherungsträger, die das
Universitätsarchiv Freiberg jährlich erteilt.
Herbert E. Kaden
(TU Bergakademie Freiberg,
Universitätsarchiv)
Gebäude Prüferstraße 9, ehemals Sitz der Freiberger Bergschule (1893–1919), heute Standort des Universitätsarchivs
der TU Bergakademie Freiberg („Wissenschaft vor Ort“, Foto Waltraud Rabich)
Titelblatt: Catalogus Professorum Fribergensis

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 29
Nationalsozialistische Zwangssterilisationen in Sachsen –
Buchpräsentation im Staatsarchiv Chemnitz
Das am 14. Juli 1933 nur wenige Monate nach
der Machtübernahme der Nationalsozialisten
verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erb-
kranken Nachwuchses“ war die wichtigste
Maßnahme zur Etablierung einer radikal ras-
senhygienisch orientierten Gesundheitspolitik
im Deutschen Reich. Bis zum gewaltsamen
Ende der NS-Herrschaft wurden Schätzungen
zufolge zwischen 350 000 und 400 000 Men-
schen gegen ihren Willen sterilisiert. Allein in
Sachsen waren mindestens 25 000 Menschen
von dieser Zwangsmaßnahme betroffen.
Noch heute sind diese Menschen weitgehend
vergessene Opfer des „Dritten Reiches“. Dabei
offenbarte gerade das „Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses“ schon früh die
Rücksichtslosigkeit der Nationalsozialisten.
Nicht mehr das Wohlergehen des Individu-
ums wurde als wichtig angesehen, sondern
das des deutschen „Volkskörpers“. Menschen
mit geistigen Behinderungen und psychischen
Krankheiten galten fortan als Gefahr für die
„Volksgesundheit“ und sollten daher keine
Möglichkeit mehr haben, sich fortzupflanzen.
Mittels rassenhygienischer Kategorien glaub-
ten Ärzte, Richter und Beamte, über den Wert
eines Menschen befinden zu können. Wenige
Jahre später hatte sich dieser Glaube so weit
radikalisiert, dass man auch nicht mehr vor
dem Mord an den vermeintlich „Minderwer-
tigen“ zurückschreckte. Der NS-„Euthanasie“
fielen bis Kriegsende etwa 200 000 Menschen
zum Opfer; zunächst in sechs zentralen Tö-
tungsanstalten durch Vergasung, später in
ausgewählten Heil- und Pflegeanstalten
durch Nahrungsentzug, mangelnde Pflege
oder überdosierte Medikamente.
Bislang existierten über die Zwangssterili-
sationspraxis in Sachsen nur verstreute und
teilweise schwer verfügbare Lokalstudien zu
einzelnen medizinischen Einrichtungen. 2016
erschien daher ein gemeinsam von der Säch-
sischen Landeszentrale für politische Bildung
und der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein erar-
beiteter Sammelband zu NS-Zwangssterilisati-
onen in Sachsen. Ziel war nicht eine Gesamt-
darstellung zu dieser Thematik, sondern die
Präsentation neuester Forschungsergebnisse,
die das Potential einer vertiefenden und um
die gesellschaftsgeschichtliche Dimension er-
weiterten Forschung belegen und Impulse für
weitere Arbeiten geben sollen. So widmen sich
zwei Beiträge der Verantwortung von Juristen
bei der Umsetzung des Sterilisationsgesetzes,
für die neben den Gesundheitsämtern vor al-
lem sog. „Erbgesundheitsgerichte“ zuständig
waren. Ein Beitrag untersucht die Praxis der
Zwangssterilisationen exemplarisch am Bei-
spiel Ostsachsens, wobei sich der Verfasser
auf in großem Umfang erhaltene sog. „Erb-
gesundheitsakten“ im Staatsfilialarchiv Baut-
zen stützen konnte. Andere beleuchten die
Nachgeschichte der Zwangssterilisationen und
zeigen, wie schnell dieses Verbrechen aus der
Nachkriegserinnerung verschwand. Eine An-
erkennung als Opfer des Nationalsozialismus
blieb den Menschen, die aus rassenhygieni-
schen Gründen verfolgt wurden, in Ost- wie
Westdeutschland verwehrt. Ergänzt werden
die Beiträge durch mehrere Biografien von
Opfern zwangsweiser Unfruchtbarmachun-
gen, die die individuellen Auswirkungen der
NS-Gesundheitspolitik konkretisieren und als
eigenständiges Unrecht kenntlich machen.
Ein wichtiges Anliegen der Herausgeber ist
die Aufklärung über dieses wenig bekannte
Kapitel der sächsischen Geschichte, wes-
halb in den Jahren 2016/2017 eine Reihe von
Buchpräsentationen geplant waren/sind. Eine
dieser Veranstaltungen fand am 3. November
2016 im Staatsarchiv Chemnitz statt. Nach
der Begrüßung durch Raymond Plache vom
gastgebenden Archiv stellte der stellvertre-
tende Leiter der Sächsischen Landeszentrale
für politische Bildung, Werner Rellecke, das
Anliegen und die Hauptinhalte der Publikation
vor. Der Mitautor Dr. Boris Böhm, Leiter der
Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, referierte
zur Praxis der NS-Zwangssterilisationen in
Chemnitz. In seinem Vortrag ging er auf das
Wirken des Erbgesundheitsgerichtes Chemnitz
ein, stellte aber auch die Krankenhäuser und
einige Ärzte vor, die mit der Sterilisationspraxis
in Verbindung standen.
Anschließend referierte Dr. Jürgen Nitsche aus
Mittweida über die strafrechtliche Verfolgung
von Ärzten und Richtern in den Nachkriegsjah-
ren im Regierungsbezirk Chemnitz wegen ihrer
Beteiligung an den NS-Zwangssterilisationen.
Diese erste diesbezügliche Regionalstudie für
Sachsen erbrachte die wichtige Erkenntnis,
dass es keine Verurteilungen von Verant-
wortlichen für rassenhygienisch motivierte
Zwangssterilisationen gab, aber einige wenige
bei rassisch implizierten Zwangsmaßnahmen
(Zwangssterilisation eines so genannten „Zi-
geunermischlings“).
Im Anschluss nutzten die interessierten Zu-
hörer rege die Möglichkeit des Gesprächs und
der Diskussion mit den beiden anwesenden
Autoren. Dabei meldete sich auch ein Zeit-
zeuge, der über die Zwangssterilisation eines
Chemnitzer Hilfsschülers berichtete. Raymond
Plache informierte über die umfangreichen
Bestände zur NS-Erbgesundheitspolitik im
Staatsarchiv Chemnitz.
Die Publikation kann kostenfrei über die Säch-
sische Landeszentrale für politische Bildung
bezogen werden.
Boris Böhm / Hagen Markwardt
(Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein)
Vortrag von Dr. Jürgen Nitsche am 3.11.2016 im Staats-
archiv Chemnitz (Foto Boris Böhm)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 30
Kooperation und Effizienz im Dienste
des Eroberungskrieges – Buchpräsentation
im Staatsarchiv Chemnitz
Mit der Vorstellung der Dissertation von Silke
Schumann: „Kooperation und Effizienz im
Dienste des Eroberungskrieges. Die Organisa-
tion von Arbeitseinsatz, Soldatenrekrutierung
und Zwangsarbeit in der Region Chemnitz“
setzten das Hannah-Arendt-Institut für Tota-
litarismusforschung e.V. und das Staats archiv
Chemnitz im Oktober 2016 die im Vorjahr be-
gonnene Reihe gemeinsamer Buchvorstellun-
gen fort.
Nach einer Begrüßung durch den Leiter des
Staatsarchivs Chemnitz, Raymond Plache, und
den stellvertretenden Direktor des Hannah-
Arendt-Instituts, Dr. Clemens Vollnhals, er-
örterte die Autorin am Beispiel der Region
Chemnitz die Frage, welchen Beitrag regio-
nale und lokale Behörden wie die Arbeits-
ämter, die Industrie- und Handelskammern
und das Rüstungskommando Chemnitz dazu
leisteten, dass das NS-Regime trotz großer
Arbeitskräfteknappheit seinen verbrecheri-
schen Raub- und Eroberungskrieg so lange
fortführen konnte, bis die alliierten Armeen
Deutschland besetzten. In ihrer 2016 in den
Schriften des Hannah-Arendt-Instituts beim
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen
Studie schildert Schumann, wie immer mehr
Männer ihre Arbeitsplätze verlassen und an die
Front gehen mussten, wie Arbeiterinnen und
Arbeiter von ihren angestammten Arbeitsplät-
zen in der Konsumgüterindustrie in die Waf-
fen-, Munitions- und Kriegsgeräteindustrie
versetzt und Hausfrauen für die Fabrikarbeit
rekrutiert wurden.
Die bisherige Forschung betonte, ausgehend
von der Reichsebene, vor allem Dysfunktio-
nen, Machtkämpfe und Fehlplanungen beim
Arbeitseinsatz. Schumann sichtete intensiv die
einschlägigen Bestände vor allem des Staats-
archivs Chemnitz und des Stadtarchivs Chem-
nitz. Gestützt auf diese Recherchen weist sie
erstmals die Effizienz der regionalen Steuerung
vor Ort nach, die auf der Eigeninitiative und
dem Engagement der Fachbeamten und ei-
nem von den Berliner Behörden nicht immer
gern gesehenen Willen der örtlichen Institu-
tionen und Ämter zur Kooperation beruhte.
Am Beispiel der aus ganz Europa in großer
Die Autorin Dr. Silke Schumann (Foto Clemens Vollnhals)
Zahl verschleppten Zwangsarbeiter und ih-
rer Behandlung durch Chemnitzer Behörden
und Unternehmen verdeutlicht die Autorin
die Einbindung des regionalen Verwaltungs-
handelns in den Verbrechenszusammenhang
des NS-Regimes. Die Behörden vor Ort, so
ihr Fazit, setzten die menschenverachtende
rassistische Politik des Regimes in praktikable
bürokratische Maßnahmen um und passten
sie an die Verhältnisse vor Ort an. So trugen
sie erheblich dazu bei, das NS-Regime nahezu
bis zum Kriegsende zu stabilisieren.
Eine intensive Diskussion mit dem fachkundi-
gen Publikum schloss sich an, die sich vor allem
auf die Abwicklung der Aufträge der Wehr-
macht, die Verteilung der Arbeitskräfte auf
verschiedene Rüstungsfertigungen sowie auf
die jüdischen Zwangsarbeiter konzentrierte.
Silke Schumann
(Frankfurt am Main)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 31
Filmpräsentationen im Staatsarchiv Chemnitz
Am 10. November 2016 wurden inzwischen
erschlossene audiovisuelle Archivalien aus
Beständen des Staatsarchivs Chemnitz ei-
nem größeren Personenkreis vorgestellt. Mit
diesem Programm, das sich auf die 1960er
Jahre konzentrierte, wurde den bemerkens-
werten Erfolgen privater Chemnitzer Samm-
ler (vgl.
www.filmarchiv-chemnitz.jimdo.com)
eine erste Bilanz der professionellen AV-
Archivierung in Regie des Freistaates an die
Seite gestellt.
te jeder Film seinen bestimmten Zweck: Die
beiden Filme aus den Betrieben können als
Werbefilme bezeichnet werden. Die drei Filme
über Karl-Marx-Stadt sind – und das sollte
man nicht vergessen – immer auch Propagan-
dafilme, die den Fortschritt des Sozialismus
darstellen sollten und daher entweder nur die
Sonnenseiten des Systems zeigten oder die
vorsozialistische Vergangenheit allein von der
negativen Seite (…).“ Insgesamt wurden fünf
Filmtitel aufgeführt.
„Nicht brauchbar“ ist warnend vermerkt auf
vier Kino-Film-Büchsen, die als Nr. AV-013 im
Bestand 33229 SED-Bezirksleitung Karl-Marx-
Stadt, Sammlung Fotos/Filme überliefert sind.
Enthalten ist der Film „Gegenwärtiger Bericht
und Erinnerung an Chemnitz“. Im Sächsischen
Staatsarchiv, Archivzentrum Hubertusburg/
Sachgebiet Audiovisuelle Medien entstand
eine Master-Fassung des 20-Minuten-Films,
dies möglicherweise erstmals überhaupt, denn
es ist keine kinotaugliche „kombinierte Kopie“
überliefert. Im Auftrage des Rates der Stadt
wurde der Film im Jahr 1965 hergestellt vom
VEB DEFA Studio für Wochenschau und Doku-
mentarfilme (Berlin). Im Filmteam wirkte u. a.
der Regisseur Jürgen Böttcher mit, bekannt
auch als Maler namens Strawalde und 2016
ausgezeichnet „Für besondere Verdienste um
die Förderung des Geistigen im Film“ (vgl.
www.
filmgeist.org), ferner der Autor Heinz Kahlow
(„Eulenspiegel“). Gedanklicher Ausgangspunkt
sind das so genannte „Ruß-Chemnitz“, Fritz
Heckert und die Arbeiterbewegung des 19./20.
Jahrhunderts, schließlich die Zerstörungen
im Zweiten Weltkrieg. Dem gegenüberge-
stellt werden Aufbauwillen und Erfolge in der
DDR der 1960er Jahre. Beispielhaft werden
der Maschinenbau im VEB Modul und der Ex-
porterfolg des VEB Buchungsmaschinenwerk
ausgeführt. Die Umbenennung in Karl-Marx-
Stadt, der Bau eines neuen Stadtzentrums
einschließlich Kongresshalle, schließlich die
Schaffung von Lebensraum für Kinder und Ju-
gendliche münden in die symbolisch überhöh-
te Darstellung eines Hochzeitspaares vor dem
Rathausportal und die Behauptung, „Stadt und
Land gingen einen neuen Weg“.
Als zweiter wurde, passend zur Jahreszeit, der
16-mm-Streifen „Moderne Verkaufsformen/
Ein Film über die CENTRUM Warenhäuser Karl-
Marx-Stadt“ vom Jahresende 1966 gezeigt,
der die seinerzeitige Dekoration, das Waren-
angebot und Preisniveau vor den Weihnachts-
feiertagen in Erinnerung brachte (Bestand
30992 VEB Haushaltsgeräte Karl-Marx-Stadt,
Stammbetrieb des VEB Kombinat Haushaltge-
räte Karl-Marx-Stadt, und Vorgänger, Nr. 6).
Die optimistische Darstellung der frisch re-
novierten Warenhäuser in der Post- und Brü-
ckenstraße überrascht mit breitgefächerter
Angebotspalette und einschmeichelnder
Beschallung. Zwecks Tests der beworbenen
Haushaltsgeräte wurde auf Netzsteckdosen
an den Warenträgern hingewiesen. Hervor-
gehoben wurden 53 unterschiedliche Dienst-
leistungsangebote, darunter ein Kosmetiksalon
und ein Hostessendienst für Ausländer (zum
Filmproduzenten vgl. auch Volker Petzold in:
Sächsisches Archivblatt Nr. 1/2016, S. 15–17).
Zur Eröffnung der Veranstaltung verwies der
Leiter der Abteilung 4 Staatsarchiv Chemnitz,
Raymond Plache, auf insgesamt 550 kinema-
tografische Filme in der Zuständigkeit seines
Hauses. „Wenn wir heute diese Filme zeigen,
sind wir uns bewusst, dass sie einerseits einen
Einblick in das damalige Leben bieten – für
viele eine Erinnerung, für Jüngere eher eine
Vergangenheit, die sie nicht aus eigenem Er-
leben kennen können. Andererseits verfolg-
Foto Tobias Crabus
Etikett von SächsStA-C, 33229 SED-Bezirksleitung Karl-Marx-
Stadt, Sammlung Fotos/Filme, Nr. 13
Standbild aus SächsStA-C, 33229 SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, Sammlung Fotos/Filme, Nr. 13

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2017 | 32
Wer nun erwartet hatte, einen Kinofilm entwe-
der im Archivgutbestand des Filmproduzenten
oder aber bei dessen Auftraggeber vorzu-
finden, der konnte zumindest „Die elegante
Masche“ als Bestätigung auffassen (Bestand
31040 VEB Strickmaschinenbau Karl-Marx-
Stadt und Vorgänger, Nr. 1). „Textima in aller
Welt“ eröffnet eine Trickgrafik, Mannequins
und Kinder führen am Badestrand, beim Sport
und im Winter Strickmode vor – hergestellt auf
diversen Textima-Großrundstrickmaschinen.
Deren Struktur, Funktionsweise, Herstellung
und Qualitätssicherung sind Gegenstand des
Films. Die Strickdesigns wurden im Muster-
raum des Produktionsbetriebes entworfen,
erwartungsgemäß „analog“, jedoch erfolgte
die Umsetzung für die Strickmaschinen bereits
mit einer fotoelektrischen Programmierein-
richtung, Datenspeicherung auf Lochstreifen
und nachfolgender Platinenstanze. Produziert
wurde dieser zweite Film aus einem Indus-
triebestand keineswegs von den Universal-
Studios in Hollywood, obwohl im Vorspann
eine Weltkugel am Sternenhimmel rotiert: Der
Industriewerbefilm wurde Mitte der 1960er
Jahre von dem privaten Erfurter Filmstudio
Lustermann mit deutschem, englischem und
französischem Ton hergestellt, war mithin für
den Einsatz auch im „nichtsozialistischen Wirt-
schaftsgebiet“ bestimmt.
Wie der vorherige, wurde auch der vierte Film
für die Vorführung am 10. November 2016
gekürzt: „Karl-Marx-Stadt-Report '66“, ein Uni-
kat im 16-mm-Format (Bestand 33229 s. o.,
Nr. 12). Es handelt sich um ein Magazin in der
Art einer Kinowochenschau, hier allerdings als
Jahresbilanz, Teil einer beabsichtigten Reihe.
Der Halbstünder resümiert Staatsbesuche, zeigt
den Bildhauer Lew Kerbel bei der Vorbereitung
des Karl-Marx-Denkmals, bilanziert den Export
Karl-Marx-Städter Produkte in die Sowjetunion,
bringt das Pfingsttreffen der FDJ und diverse
Sportereignisse in Erinnerung. Bei näherer phy-
sischer Betrachtung erscheint es naheliegend,
dass die Aufnahmen überwiegend aus fremden
Quellen bezogen, im vorliegenden Film neu
zusammengestellt und vertont wurden. Im Kern
dürfte es sich um Duplikate von professionel-
lem Reportagematerial handeln, teils sogar um
Bildschirmaufnahmen. Dieses Bewegtbildma-
terial wurde ergänzt mit teils laienhaft abge-
lichteten Pressefotos. Hinzu kamen vermutlich
originale Luftaufnahmen von Überflügen über
Karl-Marx-Stadt, die Seltenheitswert haben
dürften. Im Ton lieferte ein Off-Sprecher die po-
litische Einordnung. Obwohl kein Filmproduzent
genannt wird, kann davon ausgegangen wer-
den, dass ein örtliches Betriebsfilmstudio den
Auftrag übernommen hatte, den „Report“ für
den internen Gebrauch der SED-Bezirksleitung
zusammenzustellen. Eine reguläre Nutzung im
öffentlichen Kino wäre wegen des Schmalfilm-
formats schwierig gewesen – genau wie beim
o. a. Warenhaus-Film.
In den 1960er Jahren, als das Fernsehen erst
den Weg in die Mehrzahl der ostdeutschen
Wohnzimmer fand und ein Kinobesuch als Er-
eignis durchging, faszinierte wohl noch das be-
wegte Bild als solches. Wenn heutzutage schon
kein Breitbild geboten werden kann, dann sollte
es wenigstens Farbfilm mit Ton sein: Dieser
Maxime folgend, wurde als Höhepunkt und
Abschluss des Programms der Titel „Karl-Marx-
Stadt 1969“ platziert, der das Selbstverständnis
der damaligen Politik, besonders die ideolo-
gisch geprägte Beschlussfassung zur Umge-
staltung der Innenstadt, noch einmal auf den
Punkt brachte (Bestand 33229 ebenda, Nr. 10).
Am Stadtmodell wurden entscheidungsrele-
vante Partei- und Staatsfunktionäre gezeigt,
gefolgt von Realaufnahmen des städtischen
Lebens. Hergestellt vom VEB DEFA-Studio für
Kurzfilme im Auftrage des Rates der Stadt Karl-
Marx-Stadt zeigt der Drehstab dieses Films kei-
nerlei Zusammenhang zum vier Jahre früher
produzierten „Gegenwärtigen Bericht (…)“
Wegen des überraschend großen Zuspruchs
sollen 2017 zwei weitere Filmprogramme im
Staatsarchiv Chemnitz folgen.
Stefan Gööck
(Archivzentrum Hubertusburg)
Standbild aus SächsStA-C, 31040 VEB Strickmaschinenbau Karl-Marx-Stadt und Vorgänger, Nr. 1
Foto Tobias Crabus

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2017
Titelbild:
Anlieferungsbereich im Staatsarchiv Chemnitz (Foto Mark Frost)
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Redaktion:
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Satz und Druck:
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Redaktionsschluss:
31. März 2017
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