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Nummer 72, seit 1999
März 2022

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Haft Leben Nr. 73
2
Weihnachten in Haft -
Frau Claus vom „Schwarze Kreuz“, der christlichen Straffälligenhilfe, übte dieses
Krippenspiel mit Gefangenen der JVA Chemnitz in ihrer Freizeit ein.
Trotz des riesigen Raumes war die Teilnehmerzahl durch die angespannte Situation leider sehr eingeschränkt.
In drei Aufführungen hatten wenigstens einige Gefangene die Möglichkeit, daran teilzunehmen.
Die, die das Spiel erleben durften, waren von der Idee und der Umsetzung begeistert.
Herzlichen Dank im Namen aller Beteiligten und Anwesenden an die Anstaltsleitung
und Frau Staßberger für diese Möglichkeit der Aufführung.
Alle Fotos:
©
HL/LR_2022_12_18

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
…..……..……..……...…..
4
G
efangenen
M
it
V
erantwortung
……….………….
5
Hinter'm Horizont
................................................…..
6
HL - Kinderseite
……….…………………......….…...
11
HL - Schreibwettbewerb
.………………...……....
11
Krippenspiel in der JVA
……………..…...…......
12
Siegertext - HL-Schreibwettbewerb
……......
13
Vegan oder nicht Vegan
……………..……...…...
14
Ist Resozialisierung ein Monolog?
……..…...
15
Gefängniszeitungen
……………………………….
16
Internet im Gefängnis?
.……….…….……….…...
17
Resozialisierung - geht das?
……..….……..…
18
Vorsätze für‘s neue Jahr
……….………..…...…
20
Das HL - Preisrätsel
……….……………..….…......
22
HL - Songtext
……….………….……………….…......
24
Leserbriefe
................................................................
25
Nach(t) - Gedanken
...............................................
27
Kirche 2022
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
...……….……….…….…………...
30 und 32
Worte sind Meinungen und keine Tatsachen!
Inhaltsverzeichnis
Titelbild: © Adriana
WIR REDEN…
zu leise…
…über wichtiges
zu laut…
…über banales
zu viel…
…über andere
zu selten…
…miteinander
und zu oft…
…ohne zu denken
(Gerhard Feil)
Dieses Gedicht wurde im Januar
2001 von Gerhard Feil geschrieben
und beim Literatur
-
Wettbewerb (160
Zeichen, Uzzi
-
Verlag) eingereicht.
Danke Adriana, Danke Anne
und ein Danke an Sarah für
eure Mitarbeit in der Redaktion
„HaftLeben“.
Alles Gute für eure Zukunft!

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Haft Leben Nr. 73
4
Hallo, ich bin es schon wieder, eure total
verschlafene Elli.
Ich liebe ja wirklich den Winter, gerade wenn der
Schnee in großen Flocken vom Himmel fällt, liebe ich
es, jeder Flocke hinterherzujagen und sie auf meiner
Zunge zerfließen zu lassen. Aber seitdem ich mit
meinem kleinen Samtpfötchen in eine geöffnete
Fischdose getreten bin und sich dies nun auch noch
durch all den Dreck, den ihr so aus dem Fenster
werft, richtig böse entzündet hat, lass ich das
Schneeflockenfangen lieber sein. Ich frage mich
wirklich, wieso schmeißt ihr nur all euren Müll aus
dem Fenster? Ich glaube mich erinnern zu können,
dass in jedem Haftraum ein Mülleimer gewesen ist
oder etwa nicht? Meine Katzenäuglein halluzinieren
da sicher nicht. Also wieso bitte werft ihr den Müll
nicht dahin, sondern aus dem Fenster? Habt ihr mal
daran gedacht, was ihr meiner Nase und meinen
Pfötchen antut? Abgesehen davon finde ich es voll
peinlich, gerade wenn die Bauarbeiter benutzte
Binden ansehen müssen! Was denken die dann von
uns? Ist schon ganz schön ekelerregend und ich
versteh die Logik dahinter nicht. Vielleicht kann
jemand mir das erklären, denn wenn ich es verstehe,
kann ich euch ja vielleicht helfen.
Naja, nachdem ich mein Pfötchen versorgt habe, bin
ich weiter zu unserer Katzenchefin geschlichen, um
ein kleines Schläfchen zu machen. Als ich auf-
wachte, wunderte ich mich über den tollen
Parfümgeruch. Ich fing gleich an zu schnurren, ist
doch mein kleines Katzennäschen solch einen tollen
Parfümgeruch gar nicht mehr gewöhnt. Auf Nach-
frage erklärte sie mir, dass alle Frauchen diese
Wohltat von Parfüm haben könnten, sobald weniger
aus dem Fenster geschmissen werden würde. Diese
kleine Veränderung von eurem Verhalten wäre die
Voraussetzung, um Glas - wie eben Parfümflakons -
zuzulassen. Stellt euch mal die Chance vor, die wir
hätten! Alles, was bis jetzt abgelehnt wurde, weil es
im Glas ist, könnten wir haben. Jedenfalls gab sie
mir dieses Versprechen in mein Pfötchen und so
appelliere ich nun an euch, an euren Verstand, an
die Vernunft und was auch immer. BITTE werft ab
jetzt alles nur noch in euren Mülleimer im Haftraum
und nichts mehr aus dem Fenster. Denn ob ihr es
glaubt oder nicht, die Tauben werden schon genug
von uns gefüttert, die brauchen weder Brot, Wurst,
Käse und erst recht keine benutzten Binden!!! Also
wenn ihr Lebensmittel im Glas wollt, haltet den Hof
sauber.
Dann bin ich im Med.-Dienst vorbeigeschlendert und
traf die neue Zahnärztin.
Sie ist echt lieb, hat mich sofort
gekrault
und
mir
Katzenschleckmilch gegeben.
Beim Verabschieden hat sie
mir noch gesagt, dass sie nun
jede zweite Woche da ist. Als
ich dann bei der GMV-Sitzung
vorbeischlenderte, legte ich
mich in die Runde und wollte
beim Stimmenraunen im Hintergrund einfach nur
entspannen. Ich dachte ja, ich falle vom Glauben ab,
was denn da meine kleinen Katzenöhrchen hörten.
Mit dem Begriff „Lecktücher“ konnte ich ja mal so gar
nichts anfangen, aber wenn es dort ein Thema vor
dem männlichen Anstaltsbeirat ist, scheint es ja
wichtig zu sein. Ich habe dann irgendwann auch
verstanden, worum es ging. Ich dachte, als Katze
kenne ich mich mit Lecken ganz selbstverständlich
aus und bei meiner ‚Wäsche‘ wäre ein Tuch natürlich
hinderlich. Aber für euch steht ja eher der Hygiene-
Aspekt im Vordergrund, das leuchtete mir dann
schon ein. Wieder was gelernt.
Danach machte ich mich gleich rüber auf die Station
3. Die sind wirklich sehr bescheiden dran, haben
wegen der Corona-Maßnahmen den ganzen Tag
Einschluss und nicht mal ich kann mich zum gekrault
werden in einen Haftraum begeben. Da gibt’s
Quarantäne-Bestimmungen. Das ist schon ganz
schön hart dort und mal ganz ehrlich, all die
Bediensteten dort leisten echt gute Arbeit, sie sind ja
immer der Blitzableiter von allen. Wäre es vielleicht
möglich, dass dort irgendwelche Maßnahmen wie
Buntpapier zur Ablenkung in den HR gegeben
werden könnte. Oder kann der Haushalt nicht mal
einige Radios anschaffen, damit man wenigstens
Musik und eine Uhrzeit hat? Denn so ohne alles ist
es echt hart.
Das wär‘s für heute, ich schleiche mal weiter und
hoffe bis zum nächsten Mal wieder etwas Neues,
Spannendes erfahren zu haben.
Bleibt alle gesund!
Bis dahin eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
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efangenen
M
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erantwortung
Hört hört …
Es wurde Ende Januar eine neue GMV gewählt:
Team-Leiterin:
Susan A.
Station 5
Lisa M. S.
Station 5
Maria L.
Station 4
Nicole H.
Station 2
Sarah L. A. Haus 3
GMV - Schreiberin:
Bianca D.
Wenn ihr Anliegen haben solltet oder Verbesse-
rungsvorschläge, dann könnt ihr die hier genannten
GMV-Vertreterinnen gerne ansprechen oder auch
einen Zettel in die GMV-Briefkästen im Haus 1, in
der 53 oder im Haus 3 „reinschmeißen“.
Die erste GMV-Sitzung war am 02.02.2022 und es
wurde neben der Vorstellungsrunde folgendes
besprochen:
Die Baumaßnahme Sporthalle soll bis Ende 2022
abgeschlossen sein; die Inbetriebnahme ist
voraussichtlich Anfang 2023. Wie jedoch das
Konzept für die Benutzung aussieht, steht noch nicht
fest, ist aber in Arbeit.
- Suchtberatung wird weiterhin angeboten, zur Zeit
gibt es zwei Mitarbeiter und eine neue
Ausschreibung für einen dritten Mitarbeiter ist schon
raus.
Die Schuldnerberatung wird ab März 2022 in der
JVA Chemnitz wieder angeboten.
- Im Haus 3, Station 2 wurde eine erweiterte
Motivationsstation eingerichtet.
- Ein Vertreter der GMV wird an der
Küchenkommission teilnehmen.
- Achtung - das Thema Glas ist auch wieder
aufgekommen und wenn ihr das wirklich wollt, dann
bitte hört auf, Sachen aus dem Fenster zu
schmeißen !!!
Angesprochene Fragen der GMV-Mitglieder:
- Paketmarke für Mundschutz, es geht nur im
Tauschpaket, da die Kammer sonst überlastet ist,
man kann sich auf der Station jeden Tag eine neue
holen und zwar normale, sowie FFP2 Masken.
- Wärmflaschen werden den Frauen zukünftig auf
ärztliche Verordnung zur Verfügung gestellt.
Es kam wegen unsachgemäßer Anwendung bei
Frauen zu Verbrennungen.
- Die Aufnahme von Klemmlampe in die
Einkaufsliste des Anstaltskaufmann wird geprüft.
- Duschen vor dem morgendlichen Ablauf der
Gefangenen zur Arbeit oder Ausbildung ist aus
organisatorischen Gründen nicht umsetzbar.
- PlayStation 2 reinschicken, über ein Elektropaket,
wird geprüft. Es muss ebenfalls geprüft werden
welche Arbeiten der Prüfer machen darf, da er zu
Prüfung die PlayStation aufschrauben muss.
- Deutschkurs für ausländische Frauen soll zukünftig
angeboten werden.
- Freizeitgruppe Backen kann mit einer Bediensteten
durchgeführt werden.
Die Luftfeuchtigkeit im Haftraum wäre laut den
Frauen zu trocken. Kann man nicht einen Behälter
für die Heizung über Massak anbieten? Wird geprüft.
Leute, macht das Fenster auf und raucht weniger!
Schubladen für den Kleiderschrank zur Ablage von
Unterwäsche und Socken wurde wegen Platzmangel
abgelehnt.
- Der Einsatz durchsichtige Kisten für mehr
Stauraum der Lebensmittel wird geprüft.
- Weiterhin wird geprüft, ob ein DVD-Player pro
Statin erlaubt wird.
- Zu Personenwaagen auf den Stationen - Mädels ihr
könnt runter zum Arzt oder euch im Sportbereich
wiegen. Ist doch das Einfachste.
- Die Erlaubnis für zwei PlayStation Controller wird in
die Hausordnung mit aufgenommen.
Interessenten für die Mitarbeit im
Team der Redaktion der Chemnitzer
Gefangenenzeitung „HaftLeben“
gesucht!
Falls Du gerne und viel schreibst,
dann melde Dich bitte bei Frau
Böttcher.

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Haft Leben Nr. 73
6
Hinter'm Horizont
(HL-XY)
puhhhh...Horizont...Horizont...,
hinter dem Horizont...geht'sweiter.., jaaa ist klar,
ehm Horizont erweitern...Horizontale..Vertikale...
hoch… Himmel, Erde, Planet, Universum...ahhh
Planet, der kleine Prinz...Haaa die „Erwachsenen“.
Die Erwachsenen, die quasi, wie bei dem kleinen
Prinzen, jeder für sich allein auf seinem eigenen
kleinen Planeten leben. Jeder auf seinem eigenen
und ganz allein. Sehr traurig, weil sie schließlich
allein sind und es vielleicht auch merken, es sie aber
überhaupt nicht stört. Ein Leben lang und bis zum
Ende allein. Wie sehr ich mir wünschen würde, das
der kleine Prinz, wenn er mal erwachsen werden
würde, hoffentlich niemals so endet.
Wann kommt überhaupt die Zeit bei jedem von uns,
in dem er „erwachsen“ wird. Und ist es überhaupt
wichtig zu wissen? Wenn erwachsen sein bedeutet,
nur um sich selbst zu kreisen und damit meine ich
ausschließlich sich selbst, dann behalte ich mir lieber
das fantasievolle Kind in mir, was mit sehr viel
Humor, Kreativität und Spaß an den noch so kleinen
Dingen durch das Leben geht, aber ich lebe das
Leben dann auch. Man kommt ums älter werden ja
sowieso nicht drum herum, aber dann entscheide ich
wenigstens in meinem Leben mit. Ob ich eine
positive Grundlage schaffe, liegt in meinen Händen,
um später dann auf ein dennoch gelungenes,
glückliches Leben zurückzuschauen und mich selbst
mal nicht so ernst dabei genommen zu haben und
gleichzeitig in den richtigen Momenten eben doch.
Als Kind lebt man wortwörtlich einfach so, wie man
eben lebt und jetzt erfährt man, ob bewusst oder
unbewusst, so viele anscheinend „wichtige“ Dinge,
die man beim einfach nur Leben-leben am besten
beachten sollte... und der ganze Mist. Das man
beispielsweise
über
Höflichkeitsfloskeln
erst
sprechen muss, statt einfach (wenn man es bei-
gebracht und beibehalten hat) höflich zu sein. Ich
verstehe es nicht, denn dadurch denkt man doch erst
darüber nach.
Denkt man dann in den jeweiligen Situationen
darüber vorher erst nach, „lebt“ man doch unbewusst
schon nicht mehr, da man bewusst erst über alles
nachdenkt.
Da wir den ganzen Tag in den Medien, Zeitungen
und/oder ähnliches damit zubombardiert werden,
denken wir ständig darüber nach, sind wir höflich,
sind wir anständig, sind wir dies, sind wir jenes... Ich
mein, bei dem ein oder anderen Menschen, welche
gewisse gesellschaftliche und menschliche Werte
anscheinend niemals kennengelernt haben, verlernt
haben oder diese vielleicht einfach nicht lernen
wollen, sehe ich es schon so, dass man da lieber
mal, auch selbst, ein Auge drauf werfen sollte, aber
muss man damit gefühlt die ganze Welt fluten?
An dieser Stelle beneide ich den kleinen Prinzen, der
einfach lebt und gar nicht weiß oder verstehen wird,
dass die Erwachsenen über jede noch so kleine
Angelegenheit eine Dokumentation, eine Gesprächs-
runde oder was weiß ich, sich geben müssen, um zu
leben.
Wann kam überhaupt dieser Hype mit der ganzen
Werbung, Psycho und dem immer besser werden zu
wollen, in keine Ahnung... anscheinend ALLEM.
Parallel dazu soll man sich ja selbst lieben und
genauso lieben wie man ist. So ein Quatsch und
Widerspruch in sich. Bei dem ganzen Gedanken-
wirrwarr komme ich jetzt mal wieder zurück zu dem
kleinen Prinzen und dazu, dass ich mir gut vorstellen
kann, wie verwirrt der wohl sein muss, wenn er uns
nur mal von weiten so sieht und beobachtet. Wenn
ich mir dann im gefühlten Zeitraffer die Vergangen-
heit anschaue und wie sich diese Zeit von „früher,
früher“ angefühlt hat, diese dann vergleiche mit der
heutigen (...und jaa ich weiß vergleichen ist nicht gut-
dennoch tuen wir es alle auf verschiedene Arten),
dann möchte ich doch lieber einen Teil des kleinen
Prinzen in mir tragen und nicht nur Erwachsener
sein. Wenn ich den Teil des inneren Kindes nicht
beibehalte, sehe ich mich später als richtig verbitterte
Omi und wenn ich da jetzt schon mir selbst einen
kleinen Gefallen tun kann, dann tue ich das,
zukunftsorientiert, sehr gerne! Natürlich sind nicht
alle verbitterten Omi's aus diesem Grund so
geworden, sondern dahinter stecken oft viele
Schicksalsschläge, eine schlimme und böse
Vergangenheit und viele andere negative Dinge.
Dennoch gibt es viele Omi's, die auch trotz eines
Lebens mit viel schrecklichem ihr innerliches Kind
beibehalten haben und dies auch ausstrahlen,
verkörpern und leben. Das Ende kommt sowieso
irgendwann für jeden, warum dann also nicht mit
einer Seele, die zufrieden auf ein Leben zurück
blickt, mit allen Höhen und Tiefen. Hinter dieser
Entscheidung stehe ich mit ganzem Herzen und
vollster Überzeugung, denn nachdem ich das Kind
früher war und vielleicht auch zu früh erwachsen
werden musste, weiß ich schlussendlich, dass ich
mich nur verstellen würde, wenn ich mich für eines
der beiden Parts entscheiden müsste. Diesen Weg
zu erkennen, war ein verdammt langer Weg, nicht
ohne Hilfe zustande gekommen und noch längst
nicht abgeschlossen. Aber mittlerweile kann ich mit
Stolz kontern, wenn mal wieder jemand etwas von
mir beurteilen oder mich bewerten möchte, dass ich
verdammt stolz darauf bin, niemals komplett
erwachsen zu werden. Ich mein, später möchte ich
keine alte, graue Omi sein, die verbittert, einsam und
unglücklich auf alles zurückschaut.
Ich habe meine persönliche Mischung gefunden, das
ist mein persönliches Geschenk an mich selbst und
ein großer Schritt für ein Leben, welches gelebt
werden möchte!

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
Hinter'm Horizont
Die Kraft der guten Gedanken –
Zuversicht
(HL-FAM)
Das Thema dieses Heftes „Hinter
dem Horizont geht es weiter“ ist wirklich sehr
interessant, spannend und auch so individuell und
weitumfassend. Fast schon so weitumfassend, dass
es bestimmt mehrere Hefte füllen könnte. Sofort
schweifen meine Gedanken ab und ergeben ein
wunderschönes Bild. Ich sehe ein Schiff auf dem
Meer, einmal bei ruhiger See und mal bei starkem
Wellengang. Ist so nicht auch unser Leben?
Manchmal fließt es so dahin, wirkt fast schon
langweilig und manchmal kommt man mit dem
Versuch, Luft holen zu können, nicht hinterher. Da ist
die Sichtweise, wie man mit dem Problem oder der
Situation umgeht, sehr wichtig. Optimisten lassen
sich von Widrigkeiten weniger entmutigen, blenden
Aspekte aus oder besser gesagt, wandeln diese
positiv um. Dies steigert den Glücksfaktor im Leben,
was natürlich sehr ausgewogen sein muss und nicht
allzu übertrieben oder die Realität völlig
ausblendend. Während andere Menschen ständig
über negatives grübeln und vielleicht sich so auch
das Leben schwerer machen. Sofort sehe ich das
Bild von weltbesten Sportlern vor mir, sie sind nur so
gut, weil sie immer wieder aufgestanden sind, weil
sie aus den Fehlern, die sie machten, gelernt haben.
Dies kann jedoch nur gelingen, wenn man die
Fehler, die man gemacht hat, genau reflektieren
kann. Dann den Mut aufbringt, es erneut zu
versuchen und die Geduld hat, dranzubleiben. Wer
hinfällt und immer wieder aufsteht, erlangt Kraft und
Mut, kann sehen, was er erreichen kann und daraus
Stolz und Selbstbewusstsein erlangen. Das Hinfallen
kann jedoch Narben verursachen, aber sie zeigen,
dass man aufgestanden ist, nicht aufgegeben hat
und gewachsen ist. Wobei dies oft eine Kopfsache
ist, nicht der stärkste Körper gewinnt, sondern der
gefestigtster Wille lässt einen durchhalten. Der
positive Gedanke, den Willen, es zu schaffen, lässt
uns über Grenzen der Belastbarkeit hinauswachsen.
Dies sorgt für eine gelassenere Art, mit eigenen
Schwächen umzugehen oder sie zu ertragen. Es
weckt eine tiefe Gewissheit in einem, man kann alles
schaffen. Mittlerweile gibt es viele Bücher, - auch
hier in der Bücherei -, wo jede über mentales
Training und positive Gedanken zu erlernen, lesen
kann.
Wer es schafft, seine Gedanken positiv zu lenken,
kann ungeahnte Kräfte freisetzen, was dann zu
einem glücklicheren Lebensgefühl führt. Man wird
gelassener, zufriedener und lebt gesünder. Glück
hängt nicht davon ab, wer du bist, wo du bist oder
was du hast, sondern es hängt nur davon ab, was du
denkst. Womit ich nicht sagen möchte, positives
Denken garantiert ein erfülltes Leben, ein Leben
ohne Sorgen. Jedoch ist es hilfreich, dem Dasein
eine positive Grundnote zu geben, es erhöht die
Zuversicht, lässt einem das Leid besser ertragen,
gibt Lebensfreude. Ich habe dadurch erkannt, dass
ich kein Spielball mehr des Schicksals bin, ich kann
durch mein eigenes Handeln mitwirken, den Verlauf
vielleicht sogar ändern. Ich gehe zuerst immer vom
Guten aus und so packe ich dann auch die
Probleme, die so auf meinem Lebensweg liegen, an.
Stets trage ich die Hoffnung in mir, dass mir
genügend Wege oder Möglichkeiten offenstehen,
was in mir wiederum dann ein starkes Gefühl von
Vertrauen weckt. Ich glaube, man sieht die Welt so
einfach vorteilhafter, eben positiver. Vor allem die
Fähigkeit, mein eigenes Können oder Nicht-Können
realistisch einzuschätzen und die Sichtweise, dass
Niederlagen nur vorübergehende Situationen oder
Ereignisse sind, erhöht die Kraft in mir, zu kämpfen
und senkt den empfundenen Stress. Menschen, die
sich von Problemen nicht entmutigen lassen, sind
mehr bei sich, wirken zufriedener und sehen so das
Verhalten anderer wohlwollender. Jedoch müssen
den Gedanken auch dann die entsprechenden Taten
folgen, denn wer nur redet, dem hilft all das positive
auch nicht. Je stärker jemand an eine positive
Zukunft glaubt, desto weniger lässt sich die Person
von Problemen entmutigen, man kämpft vielleicht
sogar länger. Was dann wiederum die Wahr-
scheinlichkeit erhöht, das Ziel zu erreichen, wobei
dann dieser Erfolg einen bestärkt, weiter an das
Gelingen zu glauben und somit die Gelassenheit
verstärkt. So kann ich auch gelassener mit meinen
eigenen Schwächen umgehen, da ich ja gelernt
habe, dass die Rückschläge nur vorübergehend sind
und durch mein Handeln sich zum Positiven ändern
könnten. Oder wenn es sich nicht zum Positiven
ändern kann, dann kann ich wenigsten was positives
aus der Situation gewinnen. So erkannte ich, dass
die Zeit hier im Knast auch gutes haben kann, ich
habe gelernt nein zu sagen, zu mir zu finden,
unabhängig von anderen Meinungen zu werden,
lasse mich nicht mehr fremdbestimmen und bin so
viel freier geworden als ich es in Freiheit ja war.
Mittlerweile weiß ich, wer ich bin, was ich möchte,
was ich nicht möchte, was ich kann und was ich
nicht kann. Nun achte ich auf mich und grenze mich
von Personen, die mir nicht gut tun, ab. Diese Arbeit
an mir hat mich viel Kraft, Mut, Schweiß und Tränen
gekostet und es hat auch Ängste hervorgerufen.
Wobei mir dann die gelernte Gelassenheit bei
Auftreten von Problemen die Angst und den Stress
genommen hat.

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Haft Leben Nr. 73
8
Hinter'm Horizont
Weiter
So kann ich mich auf das Problem konzentrieren und
das setzt die gebrauchte Energie frei und gibt die
Kraft und den Mut, den ich brauche. Positives
Denken ist kein Wundermittel, natürlich erhalte ich
die Lebensrealität, sonst würde ich ja die Risiken
verdrängen, Gefahren ignorieren oder missachten
und wichtige Warnsignale übersehen. Denn ich
glaube, wer zu zuversichtlich ist, steckt zu viel
Energie in unrealistische Ziele, geht somit über seine
Kräfte und setzt damit seine Gesundheit aufs Spiel.
Natürlich ist bei schwerer Krankheit ein positiver
Blick schwer, aber auch dieses Leid lässt sich
leichter so ertragen. So hat es mir meine Schwieger-
mutter, die an Krebs leider verstorben ist, erzählt.
Eine positive Lebenseinstellung erlernt man nicht
von heute auf morgen. Es ist ein ganz bewusster
Schritt und es kann nur langsam gelingen, einfach
Schritt für Schritt. Den Blick ganz bewusst auf das
Positive lenken, so das Gefühl dafür schärfen, dies
kann deine gesamte Weltsicht verändern. Es geht
nicht darum, das Leben schönzureden oder alle
Sorgen, Schmerzen, Ängste aus dem Alltag zu
verbannen, sondern einfach darum, sich das Leben
ertragbarer zu machen. Ich versuche immer, den
Fokus auf das zu lenken, was ich schon alles
erreicht habe, nicht den Fokus auf das legen, was
gerade so alles vor mir liegt und ich nicht habe. Vor
allem jedoch den Fokus darauf richten, was wirklich
machbar ist, dabei auch gleich die Hürden, die
kommen könnten, mit einberechnen, somit nehme
ich Rückschläge gelassener an, da sie mich nicht
mehr eiskalt erwischen. Vor allem meinen Fokus auf
das Potenzial legen, ebenso aber auch sehr bewusst
mir meine Grenzen klar aufzeigen, dies schützt mich
vor Überlastung und ich weiß, wann es keinen Sinn
mehr macht zu kämpfen und ich einen anderen Weg
zu gehen versuchen muss. Dies erhöht meine
Lebensfreude, steigert meinen Tatendrang und sorgt
für positive Erfahrungen. Wir beurteilen leider viele
Dinge automatisch als gut oder schlecht, ohne diese
Bewertung zu hinterfragen, handeln dann reflexartig,
manchmal voreilig, unbedacht. Was uns dann dazu
bringt, leider uns selbst dem Glück im Wege zu
stehen. Ich stelle mir immer sofort eine Frage, kann
ich was an der Situation ändern oder nicht. Ist die
Antwort, ich kann nichts ändern, gerade hier gibt es
davon ja so einige Situationen, dann brauch ich mich
auch nicht länger daran hochzuziehen. Kann ich
jedoch was an der Situation ändern, dann überlege
ich die Schritte und gehe es an. Auch sehr geholfen
hat mir in meinem Leben der Gedanke an
Menschen, denen es noch schlechter geht als mir,
dies lässt mich nicht in Selbstmitleid zerfließt.
Drei Frösche - ein Pessimist, ein
Optimist, ein Zuversichtlicher - fallen
in einen Topf mit Sahne.
„Ausweglos“, findet der pessimis-
tische Frosch, zappelt noch kurz und
ertrinkt.
Der Optimist ist überzeugt, dass die
Rettung naht, schlägt sich den Bauch
mit Sahne voll, wird müde und ertrinkt.
Und der zuversichtliche Frosch?
Denkt sich: „Da bleibt mir nichts
anderes übrig, als kräftig zu
strampeln.“ Unverdrossen durchpflügt
er den See, bis die Sahne zu Butter
wird und er sich mit einem Sprung aus
dem Topf retten kann.
Die Parabel illustriert eindrucksvoll die
große Kraft der Zuversicht.
Angesichts einer schwierigen Lage
Mut, Tatkraft und Lebenslust nicht zu
verlieren, ist eine Kunst, die sich
glücklicherweise trainieren lässt!
Viel Spaß beim Probieren!

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
Hinter'm Horizont
(HL- LOST)
Hinterm Horizont wartet das
Leben auf mich, welches hinter den Gittern
manchmal unerreichbar weit weg scheint. Wenn ich
aus meinem Fenster sehe, habe ich stets nur dieses
eine Bild vor Augen: die lange Mauer mit
Stacheldraht und entweder ein Stück Straße oder
einen kleinen Blick auf Chemnitz. Dabei gibt es noch
so vieles mehr.
Auch wenn viele von uns jahrelang nur dieses
eingeschränkte Bild vor sich sehen, hoffe und
wünsche ich ihnen, dass sie nie vergessen, dass
hinter dem Horizont das Leben nach der Haft auf sie
warten wird.
Ich lebe in den Tag hinein, habe meinen vor-
geschriebenen Tagesablauf mit all seinen Tücken
und versuche immer, jeden Tag so gut wie möglich
zu überstehen. Manchmal denke ich, dass jede
Gefangene diese Momente kennt, in denen man
einfach aus dem Fenster in den Himmel schaut und
über die Vergangenheit sowie auch über die meist
noch unsichere Zukunft nachdenkt. Wenn ich mir
den Horizont betrachte, frage ich mich, was wohl
dahinter auf mich warten wird.
Das Leben nach der Haft, das große Ungewisse.
Solche Gedankengänge machen mir oft Angst, weil
es einfach das Gegenteil meiner Gewohnheit ist.
Mein Blick wurde auf das Nahe trainiert und eher
weniger auf die Ferne. Das Nahe symbolisiert die
Gegenwart, die Ferne meine Zukunft. Was mich also
hinterm Horizont erwartet, kann alles sein und steht
mir offen. Der Blick aus dem Fenster mit den
dazugehörigen Gedanken wirft viele Fragen in
meinem Kopf auf, die meist unbeantwortet bleiben.
Doch anstatt mir Sorgen zu machen oder mir
irgendwelche Ängste einzureden, wende ich den
Blick in die Ferne, in meine Zukunft, um die
Vorfreude einfach zu genießen.
Niemand kann mit Sicherheit sagen, was mich nach
der Haft erwarten wird. Es kann mich auch niemand
perfekt darauf vorbereiten, aber vielleicht macht
genau das das Leben und die Entlassung so
spannend. Alles, was ich mache, liegt allein in
meiner Hand. Wichtig finde ich es, positive
Gedanken auszusenden und mir meinen Zukunft, so
wie ich sie mir wünsche, zu visualisieren. Jede von
uns hat ihren ganz eigenen Horizont, keine gleicht
der anderen. Manche schauen vielleicht nicht weit
genug und verpassen, ohne es zu wissen, wunder-
volle Begegnungen oder unvergessliche Momente,
die das Leben prägen können.
Wie soll man das auch erahnen können, wenn man
nicht den Blick über den Tellerrand wagt ... ?
Mauern
Es gibt Mauern,
Die sich „nur“ in unseren Köpfen befinden.
Aber groß und unüberwindbar erscheinen.
Auf andere Mauern starren wir
voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
weil wir sie nicht überwinden können.
So dass wir gar nicht merken,
dass sie schmal sind
und wir um sie herumlaufen können.
Weitere Mauern sind Herausforderungen,
die, wie jede Gewichtsscheibe beim Krafttraining
und jeder weitere Kilometer beim Joggen
uns stark und stolz auf uns machen.
Andere Mauern sagen uns aber wirklich,
dass es nicht weitergeht,
dass es sich nicht lohnt,
sich den Kopf an ihnen einzurennen.
Weil wir nicht können
Weil wir nicht wollen
Weil es andere so wollen,
es von uns erwarten.
Aber es ist „nur“ eine Mauer die nur einen Weg
versperrt
dir dadurch auch Möglichkeiten aufzeigt
andere Wege zu gehen.
Es ist wie mit einer verschlossenen Tür,
auf die wir oftmals starren
und darüber vergessen,
dass viele andere Türen offenstehen
oder,
fast nicht sichtbar,
angelehnt, sind.
Manchmal pflegen wir auch unsere Mauer(n)
aus Angst vor neuen Herausforderungen.
© Michael Jörchel
Foto: Archiv, HL/LR 06/2013
Neubau, Mauer der JVA Chemnitz

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Haft Leben Nr. 73
10
Hinterm Horizont…
alt
(HL-Jemand)
… geht es weiter; ist nicht
hier, befindet sich der Abgrund der Welt; können
Kühe fliegen; wächst Geld auf Bäumen, ist die Erde
eine andere… was ist denn da nun, mag mir das mal
jemand sagen, kann mir das überhaupt einer sagen?
Und welcher Horizont ist denn eigentlich gemeint,
aller oder meiner und gibt es überhaupt mehrere
oder nur den einen?!
Ist es nicht erschreckend zu sehen, wie die Welt sich
immer mehr spaltet und sie langsam zugrunde geht.
Wie auf einmal alle mit den Finger auf andere zeigen
und laut schreien, nur weil ihnen etwas nicht passt
oder andere nicht das gleiche tun wie sie.
Ich jedenfalls bin der Meinung, dass wir uns
tagtäglich immer wieder aufs neue quälen mit
Dingen, die einen entweder nichts angehen oder wo
man sich nur selber kaputt macht und in die Knie
zwingt. Denn im Grunde sind es nicht immer die
anderen, sondern wir sind es selbst. Auf was
konzentriert man sich heute schon noch oder über
was unterhält man sich, was möchte man wirklich
aus eigener Person heraus und was zählt.
Hinterm Horizont… fängt ein neuer an, da fängt
meiner an!
Auch wenn ich ihn noch nicht greifen kann, so sehe
ich ihn und bei dieser Vorstellung bleibt mir die Luft
weg und eine Träne huscht über mein Gesicht.
Ein türkiser klarer Himmel mit weißen Wolken, die
wie Zuckerwatte ausschauen, weite Berge, die sich
aneinander anschmiegen und eins werden, die mit
einer zarten Decke aus Schnee bedeckt sind und
man durch den leichten Nebel und dem starken
Sonnenschein das Glitzern sieht. Davor ein tiefer
hellblauer See, in den sich die Berge widerspiegeln
und man bis auf den Grund schauen kann, wo
schwarzgraue Steine und moosgrüne Algen leben,
kleine Wellen, die durch den sanften Wind anfangen
zu tanzen.
Diese Landschaft mit Tälern und stolzen Bergen, die
mit unterschiedlichen Bäumen und grünen Wiesen
beschenkt wurde und ich auf einer Bank vor dieser
wunderbaren Natur sitze, die wie ein einzigartiges
Gemälde ausschaut und einen so leicht werden
lässt.
Dazu die verschiedenen Gerüche von der Kälte des
Schnees auf den Bergen, die leichte Wärme der
Sonne, die mit Rinde und Baumharz vermischt ist,
aber auch ein warmer Duft von Moos.
Das salzige Wasser, die Blumigkeit der frisch auf-
gegangenen Knospen verschiedener Blumen, das
leicht modernde Holz, was unter nassem Laub
versteckt ist. Die leichte Kühle der Steine, die sich
von meiner Bank bis ins Wasser erstrecken und
einen Mix aus Salzigkeit und Metall abgeben.
Dann als Bonus noch die unterschiedlichsten
Geräusche, die einem die Augen automatisch
schließen lassen. Ein Rauschen des Windes, die
zarten kleinen Wellen, die gegen die Felsen
schlagen und die Steine am Ufer erklingen lassen,
das Zwitschern der Vögel, die gerade ihre Brut
füttern, Äste, die knacken oder gegeneinander
reiben, Blätter und Nadeln, die auf den Laubboden
fallen, Fische, die aus dem Wasser springen, das
Rudern eines Bootsfahrers, mein tiefes Einatmen
und Wahrnehmen meines Herzschlages, um sicher
zu gehen, dass ich nicht träume.
In der Ferne erklingt Lachen, was immer näher
kommt und meinen Horizont mit den vertrauten
Gesichtern meiner Liebsten komplett macht.
Mein Horizont besteht nur aus den wichtigsten
Menschen in meinem Leben und einer unbe-
schreiblichen, zu Tränen rührenden Landschaft, in
der man sich verlieren und loslassen kann. Wo man
frei ist, sich keine Fragen stellen braucht und einfach
sein kann.
Ein Horizont, der Sinn macht.
Hinter'm Horizont
Bild:
www.anders-denken.info/orientieren/die-welt-am-abgrund
und Freepik.com

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
HL - Kinderseite
Hinter dem Horizont … geht es weiter
Aron 18 Jahre jung
Ich glaube eher, es ist menschlich gesehen. Egal
welchen Schicksalsschlag man erleidet, es geht
doch immer irgendwie weiter. Ich habe gerade in
einem Behindertenheim gearbeitet und da habe ich
echt harte Lebensbiografien erlebt und doch hat dies
mir sehr bewusst gemacht, es geht immer irgendwie
weiter. Und oft glaubt man gar nicht, welche
Chancen es einem eröffnet oder auch wie glücklich
diese Menschen sein können. Auch sehr deutlich ist
mir in dieser Arbeit geworden, dass es bei manchen
ganz schön unfair ist, von „der ist behindert“ zu
reden. So kam mir immer wieder in Gesprächen der
Vorwurf entgegen, wieso wir „normalen“ Menschen
nicht lieber von „der hat ein Handicap“ reden, denn
dies würde eher zutreffen. Auch habe ich einen
Menschen in meiner Ausbildung kennenlernen
dürfen, der das Down-Syndrom hat und ganz ehrlich,
ich habe noch nie einen so glücklichen Menschen
kennengelernt. Ja, in seiner kleinen Welt, vielleicht
auch begrenzten Welt, aber so unvoreingenommen,
so tief aus dem Herzen ehrlich und glücklich. Das
ist ,glaube ich, damit gemeint.
Marvin 15 Jahre jung
Oh je, schon wieder so ein Thema, da fällt mir nicht
viel ein. Vielleicht das es hinter dem Horizont nie
aufhört, es kommt ein weiteres Land und dann
immer weiter so. Es ist wie bei einem Ring, es gibt
keinen Anfang und kein Ende. Die Erde ist rund und
so kann man immer in alle Richtungen laufen, ohne
an ein Ende zu kommen. Oder wie gerade jetzt in
der Coronapandemie, man sieht kein Ende und doch
wird es irgendwann vorbei sein. Irgendwann haben
wir uns alle an Corona gewöhnt und es kommt das
Nächste. Das Leben geht immer und immer weiter,
egal wie sehr es gerade nervt.
Miss P. ( 9 Jahre)
HL-Frage: Warum kommt der Osterhase zu Ostern?
Miss P.:
Na weil der schon immer kommt. Das
haben die damals so festgelegt.
HL-Frage: Warum versteckt der Osterhase Sachen?
Miss P.:
Na weil das mehr Spaß macht, die
Geschenke dann zu suchen oder die Ostereier halt.
HL-Frage: Warum malt man Ostereier an?
Miss P.:
Na, damit die schöner aussehen und man
die besser findet.
HL-Frage: Schmecken die dann auch anders?
Miss P.:
Kann schon sein.
HL-Frage: Sollte Ostern öfters sein?
Miss P.:
Ja immer.
HL-Frage: Wie fandest du das eigentlich mit den
Fragen?
Miss P.:
Manchmal echt sehr anstrengend, aber es
hat auch voll Spaß gemacht.
HL-Frage: Würdest du das weiter machen wollen?
Miss P.:
Wenn ich Zeit dafür hab schon.
Mercedes ( 7 Jahre) und Stanley ( 7 Jahre)
HL-Frage:
Warum bringt der Osterhase die Eier und
nicht das Huhn?
Mercedes:
Ähm, weil der Osterhase die Eier klaut
und ähm das Huhn nicht malen kann… und das Huhn
zu faul ist.
Stanley:
Weil, der Osterhase die Eier anmalt.
Fotos, free: Pixabay.com (l) und Pinterest (r)

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Haft Leben Nr. 73
12
Krippenspiel in der JVA Chemnitz
Am 18.12.2021 fand wieder das alljährliche Krippen-
spiel im alten Speisesaal statt.
Auch dieses Jahr wieder überraschten uns Frau
Straßberger und Frau Claus mit einer neuen Version
des Krippenspiels. In 3 Durchgängen mit jeweils 12
Gefangenen präsentierte man uns die Geburt Jesus
in der 2021 Edition. Nachdem sich alle an ihren
Plätzen eingefunden haben, Gefangene sowie
Mitspielende, begann die Vorführung. Frau
Straßberger begann ein paar einleitende Worte an
alle zu sprechen und wir sangen das Lied „Kling
Glöckchen“. Gleich im Anschluss begann das
Programm. Das Bühnenbild gestaltete sich wie eine
Art Fernsehformat im Sinne eines Nachrichten-
senders. Von diesem aus schaltete man sich „live“
nach Jerusalem (weiteres Bühnenbild), wo sich
bereits eine weitere Korrespondentin befand und
direkt von da aus berichtete, was sich unmittelbar
zuvor ereignet hatte, die Geburt Jesus. Zudem
wurden weitere Menschen aus dem Dorf befragt, wie
sich alles zugetragen hatte und wie man es
wahrgenommen hat. Aufgrund der 2021 Version lag
dann Jesus auch nicht mehr in der Krippe, sondern
in einer Umzugskiste. Als man mit sehr viel Humor
von allen Seiten dann langsam zum Ende kam,
sangen wir zusammen das Lied „Alle Jahre wieder“.
Danach folgte gleich im Anschluss daran eine kleine
Geschichte von Frau Straßberger. Sie erzählte von
einem kleinen jüdischen Mädchen. Sie ist 4 Jahre alt
und kommt aus Manhattan. Ihr Opa bat sie darum,
einen kleinen Samen zu pflanzen und ermahnte sie
dazu, den Topf mit Erde jeden Tag zu gießen und
dies tat sie auch. Tag für Tag. Irgendwann kamen
aus der Erde 2 kleine Blätter und der Opa sprach zu
ihr: „Leben ist überall und versteckt sich an den
unterschiedlichsten Orten. Mach es wie Gott und
werde Mensch!“ Sie sprach das Gebet und eine
Danksagung an alle Mitglieder des Krippenspieles
aus. Anschließend sangen wir dann noch „Oh du
fröhliche“. Zu der mündlichen Danksagung erhielten
alle Teilnehmer auch noch ein kleines Geschenk aus
Salzteig, auf welchem die Weihnachtsgeschichte zu
sehen war.
Auch im Namen der Gefangenen möchten wir uns
ganz herzlich bei Frau Straßberger, Frau Claus, alle
Teilnehmer des Krippenspieles sowie den Menschen
bedanken, die uns dieses kleine/große Ereignis auch
dieses Jahr wieder möglich gemacht haben, trotz
Corona und den sowieso schon bestehenden
Einschränkungen. Vielen Dank und hoffentlich klappt
es nächstes Jahr auch wieder.
Alle Fotos: HL/LR 2021/12, JVA Chemnitz

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
Siegertext aus dem HL-Schreibwettbewerb
HL/Red.
Danke für eure Zusendungen
, ein paar
mehr hatten wir uns allerdings gewünscht..
Herzlichen Glückwunsch Sandra E., es ist dir gut
gelungen, die doch schwere Vorgabe umzusetzen.
Mit unserer Elli hast du einen besonderen Fan für
deine Katzengeschichte gewonnen.
Der versprochene Preis wird dir demnächst über-
geben.
Foto: free, Baur Daniel_pixelio.de
Entdeckungsreise
(Sandra E.)
Sie läuft durch das
blaue Meer und entdeckt einen Delfin.
Leider konnte sie nicht so gut schwimmen, aber der
Delfin war ihr Retter in der Not. Er bemerkte, dass
etwas nicht stimmte und stupste sie leicht an. Da
versuchte sie, auf den Rücken des Delfins zu
gelangen, und da sie leicht war, schwamm er zur
anderen Seite und das Mädchen war ihm sehr
dankbar.
Aber sie überlegte, was sie wohl so alleine auf dem
blauen Meer machen könnte.
Irgendwie muss ich versuchen, auf die grüne Wiese
zu spazieren, um ein paar Leuten zu begegnen. Hier
ist zu viel Wasser und irgendwie muss ich ja auch
wieder nach Hause.
Da kam sie auf eine Idee: ich laufe ein Stück auf der
grünen Wiese entlang und vielleicht erreiche ich den
kleinen Wald. Dort mache ich einen Zwischenstopp,
treffe hoffentlich ein paar Leute und wir schauen mal
zusammen, wo es hier etwas zu entdecken gibt.
Als sie noch ein Stück gelaufen war, kam ihr ein
beiger Hund mit einer älteren Dame entgegen. Die
Dame fragte, was sie so alleine mache.
Das Mädchen antwortete: bevor ich nach Hause
gehe, wollte ich schauen, ob es hier noch etwas zu
entdecken gibt, aber ich kenne mich hier nicht so gut
aus. Die Dame sagte: ich kann dich ein Stück
begleiten, denn es wird sicher eine längere Reise.
Da war das Mädchen froh, denn sie sah ein kleines
Schiff mit einem Mann in der Nähe des Spazierwegs
und sie erklärte ihm, wo es hinwollte. Als sie im
Schiff des Mannes saß, gab es endlich noch etwas
zu entdecken. Sie war auch ein kleiner Tierfreund
und, als sie langsam zu Hause angekommen war,
kam aus einem kleinen Versteck eine Katze
angeschlichen. Sie fürchtete sich nicht, denn sie war
noch jung, aber der kleine Frechdachs wollte sie
vielleicht austricksen, oder?
Manche Katzen sind ja auch etwas komisch, aber
das Mädchen versuchte, ob sie sie mit etwas Futter
anlocken würde. Hm, na gut dachte sie, vielleicht
werden wir ja Freunde. Sie ging zu ihrer Mutter und
sagte: Mutti, ich hatte eine verrückte Reise. Ich war
am blauen Meer, aber ich konnte schlecht
schwimmen. Da entdeckte ich einen Delfin, der mir
geholfen hat. Nur die kleine Katze kam aus einem
Versteck und ich wollte versuchen, sie zu füttern.
Die Mutter des Mädchens wusste nicht, ob sie sie
behalten würden, denn sie kannte die Katze nicht.
Na mal schauen, was sie tun würde.
Das Mädchen stellte der Katze ein Schälchen mit
Futter hin und wartete kurz, aber erst geschah
nichts. Sie war schließlich sehr müde von der Reise
und dachte: vielleicht frisst sie ja doch noch. Ob ich
sie wohl den anderen Tag wiedersehe?
Friedlich ging das Mädchen schlafen und wollte
abwarten, ob das Kätzchen morgen wieder da sei.
Nach einem ausgiebigen Schlaf wachte das
Mädchen am nächsten Tag auf und ging nachsehen,
ob das Kätzchen wieder da ist. Und tatsächlich war
sie da und hatte auch das Futter aufgefressen. Da
freute sich das Mädchen sehr und überlegte,
welchen Namen sie dem Kätzchen geben könnte,
denn sie wollte es zum Freunde haben. Sie nannte
es Morle.
Von da an waren sie Freunde und das Kätzchen
hatte ein Zuhause und brauchte nicht mehr zu
streunen, wenn sie es nicht wollte. Sie lebte nun
glücklich mit dem Mädchen und ihrer Mutter
zusammen.
Foto: free, Frank
Kloock_pixelio.de

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Haft Leben Nr. 73
14
Vegan oder nicht vegan - eine unideologische Frage
HL-löwenzahn
Gleich vorne weg: das
hier soll niemanden bekehren! Es geht nicht darum,
wer was essen können oder dürfen soll. Es geht
überhaupt nicht ums Sollen, es geht nur um
Informationen. Esst was ihr wollt, aber wisst bitte
auch, was ihr wollt.
Fangen wir doch mal mit ein paar einordnenden
Definitionen an:
Allesfresser, Vegetarier, Veganer
.
Allesfresser
oder Omnivora haben ein unspe-
zialisiertes Nahrungsspektrum, sie ernähren sich
gemischt aus pflanzlichen und tierischen Quellen.
Allerdings gibt es keine scharfe, wissenschaftlich
anerkannte Trennung zwischen Allesfressern, reinen
Fleischfressern oder reinen Pflanzenfressern.
Evolutionär gehören Menschen zu den sogenannten
typischen Allesfressern, dabei gibt es aber kein
typisches Verhältnis zwischen pflanzlicher und
tierischer Nahrung.
Die
Vegetarier
sind dann die, die kein Fleisch und
keinen Fisch und auch keine Fleisch- oder
Fischprodukte essen. Dafür sind einige tierische
Erzeugnisse wie Milch und Milchprodukte, Eier und
auch Honig okay - solange man die Tiere eben nicht
dafür töten muss. Was Leder oder andere
Haushaltsartikel betrifft, sind Vegetarier selten
dogmatisch, aber das müsst ihr jeden selber fragen.
Vegetarier gibt es jedenfalls schon ziemlich lange,
nicht nur in Indien bei den Hindus. Auch der
griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras
(6. Jhd. vor Christus) war schon Vegetarier, genauso
wie Leonardo da Vinci (15. Jhd.), und in London
wurde der erste Vegetarierverein 1801 gegründet.
So neu ist das also gar nicht.
Die
Veganer
sind nun die Spezies, die alle tierischen
Nahrungsmittel und Produkte ablehnen. Sie essen
also weder Fleisch, noch Milchprodukte oder Honig,
noch verwenden sie Leder oder etwa Daunenjacken
u. a., je nachdem, wie streng man seinen
Veganismus nimmt, kann es da schon manchmal
anstrengend sein rauszufinden, was völlig ohne Tier
oder tierische Hilfsmittel produziert wurde. Da der
Trend sich aber immer mehr verbreitet, wird auch
das zunehmend einfacher.
Hier im Knast ist das noch recht kompliziert, aber ihr
habt die vegane Kategorie auf der Massak-Liste
sicher auch schon gesehen. Der aktuelle gesell-
schaftliche Trend hin zum Veganismus gründet sich
vor allem auf Fragen des Tierwohls und des
Klimaschutzes, die an Relevanz eher zunehmen als
abnehmen werden.
Mal von der Ressourcenseite betrachtet, muss man
sagen, dass Lebensmittel ganz allgemein umwelt-
schädlicher sind, je mehr Produktions- und Trans-
portschritte bis zu meinem Teller nötig sind. Da gibt
es auch verschiedene anschauliche Zahlen wie z. B.
der Wassereinsatz pro Kilogramm bzw. Liter eines
Lebensmittels oder auch der sogenannte CO
2
-
Abdruck, der durch Erzeugung, Verarbeitung und
Transport entsteht. So werden für die Herstellung
von 1 kg Rindfleisch im globalen Durchschnitt über
15.000 L Wasser benötigt (Futtermittelanbau +
Transport; Tiererzeugung + Tiermast + Transport;
Tierschlachtung + Transport; Fleischverarbeitung +
Transport). Bei 1 L Milch sind es über 100 L Wasser
(Futtermittelanbau + Transport; Tiererzeugung +
Tiermast + Transport; Milchverarbeitung + Transport)
und bei 1 L Hafer-Drink dagegen nur knapp 4 L
(Pflanzenanbau + Transport; Pflanzenverarbeitung +
Transport). Schon an diesen wenigen Beispielen
wird deutlich, wie gravierend unterschiedlich der
Aufwand ist. Daher verursacht die Produktion eines
Fleischburgers durchschnittlich 3 kg CO
2
pro Stück,
während es bei einem veganen Burger nur knapp 0,3
kg CO
2
pro Portion sind.
Und da wir momentan so um die 8 Milliarden
Menschen, Tendenz schnell steigend, ernähren
müssen (was wir ja auch jetzt schon nicht tun, es gibt
genügend Hunger auf der Welt und Millionen
Menschen, die für 'mein täglich Steak gib mir heute'
nur beten können), sollte man sich über die
Ressourcenfrage und darüber, was wir und der
Planet sich eigentlich leisten können, schon mal
Gedanken machen. Nutzt man die Ackerfläche am
besten, um direkt pflanzliche Lebensmittel anzu-
bauen oder für massenweise Futterpflanzen für die
Fleischindustrie.
In dem Zusammenhang ist es auch hilfreich, sich
bewusst zu machen, was 'Fleischproduktion' denn
wirklich bedeutet. Die Produktion beginnt ja nicht erst
mit der Verarbeitung des abgeschnittenen Stückes
Rohfleisch.
Tiere müssen erzeugt, aufgezogen und geschlachtet
werden. Dabei wissen Sportler, dass Masseaufbau -
also Fleischproduktion - normalerweise gutes
Kraftfutter und ordentliches Training braucht. Aber
wer jetzt glaubt, dass die Hähnchen, deren zarte
Brust ihr später essen wollt, auf der Hühner-
Hantelbank kräftig Gewichte stemmen, weit gefehlt!
Die speziell gezüchteten Fleischhühnchen sitzen
eingepfercht in kleinsten Käfigen mit gestutzten
Schnäbeln, damit sie weder sich selbst noch ihre
Zellengenossen verletzen können.

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
Vegan oder nicht vegan - eine unideologische Frage
Für die Mast werden sie vollgepumpt mit Kraftfutter
(z. T. aus Tiermehl - ist das dann eigentlich schon
Tier-Kannibalismus?) und Antibiotika, damit sich das
Fleisch auch ohne Bewegung bildet und die Tiere
nicht krank werden. Schweinen und Rindern geht es
da in der Massentierhaltung, die nun mal die
verbreitetste, weil effizienteste Form der Fleisch-
produktion ist, nicht besser. Kaum ein Fleischtier lebt
wie die niedlichen Comic-Tiere, die auf vielen
Fleischproduktpackungen als Werbung aufgedruckt
sind. Die leben nicht glücklich auf grünen Wiesen
und noch nicht mal der Spaß bei der Fortpflanzung
wird ihnen gelassen. Denn um die industriell
gewünschten Eigenschaften der Tiere zu garan-
tieren, werden z. T. ganze Herden aus den Ei- und
Spermazellen nur weniger Zuchttiere erzeugt.
Auch Milchkühe sollen eine garantierte Leistung
erbringen und stammen daher von ausgesuchten
Zuchttieren ab. Noch vor 50 Jahren gab die
preisgekrönte Rekord-Milchkuh in Europa 700 L
Milch in einem Jahr. Inzwischen sind wir bei 7000 L
für das durchschnittliche Milchvieh in der deutschen
Milchwirtschaft. Das sind 20 L jeden Tag und
Hochleistungskühe kommen sogar auf bis zu 50 L
Tagesmenge. Nun gibt eine Kuh nicht automatisch
Milch, nicht einfach so, dazu muss sie erst ein Kalb
geboren haben und dann jedes Jahr ein neues Kalb.
Diese werden der Mutterkuh noch bei der Geburt
weggenommen - die weiblichen Kälber für die
Milchwirtschaft weiterverwendet und die männlichen
Kälber für die Fleischwirtschaft - oder was dachtet
ihr, wo
Kalbs
leberwurst herkommt.
Und auch Vegetarier müssen sich ehrlicherweise die
Frage gefallen lassen, ob das Kälbersterben für
Milch, Käse und Joghurts okay ist. Denn Kälber, die
ich als Vegetarier natürlich nicht esse, sind aber
dennoch ein 'Nebenprodukt' der Herstellung von
Lebensmitteln, die ich durch meinen Verzehr und
meine Nachfrage fördere. Würden es da nicht auch
Hafer-Drink oder Mandel-Drink oder vegane Joghurts
und veganer Quarkersatz und vegane Käseersatz-
Varianten tun?
Ich höre schon die ganzen Appelle an die
Natürlichkeit: dass der Mensch von Natur aus
Allesfresser sei und Fleisch doch so natürlich sei etc.
Das Fleisch, das die meisten essen, ist es eben
nicht, siehe Fleischindustrie.
Und wenn wir schon bei Natürlichkeit sind:
Menschen sind von Natur aus Jäger und Sammler
und keine Supermarkteinkäufer. Menschen sind von
Natur aus bewegte Lebewesen und keine
Bürostuhlhocker. Menschen sind von Natur aus
Zweibeiner mit aufrechtem Gang und einer
Höchstgeschwindigkeit unter 40km/h (Usain Bolts
Maximalgeschwindigkeit beim Olympiasieg war 37
km/h und auch das nur 100 m weit.) und keine
Business-Class-Vielflieger oder 300-km/h-Porsche-
Fahrer. Menschenaugen sind von Natur aus zum
Betrachten von Wolken, Gras etc. gedacht und nicht
für Flachbildschirme. Wir Menschen tun inzwischen
so viel unnatürliches, künstliches, handeln nach
Abläufen, die eher der Effizienz von Industrie und
Maschinen dienen und nicht unseren natürlichen
Bedürfnissen - da sind Vegetarismus und
Veganismus nun wirklich die kleinsten Sünden.
Bleibt noch die Sache mit der Gesundheit und
potentiellen Mangelernährung. Die Frage danach,
was jetzt gesünder ist, muss man allerdings anders
stellen. Ganz grundsätzlich gilt, dass Ernährung
ungesund ist, wenn sie unausgewogen ist - ganz
gleich. ob nun fleischlich, vegetarisch oder vegan!
Klar, vegan ist anstrengender, da muss man auf
mehr achten, aber es ist deswegen noch lange nicht
ungesünder. Es gibt Leistungssportler, sogar
Gewichtheber und Olympiasieger, die sich vegan
ernähren. Jan Frodeno ist Veganer und mehrfacher
Ironman-Sieger - der schafft 3,8 km Schwimmen,
180 km Radfahren und 42 km Marathon-Lauf
zusammen in 8 Stunden. Das sollten ihm die meisten
Steak-Esser erstmal nachmachen.
Nein, das muss ihm keiner nachmachen, aber es
zeigt hoffentlich, dass vegan nicht automatisch
schwächer bedeutet oder mangelhaft oder
ungesund. Es ist immer eine Frage der Aus-
gewogenheit und der Lebensmittelqualität. Denn
Fast Food bleibt Fast Food - ob es nun vegan ist
oder nicht. Auch vegane Fast-Food-Lebensmittel
sind hochproduzierte Lebensmittel, d. h. zwischen
der Ernte der Rohstoffe und meinem Teller passieren
jede Menge industrielle Verarbeitungsschritte. Eine
Faustregel ist: je höher die Verarbeitung und je
größer die Anzahl der Zusatzstoffe, desto
ungesünder. Dies gilt für alle Lebensmittel durch die
Bank.
Jeder soll bitte selbst entscheiden, was sie essen
mögen und essen wollen und was eben nicht. Aber
um entscheiden zu können, muss man zuallererst
Dinge wissen. Ohne Wissen entscheiden letztlich
immer nur andere. Das wäre doch schade.
Versucht euch beim nächsten Essen vielleicht mal
bewusst zu machen, was da wirklich auf eurem
Teller liegt, welche Ressourcen, Energie und Arbeit
es brauchte, damit es so dort liegt. Und dann eben
bewusst in das zu beißen, wofür ihr euch
entschieden habt. Ich meine, ihr müsst euch ja nicht
gleich fragen, ob ihr ein Masthühnchen sein wollt,
aber vielleicht über Art und Weise der
Lebensmittelentstehung nachdenken. Probiert es
mal.
Oder ihr macht euch all diese Gedanken auch nicht.
Ich würde mir jedenfalls gern eine Welt wünschen, in
der 'Das hab ich nicht gewusst.' keine Ausrede mehr
ist.
Der Körperumfang des
Nilpferdes zeigt,
dass vegetarische Kost
nicht schlank macht!

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Haft Leben Nr. 73
16
Gefängniszeitungen in Deutschland
(HL-nml)
Gefängniszeitungen gibt
es in Deutschland einige
und auch wenn deren
Dasein lange nicht so alt
ist, wie das der Gefäng-
nisse
selbst,
haben
manche eine bemerkens-
werte Tradition vorzuweisen.
Unsere hiesige HaftLeben gibt es z. B. schon seit
1999 und mittlerweile 73 Heften, aber das ist immer
noch jung im Vergleich zu dem unzensierten
Presseerzeugnis „der lichtblick“ aus der JVA Berlin
Tegel. Dieser ist bereits seit 1968 am Markt der
Gefangenenzeitungen und ist inzwischen zum
sagenhaften 390. Mal erschienen. Der „lichtblick"
wurde erst kürzlich im Berliner Kurier porträtiert und
die Geschichte und die Macher hinter den Kulissen
beleuchtet.
In dem Artikel vom 01.02.2022 werden der
Redaktionsalltag und die Besonderheiten der
Redaktion
in
der
Tegeler
Vollzugsanstalt
beschrieben. So ist er als einzige Knastzeitung in
ganz Deutschland unzensiert, d. h. die Anstalts-
leitung in Tegel hat kein Mitspracherecht darüber,
was in der Zeitung gedruckt wird und was nicht. Das
geht auf die besondere Gesellschaftsform der
Zeitung zurück, denn „der lichtblick" ist als freies
Presseerzeugnis organisiert und auch Mitglied im
Deutschen Presseverband und als solches auch
dem Pressecodex und der darin enthaltenen
Pressefreiheit verpflichtet. Gegründet wurde die
Zeitung von damals drei Inhaftierten mit dem
damaligen Anstaltsleiter Wilhelm Glaubrecht. Die
Idee war, unzensiert aus einer Haftanstalt in
Westberlin zu berichten.
In den Redaktionsräumen des „lichtblick“, ist man
mit relativ moderner
Computertechnik,
un-
überwachtem
Telefon
und Mailverkehr und
neuerdings sogar mit
Internet ausgestattet .
Im Vergleich zu sonst
allen „Haft-Redaktionen“
der deutschen Bundes-
länder ist es dem
„lichtblick“
gegönnt,
seine Recherchen effek-
tiv zu nutzen. Schon deshalb hat „der lichtblick" eine
Ausnahmestellung unter den Gittergazetten der
Republik. In der Redaktion arbeiten dort derzeit drei
Gefangene in Vollzeit, die das auch als Arbeitsplatz
bezahlt bekommen und dies als höchstbezahlten
Gefangenenarbeitsplatz der ganzen JVA. Das macht
die Stellen vielleicht begehrt, aber dafür sind die
Anforderungen eben auch sehr hoch. Wer den
„lichtblick" kennt, weiß, dass er eine der besten
Gefangenenzeitungen Deutschlands ist und diese
Qualität muss auch erstmal erreicht werden. Die
Redaktion richtet ihre qualitative Ausrichtung immer
höher. Auf solche Vertrauensposten setzt dann auch
die Anstaltsleitung in Tegel nur geeignete
Gefangene, die immer wieder schwer zu finden sind.
„Im Hinblick auf andere Haftzeitungen, kann „der
lichtblick“
unzensiert
berichten,
statt
mit
Lobeshymnen der eigenen Anstalt in die
Veröffentlichung
hineinzugehen.
Kritik
und
Meinungsbildung ist daher ein wichtiges Argument
einer sonst nicht zu vermittelnden Resozialisierung.
Nur wer Kritik leben kann, hat letztendlich auch den
Sinn der Resozialisierung verstanden.“
So jedenfalls schreibt es uns die Redaktion „der
lichtblick“.
Dagegen backen wir in Chemnitz immer noch
kleinere Zeitungsbrötchen. Über die Umsetzung
eines eigenen Arbeitsplatzes als Redakteurin haben
wir bei der Anstaltsleitung schon lange angefragt.
Bisher machen das alle Redaktionsmitglieder
ausschließlich in ihrer Freizeit. Mit den neuen
Redaktionsräumen und den inzwischen recht flexib-
len Arbeitszeiten sind wir aber gar nicht so schlecht
dran. Denn zahlreiche Haftzeitungen müssen derzeit
mangels interessierter Häftlinge oder fehlender
Infrastruktur oder fehlenden Personals leider Pause
machen, manche schon seit Jahren ohne konkrete
Aussicht auf einen Neubeginn.
Beim Thema Gefangenzeitungen gibt es also - wie
letztlich eben überall - viel Licht und Schatten. In
jedem Fall ist eine lohnende Arbeit und
Beschäftigung für die Gefangenen und wir können
nur jeder JVA, die vormals eine Haftzeitung hatte
oder auch nicht, das Projekt wärmstens empfehlen.
Das erste HaftLeben-
Heft von 1999
Das erste HL-Heft mit
einem „Frauen-Text--
Teil““ - 2008
Unser letztes HL-
Heft 2021
Fotos: Archiv, HaftLeben

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
Internet im Gefängnis - wo gibt's denn sowas?
Und ja, es geht doch, vielleicht nicht überall in
Deutschland, doch in der JVA Tegel war es 2021
möglich. Live!!! Ein Online Schachturnier mit
Gefangenen aus der ganzen Welt!
(HL-NW)
Für die allermeisten Gefangenen
gibt es das natürlich gar nicht, aber die Aussage
ganz absolut so zu treffen, das wäre auch falsch.
In der JVA Chemnitz gibt es auf jeden Fall Internet
über
elis
, das sogenannte
E
-
L
earning
i
m
S
trafvollzug. Im Haus 3 gibt es ein ganzes elis-
Kabinett mit über einem Dutzend Rechner, über die
man auf inzwischen ca. 500 Interseiten zugreifen
könnte. Da ist z. B. die Flixbus-Auskunft gerade neu
dazu gekommen, das Job-Center ist vertreten,
diverse
Nachrichtenseiten,
Ausbildungsinhalte,
Schulstoff, Fitness-Tipps und sogar Sprachlernseiten
für deutsch und andere Sprachen.
Aktiv genutzt wird dieses Angebot in Chemnitz
momentan aber nur von einer einzigen Person, der
hiesigen Studentin.
Und es ist auch alles nicht so einfach, wie es
vielleicht klingt. Mit einem Antrag 'Ich will mal auf
elis, bitte. Die Flix-Bus-Verbindung zu meiner
Therapie-Einrichtung checken.' ist es leider nicht
getan. Zugang zu elis bedeutet noch nicht Zugang zu
allen 500 Seiten, für die meisten muss dann noch
eine extra Freigabe beantragt werden. Es ist also
eher: 'elis beantragen'; warten; 'Seite freischalten
beantragen'; warten; 'hoffentlich finden, was sucht'
oder alles nochmal von vorn. Auf jeden Fall läuft man
keine Gefahr, im Netz zu versacken, denn Links oder
Weiterleitungen funktionieren natürlich nicht. Das ist
eben ein ziemliches kleines Guckloch ins WWW, das
man trotzdem besser nutzen könnte.
Und es gibt auch andere Beispiele. In der JVA Tegel
haben im Oktober 2021 z. B. vier Gefangene am
internationalen Schach-Turnier für Gefangene
teilgenommen, das komplett online stattfand. Die
Turnierteilnehmer absolvierten die Spielpartien auf
Laptops und konnten sich in dem weltweiten
Teilnehmerfeld der Teams aus Russland, Georgien,
Spanien, Norwegen, Tschechien und sogar den
Philippinen, USA und Simbabwe bis ins Halbfinale
spielen. Das war ein riesiger und unerwarteter Erfolg
für die (sozusagen) „Deutsche-Gefangenen-Schach-
Nationalmannschaft", der den Gefangenen sehr viel
bedeutet. Gefangenen-Schach-Weltmeister wurde
übrigens die Mongolei, die sich gegen Russland
durchsetzen konnte.
Sowas geht also auch.
Ein anderes Beispiel kommt ebenfalls aus Berlin. Da
will nach Informationen des Inforadio vom
17.12.2021 die JVA Standort Lichtenberg mit dem
Projekt „Resozialisierung durch Digitalisierung" den
Gefangenen einen Internetzugang ermöglichen. Das
System soll im Juni 2022 in der JVA für Frauen in
Berlin-Lichtenberg zuerst starten. Dazu werden auf
den Zellen „All-in-one"-Endgeräte installiert, die aus
einem wandmontierten Bildschirm mit zugehöriger
Tastatur und Maus bestehen. Über eine Kabel-
verbindung dienen diese Geräte dann gleichzeitig als
Fernseher, Telefon und für die eingeschränkte
Internetnutzung. Diese soll verschiedene Medien,
Bildungsangebote und insbesondere E-Mail um-
fassen. So soll auch die Kommunikation mit den
Gefangenen in der Anstalt digital laufen und das
Angebot insgesamt den Wiedereinstieg der
Gefangenen in die Gesellschaft unterstützen. Soziale
Netzwerke, Streaming-Dienste und Videoplattformen
sind natürlich ausgeschlossen.
Der Berliner Senat hat nach öffentlichem Vergabe-
verfahren einen 6-Jahres-Vertrag mit Telio für die
Internetzugänge für die Haftanstalten abge-
schlossen. Bis 2023 sollen alle 4.000 Berliner
Hafträume mit der Technik ausgestattet werden und
ab März 2023 dann auch die übrigen JVAs der
Hauptstadt online gehen. Dieses Vorhaben zeigt
letztlich, dass die technischen und Sicherheitsfragen
lösbar sind.
Ist sowas für Sachsen utopische Zukunftsmusik?
Kleinere Pilotprojekte gab es ja schon in mehreren
Bundesländern. Der sächsische Verfassungs-
gerichtshof hat auch 2019 schon entschieden, dass
ein Internetzugang Gefangenen nicht pauschal
verwehrt werden darf. Aber zwischen 'nicht pauschal
verwehren' und 'sinnvoll nutzbar machen' liegt immer
noch ein verdammt langer (vielleicht steiniger und
kostenintensiver) Weg.
Fakt bleibt, abgesehen von winzigen Ausnahmen
und vereinzelten Zukunftsplänen, sind JVAs analoge
Inseln in einer immer schneller immer digitaler
werdenden Welt. Analoge Resozialisierung ist da
einfach nicht mehr zeitgemäß.
Falls jemand von euch richtig, d. h. sehr gut,
Schach spielen kann, bitte umgehend bei Frau
Böttcher melden. Eine Schach spielende
Frauen-Mannschaft aus der der JVA Chemnitz,
ist heute schon denkbar.
Auch in einem weltweiten „Live-Online-Schach-
Tournier“ zwischen Inhaftierten???
Foto: JVA Tegel Öff.

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Haft Leben Nr. 73
18
Resozialisierung in einer JVA, geht das?
(HL – FAM)
Ist eine Resozialisierung in
einer JVA möglich, wo ein Gefangener nur wenige
Aspekte seines Lebens autonom entscheiden kann?
Wo selbst der Alltag durch feste Abläufe vorbestimmt
ist und wo auch die Besuche streng reglementiert
werden? Fügt der Staat nicht so den Gefangenen
eher Schaden zu? Worin besteht denn der Sinn der
Strafe?
Die Ziele der Strafe werden in den Strafrechts-
wissenschaften seit jeher kontrovers diskutiert. Der
Staat zeigt so der Gesellschaft, den Opfern und den
Tätern, dass die Tat Unrecht war und in keinster
Weise hingenommen werden kann. Es soll von
Normbrüchen abhalten und gerechte Reaktionen auf
die Tat darstellen und so auch dem Gerechtig-
keitsempfinden Ausdruck verleihen. Somit stellt die
Strafe vor allem die gerechte Antwort auf ver-
schuldetes Unrecht dar. Womit der Staat auch den
Opfern und deren Angehörigen zeigt, dass er das
Handeln des Täters nicht duldet. Er erkennt die
Verletzung der Opfer an und hilft ihnen, so das
Vertrauen in die Rechtsordnung, die die Opfer vor
der Tat nicht schützen konnte, wiederherzustellen.
Die Täter werden zur Verantwortung gezogen und es
soll auch eine gewisse Abschreckungswirkung erzielt
werden. Natürlich stellt sich die Frage, ob Strafe
einen positiven Sinn haben kann, was eigentlich ja
nur durch Therapie und Integration in die
Gesellschaft zu erreichen ist.
Gerade der Sinn des Freiheitsentzuges bei Geld-
strafen ist unzureichend und wird von vielen Bürgern
als sich „Freikaufen“ angesehen. Ich glaube, dass
Arbeitsstrafe und Hausarrest taugliche Instrumente
zur Vermeidung von unnötigem Strafvollzug wären.
So beschreibt Dr. Thomas Galli in einigen seiner
Bücher, warum Gefängnisse niemandem nützen.
Gerade da sich die Frage stellt, ob Menschwürde in
Haft funktionieren kann? Macht dieses Gefängnis-
system jemanden zu einem besseren Menschen?
Ich glaube, dass dies letztlich jeder für sich allein
entscheidet. Wenn der Täter einen reflektierten Blick
auf seine Tat entwickeln kann und seine
Verhaltensmuster überdenkt, kann es eine große
Chance sein.
Die Kombination von Therapie und die Verbesserung
der beruflichen Situation mithilfe von Ausbildungs-
programmen kann Erfolg bringen. Doch man muss
auch klar aufzeigen, dass eine Haftstrafe auch das
genaue Gegenteil bewirken kann. Diese Gefahr ist
gerade dann besonders groß, wenn der Verurteilte
aus funktionierenden familiären Strukturen gelöst
wird und so in Haft erst recht auf ein problematisches
Umfeld trifft. Auch können die soziale Isolation und
die gesellschaftliche Stigmatisierung das kriminelle
Verhalten begünstigen, sogar fördern.
Die viel zu geringen Erfolge und die nachteilige
Wirkung der Haft auf die Resozialisierung des Täters
ist ein großes Problem, aber der Staat verfolgt mit
der Strafe in erster Linie Zwecke, die unabhängig
von einer Besserung des Täters sind. Wichtiger oder
richtiger wäre es, den Behandlungsbedarf des Täters
als Orientierung für die Haft zu nehmen. Dies würde
aber den Fokus zu stark auf den Resoziali-
sierungsgedanken richten, was dann die zentralen
gesellschaftlichen Funktionen der Strafe vernach-
lässigen würde. Strafe soll einen gerechten Schuld-
ausgleich bewirken, um das unrechte der Tat
gegenüber der Gesellschaft den Opfer und Tätern
angemessen zu kommunizieren. Somit ist Reso-
zialisierung nicht der Sinn der Strafe. Die Haft
versucht also zwei gänzlich gegensätzliche Ziele
gleichzeitig zu erreichen. Mag darin der mangelnde
Erfolg liegen?
Resozialisierung ist eher ein Anliegen der Gemein-
schaft, denn es ist im Interesse aller, dass ein
Straftäter keine weiteren Straftaten begeht. Ich
glaube, gerade wenn man bedenkt, dass jeder Tag
in Haft dem Steuerzahler um die 150 € kostet, ist das
bei geringer und mittlerer Kriminalität schlecht
investiertes Geld. Die Gesellschaft sollte lieber über
Alternativen oder andere Formen von Sanktionen
nachdenken. Ist eine Freiheitsstrafe unumgänglich,
dann sollte jedoch der Resozialisierungsgedanke an
erster Stelle stehen. Was dann aber vor allem zu
beachten wäre, ist, dass die Strafe in der
Beschränkung der Freiheit liegt und nicht in einer
schlechten Behandlung der Gefangenen im Vollzug.
Die Haftzeit sollte sinnvoll genutzt werden können,
indem sich der Gefangene mit seiner Tat
auseinandersetzt und sich so als Person weiter-
entwickeln kann. Dafür müssen aber in Haft vor
allem Verhaltens- und Drogentherapien sowie
Sprachkurse und Berufsfortbildungen angeboten
werden. Für besonders wichtig erachte ich, dass
genauesten darauf geachtet werden muss, dass die
Gefangenen wichtige Kontakte zu ihrer Familie und
engen Bezugspersonen nicht verlieren. Ein
menschenwürdiger Strafvollzug muss auch immer
die Folgeschäden für die Angehörigen der Täter,
insbesondere ihre Kinder, so gering wie möglich
halten!
Foto: Archiv „HaftLeben“, 08/2011

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
19
Resozialisierung in einer JVA, geht das?
Dabei müsste die elektronische Überwachung als
Hausarrest eine viel größere Rolle spielen. Denn
wenn die Gefangenen ihre Zeit in Haft einfach
absitzen, ist keinem geholfen!
Ebenso würde ich die 16 verschiedenen Strafvoll-
zugsgesetze in ein gemeinsames umwandeln, so
dass ein Verurteilter im Norden die gleichen
Chancen wie in einer JVA im Osten erhält. Man
sollte immer den Gedanken im Kopf haben, je mehr
man Gefangene isoliert oder abgrenzt von dem, was
draußen passiert, desto schwerer tun sie sich später
in Freiheit, um wieder in der Gesellschaft anzu-
kommen. Dazu gehört für mich auch das Erlernen
von Selbstverantwortung und Selbstständigkeit -
etwa einen festen Tagesablauf eigenverantwortlich
gestalten und aufrechterhalten zu können und nicht
einfach den Schließzeiten unterworfen zu sein. Der
zweite wichtige Punkt, den man immer bedenken
muss, ist, dass Haft fast zwangsläufig eine „kleine
Schule des Verbrechens“ ist. Woher soll denn der
positive Impuls kommen? Man kann nicht die
Schlechtesten zusammenpacken und hoffen, dass
sie voneinander nur gutes lernen.
Sollte in Zeiten von Inflation und immer weiter
steigender Kosten auch überlegt werden, ob 1.400 €
Ü-Geld noch angemessen ist. Die meisten besitzen
ja gar nichts mehr. So geht das Geld schon fast
gänzlich für die Kaution einer Wohnung plus erste
Miete drauf und dann ist nichts mehr für irgendeine
Ausstattung, nichts mehr zum Leben übrig. Ich
glaube auch, nach der Haft sollte das Umfeld
verändert werden, so ist ein Wohnortwechsel für
viele unabdingbar, denn in einem alten Umfeld wird
von einem erwartet, dass du dich so verhältst wie
früher. Indem ich mir neue Menschen suche, habe
ich die Möglichkeit, selbst ein neuer Mensch zu
werden. Das kann ein guter Plan sein, der dann
nicht daran scheitern sollte, weil ein Taschengeld für
diesen Neustart nicht ausreicht.
Die Strafe der Haft soll einem zeigen, wohin man nie
wieder zurück will. Dass man die größte Schwäche,
den Fehler seines Lebens, das größte Scheitern
nicht wiederholt. Die Resozialisierung in der Haft soll
die Übernahme von Verantwortung belohnen, eine
zweite Chance wirklich greifbar machen. Zwei
scheinbar unvereinbare Ziele.
Foto: Peter Reinäcker_pixelio.de
HL/Red.
Unsere
Sächsische
Justiz-
ministerin Meier sagte in etwa:
„Innerhalb von fünf
Jahren wurden in Sachsen wegen Leistungs-
erschleichung gut 2000 Ersatzfreiheitsstrafen ver-
büßt.“
Die verhängte Geldstrafe konnten Tausende nicht
zahlen, was folgte, war ein unfreiwilliger Aufenthalt
in einer JVA. Auch in Sachsen sitzt jeder zehnte
Insasse in einer Justizvollzugsanstalt dort nur eine
sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe ab, sagte die
grüne Sächsische Justizministerin. Weiter sagte
sie: „
Wir dürfen Menschen nicht fürs Armsein
bestrafen.“
Ihrer Meinung nach gehören Ersatz-
freiheitsstrafen auf den Prüfstand, denn aus ihrer
Sicht gehören solche Ersatzstrafen auf den
Prüfstand. Dass Verurteilte wegen Geldstrafen, die
sie nicht leisten wollen oder können, am Ende
wegen Geldstrafen im Gefängnis zu landen, dies
komme ihr wie der
„mittelalterliche Schuldturm“
vor.
„Richter verhängen ja nicht ohne Grund Geldstrafen
und keine Freiheitsstrafen“,
ist ihre Meinung.
Möglich sind Ratenzahlungen oder Programme wie
„Schwitzen statt Sitzen“, auch gemeinnützige Arbeit
statt Haft, wäre für sie denkbar. Im Übrigen vertritt
sie schon lange diesen Standpunkt auch in und mit
der Ampel-Koalition. In einer geplanten Strafrechts-
reform hofft unsere Justizministerin auf die
Umsetzung der von der Ampel-Koalition ange-
kündigten Strafrechtsreform. Es sei
„vor allem an
der Zeit, Bagatelldelikte wie Schwarzfahren künftig
zu entkriminalisieren“.
Interessant ist dazu auch die Meinung von
Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP): „In
Haft sollten vor allem die sitzen, die auch zu einer
Freiheitsstrafe verurteilt werden“.
Frau Meier sagte auch:
„Betroffen seien vor allem
weniger betuchte Menschen“
.
Seit
2017
wurden
nach Angaben des
Justizministeriums insgesamt 2040 Ersatzfreiheits-
strafen im Zusammenhang mit dem Paragrafen
265a StGB verbüßt. 2017 verzeichnet die Statistik
609 Fälle, 2018 dann 489 und 2019 insgesamt 508.
Dass es 2020 und 2021 jeweils nur knapp 220 Fälle
waren, lag an Corona, war doch etwa der Antritt
von Ersatzfreiheitsstrafen zeitweise ausgesetzt (in
den zwei Jahren wurden 14.470 Ersatzfreiheits-
strafen angeordnet und 3067 vollzogen).
Unsere Sächsische Justizministerin sagte weiter:
„Bei einem
Tageshaftkostensatz
von zuletzt
140,13 €
für den finanziellen Aufwand für eine
JVA-Unterbringung ergaben sich somit immer noch
Kosten von 21,5 Millionen €
, darunter
2,4
Millionen €
allein für Schwarzfahrer
Quelle
https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/sachsens-
justizministerin-meier-stellt-schwarzfahren-als-straftatbestand-infrage-
artikel11998508, Text HL, Zitate aus dem Quelltext

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Haft Leben Nr. 73
20
Vorsätze für‘s neue Jahr und ...
… Kann ich mich wirklich ändern?
(HL/FAM)
Dies ist ein sehr interessantes
Thema und ich glaube sehr passend zum neuen Jahr.
Denn wer nimmt sich nicht irgendwelche Wünsche
der Veränderung am Ende des alten Jahres für das
neue Jahr vor. Oft hört man, „ich höre mit dem
Rauchen auf“, nehme dieses Jahr wirklich ab oder ich
treibe unbedingt mehr Sport. Jeder kennt diese
Vorsätze und wie schnell diese jedoch auch wieder
verworfen werden. Ich selber bin sehr überzeugt von
den persönlichen Veränderungen und habe diese
selbst zur Genüge schon erlebt und auch die Kraft,
die sich dahinter verbirgt, gespürt. Ja, es ist mit Angst
behaftet und ja, es ist teilweise sehr schmerzhaft,
aber das Ergebnis ist es auf alle Fälle wert, ich bin es
wert. Ich selber habe erlebt, dass ich mich hier
drinnen freier fühlen kann, als ich es in Freiheit je
gewesen bin. Deshalb kann ich nur jedem empfehlen,
sich auf dem Weg, sich selbst zu finden, zu machen.
Unsere Wesenszüge sind schließlich nicht in Stein
gemeißelt, die Persönlichkeit ist wandlungsfähiger als
man glaubt und Veränderungen sind ein ganzes
Leben lang möglich, wenn man dies auch wirklich will.
Das heißt aber nicht, dass wir auf Knopfdruck ein
anderer Mensch werden können, wer sich ändern will,
muss sich in seinem Leben neuen Herausforde-
rungen stellen. Leider sagt man viel zu schnell, ich
bin schon immer so, ich hab mich nicht geändert oder
ich kann mich nicht mehr ändern. Doch ist es wirklich
so? Wenn du auf die vergangenen zehn Jahre deines
Lebens zurückblickst, hast du dann das Gefühl, dich
geändert zu haben? Wahrscheinlich fällt dir sofort
eine Eigenart ein, die du all die Zeit beibehalten hast,
z. B. deine …, sehr wahrscheinlich findest du aber
auch viele unterschiedliche Eigenarten, die du schon
geändert hast. Du bist vielleicht jetzt… oder …
Denke nun an die kommenden zehn Jahre, wie sehr
werden sie dich vermutlich verändern? Die meisten
sehen da wenige Veränderungen vor sich, was ganz
normal ist, vielleicht auch als Schutzgedanke. Man
ändert sich jedoch ständig, sein ganzes Leben lang!
Selten von jetzt auf gleich und selten von einem
Extrem zum anderen, aber eben auch selten gar
nicht!
Denn jede Situation, die wir im Leben erleben, wirkt
auf uns immer zurück.
Menschen die uns begegnen, prägen uns ebenso,
wie wir unsere Mitmenschen prägen, egal ob positiv
oder negativ. Unser Lebensweg eröffnet uns immer
wieder weiter Chancen und Herausforderungen, wir
entscheiden dann, welchen Weg wir einschlagen.
Eine Möglichkeit für eine gezielte Persönlichkeits-
veränderung ist, sich Herausforderungen zu stellen,
von denen man weiß, dass sie die gewünschte
Veränderung zur Folge haben, so z. B. Therapie. Das
wirkliche Wollen oder Zulassen von Veränderung
vorheriger Gewohnheiten ist dabei eine notwendige
Bedingung für echten Wandel, um eine Persönlich-
keitsentwicklung anzustoßen. Es muss klar bewusst
sein, dass bisherige Verhaltensmuster in der neuen
Lebenssituation nichts mehr taugen oder zu suchen
haben. Die neue Anforderung an mich muss klar
definiert sein, ich muss genau wissen was ich will,
wohin ich will, was ich an mir ändern will. Gelingt uns
diese Anpassung oder Veränderung, wird das
zurückgemeldet, z. B. durch Feedback von Fremden
oder über Erfolgserlebnisse bei der Bewältigung der
uns gestellten Aufgaben. Stellt man sich jedoch
Herausforderungen, bei denen nicht klar ist, wie diese
am besten bewältigt werden könnten oder welchen,
die zu hoch sind, zu unrealistisch waren, dann geht
es oft schief. Wobei dann das Nichtgelingen als
Verstärkung, sogar Beweis für „ich schaff das nicht,
hab ich doch gewusst“ gewertet wird. Ob man
Veränderungen zulässt oder nicht, hängt oft auch
vom wirklichen wollen, dem empfundenen Leidens-
druck (z. B. wenn mich und meinem Umfeld das
Rauchen nicht stört, wieso dann was ändern) und der
Persönlichkeit ab. Glücklicherweise unterscheiden wir
Menschen uns, diese Besonderheit macht die
Persönlichkeit von jedem aus. Jeder von uns hat
unterschiedliche Gewohnheiten, Marotten, Motive,
politische Haltungen, Werte, Normen, Denkstile,
Fähigkeiten, Talente, Eigenarten, Ängste
usw.,
welche wir auch durch Erfahrungen so entwickelt
haben. Kern eines jeden sind die Wesenszüge eines
Menschen, so z. B. liebenswürdig, aufbrausend, still,
verzagt, selbstbewusst, verlässlich - eben Eigen-
schaftswörter, mit deen wir den Menschen
beschreiben würden. Die Forschung hat fünf
Wesenszüge bei uns Menschen ausgemacht, die bei
jedem unterschiedlich stark ausgeprägt sind (wer
genaueres darüber erfahren will, es gibt einige
Bücher in der Bücherei, unter der Rubrik Gesundheit).
Jedoch stellt dies auch kein Hinderungsgrund dar,
sich zu ändern, zu wachsen oder Verantwortung zu
übernehmen für sein Handeln. Der wirkliche Wille ist
mit der Motor, der Antrieb, dran zu bleiben. Natürlich
ist es für alle bequemer, wenn man sein altes Leben
behält, einfach keine Veränderung wagt und immer
so bleibt wie man ist.
Weiter

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
Vorsätze für‘s neue Jahr und ...
Weiter von Seite 20
Jedoch glaube ich auch, es kann es wert sein, seine
ungeliebten Gewohnheiten abzulegen. Fakt ist jeden-
falls, es gibt nicht den idealen Typen von Mensch,
alle Menschen sind verschieden, jeder hat seine
Ecken und Kanten und genau das ist auch gut so.
Denn nur so sind die Begegnungen des Lebens inte-
ressant, spannend und man kann sich gegenseitig
innerlich berühren oder bewegen. Wenn die Verände-
rung angefangen hat, das Gefühl, ich kann es schaf-
fen, ich geh es weiter an und dann bei Gelingen
kommt der Stolz auf sich selbst. Die Gewohnheit stellt
sich ein und erst dann ist die Veränderung gelungen.
Natürlich ist jede Veränderung ein langer Weg, man
muss dies wissen und auch mit Rückschlägen rech-
nen. Denn diese wird es geben und wenn man sich
dies schon vorher bewusst macht, erwischt es einem,
wenn der Rückschlag eingetreten ist, nicht mehr so
eiskalt, sondern kann sich gleich der Kraft des Wei-
tergehens befassen.
Wie heißt es so schön, hinfallen -
Aufstehen - weiterversuchen!
Es zählt nicht wer du warst,
als du hingefallen bist.
Es zählt, wer du wurdest,
als du aufgestanden bist!
Stolpersteine
Hingefallen bin ich wieder,
über irgendeinen Stein,
der mir auf dem Weg des Lebens,
stellte ein Bein.
Was soll das nur, denke ich daran,
was das Leben mir schon angetan?
Viele Menschen kenn ich nun,
können wegen der Stolpersteine
oft nicht ruhn‘.
Sind krank von Verletzungen und Schmerzen,
und versuchen doch immer
wieder zu scherzen.
Um ihren Kummer nicht mehr zu spüren,
und in den Wunden weiter zu rühren.
Doch, sie sind da,
nur etwas vergraben,
durch manch Lachen halbwegs zu ertragen.
Menschen schreiben Gedichte
aus tiefster Seele,
ein Schluchzen dringt aus ihrer Kehle.
Ach Gott!
Ich würd gern beständig an dich glauben,
wenn nur die Stolpersteine
den Glauben nicht rauben!
Das Hinfallen tut so schmerzlich weh,
und manchmal ich gern
auf das Ende seh‘!
Doch schau ich zurück,
auf das WAS ich geschafft,
dann steh ich wieder auf,
mit Hoffnung und Kraft!
Ein Gedicht von Petra Hebestreit

Haft Leben Nr. 73
22
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.
Das HL - Preisrätsel
1. Die weltweite Finanzkrise wurde unter
anderem ausgelöst durch ...?
A: arbeitsscheue Depots
B: lethargische Zinsen
C: faule Kredite
D: phlegmatische Fonds
2. Wo spielt die amerikanische Sitzordnung eine
Rolle?
A: Orchester
B: Gerichtssaal
C: Bundestag
D: Passagierflugzeug
3. Der russische Bär, das Waldbrettspiel und der
Nierenfleck sind ...?
A: Süßwasseralgen
B: Spechtvögel
C: Waldpflanzen
D: Schmetterlinge
4. Vor welchem achtbeinigen Ungeheuer
fürchtet sich so manche Frau?
A: Ochsenknecht
B: Weberknecht
C: Stiefelknecht
D: Landsknecht
5. Was umfasst das Angebot eines
Unternehmens?
A: Quotientenstaffelei
B: Differenzleinwand
C: Summenpinsel
D: Produktpalette
6. Was spielt man auf Partys gerne zu
fortgeschrittener Stunde?
A: Pflicht oder Wahrheit
B: Geld oder Leben
C: Alter oder Schönheit
D: Streiten oder Küssen
7. Bei welchem dieser Brüderpaare handelt es
sich nicht um Zwillinge?
A: Romulus und Remus
B: Kain und Abel
C: Jakob und Esau
D: Castor und Pollux
8. Wer durch falsche Kalkulation erfolglos war,
der hat ...?
A: um Orangen gefeilscht
B: um Grapefruits geschachert
C: mit Pampelmusen spekuliert
D: mit Zitronen gehandelt
9. Einen spannenden Kriminalroman kann man
notfalls in einer einzigen Nacht ...?
A: verspachteln
B: verputzen
C: verschlingen
D: verspeisen
10. Eine britische Fernsehserie rund um die
Agenten John Steed und Emma Pel heißt „Mit
Schirm, Charme und …“?
A: Melone
B: Schattenmorelle
C: Clementine
D: Himbeere
11. Was macht der Geist in „Tausendundeiner
Nacht“, nachdem Aladin ihn aus der Wunder-
lampe befreit hat?
A: rumnörgeln
B: Wünsche erfüllen
C: Haus putzen
D: Tee kochen
12. Besonders schönes Wetter gibt es oft im ...?
A: Kleinkinderwinter
B: Jungfrauenfrühling
C: Altweibersommer
D: Großväterherbst
13. Was wird im Krankenhaus eingegipst, wenn
der Arzt einen Bruch des Radius diagnosti-
ziert?
A: Schulter
B: Rippe
C: Zeh
D: Unterarm

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
14. Was lernen Krankenschwestern in ihrer
Ausbildung?
A: Verband wechseln
B: Gesellschaft auflösen
C: Verein gründen
D: Fraktion verlassen
15. Wobei handelt es sich um ein fragwürdiges
Geschäftsmodell mit dem Ziel, Steuern zu
sparen?
A: Päckchenfabrik
B: Paketshop
C: Postkartenladen
D: Briefkastenfirma
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
19.05.2022
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
MRZ
22
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Das HL - Preisrätsel
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!

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Haft Leben Nr. 73
24
HL - Songtext
Horizont
Udo Lindenberg, Das Panik-Orchester
Wir war'n zwei Detektive
Die Hüte tief im Gesicht
Alle Straßen endlos
Barrikaden gab's für uns doch nicht.
Du und ich
Das war einfach unschlagbar
Ein Paar wie Blitz und Donner
Und immer nur auf brennend heißer Spur.
Wir war'n so richtig Freunde für die Ewigkeit
Das war doch klar
Haben die Wolken nicht gesehen am Horizont
Bis es dunkel war
Und dann war's passiert
Hab es nicht kapiert
Ging alles viel zu schnell
Doch zwei wie wir
Die können sich nie verlier'n!
Hinterm Horizont geht's weiter
Ein neuer Tag
Hinterm Horizont immer weiter
Zusammen sind wir stark!
Das mit uns ging so tief rein
Das kann nie zu Ende sein
Sowas Großes geht nicht einfach so vorbei!
Du und ich
Das war einfach unschlagbar
Ein Paar wie Blitz und Donner
Zwei wie wir
Die können sich nie verlier'n.
Hinterm Horizont geht's weiter
Ein neuer Tag
Hinterm Horizont immer weiter
Zusammen sind wir stark!
Das mit uns ging so tief rein
Das kann nie zu Ende sein
Denn zwei wie wir
Die können sich nie verlier'n.
Hinterm Horizont geht's weiter!
Quelle: Musixmatch
Songwriter: Udo Lindenberg / Bea Reszat
Songtext von Horizont © Polygram Songs Musikverlag Gmbh
Foto:: free ,Petra Bork_pixelio.de

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
Leserbrief 1
„Nur weil ich nicht verblute,
heißt es noch lang nicht,
dass ich heile“
Eine Zeit zieht an mir vorbei,
will sie einholen doch meine Kraft lässt nach.
Möchte es nur noch einmal spüren,
bevor ich sie für immer verliere.
Es ist nichts mehr in mir, ich bin leer.
Gemeinsam allein.
Meine Augen sind rot,
weiß nicht wie viel Nächte ich durchgemacht habe.
Kann ich noch leben ohne dich?
Wie lang, kann ich leben ohne dich?
Wie oft belüge ich mich am Tag selbst?
Es geht noch nicht, ich gebe mein bestes.
Ich schwebe weit weg und betäube mich.
Dieser Rausch ist das, was mich noch hält,
was noch in mir ist.
Warum schaust du mich nicht an und gehst einfach
vorbei?
Was ist es, was mir noch bleibt?
Bin ein Soldat, der durch alle Schlachten zieht
HL/Red.
Beide Leserbriefe wurden anonym eingereicht. Eine eventuelle Quellenangabe liegt uns
somit auch nicht vor.
Danke.
Ob es auch als Gedichte betrachtet werden kann, überlassen wir Ihnen liebe Leserinnen und Leser.
Wir haben uns am Ende für die „Gedichtform“ entschieden.
- Leben -
Wach auf, hol tief Luft,
öffne meine Augen und Frage mich,
wo ich bin?
Ich fühle es so intensiv,
bin ich nun sterblich geworden, gar antastbar?
Doch was jetzt, es hat aufgehört,
spüre nichts mehr
Will ich das, will ich ein Leben,
was von anderen bestimmt wird
Ich bin nicht perfekt,
vielleicht auch kein Hauptgewinn
Muss ich mir aber sagen lassen,
dass ein Leben ohne mich besser ist.
Bin ich ein Fehler an sich,
haben die grauen Kilometer um mich herum
mich so gemacht?
Hab ich mich etwa verloren,
dachte ich bin stark.
Schwäche liegt mir nicht,
du kannst sie nicht sehen, aber mir glauben,
dass sie mich besitzt.
Schauspiel, ich will es nicht,
doch es passiert einfach.
Danke, dass ihr noch da seit und mich nicht,
im Stich gelassen habt.
Welches Leben beginne ich,
wird es besser werden?
Kann ich das alles noch, will ich das überhaupt
noch?
Wo liegt mein Sinn?

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Haft Leben Nr. 73
26
Leserbrief 2
Denkt mal alle nach, was
wirklich im Leben zählt!
Nachdem ich morgen diese Mauern hinter mir lasse,
möchte ich mir mal so einiges von der Seele
schreiben. Ich habe so viele Dinge erlebt, die keiner
in Freiheit einem glauben würde und wo selbst ich
mit den Fragen nach dem Wieso oder Warum oder
mit dem Versuch um Verständnis nicht hinterher-
komme. Und ganz ehrlich, für vieles kann kein
normaler Mensch Verständnis entwickeln! Ich selber
musste gerade erleben, wie kurz doch ein Leben
sein kann und musste mich kürzlich fragen, ob ich
alles Wichtige gesagt und getan habe oder ob ich mir
„ach hätte ich doch …“ vorwerfen muss. Gott sei
Dank kann ich für mich sagen, dass ich meine Liebe
ausgesprochen und noch viel mehr gezeigt habe.
Natürlich hätte man immer mehr, öfters, deutlicher ...
dies oder jenes tun können, aber ich weiß, dass die
Person wusste, wie sehr ich sie geliebt habe. Dies
macht es etwas leichter für mich, mit dem Verlust
klarzukommen.
Aber wenn ich dann sehe und höre, dass es hier
Menschen gibt, die für kurze Minuten eines Rausch-
erlebnisses Desi saufen und so ihr Leben aufs Spiel
setzen, könnte ich nur noch ... Wie dumm muss man
sein, wegen der paar Minuten sein Leben, seine
Hirnzellen, seinen Körper aufs Spiel zu setzen. Und
wie dumm ist es, dass darüber noch gelacht und
gescherzt wird und noch viel schlimmer, dass es als
Vorbild gesehen wird und einige andere nach-
machen! So viele Menschen sterben leider zu früh,
lebten gesund und lebten für andere! Und ihr seid so
egoistisch und knallt euch Desi, gestreckten,
verdreckten Scheiß rein. Aber dann beim Arzt rum-
heulen und später über den Med-Dienst meckern,
wie unfähig er ist, rauszufinden, was los ist. Wer das
eine braucht, muss das andere mitnehmen.
Wie egoistisch seid ihr bloß, denkt ihr nur mal eine
Sekunde über die Folgen nach? Da meine ich nicht
nur die Spätfolgen an deinem Körper, sondern auch
hier - angefangen von verschärften Maßnahmen,
Einschluss für alle anderen wegen des Beamten-
mangels, etc. Oder was, wenn es schiefgeht, was,
wenn euch Organe versagen? Wie geht es dann den
Menschen, die euch lieben? Wollt ihr wirklich, dass
sie sich Vorwürfe machen müssen, dass sie leiden
müssen? Wofür?
Ja, Drogen und/oder Alkohol sind eine Sucht, aber
mit dem richtigen Willen, Methoden und Hilfe könnt
ihr es schaffen, von den Scheißdämonen weg-
zukommen! So viele unschuldige Kinder erkranken
an Krebs, sterben viel zu jung, und ihr schadet
bewusst eurem Körper. Werft euer Leben doch nicht
weg! Macht es für euch, ihr seid wertvolle Menschen,
fangt doch endlich damit an, Verantwortung zu
übernehmen.
Hört auf, euch selbst und euer Umfeld zu belügen.
Man findet auch Freunde ohne lügen zu müssen,
ohne sich als ... hinzustellen. Und wer euch nicht als
Freund will, hat euch nicht verdient!
Ich finde es schwer zu ertragen, zu sehen wie viele
hier sich vorne rum als gute Freundin hinstellen und
dann - sobald die Person nur mal kurz weg ist - wird
über sie hergezogen, auf übelste Weise. Dann sagt
doch lieber gar nichts als die Verlogenheit. Vorne so
und hinten rum das Gegenteil. Lieber habe ich
wenige Menschen um mich, aber die sind ehrlich,
freuen sich für mich und können auch mal mit mir
weinen.
Noch schockierter war ich über die Aktion, sich auf
dem Hof 'befriedigen' zu lassen (sexuell, und dies ist
noch nett ausgedrückt). Wie notgeil muss man nur
sein, das vor Gefangenen und Bediensteten und
Kameras in aller Öffentlichkeit zu machen.
Sexualität, Lust und Befriedigung sind völlig normale
Dinge, richtig, aber diese tollen Gefühle gehören den
Liebenden, den Partnern und nicht der großen
Masse! Das ist für mich auch so ein 'Akt' von puren
Egoisten, die nicht mal darüber nachdenken, dass all
die anderen es vielleicht nicht mitbekommen wollen.
Dass es für alle peinlich und für viele auch
grenzüberschreitend ist? Was auch immer ihr
braucht oder glaubt zu brauchen, bitte. Ich wünsche
euch viel Spaß dabei, aber belästigt wenigstens
keine anderen damit! Merkt ihr gar nicht, wie hinter
eurem Rücken gelacht und gelästert wird. Ist euch
das alles so sch...egal? Oder reicht es euch schon,
überhaupt auffällig zu sein, egal wie und egal wie
peinlich. Hauptsache man redet über euch? Wenn es
das ist, finde ich das nochmal so traurig! Wie allein
und wertlos müsst ihr euch fühlen, um das nötig zu
haben?
Dann wird ständig beteuert 'ich brauche keine
Therapie, ich bin normal' oder 'ich kann jederzeit
damit aufhören'. Aber man sieht doch, nein könnt ihr
nicht. Wacht endlich auf! Denn wenn ihr normal wärt
und jederzeit aufhören könntet, dann wärt ihr nicht
das so-und-so-vielte Mal hier! Ihr lenkt nur ab, belügt
euch selbst. Nehmt euer Leben endlich in eure
Hände und macht was draus. Macht euch selbst
stolz, denn das Leben kann schneller vorbei sein, als
ihr denkt.
Denkt mal drüber nach, ob ihr den Menschen,
die ihr wirklich liebt,
dies auch gesagt und gezeigt habt.
Ob überfällige Entschuldigungen im Raum stehen,
denn immer auf morgen verschieben geht manchmal
schief! Das Leben ist hart, es verläuft nie gerade,
aber am Ende sollte man doch sagen können, ich
habe das Beste daraus gemacht! Oder? Ist das nicht
der Sinn des Lebens?
Respekt, Menschlichkeit, Liebe, Freundschaft,
Verständnis, Hoffnung, Nächstenliebe, Genügsam-
keit ... wenn ich dies versucht habe umzusetzen im
Leben, dann war es erfüllt, dann war es sinnvoll.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
Nach(t)-Gedanken
Hallo zusammen,
lange war kein Platz für meine „schlaflosen
Gedanken“.
Das war ja nicht so schlimm, doch heute klappt es
mal wieder. Es hat sich viel getan in der JVA
Chemnitz.
Gut, meine Arbeit als Freiwilliger wurde manchmal
gebremst, doch das war bei anderen auch so und
dann eben notwendig.
Unter dem Strich sind alle geplanten Hefte der
Chemnitzer Gefangenenzeitung „HaftLeben“ immer
einigermaßen pünktlich veröffentlicht worden.
Das hat die Redaktion toll hinbekommen - vielen
Dank dafür, ihr habt es mir meist einfach gemacht.
Klappern gehört zum Handwerk und so staunte ich
nicht schlecht, als ich einen Anruf bekommen habe,
dass die HaftLeben-Seite von der Homepage
verschwunden ist. Unser ganzer Stolz - einfach weg.
Google weiß alles und so hat er die HL-Seite schnell
gefunden.
Das Ministerium hat einen neuen Auftritt „gebastelt“
und wir wurden einfach verschoben.
Achtung Werbung!
Hier finden Sie uns, wenn Sie
möchten:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-uns-
4007.html
Gesagt hat uns keiner was, schade.
Dummgelaufen für uns, die Jungs von der Redaktion
„der lichtblick“ der JVA Tegel hatten uns gerade
geholfen
und mit uns einen schicken
nigelnagelneuen HaftLeben-Briefkopf entworfen.
Später haben sie uns sogar noch ein paar HL-
Briefbögen und HL-Kuverts gedruckt. Das neue
Markenzeichen, unser eigenes Corporate Identity, ist
toll!
Doch leider ist bei allem die falsche Homepage-
Adresse aufgedruckt. Danke!!!
So ist das Leben, auf Freud folgt meist auch Leid.
Die Jungs da oben, sozusagen im Norden von
Sachsen, haben tolle Ideen und helfen der HL-
Redaktion, wo immer sie können bzw. wie wir sie um
Hilfe bitten, ganz einfach und unkompliziert
sozusagen einfach per telefonischer Auftrag.
Ja, einfach so, Danke und nochmals Danke.
Über meinen Neid, was in Berlin und der JVA Tegel
möglich ist wie Internet, Telefone uvm. will ich hier
gar nicht jammern, das dauert in Sachsen eben noch
etwas.
Das mit den Mühlen kennen Sie ja …
Doch die Zeit wird kommen - Die Frauen in Haft
haben ein Recht auf den Fortschritt, zumindest aus
meiner Sicht. Hinter den Mauern, aus deren Sicht,
dreht sich das Rad der Zeit ohne Pause weiter und
somit nimmt auch die Technik Fahrt auf.
Jeden Tag was Neues - ob wir wollen oder nicht.
Es muss die Aufgabe von uns allen sein, den Frauen
auf ihrem neuen Weg, in eine für sie neue Zukunft,
zumindest etwas zu ebnen - Resozialisierung.
Ab und an, recht selten, höre ich auch
von entlassenen Mitgliedern der
Redaktion etwas von ihren neuen
Anfängen in Freiheit. Einfach ist es
„draußen“ nicht, viele Arbeitgeber
suchen Mitarbeiter, doch diese Frauen
mit ihrer neu gewonnenen Freiheit haben wenig
Chancen, obwohl die Medien tagein tagaus von ihren
Nöten mit fehlenden Arbeitskräften berichten.
Es gehört eben eine gehörige Portion Mut dazu,
diesen „besonderen“ und hochmotivierten Frauen ein
Jobangebot zu machen.
Familiensensibler Strafvollzug -
Zwischenbilanz
Ein Artikel aus dem Newsletter der
Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe
(BAG-S) e.V. Mit Datum vom 17.12.2021 wurde u.a.
das Folgende berichtet:
Was macht das Gefängnis mit den mitbe-
troffenen Kindern? Sind sie einsam, leiden sie
unter den stark reglementierten Kontakten zu
ihren inhaftierten Eltern? Was wird für Kinder von
Gefangenen im Gefängnis, beispielsweise bei
Besuchen, getan und welche Angebote gibt es
außerhalb der Mauern von Seiten der Freien
Straffälligenhilfe und der Kinder- und Jugend-
hilfe? Ist das Versorgungsangebot ausreichend?
Was fehlt und welche rechtlichen Hebel gibt es,
den im Grunde mitbestraften Kindern gerecht zu
werden?
Die nächste Ausgabe unserer Fachzeitschrift
"Informationsdienst Straffälligenhilfe", die
voraussichtlich im März/April 2022 erscheint, wird
sich diesem Thema ausführlich widmen.
Vorab möchten wir Ihnen ein Interview zum
Thema empfehlen, das der Geschäftsführer der
BAG-S - Dr. Klaus Roggenthin - im Rahmen der
Aktionstage Gefängnis mit zwei Expertinnen
geführt hat.
Der Link:
https://www.bag-s.de/aktuelles/aktuelles0/
familiensensibler-strafvollzug-zwischenbilanz
Im Übrigen ist die Redaktion der Chemnitzer
Gefangenenzeitung „HaftLeben“ ganz nah am Thema
dran.
Für die Mütter in der Redaktion ist das ganz wichtig.
Die Bindung zur Familie und Hilfe bei, nicht nur, den
Alltagsproblemen der Kinder ist allen sehr wichtig.
Auch das ist ein Schritt in die neue Zukunft der
Frauen.
Dieser Weg zu einem Neufang ist der
einzig richtige, gemeinsam mit der
Familie zu Neuem - für alle!
Ihr manchmal schlafloser „Ehrenamtler“
Lutz Richter

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Haft Leben Nr. 73
28
Kirche 2022
Den folgenden Text hat uns Frau Paul, die katholische
Gefängnisseelsorgerin der JVA Chemnitz, zur Verfügung
gestellt.
Ein besonderes Dankeschön an die Autorin Friederike Schüffny,
Praktikantin, aus Dresden.
Freiraum schaffen - Freiraum leben
Begegnungstreffen in Dresdner Pfarrei
Freiheit beginnt im Kopf und scheitert im Gefängnis
schnell an der Zellentür oder den vergitterten
Fenstern. Auch nach der Entlassung sind viele
Ehemalige noch in Abhängigkeit, Sucht und
Stigmatisierung durch die Gesellschaft gefangen.
Wie soll man sich davon befreien und sich einen
Freiraum schaffen? Was bedeutet Freiraum nach
vielen Monaten oder Jahren in Haft?
Seit September 2021 finden hier in Dresden
Pieschen regelmäßig die Freiraumtreffen immer am
letzten Samstag eines ungeraden Monats statt. Es
geht darum, Raum zu schaffen für eben diese
Erfahrungen und Geschichten. Organisiert von der
Gefängnisseelsorge und dem
SET-FREE e.V. sollen sie
Brücken
bauen
zwischen
Freigängern, ehemalig Inhaftier-
ten, Ehrenamtlichen und Interes-
sierten. Jedes Treffen ist unter
ein
Thema
gestellt:
Was
bedeutet Freiraum für mich? Wie versperren mir alte
Gewohnheiten und Strukturen den Weg in ein neues
Leben? Wie mit Schuld, Scham und Strafe
umgehen? Jedesmal spricht ein Ehemaliger über
das, was er erlebt und verstanden hat auf seinen
Weg aus der Kriminalität. So unterschiedlich ihre
Geschichten sind, so oft beginnen sie mit Ver-
nachlässigung, Gewalt oder Missbrauch. Das
rechtfertigt nicht, was sie getan haben, gehört aber
auch zur Wahrheit.
Im September gab es den ersten Begegnungstag im
Garten. Es wurde gegrillt, geschwatzt, gespielt und
es gab einem Vortrag und einen Austausch zum
Thema Freiraum.
Ein buntes Treiben tummelte sich auf der Wiese zum
Jonglieren und es war nichts davon zu spüren, dass
sich viele erst vor ein paar Minuten kennen gelernt
hatten und aus so unterschiedlichen Lebenshinter-
gründen zusammen gekommen sind. Und so war
auch bei dem anschließenden Austausch zum
Thema Freiraum eine ehrliche und sehr persönliche
Atmosphäre da, die Vertrauen schenkte und Brücken
baute. Der Nachmittag bestand aus verschiedenen
„Bausteinen“: Mittagessen, Spiel und Spaß, Vortrag
und Austausch sowie einem Gottesdienst. Die Zeiten
standen fest und jeder konnte nach Bedarf kommen
und bleiben.
In den letzten Monaten mussten wir durch die
Coronalage leider das Programm auf den Gottes-
dienst beschränken. Aber auch hier stehen
Ehemalige mit ihren Erfahrungen im Vordergrund. So
gab es Ende Januar eine Taizéandacht, in der ein
Ehemaliger seine Geschichte von Gewalt, Miss-
brauch, Sucht und Aufarbeitung teilte und viele im
Gottesdienst und dank Livestream auch hinter den
Bildschirmen bewegte.
Diese Treffen sind wichtig, für die Ehemaligen, damit
ihre Geschichten und Erfahrungen Platz haben und
verstanden werden, aber auch für die Gemeinde, die
so ihren Blick auf die Welt und ihren Auftrag als
Kirche neu entdecken kann.
Alle Fotos und Logo: © SET-FREE e.V.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
29
Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 04-2021
1 - D, 2 - D, 3 - A,
4 - D, 5 - A, 6 - B,
7 - B, 8 - C, 9 - D,10 - A, 11 - ,B 12 - C,
13 -C, 14 - B, 15 - XXX
Gewonnen haben diesmal:
EG: Keine Teilnahme
Stat. 1: Sandra W.
Stat. 2: Keine Teilnahme
Stat. 3: Keine Teilnahme
Stat. 4: Roberta M.
Stat. 5: Michaela S.
Stat. 6: Antonia M.
Stat. 7: Mandy L.
Haus III: Keine Teilnahme
OVA und Mutter und Kind: Keine Teilnahme
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe!)
Herzlichen Glückwunsch!
Justizvollzugsanstalt Chemnitz
Redaktion „Haft Leben“
Thalheimer Str. 29
09125 Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@t-online.de
HaftLeben@live.de
Haft Leben - online seit 2017, neu unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-
uns-4007.html
Die Inhalte der „HaftLeben“ sind urheber-
rechtlich geschützt. Eine kommerzielle Nutzung
ist ohne Zustimmung der Anstaltsleitung der
JVA Chemnitz ausgeschlossen.
Jegliche Reproduktionen von Artikeln, auch nur
auszugsweise, erfordern eine schriftliche
Genehmigung der Anstaltsleitung der JVA
Chemnitz und der Redaktion „HaftLeben“.
Eine kostenfreie Zusendung eines Beleg-
Exemplars ist unabdingbar.
Für namentlich gekennzeichnete Beiträge (alle
angegebenen Kürzel sind mit Klarnamen hinter-
legt), übernimmt die Redaktion lediglich die
presserechtliche Verantwortung, diese müssen
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wiedergeben.
Bei eingesandten Manuskripten und Leserbriefen
setzen wir das Einverständnis zum honorarfreien
Abdruck und zur sinnwahrenden Kürzung voraus.
Für eingesandte Manuskripte, Briefe und Unter-
lagen jeglicher Art wird keine Haftung über-
nommen.
Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam:
FAM, NW, Jemand, LOST, B&F, nml, löwenzahn
und XY
Lektorat:
BR
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
Redaktionsschluss für die Ausgabe 01/2022:
19.05.2022
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Impressum

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Haft Leben Nr. 73
30
HL - Rätselseite
HL -
Rätsel

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
31
Die besten HL - Rezepte
Tomaten-Zucchini-Auflauf
Zutaten normal
:
1 Zwiebel
1 Knoblauchzehe
3 Esslöffel Olivenöl
1 Dose gehackte Tomaten
Salz, Pfeffer, verschiedene
Kräuter, Zucker
2 Zucchini
5 Strauchtomaten
1 Mozzarella
Zutaten vegan
:
1 Zwiebel
1 Knoblauchzehe
3 Esslöffel Olivenöl
1 Dose gehackte Tomaten
Salz, Pfeffer, verschiedene Kräuter, Zucker
2 Zucchini
5 Strauchtomaten
50 g gehackte Nüsse
Zubereitung
:
Backofen auf 200° (Umluft 180°) vorheizen. Zwiebel und Knoblauch fein würfeln und im Olivenöl glasig dünsten.
Dosentomaten und Gewürze hinzufügen und 10 min. köcheln lassen, abschmecken.
Das Gemüse putzen und in dünne Scheiben schneiden.
Etwa zwei Drittel der Tomatensoße in eine Auflaufform geben, die Gemüsescheiben darin abwechselnd dachzie-
gelartig hineinlegen. Den Rest Tomatensoße darüber verteilen.
Mozzarella in Scheiben schneiden und das
Gemüse damit abdecken.
Die gehackten Nüsse auf dem Gemüse verteilen.
Im vorgeheizten Ofen 15-20 min. backen.
Alle Abbildungen ähnlich.
Pfirsich-Streuselkuchen
Zutaten normal
:
350 g Butter
500 g Mehl
250 g brauner Zucker
1 Prise Salz
1 Ei
1/4 Teelöffel Zimt
50 g gehackte Nüsse
1 Dose Pfirsichhälften abge-
tropft
Zutaten vegan
:
350 g Pflanzenmargarine zum Backen
oder Palmin
500 g Mehl
250 g brauner Zucker
1 Prise Salz
1 reife Banane
1/4 Teelöffel Zimt
50g gehackte Nüsse
1 Dose Pfirsichhälften abgetropft
Zubereitung
:
Backofen auf 200 °C (Umluft 180 °C) vorheizen. Das Fett zerlassen und etwas abkühlen lassen. Das
Mehl mit Zucker und Salz mischen und mit dem Fett zu Streuseln kneten. Diese Masse halbieren.
Unter eine Hälfte der Streuselmasse das Ei
kneten und den Teig auf dem Boden einer
mit Backpapier ausgelegten 24 cm Spring-
form drücken.
Die reife Banane aus der Schale lösen und gut zerdrü-
cken. Unter eine Hälfte der Streuselmasse den Bananen-
brei kneten und den Teig auf dem Boden einer mit Back-
papier ausgelegten 24 cm Springform drücken.
Unter die andere Hälfte der Streuselmasse die Nüsse und den Zimt kneten.
Die abgetropften Pfirsiche in Spalten schneiden und auf dem Teigboden verteilen. Danach die Zimt-
Nuss-Streusel darüber verteilen.
Im vorgeheizten Ofen 35-40 min. backen.
Alternativ könnt ihr statt der Banane auch 3-4 Esslöffel
Kokosmilch nehmen und statt der Nüsse Kokosraspel -
das gibt dem Kuchen eine tropische Note.

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Haft Leben Nr. 73
32
HL - Rätselseite

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
33
HL - Rätselseite

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Haft Leben Nr. 73
HL - Rätselseite

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HaftLeben, 01-2022,
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-uns-4007.html
HaftLeben, 01-2022, Foto: Malena, Pixelio.de
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-uns-4007.html
HaftLeben, 01-2022,
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-uns-4007.html
HaftLeben, 01-2022, Foto: gänseblümchen, Pixelio.de
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/wir-ueber-uns-4007.html

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Ich bin immer artig,
mal eigenartig,
mal unartig,
aber immer
einzigartig!
Das Ziel sollte nicht sein
besser als Andere zu sein.
Viel eher solltest du versuchen
besser als Gestern zu sein.
Unbekannt