image
Nummer 71, seit 1999
Oktober 2021

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
2
Herzlichen Dank an die Gefangenenzeitung „Werler Hauspost“
der JVA Werl für die
Verfügungstellung dieses Basteltipps für Kinder.

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
…..……..……..……...…..
4
GefangenenMitVerantwortung
……….………….
5
Geheilte Verletzungen
………………….............…..
6
Vertrauen
…..………....…………………………….....…..
7
Wer bin ich?
……..………………………….…..…..…...
8
HL - Kinderseite
………….…………………...….…...
10
Ausbildungsmöglichkeiten
.…………………....
11
Mode-Textil-Näher-Ausbildung
…...…...…......
13
Studium an der JVA Chemnitz
………..…......
14
Die Neue Arbeitstherapie
……………...…...…...
15
Ingeborg-Drewitz-Preisträger 2021
…...…...
17
Comic - Serie, Teil 5
..……….………….……..…...
18
Endlich raus ...
………………….…………….….……
20
Ein deutsches Gefängnis
…….……..….….……
21
Damals war‘s und nicht heute!?
...…..……....
22
Sport Frei vorm Haus III
……..……...…...….……
23
Das HL - Preisrätsel
……….……………..….…......
24
HL - Songtext
Leserbriefe
................................................................
27
Kirche 2021
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
...……….……….…….…………...
30 und 32
Worte sind Meinungen und keine Tatsachen!
Inhaltsverzeichnis
Titelbild: © Franziska Voigt
Der „HaftLeben“
-
Spruch des Quartals
stammt diesmal von
Bob Dylan
* 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota
Eigentlich Robert Allen Zimmerman.
Bob Dylan ist ein US
-
amerikanischer
Singer
-
Songwriter und Lyriker sowie
Nobelpreisträger.
Text aus dem Song “Sweetheart Like
You”.
„Stiehlst du ein bisschen,
werfen sie dich ins Gefängnis,
stiehlst du viel, machen sie
dich zum König.“
Erinnerungen die unser Herz
berühren, gehen niemals verloren.
Was bleibt ist eine Deine Liebe,
voller Leben und das Leuchten in
den Augen aller, die von Dir
erzählen.
Sophie Kutscher
* 25.02.1990 † 02.08.2021
In tiefer Trauer über den
plötzlichen Verlust.
Marlen Wagner und Freunde
Wir, als HL-Redaktion und im Namen aller
inhaftierten Frauen, möchten unser
Beileid der Familie und Freunden kundtun
und ihnen, auch unbekannterweise, viel
Kraft für die schwere Zeit wünschen!
Die Anzeige der Familie:

image
Haft Leben Nr. 71
4
Hallihallo meine lieben Mädels,
wir haben ja schon öfter mal drüber gesprochen, dass
ich ein paar mehr Fähigkeiten habe als die gängige
Hauskatze oder der normale Stubentiger. Psssst!
Aber was die wenigsten wissen, wir Katzen haben
tatsächlich serienmäßig Röntgenblick. Kein Witz, wir
können nicht nur so leise schleichen, weil wir so samtige
Pfötchen haben. Wir können mit dem extra Durchblick
eben auch die Bodenbeschaffenheit so perfekt ein-
schätzen, dass wir die knarrende Diele schon lange
sehen, bevor wir sie jemals betreten würden. Cool,
oder?
Das würde Katzen ja nun zu den perfekten Gefängnis-
kontrolleuren machen, aber keine Sorge, ich verrat's
niemandem. Ich würde mich ja eh nie gegen euch
stellen.
Jedenfalls, letztens, witzige Geschichte am neuen Kon-
trollpunkt für die Arbeiterinnen. Da erlebe ich ja manch-
mal Sachen, heidewitzka, neulich hat aber echt den
Dienstvogel abgeschossen!
Kleine Vorgeschichte: ich bin auch früh schon manchmal
auf den Stationen unterwegs und lasse mich mit nem
Frühstücksschälchen Milch beglücken - ich weiß, ist jetzt
für Miezen nicht das Gesündeste, aber hey, wir haben
doch alle unsere kleinen sündigen Laster. Danke an alle
meine Milchmädels.
Den einen Morgen streiche ich also einer meiner Milch-
lieferantinnen in der Küche um die Beine und mauze und
schnurre, bis sie mir endlich eine Milch aufmacht und
serviert. Während sie mich krault, bekomme ich nur am
Rande mit, wie sie die Bastelschere vom Aufschneiden
des Tetrapacks erstmal in die Jackentasche steckt. Als
sie plötzlich zum Abrücken gerufen wird, bin ich noch
voll beim Räkeln und blinzele ihr schnurrend und milch-
duselig hinterher. Oh shit, Schere, Jackentasche, ver-
dammt, jetzt ist sie schon auf der Treppe, fürs Hinter-
herbrüllen ist es längst zu spät. Krallenmist!
Ich weiß ja, es war keine Absicht, ich kenn das
Milchmädchen: die ist eine echte Schmuggel-Nulpe und
würde sofort hochrot anlaufen. Sorry Süße, ich mein's
nicht böse mit dir, aber ist so! Irgendwie war es ja
hauptsächlich meine Schuld, ich und mein blöder Milch-
Jieper.
Ich schlängle mich erstmal durch die Beine mit die
Treppe hinunter und hoffe auf einfaches Durchwinken.
Klappt ja mit allen möglichen Sachen oft genug, selbst
wenn der Pieper piepst. Aber nicht an dem Tag. Sch...
Mein Milchmädchen muss gleich durch den Pieper und
ich sehe ihr an, dass sie keine Ahnung hat. Verdammt,
wie biege ich das wieder gerade. Es kontrollieren zwei
wirklich motivierte Bedienstete, die offensichtlich auch
grad erst zur Abtast-Weiterbildung waren. Eine nach der
anderen wird vom Ponyscheitel bis zu den Socken-
nähten gefilzt. Ahh, die kriegen sie dran. Ich sehe vor
meinem Röntgenauge nur noch diese lächerliche
Schere. Mein Mädel nimmt grad wie immer den
Schlüssel aus der einen Jackentasche und greift wie
immer nicht in die andere Jackentasche. Jetzt ist alles
zu spät. Mir stellen sich alle Fellhaare auf. Keine Bange,
ich werde dich retten! Ich weiß schon, ich muss einfach
dazwischen gehen und alles aufklären. Hey, bei ner
sprechenden Katze wäre doch jede Schmuggelware
sofort völlig vergessen. Ja, so krieg ich mein Mädel
wieder vom Haken.
Sie läuft bedenkenlos durch, Piep, war ja klar. Sie guckt
nur genervt. Nochmal durch, Piep, drittes Mal, Piep. Sie
nehmen sie sich zur Seite und
spitzen die Finger. Jetzt ist aller-
höchste Eisenbahn, alle meine
Sehnen spannen sich zum
Zerreißen an. Je näher die
tastenden Hände der Schere
kommen, desto mehr schärfen
sich meine Instinkte, meine
Milchquelle mit Krallen und
Zähnen zu verteidigen. Jetzt sind
die Grabscher an der bewussten
Tasche - mein Körper buckelt
sich automatisch auf und ich werde gleich aus dem
Halbdunkel der Ecke losschnellen. Ich bin bereit!
Tast, tast, tast, ... ich setze zum Sprung an, jetzt gibt es
kein Zurück mehr ... tast, und: nichts! NICHTS!
Was????? Sie lassen sie gehen. Hähhh?
Ich kann mich aus meinem Absprung gerade noch
herausstolpern und mich in eine Räkelpose abrollen.
Boah, hätte das peinlich werden können. Katzen
stolpern nämlich nie-niemals über ihre eigenen Pfoten,
wenn das eine gesehen hätte, Alter! Glück gehabt.
Ich kann es gar nicht fassen. Ich schnurre ganz
unauffällig meinem Milchmädel auf der Treppe hinterher.
Sie hat es immer noch nicht gerafft, keiner hat das. Ich
muss fast laut lachen. Ärgere ich mich sogar ein wenig,
dass ich mich nicht outen musste? Mich juckt es
irgendwie in der kleinen Zehenkralle. So völlig unter dem
Radar durchzukommen, hat unbezahlbare Vorteile. Aber
kommt, die Produktion wäre der vollkrasse Oberhammer
gewesen ... seufz.
Ich muss immer noch meiner Milchmaus schonend
beibringen, dass sie grad ein stumpfes Spielzeug durch
die Kontrolle gebracht hat. Den Herzinfarkt gönne ich ihr
aber erst dort, wo ich sicher weiß, dass sie weich in
Ohnmacht fällt. So wie ihre Gesichtsfarbe explodiert, ist
das schon fast niedlich. Ihre aufkommende Panikattacke
kann ich aber gut abwenden, indem ich ihr verspreche,
die Rückschmugglung für sie zu übernehmen. Null
Problemo, ihr wisst schon: Sx dxx Üxxxxxx exxx ax dxx
Bxxxxxxxxx vxxxxx, txxxxxxx. So ist auch mein nächste
Milchfrühstück gesichert.
Hach ja, wenn die Kontrollschleuse für eins taugt, dann
doch für herrliche Anekdoten.
Und mal so gar nicht nebenbei: ich möchte mich hier
stellvertretend für alle Mädels bei allen menschlichen
und menschlich-gebliebenen Bediensteten mal be-
danken! Es sind oft die kleinen Momente auf emotionaler
Augenhöhe, die diesen Zirkus hier überhaupt erträglich
machen.
Dxxxx ax Fxxx Sxxxxxxxx, Hxxxx Txxxxx und Fxxx
Zxxxxxx, dxxx hxxx uxx dx vxxxxxxxxxxx, hxxx sx dxx
Üxxxxxx vxx uxx mxx axxxxxxxx dxx Rxxxx gxxxxxxxxx
uxx exxxxxxxxx hxxxxxxx Sxxxxx, kxxx dxx Rxxx wxxx,
möglich ist. Ich habe mir die Termine für die wohltuende
Pfötchentrittmassage schon vorgemerkt. Wem noch
verdiente Bedienstete einfallen, sagt mir einfach
Bescheid.
Gruß, Mauz und Schnurrrrrrrr ... bis zu unserem
nächsten Milch-Date,
Ciao und Miau eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
G
efangenen
M
it
V
erantwortung
Besuche: Zurzeit finden Besuche wieder ganz
normal statt. Die Menschen, die zu Besuch
kommen, müssen vorher entweder einen Test
direkt aus dem Testzentrum mitbringen,
welcher nicht älter als 24 h ist, einen Nachweis
über eine vollständige Impfung oder dass er
genesen ist. Liegt eines von den drei Varianten
vor, werden Besuche ohne Maske, ohne
Scheibe stattfinden und die Kontaktsperre
entfällt.
Der Kinderbereich sowie die Spielecke sind
wieder freigegeben.
Langzeitbesuche sowie Besuchszusammen-
führungen finden ebenfalls wieder statt.
Lockerungen: Ausgänge sind wieder zuge-
lassen sowie Langzeitausgänge. Bei wieder
Eintreffen in die JVA entfällt auch die Quaran-
täne, jedoch finden in den nächsten fünf Tagen
zwei Tests statt, um auf Nummer sicher zu
gehen.
Vollzugsplanung: Angehörige von Gefangenen
dürfen wieder mit daran teilnehmen
Arbeitstherapie: Die Therapie wird auf der
ersten Etage in der Verwaltung stattfinden.
Die Arbeitstherapie arbeitet seit dem
01.092021.
Telio: Weitere Freiminuten aufgrund der
Pandemie entfallen.
Aufschluss: Wenn keine besonderen Vor-
kommnissen vorliegen wie Krankenhaus-
bewachungen o. ä., ist der neue Aufschluss
von 16:30 Uhr bis 20:00 Uhr gültig.
Ausgenommen Station 3!
Die Türen sind bei Aufschluss wegen des
Nichtraucherschutzes stets geschlossen zu
halten.
Haftbettwäsche: Auf den Stationen wird
Bettwäsche bei erforderlichem Bedarf
vorgehalten.
Katholische Seelsorge: Frau Paul ist eine neue
zusätzliche Mitarbeiterin und Ansprech-
partnerin für uns.
Sporthalle: Mit der Fertigstellung der Sporthalle
wird in zwei Jahren gerechnet.
Massak: Die Listen sind bereits teilweise
erweitert worden, neue Produkte stehen noch
aus.
Workshop und Theateraufführung: Über den
Workshop zum Thema „Sucht“ und geplanter
Theateraufführungen wird zeitnah noch
informiert.
Der Chor findet bis auf weiteres erstmal mit
Maske statt.
Hundetherapie, Drummergruppe finden
ebenfalls wieder statt.
Hofgang: Handtücher und Decken mitzu-
nehmen bleibt weiterhin verboten!!!
Ausweis: Änderungen im Bezug auf die
Meldeadresse im Ausweis: wird nur bei
Gefangenen geändert, deren Strafe länger als
ein Jahr beträgt. Neue Meldeanschrift ist dann
die Thalheimer Straße 29.
Muss ein Ausweis neu beantragt werden, weil
der Alte abgelaufen ist, so wird ein neuer mit
Fingerabdruck ab dem 02.08.2021 erstellt.
_______________________________
Auswertung - Essenwünsche
(HL02/2021)
Im Namen der Küchenkommission starteten wir auf
der Antwortseite des Preisrätsel eine kurze Umfrage
zum Thema: „
Essenswünsche“
. Hierbei kam
folgendes heraus...
Viele wünschten sich neben verschiedenen Salaten
Pommes mit Currywurst oder mit Schnitzel auch
verschiedene Nudelgerichte. Da schrieben viele
Nudel-Schinken-Gratin,
Spaghetti
Bolognese,
Nudeln in Rahmsoße und Lasagne. Außerdem noch
Marillenknödel, Kraut- und Rinderrouladen sowie
Döner, Pizza, gebratene Leber und Milchreis mit
Kokos-Milch.
Was vielleicht am Thema vorbeigeht, aber dennoch
genannt wird, waren Dinge wie Rote Grütze, Eis,
Schoki (in allen Variationen), Gummibärchen, Kekse
und Kuchen, Windbeutel.
Für die nächste Ausgabe bitten wir, falls es
„Massak
-Wünsche“
gibt, diese unten wieder einzutragen.
Bei der nächsten „Massak-Sitzung“ wird dann
versucht, diese Wünsche ebenfalls mit zu
verwirklichen.

image
Haft Leben Nr. 71
6
Geheilte Verletzungen
Auch aus Steinen, die Dir in den Weg gelegt
werden, kannst Du etwas schönes bauen.
J. W. von Goethe
(FAM-HL)
Es ist spät abends, ich sitze in
meiner Zelle und schreibe gerade an meine Freundin
einen Brief. So schreibe ich auch über ein Gespräch,
das ich heute mit einer Justizmitarbeiterin führte, und
es lief mir nochmal vor Augen ab und meine Gefühle,
Gedanken stiegen genauso heftig wieder in mir
hoch! Ich werde hier an dieser Stelle keine Namen,
keine genaue Beschreibung oder ähnliches
festhalten, das spielt jetzt auch keine Rolle für das,
worauf ich hinaus möchte! Jedenfalls war es - aus
meiner Sicht - ein „gutes“ Gespräch und ich sagte
klar und deutlich, jedoch auch sachlich und
respektvoll meine Meinung, wie z. B. „… das ist Ihre
Wahrnehmung, nicht meine, ich habe das weder
gesagt, noch gemeint! Ich lasse mir das nicht
unterstellen! …“
Ich hatte das Gefühl, mein
Gegenüber war etwas von dieser Reaktion über-
rascht - ich muss ehrlich zugeben, dass so eine
Reaktion von mir, so offen und ehrlich, bisher keiner
gewohnt war - sie hat aber sehr fair und ehrlich
darauf reagiert mit „… ja das ist richtig, es ist meine
Wahrnehmung, ich habe das Gefühl…“ geantwortet.
Im Gespräch und kurz danach verspürte ich
Verärgerung wegen dieser Unterstellung, aber ganz
schnell überwog der Stolz auf mich, dass ich endlich
mal offen ausgesprochen hatte, was ich gerade
dachte, dass ich für mich gekämpft und vor allem
laut ausgesprochen habe! Dieser Stolz ist auch jetzt
wieder in mir spürbar. Dass ich dies laut aus-
gesprochen habe, fühlt sich gerade an wie ein
Befreiungsschlag! Ich spüre, dass die lange Zeit der
Fremdbestimmung vorbei ist, dass ich endlich frei
bin! Frei bin von den Glaubenssätzen, die man mir in
der Kindheit und im Leben aufgezwungen hat und
die nicht der Realität entsprechen, wie z. B. „du hast
nichts zu sagen“ oder „man widerspricht nicht“ usw.
Ja, es war damals für die andere Seite bequem, es
war eine Verlässlichkeit vorhanden, da ich ja nie
„Nein“ sagte und allen Diskussionen aus dem Weg
ging. Und ja, es war für mich in dieser Zeit auch
richtig oder wichtig, es hat mir geholfen, mich
gehalten. Aber für mich bedeutete es auch, gefangen
in mir selbst zu sein, alles für mich zu behalten,
Gedanken und Gefühle in mir zu verschließen,
immer nur Rücksicht auf andere zu nehmen, nicht
frei zu sein! Und wofür?
Nein, das ist vorbei, ich frage jetzt nach, wenn ich
mir unsicher bin; sage was ich denke und fühle; bin
somit auch authentisch. Ich kann für mich kämpfen,
lasse mir nichts mehr gefallen. Endlich lebe ich,
mache Dinge, die mir gut tun und lasse Dinge sein,
von denen ich weiß, dass sie mir nicht gut tun, auch
wenn andere das wollen! Und da muss ich sagen,
das habe ich erst hier drinnen verstanden! Ich dachte
immer: „Naja, die meinen es nur gut mit mir, die
wollen mich schützen …“. Der Knast ist Scheiße,
aber er hat mir die Augen geöffnet, er hat mir die
innerliche Freiheit gebracht! Da sehe ich sofort das
Bild einer Muschel vor mir, vor allem jedoch die
Entstehung der Perle in der Muschel. Die Perle
entsteht als Reaktion auf eine Störung oder Ver-
letzung, z. B. wenn ein Fremdkörper oder Parasit in
die Muschel gelangt und die äußere Schicht des
Muschelmantels verletzt.
Dort bildet sich dann
um den Fremdkör-
per herum ein Perl-
sack und sondert
weiterhin Perlmutt
ab. So entsteht in
zwei bis fünf Jahren
eine
kostbare,
wunderschöne
Perle. Viele Muscheln sterben bei einer Verletzung
ab, wenige bilden aber diese wunderbaren, kost-
baren Perlen. Wie ähnlich es sich doch mit den
Menschen verhält! Wenn wir in unserem Innersten
verletzt werden, bringt es uns durcheinander, es
schmerzt manchmal lange. Einige zerbrechen
innerlich daran, andere macht es stärker! Ich blicke
zurück auf meine Aufarbeitung der Vergangenheit,
die mich eine sehr lange Zeit beschäftigte. Ich blicke
auf die eigene Schuld, jedoch auch auf die der
anderen! Das zu erkennen war schmerzhaft, schwer,
es hat mich emotional, körperlich und geistig enorm
gefordert, teilweise auch fast überfordert. Es ging bei
mir auch darum, mir selbst selbstschädigendes
Verhalten - nein, kein Ritzen - zu vergeben.
Verhaltensweisen und Reaktionen in meinem Alltag,
die nicht gut für mich waren, zu erkennen und dann
umzuwandeln! Oft sind diese Reaktionen entstanden
durch die Glaubenssätze, die in mir arbeiteten.
Dadurch kam dann die Selbstüberforderung, häufig
auch durch das Nicht-Vergeben von Schuld, die
andere mir zugefügt haben oder auch der, die ich
anderen zugefügt habe. Überfordert hat mich vor
allem aber auch die Suche nach Liebe und
Anerkennung. Erst als ich diese Hintergründe
erkannte und spürte, als ich „
ja
“ zu mir selbst sagen
konnte, konnte ich den anderen vergeben und dann
teilweise mir selbst! Nur damit war es mir möglich,
neue Verhaltensmuster in mein Leben zu lassen.
Heute achte ich auf meine Grenzen, kann stolz auf
mich sein, brauche somit die Anerkennung oder ein
Lob anderer nicht mehr - ja es ist schön, ein Lob zu
erhalten, aber nicht um jeden Preis! Nun steuere ich
bewusst und zeitnah dagegen, wenn ich spüre, dass
mir etwas nicht gut tut. Ich spüre die Befreiung der
Vergebung, das Loslassenkönnen, keine Erwartun-
gen an andere zu haben. So kann ich die innerliche
Anklage fallen lassen und mich auf mich
konzentrieren! Auf diese Weise haben mir die
schwierigsten Zeiten meines Lebens auch etwas
gutes gebracht! Ich kann loslassen, werde immer
„freier“, räume mein Leben auf, kann endlich frei
durchatmen. Nie mehr werde ich die alten Wege
beschreiten! Dafür ist mir die „neue Freiheit“ zu
wertvoll

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
Vertrauen
(HL/FAM)
Kann man im Knast jemanden
vertrauen? Wenn ja, wem? Wie lange Vorlauf benötigt
dies? Wie weit kann man einer Person überhaupt
vertrauen? Sollte man sich auf dieses Wagnis
überhaupt einlassen? Inwieweit sollte man dem System
hier vertrauen oder den Personen, die hier für dieses
System arbeiten? Ist man denen, die hier arbeiten,
nicht vielleicht auch selbst zu sehr befangen, hat man
den Personen gegenüber nicht vielleicht sogar Vor-
urteile?
Von mir kann ich sagen, dass ich sehr schnell anderen
vertraue, vielleicht sogar zu schnell. Ich weiß selber,
dass dies nicht immer gut ist und dass man damit oft
auf die Schn… fällt und doch gebe ich anderen wieder
und wieder das Geschenk des Vertrauens. Es ist wie
ein Schatz, wie eine zarte, verletzliche Pflanze. Ich
frage mich zwar nach jeder Enttäuschung, ob ich das
den Nächsten vielleicht besser nicht mehr geben sollte,
aber ist das ihnen gegenüber nicht unfair? Ist es fair,
jedem sofort zu misstrauen, ohne dass er unfair zu mir
war, ohne dass er irgendwas gemacht hat, was
Misstrauen erforderlich macht? Nur auf die anderen zu
verweisen und damit ihnen etwas zu unterstellen, sie
vorzuverurteilen? Dafür glaube ich zu viel an das
„Gute“ im Menschen und das tut mir auch gut! Ich
empfinde Vertrauen auch als einen sehr starken Motor,
Impuls, Kraftgeber, als gutes Gefühl, das mir
Gelassenheit, Ruhe, Frieden gibt. Vielleicht beeinflusst
auch mein Glauben das Thema, aber es bringt mir
mehr positives als negatives.
Ist Vertrauen nicht auch überlebenswichtig? Es ist mit
eines der stärksten Gefühle, hält so viel zusammen,
verzeiht unglaubliche Dinge. Schon mit dieser
Wertetabelle wird es sicher mein Leben lang so
bleiben. Es bedeutet jedoch nicht, dass ich aus-
schließlich die gute Seite sehe oder die Augen vor
allem anderen verschließe, dass ich naiv bin. Ich
entscheide mich bewusst dafür, einer Person zu
vertrauen, auch wenn ich in diesem Moment genau
weiß, dass es sehr ausgenutzt oder missbraucht
werden kann. Ich mache mich verletzlich, angreifbar,
aber es ist die Sache wert. Ich weiß, dass es mich bei
Missbrauch zutiefst verletzen wird, es mir unsagbare
Schmerzen zufügen wird und doch gehe ich dieses
Risiko mit dem Glauben an das Beste in den Menschen
ein. Ist das zu gutgläubig, zu blauäugig? Wenn ich
vertraue, gebe ich auch die Kontrolle ab, da man ja nie
weiß, was kommt. Damit gehe ich natürlich ein großes
Risiko ein und das sogar ohne Pfand, ohne
Sicherheiten. Eigentlich ist es eine persönliche Über-
zeugung oder ein Glaube an etwas, an eine Person, an
eine positive Entwicklung von Ereignissen. Es ist
einfach ein Gefühl, das man hat oder eben nicht.
Es gibt Menschen, denen vertraut man schneller als
anderen, ohne eigentlich genau zu wissen wieso.
Ebenso gibt es Menschen, die haben einem nichts
getan und doch kann man ihnen einfach nicht
vertrauen, da ist irgendeine innere Sperre. Das kennt
jeder, aber keiner kann erklären, woran das liegt.
Ist es nicht auch oft an die eigenen Werte, Normen und
Überzeugungen gebunden? Wie viel hat die Erfahrung
damit zu tun? So kann jemand, dessen Vertrauen zu oft
ausgenutzt wurde, nicht mehr vertrauen, ist er jetzt
vorsichtiger anderen gegenüber. Manche, die ebenso
oft verarscht wurden, können dagegen weiter und
immer wieder aufs Neue vertrauen.
Bevor ich vertraue, sammle ich Informationen und dann
kommt der Glaube daran, das Vertrauen. Dadurch
können dann Entscheidungen und Bewertungen
entstehen. Es entstehen Zuneigung, Respekt,
Wohlwollen dem anderen gegenüber. Das mit dem
Vertrauen zieht sich weiter durch das ganze Leben,
egal ob Berufswelt oder Freizeit, immer weiter und
weiter!
Wenn es mehr Vertrauen in der Welt gäbe, würde es
dann nicht weniger Kriege, Streit, Auseinander-
setzungen, Neid, Missgunst geben? Allerdings muss
ich Vertrauen nicht sofort zu 100 % gewähren, muss
mich nicht gänzlich öffnen oder vollkommen ehrlich
sein? Vertrauen steigt, wenn Erwartungen erfüllt
werden. Es wird durch Bestätigung mit der Zeit stärker
und schwerer zu erschüttern. Dann muss schon einiges
geschehen, sodass Vertrauen wieder komplett zerstört
wird. Bei mir dauert es eine lange Zeit, es muss echt
viel passieren, aber wenn das Vertrauen einmal
zerstört ist, dann ist es auch kaum wieder zu kitten,
oder besser gesagt, ich werde nie wieder dieser Person
100 % vertrauen können. Eine freundschaftliche
Beziehung ist noch möglich, doch 100%iges Vertrauen
wird es nie mehr geben! Für mich ist auch wichtig,
weshalb es zu diesem Vertrauensmissbrauch ge-
kommen ist. Waren es egoistische Gründe, war es
mutwillig, gezielt oder aus einer Unachtsamkeit heraus
oder gar durch Dritte entstanden. Es bedeutet mir viel,
ob ehrliche Reue vorhanden ist, eine Entschuldigung
kommt. Ich muss verstehen können, wie es dazu kam.
Vertrauen lässt sich dann wieder durch Verlässlichkeit
und Interesse am anderen beweisen. Wie es so schön
heißt, es müssen Taten sprechen, dann ist Vergebung
für mich möglich und somit ein Neuanfang auch mit
100%igem Vertrauen.
Fakt ist, wer ständig misstraut, der ist immer auf der
Hut, verpasst viele Chancen und kann dadurch sehr
einsam werden oder bleiben. Es ist schwer greifbar, zu
schwer zu beschreiben, aber für mich gibt es nichts
schöneres, wichtigeres, mächtigeres auf der Welt als
Vertrauen. Es ist wie mit der Liebe, der Hoffnung und
dem Glauben! Ich finde Vertrauen so wichtig, so kann
man offen über alles reden, über all die Sorgen,
Gedanken, Gefühle und Freuden. Indem man offen
teilt, sich vertrauensvoll mitteilt, kann man sich vieles
erleichtern. Was wäre es denn für ein Leben, wenn
man ständig zweifelt, jedem misstraut oder alles
hinterfragt? Nur mit Vertrauen kann man wirklich frei
werden.
Foto: powerd by HaftLeben

image
Haft Leben Nr. 71
8
Wer bin ich?
(HL)
Die drei philosophischen Fragen des Seins:
Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Und vor allem
anderen, was hat das Leben für einen Sinn?
Ich habe mir oft den Kopf zermartert, habe oft
darüber nachgedacht, hab dabei viel über mich
selbst und die halbe Welt gelacht, wo alles hinführt.
Darum geht es in diesem Text und ob es reicht, stets
scharf zu schießen oder du somit an Einsamkeit
verreckst. Andere sehen‘s vielleicht anders, so
nehmt dies nur als Theorie, es ist ein Baum der
Früchte trägt aus meiner reichen Fantasie.
So nun kommt die erste Frage, mit der ich mich
befasst hab, all die, denen ich ein Rätsel bin, Ohren
gespitzt und aufgepasst.
Ich bin ein Mensch, wie jeder ihn kennt, mit Armen,
Beinen und nem Kopf, darin befindet sich ein
Geflecht, was man Gehirn im allgemeinen nennt.
Die graue Masse an Verstand befiehlt dem Körper
zahllos Sachen, so kann ich laufen, springen, lachen
und alles mit meinen Muskeln machen. Ich kann nur
reichlich Pfade merken und erkunden, ob sich
Abenteuer hinter der nächsten Kreuzung verbergen.
Ich habe zwei Augen, die betrachten, die auf meine
Kinder achten und ich habe ein Herz, kein Scherz.
Der Muskel schlägt in meiner und weil es so pocht,
bin ich am Leben, bringt Reglungen ins Alltagsleben,
Gefühle, Emotionen zum Beben.
So bin ich manchmal drüber, manchmal drunter, bin
morgens müde, abends munter. Ich bin Kind und ich
bin Mutter, halte nichts vom prachtvollem Traum-
schiff, mach lieber eine Survivals Tour auf ‘nem
kleinen Kutter. Ich bin Freundin, Schwester, Frau,
spaziere gern im Morgentau, bin bestrebt nicht
vollends über die Stränge zu schlagen und versuch
mich so wenig wie möglich zu plagen. Und ich habe
gern Spaß und Lachen find ich wichtig, denn wenn
man‘s nicht verlernt oder vergräbt, dann wird so viel
missglücktes plötzlich nichtig. Ich liebe das Leben
und lieb es zu lieben und weiß, dass es sich zu leben
lohnt und ich bin, wie sicher alle hier, an gute und an
weniger gute Zeilen gewohnt.
Ich habe zwei Ohren, die gut hören und manchmal
auch nicht hören wollen. Sie sind offen für
Geschichten, für Freunde und für Freundlichkeit, für
quietschvergnügte schwarze Schafe,die jauchzend
Berge runterrollen. Für Traumbaupläne und Auf-
richtigkeit, für die Welt mit all ihren Besonderheiten
halt. Doch manchmal schließe ich die Schotten, den
Menschen mit großen und kleinen Marotten, sind
heute unterteilt in 1. die für die es sich lohnt mal
länger zu warten. Sie arbeiten mit dir und nicht
gegen dich, sie nehmen dich an mit all deinen
Eigenarten und helfen, jeden schmerzhaften Stich im
Herzen, der dir zugefügt wird von der 2. Sorte und
jetzt habe ich die Ohren zu, ich muss nichts sagen
und tät ich es doch, würde es nichts nützen, denn ich
käme eh nicht zu Wort. Die, die sich bis auf das
Messer streiten, dich kritisieren von allen Seiten, den
schönsten Tag zunichte drücken, denen würde ich
nicht mal einen Stuhl zurechtrücken. Und so bleibt
der Gehörgang verschlossen vor denen, die mich
runterziehen. Und sie hätten so gern so scharf
geschossen, doch ich kann immer mehr ihren
Fängen entfliehen, sie wegstoßen und mit der Zeit
immer größere Kreise ziehen. Nicht das ihr denkt, ich
sei ein trotziges Kind, ich bin durchaus fähig, Kritik
zu vertragen. Ich bin sicher nicht perfekt, will mit dem
Kopf stets durch die Wand, doch auch ich habe
schon Wunden anderer Menschen geleckt, und zwar
von denen, die mir meine Welt bedeuten. Und ich
weiß ich bin nur ein kleines Teilchen bin nicht so
wichtig für die Welt, für den Nobelpreis wird’s
wahrscheinlich auch nicht reichen und ich werde nie
die Welt vereinen. Doch mein Herz wird nie erkalten
für das, was mich am Leben hält. Und so glaube ich
an das Gute im Menschen. Einige sagen, dies sei
verrückt. Ich geh dadurch oft an meine Grenzen.
Deine Menschen sind Türme auf Erfahrung gebaut
und sie fokussieren nur noch selten den Blick auf
das Wesentliche. Ich mein, manchmal auch ich wäre
naiv, diesem Gedanken Glauben zu schenken. Doch
wenn ich so schau, würde ich denken, ihr kennt das
Empfinden. Was auslöst diesen Blutstau im Kopf, als
würde er gleich platzen, wenn du dich von all deinen
Pflichten entbinden willst, weil dir die Leere im
Körper sitzt. Wenn du keinen Bock hast auf die feige
aufgesetzten Masken mit ihren Fratzen und du
schwitzt beim Gedanken, nach draußen gehen zu
müssen und du versteckst dich und du weinst und
umklammerst dein Kissen.
Einst wollte ich einen Menschen sehn, erst war es
unheimlich witzig und schön, wir hatten uns so gern
und so viel zu erklären von Banalitäten und
Realitäten, übersäten die Welt mit neun Girlanden
und empfanden bahnbrechende Kurzgedanken. Und
eines Tages kam ich zu dir, klingele, klopfte an der
Tür. Doch du hast nicht auf gemacht, hast mich nicht
in dich hineingelassen und wieder macht sich
Enttäuschung breit, wenn ein Mensch einem
Menschen so viel antut mit Ignoranz und Ver-
schlossenheit.
Doch wenn wir nicht lernen loszulassen und stets in
der Vergangenheit leben, dann sehen wir unsere
Zukunft verblassen und vergessen, wie schön es,
doch eigentlich ist auf rosa Wattewolken zu
schweben. Ihr merkt auch, ich bin nur ein Mensch
aus Erfahrung gebaut. Der Mörtel bröckelt, von
Enttäuschung zu fressen, doch der trotz allem noch
vertraut, denn im Leben geht es auf und ab, wir
müssen nehmen, wir es kommt. Es hält uns nun mal
Tag für Tag auf Trab und es hilft nicht, wenn man
sich mit Selbstmitleid selbst zubombt.
Weiter auf der nächsten Seite
Foto, frei: Thommy
Weiss_pixelio.de

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
Wer bin ich?
Wenn alle aufhören, sich selbst zu hassen, dann
könnten wir uns endlich mit den echten Problemen
befassen. Wir würden auf goldenen Einhörnern in
den Sonnenuntergang reiten und ließen uns vom
Takt der Musik des Lebens leiten. Und wenn alle
plötzlich sagen, was sie denken, dann müssten wir
uns nicht vergebens verrenken. Dann wäre das
Schicksal kein mieser Verräter und Väter würden
ihre Kinder lieben und würden schätzen ihre Väter.
Klar würden wir uns auch verletzen, aber hey, Ver-
letzungen verheilen. Man sagt doch, geteiltes Leid
ist halbes Leid, so lasst und Leiden teilen, Und wir
würden uns zuweilen uns schöne Dinge sagen.
Doch wir könnten es lassen, die Messer zu wetzen
und uns Dinge in den Kopf zu setzen, die später kei-
ne Früchte tragen. Stattdessen jagen wir Hirnge-
spinsten hinterher, wie die Katze einer Maus, suchen
nach des Rätsels Lösung, bekommen sie nach Jah-
ren nicht raus. Wir bleiben stehen, statt weiterzuge-
hen und wenn es dann doch mal an der Tür läutet,
haben wir Angst und keine ist fähig einzusehen, wie
viel er einem bedeutet.
Einfach mal ganz offen sein, dass fehlt uns im Ver-
halten, weil wir manchmal dazu neigen, was uns im
Inneren bewegt für uns zu behalten. Ganz ehrlich,
nach dem Straucheln fällt es nicht schwer fest auf
beiden Beinen zu stehen und sicher zu sein. So folgt
auf dem Regen gleich Sonnenschein und du kannst
merken, wie und das du lebst. Denn was wäre denn
Freude ohne Leid. Oder Treue ohne Betrügen und
Liebe ohne Hass, wäre schwach, das Leben wäre so
farblos und matt, so bin ich zu den Entschluss ge-
kommen, der Sinn des Lebens ist zu leben. Und
wenn wir aufhören zu bereuen und zu lügen, dann
hören wir auch auf, uns selbst und andere zu belü-
gen. Denn wir sind doch alle Türme, aus Erfahrun-
gen gebaut und wie kann es sein, dass ein Mensch
den anderen nicht vertraut und wenn wir es unterlas-
sen, ständig scharf zu schießen, ist es auch nicht
mehr so schwer, den Sinn des Lebens zu erschlie-
ßen.
Marie König, 26.08.2021
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich,
was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur,
was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank,
wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem,
als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben,
nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten,
nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und
kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf
große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde
in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten,
zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied
zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und
morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich
wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist,
dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor
schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott.
Dietrich Bonhoeffer
(* 4. Februar 1906 in Breslau;
† 9. April 1945 im KZ Flossenbürg)
(HL/Red.)
Er war ein lutherischer Theologe,
profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche
und am deutschen Widerstand gegen den
Nationalsozialismus beteiligt.
Foto: Thorben Wengert_pixelio.de

image
Haft Leben Nr. 71
10
HL - Kinderseite
Heute - Die allerwichtigsten
Fragen der Welt
Beantwortet von
Miss P. (8),
Stanley (7)
Mr. A (17) ,
Mr. M. (14),
und
Kimberly (12)
HL-Frage: Warum ist die Wiese grün?
Miss P. antwortet:
„Ne Wiese ist immer grün, sieht
ja blöde aus, wenn die rot oder blau wäre.“
Stanley antwortet:
„Ähm…, weil die Bäume grün
sind.“
HL-Frage: Und warum ist die Wiese nun
grün?
Miss P. antwortet wieder: „
Na bestimmt wegen den
Nährstoffen, die da drinnen sind.“
HL-Frage: Warum sind Bäume groß
Mr. M. antwortet:
„Es gibt auch kleine Bäume, kann
man nicht beantworten, wenn das Klima und das
Umfeld stimmt, dann wachsen die halt ohne Ende,
damit die Menschen Platz haben.“
Mr. A antwortet:
Es gibt auch kleine Bäume, kann
man nicht beantworten, wenn das Klima und das
Umfeld stimmt, dann wachsen die halt ohne Ende,
damit die Menschen Platz haben.“
HL-Frage: Warum müssen alle Menschen
erstmal in die Schule?
Miss P. antwortet:
„Damit man was lernt wie lesen,
schreiben und rechnen. Man bekommt doch sonst
keinen Beruf.“
HL-Frage: Warum haben Schnecken Schne-
ckenhäuser, wie entstehen diese?
Kimberly antwortet:
„Weil sie sich verstecken kön-
nen und weiß ich doch nicht wie diese entstehen. Die
werden gebaut.“
HL-Frage: Warum gehen manche Menschen
nicht arbeiten
Mr. M antwortet:
„Weil sie faul sind, keine Lust ha-
ben.“
Mr. A antwortet:
„Weil sie keine Lust haben oder
können durch Krankheit nicht arbeiten.“
HL-Frage: Wie groß ist das Universum?
Miss P. antwortet:
„Bestimmt so zwölftausend Me-
ter.“
HL-Frage: Woran erkennt man, dass man
erwachsen ist?
Mr. M. antwortet:
„Da hat man Aufgaben, die erle-
digt werden müssen, trägt Verantwortung.“
Mr. A antwortet:
„Wenn man erwachsen ist, 18
Jahre alt, manche werden nie erwachsen, albern im-
mer rum.“
HL-Frage: Wann merkt man, dass man ge-
liebt wird?
Kimberly antwortet: „
Dieses Kribbeln im Bauch.“
Mr. M antwortet:
„Man weiß es einfach, man spürt
es, man bekommt es gesagt.“
Mr. A antwortet:
Bei viel positiver Rückmeldung,
gutes Gefühl, Lob, Anerkennung, man fühlt sich
wohl.“
HL-Frage: Warum küssen sich Menschen?
Miss P. antwortet:
„Weil sie verliebt sind.“
Foto: S. Hofschlaeger_pixelio.de.jpg

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
HL-Frage: Wir küssen uns ja auch aber
anders als Verliebte, oder?
Miss P. antwortet:
„Ja aber wir lieben uns ja auch,
also du bist ja och in mich verliebt und ich och in
dich.“
HL-Frage: Was ist ein Geheimnis?
Kimberly antwortet:
„Das man es keinem weiter-
erzählt.“
Miss P. antwortet:
„Das darf man niemanden
sagen.“
HL-Frage: Was könntest du gerne?
Mr. M. antwortet:
„Mathe.“
Mr. A antwortet:
Fliegen, Gedankenlesen,
Zaubern.“
HL-Frage: Was würdest du dir wünschen,
wenn du einen Wunsch frei hättest?
Mr. M. antwortet:
„Mehr Wünsche, für immer,
wenn sie nötig sind.“
Mr. A antwortet:
Familie und Freunde, immer
Gesundheit, dass es denen immer gut geht, dass
du zu Hause bist.“
HL-Frage: Was isst ein Regenwurm?
Miss P. antwortet:
„Die fressen Erde und kacken
das dann wieder aus.“
HL-Frage:
Woran erkennt man, wo der
Regenwurm den Kopf hat?
Kimberly antwortet:
Wenn der Kopf oben ist.“
HL-Frage: Warum gibt es die Polizei?
Miss P. antwortet:
„Na wegen den Dieben, denn
wenn es die Polizei nicht geben würde, dann
würden die Diebe alles wegnehmen und wir hätten
ja nichts mehr.
Die Polizei jagt halt die Verbrecher und da gibt es
auch Hunde, die dann die Verbrecher jagen oder
nach Drogen suchen.“
HL-Frage: Was kannst du richtig gut?
Mr. M antwortet:
„Gar nicht’s, vieles gut aber nicht
richtig gut, rennen, Computer spielen.“
Mr. A antwortet:
Mit Kindern und alten Menschen
umgehen, pflegen, da sein.“
HL-Frage: Was weißt du besonders gut?
Mr. M antwortet:
„Keine Ahnung, hab keinen
Plan.“
Mr. A antwortet:
Computer, Englisch, Mangas,
über Kinder und alte Menschen.“
HL-Frage: Was ist Politik?
Miss P. antwortet:
Ich glaube das sind solche
Sprecher wie die Bundeskanzlerin und die
schreiben dann alles auf.“
HL-Frage: Warum haben manche Tiere rote
Augen?
Miss P. antwortet:
„Die können krank sein, das
heißt dann Tollwut. Die können aber auch eine
Augenkrankheit haben oder sind einfach nur
wütend.“
HL-Frage: Warum haben Männer Muskeln?
Miss P. antwortet:
Damit die stark sind und
Frauen anlocken.“
Anmerkung
: Ha, ha wie lustig ist das denn bitte.
HL - Kinderseite
Foto, frei: Robert Eichinger_pixelio.de

image
Haft Leben Nr. 71
12
Welche Ausbildungsmöglichkeiten es hier gibt
(HL/ )
Hier möchten wir euch mal die Mög-
lichkeiten einer Ausbildung/Weiterbildung in der JVA-
Chemnitz vorstellen.
Wenn ihr Fragen habt, dann wendet euch bitte
vertrauensvoll an Frau Lantzsch.
Hauptschulabschluss
: Immer zu Schuljahresbeginn
könnt ihr in den Kurs zur Vorbereitung auf die Schul-
fremdenprüfung mit dem Ziel des Hauptschul-
abschlusses oder sogar des Qualifizierenden Haupt-
schulkurses einsteigen. Nach erfolgreich absolvierter
Prüfung erhaltet ihr ein Zeugnis einer Mittelschule
aus Chemnitz. Der Kurs dauert ein Schuljahr und
durch die geringe Schülerzahl können die Anstalts-
pädagogen gut auf jeden einzelnen eingehen.
Mathematik, Deutsch und Englisch werden schriftlich
geprüft. Aus Physik, Geschichte, Biologie, Geografie
und Gemeinschaftskunde können sich die Schüler
zwei Fächer aussuchen, die mündlich geprüft
werden.
Realschulabschluss
: Dies ist hier leider wegen zu
geringen Interesses nicht möglich. Es kann aber
alternativ in einer anderen JVA absolviert werden,
den Antrag dafür müsst ihr an Frau Lantzsch stellen.
Abitur:
Ab dem 01.09.21 wird dies erstmals hier in
der JVA ermöglicht. Interessenten buchen einen
Fernlehrgang und müssen sich selbstständig Wissen
aneignen. Wie dies läuft, kann noch nicht benannt
werden, aber kann in einem Jahr berichtet werden.
Zurzeit sieht aber alles positiv aus.
Studium:
Im Moment gibt es an der JVA Chemnitz
eine Studierende, die an der Fernuniversität in
Hagen eingeschrieben ist. Das Studium befindet sich
mehr oder weniger im Testlauf. Die Lösung von
Problemen, die bei der Durchführung auftreten,
befindet sich im Moment häufig noch in der
Schwebe.
Man muss sich selbst sehr gut organisieren können
und die Voraussetzungen für ein Studium erfüllen.
BVJ heißt Berufsvorbereitungsjahr:
Immer am
Schuljahresanfang beginnt das BVJ. Hier werden
neben Mathe, Deutsch und Gemeinschaftskunde
Inhalte der Berufsfelder Textiltechnik und Bekleidung
sowie Wirtschaft und Verwaltung vermittelt. Es geht
ein Jahr und am Ende könnt ihr nach erfolgreicher
Prüfung den Hauptschulabschluss zuerkannt
bekommen.
Modulare Ausbildung im Berufsfeld „Bauten- und
Objektbeschichter“ heißt bei uns Maleraus-
bildung
: Da einige Module der Ausbildung in der
JVA nicht möglich sind, könnt ihr hier die ersten vier
Module abschließen. Somit ist dies keine
abschlussorientierte Ausbildung, aber ihr könnt die
fehlenden Module draußen nachholen, um euren
Berufsabschluss damit zu vervollständigen. Der
Beginn ist jederzeit möglich.
Modulare Ausbildung im Berufsfeld „Tischler“
heißt bei uns Holzausbildung
: Da einige Module
der Ausbildung in der JVA nicht möglich sind, könnt
ihr hier die ersten vier Module abschließen. Somit ist
dies keine abschlussorientierte Ausbildung, aber ihr
könnt die fehlenden Module draußen nachholen, um
euren Berufsabschluss damit zu vervollständigen.
Der Beginn ist jederzeit möglich.
Mode-Textilnäher
: Dies ist eine zweijährige
abschlussorientierte Ausbildung, die Prüfung wird
von der Handwerkskammer abgenommen wird. Der
Beginn ist jederzeit möglich und die Ausbildung
erfolgt über sechs Module, etwas Fingerspitzen-
gefühl/handwerkliches Geschick ist vorteilhaft.
Fachlagerist
: Dies ist eine zweijährige abschluss-
orientierte Ausbildung, die Prüfung wird von der
Handwerkskammer abgenommen. Der Beginn ist
jederzeit möglich und die Ausbildung beinhaltet
sechs Module, etwas Computerinteresse ist vorteil-
haft, da hier auch der Europäische Computer-
führerschein erworben werden kann.
Wir können euch nur empfehlen, eure Haftzeit
konstruktiv zu nutzen und somit etwas für eure
Zukunft zu tun! Aus dem obigen Angebot sollte
jede von euch etwas finden können!
Foto: S. Hofschlaeger_pixelio.de

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
(HL-FAM)
Am 20.07.2021 hat die erste Gruppe in
der JVA-Chemnitz, bestehend aus vier Frauen, die
Mode-Textil-Näher-Ausbildung abgeschlossen und
dazu noch mit den besten Noten von Sachsen!
Worauf nicht nur wir sehr stolz sind!!!
Uns wurden die Zeugnisse in einer kleinen
feierlichen Runde in Anwesenheit von Frau König-
Bender, Frau Blinne von der Krone, Frau Lantzsch,
Frau Zenker, Frau Hallbauer und Herr Klemm
übergeben. Neben den schön gestalteten Mappen
gab es noch ein kleines Sträußchen in Form einer
Rose. Darauf folgte eine kleine emotionale, aber
auch schöne Schulabschlussfeier, neben Kaffee und
selbstgebackenem Kuchen wurden auch lustige
Geschichten aus der Ausbildung und unserer
Anfangszeit zum besten gegeben .
In den Modulen wird Grundwissen über die Faser-
kunde, Chemiefasern, Legen, Zuschneiden, Ein-
richten, Bügeln, Fixieren, Schweißen, Näharten,
Garnherstellung, Bindungslehre, Weben, Beklei-
dungsformen, Maßnehmen, Konstruktion und
Bekleidungsgeschichte vermittelt.
In der Praxis lernst du alle Nähtechniken, Maschinen
und die oben genannten Grundkenntnisse einzu-
setzen. So nähst du von einer Schürze zur Hose, T-
Shirt über Weste, Hut, Bluse bis zur Regenjacke
alles.
Wir vier wollen uns hiermit nochmals von ganzem
Herzen bei unserer Ausbilderin Frau Hallbauer, Frau
Siegel, Frau Hartisch, Herr Kühler und Frau Zenker
bedanken, ohne ihre Hilfe hätten wir die Abschlüsse
so nicht geschafft!!!
Herzlichen Glückwunsch!
Menschen
brauchen nicht
immer
Ratschläge.
Manchmal ist
das, was sie
wirklich
brauchen, eine
Hand, die sie
hält, ein Ohr, das
ihnen zuhört und
ein Herz, das sie
versteht.
Verfasser unbekannt
Foto: Rita Köhler_pixelio.de
Mode-Textil-Näher-Ausbildung

image
Haft Leben Nr. 71
14
Studium an der JVA Chemnitz
Studium an der JVA Chemnitz -
die ersten fünf Monate
des Experiments
(HL - Ein Gastbeitrag der Studentin)
Ein Studium kann etwas Tolles sein - eine Chance,
sich neue Möglichkeiten im Leben zu eröffnen, aber
zuallererst ist es eine Selbsterweiterung. Man kann
in ganz neue Wissensgebiete vorstoßen, Interessen
erkunden, von denen man vielleicht noch gar nicht
wusste, dass sie einen interessieren.
Für mich war es der Wunsch, mit meinem Kopf
etwas sinnvolles anzufangen, mich auch geistig mal
wieder anzustrengen - mehr und mit mehr
Ergebnissen als bei Quizz-Sendungen oder dem
Kreuzworträtsel. Und ich wollte schauen, was ich
noch dazu lernen kann, was es neben meinem alten
Beruf anderes und neues gibt, das mir hoffentlich
auch Spaß machen könnte.
Im April ging es dann los mit dem Experiment
'Studierende an der JVA Chemnitz'. Es ist insgesamt
für alle Beteiligten eine große Herausforderung
geworden. Nach einem anfänglich holprigen Start
habe ich einen schönen Arbeitsplatz am Fenster mit
eigenem
elis
-Rechner. Das ist einer der Computer,
die von der Justiz speziell eingerichtet für das
E
lektronische
L
ernen
i
m
S
trafvollzug verwendet
werden dürfen. Bevor jetzt eine anfängt zu
schwärmen und vom eigenen online-Shop zu
träumen - nein, ein elis-Computer hat kein Internet.
Das ist irgendwie ein verbreitetes Missverständnis.
Eine kleine Auswahl von streng kontrollierten
Webseiten ist über den Zugang erreichbar, aber
eben wirklich nur das, was für die Ausbildung,
Weiterbildung oder in meinem Fall das Studium
genehmigt ist. Alles andere bleibt hinter der Firewall,
unerreichbar, für jedwede Träumerei ausgesperrt.
Das ist beim Fokussieren manchmal sogar eine Hilfe,
weil man am Rechner tatsächlich nur das machen
kann, was man auch machen soll.
Keine Ablenkung durch den Youtube-Kanal meines
Lieblings-Comedians oder die neueste Instagram-
Story der BFF.
Oft vermisst man natürlich sehr schmerzlich die
Ressourcen - Nachschlagewerke, Tutorial-Seiten,
vielleicht Übungsplattformen, die Diskussionsforen
des Fachbereichs oder der Semestergruppe - die
den anderen Studenten da draußen ganz
selbstverständlich zur ständigen Verfügung stehen.
Bei manchen Dozenten ist es schwer, ein
Bewusstsein dafür zu wecken, dass man hinter
Gittern etwas anders studieren muss.
Im täglichen Stoff-Trott ist es dann aber doch
irgendwie ziemlich normales Studieren. Man muss
selber hinterher sein, was man wofür braucht. Die
Termine, wann welche Arbeiten oder Hausaufgaben
fertig und eingereicht sein müssen, im Blick zu
behalten, ist ganz allein meine Sache. Das ist die
übliche Selbstorganisation, wann muss ich für was
lernen und passen meine Computer- bzw. die
Dienstzeiten zu den entsprechenden Einsende-
terminen.
Insgesamt ist man ziemlich auf sich gestellt. Das ist
nicht wie in den Ausbildungen, wo jede auf Station
noch die eine oder andere Mitschülerin zum
Hausaufgaben besprechen hat. Mit dem Studienstoff
muss man schon eher alleine zurechtkommen und
dieses Einzelkämpferin-Dasein muss man auch
irgendwie mögen und bewältigen können.
Schwieriger wird es dann schon, wo das kleine elis-
Guckloch hinein ins Internet doch zu klein für die
Anforderungen von einzelnen Kursen oder eines
Studienganges ist. Die Vorgaben der Uni orientieren
sich logischerweise an der Berufsrealität des
jeweiligen Faches - wohl wenig überraschend - und
da liegt nun mal nicht das digitale Ödland einer JVA
als Messlatte an.
An jene, die jetzt vielleicht nachdenklich geworden
sind, ob ein Studium hier für sie das Richtige wäre -
da kann ich wirklich niemandem etwas empfehlen.
Es ist definitiv schwer, es braucht schon ordentlich
Selbstdisziplin und die digitalen Gitter, die auch für
das Studium in Form von Internet- und Kommu-
nikationsbeschränkungen gezogen werden, sind
häufig sehr frustrierend. Auch mit den besten
Absichten bei Entscheidern und Betreuern sind da
selten Ausweichlösungen oder zeitnahe Unter-
stützung möglich. Die Justiz gibt da leider einen sehr
engen Rahmen vor.
Das alles sollte man sich bewusst machen und bereit
sein, es in Kauf zu nehmen.
Unter den Voraussetzungen können der
Wissenszuwachs, neu geweckte Interessen und
vor allem das, was man über sich selbst dabei
lernt, durchaus lohnend und spannend sein. Das
muss aber jede Neugierige, Wissensdurstige und
Zukunftshungrige von euch mit sich selbst
ausmachen.
Foto, frei: S. Hofschlaeger_pixelio.de

image
image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
Die Neue Arbeitstherapie
„Jede von Ihnen kann ETWAS,
wir wollen es gemeinsam fördern!“
Seit dem 01.09.2021 wird eine Arbeitstherapie
für uns in der JVA angeboten.
Frau Jost und Frau Wensch als professionelle
Ergotherapeuten leiten die Arbeitstherapie.
Diese Vorbereitungstherapie läuft pro Person
mindestens drei Monate und kann bis zu einem
Jahr verlängert werden.
Frau Jost und Frau Wensch sagten im Interview
mit der „HaftLeben“ u. a. das Folgende:
Wir wünschen uns für unsere Gruppenarbeit
motivierte Teilnehmerinnen, die mutig genug
sind, in ihrem Leben etwas verändern zu
wollen.
Gern wollen wir gemeinsam mit ihnen positiv
in die Zukunft schauen und neue Perspek-
tiven eröffnen.
Dabei lernt ihr, euch auf das Berufsleben und
später in Freiheit vorzubereiten. Trainiert
werden dabei vor allem eure Fähigkeiten und
Fertigkeiten. Die Maßnahme dient dazu, diese
zu erkennen, zu fördern und einen passenden
Job oder Ausbildungsplatz hier in der JVA und
später außerhalb zu finden. Am ehesten
kommen dafür Frauen in Betracht, deren
physische und psychische Situation verbessert
werden sollte. Ein Acht-Stunden-Arbeitstag ist
sehr, sehr lang! Frau Jost und Frau Wensch
orientieren sich vor allem an den individuellen
Bedürfnissen jeder einzelnen Gefangenen unter
Beachtung der fünf folgenden Phasen.
Die Diagnostische Phase:
Es gibt erstmal eine Art Probezeit. Diese Zeit
wird benötigt zur Feststellung von ver-
schiedenen Bedürfnissen und Fähigkeiten.
Die Motivationsphase:
Es wird an dem Aufbau eines positiven,
angstfreien Arbeitsraums in geschützter
Lernumgebung gearbeitet.
Die Beschäftigungsphase:
Eine Selbsterprobung mit verschiedenen
Materialien, Erlernen und Ausbau von Fähig-
keiten durch kreatives Entfalten.
Die Werkphase:
Selbstständige Arbeit an Einzel- oder Grup-
penprojekten, Anwendung und Festigung der
erlernten Fähigkeiten.
Die Integrationsphase:
Es gibt einen Übergang zur Ausbildung oder
Beschäftigung, Eingewöhnung durch Hospi-
tation in der Anschlussmaßnahme mit
Begleitung durch Therapeutinnen.
Maximal acht Frauen
können täglich in der Zeit
von 7:15 Uhr bis 13:00 Uhr, eventuell auch bis
14:30 Uhr teilnehmen. Zur Vergütung: es wird
die niedrigste Ausbildungsvergütung gezahlt. Im
Moment stehen ein Werkraum und ein
Gruppenraum zur Verfügung. In naher Zukunft
wird es auch noch die Möglichkeit einer
Gartenbewirtschaftung geben.
Weiter nächste Seite
Frau Jost und Frau Wensch
Die neuen Arbeitsplätze für
die Teilnehmerinnen, alle Fotos: HL/LR

image
image
Haft Leben Nr. 71
16
Die Neue Arbeitstherapie
HL - Motivationssprüche
Eine Materialauswahl
Das beinhaltet eine Neubepflanzung für den
„Garten der Sinne“', ein Gewächshaus, Hoch-
beete für den Gemüseanbau sowie einer Sitz-
ecke.
Eine Nutzung des ELIS-Kabinetts ist ebenfalls
möglich.
Bei Bedarf besteht während der gesamten Pro-
grammdauer die Förderung von den Grund-
kenntnissen in z. B. Mathe und Deutsch.
Außerdem wird mit Papier, Farben, Ton, Holz
und Peddigrohr (wird für das Körbe flechten ver-
wendet) und vielem mehr gearbeitet.
Bei Interesse bitte einfach einen Antrag direkt an
Frau Jost und Frau Wensch stellen.
Die Arbeitsverwaltung kann dafür auch kontak-
tiert werden.
Auf eine gute Zusammenarbeit!
Der neue Brennofen für die Keramiken,
alle Fotos: HL/LR
Vorsicht bei Motivations-Problemen!
Warnende Erkenntnis aus der
Tier-Psychologie:
Schon manche Ziege mit null Bock
ist auf den Hund gekommen.
© KarlHeinz Karius (*1935), Urheber, Mensch und Werbebera-
terQuelle: Karius, WortHupferl-Edition, WortHupferl-Verlag
Die einen müssen gefördert,
die anderen brauchen nur
gefordert zu werden.
© Gerd W. Heyse (1930 - 2020), auch: Ernst Heiter, deutscher
Schriftsteller und Aphoristiker
Quelle: Heyse, Der Hund des Nachbarn bellt immer viel lauter,
Eulenspiegel-Verlag 1984
Motivation bedeutet, das Ziel nach
dem Ziel ist zielentscheidend.
© Julian Nasiri (*1983), Immobilienfachmann und Aphoristiker

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
Ingeborg-Drewitz-Preisträger für 2021 benannt
In literarischer Sache: mit großer Freude können wir mitteilen, dass eine
der diesjährigen Preisträgerinnen des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises
für Gefangenenliteratur aus unserer Chemnitzer JVA kommt.
Herzlichen Glückwunsch!!!
Wir wissen nicht genau, wie viele der, aus ganz Deutschland kommenden,
weit über 100 Autorinnen und Autoren überhaupt aus Sachsen sind. Die Jury
musste, nach unseren Informationen, an einem ganzen Wochenende aus
mehreren hundert Texten die Preisträger auswählen. Das war sicherlich sehr
schwer, trotzdem wurden Texte, die aus unserer JVA eingereicht wurden, für
den Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis ausgewählt. Super!
Herzlichen Dank auch an all jene, deren Texte nicht ausgewählt wurden, auch
diese Autorinnen und Autoren haben einen Brief bekommen, darin wurde
ihnen für die eingereichten Texte gedankt und Mut für neue Texte gemacht. Es
war zwar eine Ablehnung, doch unter hunderten Texten aus ganz Deutschland
nicht ausgewählt zu werden ist sicher keine Schande und so kann jede der
Frauen auf ihre Texte stolz sein, denn bei uns in der Gefangenenzeitung sind
die meisten ja abgedruckt worden! Toll gemacht Mädels!
Beim nächsten Mal sind sicher wieder Frauen aus der JVA Chemnitz dabei
und wir freuen uns schon auf die dann von der Redaktion „HaftLeben“
ausgewählten Texte in den nächsten Gefangenenzeitungen.
Alle diesmal prämierten Texte werden noch dieses Jahr in einem Buch ver-
öffentlicht, dazu gratuliert die Gefangenenzeitung „HaftLeben“ allen aus-
gewählten Autorinnen und Autoren aus den deutschen Gefängnissen, doch
uns sei erlaubt, auf unsere Chemnitzer Preisträgerin ganz besonders stolz zu
sein.
Herzlichen Glückwunsch!
Gleichzeitig möchten wir alle Schreibfreudigen unter euch motivieren und
anspornen, sich auch beim nächsten Mal wieder mit zahlreichen Texten aller
Art zu beteiligen.
Wer keine Geduld hat, kann seine Texte oder Gedichte gerne in einen der
„HaftLeben“-Briefkästen der Gefangenenzeitung einwerfen, Name und HR
nicht vergessen, vor einem eventuellen Abdruck meldet sich die Redaktion bei
euch.
An die Stifte, fertig, schreibt ...
Ihr seht, es kann sich lohnen.
Eure „HaftLeben“ - Redaktion

image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
Haft Leben Nr. 71
18
Comic Nr. 4, von Jaqueline aus der JVA Chemnitz

image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
19
Herzlichen Dank an Maria für die Genehmigung zum
Abdruck ihres Comics!
Herzlichen Dank an Frau Weyhe und Frau Koch, die
2020 maßgeblich zum Gelingen dieses Projektes
beigetragen haben!
Herzlichen Dank an die Anstaltsleitung, die dieses
Projekt ermöglicht hat. In den nächsten „HaftLeben
-
Heften“ möchten wir auch noch die anderen zwei
Comics abdrucken.
Damit die Texte lesbarer sind, haben wir den
Kontrast, abweichend vom Original, künstlich
verstärkt. Für die dabei erzeugten Unsauberkeiten
bitten wir um Entschuldigung.
Redaktion „HaftLeben“
Herzlichen Dank an Jaqueline für die Genehmigung zum
Abdruck ihres Comics! Wir wünschen dir weiterhin alles Gute
und viel Erfolg!
Herzlichen Dank an Frau Weyhe und Frau Koch, die 2020
maßgeblich zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben!
Herzlichen Dank an die Anstaltsleitung, die dieses Projekt
ermöglicht hat.
Redaktion „HaftLeben“
Comic Nr. 4, von Jaqueline aus der JVA Chemnitz

Haft Leben Nr. 71
20
Endlich raus ...
(HL / B&F)
Es gibt ja einiges, dass man
einfach mal los werden möchte, was aber so nicht
immer geht - wegen der Justiz. Immer wieder gibt es
Unterschiede oder Themen, die sich widersprechen
oder gar nicht erst zugelassen werden. Egal, was
man als Grund angibt, es wird von so manchem
immer und immer wieder abgelehnt. So auch bei mir!
Man gibt sich selbst Mühe, um im Vollzug
weiterzukommen und sich auch weiterzuentwickeln,
dennoch wird einem dies ganz und gar versaut.
Genauso wie man gern die sozialen Kontakte
beibehalten möchte, und zwar zu anderen
Gefangenen, Mittätern, Familienangehörigen sowie
Bekannten. Selbst an diesem Punkt muss man einen
Antrag stellen, wo entschieden wird, ob man das darf
oder nicht, bei Besuchzusammenführungen zum
Beispiel. Ich habe versucht, mit einem Bekannten
und auch mit meinem Mittäter einen Termin für ein
Besuch zu machen, aber es wurde mir immer wieder
abgelehnt. Nur weil man zu wenig miteinander
geschrieben hat und der Name erst kürzlich
aufgetaucht ist oder es mein Mittäter ist - all diese
oder ähnliche Begründungen sind für mich einfach
nicht ausreichend genug und nicht nachvollziehbar,
um mir den Besuch abzulehnen. Wer entscheidet
denn darüber, wer einem gut tut oder doch eher
schlecht? Behörden, Behörden, Behörden. Kann es
nicht einfach mal von Gefangenen selbst
entschieden werden, wen sie gerne mal sehen
möchte oder was für sie besser ist? Nun, dies ist ein
weiterer Beitrag zur Resozialisierung (nicht!).
Auf wen kann man sich heute noch verlassen bei
Bediensteten oder Behörden? Natürlich auf die
wenigsten in der Anstalt. Sobald du mal mit
jemandem reden möchtest - und - aber - eventuell
gerade kein Psychologe im Haus ist, wendet man
sich meist an den Bediensteten und egal, was man
erzählt, sei es etwas positives oder negatives, wird
es einem danach schwerer gemacht in gewissen
Dingen, je nachdem, wer man ist. Man hat das
Gefühl, es geht hier nach Nase, wem Wege verbaut
werden und wem nicht.
Ich finde es sehr schade, nicht mal etwas machen zu
können, womit es einem sicherlich danach besser
geht oder was einem mehr Möglichkeiten geben
würde als im Moment. Nur, weil man ein nicht so
tolles
Delikt hat, heißt das noch lange nicht, dass
man Therapiebedarf oder sonstiges hat.
Ein Beispiel wäre ein Gespräch: Ich habe mein
Anliegen angebracht mit Argumenten und viel Mut
und als Rückmeldung bekam ich es sehr zu spüren,
wie „schlimm“ mein Anliegen wäre. Eine ehrliche
Begründung für die Reaktion gibt es in den meisten
Fällen nicht, aber ich weiß, wie und was gemeint ist.
Jeder hat seine Bezugspersonen, wo ihr euch
wohlfühlt und mit denen ihr über alles sprechen
könnt. Doch das ist ein Problem für manche
Bediensteten und Behörden! Man soll keine
Vertrauten haben, sondern mit sich selbst
zurechtkommen und am liebsten immer ALLES den
Bediensteten erzählen.
Ein gutes Thema wäre dazu Beziehungen unter den
Gefangenen. Man sollte eigentlich soziale Kontakte
oder auch Beziehungen hier fördern und nicht wo nur
möglich vermeiden oder Menschen trennen! Ich
selbst habe schon die Erfahrung gemacht, dass man
knapp ein Jahr lang versucht hat, mit einer Freundin
oder Bezugsperson auf Zelle zu kommen und es
wurde einem von der Justiz immer wieder verbaut.
Sämtliche Versuche über Anträge, Gespräche mit
den Bediensteten, Psychologen und auch anderen
Behörden haben nie etwas gebracht, egal wie
belastend die Situation war. Selbst als ich mich bei
der Arbeit beworben hatte, wo auch meine
„Freundin“ war, musste die Schulbedienstete erstmal
eine Stellungnahme dazu schreiben, warum ich denn
dorthin möchte und ob es auch ernst gemeint sei. Im
Vergleich dazu gab es ein Paar, das sogar
zusammen in einer GM war, ohne dass die sich
bemühen mussten…! Es ist einfach nicht zu
verstehen, wieso das bei den einen funktioniert und
andere überhaupt keine Chance bekommen. Ich
sehe es bis heute nicht als nachvollziehbar an, wenn
manche wirklich nichts Böses anstellen und sogar
viel verlangtes mitmachen, dafür aber nichts
zurückbekommen, während den anderen alles
ermöglicht wird, obwohl die nix zustande bekommen.
Ist man denn hier so homophob? Warum gibt man
nicht allen die Chance, so zu leben wie sie möchten?
Es heißt ja „es hält eh nicht für immer“. Woher wollen
die das wissen? Es sind schließlich nicht alle so
blöd! Durch die Widerstände der Justiz werden
solche Verbindung zueinander doch viel wichtiger
und noch viel enger gemacht. Denn nur gemeinsam
sind wir stark.

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert
Redakteure der Dresdner Gefangenenzeitung
„Der Riegel“ berichten
(FAM/HL)
Das Buch
ist im Frühjahr 2021
erschienen und ich möchte
es im Folgenden kurz vor-
stellen! In dem Buch sind
sehr
anschaulich
viele
Artikel aus der Dresdener
Gefangenenzeitung
„Der
Riegel“ gesammelt. Sie
wurden von den dortigen
Redakteuren der Zeitung
aufgeschrieben.
Hier nun meine persönliche Sicht auf eine dort
abgedruckte Geschichte, die mich sehr betroffen
gemacht hat. Ähnlichkeiten zu heute sind natürlich
rein zufällig und die konnten GP damals so nicht
bekannt sein. Im Buch geht es zum Beispiel
um eine
Fr
au - sie nennt sich im „Riegel“ nur GP.
Ihre hochproblematische Geschichte wird im Detail
geschildert. Zitat:
„Nach einer Reihe von Gesprächen
ist GP von einer Psychologin der JVA aktenkundig
bestätigt worden, dass sie ihre Schuld bearbeitet
habe.
Daraufhin hat sie seit 2003 Vollzugslockerung
erhalten. Sie konnte u. a. ihre Tochter im Haus ihrer
Mutter treffen, an zwei öffentlichen Tagungen außer-
halb des Gefängnisses mitwirken, ein Fernstudium
absolvieren. Alle Ausgänge und Urlaube verliefen
beanstandungsfrei. GP‘s Situation änderte sich dann
schlagartig zum Anfang eines Jahres, das im Buch
nicht genannt wurde. Damals wurde ihr ein externes
psychologisches Gutachten übergeben.
Es sollte eigentlich der Beantwortung der Frage einer
vorzeitigen Haftentlassung nach 2/3 der Straf-
verbüßung dienen. In diesem Gutachten wurde
behauptet, so schreibt GP, sie habe sich mit ihrer
Straftat bisher nicht auseinandergesetzt. Weiter
berichtet sie, dass dieses Gutachten unmittelbar
nach dem ersten von einem weiteren Fach-
psychologen unter anderem wegen methodischer
Mängel in Zweifel gezogen wurde. Deshalb gab die
zuständige Haftrichterin ein weiteres Gutachten in
Auftrag.
GP schrieb, dass sie auch nach dem Bekanntwerden
des ersten Gutachtens von einem Urlaub, wie immer,
beanstandungsfrei zurückkam. Von nun an wurden
ihr alle Lockerungen gestrichen. Sie konnte weder
ihre Tochter zu deren Einschulung begleiten und sie
auch nicht mehr außerhalb der Anstalt treffen. Als
Gewinnerin des Drewitz-Literaturpreises durfte sie
auch nicht zur dieser feierlichen Literaturpreis-
Verleihung nach Dortmund fahren.
Zwischenzeitlich wurde ihr sogar verboten, an den
Sitzungen der Riegel-Redaktion teilzunehmen,
angeblich sei ein Konflikt mit einer Mitgefangenen,
die von ihr im Riegel wegen deren Verhalten kritisiert
worden war.
Angeblich war alles nicht geklärt - was nachweisbar
nicht stimmte, schrieb GP.
Die JVA Dresden änderte damals sogar ihre eigene
Sichtweise zu diesem Geschehen. Eine Korrektur
erfolgte auch durch die Haftrichterin, schrieb GP, die
den 1/3 Rest der Freiheitsstrafe für GP aufgrund des
positiven zweiten externen Gutachtens zur
Bewährung aussetzte und sie deshalb entlassen
wurde. GP berichtete weiter, dass ihr durch ein
Dresdner Gerichtsurteil bescheinigt wurde, dass die
JVA sich bei ihren Entscheidungen ein eigenes Urteil
hätte bilden müssen und nicht allein aufgrund des
ersten externen Gutachtens alle Lockerungen hätte
streichen dürfen, insofern habe sich die JVA,
ausdrücklich nach der Meinung von GP, fehlerhaft
verhalten, heißt es aber auch im Urteil und im Text.
Das zeigt mir und da bin ich sicher nicht alleine
dieser Meinung, dass auch eine JVA Fehler machen
kann. Und ja, auch da arbeiten nur Menschen!
Darüber hinaus bleiben für mich weitere Fragen
offen, wie würde heute im Jahr 2021, im 21. Jahr-
hundert, mit einem ähnlichen Fall verfahren? Gerne
würde ich mit GP heute reden, denn ich habe noch
viele Fragen an GP, z. B.: „
Wie hat man mit dir in der
Zeit des Widerrufs der Vollzugslockerungen ge-
sprochen?
Oder mal provokativ gefragt:
Von dir
erwartete man zu Recht(?), dass du dich, wenn
möglich, bei deinem Opfer/n entschuldigst, gibt es
eigentlich jemanden, der sich bei dir (GP) für das
Unrecht entschuldigte?
Im Buch steht davon leider gar nichts und nach der
langen Zeit werde ich es auch nicht mehr erfahren.
Doch Gedanken habe ich mir schon gemacht, da
ähnliche Geschichten ab und an auf dem Flur herum
geflüstert werden.
Wen es aber gleich interessiert, der kann dieses
Erlebnis von GP selbst nachlesen - im Buch:
Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert“
U. Kleinert/L. Hartwig, 2021, S. 36-40).
Bücherei-Nr.:
noch nicht bekannt
Ach ja, diese Geschichte von GP ist nur ein Beispiel
für die
damaligen
Zustände hinter Gittern, auch die
vielen anderen Geschichten können Betroffenen und
Nichtbetroffene den Alltag in deutschen Gefäng-
nissen veranschaulichen.
Meiner Meinung nach lohnt sich das Lesen dieser
Berichte von Redakteurinnen und Redakteuren aus
der Redaktion der Riegel aus der JVA Dresden
Das Buch ist jedem zu empfehlen, der besser
verstehen möchte, wie das Leben hinter Justiz-
vollzugsgesetzen und JVA-Hausordnungen tatsäch-
lich aussieht.

image
Haft Leben Nr. 71
22
Damals war´s und nicht heute!?
Redaktion HaftLeben,
in eigener Sache:
Hallo Leute, wir haben
im „HaftLeben-Archiv“
gestöbert
und
den
folgenden Text von L.
M. gefunden, der im
August 2008 in der
HaftLeben schon einmal
abgedruckt wurde.
Da der Text zu einigen
anderen im Heft passt,
hat sich die Redaktion
für den wiederholten
Abdruck entschieden.
Die Macht der Psychologen
Jeder hat mit Sicherheit in seiner Haftzeit bereits
schon mal Erfahrungen mit einem Psychologen
sammeln können. Wenn man sich dann im Hafthaus
umhört, vernimmt man unterschiedliche Meinungen
über Person und Zweck. Man sollte halt immer den
Einzelfall des Gefangenen betrachten.
Der Arbeitskreis „Kritischer Strafvollzug“ hat das
Thema der Psychologen im Vollzug wie folgt einmal
kurz umschrieben: Einen in den letzten Jahren
immer größeren Einfluss auf das, was mit dem
Gefangenen in der Haft geschieht, haben unzweifel-
haft die Psychologen gewonnen.
Keine Fachgruppe innerhalb des Vollzugs hat einen
derartigen Einfluss auf die Gläubigkeit ihrer
Prognosen gegenüber den anderen geschafft. Wo
früher der Vollzugspraktiker eine mindestens
genauso gute, wenn nicht gar eine bessere Treffer-
quote aufzuweisen hatte, wenn es um die
Beurteilung eines Gefangenen ging, hat heute fast
schon fanatische Gläubigkeit an die einzige Wahrheit
der Psychologen eine Gipfelhöhe erreicht, die kaum
zu toppen ist.
Dabei ist die Psychologie im Innern selbst gar nicht
darüber einig, welche Richtung der psychologischen
Bewertung denn nun die einzig richtige ist.
Mindestens so viele Lehren wie Psychologen in der
Anstalt gibt es in der „Wissenschaft vom seelischen
Erleben und Verhalten des Menschen.“ Die
Psychologie untersucht Prozesse der Zielsetzung,
Realitätsorientierung, Ausführungssteuerung und
Ausführungskontrolle menschlichen Verhaltens, also
die handlungsleitenden Grundsätze und Absichten,
das handlungsleitende Wahrnehmen und Denken
sowie die handlungsmotivierenden Bedürfnisse,
Neigung und Interessen. Die heutige Psychologie
gliedert sich die Reihe von Richtungen und
Fachgebieten, die nur noch teilweise über eine
gemeinsame Sprache verfügen.
Neben dem Behaviorismus, denen so bekannte
Wissenschaftler wie Watson oder Pawlow (das
bekannte Experiment mit den Hunden, denen der
Zahn tropfte, wenn eine Glocke angeschlagen
wurde) angehörten, etablierten sich darwinistische
und später sogar rassistische Ansätze.
Bereits um die Jahrhundertwende hatte der Wiener
Arzt und Psychiater Sigmund Freud seine Theorie
der der Psychoanalyse als erstes Denkmodell der
hieraus entstandenen Tiefenpsychologie entwickelt.
Seine Entdeckung der Triebkraft des Unbewussten
beeinflusste eine große Zahl von zeitgenössischen
wie auch nachfolgenden Psychologen, u. a. Wilhelm
Reich, Carl Gustav Jung und Erich Fromm.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde in Deutschland wieder
mit dem allmählichen Aufbau des Faches begonnen,
nachdem ganze Fachrichtungen verschwunden
waren. Bis heute steht der wissenschaftliche Diskus
daher stark unter dem Einfluss amerikanischer
Forschung und Theorien.
Die im Strafvollzug hauptsächlich praktizierte oder zu
praktizierende Fachrichtung der Psychologie ist die
Sozialpsychologie. Sie ist das Gebiet der
Psychologie, in dem das Verhalten von Menschen
unter direktem oder indirektem Einfluss sozialer
Stimuli (Reize) wissenschaftlich erforscht wird.
Wie allen anderen Sozialwissenschaften geht es
auch der Sozialpsychologie zudem um die Frage,
wie gesellschaftliche Ordnung entsteht, wie sich der
Einzelne zu ihr verhält und warum.
Sozialpsychologen interessieren sich für das
Denken, die Gefühle, Wünsche und Urteile von
Menschen ebenso wie für ihr Verhalten. Die inneren
Zustände eines Menschen lassen sich aus seinem
beobachtbaren
Verhalten
nur
erschließen.
Menschliches Handeln hängt, unabhängig davon, ob
im Moment der Handlung tatsächlich andere
Menschen anwesend sind, von sozialen Stimuli ab.
Praktisch alles, was eine Person tut oder erlebt, wird
in gewissem Umfang von aktuellen oder früheren
Sozialkontakten beeinflusst.
Aber interessieren sich die Psychologen wirklich für
den Menschen, seinem Erleben, Denken und seinen
Gefühlen? In den meisten Anstalten in ver-
schiedenen Fällen wohl eher nicht. Es wird ein Bild
aus den Akten gezeichnet, dass den Gefangenen auf
den Urteilstenor reduziert. Danach wird er einer
Kategorie zugeordnet. “schwarz oder weiß“,
„gefährlich oder nicht gefährlich“! Dass man sich
dabei häufig genug irrt, ist zweitrangig.
Letztlich kann sich der Psychologe dann doch auf
eine Position zurückziehen, die ihn unangreifbar
macht. Er hat nicht die Entscheidungsgewalt und er
kann immer, weil er ja ohnehin meist zu Ungunsten
des Gefangenen entscheidet, hinterher seine Hände
in Unschuld waschen.
L. M., ein männliches Mitglied,
der damaligen Kassberg -HaftLeben-Redaktion

image
image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
SPORTFREI
(HL / B&F)
Am 08.09.2021 fand wie
jedes Jahr das Sportfest im Haus III von ca. 17:00 –
20:30 Uhr statt. Das Wetter sowie die Gefangenen
haben sehr gut mit gespielt und so strahlte die
Sonne mit uns um die Wette. Zuerst haben wir mit
der Verteilung der einzelnen Gruppen angefangen.
Dafür hat jede einen Zettel mit einer Farbe gezogen,
so ergaben sich die vier Teams Blau, Gelb, Grün und
Rot mit je etwa acht Teilnehmerinnen. Bei jedem
Spiel traten zunächst je zwei Teams gegeneinander
an und die Gewinnerinnen dieser Runde kämpften
dann im Finale um den Sieg.
Gleich danach ging das erste Spiel los: Eierlaufen.
Und nein, es waren keine richtigen Eier, sondern wir
schaukelten die Bälle vom Tischkicker über die
Strecke. Es war ein sehr lustiges und doch so
konzentrationsvolles Spiel.
Weiter ging es mit Dosenwerfen und Balltrippeln,
wobei das Balltrippeln schwieriger war, als es sich
anhört. Man darf schließlich nicht vergessen, dass
die Wettkampfstrecke - Hofrunde - eine Huckelpiste
mit vielen Kurven ist. Da macht der Ball, was er will
und nicht was wir wollen. Das war für das Publikum
sehr amüsant.
Danach kam Seilspringen und zum Schluss der
Hindernislauf. Dafür war auf dem Volleyballfeld eine
anspruchsvolle Strecke mit Kegeln und Reifen
aufgebaut, um die herum und durch die hindurch
man einen Ball und natürlich sich selbst schlängeln
musste. Welch eine Anstrengung dies für die eine
oder andere war, die Herausforderung für Körper
und Geist macht aber vor allem viel Spaß.
Am Ende gab es dann die Verlosung der Preise. Es
gab für jede einzelne z. B. Stifte, Haargummis,
Duschbäder, Süßes und mehr. Für die Versorgung
hat die Küche wieder einen Salat beigesteuert und
die restliche Verpflegung übernahm Haus III selbst.
Mit Eigengeld zahlten alle für das Grillgut und es
reichte am Ende sogar noch für ein Eis.
Ein ganz großes Dankeschön an die
Bediensteten für diesen echt schönen Tag und
auch für die Mühe!
Diese Abwechselung war echt ein tolles Erlebnis und
bedarf dringend der Wiederholung im nächsten Jahr,
dann aber bitte wieder mit coolen Fotos vom
Wettkampf!
Sport Frei vorm Haus III
Danke an Stefan Roth
-
Design & Cartoon
für die Abdruckgenehmigung.
Freiübungen
(Grund-Stellung)
Wenn eine Frau in uns Begierden weckt
Und diese Frau hat schon ihr Herz vergeben,
Dann (Arme vorwärts streckt!)
Dann ist es ratsam, daß man sich versteckt.
Denn später (langsam auf den Fersen he-
ben!)
Denn später wird uns ein Gefühl umschwe-
ben,
Das von Familiensinn und guten Eltern zeugt.
(Arme – beugt!)
Denn was die Frau an einem Manne reizt,
(Hüften fest – Beine spreizt! – Grundstellung)
Ist Ehrbarkeit. Nur die hat wahren Wert,
Auch auf die Dauer (Ganze Abteilung, kehrt!).
Das ist von beiden Teilen der begehrtste,
Von dem man sagt: (Rumpfbeuge) Das ist der
allerwertste.
Joachim Ringelnatz (1883 - 1934),
eigentlich Hans Bötticher,
deutscher Lyriker, Erzähler und Maler
Quelle: Ringelnatz, J., Gedichte.
Joachim Ringelnatzens Turngedichte, 1920

Haft Leben Nr. 71
24
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.
Das HL - Preisrätsel
1. Objektiv und Okular sind die
Hauptbestandteile...?
A: einer Taschenlampe
B: eines Spiegels
C: einer Brille
D: eines Mikroskops
2. Was züchten Pilzfreunde häufig im eigenen
Garten?
A: Braunkappen
B: Rothüte
C: Blauhelme
D: Gelbmützen
3. Eine Haspel leistet gute Dienste ...?
A: als Zusatz beim Erkältungstee
B: beim Reiben von Käse
C: beim Aufwickeln von Seilen
D: als Saum bei Textilien
4. Kalt- und Warmhäuser findet man in ...?
A: einem Thermalbad
B: einem botanischen Garten
C: hier im Keller
D: einer Weinbrauerei
5. Was dient meist nicht der Tierhaltung
?
A: Pferdestall
B: Fischschuppen
C: Vogelkäfig
D: Hundehütte
6. Wo fanden 1989 die ersten Montags-
Demonstrationen statt, die am Beginn der
deutschen Wiedervereinigung standen?
A: Leipziger Nicolaikirche
B: Rostocker Neptunwerft
C: Berlin Alexanderplatz
D: Dresdner Staatsbibliothek
7. Wobei greift der Handwerker zur Kelle?
A: Laminat futtern
B: Fliesen fressen
C: Wände verputzen
D: Tapeten mampfen
8. Obwohl schon seit 1912 im Programm, ist der
olympische Fünfkampf namentlich immer
noch ...?
A: up to date
B: brandneu
C: modern
D: aktuel
9. Beim Boxen heißt es immer wieder.... ?
A: Ring frei
B: Hochzeitsnacht für lau
C: Bräutigam zum Nulltarif
D: Braut geschenkt
10. Was ist eine simple, aber bewährte Art,
Musik zu machen?
A: Bürste zupfen
B: Lockenstab schlagen
C: Spiegel streichen
D: Kamm blasen
11. Bei dem Brettspiel Cluedo geht es darum,
...?
A: an der Börse zu spekulieren
B: eine Kirche zu bauen
C: ein Essen zusammen zu stellen
D: einen Mord aufzuklären
12. Wenn sich die Ehefrau am Gatten rächt,
dann zahlt sie es dem ...?
A: Stutt gart
B: Mann heim
C: Chem nitz
D: Frank furt
13. Was machen Eltern manchmal mit ihrem
renitenten Nachwuchs?
A: aufdatteln
B: anpflaumen
C: zukirschen
D: abfeigen

image
image
image
image
image
image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
14. Worauf betten sich nicht nur Japaner
gerne?
A: Anton
B: Beton
C: Karton
D: Futon
15. T
A:
B:
C:
D:
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
18.11.2021
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
Okt .
2021
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Das HL - Preisrätsel
Die GMV bittet um Unterstützung!
Bitte tragt am Ende der Tabelle eure „Massak“-Wünsche ein,
es dürfen auch zwei oder drei sein. Am Ende stellen wir alles
zusammen und dann sehen wir, was davon verwirklicht werden
kann.
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!
„Massak“-Wünsche:

image
image
Haft Leben Nr. 71
26
HL - Songtext
Walking
in
Memphis
-
Lyrics
Übersetzung
Ich zog meine blauen Wildlederschuhe an
Und stieg in das Flugzeug
Landete im Land des Delta Blues
Mitten im strömenden Regen
W.C. Handy,
Halte deine schützende Hand über mich
Ja, ich habe zwar ein Ticket erster Klasse
Aber ich bin so melancholisch,
wie es ein Junge nur sein kann
Dann mache ich einen Rundgang in Memphis
Ich ging auf meinen Füßen,
schwebte aber drei Meter über der Beale
Rundgang in Memphis
Aber fühle ich mich wirklich so,
wie ich mich fühle?
Ich sah den Geist von Elvis
Auf der Union Avenue
Ging hinter ihm her,
bis zu den Toren Gracelands
Da sah ich, wie er glatt hindurch ging
Die Wachen haben ihn nicht bemerkt
Die drückten sich nur an seinem Grab herum,
Aber da ist ein hübsches, kleines Ding,
Die auf den King wartet,
Unten im Jungle Room
Als ich meinen Rundgang in Memphis machte
Ging ich auf meinen Füßen,
schwebte aber drei Meter über der Beale ]
Rundgang in Memphis
Aber fühle ich mich wirklich so,
wie ich mich fühle?
Dort wird Wels aufgetischt,
Gospel durchzieht in der Luft
Und Pastor Green ,
ich würde Sie gerne sprechen,
Wenn Sie gerade mal nicht beten.
Junge, in Memphis fällt dir ein Gebet ein!
Nun, die Muriel spielt Piano
Jeden Freitag im "Hollywood"
Und sie haben mich dort hingebracht,
um sie kennenzulernen
Und mich gebeten
Eine kleine Nummer zu machen
Und ich sang mit aller Kraft.
Sie fragte: "Sag mir,
bist du ein Christ, mein Kind?"
Und ich sagte: "Gnädige Frau,
heute Abend bin ich einer!"
Rundgang in Memphis
(Rundgang in Memphis)
Ich ging auf meinen Füßen,
schwebte aber drei Meter über der Beale
Rundgang in Memphis
(Rundgang in Memphis)
Aber fühle ich mich wirklich so,
wie ich mich fühle?
[2x]
Ich zog meine blauen Wildlederschuhe an
Und stieg in das Flugzeug
Landete im Land des Delta Blues
Mitten im strömenden Regen
Landete im Land des Delta Blues
Mitten im strömenden Regen
Writer(s): Marc Cohn Lyrics powered by
www.musixmatch.com
Fotos: Wikipedia.com

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
Leserbriefe
HAA HAAAA DAS IST ABER LAUT HIER!!!
Nach langem mit Anschauen und vor allem
Mitanhören
muss ich da mal eine Frage in den
Raum stellen, verhaltet ihr euch Zuhause oder bei
Freunden genauso wie hier drin? Wenn ja, bezweifle
ich, dass ihr in guter Gesellschaft seid, denn das hält
ja langfristig auf Dauer kein „normaler Mensch“ aus.
Der ganze Spaß beginnt bei dem ständigen
Türengeknalle bis hin zu den Schubladen in der
Küche aufreißen und mit vollem Karacho zu-
schmeißen und zu guter Letzt über den gesamten
Stationsflur plärren. Ich mein, wenn mal so ne Tür
ausversehen laut zu geht, aufgrund von Wind und
Wetter - okay, kann alles mal passieren. Aber bei
dem ständigen Geknalle frag ich mich, wie das zum
einen der Zellennachbar findet, dem es eventuell
nicht gut geht, der schläft oder einfach schreckhaft
sein kann. Zum anderen kann das einen wirklich an
den Rand der psychischen Belastung bringen und
dann wundern sich alle, warum man so gereizt ist
oder ständig schlechte Laune hat. Es wird ja wohl
mal nicht zu viel verlangt sein, die Türen (trotz des
nicht-vorhanden-seins einer Klinke ) von außen leise
zu schließen, sämtliche Möbel auf den Stationen so
zu behandeln, dass sie so lange wie möglich halten
und nicht nach dem Motto: „Ich bin ja sowieso nicht
lange hier, was interessiert's mich“ zu behandeln.
Zudem fällt mir da gleich noch ein, dieses ständige
Getrampel, sinnlos an die Wände Geklopfe, das sich
nach 22:00 Uhr lautstark mit anderen zu unterhalten
und die Fenster so schwungvoll zu schließen dass
manch Ältere von uns wahrscheinlich denkt, es ist
wieder Krieg. Na dann herzlichen Glückwunsch zum
erfolgreich abgeschlossenem dissozialen Menschen
ohne Hirn!
Wenn ihr mal alles in eurem Leben so schwungvoll
und mit Elan durchgezogen hättet wie ihr die Fenster
und Türen schließt, wärt ihr wahrscheinlich nicht hier!
Wer sich hier drin schon wie das Letzte benimmt, da
wundert es mich gar nicht, dass gerade diese
mitunter schneller wieder hier drin sind, als das sie
es selbst glauben. So ein asoziales Verhalten nervt,
strengt enorm an und ist absolut unverständlich.
Dass wir uns hier in einer Anstalt befinden ist klar,
aber muss man sich denn auch genauso klischeehaft
verhalten?
Haftmacke, Lautstärke und alles gehört dazu, das ist
mir klar, aber alles in einem gewissen Maße und das
sollte jeder in dem Rahmen einhalten, wie die
Gesellschaft und man selber es auch gern hätte. Ich
kann mir nicht vorstellen, dass es jeder für sich sehr
geil findet, 24/7 unter Dauerbeschallung seinen Tag
rumzubekommen. Gegenseitige Rücksichtnahme ist
das A und O. Sollte sich da jetzt irgendjemand auf
den Schlips getreten fühlen, dem rate ich wärmstens,
sich mal eine Stunde in eine solche Situation zu
begeben. Man stelle sich dann noch vor, einem
selbst geht es nicht gut und dann wird es richtig
„lustig“. An dieser Stelle komme ich zum Ende und
auf den Punkt und bitte um Empathie, Rücksicht-
nahme und Verständnis. Vielleicht auch für die
älteren, betagteren Inhaftierten hier unter uns.
-----------------------
„Und - bist du schon geimpft?“
Auf diese Frage kann man eigentlich jede Woche
warten, irgendjemand wird schon nachfragen. Ob es
natürlich aus eigenes Interesse ist oder um einen zu
verurteilen ist dann natürlich die andere Sache. Mir
persönlich geht das ziemlich auf die Nerven und ich
muss mich wirklich zügeln, um nicht ausfällig zu
werden. Kann nicht jeder selber entscheiden, ob er
sich impfen lassen möchte oder eben noch nicht,
anscheinend nicht, denn wie ich in der Zeit mit
Corona gelernt habe, heißt z. B. Nächstenliebe =
sich impfen lassen; Loyalität = sich impfen lassen;
gesellschaftliche Verantwortung = sich impfen lassen
und wenn ich meine Grundrechte wieder haben
möchte, die ja eigentlich jeder Bürger hat = muss ich
mich natürlich auch impfen lassen. Ist doch völlig
normal, denn so war das schon immer - nicht. Wie
soll das dann bitte ablaufen, man darf bei vollzug-
lichen Freizeitmaßnahmen nur noch teilnehmen -
wenn man geimpft ist. Besuche, Ausführungen und
Ausgänge bekommt man ohne Einschränkungen nur
- wenn man geimpft ist; Anträge werden nach dem
Prinzip geimpft und nicht geimpft sortiert und
bearbeitet. Man wird im Krankenhaus nur noch
behandelt - wenn man geimpft ist, man bekommt
eine Arbeit nur mit der Auflage sich - impfen zu
lassen und irgendwann kommt es dazu, dass man
hier zwei Stationen aufmacht und die Leute trennt in
geimpft und nicht geimpft?!? Ich bin kein Impfgegner
oder gehöre zu den Verschwörungstheoretikern an,
doch man sollte doch mal genau hinschauen, was
hier gerade in der Welt passiert und das ist einfach
nicht normal. Es schleicht sich eine Spaltung der
Bevölkerung ein und die Bürger werden nicht nur von
den Politikern manipuliert, es ist ja auch bald Wahl
und da spielt das allen schön in die Karten. Wir
werden wie Marionetten behandelt, doch warum
aufregen, es funktioniert ja.
200 Millionen Menschen sind oder waren infiziert,
davon sind 16 Millionen gestorben - bei einer
Weltbevölkerung von 8 Milliarden Menschen sind
das 4,2 % Infizierte und 0,02 % Verstorbene. Wenn
man mal bedenkt, wie viele jährlich an Grippe, HIV
oder sexuellem Missbrauch sterben, ist das ein
Tropfen auf den heißen Stein. Natürlich ist mit
diesem Virus nicht zu spaßen und ich möchte das
auch nicht ins Lächerliche ziehen, aber man soll
doch mal bei der Realität bleiben und anderes, was
genau so schlimm ist, nicht einfach wegschieben und
ignorieren. Auf einmal redet man von „Zusam-
menhalt“ und „Gemeinsam schaffen wir das“, aha
das kommt leider etwas spät oder denkt ihr nicht?

image
image
Haft Leben Nr. 71
28
Kirche 2021
Endlich raus - ist ein Thema dieser Ausgabe
der Gefangenenzeitung „HaftLeben“
Endlich raus aus der JVA, endlich raus aus dem
Kreislauf immer gleicher Gedanken im eigenen Kopf,
endlich raus in die Freiheit.
Dieses „endlich raus“ kannten die Menschen in der
Bibel auch. Ziemlich am Anfang - im 2. Buch Mose
wird uns vom Volk Israel erzählt, dass in Ägypten in
Gefangenschaft war. Endlich raus aus Sklaverei und
Gefangenschaft, endlich raus in die Freiheit war die
Sehnsucht auch damals.
Und die Israeliten kamen raus aus Ägypten. Aber
Gott verlangte viel von ihnen. Glauben verlangte er.
Dass sie sich seiner Führung und seiner Vorsorge
anvertrauten. Er weiß den Weg - keiner sonst, auch
Mose nicht. Es wird ein Weg mit vielen Prüfungen
und Widerständen.
Denn die Ägypter hatten inzwischen erkannt, was sie
verloren hatten. Plötzlich waren die billigen Arbeits-
kräfte weg. Sie bereuten ihre Nachgiebigkeit.
Die gesamte Militärmacht des Pharao wurde
aufgeboten, um den alten Zustand wieder
herzustellen. Und so jagte eine mächtige Armee
hinter den wehrlosen, unbewaffneten Auswanderern
her.
Es wundert nicht, dass die Israeliten den Mut
verloren. „Wo ist Gott? Vor uns das Schilfmeer,
hinter uns die Krieger“! Wie sollten die Menschen
ans andere Ufer gelangen? Schon setzten die
Kritiker unter ihnen an zu murren. Vorwürfe tauchten
auf: Das haben wir doch gleich gewusst! Es hat alles
keinen Sinn! Wir wollen lieber Sklaven sein, als dass
wir hier zugrunde gehen.
Doch Gott machte den Weg frei. Die Fluten teilten
sich. Als die Krieger des Pharao hinterher jagten und
das Volk fast eingeholt hatten, kam das Wasser
zurück. Die Wellen schlugen über den Kriegern
zusammen. „Mit Mann und Ross und Wagen, so hat
sie Gott geschlagen“, heißt es in einem alten Lied zu
diesem Bericht. Die Israeliten waren in Sicherheit.
Die Freiheit erscheint jetzt grenzenlos. Und dann
kam der Weg durch die Wüste - nicht die Aussicht
auf blühende Landschaften, auf ein eigenes
zuhause, sondern der Beginn eines Wegs der
Entbehrungen, einer Freiheit, die erst erarbeitet
werden muss.
Freiheit hat also immer zwei Seiten: Sie muss
gewagt und gewonnen werden und sie muss mit
neuem Leben erfüllt werden. In der Geschichte
Israels zeigte es sich immer wieder - und bis heute
ist das eine gültige Erfahrung: Das alles ist nicht
leicht. Gottes Wege zu gehen ist nicht immer
bequem, es ist oft recht mühselig. Doch in den
entscheidenden Situationen steht Gott zu den
Menschen, die ihm vertrauen - vielleicht mehr als
Menschen je füreinander einstehen.
Und dann wäre die Frage: Wie stehen Sie zu IHM?
Trauen Sie sich IHM zu vertrauen!
Mit allen guten Wünschen - vor allem Gottes Segen -
im Namen von Seelsorgerin Anne Straßberger und
dem Schwarzen Kreuz
grüßt Sie sehr herzlich
Maria Claus
Foto: Maria Claus, Privat

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
29
Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 02-2021
1 - A, 2 - A, 3 - B,
4 - B, 5 - A, 6 - B,
7 - C, 8 - D, 9 - C,10 - C, 11 - D, 12 - B,
13 - D, 14 - C, 15 - XXX
Gewonnen haben diesmal:
EG: Heike G.
Stat. 1: Nicole G.
Stat. 2: Dunja F.
Stat. 3: Keine Teilnahme
Stat. 4: Heidi H.
Stat. 5: Alexandra S.
Stat. 6: Keine Teilnahme
Stat. 7: Stephanie G.
Haus III: Jenifer F.
OVA und Mutter und Kind: Keine Teilnahme
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe!)
Herzlichen Glückwunsch!
Die Inhalte der „HaftLeben“ sind urheber-
rechtlich geschützt. Eine kommerzielle Nutzung
ist ohne Zustimmung der Anstaltsleitung der
JVA Chemnitz ausgeschlossen.
Jegliche Reproduktionen von Artikeln, auch nur
auszugsweise, erfordern eine schriftliche
Genehmigung der Anstaltsleitung der JVA
Chemnitz und der Redaktion „HaftLeben“.
Eine kostenfreie Zusendung eines Beleg-
Exemplars ist unabdingbar.
Für namentlich gekennzeichnete Beiträge (alle
angegebenen Kürzel sind mit Klarnamen hinter-
legt), übernimmt die Redaktion lediglich die
presserechtliche Verantwortung, diese müssen
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wiedergeben.
Bei eingesandten Manuskripten und Leserbriefen
setzen wir das Einverständnis zum honorarfreien
Abdruck und zur sinnwahrenden Kürzung voraus.
Für eingesandte Manuskripte, Briefe und Unter-
lagen jeglicher Art wird keine Haftung über-
nommen.
Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam:
fabula, FAM, Jemand, B&F und XY
Lektorat:
BR
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@T-Online.de oder
HaftLeben@Live.de
Seit 2017 online unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/content/950.htm
Redaktionsschluss für die Ausgabe 04/2021:
18.11.2021
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Anschrift der Redaktion “HaftLeben“:
Justizvollzugsanstalt Chemnitz
Redaktion der Gefangenenzeitung „HaftLeben“
Thalheimer Straße 29
09125 Chemnitz
Impressum

image
Haft Leben Nr. 71
30
HL - Rätselseite

image
image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
31
Die besten HL - Rezepte
Petersilien-Pesto-Risotto
2 1/2 Bund Petersilie
3 Knoblauchzehen
60 g Parmesan
6 EL Öl
2 EL Mandelkerne
Salz, Pfeffer
1 Zwiebel
250 g Risottoreis
600 ml heiße Gemüsebrühe
1 EL Butter
2 EL Zitronensaft
Petersilienblätter von 2 Bund grob hacken. 2 Knoblauchzehen hacken. 30 g Parmesan grob reiben. Alles mit
4 EL Öl, Mandeln und etwas Wasser pürieren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Für das Risotto 1/2 Bund Petersilie etwas kleiner zupfen. Zwiebel und eine Knoblauchzehe in feine Würfel
schneiden. Zwiebel und Knoblauch in 2 EL heißem Öl im Topf andünsten. Reis zugeben, kurz mit andünsten.
Dann jeweils die Brühe zugeben, sodass der Reis bedeckt ist und unter rühren aufköcheln lassen, bis die
Flüssigkeit aufgesogen ist. Hälfte Pesto und Butter unterrühren. Risotto mit Zitronensaft, Salz, Pfeffer
abschmecken. Übrige Pesto mit einem Löffel auf dem Risotto verteilen und 30 g Parmesan darüber verteilen.
und mit Petersilie garnieren.
Windbeutel halbiert
250 ml Wasser
1 Prise Salz
50 g Butter
150 g Mehl
4 Eier
Wasser in einem Topf zum Aufkochen bringen und etwas salzen. Butter hineingeben und schmelzen. Alles
an Mehl auf einmal in das Wasser geben und ständig rühren. Auf mittlerer Hitze solange rühren, bis sich ein
Klumpen gebildet hat. Den Teigkloß vom Boden lösen und auf den mittlerweile leer gewordenen Topf etwa
2 min. permanent wenden (brennen). Teig in Rührschüssel geben. Eier einzeln zufügen und mit dem Mixer
einarbeiten. Immer erst das nächste Ei nehmen, wenn das vorhergehende komplett verrührt ist. Backofen
auf 200 °C vorheizen. Windbeutel aufschneiden, auskühlen lassen.
Für die Füllung
150 g Himbeeren
400 g Sahne
Vanille
2 EL Puderzucker
1 Pkg. Sahnesteif
Himbeeren pürieren, alles in allem zu einer festen Masse verarbeiten und auf die Hälften geben.
Alle Abbildungen ähnlich.

image
Haft Leben Nr. 71
32
HL - Rätselseite

image
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
33
HL - Rätselseite

image
34
Haft Leben Nr. 71
HL - Rätselseite

image
image
image
image
Foto: tumblr_nmk323_pixelio.de - powerd by HaftLeben, 03-2021
„Sandras Katze“ - HaftLeben, 03-2021
© Blatt 7, Archiv HaftLeben, 03-2021
© witch-155291, HaftLeben 03-2021

image
image
image
image
Und immer wenn
wir lachen,
stirbt irgendwo
ein Problem!