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SächSiScheS
StaatSarchiv
Sächsisches Archivblatt
Heft 1 / 2021

Seite
1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Andrea Wettmann
9
Aus den Beständen
Wo sind die Rainsteine geblieben? Ein neuer Fund im Sächsischen Staatsarchiv zeigt,
wie eine Karte Teil des frühneuzeitlichen Verwaltungshandelns wurde
Ute Essegern
12
Die Urkunden der Deutschordensballei Thüringen im Sächsischen Staatsarchiv – Eine lückenlose Überlieferungsgeschichte?
Robert Harlaß
14
Die Königlich-Sächsischen (Geheimen) Kommerzienräte im Spiegel der Bestände
Norman Grimm
16
Ich bin dann mal weg – Abschiedsbriefe geflohener Festungsgefangener
Andrea Tonert
18
Meldungen/Berichte
Was lange währt, wird gut! Firmenarchiv der Abraham Dürninger & Co. GmbH Herrnhut erschlossen
und für die Forschung nutzbar
Karsten Sichel
21
Das Universitätsarchiv Chemnitz am neuen Standort in der „Alten Aktienspinnerei“
Stephan Luther
24
Ein Archiv geht online – Die Lebenswelten der Grafen von Lehndorff-Steinort als digitale Edition
Gaby Huch / Frederike Neuber
28
Die Überlieferung der Staatlichen Fachstelle für Büchereiwesen Bautzen im Staatsfilialarchiv Bautzen
Anja Moschke
31
Warnsignal und Öffentlichkeitsersatz – Die Geheimberichte der Staatssicherheit an die SED im Bezirk Karl-Marx-Stadt
Mark Schiefer
34
Ausbildungsoffensive in Permanenz – 20 Jahre FaMI-Ausbildung im Sächsischen Staatsarchiv
Birgit Giese / Thekla Kluttig
36
Ein Bewertungsmodell Liegenschaftsunterlagen
Frank Lehmann
Inhalt

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 1
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Das Staatsarchiv ist trotz aller Einschränkun-
gen vergleichsweise gut durch das Krisenjahr
2020 gekommen. Durch frühzeitiges und be-
sonnenes Handeln auf allen Ebenen konnten
der Dienst- und Lesesaalbetrieb an die sich
immer wieder verändernde Situation ange-
passt und alle wesentlichen Vorhaben fort-
geführt werden. Alle Bediensteten haben sich
mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung
und Kreativität in diesen Prozess eingebracht.
Insofern hat die Krise auch positive Impulse
gegeben und Entwicklungen insbesondere
im Bereich der Informations- und Kommuni-
kationstechnik erheblich beschleunigt. Nicht
zuletzt durch die verstärkte Nutzung von
Telefon- und Videokonferenzen hat sich die
Kommunikation zwischen den Standorten und
Abteilungen intensiviert, und das gegenseitige
Verständnis und Vertrauen sind gewachsen.
Neue Perspektiven der Zusammenarbeit hat
vor allem die Einführung der mobilen Arbeit
eröffnet, von der allerdings nicht alle Bediens-
teten profitieren können. Zudem zeigen die
Reduzierung des Präsenzdienstes und die Ver-
lagerung der Arbeit in das Homeoffice auch
im Staatsarchiv die bekannten negativen Be-
gleiterscheinungen. Persönliche Begegnungen
und gemeinsame Erlebnisse nehmen ab, und
der Zusammenhalt im Staatsarchiv droht lang-
fristig verloren zu gehen. Dieser Entwicklung
gilt es in Zukunft gezielt entgegenzuwirken.
Erhebliche Einschränkungen mussten jedoch
die Benutzerinnen und Benutzer des Staats-
archivs hinnehmen. Vom 16. März bis 4. Mai
und ab dem 14. Dezember 2020 waren die
Lesesäle des Staatsarchivs aus Gründen des
Gesundheitsschutzes geschlossen, in den
dazwischen liegenden Monaten nur für eine
beschränkte Anzahl von Benutzerinnen und
Benutzern nach vorheriger Terminanmeldung
zugänglich. Während des gesamten Berichts-
jahres war das Staatsarchiv an fünf Tagen in
der Woche erreichbar, und Interessierte konn-
ten online in elektronischen Erschließungs-
informationen recherchieren, im Internet
bereitgestellte Digitalisate kostenfrei nutzen,
schriftliche Anfragen stellen, die von Fachar-
chivarinnen und Facharchivaren beantwortet
wurden, und gegen Gebühr Reprographien
von Archivgut bestellen. Trotz des inzwischen
breiten digitalen Angebots war dieser Service
jedoch kein vollständiger Ersatz für die Prä-
senzangebote in den Lesesälen. Die Pandemie
hat wie in so vielen gesellschaftlichen Berei-
chen deutlich gemacht, dass finanzielle Mittel
nicht nur für die Erstellung der Digitalisate
bereitgestellt werden dürfen, sondern dass der
Freistaat auch langfristig in den Aufbau und
den nachhaltigen Betrieb der technischen In-
frastruktur (einschließlich des dafür erforder-
lichen Personals) investieren muss. Dennoch
werden die Bestände des Staatsarchivs auch
mittel- und langfristig nicht vollständig digital
verfügbar sein und der Lesesaal komplett in
den virtuellen Raum verlagert werden können.
Die Personalsituation des Staatsarchivs hat
sich im Berichtsjahr insofern verschlechtert,
als frei gewordene Stellen meist erst nach
Einnahmen und Ausgaben
2019
2020
Isteinnahme (T
) (ohne Fördermittel)
insgesamt
83,80
58,4
Istausgabe (T
)
insgesamt
7.827,70
8.108,70
Personal
6.479,40
6.682,50
Benutzung
265,10
406,00
Verwahrung und Erhaltung von Archivgut
567,70
509,50
Datenverarbeitung
354,60
358,60
Druck von Publikationen
4,50
9,30
Sicherungsverfilmung (Bundesmittel)
156,40
142,80
Personal
2006
2016 **
2020 *
insgesamt
127,88
106,12
101,45
Archiv
70,56
55,44
56,08
Bibliothek
1,50
1,50
1,38
Verwaltung
14,63
15,36
12,00
Magazin
20,44
13,80
12,38
technische Werkstätten
15,75
15,03
13,63
Sonstige (IuK u. AVM)
5,00
5,00
6,00
* Personal-Ist am 31.12.2020 (Stellen im Personalsoll A, ohne Auszubildende,
Anwärter und Referendare)
** Personalbedarf laut Personalkommission
Aushang zur Schließung der Lesesäle
(Foto Birgit Richter)
Am 1. Oktober 2020 übergibt Dr. Volker Jäger, Leiter der Abteilung 3 Staatsarchiv Leipzig, die Amtsgeschäfte an
Dr. Thekla Kluttig (Foto Regine Bartholdt)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 2
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
monatelangen Vakanzen wieder besetzt
werden konnten. Rechnerisch standen vier
Vollzeitstellen weniger zur Verfügung, als die
„Kommission zur umfassenden Evaluation der
Aufgaben, Personal- und Sachausstattung“
des Freistaates zur Aufrechterhaltung des
Betriebs 2016 für notwendig erachtet hatte.
Dabei sind krankheitsbedingte Ausfälle ebenso
wenig berücksichtigt, wie die pandemiebe-
dingten Abordnungen bzw. Zuweisungen von
Bediensteten zur Unterstützung der Gesund-
heitsämter in den Landkreisen und kreisfreien
Städten.
Der fachlichen Orientierung und strategischen
Ausrichtung dienten auch während der Pande-
mie die strategischen Ziele, die im Folgenden
aufgegriffen und mit dem erreichten Sach-
stand untersetzt werden.
Wir erhöhen kontinuierlich die Zahl
der Digitalisate
Für die Digitalisierung von Archivgut hat das
Staatsarchiv im Berichtsjahr rund 158.000
aufgewendet. Mit Hilfe externer Dienstleis-
ter konnten mehr als 5 Mio. Digitalisate von
Mikrofilm und fast 65.000 vom Original an-
gefertigt werden. Mehr als 16.000
wurden
außerdem für die Digitalisierung von audio-
visuellen Medien – 3 Stunden kinematogra-
fischer Film, 880 Stunden Videomaterial und
31 Stunden Audiomaterial – eingesetzt. Der
Anteil des digitalisierten Archivguts beläuft
sich damit inzwischen auf ca. 6 Prozent des
Gesamtbestandes.
Die Digitalisierung des Archivgutes macht
einen stetigen Ausbau der technischen Infra-
struktur zur Speicherung und Onlinestellung
der Digitalisate erforderlich. Da der Markt keine
Lösung anbietet, die mit der Archivsoftware
Wassersäulenmaschine der Grube Segen Gottes Erbstolln (Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg (SächsStA-F),
40044 Generalrisse, Nr. 1-K20034)
Neu beschaffter „Grazer Buchtisch“ zur schonenden
Digitalisierung von Archivgut (Foto Diana Böhmer)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 3
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
des Staatsarchivs auf der einen und dem
Publikationswerkzeug SAX.Archiv zur Online-
Stellung der Digitalisate auf der anderen Sei-
te zusammenarbeitet, wurde ein Dienstleister
mit der Programmierung einer Software zur
Verwaltung der Digitalisate beauftragt. Diese
Dienstleistung kann jedoch voraussichtlich
erst 2021 abgenommen werden. Obwohl an
einem effizienten Workflow zur langfristigen
Sicherung und Verwaltung der großen Da-
tenmengen in der archivinternen Datenbank
und zur Online-Stellung der Digitalisate noch
gearbeitet wird, konnte die Zahl der online
zugänglichen Digitalisate im Berichtsjahr
mehr als verdoppelt werden. Für Benutze-
rinnen und Benutzer standen am Ende des
Jahres fast 3,4 Mio. Digitalisate kostenlos im
Internet bereit. Einem schnelleren Fortschritt
bei der Digitalisierung von Archivgut und der
Online-Stellung der Digitalisate stehen auch
weiterhin Kapazitätsprobleme bei den exter-
nen Dienstleistern und rechtliche Hürden ent-
gegen. Sofern sich im Rahmen der Anpassung
des Urheberrechts an die Erfordernisse des
digitalen Binnenmarktes keine Verbesserungen
ergeben, können Archive nur bei Archivgut, das
vor 1850 entstanden ist, zweifelsfrei von einer
Gemeinfreiheit ausgehen.
Bei der Online-Veröffentlichung der Digita-
lisate wurde ein thematischer Schwerpunkt
auf die Präsentation der Geschichte der
sächsischen Industriekultur sowie der Welt-
erberegion Erzgebirge/Krušnohorˇi gelegt.
Fast 9.000 Karten der Bestände „Deponierte
und Fiskalische Risse zum Erzbergbau“, deren
Digitalisierung aufgrund ihrer herausragen-
den Bedeutung für den Erzbergbau Sachsens
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) gefördert worden war, dokumentieren
die Entwicklung des Montanwesens und den
damit verbundenen Aufstieg Sachsens zu ei-
nem der bedeutenden europäischen Territorien
des 16. bis 18. Jahrhunderts.
Um eine langfristige, künftig auch für Benut-
zerinnen und Benutzer transparente Digitali-
sierungsplanung aufstellen zu können, wurden
Priorisierungskriterien für die Digitalisierung
von Archivgut erarbeitet, die bereits in den
Vorjahren verwendet, aber nach den gemach-
ten Erfahrungen weiter verfeinert worden
sind. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die
nationale bzw. internationale Bedeutung des
Bestandes, die Benutzungsfrequenz sowie der
Erschließungs- und Erhaltungszustand des
Archivguts. Einbezogen werden aber unter an-
derem auch Fragen der Eignung für Projekte
mit Dritten oder der Weiterverarbeitungs-
möglichkeiten z. B. für die Texterkennung, die
Georeferenzierung oder die Verwendung von
Normdaten.
Bei der Bereitstellung des
Archivgutes setzen wir verstärkt
auf moderne Technologien
Im Mittelpunkt bei der Erreichung dieses stra-
tegischen Ziels stehen der kontinuierliche Aus-
bau des Online-Angebots des Staatsarchivs
und die Optimierung seiner Benutzerfreund-
lichkeit. Im Berichtsjahr wurde der Webauftritt
barrierefrei gestaltet, um ihn auch Menschen
mit Behinderung grundsätzlich zugänglich zu
machen. Die neu bereitgestellte Panoramatour
durch das Staatsarchiv Leipzig steht sinnbild-
lich für den Anspruch, archivische Dienstleis-
tungen an allen fünf Standorten modern und
benutzerfreundlich zu präsentieren. Darüber
hinaus sind erste konzeptionelle Vorberei-
tungen getroffen worden, um den geplanten
Webrelaunch an einen Dienstleister vergeben
und realisieren zu können.
Die ansteigende Zahl an Zugriffen auf die
Website zeigt, dass dieses Angebot auf stetig
wachsendes Interesse stößt. Während 2019
noch 1,2 Mio. Klicks gezählt wurden, waren
es 2020 bereits 1,4 Mio. Die Erschließungs-
informationen und die Digitalisate des Staats-
archivs wurden von Besucherinnen und Be-
suchern der Website besonders nachgefragt.
Zu dieser wachsenden Benutzungsfrequenz
trägt zum einen die Präsentation der Daten
in Portalen wie dem Archivportal-D oder dem
Archivportal Europa bei. Der Zugriff steigt zum
anderen aber auch durch die zunehmende
Vernetzung der Daten des Staatsarchivs mit
denen seiner Partner. Beispielhaft ist hier die
Website des Instituts für Sächsische Geschich-
te und Volkskunde (ISGV) zu den sächsischen
Gerichtsbüchern zu nennen, die 2020 um die
erforderlichen Hyperlinks ergänzt wurde, so
dass Forscherinnen und Forscher nach ei-
ner Orts- oder Gerichtsrecherche nun direkt
zu den Digitalisaten der Gerichtsbücher im
Online-Informationssystem des Staatsarchivs
gelangen. Damit haben Benutzerinnen und
Benutzer einen komfortablen, direkten Zugriff
nicht nur auf die Erschließungsinformatio-
nen, sondern auch auf die Quellen selbst, die
in besonders hoher Dichte Rechtsgeschäfte
vom ausgehenden Mittelalter bis zur Mitte des
19. Jahrhunderts für nahezu alle Orte Sachsens
dokumentieren.
Obwohl sich das digitale Angebot fortlaufend
verbessert, wird die Benutzung des originalen
Archivgutes auch weiterhin zu einem großen
Teil in den Lesesälen stattfinden. Auch hier
steht den Benutzerinnen und Benutzern mo-
dernste Technik zur Verfügung, um an Film-
und Archivgutscannern selbst Reprografien
anzufertigen. Um dieses Serviceangebot
weiter zu verbessern, wurde im Berichtsjahr
die Möglichkeit geschaffen, Kopien von dafür
geeignetem Archivgut auch mit eigenem Ge-
rät, also z. B. mit einem Handy, anzufertigen.
Dieses Angebot wird rege genutzt. Es hat aber
auch zu einer Verringerung der Gebühren-
einnahmen geführt, die wiederum nicht für
weitere Digitalisierungsmaßnahmen zur Ver-
fügung stehen. Zur Reduktion der Einnahmen
trägt außerdem die pandemiebedingte Schlie-
ßung der Lesesäle bzw. die verminderte Anzahl
Panoramatour Staatsarchiv Leipzig, Screenshot „Treffpunkt“ (Produzent pixacon-360 Grad)
Selbstfotografie (Foto Sylvia Reinhardt)

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an Benutzerplätzen bei. Statt an 175 Tagen wie
im Vorjahr war das Staatsarchiv 2020 nur an
149 Tagen geöffnet. Die Anzahl der Benut-
zertage reduzierte sich in dieser Zeit um rund
35 % und sank auf 6.334.
Die Digitalisierung nahezu aller Arbeitsabläufe
in der Verwaltung führt dazu, dass auch im
Staatsarchiv immer mehr Daten erstellt, ver-
arbeitet und online bereitgestellt werden. Um
der gewachsenen Bedeutung der Informa-
tionssicherheit Rechnung zu tragen, wurde
im Staatsarchiv erstmals die Funktion eines
Beauftragten für die Informationssicherheit
geschaffen, der gemeinsam mit der Behör-
denleitung für die Umsetzung des Sächsischen
Informationssicherheitsgesetzes verantwort-
lich ist. Er baut in Abstimmung mit dem Be-
auftragten des Landes ein systematisches
Informationssicherheitsmanagement auf,
unterstützt das Sachgebiet Informations-
und Kommunikationstechnik bei der Umset-
zung der erforderlichen Maßnahmen und ist
Ansprechpartner für alle Bediensteten. Erst-
mals absolvierten 2020 alle Bediensteten des
Staatsarchivs ein E-Learning-Selbstlernmodul
zur Informationssicherheit am Arbeitsplatz.
Alle Findmittel werden
elektronisch erfasst
Moderne Technologien können nur dann zur
Bereitstellung des Archivgutes eingesetzt
werden, wenn das Archivgut selbst oder zu-
mindest die das Archivgut beschreibenden
Daten in digitaler Form vorliegen. Bei elek-
tronischen Akten oder Daten aus Fachver-
fahren, die das Staatsarchiv übernimmt, ist
beides der Fall. Allerdings legt die Verwaltung
diese elektronischen Unterlagen – ebenso wie
ihre papierbasierten Vorläufer – zur internen
Nachweisführung und Prozesssteuerung an.
Sie können daher in der Regel nicht unbearbei-
tet als Findmittel verwendet werden, sondern
müssen von Archivarinnen und Archivaren so
aufbereitet werden, dass sie auch für Zwecke
der Archivbenutzerinnen und -benutzer ver-
wendbar sind.
Anders sieht dies bei den Unterlagen in Pa-
pierform aus, von denen sich noch hunder-
te von Kilometern in den Registraturen der
Behörden und Gerichte befinden. Sofern sie
bereits in Registraturprogrammen erfasst sind,
werden beschreibende Daten in digitaler Form
mit den Unterlagen in das Staatsarchiv über-
nommen. Andernfalls sind sie von den abge-
benden Stellen nach den Vorgaben des Archivs
so zu erfassen, dass die Daten zumindest als
Grundgerüst für eine archivische Erschließung
dienen können.
Aber auch in den Magazinen des Staats archivs
befinden sich noch große Mengen von Archiv-
gut, zu denen kein elektronisches Findmittel
vorliegt. Die Retrokonversion der Findmittel –
also die Umwandlung von Karteien und Find-
büchern in eine maschinenlesbare Form –
wird daher seit über zwanzig Jahren mit hoher
Priorität vorangetrieben. Für die Beauftragung
externer Dienstleister standen dem Staatsarchiv
im Berichtsjahr erneut 100.000
an Eigenmitteln
und ein fast gleicher Betrag an Fördermitteln
der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur
Verfügung. Darüber hinaus trugen in diesem
Jahr auch die Bediensteten des Staatsarchivs in
besonderem Maße zur Digitalisierung der Find-
mittel bei. Insbesondere während des ersten
Lockdowns, aber auch in den darauffolgenden
Monaten, wurde die Zeit im Homeoffice intensiv
genutzt, um die Zugänglichkeit des Archivgutes
zu verbessern. Während der Umfang der elektro-
nisch erfassten Archivalien 2019 bereits um 4 %
gesteigert werden konnte, waren es 2020 mehr
als 6 %. Im Ergebnis sind inzwischen rund 65 %
des Archivgutes elektronisch erfasst.
Einer vollständigen Online-Stellung der Er-
schließungsinformationen stehen vor allem
die geltenden archivgesetzlichen Schutzfristen
entgegen. Erst wenn ein „virtueller Lesesaal“
eingerichtet ist, in dem Anträge auf Schutz-
fristenverkürzung elektronisch bearbeitet und
personenbezogene Daten in einem geschütz-
ten virtuellen Raum bereitgestellt werden
können, wird eine Online-Bereitstellung auch
dieser Daten möglich sein. Derzeit verfügt in
Deutschland jedoch noch kein Archiv über
eine solche Möglichkeit. Das Staatsarchiv
stellte 2020 über 70 % seiner elektronischen
Erschließungsdaten zu fast 50 % seines Ge-
samtbestandes online. Im Vergleich zu den
übrigen deutschen Landesarchiven belegt es
damit einen der vorderen Plätze.
Wir konzentrieren uns auf die
Überlieferung der wichtigsten
anbietungspflichtigen Stellen
Alle Behörden, Gerichte und sonstigen öffentli-
chen Stellen des Freistaates – insgesamt 204 an
der Zahl – sind nach dem Sächsischen Archiv-
gesetz verpflichtet, dem Staatsarchiv alle Un-
terlagen spätestens nach 30 Jahren zur Über-
nahme anzubieten. Hinzu kommen 23 Stellen
des Bundes, deren örtliche Zuständigkeit sich
auf Sachsen erstreckt. Das Staatsarchiv ent-
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 4
Dem Staatsarchiv zur Bewertung angebotene Unterlagen (in km)

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scheidet innerhalb von sechs Monaten über
den bleibenden Wert dieser Unterlagen und
übernimmt den archiv würdigen Teil.
Im Berichtsjahr sind der Anbietungspflicht 122
Stellen nachgekommen. Während sich diese
Zahl im Vergleich zu 2019 kaum verändert
hat, legen die sprunghafte Zunahme an An-
bietungen und an angebotenen Unterlagen die
Vermutung nahe, dass viele Registraturen die
Corona-Pandemie genutzt haben, um ihre Alt-
akten auszusondern. Die Zahl der Anbietungen
ist um 30 % gestiegen, der Umfang der ange-
botenen Unterlagen sogar um mehr als 45 %.
Insgesamt hat das Staatsarchiv fast 30 km
Unterlagen bewertet, von denen nur etwa 1 %
archiviert wurden. Die nicht archivwürdigen
Unterlagen werden von den anbietungspflich-
tigen Stellen nach Abschluss des Verfahrens
datenschutzgerecht vernichtet.
Diese seit Jahren sehr niedrige Übernahme-
quote bedeutet jedoch nicht, dass von jeder
Anbietung grundsätzlich nur 1 % der Unter-
lagen archiviert wird. Vielmehr werden archiv-
fachliche Kriterien angewendet und nachvoll-
ziehbar dokumentiert, um den bleibenden Wert
dieser Unterlagen – wie es im Archivgesetz
heißt – „für Gesetzgebung, Rechtsprechung,
Regierung und Verwaltung, für Wissenschaft
und Forschung oder für die Sicherung be-
rechtigter Belange betroffener Personen und
Institutionen oder Dritter“ zu bestimmen. Dies
kann im Einzelfall dazu führen, dass ein erheb-
lich größerer Teil oder sogar sämtliche ange-
botenen Unterlagen übernommen werden. Im
Berichtsjahr war dies z. B. bei der noch nicht
abgeschlossenen Bewertung von Gefangenen-
akten der Justizvollzugsanstalten aus der Zeit
vor 1990 der Fall, ebenso wie bei den Unter-
lagen, die die Untersuchungsausschüsse des
Sächsischen Landtages von den Staatsanwalt-
schaften oder der Polizei herangezogen hatten,
um mögliche Versäumnisse der Behörden im
Umgang mit der Terrorgruppe „Nationalso-
zialistischer Untergrund (NSU)“ aufzuklären.
Ein probates Mittel, um den Prozess der Bewer-
tung sowohl für die Behörden und Gerichte als
auch für das Staatsarchiv planbar und effizient
zu gestalten, sind sogenannte Bewertungsmo-
delle. Nach aufwändiger Analyse der Aufgaben
und des daraus entstehenden Schriftgutes einer
anbietungspflichtigen Stelle werden die Ent-
scheidungen über die Archivwürdigkeit pro-
spektiv getroffen und auch für die späteren
Benutzerinnen und Benutzer transparent do-
kumentiert. Im Berichtsjahr wurde ein solches
Modell nach jahrelanger Vorarbeit gemeinsam
mit dem Staatsbetrieb Geobasisinformation und
Vermessung Sachsen (GeoSN) für das staatliche
Liegenschaftskataster in Kraft gesetzt und im
Internet veröffentlicht. Damit ist sichergestellt,
dass das amtliche Verzeichnis aller Grundstücke
im Freistaat Sachsen künftigen Generationen
auch dann noch zur Verfügung steht, wenn
es für die tägliche Arbeit der Vermessungsbe-
hörden im Original nicht mehr benötigt wird.
Die Überlieferung elektronischer Unterlagen
wird aktiv ausgeweitet
Der Bestand an elektronischen Archivalien (so-
genannte Archivinformationspakete, AIP) ist
2020 um 13 % von 849 auf 962 angestiegen.
Der Gesamtumfang an elektronischem Archiv-
gut von ca. 2,6 Terabyte bleibt noch immer
relativ gering, da bisher vor allem Daten aus
älteren Fachverfahren archiviert wurden, die
vergleichsweise wenig Speicherplatz benöti-
gen. Außerdem kann die für 2020 angekündig-
te Übernahme von Orthofotos voraussichtlich
erst 2021 erfolgen.
Das Sachgebiet Elektronische Archivierung
tritt jedoch nicht erst in Aktion, wenn die elek-
tronischen Unterlagen von den Facharchiva-
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 5
Elektronisches Archivgut (AIP)
Katasterneuaufnahme [Dresden-]Cunnersdorf, 1869 (Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden
(SächsStA-D), 13657 Katasterkarten, Nr. B 142)

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rinnen und -archivaren bewertet wurden und
zur Übernahme anstehen. Es bringt sich schon
im Vorfeld in den Prozess der Archivierung ein,
um die Entstehung künftig benutzbarer Ar-
chivinformationspakete und ihre reibungslose
Übernahme in das elektronische Staatsarchiv
sicherzustellen. Von weitreichender Bedeutung
für die gesamte sächsische Landesverwaltung
ist der Pilot zur Aussonderung von elektroni-
schen Akten, der 2020 unter der Federfüh-
rung des bei der Staatskanzlei installierten
„Kompetenzzentrums Vorgangsbearbeitung“
mit ausgewählten Behörden vorangetrieben
wurde. Das Staatsarchiv ist außerdem eng ein-
gebunden in das Vorhaben des Justizministe-
riums, mit dem bis 2025 in allen sächsischen
Gerichten die elektronische Verfahrensakte
eingeführt werden soll. Völliges Neuland wur-
de mit der ersten Übernahme von Nachrichten
aus dem vom Innenministerium betriebenen
Twitter-Kanal betreten. Hierbei galt und gilt
es nicht nur die Frage des bleibenden Werts,
sondern auch rechtliche und technische Fra-
gen der Archivierbarkeit zu klären. Um die
Nutzung dieses Mikrobloggingdienstes für
die Information und die Kommunikation des
Innenministeriums mit der Bevölkerung zu do-
kumentieren, sind alle seit 2014 entstandenen
Tweets archiviert worden.
Das Archivgut wird komplett
fachgerecht verpackt
Die fachgerechte Verpackung von Archivgut
stellt eine der effizientesten Maßnahmen
der Bestandserhaltung dar. Für die zentrale
Beschaffung des dabei verwendeten spe-
ziellen Verpackungsmaterials standen dem
Staatsarchiv auch 2020 rund 100.000
zur
Verfügung. Damit konnte der Anteil des ver-
packten Archivgutes inzwischen auf über 99 %
gesteigert werden. Die in der Vergangenheit
verwendeten Verpackungsmaterialien ent-
sprechen jedoch nur teilweise den heutigen
fachlichen Anforderungen. Insbesondere die
Kartons aus der Zeit vor 1990 enthalten saure
oder andere papierzerstörende Materialien und
müssen schrittweise ausgetauscht werden.
Das Staatsarchiv wird für diese Aufgabe da-
her auch künftig erhebliche Mittel einsetzen
müssen.
Die technische Bearbeitung des Archivgutes,
also die Reinigung und Entmetallisierung der
Bestände, erledigen unter der Anleitung des ei-
genen Fachpersonals zahlreiche Hilfskräfte. Da
die eingesetzten Menschen mit Behinderung
und die geringfügig Beschäftigten während
des Lockdowns und auch in den Folgemonaten
aus Gründen des Gesundheitsschutzes nur
mit Einschränkungen in den Werkstätten des
Staatsarchivs arbeiten konnten, hat sich die
erbrachte Leistung im Berichtsjahr rückläufig
entwickelt. Im Ergebnis konnten 1.187 Meter
Archivgut und 4.162 Einzelarchivalien tech-
nisch bearbeitet werden.
Wir konzentrieren die Bestandserhaltung
auf die Bestände mit hoher Priorität
Das Staatsarchiv hat bereits 2014 ein Ver-
fahren zur Priorisierung der zu behandelnden
Bestände eingeführt, das nicht nur einfach
anwendbar ist, sondern auch eine langfristige
Maßnahmenplanung und einen kontinuierli-
chen Abfluss der Haushaltsmittel gewährleis-
tet. Auf dieser Grundlage können die im Ver-
hältnis zum geschädigten Archivgut geringen
personellen und finanziellen Ressourcen am
effektivsten eingesetzt werden. Da der Betrieb
der Werkstätten nach dem ersten Lockdown
unter strengen Hygienemaßnahmen wieder
aufgenommen werden konnte, ist in diesem
Bereich kein gravierender, pandemiebedingter
Rückgang zu verzeichnen. Im Archivzentrum
Hubertusburg wurden 2020 ca. 85 Meter
Akten und über 6.000 Einzelblätter behan-
delt. An Fremdfirmen wurden Aufträge für
die Bearbeitung von fast 125 Metern sowie
fast 900 audiovisuellen Medien vergeben und
über 11.300 Fotos für die Vergabe vor- und
nachbereitet. Im Rahmen der landeseigenen
Schutz- und der aus Bundesmitteln finan-
zierten Sicherungsverfilmung konnten mit
rund 670.000 Aufnahmen mehr als 150 Meter
Archivgut verfilmt werden. Diese Filme wer-
den vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz
und Katastrophenhilfe (BBK) zur Sicherung
des Kulturguts im Katastrophenfall zentral in
einem Stollen in der Nähe von Freiburg im
Breisgau gelagert, dem sogenannten Zentralen
Bergungsort für Kulturgutschutz (ZBO).
Im Berichtsjahr wurde auch die Zusammenar-
beit mit anderen Kulturgut verwahrenden Ein-
richtungen im Rahmen der Notfallprävention
fortgesetzt. Während in Dresden, Leipzig und
Freiberg bereits Notfallverbünde zur gegensei-
tigen personellen und materiellen Hilfestellung
im Ernstfall bestehen, befindet sich der Notfall-
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 6
Orthofoto in Infrarot mit Geodaten (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig (SächsStA-L), 22077 Staatliches
Amt für Landwirtschaft Mockrehna)

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verbund Chemnitz nach wie vor in Gründung.
Der Notfallverbund Freiberg konnte im Februar
noch einen zweitägigen Notfallworkshop in
Präsenz durchführen, welcher von der Kus-
todie der Bergakademie Freiberg ausgerichtet
wurde. Die Teilnehmenden gewannen wichtige
Erkenntnisse über die Ablauforganisation, den
Umgang mit Kulturgut und die Unterschiede
bei der Notfallbehandlung von Archiv- und
Bibliotheksgut. Ein erfolgreiches Ende fand
nach zehn Jahren die Kooperation mit dem
Historischen Archiv der Stadt Köln. Nach dem
Einsturz des Archivs 2009 waren in Räumen
und z. T. mit der Technik des Archivzentrums
Hubertusburg beschädigte Archivalien vaku-
umgetrocknet und trockengereinigt worden.
Sie sind heute sowohl im Original als auch in
digitaler Form wieder benutzbar.
Wir etablieren die Marke Staatsarchiv
In diesem von der Corona-Pandemie dominier-
ten Jahr mussten nicht nur die Pläne zur Ent-
wicklung einer Marke zurückgestellt, sondern
auch fast alle Veranstaltungen abgesagt oder
verschoben werden. Nur der Tag der Archive
am 7. und 8. März, als die Pandemie bereits
grassierte, die Gefahren und Auswirkungen
aber noch nicht allgemein bekannt waren, hat
noch stattgefunden. Mehr als 800 Besuche-
rinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit,
im Rahmen dieser bundesweiten Veranstal-
tung unter dem Titel „Kommunikation. Von
der Depesche bis zum Tweet“, ein vielfältiges
Programm aus Führungen, Filmpräsentatio-
nen, Mitmachprojekten oder Informationen zu
Aufgaben und Beständen zu besuchen.
Mehrere Veranstaltungen und Online-Präsen-
tationen des Staatsarchivs waren 2020 auf die
4. Sächsische Landesausstellung „Boom. 500
Jahre Industriekultur in Sachsen“ ausgerichtet,
die pandemiebedingt und mit Einschränkun-
gen erst am 11. Juli eröffnet werden konnte.
Dort wurden nicht nur Leihgaben im Origi-
nal und Reproduktionen von Archivgut aus
den Beständen des Staatsarchivs präsentiert.
Vielmehr bot die Landesausstellung auch eine
Gelegenheit, auf die 26 Kilometer Wirtschafts-
archivgut des Staatsarchivs und deren Nut-
zungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen.
Geblieben sind die mehr als 1,5 Mio. Digitali-
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 7
Tag der Archive im Hauptstaatsarchiv Dresden, Roland Pfirschke mit Besuchergruppe (Foto Sylvia Reinhardt)
Verpackungszustand (geschätzt) in laufenden Metern (lfm)

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sate und fast 2,8 Mio. Erschließungsdaten-
sätze zum Thema „Industriekultur“, die auch
weiterhin online genutzt werden können. Sie
bieten eine erste Grundlage, um sich u. a. mit
den Themen Bergbau, Maschinenbau, Fahr-
zeugbau, Handel und Banken, Textilwirtschaft
oder Verlagswesen in Sachsen zu befassen.
Die durch die Absage von Veranstaltungen
gewonnene Zeit wurde u. a. dafür genutzt,
zwei Online- Ausstellungen zu veröffentlichen.
Die Ausstellung des Staatsarchivs Leipzig „Ma-
ximilian Speck von Sternburg und seine Erben“
präsentiert Archivalien zum bedeutenden Leip-
ziger Wollhändler, international geschätzten
Fachmann für Schafzucht, renommierten
Kunstsammler und seiner weit verzweigten
Familie. Die Schau des Bergarchivs „Erbe Do-
kumente. Zeugnisse der Montanregion aus
dem Bergarchiv Freiberg“ zeigt ausgewählte
Stücke zum UNESCO-Welterbe Montanregion
Erzgebirge/Krušnohorˇi.
Ausblick
Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Archiv-
blatts scheint die dritte Welle der Pandemie
gebrochen zu sein. Die Lesesäle des Staats-
archivs sind an den Standorten, an denen die
Inzidenz stabil unter 100 liegt, nach langer
Schließung wieder geöffnet. Ein großer Teil
der Bediensteten arbeitet noch im Homeoffice,
und an den Standorten gelten nach wie vor
strenge Hygienemaßnahmen.
In den nächsten Wochen und Monaten wird
es vor allem darauf ankommen, die Infektions-
zahlen weiterhin gering zu halten, damit die
Lesesäle geöffnet bleiben und die wichtigs-
ten der für 2021 geplanten Arbeitsvorhaben
umgesetzt werden können. Im Rahmen der
vorläufigen Haushaltsführung sind in den
zurückliegenden sechs Monaten nur unauf-
schiebbare Ausgaben getätigt worden. Sobald
die Haushaltsmittel zugewiesen sind, die der
Sächsische Landtag für den Doppelhaushalt
2021/22 beschlossen hat, können die für
2021 geplanten Vergabeverfahren eröffnet
und erforderliche Beschaffungsmaßnahmen
durchgeführt werden. Nicht zuletzt wegen
der begrenzten Kapazitäten der zu beauftra-
genden Dienstleister werden jedoch voraus-
sichtlich nicht alle Vorhaben realisiert werden
können.
Wann eine Rückkehr zu einem normalen
Dienstbetrieb möglich sein wird, ist indes noch
nicht absehbar. In jedem Fall wird sich der
Betrieb von dem der Vorjahre deutlich unter-
scheiden. Das mobile Arbeiten und die Video-
konferenzen sind nicht mehr wegzudenken,
Besprechungen werden vermutlich häufiger,
Dienstreisen hingegen seltener stattfinden.
Auch das Angebot für Benutzerinnen und
Benutzer wird sich künftig noch stärker in
den virtuellen Raum verlagern. Ebenso wie
für die Veranstaltungen des Staatsarchivs sind
hierfür bestehende Konzepte zu überdenken
und neue Formate zu entwickeln. Dennoch
wird auch in Zukunft die Arbeit am und mit
dem originalen Archivgut für Archivarinnen
und Archivare ebenso wie für Benutzerinnen
und Benutzer unverzichtbar bleiben. Um die
Arbeit im Präsenzdienst und die Benutzung im
Lesesaal gewährleisten zu können, wird auch
das Staatsarchiv angemessene Regeln und
präventive Konzepte zur Vermeidung bzw. zum
besseren Umgang mit künftigen Pandemien
dauerhaft etablieren.
Andrea Wettmann
(Sächsisches Staatsarchiv,
Direktorin)
Jahresbericht Sächsisches Staatsarchiv 2020
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Werbeplakat „Autobahn-Ferngang“ der Auto Union AG von 1938 (Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz
SächsStA-C), 31050 Auto Union AG, Chemnitz, Nr. P 30)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 9
Wo sind die Rainsteine geblieben? Ein neuer Fund im
Sächsischen Staatsarchiv zeigt, wie eine Karte Teil des
frühneuzeitlichen Verwaltungshandelns wurde.
Im Herbst des Jahres 1556 ist bei dem Königs-
felder Gutsbesitzer Nicol (Niklas) von Ende
das Maß voll. Er duldet nicht länger die „An-
maßungen“ der Geithainer Bürger, wenn es
um die Rechte an seinem zwischen Geithain
und Rochlitz liegenden Grundstück geht, die
Zahnheide genannt. Immer wieder würden
die Geithainer die bestehenden Ackergren-
zen missachten, sogar offensichtliche Wege
überpflügen, so seine Klage, die er an das
Oberhofgericht nach Leipzig schickt. Im No-
vember 1556 beginnt ein aufwändiges Verfah-
ren zwischen ihm und dem Rat von Geithain,
welches sich bis 1562 hinzieht und vier dicke
Aktenkonvolute mit Zeugenbefragungen und
12439/04 und Loc. 12439/05 überliefert sowie
im Bestand 20443 Rittergut Königsfeld in der
Akte Nr. 1444. Anfangs ist der Oberhofrichter
Dr. Melchior von Osse (1506/07–1557) mit
dem Fall betraut. Wer nach seinem Tod den
Fall übernahm, kann heute leider nicht mehr
eindeutig ermittelt werden. Melchior von Osse
bestellt die Amtsleute (Schösser) von Colditz
und Rochlitz zu Commissarien, um vor Ort
die strittige Stätte zu besichtigen, um Ermitt-
lungen und Zeugenbefragungen durchzu-
führen. Zeugen beider Seiten berichten ihnen
von Wegen, Teichen und Feldern, von alten
Rainsteinen, führen die Besitzer benachbarter
Grundstücke als Zeugen ins Feld, geben detail-
Gutachten füllt. Es geht dabei um die Frage der
Grenzziehung, des Nachweises der Rechtmä-
ßigkeit dieser Grenzen und der ursprünglichen
Verortung der grenzbestimmenden Rainsteine.
Neben dem Rat von Geithain werden auch
der Geithainer Ratsherr Matthes Große und
der Geithainer Geleitsmann Franz Schmidt
verklagt.
Die archivische Überlieferung
Der Gerichtsprozess ist im Sächsischen Staats-
archiv im Bestand 10082 Oberhofgericht
Leipzig in den drei Akten Loc. 12439/03, Loc.
Streitkarte (SächsStA-D, 10082 Oberhofgericht
Leipzig, Loc. 12439/04, Bl. 102)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 10
lierte Beschreibungen der Gegebenheiten vor
Ort ab. Eine Begehung findet am 26. April 1557
in Gegenwart der Beklagten statt. Im Ergebnis
lassen die Amtsschösser zur Visualisierung der
von ihnen aufgenommenen Aussagen eine
Zeichnung anfertigen, die sich heute in dem
Archivale Sächsisches Staatsarchiv, Haupt-
staatsarchiv Dresden (SächsStA-D), 10082
Oberhofgericht Leipzig, Loc. 12439/04, auf
Blatt 102 befindet. Bisher unbekannt, wurde
die Karte im Rahmen der archivischen Erschlie-
ßung entdeckt.
Dargestellter Raum
Bei der 55 x 90,5 cm großen Karte handelt
es sich um eine aufwändig farbig gestaltete,
sogenannte „Augenscheinkarte“ bzw. „Streit-
karte“. Auch wenn bei der Besichtigung vor
Ort der Kläger fehlte, wie der Kartenlegende
zu entnehmen ist, visualisiert sie dennoch die
Position beider Seiten. Auf der Rückseite der
Karte sind die Streitparteien noch einmal ge-
nannt: der Kläger „Her Nicklas von Ende“ und
der Beklagte „Rat zue Geitann“.
Die mit Wasserfarben kolorierte Bildkarte, de-
ren Urheber leider weder auf der Karte, noch
in den Akten erwähnt wird, ist einer mittel-
alterlichen Tradition folgend nach Osten aus-
gerichtet. Am oberen Bildrand - in Richtung
Osten („Aufgang“) – ist Königsfeld („Kongis-
feld“) erkennbar, rechts daneben, also südlich,
der Rochlitzer Berg („Rachlitzer Bergk“). Links
auf der Karte im Norden führt eine mit „L“
gekennzeichnete Straße von Geithain nach
Nauenhain und weiter nach Colditz. Die Stra-
ße ist von Feldern umgeben (M), welche als
„Ottenhainische Güter“ bezeichnet werden.
Im Mittelpunkt der Zeichnung liegt ein Teich,
aus dem ein Bach in westlicher Richtung aus-
läuft. In der zur Karte korrespondierenden Akte
wird zudem ein „Holtze die Struete genannt“
erwähnt. Soweit die sichtbaren räumlichen
Gegebenheiten.
Ausgehend von den heute zwischen Geithain
und Königsfeld liegenden zwei Ortschaften
„Haide“ und „Mark Ottenhain“ sowie dem
dazwischen liegenden Waldgebiet „Struth“
ist hier die historische Karte zu verorten. Der
Ursprung der heutigen Siedlung Haide ist in ei-
nem erst 1618 gegründeten Vorwerk Heyden-
haus zu suchen, das zum Rittergut Königsfeld
gehörte. Auf der von Geithain nach Nauenhain
führenden „Colditzer Straße“ (S 44) liegt heute
der zur Stadt Geithain zählende Ortsteil „Mark
Ottenhain“. Ottenhain selbst ist 1551 als eine
zum Rittergut Gnandstein zählende Wüstung
belegt. Um 1791 gehörten Flurstücke aber
auch anteilig der Stadt Geithain. In dem an-
https://www.openstreetmap.de/karte.html?zoom=14&lat=51.05954&lon=12.71888&layers=B000TF
(Aufgerufen 23.03.2021)
Gegenüberstellung von aktueller Karte (links) und historischer Karte (rechts) mit ungefährer Einnordung.
Bild links:
https://www.openstreetmap.de/karte.html?zoom=16&lat=51.06465&lon=12.71963&layers=B000TF

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 11
grenzenden Waldgebiet „Struth“ gibt es heute
noch zwei Teiche: den nördlicher gelegenen
Kunzenteich sowie den südlicheren vom Kalk-
bach gespeisten Schwemmteich. Vergleicht
man die nicht maßstabsgerechte historische
Zeichnung mit heutigem Kartenmaterial, so
lassen sich übereinstimmende Merkmale am
westlichen Ende des Waldgebietes erkennen:
Noch heute verläuft hier die Grenze zwischen
den beiden Landkreisen Leipzig und Mittel-
sachsen entlang des Kalkbachs und biegt am
Waldrand nördlich in Richtung „Colditzer Stra-
ße“ ab. Dem alten und heutigen Grenzverlauf
folgend, befindet sich hier das strittige Gebiet.
Der alte Teich ist heute nicht mehr vorhanden
(siehe Gegenüberstellung S. 10).
Dargestellter Streitfall
Der in der Karte abgebildete Teich ist in wei-
ten Teilen von der „Zahnheide“ (auch „Zanner
Heide“ oder „Zanheide“ genannt) umgeben
und zählt zum Königsfelder Besitz. Den Teich
und den Teichdamm habe vor Jahren Götz von
Ende (1449–1527) teilweise auch auf Otten-
hainischem Boden anlegen lassen, so die Gei-
thainer. Dafür habe der von Ende den Geithai-
nern andere Feldstücke übergeben, führen die
Beklagten an. Die ursprünglich vorhandenen
Rainsteine seien verbaut und beseitigt wor-
den, so dass jetzt eine klare Grenzziehung
nicht mehr möglich sei, so die Beklagten wei-
ter. Der Kläger hingegen verweist auf noch
sichtbare Steine, auf alte Markierungen und
auf die Aussagen seiner Zeugen. Während der
Kläger davon ausgeht, dass die Geithainer als
Kompensation ein mit „B“ gekennzeichnetes
Feld erhalten haben, behaupten die Geithainer,
dass die in der Karte mit „E“ gekennzeichnete
und bis zur Straße reichende Flur als Teil des
Ottenhainer Guts (in den roten mit „G“ be-
schrifteten Grenzen) ihnen gehöre. Nicol von
Ende beansprucht dieses Gebiet aber als Teil
der Zahnheide (in den blauen mit „A“ beschrif-
teten Grenzen) für sich. Mittlerweile hatte der
Geithainer Geleitsmann Franz Schmidt bereits
Tatsachen geschaffen und auf dem mit „F“
bezeichneten Gebiet Bäume schlagen sowie
den Boden umackern lassen. Ein zweiter strit-
tiger Punkt ist mit weiß und „K“ eingezeichnet.
Darüber sei „in Vorfertigung des abriess hart
gestritten worden“, kann in der Kartenlegende
nachgelesen werden.
Im Laufe des Prozesses beharren beide Seiten
auf ihren Positionen. Auch umfangreiche Zeu-
genbefragungen führen zu keinem Ergebnis.
Einen (vorläufigen?) Abschluss bildet der am
21. Februar 1562 gerichtlich angeordnete Ver-
such einer nochmaligen außergerichtlichen
Einigung, zu der als Vermittler die Adligen
Haugold/Hauboldt von Einsiedel (1521–1592),
Bernhard von Creutz (?–1612) und Abraham
von Bock (1531–1601) gerichtlich hinzugezo-
gen werden. Die Kontrahenten werden aufge-
fordert, „allen möglichen Fleiß“ aufzuwenden,
damit sich die Parteien „in Güte“ vergleichen.
Leider enden damit die Verfahrensakten. Ein
möglicherweise gesprochenes Urteil ist nicht
überliefert. Die korrespondierende Urteils-
sammlung des Leipziger Oberhofgerichts für
die Jahre 1554 bis 1582 fehlt heute. Es ist
jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich die Kon-
trahenten tatsächlich außergerichtlich einigen
konnten.
Augenscheinkarten im Archiv
Der steigende Wunsch nach mehr Rechts-
sicherheit und Verbindlichkeit führt zu Beginn
der Neuzeit nicht nur zu einer zunehmenden
Schriftlichkeit. Auch Visualisierungen in Form
von Zeichnungen und erste Karten finden in
jener Zeit ihren Einzug in die amtliche Über-
lieferung und damit in die Bestände des
Sächsischen Staatsarchivs. Die ältesten hier
überlieferten amtlichen Karten lassen sich in
das frühe 16. Jahrhundert datieren. Es sind so-
genannte Augenscheinkarten, Bildkarten oder
Streitkarten, wie das vorgestellte Objekt. Der
Name verweist bereits auf den Entstehungs-
kontext: Vor Ort werden Gegebenheiten in
Augenschein genommen, Grenzen und Herr-
schaftsbereiche aufgezeichnet, visualisiert,
dokumentiert. Dies konnte vorausschauend
geschehen, um im Streitfall die damit verbun-
denen Rechte besser nachweisen zu können,
oder wie im vorliegenden Fall als Streitkarte zur
Visualisierung der verschiedenen Ansichten
von Kläger und Beklagten im Rahmen eines
vor Gericht anhängigen Prozesses. Hier veran-
schaulichen sie den Streitgegenstand in seiner
räumlichen Umgebung.
Natürlich muss man immer quellenkritisch die
Echtheit oder Fiktion solcher Zeichnungen hin-
terfragen und weitere Vergleichsquellen her-
anziehen, wie beispielsweise aktuelles topo-
grafisches Material. Bei der hier beschriebenen
Karte kam es nicht auf die maßstabsgerechte
Darstellung der Entfernungen nach Rochlitz
oder Königsfeld an, sondern vielmehr auf die
Visualisierung der von dem Kläger, den Beklag-
ten und den Zeugen beschriebenen räumlichen
Gegebenheiten vor Ort.
Mitte des 16. Jahrhunderts, der Entstehungs-
zeit der vorliegenden Karte, beginnen sich
Karten auch in Kursachsen als Besitzstands-
dokumentation langsam durchzusetzen –
nicht zuletzt auch durch das Interesse des
Kurfürsten August (1526–1586) an Kartogra-
fie. Die bildliche Dokumentation von Grenzver-
läufen zwischen Herrschaften, Ämtern, Dör-
fern, Städten, zwischen Wäldern und Feldern,
von Nutzungsgerechtigkeiten, grundherrlichen
Einkünften und Erträgen wird zunehmend zu
einem festen Bestandteil des frühneuzeitli-
chen Verwaltungshandelns. Sie sind bis in das
20. Jahrhundert hinein noch in Akten zu finden
und werden vielfach durch weitere schriftliche
Informationen ergänzt. Gleichwohl sind sie in
den Archiven oft nicht auf den ersten Blick
sichtbar – das gilt insbesondere für Karten in
fest formierten Akten. So ist davon auszuge-
hen, dass sicherlich noch so mancher karto-
grafische Schatz in den Beständen schlum-
mert, der darauf wartet, gehoben zu werden.
Ute Essegern
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Die Zugehörigkeit der mit E und F gekennzeichneten Gebiete ist strittig. „G“ ist die Grenze aus Geithainer Sicht,
„A“ aus Sicht des Nicol von Ende.

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Die Urkunden der Deutschordensballei
Thüringen im Sächsischen Staatsarchiv –
Eine lückenlose Überlieferungsgeschichte?
Nicht immer ist der genaue Weg von Schrift-
gütern in ein Archiv und dessen Nachfolge-
institutionen klar. In vielen Fällen muss die
Geschichte der Dokumente lange nach der
Übernahme des Archivgutes aufwendig er-
forscht und nachgezeichnet werden: Der
Entstehungskontext und die Geschichte des
Archivales können dabei wichtige Erkenntnisse
über die Entstehung von Beständen und Archi-
ven, aber natürlich auch für andere Bereiche
wie den der Geschichtsforschung oder der
Sprachwissenschaften liefern. In diesem kur-
zen Beitrag soll die Überlieferungsgeschichte
der Urkunden der Deutschordensballei Thürin-
gen vorgestellt und diskutiert werden.
Die Ballei Thüringen umfasste als Verwal-
tungsprovinz zeitweise bis zu 18 Ordenshäuser
zwischen Zschillen (heute Wechselburg) im
Osten, Mühlhausen im Westen, Eger (Cheb) im
Süden und Halle an der Saale im Norden und
ging damit deutlich über das Gebiet des heu-
tigen Landes Thüringen hinaus. Heute liegen
die Urkunden der einzelnen Niederlassungen
des Deutschen Ordens der Ballei Thüringen
weitgehend geschlossen im Hauptstaatsarchiv
Dresden, was insofern auf den ersten Blick
überrascht, da man eine Verteilung der Ur-
kunden hauptsächlich auf mehrere Archive im
mitteldeutschen Raum erwarten würde. Bevor
allerdings genauer auf die Überlieferungsge-
schichte der Urkunden des Deutschen Ordens
in Thüringen eingegangen werden kann, soll
das Problem des Provenienz-Begriffes in dip-
lomatischem Kontext knapp diskutiert werden.
Das Sächsische Staatsarchiv sichert im Be-
stand 10001 Ältere Urkunden viele Urkunden
weltlicher und geistlicher Provenienzen. Da-
bei kann der Provenienzbegriff im Wesent-
lichen auf zwei verschiedene Arten gefasst
werden. Zum einen kann vor allem in Bezug
auf geistliche Institutionen mit Provenienz
die historische Institution gemeint sein, die
die betreffende Urkunde als Rechtsquelle
nutzte und aufbewahrte, bevor sie im Zuge
der Säkularisation und Sequestration in eine
landesherrliche Registratur überging. Dieser
Provenienzbegriff vermittelt jedoch nicht für
alle im Staatsarchiv lagernden Urkunden eine
vollständige überlieferungsgeschichtliche In-
formation. Spricht man über die Provenienz
von Urkunden, die den Besitzer gewechselt
haben, ohne ihren ursprünglich angedachten
Zweck als Rechtsdokument zu verlieren, so
wird schnell deutlich, dass dieses Verständnis
von Provenienz nicht immer passt bzw. nicht
weitreichend genug ist, um die Geschichte
des Archivales nachzeichnen zu können. Die
Berücksichtigung aller die Urkunden nutzen-
den Institutionen erscheint angesichts dessen
sehr sinnvoll. Diese Art der Provenienz wird
als gleitende Provenienz bezeichnet. Bezogen
auf unser Beispiel liegt die Provenienz der
Urkunden der Ordenshäuser nicht nur in den
einzelnen Niederlassungen des Ordens in der
Ballei Thüringen, sondern auch bei den sächsi-
schen Landesfürsten, die als letzte Institution
die Urkunden in ihrem ursprünglichen Nutzen
als Rechtsquellen weiterverwendeten. Damit
wären die Urkunden im Sinne der gleitenden
Provenienz auch dem frühen sächsischen
Territorialstaat zuzuordnen. Aus praktischen
Gründen wird heute die Provenienz der Ur-
kunden des Deutschen Ordens im Sächsischen
Staatsarchiv vor allem im Sinne der wesent-
lichen nutzenden Institution vor der Über-
nahme durch die landesherrliche Registratur
im Zuge der Säkularisation weiterverwendet.
Der Nachweis gleitender Provenienzen erfolgt
noch nicht durchgängig.
Der eben beschriebene Umstand liegt nicht
nur am Weg der Urkunden bis zum heutigen
Lagerort, sondern auch an der Übernahme
und Erschließung der Balleiurkunden. Sowohl
anhand des überlieferten sächsischen Inven-
tars, als auch an den Übernahmeverzeich-
nissen und den älteren Findmitteln aus dem
19. Jahrhundert ist der Weg der Urkunden
der Deutschordensballei Thüringen recht klar
nachvollziehbar.
Ein genauerer Blick in die Überlieferungsge-
schichte klärt neben dem Provenienzproblem
auch die Frage, weshalb die Deutschordensur-
kunden heute in Dresden liegen. Zur Beant-
wortung ist der historische Kontext des 16.
Jahrhunderts heranzuziehen: Viele Nieder-
lassungen und vor allem die Landkomturei
des Deutschen Ordens in Zwätzen, heute ein
Stadtteil von Jena, lagen innerhalb der kur-
sächsischen Einflusssphäre. Mit der Reforma-
tion verstärkte sich der Zugriff der jeweiligen
sächsischen Landesherren auf die Besitzungen
geistlicher Institutionen bis hin zur Säkularisa-
tion der Ordensniederlassungen. Die einzelnen
Ordenshäuser verwalteten ihre Urkundenein-
gänge zunächst selbst, sodass sich häufig zu
den Urkunden im Sächsischen Staatsarchiv
Es handelt sich weitgehend um Urkundeneingänge des Deutschen Ordens, wie in diesem Fall vom Zisterziense-
rinnenkloster an die Ordensniederlassung in Weimar vom 5. Oktober 1414 (SächsStA-D, 10001 Ältere Urkunden,
Nr. 05648)
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 12

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auch eine zeitgenössische Parallelüberliefe-
rung zum Beispiel in Form von Kopialbüchern
in anderen Archiven (z. B. im Hauptstaatsar-
chiv Weimar) erhalten hat. Nicht bis ins Letzte
geklärt, aber sehr wahrscheinlich ist, dass in
Zwätzen ein Zentralarchiv der Ballei Thüringen
bestand, wo die Urkunden vor der Übernahme
durch die sächsischen Landesfürsten lagerten.
Die sich während des 16. Jahrhunderts verfes-
tigenden kursächsischen Behörden übernah-
men im Zuge der Säkularisation das Schriftgut
der geistlichen Orden in der kursächsischen
Einflusssphäre. So fanden auch die als Rechts-
dokumente wichtigen Urkunden aus dem frü-
heren Besitz des Deutschen Ordens Eingang
in die kursächsische Verwaltung, während ein-
zelne Ordenshäuser der Ballei Thüringen unter
dem Einfluss der sächsischen Landesfürsten
bis ins 19. Jahrhundert hinein existierten.
Konkret lässt sich der Vorgang der Urkunden-
übernahme an der frühneuzeitlichen Akten-
überlieferung im Sächsischen Staatsarchiv
aufzeigen. Heute befindet sich das „Verzeich-
nis der Urkunden der Klöster“ (SächsStA-D,
10036 Finanzarchiv, Loc. 32508, Rep. 23, Gen.
Nr. 0107) mit dem Inventar der Urkunden des
Deutschen Ordens in der Ballei Thüringen im
Bestand Finanzarchiv. Dieses Inventar ent-
stand nach 1563 und verzeichnet nach dem
Provenienzprinzip die übernommenen Urkun-
den mit Ausstellungsdatum und Kurzregest. Im
18. oder 19. Jahrhundert wurde das Inventar
mit anderen Inventaren geistlicher Instituti-
onen (wie zum Beispiel zu den Urkunden der
Zisterzienserinnenabtei Nimbschen, der Zister-
zienser in Buch oder der Kartause Martinstal
bei Crimmitschau) zusammengeführt und zu
der heute überlieferten Akte gebunden. Über
die weitere Geschichte der Urkunden und auch
des „Verzeichnisses der Urkunden und Klöster“
gibt ein kurzer Vermerk auf dem Registerblatt
des Verzeichnisses Auskunft. Neben dem Um-
stand, dass das Urkundenverzeichnis wohl ver-
legt und dann „1857 in einem verschlossenen
Schränkchen“ wieder aufgefunden wurde, wird
auch auf eine Quittung zur Übernahme der
Urkunden verwiesen.
Diese Akte mit eigentlich „Drey Quittungen
über die im Jahre 1834 von dem K. S. Finanz-
an das K. S. Haupt-Staats-Archiv abgegebenen
Kloster-Urkunden“ (SächsStA-D, 10036 Fi-
nanzarchiv, Loc. 32507, Rep. 23, Gen. Nr. 0096)
ist erhalten. Die Quittungen enthalten, ge-
ordnet nach den einzelnen Ordenshäusern,
neben einer alten Registratursignatur des Fi-
nanzarchivs auch die Ausstellungsdaten der
Urkunden. Die alten Signaturen des Finanz-
archivs finden sich im Übrigen zum Teil auch
auf den entsprechenden Originalurkunden und
im oben angesprochenen frühneuzeitlichen
Inventar. Insgesamt spricht dies nicht nur für
eine stetige Perzeption und Rezeption der
Urkunden in Zusammenhang mit der Prove-
nienz in den einzelnen Ordensniederlassungen,
sondern auch für eine nach der jeweiligen
Niederlassung geordnete Ablage der Urkunden
über die Jahrhunderte seit der Säkularisation.
Zu den 1834 und auch 1835 etwa 2.600 aus
dem Finanzarchiv in die I. Abteilung des Haupt-
staatsarchivs übernommenen Urkunden geist-
licher Institutionen zählen auch die 962 Ur-
kunden aus der Ballei Thüringen. Zunächst
wurden nach der Übernahme zwei sachbe-
zogen sortierte Findbücher zu den Urkunden
erstellt und zusätzlich auch die Zettelregesten
zu den Urkunden des Hauptstaatsarchivs um
die neu hinzugekommenen Urkunden ergänzt.
Auch heute sind die chronologisch sortierten
Zettelregesten zum Teil noch ein wichtiges
Hilfsmittel zur Recherche von Urkunden der
Zeit bis 1806. Seit dem Jahr 1837 basieren
die fortlaufende Signaturvergabe und die
Ablage der Urkunden des Bestandes 10001
auf chronologischen Kriterien. Somit erhiel-
ten auch die Balleiurkunden eine fortlaufende
Nummerierung und wurden unabhängig von
ihrer Provenienz abgelegt. Erst in den 1950er
Jahren gab es neue Bemühungen um eine Re-
konstruktion der Provenienz der Urkunden des
Sächsischen Staatsarchivs, die zur Erstellung
von Provenienzverzeichnissen führten. Darin
sind die aktuellen Signaturen der Urkunden
und deren Ausstellungsjahr geordnet nach
den jeweiligen Institutionen, die vor der Säku-
larisation und Sequestration die Urkunden in
ihrer Funktion als Rechtsquelle nutzten. Somit
wurden die chronologisch abgelegten Zettel-
regesten und sachbezogenen Findbücher des
19. Jahrhunderts um ein provenienzbezogenes
Findmittel ergänzt.
Heute werden die herkömmlichen älteren
Findmittel im Interesse der Nutzer nach und
nach durch die Möglichkeiten der Online-
recherche, die etwa Zugang nach chronolo-
gischen oder sachbezogenen Kriterien, Prove-
nienz oder auch allgemein nach Stichworten
bietet, ersetzt. Hinzu kommt die dauerhafte
Bereitstellung von Urkundendigitalisaten,
die im Zuge großer Digitalisierungsprojekte
zugänglich gemacht werden sollen: eine
Chance, die Provenienzzusammenhänge und
die Überlieferungsgeschichte von Archivalien
nutzerfreundlich darzustellen. Die Überlie-
ferungsgeschichte der Urkunden der Ballei
Thüringen kann insgesamt relativ gut verfolgt
werden und lässt nicht nur die Rekonstruktion
von Übernahmeprozessen zu, sondern bietet
auch die Chance, die Umfänge der einstigen
diplomatischen Überlieferung zu ermitteln.
Bei der Diskussion um die Provenienzfrage
wird vor dem Hintergrund der überlieferten
Verzeichnisse klar, dass den Bearbeitern die-
ses vergleichsweise umfassenden Urkunden-
fundus über die Jahrhunderte hinweg dessen
Zusammenhang mit dem Deutschen Orden
und dessen Niederlassungen in Thüringen
stets bewusst war. Die Verbindung zwischen
den Urkunden und der Ballei Thüringen als
deren ursprünglichem Inhaber blieb gewahrt
und deren Überlieferungsgeschichte somit gut
nachvollziehbar.
Robert Harlaß
(Kiel)
Sächsisches Inventar zu den 1563 übernommenen Ur-
kunden (SächsStA-D, 10036 Finanzarchiv, Loc. 32508
Rep. 23 Gen. Nr. 0107, Bl. 222a)
Vermerk mit dem Verweis auf die Quittungen zur
Übernahme der Urkunden geistlicher Institutionen aus
dem Finanzarchiv ins Hauptstaatsarchiv (SächsStA-D,
10036 Finanzarchiv, Loc. 32508 Rep. 23 Gen. Nr. 0107)
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 13

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Die Königlich-Sächsischen (Geheimen)
Kommerzienräte im Spiegel der Bestände
Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 14
Der Königlich-Sächsische Kommerzienrat war
ein staatlich verliehener Ehrentitel für ver-
diente Unternehmer und Kaufleute. Der Titel
wurde in Form eines einfachen Kommerzien-
rates (IV. oder V. Klasse der Hofrangordnung)
oder Geheimen Kommerzienrates verliehen.
Das Königreich Sachsen vergab den Titel an
schätzungsweise 300 bis 350 Persönlichkeiten
in den verschiedenen Klassen der Hofrang-
ordnung.
Die Kommerzienräte bestimmten durch ihr
wirtschaftliches, politisches, soziales und kul-
turelles Handeln die Entwicklung des König-
reichs Sachsen mit. Entsprechend umfangreich
ist die Überlieferung zu einzelnen Kommerzi-
enräten innerhalb der Bestände des Sächsi-
schen Staatsarchivs.
An ausgewählten Beispielen soll aufgezeigt
werden, welche Bestände im Sächsischen
Staatsarchiv für die Ermittlung zu Kommer-
zienräten in Frage kommen, wobei dies auch
immer von deren Wirkungsfeld abhängig ist.
Die federführende Stelle hinsichtlich der Verlei-
hung des Titels war das Ministerium des Innern.
Dieses prüfte meist auf Vorschlag von Bür-
germeistern, Amts- und Kreishauptmännern,
Verbänden oder Privatpersonen die Würdigkeit
der Benannten. Sofern diese Prüfung positiv
ausfiel, empfahl das Ministerium des Innern
dem König die Mitzeichnung. Entsprechend
findet sich im Bestand 10736 Ministerium
des Innern (Klassifikationspunkt 3.4 Orden,
Auszeichnungen und Titel) das Verleihungs-
prozedere. Ordensverleihungen sind in dem
vorgenannten bzw. im Bestand 10712 Ordens-
kanzlei überliefert. Diese kommen insbeson-
dere in Betracht, da eine Titelverleihung meist
mit einer vorlaufenden Ordensauszeichnung,
wie z. B. mit dem Albrechtsorden, einherging.
Beispielhaft vorgestellt sei der Färbereibesitzer
und Stadtrat Hermann Ehret (geb. 27. Januar
1844 in Reichenbach/V., gest. 27. Dezem-
ber 1913 in Glauchau). Dieser gründete am
17. Februar 1868 mit Adolph Carl Friedrich
Fiernkrantz die Firma A. Fiernkrantz & Ehret
(SächsStA-C, 30111 Amtsgericht Glauchau, Nr.
92, Handelsregister Blatt 0339) in Glauchau.
Der Letztgenannte gründete die Vorgänger-
firma bereits am 2. Januar 1833. Adolph Carl
Friedrich Fiernkrantz schied zum 11. Januar
1878 aus der Firma aus. Der Färbereibesitzer
und Stadtrat Ehret erhielt am 5. April 1892
das Ritterkreuz I. Klasse des Albrechtsordens
(SächsStA-C, 31229 VEB Textilwerke Palla
Glauchau und Vorgänger, Nr. 80059).
Im Zuge des Geburtstages von König Albert
von Sachsen (1828–1902) wurde Hermann
Ehret sowie neun weiteren Persönlichkeiten
am 24. März 1899 der Titel eines „Königlich-
Sächsischen Kommerzienrates“ verliehen.
Ehret erhielt diesen im Range der IV. Klasse
der Hofrangordnung. Die Verleihung an Eh-
ret wurde wie folgt begründet: „Inhaber einer
renommierten Färberei und Appreturanstalt,
fürsorglich für seine Arbeiter, ehrbar und sehr
angesehen, 1878 bis 1885 Stadtverordneter,
seit 1892 Stadtrath, seit 1880 in der Bezirks-
versammlung, Führer der Nationalliberalen
und auch dieser Eigenschaft wohlverdient
1892 mit dem A. O. I. [Ritterkreuz 1. Klasse des
Albrechtsordens] ausgezeichnet“. (SächsStA-D,
10736 Ministerium des Innern, Nr. 04977). In
Anerkennung seiner Verdienste um die Errich-
tung des Bezirksgenesungsheims in Glauchau
wurde Ehret am 16. Juni 1905 mit der Krone
zum Ritterkreuz I. Klasse des Albrechts-
ordens ausgezeichnet. Bei der vorliegenden
Verleihungsurkunde handelt es sich um das
an Hermann Ehret ausgehändigte Original.
Die Verleihungsurkunden sind normalerweise
in Privathand überliefert. In diesem Fall be-
findet sie sich im Wirtschaftsbestand des
Nachfolgebetriebes von A. Fiernkrantz & Ehret,
Glauchau, dem Bestand 31229 VEB Textilwerke
Palla Glauchau und Vorgänger im Staatsarchiv
Chemnitz (ebd. Nr. 80059).
Anlässlich des Besuches der Stadt Glauchau
am 31. Mai und 1. Juni 1906 besichtigte König
Friedrich August III. von Sachsen (1865–1932)
den Betrieb A. Fiernkrantz & Ehret.
Aufschluss über die Vermögensverhältnisse
bieten die zum Teil überlieferten Testaments-
und Nachlassunterlagen im entsprechenden
Unternehmensbestand (eventuell auch in den
SächsStA-C, 31229 VEB Textilwerke Palla Glauchau und
Vorgänger, Nr. 80059
Besuch König Friedrich Augusts III. 1906 (SächsStA-C, 31377 A. Fiernkrantz & Ehret, Glauchau, Nr. 6)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 15
Beständen der Rechtsnachfolger) oder in den
Amtsgerichtsbeständen (Nachlassgericht).
Als zweites Beispiel soll der Inhaber der Firma
C. E. Schwalbe, Spinnereimaschinenfabrik in
Werdau Carl Richard Schwalbe (geb. 20. Febru-
ar 1852 in Werdau, gest. 22. September1928 in
Werdau) vorgestellt werden. Zu ihm sind um-
fangreiche Archivalien zu Erb- und Nachlass-
angelegenheiten im Firmenbestand überliefert.
In diesen befinden sich etwa Testamente, Ge-
sellschaftsverträge, eine Vermögensaufstel-
lung, die Aufteilung der Hinterlassenschaft des
Verstorbenen auf die Verwandten und Festset-
zung der Erbschaftssteuer (SächsStA-C, 31049
Fa. C. E. Schwalbe, Werdau). Daraus geht zum
Beispiel hervor, dass das Gesamtvermögen ab-
züglich Schulden des Carl Richard Schwalbe
2.030.694,00 RM (1928/1929) betragen hat
(SächsStA-C, 31049 Fa. C. E. Schwalbe, Werdau,
Nr. 11). Nach heutiger Schätzung der Kaufkraft-
äquivalente der Bundesbank entspricht dies
etwa 7,31 Mio.
. Es geht auch hervor, wie Carl
Richard Schwalbe sein Vermögen unter seiner
Familie anteilig vererbte. Die Verleihung des
Königlich-Sächsischen Kommerzienratstitels in
der V. Klasse der Hofrangordnung an Schwalbe
erfolgte am 19. Juli 1903. Die Verleihung wurde
wie folgt begründet: „Schwalbe ist alleiniger
Inhaber der Maschinenfabrik C. E. Schwalbe in
Werdau, welche 260 bis 270 Arbeiter beschäf-
tigt. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse sind
in bester Ordnung; er ist königstreu gesinnt,
ein ruhiger, vornehmer und edler Charakter,
ein Mann von Wort, der im Stillen viel und
nachhaltig Gutes tut. Aus Veranlassung der
Errichtung eines neuen Webschulgebäudes
hat er im Jahre 1902 der Webschule ein Sorti-
ment Krempelmaschinen im Werte von etwa
10.000 M zum Geschenk gemacht. Er ist seit
einer Reihe von Jahren Mitglied der Kammer
für Handels sachen beim Landgericht Zwickau
und Mitglied des Schiedsgerichtes für Arbei-
terversicherung in Zwickau.“
Weitere Recherchemöglichkeiten bieten Fir-
men- und Unternehmensbestände, falls der
Kommerzienrat einer Tätigkeit in Aufsichts-
gremien von Aktiengesellschaften nachging,
oder Bestände der Handelskammern, in de-
nen der Kommerzienrat als Vorsitzender oder
stellvertretender Vorsitzender bzw. als deren
Mitglied oder Ehrenmitglied tätig war, sowie
Bestände der Amts- und Kreishauptmann-
schaften zu wohltätigen Stiftungen der Kom-
merzienräte. Die Bestände des Ministeriums
der Auswärtigen Angelegenheiten und des
Ministeriums des Innern geben u. a. Auskunft
über die Bestellung von Kommerzienräten zum
Konsul des Königreiches Sachsen oder von
anderen Staaten. Königlich-Sächsische Kom-
merzienräte waren ebenso in der ersten oder
zweiten Kammer des Sächsischen Landtages
und im Reichstag vertreten. Hermann Ehret
vertrat z. B. von 1902 bis 1909 den städti-
schen Wahlkreis 15 in der zweiten Kammer des
Sächsischen Landtages (SächsStA-D, 10736
Ministerium des Innern, Nr. 04981).
Daneben spielt natürlich die Überlieferung in
kommunalen Archiven eine wichtige Rolle bei
der Forschung nach Kommerzienräten, waren
diese doch vielfach in Gremien der Gemeinden
und Städte tätig und begünstigten diese durch
ihre Stiftungen bzw. Schenkungen.
Die zur normalen staatlichen Überlieferung
hinzutretende umfangreiche und vielfältige
Wirtschaftsüberlieferung in den östlichen
Bundesländern, so auch im Sächsischen
Staatsarchiv, ermöglicht es in einzigartiger
Weise, ein umfassendes und aussagekräf-
tiges Bild der wirtschaftlichen Entwicklung
der jeweiligen Region und seiner wichtigsten
Unternehmen und damit u. a. auch des wirt-
schaftlichen Handelns der Kommerzienräte
zu zeichnen.
Norman Grimm
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Chemnitz)
SächsStA-C, 31377 A. Fiernkrantz & Ehret, Glauchau, Nr. 05/1 (undatiert)
SächsStA-D, 10736 Ministerium des Innern, Nr. 04981

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 16
Ich bin dann mal weg – Abschiedsbriefe
geflohener Festungsgefangener
Die Flucht aus der Haft hat schon immer die
Phantasie angeregt, man denke nur an den
Roman „Der Graf von Monte Christo“ mit der
abenteuerlichen Flucht des Protagonisten vom
Château d'If vor Marseille, aber auch an reale
Vorbilder wie das Entkommen von Giacomo
Casanova aus den Bleikammern im Dogen-
palast, dem Staatsgefängnis von Venedig. Um
solche Beispiele zu finden, muss man sich je-
doch nicht ans Mittelmeer begeben, vielmehr
findet man sie auch bei den sächsischen Fes-
tungen Königstein und Sonnenstein.
Diese dienten, ebenso wie die Festung Stolpen,
als Staatsgefängnisse, was durch die lagebe-
dingte Abgeschlossenheit und die ständige
Anwesenheit einer Wachmannschaft nahe
lag. Verwahrt wurden dort zumeist keine ge-
wöhnlichen Verbrecher, sondern ein ausge-
suchter Personenkreis, der sich vor allem aus
adeligen und nichtadeligen Standespersonen
aus dem Umfeld von Verwaltung, Hof und
Militär zusammensetzte, da Festungshaft nur
bei bestimmten Deliktarten wie Duellen und
politischen Straftaten verhängt wurde. Die
Gefangenen unterlagen im Gegensatz zur ge-
wöhnlichen Zuchthausstrafe keiner Arbeits-
pflicht und konnten abhängig von Rang und
eigenem Vermögen verhältnismäßig komfor-
tabel leben. Dieses hinderte einige von ihnen
jedoch nicht daran, Fluchtpläne zu schmieden.
Überliefert sind für das 18. Jahrhundert sechs
Personen, die dauerhaft entkamen, zwei Fälle,
in denen die Gefangenen zwar von der Fes-
tung gelangten, jedoch wieder aufgegriffen
werden konnten, fünf Vorkommnisse, wo die
Fluchtpläne bereits im Vorbereitungsstadium
entdeckt wurden, und neun gescheiterte An-
läufe. Für diese relativ geringe Anzahl gibt es
mehrere Erklärungen. Zum einen handelte es
sich bei den Festungsgefangenen in der Regel
um einen hochgestellten Personenkreis. Dieser
musste sich die Frage stellen, ob ein Leben auf
der Flucht nicht vor allem unbequem und ohne
Perspektive gewesen wäre. Hinzu kam, dass
wegen der geographischen Lage und baulichen
Gegebenheiten der Festungen die mögliche
Gefahr für Leib und Leben abzuwägen war, und
für das Gelingen zudem körperliche Kraft und
Geschicklichkeit erforderlich waren.
Überraschen mag der Befund, dass vier Ge-
fangene sich nicht grußlos davonstahlen,
sondern an die Festungsbesatzung oder den
Kurfürsten gerichtete Schreiben hinterließen.
Die dahinterliegende Motivation war dabei
höchst unterschiedlich. Ziel des auf der Fes-
tung Königstein inhaftierten Alchimisten und
Hochstaplers Hektor von Klettenberg war
offenbar die Fortsetzung seines Betrugs. Diese
schillernde Figur hatte durch die Behauptung,
Gold machen zu können, in hohem Ansehen
gestanden, war jedoch tief gefallen und auf
unbestimmte Dauer inhaftiert worden. Bei
seiner Flucht hatte er sich in der Nacht vom
30. April auf den 1. Mai 1719 durch die Decke
seines Zimmers in der Johanngeorgenburg
gearbeitet, und sich dann mit einem selbst-
gefertigten Seil durch eine Schießscharte hi-
nabgelassen. In seinem Zimmer fand die Be-
satzung einen Brief an den Kurfürsten sowie
einen an den Festungskommandanten von
Kyau gerichteten Zettel. In beiden Schreiben
beteuert er seine Unschuld und den Willen,
das begonnene Werk, also das Goldmachen, zu
vollenden, wenn der Kurfürst ihm freies Geleit
zusichert, „damit ich nicht vor Leuthen, die
von der Alchymi nichts verstehen, eines ver-
brechens möchte schuldig aus ihrer ignoranz
detiniret und in ewiger Gefangenschaft dem
anschein nach gerecht leiden.“ Klettenberg
scheint damit den Versuch zu unternehmen,
sich als unschuldig zu inszenieren, um seinen
Betrug, der ihm beim sächsischen Kurfürsten
bereits hohe Summen und ein komfortables
Auskommen eingebracht hatte, fortsetzen zu
können. Der Versuch scheiterte jedoch auf der
Fluchtversuch des Alexander Durand de Servigny von der Festung Königstein, 1753 (SächsStA-D, 11245 Gouver-
nement Dresden, Loc. 14604/6, Bl. 74)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 17
ganzen Linie. Zum einen blieb der Kurfürst von
den Unschuldsbeteuerungen gänzlich unbe-
eindruckt, zum anderen wurde der Flüchtige
noch am selben Tag aufgegriffen und auf die
Festung zurückgebracht. Ein weiterer Flucht-
versuch im Januar 1720 scheiterte an einem
gerissenen Seil (ein vergleichbarer Fluchtver-
such ist links dargestellt). Zu einem weiteren
Anlauf kam es nicht mehr, da sich die sächsi-
schen Behörden auf Bitten des Stadtrats von
Frankfurt bereiterklärt hatten, das dort gegen
Klettenberg bestehende Todesurteil wegen ei-
nes Duellvergehens zu vollstrecken, so dass
er am 1. März 1720 unterhalb der Festung
hingerichtet wurde.
War bei Klettenberg die Versicherung seiner
Unschuld und die Wiedererlangung der kur-
fürstlichen Gunst der Grund für das Verfassen
seiner Abschiedsbriefe, war die Motivlage bei
dem auf der Festung Sonnenstein befindlichen
Georg Ludwig Graf von Oeynhausen gänzlich
anders gelagert. Dieser sah seine Haft als un-
rechtmäßig an und setzte alles daran, von der
Festung zu entkommen. Beim ersten Flucht-
versuch brannte er sich durch die Decke seines
Zimmers und konnte erst in der Gewehrkam-
mer, in der neben Flinten auch Schießpulver
gelagert wurde, aufgegriffen werden. Als er
deswegen in einen sichereren Raum verbracht
worden war, begann er mit dem Ausgraben
des Gewölbeschlusssteins. Bei einem weiteren
Versuch verschaffte er sich einen Schlüssel zu
seinem Zimmer und wollte sich von der Fes-
tung hinunterlassen, allerdings wurde dieser
Plan rechtzeitig entdeckt. Schließlich kam es
aber wie es kommen musste, im vierten Anlauf
gelang ihm die Flucht, indem er sich, von den
Wachen unbemerkt, durch eine Wand brach.
Sein Abschiedsbrief war an den Kommandan-
ten gerichtet und enthielt die Ankündigung,
ihm „persöhnlich auf zuwarten“, was als Duell-
forderung verstanden werden kann, da er sich
von ihm während seiner Haft missachtet und
in seiner Ehre gekränkt fühlte. Als Oeynhau-
sen zwei Tage nach der Flucht im Posthaus in
Peterswald aufgegriffen wurde, beschimpfte
er den Kommandanten als „Hundsfettsche
Canaille“, und äußerte „in Jahr und Tag müste
einer von sie beyden kalt seyn, wenn er nach
Dreßden kähme, würden sie einander schon
zu sprechen kriegen.“ Zu einem Duell freilich
ist es nie gekommen.
Handelte es sich bei den bisherigen Beispielen
um gescheiterte Anläufe, gab es auch von Er-
folg gekrönte Fluchtversuche, wie den der auf
der Festung Königstein inhaftierten Porzellan-
maler Johann Gottlieb Mehlhorn und Johann
Georg Heinze. Mehlhorn war als Teilnehmer an
der sogenannten Bayreuther Verschwörung
einer von sechs Malern, die nach Bayreuth
fliehen wollten, um dort eine Manufaktur zu
errichten. Es war gängige Praxis, Porzellan-
maler, die im Verdacht standen, sich in andere
Dienste zu begeben und Betriebsgeheimnisse
zu verraten, festzusetzen und sie für ihren
Lebensunterhalt auch in Haft weiter Porzellan
bemalen zu lassen. Allerdings gelang Mehlhorn
und Heinze am 26. April 1750 die Flucht mittels
eines an der Friedrichsburg heruntergelasse-
nen Seils. Auch diese hatten dem Komman-
danten einen Brief hinterlassen. Darin klagten
sie, dass sie trotz ihrer Arbeit Hunger litten
und nach Berlin wollten, um dort ihr Recht
und ihre Freiheit zu erlangen, ohne dem säch-
sischen König dabei untreu zu werden. Beide
flohen über Prag nach Breslau und erhielten
tatsächlich ein kurfürstliches Pardon, um zur
Porzellanmanufaktur Meißen zurückkehren zu
können. Allerdings waren sie bereits in Berlin
eingetroffen, bevor die Urkunde zugestellt
werden konnte. Daher ist zu vermuten, dass
beide mit der Ankündigung, sich zum Rivalen
Preußen begeben zu wollen bei gleichzeitiger
Versicherung ihrer Untertanentreue auf genau
dieses Pardon abzielten, zumal ihnen bewusst
war, dass der Kurfürst großes Interesse an
ihrem Verbleib im Lande hatte. Dazu kam es
jedoch nicht, Mehlhorn wurde schließlich
Hofporzellanmaler in Kopenhagen.
Weniger glücklich endete die Flucht von Karl
Gottlob Abels. Dessen Haftbedingungen waren
wenig komfortabel, da er nicht nur zu lebens-
langem Freiheitsentzug verurteilt worden war,
sondern dazu noch Dienst als einfacher Soldat
auf der Festung Königstein leisten musste.
Diese Strafe war allerdings ein Gnadenakt,
da er ursprünglich wegen Landesverrats, un-
ter anderem wegen seiner Beteiligung an der
Beschießung Dresdens durch preußische Ar-
tillerie, zum Tode verurteilt worden war. Den-
noch hatte er in der Nacht vom 12. auf den
13. März 1775 versucht, sich mit einem selbst
gefertigten Fahrzeug von der Festung hinun-
terzulassen, war dabei jedoch abgestürzt. Die
Flucht stellte damit eine Zurückweisung der
ihm erwiesenen kurfürstlichen Gnade dar, so
dass er sich veranlasst sah, sein Handeln zu
begründen und zu rechtfertigen. Er führt in
dem Schreiben an, dass sich seine Hoffnun-
gen auf eine weitere Begnadigung in Gestalt
einer Entlassung von der Festung zerschlagen
hatten, und diese Erkenntnis habe ihn zu dem
Entschluss veranlasst „durch die Flucht meine
dem Leben gleichschäzende Freyheit, unter der
augenscheinlichsten Gefahr zu suchen.“ Dieser
Entschluss sollte ihn schließlich tatsächlich
sein Leben kosten. Bei dem Absturz hatte er
sich einen komplizierten Beinbruch zugezo-
gen, an dessen Folgen er etwa ein halbes Jahr
später starb.
Ebenso unterschiedlich wie die fluchtwilligen
Gefangenen, bei denen das Spektrum vom
adeligen Goldmacher über den missratenen
Grafensohn bis hin zu Porzellanmalern reichte,
waren auch die Motivationen für das Verfas-
sen von Abschiedsbriefen. Sie reichten von
Erklärungen für die Flucht bis hin zu Belei-
digungen der Festungsbesatzung. Im Guten
wie im Schlechten aber suchten die Verfasser
ein letztes Mal die Kommunikation mit ihren
Richtern und Bewachern. Wie der Fluchtver-
such selbst, lagen Erfolg und Scheitern aber
auch hier nahe beieinander.
Andrea Tonert
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)
Rekonstruktion des Fluchtwegs der Porzellanmaler Johann Gottlieb Mehlhorn und Johann Georg Heinze von der
Festung Königstein, 1750 (SächsStA-D, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 1078/1, Bl. 151)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 18
Was lange währt, wird gut! Firmenarchiv der
Abraham Dürninger & Co. GmbH Herrnhut erschlossen
und für die Forschung nutzbar
Mit der Rückführung der letzten Unterlagen
von Leipzig nach Herrnhut wurde 2020 ein
mehr als zwei Jahrzehnte dauerndes Bearbei-
tungs- und Erschließungsprojekt des Sächsi-
schen Wirtschaftsarchivs e.V. (nachfolgend
SWA) für das Firmenarchiv der Abraham
Dürninger & Co. GmbH (nachfolgend ADC) in
Herrnhut abgeschlossen. Damit ist ein wich-
tiger Forschungsbestand für die sächsische
Wirtschaftsgeschichte erstmals seit 1945 wie-
der zugänglich. Die 105 Laufmeter aus dem
Zeitraum 1747 (Gründung des Unternehmens)
bis 2000 werden im Unitätsarchiv Herrnhut
verwahrt und sind dort für Historiker, Studen-
ten, Heimatforscher und andere Interessenten
einseh- und nutzbar.
Wie es zu dieser Situation gekommen war, zeigt
nachfolgend ein außergewöhnlicher Rückblick
auf die Geschichte von Archiv und Bibliothek,
der sich so aus den vorhandenen Unterlagen
nachvollziehen lässt. Bis 1891 wurde die „Ar-
chivierung“ (Ablage) der nicht mehr benötig-
ten Geschäftsunterlagen und von Büchern
sowie Gegenständen auf dem Dachboden des
„Dürninger-Stammhauses“ vorgenommen. Es
erfolgte eine erste Sichtung und „Bewertung“
durch einen Mitarbeiter mit folgendem Ergeb-
nis: Verkauf von 26 Zentnern (!) an Altpapier-
händler (u. a. Meßstrazzen von der Leipziger
Messe, Cassabücher bis ca. 1850, ausländische
und hamburgische Lagerbücher bis ca. 1880,
Zoll- und Accisebücher). Aufgehoben wur-
den „besonders historisch interessante Sachen
oder durch hervorragend schöne Aufschrif-
ten u. dergl. beachtenswerte Bücher“. 1892
verkaufte man Atlanten, Bilder, Zeitungen
und Bücher, „die nicht zum eigentlichen Ge-
schäftsbetrieb gehörig“, für 125 Mark an zwei
Buchhandlungen. 1904/05 erfolgten eine wei-
tere „Bewertung“ des Archivs und der Verkauf
von 10,5 Zentnern an Altpapierhändler (z. B.
Bücher der ehemaligen Kattunfabrik und der
Grossohandlung, amerikanische Lager bücher
bis ca. 1860) sowie die Ordnung der verblie-
benen Unterlagen (z. B. Hauptbücher, Jour-
nale, Briefe nach Jahren geordnet in Kisten).
1900 wurden Bücher an die Bibliothek der
Bleichanstalt abgegeben und 1908 zwei große
Bücherschränke mit geschichtlicher und belle-
tristischer Literatur, Reiseberichten, Memoiren
etc. als „völlig veraltet und wertlos“ bewertet.
Ob der Vorschlag zum Verkauf (Ausnahmen:
Bücher mit Bezug auf Herrnhut und die Brü-
dergeschichte – diese sollten an das Unitäts-
archiv abgegeben werden) realisiert wurde, ist
nicht nachweisbar, aber möglich.
In den 1920er Jahren muss ein geordnetes
Archiv bestanden haben (wahrscheinlich
auch im Stammhaus, aber nun in Räumen im
Erdgeschoss), da etliche Benutzungen und
Auskünfte dokumentiert sind. 1926 erfolgte
für 600 Mark der Ankauf einer altbrüder-
geschichtlichen Bibliothek mit 263 Bänden.
1932/33 wurden ein neues Archiv mit Museum
und Bibliothek im „Direktorenhaus“ eingerich-
tet und in den darauffolgenden Jahren gezielt
Bücher mit Bezug auf ADC, Herrnhut und die
Brüdergemeine zur Ergänzung der Bibliothek
angekauft. Gleichzeitig erfolgte aber auch
aus wirtschaftlichen Gründen wieder eine
„Verwertung“ von Archivalien. 1932 bis 1934
wurden ca. 12.000 (!) v. a. vorphilatelistische
Briefe an ein Auktionshaus in Hamburg mit
dem Auftrag zur Versteigerung übersandt,
1934 ca. 8.000 davon wieder zurückgeschickt;
ein Drittel scheint also verkauft worden zu
sein. Tatsächlich werden heute noch immer
wieder auf einschlägigen Internetplattformen
Dürninger-Briefe zum Verkauf angeboten.
Ausgangspunkt für das Projekt war das 250.
Firmenjubiläum im Jahr 1997. Dazu hatte das
Unternehmen das SWA 1996 mit der Erarbei-
tung einer Firmenfestschrift beauftragt, die
auf der Basis der bereits vorhandenen Pub-
likationen v. a. von Otto Uttendörfer, Hans
Wagner und Herbert Hammer, aber auch der
im Firmenarchiv vorhandenen Primärquellen
entstehen sollte. Es stellte sich jedoch das Pro-
blem, dass das Archiv faktisch nicht nutzbar
war. Die Unterlagen sowie die sogenannte
„Dürninger-Bibliothek“ (mit rund 1.700 Bän-
den aus dem Zeitraum 1553 bis 1940) lagerten
ohne jegliche Ordnung und Verzeichnung in
zwei ungeeigneten Räumen, die in den 1970er
Jahren als Archiv eingerichtet worden waren.
Das „Direktorenhaus“, in dem von 1933–1945 das Firmenarchiv und -museum untergebracht waren.
Lagerung des Bestandes im Unitätsarchiv Herrnhut
(© Claudia May, Unitätsarchiv Herrnhut)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 19
Im Juli 1942 erfolgte die Verpackung der Bib-
liothek in Kisten und die Einlagerung an unbe-
kanntem Ort. Im Mai 1945 brannte das „Direk-
torenhaus“ bei der Besetzung Herrnhuts durch
die Rote Armee nieder und ein Großteil des Ar-
chivs wurde vernichtet. Glücklicherweise waren
jedoch vorher Teile des Archivs und Museums
ausgelagert und wohl teilweise vergraben und
sind so (wie die Bibliothek) gerettet worden.
1945 ließ der neue Direktor „erhebliches Ak-
tenmaterial“ (wahrscheinlich aus der NS-Zeit)
verbrennen, die Bibliothek wurde nach dem
Krieg im Unitätsarchiv untergebracht. 1963
erfolgte der Verkauf von 148 Bänden aus der
Bibliothek (Länder- und Reisebeschreibungen
aus dem 18./19. Jahrhundert) für 1.000 Mark
an das Institut für Länderkunde Leipzig. In den
1970er/80er Jahre wurde dann schließlich das
„Archiv“ eingerichtet, wie es 1996 noch exis-
tierte. Durch ehemalige Mitarbeiter der Firma
bzw. einen ehemaligen Mitarbeiter des Uni-
tätsarchivs erfolgte der Versuch einer Ordnung
und Auflistung der Unterlagen. Leider wurden
dabei bestehende Zusammenhänge zerstört,
Akten aufgelöst und nach dem Pertinenzprin-
zip neu geordnet.
Im Sommer 1996 begann ein Mitarbeiter
des SWA in einem ersten Schritt vor Ort mit
einer groben Sichtung der Unterlagen und
der Erstellung einer einfachen Findliste für
die vorhandenen Akten/Aktenbündel. Dabei
erfolgte aus Zeitgründen der Rückgriff auf
die Beschriftungen und den Aktenbündeln
beigelegten Inhaltsverzeichnisse der oben
genannten „Ehemaligen“, wobei schnell klar
wurde, dass diese ungenau und teilweise sogar
irreführend waren. Nicht mit in die Erschlie-
ßung einbezogen wurden die Geschäftsbücher
(u. a. Brief-Kopierbücher, Kassenbücher, Straz-
zen, Schuldbücher), da diese zwischenzeitlich
durch eine Historikerin recht gut geordnet und
erschlossen worden waren. Im Ergebnis die-
ser Bestandsaufnahme war es nun zumindest
möglich, bei der folgenden Erarbeitung der
Festschrift in Ergänzung bzw. zur Überprüfung
der vorhandenen Sekundärliteratur auf die
Originalquellen zuzugreifen und Archivalien
und Fotos für die Abbildung in der Festschrift
auswählen zu können. Gleichzeitig wurde klar,
dass der Bestand unbedingt umfassend er-
schlossen und fachgerecht gelagert werden
sollte, um ihn sowohl der Forschung zugäng-
lich zu machen (Anfragen von Historikern zur
Nutzung des Bestandes mussten seit langem
mit Verweis auf den Zustand des Archivs ab-
gelehnt werden) als auch vor einem Verfall
zu bewahren (völlig ungeeignete, feuchte
Räumlichkeiten). Um die Lagerbedingungen
für die Unterlagen schnell zumindest etwas
zu verbessern, wurde eine Entlüftung einge-
baut, später auch Luftentfeuchter eingesetzt.
Mit der Fertigstellung des Magazinneubaues
des Unitätsarchivs Herrnhut 2002 ergab sich
dann die Möglichkeit, den Bestand dort unter
optimalen Bedingungen unterzubringen.
Ende 1998 erfolgte der Transport des ersten
Teilbestandes nach Leipzig zur Bearbeitung
und Erschließung, darunter rund 10.000 meist
vorphilatelistische Briefe aus der Zeit bis ca.
1850. Da diese gefaltet waren, mussten sie, um
Beschädigungen bei späteren Benutzungen
Innenaufnahmen des Dürninger-Museums um 1935 und des Archivs (Aufnahmejahr unbekannt)
Bearbeitung des Bestandes in den 1970er/80er Jahren durch ehemalige Mitarbeiter

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 20
zu vermeiden, geglättet werden. Dieser Ar-
beitsschritt wurde durch den Restaurator des
Stadtarchivs Leipzig sachkundig unterstützt.
Ein Teil der Briefe war durch das oben geschil-
derte Vergraben von Teilen des Archivs 1945
so stark nässegeschädigt und miteinander
verklebt, dass eine Restaurierung notwendig
war. In den Folgejahren wurden auch weitere
besonders wertvolle Archivalien begleitend
restauriert, so zum Beispiel ein Notizbuch
Abraham Dürningers aus der Zeit 1760–1766
und das „Geburtsdokument“ der Firma Abra-
ham Dürninger & Co., das Inventarium des
Gemein-Ladens vom 24. Oktober 1747, an dem
Dürninger diesen übernahm und aus dem in
den nächsten Jahrzehnten ein international
agierendes und das um 1800 wahrscheinlich
größte sächsische Unternehmen entstand.
Nach Abschluss der Bearbeitung und Erschlie-
ßung im SWA erfolgte die Rückführung nach
Herrnhut in das Unitätsarchiv. In gleicher Wei-
se wurden in den nächsten Jahren Teil für Teil
des Bestandes und die Bibliothek in Leipzig
durch das SWA geordnet, technisch bearbeitet
und erschlossen. Soweit möglich, wurde auch
versucht, die oben geschilderte Neuordnung
der Unterlagen rückgängig zu machen und die
ursprünglichen Provenienzen wiederherzustel-
len. Besonders handelte es sich dabei um die
Überlieferungen des Hauptkontors in Herrnhut
und des Kontors des Zweigbetriebes E. Erxle-
ben und Co. im schlesischen Gnadenfrei (heute
Piława Górna in Polen), die teilweise vermischt
worden waren. Wo dies nicht mehr möglich
war, wurde das Pertinenzprinzip beibehalten.
Im Ergebnis des Projektes wurden rund 900
Verzeichnungseinheiten über das Archiv-
programm FAUST erschlossen. Der Bestand
umfasst schwerpunktmäßig Unterlagen aus
den Bereichen Buchhaltung/Rechnungswe-
sen, Grundbesitz, Unternehmensführung,
Geschäftskorrespondenz, Stellung innerhalb/
zur Brüder-Unität, Personal, Beteiligungen,
Werbung und Musterbücher – sowohl des
Gesamtunternehmens als auch der einzelnen
Abteilungen (Webereien Schönbach und Wei-
gelsdorf, Zigarren-Versand, Waren-Bleich- und
A
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Abteilung, Detailhandlung, Versandhandel,
E. Erxleben & Co., Gnadenfrei, F. L. Nadge,
Berlin, Verkaufszentrale Berlin). Hinzu kommen
Überlieferungen der Stern GmbH (1925–1991),
der Erwerbshilfe des Hilfswerks der Ev.-Luth.
Landeskirche Sachsens (1949–1957) und der
Beschaffungsstelle der Evangelischen Brüder-
Unität (1949–1989).
Der Bestand wird im Beständeverzeichnis des
SWA geführt und das Findmittel ist sowohl
dort als auch im Unitätsarchiv Herrnhut ein-
sehbar. Eine Benutzung ist nach Genehmi-
gung durch die Abraham-Dürninger-Stiftung
im Unitätsarchiv möglich und ausdrücklich
erwünscht!
Karsten Sichel
(Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V.,
Leipzig)
Kontakt:
Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V.
www.swa-leipzig.de
kontakt@swa-leipzig.de
Unitätsarchiv Herrnhut
www.unitaetsarchiv.de
E-Mail: unitaetsarchiv@ebu.de
Auf der Weltausstellung
1937 in Paris verliehenes
Diplom und Werbung
für Herrnhuter Sterne,
um 1960

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 21
Das Universitätsarchiv Chemnitz am neuen
Standort in der „Alten Aktienspinnerei“
Am 6. November 2020 war es soweit und der
letzte LKW mit Unterlagen rollte vom alten
Standort des Universitätsarchivs in der Rei-
chenhainer Straße am neuen Standort an der
„Alten Aktienspinnerei“ in der Straße der Na-
tionen 33 ein. Damit fand ein Projekt seinen
Abschluss, welches das Universitätsarchiv seit
mehreren Jahren beschäftigte.
Das Universitätsarchiv Chemnitz war seit den
1970er Jahren in der Reichenhainer Straße 41
untergebracht. Seit Mitte der 1990er Jahre
wurde intensiv über eine neue Unterbrin-
gungsmöglichkeit für das Universitätsarchiv
nachgedacht.
Durch die zunehmend angespannte Situation
im Magazinbereich wurde im Universitäts-
archiv 2004 der Beschluss gefasst, eine La-
gerungssystematik auf der Grundlage einer
Excel-Tabelle aufzubauen. Hierfür wurden alle
Magazinräume mit den darin enthaltenen Re-
galen erfasst und nach einem einheitlichen,
maschinenlesbaren Schema gekennzeichnet.
Ab 2006 wurde diese Lagerungssystematik
bis auf das Regalfach heruntergebrochen. Nun
war jedes einzelne Fach im Magazin eindeutig
adressierbar. Dabei wurden neben den einge-
lagerten Signaturen auch der Umfang und
eine kurze inhaltliche Beschreibung erfasst.
Damit war das Archiv in der Lage, relativ genau
die weitere Magazinplanung und -belegung
vorzunehmen, aber auch Akten aufzufinden.
Durch die vielfach notwendige Umlagerung
von Beständen und den enormen Zuwachs an
Archivgut war es absolut nicht mehr möglich,
dies mit der Erfahrung des Archivars zu bewäl-
tigen. Seit 2008 wurden sechs neue Magazin-
räume an drei Standorten eingerichtet, da die
Lagerungskapazität permanent erschöpft war.
Im August 2009 gab das Universitätsarchiv
Überlegungen für den Neubau eines Archivs
als Zuarbeit für einen Umbau der Aktienspin-
nerei an das Rektorat. Ein Jahr später wurde
die Bedarfsanmeldung der Universität für den
Umbau des Gebäudes zur Universitätsbiblio-
thek mit Archiv im Ministerium eingereicht.
Reichenhainer Straße 39/41 mit Universitätsarchiv im Untergeschoss (Foto Stephan Luther)
Überarbeitete Lagerungssystematik mit der Aufnahme einer Umzugsnummer (Grafik Universitätsarchiv Chemnitz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 22
Der Planungsauftrag erging dann am 20. Juli
2011, auf dessen Grundlage im Jahr 2012 ein
Architektenwettbewerb durchgeführt wurde.
Sieger in diesem Wettbewerb wurde unter 26
eingereichten Arbeiten eine Bietergemein-
schaft der Architekten Lungwitz, Heine, Milder
(Dresden) und Rabe (Berlin), die später unter
der Bezeichnung „ARGE Aktienspinnerei“ den
Umbau vorantrieb. Im April 2014 begannen
erste vorbereitende Abbrucharbeiten und im
Juni 2015 erfolgte der offizielle Baustart. Im
März 2020 wurde das Gebäude fertiggestellt.
Grundlage für Wettbewerb und Ausführung
war die historisch vorgegebene Kubatur der
„Alten Aktienspinnerei“, welche 1857 als kom-
plett in Eisen- und Steinbauweise ausgeführter
moderner Industriebau errichtet wurde. Bereits
um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
gab die Chemnitzer Aktienspinnerei das Ge-
bäude als Betriebsstandort auf und es kam
in das Eigentum der Stadt Chemnitz. Seitdem
hatte das Gebäude eine Vielzahl von Nutzern
und erfuhr damit einhergehend mannigfache
Um- und Überbauungen.
Mit dem Beginn der Planungen für den Umbau
der „Alten Aktienspinnerei“ für die Univer-
sitätsbibliothek und das Archiv gingen auch
die Umzugsplanungen des Archivs in eine
neue Phase. Bis dahin waren alles lediglich
Planspiele. Für die Bauplanungsphase war es
unbedingt notwendig, genaue Kenntnis vom
Bestandsumfang und den jährlichen Zuwäch-
sen zu haben. Mit der in Angriff genommenen
Lagerungssystematik war das Archiv in der
Lage, quasi auf Knopfdruck relativ genaue
Zahlen zu liefern. Die umfangreiche Hauptta-
belle wurde hierfür mit entsprechenden Pivot-
Abfragen ausgewertet. Es konnte damit z. B.
in der erzeugten Pivot-Tabelle ausgewiesen
werden, wie viel laufende Meter je Bestand
oder Teilbestand vorhanden waren, oder wie
viele lfm je Magazinraum eingelagert waren.
Das Universitätsarchiv setzte sich zu Beginn
der konkreten Umzugsplanungen das Ziel, mit
einem komplett neuverpackten Archivbestand
umzuziehen. Es war zwar zu diesem Zeitpunkt
ein Kartonierungsgrad von ca. 95 % erreicht.
Vor allem bei Überformaten gab es jedoch er-
hebliche Lücken. Aber auch im Formatbereich
DIN A4 waren nicht archivgerechte Verpa-
ckungen vorherrschend. Deshalb wurde Ende
2016 beschlossen, die im Betrieb vollzogenen
Verpackungsarbeiten in einem Verpackungs-
projekt zu bündeln. Es wurde an das Rektorat
der Universität ein Antrag auf Bereitstellung
von zusätzlichen finanziellen Mitteln für Ver-
packungen und zusätzlichem Personal gestellt.
Die Mittel für die Materialien wurden relativ
unproblematisch bewilligt und die notwen-
digen Kartonagen beschafft. Zusätzliches
Personal konnte allerdings nur in geringem
Umfang zur Verfügung gestellt werden. Ab
August 2017 wurde eine Mitarbeiterin aus der
Universitätsbibliothek mit einer halben Stelle
für diese Aufgaben in das Universitätsarchiv
umgesetzt. Diese Mitarbeiterin war bereits seit
längerer Zeit mit einem geringen Stundende-
putat im Archiv beschäftigt und musste nicht
langwierig in Arbeitsprozesse des Archivs ein-
gearbeitet werden. Trotzdem wurde verstärkt,
wie auch in der Vergangenheit, auf Hilfskräf-
te für Verpackungsarbeiten gesetzt. Ab März
2020 konnte eine weitere Mitarbeiterin der
Universitätsbibliothek stundenweise für diese
Arbeiten bewilligt werden. Außerdem wurden
zwei Praktikanten für jeweils sechs Wochen
im Archiv eingestellt. Allerdings mussten
durch die Restriktionen im Zuge der Corona-
Pandemie diese Hilfen eingestellt werden und
das Archiv ging komplett in den Lockdown.
Spätestens damit war klar, dass sich das Archiv
von dem Ziel mit einem komplett neu ver-
packten Bestand umzuziehen, verabschieden
musste. Für die verbleibende Zeit galt es nun
Prioritäten festzulegen, welche Unterlagen
neu verpackt werden sollten. Auf jeden Fall
sollte das gesamte Archivgut, welches bisher
unverpackt war, in entsprechende Behältnisse
gebracht werden.
Parallel zur mechanischen Neuverpackung des
Archivgutes wurde die Lagerungssystematik
dahingehend überarbeitet bzw. verfeinert,
dass die Formate der jeweiligen Kartonagen
nun mit erfasst und auch nacherfasst wurden.
Dazu wurde eine Liste mit den vorhandenen
Verpackungen inkl. der Maße erstellt. So war
eine gewisse Einheitlichkeit bei der Erfassung
gewährleistet. Nur mit dieser einheitlichen
Erfassung war es möglich, mittels der vorhin
erwähnten Pivot-Funktion entsprechende Ab-
fragen zu gestalten, um die Anzahl der jewei-
ligen Kartonagen zu erfassen und im Blick zu
behalten. Mit dieser recht aufwändigen Aktion
erhielt das Archiv aber eine genaue Informa-
tion über die Anzahl der umzuziehenden Ver-
packungseinheiten und auch deren Formate.
Im Sommer 2018 hatte die ARGE Aktienspin-
nerei die Magazinplanungen abgeschlossen.
Für das Universitätsarchiv war ein Magazin-
raum mit einer elektrisch fahrbaren doppel-
stöckigen Anlage vorgesehen. Leider ergaben
mangelhafte Absprachen im Planungsprozess
nicht in allen Fällen auf die Verpackungsgrö-
ßen abgestimmte Fachbreiten und -höhen in
der aufgestellten Anlage. Dies verursachte
erhöhte Anforderungen an die Planung der
Magazinbelegung. Im Herbst 2018 konnte
das Universitätsarchiv auf die Unterstützung
eines Archivreferendars des Sächsischen
Staatsarchivs während seines Praktikums zu-
rückgreifen. Dieser bekam die anspruchsvolle
Aufgabe, die künftige Magazinbelegung auf
der Grundlage der vorhandenen Daten mit
allen einzufügenden Prämissen zu planen. Im
Rahmen dieses Praktikums erfolgte noch ein-
mal ein Abgleich der Lagerungssystematik. Für
die Planung galt als Vorgabe, dass neben der
Beachtung der Formate die bisher an unter-
schiedlichen Standorten gelagerten Bestände
zusammengeführt und in die entsprechende
Reihung gebracht werden sollten. Im Ergebnis
entstand eine Grobplanung, die später sehr gut
für die Feinplanung im Sommer 2020 genutzt
Stephan Luther, Leiter des Universitätsarchivs im Hauptmagazin des Archivs in der „Alten Aktienspinnerei“
(Foto Johanna Luther)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 23
werden konnte. Im Zuge dieser Arbeiten wurde
in Abstimmung mit der Bibliotheksleitung und
der Verwaltung der Universität entschieden, im
500m entfernten Hauptgebäude zwei größere
Archivräume für das Zwischenarchiv einzu-
richten. Diese Magazinräume befinden sich
in unmittelbarer Nähe zu den abgebenden
Bereichen.
Als ab Frühsommer 2020 der endgültige Um-
zugstermin feststand, wurde auf der Grund-
lage der vorhandenen Lagerungssystematik
an der Erstellung einer Umzugsliste für das
Unternehmen gearbeitet, mit der vom Regal
ins Regal umgezogen werden sollte. Zu die-
sem Zeitpunkt wurden von der Lagerungs-
systematik neben den Bestandsnummern und
Signaturen, die Raum- und Fachnummern,
die laufenden Meter sowie die Art der Ver-
packung erfasst. Bereits im Vorfeld hatte der
Archivleiter mit einem externen IT-Spezialis-
ten abgeklärt, dass aus dieser Liste mit Hilfe
von Funktionen im Programm automatisiert
eine neue Liste generiert werden kann, die
nun für jeden Datensatz nicht mehr nur das
Fach, sondern jeden einzelnen Karton erfasst.
Jede dieser Verpackungseinheiten bekam vom
Programm eine eindeutige Umzugsnummer
zugeteilt. Es wurden knapp 30.000 solcher
Umzugsnummern erstellt. Mit der Unter-
stützung von Hilfskräften wurden sämtliche
Kartons mit einem Etikett, welches diese
Umzugsnummer aufwies, versehen. Gleich-
zeitig wurde in den neuen Magazinen eine
Regal- und Fachbodenbeschriftung wie im
alten Archiv vorgenommen. Mit der durch die
Unpivot-Funktion in Excel erstellten Umzugs-
liste wurden die Bestände virtuell in die neuen
Magazine eingelagert. Gleichzeitig entstand
eine Liste mit der Umzugsnummer, dem alten
und neuen Standort.
In einer Besprechung mit den Vorarbeitern
des Umzugsunternehmens wurde diese Liste
unmittelbar vor dem Umzug genau bespro-
chen und während des Umzugs mit kleine-
ren Aktualisierungen auch umgesetzt. Zur
Unterstützung und Kontrolle waren am al-
ten und am neuen Standort Mitarbeiter des
Universitätsarchivs mit Laptops und der Um-
zugstabelle sowie der Lagerungssystematik
alt und neu im Einsatz. Bis auf ganz wenige
Ausnahmen ist das Konzept aufgegangen und
die Bestände wurden dort eingelagert, wo sie
auch sein sollen. Natürlich müssen nun noch
Nachbesserungsarbeiten an der neuen Lage-
rungssystematik vorgenommen werden, aber
sie ist schon jetzt vollumfänglich nutzbar.
Die Einschränkungen der Corona-Pandemie
behinderten die Vorbereitungen sowie den
Umzug selbst, aber nun auch den Betrieb.
Seit 2014 ist das Universitätsarchiv eine Ab-
teilung der Bibliothek, um im Vorgriff auf die
gemeinsame Unterbringung Synergieeffekte
zu erzeugen. Im neuen Gebäude sollen der
Sonderlesebereich gemeinsam benutzt werden
und die Archivgutausgabe erfolgt über eine
gemeinsame Theke mit der Bibliotheksaus-
kunft. Die Universitätsbibliothek ist als eine
24/7-Einrichtung konzipiert und wird damit
bei regulärem Betrieb rund um die Uhr die
gesamte Woche geöffnet sein. Das Biblio-
thekspersonal wird von Montag bis Freitag
von 08:00-20:00 Uhr und am Samstag von
10:00-13:00 Uhr die Auskunftstheke besetzen.
So lange kann auch das Archiv die Ausgabe
und Rückgabe der vorbestellten Akten anbie-
ten. Eine Benutzungsberatung kann jedoch nur
zu den normalen Dienstzeiten des Archivper-
sonals erfolgen.
Insgesamt kann eingeschätzt werden, dass die
Nutzer in einem modernen und schön einge-
richteten Haus mit gutem Service sitzen wer-
den. Das Universitätsarchiv freut sich schon
darauf, endlich die ersten Benutzer begrüßen
zu dürfen.
Stephan Luther
(Universitätsarchiv Chemnitz)
Umzugsliste, mit Erledigtvermerken der Umzugsfirma (Foto Stephan Luther)
Frontansicht der Universitätsbibliothek in der „Alten Aktienspinnerei (Foto Stephan Luther)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 24
Ein Archiv geht online – Die Lebenswelten der
Grafen von Lehndorff-Steinort als digitale Edition
Zahlreiche vernichtete Gutsarchive stehen
beispielhaft für den Verlust historischer
Identität und des kulturellen Erbes ganzer
Adelslandschaften nach 1945. Heute wissen
wir, dass vieles aus den Archiven von Adels-
familien gesichert werden konnte. Auch das
Archiv der ostpreußischen Grafenfamilie von
Lehndorff ist, wenn auch geteilt, erstaunlich
umfangreich erhalten. Heute befindet sich die
Überlieferung an verschiedenen Standorten:
im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kultur-
besitz in Berlin-Dahlem (GStA PK), im Staats-
archiv Leipzig sowie im Archivum Pan´stwowe
w Olsztynie (Staatsarchiv Allenstein). „Bauplä-
ne der Rittergüter (Groß-)Steinort und Stawken
im Kreis Angerburg, Provinz Ostpreußen,
Regierungsbezirk Gumbinnen“ (https://lebens-
welten-lehndorff.bbaw.de wie auch alle wei-
teren Zitate), die in das Hauptstaatsarchiv
Dresden gelangt waren, wurden inzwischen an
das Staatsarchiv in Leipzig abgegeben. Weitere
Briefe und Dokumente sowie Bücher der gräf-
lichen Bibliothek in Steinort (Sztynort) wurden
der Stiftung Deutsches Historisches Museum,
Berlin/Standort: Ostpreußisches Landesmuse-
um übergeben. Ausführlicher, als hier möglich,
beschreibt ein Aufsatz im Herold-Jahrbuch
2020 (NF Bd. 25) die spannende Geschichte
und Überlieferung des Familienarchivs und
dessen Rezeption in der Forschung.
2016 nahm an der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften (BBAW) im Zen-
trum Preußen–Berlin das Forschungsprojekt
„Lebenswelten, Erfahrungsräume und politi-
sche Horizonte der ostpreußischen Adelsfami-
lie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhun-
dert“ seine Arbeit auf, das sich der schriftlichen
Hinterlassenschaft dieser Familie mit dem Ziel
zuwandte, durch eine wissenschaftliche On-
line-Edition am Beispiel der Grafen von Lehn-
dorff ein quellenfundiertes Bild vom Leben
und Handeln des ostpreußischen Adels in der
Neuzeit zu vermitteln. Gefördert wurde das
Projekt durch die Staatsministerin für Kultur
und Medien.
Inzwischen abgeschlossen, steht mit der
Online-Edition von mehr als 1.200 Quellen
(https://lebenswelten-lehndorff.bbaw.de)
nicht nur erstmals umfangreiches Material für
eine Kulturgeschichte dieser ostpreußischen
Adelsfamilie zur Verfügung. Zugleich ist damit
das an verschiedenen Standorten befindliche
Archiv virtuell wieder zusammengeführt und
durch die wissenschaftliche Erschließung in
einen bislang nicht verfügbaren Gesamtzu-
sammenhang gestellt. Einleitende Texte geben
Einblicke in das Projekt, den Untersuchungs-
gegenstand und die Fragestellungen, aber
auch in die Überlieferungslage der Quellen
und die Editionsprinzipien. Zusätzlich aufge-
nommen wurden Abbildungen wie Baupläne,
Karten, Gemälde, Fotos, die eine Ergänzung
der schriftlichen Überlieferung darstellen. Eine
Bibliographie der themenspezifischen Literatur
sowie der Zugriff auf die Findmittel in Leipzig
und Olsztyn und auf ein durch die Bearbeiterin
erstelltes, vorläufiges Verzeichnis des Berliner
Bestandes wurden auf der Website imple-
mentiert. Eine Vielzahl von Recherche- und
Auswertungsmöglichkeiten und verschiedene
Register ermöglichen ein komfortables Arbei-
ten mit den Dokumenten und Briefen.
Die im 15. Jahrhundert mit der „Großen Wild-
nis“ in Masuren belehnten Lehndorffs hat-
ten seit dem Mittelalter an der politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung
des Landes entscheidenden Anteil. Seit dem
16. Jahrhundert zu den bedeutendsten Guts-
besitzern Ostpreußens gehörend, verfügten
sie am Ende des 19. Jahrhunderts über einen
Grundbesitz von ca. 9.000 Hektar in den Krei-
sen Angerburg (We¸gorzewo) und Rastenburg
(Ke¸trzyn). Ausbildungen an angesehenen
Bildungseinrichtungen und ausgedehnte Bil-
dungsreisen hatten ihnen über Jahrhunderte
den Weg zu Karrieren im Militär, in der Diplo-
matie und Verwaltung geebnet. Zu verschiede-
nen Zeiten hatten die Lehndorffs Verbindun-
gen zu den Höfen in Kopenhagen, Amsterdam,
Warschau, St. Petersburg und Berlin. Ihre ver-
wandtschaftlichen Beziehungen reichten mit
Brandenburg, dem Herzogtum Magdeburg
und Pommern weit in andere Regionen hinein.
Überregionale Kulturbeziehungen verbanden
sie mit Polen, dem Baltikum und mit Russland.
In Berlin, im liberalen Königsberg, aber auch in
Schloss Steinort, dem Sitz der Familie, pflegte
man einen intensiven Umgang mit Künstlern,
Schriftstellern und Wissenschaftlern, enga-
gierte sich in historischen, Kunst- und vater-
ländischen Vereinen. Über Jahrhunderte waren
die Lehndorffs als Patrimonialherren und als
Kirchen- und Schulpatrone eng mit der Ent-
wicklung der Dörfer und Vorwerke verbunden,
nahmen Anteil an lokaler Wirtschaft und Kul-
Über die Website des Projektes gelangt man zu den Dokumenten, Bildern, Registern.
tur und engagierten sich für zahlreiche soziale

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 25
Einrichtungen. Über 500 Jahre hinterließen sie
so ihre Spuren im ostpreußischen Masuren, in
Königsberg, in Berlin und an vielen anderen
Orten in- und außerhalb Preußens.
Der Wunsch nach Rechtswahrung, um durch
Urkunden als Besitzdokumente Familienbesitz
und Erbansprüche zu sichern, war es wohl, der
zur Herausbildung von Adelsarchiven führte.
Mit dem Beginn der Frühen Neuzeit kam das
Streben nach Erinnerung, das Wissen um die
Herkunft und die Leistung des Geschlechts
als Grundlage adliger Selbstvergewisserung,
sozialer Abgrenzung und ständischer Reprä-
sentation hinzu. Zugleich entwickelte sich die
Überlieferung inhaltlich über familiäre Belange
hinaus. Wo der Adel Herrschaftsrechte wie
Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt, Steuereinnah-
men oder Befugnisse wie das Kirchenpatronat
wahrnahm, ging es nicht ohne Schriftlichkeit.
Die enge Verbindung zwischen Familie und Gut
fand in der im 19. Jahrhundert entstandenen
Wortschöpfung „Gutsarchiv“ ihren Nieder-
schlag.
Die im Archiv der Grafen von Lehndorff-Stein-
ort überlieferten Briefe und Aufzeichnungen
dokumentieren die Geschichte der Familie über
den Zeitraum vom 13. Jahrhundert bis in die
Gegenwart. Jede Generation hat hier ihre Spu-
ren in Urkunden, Briefen, Manuskripten und
Büchern hinterlassen. Schon in der Mitte des
18. Jahrhunderts wies diese Sammlung eine
geordnete Struktur auf. Private Korrespondenz
und Briefe zur Verwaltung der Güter, Testa-
mente und Erbauseinandersetzungen, königli-
che Edikte und amtliche Schreiben, Statistiken
und Inventare, Denkschriften, Instruktionen,
Zeitschriftenartikel und Tagebücher bilden
heute in vielfältiger Weise das Leben und Wir-
ken der Familie auf dem Gutsbesitz Steinort
in Ostpreußen, in Königsberg und Berlin vom
18. bis in das 20. Jahrhundert ab. Sie berühren
Besitz und Familienbeziehungen, politische,
militärische, ökonomische, soziale Tätigkeiten
sowie kulturelle, genealogische und religiöse
Themen. Der umfangreiche Briefwechsel kün-
det von den reichen verwandtschaftlichen und
persönlichen Beziehungen zu bedeutenden
und einflussreichen Persönlichkeiten der je-
weiligen Zeit.
Die Teilung des Archivs lässt sich bis heute
nicht in allen Details erklären. Aufzeichnungen
gingen verloren oder wurden später bewusst
vernichtet. Schon am Beginn des 20. Jahr-
hunderts waren die wertvollsten historischen
Archivalien des Familienarchivs zur Ostpreußi-
schen Landschaft nach Königsberg verbracht
worden. Die Akten der Ostpreußischen Gene-
rallandschaft wurden später Depositum des
dortigen Staatsarchivs. Ende 1944 teilte das
Lehndorff-Archiv das Schicksal der Königsber-
ger Archivalien und gelangte nach Grasleben.
Von hier kam es über das Zonenarchivdepot in
Goslar in das Deutsche Zentralarchiv Potsdam
(DZA, später: Zentrales Staatsarchiv (ZStA)
Potsdam) und wurde spätestens im Sommer
1953 unter der Bezeichnung „Rittergutsar-
chiv Lehndorff Steinort Ostpreußen“ teilweise
verzeichnet. Im Dezember 1983 wurden die
Archivalien mit anderem „Archivgut von ost-
wärts Oder/Neiße“ vom ZStA Potsdam in das
dem Ministerium des Innern unterstehende
Archivdepot Barby gebracht. Nach dessen Auf-
lösung wurde der Bestand 1991 dem GStA
PK übergeben, wo er durch eine vorläufige
Findkartei verzeichnet und der XX. HA (His-
torisches Staatsarchiv Königsberg), Rep. 54
Gutsarchive unter der Bezeichnung „Guts-
archiv Lehndorff-Steinort“ zugeordnet wurde,
dann aber in Vergessenheit geriet. Erst bei
Recherchen für das Projekt im Bundesarchiv
in Berlin stellte sich heraus, dass neben der be-
kannten Überlieferung in Leipzig und Olsztyn
ein weiterer Teil des Guts- und Familienarchivs
Lehndorff überliefert sein muss, der durch die
Bearbeiterin gemeinsam mit Archivaren im
GStA PK wieder aufgefunden wurde. Mit einem
Umfang von 6,5 lfm Akten in 953 Verzeich-
niseinheiten und weiterem unverzeichneten
Material im Umfang eines Archivkartons liegt
in Dahlem nicht nur mehr als ein Drittel des
ursprünglichen Lehndorff-Archivs, sondern
auch der wertvollste Teil, zu dem die den Be-
sitzstand dokumentierenden Urkunden sowie
Eheverträge, Mitgiften, Vormundschaften,
Testamente, Erbteilungen etc. gehören. Die
älteste Pergament-Urkunde über den Besitz
von Taberlack datiert bereits in das Jahr 1397.
Der überwiegende Teil der Akten ist dem 16.
bis 18. Jahrhundert zuzuordnen.
Wann und unter welchen Umständen die Ar-
chivalien aus Steinort auf die Burg Kriebstein
in Sachsen kamen, ist aktenmäßig nur zum
Teil zu belegen. Derzeit ist davon auszugehen,
dass die nach Kriebstein und von hier in das
Staatsarchiv Leipzig gelangten Archivalien und
das Bibliotheksgut das Schicksal des Inventars
teilten und im Dezember 1944 nach Kriebstein
sowie in die Wechselburg gebracht wurden.
Vom 4. bis 8. Dezember 1944 war Alfred Rohde,
Direktor der Königsberger Kunstsammlungen
und Kenner ostpreußischer Kunstgüter im Fa-
milienbesitz, persönlich nach Sachsen gereist,
um Kriebstein und die Wechselburg in Augen-
schein zu nehmen. Zuvor hatte der Leiter des
ostpreußischen Provinzialdenkmalamtes im
Auftrag von Gauleiter Erich Koch wegen der
Unterbringung „unersetzlicher Kunstschätze
von hohem Denkmalwert aus der Provinz Ost-
preußen“ beim Reichsstatthalter vorgefühlt.
Der Lehndorff-Besitz und das Vermögen aller
am 20. Juli 1944 Beteiligten war unmittelbar
nach dem 20. Juli 1944 durch das Reichsjus-
tizministerium eingezogen worden. Alle künst-
lerisch wertvollen oder museal geeigneten
Einzelobjekte sowie Literatur- und Schriftgut
standen seitdem unter „Führervorbehalt“.
Nachdem im Oktober 1944 die Verwaltung
des eingezogenen Besitzes vereinfachend der
Staatspolizei bzw. den Regierungspräsidenten
übertragen worden war, ist eine Mitwirkung
des Gauleiters Koch ebenso wie eine Beteili-
gung des Außenministers Joachim Ribbentrop,
der im Juni 1941 den linken Flügel des Lehn-
dorff-Schlosses in Steinort als Feldquartier
beschlagnahmt hatte, an der Verbringung nach
Kriebstein vorstellbar. Auch eine Beteiligung
von Carl von Lorck, ab 1927 und noch 1945
als Jurist am Oberlandesgericht in Königsberg
tätig, zugleich Kunsthistoriker und bester Ken-
ner der Schlösser Ostpreußens, ist nicht aus-
zuschließen. Nach seiner Eheschließung mit
Anni Freiin von Schrötter, der Enkelin Anna
Schloss Steinort in Masuren, hier auf einer Aufnahme vom Sommer 2019, war der Stammsitz der Lehndorffs.
(Foto Gaby Huch)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 26
von Lehndorffs, hatten beide ihren Wohnsitz
auf dem Seehof-Steinort. Lorck saß damit ge-
wissermaßen an der Quelle.
Am 24. Dezember 1944 trafen Eisenbahn-
waggons mit Kulturgut in Sachsen ein, in de-
nen sich auch Inventar der Familie Lehndorff
aus Schloss Steinort befand. Zwischen Ende
März und 8. Mai 1945 sollen die Lehndorff-
Kisten in Kriebstein in den dortigen Wohnturm
gebracht worden sein. Die Wechselburg im
Landkreis Rochlitz wurde im Januar 1945 be-
legt. Auch hier befand sich nach Kriegsende
Lehndorff-Besitz, darunter zwei eiserne Truhen
mit Archivalien.
Nachdem die Sächsische Landesverwaltung
der UdSSR zur Erfüllung von Reparationsver-
pflichtungen im Frühjahr 1946 Kunstgegen-
stände aus enteigneten Schlössern angeboten
hatte, wurden am 17. und 18. Mai 1946 mehr
als 1.700 Kunstgegenstände „aus dem Besitz
Lehndorff-Lorck“ im Auftrag der Landesver-
waltung Sachsen inventarisiert und geschätzt.
Die Archivalien wurden nicht in die Taxierung
einbezogen und in einem (unbekannten) Guts-
hof im Kreis Döbeln eingelagert und Anfang
1966 vom Kreismuseum Döbeln an das Staats-
archiv Leipzig übergeben. Aufgrund der um-
fangreichen genealogischen Sammlung wurde
der Bestand der neu gegründeten Zentralstelle
für Genealogie überwiesen.
Die Truhen aus der Wechselburger Kirche wur-
den erst am 16. November 1948 geöffnet.
Dabei stellte man fest, „dass das aus Steinort,
Kr. Angerburg/Ostpreußen stammende Gut
aus dem Besitz des Grafen Lehndorff stammt,
der am 20. Juli 1944 beteiligt war und deshalb
samt der gesamten Familie ausgerottet wurde.“
Mit Ausnahme von „Pergamentbänden mit
handgeschriebenen Aufzeichnungen persön-
licher Art in französischer Sprache“ und der
„Urkunde mit der reichsgräflichen Ernennung
und dem Wappenbrief und dem doppelseitigen
kaiserlichen Metallsiegel“ wurde der Inhalt als
wertlos eingeschätzt. Die Akten sollten dem
Stadtarchiv zur Weiterleitung an das Landes-
archiv übergeben, wertlose Briefe vernichtet
werden. Inwieweit das erfolgte, ist unbekannt.
Am 18. Dezember 1975 nahm der damalige
Leiter der Zentralstelle für Genealogie von
dem stellvertretenden Leiter der Staatlichen
Archivverwaltung im Ministerium für Inneres
der DDR fünf „Schachteln“ des Familienarchivs
in Empfang – möglicherweise das Schriftgut
aus den eisernen Truhen? Wo sich das Material
in der Zwischenzeit befand, ist bisher nicht
bekannt. 1963 war in die Richtlinien für die
Bestandsabgrenzung zwischen den Staats-
archiven der DDR der Passus aufgenommen
worden: „Die Bestände, die zerrissen sind und
zur Zeit in verschiedenen Archiven aufbewahrt
werden, sind zu vereinen.“ Warum diese Richt-
linie nicht angewendet wurde, ist nicht zu be-
antworten. Im Staatsarchiv Leipzig wurde aus
den Akten der Bestand 21950 Familienarchiv
Lehndorff gebildet. Die Erschließungsarbeiten
an den chronologisch und sachlich ungeord-
neten Archivalien wurden 2001 abgeschlos-
sen. 2003 wurden die Akten schutzverfilmt, da
der Erhaltungszustand aufgrund der langjäh-
rigen unsachgemäßen Aufbewahrung bereits
schlecht war. Im Kontext der 2004 begonne-
nen Erstellung eines neuen Findbuches wurde
der Bestand nochmals überarbeitet und neu
klassifiziert. Heute umfasst der Bestand in
Leipzig 6 lfm in 528 Archivalieneinheiten. Den
Schwerpunkt bilden Akten aus dem 18. und
aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Das in den Kriegsjahren unversehrt gebliebene
Schloss Steinort wurde 1945 durch die Rote Ar-
mee besetzt. Bereits 1945 hatte die Litauische
Akademie der Wissenschaften eine Expedition
in Königsberg und in den umliegenden Guts-
häusern und Schlössern gezielt nach litaui-
schen Drucken suchen lassen. In einem Rund-
schreiben vom 24. Februar 1946 hatte auch das
polnische Ministerium für Landwirtschaft und
Bodenreform angeordnet, dass Gutsarchive an
die Archivabteilung auszuliefern resp. am Ort
sicherzustellen seien. 1947 wurde Ostpreußen
im Auftrag der Warschauer Archivverwaltung
bereist, um alle hinterlassenen Archivalien und
Registraturen in Kirchen und Herrenhäusern
sicherzustellen. Der in Steinort verbliebene
Archiv-Rest wurde 1948 in das Staatsarchiv
Olsztyn gebracht und dort als Bestand „Archiv
des Grafen-Geschlechts Lehndorff zu Stein-
ort/Kreis We¸gorzewo“ (Akt Podworskich Rodu
Hr. Lehndorff 382/I) verzeichnet. Er umfasst
4,5 lfm in 657 Archivalieneinheiten. Seit Mai
2016 stehen die Akten fast vollständig als Di-
gitalisate zur Verfügung. Der Schwerpunkt des
Aktenbestandes in Olsztyn liegt deutlich im
späten 18. und im 19. Jahrhundert.
Einen solchen Quellenbestand wieder zusam-
menzuführen – wenn auch für einen definier-
ten Zeitraum und unter einem abgegrenzten
Thema – war eine Herausforderung, die als
Printedition nicht zu realisieren gewesen wäre.
Dafür entwickelte die Digital Humanities-Ab-
teilung TELOTA („The Electronic Life Of The
Academy“) der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften unter Mitar-
beit von Frederike Neuber, Stefan Dumont und
Philipp Linß Forschungssoftware, mit der das
Projekt digital erarbeitet und präsentiert wer-
den konnte. Auf diese Weise wurde die Edition
für Wissenschaftler und Interessierte auf der
ganzen Welt elektronisch nutzbar gemacht
und die Fachkommunikation unterstützt.
Von der Erfassung der Daten bis zur Online-
Publikation wurde das Projekt in der durch
TELOTA entwickelten digitalen Arbeitsumge-
bung ediarum
(htpps://www.ediarum.org)
erstellt. Die digitale Modellierung basiert auf
den Koordinierungsrichtlinien der Text En-
coding Initiative (TEI) und dem Basisformat
des Deutschen Textarchivs (DTA-Bf), einem
schematisierten Subset der TEI, das ebenfalls
an der BBAW entwickelt wird. Zentrale Soft-
warekomponenten sind die XML-Datenbank
eXistdb, in der die Dokumente gespeichert
sind, und der Oxygen XML Author, in dem
die Quellen ediert werden. Die Bearbeitung
erfolgt dabei nicht in einer XML-Codeansicht,
sondern in einer benutzerfreundlichen Au-
toransicht, die u. a. eine Werkzeugleiste in-
tegriert, über die man per Knopfdruck Aus-
zeichnungen vornehmen kann. So können z. B.
Hervorhebungen in Manuskripten markiert
oder Sachanmerkungen eingegeben werden.
Auch Personen- oder Ortsnamen können mit
der entsprechenden TEI-Auszeichnung verse-
hen und gleichzeitig über eine komfortable
Auswahlliste mit dem jeweiligen Eintrag im
zentralen Personen- bzw. Ortsregister ver-
knüpft werden. Der gesamte Text kann da-
durch einfach und schnell mit TEI-konformen
XML ausgezeichnet werden.
Neben der eigentlichen Arbeitsumgebung in
Oxygen XML Author, wurde auf Basis der XML-
Daten eine Website mit den Programmierspra-
chen XQuery und XSLT erstellt, die intern als
„Vorschau“ der edierten Dokumente diente.
Die öffentliche Website wurde bereits früh
als Beta-Version freigeschaltet. Die Software
Digilib (MPI für Wissenschaftsgeschichte)
wurde zur Anzeige von Faksimiles verwen-
det. Damit wurde für die digitale Edition auf
Lösungen zurückgegriffen, die bereits für an-
dere an der BBAW herausgegebene Editionen
(schleiermacher-digital.de, edition-humboldt.de,
actaborussica.bbaw.de etc.) erarbeitet wurden.
Die Quellen des Projektes

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 27
Durch die Erfassung der Metadaten und Texte
nach den Richtlinien der TEI und des DTA-Bf
sowie die Anbindung der Edition an den Web-
service correspSearch (https://correspsearch.
net) sind verschiedene Möglichkeiten für die
Vernetzung mit anderen Editionen gegeben.
correspSearch ist ein ebenfalls an der BBAW
durch TELOTA entwickelter Webservice, mit
dem Verzeichnisse digitaler und gedruckter
Briefeditionen nach Absender, Empfänger,
Schreibort und Datum projektübergreifend
durchsucht werden können. Der Webservice
aggregiert Daten im Correspondence Meta-
data Interchange-Format (CMIF), das auf der
TEI-Erweiterung correspDesc der TEI-Arbeits-
gruppe zur Kodierung von Korrespondenzen
basiert. Die Personen- und Ortssuche basiert
dabei auf Identifikatoren aus Normdateien wie
der Gemeinsamen Normdatei der Deutschen
Nationalbibliothek oder der geographischen
Datenbank GeoNames, mit deren Hilfe Perso-
nen und Orte eindeutig und projektübergrei-
fend identifiziert werden können.
Die digitale Edition stellt nicht nur eine Schnitt-
stelle zur Aufnahme der Daten in correspSearch
bereit, sondern auch eine BEACON-Schnitt-
stelle (bestehend aus GND-Nummern der Per-
sonen im Register), die beispielsweise von der
Deutschen Biographie genutzt wird. Grund-
sätzlich umfasst die Publikation der digitalen
Edition also nicht nur die Bereitstellung der
Webseite, sondern auch die Verfügbarma-
chung der dahinterliegenden Daten. Neben
den bereits erwähnten Schnittstellen sind die
vollständigen XML-Datensätze der Dokumente
und Register einerseits über ein GitHub-Repo-
sitorium verfügbar und andererseits im digi-
talen Repositorium zenodo (https://doi.org/
10.5281/zenodo.3842854) integriert, wo sie
über eine DOI zitierbar sind. Durch Bereitstellung
unter Creative Commons-Lizenz (CC BY 4.0)
ist die Edition ein aktiver Beitrag zur „Open
Science“-Bewegung in der Wissenschaft.
Gaby Huch/Frederike Neuber
(Berlin-Brandenburgische Akademie
der Wissenschaften)
Wie funktioniert ediarum?
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forschungsprojekte-und-software/ediarum
Wie funktioniert correspSearch?
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forschungsprojekte-und-software/correspsearch
Die Arbeitsumgebung ediarum. Durch die Verknüpfungen ergeben sich direkte Verzweigungen in die Anmerkungen und Register.

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 28
Die Überlieferung der Staatlichen Fachstelle für
Büchereiwesen Bautzen im Staatsfilialarchiv Bautzen
Zu Beginn der 1920er Jahre gab es in Bautzen
fünf Büchereien, die, mehr oder weniger, öf-
fentlich zugänglich waren. Dazu zählten die
von Dr. Gregorius Mättig 1650 gestiftete
(historische) Rats- oder Stadtbibliothek im
Gewandhaus, die ebenfalls historische, 1681
gestiftete Bibliothek im Gersdorffschen Pa-
lais, die Volksbücherei mit Lesehalle des Ver-
eins Volkswohl am Kornmarkt, die Vereinigte
Teichnitzer und Bautzener Volksbibliothek im
Vereinshaus des Vereins Christlicher Junger
Männer (CVJM) sowie die Bibliothek der 1847
gegründeten sorbischen Wissenschaftsverei-
nigung Mac´ica Serbska im Wendischen Haus.
Weitere Bibliotheken, die jedoch nur einem
sehr eingeschränkten Nutzerkreis zur Ver-
fügung standen, waren in den Schulen, den
Kirchen beider Konfessionen, bei Vereinen,
Behörden und Firmen zu finden. Außerdem
hatten in der Stadt mehrere private Leih-
büchereien ihren Sitz.
Am 1. November 1922 übernahm Studienrat
Kurt Marx die nebenamtliche Betreuung der
Stadtbibliothek. 1923 löste sich der Verein
Volkswohl auf. Die von ihm betreute Volks-
bücherei mit Lesehalle ging in städtische Trä-
gerschaft über. Marx übernahm deren Leitung
und forcierte ihre Erneuerung und Umgestal-
tung. Im selben Jahr wurde er auch mit der
Betreuung der Gersdorffschen Stiftsbibliothek
betraut. 1925 bezogen alle drei Bibliotheken
neue Räumlichkeiten in der ehemaligen Dom-
schule an der Petrikirche. Am 17. Februar 1925
fand die feierliche Eröffnung der „Städtischen
Büchereien“ statt. Die historischen Bestände
der Ratsbibliothek und der Gersdorffschen Bib-
liothek bildeten seitdem historisch abgeschlos-
sene Bestände. Marx löste alle neueren Werke
aus beiden heraus und ordnete sie der Volks-
bücherei zu. Als Anhänger der Volksbücherei-
bewegung ließ er zudem den überwiegenden
Teil der finanziellen Mittel für Neuerwerbungen
in die Erweiterung dieses Bestandes fließen.
Die Bewegung hatte sich im 19. Jahrhundert
entwickelt. Ihr Anliegen war die Schaffung ei-
nes dichten Netzes von Volksbüchereien, um
damit die Volksbildung zu heben; Bücher- und
Lesehallen entstanden. Nach Ende des Ersten
Weltkrieges lebte die Volksbüchereibewegung
neu auf. Ihr großes Vorbild war das ameri-
kanische Bibliothekswesen. Auch Marx nahm
Mitte der 1920er Jahre immer wieder darauf
Bezug. Für ihn war die Bücherei die alleinige
Einrichtung, bildungswillige Menschen an ein
gutes Buch heranzuführen. Dies vermittelte er
auch dem Kreisausschuss, dessen Mitglieder
er am 18. März 1927 durch die Stadtbücherei
führte. In seiner Rede stellte er die Aufgaben
der modernen Bücherei vor. Er referierte über
die Anforderungen an das Personal und des-
sen Verantwortung beim Bestandsaufbau und
im Ausleihbetrieb. Dazu ging er auch auf die
Charakteristik eines im Sinne der Volksbildung
wertvollen Buches ein. Die Führung war ein klei-
ner Abschnitt des langen Verhandlungsweges
zwischen dem sächsischen Innenministerium,
der Landesstelle für freies Volksbildungswesen
und dem Stadtrat Bautzen über die Errichtung
einer Kreisfachstelle für Büchereiwesen in der
Oberlausitz. Dieser begann 1925 und endete
mit der Einrichtung der Fachstelle für Büche-
reiwesen in Bautzen zum 1. Oktober 1928. Eine
Bedingung der Landesbehörde war, die bis da-
hin nebenamtliche Anstellung des Büchereidi-
rektors in eine hauptamtliche umzuwandeln.
Finanzielle Beihilfe wurde in Aussicht gestellt.
Marx verließ darum zum 30. September 1928
den Schuldienst und übernahm die Leitung der
neuen Einrichtung; gleichzeitig blieb er Direktor
der Städtischen Büchereien.
Die Fachstelle war für die Errichtung, Unterhal-
tung und den Betrieb von Büchereien in den
Schulorten der Kreishauptmannschaft Bautzen
zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörten auch
die Beschaffung und Verwaltung der Geldmit-
tel zum Betrieb der Büchereien sowie die bib-
liotheksfachliche Betreuung der überwiegend
nebenamtlich tätigen Büchereimitarbeiter. Sie
trug vom 1. April 1929 bis Ende April 1934 den
Namen Amtliche Sächsische Kreisberatungs-
stelle für das volkstümliche Büchereiwesen,
Bautzen und war zunächst der Zentralstelle
für volkstümliches Büchereiwesen in Leipzig
unterstellt. Mit der Verordnung des sächsi-
schen Ministeriums für Volksbildung vom 18.
März 1934 über die Neuordnung des Volksbü-
chereiwesens wurde die Sächsische Landes-
fachstelle für Volksbüchereiwesen in Dresden
errichtet. Sie unterstand dem Ministerium für
Volksbildung, Landesstelle für nationalsozialis-
tische Erwachsenenbildung. Der Landesfach-
stelle waren die staatlichen Kreisfachstellen
für Volksbüchereiwesen in Dresden, Leipzig,
Bautzen und Schwarzenberg untergeordnet.
Sie standen in ständiger Verbindung mit den
Volksbüchereien ihres Bezirkes und deren
Trägern. Innerhalb ihres Arbeitsbereiches üb-
ten sie die der Landesfachstelle zustehenden
Befugnisse nach deren Weisungen aus. Sie
sorgten durch fachliche Beratung und Über-
wachung für den richtigen Bestandsaufbau,
zweckmäßige Betriebsformen und gute Ar-
beitsweise. Die Kreisfachstellen waren der
Landesfachstelle unmittelbar unterstellt und
dieser für ihre gesamte Arbeit verantwortlich.
Territorial blieb die Staatliche Kreisfachstelle
für Volksbüchereiwesen Bautzen auch nach
der Auflösung der Kreishauptmannschaft
Bautzen 1932 für die vier Amtshauptmann-
schaften Bautzen, Kamenz, Löbau und Zittau
zuständig.
Ab November 1937 wurde das Volksbücherei-
wesen reichseinheitlich dem Reichsministeri-
um für Wissenschaft, Erziehung und Volksbil-
dung unterstellt. Dieses gab am 26. Oktober
des Jahres eine Richtlinie für das Volksbüche-
reiwesen heraus. Mit Verordnung vom 28. Juni
1939 wurden in Sachsen für die Kreisfach-
stellen neue Dienststellenbezeichnungen
eingeführt. Demnach sollte die Behörde ab
30. Juni Staatliche Fachstelle für Büchereiwe-
sen des Regierungsbezirkes Bautzen heißen.
Da es zu dieser Zeit jedoch gar keinen Regie-
rungsbezirk Bautzen gab, erfolgte kurze Zeit
später die Änderung in Staatliche Fachstelle
für Büchereiwesen des Regierungsbezirkes
Dresden-Bautzen (für die Kreise Bautzen,
Kamenz, Löbau, Zittau) Sitz Bautzen. Das war
eindeutig zu lang für Stempel und Siegel, so
setzte sich die Kurzform Staatliche Fachstelle
für Büchereiwesen Bautzen durch. Weitere
Fachstellen gab es in Auerbach, Chemnitz,
Dresden und Leipzig.
In den grenznahen Gebieten wurden die Fach-
stellen für Volksbüchereiwesen durch den
Grenzbüchereidienst e.V., Sitz in Berlin mit
Geld- und Sachmitteln, zumeist Bücherspen-
den, unterstützt. Die Bautzener Kreisfachstelle
unterhielt rege Korrespondenz mit dem Verein,
welcher deren Tätigkeit umfangreich förderte.
Weiter arbeitete sie mit der Wendenabteilung
der Kreis- bzw. Amtshauptmannschaft Baut-
zen, den Amtshauptmannschaften Bautzen,
Kamenz, Löbau und Zittau, der NSDAP und
dem Bund Deutscher Osten eng zusammen.
Ihren Sitz hatte sie in Bautzen An der Petri-
kirche 7. Ein Kanzleizimmer stand der Fach-
stelle dort zur alleinigen Verfügung. Das Di-

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 29
rektionszimmer und der Lagerraum wurden
gemeinsam mit den Städtischen Büchereien
genutzt. Der geplante Umzug in „erweiterte
Räume“ wurde kriegsbedingt verschoben.
Die Personalausstattung der Einrichtung
blieb Zeit ihrer Existenz eher schlecht. In ei-
ner Beschwerde an die Landesfachstelle in
Dresden schrieb Marx im Juni 1937: „Ich bin
je zur Hälfte mit der Leitung der Städtischen
Büchereien Bautzen und mit der Leitung der
Staatlichen Kreisfachstelle für Büchereiwesen
Bautzen beauftragt. Daneben leite ich noch
das Stadtarchiv Bautzen (seit 1. Mai 1929)
und das Staatliche Zweigarchiv der sächsi-
schen Oberlausitz in Bautzen (seit 1932). Diese
Berufsarbeit spielt sich in 3 verschiedenen
Gebäuden ab.“ Im Brief berichtete er über alle
Aufgaben die aus Zeitgründen „nur unzuläng-
lich und flüchtig“, häufig auch
„unpünktlich“ erledigt werden
konnten. Schließlich beendete
er seinen Brief mit der aus-
drücklichen Bitte, eine weitere
bibliothekarische Kraft und
eine technische Hilfskraft
einzustellen. Bis zu seiner
Einberufung zur Wehrmacht
am 25. August 1939 wurde
ihm dies jedoch nicht ge-
währt. Bis dahin waren der
Fachstelle wenigstens Biblio-
theksschüler als Praktikanten
zeitlich befristet zugeteilt.
Während seines Militärdiens-
tes blieb Marx Leiter aller vier
ihm anvertrauten Anstalten.
Aus dem Felde stand er mit
seinen Vertreterinnen in
Bautzen in Kontakt. Die Büroarbeiten der
Fachstelle erledigte die Kanzlistin Katharina
Kunath, die Fachaufgaben die Bibliothekarin
Ilse Triest. Da diese jedoch auch den Bestand
der Stadtbücherei zu betreuen hatte, übernahm
Katharina Kunath zunehmend auch bibliothe-
karische Facharbeiten. Für die Erledigung tech-
nischer Arbeiten waren Hilfskräfte angestellt.
Zum 1. April 1944 wurden der Bibliothekarin
Hiltrud Henker die stellvertretende Leitung
der Fachstelle und alle damit verbundenen
Aufgaben übertragen. Die Verwaltungsarbei-
ten blieben Aufgabe von Katharina Kunath.
Nach fünfzehn Jahren Dienstzeit unter Marx
und fünf Jahren „Alleinverwaltung“ konnte sie
sich mit der neuen Situation und Leiterin nicht
abfinden. Schnell kam es zu Verwerfungen
und schließlich beendete Fräulein Kunath aus
gesundheitlichen Gründen „auf besonderes
Gesuch“ zum 4. September 1944 ihre Tätig-
keit in der Fachstelle. Ihre Stelle wurde durch
Abordnung der Bibliothekarin Ruth Schaldach
von der Landesfachstelle nachbesetzt. Nach
ihrer Eheschließung kehrte Ruth Föllmer geb.
Schaldach nach Dresden zurück. Im Oktober
1944 übernahm ihre Stelle Käthe Seibicke geb.
Conrad. Sie stammte aus Ostpreußen und
wurde im November 1944 beurlaubt, um ihre
Sachen von dort bergen zu können. Vertre-
tungsweise trat Ende November 1944 die Bib-
liothekarin Eva Köhler ihren Dienst in Bautzen
an. Im März 1945 wurde die Evakuierung der
Kreisfachstelle in das Schloss Großharthau ge-
plant, jedoch bis Kriegsende nicht umgesetzt.
Am 28. Juli 1945 berichtete Käthe Seibicke der
Landesfachstelle über den Zustand der Kreis-
fachstelle. Demnach mussten die Angestellten
am 18./19. April 1945 aus Bautzen fliehen. Bei
den Kämpfen um die zur Festung erklärten
Stadt erlitt das Büchereigebäude einige Schä-
den. Größere Verluste am Buchbestand waren
jedoch nicht entstanden. Hiltrud Henker floh
zu ihren Eltern nach Leipzig. Sie hatte bereits
im Februar 1945 die wichtigsten Verwaltungs-
akten, Durchschriften unbezahlter Rechnun-
gen, Planungen für Büchereibearbeitung und
Buchauslieferungen 1944/45 sowie ein Dienst-
siegel dorthin ausgelagert. Käthe Seibicke trat
am 23. Mai 1945 ihren Dienst in Bautzen wie-
der an. Gemeinsam mit Eva Köhler begann sie,
die Arbeit der Fachstelle fortzusetzen. Nach
der Entlassung von Kurt Marx hatte zum
1. November 1945 Dr. Jakob Jatzwauk dessen
Amtsgeschäfte übernommen. Hiltrud Henker
kehrte nicht nach Bautzen zurück. Sie schied
auf eigenen Wunsch aus dem Bibliotheksdienst
aus. Nachdem auch Käthe Seibicke entlassen
worden war, verblieb Eva Köhler als alleinige
Angestellte der Kreisfachstelle in Bautzen. Zum
1. April 1946 übernahm die Kreisbibliothek
Bautzen alle Aufgaben der Kreisfachstelle.
Sie unterstand dem Kreisrat, später dem Rat
des Kreises Bautzen. 1955 wurde sie mit der
Stadtbibliothek Bautzen zur Stadt- und Kreis-
bibliothek Bautzen zusammengelegt.
Ohne all dieses Wissen, standen Grit Richter-
Laugwitz für das Stadtarchiv und Anja Moschke
für das Staatsfilialarchiv 2007 auf dem Dach-
boden der Stadtbibliothek Bautzen und be-
trachteten die dort abgestellten Kisten. Darin
lagerte das Schriftgut der Bibliothek, welches
an das städtische Archiv abgegeben werden
sollte. Nach der ersten Sichtung und Bewertung
wurden 1,3 lfm der Akten als archiv würdig in
das Stadtarchiv übernommen. Der Rest, reich-
lich 6 lfm, war augenscheinlich anderer Prove-
nienz. Vom 26. Mai bis 27. Juni 2012 erfolgte
die Durchsicht dieses Schriftguts mit dem Ziel,
Provenienzen zu ermitteln, Anbietungslisten
zu erstellen und Bewertungsvorschläge ein-
zubringen. Dabei wurden drei Provenienzen
aus dem Zeitraum Mitte der 1920er Jahre bis
Mitte der 1950er Jahre ermittelt: a) Staatli-
che Fachstelle für Büchereiwesen Bautzen, b)
Stadt Bautzen (Stadtbibliothek
und Stadtarchiv) und c) Rat des
Kreises Bautzen. Zudem fand
sich auch eine Materialsamm-
lung, die Kurt Marx zugeordnet
wurde. Das Schriftgut lagerte in
ungeeigneten Kartons unter-
schiedlicher Größe und war zum
Teil sehr stark verschmutzt. Eine
Ordnung war nicht zu erkennen.
Einzelne Akten lagen in gehef-
teter Form vor. Ein Großteil des
Schriftgutes befand sich noch in
Stehordnern oder war heraus-
geheftet und, unter Zerstörung
der inneren Aktenordnung, in
die Kartons verpackt worden.
Ein Aktenplan oder ähnliches
Ordnungsschema konnte nicht
gefunden werden. Jedoch gab es
einzelne nummerierte Akten. Diese waren wohl
für ein Forschungsprojekt von Felicitas Mar-
winski (geb. 1937, gest. 2019, Bibliothekarin
in Weimar mit dem Forschungsschwerpunkt
Geschichte des Bibliothekswesens) Ende der
1970er Jahre verpackt und zur Einsichtnahme
nach Weimar geschickt worden. Diese Num-
merierung weist einige Lücken auf, deren Ur-
sache nicht ermittelt werden konnte. Bei der
ersten Sichtung (auf dem Dachboden) erhielt
jede Kiste eine Nummer, loses Schriftgut wur-
de in Kisten verpackt, die ebenfalls nummeriert
wurden. Danach erfolgte die grobe Erfassung
in einer vorläufigen Excel-Liste. Diese Liste
und der Arbeitsbericht mit kurzer Behörden-
geschichte bildeten die Grundlage bei der Ent-
scheidung über die zuständige Abteilung des
Sächsischen Staatsarchivs. Da es sich bei der
Fachstelle um eine staatliche Behörde mit Zu-
ständigkeit für das Territorium der sächsischen
Oberlausitz handelte, wurde im August 2012
entschieden, den Bestand im Staatsfilialarchiv
Bautzen zu archivieren. Also erfolgte im Juni
Werbeplakat, entworfen vom Schüler Petrick für die Gemeindebücherei Königswartha,
undatiert (Staatsfilialarchiv Bautzen (SächsStA-B), 50614 Staatliche Fachstelle für
Büchereiwesen, Nr. 31)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 30
2015 die Umlagerung der Unterlagen vom
Dachboden in das Magazin des Archivs. Die
bereits ermittelten Fremdprovenienzen wur-
den den zuständigen Archiven (Stadtarchiv
Bautzen und Kreisarchiv Bautzen) übergeben.
In der Datenbank AUGIAS wurde ein neuer
Bestand angelegt. Die Zuordnung zur Tektonik-
gruppe 02.04 Behörden und Einrichtungen des
Deutschen Reiches erfolgte wegen der zuletzt
geltenden reichseinheitlichen Unterstellung
der Fachstellen unter das Reichsministerium
für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung.
Im Schriftgut der Provenienz Staatliche Fach-
stelle für Büchereiwesen fand sich Schrift-
wechsel mit den übergeordneten Stellen,
mit Kooperationspartnern sowie mit den
unterstellten Gemeindebüchereien und deren
Trägern. Die wenigsten Akten hatten einen
Aktentitel. Die Korrespondenz mit den Ge-
meindebüchereien war nach Orten alphabe-
tisch abgelegt. Auf Grund der Gleichförmig-
keit der Akten lag zunächst nahe, nur einzelne
Akten zu übernehmen. Ein Bewertungsmodell
sollte erarbeitet werden. Daher startete die
Bestandsbearbeitung im Sommer 2019 mit
der Vorsortierung der Ortsakten. Die meisten
dieser Akten beginnen 1927/28 mit einem Be-
richt über die Besichtigung der Büchereien,
gefolgt von Korrespondenz zum Aufbau des
Buchbestandes. Seit Januar 1933 erfolgte
dann der systematische Bestandsumbau mit
nationalsozialistischen Werken. Außerdem
belegen diese Akten die räumliche und per-
sonelle Ausstattung der Büchereien sowie die
Säuberung der Buchbestände nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges. Für die Büchereien
in den sorbischen Gemeinden kann die ange-
strebte Verdrängung der sorbischen Sprache
und Kultur belegt werden.
Weiter enthalten die Ortsakten Informationen
zum Bau und zur Einrichtung von Büchereien
und Büchereizimmern sowie zur Öffentlich-
keitsarbeit. Sie sind zum Teil mit Skizzen, Plä-
nen, Plakaten, Druckschriften und Fotografien
illustriert. Zudem sind Personalsachen der
meist nebenamtlich tätigen Büchereileiter
enthalten. Überwiegend enden die Ortsakten
1946 mit Angaben zum Zustand der Büche-
rei und zur neuen Büchereileitung. Hinweise
über den Umgang mit den 1945 enteigneten
Schlossbibliotheken finden sich in den Akten
zu Cunewalde, Niedergurig und Sohland a. d.
Spree. Neben den Büchereien der Gemeinden
und Landstädtchen ist auch der Aufbau von
städtischen Volksbüchereien in Kamenz, Löbau
und Zittau dokumentiert. In diesen bedeuten-
den Oberlausitzer Städten existierten, wie in
Bautzen, ansehnliche wissenschaftliche Rats-
bibliotheken. Am Ende der Sortierarbeiten fiel
die Bewertungsentscheidung, alle Ortsakten
als archivwürdig zu übernehmen. Ein Grund
für die komplette Übernahme ist die Singula-
rität des Bestandes innerhalb des Sächsischen
Staatsarchivs. Insgesamt sind für 192 Gemein-
de- und Stadtbüchereien Akten überliefert.
Sie belegen die Individualität jeder einzelnen
Bücherei und sind eine gute Quelle für die
Geschichte des lokalen Bildungswesens.
Im Sommer 2020 konnte die Bestandsbearbei-
tung fortgesetzt werden. Alle archivwürdigen
Sachakten wurden während der Verzeichnung
fein bewertet und die reichlich vorhandene
Mehrfachüberlieferung dabei kassiert. Zum
Kassationsgut gehören auch die jahrgangs-
weise überlieferten Rechnungsbelege, Liefer-
scheine und Frachtbriefe, welche insgesamt
1 lfm umfassten.
Bei der Erschließung mussten in vielen Fällen
die innere Ordnung der Akten wieder herge-
stellt und neue Titel gebildet werden. Viele
Einzelsachakten erstrecken sich teilweise über
einen sehr langen Zeitraum oder enthalten
Schriftverkehr zu mehreren, oft weit voneinan-
der abweichenden Sachverhalten. Daher wurde
eine tiefe, benutzerfreundliche Erschließung
vorgenommen. Für die meisten Akten gibt
es Enthält-Vermerke mit Informationen zum
Akteninhalt. Für die Ordnung des Bestandes
wurde eine Klassifikation erstellt. Neben der
Erschließung erfolgte die technische Bear-
beitung des Archivgutes. Nach Abschluss aller
Arbeiten umfasst der Bestand 50614 Staat-
liche Fachstelle für Büchereiwesen 4,1 lfm
Archivgut zur Geschichte des Oberlausitzer
und des sächsischen Bibliothekswesens (online
www.archiv.sachsen.de).
Während des Bombardements auf Dresden
am 13. Februar 1945 brannte die Landesfach-
Volksbücherei Kamenz im Lessinghaus, 1931, Fotograf unbekannt (SächsStA-B, 50614 Staatliche Fachstelle für
Büchereiwesen, Nr. 87)
stelle, die ihren Sitz in der Theaterstraße 11 in
Dresden hatte, komplett aus. Vier Tage später
schrieb die kommissarische Leiterin Käthe
Brückler eine Postkarte mit einem kurzen Le-
benszeichen. Sie ging am 20. in Bautzen ein.
In einem weiteren Schreiben vom 23. teilte sie
dann mit: „Die Dienststelle ist völlig ausge-
brannt, so vollkommen, dass wir nichts auf-
zuräumen haben. Bücher, Akten, Möbel – alles
ist zu Asche verbrannt. Ich hätte nie geglaubt,
dass unsere gesamte Einrichtung so absolut
vernichtet werden könnte.“ Damit kommt dem
Bestand eine weitere, sehr wichtige Bedeutung
zu: Er ist, zumindest anteilig, Ersatz für die
verloren gegangene Überlieferung der über-
geordneten Behörde.
In diesem Jahr besteht der Archivverbund aus
Stadtarchiv und Staatsfilialarchiv Bautzen seit
20 Jahren. Ebenso lange haben der Verbund
und die Stadtbibliothek Bautzen mit öffentli-
cher Bibliothek, historischem Altbestand und
der Gersdorffschen Stiftsbibliothek in den
ehemaligen Landständehäusern an der Baut-
zener Schloßstraße ihren Sitz. Diese räumliche
Nähe, die gute Zusammenarbeit zwischen Ar-
chivarinnen und Bibliothekarinnen, deren ser-
viceorientiertes Handeln für die Benutzenden
aller Couleur, haben beide Einrichtungen bis
heute zu weit über Bautzen und die Oberlausitz
hinaus bekannten und geschätzten Informa-
tions- und Wissensvermittlungsorten werden
lassen. Wie die Archivalien des Bestandes nun
bezeugen, reichen die Wurzeln dieser Verbin-
dung bis zur Personalunion unter Kurt Marx
zurück.
Anja Moschke
(Archivverbund Bautzen,
Staatsfilialarchiv Bautzen)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 31
Warnsignal und Öffentlichkeitsersatz –
Die Geheimberichte der Staatssicherheit an die
SED im Bezirk Karl-Marx-Stadt
Der 10. bundesweite Tag der Archive fand am
7. März 2020 unter der Überschrift „Kommu-
nikation. Von der Depesche bis zum Tweet“
statt. Austragungsort waren unter anderem
die Räume des Chemnitzer Staatsarchives, in
denen ganz unterschiedliche Medien der Infor-
mationsvermittlung wie Amtsbücher, Urkun-
den oder Telegramme vorgestellt wurden. Ein
Thema war dabei auch eine besondere Form
der Kommunikation im staatlichen Bereich
der DDR, aus der ein interessanter Quellen-
bestand hervorgegangen ist: die schriftlichen
Geheimberichte der Staatssicherheit an die
SED-Führung. Diese Dokumente als Zeugnisse
einer bestimmten Informationspolitik der kom-
munistischen Geheimpolizei sollen in diesem
Artikel am Beispiel des Bezirks Karl-Marx-Stadt
in den achtziger Jahren genauer betrachtet
werden.
Kommunikation – also der vielfältige Aus-
tausch von Informationen und Botschaften
zwischen einem Sender und einem Empfän-
ger – fand zwischen der Staatspartei und
dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS)
auf allen staatlichen Ebenen hauptsächlich in
mündlicher Form statt. Auf zentraler Ebene
zwischen Erich Honecker und Erich Mielke, auf
Bezirksebene zwischen Siegfried Lorenz, dem
1. Sekretär der SED-Bezirksleitung in Karl-
Marx-Stadt, und Siegfried Gehlert, dem Leiter
der MfS-Bezirksverwaltung. Die hier bespro-
chene formalisierte Form der Kommunikation
von Seiten der Staatssicherheit in Form re-
gelmäßiger schriftlicher Parteiinformationen
diente als Ergänzung und Grundlage dieser
Spitzengespräche. Mit Hilfe dieser Schrift-
stücke können wir heute zumindest einen
Teil der Abstimmungen auf höchster Ebene
rekonstruieren.
Vier Fragen sollen im Folgenden beantwortet
werden: Warum gab es diese Dossiers über-
haupt? Welche Themen griffen sie auf? Welche
Vorgaben mussten beim Verfassen der Berich-
te beachtet werden? Und welche übergeordne-
te politische Funktion kam ihnen zu?
Schaut man sich zunächst die Entstehung des
Stasi-eigenen Berichtswesens an, gelangt man
schnell zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953.
SED-Chef Walter Ulbricht hatte damals die
Offiziere der drei Jahre zuvor etablierten Ge-
heimpolizei ermahnt, genauer auf die Lage in
den Industriebetrieben und auf die allgemeine
Stimmung in der Bevölkerung zu achten, um
ähnlich riskante Entwicklungen in Zukunft
schneller zu erkennen. Ernst Wohlweber, von
1953 bis 1957 der zweite Minister für Staats-
sicherheit (Juli 1953 bis November 1955 im
Range eines Staatssekretärs), rief daraufhin
eine sogenannte „Informationsgruppe“ ins
Leben, um regelmäßige Lagebilder für die
Parteiführung zu erstellen. Das Berichtswesen
kann damit als unmittelbare Folge der Junikrise
verstanden werden. Die ersten beiden Berichte
erschienen, als die Unruhen noch im vollen
Gange waren, am Abend des 17. Juni 1953.
In der Folgezeit lässt sich eine rasche Professi-
onalisierung der neu etablierten Informations-
arbeit beobachten. Bestanden die „Lagebilder“
der Stasi zunächst noch aus eilig zusammenge-
stellten Zitaten von „Werktätigen“, „Großbau-
ern“ oder „Hausfrauen“ ohne jede Einordnung
oder Zusammenfassung, entstanden schon
bald richtige geheimpolizeiliche Analysen und
Gutachten. Mit diesem Qualitätssprung ging
auch ein institutioneller Ausbau der zu Beginn
nur achtköpfigen Informationsgruppe einher.
Im Laufe der sechziger Jahre ließ Werner Irmler,
der strategische Kopf und ab 1965 auch offizi-
elle Leiter des Berichtswesens, in allen operativ
tätigen Hauptabteilungen, Bezirksverwaltun-
gen und Kreisdienststellen eigene Auswer-
tungs- und Informationsgruppen einrichten.
An der Spitze dieses hierarchischen Informa-
tionssystems installierte er die „Zentrale Aus-
wertungs- und Informationsgruppe“ (ZAIG),
die sich schnell zum wichtigsten Stabsorgan
des Ministers entwickelte. In diesem „Gehirn
der Stasi“ flossen alle wichtigen Informationen
zusammen und wurden für die eigenen ope-
rativen Diensteinheiten aufbereitet. Die Ana-
lysetätigkeit der ZAIG war also hauptsächlich
auf die praktische Überwachungsarbeit des
MfS bezogen.
Allerdings ging eine Auswahl der Informati-
onen auch nach draußen – an ausgewählte
Vertreter der SED-Führung und des Minis-
terrates sowie an die 1. Sekretäre der Kreis-
und Bezirksleitungen der SED. Damit handelte
es sich bei den Berichten der ZAIG auch um
eine Form der Informationsdienstleistung
gegenüber der Staats- und Parteiführung.
Drei Merkmale wies diese besondere Form
der Kommunikation auf: Zum einen verlief sie
verdeckt und streng bilateral. Kein SED-Funk-
tionär sollte über die vertraulichen Berichte
mit einem Kollegen sprechen. Es bestand die
Pflicht zur Geheimhaltung und Rückgabe. Eine
offene Beratung der Themen in den Kreis- und
Bezirksleitungen oder im Politbüro der SED war
damit unmöglich. Es ist zu vermuten, dass die
Berichte vor allem als Grundlage für informelle
Vier-Augen-Gespräche zwischen Honecker
und Mielke bzw. Lorenz und Gehlert dienten.
Durch diese betonte Geheimhaltungspraxis lud
die Stasi ihre Berichte mit einer besonderen
Bedeutung auf – eine weitere Eigenheit dieser
schriftlichen Kommunikation. Eine Information
mit einer MfS-Adresse im Dokumentenkopf
und dem Vermerk „Streng geheim“ strahlte die
Aura von Brisanz und Exklusivität aus – auch
wenn die Verfasser der Berichte nicht selten
die Informationen anderer Berichtssysteme
einfach kopierten. Oft kam es vor, dass die
Empfänger der Berichte über die geschilderten
Sachverhalte längst durch alternative Infor-
mationsquellen etwa der Industrieministerien,
Planorgane oder des FDGB im Bilde waren.
Und schließlich betrieb das MfS eine einseitig
und gezielt gelenkte Kommunikation. Mielke
und die Stasi-Chefs auf Kreis- und Bezirkse-
bene entschieden ganz bewusst, welche Be-
richte sie mit welchen Themen und welchem
Tonfall an wen versendeten. Auf diese Weise
versuchten sie, spezifische geheimpolizeiliche
Sichtweisen und Interessen zu lancieren. Es
ist keine Übertreibung, die Parteiinformatio-
nen als Instrument einer gezielten politischen
Einflussnahme zu verstehen – eine Art „Be-
richtspolitik“ der Staatssicherheit.
Über welche Sachverhalte wurde in diesen
Geheiminformationen konkret gesprochen?
Da die SED-Führung nur selten ein bestimm-
tes Thema vorgab, berichtete die Stasi über
alles, was sie selbst für sicherheitspolitisch
relevant hielt – etwa spektakuläre Fluchten
von Chefärzten, Großereignisse wie Kirchen-
tage oder Messen, schwere Havarien in der
Industrie, Straftaten sowjetischer Soldaten,
Debatten in den Führungsgremien der evan-
gelischen Kirche oder Treffen von politisch
auffälligen Personenkreisen etwa bei den
Punk- und Blueskonzerten in der Ostberliner
Erlöserkirche. Die Themenvielfalt war enorm.
Im Mittelpunkt standen vor allem Aktionen der

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 32
unabhängigen Friedens- und Umweltgruppen,
Synoden und Konferenzen der evangelischen
Kirchenleitungen, Meinungen der Bevölkerung
zu politischen Ereignissen sowie Vorfälle in der
Industrie. Was erstaunlicherweise fehlte, waren
Debatten und Meinungsbilder aus den Kultur-
und Bildungseinrichtungen, etwa die Lage an
Theatern, Universitäten oder im Kulturbund.
Auch die Aktivitäten und Gremiensitzungen
der Blockparteien und Massenorganisationen
wie der FDJ, der LDPD oder des FDGB fehlen.
Eine schlüssige Erklärung für diese Nichtbe-
achtung lässt sich nicht so einfach finden.
Immerhin besaßen diese Institutionen gerade
in Hinblick auf die politische Stabilität der DDR
eine nicht unwesentliche Bedeutung.
Trotz dieser thematischen Offenheit war es den
Stasi-Offizieren nicht möglich, völlig frei und
ungezwungen über die verschiedenen Sach-
verhalte zu berichten. Stattdessen mussten
einige Regeln beachtet werden: So sollten die
Auswerter zwar rechtzeitig und schonungslos
auf kritische Entwicklungen aufmerksam ma-
chen und konkrete Handlungsempfehlungen
formulieren. Diese Hinweise durften sich aller-
dings nicht wie Kritiken an Spitzenfunktionä-
ren oder Parteibeschlüssen lesen. Die Stasi war
auch nicht befugt, den für die Sachverhalte
zuständigen Organen – etwa der Plankom-
mission oder einem Industrieministerium –
Vorgaben zu machen.
Um Missstände und Unzufriedenheiten trotz-
dem deutlich ansprechen zu können, entwi-
ckelten die Offiziere im Laufe der Zeit eine
spezifische Berichtstechnik: So wurden bei
einem Standardbericht der Stasi gleich zu Be-
ginn erstmal ein paar positive Aussagen voran-
gestellt, etwa eine erfolgreiche Umsetzung von
Planvorgaben oder die Unterstützung der Poli-
tik von SED und Sowjetunion durch eine „über-
große Mehrheit der Werktätigen“. Im zweiten
Schritt führten die Verfasser dann einige „Un-
klarheiten“ oder „schwankende Meinungen“ an
und ordneten diese bestimmten Milieus und
Berufsgruppen zu – zum Beispiel technischen
Angestellten, Kulturschaffenden oder parteilo-
sen Bauern. In diesem Zusammenhang wiesen
sie auch auf nicht erreichte Ziele, Konflikte
oder Zwischenfälle hin. Am Ende präsentierten
sie schließlich dezidiert „feindliche Aussagen“
einiger „hinlänglich bekannter“ Personen, wo-
mit im Regelfall prominente Regimekritiker,
kirchliches Personal, Handwerker, Großbauern
oder Mitglieder unabhängiger Friedens- und
Menschenrechtsgruppen gemeint waren. Ein
Stimmungsbericht der Stasi über die Reak-
tionen der Bevölkerung auf die Abrüstungs-
vorschläge der Sowjetunion vom 10. Januar
1983 zeigt dieses Muster sehr deutlich: Gleich
zu Beginn werden „Meinungsäußerungen aus
politisch progressiven Personenkreisen“ über
den Friedenswillen der Warschauer Vertrags-
staaten hervorgehoben. Anschließend folgt
der Hinweis, dass bestimmte Personenkreise –
vor allem Rentner und kirchlich gebundene
Kreise – auch „Pessimismus“ verbreiten wür-
den. Am Ende werden schließlich „einige we-
nige feindlich-negative Kräfte“ aufgeführt, die
„der Sowjetunion unterstellen, hemmungslos
aufzurüsten und militärische Überlegenheit
anzustreben“.
Diese dreigliedrige Abstufung vom „Positiven“
zum „Negativen“ stellte eine über Jahre einstu-
dierte Informationsstrategie dar. Sie ermög-
lichte der Stasi, gegenüber der SED-Führung
auch ungünstige Entwicklungen und abwei-
chende Meinungen zu dokumentieren, ohne
sich dabei den Vorwurf der Parteifeindlich-
keit einzuhandeln. Die Historikerin Uta Stolle
spricht bei dieser Methode von einem „sozialen
Klassentheater“, da die Offiziere bestimmte
„positive“ oder „negative“ Aussagen stets ganz
bestimmten „progressiven“ oder „feindlichen“
sozialen Gruppen zuordneten.
Auffällig ist, dass dieses „Klassentheater“ vor
allem in den Informationen der zentralen Ebene
aufgeführt wurde. Schaut man sich hingegen
die Berichte aus den Kreisen und Bezirken an,
fehlen häufig die umständlichen Umwege,
Zuordnungen und Phrasen. Hier wurde eher
Klartext gesprochen, was vermutlich an dem
größeren Vertrauensverhältnis zwischen den
Ersten Sekretären der SED und den Leitern der
Kreisdienststellen und Bezirksverwaltungen lag.
Das oft kollegiale Verhältnis auf lokaler Ebene
ließ eine unbefangenere Kommunikation zu,
konnte allerdings mitunter auch dazu führen,
dass einzelne Missstimmungen und Vorfälle
lieber vertraulich behandelt und nicht an die
nächst höhere Instanz weitergemeldet wurden.
Im Folgenden soll ein genauerer Blick auf diese
lokale Berichtspraxis geworfen werden, und
zwar am Beispiel der Bezirksverwaltung Karl-
Marx-Stadt. Auch hier war das Themenspekt-
rum weit gefächert. Die Auswertungsoffiziere
berichteten unter anderem über Planmanipu-
lation bei der Herstellung von Bettwäsche im
VEB Textilwerke Crimmitschau, eine schwere
Bericht der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt über die Lage in den Industriebetrieben aus dem Jahr 1981 (BStU,
BV KMSt AKG 12547 Bl. 678)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 33
Gasexplosion im Februar 1982 im Kombinat
Schwarze Pumpe, Versorgungslücken im
Centrum-Warenhaus Tietz in Karl-Marx-Stadt,
die Überforderung der Brikettfabriken in der
Lausitz oder das kirchliche Friedensseminar in
Königswalde bei Zwickau.
Trotz der thematischen Vielfalt lassen sich zwei
Schwerpunkte feststellen: Die angespannte
Versorgungslage im Bezirk und der prekäre
Zustand der Industriekombinate. Schauen wir
zunächst auf das Thema Versorgung, das in
den Berichten der Bezirksverwaltung einen
ungewöhnlich großen Raum einnahm. Ursache
dafür war das selbst für DDR-Verhältnisse
ausgesprochen knappe Angebot in den Kauf-
hallen und Fachgeschäften des Bezirks, was
vermutlich an der hohen Bevölkerungsdichte
des Großraums Karl-Marx-Stadt mit seinen
zahlreichen Neubaugebieten lag. Für die SED-
Führung waren die Versorgungsengpässe po-
litisch hoch brisant, da sie ihre Herrschafts-
legitimation seit den frühen siebziger Jahren
vor allem auf das Versprechen von Wohlstand
und sozialer Sicherheit aufbaute.
Wie oben bereits angedeutet, weisen die
Ausführungen der Stasi auf Bezirksebene
eine deutliche Sprache auf. Von „bösartigen
Reaktionen zum derzeitigen Angebot an Win-
terschuhen und -stiefeln“ ist zum Beispiel in
einem Bericht vom November 1981 die Rede.
„Wiederholt wird dabei zum Ausdruck ge-
bracht, dass die Bereitstellung dieser Artikel
gegenwärtig, insbesondere in der unteren und
mittleren Preisgruppe, in keiner Weise ausrei-
che“, so die Stimmung laut Stasi. „Es könne
doch nicht wahr sein, dass kurz vor Winterbe-
ginn kaum saisongerechtes Schuhwerk erhält-
lich sei und in den entsprechenden Regalen
teilweise Sandalen angeboten würden.“ Am
Ende des Berichts heißt es: „Kritisiert wird be-
sonders von Frauen, dass, wenn schon Stiefel
angeboten würden, diese meist aus dünnem
Leder mit „Pfennigabsätzen“ wären. Oft wird
die Frage aufgeworfen, ob die Hersteller über-
haupt wüssten, dass es im Winter kalt sei.“
Ähnliche Zustände schildert die Karl-Marx-
Städter Bezirksverwaltung auch zum Angebot
von Gemüse, Obst, Hosen, Schulbedarf oder
Haushaltstechnik. Über den Mangel an KfZ-
Ersatzteilen und die langen Wartezeiten bei
neuen PKW heißt es zum Beispiel im Februar
1989: „Völliges Unverständnis bringen die Bür-
ger den zum Teil extrem langen Anmeldefristen
für technische Durchsichten in KfZ-Werkstät-
ten entgegen. So bemängelten Kunden und
Werktätige im VEB KfZ-Instandsetzungs-
betrieb „Elan“ Karl-Marx-Stadt, dass diese
Anmeldezeiten beim Typ Wartburg „W 353“
gegenwärtig bei rund 700 Tagen lägen“.
Ähnlich schonungslos, und oft noch deutlich
detaillierter, lesen sich die Dossiers zur Lage in
den Industriebetrieben – das zweite zentrale
Thema der westsächsischen Bezirksverwal-
tung. Besonders eindrucksvoll beschreiben die
Offiziere im Januar 1983 die Zustände im Mo-
torradwerk Zschopau. Der zwölfseitige Män-
gelreport wurde sogar an die Stasi-Zentrale in
Berlin gesendet und von dort an den ZK-Sekre-
tär für Wirtschafts fragen Günter Mittag und
an den Minister für Maschinen- und Fahrzeug-
bau Günther Kleiber weitergereicht. Der Leser
wird gleich auf der ersten Seite mit akuten
Missständen konfrontiert: Von 60.000 Mo-
torrädern, die für den Westexport vorgesehen
waren, ließen sich im Jahr 1982 gerade ein-
mal 12.000 verkaufen, so die Stasi. Der Grund:
Korrosion an Rohren, Speichen und Brems-
scheiben, dazu Lackschäden, defekte Kolben
und verschmutzte Chromteile. „Offensichtlich
wird der Prozess der Qualitätssicherung nicht
umfassend beherrscht“, mutmaßte die Bezirks-
verwaltung. Nicht selten versuchte der Betrieb
Motorräder auszuliefern, die gar nicht vollstän-
dig waren. Es fehlten unter anderem Spiegel,
Blinker, Rückleuchten oder Hupen. Eine Zufalls-
kontrolle am Bahnhof Zschopau offenbarte,
„dass von 24 kontrollierten Maschinen, die kurz
vor der Verladung nach Frankreich standen,
keine mehr im NSW-exportfähigen Zustand
war“. [NSW = Nichtsozialistisches Wirtschafts-
gebiet] Als besonderen Problembereich des
MZ-Werkes machte die Stasi die Galvanikan-
lage aus. Dieser Werksteil war laut Bezirks-
verwaltung „soweit verschlissen, dass keine
Havariesicherheit mehr gegeben ist und damit
eine potenzielle Gefahr für Leben und Gesund-
heit der im Raum Zschopau lebenden Bürger
besteht“. Eine Betriebsgenehmigung gab es
für diesen Werksabschnitt schon seit einigen
Jahren nicht mehr. Dass trotzdem gearbeitet
wurde, nahmen die zuständigen Behörden nur
noch „duldend zur Kenntnis“, so der Bericht.
Um den Exportbetrieb wieder fit zu machen,
formulierten die Stasi-Offiziere am Ende ih-
rer Information ein paar allgemein gehaltene
Empfehlungen: Sie wünschten sich Auflagen
und strengere Kontrollen durch die Ministeri-
en für Fahrzeugbau und Umweltschutz und
beauftragten Staatssekretär Harry Möbis, im
Ministerrat zuständig für die Koordinierung
der betrieblichen Sicherheitsbeauftragten, mit
der Einsetzung einer Expertengruppe, um alle
Schwächen der Motorradproduktion noch ein-
mal eingehend zu untersuchen.
Schaut man sich die Berichte zum Stiefel-
angebot, zu KfZ-Werkstätten und zum Zustand
der MZ-Motorräder zusammen an, wird deut-
lich, dass die Parteiinformationen der Stasi im
Bezirk Karl-Marx-Stadt ganz unterschiedliche
Themen aufgriffen und im Ton sachlich, aber
sehr direkt formuliert waren. Sichtbar wird
ebenfalls, dass die Berichte ganz grundsätzlich
– und zwar auf allen Ebenen – drei Funktionen
erfüllten: Zum einen dienten sie dem MfS und
der SED als eine Art „geheimpolizeiliche Demo-
skopie“, um allgemeine Stimmungslagen und
Aufreger in der Bevölkerung zu registrieren. Die
Rolle des Öffentlichkeitsersatzes war notwen-
dig, da in der DDR klassische Stimmungsanzei-
ger wie öffentliche Debatten, Demonstrationen
oder Umfragen fehlten.
Darüber hinaus verbanden die Dossiers War-
nungen und Handlungsempfehlungen zu ei-
ner Art vertraulicher Politikberatung. Die Stasi
setzte das Politbüro darüber in Kenntnis, an
welchen Stellen es gefährlich klemmte und
wie man darauf reagieren könnte.
Schließlich erlaubte die schriftliche Kommu-
nikation der Stasi auch, wie oben bereits er-
wähnt, ihre eigenen Interessen zu artikulieren.
Versteckt hinter Aussagen von Bürgern oder
sachlich anmutenden Beschreibungen von
Zwischenfällen transportierten die Offiziere
ihre eigenen Meinungen und Bedenken über
bestimmte Entwicklungen. Nicht wenige der
zum Teil dramatisch formulierten Berichte kön-
nen als Aufrufe zum Handeln gegenüber der
SED-Führung interpretiert werden.
Aufgrund dieser grundsätzlichen Bedeutung
besitzen die Dokumente des Stasi-Berichtswe-
sens für die heutige Zeitgeschichtsforschung
einen hohen Quellenwert. Dem DDR-Historiker
bieten sie – trotz einiger ideologisch bedingten
Wahrnehmungsverzerrungen – ein vielseitiges
Bild von den politischen, gesellschaftlichen
und ökonomischen Problemen der einzelnen
Jahrzehnte. Aus diesem Grund publiziert das
Stasi-Unterlagen-Archiv die Berichte der zen-
tralen Ebene jahrgangsweise in Form einer
Edition. Zehn Bände sind bereits erschienen,
die über eine Online-Datenbank frei zugänglich
recherchierbar sind
(www.ddr-im-blick.de).
Da die Berichte der unteren Diensteinheiten
– also der Kreisdienststellen und Bezirksver-
waltungen der Stasi – oft noch konkreter und
anschaulicher formuliert sind, lohnt sich eine
zusätzliche Sichtung dieses Bestandes mit
Hilfe eines Forschungsantrags beim Stasi-
Unterlagen-Archiv. Die Ausweitung des lau-
fenden Editionsprojektes auf diese weniger
bekannten Berichte der lokalen Ebene wäre
ein lohnenswertes Vorhaben für die Zukunft.
Mark Schiefer
(Der Bundesbeauftragte für die
Unterlagen des Staatssicherheits-
dienstes der ehemaligen DDR,
Außenstelle Chemnitz)

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Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 34
Ausbildungsoffensive in Permanenz – 20 Jahre
FaMI-Ausbildung im Sächsischen Staatsarchiv
Separierung in Einzelzimmern, Lehrgespräche
per Telefonkonferenz, Erschließungsübungen
im Home-Office: Seit März 2020 ist im Zeichen
von „Corona“ vieles anders für die aktuell sechs
FaMI-Auszubildenden des Sächsischen Staats-
archivs. Am Ende des Berichts wird darauf
zurückzukommen sein.
Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen,
dass das deutsche Archivwesen eine „Aus-
bildungsoffensive“ brauche. Das Staatsarchiv
Leipzig (Abteilung 3 des Sächsischen Staats-
archivs) leistet dazu schon seit 20 Jahren
einen andauernden Beitrag. Im Juni 1998
wurde der staatlich anerkannte Ausbildungs-
beruf Fachangestelle/r für Medien- und In-
formationsdienste geschaffen; zu den fünf
möglichen Fachrichtungen gehört auch die
Fachrichtung Archiv. Kurz darauf initiierte
das damalige Referat Archivwesen im Säch-
sischen Staatsministerium des Innern (SMI) die
FaMI-Ausbildung im Bereich des staatlichen
Archivwesens; als Ausbildungsort wurde das
Staatsarchiv Leipzig festgelegt.
Im Jahr 2000 erfolgte die Einstellung der ers-
ten drei Auszubildenden, aktuell laufen der 13.
und der 14. Lehrgang im zweiten bzw. dritten
Lehrjahr mit zusammen sechs Auszubilden-
den. Insgesamt begannen 42 Auszubildende
(27 weiblich, 15 männlich) die FaMI-Ausbil-
dung im Staatsarchiv Leipzig. Zwei kündigten
aus persönlichen Gründen ihre Ausbildung,
34 beendeten sie bisher erfolgreich. Davon
erreichte die überwiegende Mehrheit bei den
Abschlussprüfungen gute bis sehr gute Er-
gebnisse.
Am Beginn der Ausbildung vor 20 Jahren stand
die Neuorientierung: Da es sich um ein neues
Berufsbild handelte, konnte auf keine Erfah-
rungen zurückgegriffen werden. Auch die
vor 1990 vom Staatsarchiv Leipzig durch-
geführte Ausbildung zum Archivassistenten,
eine dreijährige Fachausbildung in der DDR,
eignete sich kaum als Vorbild: Die zu vermit-
telnden Lerninhalte in einem fachrichtungs-
übergreifenden Beruf, veränderte Standards,
technische Weiterentwicklungen und weitere
Faktoren erforderten einen grundsätzlichen
Neubeginn der Ausbildung.
Zunächst waren die Vorgaben des Berufs-
bildungsgesetzes (BBiG) umzusetzen. Dazu
gehörten die Anerkennung des Staatsarchivs
Leipzig als Ausbildungsstätte durch die zu-
ständige Stelle nach BBiG und der Nachweis
der Ausbildereignung der Ausbildungsleiterin.
Danach wurden die organisatorischen und in-
haltlichen Vorbereitungen zur Ausbildung der
vom SMI bzw. der Sächsischen Archivverwal-
tung vorgegebenen Zahl von drei Auszubil-
denden getroffen.
Lehrgespräch zur Recherche in Kopierbüchern per WebEx-Konferenz (Foto Thekla Kluttig)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 35
Mit der Personalauswahl für die Einstellung
der ersten Auszubildenden wurden die Wei-
chen gestellt. Da eine hohe Bewerberzahl zu
erwarten war, wurde ein dreistufiges Bewer-
bungsverfahren eingeführt. Es besteht aus
der Vorauswahl anhand der eingegangenen
Bewerbungen, einem schriftlichen Auswahl-
test und – zeitlich versetzt mit einem kleineren
Personenkreis – den Vorstellungsgesprächen
inklusive einer kleinen praktischen Übung. In-
haltlich wurde die Ausbildung auf der Grund-
lage der Ausbildungsverordnung vorbereitet.
Verantwortlich für den gesamten Ablauf der
Ausbildung ist die Ausbildungsleiterin. Sie ko-
ordiniert die Ausbildungsabschnitte in den drei
Referaten des Staatsarchivs Leipzig, veranlasst
Praktika u. a. in Kommunalarchiven und hält
den Kontakt zur Berufsschule. Die Ausbildung
beginnt mit einem intensiven Einführungs-
abschnitt. Hier werden neben grundlegenden
Kenntnissen über rechtliche Grundlagen, Be-
hördenstruktur, IT einschließlich Archivsoft-
ware, organisatorischen Regelungen und all-
gemeinen Verhaltensregeln erste Kenntnisse
im Umgang mit dem Archivgut vermittelt. Die
Sensibilisierung der Auszubildenden für die
Bedeutung von konservatorischen Maßnah-
men und für die Einzigartigkeit von Archivgut
ist die Grundlage einer erfolgreichen Ausbil-
dung. Die Entwicklung von Verständnis, dass
die technische Bearbeitung die Grundlage für
die Erhaltung des Archivgutes ist, gehört zu
den entscheidenden Lernerfolgen im ersten
Ausbildungsjahr.
Bereits zu Beginn der Ausbildung werden die
Auszubildenden kurz in den Benutzerdienst
eingeführt. Der Einführungsphase folgen
Ausbildungsabschnitte in der technischen
Bearbeitung, im Benutzerdienst und erste
Erschließungsarbeiten. Die Einführung in
die Erschließung beginnt mit einfacher Ver-
zeichnung. Hierfür eignen sich besonders gut
Personenakten, im günstigen Fall mit hand-
schriftlichen Unterlagen zur Entwicklung pa-
läographischer Kenntnisse. In der Folgezeit
werden die Anforderungen sukzessive erhöht
und je nach individuellem Lernfortschritt und
zur Verfügung stehenden Beständen werden
im zweiten bzw. dritten Ausbildungsjahr kom-
plette Bestandserschließungen einschließlich
Vorbereitungen, technischer Bearbeitung und
(digitaler) Findbucherstellung durchgeführt.
Ziel ist die Freigabe der Verzeichnungs- inkl.
Bestandsinformationen für die Online-Re-
cherche.
Im Benutzerdienst wird der Umgang mit den
verschiedenen technischen Geräten erlernt. Ist
damit ein sicherer Umgang erreicht, wird die
inhaltliche Beratung der Benutzer vermittelt.
Am Ende der Ausbildung können die Auszubil-
denden weitgehend selbstständig im Benut-
zerdienst arbeiten und einfache Benutzerbe-
ratungen ausführen. Durch die Einbeziehung
in die Bearbeitung schriftlicher Anfragen vor
allem zu den viel nachgefragten Beständen
und Bestandsgruppen werden die Kenntnisse
über Recherchetechniken und Überlieferungs-
lage parallel ausgebaut.
Im Verlauf der Ausbildung werden die Auszu-
bildenden an Bewertungsverfahren beteiligt
und nehmen an Behördenbesuchen teil. Von
Vorteil ist dabei, dass das Sächsische Staats-
archiv selbst im Mai 2018 auf die vollständig
elektronische Vorgangsbearbeitung und Ak-
tenführung umgestellt hat.
Da es sich um einen fachrichtungsübergreifen-
den Beruf handelt, ist sicherzustellen, dass die
Azubis praktische Fähigkeiten in den übrigen
Fachrichtungen erwerben können. Aus Sicht
des Sächsischen Staatsarchivs ist es inner-
halb einer dreijährigen Ausbildung nicht re-
alisierbar, praktische Ausbildungsabschnitte
in allen fünf Fachrichtungen zu absolvieren.
In Sachsen wird der Schwerpunkt auf die
Fachrichtungen Archiv und Bibliothek gelegt.
Darauf ist auch der Berufsschulunterricht an
der Gutenbergschule in Leipzig ausgerichtet.
Zur Vermittlung berufsspezifischer praktischer
Inhalte werden Praktika in Bibliotheken und
anderen Archivsparten durchgeführt. Hier ist
insbesondere die über viele Jahre andauernde
sehr gute Zusammenarbeit mit der Deutschen
Nationalbibliothek (DNB) am Standort Leipzig
zu nennen. Die Azubis der Fachrichtung Archiv
können ihr Bibliothekspraktikum in der DNB
absolvieren. Azubis der Fachrichtung Biblio-
thek kommen gern ins Staatsarchiv Leipzig,
um sich berufspraktische Kenntnisse im Ar-
chivbereich anzueignen. Praktika der Azubis
des Sächsischen Staatsarchivs in anderen
Archivsparten finden vorwiegend in kommu-
nalen Archiven statt. Auszubildende in der
Fachrichtung Archiv aus anderen Ausbildungs-
einrichtungen kommen ins Sächsische Staats-
archiv, um ihre berufspraktischen Kenntnisse
zu erweitern.
Neben den berufsspezifischen fachlichen In-
halten werden im Sächsischen Staatsarchiv
auch die Schlüsselkompetenzen der Azubis
entwickelt. Gruppenprojekte erfordern Selbst-
organisation, Kommunikations- und Team-
fähigkeit der Azubis. Regelmäßig werden Vor-
träge über Inhalte des Berufsschulunterrichts,
über absolvierte Praktika und besondere Pro-
jekte gehalten. Die Vorträge finden vor unter-
schiedlichen Zuhörerkreisen statt und erfor-
dern von den Azubis genaue Vorbereitungen,
sprachliche Darstellung und Kommunikation
mit den Zuhörern.
Ein besonderes Highlight für die Azubis ist
der Ausbildungsabschnitt im Archivzentrum
Hubertusburg des Sächsischen Staatsarchivs.
Hier werden neben Informationen über Be-
standserhaltungsverfahren vor allem Kennt-
nisse bei der Erschließung und Verwahrung
von audiovisuellen Medien erworben. Durch
Exkursionen werden auch die Standorte
des Sächsischen Staatsarchivs in Dresden,
Chemnitz, Freiberg sowie das Staatsfilialarchiv
Bautzen als Teil des Archivverbundes Bautzen
kennengelernt. Und auch die Einbeziehung
in die Öffentlichkeitsarbeit, z. B. durch die
Mitgestaltung von Führungen, gehört zur
Ausbildung.
Zu Beginn der Ausbildung im Staatsarchiv
Leipzig wurde nicht für den eigenen Bedarf
ausgebildet. Erst ab dem Jahr 2012 konnten
FaMI-Azubis übernommen werden. Zurzeit
sind sieben selbst ausgebildete FaMI an den
verschiedenen Standorten des Sächsischen
Staatsarchivs beschäftigt. Mehrere FaMI wur-
den in anderen staatlichen Archiven und in
kommunalen Archiven eingestellt, einige FaMI
schlossen nach dem Ende der Ausbildung ein
Studium an. Nur wenige orientierten sich nach
der Ausbildung beruflich um.
Die FaMI-Ausbildung wird in den kommenden
Jahren verstärkt auf den Umgang mit digi-
talem Archivgut sowie digitale Formen der
Benutzung und der Öffentlichkeitsarbeit aus-
zuweiten sein. Das betrifft die Novellierung der
Ausbildungsverordnung als rechtliche Grund-
lage, den berufstheoretischen Unterricht an
der Gutenbergschule und vor allem die prakti-
sche Ausbildung einschließlich der technischen
und personellen Voraussetzungen.
Eine qualitativ hochwertige Ausbildung von
sechs Auszubildenden in zwei verschiede-
nen Jahrgängen zu gewährleisten, ist auch
für einen Ausbildungsbetrieb in der Größe
des Staatsarchivs Leipzig eine anspruchs-
volle Aufgabe. Dies zeigte sich besonders
seit März 2020, seit dem die pandemie-be-
dingten Einschränkungen des Dienstbetriebs
einschließlich der konsequenten Umsetzung
des Hygiene-Konzepts viele Veränderungen
und permanente Flexibilität bei Ausbildenden
wie Auszubildenden erforderten. Da findet
die Einführung in die Nutzung der Verzeich-
nungsmasken des Archivinformationssystems
dann mit dem Videokonferenzsystem WebEx
statt – wo ein Wille ist, findet sich auch man-
cher Weg.
Birgit Giese/Thekla Kluttig
(Sächsisches Staatsarchiv,
Staatsarchiv Leipzig)

Sächsisches Archivblatt Heft 1-2021 | 36
Ein Bewertungsmodell Liegenschaftsunterlagen
Zu den Hauptaufgaben des Sächsischen
Staatsarchivs gehören das Erfassen, Bewer-
ten und Übernehmen von Unterlagen aus dem
staatlichen Bereich, um sie zu verwahren, zu
erschließen und für die nächsten Generationen
nutzbar zu machen. Für den in der Fachspra-
che als Überlieferungsbildung bezeichneten
Tätigkeitsbereich gibt es Bewertungsmodelle
als geeignete archivische Hilfsmittel. Sie
steuern das Aussonderungsverfahren von
Unterlagen anbietungspflichtiger Stellen. An-
wendung finden sie als bundesweit geltende
ar
chi
v
ü
b
ergreif
ende
B
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wer
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empf
ehlun
-
gen wie beispielsweise die „Leitlinien zur ein-
heitlichen Archivierung von Geobasisdaten“
oder zur Begutachtung gleichförmig gearteter
Unterlagengruppen mehrerer Behörden in der
Zuständigkeit eines Archivs.
Das Sächsische Staatsarchiv und der Staats-
betrieb Geobasisinformation und Vermes-
sung Sachsen (GeoSN) verabschiedeten am
4. Dezember 2020 ein gemeinsam erarbei-
tetes Bewertungsmodell für Liegenschafts-
katasterunterlagen im Freistaat Sachsen. Es
dient dazu, die in der sächsischen Vermes-
sungsverwaltung seit den 1830er Jahren bis
heute geführten staatlichen Unterlagen des
Liegenschaftskatasters zu analysieren und
auf ihre Archivwürdigkeit hin zu beurteilen.
Es enthält Regelungen, um v. a. das Verfahren
der Anbietung, Bewertung und Übernahme
zwischen den verwahrenden und nach dem
Sächsischen Archivgesetz anbietungspflich-
tigen Stellen, den seit der Kommunalisierung
zuständigen unteren Vermessungsbehörden
der Landkreise und Städte, dem GeoSN und
dem Sächsischen Staatsarchiv zu koordi-
nieren.
Kern des Modells ist eine umfangreiche und
vollständige Zusammenstellung der vermes-
sungstechnisch relevanten Karten, Risse und
Amtsbücher, die nach zeitlichen und forma-
len Kriterien geordnet und mit Angaben zur
Funktion und Entstehung sowie weiteren in-
haltlichen Merkmalen versehen wurden. Um
ein Verständnis über die Art und Funktion der
diversen Unterlagengruppen in einem großen
zeitlichen Rahmen und den unterschiedlichen
Ausprägungen zu entwickeln, um damit Be-
wertungsentscheidungen treffen zu können,
war es notwendig, Kenntnisse über die Ent-
stehung der Unterlagen, die Veränderungen
der Behördenstrukturen der staatlichen Ver-
messungsverwaltung und über die technische
Realisierung der Vermessungsarbeiten zu ge-
winnen. Dazu wurden Literatur und Vermes-
sungsvorschriften ausgewertet sowie die ori-
ginalen Materialien geprüft u. a. für Unterlagen
aus ehemals preußischen und thüringischen
Landesteilen. Grundlegende Kenntnisse über
die Entwicklung des Vermessungswesens, die
Verflechtung mit der Grundsteuererhebung,
der Führung des Grundbuches als auch der
Dokumentation der Bodennutzung spielten
bei der Erfassung der einzelnen unterschied-
lichen Karten, Amtsbücher und Akten eine
Rolle. Aufnahme fanden weiterhin Unterlagen,
die für die Fortführung des Liegenschafts-
katasters von Relevanz waren bzw. sind,
wie die der Kameral- und Forst-, Gewässer-
und Eisenbahnvermessungen. Die Übersicht
der Vermessungsunterlagen bietet nun mit
etwa 200 Einzelpositionen, angefangen bei
den Messtisch-/Menselblättern der Grund-
steuervermessung von 1835/1841 bis zum
heutigen digital (ALKIS) geführten Amtlichen
Liegenschaftskatasterinformationssystem
eine differenzierte Aufstellung. Sie gewährt
den am Aussonderungsprozess Beteiligten
Unterstützung, stellt zudem eine Transparenz
des Bewertungsprozesses gegenüber der Öf-
fentlichkeit sicher und gibt Aufschluss über die
Vielfalt und Funktion des Karten-, Buch- und
Zahlenwerkes der staatlichen Vermessung.
Ein Beispiel aus der Zeit der Fortführung des
sächsischen Grundsteuerkatasters erlaubt ei-
nen kleinen Einblick in das Bewertungsmodell.
Um die Veränderungen in den Flurbüchern,
vor allem bei Dismembration (Zergliederung)
oder bei der Neubildung von Flurstücken zu
visualisieren, wurden darüber ab 1843 von den
beauftragten Landmessern Handzeichnungen
zu den betreffenden Ortslagen gefertigt. Diese
Beiblätter zu den Flur(buch)croqis enthalten
das Messgebiet, Grenzlinien sowie die Figur
und Lage der abzutrennenden Teile und wur-
den zumeist zusammengefasst und in einem
separaten Umschlag im oder beim Flurbuch
aufbewahrt. Die anfänglich unmaßstäblichen
Lageaufnahmen wurden 1851 mit der „Anwei-
sung für die Steuerbehörden zur Instandhal-
tung der Flurbücher und Grundsteuerkataster“
durch exakte geometrische Darstellungen oder
durch die Erstellung einer Menselblattkopie
ersetzt. Ab 1924 wurden diese als „Auszug
aus der amtlichen Flurkarte“ mit der gleichen
Funktion geführt. Aus den Rechtsvorschrif-
ten lassen sich nicht nur die Funktionen der
jeweiligen Vermessungsunterlagen nachvoll-
ziehen, sondern gleichfalls viele Informationen
zu Inhalt, Ausführung und Material finden. Am
Beispiel eines Beiblattes von 1886 lassen sich
sowohl Bearbeitungsvermerke (Stempel und
Registrandennummer des Kreissteuerrates,
Datum der Ausfertigung der Menselblattkopie,
Abrainung durch Grenzmarken inklusive deren
Abstände), zeichnerische Vorgaben (Ausfüh-
rung der Veränderungen in roter Tinte und
Verwendung vorgegebener Maßstäbe) als auch
die jeweils zuständigen Behörden ermitteln, die
im Gegensatz zu den Unterlagen, die teilwei-
se über mehrere Jahrzehnte geführt wurden,
ständigen Veränderungen unterworfen wa-
ren. Das Bewertungsmodell zeigt besonders
eindrucksvoll, dass nicht nur das Einzelstück
für sich eine rechtlich und historisch relevante
Aus sagekraft besitzt, sondern erst der funk-
tionale Zusammenhang zwischen den Karten,
Rissen und Amtsbüchern und deren inhaltlich
enge Verzahnung ein großes Ganzes bilden.
Die wesentlichen Veränderungen im Gesamt-
system Liegenschaftskataster, als heutigem
amtlichen Verzeichnis der Grundstücke, lassen
sich über einen sehr langen Zeitraum bis zu sei-
nen historischen Anfängen zurückverfolgen.
Dem zeitlich hohen Aufwand der Erstellung
des Bewertungsmodells steht der zu erwar-
tende Nutzen gegenüber. Der liegt darin, dass
die existenten Unterlagen nach ihrer Art, dem
Format, Zustand und dem Gesamtumfang für
alle Gemarkungen erfasst sind und die ein-
gangs erwähnte Prüfung der Archivwürdig-
keit zum größten Teil bereits abgeschlossen
ist. Soweit die zahlreichen bewahrenswerten
Originale nach ihrer Digitalisierung für die täg-
liche Arbeit der Vermesser nicht mehr benötigt
werden, sollen sie somit unproblematisch ihren
Weg ins Staatsarchiv finden. Im Ergebnis wer-
den die Karten, Amtsbücher sowie die elektro-
nischen Daten der Vermessung in absehbarer
Zukunft eine in sich geschlossene repräsenta-
tive Überlieferung im Staatsarchiv bilden, die
unter optimalen Bedingungen den Erhalt der
wertvollen Quellen für die historische Orts-,
Wirtschafts- und Sozialgeschichtsforschung
sicherstellt und zugleich die nahezu zwei-
hundertjährige Geschichte der Vermessung
in Sachsen flächendeckend dokumentiert.
Kurzlink
Modell zur archivischen Bewertung der Liegen-
schaftskatasterunterlagen im Freistaat
Sachsen, siehe lsnq.de/BewertungsmodellLika
Frank Lehmann
(Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden)

Sächsisches Archivblatt
Mitteilungen des Sächsischen Staatsarchivs
Heft 1 / 2021
Titelbild:
Mitglieder des Landtags 1901/1902, u. a. Kommerzienrat Hermann Ehret – s. auch Beitrag von Norman Grimm in diesem Heft
(Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10692 Ständeversammlung des Königreichs Sachsen, Nr. 16170, Bl. 26)
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Die Daten werden vierteljährlich aus der Erschließungsdatenbank des Staatsarchivs aktualisiert.

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Redaktion:
Dr. Peter Hoheisel (Bergarchiv Freiberg) / Michael Merchel (Zentrale Aufgaben, Grundsatz)
E-Mail: michael.merchel@sta.smi.sachsen.de
Satz:
Sittauer Mediendesign
Druck:
Druckerei Friedrich Pöge e. K., Leipzig
Redaktionsschluss:
2. Juni 2021
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