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INTEGRATION
Vertriebene, Spätaussiedler und Zuwanderer
DURCH LEISTUNG
als Unternehmer in Sachsen
- (:::1111____________________

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INTEGRATION
Vertriebene, Spätaussiedler und Zuwanderer
DURCH LEISTUNG
als Unternehmer in Sachsen
Begleitpublikation zur Ausstellung
»Integration durch Leistung-Vertriebene, Spätaussiedler und
Zuwanderer als Unternehmer in Sachsen«
Schlesisch-Oberlausitzer Museumsverbund
Reichenbach/O.L.
2014
-

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5 Geleitwort
6 Grußworte
8 Die migrationsbedingten sozialen Prozesse
in Niederschlesien nach
1945
13 Integration durch Leistung
Vertriebene, Spätaussiedler und Zuwanderer
als Unternehmer in Sachsen
14 Flucht und Vertreibung
»Umsiedlung« und Annäherung
18 Flucht und Vertreibung
Integration und Politik in Sachsen
20 Flucht und Vertreibung
Integration und Wirtschaft
22
Wismut integriert
Weltpolitik und Unternehmensgeschichte
24 Wismut integriert
Von Schlesien nach Schlema · Konrad Barth
26 Bergbau integriert
Vertreibung und Aufstieg in der Braunkohle
Wolfgang Wagenknecht
28 Landwirtschaft
Vertreibung und Neubeginn als Neubauer · Ernst-Albert Schulz
30 Landwirtschaft
Vertreibung und
Versöhnung·
Helmut
Müller
32 Vertreibung und Enteignung
Wurzeln
für Rückkehr
und Wiederansiedlung
Theda und Eberhard von Kuenheim
34 Integration mit Engagement
Kontinuitäten und
Brüche·
Hartmut Rockei

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36 Handwerk mit Tradition
Kontinuitäten und Grenzgänge · Helmut Goltz
38
Handel mit Tradition
Kontinuität im Wandel der Zeiten · Wolfgang Schwind
40 Weggabelungen
Vom brennenden zum blühenden Dresden· Hartmut Roth
42 Wahlheimat Sachsen
Spätaussiedlung und beruflicher Neubeginn · Tatjana Löwen
44 Deutsche Minderheit in Polen
Zwei Grenzgänger an der TU Freiberg
Rudolf Kawalla · Piotr Scheller
46 Integrationsweltmeister
Ein Vietnamese als sächsischer Arbeitgeber· Nguyen Binh Dinh
48 Biotechnologie aus Sachsen
Zukunft der sächsischen Wirtschaft
Wolfgang und Roland Göhde
so Region ale Daseinsvorsorge
Wasser verbindet · Christophe Hug
52 Sachsens Unternehmerpreis
Sächsisch-polnische Verbindungs! in ien
Matgorzata Choda kowska
54 Soziale Verantwortung
Das Erbe der Flüchtlinge und Vertriebenen· Elfriede Rick
56 Die Stadt Reichenbach/0.L.
Zentrum für Migration und Integration · Friedrich Zempel
58 Willkommenskultur
Lebenswege nach Sachsen
60 Arbeitsblätter
64 Impressum
-

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Grußworte
>)
Vom traditionsreichen und international
bedeutenden Industrie-und Wissenschafts-
standort Sachsen sind zahlreiche Impulse
für die europäische und weltweite wirtschaftliche
Entwicklung ausgegangen, denken
wir nur an den
Bergbau und
das Hüttenwesen, die Textilindus-
trie, den Maschinenbau sowie
in jüngerer Zeit an
den Automobilbau und die Mikroelektronik.
Die Entwicklung dieser Kompetenzen und Kapa-
zitäten
war und ist immer mit der Zuwanderung
von Spezialisten
aus allen Teilen der Welt verbun-
den gewesen.
Es kamen Bergleute aus dem Harz und aus Böh­
men, Maschinenbauer aus dem
Elsaß und Eng-
land, Autopioniere aus Dänemark, Investoren aus
dem Nahen Osten und Wissenschaftler aus al-
len Erdteilen, um einige Beispiele
zu nennen. Sie
alle haben Sachsen geprägt und entwickelt, sie
haben wirtschaftlich, wissenschaftlich und kul-
turell Neues gebracht,
sie haben sich erfolgreich
im neuen Heimatland integriert und
sich mit ihm
identifiziert.
Nicht immer waren
es völlig freie Entscheidungen
dieser Menschen,
zu uns zu kommen, oft waren
die
wirtschaftliche Not, Kriege und Kriegsfolgen
oder religiöse Intoleranz in ihren Herkunftslän-
dern
wichtige Motive und Rahmenbedingungen
für ihre Auswanderung.
In Größenordnung und Dramatik hebt sich aus
diesen historischen Zuwanderungen nach Sach-
sen der Zustrom Hunderttausender deutscher
Flüchtlinge heraus, die im Ergebnis
des verlore-
nen Zweiten Weltkrieges ihre Heimat
in Ost- und
Westpreußen, Schlesien und dem Sudetenland
verloren.
Dass sie trotz ihrer oft traumatischen Erlebnisse
und großen materiellen
und ideellen Verluste,
trotz zum Teil entmutigender Reserviertheit der
Einheimischen und allen Hemmnissen der schwe-
ren Nachkriegsjahre zum Trotz, maßgeblich den
Wiederaufbau
Sachsens aktiv mitgestaltet haben,
gehört
zu den größten Leistungen und wertvolls-
ten Erfahrungen der
jüngeren sächsischen Ge-
schichte.
Das gilt in besonderem Maße für die Unterneh-
mer, Führungskräfte und Wissenschaftler
unter
den Vertriebenen, die neue Branchen nach Sach-
sen brachten,
wertvolle Innovationen in den
schweren Anfangsjahren realisierten und zer-
störte Betriebe wieder arbeitsfähig machten. Die
Ausstellung zeigt dazu beeindruckende Beispiele.
Diesen Menschen, die unbeeindruckt vom eige-
nen Schicksal
in Zeiten der Zerstörung und weit-
verbreiteten Resignation anpackten, vorangingen
und anderen Arbeit und neue
Hoffnung gaben,
gebührt unsere dauerhafte, uneingeschränkte
Dankbarkeit,
das ist eine wichtige Aufgabe und
Botschaft dieser Präsentation.
Die Ausstellung hat aber darüber hinaus auch den
hochaktuellen Anspruch mitzuhelfen, die Sachsen
für eine qualifizierte Zuwanderung zu öffnen, zu
motivieren und zu sensibilisieren. Deshalb wer-
den neben der erfolgreichen Integration
Ve rtrie-
bener nach 1945 auch Beispiele erfolgreicher Un-
ternehmer und Wissenschaftler aus den Reihen
deutscher Spätaussiedler und ausländischer
Zu -
wanderer gezeigt.
Sie sollen uns in Summe zeigen, welchen Segen es
für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur bedeu-
tet, wenn man für die besten Köpfe aus aller Welt
offen ist, ihre Integration aktiv unterstützt und
ihre
Le istungen als Chance und Bereicherung für
alle begreift.
Die Breite und Vielfalt der
in der Ausstellung ge-
zeigten Beispiele
vermittelt dazu Einheimischen
wie »Neusachsen« vielfältige Anregungen
zu den
Erfolgsfaktoren, der Dauer und den Herausforde-
rungen positiv verlaufender Integrationsprozesse,
die nur im Miteinander möglich sind.
In diesem Sinne bewahrt die Ausstellung nicht die
Asche, sondern sie
trägt die Glut weiter.
Sie soll Mut machen und soll zum Nachdenken,
gegebenenfalls zum Umdenken beim Thema
Zu -
wanderung und Integration
in Sachsen beitragen.
Die
IHK Chemnitz, die diese Präsentation aktiv un-
terstützt hat, wünscht ihr eine positive Aufnahme
und weite Verbreitung, vor allem bei der jüngeren
Generation.
o,.t:::.
Maofred Goedecke
Industrie-und Handelskammer Chemnitz
1T!'l!I
Industrie- und Handelskammer
■■■
...
Chem,;,,

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)) Das sächsische Handwerk steht se it jeher
für Vielfalt, Kreativität und Innovations-
berei
tschaft und prägte seit dem frühen
Mittelalter ganze Regionen - zu denken wäre
hier an die Buchdrucker in Leipzig, die Weber und
Töpfer
in der Oberlausitz oder auch die Drechsler
und Holzspielzeugmacher im Erzgebirge. Das Ita-
lienische Dörfchen und die Hofkirche
in Dresden
haben
wir italienischen Steinmetzen und Künst-
lern zu verdanken, die ihre Handwerkskunst nach
Sachsen brachten. Die rund
60.000
sächsischen
Handwerksbetriebe sind heute verpflichtet,
Tra -
dition zu wahren und sich gleichzeitig an Verän-
derungen anzupassen, individuel
le Produkte her-
zuste ll en und die Qualität zu achten. Dazu nutzen
sie auch Eindrücke und Einflüsse aus dem Aus land .
Eine besondere Quelle für Inspirationen ist seit
dem späten
Mittelalter die Walz. Ga lt das zünftige
Reisen dama ls als fester Bestandteil der Ausbil -
dung ein iger Zünfte, geriet es im
20 .
Jahrhundert
in Vergessenheit und
wird heute überwiegend
von Maurer- und Zimmergesellen wiederbelebt.
Genau drei Jahre und einen
Tag sind die jungen
Männer und Frauen
in der Welt unterwegs, lernen
fremde Techniken und leben dabei ständig inmit-
ten der Bevölkerung. Diese Zeit dient nicht nur der
beruflichen
Weiterentw ick lung. Die Re isezeit ist
eine Lebensschule, die Offenheit,
Se lbstbewusst-
se in und Menschenkenntnis vermittelt. Nicht um-
sonst sind einige bedeutende Unternehmer und
Po litiker se lbst auf der Walz gewesen.
Di
ese Wanderungen über die Ländergrenzen hin-
weg bereichern auch heute
das sächsische Hand-
werk. So haben Baguettes und Macarons ihren
Platz neben dem traditionellen Mischbrot beim
Bäcker gefunden. Die Sa lami finden Sie heute bei
jedem Fleischer, das ita lien ische Eis sorgt im Som -
mer für Erfrischung und so mancher Fr iseur hat
sich in Lo ndon einen Überblick über die neuesten
Trends verschafft.
So hat sich über die Jahrhun-
derte ein grenzüberschre itender
Austausch von
Handwerkern, Traditionen und Techniken eta-
b
li ert, der sich auch in zah lreichen Austauschpro-
grammen und erfolgreich
absolviert en Praktika
von Lehrlingen und Gesellen widerspiegelt.
Dennoch lag der Anteil der Einwohner mit auslän-
dischen Wurzeln
in Sachsen sowohl in der DDR als
auch nach dem Mauerfall stets zwischen zwei
bis
drei Prozent. Man muss sich fragen, weshalb die
Einwohner der Nachbarstaaten Polen und Tsche-
ch ien lange Wege bis in die alten Bundesländer
oder darüber hinaus
auf sich genommen haben,
statt sich in Sachsen niederzulassen. Waren es
wirklich nur ökonomische Gründe oder gab es
interkulturelle Ursachen? Trat man ihnen offen
und freundlich entgegen oder eher skeptisch und
distanziert? Viel leicht hätte der eine oder andere
den Schri
tt nach Sachsen gewagt, hätte ihn eine
Willkommenskul
tur erwartet. Darüber müssen
wir uns kritisch Gedanken machen und unsere ei-
genen Einstel lungen überprüfen . Dazu ruft auch
diese Ausstellung auf.
Denn
je größer die Skepsis gegenüber dem Frem-
den und Ungewohnten ist, desto wicht iger ist
es , die Leistungen der Migranten zu würd igen,
die se lbst kleine Unternehmen gründeten und
heute
als Arbeitgeber und Ausbilder eng mit der
Region verbunden sind. Und das Handwerk öff­
net sich. längst sind span ische und tschech ische
Lehrlinge in Sachsens Handwerk angekommen
und haben dafür viele Hürden genommen. Nicht
nur die Sprachbarriere, auch die Trennung von Fa-
milie und Freunden sowie die Unsicherheit über
die eigene
Zukunft machen klar, dass sich ke in
Zuwanderer die Entscheidung zum Umzug leicht
gemacht hat. Umso wichtiger ist
es, dass wir den
Migranten die Hand
re ichen, sie wi ll kommen hei-
ßen und ihnen einen festen Platz in unserer Ge-
sellschaft einräumen.
Die Handwerkskammer Dresden begrüßt daher
die Initiative des
Sächsischen Innenministeriums
und des
Sächsischen Migrationszentrums in Re i-
chenbach, die diese Ausstellung ins Leben gerufen
haben.
Es ist wichtig zu zeigen, wie Vertriebene,
Spätaussiedler und Zuwanderer die sächsisc he
Wirtschaft mit geprägt und gesta ltet haben. De-
ren Lebensleistungen stehen beispielhaft für viele
weitere Migranten, die in einem fremden Land
Verantwortung übernommen haben und Risiken
eingegangen sind, um sich eine neue Ex istenz
aufzubauen. Die Ausstellung
so ll dazu anregen,
i
ns Gespräch zu kommen, neugierig zu se in und
eigene Vorurteile kritisch
zu hinterfragen. Dazu
laden wir den Besucher herzlich ein.
Dr. Andreas
Brzezinski
Handwerkskammer Dresden
Handwerkskammer
Dresd en

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Die migrationsbedingten
sozialen Prozesse
in Niederschlesien nach 1945
Geschichtlicher Rückblick
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es be-
wegte Di skussionen über die zukünftigen Gren-
zen Polens, sowohl innerhalb der polnischen, ge-
gen die deutschen Besatzungskräfte kämpfenden
Untergrundorganisationen
als auch in den höchs­
ten Führungsgremien der Alli ierten.
Letztlich
wurden die Grenzen Po lens von den
»Großen Drei« festgelegt,
ohne besondere Beach-
tu ng der poln ischen Territorialpostulate.
Den
Wendepunkt bildete hier die geheime eng-
li sch-amerikanisch-sowjetische Vereinbarung, die
während der Konferenz
in Teheran 1943 geschlos-
sen wurde. Unter dem Druck der sowjetischen
Militärerfolge wurde die Fläche Nachkriegspolens
unpräzise zwischen der Curzon-Linie und der
Oder-Neiße-Grenze festgelegt. Königsberg und
Lemberg wurden sowjetisch,
Ostpreußen und Op-
peln polnisch. Die Großmächte entschieden über
die Geschicke
Sch les iens ohne Eins icht in die geo-
grafischen Grundlagen der diskutierten Gebiete,
wie zum
Beisp iel in das Bestehen der Glatzer und
der Lausitzer
Neiße.
In Jalta erhielt die Teheraner Geheimvereinbarung
eine
forme lle Gestalt - an der östlichen Grenze
entlang der Curzon-Linie mit zum Tei l fünf bis
acht
Ki lometer großen Abweichungen zuguns-
ten
Po lens, an der Westgrenze entlang der Oder
und der
Neiße, einschließlich Stettin. Einen Streit
ri
ef die Tei lung Sch lesiens hervor. Sta li n drängte
auf die Erweiterung
des polnischen Territoriums
bis zur Lausitzer
Neiße, Churchill und Roosevelt
stimmten
nur der Einverleibung des deutschen
Te ils von Oberschlesien (das heißt des Oppelner
Sch lesiens bzw. des Oppelner Landes) zu .' In Pots-
dam setzte Stalin die polnische Konzeption zur
polnischen Westgrenze an Oder und
Laus itzer
Neiße durch,
trotz der Forderungen der britischen
und der amerikanischen Delegation, die polni-
schen
territorialen Eroberungen der deutschen
Gebiete
zu beschränken.
Das industrial isi erte und an Bodenschätzen reiche
Schlesien wurde von den polnischen
Pol itikern als
die treibende Kraft für die polnische Wirtschaft
nach dem Krieg angesehen; es war imstande, mit
seinen Fabriken und Bergwerken , den Überschuss
der Arbeitskräfte
zu integrieren und damit hilf-
reich bei der Behebung der vorgefunden Agrar-
struktur zu sein. Schlesien wurde außerdem als
historisch-geografische,
wirtschaftl iche und kul -
turell-ethnische Ganzheit und
al s Bestandteil des
Piastenstaates präsentiert.
In den Territorialprogrammen beteuerte man
auch die
Rolle der großen Städte, wie Oppeln und
insbesondere Breslau. Der
Besitz von Stettin und
Breslau garantierte die Herrschaft über die Schiff-
fahrt und den Handel. Breslau als Kommunika-
tionsknotenpunkt und Flusshafen wurde sogar
als
»Landfenster Po lens nach Europa« bezeichnet.
Es ist an dieser Stell e wichtig zu betonen, dass
die migrationsbedingten sozialen Prozesse (ins-
besondere im Arbeitsbereich)
in Niederschlesien
direkt nach der Beendigung
des Krieges von einer
großangelegten, organisierten Plünderung stark
beeinflusst wurden, die nach der sogenannten
Trofiejnyje uprawlenija
(=
wörtlich: »Trophäen-Di-
rektion«) systematisch von den
sowjetischen
Truppen und dann in kleinerem Ausmaß spontan
von polnischen Szabrowniki (Plünderern)
aus den
zentralen Gebieten
Po lens durchgeführt wurden.
Die polnische Ansiedlung
in Schlesien erfolgte in
drei Etappen, wobei die ethnische und kulturelle
Zusammensetzung der Zuwanderer sehr kompli-
ziert war.
2
Die erste Etappe fiel auf den Zeitraum von Früh­
ling
bis Herbst 1945. Die Anfänge der Ansiedlung
waren durchaus bescheiden. Bis
Ende Ma i 1945
wurden im Durchschn itt
40.000
Personen in Nie-
derschlesien
und
90.000
im Oppelner Schlesien
angesiedelt. Den Keim der polnischen
Identität
bildete in manchen Gebieten eine Handvoll Au-
tochthone, Gefangene, Zwangsarbeiter und
Mit-
glieder der Operativgruppen, die zur Konstituie-
rung der Staatsstrukturen berufen wurden.
Als Zeichen der Zeit manifestierten sich damals
Spontaneität und ein individueller Charakter der
Wanderungen, aber auch ein riesiger Bevölke-
rungsfluss und demzufolge eine fehlende Ansied-

image
lungsstabilität. Die Mehrheit der Ankommenden
in der ersten Welle beabsichtigte,
nicht zu blei-
ben. Die Polen verloren sich anfangs
unter den
Deutschen.
Im Frühling kamen die Umsiedler aus
der
Sowjetunion in Schlesien an . Bis zum Ende
des Jahres 1945 befanden sich in Niederschlesien
201 .856 und in Oberschlesien 101.123 Umsiedler
aus der
UdSSR.
Die zweite Etappe dauerte von November
1945 bis
Ende 1946, und sie übertraf die vorangehende an
Tempo und Ansiedlungsumfang. Die Entstehung
einer zentralen Dispositionsstelle am
13 . Novem-
ber 1945
für die neu übernommenen Gebiete
durch das
Ministerium für die Wiedergewonne-
nen Gebiete (MZO)
trug dazu bei, in das Durch-
einander Ordnung
zu bringen. In der besproche-
nen
Phase bemühte man sich, um die in Potsdam
besch lossenen Aussiedlungen der Deutschen
mit
dem Transfer der Polen aus der UdSSR zu koordi-
nieren.
Unter den aus dem Osten Transferierten befand
sich eine beachtliche Gruppe der jüdischen
Be-
völkerung. Bereits im Juni 1945 entstand in Re i-
chenbach (Dzierzon iow) das
Wojewodschafter
Judenkomitee in Niederschlesien, das für die aus
den Arbeitslagern
befreiten Häftlinge aus dem
Gebiet
des Eulengebirges verantwortlich war. Die
Zentralbehörden, die den
Plan für die Konstituie-
rung einer sogenannten »Judensiedlung« in den
neuen Gebieten
verfolgte, schickten außer den
Repatrianten die dem
Holocaust entronnenen
Juden aus Zentralpolen nach Schlesien. Diese Re-
gion stellte damit den größten jüdischen Bevölke-
rungsanteil in
Polen, 1946 zählte sie ca . 80.000 bis
100.000 Personen. Am zahlreichsten war die jüdi­
sche Bevölkerung in Reichenbach (36 Prozent der
Einwohner), Bielau (Bielawa), Breslau, Waldenburg
(Watbrzych) und Liegnitz (Legnica).
Ein Te il der
Juden hatte schon von vornherein ke ine Absicht,
an dem neuen Aufenthaltsort zu bleiben, wofür
die Abnahme ihrer Zah l 1946 und in den nächsten
Jahren spricht. Diese Tendenz
wurde durch das
Pogrom in Kielce und die Entstehung des Staates
Israel verstärkt.
Ende des Jahres 1946 waren die Massenansiedlun-
gen in Schlesien abgeschlossen. Bis zu dieser Zeit
war die Aufnahmefähigkeit dieser Region prak-
tisch erschöpft; dies betraf zuerst das Oppelner
Land, dann auch Niederschlesien.
In den Dörfern
befanden sich
nur noch sehr beschädigte oder
große
landwirt schaftliche Höfe über 100 Hektar,
die zur Parzellierung vorgesehen waren.
Die eingewanderte
Bevölkerung im Nachkriegs-
schlesiens innerhalb polnischer Grenzen gehörte
zu den drei Hauptregionalgruppen:
1.
interne Umsiedler aus Zentralpolen,
2.
Umsiedler und Repatrianten aus der UdSSR,
als auch
3. Repatrianten und Reemigranten aus anderen
Staaten.
Eine kleinere Gruppe bildeten die Reemigranten
und Repatrianten aus verschiedenen europä-
ischen Staaten, neben der
UdSSR hauptsächlich
aus Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Deutsch-
land und in kleiner Zah l aus anderen Ländern .
Ihre Berufsstruktur prädestinierte
sie für eine An -
siedlung in den Kohle- und Landbezirken.
Für die
Reemigranten aus Jugoslawien, die vor allem in
der
Landwirtschaft tätig wa ren, bestimmte man
den Kreis Bunzlau (Bolestawi
ec), aber auch etliche
Gemeinden der Kreise Goldberg (Ztotoryja),
Lö -
wenberg (Lwowek) und Sprottau (Szprotawa). Der
organisierte Transfer der Bevölkerung
aus Jugosla-
wien wurde 1946
durchgeführt.
Im Jahr 1947 nahm die Migrationswelle entschie-
den
ab. Dieser Zustand bestand bis in die folgen-
den
Jah re hinein. In dieser Zeit (von Mai bis Ju li)
wurde die Breslauer Wojewodschaft zum
Ort der
Zwangansiedlung
für 13-000 bis 21 .000 Ukrainer,
Lemken, Bojken,
Dolinier und Schlachtitzer Ruthe-
nen, die von ihrer bisherigen
Heimat im südöst -
lichen Polen im Rahmen der
Aktion »Weichsel«
ausgesiedelt
wurden, was ein Schlag gegen den
ukrainischen nationalistischen
Untergrund war.
Sie bewohnten vor allem die landwirtschaftli -
che
Reg ion um Liegnitz (Legnica), Lüben (Lubin),
Guhrau (Gora Slqska), Oels (Olesnica) und Neu-
markt (Sroda Slqska). Für diese Enklaven und ihre
Bevölkerung gab
es oft geläufige Redewendun-
gen, wie zum Beispiel »Przemkow-Ort - der Lem-
ken Hort«.
Das niederschlesische Grenzland (Sorau, s·agan,
Görlitz, Lauban, Löwenberg)
war eine »Schutz-
zone«
für die Militäransiedlung. In den Jahren
von
1945 bis 1948 siedelten si ch in den fünf da-
für reservierten Kreisen 25 .963 Personen (demo-
bilisierte Soldaten
mit Familien) an, das heißt 60
8 19
-

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Prozent aller Ansiedler. Manchmal besiedelte eine
ganze Abteilung einen Ort. Die Bewohnerinnen
der Platerowka im Laubaner Kreis waren die
Sol -
datinnen von der Emilia-Plater-Frauenabtei lung,
einer Einheit der
1.
lnfanteried ivision , die sich
1943 in Sielce an der Oka formiert hatte. 48-475
Soldaten siedelten sich auch außerha lb der vor-
beha ltenen Grenzzone
an. Im Ergebnis hatte Nie-
derschlesien die meisten Militäransiedlungen -
zusammen
74.288 Personen.
Außer der An- und Umsiedlungsprozesse fanden
in den Jahren von 1948
bis 1950 im Rahmen des
durch Polen
gewährten Asyls Einwanderer aus
Griechenland nach der Niederlage des kommu-
nistischen Aufstands Zuflucht in Niederschlesien.
Im Durchschnitt siedelten sich 6.000 politische
Flüchtlinge in der Breslauer
Wojewodschaft an.
Anfänglich befanden sich die Griechen und Ma-
kedonier in speziellen
Aufnahmestellen, spä -
ter passten sie sich an das polnische Umfeld an,
doch sie versäumten nicht die Pflege ihrer Kul -
tur und Sprache . Besonders sichtbar waren sie
in Zgorzelec, Waldenburg {Watbrzych), Schweid-
nitz
(Sw idnica), Hirschberg (Jelenia Gora), Lauban
(Lubar\) und Breslau . Die Griechen nahmen gern
ein Studium
auf und wechselten von der Land-
wirtschaft in die Industrie. Die starke griechische
Diaspora schwand in der Mitte der 198oer Jahre,
da der dama ls einsetzende politische Wandel in
Griechenland eine Massenrückkehr zuließ . Die
wenigen
Verbliebenen konzentrierten sich um die
Griechische Sozialkulturelle Gesellschaft.
Schlesien als Schmelztiegel
-
allmählicher Verlust
der regionalen
Identität
Nach den durchgeführten Menschentransfers
wurde Schlesien zu einem Schmelztiegel. Die
Reg ion bildete zu jener Zeit noch keine sehr ein-
heit liche Gesellschaft, sondern bestand aus den
Einheimischen und den Ankommenden, die im
Hinblick
auf Tradition, Mentalität und aufgrund
der Erfahrungen im Krieg verschieden waren .
Die Einwanderer repräsentierten sowohl alle
Re-
gionen Polens in den Grenzen von 1939 und alle
Typen der
internen und externen Nachkriegs-
verschiebungen, w ie auch verschiedene Motive
für die Ans ied lung an einem neuen Ort. Was den
nieder- vom oberschlesischen Teil unterschied,
war das ethnisch-nationale Profil. Im Falle Nieder-
schlesiens brachte das En de des Zweiten Weltkrie-
ges eine Zäsur für die überstaatliche Vitalität des
niederschlesischen Regionalismus, als auch ein
Abbrechen der Jahrhunderte langen Kontinuität
der evolutionären Kulturentwicklung der Provinz.
Mit der einsetzenden Stabilisierung der politi-
schen und wirtschaftlichen Lage (Inbetriebnahme
von industriellen Anlagen, auch
mithilfe der noch
im ersten Nachkriegsjahrzehnt verbliebenen
Deutschen) begann ein Prozess des Verschwin-
dens der kulturellen
Vielfalt. Die verschiedenar-
tigen regionalen Identitäten polnischer Herkunft,
die nach Niederschlesien
aus diversen Teilen Eu-
ropas gebracht wurden, begannen allmählich der
allgemeinen, durch den
soz ialistischen Staat dik-
tierten hoch polnischen Kultur zu weichen . An die-
ser Stelle ist es wichtig festzustellen, dass die ehe-
mals deutsche materielle Umgebung, die von der
neuen Bevölkerung
als fremd betrachtet wurde,
3
die Pflege des mitgebrachten kulturellen Erbes
nicht unterstützte . Einerseits wurde das deut-
sche materiel le und geistige Erbe mit gewisser
Abneigung behandelt, andererseits entwickelten
die po lnischen Umsiedler keine neue regionale
schlesische Identität.
Mehr noch - nach und nach
gerieten die aus dem Osten Polens mitgebrachten
regionalen und kulturellen Werte in Vergessen-
heit.
Die Arbeitsmigrationsprozesse haben auch in spä-
teren Dekaden
in Schlesien stattgefunden, doch
in einem wesentlich geringeren Umfang.
Es ka -
men zum Beispiel Arbeiter aus der Tatraregion in
das Riesen- und das lsergebirge, um in den Fors-
ten ihre Arbeit aufzunehmen. Das Riesengebirge
lockte auch - genau wie bereits
zu deutscher Zeit
- viel
e, aus verschiedenen Regionen Polens stam-
mende Künstler an, die sich hier ansiedelten.
Abschließend soll
darauf hingewiesen werden,
dass wir gegenwärtig in Niederschlesien mit einer
starken Abwanderung
aus den ländlichen Gegen-
den in die großen Städte oder gar ins Ausland zu
tun haben. Dies ist die Folge der politischen Verän-
derungen nach 1989/90,
wo die meisten großen
und auch viele kleinere Betriebe
als unrentabel
liquidiert wurden. Zwar siedelten sich hier später
einige westliche Firmen an, doch diese Tatsache
-

image
vermochte nicht, die zu dieser Zeit entstandene,
hohe Arbeitslosigkeit wesentlich einzudämmen.
Es ist aber zu hoffen, dass sich diese schöne Re-
gion dank der interkulturellen, internationalen
Zusammenarbeit innerhalb des vereinigten Euro-
pas in Zukunft in guter Richtung entwickeln wird.
Dr. J6zef Zaprucki
Karkonosze Hochschule Jelenia G6ra
1
Die in dem vorliegenden Beitrag angewandten ge-
schichtlichen Angaben stammen von: Elibieta Ka-
szuba,
Historia Slqska po
1945
roku
(Geschichte Schle-
siens nach
1945),
Wroctaw
2002;
R. Pysiewicz-J~drusik,
A. Puste lnik, B. Konopska,
Granice 5/qska
(Die Grenzen
Sch lesiens), Wroctaw
19 98;
Bohdan Gruchman et al.,
Polish Western Territories, Poznar'i
1959.
2 Migration - neutrale al lgemeine Bezeichnung einer
großen, binnen kurzer Zeit verlaufenden Bewegung
der Bevölkerung; Transfer - massenhafte Verschie-
bung der Bevölkerung von einem Land in
das andere
kraft internationaler Verträge; Aussied lun g-Absch ie-
bung der Bevölkerung ins Ausland im Rahmen einsei-
tiger Handlungen des Staates; Repatr
iant- Person, die
unter Zwang vom Territorium Polens in den Grenzen
vom
1.09.1939
in ein and eres Land umgesiedelt wurde,
aus dem sie nach dem Krieg zurückgekehrt war; Um -
sied
ler - eine in den Vorkriegsgrenzen Polens wohn -
hafte Person, die sich wegen der Grenzverschiebung
außerhalb des polnischen Territoriums befand und
die in die jetzigen polnischen Gebiete kam, indem
sie
an dem Transfer aus den westlichen sowjetisc hen
Republiken
teilnahm; Reemigrant - Person, die sich
en tweder am
1.09.1939
bereits außerhalb der Gren -
zen Po lens aufhielt, oder in die erzwungene politische
Emigration während des Krieges ging und nach
se i-
nem
Ende zurückkehrte; interner Migrant - eine
1945
in dem Gebiet Zentralpolens (alte Gebiete) wohnhafte
Person, die sich in die ehema ls deutschen Gebiete
begibt (neue Gebiete). Direkt nach dem Krieg
wurde
das Wort
Repatriierung
als Bezeichnung der externen
Tr ansfermigration benutzt, vornehm lich der Bevölke­
rung aus den in die
UdSSR einverleibten polnischen
Ostrandgebieten, dagegen hieß
Umsiedlung
interne
Migration der Bevölkerung von den alten Gebieten
in die neuen. Vgl.: Krystyna Kersten, Migracje powo-
jenne w
Po lsee. Pr6ba klasyfikacji i og61na charaktery-
styka zewn~trznych
ruch6w ludnosc i, in: Polska Lu -
dowa. Materiaty i Studia,
Band 3.
3 Vgl. J6zef Zaprucki, On the historical interference in
the urban discourse-a research communique (on the
basis of Jelen ia G6ra and the Karko nosze mountains
regio
n), in: Zdzistaw Wqsik [Hrsg.]. Unfolding the Se -
miotic Web in Urban Discourse, Frankfurt am Main
2011.
101 n
-

image
Integration durch Leistung
Vertriebene, Spätaussiedler
und Zuwanderer
als Unternehmer in Sachsen
Für den Wiederaufbau der sächsischen Wirt-
schaft nach
1945
waren die Flüchtlinge und
Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten
ein wichtiger Motor. Die gegenwärtigen Bedin-
gungen der europäischen Wirtschaftskrise,
des
demografischen Wandels und des zunehmenden
Fachkräftemangels
in den ländlichen Regionen
des Freistaates Sachsen stellen die sächsische
Wi rtschaft
erneut vor eine große Aufgabe. Des-
wegen gilt es, sich auf die Erfahrungen derer zu
besinnen, die einen solchen Wandel erfolgreich
bewältigt haben. Sie können uns ein Vorbild sein,
um
für die aktuellen Herausforderungen zu ler-
nen, sich der eigenen kulturellen Wurzeln zu erin-
nern und gemeinsam die
Zukunft zu gestalten.
Die sächsische Ausstel lung »Integration durch
Leistung«
greift diese historischen Verbindungs-
linien zwischen Tradition, Identität und Inte-
gration auf, um
aus aktueller Perspektive der
sächsischen Wirtschaft die ku ltur- und lebensge-
schichtlichen Wege von Flüchtlingen und Vertrie-
benen, Spätaussiedlern sowie alten und neuen
Zuwanderern
zu vermitteln. Ihr Anteil am Aufbau
und an der Entwicklung von Sachsen wird am Bei-
spiel ausgewählter Biografien deutlich gemacht.
Hierbei geht
es einerseits um historische Bezüge :
Wie wurden Flüchtlinge und Vertriebene nach
dem Verlust von Heimat und Existenz
in Sachsen
aufgenommen, wie konnten sie sich neu orien-
tieren und
als Unternehmer bzw. Entscheider in
verantwortlichen Positionen wieder Fuß fassen?
Davon ausgehend, soll der Blick
auf die aktuelle
Situation gelenkt werden, weil Zuwanderung ei-
nen immer größeren Einfluss auf die Gesellschaft,
Kultur und Wirtschaft nimmt. So leben, arbeiten
und gestalten den Freistaat
Sachsen ganz
unterschiedliche Gruppen: »Alteingesessene«,
Kinder,
Enkel und Urenkel der Flüchtlinge und
Vertriebenen, Spätaussiedler, die nach
1989/90
nach Sachsen kamen, und aktuelle Zuwanderer
aus verschiedenen europäischen und außer-
europäischen Ländern.
Sie alle haben hier ihren
Platz, fühlen
sich beheimatet und bilden in der
-
Summe ihres Engagements das heutige Sachsen,
wie es nach außen ausstrahlt.
Ziel der Ausstellung »Integration durch Leistung«
ist
es, die Herkunftsvielfalt sächsischer Unterneh-
mer und deren Integrationsprozess darzustellen.
Der Schwerpunkt liegt auf den Flüchtlingen,
Vertriebenen und Spätaussiedlern. Die Darstel-
lung von aktuellen Zuwanderern und ihren
unternehmerischen Aktivitäten steht im Zusam-
menhang
mit der demografischen Entwicklung in
den ländlichen Regionen des Freistaates Sachsen
und dem zunehmenden branchenspezifischen
Fachkräftebedarf. Dabei
kommt der grenzüber­
schreitenden Zusammenarbeit mit Polen und
Tschechien künftig eine besondere Bedeutung zu.
Da es sich um die Herkunftsgebiete der deut-
schen Heimatvertriebenen handelt, beinhaltet
dieser Brückenschlag nicht nur Chancen
für einen
gemeinsamen Wirtschaftsraum, sondern
ebenso
für eine europäische Versöhnung und
Verständigung.
Die Ausstellung soll zeigen, wie
sich Flüchtlinge
und Vertriebene, Spätaussiedler und Zuwan-
derer
in einer für sie neuen, mitunter fremden
Gesellschaft integrierten, sich diese zu einer
neuen Heimat machten. Trotz vielerlei Hinder-
nisse, konfrontiert auch mit Ressentiments und
Vorurteilen und geprägt dur
ch oft schmerzliche
Erlebnisse, setzten sie sich neue Aufgaben . Sie
bauten sich mit beachtlicher Energie eine neue
Existenz auf. So waren und sind Zuwanderer
keine Bittsteller, sondern Mitgestalter.
Integration ist eine
Sache des Herzens und
des Willens - auf beiden Seiten .
Die Ausstellung ve ranschaulicht an konkreten
Beispielen, wie Integration erfolgreich statt-
findet: durch persönliches Engagement im Wirt-
schaftsleben und durch die
Mitarbeit in Vereinen,
Institutionen und Kultureinrichtungen. Es wird
aber auch deutlich,
dass es ebenso der Toleranz
und der Aufnahmebereitschaft der ansässigen
Gesellschaft, ihrer Menschen und ihrer
Administration bedarf,
damit Integration gelingt.
Thomas Napp
Projektleiter und Kurator
Sächsisches M igrationszentrum,
Re ichenbach/0.L.
12
l 13

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Flucht und Vertreibung
»Umsiedlung« und Annäherung
Die Begriffe »Flucht« und »Vertreibung«
erinnern uns Nachgeborene und die immer
weniger werdenden Zeitzeugen an viel-
fach nicht aufgearbeitete Schmerzen und
Verluste am
Ende des Zweiten Weltkrieges
(1939-1945).
Die Verwendung beider
Begriffe täuscht darüber hinweg,
dass viele
das doppelte Schicksal
von
Flucht und
Vertreibung erlitten.
Zuerst
war es die Flucht vor den ru ssischen
Soldaten, die
sie infolge der national-
sozialistischen Propaganda und der zu
erwartenden Rache fürchteten .
Dem Einmarsch der Roten Armee
1944/
1945
folgte die Vertreibung der verbliebenen
Deutschen
aus den deutschen und ehemals
deutsch besiedelten Gebieten des östlichen
Europas. Viele kehrten nach Kriegsende in
ihre alte Heimat zurück, bevor
sie erneut
ausgewiesen wurden. Bisweilen kam es zu
sogenannten »wilden« Vertreibungen . Erst
die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz
vom
17.
Juli bis
2.
August
1945
stellten die
schon laufende Vertreibung
von
Millionen
Deutschen
auf eine völkerrechtliche
Grundlage und besiegelten den Verlust der
Heimat.
Von den insgesamt über
zwölf Millionen
Flüchtlingen und Vertriebenen lebten
1950
knapp acht Millionen in den westlichen
Besatzungszonen,
4,3
Millionen in der
Sowjetischen Besatzungszone
(SBZ)
und davon etwa eine Million im »Land
Sachsen«. Mehrere hunderttausend
Menschen starben während der Flucht bzw.
der Vertreibungen oder blieben vermisst.
Am
4.
Juli
1945
gründete die sowjetische
Besatzungsmacht die Landesverwaltung
Sachsen (LVS). Die Sowjetische Militär-
administration
in Deutschland (SMAD) und
die
von
ihr eingesetzte LVS setzten
von
Beginn an durch, dass
von
»Umsiedlung«
gesprochen wurde, und nicht
von
Flucht
und Vertreibung. Diese staatlich verordnete
Sichtweise
führte dazu, dass es in der SBZ
und der späteren Deutschen Demokrati-
schen Republik
(DDR) zu keiner öffentlichen
Thematisierung der persönlichen Schicksale
ka m.
Erst nach dem
Fall der Mauer und der deut-
schen Wiedervereinigung
1989/90
begann
eine intensive Beschäftigung und
damit
eine gesellschaftliche Aufarbeitung durch
die überlebenden Zeitzeugen.
Das äußerte sich in der Gründung
von
Vereinen sowie
von
regionalen und landes-
weiten Verbänden. Im Vordergrund stand
von
Beginn an das Bemühen um Versöh -
nung und Annäherung mit den heutigen
Bewohnern in den ehemals
von
Deutschen
bewohnten Gebieten östlich der Oder und
der Lausitzer Neiße,
trotz aller schmerz-
lichen Erfahrungen
in den individuellen
Lebensläufen und auch zum
Teil kontrovers
geführter Debatten.
Nachdem am
23.
Mai
1949
die Gründung
der
BRD erfolgt war, gründete sich am
7.
Oktober
1949
die DDR. Die Staatsgrenze
zur damaligen
Vol ksrepubl ik Polen hatte
die DDR
1950
im Görlitzer Abkommen
anerkannt. Die Bestätigung durch die
Bundesrepublik Deutschland
(BRD) erfolgte
1990
im Anschluss an die Zwei-plus-
Vier-Gespräche zwischen den vier alliierten
Mächten Sowjetunion, Frankreich,
Großbritannien und
USA sowie den beiden
deutschen Staaten.
Abbildung auf der folgenden Seite:
Karte
zu Flucht und Vertreibung-
Die Krei5diagramme illustrieren
den
Anteil der
Fluchtlinge
1,md
Vertriebenen an der Gesamt·
bevolkerunsje Bundesland in Millionen, die
Kasten von oben nach unten die deutsche
Bevölkerung 1945, die Kriegs und Nachkriegs
verluste sowie die zurückgebliebene bzw.
zuruckgekehrte Bevölkerung bis 1950.
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Sachsen erfuhr im laufe der Zeit vielfach territoriale Veränderungen. Königreich Sachsen, Freistaat
Sachsen, die Auflösu ng der Länder und
an deren Stelle die Gliederung in Bezirke (fü r Sachsen stehen im
Weseritlichien
dafür die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Dresden und Le ipzig), nach der fr iedlichen Revo lution
das Hinzutreten der
Kreise Eilenburg, Delitzsch und Torgau sowie der preußisch-niederschlesischen
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Frci,m,at Sachscn 1939
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Protektorat
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Böhmen und Mähren
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Grenzen des
Freistaates
Sachsen
2013
Der 1918
gegründete
Freistaat
Sachsen
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Kreise Hoyerswerda, Rothenburg (später Weißwasser) und Görlitz führten zum heutigen Gebiet des
Freistaates,
welches <1 ls geografische Grundlage für die Auswahl der vorgestellten Unternehmer und
Unternehmen dient
TSCHECHOSLOWAKISCHE
SOZIALISTISCHE REPUPLIK
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TSCHECHOSLOWAKEI
(CSR)
Das Land Sachsen 1950
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Bezirke der DDR 1964
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Das Land
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Flu
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Integration und Politik in Sachsen
Bts ium Mat 1948 wurden etwa eine
Million Flüchtlinge und Vertnebene
m
Sachsen angesiedelt. Weitaus ITlehr
Menschen wanderten in den ersten Nach
kriegsjahren durch Sachsen hmdurch.
Dies waren sowohl deutsche Flüchtlinge,
Vertriebene und Aussiedler als auch
1944/45 befreite Insassen von Konzentra-
tions-und
Arbeitslagern. Massive Bevöl­
kerungsströme befanden sich in Europa
auf dem Weg in
eine neue, zumeist noch
unbekannte Heimat und Zukunft.
An
den neu entstandenen Grenzen fanden
Transformationen jahrhundertelang ge-
wachsener Bevölkerungsstrukturen statt.
Aufgrund dieser besonderen Situation
beschloss die Landesverwa ltung
Sachsen
am
30.
August 1945, einen Staatskommissar
für Flüchtlingsfragen einzusetzen (KPD -
Mitgl ied Jenny Matern). Es handelte sich um
die erste Sonderverwaltung
für Flüchtlings­
fragen überhaupt.
Am
14. September 1945 wurde die Zentral-
verwaltung für deutsche Umsiedler (ZVU)
gegründet. Im Gegensatz
zu den anderen
Ländern und Provinzen der
SBZ wurden
45 ,7%
13,9%
in Sachsen vorerst keine »Umsiedler-
ausschüsse« gebildet, sondern deren
Aufgaben der im Oktober
1945 gegründeten
»Vo lkssolidarität« übertragen. Erst 1947
stärkte ein Landesumsiedlerausschuss auch
in
Sachsen die Macht der ZVU. Ursprü nglich
war Sachsen nicht als Aufnahmegebiet von
Flüchtlingen und Vertriebenen vorgesehen.
Ende 1945 befahl jedoch die SMAD, alle
sich in Sachsen befindenden Vertriebenen
dauerhaft anzusiedeln und der einheimi-
schen
Bevölkerung gleichzustellen.
Anders
als in Westdeutschland erhielten
Flüchtlinge und Vertriebene in der
DDR
ke inerlei Entschädigungs-oder Wiedergut-
machungsleistungen. Welchen Umfang die
Zuwanderung
aus Flucht und Vertreibung
jedoch noch heute
einnimmt, zeigt die
Tatsache,
dass bis 1995 in Sachsen über
350.000
Anträge auf Leistungen nach dem
Vertriebenen-Zuwendungsgesetz geneh-
migt wurden. Das betraf rund acht Prozent
der Gesamtbevölkerung des Freistaates.
Über zwei
Drittel der in Sachsen lebenden
Vertriebenen
stammten aus den nun polni-
schen deutschen Ostgebieten.
Ende 1946 betrug der Anh~il der
Vertriebenen an der sächsi5chen
Be..-öl kerung 13,9 Prozent.
20,5%
Sachsen
Mecklenburg Brandenburg
Provinz
Thüringen
Sachsen
(Sachsen-
Anah lt)

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• •
Treck mit Flüchtlingen und Vertriebenen 1945 auf
der Görlitzer Landskronstraße (Ratsarchiv Gö rlitz)
Etwa
125.000
kamen aus dem Sudetengebiet,
48.000
au s Ostpreußen und
15 .000
aus Ungarn.
Mit dem Leben davon gekommen zu sein, gab
häufig einen ersten Hoffnungsschimmer.
Die Erinnerung
an zurückgelassene Menschen,
Orte und Perspektiven schmerzte; Verlorenes
musste
in der Fremde durch Neues ersetzt
werden . Neben der Suche nach der eigenen
Familie und der Organisation des privaten
Lebens
waren es zuerst die Grundbedürfnisse nach
Obdach,
Essen und sozia ler Integration, die den
Lebensalltag der Menschen
bestimmten.
Handwerker!
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~-~d.o.d~-ll-l(..a:.a-w~
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Lebensmittelkarten w;iren
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iz und »zwtite Lohntüte«
für besonders schwere und für
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die DD R-Regierung wlcht.ge
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Erwerbszweige, wie z B. für
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lüt Bergarbeiter Gtuppe
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Bergarbeiter bei der Wismut.
(Museum Uranbergbau B
ad
Sc hlema)
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f.in ninhcillichr.s und
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\l>uhnr-aum und lrheil!
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ijjr 1:mh
,um
\ulks-
b11ychren!
Durch die Regi erungspolitik
in
itiierte überdurchschnittliche
Pla nerfüllung für den wi rtschaft-
lichen Wiederaufbau in der
DDR,
Dezember 1949. Insbesondere die
Produktion der Energie-und
Baurohstoffe w urde gefördert.
(Görlltzer Sa mmlungen /O LB)
Aufrufe zum
»Volksbegehren«,
1948
(Görlitzer Samm-
lungen /OL
B)
Aufruf zur vorfristigen Erfüllung
des Vo lkswirtschaftsplans 1950.
Bezeichnend sind die beiden
d.1 rgestellten Produktionszweige
Landwirtschaft
und Industrie.
(Görlitzer
Sa mmlungen /OLB)
Aufruf zum »Volksbegehren fur
die Einheit Deutschlands« der
»Hauptabteilung
Umsiedler«
der Landesregierung Sachsen, 1948
(Görlitzer
Sa mmlungen /OLB)
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Fluch
Vertreibung
Integration und Wirtschaft
Sachsen ü,t eine der trad.Itionsre1chsten
Industrieregionen Deutschlands.
Vor dem
zweiten
Weltkrieg
arbe,teten 65 Prozent
der Beschäftigten
in der Industrie, neun
Prozent in der Landwutschaft und der
verbleibende Anteil
im Handel und
Dienstleistungssektor. Für das W1ederer
starken der sachsischen Wirtschaftskraft
nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten die
Demontagen
und Reparationsleistungen
ar die SowJetunion einerseits hemmend.
Andererseits boten diese Arbeiten für
Flüchtlinge und Vertriebene haufig eine
erste
Beschäftigung
Am 21 Juni 1945
befahl
die
SMAD
die
Wie
deraufnahme der Industneproduktion,
damit die Reparationsverpflichtungen
erftillt
werden konnten. Daran hatten
die Fltichtlmge und Vertriebenen einen
wesentltchen Anteil als Arbeitskräfte ins
gesamt aber auch als Unternehmer bzw.
als Beschäft•gte in Führungspositionen.
Das Industrieland Sachsen stellte rund
40 Prozent der gesamten industriellen
Kapazität der
SBZ . Für die sächsische lndus-
triela ndschaft typisch, konzentrierte sich
die Produktion nicht allein in den großen
Städten und Betrieben. Prägend waren
die traditionellen Gewerbe, insbesondere
in kleineren Orten und hier in kleinen und
mittelständischen Betrieben. Diese wurden
nach
1945 systematisch aufgelöst und ent-
eignet und der
Mittelstand als Vorausset-
zung für eine gesunde Wirtschaftsstruktur
nachhaltig geschwächt, was bis heute nach -
wirkt. So waren schon bis zum Jahre 1948
in Sachsen bereits 2.297 Betriebe enteignet
und in Landeseigentum überführt worden .
45,5 %
10,5X
privater Sektor
Sowjetisc'ie Aktien-
!l~ellKhafun
(SAG)
44 %
volkseigene Betriebe
Endt 1948 verteilte ~ich
die
•ndu~t•ielle Produktion
Sachsen& zu 44 Prozent auf vo1kseigene Betriebe,
zu
10,5
Protent
auf
Sowjetische Aktiengesell5'haf-
ten (SAG)
und
zu 45,5 Prozent auf
den
privaten
Sektor
Der private Sektor nahm durch staatlich
organisierte Enteignungen und insbeson-
dere durch die beiden großen Enteignungs-
wellen von 1953 und 1972 kontinuierlich ab.
Unternehmensbiografien wurden
damit
durchschnitten, Abwanderung und Ausreise
(»Republikflucht«) waren für viele Menschen
eine Option . Ebenso führte die gewalt-
same Niederschlagung des Aufstandes
vom 17. Juni 1953, der in Sachsen in Leipzig
und Görlitz seine Zentren hatte und
sich
unter anderem auf die staatlich verordnete
Erhöhung der Arbeitsnormen gründete,
zu
einem Anstieg der Ausreise von qualifizier-
ten
Fachkräften und Unternehmern in die
BRD.
Aufstand vor, 17.
Jun\
1953, 12 Uhr, iiUf dem
Oberm,1rkt
in
Götlitz (Ratsarch v Görlitz)
-

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Dem durch die Enteignungen, die Zwangskollek-
t ivierung in der Landwirtschaft und die gesamte
Gesellschaftspolitik mit dem Ziel
des »Aufbaus
des Soz ial ismus« forcierten Bevölkerungsverlust
begegnete die
DDR mit der Errichtung der Ber-
liner Mauer am 13 . August 1961. Zugleich wurde
versucht,
ausländische Gastarbeiter anzuwerben,
was si
ch in za hlreichen Regierungsabkommen
dokumentiert.
Diese sogenannten »Vertrags-
arbeiter« kamen vorwiegend
aus den damaligen
»jungen
soz iali sti schen Bruderstaaten« wie An-
gola,
Kuba und Mosambik, seit Mitte der 197oer
Jahre zunehmend
aus Vietnam. Im Dezember
1989 befanden sich
fast 60.000 Arbeiter vietna-
mesi
scher Herkunft in der DDR, die vorwiegend
in Industriebetrieben beschäfti
gt waren.
1972 trat das Abkommen zwischen der Volksrepu-
b
li k Polen und der DDR zur Anstellung von polni-
schen Vertragsarbeitern
in Kraft und ermöglichte
einen visafreien Grenzverkehr. Hierbei nahm
die geteilte Grenzstadt Görlitz/Zgorzelec eine
Vorreiterro ll e ein, wo unter anderem im dortigen
Elektroschaltgerätewerk eine Vielzahl
polnischer
Arbeiter
beschäftigt war, um dem zunehmenden
Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Warenangebot im damaligen »Centrum« Warenhaus,
dem Jugendstilkautha
us in Görlitz, 1967 (Ratsarchiv
Görlitz)
Das Centrum-Warenhaus im Görlitzer Jugendstil -
gebäude verkaufte in dieser Zeit je nach Sorti-
ment 20 bis 50 Prozent seiner Waren an polni-
sche Kunden, was zu Unmut unter der deutschen
Bevölkerung führte. Der grenzüberschreitende
Austausch
auf wirtschaftlicher Basis wurde
schließlich
abrupt beendet.
Am
30. November 1980 schloss die DDR ihre
Grenze nach
Po len, als es infolge der Gewerk-
Po lhische Bürger ndch dem Einkaufsbummel auf dem
Görlitzer Postplatz
1979,
kurz
vor Schließung d
0
r
Grenzen
zu r Volksrepublik Polen (Ratsarchiv Görlitz)
schaftsbewegung So lidarnosc (Solidarität) zur
Ausrufung
des Kriegsrechts in Po len kam und die
DDR-Führung ein »überschwappen « befürchtete .
S<1 misdat
(=
Selbst-
herausgegebenes) eines
pol nischen Dol metschers
c1us Wroclaw, der fur
die Kommunikation
zwischen den polnischen
Vertragsa rbeitern und
den deutschen Arbeitern
verantwortlich war.
Inoffiziell arbeitete er a
ls
Kurier für die Solldarnosc-
Bewegung nach Ausru-
fung des Kr iegszustandes
in
Po len. (Umweltbiblio
t hek Großhennersdorf)
Erst seit der deutschen Wiedervereinigung und
der Wiedergeburt
des Fre istaates Sachsen am
3. Oktober 1990 findet eine Annäherung an die
benachbarten polnischen Woiwodschaften
statt.
Se it der EU-Mitgliedschaft Polens und
Tschech iens
2004 und der Erweiterung der
Arbeitnehmerfreizügigkeit zum 1. Mai
2011 gibt
es einen gemeinsamen gesetzlichen Rahmen,
den grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum
als
ge lebtes Europa der Regionen aktiv zu gestalten.
Wenn auch Sachsen vielfach noch Transitland ist,
g
ilt es doch, den gemeinsamen Wirtschaftsraum
zu nutzen. Gerade der Abbau von sprachlichen
Hürden sowie die grenzüberschreitende
An-
erkennung von Berufsabschlüssen und Qualifi-
zierungen bieten die Chance, dem konkreten
Fachkräftebedarf durch
zielgerichtete unterneh-
merfreund
li che Impulse zu begegnen.
20 j 21

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Wismu int griert
Weltpolitik und Unternehmensgeschichte
Mit dem Abwurf der Atombomben auf die
japanischen Stadte Hiroshima und
Naga
saki am
6.
und
9
August
1945 verschärfte
sich am Ende des Zweiten Weltkrieges die
militärpolitische Weltlage.
Das
Wettrüsten zwischen den USA und
der Sowjetunion fuhrte zum Kalten
Krieg,
in dem beide Seiten
versuchten,
dem
Jeweils anderen tm Kniftegleichgew1cht
nicht unterlegen zu sein. Die Sowjetunion
nutzte ihren politischen Einflussbereich,
um unter anderem die Suche und
Aus-
beutung
von
Uranlagerstatten auf den
gesamten Ostblock auszuweiten.
So
weck-
ten
insbesondere die bereits bekannten
Erz·Abbaustätten im sächsischen Erz-
gebirge das Interesse der SMAD.
Archivunterlagen wurden ausgewertet
und erste Erkundungsarbeiten von sowje·
tischen Geologen durchgefuhrt Mit dem
Beschluss Nr 1467- 393c des soWjetischen
M.nisterrats unter Vorsitz von Josef Stalin
wurde am
10.
Mai 1947 der Grundstein zur
Bildung der »SoWJetischen Staathchen
Aktiengesellschaft der
Buntmetallindus·
tne Wismut« (SAG) gelegt. Am
2
Juh 1947
wurde die SAG ir. das Handelsregister Aue
eingetragen.
Das Abkommen zwischen der DDR und
der Sowjetunion vom
22. August 1953
ebnete den Weg für eine deutsche Betei-
ligung am Abbau
des Uranerzes . Diese
erfolgte
mit der Gründung der gemischten
»Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft
Wismut«
(SDAG) zum Jahresbeginn 1954.
Beide Seiten hielten jeweils
50 % der Anteile.
Der hohe Arbeitskräftebedarf im Uranerz-
bergbau der
Wismut prägte die Entwicklung
des sächsischen Arbeitsmarktes nachhaltig.
In den direkt vom Bergbau betroffenen
Orten und Landkreisen lebte ungefähr ein
Viertel der
in Sachsen neu Angesiedelten,
etwa
250.000 Menschen. Die Sowjetische
Militäradministration
für Sach sen ordnete
die gezielte Herausnahme von Bergbau· und
Textilarbeitern
aus den Flüchtlingszügen an.
Die sogenannte »Aktion
600.000« sorgte
für eine staatlich verordnete Ansiedlung von
Sudetendeutschen
in Sachsen.
Zu Beginn waren es insbesondere die
Städte Aue und Annaberg, die aufgrund der
benötigten Fachkräfte fast ausschließlich
Flüchtlinge und Vertriebene aufnahmen,
die arbeitsfähig und im Bergbau einsetz-
bar waren . Ohne den Zustrom der (ober-)
schlesischen Bergarbeiter hätte der Ausbau
der
Wismut und des Kohlebergbaus nicht so
schnell erfolgen können. zugleich erhielten
die Arbeiter
die Chance, sich nach dem
Verlust ihrer Heimat durch die Arbeit
be i der
Wismut eine neue Perspektive aufzubauen.
Teilweise feh lende Qualifikationen wurden
aufgrund
des enormen Arbeitskräfte·
bedarfs durch die
Wismut kompensiert.
Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen
und entsprechenden Qualifizierungsange-
boten lockte die
Wismut mit der Zutei lung
von Wohnraum, Präm ienzahlungen und
Luftaufnahme des Wismut-Bergbaus
in
Aue,
1953 (Wl1ml.lt GmbH)
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Handelsregistereintrag der Staatlichen Aktiengesell-
schaft der Buntmetallindustrie »Wismut« im Handels-
register Aue 1947
und 1952 mit Nennung der
sowJetischen
Generaldirektoren. (Wism ut GmbH)
zusätzlichen Lebensmittelrationen. Die soge-
nannte »zweite Lohntüte« konnte jedoch die
hohe Fluktuation und die Flucht von Bergarbei-
tern in die BRD nicht verhindern.
Ähnliches gilt für die sächsische Textil-
industrie, die traditionell in den Regionen um
Chemnitz und Zittau angesiedelt war. Über die
berufliche Einbindung fand eine Verankerung
in den neuen Lebensumfeldern statt. Die Inte-
gration in den sächsisch geprägten Standorten
erfolgte zumeist über die Arbeit sowie über
Vereine und die Kirche, aber auch durch die
staatlich gelenkten Massenorganisationen. Für
diesen Integrationsprozess war es häufig not-
wendig, einen Teil der ursprünglichen Identität
aufzugeben oder zumindest zurückzustellen.
Somit kam es zu wechselseitigen Einflüssen
und Impulsen von »Alteingesessenen« und
»Neuen« und damit zu einem Austausch der
jeweiligen kulturellen Traditionen zwischen
der Herkunftsregion und der Aufnahmeregion
in Sachsen.
Nach der kurzfristigen Ausbeute der Lagerstätten
in den Anfangsjahren wurde zunehmend Wert
auf eine wissenschaftliche Erkundung und die
Verbesserung
der Arbeitsbedingungen gelegt.
Aufgrund der vielfältigen
Sonderrechte blieb die
SDAG Wismut ein »Staat im Staate DDR« .
Das
Unternehmen hatte insgesamt ca. 231 .000
Tonnen Uran gefördert, als am 31 . Dezember 1990
der Uranerzbergbau eingestellt wurde. Damit
gehörte die DDR zu den vier größten Uranpro-
duzenten der Welt. 1991 ging die Wismut GmbH
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vollständig in den Besitz der Bundesrepublik
Deutschland
über.
Aufgabe
war es nun, die vom Bergbau bean-
spruchten Flächen wieder nutzbar zu machen.
Es galt in einem umfassenden Sanierungsprozess,
die
Wismut-Altlasten in Sachsen und Thüringen
zu beseitigen sowie Mensch und Natur eine
gesunde Umwelt wiederzugeben.
Bis in die Gegenwart leistet die Wismut GmbH
mit ihren
1.200 Mitarbeitern einen bedeutenden
Be itrag zur wirtschaftlichen Standortsicherung in
Sachsen.
Unterzeichnung des Abkommens zwischen der Regie-
rung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung
der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über
die Beendigung der Tätigkeit der Sowjetisch-Deutschen
Aktiengesellschaft W ismut durch den damaligen
Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann am 16. Ma i 1991
(Wismut GmbH)
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Arbeitsvertrag
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Arbeitsvertrag
zwischen der
SDAG Wismut und
Konrad Barth von
1962.
Konrad Barth,
se it 1957 bei der
Wism
ut tätig,
wird als Kuhlma-
schinenschlosser
beschäftigt.
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Die Situation besserte sich weiter, als die Fami lie
1952 nach Sch lema im Westerzgebirge in eine
Zweiraum-Wohnung zog. Der vor dem
Krieg
traditionell vom Tourismus geprägte Ort ze igte
sich gegenüber den vielen Heimatvertriebenen
zugänglicher.
) )
Hier in Sch /ema war ich endlich
zu Hause angekommen. Hier
wollte
ich leben.«
KONRAD BARTH
Nach dem Schu lbesuch und der Ausbi ldung zum
Schlosser ging
1959 auch Konrad Barth zur SDAG
Wismut, wo er als Küh lan lagenbauer tätig war.
Durch
Qualifikationen in der Abendschule stieg
er über die Stationen Meister und Brigadier zum
stellvertretenden Abteilungsleiter auf.
Se in gesellschaftliches Engagement führte ihn
1964
in den Gemeinderat von Sch lema. 1979
wurde Konrad Barth zunächst ehrenamtl icher,
dann hauptamtlicher Bürgermeister
des Ortes.
Dieses
Amt übte er ohne Unterbrechung bis zum
Jahr 2004
aus.
Familientreffen an der Sc hweidnitzer Kirche 2006.
Konrad Barth, der im
Kreis Schweidnitz geboren wurde,
erinnert
sich gemeinsam mit seinen Geschwistern und
vermittelt die Tra ditionen und die Besonderheiten
seiner
sch lesischen Heimat an seine Kinder und Enkel.
Nach der deutschen Wiedervereinigung konnte
Konrad Barth die Sanierung und Revitalisierung
der durch den Bergbau entstandenen
Umwelt-
und lnfrastrukturschäden durch die
Wismut
GmbH in Sch lema aktiv mitgestalten. »Man muss
versuchen,
aus se inem Leben was zu machen.
Man wi
ll ja nicht umsonst dagewesen sein.«
Der
für den Vertriebenen Konrad Barth und seine
Fam ilie zur Heimat gewordene Ort Schlema nutzt
das Potential der Region wieder friedlich und
w irbt
als Kurort Bad Schlema mit den heilenden
Kräften der Radonquellen.
24
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nach Leipzig. Sie landeten für zwei Wochen in
einem Quarantänelager
in Plagwitz.
))
Endlich waren wir in warmen Räumen.«
WOLFGANG WAGENK NECHT
Der Vater war in polnische Gefangenschaft gera-
ten.
In einem über 300 Kil ometer langen Marsch,
den viele nicht überlebten, ging
es von Komotau
{Chomutov, Böhmen) über Elsterhorst
bei Hoyers-
werda
bis in die Nähe von Glogau {Gtog6w). Als
Karl Wagenknecht nicht mehr arbeitsfähig war,
schob man ihn
1946 über Frankfurt/Oder in die
Sowjetische Besatzungszone
ab. Von dort aus
sch lug er sich wieder zu se inem alten Dienstort
durch, der Grube
Erika, wo er eine Anstellung im
Braunkohlenbergbau fand. Der Weg nach Hause
war ihm verwehrt. Als die Mutter mit ihren Kin-
dern nach dem Lageraufenthalt in Leipzig-Plag-
witz
Döbeln zugeteilt wurde, schrieb sie an die
alte
Dienstadresse ihres Mannes in Grube Erika.
»Und was für ein Glück: Wir hatten unseren Vater
wieder, der eine
Zuzugsgenehmigung erwirkte,
so dass wir al le w ieder zu sammen waren.« Damit
war der fami liären und beruflichen Existenz
der Boden bereitet.
Als Bergarbeiter erhielt der
Vater nach der Schwerarbeiterkarte gelegentlich
Sonderzute
il ungen, so in großen Wochenabstän-
den ein Pfund Quark oder eine Schachtel Zigaret-
ten. Zudem gab
es 100 Zentner Brikett im Jahr als
Deputat. Davon wurde nichts verfeuert, sondern
als Tauschware für Lebensmittel eingesetzt, um
die
Familie zu ernähren. Der eigene Brennstoff-
bedarf wurde durch im Tagebau gefundenen
Xy lit gedeckt: unvollständig verkohltes Holz mit
geringem Brennwert.
Zunächst
wohnte die Familie Wagenknecht zu
fünft in einem kleinen Zimmer. Nach einigen Wo-
chen
ko nnte sie zwei Dachstuben und schließlich
im Mai 1948 in einer massiven Baracke Quartier
bez iehen. Das Glück war groß, als die Fam ilie kurz
vor Weih nachten
1950 eine Neubauwohnung mit
Küche,
Bad und zwei Zimmern beziehen durfte.
Wolfgang Wagenknecht ging im Februar
1947
erstmals se it Ende 1944 wieder zur Schule.
»In der 7. Klasse musste ich die Schule verlassen,
weil einfach Ge ld zu verdienen war.«
Im September 1950 begann er dann
eine Maurer-
lehre im Braunkohlenwerk »John Schehr« in
Laubusch. Wolfgang Wagenknecht verdiente
nun 64 Mark im Monat netto und konnte damit
seine
Fam ilie unterstützen; so hatte se in jüngerer
Bruder die Chance, die
Schule mit der 8. Klasse,
wie damals üblich,
zu beenden. Nach zweiein-
ha lb Jahren sch loss er die Lehre erfolgreich ab
und arbeitete als Maurer. Nebenher besuchte er
Abendkurse, um
sein Ziel, Ingenieur zu werden
wie
se in Großvater, zu erreichen. Wolfgang
Wagenknecht wusste,
dass er nur durch Fleiß und
überdurchschnittliche L
ei stungen im Leben auch
als
Heimatvertriebener vorankommen und in der
neuen Gesellschaft ankommen konnte. »Wichtig
war natürlich,
dass die Möglichkeiten zu einer
Weiterbildung geboten wurden.«
Um studieren
zu können, verpflichtete sich
Wolfgang Wagenknecht 1955 freiwillig für zwei
Jahre zur Kasernierten Volkspolizei. Nach dem
Studium
an der Ingenieurschule für Bauwesen
in Zittau stieg er 1961
als Bau ingenieur in seinem
Lehrbetrieb
mit einem Bruttogehalt von
600 Mark ein. Damit war er beruflich in seiner
neuen Heimat angekommen . Nach der Hochzeit
konnte die junge
Familie mit einer Tochter 1962
eine Neubauwohnung in Hoyerswerda beziehen.
1968 wurde Wolfgang Wagenknecht Gruppen-
leiter im Braunkohlenkombinat in Knappenrode,
1975 Abteilungsleiter und 1979 Hauptabteilungs-
leiter.
Mitglied der SED war er nie.
Nach der deutschen Einheit begann Wolfgang
Wagenknecht
als Leiter Hochbau in der
Hauptverwaltung der Lausitzer Braunkohle
AG
{LAUBAG) in Senftenberg. Seit 1992 war er als
Techn ischer Leiter der Laus itzer Braunkohle-
wohnungsgesellschaft
tätig. Als es zu Entlas-
sungen kommen sollte, insta llierte Wolfgang
Wagenknecht in
se iner Firm a ein Planungsbüro
und konnte
so Arbeitsplätze retten. Seit 2000
ist Wolfgang Wagenknecht Rentner.
Als Zeitzeuge der Vertreibung, der Integration
und
des beruflichen Aufstiegs in seiner neuen
Heimat vermittelt er heute seine Erfahrungen
an Schü ler und engagiert sich im Stadtverband
Hoyerswerda
des Bundes der Vertriebenen (BdV).
) )
Meine Heimat ist Hermsdorf/ Kynast im
Riesengebirge, zu Hause bin ich seit
1962
in
Hoyerswerda
WO LFGANG WAGENKNECHT
26 l 27
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Ernst-Albert Schul2 auf seinem
Blick in den Garten des Neubauern-
Ernst-Albert Schulz, dem seine Enkel
Neubauernhof in Neubelgern.
hofs, der insbesondere zu Beginn
über die Sch ulter scha uen,
2013.
auch die Versorgung der Familie
sicherste
llte.
Der Vater von Ernst-Albert Schulz hatte 1946 in
der entstehenden Siedlung Neubelgern, heute
einem Ortsteil von Weißenberg, eine Neubauern-
stelle
mit acht Hektar Land zugewiesen bekom-
men.
Dort durfte die Familie aufgrund der fünf
Kinder eine ehemalige Feldscheune zum zwei-
geschossigen Wohnhaus ausbauen.
) )
Der Boden war mit der beste in der Gegend,
aber eben außerhalb gelegen[ ..]
Als Zugezogene waren wir nicht
die erste Wahl.«
ERNST
ALBEH ScHULz
Da der Hof weniger als zehn Hektar umfasste,
waren die staatlich vorgegebenen Abgaben nicht
so hoch, die Familie hatte ihr Auskommen.
Ernst-Albert Schulz begann 1948 seine Ausbildung
auf dem elterlichen Hof, da sein Vater gerade die
Ausbildungsberechtigung erworben
hatte. Das
dritte Lehrjahr absolvierte er auf dem Bauernhof
in
Ro itzsch, wo die Familie 1945 Zuflucht gefun-
den
hatte. Über die Abendschule erwarb Ernst-
Albert
Schu lz den Abschluss als Feldbaumeister
und staatlich
geprüfter Landwirt. 1961 trat sein
Vater in die
LPG ein, da er der Meinung war, dass
es eine gute Sache sei. Das Vieh des Neubauern-
hofes kam
damit in Wurschener Ställe. Einzig ihre
Schafe
durfte die Familie behalten.
Ernst-Albert Schulz begann in der
LPG Baschütz
und
war anschließend in Canitz-Christina bei
Kubschütz als Lehrausbilder zugleich
für die
Heimbetreuung seiner Lehrlinge zuständig.
1962
ging er für fünf Jahre nach Mecklenburg, wo er im
Kreis Ribnitz-Damgarten zuerst
als Produktions-
leiter
Viehwirtschaft und später als Ökonom tätig
war. Im März 1968 kehrte er auf den elterlichen
Bauernhof zurück,
da die Eltern die Bewirtschaf-
tung nicht mehr allein schafften.
1981 absolvierte Ernst-Albert Schulz eine Aus-
bildung zum Schichtleiter und Futtermeister;
anschließend übernahm er
in Kleinbautzen eine
Milchviehanlage
mit insgesamt
4 .000
Kühen .
1991 ging er mit 57 Jahren in Vorruhestand
und
bewohnt weiterhin den elterlichen Hof.
Drei Schwestern des Vaters haben ebenfal
ls in
Neubelgern gebaut, was zur Verwurzelung in der
neuen Heimat beigetragen hat. »Zuhause bin ich
in Neubelgern.
Es gibt wohl selten ein Dorf, das
sich so einig ist.«
Urkunde zur Grund·
stucksuberl3ssung
infolge der Boden
Feform in der
SBZ
an den Vater von
Ernst
Albert Schulz
Reinhold ~chulz, vom
31.
Oktober
1945
Dieses Schriftstück
berechtigte die
Familie
Schu lz, in
Neubelgern ihren
Neubauernhof zu
errichten.
28 l 29

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Helmut Müller in seinem Haus in Meuselwitz, einem
OrtsteH der Stadt Reichenbach/0.
L., mit dem Kreuz
und dem Hochzeitsbi
ld als Zeichen für se inen Halt im
christlichen Glauben und in seiner Familie.
) )
Einige Einheimische betrachteten uns
anfangs als Fremde, quasi als Ausländer[. ..]
Man konnte den Eindruck gewinnen,
dass wir, die Heimatvertriebenen,
ebenfalls Deutsche,
den Krieg alleine
verloren haben [. ..]
Doch je mehr man aufeinander zuging,
gemeinsam
Fußball spielte oder im Chor
sang, umso eher wurde man Teil der
Dorfgemeinschaft.«
HELMUT
MÜLLER
Nach dem Studium der Landwirtschaft in Leipzig
zog
Helmut Mü ller nach Ostsachsen um. Er arbei-
tete als Produktionsleiter in der LPG Meuselwitz
bei Reichenbach/0. L., bevor er als Ökonom für
7.800
Hektar Land verantwortlich wa r.
Helmut Müller gründete eine Familie und gab
seinen Kindern
mit auf den Weg, dass es vor
allem der eigene
Fleiß ist, der zu wirtschaftlichem
Erfolg
führt: »Was du in deinem Kopf hast, kann
dir keiner nehmen!«
Er selbst lernte als Erwachsener Tschechisch,
um si
ch unabhängig mit den neuen Bewohnern
se iner alten Heimat verständigen zu können. Sei-
nen Rückhalt
findet Helmut Mül ler in der Familie
und im christlichen Glauben. Intensiv
pflegt er
Kontakte in seine alte Heimat,
zu den Menschen,
die ihm auch während der Schrecken der Vertrei-
bung Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft zuteil
werden ließen.
Als Brückenbauer im Dreil änder-
eck steht für ihn »Usmireni -Versöhnung« im
Mittelpunkt seines gesellschaftlichen Engage-
ments,
das ihn nach
1990
als Abgeordneter in
den Sächsischen Landtag bzw. den Kreistag des
Landkreises Görlitz führte.
Helmut Müller ist Ehrenbürger der Stadt Lesnica
(Leschnitz) am
Fuße des Wallfahrtsortes
St.Annaberg. Für seine Verdienste um eine tätige
Aussöhnung wurde
Helmut Müller im Jahre
2002
die Sächsische Verdienstmedaille und
2005
die
der Bundesrepublik
Deutschland verliehen.
Helmut Muller und seine Familie in Lindenau an der
deutsch-deutschen Grenze
Ende der 195oer Jahre.
Diese Ze it war für ihn durch die Landwirtschaft und
den familiären Zus.immen halt geprägt.
30
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31
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Aufsichtsrat. Im Jahr
2000
gründete die BMW
AG ihm zu Ehren die Eberhard von Kuenheim
Stiftung.
Als BMW nach einem neuen Fertigungsstand-
ort suchte, hatten sich
250
Anbieter in der EU
beworben. Im Endausscheid gewann Leipzig die
Ausschreibung gegen den tschechischen Stand-
ort Kolfn. Den Ausschlag gaben die qualifizier-
ten Fachkräfte, die Infrastruktur
mit Flugplatz
und Autobahnkreuz sowie die Verlegung
des
DHL-Drehkreuzes von Brüssel nach Leipzig.
Die engagierte
Wirtschaftspolitik der sächsi-
schen Staatsregierung, Wirtschaftsminister
Kajo Schommer und der damalige Oberbürger­
meister der Stadt Leipzig Wolfgang Tiefensee wa-
ren die Garanten für eine erfolgreiche Ansiedlung
in Leipzig.
BMW Werk Leipzig, eröffnet am 13. Mal 2005. Heute
werden hier die
1er Reihe und das 2er Co upe von BMW
produziert.
Auch Eberhard von Kuenheim war aus seiner
Biografie heraus dem Osten verbunden. Bereits
1993
hatten Eberha rd von Kuenheim und seine
Frau Theda das Rittergut ihrer Familie von Schön­
berg in
Mockritz zurückgekauft. Das Rittergut
Mockritz bei Döbeln befand sich seit
1916
im Be-
sitz von Elisabeth von Schönberg. Die von Schön­
bergs sind eine traditionsreiche und in Sachsen
weitverzweigte Adels- und Unternehmerfamilie.
Einer ihrer Vorfahren
war der Oberberghaupt-
mann Abraham von Schönberg
(1640-1711),
der
Initiator der TU Bergakademie Freiberg.
Im September
1945
erfolgte die Enteignung des
Rittergutes. Die Familie kam in ein Lager auf
die Insel Rügen und flüchtete später in die BRD.
Theda von Schönberg heiratete
1956
Eberhard
von Kuenheim.
Die Kenntnis der regionalen Gegebenheiten,
die Verbundenheit
mit Mockritz und dem welt-
offenen Sachsen haben das Vorhaben sicher
befördert.
) )
Wir
können
Mitteldeutschland nicht
zugrunde gehen lassen; dieser Gedanke
hat mich immer bewegt.«
EBER HARD
VON
KUE NHEIM
Im März
2005
wurde das BMW-Werk Leipzig
eröffnet. Über
5.000
Mitarbeiter produzieren
täglich
740
bis
750
Fahrzeuge. Die Eberhard von
Kuenheim
Stiftung betreut in Leipzig das Projekt
»Joblinge«, um die Erfahrungen ihres Namens-
gebers
an junge Menschen weiterzugeben.
Die Eberha rd von Kuenheim Stiftung wurde im Ja hr
2000
zu Ehren Ebe rhard von Kuenheims und mir dem Auftrag,
unternehmerisches Handeln und Denken
zu fordern, gegründet. Das Projekt »Joblinge« betreut seit 2012 jährlich
etwa 60 arbeitslose Jugendliche, um diese in den Arbeitsmarkt zu integrieren (Bild links). Da s Projekt »tat:funk«
unterstützt Sc hüler bei der Umsetzung eigener Ideen für einen innovativen Rad io-Journalismus {Bilder Mitte und
rechts).
32
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Hartmut Rockei mit Albert von Sachsen
(1934-2012),
dem Nachfolger der
Wetti ner, und dessen Ehefrau Elmira
in der
Beh indertenwerkstatt
in Pirna-Sonnenstein,
1993
In dieser Funktion arbeitete er erfolgreich und
engagiert
bis zum Ende der 198oer Jahre. Se ine
Frau, die aus Sch les ien stammt und ebenfalls als
Vertriebene nach Sachsen kam, war als Industrie-
kauffrau im Dresdner Kombinat für Mikroelektro-
nik
tätig.
))
Die Geschichte der Migration
betrachte
ich als wichtige Sache,
mit der man sich heute im Freistaat
Sachsen beschäftigen sollte.«
HARTMUT
ROCKEL
In der Ze it der friedlichen Revolution 1989/90
übernahm
Hartmut Rockei die Verwaltungs-
leitung
des Reha-Zentrums Pirna. Diese hatte
dringend einen Ökonomen gesucht.
Hartmut
Rockei baute die »Werkstatt für Beh inderte
Pirna-Sonnensteine.V.«
auf und überführte diese
in eine gemeinnützige GmbH .
Im Ruhestand
fuhr er nach einem Impu ls einer
seiner beiden Brüder in seine alte Heimat nach
Königsberg.
Hi lfe bei der Reisevorbereitung
erfuhr er über den Bund der Vertriebenen (BdV).
Seitdem engagiert
sich Hartmut Rocke i in der
sächsischen Vertriebenenarbeit und ist
wichtiger
Vermittler zwischen den Generationen.
Als Schatzmeister unterstützt er den Vere in
»Erinnerung und Begegnung e.
V.« .
Hartmut Rockei Im Rathaus
der
Stadt
Re ichenbach/ O. L.,
2012
34
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Helmut Goltz machte von 1972 bis 1975 sein
Abitur, stieg 1977 als Maschinenarbeiter im elter-
lichen Betrieb ein und absolvierte eine Ausbi l-
dung zum Textilfacharbeiter und Seilermeister.
1981 kaufte er die Anteile seines damals 70-jäh-
rigen Vaters und
führte gemeinsam mit se inem
Onkel die Seilerei.
Während der Plan-und
Mangelwirtschaft in der
DDR ga lt es als besondere Herausforderung, als
privater Unternehmer zu bestehen. So waren
hohe steuerliche Abgaben, festgelegte
Preise und
Löhne sowie der Materialmangel Hürden und
Hemmnisse
des unternehmerischen Leistungs-
und Qualitätsanspruchs.
) )
Wir haben schließlich ein Familienerbe
zu bewahren.«
HuMur GoLrz
Helmut Goltz konnte in den vergangenen
23 Jah ren nach der Deutschen Einheit die Mit-
arbeiterzahl von vier
auf 40 Personen steigern.
Das mittelständische Unternehmen gibt seine
Tradition und Erfahrung weit
er, bildet regel-
mäßig junge
Se iler aus und achtet auf eine
durchmischte Altersstruktur innerhalb der
DER RAT DER STADT GORLI TZ
Wirtschaft und Verkehr
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Gewerbeamt
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Herrn
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Gottfried K ts 1 1 n e r
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Entecbe 1d vorg etragen. Der Gewerbeaueachu.S hat
dae Bedlir:tnie zur Wiederertsffnung bejaht , imßte
aber Ihren Antrag aus f olgendem Grunde zunlck-
etellen.:
Aufgrund der Beetimmwlgen der Handwerkskammer
muß bei Ubernahme eines Handwerksbetri ebes der
Nachweis der abgeleg ten 11e1sterprüf'un8 erbracht
"erden. Wie aua Ihrem Schreiben ersichtlich,
haben S1.e die Ab aicht dieser Voreehr1ft nachzu-
kommen„
Es bleibt Ihnen vorbehalten, Ihren Antrag zu
gegebener Zeit
r;u
wiederholen.
Gewerbeerlaubnis der Stadt Görlitz für Gottfried Köllner
Ausgangspunkt für die Fortsetzung der Seilertrad 1t1on
Re iß-Haftmann-Köll ner-Goltz und zugleich Grundstein
fur die Seilerei »Kö llner und Goltz« in Görlitz.
Helmut Goltz (u nteres Bild: links) so rgt m it der Ausbi l-
dung von Lehrlingen für firmeneigenen Nachwuchs und
dam it für Fachkrafte in der Reg ion Görlitz. Das findet
Anerkennung sowohl durch den Görlltzer Obe
rbürge-r­
meister Siegfried Deinege (unteres Bi ld: rechts) als auch
du
rch die Handwerkskammer und die Industrie- und
H„ndelskammer (IHK). Helmut Goltz engagiert sich
darüber hinaus im Präsidium der IHK Dresden und ist
Vo rstandsm itglied im Allgemeinen Unternehmerver-
ba nd Görlitz.
Firma. Besonderer Wert wird auf den polnischen
Wirtschaftsraum gelegt, wesha lb
Helmut Goltz
seit geraumer
Zeit zweisprachige Mitarbeiter
beschäftigt. Das wUnternehmen nutzt seine
Lage an der deutsch-polnischen Grenze als
Chance
für die weitere Entwicklung. Die Erhal-
tung der Region Oberlausitz-Niederschlesien
als Wirtschaftsstandort ist Voraussetzung, um
weiterhin
als Wohnort attraktiv zu sein . Dafür ist
ein
leistungsfähiger, gesunder und motivierter
Mittelstand notwendig. Insofern habe man »in
der DDR 40 Jahre für die Katz' gearbeitet.«
Die Unternehmensnachfolge ist
für Helmut Goltz
die große Herausforderung der nächsten Jahre.
Mit seinen Aktivitäten in der Region und über
die Ländergrenzen hinweg stehen die Perspek-
tiven
für eine Fortführung des trad itionsreichen
Familienunternehmens günstig.
36 l 37
-

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(/11odisch
aber
individuell
Bckleiclungshaus
JosefSchwind's Erben
KG
Görlitz
am Dickeu Turm
-

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1968 wurde das Geschäftshaus umfassend
erneuert, und
trotz aller Hindernisse gelang es,
die 1972 einsetzende große Enteignungswelle
zu überstehen. Zunehmende rigide staatliche
Vorgaben machten selbständiges unternehme-
risches
Handeln in jener Zeit außerordentlich
kompliziert. Die Verpflichtung gegenüber der
Familientradition, Freude an der Arbeit, aber auch
ein unbedingter Durchhaltewillen
in der Familie
und die Kontakte
zu anderen Unternehmen ret-
teten
das Familienunternehmen vor der Verstaat-
lichung.
1993 wurde das »Modehaus Schwind's
Erben« in eine GmbH umgewandelt.
2004
hat mit dem Enkel des Firmengründers,
Georg Schwind
(*1971), bereits die nächste
Generation die Geschäftsführung
des Familien-
unternehmens übernommen. Wolfgang Schwind
und seine Schwester stehen weiterhin als
Gesellschafter
in familienunternehmerischer
Verantwortung.
Betriebsausflug, 196oer Ja hre
Wolfgang und Georg
Sc hwind
in ihrem Modeha us, 2013
Das Modehaus »Schwind's Erben« heute,
1n der Steinstraße und noch immer am
Dicken Turm
Das Modehaus 1968
38 j 39
-

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Dennoch meldete sich nicht die »Stimme des
Blutes«. Sch lesien war die Heimat seiner Eltern
und Großeltern und ist
es für jen e, die jetzt dort
wohnen . Es ist nicht mehr die Heimat von Hart-
mut Roth, aber ein Stück Wurzel seiner Familie,
die si
ch bis heute auf ihn auswirkt.
Aus der Erfahrung der gelebten Völkerversöh­
nung
an der deutsch-französischen Grenze
gewann
Hartmut Roth seine freundschaftliche
Einstellung
zu den im heutigen Polen lebenden
Menschen. Zur besseren Verständigung hat er
begonnen,
Po lnisch zu lernen. Mit dem Umzug
der Familie nach Dresden und der w iedergewon-
nenen Nähe zur schlesischen Heimat
hat er sein
privates Glück gefunden. Durch die Offenheit
Sachsens und seiner Menschen konnte er darüber
hinaus seine unternehmerischen Fähigkeiten zum
Tragen bringen.
Gegenwärtig
führt er das Fam il iengedächtnis
we
iter, indem er die Familienchronik fortschreibt
und
sich in der Stiftung »Erinnerung, Begegnung,
Integration - Stiftung der Vertriebenen im
Frei -
st aat Sachsen« engagiert.
Fluchttagebuch »Das Unglücksjahr 1945« der Großrr1utter von Hartmut Roth Die aufgeschlagene Doppelseite
(Bild rechts) beschreibt
die Fl ucht vom 12. bis zum 15 Juni 1945 mit den Zwischenstationen Relchenberg (Llberec) ur d
Görlitz in Richtung Meißen. In Radeburg bekam
sie 'lach langem Fußmarsch »einen Te ller Suppe und
1
Stück Brot«.
Widmungseintrag in einer Ausgabe
der
»Heiligen Sch rift« zur Goldenen
Hochzeit 1950 von
Karl Paul für
se ine Eltern, Hartm ut Roths
Großeltern m ütte rlicherseits
ij;.uf.\;f,
'l
l.1Hc
0lj_m.!liff',1),m·.(a5
ma§f
a•nrarn 1 • .flr.1111T.U
40
l
41
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-

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mon
(.!}tlftr~ (.!}nabtll
Katharina
II. (1729-
·
·na
bit
·
l)())tt,
lirn,
1796),
als Prinzessin
Sophie Auguste
Friederike von
Anhalt Zerbst in
Stettin geboren und
spater »die Große«
genannt, ließ am
22 .
Ju li
1763
ein
Manifest veröffent­
lichen, in dem
sie
Ausländer zur
Ansiedlung in
Russ-
land einladt, um
die
wirtschaftliche
Entwicklung de5
Landes zu befördern.
(Landsmannschaft
der Deutschen aus
Russland
e.V.)
Sie überlegte nicht lange und übernahm se lbst
die Verantwortung
für da s Geschäft und die bei-
den Auszubildenden, die sie
al lein weiterbetreute.
»Wir können doch die jungen Menschen nicht im
Regen stehen lassen.« Im Jahr
2009
absolvierte
sie erfolgreich die Meisterprüfung.
) )
Es gibt keine bzw. zu wenig Unterstützung
für Auszubildende und
fü r Unternehmen, die
ausbilden, vom Staat. Wenn man sich jedoch
positiv einstellt, kommen
die Mög lichkeiten
und
Chancen.«
TATJANA Löw N
Am
16.
Mai
2009
eröffnete Tatj ana Löwen ihr
Atelier »
Si lhouette« in der Dresdner Neustadt.
Jetzt kann sie ihre eigenen Ideen umsetzen.
Dazu verbindet sie ihre Fähigkeiten als Designerin
und Schneidermeisterin miteinander.
Tatjana Löwen bildet
fortlaufend Auszubildende
aus und gibt ih re gewonnenen Erfahrungen in
der Handwerkskammer Dresden weiter.
Als ehrenamtliches Mitglied des Prüfungsaus-
schusses
für die Meisterausbildung der Maß-
schneider sorgt sie
für die Qualitätssicherung des
sächsischen Schneiderhandwerks, aber auch für
den erforderlichen Nachwuchs.
Präsident Dr Jörg Dittrich (rechts) und
Hauptgeschäftsführer
Dr. Andreas Brzezinski (links)
von der Handwerkskammer Dresden als Fursprecher
und Förderer des Handwerks und zuwandernder
Fachkräfte in der Region Dresden und Ostsachsen
(Handwerkskammer Dresden)
I
.-
g==.-
.........:.....-
8 :=--"""""'
Karte zur Herkunft der deutschen Auswanderer und
ihrer Ansiedlung im Russischen
Reich im 18. und
19.
Ja hrhundert,
2005
(La ndsmannschaft der Deutschen
aus Russland
e.V.)
))
Heimisch geworden bin ich
durch meinen Willen.«
TAT JA NA
Löwrn
~Q)
e
1
~
iflel!bl!ief
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l'd)' ,.,
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1m e1nr! !·!.!!1tlf)rrn·1t:,r4!1cii,)rr-t'
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am
14. Tl.Wll~
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bmdJllft
Om
7ilrl
ffieiller bl'6'
1'j11nbnmrh
1ufilum.
Der Meisterbrief den Tatjana Lowen
2009
von der Hand-
werkskammer Dresden übereicht bekam, ist Grundlage
für ihr eigenes Unternehmen und Voraussetzung
zur Ausbi ldung von Lehrlingen und zur An
leitung von
Praktikanten.
Handwerk-
.
stark in der
Reg\On
42
l
43
-

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E. h. mult. Rudolf Ka-
Deutsch habe ich zu Hause
.
Rudolf. Kawalla promovierte 1990 an aer
RWifr.i Aadien und wurde Bereichsleiter fü~
Werkstoff- und Verfahre smodellierung bei
der irhyssenKrupp Stahl
AG in Duisourg.
Seit 1999 leitet Rudolf Kawalla
als P.rofesso~
für Umformtechnik das Institut fü~Metall-
formung an der ifU Freiberg. Neoen seinen
wissenschaftlidi
en Erkenntnissen gibt er
seine Erfahrungen zur grenzüberschrei-
tenden Vernetzung
an seine Studierenden
weiter.
So besteht an der TU Freiberg seit
2001
die Möglichkeit für Dopr.eldir.loma
und seit
2007
für Doppelr:iromotionen mit
den P.Olnischen Universitäten in Gliwice
und Krakow (Krakau).
Auf Anregung des
Kanzlers der
TU Freiberg werden ür beide
P.rogramme Stir,endien vorbereitet.
) )
Ich habe enge Kontakte nach Polen,
wo ich meine Ausbildung genossen
habe[...] Wichtig sind regelmäßige
Koordinierungstreffen
mit deutsdien
und P._olnischen Partnern .«
RUDOLF
KAWA~~A
-

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»Nachlassender Nachdrücklichkeit gegenüber der
polnischen Seite[ ...] jedoch muss gerade unsere
sächsische Außenwirkung gestärkt werden«,
um die Partnerschaft auffestere Füße zu stellen.
»Neue« Sachsen wie Rudolf Kawalla sind wich -
tige Schlüssel zum Erfolg eines gemeinsamen
deutsch-polnischen Wirtschaftsraumes, den
Kawa lla in seiner alten Heimat gern mit befördern
möchte.
Er sieht gerade in der Automobilindustrie
und der Verarbeitung von Bergbauerzeugnissen in
der Region um Gliwice einen wachsenden Markt,
der auch Sachsen Chancen eröffnet.
Einen ganz ähnlichen Lebensweg zeichnet die
Biografie von Prof. Dr.-Ing. habil. Piotr Roman
Scheller. Er wurde 1949 in Siemümowice Slqskie
(Siemianowitz)
in Oberschlesien geboren. Seine
Mutter war Polin, sein Vater Angehöriger der
deutschen Minderheit in Polen. Der deutsche
Name des Vaters, »Scheller«, wurde in »Szeller«
polonisiert. Zielstrebig verfolgte er die Schul-
ausbildung und das Studium in der Hoffnung,
zukü nftig in der Industrie und in der Wissen-
schaft international tätig sein zu können.
Prof. Dr. Piotr Sc heller (links) erhält 2011 für se ine wissen-
schaftlichen Verdienste in der sächsisch-polnischen
Kooperation die
»E hrenmedaille« der Akadem ie fü r
Bergbau und
Hüttenwesen Krakau
Von 1968 bis 1970 begann Piotr Scheller an der
TU in Gliwice das St udium der Metallurgie. Nach
der Ausreise in die BRD setzte Piotr Scheller sein
Studium an der RWTH Aachen fort, wo er 1975
sein Diplom erwarb und 1985 promovierte.
Nach kurzer Tätigkeit als wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der RWTH Aachen übernahm er
bei der Vereinigten Deutschen Metallwerke AG
(heute Thyssen Krupp) die Leitung der Abteilung
Prof. Scheller (vorn rechts) als Veranstalter des 5. »Inter-
national Congress
an the Science and Technology of
Steelmaking (ICS) « 2012 in Dresden
Entwicklung und Qualitätsprüfung im Schmelz-
werk Un
na . Nach der Gründung der Thyssen-
Krupp Nirosta Gmb H leitete er seit 1987 deren
metallurgische Abteilung.
Nach der Habilitation
1998 war er zusätzlich zu seiner unternehme-
rischen Tätigkeit Privatdozent an de r RWTH
Aachen.
2002 folgte Piotr Scheller dem
Ruf auf den
Lehrstuhl für Metallurgie der Ei sen-und Stahl-
erzeugung an die TU Freiberg nach Sachsen.
Er leitete bis Januar 2012 das Institut für Eisen-
und Stah ltechnologie und war Deka n der Fakultät
für Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechno-
logie.
) )
Heute bin ich als Wissenschaftler in
Sachsen zu Hause und sehe eher hier meine
Heimat.«
PIOTR SC HELLER
Das Denken in zwei Sprachen, welches mehr ist
als das Sprechen zweier Sprachen, prädestiniert
Piotr Scheller, Wissenschafts- und Wirtschafts-
verbindungen, die immer auch Kulturverbindun-
gen si
nd , zwischen Sachsen und Po len zu beför-
dern . Darüber hinaus initiierte er Kooperationen
zwischen der TU Freiberg und Universitäten in
China, Südkorea, Schweden und der Ukraine.
Die beiden Biografien von RudolfKawalla
und Piotr Scheller zeigen, dass die sächsische
Wissenschaft ein wichtiger Integrationsfaktor
ist, aber auch, dass
es
für viele Menschen ein
großer Anreiz ist, hier in Sachsen zu leben und
zu arbeiten.
44
l
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Restaurant von Nguyen Bi nh Dinh
in der
»G alerie Roter Tu rm« in Chemnitz
Nguyen Binh Dinh befürchtet, dass die jungen
Vietnamesen zum großen
Teil »in den Westen«
gehen werden, da dort die Bedingungen für
Unternehmer noch immer günstiger sind als im
Osten. Aktuell leben in Sachsen
5.000
bis
6 .000
Vietnamesen und bilden eine weitgehend eigene
»Community«. Neue
Mitarbeiter werden über
Mund-zu-Mund-Propaganda gesucht oder über
den Bundesverband der Vietnamesen
in Deutsch-
land vermittelt.
Für Nguyen Binh Dinh ist es wichtig, dass aus-
ländische Unternehmer
mit ihren Erfolgen in
Sachsen genauso anerkannt werden wie deut-
sche Unternehmer.
Nguyen Binh Dinh betreibt inzwischen
21 Bistros
in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
sowie in Bayern. Für die Vorproduktion und die
Lagerung betreibt er
in Wittgensdorf, unweit
seines Hauptstandortes, ein eigenes circa
1.000
Quadratmeter großes Produktionsgebäude.
Nguyen Binh Dinh nutzt ein eigenes Kuriersystem
zur Belieferung seiner Geschäfte. Stillstand gibt
es nicht. Aktuell arbeitet er an verschiedenen
Konzepten für die weitere Entwicklung seines
Unternehmens.
Nguyen Binh Dinh und seine Familie fühlen
sich
»in Chemnitz zu Hause«. Sein Sohn studiert,
führt bereits ein eigenes Immobiliengeschäft
und spielt Fußball bei der zweiten Mannschaft
von Erzgebirge Aue. Seine Tochter besucht die
9.
Klasse und »soll Unternehmerin werden«.
Sachsen ist für die Familie Binh Dinh zur neuen
Heimat geworden.
Vo rproduktion der »ASIA- Lebensmittel &
Gastronomie GmbH« In Wittgensdorf
46
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-

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Görlitz einzurichten. Durch das ehe
Kondensatorenwerk gab
es ausreich
- .
Fachkräfte in der Region Besonderen Anreiz
schaffte die sächsische WirtschaftsRolitiK
it ihren attraktiven Fördermöglichkeiten.
Die Stadt und der Landkreis Görlitz sr,ra-
chen
fü~ sicn.
Görlitz aus werden
Partec-P.rodukte
F.ü~ aie Wan l aes Stanaortes Görlitz gao
es menrere Gründe. Zwei junge Menschen
uoerzeugten äie Gescnäftsführung, eine
zweite Niederlassung neöen Münste~
1
-

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CyFlow® Cube 6
Durchflusszyto-
meter
Grundsteinlegung des Produktionsgebäud~s am Flug-
platz in Görlitz, die beiden
Geschäftsführer mit dem
sächsischen Ministerpräsidenten Sta nistaw Tillich und
dem Architekten Wolfgang
Küc k.
Deswegen müssen, so die Auffassung von Wolf-
gang und
Ro land Göhde, außer der Schaffung
einer modernen Infrastruktur, von Arbeitsplätzen
und von Wohnraum
das Kulturangebot und die
Freizeitmöglichkeiten verbessert werden .
Aus
Unternehmenssicht ist es außerdem wichtig,
das Augenmerk nicht nur auf Deutsch land zu
beschränken, sondern insbesondere auch die
Zusammenarbeit über die Grenzen nach Polen
und Tschechien als entscheidende
Chance zu
verstehen.
) )
Es müssen gewerbliche Arbeitsplätze
geschaffen sowie
ein ansprechendes
und lebendiges Kulturangebot
kreiert werden. Junge qualifizierte
Mitarbeiter möchten nach
der Arbeit auch
eine gute Möglichkeit haben,
ihre Freizeit
zu gestalten.«
WOLFGANG GöHDE
Das mobile Diagnosegerät zur weltweiten
Erken nung von Infektionskrankheiten
wu rde
2013
mit derr »red dot: best ofthe
bests ausgezeichnet
Roland Göhde steht als Vorstandsvorsitzender
dem im Dezember
2009
gegründeten bio-
saxony
e.V. vor. Die über
80
M itglieder aus Wis-
senschaft, Forschung, Technologietransfer und
Wirtschaft
repräsentieren die Biotechnologie/
Life Sciences-Branche des Freistaates Sachsen .
Der Verband bezieht auch die angrenzenden
Bereiche von Ingenieurwissenschaften über die
Materialwissenschaft bis hin zur Medizintechnik
mit ein. Nicht nur die Partec GmbH profitiert
von diesem Netzwerk. Es ist ein Gewinn für
ganz Sachsen. Der biosaxony e.V. versteht sich
als Sp recher und Unterstützer der sächsischen
Biotechnologie für die politischen Entscheidungs-
träger im Freistaat.
Ziel ist es, ein nachhaltiges
Branchenwachstum und die Schaffung von
Perspektiven
für qualifizierte Mitarbeiter in
sächsischen Unternehmen durch die Verknüp­
fung von Entwicklung, Produktion und Politik
zu erreichen.
48 J 49

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l:.,
Unternehmens zum Erfolg. Als Nieder-
Christo
· · em kleinen
Dort im
n de~ tscli-
französischen Grenze am Rnein auf. Nacn
dem Ingenieur-Studium
für Bauwese und
Wasserwirtschaft in
P.aris kam e~
1995
Jn
den F.reistaat Sacnsen.
Hier begann
e~ als Entwicklungs1ngenieu~
bei Veolia in
Reichenbach/O
'O
l:.,
von wo aus
Bereich Wasser und
1Al:iwasser sowie
die P.artnerschaft
mit den Stadtwerl<en
..
.
..
-

image
2008
verließ Christophe Hug Veolia und grün­
dete
2009
die Tilia Umwelt GmbH in Le ipz ig. Der
sächsische Dienstleister erarbeitet
für Städte,
Kommunen, Energieversorger und die Industrie
konkrete Lösungen zur Effizienzsteigerung und
setzt diese partnerschaftlich um.
Als geschäfts-
führender Gesellschafter leitet Christophe
Hug heute ein internationales
Team von 35 gut
ausgebildeten Fachkräften in den Bereichen
Energie, Wasser und Umwelt . Gemei
nsam mit
dem Kunden sucht die Tilia Umwelt GmbH nach
innovativen
Lösungen zur regionalen Ressourcen-
Nutzung. Dabei begleitet
das Unternehmen den
gesamten
Prozess von der Konzeption über die
Umsetzung
bis zur optimierten Anwendung.
Christophe Hug hat die unternehmerischen
Chancen im
Freistaat Sachsen erkannt und
erfolgrei
ch in die Tat umgesetzt. Als zeitlich
Christophe Hug,
.wog
begrenzte Auslandserfahrung geplant, ist er
heute
mit seiner Familie (und sei nem Unterneh-
men) im Freistaat Sachsen
zu Hause.
) )
Meine Wurzeln habe ich im Elsass, aber
das Zuhause ist sicher da, wo die Familie ist.
Und die lebt in Sachsen.«
CHRISTOPHE Huc
Blockheizkraftwerk, das
die Tilia Umwelt GmbH
für die Firma Desch
2013
entwickelt hat
Einweihung des gewerblichen Zentrums der Stadtwerke Görlitz am 16. Juni 2005, bei der Christophe Hu
5
(rechtes Bild:
2.
von rechts} gemeinsam mit dem damaligen Görlitzer Oberbürgermeister Prof. Dr Ro lf Karbaum
(BI idmitte) das Band durchschn itt (Stadtwerke Görlitz AG)
50151
-

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Warszawa (Warschau)
dort ihr Stud ium
1.. •
- -
..
Autdie Frage, warum sie hier ist,
-

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Gemeinsam mit ihrem Mann wohnt und arbeitet
sie heute in Dresden-Pi ll nitz. Sie betreibt dort,
neben ihrer künstlerischen Tätigkeit, einen Wein-
berg, der nicht nur Atelierbesuchern offensteht.
Kunst und Weinberg hätten »eine gemeinsame
Zielgruppe«.
))
Das Atelier mitten in den Weinbergen
ist ein Traum[..]
Hierfließt die Ruhe
in die menschliche Form, die ich gestalte.«
MAtGORZATA ( HODAKOWSKA
Als polnische Staatsangehörige fühlt sich
Matgorzata Chodakowska in beiden Kulturen zu
Hause und pendelt rege lmäßig zwischen Sachsen
und der polnischen Region um Zakopane.
»An den Deutschen fasziniert mich der Sinn für
Sicherheit und Ordnung, die Polen sind emotio-
naler, vielleicht etwas verrückter
«, sagt sie.
Malgorzata Chodakowska
In den Weinbergen mit ihrer
Skulptur »Primavera
11,,, 2012
) )
Und wenn es nicht politisch
vorgegeben wird, dann stören
sich beide Einflüsse nicht.
Das eine beeinflusst das andere.«
MAtGORZATA (HO DAKOWH A
Matgorzata Chodakowska identifiziert sich
künstlerisch und wirtschaftlich mit ihrer neuen
Heimat Sachsen.
Das Verstehen der sächsischen
Geschichte und der
mit ihr verbundenen Men-
schen
findet in der Skulptur »Tränenmeer« auf
dem Dresdner Heidefriedhof ihren besonderen
Niederschlag. Damit vergegenwärtigt die polni-
sche, in Dresden lebende Künstlerin die »Versöh -
nung zwischen den Ländern Deutschland und
Polen«
als eine gemeinsame deutsch-polnische
Erin nerungsku ltu r.
Heidefriedhof Dresden,
»Tränenmeer«,
2010,
für die Opfer
des
13. Februar1945
»Waage«,
200 6,
im We ingut
Zi mmerling, das sie gemeinsam mit
ihrem Ehemann Klaus Zimmerling
in Dresden-Pillnitz betreibt.
52
l
53

image
So iale
V
r nt ortu g
Das Erbe der Flüchtlinge und Vertriebenen
Elfnede R1ck wurde 1931 in Schelecken
(Scholochowo, RusslaPd)
rm Landkreis
Labiau m
Ostpreußen geboren Ihre Eltern
waren Bauern
Der
Vater war im Oktober
1944
mm
Volkssturm eingezogen wordf'n
Die
Mutter
ging
am 21 Januar 1945 mit
den drei Kindern auf die Flucht Vier Tage
später trafen sie auf sowjetische Soldaten
Elfric:dc Rick (vorn,
2.
von links), geb.
Riemer,
i.1nd ihre Fdmilie In Schelccken im
,.1ridkreis
Labiau
,n
Ostpreußen, 19:i6
))
Wir waren die ersten, die die Rache
ertragen mussten.«
ELn,
Er
t
P
c
Elfriede Ricks Familie galt als »vogelfrei«,
hatte ke ine Papiere und kein Gepäck.
Anfang
des Jahres
1946
wurden sie auf eine
russische Militärkolchose gebracht. Diese
lag zehn Kilometer von der litauischen
Grenze
entfernt. Früh gab es Malzkaffee,
mittags Sauerkrautsuppe und abends Brot;
allerdings nur, wenn die Norm geschafft
war. Die Kinder überquerten regelmäßig die
Grenze nach