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Gemeinsame Empfehlung
des Zentralrats der Juden in Deutschland,
der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten
und der Kultusministerkonferenz zum
Umgang mit Antisemitismus in der Schule
(Beschluss des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland vom 18.03.2021,
Beschluss der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten vom
26.04.2021, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.06.2021)

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-
1. Vorbemerkung
Antisemitismus ist in Europa und darüber hinaus seit Jahrhunderten präsent und
kulturell tradiert. Er äußert sich bis heute in unserer Gesellschaft in zahlreichen For-
men, in allen sozialen Schichten, latent oder offen, teilweise manifest bis hin zu kör-
perlichen Übergriffen und Terror. Schulen sind – als Spiegel der Gesellschaft – mit
antisemitischen Äußerungen und Einstellungen konfrontiert, die ein Klima der Ein-
schüchterung und Gewalt schaffen. Dies gilt unabhängig von der Präsenz von Jü-
dinnen und Juden.
Antisemitismus ist eine ernste Gefahr für offene, freiheitlich-demokratische und
rechtsstaatliche Gesellschaften. Jede und jeder Einzelne ist herausgefordert, Anti-
semitismus zu benennen und ihm entschieden entgegenzutreten.
Insbesondere der Schule mit ihrem Auftrag, Kinder und Jugendliche zu Mündigkeit
und Verantwortungsbewusstsein zu erziehen, kommt dabei eine besondere Bedeu-
tung und Verantwortung bei der Prävention und der Bekämpfung von Antisemitis-
mus zu. Alle schulischen Akteure, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Eltern,
Schülerinnen und Schüler sowie Institutionen der Ausbildung und Professionalisie-
rung von Lehrkräften, Bildungsverwaltungen und Politik sind gefordert zu handeln.

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-
2. Ziele und Grundsätze
Die vorliegende gemeinsame Empfehlung gibt eine Orientierung zum Umgang mit
den verschiedenen Formen des Antisemitismus, beschreibt ihn in seiner Wirkung und
zeigt Maßnahmen der Prävention und Intervention auf. Sie richtet sich an Lehrkräfte
und pädagogisches Personal aller Schularten, Schulstufen und Fächer, an Schullei-
tungen, Einrichtungen der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften sowie an
die zuständigen staatlichen Institutionen.
Die präventive Auseinandersetzung mit Antisemitismus stärkt das demokratische
Miteinander sowie die Zivilcourage von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern
gleichermaßen und leistet damit einen Beitrag zur partizipativen und demokratischen
Schulkultur.
Professionelles pädagogisches Handeln in der Schule erfordert innere Haltung und
Wissen um Phänomene und Erscheinungsformen des Antisemitismus sowie die Zu-
sammenarbeit mit bestehenden staatlichen und zivilgesellschaftlichen Beratungs-
und Unterstützungseinrichtungen.
Die Thematisierung des Nationalsozialismus und insbesondere der Schoah im Ge-
schichtsunterricht ist unabdingbar, sie ist indes nicht hinreichend, um sich angemes-
sen mit allen Formen des Antisemitismus auseinanderzusetzen. Die vorliegende
Empfehlung setzt sich dafür ein, dass das Judentum im Unterricht nicht auf die The-
men der Verfolgung und Schoah sowie die Opfer-Perspektive reduziert wird. „Kennt-
nis und Erkennen der Vielfalt und Komplexität des Judentums sind wichtige Schritte
zu seinem Verständnis sowie zum Abbau von Vorurteilen“
1
. Die Auseinandersetzung
mit Antisemitismus schließt die Beschäftigung mit konkreten Erfahrungen von Jüdin-
nen und Juden in Deutschland ein.
Für alle an Schule Beteiligten ist die Erkenntnis grundlegend, dass für Prävention,
Intervention und gegebenenfalls auch Sanktionierung fachliches Wissen und die Re-
flexion eigener Haltungen und Einstellungen geboten sind.
1
Gemeinsame Erklärung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz
zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule, 2016, S. 2.

- 4
-
3. Definition und Erscheinungsformen des Antisemitismus
Die folgenden Ausführungen bieten einen ersten Überblick über wesentliche Erschei-
nungsformen des Antisemitismus. Mit Blick auf die Entwicklung von Präventionsmaß-
nahmen zeigen sie, dass eine vertiefte und differenzierte Auseinandersetzung not-
wendig ist.
2
Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) definiert Antisemitismus
als „eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass ge-
genüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in
Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Ei-
gentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen”.
Zur Verdeutlichung der Definition wird eine Reihe von Beispielen angeführt, so heißt
es u. a. „Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat
Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten.“
3
Antisemitismus äußert sich religiös, sozial, politisch, rassistisch und als Mischung der
genannten Formen. Er hat eine emotionale Komponente, die sich z. B. darin zeigt,
dass Juden
4
als störend, gefährlich und ursächlich für eigenes Scheitern betrachtet
werden. Antisemitismus ist keine Variante von Rassismus.
5
Er ist von Rassismus und
anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu unterscheiden, auch
wenn es Schnittmengen gibt.
Der religiöse Antisemitismus, auch Antijudaismus, meint insbesondere den christli-
chen Antijudaismus, der u. a. darauf basiert, dass Juden die Schuld für die Tötung
Jesu zugeschrieben wird. Er wurde bereits in den Auseinandersetzungen der Kir-
chenväter wie auch später in den Überzeugungen Luthers grundgelegt. Die aus die-
sem Antijudaismus entstandene Dämonisierung von Juden, Mythen der Hostien-
schändung und der Brunnenvergiftung sowie die Ritualmordlegenden des Mittelalters
finden bis heute Eingang in aktuelle Verschwörungserzählungen. Auch das als
Schimpfwort verwendete „Du Jude!“ hat seinen Ursprung in der Darstellung des Ju-
das als Verräter und ist antisemitisch konnotiert.
Von sozialem Antisemitismus ist die Rede, wenn Antisemiten Juden als grundsätzlich
im Vorteil oder gar „auserwählt“ konstruieren. Unter diese Definition fallen Stereotype
wie der sogenannte „Wucherjude“ oder codierte Umschreibungen wie „die amerika-
nische Ostküste/Wallstreet“ sowie die Darstellung von Juden als im Finanzbereich
besonders einflussreich.
2
Eine gute Orientierung bietet dazu ausführlich der Zweite Bericht des Unabhängigen Expertenkreises
Antisemitismus
„Antisemitismus
in
Deutschland
aktuelle
Entwicklungen“
,
S. 24-28.
3
Zitate siehe
https://www.holocaustremembrance.com/de/resources/working-definitions-charters/ar-
beitsdefinition-von-antisemitismus
4
Die alleinige Bezeichnung „Juden“ wird in diesem Text verwendet, wenn es um gruppenbezogene an-
tisemitische Zuschreibungen geht. In allen anderen Kontexten ist von „Jüdinnen und Juden“ die Rede.
5
Siehe dazu ausführlich Julia Bernstein, Antisemitismus an Schulen in Deutschland, 2020, S.284-288
.

- 5
-
Im politischen Antisemitismus wird die Vorstellung, Juden könnten auf den internati-
onalen Finanzmarkt besonderen Einfluss nehmen, um die Dimension der Politik er-
weitert. Er unterstellt, Juden wären Teil einer verschwörerischen Gruppe, welche die
Macht hat, politische Prozesse zu steuern. Der politische Antisemitismus wirkt z. B.
da, wo Juden für den Kommunismus oder den Neoliberalismus verantwortlich ge-
macht werden.
Der rassistische Antisemitismus geht über den nationalistischen Antisemitismus und
dessen Ausgrenzung der Juden als nicht zur Nation gehörige Fremde hinaus. Er kon-
struiert das Judentum als „Rasse“ mit spezifischen körperlichen, physiognomischen,
mentalen sowie psychischen Merkmalen und schließt die gleichzeitige Zuschreibung
von Minderwertigkeit und Allmacht mit ein. Dieser rassistische Antisemitismus gip-
felte in der Schoah, dem Völkermord an den europäischen Juden. Diesen Antisemi-
tismus greifen heute völkisch-rechtsextreme Bewegungen auf, weshalb er weiterhin
eine große Gefahr darstellt, die sich beispielsweise in terroristischen Angriffen äu-
ßert.
Post-Holocaust-Antisemitismus, auch als sekundärer Antisemitismus bezeichnet, äu-
ßert sich u. a. im Ruf nach einem Schlussstrich: Demnach sei die Schoah zur Genüge
aufgearbeitet worden, „die Juden“ gäben aber nie Ruhe und erinnerten „die Deut-
schen“ fortdauernd an ihre Schuld. Diese Erinnerungs- und Schuldabwehr findet ih-
ren Ausdruck in der Relativierung der Schoah, der Relativierung von Täterschaft und
auch dort, wo familiäre Verstrickungen tabuisiert werden. Er zeigt sich im Vorwurf
über eine vermeintliche Instrumentalisierung der Schoah seitens der Juden sowie in
der Täter-Opfer-Umkehr. Der Post-Holocaust-Antisemitismus kulminiert in der Holo-
caust- Relativierung oder -Leugnung.
Israelbezogener Antisemitismus legt an das politische Handeln des Staates Israel
besondere moralische
Wertmaßstäbe an, die so auf keine andere Demokratie ange-
wandt werden. Er kann so weit gehen, dass Israel das Existenzrecht abgesprochen
wird. Diese Form liegt auch vor, wenn Antisemiten Jüdinnen und Juden als vermeint-
liche Repräsentanten auffordern, sich für die Politik Israels zu rechtfertigen, oder sie
für diese verantwortlich machen. Damit scheint es möglich, Juden zu kritisieren, ohne
sich offen antisemitisch zu zeigen. Dieses Phänomen wird als Umwegkommunikation
bezeichnet.
In bestimmten muslimisch geprägten Sozialkontexten lassen sich auch in Deutsch-
land antisemitische Einstellungen und Haltungen feststellen, die insbesondere mit
dem Nahostkonflikt in Zusammenhang stehen und ihren Ausdruck in Narrationen ei-
nes israelbezogenen Antisemitismus finden. Zudem werden antisemitische Stereo-
type und Verschwörungsmythen im Rahmen der politischen Instrumentalisierung
durch islamistische Strömungen oftmals religiös konnotiert und legitimiert. Auch diese

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-
Erscheinungsformen des Antisemitismus stellen gerade durch ihre Vielfältigkeit be-
sondere Herausforderungen im und für den schulischen Kontext dar.
Alle hier genannten Formen von Antisemitismus finden vor allem in Krisenzeiten und
zur vereinfachenden Erklärung schwer verständlicher Phänomene Eingang in Ver-
schwörungsmythen. Antisemitismus tritt so in unterschiedlichen Zusammenhängen
in Erscheinung und passt sich dem Zeitgeist und jeweils aktuellen Entwicklungen an.
Er reicht bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein, wird politisch instrumentalisiert
und stellt eine große und oft unerkannte Gefahr dar.
Antisemitismus führt bei den Betroffenen zu Angst und Unsicherheit, sie fühlen sich
ausgeschlossen; ihr Grundvertrauen in die Gesellschaft und ihre Zukunft in Deutsch-
land in Frage gestellt. Ihnen wird vermittelt, dass es etwas Schlechtes sei, jüdisch zu
sein. Ihre Reaktion kann vom inneren Rückzug bis hin zum Verschweigen der eige-
nen Identität oder Distanzierung davon reichen; mitunter selbst zur Internalisierung
der Feindbilder. Die Aufklärung über diesen Zusammenhang ist ebenso wichtig bei
der Prävention wie die Wissensvermittlung über die Erscheinungsformen des Antise-
mitismus, damit Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt werden zu verstehen,
wie sich Antisemitismus äußert und was er bewirkt. Ein solcher Prozess wird prob-
lemorientiert verlaufen und eine reflexive Leistung der Schülerinnen und Schüler zum
Ziel haben.

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4. Umgang mit Antisemitismus in der Schule
Kinder und Jugendliche brauchen ein Wertesystem, das ihnen Orientierung gibt.
Auch die Schule ist dafür verantwortlich, dieses zu vermitteln. Deshalb ist das päda-
gogische Handeln in Schulen von Werten getragen, die sich aus den Grundrechten
des Grundgesetzes und aus den Menschenrechten ableiten, wobei der Würde des
Menschen zentrale Bedeutung zukommt. Aus dieser Haltung heraus muss Antisemi-
tismus entgegengewirkt werden.
4.1 Erkennen, Benennen und Reagieren
Erkennen antisemitischer Erscheinungsformen:
Angesichts der vielfältigen Erscheinungsformen von Antisemitismus ist es nicht
immer einfach, antisemitische Ressentiments bei sich selbst, den Schülerinnen
und Schülern oder im Kollegium zu erkennen. Denn Antisemitismus äußert sich
nicht nur in plumper judenfeindlicher Rhetorik, sondern häufig verdeckt, in Chiff-
ren, indirekten Aussagen, Andeutungen, Witzen. Die außerordentliche Bedeu-
tung der sozialen Medien für die Verbreitung antisemitischer Äußerungen und für
die Radikalisierung antisemitischer Einstellungen erfordert eine spezifische Auf-
merksamkeit und Kompetenz. Gleiches gilt auch für die Befassung mit dem
Thema Nahostkonflikt/Israel. Antisemitismus tritt auch jenseits der Anwesenheit
jüdischer Schülerinnen und Schüler auf.
Benennen antisemitischer Vorfälle
:
Der Schutz der von Antisemitismus Betroffenen hat Priorität. Es ist deshalb von
großer Bedeutung, dass antisemitische Äußerungen, antisemitische Vorfälle ins-
gesamt, auch als solche benannt und nicht bagatellisiert, relativiert, verschwie-
gen oder ignoriert werden. Für die Betroffenen ist es wichtig, dass ihre Empfin-
dungen ernst genommen werden und ihnen empathisch Gehör geschenkt wird.
Antisemitische Äußerungen dürfen nicht auf die Ebene von persönlichen Konflik-
ten zwischen Schülerinnen und Schülern oder Lehrkräften reduziert werden.
Die Einbeziehung der jüdischen Perspektiven bleibt ein konstitutiver Teil der Be-
arbeitung. Antisemitismus muss auch dann benannt werden, wenn keine Jüdin-
nen und Juden in der Klasse sind bzw. dies nicht bekannt ist.
Reagieren auf antisemitische Vorfälle:
Es ist von hoher Bedeutung, bei jedem antisemitischen Vorfall zu intervenieren
und nicht aus Unsicherheit, Zeitmangel oder Furcht vor Eskalation „wegzu-
schauen“ oder „wegzuhören“. Verharmlosung, Relativierung von Antisemitismus,
Abwehrreaktionen („Das gibt es bei uns nicht“), falsche Toleranz oder gar Ver-

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ständnis für Antisemitismus sind gefährlich. Antisemitismus wird dadurch norma-
lisiert. Eine fehlende Intervention der Lehrkraft könnte von Schülerinnen und
Schülern oder Kolleginnen und Kollegen auch als Akzeptanz oder Bestätigung
gewertet werden.
Daher muss stets deutlich gemacht werden, dass Antisemitismus in keiner seiner
Erscheinungsformen toleriert wird. Art und Weise der Intervention können situa-
tionsbedingt variieren, eine auf den Vorfall fokussierte inhaltliche Auseinander-
setzung ist aber unerlässlich. Die pädagogische Arbeit muss in diesen Fällen
zumeist auch die Eltern mit einbeziehen, da die betroffenen Schülerinnen und
Schüler oftmals Loyalitätskonflikten zwischen den in der Schule vermittelten nor-
mativen Ansprüchen und den in den Familien geltenden Wertbezügen ausge-
setzt sind. Zudem müssen die Lehrkräfte sich bewusst sein, dass sich der Anti-
semitismus mancher Schülerinnen und Schüler mit eigenen Ausgrenzungs- und
Diskriminierungserfahrungen mischt.
Schulleitungen haben die besondere Verantwortung, hierbei für strukturelle Un-
terstützung durch pädagogische und sanktionierende Maßnahmen zu sorgen.
4.2 Unterricht und Schulleben
Nicht nur Schülerinnen und Schüler (und deren Eltern) können antisemitische
Ressentiments und Vorurteile verbreiten, auch Lehrkräfte. Deshalb ist eine
Lehr- und Lernpraxis zu entwickeln, in der allen bewusst wird, dass sie Teil einer
Gesellschaft sind, in der antisemitische Denkmuster, Sprachmuster oder Ein-
stellungen virulent sind. Antisemitismus darf nicht externalisiert und bestimmten
Gruppen zugeschoben werden.
Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist nicht nur Gegenstand einzelner
Unterrichtsfächer, sondern ist überall dort gefordert, wo es zu antisemitischen
Vorfällen kommt, auch unabhängig davon, ob potenziell Betroffene persönlich
anwesend sind. Der Schutz der Betroffenen und ihre Perspektiven haben Priori-
tät. Bei der Vermittlung von und beim Umgang mit Antisemitismus in der Schule
sollten somit folgende Punkte berücksichtigt werden:
Antisemitismus als Unterrichtsgegenstand
In der schulischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus, insbesondere in
der Prävention, kommt der Vermittlung von Wissen eine entscheidende Be-
deutung zu. Geschichte und Gegenwart des Judentums
6
sowie Wissen über
6
Vgl. hierzu
Gemeinsame
Erklärung
des
Zentralrats
der
Juden
in
Deutschland
und
der
Kultusminis-
terkonferenz
zur
Vermittlung
jüdischer
Geschichte,
Religion
und
Kultur
in
der
Schule
(Beschluss des
Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland vom 01.09.2016 und Beschluss der KMK vom
08.12.2016) und Kommentierte Materialsammlung zur Vermittlung des Judentums unter
https://www.kmk-zentralratderjuden.de/
.

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-
die Entstehung, die Ausprägungen und die Folgen von Judenhass können in
zahlreichen Unterrichtsfächern thematisiert werden. Auf diese Weise werden
Schülerinnen und Schüler befähigt, Antisemitismus in all seinen Ausprägun-
gen zu erkennen und dagegen Stellung zu beziehen.
Respektvoller und offener Lernraum
Die Schaffung eines respektvollen und offenen Lernraums ist grundsätzlich
Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungs- und Erziehungsarbeit. Für den
Umgang mit Antisemitismus in der Schule bedeutet dies, dass es nicht um
entlarvende oder verdächtigende personelle Zuschreibungen („Antise-
mit“/„Antisemitin“) gehen darf, sondern darum, Antisemitismus in seinen viel-
fältigen Ursachen und Erscheinungsformen sowie seinen Wirkungen be-
wusst zu machen. Dabei ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler mit ihren
Erfahrungen und Motivationen ernst zu nehmen und ihnen so zu ermögli-
chen, die eigene Involviertheit in die Thematik zu reflektieren. Dazu gehört
auch die Selbstreflexion der Lehrkräfte.
Gleichzeitig ist aber nicht jede antisemitische Äußerung Ausdruck eines ma-
nifesten antisemitischen Weltbilds. Eine differenzierende Wahrnehmung ist
daher wichtig, Schuldzuweisungen sind nicht produktiv. In der pädagogi-
schen Bewältigung eines Konflikts gilt es also, Motive erkennen zu können
und Wege zu finden, antisemitische Vorstellungen zu dekonstruieren. Dies
gelingt in der proaktiven Auseinandersetzung mit der Wirkung von Vorurtei-
len, Stigmatisierung, Rassismus und Antisemitismus. Zahlreiche Angebote
außerschulischer Bildungsinitiativen können hierfür herangezogen werden.
Darüber hinaus ist es angezeigt, die vorhandenen Präventions- und Interven-
tionskonzepte mit Blick auf den Umgang mit verbalen und/oder physischen
Angriffen im Kontext von Antisemitismus zu prüfen.
Zivilcourage und Argumentationsstrategien
Um die gesamte Schulgemeinschaft zu befähigen, antisemitische Einstellun-
gen, Äußerungen und Vorfälle wahrzunehmen und ihnen aktiv entgegenzu-
treten, sind neben der sachlich-inhaltlichen Auseinandersetzung weitere
Maßnahmen erforderlich, die auch die persönliche Ebene und Kommunikati-
onsmuster in den Blick nehmen.
Geeignet für die Prävention sind Projekte, Trainings und Workshops, in deren
Rahmen Schülerinnen und Schüler sich mit Vielfalt, Respekt und Courage
auseinandersetzen und zur Entwicklung eigener Positionen sowie zur aktiven
Partizipation in der öffentlichen Debatte angeregt werden. Auch Streitschlich-
tung, Klassenrat und das Etablieren von Regeln und Ritualen unterstützen

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-
die Entwicklung von Empathie und weiteren individuellen Fähigkeiten, die für
ein aktives Entgegentreten bei antisemitischen Äußerungen erforderlich sind.
Um antisemitischen Argumentationsstrategien und gefährdenden Äußerun-
gen religiöser, weltanschaulicher oder politischer Intoleranz sowie „hate spe-
ech“ entgegenzuwirken, ist die Erarbeitung und konkrete Einübung adäqua-
ter (Gegen-)Argumentationslinien sinnvoll. Dies kann z. B. im Rahmen ziel-
gruppenspezifischer Fortbildungsangebote für Mitglieder der Schülerinnen-
/Schülervertretung, das Kollegium und die Eltern umgesetzt werden.
Die Einbeziehung von geeigneten Online-Materialien wie Filmen, interaktiven
Quizzen und Recherche-Tools stärkt darüber hinaus nicht nur die Medien-
und Handlungskompetenz der Schülerinnen und Schüler, sondern kann dazu
beitragen, sie auf einer emotionalen Ebene anzusprechen und damit die Aus-
einandersetzung zu vertiefen.

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-
5. Maßnahmen der Bildungsverwaltung/Bildungspolitik
Die folgenden empfohlenen Einzelmaßnahmen sind im Rahmen eines Gesamt-
konzepts wirksam gegen Antisemitismus.
Der Bildungsverwaltung bzw. Bildungspolitik wird empfohlen,
die oben zitierte IHRA-Definition als Arbeitsdefinition für den Schulbereich
und die Schulverwaltungsstrukturen zu übernehmen, um eine gemeinsame
Grundlage für die Bewertung von Antisemitismus zu schaffen,
für alle Lehrkräfte schulart- und fächerübergreifende Fort- und Weiterbildun-
gen zu Inhalten und Formen des Antisemitismus vorzusehen,
bei der Überarbeitung ihrer curricularen Vorgaben die Beschäftigung mit
dem Judentum in Vergangenheit und Gegenwart und mit Antisemitismus zu
verankern bzw. im Sinne dieser Empfehlung zu erweitern,
darauf hinzuwirken, dass der für die Genehmigung und die Auswahl von
Schulbüchern und anderen Bildungsmedien zuständige Personenkreis da-
für sensibilisiert wird, dass in diesen Antisemitismus fächerübergreifend the-
matisiert und zugleich auch nicht unterschwellig transportiert und verstärkt
wird,
Schülerinnen und Schülern Begegnungen mit Jüdinnen und Juden zu er-
möglichen, z. B. durch Synagogenbesuche, das Programm „Meet a Jew“
sowie im Rahmen von Austauschprogrammen und Schulpartnerschaften
mit Israel, auch mittels e-twinning,
Antisemitismus als manifesten Teil antidemokratischer Strömungen explizit
in Programme zur Demokratiebildung aufzunehmen,
auf die Ergänzung, Stärkung und Wirksamkeit bestehender Präventions-
und Interventionskonzepte von Schulen in Bezug auf Antisemitismus hinzu-
wirken,
die Einbindung von Schulen in Beratungsnetzwerke zu unterstützen, um die
schulinterne Meldung und Aufarbeitung antisemitischer Vorfälle zu gewähr-
leisten,
ein geeignetes Monitoring für antisemitische Vorkommnisse in den Ländern
zu etablieren, um Vorfälle sichtbar zu machen, Präventionsmaßnahmen ge-
zielter zu steuern sowie Handlungsperspektiven abzuleiten,
die entsprechende Qualifizierung und Professionalisierung der Akteure in
Schule, Schulleitung und Schulverwaltung sicherzustellen und auszubauen,

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gemeinsam mit den Hochschulen darauf hinzuarbeiten, dass in der Lehrer-
bildung fächerübergreifend und flächendeckend verbindliche Module zu his-
torischen wie gegenwärtigen Formen des Antisemitismus und zum Umgang
mit Antisemitismus verankert werden,
ebenso in der zweiten Phase der Ausbildung aller Lehrkräfte durch ver-
pflichtende Ausbildungsangebote sicherzustellen, dass angehende Lehr-
kräfte unter Berücksichtigung historischer wie gegenwärtiger Formen des
Antisemitismus Kompetenzen in Prävention und Intervention beim Umgang
mit Antisemitismus entwickeln.

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6. Schlussfolgerungen
Die Kultusministerkonferenz, der Zentralrat der Juden in Deutschland und die
Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten
setzen sich gemeinsam dafür ein, dass antisemitische Vorfälle im schulischen
Umfeld als solche benannt, aufgeklärt und bekämpft werden,
setzen sich gemeinsam dafür ein, gegenwärtiges jüdisches Leben im schuli-
schen Rahmen zu thematisieren und Begegnungen mit Jüdinnen und Juden
zu ermöglichen,
fordern eine intensivere Vermittlung von Kenntnissen zu Antisemitismus, Ju-
dentum und jüdischer Geschichte und Gegenwart in der Lehrerbildung und
bieten entsprechende Hilfestellung bei der Entwicklung von Fortbildungspro-
grammen an,
bitten die Kommission Lehrerbildung eine entsprechende Konkretisierung der
„Ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für Fachwissenschaften
und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“ und die „Standards für die Lehrerbil-
dung: Bildungswissenschaften“ entsprechend zu prüfen,
begrüßen Überlegungen, ein Pilotprojekt zum Antisemitismus als Thema in der
Lehrerbildung an Hochschulen als Modell zu entwickeln,
richten eine gemeinsame Fachtagung zur Umsetzung der Empfehlung aus.

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-
Anlage
(Stand: 10.06.2021)
Einschlägige Literatur (Auswahl):
Bernstein, Julia: Antisemitismus an Schulen in Deutschland: Befunde - Analysen
- Handlungsoptionen. Weinheim, 2020
Chernivsky, Marina/Lorenz, Friederike: Antisemitismus im Kontext Schule. Deu-
tungen und Umgangsweisen von Lehrer*innen an Berliner Schulen. Berlin,
2020
Salzborn, Samuel/Kurth, Alexandra, Antisemitismus in der Schule, in: Salzborn,
Samuel, Schule und Antisemitismus. Politische Bestandsaufnahme und pä-
dagogische Handlungsmöglichkeiten, Weinheim/Basel 2020, S. 9-65
Weitere Studien zur Thematik finden sich auch auf der Webseite
www.kmk-zen-
tralratderjuden.de
.
Internationale Veröffentlichungen
International
Holocaust
Remembrance
Alliance,
Arbeitsdefinition
von
Antisemi-
tismus
,
Budapest 2016
European
Commission/International
Holocaust
Remembrance
Alliance,
Hand-
book
for
the
practical
use
of
the
IHRA
working
definition
of
antisemitism
,
Lux-
emburg 2021
Veröffentlichungen von Bund und Ländern:
Unabhängiger
Expertenkreis
Antisemitismus,
Antisemitismus
in
Deutschland
aktuelle
Entwicklungen
,
Berlin 2017
Ministerium
für
Kultus,
Jugend
und
Sport
Baden-Württemberg,
Wahrnehmen
Benennen
Handeln.
Handreichung
zum
Umgang
mit
Antisemitismus
an
Schulen
,
Stuttgart 2019
Empfehlungen und Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz:
Erinnern
für
die
Zukunft
-
Empfehlungen
zur
Erinnerungskultur
als
Gegenstand
historisch-politischer
Bildung
in
der
Schule
(Beschluss der KMK vom
11.12.2014)
(
englische
Version
)

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Gemeinsame
Erklärung
des
Zentralrats
der
Juden
in
Deutschland
und
der
Kul-
tusministerkonferenz
zur
Vermittlung
jüdischer
Geschichte,
Religion
und
Kul-
tur
in
der
Schule
(Beschluss des Präsidiums des Zentralrats der Juden in
Deutschland vom 01.09.2016 und Beschluss der KMK vom 08.12.2016)
(
englische
Version
)
Demokratie
als
Ziel,
Gegenstand
und
Praxis
historisch-politischer
Bildung
und
Erziehung
in
der
Schule
(Beschluss der KMK vom 06.03.2009 i. d. F. vom
11.10.2018)
(
englische
Version
)
Menschenrechtsbildung
in
der
Schule
(Beschluss der KMK vom 04.12.1980 i. d.
F. vom 11.10.2018)
Auswahl von Lehrmaterialien:
Kommentierte
Materialsammlung
zur
Vermittlung
des
Judentums
,
zusammenge-
stellt vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonfe-
renz