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Integration von Zuwanderern im Freistaat Sachsen –
Situationsbeschreibung und Empfehlungen zur
Weiterentwicklung der Integrationsmaßnahmen im
Rahmen der Umsetzung des Sächsischen Zuwanderungs-
und Integrationskonzeptes (ZIK)
Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums
für Soziales und Verbraucherschutz (SMS)
— Endbericht —
Berlin, August 2014

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Kurzzusammenfassung
Rund 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Sachsen zu einem bunteren und
vielfältigen Land geworden. Zwar bleibt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an
der Bevölkerung deutlich hinter dem in westdeutschen Bundesländern zurück, doch sind
insbesondere die großstädtischen Räume zu Einwanderungsgesellschaften geworden, in denen
ethnisch-kulturelle Vielfalt zum Alltag gehört – in denen sich aber auch verschiedene
‚Integrationsbaustellen‘ auftun. Durch den Aufschwung der sächsischen Wirtschaft ist die
Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen; gleichzeitig ist die Zahl der
Zuzüge gestiegen und das Land verbucht nach langer Zeit wieder einen positiven
Wanderungssaldo. Sachsen ist also (wieder) Einwanderungsland. Davon profitiert der Freistaat,
denn die Zuwanderung trägt erheblich dazu bei, die demografische Entwicklung abzufedern.
Gleichzeitig verändert sich die sächsische Bevölkerung durch die Zuwanderung: Bereits heute
haben fast acht Prozent der unter 18-Jährigen einen Migrationshintergrund; in der Bevölkerung
über 65 Jahre sind es hingegen weniger als zwei Prozent.
Der Freistaat hat diese Entwicklung und die damit verbundenen Potenziale erkannt: Im Jahr
2012 hat die Sächsische Staatsregierung ein Zuwanderungs- und Integrationskonzept (ZIK) mit
dem Titel „Respekt, Toleranz, Achtung“ vorgelegt, in dem sie unterschiedlichste migrations-
und integrationspolitische Ziele benennt. Zwei Jahre nach Verabschiedung des ZIK hat das
Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) den Forschungsbereich
beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) damit
beauftragt, eine Studie zur Integration von Zuwanderern im Freistaat Sachsen durchzuführen.
Die Befunde der Studie verdeutlichen: Der Freistaat hat wichtige Schritte unternommen, um
zum einen von den deutlich liberalisierten Regelungen des Aufenthaltsrechts zu profitieren und
die Zuwanderung von Fachkräften und Studierenden zu verstärken und zum anderen die
Integration in den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens weiter zu
verbessern. Dennoch kann das ZIK lediglich einen Ausgangspunkt und eine Orientierungsmarke
darstellen.
Die
darin
formulierten
Ziele
müssen
im
Lichte
des
dynamischen
Wanderungsgeschehens sowie wirtschaftlicher und arbeitsmarktpolitischer Entwicklungen, aber
auch vor dem Hintergrund der erzielten Integrationsfortschritte kontinuierlich überarbeitet und
fortgeschrieben, Strategien und Maßnahmen entsprechend justiert werden. Aus diesem Grund
bestand ein Ziel der Studie auch darin, Empfehlungen zur Weiterentwicklung der

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3
Integrationsmaßnahmen im Rahmen der Umsetzung des ZIK sowie zu den institutionellen
Strukturen der Integrationspolitik zu formulieren.
Zentrale Empfehlungen der Studie des SVR-Forschungsbereichs sind:
Konkretisierung und Priorisierung:
Verschiedene Handlungsfelder des ZIK sollten
klarer umrissen, mess- oder überprüfbare Ziele innerhalb dieser Handlungsfelder
formuliert und Ziele priorisiert werden. Zudem sollten jeweils die für die Zielerreichung
verantwortlichen Akteure benannt werden. Neben den Handlungsfeldern Spracherwerb,
Bildung und Arbeitsmarktintegration als ‚Säulen’ auf dem Weg zu gelingender
struktureller Integration sollten dazu auch die Handlungsfelder gesellschaftliche
Teilhabe, Antidiskriminierung und interkulturelle Öffnung noch deutlicher konturiert
werden.
Kapazitäten bündeln und integrationspolitische Federführung festlegen:
Um
die politischen Steuerungsmöglichkeiten im Integrationsbereich effizienter zu nutzen,
sollten die integrations- und migrationspolitischen Zuständigkeiten stärker bei einem
bestimmten Ressort verankert werden. Es ist zu empfehlen, dass diese ‚federführende’
Zuständigkeit auch im Namen des Ministeriums zum Ausdruck kommt. Da Integration
als gesellschaftspolitische Querschnittsaufgabe jedoch weiterhin die Geschäftsbereiche
mehrerer Ressorts betreffen wird, sollte zudem die Interministerielle Arbeitsgruppe
Integration
(IMAG)
institutionell
gestärkt
und
mit
den
notwendigen
Entscheidungskompetenzen ausgestattet werden. Ferner empfiehlt sich, das
institutionelle Verhältnis der zuständigen Ressorts zum Amt des Sächsischen
Ausländerbeauftragten – dessen Name und Kompetenzzuschnitt seitens des
Sächsischen Landtags den faktischen Zielgruppen seiner Arbeit entsprechend geändert
werden sollte – weiter zu klären, um zum einen Doppelstrukturen zu vermeiden und
zum anderen wertvolle Synergieeffekte zu erzielen.
Bedarf für ein Integrations- und Teilhabegesetz prüfen:
Die Bedeutung eines
auf
die
Integration
und
die
Partizipationschancen
der
Bevölkerung
mit
Migrationshintergrund zielenden Gesetzes liegt zum einen in einem klaren Bekenntnis
der Politik zu gesellschaftlicher Teilhabe und damit verbundenen Integrationszielen.
Zum anderen erreichen die darin formulierten Grundsätze und Ziele eine höhere
Verbindlichkeit.
Die
Staatsregierung
sollte
daher
den
Bedarf
und
die
Umsetzungsmöglichkeiten für ein Integrations- und Teilhabegesetz prüfen. Der Freistaat
Sachsen würde damit verdeutlichen, dass er auch in Zukunft auf die gesellschaftlichen

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4
Veränderungen und die damit einhergehenden virulenten Fragen der Integration und
gesellschaftlichen Teilhabe von Zuwanderern vorbereitet ist.
Mehrheitsgesellschaft mit in den Blick nehmen:
Der überwiegende Teil der
sächsischen Bevölkerung steht der Zuwanderung und der wachsenden Vielfalt im Land
aufgeschlossen gegenüber. Leider treten allerdings auch bestehende Vorbehalte
gegenüber Zuwanderern immer wieder offen zu Tage – bis hin zu fremdenfeindlichen
Handlungen und rassistischen Übergriffen. Dies schadet nicht nur dem Image des
Landes als weltoffener Freistaat, sondern es beeinträchtigt auch die Entwicklung einer
Willkommenskultur. Nicht zuletzt werden dadurch Sachsens Bemühungen um die
Anwerbung und Integration qualifizierter Neuzuwanderer torpediert. Daher sollten im
ZIK zukünftig Strategien zum Umgang mit xenophob-rechtsradikalem Gedankengut
sowie Maßnahmen zur Förderung von Demokratie und Toleranz in der schulischen und
außerschulischen politischen Bildung thematisiert werden.
ZIK dynamisch weiterentwickeln:
Der Freistaat Sachsen hat mit dem ZIK bei der
Entwicklung einer nachhaltigen Zuwanderungs- und Integrationspolitik einen großen
programmatischen Schritt gemacht. Nun gilt es, das ZIK weiterzuentwickeln. Diese
Weiterentwicklung ist als dynamischer Prozess zu verstehen. Im Rahmen der
Fortschreibung des ZIK sollte die Sächsische Staatsregierung daher die Potenziale der
unterschiedlichen Akteure im Freistaat erkennen, sie rechtzeitig einbinden und ihre
Positionen berücksichtigen, um die größtmögliche Akzeptanz bei allen relevanten
gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen. Hierbei kann der 2014 beim Sozialministerium
etablierte Beirat für Migration und Integration eine wesentliche Rolle spielen.
Themen wie die demografische Entwicklung, der steigende Fachkräftebedarf, die Zuwanderung
aus dem In- und Ausland und die drängenden Herausforderungen der Integration und
gesellschaftlichen Teilhabe sollten stärker unter dem Dach einer ‚Zukunftsstrategie‘ für den
Freistaat zusammengeführt werden. Dazu sollte sich die Spitze der sächsischen Politik
Zuwanderung und Integration als Zukunftsstrategie zu eigen machen und als politisches Ziel
ersten Ranges in Wirtschaft und Gesellschaft transportieren.

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5
0
Abkürzungsverzeichnis ................................................................................................. 6
1. Einleitung ................................................................................................................. 10
2. Zuwanderung in den Freistaat Sachsen ....................................................................... 14
2.1
Geschichte und Entwicklung der Zuwanderung in der DDR und den neuen
Bundesländern ............................................................................................................. 14
2.2
Statistischer Überblick über die Migration nach und aus Sachsen ............................ 18
2.3
Statistischer Überblick über die im Freistaat Sachsen lebenden Zuwanderer ............. 33
2.4
Migrationspolitische Aktivitäten im Freistaat Sachsen ............................................. 48
2.4.1
Migrationspolitische Aktivitäten des Bundes .................................................... 48
2.4.2
Migrationspolitische Aktivitäten des Landes .................................................... 53
2.4.3
Migrationspolitische Aktivitäten weiterer Akteure............................................. 58
2.5
Zusammenfassung und Bewertung ....................................................................... 60
3. Integration im Freistaat Sachsen ................................................................................ 62
3.1
Einschätzungen der Bevölkerung zu Integration und Zusammenleben ..................... 62
3.2
Strukturelle Integration der Zuwanderer, Einbürgerung und politische Teilhabe ....... 76
3.2.1
Bildung ....................................................................................................... 76
3.2.2
Arbeitsmarkt ................................................................................................ 94
3.2.3
Einbürgerung und politische Teilhabe ........................................................... 108
3.3
Bestandsaufnahme der Integrationsaktivitäten .................................................... 124
3.3.1
Integrationsaktivitäten des Bundes .............................................................. 124
3.3.2
Integrationsaktivitäten des Landes .............................................................. 150
3.3.3
Ausgewählte Integrationsaktivitäten weiterer Akteure ................................... 168
3.4
Zusammenfassung und Bewertung ..................................................................... 173
4. Fazit und übergeordnete Handlungsempfehlungen ..................................................... 176
5. Verzeichnis der Tabellen, Abbildungen und Info-Boxen ............................................... 189
6. Literaturverzeichnis ................................................................................................. 191
7. Anhang .................................................................................................................. 203

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6
0 Abkürzungsverzeichnis
ADS
Antidiskriminierungsstelle des Bundes
AKZESS
Ausländische Fachkräfte-Zuwanderung effizient und sensibel steuern
AsylbLG
Asylbewerberleistungsgesetz
AufenthG
Aufenthaltsgesetz
AuslG
Ausländergesetz
AWO
Arbeiterwohlfahrt
AZR
Ausländerzentralregister
BA
Bundesagentur für Arbeit
BAMF
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
BeschV
Beschäftigungsverordnung
BIWAQ
Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier
BLK
Bund-Länder Kommission
BMFSFJ
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend
BMI
Bundesministerium des Innern
BMUB
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
BMVBS
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
BMWi
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
BQFG
Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz
BRD
Bundesrepublik Deutschland
BVA
Bundesverwaltungsamt
BVerfGE
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts
CIM
Centrum für internationale Migration und Entwicklung
DAA
Deutsche Angestellten- Akademie
DDR
Deutsche Demokratische Republik
DJI
Deutsches Jugendinstitut
DOSB
Deutscher Olympischer Sportbund
DRK
Deutsche Rote Kreuz
ESF
Europäische Sozialfonds
EU
Europäische Union
EU2
Staaten, die 2007 der EU beigetreten sind (Bulgarien und Rumänien)
EU10
Staaten, die 2004 der EU beigetreten sind
EU14
Staaten, die vor 2004 der EU angehört haben

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7
EU26
alle EU-Staaten (außer Deutschland), die 2012 der EU angehört haben
ExWoSt
Experimenteller Wohnungs- und Städtebau
FÖRMIG
Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
GF-H
Garantiefonds Hochschule
GFK
Genfer Flüchtlingskonvention
GG
Grundgesetz
GIPS
Griechenland, Italien, Portugal, Spanien
GIZ
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
GMF
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland
HTL
Höhere Technische Lehranstalten
HWKL
Handwerkskammer zu Leipzig
IAP
Individuelle Ausbildungspläne
IBAS
Informations- und Beratungsstelle Anerkennung Sachsen
IdS
Integration durch Sport
IKG
Institut für interdiszplinäre Konflikt-und Gewaltforschung
IKI
SVR-Integrationsklima-Index
ILO
International Labour Organization
IMAG
Interministerielle Arbeitsgruppe Zuwanderung und Integration
IQ
Integration durch Qualifizierung
JMD
Jugendmigrationsdienst
KBS
Kulturbüro Sachsen e. V.
KiföG
Kinderförderungsgesetz
LAI
Leipzig Alumni International
LaKos
Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung an
Kindertageseinrichtungen in Sachsen
LOS
Lokales Kapital für soziale Zwecke im Freistaat Sachsen
MBE
Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer
MDR
Mitteldeutscher Rundfunk
MZ
Mikrozensus
MighEV
Verordnung zur Erhebung der Merkmale des Migrationshintergrundes
MPG
Migration Policy Group
NAP
Nationaler Aktionsplan Integration
NIMS
Netzwerk für Integration und Migration Sachsen
NIP
Nationaler Integrationsplan

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8
OECD
Organisation for Economic Co-operation and Development / Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
PartIntG
Gesetz zur Regelung von Partizipation und Integration in Berlin
PsssT
Prozesskette Sachsen-Transmitter
QA
Qualifikationsanalyse
QSA
Qualifizierungsvorhaben für arbeitslose Spätaussiedler und Ausländer
RAA Sachsen e. V.
Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen
SAB
Sächsische Aufbaubank
SächsAuslBeauftrG
Sächsische Ausländerbeauftragte
SächsGemO
Gemeindeordnung für den Freistaat Sachsen
SächsHFKVO
Sächsische Härtefallkommissionsverordnung
SächsIntegrG
Gesetz zur Verbesserung der Integration von Menschen mit
Behinderungen im Freistaat Sachsen
SächsKitaG
Sächsisches Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen
SächsLKrO
Landkreisordnung für den Freistaat Sachsen
SBA
Sächsische Bildungsagentur
SK
Sächsische Staatskanzlei
SLFS
Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen
SMB
Sächsischer Migrantenbeirat
SMF
Sächsisches Staatsministerium der Finanzen
SMI
Sächsisches Staatsministerium des Innern
SMK
Sächsisches Staatsministerium für Kultus
SMS
Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz
SMWA
Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr
SMWK
Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
StAG
Staatsangehörigkeitsgesetz
StGH Bremen
Staatsgerichtshof der Freien Hansestadt Bremen
SVR
Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration
TAURIS
Tätigkeiten und Aufgaben: Regionale Initiativen in Sachsen
VISS
Verbleibspotenzial internationaler Studierender in Sachsen
WS
Wanderungsstatistik
ZAB
Zentralstelle für Ausländisches Bildungswesen
ZAR
Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik
ZAV
Zentrale Auslands- und Fachvermittlung

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9
ZfTI
Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung
ZIK
Sächsisches Zuwanderungs- und Integrationskonzept

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10
1.
Einleitung
Im Vertrag über die Bildung der Staatsregierung für die 5. Wahlperiode des Sächsischen
Landtags vereinbarten die Koalitionspartner im September 2009, dass sie sich für gezielte
Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland einsetzen und ein Integrationskonzept für
Sachsen erstellen würden (CDU/FDP 2009). 2012 legten die Sächsischen Staatsministerien des
Innern (SMI) und für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) ein Zuwanderungs- und
Integrationskonzept (ZIK) mit dem Titel „Respekt, Toleranz, Achtung“ vor. Damit reagierte die
sächsische Politik auf verschiedene gesellschaftliche Veränderungen, die sich im Freistaat seit
einigen Jahren vollziehen – nicht zuletzt die demografische Herausforderung durch ein
strukturelles Geburtendefizit, eine damit verbundene alternde Bevölkerung und einen zu
erwartenden drastischen Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter. Sachsen hat
erkannt, dass schon für die nahe Zukunft mit einem eklatanten Mangel an qualifizierten
Fachkräften zu rechnen ist, selbst wenn größte Anstrengungen unternommen werden, um das
inländische
Erwerbspersonenpotenzial
durch
Bildung,
Weiterbildung
und
Arbeitsmarktintegration besser zu nutzen, und darüber hinaus die Lebensarbeitszeit verlängert
wird. Somit wird es als unerlässlich angesehen, zusätzliche Arbeitskräftepotenziale durch
Zuwanderung zu erschließen (SMS 2012b: 8f.).
Gleichzeitig ist die Gesellschaft Sachsens gut 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
bunter und vielfältiger geworden. Neben Familienangehörigen von Menschen, die bereits vor
1990 als ausländische Vertragsarbeitnehmer
1
in der DDR lebten, sind in den 1990er und 2000er
Jahren auch zahlreiche Spät-/Aussiedler, jüdische Flüchtlinge und Asylbewerber nach Sachsen
gekommen. Zwar bleibt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung
Sachsens deutlich hinter dem in westdeutschen Bundesländern zurück, doch sind insbesondere
die großstädtischen Räume zu Einwanderungsgesellschaften geworden, in denen ethnische und
kulturelle Vielfalt zum Alltag gehört und in denen sich mannigfaltige ‚Integrationsbaustellen‘
zeigen. Aus diesen Herausforderungen ergibt sich zum einen die Notwendigkeit,
Neuzuwanderer
im
Sinne
einer
Willkommenskultur
in
einem
weltoffenen
und
fremdenfreundlichen Klima aufzunehmen und Angebote zur Integration bereitzustellen. Zum
anderen müssen auch die sonstigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Integration im Sinne einer „möglichst
chancengleiche[n] Teilhabe an den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“ (SVR
1
Wann immer die männliche Form verwendet wird, schließt dies stets beide Geschlechter ein.

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11
2010: 21) für alle im Freistaat lebenden Menschen mit Migrationshintergrund möglich ist. Das
sächsische Konzept fasst Integration in diesem Sinne als einen zweiseitigen Prozess, der
sowohl von der etablierten ‚Mehrheitsgesellschaft‘ als auch von den Zuwanderern
gegenseitigen Respekt, Toleranz und Achtung sowie die Bereitschaft zu einem „ehrlichen
Dialog“ verlangt (SMS 2012b: 6). Den Ausgangspunkt dieses Konzepts bildet die Feststellung,
dass die in Sachsen lebenden Zuwanderer bislang nicht die gleichen Chancen und
Lebensbedingungen vorfinden wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Darum soll die
(strukturelle) Integration durch dynamisch zu entwickelnde Projekte und Maßnahmen weiter
vorangebracht werden. Das Konzept ist ein gesellschaftspolitisches und zielt auf einen
integrationspolitischen Dreischritt: interkulturelle Öffnung (von öffentlicher Verwaltung,
Wirtschaft und Gesellschaft), interkulturelle Kompetenz (auf individueller Ebene) und
interkultureller Dialog (indem Möglichkeiten des institutionalisierten Austauschs und
entsprechende Diskursarenen geschaffen werden). Getreu der Erkenntnis, dass Migrations- und
Integrationspolitik klassische politische Querschnittsaufgaben bilden, sind auf der Ebene von
Politik und Verwaltung verschiedene Ressorts aufgefordert, sich an dem Prozess zu beteiligen.
Nach dem gegenwärtigen Ministeriumszuschnitt sind dies neben der Sächsischen Staatskanzlei
(SK) die Staatsministerien des Innern (SMI), der Finanzen (SMF), für Wirtschaft, Arbeit und
Verkehr (SMWA), für Kultus (SMK), für Wissenschaft und Kunst (SMWK) sowie für Soziales und
Verbraucherschutz (SMS). Mitarbeiter dieser Ressorts bilden seit April 2012 die
interministerielle Arbeitsgruppe „Zuwanderung und Integration“ (IMAG), die sich regelmäßig
über die Umsetzung des ZIK austauscht.
Ziele der Studie
2
Im ZIK wurde in einer umfassenden Analyse zwischen 2009 und 2012 eine Bestandsaufnahme
der Integrationsbemühungen und -ziele bestimmt. Ausgangspunkt dieses Prozesses waren zum
einen Vorarbeiten der einschlägigen Ministerien und des Ausländerbeauftragten des
Sächsischen
Landtags,
zum
anderen
eine
datenbasierte
Bestandsaufnahme
und
Situationsbeschreibung zur Integration von Zuwanderern, die das Sächsische Staatsministerium
für Soziales (SMS) in Auftrag gegeben hatte (Rambøll Management 2008). Zwei Jahre nach
Verabschiedung des ZIK hat das SMS diese Studie vergeben, die zentrale Fragen der
2
Der Forschungsbereich dankt Prof. Dr. Christine Langenfeld, Vorsitzende des Sachverständigenrats
deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), für die wissenschaftliche Begleitung und ihre
Anregungen zu dieser Studie. Verantwortlich für diese Studie ist der SVR-Forschungsbereich. Die
Argumente
und
Schlussfolgerungen
spiegeln
nicht
notwendigerweise
die
Meinung
des
Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wider.

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12
sächsischen Zuwanderungs- und Integrationspolitik wissenschaftlich fundiert erörtern und
Handlungsempfehlungen formulieren sollte, um die Integrationspolitik in Sachsen
weiterzuentwickeln. Mit einem ganzheitlichen Ansatz sollten sowohl Stärken als auch
Schwächen der Zuwanderungs- und Integrationspolitik im Freistaat identifiziert und diskutiert
sowie im Sinne einer Beratung zweckdienliche Hinweise zur Optimierung der Integrationsarbeit
erarbeitet werden. Dazu wurde zum einen die allgemeine Datenlage zur Migration auf der Basis
amtlicher Daten und Statistiken dargestellt und bewertet und die sozioökonomische Situation
der Zuwanderer und deren strukturelle Integration in unterschiedlichen thematischen
Kontexten (z. B. Arbeitsmarkt, Bildung) erhoben; zum anderen wurden die wichtigsten
Integrationsaktivitäten auf Landesebene erfasst. Dabei waren auch die neuesten Daten und
Entwicklungen auf bundespolitischer Ebene zu berücksichtigen, etwa der Nationale
Integrationsplan (NIP) und der Nationale Aktionsplan Integration (NAP). Trotzdem sollten das
Land Sachsen und die spezifische Zuwanderungs- und Integrationssituation im Freistaat im
Vordergrund stehen.
Methodisches Vorgehen
Die Studie sollte relevante Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, Handlungskonzepte
und Praxisberichte ebenso berücksichtigen wie die einschlägigen amtlichen Daten und
Statistiken, die für das Land Sachsen aufzubereiten und zu analysieren waren. Dafür hat der
SVR-Forschungsbereich verschiedene Ansätze gewählt: neben der Analyse amtlicher Statistiken
sowie der Sonderauswertung eines eigenen Datensatzes gehörten dazu ein Literaturüberblick,
die Auswertung von Dokumenten, die z. T. durch den Auftraggeber oder andere öffentliche
Stellen des Freistaats Sachsen zur Verfügung gestellt wurden, sowie eine Recherche der
zentralen integrationspolitischen Akteure, Multiplikatoren und Projekte in Sachsen zur
Durchführung von persönlichen und telefonischen Experteninterviews.
3
Diese Gespräche bilden
eine Hintergrundfolie für die gesamte Studie; daraus gewonnene Informationen sind an
verschiedenen Stellen in die Situationsbeschreibung und die Handlungsempfehlungen
eingeflossen. Um insbesondere Aspekte der Integration ‚vor Ort‘ abzudecken, wurden alle
(kommunalen) Ausländer- und Integrationsbeauftragten gebeten, an einer schriftlichen
Befragung teilzunehmen. Dabei wurde sowohl nach der Bedeutung von Integration und
Migration und deren institutioneller Verortung in der jeweiligen Kommune gefragt als auch
3
Interviewt wurden Vertreter der IMAG, sieben (nichtministerielle) Mitglieder des Beirats für Migration
und Integration, der Sächsische Ausländerbeauftragte und die Integrationsbeauftragten der Städte
Leipzig und Dresden (bzw. im Fall von Dresden deren Vertreterin).

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13
nach Konzepten, Dialog-, Förder- und Projektstrukturen für Integration. Erhoben wurde auch,
ob und ggf. wie die kommunale Integrationspolitik dokumentiert, evaluiert und
weiterentwickelt wird.
Die
für
die
Studie
aufbereiteten
Datenquellen
4
sind
insbesondere
die
Bevölkerungsfortschreibung, die Wanderungsstatistik (WS), der Zensus 2011, der Mikrozensus
(MZ), das Ausländerzentralregister (AZR), diverse Geschäftsstatistiken des Bundesamts für
Migration
und
Flüchtlinge
(BAMF),
die
Kinder-
und
Jugendhilfestatistik,
die
Arbeitsmarktstatistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA), die Einbürgerungsstatistik sowie die
amtliche Schulstatistik des Freistaats Sachsen. Für die wissenschaftliche Analyse des
Integrationsklimas in Sachsen wurde vor allem ein SVR-eigener Datensatz genutzt – das sog.
SVR-Integrationsbarometer 2014 –, der gesondert für die Region Leipzig ausgewertet wurde.
Auf der Basis einer Situationsbeschreibung wurden im letzten Schritt die Erkenntnisse aus den
unterschiedlichen Datenquellen systematisch verdichtet und mit den Erkenntnissen der
allgemeinen Integrationsforschung, den Inhalten und Empfehlungen aus den bisherigen fünf
Jahresgutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration
(SVR), den Ergebnissen der jüngsten Studien des SVR-Forschungsbereichs sowie der Expertise
und den fachlichen Einschätzungen der am Projekt beteiligten Wissenschaftler kontrastiert, um
in verschiedenen Bereichen Handlungsansätze herauszuarbeiten. Dabei wurden Zuwanderung
und Integration stets ganzheitlich und unter der Maßgabe betrachtet, bessere
Rahmenbedingungen für Integration und eine Willkommens- und Anerkennungskultur zu
unterstützen. Dafür müssen nicht nur Vielfalt und Toleranz gefördert, sondern auch
rechtsextremes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit nachhaltig bekämpft werden.
4
Nähere Angaben zu den Datenquellen finden sich in den jeweiligen Kapiteln. Das Statistische
Landesamt in Kamenz unterstützte die Auswertung, indem es die dort vorliegenden Datensätze zur
Verfügung stellte.

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14
2.
Zuwanderung in den Freistaat Sachsen
2.1
Geschichte und Entwicklung der Zuwanderung in der DDR und den neuen
Bundesländern
Zuwanderung von Ausländern in die DDR vor 1990: vorwiegend Vertragsarbeitnehmer
Während in den 1960er und frühen 1970er Jahren etwa fünf Millionen ausländische
Arbeitskräfte in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) zuwanderten,
5
kam bis Ende der 1970er
Jahre lediglich eine kleine Anzahl Studierender und Auszubildender in die Deutsche
Demokratische Republik (DDR).
6
Ausländische Arbeitskräfte kamen in größerer Zahl erst Ende
der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre in die DDR, und zwar auf der Grundlage bilateraler
Abkommen mit einigen außereuropäischen sozialistischen Staaten. Mit diesen sog.
Vertragsarbeitern wollte die DDR dem zunehmenden Arbeitskräftemangel in der Wirtschaft
entgegenwirken. Da der Bedarf an Arbeitskräften in den 1980er Jahren anhielt, stieg in dieser
Zeit die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte in der DDR weiter.
7
1989 hielten sich insgesamt
ca. 190.000 Ausländer in der DDR auf. Die meisten von ihnen (93.600 Personen) waren
Vertragsarbeitnehmer.
8
Die zahlenmäßig größten Gruppen unter ihnen stellten Arbeitskräfte
aus Vietnam (ca. 59.000 Personen) und Mozambik (ca. 15.000 Personen) (Bade/Oltmer 2007:
162).
Bei den ausländischen Arbeitsmigranten handelte es sich größtenteils um junge Erwachsene
beiderlei Geschlechts
9
aus außereuropäischen Staaten, die ursprünglich einen auf maximal vier
5
Die ausländischen Arbeitskräfte migrierten auf der Grundlage von Anwerbeabkommen als
‚Gastarbeiter‘, d. h. ursprünglich war vorgesehen, dass sie nach einer gewissen Zeit in ihre
Herkunftsländer zurückkehren würden. Solche Anwerbeabkommen hatte die Bundesrepublik Deutschland
mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien
geschlossen. Sie regelten den (zeitlich befristeten) Aufenthalt ausländischer Arbeitnehmer in der
Bundesrepublik Deutschland. Von den in diesem Zeitraum angeworbenen fünf Millionen ausländischen
Arbeitskräften haben etwa drei Millionen das Land wieder verlassen (Bade/Bommes 2000: 169).
6
Der Großteil dieser Studierenden und Auszubildenden kam aus Nordvietnam (Demokratische Republik
Vietnam, nach der Eroberung Südvietnams 1975 und der Wiedervereinigung 1976 Sozialistische Republik
Vietnam) (Dennis 2005: 8).
7
Es wurden zusätzliche Arbeitskräfte angeworben, obwohl die damaligen Entscheidungsträger sich dafür
einsetzten, nach Ende der 1988 auslaufenden Regierungsabkommen weniger ausländische Arbeitskräfte
in den Betrieben einzusetzen oder sogar ganz auf sie zu verzichten (Dennis 2005: 18).
8
Die Zahl der Vertragsarbeitnehmer in der DDR stieg ab Ende der 1970er Jahre deutlich an: Im Jahr
1978 waren 18.692 ausländische Vertragsarbeiter in der DDR beschäftigt, im Jahr 1986 belief sich ihre
Zahl bereits auf 61.000 (Bade/Oltmer 2004: 95).
9
Allerdings waren nur 15 Prozent aller in der DDR beschäftigten ausländischen Arbeiter weiblich
(Gruner-Domić 2007: 1078f.).

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15
Jahre begrenzten Arbeitsvertrag erhielten. Nach Auslaufen ihres Vertrags sollten sie in ihre
Heimatländer zurückkehren (Gruner-Domić 2007: 1078f.). Sie wurden vor allem in
Arbeitsbereichen eingesetzt, die bei einheimischen Arbeitern als ‚unattraktiv‘ galten, z. B. im
Produktionsbereich (Bade/Oltmer 2004: 93). Die meisten ausländischen Arbeitskräfte waren
zwar im rechtlichen Sinne deutschen Arbeitnehmern gleichgestellt, jedoch wurden ihr
Aufenthalt und ihre Lebensbedingungen in der DDR durch zwischenstaatliche Übereinkommen
und Sonderanweisungen stark reglementiert und kontrolliert (Bade/Oltmer 2004: 94). Diese
Reglementierung erklärt sich daraus, dass die Anwesenheit der Arbeitsmigranten in der DDR
als ein vorübergehendes Phänomen angesehen wurde und ihre dauerhafte Integration in die
Gesellschaft nicht vorgesehen war. Der Umgang der Behörden mit den Zuwanderern spiegelt
diese Vorstellung wider: So war den Arbeitsmigranten im Allgemeinen untersagt, den
Arbeitsplatz zu wechseln, und ihre Aufenthaltsgenehmigung konnte ohne Angabe von Gründen
entzogen oder mit zeitlichen und örtlichen Auflagen verbunden werden. Zudem waren für
Zuwanderer, die meist in gesonderten Wohnheimen einquartiert waren, außerbetriebliche
Kontakte jeglicher Art mit Deutschen genehmigungspflichtig (Bade/Oltmer 2004: 95).
Eheschließungen zwischen Deutschen und Arbeitsmigranten waren grundsätzlich verboten.
Wurde eine Arbeitsmigrantin schwanger – und verweigerte eine Abtreibung –, wurde sie wegen
der damit einhergehenden ‚Arbeitsunfähigkeit‘ ausgewiesen (Dennis 2005: 38).
Neben den Arbeitsmigranten nahm die DDR auch eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen auf.
Allerdings hatten politisch Verfolgte in der DDR anders als in der BRD kein subjektives Recht
auf Asyl. Die Entscheidung darüber, ob jemandem Asyl gewährt wurde, folgte in erster Linie
politischen Überlegungen;
10
so wurden bis in die 1970er Jahre insbesondere Personen
aufgenommen, die verfolgt wurden, weil sie eine bestimmte politische Strömung
befürworteten. Vor allem Personen aus Chile, Spanien und Griechenland erhielten in der DDR
Asyl (Bade/Oltmer 2004: 96).
Zuwanderung in die neuen Bundesländer seit 1990: Zuwanderungsmuster verändern sich
Nach der Wiedervereinigung 1990 entstand in den neuen Bundesländern eine neue
Einwanderungssituation. Etliche der ehemaligen Vertragsarbeiter entschieden sich trotz
erheblicher Schwierigkeiten in Deutschland zu bleiben. Hinzu kam eine große Zahl neuer
10
Gemäß der Verfassung vom 1968/74 konnte Personen Asyl gewährt werden, die wegen „politischer,
wissenschaftlicher oder kultureller Tätigkeit zur Verteidigung des Friedens, der Demokratie, der
Interessen des werktätigen Volkes oder wegen ihrer Teilnahme am sozialen und nationalen
Befreiungskampf“ verfolgt wurden (Bade/Oltmer 2004: 95).

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16
Zuwanderer. Dabei handelte es sich vor allem um Aussiedler (bzw. Spätaussiedler
11
), jüdische
Kontingentflüchtlinge und Asylbewerber. Diese Zuwanderer wurden bzw. werden nach dem
sog. Königsteiner Schlüssel
12
auf die einzelnen Bundesländer verteilt. Da aufgrund der
schwierigen wirtschaftlichen Situation in Ostdeutschland viele Deutsche in die westlichen
Bundesländer abwanderten, ging die Bevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern – auch
in Sachsen – trotz der Zuweisung vor allem von Spät-/Aussiedlern zurück.
13
Von den rund 90.000 ausländischen Vertragsarbeitern, die sich Ende 1989 in der DDR
aufhielten, kehrte der Großteil in den folgenden Monaten – mit oder ohne staatliche
Unterstützung – in die Heimatländer zurück. Die meisten dieser Zuwanderer hatten infolge des
Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft ihren Arbeitsplatz verloren und sahen kaum
noch Zukunftsmöglichkeiten in Deutschland. Ihre Entscheidung zur Rückkehr wurde verstärkt
durch ihre unklare aufenthaltsrechtliche Situation sowie eine zunehmend ausländerfeindliche
Stimmung
14
in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung. Unter den ehemaligen Vertragsarbeitern,
die sich trotz dieser schwierigen Lage entschieden, in Deutschland zu bleiben, bildeten die
Vietnamesen die mit Abstand größte Personengruppe: Rund 21.000 der insgesamt ca. 28.000
ausländischen Arbeitskräfte, die sich am 31. Dezember 1990 in Ostdeutschland aufhielten,
11
Als Spätaussiedler werden Personen bezeichnet, die aufgrund ihrer deutschen Abstammung nach dem
01.01.1993 zugewandert sind. Der Begriff wurde im Rahmen des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes
eingeführt, das am 01.01.1993 in Kraft trat. Im vorliegenden Text wird – sofern nicht ausdrücklich
Spätaussiedler bzw. Personen, die vor diesem Stichtag als Aussiedler nach Deutschland zugewandert
sind
(Aussiedler)
gemeint
sind
der
Ausdruck
Spät-/Aussiedler
verwendet
(vgl.
Worbs/Bund/Kohls/Babka von Gostomski 2014: 18). Spätaussiedler sind deutsche Volkszugehörige
(Zugehörigkeit zur deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft) und somit Deutsche im Sinne des
Art. 116 Abs. 1 GG (§ 4 BVFG). Nach dem Gesetz ist der Staat verpflichtet, ihnen die Eingliederung in
das berufliche, kulturelle und soziale Leben in der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern und durch
die Spätaussiedlung bedingte Nachteile zu mildern (§ 7 Abs. 1 BVFG). Die spezifischen Regelungen zu
ihrer Verteilung, zu Prüfungen und Befähigungsnachweisen sowie zu Leistungen bei Krankheit (§ 8, 9, 10
BVFG) gelten auch für Ehegatten und Nachkommen von Spätaussiedlern, auch wenn diese selbst keine
Spätaussiedler nach § 4 BVFG sind (§ 7 Abs. 2 BVFG). Die Verteilung im Bundesgebiet nimmt das
Bundesverwaltungsamt (BVA) auf der Grundlage des Königsteiner Schlüssels vor (§ 8 BVFG).
12
Der Königsteiner Schlüssel legt anhand von Steueraufkommen und Bevölkerungszahl der einzelnen
Bundesländer fest, wie diese an gemeinsamen Finanzierungen zu beteiligen sind. Dabei wird das
Steueraufkommen mit zwei Dritteln und die Bevölkerungszahl mit einem Drittel gewichtet. Nach diesem
Schlüssel werden auch Kontingentflüchtlinge und Asylbewerber auf die Länder verteilt.
13
Die Bevölkerung in den ostdeutschen Ländern (ohne Westberlin) ging zwischen 1989 und 2000 von
16.434.000 auf 15.120.000 zurück. Die weitere Entwicklung in diesen Bundesländern lässt sich nicht
mehr verfolgen, da seit 2001 die Bevölkerung Westberlins zur ostdeutschen Bevölkerung dazugezählt
wird
(vgl.
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/Tabellen
_/lrbev03.html
, 20.08.2014).
14
Vgl. u. a. Ahlheim/Heger 2000 (25–32) für einen Vergleich ausländerfeindlicher Haltungen in der
Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland in den 1990er Jahren.

image
17
waren Vietnamesen (Weiss 2005: 80). Wegen ihres unsicheren Aufenthaltsstatus – die meisten
erhielten nach dem Verlust des Arbeitsplatzes zunächst eine Duldung – stellten viele von ihnen
einen Asylantrag, doch da sie nicht politisch verfolgt waren, wurde dieser fast immer
abgelehnt.
Auch nachdem am 15. Oktober 1990 das neue Ausländergesetz in Kraft getreten war, hatte die
Mehrheit der ehemaligen Vertragsarbeiter keinen sicheren Aufenthaltsstatus, denn das Gesetz
gewährte nur denen einen zeitlich und räumlich unbeschränkten Aufenthaltstitel
(Aufenthaltsberechtigung), die sich zu dem Zeitpunkt bereits 8 Jahre in Deutschland aufhielten
(vgl. Berger 2005: 73). Im Gegensatz dazu hatten die meisten von ihnen lediglich Anspruch auf
eine zeitlich befristete Aufenthaltsbewilligung.
15
Erst Mitte 1993 erhielten sie einen etwas
sichereren Aufenthaltsstatus. Damals wurde beschlossen, ihnen eine auf zunächst zwei Jahre
befristete Aufenthaltsbefugnis zu erteilen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllten. Dazu
gehörte, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten konnten, nicht strafrechtlich verurteilt
waren und, falls sie einen Asylantrag gestellt hatten, diesen bis zum 17. Dezember 1993
zurückzogen.
16
Nach
einem
achtjährigen
Aufenthalt
in
der
BRD
17
konnte
die
Aufenthaltsbefugnis in eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis umgewandelt werden. In den
folgenden Jahren holten einige ehemalige Vertragsarbeiter – insbesondere Vietnamesen – ihre
Familienangehörigen nach; so wanderten entgegen den ursprünglichen Erwartungen des
Staates weitere Menschen aus den ehemaligen Vertragsarbeiterländern zu (Gruner-Domić
2007:
1081).
Auch
in
Sachsen
scheinen
vietnamesische
Arbeitsmigranten
ihre
Familienangehörigen nachgeholt zu haben: Nach Angaben des Ausländerzentralregisters (AZR)
waren ca. 35 Prozent aller Vietnamesen, die sich 2012 in Sachsen aufhielten – insgesamt 2.759
Personen –, zwischen 1992 und 2002 nach Deutschland zugewandert (SLFS 2013d: 38).
Während also über den Familiennachzug nach der Wende eine beträchtliche Zahl von
Menschen zuwanderte, fand eine nennenswerte Arbeitszuwanderung in die neuen
Bundesländer aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation bis etwa 2008 nicht statt. Die
15
Mit der Aufenthaltsbewilligung erhielten die Vertragsarbeiter auch einen zeitlich befristeten
Aufenthaltstitel, der mit dem Ende ihres ursprünglichen Arbeitsvertrags ablief. Eine Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung war nicht möglich. Dadurch waren diese Zuwanderer deutlich schlechter gestellt
als ausländische Arbeitsmigranten in Westdeutschland (Berger 2005: 73).
16
Zuwanderer, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten konnten, erhielten bis Ende 1993 eine
Duldung. Bevor die Innenminister entschieden, den Vertragsarbeitnehmern einen sicheren
Aufenthaltsstatus zu gewähren, hatten einige politische und gesellschaftliche Akteure sich intensiv um
eine Verbesserung der aufenthaltsrechtlichen Situation der Zuwanderer bemüht (Berger 2005: 74).
17
Die Zeit des Aufenthalts in der DDR wurde gemäß der Regelung nicht zu den acht Jahren gezählt, die
für einen langfristigen Aufenthaltstitel erforderlich waren. Diese Voraussetzung wurde von einigen
politischen und gesellschaftlichen Akteuren heftig kritisiert und 1997 abgeschafft.

image
18
überwiegende Mehrheit der Menschen, die in dieser Zeit nach Ostdeutschland zuwanderten,
kam per Zuweisung in die neuen Bundesländer (d. h. es handelte sich um Spät-/Aussiedler,
jüdische Kontingentflüchtlinge oder Asylbewerber bzw. politische Flüchtlinge) (Weiss 2013:
384).
Spät-/Aussiedler,
die
Sozialleistungen
bezogen,
waren
nach
dem
Wohnungszuweisungsgesetz bis Ende 2009 verpflichtet, für eine festgelegte Zeit
18
in dem Ort
zu bleiben, dem sie zugewiesen worden waren (Worbs/Bund/Kohls/Babka von Gostomski 2014:
23; BMI/BAMF 2014: 132).
19
Im Gegensatz dazu unterlagen und unterliegen Asylbewerber und
geduldete Flüchtlinge grundsätzlich einer Residenzpflicht (BAMF 2012a: 7). Jüdische
Kontingentflüchtlinge müssen nachweisen, dass sie von einer jüdischen Gemeinschaft in
Deutschland aufgenommen wurden.
20
2.2
Statistischer Überblick über die Migration nach und aus Sachsen
Um die Entwicklung der Zuwandererbevölkerung in Sachsen adäquat zu erfassen, muss auf
verschiedene Datenquellen zurückgegriffen werden. In Deutschland werden Informationen
über Wanderungsbewegungen – sowohl innerhalb des Bundesgebiets als auch zwischen
Deutschland und dem Ausland – durch die statistischen Landesämter erfasst. Diese werten die
An- und Abmeldescheine der Meldebehörden aus und senden die Ergebnisse zur Aufbereitung
an das Statistische Bundesamt weiter. Diese Erfassungsmethode ermöglicht zwar zwischen
ausländischen
und
deutschen
Fort-
und
Zuzügen
zu
unterscheiden,
denn
die
Staatsangehörigkeit der Zu- bzw. Fortgezogenen wird auf der jeweiligen Meldekarte vermerkt.
Sie hat jedoch den Nachteil, dass die Daten von Personen, die mehrmals im Jahr ein- und
ausreisen, auch mehrmals in die Statistiken eingehen (BMI/BAMF 2012: 10). Ausländer, die
sich „nicht nur vorübergehend“ (d. h. länger als drei Monate) in Deutschland aufhalten, werden
zudem im Ausländerzentralregister (AZR) registriert (Mundil/Grobecker 2011: 1172). Da das
AZR nur Daten zu Ausländern enthält, die sich längerfristig in Deutschland aufhalten, ergeben
sich daraus niedrigere Zu- und Fortzugszahlen als die aus der amtlichen Wanderungsstatistik
(BMI/BAMF 2012: 12). Auch die Zahl der Ausländer, die sich laut AZR in Deutschland aufhalten,
entspricht nicht der tatsächlichen ausländischen Bevölkerung, denn manche Ausländer melden
sich bei ihrem Wegzug nicht ab und werden somit weiterhin in der entsprechenden Meldekartei
18
Gemäß dem vierten Änderungsgesetz vom 02.06.2000 betrug diese Bindungsdauer zuletzt drei Jahre
(vgl. Haug/Sauer 2007: 12).
19
Sanktionen bei Missachtung dieser Vorgabe waren jedoch nicht vorgesehen.
20
Vgl.
http://www.bamf.de/DE/Migration/JuedischeZuwanderer/Voraussetzungen/voraussetzungen-
node.html
, 20.08.2010

image
19
als am Ort wohnhaft geführt. Entsprechend lag die Zahl der in Sachsen wohnhaften Ausländer,
die auf der Grundlage des Zensus von Mai 2011 ermittelt wurde, deutlich unter der, die aus
dem AZR hervorging (s. unten).
In dieser Studie werden Wanderungsbewegungen über die sächsische Grenze nach der
amtlichen Wanderungsstatistik dargestellt. Anhand dieser Daten kann zwar nicht zwischen
langfristiger und kurzfristiger Zuwanderung unterschieden werden, sie geben jedoch einen
guten Überblick über die Wanderungen von Ausländern über die sächsische Landesgrenze. Um
die Entwicklung der im Freistaat lebenden ausländischen Bevölkerung nachzuzeichnen, werden
hingegen die Ergebnisse des AZR herangezogen, da dieses nur Ausländer verzeichnet, die sich
mindestens drei Monate im Inland aufhalten.
Migration in Sachsen zwischen 1990 und 2007: Zuwanderung aus dem Ausland bei
gleichzeitiger Abwanderung durch Binnenmigration
Während in den 1980er Jahren vor allem Vertragsarbeiter in das Gebiet des heutigen
Bundeslandes Sachsen gekommen waren, änderte sich nach 1990 die Art der Zuwanderung:
Zum einen beschlossen einige ehemalige Vertragsarbeiter (vor allem Vietnamesen), ihre
Familienangehörigen aus ihrem Heimatland nachkommen zu lassen. Zum anderen wanderte
eine beträchtliche Zahl von Spät-/Aussiedlern, jüdischen Flüchtlingen und Asylbewerbern bzw.
Flüchtlingen zu, die dem Freistaat nach dem Königsteiner Schlüssel zugewiesen wurden. Die
größte Gruppe unter diesen Zuwanderern bilden Spät-/Aussiedler: Mehr als 115.000 kamen
zwischen 1990 und 2007 nach Sachsen, allein zwischen 1992 und 1997 waren es 67.212. Seit
2002 sind die Zahlen stark rückläufig. 2012 nahm Sachsen schließlich nur noch 102
Spätaussiedler
21
auf; insgesamt kamen seit 2008 nur noch 747 Spätaussiedler nach Sachsen
(Landesdirektion Sachsen 2014). Da Spät-/Aussiedler die deutsche Staatsangehörigkeit haben,
werden sie in den amtlichen Statistiken nicht gesondert ausgewiesen; insofern liegen über die
gegenwärtige Größe dieser Bevölkerungsgruppe in Sachsen kaum verlässliche Daten vor. Nach
Einschätzung verschiedener Experten lebte jedoch im Jahr 2013 ein Drittel bis die Hälfte der
Spät-/Aussiedler, die ursprünglich Sachsen zugewiesen worden waren, noch im Freistaat (vgl.
Weiss 2013: 386), das würde einer Zahl zwischen 38.200 und 57.900 Personen entsprechen.
Nach einer Schätzung, die das Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen auf der
Grundlage des Zensus 2011 vorgenommen hat, liegt die Zahl der Spätaussiedler jedoch
deutlich darunter (s. Kap. 2.3). Neben Spät-/Aussiedlern kamen im Laufe der letzten 23 Jahre
21
Personen, die nach dem 01.01.1993 zugewandert sind, werden als Spätaussiedler bezeichnet.

image
20
auch jüdische Kontingentflüchtlinge und Flüchtlinge bzw. Asylbewerber nach Sachsen (s.
unten).
Mit dem Zuzug von Familienangehörigen ehemaliger Vertragsarbeiter sowie anderer
Zuwanderergruppen entstand in Sachsen allmählich eine zweite Generation von Zuwanderern,
die in Deutschland bzw. in Sachsen geboren und sozialisiert wurden. Infolgedessen ist die
Altersstruktur der sächsischen Zuwandererbevölkerung gegenwärtig vergleichsweise jung:
Nach den Ergebnissen des 2011 durchgeführten Zensus waren in der einheimischen
Bevölkerung Sachsens lediglich 13,5 Prozent unter 18 Jahre alt, bei der Bevölkerung mit
Migrationshintergrund betrug der Anteil der unter 18-Jährigen demgegenüber 24,1 Prozent
(Statistisches Bundesamt 2014h).
Die demografische Struktur Sachsens ist jedoch nicht nur durch Zuwanderung aus dem
Ausland geprägt, sondern vor allem dadurch, dass seit der Wiedervereinigung viele – vor allem
gut qualifizierte – Einheimische in die westlichen Bundesländer abgewandert sind und Sachsen
dadurch „gravierende Bevölkerungseinbußen“ erlitt (SMS 2012b: 8). Darüber hinaus sanken
nach 1990 auch die Geburtenzahlen drastisch (Statistisches Bundesamt 2012b: 15). Dadurch
ging trotz der oben beschriebenen Zuwanderung die sächsische Bevölkerung insgesamt stark
zurück: Laut Bevölkerungsfortschreibung sank sie von 4.764.301 Personen im Jahr 1990 auf
4.050.204 Personen im Jahr 2012 (SLFS 2013d: 36). Die Zuwanderung aus dem Ausland nach
Sachsen kann folglich nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss zur Abwanderung in die
westlichen Bundesländer und der damit einhergehenden demografischen Entwicklung in
Beziehung gesetzt werden. Diese Entwicklung ist mitverantwortlich für den Fachkräftebedarf,
der sich im Freistaat Sachsen „eher als in den anderen Bundesländern“ (SMS 2012b: 8)
abzeichnet und als zentrale Zukunftsaufgabe angesehen wird (SMS 2012b: 6).
Zuwanderung nach Sachsen seit 2007: positive Wanderungsbilanz
Mit dem Aufschwung der sächsischen Wirtschaft in den letzten Jahren (vgl. SMS 2012b: 8)
sank auch die Arbeitslosenquote.
22
Zeitgleich damit stiegen die Zuzüge, und ab 2008 ging die
Abwanderung in andere Bundesländer und ins Ausland zurück. Diese Entwicklungen führten
dazu, dass Sachsen 2011 zum ersten Mal seit der deutschen Wiedervereinigung einen positiven
Wanderungssaldo
23
(Deutsche
und
Ausländer)
verbuchen
konnte:
Gemäß
der
22
Die Arbeitslosenquote in Sachsen ging von 16,4 Prozent im Jahr 2007 auf 9,8 Prozent im Jahr 2012
zurück (SLFS 2009: 186; 2013d: 210).
23
Der Wanderungssaldo (auch als Wanderungsüberschuss, Wanderungsgewinn oder Nettowanderung
bezeichnet) ergibt sich aus der Differenz von Zu- und Fortzügen.

image
21
Wanderungsstatistik übertrafen die Zuzüge die Fortzüge um insgesamt 3.652 Personen. Im
Jahr 2012 erhöhte sich der Wanderungsüberschuss sogar auf 11.728 Personen (SLFS 2010: 63;
2013: 67;), u. a. aufgrund der anhaltenden guten Konjunktur sowie des Fachkräftebedarfs, der
sich in Teilen der sächsischen Wirtschaft abzeichnete (SMS 2012b: 6).
24
Seit 2007 wandern kontinuierlich mehr Ausländer nach Sachsen zu: Laut Wanderungsstatistik
ist die Zahl der Ausländer, die nach Sachsen zugezogen sind, seither jedes Jahr um
durchschnittlich ca. 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Allerdings ging dieser
Anstieg zunächst mit einer Zunahme ausländischer Fortzüge einher, so dass bis 2010 die
Zuwanderung von Ausländern nicht zu einem bedeutsamen Wanderungsgewinn führte.
25
Doch
seit 2010 gehen die Fortzüge zurück, während die ausländischen Zuzüge – entsprechend dem
nationalen Trend
26
– weiter ansteigen. 2011 und vor allem 2012 war Sachsens
Wanderungssaldo auch in Bezug auf ausländische Zuwanderer positiv (Abb. 1; Abb. A. 1 im
Anhang). Tatsächlich gehen die oben genannten Gesamtwanderungsgewinne (Deutsche und
Ausländer) der Jahre 2011 und 2012 zum größten Teil auf ausländische Zuwanderung zurück,
auch wenn zunehmend mehr Deutsche aus anderen Bundesländern nach Sachsen ziehen
27
:
Der Anteil der Ausländer an allen nach Sachsen Zugezogenen ist seit 2007 und insbesondere
24
Über die genauen Gründe und Motivlagen von Personen, die aus Deutschland ausgewandert bzw.
nach Deutschland zurückgewandert sind, liegen bislang kaum gesicherte Erkenntnisse vor. Um dazu
neue empirische Erkenntnisse zu gewinnen, wurden im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts,
das der SVR-Forschungsbereich gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und dem
Lehrstuhl für Sozialstrukturanalyse der Universität Duisburg-Essen durchführt, im Frühjahr 2014 über
1.000 Auswanderer und Rückwanderer im Zuständigkeitsbereich von 11 Meldebehörden deutscher
Großstädte schriftlich befragt, (
www.svr-migration.de/content/?page_id=3486#project-4
, 28.08.2014).
Für den Freistaat Sachsen kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Rückkehrer
Hochqualifizierte sind, z. B. Ingenieure, Maschinenbauer, Manager und Pädagogen. Als Hauptmotive
werden von Rückkehrern weniger finanzielle Gründe als Familie und Freunde angegeben (Vgl.
http://www.sven-heitkamp.de/index.php?article_id=47
, 28.08.2014).
25
Bei den Fortzügen der Jahre 2008 und 2009 ist jedoch zu berücksichtigen, dass im Rahmen der
Einführung der persönlichen Steuer-Identifikationsnummer im Jahr 2008 die Melderegister bereinigt
wurden. Dies führte zu zahlreichen Abmeldung von Amts wegen, wenn festgestellt wurde, dass die
gemeldeten Personen nicht mehr in den Kommunen ansässig waren. Der Umfang dieser Abmeldungen
lässt sich statistisch nicht ermitteln (vgl. BMI/BAMF 2012: 14).
26
Im Jahr 2006 erreichte die Zuwanderung nach Deutschland ihren Tiefpunkt seit der
Wiedervereinigung, dann folgte ein schwacher Anstieg, gleichzeitig nahmen aber auch die Fortzüge zu.
In der Folge verzeichnete Deutschland 2009 erstmals seit 1990 einen negativen Wanderungssaldo (was
z. T. auch auf die Bereinigung der Melderegister im Rahmen der Einführung der Steuer-
Identifikationsnummer zurückzuführen ist, s. oben). Seit 2010 steigt die Zuwanderung wieder deutlich an
und die Fortzüge gehen zurück, was zu deutlichen Wanderungsgewinnen führt (BMI/BAMF 2014: 14).
27
Nachdem in Sachsen jahrelang ein Wanderungsverlust bei der deutschen Bevölkerung registriert
wurde, konnte der Freistaat 2012 erstmals seit der deutschen Wiedervereinigung einen positiven
Wanderungssaldo für Deutsche (aus anderen Bundesländern) verzeichnen. In diesem Jahr belief sich der
Wanderungsüberschuss bei der deutschen Bevölkerung auf 3.022 Personen (SLFS 2013d: 68).

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22
nach 2011 kontinuierlich gestiegen. Während 2007 lediglich 27,6 Prozent der zugewanderten
Personen Ausländer waren, lag ihr Anteil 2010 bereits bei 30,4 Prozent und 2012 bei
35,0 Prozent (vgl. SLFS 2008: 60; 2010: 64; 2013d: 68).
Abb. 1 Wanderungssaldo von Ausländern, Sachsen 2007–2013
Anmerkung: Die Angaben aus der Wanderungsstatistik beziehen sich auf Wanderungen
über die sächsische Landesgrenze. Für das Jahr 2013 liegen noch keine endgültigen
Wanderungszahlen nach Staatsangehörigkeit vor.
Quelle: SLFS 2008; 2009; 2010; 2011; 2012; 2013d; eigene Darstellung
Die Wanderungstendenzen, die sich aus der amtlichen Wanderungsstatistik und dem AZR (Abb.
A. 1 im Anhang) ergeben, stimmen weitgehend überein. Aus beiden Datenquellen geht hervor,
dass der Zuzug von Ausländern ab 2008 – und vor allem ab 2011 – deutlich zugenommen hat.
Darüber hinaus ist festzustellen, dass die Zu- und Fortzugszahlen der amtlichen
Wanderungsstatistik über den entsprechenden Zahlen des AZR liegen. Die Zahlen des AZR
weisen darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit der ausländischen Zuwanderer auch drei
Monate nach ihrem Zuzug ihren Lebensmittelpunkt im Freistaat hat und sie insofern als
-2.000
0
2.000
4.000
6.000
8.000
10.000
12.000
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
Wanderungssaldo nach der Wanderungsstatistik (WS)
Wanderungssaldo nach dem Ausländerzentralregister (AZR)

image
23
längerfristige Zuwanderer anzusehen sind. Außerdem ist zu beobachten, dass sich die beiden
Zuzugswerte im Jahr 2012 annähern. Entsprechend ist davon auszugehen, dass ein großer Teil
der neu zugezogenen Ausländer länger als drei Monate im Freistaat geblieben ist.
Eine weitere Aufschlüsselung der Zahlen zeigt, dass eine große Mehrheit der zugezogenen
Ausländer vor dem Zuzug ihren Lebensmittelpunkt (tatsächlich) im Ausland hatte. Lediglich
eine Minderheit (14 bis 18 %) wanderte von einem anderen Bundesland in den Freistaat zu.
28
Dagegen entschied sich ein etwas größerer Anteil der in Sachsen wohnhaften Ausländer für
einen Umzug in ein anderes Bundesland: Von allen Ausländern, die aus Sachsen fortgezogen
sind, haben in den vergangenen Jahren zwischen 24,8 und 32,7 Prozent ihren
Lebensmittelpunkt in ein anderes Bundesland verlegt.
29
Dieser Entschluss ist möglicherweise
darauf zurückzuführen, dass in anderen (vorwiegend westdeutschen) Bundesländern die
Berufsperspektiven und Verdienstmöglichkeiten besser sind.
Zuwanderer in Sachsen: jünger als die Gesamtbevölkerung; überwiegend Europäer
Die 2012 nach Sachsen zugewanderten Ausländer waren überwiegend männlich (62,1 %;
Fortgezogene: 64,1 %); die deutliche Mehrheit war unter 30 Jahre alt (Tab. 1). Somit trägt die
Zuwanderung von Ausländern nach Sachsen dazu bei, die demografische Entwicklung im
Freistaat abzufedern und das Verhältnis von Erwerbspersonen zu Rentnern zu verbessern:
30
Nur 27,3 Prozent der sächsischen Gesamtbevölkerung ist unter 30 Jahre alt (Abb. 7), bei den
2012 Zugewanderten ist dieser Anteil mehr als doppelt so hoch. Im Jahr 2011 war etwa ein
Viertel der sächsischen Gesamtbevölkerung 65 Jahre und älter; bei den 2012 zugewanderten
Ausländern lag dieser Anteil unter 1 Prozent. 62,0 Prozent der sächsischen Gesamtbevölkerung
im Jahr 2011 waren 18 bis unter 65 Jahre alt, bei den 2012 zugewanderten Ausländern waren
es 88,9 Prozent. Selbst wenn man die Fortzüge berücksichtigt, fallen immer noch 84,4 Prozent
der ausländischen Zuwanderer (bezogen auf die Nettowanderungszahl) in diese Altersspanne
(SLFS 2013d: 68; Statistisches Bundesamt 2014h).
28
Der Anteil der zwischen 2007 und 2012 nach Sachsen zugewanderten Ausländer, die vor ihrem Zuzug
in einem anderen Bundesland wohnten, ging zwischen 2007 und 2012 von 18,1 Prozent auf 15,5 Prozent
zurück (vgl. SLFS 2008; 2013d).
29
Der Anteil derjenigen, die in ein anderes Bundesland weiterwanderten, an allen aus Sachsen
fortgezogenen Ausländern ging zunächst von 32,7 Prozent im Jahr 2007 auf 24,8 Prozent im Jahr 2010
zurück. 2011 betrug er 29,6 Prozent und 2012 29,2 Prozent (vgl. SLFS 2008; 2011; 2012; 2013d).
30
Bereits heute zeichnet sich ein deutlicher Rückgang der Personen im Erwerbsalter ab (vgl. SMS 2012b:
8).

image
24
Tab. 1 Altersstruktur der zu- und fortgezogenen Ausländer in Sachsen 2012
Zugezogene
(Anteil an der
jeweiligen
Altersgruppe)
Fortgezogene
(Anteil an der
jeweiligen
Altersgruppe)
Wanderungssaldo
(Überschuss der
Zu- bzw. Fortzüge;
Anteil an der
jeweiligen
Altersgruppe)
unter 18 Jahre
10,1 %
7,9 %
14,7 %
18 bis unter 30
Jahre
49,2 %
46,0 %
56,0 %
30 bis unter 40
Jahre
22,9 %
26,3 %
15,7 %
40 bis unter 50
Jahre
10,9 %
11,9 %
8,9 %
50 bis unter 60
Jahre
5,2 %
6,0 %
3,3 %
60 Jahre und älter
1,7 %
1,9 %
1,4 %
Quelle: SLFS 2013d: 68; eigene Darstellung
Die starken Wanderungsgewinne, die Deutschland insgesamt in den letzten Jahren verzeichnen
konnte, gehen größtenteils auf die Zuwanderung von Arbeitsmigranten aus anderen
europäischen Ländern zurück. So kamen zwischen 2007 und 2012 im Durchschnitt 75 Prozent
aller nach Deutschland zugewanderten Ausländer aus dem europäischen Ausland (BMI/BAMF
2012: 232–236); 60 Prozent aller von 2007 bis 2011 ins Bundesgebiet zugezogenen
Zuwanderer hatten ihren Wohnsitz in einem anderen EU-Land (SVR 2013: 54). Auch in Sachsen
kam die Mehrheit der Zugewanderten aus dem europäischen Ausland. Der Anteil der EU-
Zuwanderer liegt jedoch deutlich geringer: Von allen zwischen 2007 und 2012 nach Sachsen
zugezogenen Ausländern kamen 41 Prozent aus EU-Ländern und rund 15 Prozent aus anderen
europäischen Ländern. In den letzten zwei Jahren ist dieser Anteil jedoch gestiegen, 2012
kamen 46 Prozent aller ausländischen Zuzüge aus dem EU-Ausland. Tab. 2 schlüsselt die
Zahlen der Personen, die zwischen 2007 und 2012 aus dem Ausland nach Sachsen

image
25
zugewandert sind, nach Herkunftsgebieten auf.
31
Da sich diese Zahlen lediglich auf Ausländer
beziehen, die über die Bundesgrenze nach Sachsen gekommen sind, liegen sie leicht unter den
Gesamtzahlen aller Ausländer, die im Betrachtungszeitraum in den Freistaat zugezogen sind.
In der Betrachtung der Herkunftsgebiete werden die Zuwanderer verschiedenen
Ländergruppen zugeordnet. Folgende Bezeichnungen werden verwendet:
Drittstaaten sind Staaten, die nicht der EU angehören; nichteuropäische Drittstaaten
sind Drittstaaten außerhalb Europas;
Europäische Nicht-EU-Staaten (bzw. europäische Drittstaaten oder sonstiges Europa)
sind europäische Staaten, die nicht der EU angehören;
32
Europa (insgesamt) umfasst europäische EU- und Nicht-EU-Staaten;
EU26 umfasst alle EU-Staaten (außer Deutschland), die 2012 der EU angehörten (also
alle EU-Staaten ohne Kroatien);
EU14 bezieht sich auf die Ländern, die bereits vor der EU-Erweiterung von 2004 der
Europäischen Union angehörten;
EU10 umfasst die Länder, die der EU 2004 beigetreten sind;
EU2 bezeichnet die Länder Bulgarien und Rumänien, die der EU 2007 beigetreten sind;
GIPS fasst die Länder Griechenland, Italien, Portugal und Spanien zusammen, die von
der Staatsschuldenkrise besonders betroffen sind.
Knapp die Hälfte derer, die zwischen 2007 und 2012 aus anderen EU-Mitgliedsstaaten nach
Sachsen zugewandert sind, kam aus den 2004 beigetretenen Ländern (EU10). Ihre Zahl ist seit
2007 gestiegen, insbesondere seit dem 1. Januar 2011, als für Personen aus diesen Ländern
die Übergangsbestimmungen zur Arbeitnehmerfreizügigkeit ausgelaufen sind. Unter diesen
Personen bilden Zuwanderer aus Polen die zahlenmäßig größte Gruppe, was im Wesentlichen
auf die geografische Nähe und die damit einhergehenden geringen Mobilitätskosten
zurückzuführen sein dürfte. Auch der Zuzug aus Bulgarien und Rumänien (EU2) ist seit 2007
31
Die Staatsangehörigkeit eines Zuwanderers muss nicht notwendigerweise mit dem jeweiligen
Herkunftsgebiet übereinstimmen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die meisten Personen, die im
Laufe der letzten Jahre nach Sachsen zugewandert sind, Staatsangehörige des Landes sind, aus dem sie
jeweils kamen: Von den Personen, die in den letzten Jahren nach Deutschland zugewandert sind,
besaßen nur die aus Spanien, Österreich, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz und Belgien
Gekommenen zu mehr als 20 Prozent nicht die Staatsangehörigkeit des betreffenden Landes (vgl.
BMI/BAMF 2012: 24).
32
Die Gruppe der europäischen Nicht-EU-Staaten ist sehr heterogen zusammengesetzt, sie beinhaltet
z. B. Staaten wie die Türkei oder die Russische Föderation, deren Territorien zu einem beträchtlichen Teil
in Asien liegen.

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26
stetig gestiegen, besonders stark in den Jahren 2011 und 2012: Im Jahr 2010 wanderten noch
lediglich 921 Personen aus Bulgarien und Rumänien nach Sachsen zu, 2011 waren es bereits
1.403 und 2012 1.997 Personen. Dabei dürfte es sich zu einem beträchtlichen Anteil um
Personen handeln, die als Saisonarbeitskräfte eingesetzt wurden. Sie ‚ersetzten’ zunehmend
polnische Arbeitskräfte.
33
Diese bleiben mittlerweile häufiger in ihrem Heimatland, wo sich die
Berufsmöglichkeiten verbessert haben, oder suchen in einem der anderen EU-Mitgliedstaaten
(qualifizierte) Arbeit, denn seit 2011 besteht in allen EU-Staaten volle Arbeitnehmerfreizügigkeit
für Personen aus EU10 Ländern (vgl. BMI/BAMF 2014: 119f.).
34
Tab. 2 Herkunft der ausländischen Zuwanderer in Sachsen 2007 bis 2012
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Europa
(insgesamt)
7.580
7.637
8.811
9.659
11.508
13.922
EU26
5.552
5.396
6.145
6.693
8.742
10.593
EU14
2.041
2.063
2.263
2.433
2.967
3.738
GIPS
1.147
896
1.151
1.189
1.561
2.284
EU10
2.884
2.632
3.068
3.339
4.372
4.858
EU2
627
701
814
921
1.403
1.997
sonstiges Europa
2.028
2.241
2.666
2.966
2.766
3.329
Afrika
819
871
880
827
1.444
1.486
Asien
4.064
4.557
4.873
4.890
5.045
5.780
andere Staaten
und unbekannt
1.375
1.459
1.626
1.774
1.674
1.653
insgesamt
13.838
14.524
16.190
17.150
19.671
22.841
Anmerkung: Zuwanderer, die über die Bundesgrenze gekommen sind, werden nach
Herkunftsgebieten zugeordnet (nicht nach Staatsangehörigkeit).
Quelle: SLFS 2008; 2009; 2010; 2011; 2012; 2013d; eigene Darstellung
33
Im Jahr 2004 kamen ca. 80 Prozent aller Saisonarbeiter in Deutschland aus Polen, 2010 waren es nur
noch 60 Prozent (BMI/BAMF 2012: 79).
34
Die Entscheidung polnischer Arbeitnehmer, in andere EU-Länder zu wandern, kann auch damit
zusammenhängen, dass die im Erweiterungsprozess vorgesehenen Übergangsbestimmungen
unterschiedlich gehandhabt wurden. So gewährte beispielsweise die britische Regierung den
Staatsangehörigen der zehn EU-Beitrittsländer bereits 2004 vollen Zugang zum britischen Arbeitsmarkt;
im Jahr 2007 entschied sie sich jedoch, für Rumänen und Bulgaren beim EU-Beitritt dieser Länder
Arbeitsmarktbeschränkungen
aufrechtzuerhalten.
Die
spanische
Regierung
führte
2009
Arbeitsmarktbeschränkungen für Rumänen wieder ein, nachdem sie ihnen ursprünglich vollen Zugang
zum heimischen Arbeitsmarkt gestattet hatte (vgl. SVR 2013: 52).

image
27
Neben den Zuzügen aus ost- und südosteuropäischen Ländern kommen seit 2009 auch mehr
Personen aus Ländern, die bereits vor 2004 der EU angehört haben (EU14), deren Bürger also
im Gegensatz zu denen aus ost- und südosteuropäischen Staaten schon länger einen
uneingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt genießen. Die Zuzüge von Personen
aus diesen Ländern haben sich zwischen 2010 und 2012 um 54 Prozent erhöht. Mehr als die
Hälfte dieser Zuwanderer haben vor ihrem Zuzug nach Sachsen in Griechenland, Italien,
Portugal oder Spanien (GIPS) gelebt, also in den südeuropäischen Ländern, die besonders von
der Staatsschuldenkrise betroffen waren bzw. sind.
35
Die Zuzüge aus den GIPS-Ländern lagen
2012 46 Prozent über der Vorjahreszahl, und 92 Prozent über der Zahl von 2010 (SLFS 2010;
2011; 2012; 2013d). Der Entschluss, nach Deutschland zu ziehen, geht vermutlich in den
meisten Fällen auf die wirtschaftliche Rezession in den Heimatländern und die damit
verbundene hohe Arbeitslosigkeit zurück, von der insbesondere junge Erwachsene betroffen
waren und sind (vgl. SVR 2013: 57). Obwohl sich seit 2010 eine zunehmende Anzahl von
Personen aus südeuropäischen Ländern entscheidet, nach Sachsen zu ziehen, machen Zuzüge
aus diesen Ländern insgesamt nur einen vergleichsweise geringen Anteil an allen ausländischen
Zuzügen aus: Im Jahr 2012 kamen knapp 10 Prozent aller ausländischen Zuwanderer und
21,6 Prozent aller EU-Zuwanderer aus den von der Staatsschuldenkrise betroffenen Ländern
Südeuropas.
Im Laufe der letzten Jahre sind aber nicht nur mehr Personen aus EU-Ländern nach Sachsen
gekommen, sondern auch mehr Zuwanderer aus sog. Drittstaaten. Sie kamen vor allem aus
europäischen Nicht-EU-Staaten, aus Asien und in geringerem Umfang aus Afrika. Unter den aus
Asien zugewanderten Personen stellen seit 2008 Zuwanderer aus China und Indien die
zahlenmäßig größten Gruppen. Bei diesen Zuwanderern handelt es sich vor allem um
hochqualifizierte Arbeitnehmer sowie im Fall Chinas um Studierende (BMI/BAMF 2014: 20; Kap.
3.2.1).
Zuwanderung von Flüchtlingen und Asylbewerbern nach Sachsen: Zahlen steigen wieder
Eine Sondergruppe unter den Zuwanderern bilden Flüchtlinge und Asylbewerber: Gemäß Artikel
16a Grundgesetz (GG) genießen politisch Verfolgte in der Bundesrepublik Deutschland Asyl.
36
35
57 Prozent aller Personen, die in den Jahren 2011 und 2012 aus einem EU14-Land nach Sachsen
zogen, kamen aus Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland (SLFS 2012; 2013d).
36
Als politisch Verfolgte gelten Menschen, denen aufgrund ihrer „politische[n] Überzeugung, religiöse[n]
Grundentscheidung oder [für sie] unverfügbare[r] Merkmale, die [ihr] Anderssein prägen, gezielt

image
28
Als Anfang der 1990er Jahre die Zahl der Asylanträge drastisch anstieg – was vor allem auf den
Zusammenbruch des Ostblocks und den Ausbruch des Bürgerkriegs in Jugoslawien
zurückzuführen war –, wurde im Jahr 1992 im Rahmen des ‚Asylkompromisses‘ das Grundrecht
auf Asyl in Deutschland geändert.
37
Seitdem können sich Personen, die aus sog. sicheren
Drittstaaten ins Bundesgebiet eingereist sind, nicht auf den grundgesetzlichen Schutz vor
politischer Verfolgung berufen; von solchen Ländern ist Deutschland vollständig umgeben. Für
den Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention und die Gewährung des sog. subsidiären
Schutzes – dies sind die Formen humanitären Schutzes, die auf EU-Ebene vereinheitlicht
wurden sind und in das verfassungsrechtliche Asylrecht fast vollständig ablösen – gilt diese
Regelung allerdings nicht.
38
Die Zuständigkeit für die Prüfung der Schutzbegehren von
Personen, die in der Europäischen Union ankommen, ist nach Maßgabe der Dublin-Verordnung
geregelt. Die dort enthaltenen Regelungen überlagern die in Art. 16a Abs. 2 GG enthaltene
Drittstaatenregelung für das verfassungsrechtliche Asylrecht. Insbesondere im Fall der illegalen
Einreise in die EU bestimmt die Dublin-Verordnung, dass derjenige Staat, über den der
Schutzsuchende die EU erstmalig betreten hat, für die Prüfung des Schutzbegehrens zuständig
ist. Durch eine Vielzahl von Faktoren
39
ging die Zahl der Asylanträge ab Mitte der 1990er Jahre
deutlich zurück und erreichte mit 19.164 Erstanträgen im Jahr 2007 ihren Tiefstand. Seither
steigt sie jedoch wieder, u. a. infolge des syrischen Bürgerkriegs und der zunehmenden Zahl
von Asylsuchenden aus den Westbalkanländern und der Russischen Föderation. Im Jahr 2008
wurden 64.539 Erstanträge gestellt, 2013 waren es bereits 109.580 (vgl. SVR 2014: 53f.; BAMF
2014b: 3).
Asylbewerber werden in Deutschland nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer
verteilt. Sachsen musste auf dieser Grundlage 2013 5,1 Prozent aller Asylsuchenden
Rechtsverletzungen zugefügt“ werden, die sie „aus der übergreifenden Friedensordnung der staatlichen
Einheit ausgrenzen“ (
http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylrecht/asylrecht-node.html
,
22.08.2014).
37
Die Neuregelung des Asylrechts ist am 01.07.1993 in Kraft getreten.
38
Die individuellen Schutzansprüche von verfolgten Personen sind weitgehend durch europäisches Recht
geregelt. Kerninstrument im Unionsrecht ist die sog. Anerkennungs- oder Qualifikationsrichtlinie, die die
Kriterien für die Anerkennung sowohl als GFK-Flüchtling als auch als subsidiär Schutzberechtigter und die
jeweiligen Rechtsfolgen festlegt (vgl. SVR 2011: 164ff., SVR 2014: 79ff.)
39
Dazu gehörten rechtliche und administrative Änderungen wie die Definition sicherer Drittstaaten, die
Einführung des Flughafenverfahrens zur beschleunigten Ablehnung „offensichtlich unbegründeter“
Anträge, die generelle Beschleunigung der Verfahren oder die – später über das System EURODAC auch
EU-weit eingeführte – Vermeidung von Mehrfachanträgen über den Abgleich von Fingerabdrücken (vgl.
Zuwanderungsrat 2004: 137ff.); aber auch exogene Entwicklungen wie z. B. das Ende des Jugoslawien-
Konflikts, die graduelle EU-Osterweiterung oder die Verbesserung der menschenrechtlichen Verhältnisse
in der Türkei.

image
29
aufnehmen; dies gilt auch für das Jahr 2014 (BAMF 2014e: 14). Der Anteil der Sachsen
zugewiesenen Asylbewerber an allen in Deutschland Aufgenommenen blieb jedoch leicht unter
dem errechneten Wert (4,6 %). In absoluten Zahlen nahm Sachsen 2013 5.040
Erstantragsteller auf (Tab. 3) (vgl. BAMF 2014e: 14). Somit hat sich die Zahl der in Sachsen
gestellten Erstanträge seit 2011 (2.128 Erstanträge) mehr als verdoppelt.
40
Fast die Hälfte der
Asylbewerber stammt aus europäischen Nicht-EU-Staaten, vor allem aus der Russischen
Föderation. Bei Letzteren handelt es sich überwiegend um Angehörige der tschetschenischen
Volksgruppe, die erst seit Herbst 2012 in größerer Zahl nach Deutschland zuwandern und Asyl
beantragen (vgl. BMI 2014).
41
Tab. 3 Herkunft der in Sachsen aufgenommenen Asyl-Erstantragsteller 2013
Zahl
Anteil
Russische Föderation
1.666
33,1 %
Tunesien
515
10,2 %
Serbien
438
8,7 %
Syrien
376
7,5 %
Libyen
296
5,9 %
Georgien
287
5,7 %
Indien
214
4,2 %
Pakistan
192
3,8 %
Afghanistan
161
3,2 %
Mazedonien
153
3,0 %
sonstige
742
14,7 %
alle Herkunftsländer
5.040
100,0 %
Quelle: Landtagsdrucksache Nr.: 5/16370;
42
eigene Darstellung
Mit der Zahl der Asylbewerber nehmen auch die anhängigen Asylverfahren zu. Asylbewerbern
mit einem anhängigen Verfahren ist der Aufenthalt in Deutschland gestattet. Dabei handelt es
40
Die Asylantragstellung erfolgt nach der Verteilung des jeweiligen Flüchtlings an das für ihn zuständige
Bundesland (vgl. BAMF 2014a).
41
Etwa 95 Prozent aller Russen, die 2013 in Deutschland Asyl beantragten, waren Muslime (vgl. BAMF
2014e: 22).
42
Kleine Anfrage der Abgeordneten Freya-Maria Klinger, Fraktion DIE LINKE, Drs.-Nr.: 5/13670, Thema:
Asylstatistik 2013.

image
30
sich um einen vorübergehenden Aufenthaltstitel, der bis zum rechtskräftigen Abschluss des
Asylverfahrens gilt (BAMF 2014a).
Von den 3.556 Asylentscheidungen, die das BAMF in Sachsen im Laufe des Jahres 2013 traf,
handelte es sich in 1.121 Fällen (31,5 % aller Entscheidungen) um eine Ablehnung. Elf
Personen (0,3 %) wurden wegen politischer Verfolgung als Flüchtlinge gemäß Art. 16a GG
anerkannt. Hinzu kamen insgesamt 278 Personen (7,8 %), denen GFK-Flüchtlingsschutz gemäß
§ 60 Abs. 1 AufenthG
43
gewährt wurde.
44
Die Entscheidungen des BAMF über die restlichen
2.146 Asylanträge liegen nicht vor (Landtagsdrucksache Nr.: 5/16370).
45
Mit den Asylanträgen ist seit 2008 auch die Zahl derer gestiegen, die Regelleistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) beziehen (Abb. 2).
46
43
In Anlehnung an die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) dürfen Ausländer nach § 60 Abs. 1 AufenthG
nicht in ihre Heimatstaaten abgeschoben werden, wenn sie dort aufgrund ihrer „Rasse, Religion,
Staatsangehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder [ihrer] politischen
Überzeugung“ einer Bedrohung ausgesetzt sind. Die Verfolgung kann von staatlichen, staatsähnlichen
oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen (staatsähnliche Akteure sind Organisationen oder Parteien, die
den Staat oder Teile des staatlichen Hoheitsgebiets übernommen haben). Eine Verfolgung durch
nichtstaatliche Akteure liegt vor, wenn staatliche oder staatsähnliche Instanzen nicht in der Lage oder
bereit sind, ihre Bürger vor Verfolgung zu schützen (vgl. BAMF 2014e: 32).
44
Von letzteren Personen besaßen 94 die pakistanische und 124 die syrische Staatsangehörigkeit.
45
Dabei dürfte ein beträchtlicher Anteil der Asylanträge in ‚sonstigen Verfahrenserledigungen‘ oder im
Rahmen formeller Entscheidungen (z. B. bei Rücknahme eines bereits gestellten Asylantrags)
entschieden worden sein.
46
Zu den Leistungsempfängern zählen neben Asylbewerbern und ihren unmittelbaren Angehörigen auch
Personen, die sich im sog. Flughafenverfahren befinden oder „vollziehbar ausreisepflichtig sind“, sowie
Geduldete und andere Ausländer, die über einen nicht verfestigten Aufenthaltsstatus aus
völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen verfügen (§ 1 Abs. 1 Nr. 2–5 AsylbLG).

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31
Abb. 2 Regelleistungsempfänger in Sachsen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz 2007–2012
Quelle: SLFS 2013d: 401; eigene Darstellung
Bei den Regelleistungsempfängern handelt es sich mehrheitlich um junge Erwachsene,
Jugendliche und Kinder: Ende 2012 waren ca. 59 Prozent aller Regelleistungsempfänger unter
30 Jahren; der Anteil der Regelleistungsempfänger unter 15 Jahren betrug 20 Prozent (vgl.
SLFS 2013b: 9).
Im Jahr 2012 kamen – wie auch in den vorigen Jahren – mehr als die Hälfte aller
Regelleistungsempfänger aus asiatischen Ländern. Neben den asiatischen Staaten Indien (691
Personen), Pakistan (575 Personen) und dem Libanon (567 Personen) gehörten zu den
Hauptherkunftsländern der Regelleistungsempfänger auch die Russische Föderation (638
Personen), Tunesien (472 Personen) und Serbien (450 Personen) (SLFS 2013d: 400). Durch
den Anstieg der Asylanträge im Jahr 2013 dürfte die Zahl der Regelleistungsempfänger auch
2014 steigen, insbesondere derer aus europäischen (vor allem der Russischen Föderation) und
asiatischen (vor allem Syrien), in etwas geringerem Umfang aber auch aus afrikanischen
Ländern (vor allem Somalia und Eritrea) (BMI 2014).
Über zwei Drittel der in Sachsen lebenden Asylbewerber (68,0 %) waren Ende Dezember 2012
in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, 27,9 Prozent dezentral und 4,1 Prozent in
Aufnahmeeinrichtungen (SLFS 2013b: 8) (Info-Box 1). Familien mit minderjährigen Kindern
(54,5 %)
und
alleinstehende
Frauen
(54,8 %)
lebten
zum
größten
Teil
in
Gemeinschaftsunterkünften (SLFS 2013b: 13).
5.719
4.624
4.847
4.892
5.549
7.042
0
2.000
4.000
6.000
8.000
2007
2008
2009
2010
2011
2012

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32
Info-Box 1 Unterbringung von Asylsuchenden in Sachsen: der ‚Heim-TÜV‘
Nach einem Aufenthalt in einer Erstaufnahmeeinrichtung, der zwischen sechs Wochen und drei
Monaten dauert, werden die meisten Asylbewerber in sog. Gemeinschaftsunterkünften
untergebracht. Auch in Sachsen lebt der überwiegende Teil der Asylbewerber in einer
Gemeinschaftsunterkunft (vgl. SLFS 2013d: 400).
Um eine menschenwürdige Unterbringung der Heimbewohner zu gewährleisten, werden seit
2010 alle Gemeinschaftsunterkünfte regelmäßig von Mitarbeitern des Sächsischen
Ausländerbeauftragten (Kap. 3.2.3) besucht und begutachtet (sog. Heim-TÜV). Vor dem
Besuch wird die zuständige Unterbringungsbehörde um die Übersendung statistischer Daten
gebeten. Der Besuch wird erst drei bis sieben Tage vorher angekündigt; damit soll vermieden
werden, dass versucht wird, die Verhältnisse kurzfristig zu verbessern. Am Tag des Besuchs
interviewt
ein
vierköpfiges
Datenerhebungsteam
des
Ausländerbeauftragten
die
Heimbewohner und führt Gespräche mit der zuständigen Unterbringungsbehörde, den mit der
Flüchtlingsarbeit betrauten Sozialarbeitern sowie den Betreibern und Mandatsträgern durch.
Um die in der jeweiligen Gemeinschaftsunterkunft herrschenden Lebensbedingungen detailliert
zu erfassen, wird ein eigens dafür entwickelter Heim-TÜV-Fragebogen eingesetzt. Die
verwendeten Indikatoren wurden in Zusammenarbeit mit den maßgeblichen Akteuren für die
soziale Flüchtlingsarbeit in Sachsen (z. B. Wohlfahrtsverbände, Flüchtlingsorganisationen)
ausgearbeitet. Sie beziehen sich auf zehn Faktoren: Unterbringung von Familien und Frauen;
Sicherheit im Heim; soziale Betreuung; Frauen- und Familiengerechtheit; Integration von
Kindern; Bildungsangebote; Mitwirkungsmöglichkeiten; Lage und Infrastruktur; Zustand und
Umfeld; gesellschaftliche Einbindung (vgl. Sächsischer Ausländerbeauftragter 2014: 17–21).
Die
Ergebnisse
der
Begutachtung
werden
dann
zur
Stellungnahme
an
die
Unterbringungsbehörde weitergeleitet, die für das Heim zuständig ist. Anschließend werten die
Mitarbeiter des Sächsischen Ausländerbeauftragten die Ergebnisse nach einem Heim-TÜV-
Bewertungsschema aus, indem sie sie für alle Faktoren nach einem Ampelsystem einordnen:
grün (angemessen), gelb (zu beobachten) und rot (unangemessen). Die Farben stehen jeweils
für einen bestimmten Wert: grün = +1, gelb = 0 und rot = –1. Daraus werden für jeden der
zehn Faktoren Durchschnittswerte berechnet und aus diesen wiederum ein durchschnittlicher
Gesamtwert für die Unterkunft, wobei wichtigere Faktoren höher gewichtet werden. Die
Ergebnisse des Heim-TÜV – sowohl die für die einzelnen Faktoren als auch das
Gesamtergebnis – werden danach wieder in Farbwerten konvertiert. Die Werte zwischen -0,50
und -1 werden rot, die zwischen +0,49 und -0,49 gelb und die zwischen +0,50 und +1,00 als
grün dargestellt. Diese Darstellung wird als Ampelprotokoll bezeichnet. Darüber hinaus werden
positive Aspekte hervorgehoben und Verbesserungsmöglichkeiten erörtert.
Durch dieses System lassen sich alle Gemeinschaftsunterkünfte in Sachsen miteinander
vergleichen. Der Sächsische Ausländerbeauftragte versucht auf diese Weise, Standards für
eine menschenwürdige und angemessene Unterbringung von Flüchtlingen zu setzen, regt zu
einer Weiterentwicklung der Heimunterbringung von Flüchtlingen an und mahnt ggf.
Verbesserungen an. Seit der Einführung des Heim-TÜV 2010 haben sich die Zustände in
sächsischen Flüchtlingsheimen deutlich verbessert: Der Anteil der als ‚rot‘ eingestuften Heime
sank von 50 Prozent (2010) auf 10 Prozent (2011) und liegt mittlerweile bei 0 Prozent (2013)
(vgl. Sächsischer Ausländerbeauftragter 2014: 5).

image
33
2.3
Statistischer Überblick über die im Freistaat Sachsen lebenden Zuwanderer
Ausländische Bevölkerung: sichtbarer Anstieg in den letzten Jahren
Fast ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung leben weiterhin deutlich weniger
Zuwanderer in den ostdeutschen als in den westdeutschen Bundesländern. Außerdem
unterscheidet sich die Zusammensetzung der zugewanderten Bevölkerung in allen
ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin grundlegend von der in den
westdeutschen Bundesländern. Ein überdurchschnittlich großer Anteil der in Ostdeutschland –
insbesondere in Sachsen – wohnenden Zuwanderer stammt traditionell aus asiatischen
Ländern, während europäische Zuwanderer im Freistaat vergleichsweise unterrepräsentiert
sind. Durch die oben beschriebenen Zuwanderungsbewegungen der letzten Jahre zeichnet sich
jedoch langsam ein Wandel in der Struktur der Zuwandererbevölkerung ab. Die Veränderung
zeigt sich schon in einer Zunahme der sächsischen Ausländerbevölkerung insgesamt: Durch die
gestiegene kräftige Zuwanderung ist die nichtdeutsche Bevölkerung des Freistaats seit 2010
um knapp 24 Prozent gewachsen (Abb. 3).
Daten zur ausländischen Bevölkerung bieten die Bevölkerungsfortschreibung und das AZR
(Info-Box 2). Die in Abb. 3 ausgewiesenen Zahlen nach AZR und Bevölkerungsfortschreibung
zeigen den deutlichen Anstieg der ausländischen Bevölkerung in Sachsen seit 2010. Laut diesen
Datenquellen lebten im Jahr 2013 zwischen knapp 96.000 und knapp 107.000 Ausländer im
Freistaat.
47
Auffällig ist, dass die Zahlen des AZR deutlich über denen der
Bevölkerungsfortschreibung liegen – obgleich das AZR lediglich Ausländer erfasst, die seit
mindestens drei Monaten im Freistaat (bzw. in Deutschland) wohnen. Nach den Zahlen des
AZR betrug der Ausländeranteil in Sachsen im Jahr 2013 2,6 Prozent, nach der
Bevölkerungsfortschreibung (auf Grundlage des Zensus 2011) lag er bei 2,4 Prozent
(Statistisches Bundesamt 2014c). Woraus diese deutlichen Abweichungen zurückzuführen sind,
wird derzeit noch untersucht (Info-Box 2).
Der Ausländeranteil in Sachsen liegt nach beiden Datenquellen weit unter dem der
Bundesrepublik Deutschland insgesamt: Dieser betrug 2013 nach Bevölkerungsfortschreibung
8,6 Prozent und nach AZR 9,5 Prozent (Statistisches Bundesamt 2014c).
47
Laut Zensus 2011 lebten in Sachsen zum Zeitpunkt der Volkszählung am 09.05.2011 74.810
Ausländer, was zum damaligen Zeitpunkt einem Bevölkerungsanteil von 1,9 Prozent entsprach (Abb. 4)
(SLFS 2013d: 39). Laut AZR hielten sich 2011 89.136 Ausländer in Sachsen auf (Abb. 3).

image
34
Info-Box 2 Daten zur ausländischen Bevölkerung
Daten
zur
ausländischen
Bevölkerung
in
Deutschland
bietet
sowohl
die
Bevölkerungsfortschreibung als auch das Ausländerzentralregister (AZR).
Die Bevölkerungsfortschreibung erfasst den Bevölkerungsstand nach dem jeweils letzten
Zensus und die Ergebnisse der natürlichen Bevölkerungsbewegungen (Geburten- und
Sterbefälle), der Wanderungsstatistik (Zu- und Fortzüge), Staatsangehörigkeitswechseln und
Ehescheidungen. Zudem berücksichtigt sie nachträglich berichtigte Meldungen. Die
betreffenden Daten werden von den Standesämtern, Meldebehörden und Amtsgerichten
monatlich an die Statistischen Landesämter übermittelt. Die Fortschreibung erfolgt zum einen
für die Bevölkerung insgesamt, zum anderen aber auch getrennt nach Geschlecht, Alter,
Familienstand, Wohnort und Staatsangehörigkeit. Der Zensus 2011 bietet eine neue Grundlage
für die Bevölkerungsfortschreibung. Dadurch hat sich gezeigt, dass die Bevölkerung in
Deutschland bei früheren Zählungen um ca. 1,5 Millionen überschätzt wurde. Dies ist
insbesondere auf eine Überschätzung der ausländischen Bevölkerung (1,1 Millionen)
zurückzuführen.
Das AZR erfasst die ausländische Bevölkerung zusätzlich zu ihrer Erfassung im Melderegister.
Hier werden jedoch nur Informationen über Ausländer gespeichert, die sich „nicht nur
vorübergehend“ im Bundesgebiet aufhalten (§ 2 Abs. 1 AZRG), d. h. in der Regel länger als
drei Monate. Die entsprechenden Daten werden von den lokalen Ausländerbehörden an das
BAMF (die Registerbehörde des AZR) übermittelt. Das AZR ermöglicht eine weitergehende
Differenzierung der ausländischen Bevölkerung als die Bevölkerungsfortschreibung, da es z. B.
auch Informationen zu Staatsangehörigkeiten, Aufenthaltsdauer und Aufenthaltsstatus enthält.
Die Zahlen zur ausländischen Bevölkerung nach AZR und Zensus unterscheiden sich deutlich.
Die Abweichungen werden derzeit vom Statistischen Bundesamt und dem BAMF analysiert.
Anders als bei der Bevölkerungsfortschreibung können im AZR die Daten nicht anhand der
Ergebnisse des Zensus 2011 korrigiert werden: Zwischen der Registrierung von Ausländern im
AZR und der Ausländerzahl im Zensus gibt es keinen Zusammenhang (vgl. BMI/BAMF 2014:
143f.).

image
35
Abb. 3 Entwicklung der ausländischen Bevölkerung in Sachsen 2007–2013
Anmerkung: Aufgrund der Überschätzung der ausländischen Bevölkerung bis 2010
werden nur Daten der Bevölkerungsfortschreibung berichtet, die auf Grundlage des
Zensus 2011 ermittelt wurden (Jahr 2013: Stand zum 30.09.).
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014c; eigene Darstellung
Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Sachsen: Zensus liefert erstmals differenzierte
Zahlen
Die in Abb. 3 dargestellten Zahlen zeigen zwar die Entwicklung der ausländischen Bevölkerung
im Freistaat Sachsen in den letzten Jahren. Sie geben jedoch keinen Aufschluss über die Größe
der sächsischen Bevölkerung mit Migrationshintergrund, da die Ausländerstatistik Deutsche mit
Migrationshintergrund
zwangsläufig
nicht
berücksichtigt.
Zur
Bevölkerung
mit
Migrationshintergrund in Sachsen gab es bislang keine verlässlichen Ergebnisse, wie sie etwa
für die westlichen Bundesländer mit dem Mikrozensus vorliegen (Info-Box 3).
86.283
84.820
84.991
86.145
89.136
97.156
106.663
81.164
89.805
95.841
0
20.000
40.000
60.000
80.000
100.000
120.000
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
AZR
Bevölkerungsfortschreibung

image
36
Info-Box 3 Daten zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund: Definition und
Besonderheiten in Sachsen
Als Personen mit Migrationshintergrund gelten nach der Definition des Statistischen
Bundesamts für den Mikrozensus „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik
Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in
Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer
in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2013b). Zur Bevölkerung mit
Migrationshintergrund gehören folglich auch Spät-/Aussiedler, eingebürgerte Personen und
Personen, denen bei der Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit neben einer anderen
Staatsangehörigkeit verliehen wurde.
Der Mikrozensus ist eine repräsentative Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in
Deutschland, bei der 1 Prozent der Bevölkerung zu ihren Lebensbedingungen befragt wird.
Seit 2005 erfassen die Statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt in diesem
Rahmen indirekt auch den Migrationshintergrund. Dazu werden die betreffenden Personen zu
eigener Zuwanderung und Staatsangehörigkeit sowie zu der ihrer Eltern befragt. Bei der
Erhebung des Zensus 2011 wurde eine etwas andere Definition von Migrationshintergrund
zugrunde gelegt als im Mikrozensus: Hier wurde nicht wie im Mikrozensus Zuwanderung nach
1949 erfasst, sondern Zuwanderung nach 1955.
In Bezug auf den Migrationshintergrund wurden Ergebnisse des Mikrozensus bislang nur für
die neuen Bundesländer insgesamt veröffentlicht, nicht für einzelne Bundesländer. Begründet
wurde dies damit, dass die in der Befragung der 1-Prozent-Stichprobe des Mikrozensus
erfassten Ausländer auf die Gesamtzahl der Ausländer in der Bevölkerungsfortschreibung
hochgerechnet werden. Hochrechnungsgrundlage war bislang in den neuen Bundesländern die
Fortschreibung auf Basis des 3. Oktobers 1990. Diese Hochrechnungsgrundlage wurde mit
Vorliegen der Ergebnisse des Zensus 2011 neu justiert. Der Zensus ermittelte gegenüber den
‚alten‘ Fortschreibungsergebnissen einen überproportional hohen Rückgang der ausländischen
Bevölkerung. Das Ergebnis wirkt sich damit zwangsläufig auf die Qualität der Hochrechnung
der Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt aus.
Das im Mikrozensus genutzte Verfahren einer Klumpenstichprobe kann die Ergebnisqualität
des Merkmals Migrationshintergrund beeinträchtigen, wenn eine im Verhältnis zur
Gesamtbevölkerung relativ kleine Bevölkerungsgruppe räumlich sehr ungleichmäßig in der
Fläche verteilt lebt. Die allgemeine Veröffentlichungsregel des Mikrozensus, wonach nur
Länderergebnisse mit Werten unter 5.000 (weniger als 50 Fälle in der Stichprobe) mit einem
einfachen relativen Standardfehler von über 15 Prozent behaftet sind und demnach nicht
nachgewiesen werden, wäre damit für dieses Merkmal nicht mehr anwendbar.
Für ein Flächenland wie Sachsen, in dem einerseits der Anteil der Personen mit
Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung sehr gering und andererseits die
Bevölkerung mit Migrationshintergrund sehr ungleich verteilt ist – mit Anteilen von ca. 8 bis
10 Prozent in den Städten Dresden, Leipzig und Chemnitz und ca. 3 Prozent im Erzgebirgskreis
(Tab. A. 1) – kann sich diese ungleiche Verteilung einer vergleichsweise kleinen Anzahl von
Personen bei der Hochrechnung sehr deutlich auswirken. Dies gilt vor allem im Unterschied zu
Vergleichsregionen (z. B. Landkreisen) in westdeutschen Bundesländern, in denen zwar
ähnlich viele Personen mit Migrationshintergrund leben, die Gesamtbevölkerung jedoch kleiner
und somit der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung
größer ist als in Sachsen. Entsprechend tritt der beschriebene Effekt bei der Erfassung und
Hochrechnung dort vermutlich nicht auf bzw. ist weniger stark ausgeprägt.
Aus diesen Gründen erlaubte der Mikrozensus bislang keine Aussagen zur Bevölkerung mit
Migrationshintergrund in Sachsen. Seit Juni 2014 stehen jedoch die Ergebnisse des Zensus
2011 für Auswertungen zur Verfügung. Eine entsprechende Sonderauswertung hat das
Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen für den SVR-Forschungsbereich vorgenommen;

image
37
sie ermöglicht erstmals differenzierte Aussagen zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund
(z. B. zu Erwerbstätigkeit).
Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes und des Statistischen Landesamts des
Freistaats Sachsen sollen ab November 2014 und somit nach Redaktionsschluss dieser Studie
auch Ergebnisse des Mikrozensus nach Migrationshintergrund für Sachsen und weitere neue
Bundesländer veröffentlicht werden. Hintergrund dafür ist die Hochrechnung der
Mikrozensusdaten anhand der Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2011
rückwirkend ab Berichtsjahr 2011. Vergleiche dieser Mikrozensus-Ergebnisse mit denen des
Zensus 2011 zum Migrationshintergrund zeigen keine negativen Auffälligkeiten mehr für die
neuen Bundesländer. Die Ergebnisse für 2005 bis 2010 werden für Sachsen jedoch aus den
oben genannten Gründen weiterhin nicht veröffentlicht.
Der Zensus 2011 gibt nun erstmals detaillierter Auskunft über die Bevölkerung mit
Migrationshintergrund in Sachsen. Danach hatten insgesamt 175.910 der am 11. Mai 2011 in
Sachsen ansässigen Personen einen Migrationshintergrund; 101.090 von ihnen (ca. 58 %)
besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit. Demnach hatten zum damaligen Zeitpunkt
4,4 Prozent der sächsischen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Dieser Wert liegt weit
unter dem Durchschnittswert der Wohnbevölkerung im Bundesgebiet insgesamt, der zum
gleichen Zeitpunkt 19,2 Prozent betrug (Abb. 4) (Statistisches Bundesamt 2014g). In Sachsen
ist der Anteil der dort lebenden Personen mit Migrationshintergrund jedoch höher als in den
übrigen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg.
48
In den fünf
ostdeutschen Ländern lag er 2011 zwischen 3,5 Prozent (Thüringen) und 4,6 Prozent
(Brandenburg) (Statistisches Bundesamt 2014j
)
.
Das Geschlechterverhältnis in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist ausgeglichen.
65,2 Prozent (ca. 114.600 Personen) der Personen mit Migrationshintergrund haben eigene
Wanderungserfahrung, sind also selbst (nach Deutschland) zugewandert (sog. 1. Generation);
34,8 Prozent (ca. 61.300 Personen) sind in Deutschland geboren. Von den Zuwanderern der 1.
Generation sind 22,1 Prozent (23.430 Personen) vor 1990 zugewandert, 29,4 Prozent (31.130
Personen) zwischen 1990 und 1999 und 48,6 Prozent seit 2000. Von den in Deutschland
Geborenen haben 75,4 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit, unter den selbst
Zugewanderten sind es nur 47,9 Prozent (SLFS 2014g). Nach einer vom Statistischen
Landesamt des Freistaats Sachsen für den SVR-Forschungsbereich vorgenommenen Schätzung
auf der Grundlage des Zensus lebten 2011 in Sachsen 22.150 Spätaussiedler (SLFS 2014d),
49
48
Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Berlin lässt sich schlecht mit der anderer ostdeutscher
Bundesländer vergleichen, da sich die Migrationsgeschichte der Stadt aufgrund ihrer Teilung bis 1990
grundlegend von der der übrigen ostdeutschen Bundesländer unterscheidet.
49
„Die Ermittlung der Spätaussiedler erfolgte nach einem Modell und ist damit nur als Schätzung zu
betrachten. Als Spätaussiedler werden Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit bezeichnet, die nach

image
38
das entspricht einem Anteil von ca. 12,6 Prozent an der Bevölkerung mit Migrationshintergrund
bzw. von ca. 0,6 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Nach Ansicht verschiedener Experten lebt
von den ursprünglich den ostdeutschen Bundesländern zugewiesenen Spät-/Aussiedlern noch
ein Drittel bis die Hälfte dort (vgl. Weiss 2013: 386). Würde diese Schätzung für Sachsen
stimmen, so wohnten ca. 38.200 bis 57.900 Spät-/Aussiedler noch im Freistaat (s. Kap. 2.2).
Die anhand des Zensus geschätzte Zahl der Spätaussiedler liegt somit deutlich unter dieser
Schätzung sowie der im ZIK berichteten Schätzung von 46.000 Spät-/Aussiedlern (vgl. SMS
2012b: 8).
50
Da es sich in allen Fällen um Schätzungen handelt, sollten die Zahlen mit Vorsicht
interpretiert werden. In Anbetracht der erst seit Juli 2014 möglichen Schätzung auf Grundlage
der Daten des Zensus 2011 ist jedoch zu vermuten, dass die bis dato verfügbaren Zahlen zu
den in Sachsen lebenden Spät-/Aussiedlern zu hoch lagen.
Die deutliche Mehrheit der in Sachsen lebenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund wohnt
in einer der großen Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig. Entsprechend beträgt der Anteil der
Bevölkerung mit Migrationshintergrund in diesen Städten zwischen 7,9 Prozent (Chemnitz) und
9,9 Prozent (Leipzig) und liegt damit deutlich höher als in den verschiedenen Landkreisen (Tab.
A. 1 im Anhang).
dem 1. Januar 1993 aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, Russland, Rumänien, Polen
sowie Kasachstan zugewandert sind“ (SLFS 2014d).
50
Die Schätzung anhand des Zensus 2011 bezieht sich ausschließlich auf Spätaussiedler, also Personen,
die nach dem 01.01.1993 zugewandert sind. In den Jahren 1991 und 1992 sind 13.568 Aussiedler nach
Sachsen gekommen (Landesdirektion Sachsen 2014). Selbst wenn man diese vollständig hinzurechnet
und davon ausgeht, dass alle 1991 und 1992 zugewanderten Aussiedler noch in Sachsen leben, ergibt
sich ein Höchstwert von etwa 36.000 Personen.

image
39
Abb. 4 Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland und Sachsen 2011
Anmerkung: Datenbasis ist der Zensus 2011.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014i; eigene Darstellung
Zusammensetzung der Zuwandererbevölkerung in Sachsen: Europa und Asien sind wichtige
Herkunftsräume
Dadurch, dass seit 2010 mehr Ausländer vor allem aus europäischen Ländern zuziehen, hat
sich die Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung im Freistaat leicht gewandelt. Wie in
den meisten ostdeutschen Bundesländern war und ist vor allem der Anteil an Zuwanderern aus
asiatischen Ländern vergleichsweise hoch, ebenso die Zahl der Personen, die per Zuweisung
dorthin gekommen sind (Weiss 2007: 39–40). Die in Abb. 5 dargestellten Zahlen zeigen, dass
zur Zeit des Zensus ca. 40 Prozent der sächsischen Bevölkerung mit Migrationshintergrund aus
außereuropäischen Drittstaaten stammten. Im gesamten Bundesgebiet lag dieser Anteil
dagegen nur bei 26,5 Prozent. Diese Ergebnisse beziehen sich zwar nicht allein auf Zuwanderer
aus asiatischen Ländern, sondern auf alle Personen mit einem nichteuropäischen
Migrationshintergrund (Zugewanderte aus Drittstaaten und ihre Nachkommen). Dennoch
deuten die Zahlen auf einen hohen Anteil asiatischer Zuwanderer im Freistaat hin, denn trotz
einer zunehmenden Diversifizierung der Zuwandererbevölkerung in den letzten Jahren (Tab. 2)
7,3%
1,6%
6,9%
1,1%
5,1%
1,7%
0%
4%
8%
12%
16%
20%
Deutschland
Sachsen
EU26
europäische Nicht-EU-Staaten
nichteuropäische Drittstaaten

image
40
leben in Sachsen weiterhin nur relativ wenig Personen aus Afrika, Nord- und Südamerika sowie
Australien und Ozeanien (Tab. A. 2 im Anhang). Im Vergleich zum Bundesgebiet insgesamt ist
zudem der Anteil der Zuwandererbevölkerung aus europäischen Nicht-EU-Staaten deutlich
niedriger.
51
Dies dürfte vorrangig auf die unterschiedliche Migrationsgeschichte in Ost- und
Westdeutschland (Kap. 2.1) zurückzuführen sein; dadurch gibt es beispielsweise in Sachsen
wie in anderen ostdeutschen Bundesländern nicht so viele Personen mit türkischem oder
jugoslawischem Migrationshintergrund wie in den alten Bundesländern (vgl. Statistisches
Bundesamt 2013b; Weiss 2007: 42). Der Anteil der in Sachsen lebenden Personen aus anderen
EU-Staaten an allen Personen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich nur geringfügig
vom gesamtdeutschen Durchschnitt. Das hängt evtl. damit zusammen, dass seit 1990 eine
unbestimmte Zahl von Zuwanderern aus EU-Ländern bzw. ihre in Deutschland geborenen
Kinder innerhalb Deutschlands nach Sachsen umgezogen sind. Allerdings ist zu vermuten, dass
sich die Gruppen der Personen mit EU-Migrationshintergrund im Osten und Westen der
Bundesrepublik
aufgrund
der
unterschiedlichen
Zuwanderungsgeschichte
deutlich
unterscheiden: Im Westen dürfte ein größerer Teil dieser Gruppe aus den EU14-Staaten
stammen, während im Osten mehr Personen aus den EU10-Staaten stammen dürften,
insbesondere durch die Zuwanderung der letzten Jahre (Kap. 1.2). Spätaussiedler stellen mit
einem Anteil von 12,6 Prozent eine der zentralen Großgruppen der in Sachsen lebenden
Menschen mit Migrationshintergrund, die insbesondere der Herkunftsregion „europäische Nicht-
EU-Staaten“ und in geringerem Umfang den EU10-Staaten zuzuordnen sind.
51
Die Gruppe der europäischen Nicht-EU-Staaten (aber auch der nichteuropäisch Drittstaaten) ist
insgesamt sehr heterogen zusammengesetzt und enthält z. B. Staaten, wie die Türkei oder die Russische
Föderation, deren Territorien zu einem beträchtlichen Teil in Asien liegen. Differenziertere Daten liegen
nicht vor.

image
41
Abb. 5 Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland und Sachsen nach
Herkunftsgebieten 2011
Anmerkung: Datenbasis ist der Zensus 2011.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014i; eigene Darstellung
Die Zahlen in Abb. 6 zeigen deutlich, dass die ausländischen Zuwanderer aus EU-Staaten seit
2010 zugenommen haben; absolut ist ihre Zahl von 26.418 Personen (2010) auf 36.670 in Jahr
2013 Personen gestiegen. Seit 2011 sind somit Zahl und Anteil der in Sachsen lebenden EU-
Ausländer höher als die der aus Asien stammenden Ausländer, der bislang größten
Herkunftsgruppe der in Sachsen lebenden Zuwanderer. Absolut ist mittlerweile auch die Zahl
der Ausländer aus europäischen Nicht-EU-Staaten, Asien, Amerika und Afrika gestiegen (Tab.
A. 2 im Anhang). Der Zuwachs der Asiaten geht zum Teil auf den erhöhten Zuzug von Indern
und Chinesen zurück, deren Zahl von 1.821 im Jahr 2010 auf 3.067 im Jahr 2013 (Inder) bzw.
von 3.405 auf 4.570 (Chinesen) angestiegen ist. Die Zahl der Vietnamesen geht hingegen seit
2007 stetig zurück: Hielten sich im Jahr 2007 noch insgesamt 9.302 Vietnamesen in Sachsen
auf, so waren es 2013 nur noch 7.670 Personen. Dieser Rückgang kann vermutlich auch auf
die Einbürgerung einer größeren Zahl von Vietnamesen zurückgeführt werden, die von den in
Sachsen lebenden Ausländern die höchste Einbürgerungsneigung zeigen (Kap. 3.2.3). Auch die
35,2%
37,8%
25,3%
35,7%
39,5%
26,5%
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Sachsen
Deutschland
EU26
europäische Nicht-EU-Staaten
nichteuropäische Drittstaaten

image
42
Zahl der Zuwanderer aus arabischen Ländern (vor allem Syrien, Pakistan, Libanon und dem
Iran)
52
hat zugenommen.
Abb. 6 Ausländische Bevölkerung in Sachsen nach Herkunftsgruppen 2007–2013
Anmerkung: Datenbasis ist das AZR.
53
Quelle: Statistisches Bundesamt 2009; 2010; 2011; 2012a; 2013a; eigene Darstellung
Der Zuwachs an Ausländern aus EU-Ländern geht in erster Linie auf Zuwanderer aus
südeuropäischen und vor allem ost- und südosteuropäischen Ländern zurück: Insbesondere bei
Bulgaren und Rumänen (EU-2) ist ein großer Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen (Tab. A. 2 im
52
So hat sich beispielsweise die Anzahl der Syrer, die sich im Freistaat aufhalten, innerhalb von drei
Jahren mehr als verdoppelt (von 721 auf 1.574).
53
Die Kroaten, die sich im Jahr 2013 in Sachsen aufhielten, sind nicht in der Zahl der Zuwanderer aus
EU-Staaten enthalten, obwohl das Land zum 01.01.2013 der EU beigetreten ist. Ihre Zahlen wurde
stattdessen bei den ausländischen Personen aus europäischen Nicht-EU-Staaten berücksichtigt.
29,7
29,9
29,7
30,7
31,9
33,9
34,4
27,4
27,7
28,1
27,7
26,5
25,3
24,7
4,7
4,6
4,6
4,5
4,8
4,8
5,2
4,6
4,7
4,9
5,0
4,9
4,9
4,8
32,7
31,9
31,6
31,0
30,9
30,0
29,8
0%
20%
40%
60%
80%
100%
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
EU26
europäische Nicht-EU-Staaten
Afrika
Amerika
Asien
andere Staaten, staatenlos und ungeklärt
Australien und Ozeanien
86.587
84.820
84.911
86.145
89.136
97.156
106.663

image
43
Anhang).
54
Auch aus den Ländern, die der EU 2004 beigetreten sind (EU10), wanderten
deutlich mehr Ausländer zu. Dabei handelt es sich in erster Linie um Polen, die sich bereits
2007 in vergleichsweise großer Zahl in Sachsen aufhielten, sowie um Ungarn, Tschechen und
Slowaken. Im Jahr 2013 lebten in Sachsen erstmals seit der Wende mehr Russen bzw. Polen
als Vietnamesen (Tab. A. 3 im Anhang).
55
Letztere stellten bis 2012 die zahlenmäßig größte
Gruppe der im Freistaat lebenden Ausländer. Die gestiegene Zahl von Personen aus den alten
EU-Mitgliedstaaten (EU14) geht in hohem Maße auf die Zuwanderung aus den vier
südeuropäischen Ländern zurück, die besonders stark von der Staatsschuldenkrise betroffen
sind (vgl. SVR 2013: 54–61).
Die ausländische Bevölkerung sowohl aus EU- als auch aus Nicht-EU-Staaten ist in Sachsen
zwischen 2010 und 2013 schneller gewachsen als im Bundesgebiet insgesamt (Tab. 4). In
Gesamtdeutschland ist lediglich die Zahl von Ausländern aus EU2-Ländern rascher gestiegen.
Da in Sachsen vor 2010 vergleichsweise wenig EU-Zuwanderer lebten, liegt die sächsische
Ausländerbevölkerung aus EU-Staaten jedoch weiterhin deutlich unter dem gesamtdeutschen
Durchschnitt: Am 31. Dezember 2012 hatten lediglich 34,8 Prozent der sächsischen
Ausländerbevölkerung die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Mitgliedstaats (ohne
Kroatien); in Gesamtdeutschland betrug der Anteil 40,9 Prozent (Tab. A. 3 im Anhang).
Tab. 4 Veränderungen der ausländischen Bevölkerung aus europäischen Ländern in Sachsen
und in Deutschland zwischen 2010 und 2013
Sachsen
Deutschland
Europa
insgesamt
+25,3 %
+12,6 %
EU26
+38,8 %
+27,9 %
EU14
+30,2 %
+9,7 %
EU10
+37,8 %
+50,5 %
EU2
+75,1 %
+105,7 %
Anmerkung: Datenbasis ist das AZR.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2011; 2012a; 2013a; eigene Darstellung
54
Dabei ist besonders die Anzahl der Rumänen im Freistaat deutlich gestiegen: Wohnten dort 2010
lediglich 1.255 Rumänen, so hat sich ihre Zahl in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt und belief
sich am 31.12.2013 auf 2.702 Personen.
55
Im Jahr 2010 lebten in Sachsen 6.196 Polen, 2013 waren es 8.538. Die russische Bevölkerung im
Freistaat wuchs zeitgleich von 7.395 Personen auf 8.987 Personen an.

image
44
Altersstruktur der Zuwandererbevölkerung in Sachsen: Zuwanderer jünger als Bevölkerung
ohne Migrationshintergrund
Die Struktur der Zuwandererbevölkerung unterscheidet sich deutlich von der der einheimischen
Bevölkerung. Während die Zuwanderer im Freistaat vergleichsweise jung sind, ist in der
Bevölkerung ohne Migrationshintergrund der Anteil älterer Personen sehr hoch: Mehr als ein
Viertel der einheimischen Bevölkerung ist bereits im Rentenalter, und beinahe die Hälfte ist
über 50 Jahre alt (Abb. 7).
Abb. 7 Altersstruktur der sächsischen Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund 2011
Anmerkung: Datenbasis ist der Zensus 2011.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014h; eigene Darstellung
43,6 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sind jünger als 30 Jahre; von den
Deutschen mit Migrationshintergrund sind es sogar 50,4 Prozent. Zudem ist fast ein Viertel aller
24,1
31,5
14,2
13,0
19,5
18,9
20,2
13,5
31,5
22,5
43,6
26,5
15,4
15,7
15,0
21,8
9,5
11,4
7,0
25,2
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Bevölkerung mit
Migrations-
hintergrund
insgesamt
Deutsche mit
Migrations-
hintergrund
Ausländer
Bevölkerung ohne
Migrations-
hintergrund
unter 18 Jahre
18 bis unter 30 Jahre
30 bis unter 50 Jahre
50 bis unter 65 Jahre
65 Jahre und älter

image
45
in Sachsen wohnenden Personen mit Migrationshintergrund jünger als 18 Jahre.
Demgegenüber sind von den Deutschen ohne Migrationshintergrund nur 26,5 Prozent unter 30
Jahre und 13,0 Prozent unter 18 Jahre. Der auffallend hohe Anteil minderjähriger Deutscher
mit Migrationshintergrund und der vergleichsweise geringe Anteil der unter 18-jährigen
Ausländer ist vermutlich auf die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts von 1999/2000
zurückzuführen: Seit dem 1. Januar 2000 erwerben im Inland geborene Kinder von Ausländern
bei der Geburt automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn mindestens ein Elternteil
ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt und seit mindestens acht Jahren in Deutschland lebt
(Kap. 3.2.3).
56
Durch die jüngere Altersstruktur der Zuwanderer verändert sich auch die Zusammensetzung
der sächsischen Bevölkerung in den jüngeren Generationen: Bereits heute haben 7,9 Prozent
aller unter 18-jährigen Bewohner des Freistaats einen Migrationshintergrund; in der
Bevölkerung über 65 Jahre sind es lediglich 1,7 Prozent (Statistisches Bundesamt 2014h). Der
Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund liegt zwar weiterhin deutlich unter dem
bundesdeutschen Durchschnittswert.
57
Jedoch ist offensichtlich, dass die in Sachsen lebenden
Zuwanderer erheblich dazu beitragen, die im ZIK (vgl. SMS 2012b: 8) beschriebenen
Herausforderungen des demografischen Wandels, insbesondere das sinkende Potenzial an
Erwerbspersonen abzufedern.
58
Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen in Sachsen: ein Drittel unbefristet
Staatsangehörige aus Drittstaaten, die nach Deutschland einreisen und sich im Bundesgebiet
aufhalten wollen, benötigen im Gegensatz zu Unionsbürgern
59
grundsätzlich einen
56
Die Personen, die unter diese Regelung fallen, müssen sich zwischen ihrem 18. und ihrem 23.
Lebensjahr für eine Staatsangehörigkeit entscheiden (d. h. sie müssen entweder auf die ausländische
oder auf die deutsche Staatsangehörigkeit verzichten). Tun sie dies nicht, verlieren sie automatisch die
deutsche Staatsangehörigkeit. Allerdings soll diese sog. Optionspflicht nach dem Willen der Ende 2013
gebildeten Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD für „in Deutschland geborene und aufgewachsene
Kinder ausländischer Eltern“ abgeschafft werden (vgl. CDU/CSU/SPD 2013; BT-Drs. 18/1312). Die im
Koalitionsvertrag vereinbarte Abschaffung der Optionspflicht wurde Anfang Juli 2014 im Bundestag
beschlossen. Zu Redaktionsschluss dieser Studie im August 2014 war vorgesehen, dass die Regelung im
September 2014 im Bundesrat beraten wird.
57
Laut Zensus 2011 haben 27,0 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahre einen Migrationshintergrund
(vgl. Statistisches Bundesamt 2014g).
58
Schon heute ist ein deutlicher Rückgang der Personen im Erwerbsalter abzusehen: Ihr Anteil an der
Gesamtbevölkerung Sachsens wird „von mehr als 60 % auf 53 % im Jahr 2025 sinken“ (SMS 2012b: 8).
59
Für Unionsbürger, die als Arbeitnehmer oder Selbständige in einem anderen Mitgliedstaat arbeiten,
gelten Arbeitnehmerfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit. Sie fallen nicht unter das Aufenthaltsgesetz,
sondern unter das Freizügigkeitsgesetz/EU. Daher kann die Zuwanderung von Unionsbürgern nach
Deutschland politisch nicht nennenswert gesteuert werden. Drittstaatsangehörige haben dagegen kein

image
46
Aufenthaltstitel (§ 4 Abs. 1 AufenthG). Seit Inkrafttreten des Aufenthaltsgesetzes am 1. Januar
2005 gibt es hauptsächlich zwei Aufenthaltstitel: eine (zeitlich befristete) Aufenthaltserlaubnis
und eine (zeitlich unbefristete) Niederlassungserlaubnis. Hinzu kam am 28. August 2007 ein
dritter Aufenthaltstitel: die Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG (vgl. BMI/BAMF 2013: 169). Zum
1. August 2012 ist für Hochqualifizierte die Blue Card eingeführt worden (s. Kap. 2.4.1). Die
Aufenthaltserlaubnis wird hauptsächlich zu vier Zwecken ausgestellt (vgl. Schneider 2012):
Ausbildung, Erwerbstätigkeit, humanitäre Gründe (z. B. zur Regelung des Aufenthalts
anerkannter Flüchtlinge und Asylberechtigter) und Familiennachzug. Der Aufenthalt von
Asylbewerbern und Ausreisepflichtigen ist gesondert geregelt. Asylbewerber erhalten für die
Dauer ihres Asylverfahrens eine Aufenthaltsgestattung und ausreisepflichtige Ausländer, sofern
die Ausreisepflicht nicht durchgesetzt werden kann, eine Duldung (vgl. BMI/BAMF 2013: 169–
172).
60
Es fällt auf, dass mehr als ein Drittel aller in Sachsen aufhältigen Drittstaatsangehörigen
zum Jahresende 2013 ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besaß. Hierbei handelt es sich
entweder um eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nach dem bis Ende 2004 geltenden
Ausländergesetz (AuslG) oder um eine unbefristete Niederlassungserlaubnis nach dem
AufenthG, das zum 1. Januar 2005 das AuslG ersetzt hat. Diese Personen unterliegen In
Deutschland keinen aufenthaltsrechtlichen Beschränkungen, zudem genießen sie, sofern sie in
Besitz einer Daueraufenthaltserlaubnis-EU sind (§ 9a AufenthG) innerhalb der Europäischen
Union Freizügigkeit. 17,4 Prozent der in Sachsen lebenden Drittstaatsangehörigen hatten eine
befristete Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen. Etwas mehr als ein Zehntel (11,3 %)
waren
geduldet
oder
hatten
aufgrund
eines
laufenden
Asylverfahrens
eine
Aufenthaltsgestattung (Kap. 1.2). Ähnlich viele (10,9 %) besaßen eine Aufenthaltserlaubnis
zum Zweck der Ausbildung. Nur wenige Drittstaatsangehörige hatten eine Aufenthaltserlaubnis
aus humanitären Gründen (etwa weil sie asylberechtigt, nach der Genfer Flüchtlingskonvention
als Flüchtlinge anerkannt waren oder aufgrund von Abschiebungsverboten subsidiär geschützt
waren). Auch eine befristete Aufenthaltserlaubnis zum Zweck der Erwerbstätigkeit hatten nur
wenige; von diesen kommt fast die Hälfte (47,6 %) aus asiatischen Ländern (Statistisches
Bundesamt 2014b).
generelles Recht auf Einwanderung nach und Niederlassung in Deutschland. Zu den Zuzugsmotiven von
Unionsbürgern liegt kaum statistisch belastbares Material vor; aus dem Mikrozensus 2008 ist jedoch
bekannt, dass Arbeitsaufnahme mit 42,8 Prozent das dominante Zuzugsmotiv der EU-Zuwanderer nach
Deutschland ist (vgl. SVR 2013: 63).
60
Die
Duldung
ist
kein
regulärer
Aufenthaltstitel,
sondern
begründet
lediglich
ein
Vollstreckungshindernis, d.h. die Abschiebung wird ausgesetzt. Der Aufenthalt bleibt jedoch rechtswidrig
(vgl. Schneider 2012: 46).

image
47
Abb. 8 zeigt die Verteilung der 69.516 Drittstaatsangehörigen, die sich nach Angaben des AZR
am 31. Dezember 2013 in Sachsen aufhielten, nach Aufenthaltszwecken.
Es fällt auf, dass mehr als ein Drittel aller in Sachsen aufhältigen Drittstaatsangehörigen zum
Jahresende 2013 ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besaß. Hierbei handelt es sich entweder
um eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nach dem bis Ende 2004 geltenden Ausländergesetz
(AuslG) oder um eine unbefristete Niederlassungserlaubnis nach dem AufenthG, das zum
1. Januar 2005 das AuslG ersetzt hat. Diese Personen unterliegen In Deutschland keinen
aufenthaltsrechtlichen Beschränkungen, zudem genießen sie, sofern sie in Besitz einer
Daueraufenthaltserlaubnis-EU sind (§ 9a AufenthG) innerhalb der Europäischen Union
Freizügigkeit. 17,4 Prozent der in Sachsen lebenden Drittstaatsangehörigen hatten eine
befristete Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen. Etwas mehr als ein Zehntel (11,3 %)
waren
geduldet
oder
hatten
aufgrund
eines
laufenden
Asylverfahrens
eine
Aufenthaltsgestattung (Kap. 1.2). Ähnlich viele (10,9 %) besaßen eine Aufenthaltserlaubnis
zum Zweck der Ausbildung. Nur wenige Drittstaatsangehörige hatten eine Aufenthaltserlaubnis
aus humanitären Gründen (etwa weil sie asylberechtigt, nach der Genfer Flüchtlingskonvention
als Flüchtlinge anerkannt waren oder aufgrund von Abschiebungsverboten subsidiär geschützt
waren). Auch eine befristete Aufenthaltserlaubnis zum Zweck der Erwerbstätigkeit hatten nur
wenige; von diesen kommt fast die Hälfte (47,6 %) aus asiatischen Ländern (Statistisches
Bundesamt 2014b).

image
48
Abb. 8 Aufenthaltszwecke der am 31. Dezember 2013 in Sachsen lebenden
Drittstaatsangehörigen
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014b; eigene Darstellung
2.4
Migrationspolitische Aktivitäten im Freistaat Sachsen
2.4.1 Migrationspolitische Aktivitäten des Bundes
Migrationspolitische Reformen auf Bundesebene: Blue Card, § 18c AufenthG, Neuregelung der
Beschäftigungsverordnung
Der Bundesgesetzgeber hat in den vergangenen Jahren wichtige „Weichenstellungen in der
Migrationspolitik“ (SVR 2014: 70) vorgenommen. Dadurch wurden Rahmenbedingungen
geschaffen, die Deutschland im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte
attraktiv machen.
Seit August 2012 können Drittstaatsangehörige eine Blaue Karte EU beantragen (§ 19a
AufenthG),
wenn
sie
einen
deutschen
oder
einen
anerkannten
ausländischen
10,9%
3,7%
5,3%
17,4%
11,3%
0,9%
35,3%
15,1%
Ausbildung
Erwerbstätigkeit
humanitäre Gründe
familiäre Gründe
EU-Aufenthaltsrecht
Aufenthaltsgestattung/
Duldung
unbefristeter
Aufenthaltstitel
sonstige

image
49
Hochschulabschluss haben (oder einen ausländischen Hochschulabschluss, der einem
deutschen vergleichbar ist) und einen Arbeitsvertrag mit einem Bruttojahresgehalt von
mindestens 47.600 Euro vorweisen können (in sog. Mangelberufen 37.128 Euro). Bei der
Erteilung einer Blue Card wird die Vorrangprüfung nicht angewendet (§ 2 Abs. 2 BeschV), d. h.
wenn die genannten Gehälter erreicht sind, wird nicht überprüft, ob für den betreffenden
Arbeitsplatz einer deutscher oder ein anderweitig bevorrechtigter Arbeitnehmer in Frage
kommt. Inhaber einer Blauen Karte EU können nach 33 Monaten, bei ausreichender Kenntnis
der deutschen Sprache ggf. sogar bereits nach 21 Monaten,
eine (unbefristete)
Niederlassungserlaubnis
erhalten,
und
ihre
Familienangehörigen
erhalten
vollen
Arbeitsmarktzugang (das gilt auch für niedrig qualifizierte Familienangehörige).
61
Im Rahmen der Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie wurde zudem ein Aufenthaltstitel
zur Arbeitssuche eingeführt, der von der Richtlinie nicht vorgegeben war. Personen mit einem
anerkannten akademischen Abschluss können nun einen Aufenthaltstitel für sechs Monate
erhalten, um einen Arbeitsplatz zu suchen, sofern sie über ausreichende finanzielle Mittel
verfügen, um ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten (§ 18c AufenthG). Finden sie einen
Arbeitsplatz, können sie sofort einen Aufenthaltstitel nach §§ 18ff. AufenthG erhalten.
Mit der Beschäftigungsverordnung (BeschV), die im Juli 2013 in Kraft getreten ist, wurde der
deutsche Arbeitsmarkt zudem erstmals auch für Fachkräfte ohne akademischen Abschluss
geöffnet (§ 6 Abs. 2 Nr. 1 und Nr. 2 BeschV), Drittstaatsangehörige, die in bestimmten, von
der BA festgesetzten Mangelberufen ausgebildet sind, können nach der neuen BeschV nun
auch ohne einen akademischen Abschluss nach Deutschland ziehen. Das war bislang nur in
wenigen Ausnahmen möglich.
Weitere
Liberalisierungen
betreffen
ausländische
Selbständige,
Studierende
und
Hochschulabsolventen: Für ausländische Selbständige wurde die Mindestinvestitionssumme von
einer viertel Million Euro abgeschafft (§ 21 Abs. 1 AufenthG). Internationale Studierende dürfen
nun neben dem Studium 120 volle bzw. 240 halbe anstatt 90 voller oder 180 halber Tage pro
Jahr arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Für ausländische Absolventen deutscher
Hochschulen wurde der Aufenthalt liberalisiert. Sie haben nach ihrem Abschluss nun 18 statt
wie zuvor 12 Monate Zeit, um einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden (§ 16 Abs. 4
AufenthG). Während dieser Zeit haben sie vollen Zugang zum Arbeitsmarkt. Außerdem kann
61
Von den insgesamt 6.150 Blauen Karten EU, die 2013 in Deutschland für Regelberufe (§ 19a AufenthG
i. V. m. § 2 Abs. 1 Nr. 2a BeschV) erteilt wurden, entfielen 205 auf Sachsen (3,3 %), von den 5.140
Blauen Karten EU für Mangelberufe (§ 19a AufenthG i. V. m. § 2 Abs. 2 BeschV) wurden 162 (3,2 %) in
Sachsen erteilt (BAMF 2014h). Nur wenige der Blauen Karten EU erhielten neu einreisende
Drittstaatsangehörige (BAMF 2014i).

image
50
nun ein Aufenthaltstitel erteilt werden, wenn jemand eine inländische Berufsausbildung
erfolgreich abgeschlossen hat (§ 16 Abs. 5b AufenthG).
Durch diese Gesetzesnovellen und Verordnungen hat Deutschland mittlerweile im OECD-
Vergleich das Zuwanderungsrecht
„mit
den geringsten Beschränkungen für die
beschäftigungsorientierte Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte“ (OECD 2013: 15). Die
gesetzlichen Änderungen liegen zwar in der Zuständigkeit des Bundes, das Land Sachsen hat
aber durch seinen Einfluss im Bundesrat auf ihre Umsetzung hingearbeitet (vgl. SMS 2012b:
10f.; BR-Drs. 185/11). Mit dem „Abbau rechtlicher und administrativer Hürden“ durch den
Bundesgesetzgeber sind dem SMWA zufolge wesentliche Ziele des ZIK im Bereich der
qualifizierten Zuwanderung erreicht, und auch das SMI sieht die gesetzlichen Änderungen als
ausreichend an (SMS 2012b: 10f.; vgl. SMI 2014a; SMWA 2014).
Fachkräfte-Offensive: inländische Potenziale nutzen und Zuwanderung fördern
Die Bundesregierung legte im Jahr 2011 ein Konzept vor, in dem sie die Sicherung des
Fachkräftebedarfs zu einem der wesentlichen Ziele der Politik erklärte (BMAS 2011). Im
Vordergrund steht dabei zwar, die inländischen Potenziale zu nutzen und zu fördern, jedoch
wird auch betont, dass diese durch mehr qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland ergänzt
werden soll. Am 5. Juni 2012 startete eine gemeinsame „Fachkräfte-Offensive“ von BMAS,
BMWi und BA, die das Fachkräftekonzept der Bundesregierung „durch eine breit angelegte,
öffentlichkeitswirksame Informations- und Mobilisierungskampagne“ ergänzen soll (BMAS
2012: 15). Der Kooperation von BMAS, BMWi und BA haben sich mittlerweile weitere Partner
angeschlossen. Die Fachkräfte-Offensive bietet zum einen Unternehmen die Möglichkeit, sich
mit dem Thema Fachkräftesicherung auseinanderzusetzen. Zum anderen können sich
Fachkräfte zum Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt informieren. Das zugehörige Online-
Portal (
www.fachkraefte-offensive.de
, 25.08.2014) soll die wichtigsten Akteure über das
Thema sensibilisieren, informieren, mobilisieren und vernetzen und so dafür sorgen, dass die
Fachkräftestrategie optimal umgesetzt wird. Zudem soll es Unternehmen dabei unterstützen,
ihren Bedarf an qualifizierten Fachkräften für die Zukunft sicherzustellen und auch ausländische
Arbeitnehmer zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wendet sich insbesondere das
Willkommensportal „Make it in Germany“ an Zuwanderer.
Make it in Germany: ein Willkommensportal für Zuwanderer
Das Willkommensportal „Make it in Germany“ (
www.make-it-in-germany.com
, 25.08.2014), das
sich an Fachkräfte aus dem Ausland richtet, ist Teil der Fachkräfte-Offensive. Es soll zur

image
51
Werbung von Fachkräften beitragen und die Willkommenskultur in Deutschland stärken.
62
Das
Portal bündelt Erstinformationen zum beruflichen Einstieg für internationale Fachkräfte und
zum Leben in Deutschland allgemein. In der Rubrik „I made it“ berichten Fachkräfte, die
bereits nach Deutschland zugewandert sind, von ihren persönlichen Erfahrungen und
Eindrücken. Neben Branchenporträts, die vor allem die MINT-Berufe vorstellen, und einem
Ratgeber zu den Schritten, die nötig sind, um in Deutschland zu arbeiten, ruft das
Willkommensportal auch junge Zuwanderer dazu auf, in Deutschland zu studieren oder eine
Ausbildung zu absolvieren. Eine weitere Rubrik richtet sich speziell an Unternehmen, die nur
zögerlich auf internationale Fachkräfte zurückgreifen. Dabei werden mittelständischen
Unternehmen die Vorteile der Beschäftigung internationaler Fachkräfte nahegebracht und
mögliche Anwerbewege gezeigt. Die Bilanz nach ein Dreiviertel Jahren „Make it in Germany“
zeigte erste Erfolge: Von Juni 2012 bis Ende 2013 besuchten über eine drei Millionen Besucher
das Onlineportal. 90 Prozent von ihnen stammen aus dem Ausland. Am häufigsten erkundigten
sich Fachkräfte aus Indien, Vietnam, Indonesien, Russland und Italien auf der
Willkommensplattform.
63
Die besondere Attraktivität des Willkommensportals sieht das
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) darin, dass es ein weltoffenes,
gastfreundliches und vielfältiges Land präsentiert. Indonesien, Vietnam und Indien sind zudem
‚Pilotländer‘: Fachkräfte aus diesen Ländern werden von sog. „Make it in Germany“-Beratern
bei der Jobsuche in Deutschland angeleitet und unterstützt und auf ihren Aufenthalt in
Deutschland vorbereitet. Auch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), eine
Dienstelle der Bundesagentur für Arbeit, erhält viele Anfragen über das Willkommensportal.
(vgl. BMWi 2013).
64
MobiPro-EU und Triple Win: Vermittlung von Fachkräften
MobiPro-EU (
www.thejobofmylife.de
, 25.08.2014) ist ein Sonderprogramm des Bundes zur
„Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und
arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa“. Es richtet sich an Ausbildungsinteressierte und
arbeitslose Fachkräfte aus EU-Ländern zwischen 18 und 35 Jahren, die in Deutschland eine
betriebliche Berufsausbildung oder eine qualifizierte Beschäftigung in einem Engpassberuf
62
Vgl.
http://www.make-it-in-germany.com/die-offensive/
,
http://www.fachkraefte-offensive.de/DE/Die-
Offensive/Kampagne/hintergrund-der-kampagne-info.html
, 25.08.2014.
63
Vgl.
http://www.make-it-in-germany.com/make-it/aktuelles/2014-01-09/
, 25.08.2014.
64
Vgl. a.
http://www.bmwi.de/DE/Themen/Ausbildung-und-
Beruf/Fachkraeftesicherung/willkommenskultur-und-zuwanderung,did=603900.html
, 25.08.2014.

image
52
aufnehmen möchten. Umgesetzt wird das Programm von der Zentralen Auslands- und
Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.
Das Programm Triple Win ist eine Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Internationale
Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und der ZAV. Durchgeführt wird es vom Centrum für
internationale Migration und Entwicklung (CIM). Über dieses Programm sollen Fachkräfte aus
Drittstaaten (speziell Pflegekräfte) für den deutschen Arbeitsmarkt gewonnen werden. Der
Kontakt wird in der Regel über die lokalen Arbeitsämter hergestellt, wo Fachkräfte ihre
Bewerbungsunterlagen einreichen und Auswahlgespräche mit ihnen geführt werden.
Ausgewählte Fachkräfte werden dann an deutsche Krankenhäuser vermittelt, die Stellen zu
besetzen haben. Die Grundidee des Programms ist, dass von der Vermittlung alle Seiten
profitieren: die Unternehmen in Deutschland, die Fachkräfte selbst und ihre Herkunftsländer
(triple win).
65
Wie viele ausländische Ausbildungsinteressenten über MobiPro-EU eine Arbeit bzw. Ausbildung
in Sachsen aufgenommen haben, lässt sich derzeit nicht abschließend feststellen (es sind
mindestens sechs). Auch zu Vermittlungen im Rahmen des Projekts Triple Win sind
entsprechende Aussagen nicht möglich, da keine regionalisierte Vermittlung innerhalb
Deutschlands stattfindet: Stattdessen richtet sich das Programm an die derzeitigen Bedürfnisse
und Möglichkeiten der Arbeitgeber (vgl. SMWA 2014).
Die sächsischen Kammern haben – zumeist im Rahmen dieser Bundesprogramme – einzelne
Projekte auf den Weg gebracht, mit denen sie versuchen, ausländische Auszubildende aus dem
Ausland zu gewinnen. Zum Erfolg dieser Ansätze äußern sich die Kammern laut SMWA noch
verhalten: Von den betreffenden Jugendlichen werde vermutlich nur ein geringer Teil die
Ausbildung in Deutschland erfolgreich beenden. Hauptgründe für die hohe Zahl der Abbrüche
seien vor allem sprachliche Barrieren und ein eingeschränktes Mobilitätsverhalten seitens der
Auszubildenden (vgl. SMWA 2014).
Fachkräfteinitiative
ostdeutsche
Zukunftsfelder:
Fachkräftesicherung
in
den
neuen
Bundesländern
Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer fördert auch regionale
Strategien zur Fachkräftegewinnung. Dazu gehört die „Fachkräfteinitiative ostdeutsche
Zukunftsfelder“ (
http://www.fachkraefteinitiative-ostdeutschland.de/
, 25.08.2014), die die
Wettbewerbsfähigkeit von kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie das generelle
65
Vgl.
http://www.giz.de/de/weltweit/20322.html
;
http://www.giz.de/de/mit_der_giz_arbeiten/11666.html
, 25.08.2014.

image
53
Wirtschaftswachstum in den ostdeutschen Bundesländern fördern soll. Eine überregionale
Projekt- und Transferstelle vernetzt die einzelnen regionalen Maßnahmen in den neuen
Bundesländern, so dass Erfahrungen ausgetauscht werden können. Das erste Treffen fand im
Oktober 2010 in Berlin statt. Auf einer Fachtagung im April 2013 wurde neben
Handlungsfeldern und Strategien auch diskutiert, welche Möglichkeiten kleinere und mittlere
Unternehmen haben, die das Potenzial ausländischer Fachkräfte erschließen wollen. Neben den
Fachtagungen, zu denen namhafte Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingeladen
werden,
organisiert
die
Fachkräfteinitiative
ostdeutsche
Zukunftsfelder
auch
Projektveranstaltungen und Dialogreihen rund um das Thema Fachkräftesicherung in den
ostdeutschen Bundesländern. Die Projekte der teilnehmenden Regionen sind auf der
Internetseite aufgeführt.
66
2.4.2 Migrationspolitische Aktivitäten des Landes
Der Freistaat Sachsen betont im ZIK, dass die demografische Entwicklung zu seinen zentralen
Zukunftsaufgaben gehört, da auf dem Arbeitsmarkt der Nachwuchs und insbesondere
Fachkräfte fehlen (vgl. SMS 2012b: 6). Um den Fachkräftebedarf zu sichern, sollen zum einen
die inländischen Potenziale ausgeschöpft und zum anderen Fachkräfte aus dem Ausland
angeworben werden. Dazu sollen Hürden beseitigt werden, die einer qualifizierten
Zuwanderung entgegenstehen, und die Integration der Fachkräfte soll gefördert werden. Das
ZIK bezieht sich aber nicht nur auf den wirtschaftlichen Aspekt der Fachkräftesicherung,
sondern betont, dass Migration auch gesellschaftlich eine Bereicherung sei (vgl. SMS 2012b:
9).
Fachkräftestrategie 2020: Zuwanderung als wichtiger Baustein
Fachkräfte zu gewinnen ist ein wichtiges Ziel der sächsischen Wirtschaft, denn der
demografische Wandel wird den Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften in Zukunft erhöhen.
Dafür hat die Sächsische Staatsregierung im April 2012 die „Fachkräftestrategie 2020“
beschlossen. Als zentrale Felder, in denen der Staat handeln muss, um den Fachkräftebedarf
zu decken, benennt das Konzept Bildung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die
gesteuerte Zuwanderung und Ansiedlung von Fachkräften (vgl. SMWA 2012). Im Rahmen der
„Fachkräftestrategie 2020“ soll ein breiter öffentlicher Dialog zwischen Wirtschaft, Politik,
Wissenschaft und Bevölkerung stattfinden. Das Sächsische SMWA beruft deshalb halbjährliche
66
Vgl.
www.fachkraefteinitiative-ostdeutschland.de/
, 25.08.2014.

image
54
Fachkräfteforen ein, die dem Austausch dienen und in deren Rahmen die Handlungsfelder der
sächsischen Fachkräftestrategie thematisiert und diskutiert werden.
67
Bisher wurden hier schon
Themen wie Personalentwicklung im Mittelstand, die duale Ausbildung oder die Gestaltung
eines familienfreundlichen Freistaats behandelt. Im Sinne einer Willkommens- und
Anerkennungskultur wird in der Präambel der Fachkräftestrategie betont, dass „Offenheit und
Wertschätzung gegenüber zugewanderten Personen“ „eine wesentliche Grundlage dafür [sind],
dass es in Sachsen durch Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften und ihren Familien
gelingt, die Folgen des demografischen Wandels für den Arbeitsmarkt zu lindern“ (SMWA 2012:
2). Strategische Ziele der „Fachkräftestrategie 2020“ im Bereich Zuwanderung sind, (1) die
Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen zu vereinfachen, (2) ein
bedarfsgerechtes Angebot an Anpassungsqualifizierungen zu schaffen, (3) die Ansiedlung von
Fachkräften zu fördern und (4) ausländerfreundliche Zuwanderungssysteme zu etablieren (vgl.
SMWA 2012: 10).
Im Februar 2014 wurde dem sächsischen Kabinett der erste Bericht über die Umsetzung dieser
Strategie vorgelegt. Er weist darauf hin, dass durch die Änderung der Gesetzeslage inzwischen
die Rahmenbedingungen für die Zuwanderung neuer Fachkräfte nach Deutschland verbessert
wurden.
68
Damit sind nach Einschätzung des SMWA die wichtigsten Forderungen des ZIK
bereits umgesetzt (vgl. SMWA 2014). Mit Fragen der Fachkräftezuwanderung nach Sachsen
beschäftigte sich auch das Fachkräfteforum „Zuwanderung“, das am 16. Mai 2012 tagte. Neben
der Fachkräftezuwanderung wurden auch andere Forderungen des ZIK erörtert, etwa die
Etablierung einer Willkommenskultur und die Erhöhung der Zahl der ausländischen
Studierenden an sächsischen Hochschulen.
69
Imagekampagne: Sachsen in In- und Ausland bekannter und attraktiver machen
Laut ZIK setzt das SMWA auf eine „stärkere Verflechtung von Tourismus, Standortwerbung und
Investorenakquise“ (SMS 2012b: 11). Dazu wurde eine Imagekampagne erarbeitet, die
Sachsen im Ausland bekannter machen und als attraktiven Lebensort bewerben soll. Eine
zentrale Internetplattform (
www.so-geht-sächsisch.de
, 25.08.2014) informiert allgemein über
Sachsen und das Leben dort. An ausländische Fachkräfte richtet sich vor allem die Plattform
www.heimat-fuer-fachkraefte.de
(25.08.2014). Sie informiert u. a. über Arbeitsplätze und
67
Vgl.
www.fachkraefteforum.sachsen.de
, 25.08.2014)
68
Die verbesserten Zuwanderungsbedingungen gehen zum großen Teil auf gesetzliche Änderungen auf
Bundesebene zurück (Kap. 2.4.1), z. B. auf das Gesetz zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie
der EU und die Änderung der BeschV (vgl. SMWA 2014).
69
Vgl.
http://www.fachkraefteforum.sachsen.de/211.htm
, 25.08.2014.

image
55
Karriereaussichten sowie über Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten in Sachsen, aber auch
über Aspekte wie Wohnen und Leben
70
sowie Kultur und Freizeit
71
. Ziel der Kampagne ist vor
allem, Fachkräfte (sowie Selbständige und Gründer) aus dem In- und Ausland für Sachsen zu
gewinnen. Für ausländische Fachkräfte stehen auch Informationen zum Arbeits- und
Aufenthaltsrecht bereit, allerdings wird die Homepage bislang noch nicht mehrsprachig
angeboten.
72
Nach Auskunft des SMWA ist jedoch vorgesehen, die Zielgruppe zu erweitern; in
diesem Zusammenhang sollte unbedingt eine mehrsprachige Information angeboten werden.
Zuwanderung nach Sachsen: ein Webportal informiert
Seit Herbst 2013 bietet das SMI unter
www.zuwanderung.sachsen.de
(25.08.2014) ein
neugestaltetes zweisprachiges Webportal in Deutsch und Englisch an, das alle wichtigen
Informationen rund um die Zuwanderung nach Sachsen bereitstellt. Es stellt allgemeine Fakten
zur Zuwanderung nach Sachsen und Zuwanderern in Sachsen bereit, u. a. die Broschüre
„Ausländische Mitbürger in Sachsen“ des Statistischen Landesamts und ein Faktenblatt des SMI
(„Ausländer in Sachsen“) (vgl. SMS 2012b: 12), außerdem wichtige Informationen und
Kontaktadressen für interessierte Zuwanderer sowohl aus EU- als auch aus Drittstaaten, z. B.
zur Berufsanerkennung (mit Verweis auf das IQ Netzwerk), zum Fachkräftebedarf (mit Verweis
auf Jobbörsen und Fachkräfteportale oder die Broschüre „Klugen Köpfen Türen öffnen –
Qualifizierte Zuwanderung für Sachsen“) und zu AKZESS (Ausländische Fachkräfte-
Zuwanderung effizient und sensibel steuern; s. u.).
Potenzielle Zuwanderer können sich zudem auf dem Portal mit Hilfe des interaktiven
Wegweisers „Klick zum Aufenthaltstitel für kluge Köpfe“ darüber informieren, ob für die
Zuwanderung ein Aufenthaltstitel notwendig ist und ggf. welcher.
73
Der Wegweiser gibt einen
Überblick über die Aufenthaltstitel, die vergeben werden, und ruft im letzten Schritt direkt das
passende Antragsformular auf. Der interaktive Wegweiser wurde vom SMI so konzipiert, dass
Arbeitgeber wie Arbeitnehmer damit die Rechtslage für den je spezifischen Fall klären und
70
Unter der Rubrik „Wohnen und Leben“ finden sich erste Informationen zu den Themenbereichen „Kita
und Schulen“, „Senioren und Pflege“ sowie „Mobilität und Verkehr“. Weitere Informationen zu diesen
Themen finden sich auf den entsprechenden Webseiten der Sächsischen Staatsregierung, zu denen
Interessierte durch das Anklicken verlinkter Schlagwörter gelangen (vgl.
http://www.heimat-fuer-
fachkraefte.de/wohnen-leben.html
, 25.08.2014).
71
Darunter sind Informationen zu Sport- und Freizeitaktivitäten, zum Tourismus sowie zur Natur und
Erholung zu finden. Auch zu diesen Themen finden sich weitere Informationen auf verlinkten Webseiten
der Staatsregierung (vgl.
http://www.heimat-fuer-fachkraefte.de/kultur-freizeit.html
, 25.08.2014).
72
Die Plattform
www.so-geht-sächsisch.de
(25.08.2014) wird hingegen auch in Englisch angeboten.
73
Vgl.
http://www.zuwanderung.sachsen.de/21022.htm
, 25.08.2014.

image
56
qualifizierte Zuwanderer in ihrer je individuellen Situation die besten Möglichkeiten (für sich
und ggf. für ihre Familienangehörigen) ermitteln können.
Das Webportal zur Zuwanderung nach Sachsen wird offenbar intensiv genutzt: Im ersten
Quartal 2014 verzeichnete es über 16.000 Besuche. Bei der Evaluierung und Weiterentwicklung
der online-basierten Informationsangebote sollte die Staatsregierung überlegen, bestimmte
Analyse- und Auswertungs-Tools einzusetzen, gerade in Bezug auf ihre weltweite Nutzung. Mit
entsprechenden Diensten lässt sich etwa feststellen, woher die Webseiten-Besucher stammen,
wie lange sie auf bestimmten Seiten verweilen und inwieweit sie Suchmaschinen nutzen.
Solche Informationen können sehr hilfreich sein, um zu ermitteln, ob es sich für bestimmte
Herkunftsländer oder -regionen lohnen könnte, qualifizierte Zuwanderer mit zusätzlichen
‚Marketing‘-Maßnahmen besser anzusprechen.
74
Zentral in die Homepage eingebunden ist die Ende 2013 erstellte Broschüre des SMS
„Willkommen im Freistaat Sachsen. Information für Migranten“.
75
Diese Broschüre ist so
aufgebaut, dass die Informationen sowohl in Deutsch als auch in je einer Fremdsprache –
entweder Arabisch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch oder Spanisch – bereitgestellt
werden.
76
Sie enthalten u. a. grundlegende Informationen zu Sachsen allgemein, zu Aufenthalt,
Wohnen, Bildung, Spracherwerb, Erwerbstätigkeit, Gesundheit, Behörden, Vereinen,
Migrantenorganisationen und Beratungsmöglichkeiten. Die Broschüre bildet ein sinnvolles
‚Handbuch‘ zur Erstorientierung für Neuzuwanderer; ein solches zu erstellen war auch im ZIK
vorgesehen (vgl. SMS 2012b: 34).
AKZESS: effiziente Zuwanderungssteuerung für Fachkräfte
Das Projekt AKZESS („Ausländische Fachkräfte-Zuwanderung effizient und sensibel steuern“)
soll helfen, bürokratische Hürden für Fachkräfte abzubauen. Es wird mittlerweile an mehreren
Standorten umgesetzt, um Aufenthaltstitel standardisiert zu bearbeiten: Die Ausländerbehörden
in Chemnitz und der Landeshauptstadt Dresden sowie der Landkreis Mittelsachsen haben im
Jahr 2011 bzw. 2012 als Modellbehörden mit dem Projekt begonnen, und seit 2013 wird es
74
Allerdings muss bei der Nutzung solcher Dienste streng darauf geachtet werden, dass der Datenschutz
gewährleistet ist.
75
Vgl.
http://www.willkommen.sachsen.de/index.html
,
http://www.willkommen.sachsen.de/24464.htm
,
http://www.willkommen.sachsen.de/24464.htm
, 25.08.2014.
76
Im Zwischenbericht des SMS zur Umsetzung des ZIK werden lediglich die Sprachen Russisch, Polnisch,
Spanisch, Englisch, Französisch aufgeführt (vgl. SMS 2014), auf der Homepage wird zusätzlich Arabisch
genannt. Es sollte sichergestellt werden, dass die entsprechenden Versionen auch frei und leicht
zugänglich sind. Zu Redaktionsschluss dieser Studie im August 2014 war dies noch nicht für alle
Versionen der Fall; lediglich die Versionen in Englisch, Französisch, Polnisch und Deutsch konnten
problemlos heruntergeladen werden (
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/21313
, 25.08.2014).

image
57
auch in der Ausländerbehörde in Leipzig umgesetzt. Mithilfe von AKZESS soll das
Verwaltungsverfahren für die Erteilung von Aufenthaltstiteln für qualifizierte Arbeitnehmer,
Selbständige, Forscher und Studierende standardisiert und dadurch die Bearbeitung auf vier
Wochen verkürzt werden. Dies soll einen möglichst schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt
gewährleisten. Als Vorteile des Projekts werden nicht nur die Vereinheitlichung und
Beschleunigung der Verwaltungsabläufe, sondern auch die Erhöhung der Transparenz
hervorgehoben. AKZESS wird von einer eigenen Arbeitsgruppe begleitet und evaluiert, um das
Projekt laufend zu aktualisieren und die Qualität zu sichern. Seine Ziele sind, eine hohe
Servicequalität in Ausländerbehörden zu gewährleisten und durch feste Strukturen Fachkräfte
optimal zu betreuen. Seit dem Start von AKZESS haben die Ausländerbehörden mehr als 4.000
Aufenthaltstitel erteilt; über 90 Prozent der Anträge wurden nach eigenen Angaben innerhalb
der vorgegebenen vier Wochen bearbeitet. Entsprechend bewertet das SMI das Projekt als
erfolgreich; das zeige auch die Resonanz der Projektteilnehmer. Ein Evaluationsbericht zu
AKZESS wird derzeit erarbeitet und soll nach Auskunft des SMI noch im Jahr 2014 vorgelegt
werden (vgl. SMI 2014a).
77
Willkommensbehörden: Ausländerbehörden in Dresden und Chemnitz als Modellbehörden in
Sachsen
In Anlehnung an das Projekt AKZESS beteiligt der Freistaat Sachsen sich außerdem an dem
zweijährigen Modellprojekt „Ausländerbehörden – Willkommensbehörden“, das im Herbst 2013
vom BAMF initiiert wurde. Innerhalb der zweijährigen Laufzeit sollen sich die teilnehmenden
Ausländerbehörden in insgesamt zehn Bundesländern interkulturell öffnen und eine
Willkommenskultur umsetzen. In Sachsen fungieren dabei die Ausländerbehörden der Städte
Chemnitz und Dresden seit Herbst 2013 als Modell- bzw. Partnerbehörden. Kernanliegen des
Modellprojekts ist, sog. Willkommensbehörden zu schaffen und gezielt die interkulturellen
Kompetenzen des Personals zu entwickeln, um eine kundenorientierte Ansprache zu
gewährleisten (Vgl. SMI 2014a).
78
77
Vgl. a.
http://www.zuwanderung.sachsen.de/akzess/
, 25.08.2014.
78
Vgl. a.
http://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2014/20140326-abh-tagung.html
,
25.08.2014.

image
58
2.4.3 Migrationspolitische Aktivitäten weiterer Akteure
Hochschulen als wichtige zuwanderungspolitische Akteure
Zur Fachkräftesicherung als Zukunftsaufgabe des Freistaats Sachsen gehört auch, eine erhöhte
Zahl (hoch-)qualifizierter Zuwanderer anzuwerben. Eine wichtige Zielgruppe dabei sind
Hochschulabsolventen. Für Ausländer, die bereits ein Studium im Freistaat Sachsen
abgeschlossen haben, fallen viele Hürden weg, mit denen (qualifizierte) Zuwanderer sonst oft
zu kämpfen haben. Dazu gehören u. a. das Einleben in die neue Umgebung, der Erwerb von
Sprachkenntnissen oder die Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse (Kap. 3.3.1 und
3.3.2). Im ZIK hebt der Freistaat Sachsen auch die Notwendigkeit hervor, ausländische
Studierende anzuwerben. (SMS 2012b: 11). Die Universitäten in Sachsen sind sich ihrer Rolle
als zuwanderungs- und integrationspolitische Akteure bewusst, sie haben sich der Aufgabe, die
mit der zunehmenden Internationalität und Mobilität internationaler Studierender einhergehen,
angenommen und verschiedene Förderprogramme für diese Personengruppe entwickelt.
Universität Leipzig: Stellung als internationaler Studienort stärken
Das Akademische Auslandsamt der Universität Leipzig führt bereits seit 1998 das eigenständige
Projekt „Leipzig Alumni International“ (LAI) durch. Dieses ist strategisch vor allem darauf
ausgerichtet, das Netzwerk internationaler Studierender der Universität Leipzig auszubauen
und zu pflegen, um den Austausch von Wissen und Erfahrungen zu ermöglichen. Dabei besteht
das Hauptziel des Projekts darin, internationale Studierende in ihren Vorhaben nach dem
Studienabschluss zu unterstützen und sie weiterhin zu begleiten. „Leipzig Alumni International“
will einerseits entscheidend zur Vernetzung von Lehre und wissenschaftlicher Arbeit im
internationalen Geschehen der Universität beitragen und andererseits die Universität stärker als
internationalen Studienort etablieren. Derzeit umfasst das Projekt 1.800 registrierte
internationale Absolventen aus über 110 Nationen. Die häufigsten Herkunftsregionen sind
Russland, Vietnam, Äthiopien, Großbritannien, Frankreich, Spanien und die USA.
79
Technische Universität Dresden: Attraktivität für internationale Studierende steigern
Auch die Technische Universität (TU) Dresden bietet spezielle Programme, um ihre
internationale Ausrichtung zu stärken und für internationale Studierende attraktiver zu werden.
Das Welcome Center betreut internationale Studierende, Doktoranden, Gastwissenschaftler und
Post-Doktoranden, die sich mindestens drei Monate an der Universität aufhalten, vor und
79
Vgl.
http://www.zv.uni-leipzig.de/studium/alumni/lai.html
, 25.08.2014.

image
59
während des Aufenthalts, um ihnen die erste Orientierung zu erleichtern. Das
Angebotsspektrum reicht von Hilfestellung bei der Suche nach einer Wohnung oder einem
Kindergartenplatz über Deutschkurse bis zu Kultur- und Freizeitveranstaltungen.
80
Technische Universität Chemnitz: globale Vernetzung ausbauen
An der TU Chemnitz wurde ein Internationales Universitätszentrum eingerichtet, das die
globale Vernetzung der Universität vorantreibt, internationale Kooperationsprojekte fördert und
ausländische Studierende in Chemnitz betreut. Hier wurde vor über zehn Jahren ein „Welcome
Centre“ eingerichtet. Es begleitet ausländische Wissenschaftler und Promovierende und hilft
ihnen, sich in Chemnitz einzuleben. Inzwischen bietet es außerdem individuell ausgerichtete
Weiterbildungs-Workshops zu interkulturellen Kompetenzen an oder gibt Tipps zur Bewerbung
auf Stellen in Deutschland nach Abschluss des Studiums.
81
Aktivitäten weiterer Hochschulen: Internationalisierung im Blick
Andere Hochschulen verfügen ebenfalls über Welcome Center bzw. Akademische
Auslandsämter, z. B. die Hochschule Mittweida, die Hochschule Zittau/Görlitz und die
Westsächsische Hochschule Zwickau. Grundlegende Aufgaben solcher Einrichtungen sind,
Orientierung für ein Studium in Sachsen zu geben, die Eingewöhnung zu erleichtern und über
die jeweiligen Städte zu informieren. Das Akademische Auslandsamt der Westfälischen
Hochschule Zwickau hat zudem eine Internationalisierungsstrategie verankert, die allen
Hochschulangehörigen ein Leitbild für interkulturelles Zusammenleben geben soll.
82
Fachkräftestrategie der IHK Dresden: „Sachse komm zurück“
Mit der Initiative „Sachse komm zurück“ hat die IHK Dresden einen Aufruf an qualifizierte
Fachkräfte gestartet, die aus Sachsen fortgezogen sind. Ziel ist, die Fachkräftebasis in Sachsen
zu sichern, indem versucht wird, die erwerbstätige Bevölkerung im Freistaat zu halten und
Auswanderer zurückzugewinnen.
83
Die Initiative reagiert auf den Fachkräftemangel im Bereich
der Altenpflege und in der Industrie.
80
Vgl.
http://tu-dresden.de/internationales/welcomecenter/startseite/welcome_center
, 25.08.2014.
81
Vgl.
http://www.tu-chemnitz.de/international/
, 25.08.2014.
82
Vgl.
http://www.fh-zwickau.de/index.php?id=aaa
, 25.08.2014.
83
Momentan gibt es in Deutschland noch wenig Erfahrungen mit solchen ‚Rückholprogrammen‘. Deren
Erfolg und Nachhaltigkeit hängt von zahlreichen Faktoren ab. Sie können gerade für einzelne Branchen
oder Berufsgruppen erfolgreich sein; ihre Wirkmöglichkeiten sollten jedoch auch nicht überschätzt
werden. Die Bayerische Landesregierung initiierte im Jahr 2012 das Programm „Return to Bavaria“, das
sich an bayerische und deutsche Fachkräfte richtete, die ins Ausland ausgewandert waren, und
versuchte, sie zur Rückkehr zu bewegen. Dabei wurde vor allem auf persönliche Beratung und

image
60
Die Hauptmaßnahme der Initiative umfasst eine Stellenbörse für die Stadt Dresden und die
Landkreise Bautzen, Görlitz, Meißen und Sächsische Schweiz. Die offenen Stellen sind (auch
bedingt durch die jeweilige Größe der Region) höchst unterschiedlich verteilt: Ende Juni 2014
waren beispielsweise für den Landkreis Bautzen 31 Stellen geschaltet und für die Stadt
Dresden 40; in den übrigen Landkreisen wurden deutlich weniger Stellen angeboten (LK Görlitz
25, LK Sächsische Schweiz 3, LK Meißen 1). Die Stellenangebote richten sich nicht nur an
Sachsen, die zurückkehren wollen, sondern auch an potenzielle Neuzuwanderer. Ausländische
Fachkräfte stehen jedoch bei der Initiative nicht explizit im Fokus. Das Fachkräfteportal stellt
Informationen zu verschiedenen Tätigkeitsfeldern bereit und ergänzt diese mit einem Überblick
über die Wohn- und Lebenslage im Freistaat sowie zu Kultur- und Freizeitangeboten.
84
2.5
Zusammenfassung und Bewertung
Mit dem Aufschwung der sächsischen Wirtschaft ging die Arbeitslosenquote zurück, und damit
verbunden stiegen die Zuzüge, so dass Sachsen nach langer Zeit wieder einen positiven
Wanderungssaldo verbuchen konnte. Davon hat der Freistaat profitiert, denn die Zuwanderung
von Ausländern trägt erheblich dazu bei, die demografische Entwicklung abzufedern und das
Verhältnis zwischen Erwerbspersonen und Rentnern zu verbessern: Zuwanderer, die nach
Sachsen kommen (oder schon dort leben), sind jünger als die Gesamtbevölkerung bzw. die
Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Zudem verändert sich die sächsische Bevölkerung
durch die Zuwanderung deutlich und wird zunehmend vielfältiger. Die starken
Wanderungsgewinne, die Deutschland und auch Sachsen in den letzten Jahren verzeichnen
konnten, gehen größtenteils auf die Zuwanderung von Arbeitsmigranten aus anderen
europäischen Ländern zurück. Diese Zuwanderer sind meist jung, motiviert und gut qualifiziert
(vgl. SVR 2013). Zugleich steigen aber auch die Flüchtlingszahlen. Diese Zuwanderung stellt
Deutschland und den Freistaat vor andere Herausforderungen als die Zuwanderung hoch
qualifizierter Arbeitsmigranten. Hier müssen sie ihrer humanitären und internationalen
Verpflichtung nachkommen: Menschen, die hierherkommen und Schutz suchen, müssen die
Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Umzug nach Bayern gesetzt. Nach dem ersten, knapp
zweijährigen Projektturnus wurde das Projekt zum 30.06.2014 beendet. Nach Angaben des
Wirtschaftsministeriums hat die Initiative 1,1 Mio. Euro gekostet und zur Rückkehr von 65 Fachkräften
nach
Bayern
beigetragen
(
http://www.sueddeutsche.de/bayern/initiative-return-to-bavaria-der-
anwerbeflop-1.2015871
, 25.08.2014).
84
Vgl.
http://www.sachsekommzurueck.de/servlet/portal?knoten_id=9320&sprache=deu
, 25.08.2014.

image
61
Zuflucht finden, die sie benötigen, und ihnen muss eine menschenwürdige Unterbringung
garantiert werden.
Im Bereich der Zuwanderung wurden auf rechtlicher Ebene wichtige Änderungen
vorgenommen und damit – auch nach Ansicht von SMI und SMWA – zentrale Ziele des ZIK im
Bereich der Zuwanderung erfüllt. Die rechtlichen Änderungen liegen in der Zuständigkeit des
Bundes; der Freistaat hat jedoch seinen Einfluss im Bundesrat geltend gemacht und durch
Gesetzesinitiativen auf eine Liberalisierung des Zuwanderungsrechts hingearbeitet. Nach diesen
Gesetzesnovellen und Verordnungen verfügt Deutschland nun über ein Zuwanderungsrecht,
das im Bereich der Arbeitsmigration zu den liberalsten im gesamten OECD-Raum gehört. Ein
grundlegender „Aus- und Umbau der rechtlichen Rahmenbedingungen im Bereich der
Arbeitsmigration“ ist somit derzeit nicht erforderlich (SVR 2014: 77). Inwieweit die neuen
Regelungen auch den gewünschten Erfolg bringen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut sie im
Ausland bekannt gemacht werden. Dies ist auch eine Aufgabe der zahlreichen Kampagnen und
Strategien, mit denen auf Bundes- und Landesebene versucht wird, Fachkräfte anzuwerben.
In Sachsen gibt es dazu verschiedene Strategien, die allerdings nicht primär auf ausländische
Zuwanderung abzielen (Fachkräftestrategie 2020) oder noch nicht in mehreren Sprachen zur
Verfügung stehen (Imagekampagne). Zudem sind die verschiedenen Strategien, Kampagnen
und Portale offenbar bisher kaum miteinander vernetzt, und durch eine übergreifende Strategie
gebündelt. Das wird auch daran deutlich, dass die Fachkräftestrategie 2020 nicht ins ZIK
‚integriert‘ ist, obwohl beide nahezu zeitgleich beschlossen wurden. Vor diesem Hintergrund
erscheint es notwendig, die bestehenden und durchaus vielversprechenden Instrumente
zunächst einmal zusammenzuführen und aufeinander abzustimmen. Demografische
Entwicklung, Fachkräftebedarf, Zuwanderung aus dem In- und Ausland, Nutzung inländischer
Potenziale, Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte und Integration sollten nicht separat
betrachtet, sondern unter dem ‚Dach‘ einer ‚Zukunftsstrategie‘ für den Freistaat
zusammengeführt werden.
Die Landesregierung sollte sich daher die Zuwanderung als Zukunftsstrategie zu eigen machen
und als politisches Ziel ersten Ranges in Wirtschaft und Gesellschaft transportieren. Nur durch
die entsprechende „body language“ eines Landes und seiner Vertreterinnen und Vertreter
(Kober/Süssmuth 2012: 15) kann das Image eines Landes als attraktive Region für Zuwanderer
mit einer Willkommenskultur etabliert und gefestigt werden.

image
62
3.
Integration im Freistaat Sachsen
3.1
Einschätzungen der Bevölkerung zu Integration und Zusammenleben
Daten zur strukturellen Integration von Zuwanderern geben z. B. Aufschluss darüber, inwieweit
chancengleiche Teilhabe für Zuwanderer in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt
verwirklicht ist, Daten zu Einbürgerung und Staatsangehörigkeit darüber, wie viele die
Möglichkeit zu gleichberechtigter politischer Teilhabe haben. Um zu beurteilen, ob Integration
in der Einwanderungsgesellschaft ge- oder misslingt, ist darüber hinaus wichtig, wie das
Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund subjektiv eingeschätzt
wird. Entsprechend heißt es auch im ZIK: „Das wichtigste Bindeglied zwischen Zuwanderung
und Integration aber bildet die Mehrheitsgesellschaft mit einer Willkommenskultur, die
respektvoll mit allen Fremden umgeht“ (SMS 2012b: 6).
In dem zeitlichen und finanziellen Rahmen, der für die vorliegende Studie zur Verfügung stand,
war es nicht möglich, eine repräsentative und methodisch anspruchsvolle neue Befragung im
Freistaat Sachsen durchzuführen. Mit dem SVR-Integrationsbarometer 2014 liegt jedoch ein
aktueller Datensatz vor, der gezielt für Sachsen ausgewertet werden kann. Das
Integrationsbarometer ist eine bundesweit einmalige Datenbasis, anhand derer festgestellt
werden kann, wie die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund die Integrationspolitik
bewertet. Somit trägt sie „zu einem präziseren Befund über Integration und Integrationspolitik“
bei (SVR 2010: 30). Für wichtige (integrations-)politische Institutionen führt die SVR-
Geschäftsstelle regelmäßig exklusive Sonderauswertungen durch (z. B. für das Ministerium für
Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, die Antidiskriminierungsstelle
des Bundes oder die Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration).
Das SVR-Integrationsbarometer ist eine Bevölkerungsumfrage, die alle zwei Jahre im Rahmen
des
SVR-Jahresgutachtens
erhoben
wird,
um
das
Integrationsklima
in
der
Einwanderungsgesellschaft zu messen. Eine seiner Stärken ist, dass es die Sichtweisen beider
Seiten der Einwanderungsgesellschaft erfasst. Für das SVR-Integrationsbarometer 2014
wurden im Sommer 2013 fast 5.660 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt.
Eine der vier Regionen, in denen die Befragung stattfand, ist die länderübergreifende Region
Halle-Leipzig (Info-Box 4).

image
63
Info-Box 4 Methodische Anmerkungen zum SVR-Integrationsbarometer 2014
Im Rahmen des SVR-Integrationsbarometers 2014 wurden im Sommer 2013 Menschen sowohl
mit als auch ohne Migrationshintergrund befragt. Die Befragung fand in den fünf Großregionen
Rhein-Ruhr, Stuttgart, Rhein-Main, Berlin-Brandenburg und Halle-Leipzig statt. Alle diese
Regionen sind „Ballungsräume, in denen das Zusammenleben von Personen mit und ohne
Migrationshintergrund im Alltag eine große Rolle spielt“ (SVR 2014: 24).
Insgesamt wurden für das SVR-Integrationsbarometer 2014 5.659 Personen mit und ohne
Migrationshintergrund befragt. Die Aussagekraft des Integrationsbarometers beruht auf der
Größe der Stichprobe sowie der hohen Anzahl an Befragten mit Migrationshintergrund (ca.
75 %). Dadurch ist eine gruppenspezifische statistische Auswertung nach Herkunftsländern
bzw. -regionen möglich. Um die Repräsentativität der Auswertung sicherzustellen, wird das
Verhältnis von Befragten mit zu jenen ohne Migrationshintergrund durch spezifische
Gewichtungsfaktoren an die realen Bevölkerungsverhältnisse angepasst. Dies ist ein
Standardverfahren der quantitativen Sozialforschung.
Die für die Stichprobe verwendeten Telefonnummern entstammen dem Nummernpool des
Arbeitskreises Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e. V. Ergänzend wurden
Rufnummern nach Namen ausgewählt (sog. Onomastik), um insbesondere in den
Befragungsgebieten in den neuen Bundesländern gezielter Personen mit Migrationshintergrund
zu erreichen. Die Telefonnummern und die in den Haushalten jeweils befragten Personen
wurden per Zufall ausgewählt, das heißt, alle Personen hatten die gleiche Chance, an der
Befragung teilzunehmen. Es wurden nur Personen befragt, die mindestens 16 Jahre alt waren.
Die Befragung wurde in mehreren Sprachen angeboten (vgl. SVR 2014: 24).
Für die vorliegende Studie wurden die Daten zur Region Leipzig ausgewertet. Die Ergebnisse
sind folglich nur für diese Region repräsentativ. Sie geben Aufschluss über das
Integrationsklima in der Region Leipzig, das mit dem SVR-Integrationsklimaindex ermittelt
wurde. Auf das Land Sachsen insgesamt sind die Ergebnisse nicht übertragbar; sie können
jedoch als Anhaltspunkte für das Integrationsgeschehen im gesamten Bundesland gelten, für
das eine vergleichbare Befragung bislang nicht vorliegt. Zudem kann das Integrationsklima in
der Region Leipzig mit dem in anderen Regionen Deutschlands (v. a. in den alten
Bundesländern) verglichen werden. Neben dem SVR-Integrationsklimaindex enthält das
Integrationsbarometer u. a. Informationen zu Diskriminierungserfahrungen, Einschätzungen
zur
interkulturellen
Öffnung
von
Behörden
und
subjektive
Einschätzungen
der
Integrationspolitik.
Insgesamt wurden in der Region Leipzig 627 Personen befragt. Diese verteilen sich weitgehend
gleichmäßig auf Personen ohne Migrationshintergrund (129 Befragte), Spät-/Aussiedler (124
Befragte) sowie die Herkunftsräume EU (124 Befragte), europäische Nicht-EU-Staaten (sog.
übriges Europa; 122 Befragte) und nichteuropäische Drittstaaten (sog. übrige Welt; 128
Befragte). Die Fallzahlen für diese Region reichen somit auch für eine Auswertung nach
Herkunftsgruppen aus.

image
64
Integrationsklima in der Region Leipzig: freundlich, aber weniger positiv als in anderen
Befragungsgebieten
Der SVR-Integrationsklima-Index misst das Integrationsklima, also das Zusammenleben von
Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in der Einwanderungsgesellschaft. Dazu wird
untersucht, wie die Menschen das Zusammenleben in verschiedenen Alltagsbereichen erleben
und beurteilen. Diese Informationen werden jeweils für die vier integrationsrelevanten
gesellschaftlichen Teilbereiche Arbeit, Nachbarschaft, soziale Beziehungen und Bildung erfasst.
Dabei wird für jeden Teilbereich separat erhoben, welche Erfahrungen die Befragten gemacht
haben, welche Normvorstellungen sie haben, welche integrative Leistungsfähigkeit sie den
einzelnen Bereichen zuschreiben und wie sie sich in bestimmten Situationen vermutlich
verhalten würden (Verhaltenstendenz). Daraus lässt sich mit Hilfe des Integrationsklima-Index
ein umfassendes Bild des Zusammenlebens von Personen mit und ohne Migrationshintergrund
gewinnen.
85
Den
entsprechenden
Fragen
zu
Erfahrungen,
Normen,
integrativer
Leistungsfähigkeit und Verhaltenstendenzen wird jeweils ein Wert zwischen 0 (sehr negativ)
und 4 (sehr positiv) zugeordnet. Anschließend werden sie für jeden der Teilbereiche Arbeit,
Nachbarschaft, soziale Beziehungen und Bildung zu einem Gesamtindex addiert, die summiert
dann den Integrationsklima-Index (IKI) bilden.
Mit einem Wert von 2,55 für Befragte ohne und 2,84 für Befragte mit Migrationshintergrund
liegt der IKI in der Region Leipzig über dem Mittelwert von 2 und zeigt somit ein insgesamt
freundliches Integrationsklima in der Region. Der IKI liegt jedoch (statistisch signifikant) unter
dem der anderen Befragungsgebiete in Deutschland (andere Befragungsgebiete zusammen:
2,66 für Personen ohne und 2,88 für Personen mit Migrationshintergrund).
Bereits im SVR-Jahresgutachten 2012 zeigte sich, dass das Integrationsklima in den
Befragungsregionen im Osten der Republik anders eingeschätzt wird als in den
Befragungsregionen im Westen. Hier wurde ein „deutlichere[r] Integrationspessimismus“ im
Osten festgestellt (SVR 2012: 44f.). Diesen Unterschied bestätigt ein Vergleich der
Befragungsgebiete im Rahmen des SVR-Jahresgutachtens 2014: In den Befragungsregionen in
den alten Bundesländern wird das Integrationsklima signifikant positiver beurteilt als in denen
85
Im Bereich Nachbarschaft beispielsweise werden die Erfahrungen mit der Frage „Welche Erfahrungen
haben Sie in Ihrer Nachbarschaft mit Migranten/Deutschen gemacht?“ erfasst, die Normvorstellungen
anhand der Bewertung der Aussage „In der Nachbarschaft helfen sich Deutsche und Migranten
gegenseitig“, die Einschätzung der integrativen Leistungsfähigkeit anhand der Aussage „Deutsche und
Migranten leben in der Nachbarschaft ungestört miteinander“ und die Verhaltenstendenz mit der Frage
„Würden Sie in eine Nachbarschaft ziehen, in der viele Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft
leben?“ Für alle Fragen s. SVR 2012: 40.

image
65
in den neuen Ländern (Berlin-Brandenburg und Halle-Leipzig). Besonders deutlich ist der
Unterschied gegenüber der Region Rhein-Main, wo das Integrationsklima tendenziell am besten
eingeschätzt wird. Es zeigte sich jedoch auch, dass dieser Ost-West-Effekt nur für die
Befragten ohne Migrationshintergrund sowie für Zuwanderer aus der ‚übrigen Welt‘
festzustellen ist. Außerdem fällt er für die einzelnen Herkunftsgruppen deutlich schwächer aus.
(SVR 2014: 26f.).
Vergleicht man die Ergebnisse in der Region Leipzig nach Migrationshintergrund (Abb. 9), zeigt
sich, dass Befragte mit Migrationshintergrund (IKI-Wert: 2,84) das Integrationsklima signifikant
positiver als Personen ohne Migrationshintergrund (IKI-Wert: 2,55) bewerten. Dies ergibt sich
im Zeitverlauf auch für Gesamtdeutschland (SVR 2014: 26).
Abb. 9 SVR-Integrationsklima-Index, Region Leipzig 2013
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Zusammenleben in der Nachbarschaft: Zuwanderer sind positiver eingestellt
Das nachbarschaftliche Zusammenleben, einer von insgesamt 16 Indikatoren des
Integrationsklimaindex, wird von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in der Region
Leipzig sehr unterschiedlich eingeschätzt (Abb. 10). Gerade bei den Befragten ohne
Migrationshintergrund sind die Ansichten sehr geteilt: Der Aussage, das Deutsche und
2,55
2,84
0
2
4
2013
ohne Migrationshintergrund
mit Migrationshintergrund
gar nicht (0) bis voll und ganz (4)

image
66
Zuwanderer in der Nachbarschaft ungestört miteinander leben, stimmen 49,8 Prozent von
ihnen „voll und ganz“ oder „eher“ zu, 44,2 Prozent hingegen „eher nicht“ oder „gar nicht“ zu.
Ein deutlich anderes Bild zeigt sich bei den einzelnen Zuwanderergruppen: Insbesondere Spät-
/Aussiedler (82,6 %) und Zuwanderer aus europäischen Nicht-EU-Staaten (‚übriges Europa‘:
85,9 %) sind der Ansicht, dass das Zusammenleben ungestört abläuft; von den Zuwanderern
aus anderen Drittstaaten (‚übrige Welt‘) meinen das 78,7 Prozent und von den EU-
Zuwanderern 67,5 Prozent. In den anderen Befragungsgebieten ist der Unterschied zwischen
Zuwanderern und Menschen ohne Migrationshintergrund in diesem Punkt nicht so deutlich wie
in der Region Leipzig.
Abb. 10 Einschätzungen dazu, ob Deutsche und Zuwanderer in der Nachbarschaft ungestört
miteinander leben, Region Leipzig 2013
Anmerkung: Anteile unter 4 Prozent sind nicht ausgewiesen.
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Öffentliche Diskussion über Integration: zu negativ
Die
öffentliche
Diskussion
über
Integration
beurteilen
Befragte
mit
wie
ohne
Migrationshintergrund in der Region Leipzig eher als zu negativ. Zwischen einigen
Herkunftsgruppen zeigen sich hier jedoch deutliche Unterschiede (Abb. 11). Spät-/Aussiedler
und Zuwanderer mit einem Migrationshintergrund eines nichteuropäischen Drittstaats (‚übrige
16,3
19,8
10,5
20,4
4,2
62,4
66,1
57,0
62,2
45,6
8,1
5,1
6,0
17,4
8,7
24,4
12,3
41,0
0%
20%
40%
60%
80%
100%
übrige Welt
übriges Europa
EU27
Spät-/Aussiedler
ohne Migrations-
hintergrund
voll und ganz
eher
teils/teils
eher nicht
gar nicht

image
67
Welt‘) sind sich in ihren Einschätzungen weitgehend einig: Ca. 50 Prozent der Befragten beider
Gruppen schätzte die öffentliche Diskussion über Integration als eher zu negativ oder viel zu
negativ ein. Zuwanderer aus der EU nehmen die öffentliche Diskussion sogar noch sehr viel
negativer wahr, Zuwanderer aus dem ‚übrigen Europa‘ hingegen sehr viel positiver. Bei
Letzteren ist – anders als in allen anderen Gruppen – sogar die deutliche Mehrheit der Ansicht,
dass die öffentliche Diskussion über Integration viel zu bzw. eher zu positiv geführt werde.
Diese Einschätzung der öffentlichen Diskussion zeigt sich in keiner anderen Gruppe so deutlich.
Selbst Befragte ohne Migrationshintergrund halten die öffentliche Diskussion über Integration
eher für zu negativ (47,7 %) als für zu positiv (37,4 %).
Die Bevölkerung im Freistaat ist also überwiegend der Ansicht, dass die öffentliche Diskussion
über Integration zu negativ ist. Laut ZIK sollen die wichtigen gesellschaftlichen Institutionen,
etwa die Medien, die „Schaffung einer Willkommenskultur“ fördern, z. B. indem im „Hör- und
Fernsehprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) […] Berichte, Dokumentationen oder
Unterhaltungssendungen über gelungene Integrationsprogramme ausgestrahlt werden“ (SMS
2012b: 32). Aber auch die Staatsregierung ist gefordert, sich deutlicher zu einer
Willkommenskultur zu bekennen und positive Integrationsbeispiele in den Vordergrund zu
stellen. Das Bekenntnis des Freistaats, „ein weltoffenes und zukunftsorientiertes Land“ (SMS
2012b: 6) zu sein, scheint allein (noch) nicht auszureichen. Vielmehr ist der Freistaat gefragt,
seinen Bürgern viel stärker zu vermitteln, wie wichtig Integration für das gemeinsame
Zusammenleben im Freistaat ist. Von einem Bekenntnis zur Integration von höchster Stelle
könnte eine wichtige Signalwirkung ausgehen.

image
68
Abb. 11 Beurteilung der öffentlichen Diskussion über Integration, Region Leipzig 2013
Anmerkung: Anteile unter 3 Prozent sind nicht ausgewiesen.
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Einschätzung der Integrationspolitik der letzten Jahre: weitgehender Stillstand
Um die Zuwanderungs- und Integrationspolitik weiterentwickeln zu können, benötigen die
politischen Akteure im Freistaat Sachsen – und in der Bundesrepublik insgesamt – vor allem
Informationen darüber, wie die Bürger die Integrationspolitik beurteilen, denn daran lässt sich
ablesen, ob integrationspolitische Maßnahmen als Erfolg oder als Misserfolg wahrgenommen
werden. Von den Befragten ohne Migrationshintergrund ist gut die Hälfte (50,7 %) der
Meinung, dass die Integrationspolitik der letzten fünf Jahre die Integration von Zuwanderern
wesentlich oder etwas verbessert hat. Die Befragten mit Migrationshintergrund beurteilen den
Erfolg der Integrationspolitik etwas skeptischer: Nur zwei Fünftel von ihnen (39,8 %) sind der
Ansicht, dass die politischen Maßnahmen der letzten Jahre die Integration verbessert haben
(Abb. 12). In beiden Gruppen ist jeweils ein kleiner Teil der Ansicht, die Politik der letzten Jahre
habe die Integration von Zuwanderern verschlechtert. Auffällig ist, dass in beiden Gruppen
mehr als zwei Fünftel der Integrationspolitik Stillstand bescheinigen: Ihrer Meinung nach hat
sich in den letzten fünf Jahren gar nichts verändert. Ein Vergleich mit den anderen
Befragungsregionen belegt, dass die Befragten in den neuen Bundesländern in Bezug auf
Integrationspolitik skeptischer sind. Befragte mit Migrationshintergrund in der Region Leipzig
2,6
7,1
5,5
4,7
9,0
43,2
60,1
26,9
41,5
28,4
3,3
6,1
10,5
3,9
14,9
41,8
23,8
54,4
44,3
45,4
9,1
5,6
0%
20%
40%
60%
80%
100%
übrige Welt
übriges Europa
EU27
Spät-/Aussiedler
ohne Migrations-
hintergrund
viel zu positiv
eher zu positiv
weder noch
eher zu negativ
viel zu negativ

image
69
beurteilen zudem den Erfolg der Integrationspolitik der letzten Jahre signifikant schlechter als
Befragte mit Migrationshintergrund in den westdeutschen Regionen Rhein-Main, Rhein-Ruhr
und Stuttgart oder in der Region Berlin-Brandenburg. Daraus ist zu schließen, dass noch mehr
getan werden muss, um im Freistaat auch erfolgreiche Integrationsmaßnahmen bekannt zu
machen. Zugleich signalisiert es aber, dass die politischen Akteure im Freistaat die aktuellen
Strategien überdenken und ggf. ausbauen müssen.
Abb. 12: Einschätzung, inwiefern die Integrationspolitik der letzten fünf Jahre die Integration
von Zuwanderern verändert hat, Region Leipzig 2013
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Bevölkerung befürwortet stärkere interkulturelle Öffnung der Verwaltung
Im sächsischen Zuwanderungs- und Integrationskonzept wird betont, dass die öffentliche
Verwaltung als ein „Aushängeschild“ der Gesellschaft Weltoffenheit bekunden soll. „[D]urch
eine Erhöhung des Anteils der Migranten im Öffentlichen Dienst von Bund, Ländern und
Kommunen […] [könne] die interkulturelle Kompetenz der Verwaltung gesteigert werden“ (SMS
2012b: 34). Im Rahmen einer Strategie, mit der der Zuwandereranteil im öffentlichen Dienst
erhöht werden soll, wird die „Förderung des Bewusstseins, dass Migranten als Teil unser
Gesellschaft in den Öffentlichen Dienst gehören“, als ein wichtiger Aspekt gesehen (SMS
2012b: 34f.).
2,8
5,0
47,9
34,8
41,7
44,4
7,6
12,1
3,7
0%
20%
40%
60%
80%
100%
ohne
Migrations-
hintergrund
mit
Migrations-
hintergrund
wesentlich verbessert
etwas verbessert
gar nicht verändert
etwas verschlechtert
wesentlich verschlechtert

image
70
Abb. 13 Zustimmung, dass ausreichend Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in Behörden und
Ämtern vertreten sind, Region Leipzig 2013
Anmerkung: Anteile unter 3 Prozent sind nicht ausgewiesen.
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Wie das SVR-Integrationsbarometer zeigt (Abb. 13), besteht dieses Bewusstsein in der
Bevölkerung bereits: Sie ist mehrheitlich der Ansicht, dass in Behörden und Ämtern (noch)
nicht genügend Mitarbeiter mit Migrationshintergrund vertreten sind, und eine deutliche
Mehrheit – insbesondere bei den Zuwanderern – befürwortet, dass in Behörden und Ämtern
mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund eingestellt werden (Abb. 14). Für den Freistaat
Sachsen, aber auch für die Kommunen als Arbeitgeber sind diese Einschätzungen ein wichtiges
Signal: Sie belegen nicht nur, dass ihr personalpolitisches Ziel, den Anteil von Zuwanderern in
der Verwaltung zu erhöhen, von der Bevölkerung unterstützt wird, sondern machen auch
deutlich, dass in diesem Bereich auch zukünftig weiterer Handlungsbedarf besteht.
3,0
5,6
20,5
22,1
64,2
40,4
11,7
31,6
0%
20%
40%
60%
80%
100%
ohne Migrations-
hintergrund
mit Migrations-
hintergrund
voll und ganz
eher
teils/teils
eher nicht
gar nicht

image
71
Abb. 14 Zustimmung, dass in Behörden und Ämtern mehr Mitarbeiter mit
Migrationshintergrund eingestellt werden sollten, Region Leipzig 2013
Anmerkung: Anteile unter 3 Prozent sind nicht ausgewiesen.
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
Wahrnehmung von Diskriminierung: Drittstaatsangehörige besonders betroffen
Ein Anhaltspunkt für die Qualität des Zusammenlebens in der Einwanderungsgesellschaft ist
auch, in welchem Ausmaß Menschen (mit Migrationshintergrund) Diskriminierung erleben.
Trotz eines insgesamt positiven Integrationsklimas zeigt das Integrationsbarometer 2014 auch,
dass Menschen mit Migrationshintergrund im Alltag Diskriminierung erleben. Sie berichten
signifikant
häufiger
von
entsprechenden
Erfahrungen
als
Menschen
ohne
Migrationshintergrund. Besonders Zuwanderer aus europäischen Nicht-EU-Staaten und aus der
‚übrigen Welt‘ fühlen sich auffallend häufig diskriminiert, während Befragte ohne
Migrationshintergrund und jene aus einem EU-Mitgliedstaat sehr viel seltener von
Diskriminierung berichten (Abb. 15). Die erfahrene Diskriminierung von europäischen Nicht-EU-
Zuwanderern und Zuwanderern aus nichteuropäischen Drittstaaten ist insbesondere in Ämtern
und Behörden auffallend hoch: In der Region Leipzig berichten 23,2 Prozent der europäischen
Nicht-EU-Zuwanderer und 36,0 Prozent der Zuwanderer aus der ‚übrigen Welt‘ von
entsprechenden Benachteiligungserfahrungen. Im Vergleich dazu sind es in den anderen
Befragungsregionen (ohne Leipzig) ‚nur‘ 15,0 bzw. 23,5 Prozent. Spät-/Aussiedler und EU-
Zuwanderer erfahren in der Region Leipzig (z. T. deutlich) weniger Benachteiligung in Ämtern
und Behörden (12,2 % bzw. 13,4 %) als in den anderen Befragungsgebieten (20,8 % bzw.
15,3 %). In der Nachbarschaft und im öffentlichen Nahverkehr liegt das Diskriminierungsniveau
in der Region Leipzig bei allen Gruppen mit Ausnahme der Zuwanderer aus nichteuropäischen
14,4
41,7
52,0
45,5
3,7
24,8
8,4
5,1
4,0
0%
20%
40%
60%
80%
100%
ohne
Migrations-
hintergrund
mit
Migrations-
hintergrund
voll und ganz
eher
teils/teils
eher nicht
gar nicht

image
72
Drittstaaten geringfügig niedriger als in den anderen Befragungsgebieten (vgl. SVR 2014: 35).
Dass Personen mit einem Migrationshintergrund aus einem nichteuropäischen Drittstaat (sog.
übrige Welt) auffallend mehr Diskriminierung erfahren als Zuwanderer der anderen
Herkunftsgruppen, verweist auf das bekannte Muster, „dass besonders phänotypisch
differente, d. h. als ‚anders‘ wahrnehmbare Personen […] häufiger Benachteiligungen
wahrnehmen“ (ADS 2012: 16). Zudem werden sie in Sachsen signifikant häufiger abgelehnt
und benachteiligt als in den anderen Befragungsgebieten. Positiv fällt hingegen auf, dass Spät-
/Aussiedler in dieser Region signifikant weniger Diskriminierungserfahrungen berichten als in
den anderen Befragungsgebieten.
Abb. 15 Benachteiligungserfahrungen nach Herkunftsgruppen der Befragten, Region Leipzig
2013
Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2014; gewichtete Daten
12,3%
5,6%
9,0%
12,2%
7,7%
5,1%
13,4%
7,4%
6,6%
23,2%
9,6%
6,7%
36,0%
24,7%
26,8%
0%
20%
40%
Ämter/Behörden
Nachbarschaft
öffentlicher Nahverkehr
ohne Migrationshintergrund
Spät-/Aussiedler
EU27
übriges Europa
übrige Welt

image
image
73
Willkommens- und Anerkennungskultur in der Gesellschaft verankern
Die hier dargestellten Ergebnisse des SVR-Integrationsbarometers für die Region Leipzig
verdeutlichen zwar, dass Personen mit wie ohne Migrationshintergrund das Integrationsklima
insgesamt in der Region tendenziell positiv beurteilen. Dennoch gibt es (statistisch signifikante)
leichte Unterschiede gegenüber den Regionen in Westdeutschland, wo das Integrationsklima
insgesamt positiver wahrgenommen wird. Gleiches zeigt sich bei den Einschätzungen zur
Integrationspolitik der letzten Jahre. Auffälliger ist, dass Menschen mit einem
Migrationshintergrund eines nichteuropäischen Drittstaats (sog. übrige Welt) hier erheblich
mehr Diskriminierung erfahren als in den anderen Befragungsregionen und auch mehr als
Zuwanderer anderer Herkunftsgruppen.
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass es in Sachsen und in Ostdeutschland insgesamt
deutlich häufiger Vorbehalte gegen Zuwanderer sowie rechtsextremistische, ausländer-,
fremden- oder menschenfeindliche Einstellungen gibt als in Westdeutschland (vgl. u. a.
Ganter/Essers 1998; Ahlheim/Heger 2000; Herrmann 2001; Stichs 2006; Weinmann 2010). So
ergab beispielsweise eine Sonderauswertung des von dem Institut für interdisziplinäre Konflikt-
und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld durchgeführten Langzeitprojekts
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland“ (GMF) „dass viele Sachsen bereit
sind offenen, traditionellen Vorurteilen zuzustimmen“. Zudem äußern sie „ebenso wie die
Befragten aus den übrigen neuen Bundesländern bei vielen Elementen der GMF feindlichere
Einstellungen […] als Befragte aus den alten Bundesländern“ (Stichs 2006: 36). Dies gilt
insbesondere für die Bereiche Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie und Homophobie
sowie die Abwertung von Obdachlosen, weniger für den Bereich Antisemitismus (vgl. Stichs
2006). Aber nicht nur die entsprechenden Einstellungen sind in Sachsen bzw. in den
ostdeutschen Bundesländern stärker verbreitet, auch fremdenfeindliche Handlungen,
insbesondere Gewalttaten kommen hier häufiger vor. Dies könnte dem Image des Freistaats
schaden und die viel proklamierte Willkommenskultur und Weltoffenheit beeinträchtigen (Info-
Box 5).

image
74
Info-Box 5 ‚No-go-Area‘ vs. Willkommenskultur?
Immer wieder gibt es Berichte über Orte, Regionen oder Landstriche – vor allem in den neuen
Bundesländern –,
86
in denen „rechtsextremistische Macht durch die Ausübung oder Androhung
physischer Gewalt durchgesetzt wird“ (Böttger/Lobermeier/Strobl 2005: 336) und
Minderheiten erheblich durch rassistisch motivierte Gewalt gefährdet sind. Solche Gebiete
werden in der rechtsextremen Szene oft zynisch als „national befreite[n] Zonen“ bezeichnet
(Döring 2008: 67f.). Im öffentlichen Diskurs gebräuchlicher sind die Begriffe „Angstzone“
(Döring 2008) oder „No-go-Area“
87
. Solche Gebiete lassen sich zwangsläufig nur schwer
erfassen, definieren oder gar geografisch eingrenzen, da unklar ist, welche Kriterien dafür
zugrunde gelegt werden sollten. Von einem solchen Versuch sollte auch deshalb unbedingt
Abstand genommen werden, weil dies u. U. die Rhetorik und die Ziele der
rechtsextremistischen Urheber solcher Bestrebungen unterstützt.
Fest steht jedoch, dass es in Deutschland vereinzelt Gegenden gibt, in denen viele
rechtsextremistisch eingestellte Personen leben und überdurchschnittlich viele Gewalttaten mit
rechtsextremistischem Hintergrund verübt werden. Darüber hinaus zeigen die Wahlergebnisse
rechtsextremistischer Parteien, dass Teile der Bevölkerung gegenüber bestimmten
Minderheiten latent negativ eingestellt sind. All dies trifft auf einige Gegenden in Sachsen zu.
Das wirft die Frage auf, ob diese Rahmenbedingungen – zumal sie über die Medien verbreitet
werden – Zuwanderer nicht davon abschrecken, sich dort niederzulassen.
2013 hat der Verfassungsschutz in Sachsen 67 rassistisch motivierte Gewalttaten registriert;
Opferberatungsstellen erfassten dagegen 223 rechtsextremistische Angriffe, von denen 85 als
rassistisch motiviert eingestuft wurden (vgl. SMI 2014b: 87f.; RAA Sachsen e. V. 2013). Die
vom Verfassungsschutz registrierten Gewalttaten wurden zu mehr als einem Drittel in Dresden
verübt, neun in Leipzig und jeweils fünf bzw. sechs in den Landkreisen Leipzig, Nordsachsen
und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und in Chemnitz (SMI 2014b: 87f.). Die
Opferberatungsstellen registrieren ebenfalls Schwerpunkte in den Städten Leipzig und Dresden
sowie im Erzgebirgskreis, aber auch in den Landkreisen Nordsachsen, Mittelsachsen und
Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (RAA Sachsen e. V. 2013). Im sachsenweiten Vergleich
stechen von diesen Gegenden besonders der Erzgebirgskreis, Leipzig und der Landkreis
Sächsische Schweiz-Osterzgebirge durch eine hohe Zahl rechtsextremistischer Personen
hervor (SMI 2014b: 96, 103, 115). Nach Auskunft des Kulturbüros Sachsen e. V. sind
insbesondere in den Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz zahlreiche rechtsautonome
Kameradschaften aktiv, die direkt mit der Schaffung sog. No-go-Areas in Verbindung gebracht
werden (KBS 2006; 2012). Besonders im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
sprechen auch die vergleichsweise hohen Wahlergebnisse der NPD in den jeweils letzten
Bundes-, Landtags- und Kommunalwahlen dafür, dass Vorbehalte gegen Zuwanderer
verbreitet sind.
Die genannten Zahlen und Sachverhalte sollen keineswegs den Eindruck erwecken, dass die
sächsische Bevölkerung durchweg fremdenfeindliche Vorbehalte gegen Zuwanderer hat. Wie
das SVR-Integrationsbarometer gezeigt hat, beurteilen in der Region Leipzig auch Menschen
ohne Migrationshintergrund das Integrationsklima weitgehend positiv. Integration beruht
jedoch auf Gegenseitigkeit, sie kann nur gelingen, wenn die Mehrheitsbevölkerung bereit ist,
sich gegenüber Minderheiten zu öffnen, ethnische Vorurteile abzubauen und Rassismus
86
Vgl. exemplarisch
www.spiegel.de/politik/deutschland/gefahrenatlas-deutschland-no-go-areas-fuer-
schwarze-a-412226.html
;
www.zeit.de/2006/23/fremdenfeindlich
;
www.tagesspiegel.de/berlin/rechtsextremismus-heye-no-go-areas-in-ostdeutschland/712324.html
;
www.focus.de/politik/deutschland/rassismus_aid_130120.html
;
www.juedische-
allgemeine.de/article/view/id/5947
, 25.08.2014.
87
Vgl.
http://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/8666
, 25.08.2014.

image
75
entschlossen entgegenzutreten. Ein gesellschaftliches Klima, das als fremdenfeindlich
wahrgenommen wird, kann das Image eines Landes oder einer Region erheblich
beeinträchtigen und potenzielle Zuwanderer abschrecken. Eine Studie des SVR-
Forschungsbereichs hat beispielsweise gezeigt, dass Diskriminierung und Vorbehalte für
Studierende oder Studienabsolventen aus Drittstaaten wichtige Gründe dafür sein können, ins
Heimatland
zurückzukehren
oder
in
ein
anderes
Land
weiterzuwandern
(SVR-
Forschungsbereich/MPG 2012: 42–45). Auch im Rahmen dieser Studie benannten viele der
befragten Akteure im Freistaat (u. a. Integrationsbeauftragte der Städte und Kommunen,
Mitarbeiter von Ministerien, Mitglieder des Beirats für Migration und Integration)
rechtsextremistische Tendenzen in einigen Regionen und Städten Sachsens sowie Vorurteile in
weiten Teilen der Bevölkerung als Hindernisse einer gelingenden Integration. Entsprechend
muss das Bekenntnis des Landes zu Weltoffenheit und zu einer Willkommens- und
Anerkennungskultur dauerhaft unterstützt werden durch strategische Maßnahmen und
nachhaltige Projekte (etwa in den Bereichen Kita, Schule, politische Bildung und
interkultureller Dialog, aber auch ), die Offenheit, Toleranz und Demokratie fördern. Die
konkreten Projekte und Initiativen in Sachsen ‚gegen Rechts‘ leiden – wie dies andernorts
auch der Fall ist – häufig unter langfristiger Finanzierungssicherheit: „Häufig läuft eine
Modellförderung aus, wenn ein Projekt sich soweit entwickelt hat, dass es seine Wirksamkeit
voll entfalten kann.“ (Phineo 2013: 12). Hier besteht sowohl auf Seiten des Bundes als auch
des Landes der Bedarf zur Entwicklung nachhaltiger Fördermodelle, beispielsweise auch durch
eine Überführung erfolgreicher Initiativen aus dem „Programm für Demokratie, Toleranz und
Weltoffenheit“ in eine längerfristige Finanzierung.
Negative Haltungen gegenüber Zuwanderern oder als fremd wahrgenommenen Menschen
können nicht nur dem Image eines Landes und einer Region erheblich schaden, sondern auch
potenzielle Zuwanderer abschrecken. Um Zuwanderung und Integration erfolgreich zu fördern,
müssen zum einen – wie im ZIK proklamiert – „Bleibefaktoren“ gestärkt und bürokratische
Hürden abgebaut werden, zum anderen ist es notwendig, ein „weltoffene[s] und
fremdenfreundliche[s] Klima[ ]“ zu schaffen (SMS 2012b: 6). Wenn Menschen aus bestimmten
Herkunftsländern und ggf. mit bestimmten äußeren Merkmalen Diskriminierung, offene oder
unterschwellige Ablehnung erfahren und sich in manchen Regionen nicht sicher fühlen können,
muss dem klar und entschlossen entgegengetreten werden. Die Landesregierung muss
Maßnahmen ergreifen und adäquate Programme entwickeln, um jedem Menschen sein Recht
auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu sichern. Gegenseitige Offenheit, Toleranz und
Demokratie muss auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft gefördert werden. Um
zukünftig die präventiven, operativen und fördernden Aktivitäten des Freistaates im Bereich der
Demokratieförderung und im Kampf gegen rassistische und/oder rechtsextremistische
Bestrebungen noch besser zu koordinieren, sollte seitens der Landesregierung über die
Etablierung angemessener Foren nachgedacht werden, in denen die einschlägigen staatlichen
und nichtstaatlichen Akteure aus Prävention, Strafverfolgung, politischer Bildung,
Integrationsförderung und Opferberatung in einen strategischen Austausch über dieses

image
76
Handlungsziel zusammenkommen können. Hierfür empfiehlt sich insbesondere eine enge
Zusammenarbeit der Staatsministerien für Inneres, Kultur, Soziales und Verbraucherschutz
sowie der Staatskanzlei, die auch über die IMAG initiiert werden könnte. Sachsen braucht
qualifizierte Fachkräfte. Ein weltoffenes Klima zu schaffen und Vorurteile in der Gesellschaft
abzubauen ist somit nicht zuletzt für die Zukunft des Landes bzw. seine demografische und
wirtschaftliche Entwicklung ebenso wichtig wie die bereits erfolgten rechtlichen und
bürokratischen Veränderungen. Hier besteht auch zukünftig Handlungsbedarf.
3.2
Strukturelle Integration der Zuwanderer, Einbürgerung und politische
Teilhabe
Die Bereiche Bildung (Kap. 3.2.1) und Arbeit (Kap. 3.2.2) gehören zu den zentralen Bereichen
der Integration. In diesen Bereichen können kulturelle und ökonomische Ressourcen gesichert
werden, die für eine chancengleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nötig sind. Ein
weiterer wichtiger Bereich ist die politische Teilhabe. In diesem Zusammenhang spielt der
Erwerb der Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung eine zentrale Rolle, da dadurch das aktive
und passive Wahlrecht und somit die vollen politischen Teilhaberechte erworben werden (Kap.
3.2.3).
3.2.1 Bildung
Frühkindliche Bildung: Betreuungsquoten sind vergleichsweise hoch
Gesellschaftliche und soziale Teilhabe sind zentrale Pfeiler einer gelingenden Integration. Der
Bildungserfolg spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wichtige Weichen für (späteren) schulischen
Erfolg werden bereits im Kindesalter gestellt. Frühkindliche Bildung ist dafür eine grundlegende
Voraussetzung. Ein Betreuungsplatz kann die Grundlage für eine gute Bildung schaffen, denn
Kindertageseinrichtungen sind nicht nur dafür zuständig, Nichtschulkinder zu betreuen und zu
versorgen, sondern erfüllen auch einen wichtigen Bildungsauftrag: Sie fördern die sprachliche
Entwicklung. Kinder verfügen über unterschiedliche Sprachkompetenzen. Einige wachsen
einsprachig auf, andere zwei- oder mehrsprachig. Für die einen ist es somit selbstverständlich,
verschiedene Sprachen zu hören und zu gebrauchen, für andere dagegen ist die Begegnung
mit einer anderen Sprache eine Herausforderung (vgl. SMK 2009). Auch ungleiche
sozioökonomische und soziokulturelle Voraussetzungen im Elternhaus bestimmen die
Bildungskompetenzen der Kinder. Beispielsweise verwenden Mütter mit einem niedrigen

image
77
sozialen Status in der Kommunikation mit ihrem Kind einen geringeren Wortschatz als Mütter
mit einem höheren sozialen Status (Stanat/Felbrich 2013: 86). Dadurch werden bereits in einer
sehr frühen Lebensphase unterschiedliche Ausgangslagen für den späteren Spracherwerb
geschaffen. Die Kita kann helfen, solche Unterschiede auszugleichen und Kinder in den ersten
Lebensjahren bestmöglich auf den schulischen Bildungsweg vorzubereiten, so dass die Kinder
bei Schuleintritt möglichst gleiche Teilhabechancen besitzen und alle den schulischen
Anforderungen gerecht werden können.
Grundsätzlich stehen, nicht zuletzt im Bereich der Förderung der unter Dreijährigen, drei
Betreuungsformen gleichwertig nebeneinander und bieten Kindern bei angemessener
Ausgestaltung gute Ausgangsbedingungen für die weitere Bildungskarriere: Die Betreuung zu
Hause bzw. unmittelbar durch die eigenen Eltern, die sog. Kindertagespflege, d. h. eine
familiennahe Betreuung durch dafür geeignete Tagespflegepersonen in Kleingruppen, sowie die
institutionelle Betreuung in öffentlich oder privat getragenen Kindertageseinrichtungen. Die
Interventionsmöglichkeiten zur Verbesserung der frühkindlichen Bildungsinfrastruktur und der
Betreuungsqualität im Rahmen der staatlichen Aufgabenerfüllung konzentrieren sich jedoch auf
die institutionelle Betreuung: Derzeit wird die Kindertagesbetreuung ausgebaut und das
Betreuungsangebot erweitert. Davon profitieren auch Kinder mit Migrationshintergrund, da
diese Maßnahmen eine wichtige Integrationsfunktion haben können. Seit 1996 hat jedes Kind
nach Vollendung des dritten Lebensjahres Anspruch auf einen Betreuungsplatz (§ 24 Art. 1
SGB VIII). Dieser Anspruch wurde am 1. August 2013 durch das Kinderförderungsgesetz
(KiföG), das bereits 2008 in Kraft getreten war, auf unter Dreijährige ausgeweitet. Die
entsprechenden Landesregelungen finden sich im Sächsischen Gesetz zur Förderung von
Kindern in Tageseinrichtungen (SächsKitaG; Info-Box 6). Von diesem Anspruch sollen Kinder
mit und ohne Migrationshintergrund profitieren; somit ist der erweiterte Rechtsanspruch auch
als eine wichtige Grundlage für frühkindliche Integrationsförderung zu sehen.

image
78
Info-Box
6
Das
Sächsische
Gesetz
zur
Förderung
von
Kindern
in
Tageseinrichtungen und der Sächsische Bildungsplan
Nach dem Sächsischen Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen (Sächsisches
Gesetz über Kindertageseinrichtungen, SächsKitaG) haben Kinder ab dem vollendeten dritten
Lebensjahr bis zum Schuleintritt einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz in
einer Kindertageseinrichtung. Damit verbindet das Gesetz die Stufen von Bildungs-,
Erziehungs- und Betreuungsauftrag. Seit dem 1. August 2013 haben nun auch Kinder nach
Vollendung des ersten Lebensjahres einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.
Optional zu Kindertageseinrichtungen können Eltern auf die öffentlich geförderte
Kindertagespflege ausweichen. Entsprechende Plätze „müssen in einem bedarfsgerechten
Umfang zur Verfügung gestellt werden“.
88
Dafür, dass genügend Betreuungsplätze zur
Verfügung stehen und das Angebot ggf. entsprechend ausgebaut wird, sind die Kommunen
verantwortlich. Die politische Intention dahinter ist nicht allein, die Betreuungssituation
quantitativ zu verbessern, es soll auch in qualitativer Hinsicht den Betreuungsschlüssel
sicherstellen, der für eine frühkindliche Förderung erforderlich ist.
Nach dem Sächsischen Bildungsplan, der als Leitfaden für die Arbeit der pädagogischen
Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten sowie der Kindertagespflege dienen soll, muss
Vielfalt und Heterogenität „stärker denn je“ in den Fokus der (früh-)pädagogischen Arbeit
rücken
und
„sensibel
mit
Unterschiedlichkeiten“
umgegangen
werden.
„Kindertageseinrichtungen
und
Kindertagespflegestellen
sind
gerade
durch
die
Berücksichtigung von Differenzen auf gleichberechtigte Teilhabe ausgerichtet und nehmen die
Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft in den Blick“ (SMK 2011: 12). Verschiedenheit,
Vielfalt und die daraus erwachsende Notwendigkeit, die Lebenswelten zu differenzieren,
werden ausdrücklich als Bildungspotenzial für alle Kinder gesehen, da Kitas die ersten
öffentlichen Orte sind, an denen Kinder mit anderen Gruppen, sozialen Milieus und Kulturen
und mit entsprechend anderen Lernvoraussetzungen konfrontiert werden; das Personal wird
aufgefordert, Bildungsarbeit auch als „Differenzbearbeitung“ aufzufassen (SMK: 18f.)
Für manche Kinder mit Migrationshintergrund ist der Kitaeintritt gleichzeitig der erste intensive
Kontakt mit der deutschen Sprache (vgl. Tettenborn et al. 2012: 153ff.). Kinder sind in den
ersten Lebensjahren in der Lage, eine Zweitsprache quasi beiläufig, eingebettet in ihr
Alltagsgeschehen zu erwerben. Sie sind oft motiviert, etwas Neues zu lernen und es in
spielerischen Aktivitäten anzuwenden (vgl. SMK 2009). Studien belegen, dass ein früher Kita-
Besuch die Entwicklung der Sprachkompetenz positiv beeinflusst. Empirische Untersuchungen
zum Spracherwerb im Kleinkindalter ermitteln zwar unterschiedliche Altersgrenzen, innerhalb
derer Kinder eine Zweitsprache vergleichsweise leicht erwerben, weitgehend anerkannt ist
jedoch ein Alter von etwa sechs Jahren. Bis zu diesem Alter wird eine Zweitsprache in
derselben Hirnregion gespeichert wie die Mutter- bzw. Erstsprache. In dieser Phase erfolgt in
der Regel der Übergang vom Elementarbereich in die Grundschule (vgl. Grießhaber 2001;
Vandell et al. 2010; Pianta et al. 2009).
88
http://www.kita.sachsen.de/
, 28.08.2014.

image
79
Tab. 5 Kinder in Kindertageseinrichtungen und öffentlich geförderter Tagespflege in Sachsen
am 1. März 2013
Unter 3-Jährige
3- bis 6-Jährige
Anzahl
gesamt
Betreuungs-
quote
(Anteil an
allen unter
3-Jährigen)
davon: mit
Migrations-
hintergrund
Anzahl
gesamt
Betreuungs-
quote
(Anteil an
allen 3- bis
6-Jährigen)
davon: mit
Migrations-
hintergrund
Anzahl
Anteil
Anzahl
Anteil
49.527
47,2 %
1.980
4,0 %
98.674
95,8 %
6.658
6,8 %
Anmerkung: Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn mindestens ein Elternteil im
Ausland geboren wurde.
Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2013: 30, 40; eigene Darstellung
Am 1. März 2013, als noch kein Betreuungsanspruch für unter Dreijährige bestand, wurden
insgesamt 49.527 Kinder dieser Altersstufe in einer öffentlichen Einrichtung bzw. in der
öffentlich geförderten Tagespflege betreut, das entspricht einer Betreuungsquote von
47,2 Prozent (Tab. 5). Dabei lag der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei
4,0 Prozent (1.980 Kinder).
89
Bei den Drei- bis Sechsjährigen, die bereits seit 1996 einen
gesetzlich geregelten Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben, ist die Betreuungsquote
insgesamt deutlich höher: Am 1. März 2013 besuchten insgesamt 98.674 Kinder eine Kita oder
waren in Tagespflege; das entspricht einer Betreuungsquote von 95,8 Prozent. Nur 6.658
dieser Kinder hatten einen Migrationshintergrund, was einem Anteil von 6,8 Prozent
entspricht.
90
Gesonderte Betreuungsquoten für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund liegen nicht vor.
Für das Jahr 2011 lässt sich jedoch anhand des Zensus zumindest ein Näherungswert
ermitteln.
91
Zum Zeitpunkt des Zensus gab es in Sachsen 93.950 unter dreijährige Kinder ohne
89
Von den insgesamt 1.980 unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen
und öffentlich geförderter Tagespflege in Sachsen besucht eine deutliche Mehrheit eine
Kindertageseinrichtung (1.638 Kinder) (vgl. SMK 2014).
90
Auch in dieser Altersstufe besucht die deutliche Mehrheit der insgesamt 6.658 institutionell betreuten
Kinder mit Migrationshintergrund in Sachsen eine Kindertageseinrichtung (6.638 Kinder) (vgl. SMK
2014).
91
Die Berechnung basiert auf den offiziellen Zahlen zu Kindern in Kindertageseinrichtungen zum 1. März
2011 (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2011) und der Zahl der Kinder in der jeweiligen
Altersspanne nach dem Zensus (vgl. SLFS 2014d).

image
80
und 7.650 mit Migrationshintergrund bzw. 90.560 Kinder zwischen 3 und 6 Jahren ohne und
7.760 mit Migrationshintergrund (SLFS 2014d). Am 1. März 2011 besuchten in Sachsen 44.132
unter dreijährige Kinder ohne Migrationshintergrund eine Kita (Betreuungsquote: ca. 47,0 %)
und 1.712 Kinder mit Migrationshintergrund (Betreuungsquote: ca. 22,4 %) (vgl. Statistische
Ämter des Bundes und der Länder 2011: 28).
92
Bei den Drei- bis Sechsjährigen waren es
87.640
Kinder
ohne
(Betreuungsquote:
ca.
96,8 %)
und
6.386
Kinder
mit
Migrationshintergrund (Betreuungsquote: ca. 82,3 %) (vgl. Statistische Ämter des Bundes und
der Länder 2011: 38).
93
Diese für 2011 ermittelten Betreuungsquoten können zwar nur als
Näherungswerte angesehen werden, sie machen aber deutlich, dass sich die Betreuungsquoten
von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund vor allem bei den unter Dreijährigen noch
erheblich unterscheiden. Auffällig ist jedoch, dass die Betreuungsquoten in Sachsen – und in
Ostdeutschland insgesamt – für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund über dem
bundesdeutschen Schnitt liegen, vor allem bei den unter Dreijährigen. Das ist möglicherweise
darauf zurückzuführen, dass außerhäusliche Kinderbetreuung in der ehemaligen DDR ein
anderes Selbstverständnis hatte als in der alten Bundesrepublik (vgl. SVR 2014: 97–100).
Somit gibt es hier traditionell eine Basis für eine institutionell verankerte Frühförderung.
Allerdings sollten besondere Anstrengungen darauf verwendet werden, bei den Kindern mit
Migrationshintergrund die Betreuungsquote weiter zu steigern, da vor allem diese Kinder von
einer frühen Sprachförderung profitieren (Becker 2010). Denn gerade Kinder mit
Migrationshintergrund – aber auch Kinder aus bildungsfernen oder sozial schwachen Familien
insgesamt – haben oft einen erhöhten Sprachförderbedarf. Sprachliche Defizite in Deutsch
sollten nach Möglichkeit bereits vor Schuleintritt ausgeglichen werden, um gleiche
Voraussetzungen für einen erfolgreichen schulische Bildungskarriere zu gewährleisten und die
Gefahr von Rückstellungen oder späterem ‚Sitzenbleiben‘ zu minimieren – denn schulischer
Erfolg ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe, insbesondere
für die beruflichen Perspektiven (SVR-Forschungsbereich 2013: 5). Angebote der
Kindertagesbetreuung können diese Funktion übernehmen, wenn die pädagogischen
Rahmenbedingungen – d. h. Betreuungsschlüssel, Qualität der Betreuung insgesamt sowie
sprachliche Fördermaßnahmen – gut sind.
92
Dass die Werte nur Näherungswerte sind, wird daran deutlich, dass die Gesamtbetreuungsquote, die
mit Hilfe der Zensuszahlen ermittelt werden kann (45,1 %), etwas höher liegt als die offiziell ermittelte
Betreuungsquote (44,1 %) (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2011:28).
93
Auch hier weicht die mit den Zensuszahlen ermittelte Gesamtbetreuungsquote (95,6 %) von der
offiziell ermittelten Betreuungsquote (95,3 %) leicht nach oben ab (vgl. Statistische Ämter des Bundes
und der Länder 2011: 28).

image
81
Dieses wichtige Ziel, die Betreuungsquoten von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund
langfristig weiter anzugleichen, fehlt im ZIK bislang; es sollte bei einer Weiterentwicklung des
Konzepts aufgenommen werden. Zudem sollten Maßnahmen benannt werden, mit denen
dieses Ziel erreicht werden kann. Der gesetzlich verankerte Betreuungsanspruch allein reicht
dafür nicht aus, das zeigen die unterschiedlichen Betreuungsquoten bei den Drei- bis
Sechsjährigen. Um dafür weitere Maßnahmen zu entwickeln, muss aber zunächst ermittelt
werden, worauf diese Diskrepanz zurückgeht. Ein Grund könnte beispielsweise sein, dass Eltern
nichtdeutscher Herkunft mehr Hemmungen haben, Betreuung in Anspruch zu nehmen oder
ihnen schlichtweg der Zugang fehlt. So sind Eltern mit einem geringen Bildungsniveau im
Durchschnitt weniger gut in der Lage, sich um einen geeigneten Kitaplatz für ihr Kind zu
kümmern (vgl. SVR 2014: 99, 108). Studien zeigen, dass viele Eltern mit Migrationshintergrund
nur wenig auf die institutionelle Frühförderung ihrer Kinder vertrauen; zum Teil sehen sie auch
einfach keine Notwendigkeit dafür, weil sie unzureichend informiert sind. Zudem ist bekannt,
dass insbesondere Eltern der ersten Zuwanderergeneration und bildungsferne Eltern
vergleichsweise hohe Erwartungen an die Qualität der Kindertagesbetreuung haben und diese
Erwartungen bisweilen nicht erfüllt sehen (vgl. SVR-Forschungsbereich 2013: 15f.). Dies
berührt einen zentrale Herausforderung des Kita-Ausbaus in Deutschland: Mit der quantitativen
Dimension der Bereitstellung möglichst flächendeckender Kapazitäten geht die Aufgabe einher,
die nötige Qualität der Betreuung sicherzustellen, und zwar im Hinblick auf vier Dimensionen:
die Orientierungs-, die Struktur- und die Prozessqualität sowie die Qualität des Familienbezugs
und der Vernetzung (vgl. Kluczniok/Sechtig/Roßbach 2012).
Um bestehende Zugangsbarrieren abzubauen können pädagogische Fachkräfte mit Angeboten
interkultureller Elternbildung ansetzen. Dabei treten sie in eine wertschätzende Beziehung zu
den Eltern und versuchen, Barrieren abzubauen, die Eltern mit Migrationshintergrund davon
abhalten, Elternbildungsangebote wahrzunehmen. Die Angebote werden so gestaltet, dass sie
alle Eltern unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund in ihrer Erziehungskompetenz
unterstützen. Entsprechende Rahmenbedingungen müssen jedoch durch konsequente
Organisationsentwicklung auf der Ebene der Einrichtungen geschaffen werden. Die
Landesregierung kann dies steuern, indem sie Rahmenbedingungen gesetzlich verankert, unter
denen interkulturelle Elternbildung gelingen kann, und dafür sorgt, dass entsprechende
Konzepte erarbeitet und verbreitet werden (SVR-Forschungsbereich 2014b: 20).
Ein weiterer Grund für die geringere Betreuungsquote von Kindern mit Migrationshintergrund
könnte sein, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund deutlich
niedriger ist als die von Frauen ohne Migrationshintergrund (s. Kap. 2.2.2). Damit ist auch die

image
82
Wahrscheinlichkeit höher, dass das Kind zu Hause betreut wird anstatt in einer Kita.
Familienbetreuung kann aus verschiedenen Gründen präferiert werden. Traditionsbewusste
Eltern etwa folgen oft einer klaren Rollenverteilung, nach der die Mutter für die Kinder sorgt.
Solche Familienbilder lösen sich allerdings in der zweiten Generation immer mehr auf. Hier ist
die
Nachfrage
nach
Betreuungsplätzen
ebenso
hoch
wie
bei
Familien
ohne
Migrationshintergrund (SVR-Forschungsbereich 2013: 13–16).
Einen wichtigen Beitrag dazu können beispielsweise Erzieher leisten, die selbst einen
Migrationshintergrund haben und im Idealfall auch die Herkunftssprache des Kindes und der
Eltern sprechen (Kiziak/Kreuter/Klingholz 2012).
94
Da es aber nur begrenzt möglich ist, mehr
Erzieher mit Migrationshintergrund einzustellen – besonders in einem Land wie Sachsen mit
insgesamt wenig Zuwanderern –, können Aus- und Weiterbildungsangebote sinnvoll sein, die
die interkulturellen Fertigkeiten des Personals fördern (Schweitzer/Edelbrock/Biesinger 2011).
Allgemeinbildende Schulen: Zuwanderer auf Oberschulen und Gymnasien relativ gleichmäßig
verteilt
In der Grundschule, die auf den Elementarbereich folgt, werden wichtige Grundlagen für den
weiteren Bildungsweg gelegt. Die Empfehlung für die Sekundarstufe, die die Grundschule gibt,
kann für den späteren schulischen Abschluss wegweisend sein. Dieser wiederum entscheidet
über die Berufschancen und ist somit ein zentraler Faktor für den späteren Lebensweg.
Sachsen hat bislang – ebenso wie die meisten anderen ostdeutschen Länder sowie Bayern und
Berlin – am System einer bindenden Empfehlung für die weiterführende Schule festgehalten.
Im Lichte der Entwicklung der Übergangsquoten bestimmter Gruppen, z. B. von Schülern mit
Migrationshintergrund
oder
aus
(Fach)arbeiterfamilien,
in
die
Schulformen
des
Sekundarbereichs sollte die Praxis der verbindlichen Übergangsempfehlungen in regelmäßigen
Abständen überprüft werden: denn Herkunft und Sozialmilieu beeinflussen nachweislich nicht
nur die durch die Schulen bzw. Lehrer ausgesprochenen Empfehlungen, sondern auch das
Verhalten von Eltern dahingehend, diesen Empfehlungen zu folgen (vgl. SVR 2010: 150). Die
gezielte Förderung sowie die Berücksichtigung und Aktivierung aller Potenziale auch bei
leistungsschwächeren Schülern, insbesondere solcher, deren Rückstand beispielsweise auf
strukturelle Faktoren oder ihre Zuwanderungsgeschichte zurückzuführen ist, sollte daher bei
der Frage des Übergangs von der Grund- zur weiterführenden Schule höchste Priorität
genießen.
94
Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass sie mit den Kindern (ausschließlich) in deren
Herkunftssprache kommunizieren sollen, da dies den Deutscherwerb negativ beeinflussen würde.

image
83
Im Sekundarschulbereich gibt es im Freistaat Sachsen verschiedene allgemeinbildende Schulen.
Neben dem Gymnasium gibt es die Mittel- bzw. Oberschule. Letztere ist eine Weiterentwicklung
der Mittelschule, die mit dem Schuljahr 2013/14 eingeführt wurde.
95
Sie vereint Haupt- und
Realschulbildung unter einem Dach und bereitet die Schülerschaft in erster Linie auf einen
mittleren Abschluss für eine spätere Berufsausbildung vor. In der Oberschule wird eine zweite
Fremdsprache mit drei Wochenstunden unterrichtet, für leistungsstarke Schüler werden in den
Jahrgangsstufen 5 und 6 zwei Wochenstunden ergänzt. Damit soll den Schülern ermöglicht
werden, nach der 6. Klasse (bei einer verbindlichen Empfehlung) zum Gymnasium zu wechseln,
bzw. – durch die zweite Fremdsprache – nach der 10. Klasse der Übergang auf ein berufliches
Gymnasium erleichtert werden. Die Oberschule soll somit einen „zweite[n] Weg zum Abitur“
ermöglichen (SMK 2013; vgl. auch SMK 2014). Somit ergibt sich im Freistaat Sachsen ein
zweigliedriges Schulsystem aus Mittel- bzw. Oberschule und Gymnasium. Da die Oberschule als
nichtgymnasiale Schulform jedoch offensiv den Übergang zum Abitur vorbereitet, nähert sich
das System dem sog. Zwei-Wege-Modell an (Neumann/Maaz/Becker 2013). Auch andere
Bundesländer wie die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen haben unter anderen
Bezeichnungen ein zweigliedriges Schulsystem eingeführt und damit ein zukunftsweisendes
Modell mit integrationsförderlichem Potenzial geschaffen. Faktisch lernen in einer Mittel- bzw.
Oberschule leistungsstarke und leistungsschwache Schüler gemeinsam. Daraus ergeben sich
möglicherweise Nachteile,
96
vor allem aber Vorteile: Leistungsschwächere Schüler lernen mehr,
sobald sie mit leistungsstarken Schülern unterrichtet werden, während sich das
Kompetenzniveau der leistungsstarken Schüler dadurch nicht verringert (Scharenberg 2011).
Bildungspolitisch zielt dieses System auf größere Chancengerechtigkeit ab. Das ist auch aus
integrationspolitischer Perspektive erfreulich, da viele Schüler mit Migrationshintergrund ein
niedriges Kompetenzniveau aufweisen (vgl. SVR 2014: 157).
Für Sachsen wird seit dem Schuljahr 2008/09 die Anzahl der Schüler mit Migrationshintergrund
erfasst (Info-Box 7). Dadurch ist es möglich, den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen
mit und ohne Migrationshintergrund zu vergleichen. Vor allem lässt sich aber feststellen, wie
sich die Schülerschaft mit und ohne Migrationshintergrund in Sachsen auf die verschiedenen
Schulformen verteilt.
95
Zwar werden Schulen der Schulart Mittelschule seit 1. August 2013 als Oberschulen bezeichnet (vgl.
SMK 2014), in Übereinstimmung mit dem geltenden Schulgesetz hat sich an der Bezeichnung der
Schulart
Mittelschule
bisher
jedoch
grundsätzlich
noch
nichts
geändert
(Vgl.
www.schule.sachsen.de/164.htm
, 25.08.2014).
96
Eltern mit hohen Bildungsaspirationen für ihre Kinder befürchten beispielsweise, „dass es den
Lernerfolg ihrer Kinder schmälert, wenn diese gemeinsam mit Schülern aus vormals niedrig
qualifizierenden Schulformen unterrichtet werden“ (SVR 2014: 157).

image
84
Info-Box 7 Erfassung des Migrationshintergrunds in der amtlichen Schulstatistik in
Sachsen
Das Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen erhebt jährlich zu Beginn des Schuljahres
Daten, u. a. die Zahl der Schüler in den einzelnen Schulformen. Seit dem Schuljahr 2008/09
wird auch die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund erfasst (vgl. Klemm/Awiszus 2013:
6).
In der amtlichen Schulstatistik des Freistaats ist Migrationshintergrund wie folgt definiert:
„Schüler mit Migrationshintergrund sind jene, die zwei- und mehrsprachig aufwachsen und die
selbst oder deren Eltern (bzw. ein Elternteil) oder Großeltern nach Deutschland zugewandert
sind,
ungeachtet
ihrer
gegenwärtigen
Staatsangehörigkeit
und
ungeachtet
ihres
Aufenthaltsstatus“ (SMK 2014; vgl. auch Sächsisches Bildungsinstitut 2013: 43). Angaben zum
Migrationshintergrund sind aus datenschutzrechtlichen Gründen freiwillig.
Damit folgt die amtliche Schulstatistik einer anderen Definition von Migrationshintergrund als
das Statistische Bundesamt im Rahmen des Mikrozensus (s. Kap. 2.3).
97
Die Definition des
Mikrozensus stellt Staatsangehörigkeit und Herkunft in den Vordergrund; die amtliche
Schulstatistik von Sachsen zieht Herkunft und Zwei- oder Mehrsprachigkeit, jedoch nicht die
Staatsangehörigkeit als Kriterien heran. Der Mikrozensus ist jedoch keine geeignete
Datenquelle für Aussagen zu Schülern mit Migrationshintergrund im Freistaat Sachsen (Info-
Box 3). Da die Schulstatistik des Freistaats den Migrationshintergrund erfasst, ermöglicht sie
Aussagen über die Schülerstruktur. Die unterschiedliche Definition des Migrationshintergrunds
muss bei der Interpretation der Zahlen berücksichtigt werden, insbesondere bei Vergleichen
mit anderen Bundesländern (auf der Grundlage des Mikrozensus).
Im Frühjahr 2013 lernten an sächsischen Schulen 22.903 Schüler mit einem
Migrationshintergrund aus 141 Ländern. Davon wurden ca. 70 Prozent nicht in Sachsen oder im
Bundesgebiet geboren, sondern sind selbst nach Deutschland zugewandert (sog. erste
Generation). Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund an der Schülerschaft beträgt in
Sachsen insgesamt 5,2 Prozent. In den Städten Dresden und Leipzig liegt er an einzelnen
Schulen zwischen 30 und 60 Prozent; fünf Grundschulen und eine Oberschule haben einen
Anteil von 50 Prozent oder mehr. Fast 20.000 der rund 23.000 Schüler mit
Migrationshintergrund besuchen eine allgemeinbildende Schule. Insgesamt sind an 70 Prozent
der allgemeinbildenden Schulen in Sachsen Schüler mit Migrationshintergrund vertreten (SMK
2014). Auf Oberschulen und Gymnasien sind Schüler mit Migrationshintergrund relativ gleich
verteilt (Tab. 6).
97
Sie unterscheidet sich zudem von der der meisten anderen Bundesländer, wo lediglich nach deutscher
oder ausländischer Staatsangehörigkeit unterschieden wird.

image
85
Tab. 6 Schüler mit Migrationshintergrund an Grundschulen, Oberschulen und Gymnasien im
Freistaat Sachsen im Frühjahr 2014
absolut
anteilig
Grundschulen
8.824
7,0 %
Oberschulen
5.449
5,6 %
Gymnasien
4.550
5,0 %
Anmerkung: Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn Schüler zwei- und mehrsprachig
aufwachsen und selbst oder deren Eltern (bzw. ein Elternteil) oder Großeltern nach
Deutschland zugewandert sind.
Quelle: SMK 2014; eigene Darstellung
Schulabschlüsse an allgemeinbildenden Schulen: ‚Abschluss-Lücke‘ schließen
Eine zentrale Schnittstelle für eine erfolgreiche Integration von Jugendlichen und jungen
Erwachsenen ist der Übergang von der Schule in den Beruf. Im ZIK wurde als Ziel formuliert,
dass Zuwanderer höhere Bildungsabschlüsse erlangen und weniger Jugendliche die Schule
ohne Abschluss verlassen (SMS 2012b: 21). Dies kann zwangsläufig nur ein längerfristiges Ziel
sein, in wenigen Jahren ist es kaum zu erreichen.
Im Jahr 2013 – also noch vor der Weiterentwicklung der Mittel- zu Oberschulen – haben über
25.000 Schüler eine allgemeinbildende Schule in Sachsen verlassen; davon hatten 4,2 Prozent
einen Migrationshintergrund (Tab. 7). Von diesen Schülern haben fast 13.000 Schüler einen
Realschulabschluss erworben und ca. 7.000 die allgemeine Hochschulreife. 4,2 Prozent der
Abiturienten haben einen Migrationshintergrund; dieser Anteil entspricht also genau dem der
Personen mit Migrationshintergrund an allen Abgängern und Absolventen.
Auf der anderen Seite des Bildungsspektrums ist allerdings auffällig, dass bei den Absolventen
mit Hauptschulabschluss und insbesondere bei den Abgängern ohne Abschluss der Anteil der
Zuwanderer überproportional hoch ist (5,2 bzw. 6,4 %).
98
Zudem hat in der jüngeren
Vergangenheit der Anteil derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, unter den
Schülern mit Migrationshintergrund zugenommen (+3,7 Prozentpunkte zwischen 2011 und
2013), während der der Abiturienten abgenommen hat (–8,2 Prozentpunkte zwischen 2011
und 2013) (Tab. 8). Inwieweit die jüngst erfolgte Weiterentwicklung der Mittelschulen zu
Oberschulen die Chancengerechtigkeit erhöhen wird, ist bislang noch nicht abzusehen und
kann sicher erst in einigen Jahren beantwortet werden. Die Zahlen machen deutlich, dass es in
98
Im Jahr 2010 erreichten laut ZIK insgesamt 2.341 Schüler keinen Schulabschluss, davon 159 mit
Migrationshintergrund (6,8 %) (vgl. SMS 2012b: 21).

image
86
diesem Bereich bisher noch keine sichtbaren Verbesserungen gegeben hat. Die im ZIK
formulierten bildungs- und integrationspolitischen Ziele, die Anzahl der Schüler ohne Abschluss
zu senken und stattdessen Zuwanderer zu höheren Bildungsabschlüssen zu führen, müssen
also weiter und intensiver verfolgt werden.
Tab. 7 Abgänger/Absolventen an allgemeinbildenden Schulen im Freistaat Sachsen 2013
gesamt
davon:
mit
Migrations-
hintergrund
männ-
lich
davon:
mit
Migrations-
hintergrund
weib-
lich
davon:
mit
Migrations-
hintergrund
ab-
solut
an-
teilig
ab-
solut
an-
teilig
ab-
solut
an-
teilig
ohne
Abschluss
2.599
166
6,4 %
1.567
102
6,5 %
1.032
64
6,2 %
Hauptschul-
abschluss
2.543
131
5,2 %
1.522
68
4,5 %
1.021
63
6,2 %
Realschul-
abschluss
12.885
456
3,5 %
6.496
232
3,6 %
6.389
224
3,5 %
allgemeine
Hochschul-
reife
7.079
295
4,2 %
3.241
138
4,3 %
3.838
157
4,1 %
insgesamt
25.106
1.048
4,2 %
12.826
540
4,2
%
12.280
508
4,1
%
Anmerkung: Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn Schüler zwei- und mehrsprachig
aufwachsen und selbst oder deren Eltern (bzw. ein Elternteil) oder Großeltern nach
Deutschland zugewandert sind.
Quelle: SLFS 2014a; eigene Darstellung

image
87
Tab. 8 Verteilung der Abgänger/Absolventen an allgemeinbildenden Schulen im Freistaat
Sachsen 2011–2013
2011
2012
2013
gesamt
mit
Migrations-
hintergrund
gesamt
mit
Migrations-
hintergrund
gesamt
mit
Migrations-
hintergrund
ohne Abschluss
10,4 %
12,1 %
10,1 %
11,0 %
10,4 %
15,8 %
mit
Hauptschul-
abschluss
10,7 %
12,4 %
10,3 %
13,4 %
10,1 %
12,5 %
mit
Realschulabschluss
49,7 %
39,2 %
51,1 %
44,8 %
51,3 %
43,5 %
mit
allgemeiner
Hochschulreife
29,2 %
36,3 %
28,5 %
30,7 %
28,2 %
28,1 %
insgesamt
100,0 % 100,0 %
100,0 % 100,0 %
100,0 % 100,0 %
Anmerkung: Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn Schüler zwei- und mehrsprachig
aufwachsen und selbst oder deren Eltern (bzw. ein Elternteil) oder Großeltern nach
Deutschland zugewandert sind.
Quelle: SLFS 2014a; eigene Darstellung
Ausländische Studierende im Freistaat: Hochschulen als Migrationsmagneten und
Integrationsmotoren
Hochschulen gelten nicht zu Unrecht als „Migrationsmagneten und Integrationsmotoren“ (SVR
2013: 80). Studierende aus dem Ausland können dazu beitragen, den zunehmenden Bedarf an
gut ausgebildeten und damit qualifizierten Arbeitskräften in Sachsen und in Deutschland
insgesamt zu sichern. Ein in Deutschland bzw. Sachsen absolviertes Hochschulstudium bietet
den besten Einstieg in den Arbeitsmarkt. Entsprechend wurde im ZIK das Ziel formuliert, die
Rahmenbedingungen im Freistaat Sachsen zu verbessern, „[u]m noch mehr ausländische
Studierende für ein Studium in Sachsen zu gewinnen“ (SMS 2012b: 11). Hier ist der Freistaat
auf einem guten Weg, denn die Entwicklung der letzten Jahre zeigt einen deutlichen Trend:
Während im Jahr 2005 noch 8,5 Prozent aller Studierenden an sächsischen Hochschulen (9.190
von insgesamt 107.792) aus dem Ausland stammten,
99
waren es im Jahr 2013 bereits
11,0 Prozent (12.473 von insgesamt 113.394 Studierenden). Das entspricht einem Anstieg von
99
Es
handelt
sich
dabei
um
Bildungsausländer,
d. h.
Studierende,
die
ihre
Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben.

image
88
3.283 ausländischen Studierenden bzw. ca. 36 Prozent innerhalb von acht Jahren. Noch
deutlicher zeigt sich die Entwicklung bei den Studienanfängern: Während hier der Anteil der
Bildungsausländer 2005 noch bei 17,6 Prozent lag (3.503 Studienanfänger), waren es 2013
bereits 25,5 Prozent (5.258 Studienanfänger). Dies entspricht einem Anstieg um knapp
50 Prozent innerhalb von acht Jahren (SMWK 2014).
Die wichtigsten Herkunftsländer ausländischer Studierender in Sachsen: China und Österreich
Von den ausländischen Studierenden, die im Wintersemester 2012/13 an sächsischen
Hochschulen eingeschrieben waren, kam eine deutliche Mehrheit aus Asien (43,5 %) und
Europa, wobei die EU-Staaten einen Gesamtanteil von 28,7 Prozent ausmachten und die
europäischen Nicht-EU-Staaten
100
einen Anteil von 15,6 Prozent (Abb. 16). Etwa 7 Prozent der
ausländischen Studierenden im Wintersemester 2012/13 kamen aus Amerika und nur knapp
5 Prozent aus Afrika; Australien und Ozeanien spielen als Herkunftsraum so gut wie keine
Rolle. Die fünf wichtigsten Herkunftsstaaten ausländischer Studierender an den Hochschulen im
Freistaat Sachsen im Wintersemester 2012/13 sind China, Österreich, die Russische Föderation,
Vietnam und Polen (Tab. 9).
100
Zu den europäischen Nicht-EU-Staaten zählen Albanien, Bosnien und Herzegowina, Island, der
Kosovo, Kroatien (Beitritt am 1. Juli 2013; im WS 2012/13 noch kein EU-Mitglied), Liechtenstein,
Mazedonien, Moldau, Montenegro, Norwegen, die Russische Föderation, die Schweiz, Serbien, die
Türkei, die Ukraine und Weißrussland.

image
89
Abb. 16 Ausländische Studierende an sächsischen Hochschulen nach Herkunftsregionen im
Wintersemester 2012/13
Anmerkung: Die Angaben beziehen sich nur auf Bildungsausländer.
Quelle: SLFS 2013e; eigene Darstellung
Tab. 9 Hauptherkunftsländer ausländischer Studierender an sächsischen Hochschulen im
Wintersemester 2012/13
Herkunftsregion
Anzahl
Anteil an
allen
ausländischen
Studierenden
1.
China
1.788
14,5 %
2.
Österreich
1.757
14,2 %
3.
Russische Föderation
690
5,6 %
4.
Vietnam
629
5,1 %
5.
Polen
475
3,9 %
Anmerkung: Die Angaben beziehen sich nur auf Bildungsausländer.
Quelle: SLFS 2013e; eigene Darstellung
28,7%
15,6%
43,5%
4,9%
7,1%
0,2%
Asien
EU
Europa (Nicht-EU)
Amerika
Afrika
Australien und Ozeanien

image
90
China ist mit einem Anteil von 14,5 Prozent das wichtigste Herkunftsland ausländischer
Studierender in Sachsen. Weitere wichtige asiatische Herkunftsländer sind Vietnam (629
Studierende), Indien (459 Studierende) und Korea (262 Studierende). Von den 3.088
ausländischen Studierenden aus EU-Staaten, die im Wintersemester 2012/13 eingeschrieben
waren, kamen die meisten aus Österreich (Info-Box 8), das mit einem Gesamtanteil von
14,2 Prozent das zweitwichtigste Herkunftsland ausländischer Studierender im Freistaat bildet.
Weitere wichtige EU-Staaten waren Polen (475 Studierende), die Tschechische Republik (360),
Frankreich (311) und Italien (293). Von den europäischen Nicht-EU-Staaten (1.755
Studierende) kamen fast zwei Fünftel aus der Russischen Föderation (690) und der Ukraine
(461). Im Wintersemester 2012/13 studierten in Sachsen zudem 157 Studierende aus den USA
und 172 aus Brasilien (insgesamt 765 Studierende aus Nord-, Zentral- und Südamerika) sowie
94 aus Ägypten und 79 aus Marokko (insgesamt 522 Studierende aus Afrika) (SLFS 2013e: 42–
44).
Info-Box 8 Sachsen: beliebtes Studienland für junge Österreicher
Die Zahl der aus Österreich stammenden Studierenden an den Hochschulen im Freistaat
Sachsen ist in den letzten Semestern deutlich gestiegen. Im Wintersemester 2012/13 waren
14,2 Prozent der ausländischen Studierenden österreichischer Herkunft; im vorangegangenen
Wintersemester 2011/12 betrug ihr Anteil sogar noch 16,3 Prozent, und auch in den
Semestern davor lagen die Anteile bereits im zweistelligen Bereich. Dieser hohe Anteil ist
insofern besonders, als er weit über dem Bundesdurchschnitt liegt. Viele der österreichischen
Studierenden in Sachsen besuchen die Hochschule Mittweida (in der Nähe von Chemnitz) (vgl.
auch Himmelsbach 2003). Die Hochschule mit technischem Schwerpunkt pflegt seit einigen
Jahren eine Kooperation mit dem Studien- und Technologietransferzentrum Weiz (in der Nähe
von Graz), das als Vermittler von Studiengängen der Hochschule Mittweida agiert. Bei
Studienfächern, die ein Austauschprogramm zwischen Mittweida und Weiz beinhalten, sind die
Studierenden an beiden Standorten eingeschrieben. Die Hauptzielgruppe des Programms sind
angehende Absolventen von sog. Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) in Österreich, die
einen Schwerpunkt auf technische Berufe legen und nach dreijähriger berufsbildender Schule
den Titel ‚Ingenieur‘ vergeben. Absolventen, die den begehrten Titel ‚Diplomingenieur‘
erlangen wollen, bietet die Hochschule Mittweida ein verkürztes Studium mit geringen
Präsenzzeiten. Dieses attraktive Angebot nehmen viele angehende Akademiker aus Österreich
in Anspruch.
Studienfächer ausländischer Studierender: Ingenieurwissenschaften besonders gefragt
Die Studierenden in Sachsen sind vor allem in ingenieur-, rechts-, wirtschafts- und
sozialwissenschaftlichen Studiengängen eingeschrieben (Tab. 10). Das dürfte im Wesentlichen
auf das Studienangebot des Hochschulstandorts Sachsen zurückzuführen sein (insbesondere
mit Blick auf die Technischen Universitäten Dresden und Chemnitz). Entsprechend sind die
ausländischen Studierenden auch auf die relevanten Studienfächer annähernd gleich verteilt:

image
91
3.529 (28,6 %) von ihnen hatten im Wintersemester 2012/13 ein ingenieurwissenschaftliches
Studienfach belegt, jeweils 3.310 Studierende bzw. 26,8 Prozent studierten Rechts-,
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Dahinter folgten Sprach- und Kulturwissenschaften
(1.875 Studierende bzw. 15,2 %) sowie Mathematik und Naturwissenschaften (1.864
Studierende bzw. 15,1 %). Im Vergleich zum Bund fällt vor allem auf, dass in Sachsen
überdurchschnittlich
viele
ausländische
Studierende
ein
ingenieurwissenschaftliches
Studienfach belegen (Bund: 13,7 %) (vgl. Statistisches Bundesamt 2013c).
Tab. 10 Studierende an sächsischen Hochschulen nach Studienfächern im Wintersemester
2012/13
Studienfach
Studierende insgesamt
davon ausländische
Studierende
absolut
Anteil an
allen
ausländischen
Studierenden
Ingenieurwissenschaften
31.237
27,7 %
3.529
28,6 %
Rechts-, Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften
27.946
24,8 %
3.310
26,8 %
Sprach- und Kulturwissenschaften
20.525
18,2 %
1.875
15,2 %
Mathematik, Naturwissenschaften
17.024
15,1 %
1.864
15,1 %
Humanmedizin,
Gesundheitswissenschaften
6.785
6,0 %
554
4,5 %
Kunst, Kunstwissenschaft
4.972
4,4 %
885
7,2 %
Sport
1.647
1,5 %
115
0,9 %
Agrar-, Forst- und
Ernährungswissenschaften
1.513
1,3 %
106
0,9 %
Veterinärmedizin
1.014
0,9 %
47
0,4 %
außerhalb der Studienbereichsgliederung
61
0,1 %
60
0,5 %
gesamt
112.724
100,0 %
12.345
100,0 %
Anmerkung: Die Angaben beziehen sich nur auf Bildungsausländer.
Quelle: SLFS 2013a; eigene Berechnung und Darstellung

image
92
Insbesondere der hohe Anteil der ausländischen Studierenden in den Bereichen
Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften (insgesamt 43,7 % der
ausländischen Studierenden) ist angesichts des zunehmenden Bedarfs an Fachkräften in
technischen Berufen positiv zu bewerten – sofern sich diesen Studierenden im Anschluss an
das Studium auch Bleibe- und Jobperspektiven bieten. Damit der Freistaat die Qualifikationen
der ausländischen Absolventen, in die er investiert hat, auch nutzen kann, muss also
bestmöglich sichergestellt werden, dass der Berufsmarkt für sie attraktiv und anschlussfähig
ist. Wie viele ausländische Absolventen in Sachsen bleiben, ist schwer zu ermitteln. Ein Befund
der BAMF-Absolventenstudie zeigt für den Freistaat: 70 Prozent der in Deutschland
verbliebenen ausländischen Absolventen, die in Sachsen arbeiten, haben dort auch ihren
Hochschulabschluss erworben. Dieser Anteil ist deutlich höher als in den meisten anderen
Bundesländern (Hanganu/Heß 2014: 186f.). Insgesamt hielten sich zum Stichtag 31. August
2012 2,7 Prozent (1.663 Personen) aller Personen, die jemals zuvor mit einem Aufenthaltstitel
nach § 16 Abs. 1 AufenthG in Deutschland erfasst waren (überwiegend Absolventen deutscher
Hochschulen), in Sachsen auf.
101
Dieser Anteil ist höher als in den anderen neuen
Bundesländern (0,5 % bis 1,0 %) mit Ausnahme von Berlin (11,0 %) und liegt auch höher als
im Saarland (1,1 %), in Schleswig-Holstein (1,6 %) und in Bremen (1,9 %). Zudem stellt die
Studie fest: Immerhin 31,6 Prozent der Personen, die in Sachsen studiert haben und in
Deutschland bleiben, bleiben tatsächlich auch in Sachsen zum Arbeiten, während dieser Anteil
in den anderen neuen Bundesländern geringer ist (11,1 % bis 25,8%) (Hanganu/Heß 2014:
88).
102
Um ausländische Absolventen als hoch qualifizierte Fachkräfte in Sachsen zu halten, muss der
Freistaat sich auch weiterhin bemühen, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen wie im ZIK
beschrieben (vgl. SMS 2012b: 11). Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Bleibepotenzialen
und zu Faktoren, die den Verbleib ausländischer Absolventen in Sachsen begünstigen oder
erschweren, sollten in den entsprechenden Maßnahmen berücksichtigt werden (Info-Box 9).
Wichtig wäre hier auch, entsprechende Willkommens- und Anerkennungsstrukturen zu schaffen
(Info-Box 5).
101
Die Absolventen müssen jedoch nicht notwendigerweise in Sachsen studiert haben, das können sie
auch in einem anderen Bundesland getan haben.
102
Bundesweit folgt nach Sachsen Rheinland-Pfalz mit einem Anteil von 3,4 Prozent; der höchste Anteil
entfällt auf Nordrhein-Westfalen (20,8 %) (Hanganu/Heß 2014: 88).

image
93
Info-Box 9 Das Projekt „VISS – Verbleibspotenzial internationaler Studierender in
Sachsen“
Bei ausländischen Absolventen in Deutschland weichen Bleibewunsch und tatsächlicher
Verbleib deutlich voneinander ab: 67 bis 80 Prozent der internationalen Studierenden (Master
oder Promotion) können sich vorstellen, nach Abschluss des Studiums eine Beschäftigung in
Deutschland Land aufzunehmen, aber nur etwa ein Viertel bleibt tatsächlich (SVR-
Forschungsbereich 2012/MPG: 4, 37). Für Projekte und Maßnahmen in diesem
Zusammenhang sind darum Informationen zum Verbleibspotenzial ausländischer Absolventen
und zu Faktoren, die ihren Verbleib begünstigen oder erschweren, von großer Bedeutung.
Vor dem Hintergrund, dass ein Interesse daran besteht, ausländische Studierende an
sächsischen Hochschulen für einen Berufseinstieg in Sachsen zu gewinnen, führt das Herder-
Institut der Universität Leipzig im Rahmen des IQ Netzwerks Sachsen das Projekt „VISS –
Verbleibspotenzial internationaler Studierender in Sachsen“ durch. In dem Projekt sollen die
komplexen Faktoren untersucht werden, die die Bleibeentscheidung internationaler
Studierender an Sachsens Hochschulen und die Bedingungen ihres Arbeitsmarktzugangs
untersuchen.
Dabei
soll
auch
erforscht
werden,
wie
regionale
Akteure
die
Karriereentscheidung beeinflussen und welche Kooperationsformen sich zwischen Politik,
Verwaltung, Hochschulen und Unternehmen entwickelt haben. Die Aussagekraft der
regionalspezifischen Erkenntnisse für Sachsen soll durch einen Vergleich mit Ergebnissen aus
weiteren Regionalstudien in Brandenburg, Niedersachsen und dem Saarland ergänzt werden.
Die Forschungsergebnisse sollen eine empirische Grundlage schaffen, auf der Praxisstrategien
erarbeitet und Handlungsempfehlungen generiert werden können (Schramm 2013; vgl. auch
Arajärvi/Drubig 2013). VISS ist ein wichtiger Schritt, um mehr über die Bleibeabsichten
internationaler
Studienabsolventen
in
Sachsen
und
über
die
Hürden
und
Gelingensbedingungen für einen erfolgreichen Berufseinstieg zu erfahren.
Erste Ergebnisse des Projekts zeigen, dass eine Hürde z. B. mangelnde Sprachkenntnisse sind
(z. B. weil Defizite im Deutschen in englischsprachigen Studiengängen nicht ausgeglichen
werden). Andere sind diffuse Vorbehalte gegen ausländische Mitarbeiter (vgl. auch SVR-
Forschungsbereich 2012/MPG: 42–44; Info-Box 5) oder die Angst vor dem bürokratischen
Aufwand. Problematisch ist zudem, dass große, bekannte Unternehmen in Städten als
Arbeitgeber attraktiver sind als kleine und mittelständische Unternehmen auf dem Land.
Motive zu bleiben sind u. a. (familiäre) Beziehungen und Karrierechancen in Deutschland oder
eine unsichere Perspektive im Heimatland (vgl. Arajärvi/Drubig 2014).
Die Bedeutung der Hochschulen als wichtige zuwanderungspolitische Akteure hat in den
vergangenen Jahren zugenommen (vgl. SVR 2013: 19). Dies wird u. a. daran deutlich, dass die
Zahl ausländischer Studierender steigt. Angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftebedarfs
im technischen Bereich ist für die Zukunft auch wichtig, dass ein großer Teil der ausländischen
Studierenden in Sachsen in entsprechenden Studienfächern eingeschrieben ist. In den letzten
Jahren sind die sächsischen bzw. deutschen Hochschulen attraktiver geworden und haben sich
zunehmend internationalisiert (vgl. SVR 2013: 86f.). Diese Prozesse müssen gesichert und
ausgebaut werden. Sowohl der Freistaat Sachsen als auch der Bund müssen ihrer
Verantwortung nachkommen und den Hochschulen die nötigen Mittel dafür bereitstellen.

image
94
3.2.2 Arbeitsmarkt
Entwicklungen des ostdeutschen Arbeitsmarkts nach 1990: Arbeitslosigkeit in jüngerer Zeit
rückläufig
Als in der Zeit der Wende und kurz danach die ostdeutsche Wirtschaft zusammenbrach und die
vormalige Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft umgewandelt wurde, schlossen die
meisten staatseigenen Großbetriebe, in denen die Mehrheit der ostdeutschen Arbeitnehmer
beschäftigt gewesen war (vgl. Martens 2010: 1). Dieser Prozess hatte gravierende Folgen für
die Arbeitsmarktsituation in Ostdeutschland: Innerhalb von nur zwei Jahren ging etwa ein
Drittel aller Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern verloren und schätzungsweise
80 Prozent aller Ostdeutschen waren für kürzere oder längere Zeit arbeitslos (vgl.
Geißler/Meyer 2014: 255; Martens 2010: 4). Obwohl die Erwerbsbevölkerung in der gleichen
Zeit durch Abwanderung stark zurückging (s. Kap. 2.2),
103
hat sich die Arbeitslosenquote
104
in
den neuen Bundesländern zwischen 1991 und 1993 fast verdoppelt (BA 2014f). Nur durch
arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konnte verhindert werden, dass die Arbeitslosenquote in
Sachsen wie auch in anderen Teilen Ostdeutschlands noch weiter anstieg (vgl. Geißler/Meyer
2014: 256).
Durch das verlangsamte Wirtschaftswachstum in den neuen Bundesländern ab 1996
105
nahm
die Arbeitslosenquote weiter zu: Der Anteil der registrierten Arbeitslosen lag in den Jahren von
1998 bis 2005 zwischen 19,0 und 22,5 Prozent. Durch die steigende Arbeitslosigkeit sank auch
die Beschäftigungsquote (der Anteil der Erwerbsbevölkerung, die einer Beschäftigung
103
Zahlreiche Ostdeutsche wanderten in die westdeutschen Bundesländer ab; zugleich gingen viele
Ältere in Rente. Dadurch sank die Zahl der Erwerbspersonen zwischen 1989 und 1993 um zwei Millionen
(vgl. den Hertog 2004: 168; Lutz/Grünert 2001: 148).
104
Die Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an der Erwerbsbevölkerung. In Deutschland
nennt die Bundesagentur für Arbeit zwei verschiedene Arbeitslosenquoten. Die eine ist die Zahl, die auf
der Basis „aller zivilen Erwerbspersonen“ errechnet wird. Zu den zivilen Erwerbspersonen zählen „alle
abhängigen zivilen Erwerbstätigen sowie Selbständige und mithelfende Familienangehörige“. Die andere
Zahl wird hingegen auf der Grundlage „aller abhängigen zivilen Erwerbspersonen“ ermittelt. Diese
Gruppe setzt sich zusammen aus „alle[n] sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten einschließlich der
Auszubildenden,
den
geringfügig
Beschäftigten,
Personen
in
Arbeitsgelegenheiten
in
der
Mehraufwandvariante, Beamte[n] (ohne Soldaten) und Grenzpendler[n]“ (Bersheim/Oschmiansky/Sell
2014: 1). In dieser Studie wird die Arbeitslosenquote herangezogen, die auf der Basis aller zivilen
Erwerbspersonen errechnet und von der BA monatlich bekannt gegeben wird. Sind keine
entsprechenden Zahlen verfügbar, werden mit entsprechendem Hinweis Quoten auf der Basis „aller
abhängigen zivilen Erwerbspersonen“ angeführt (vgl. BA 2014g).
105
Während die Wirtschaftswachstumsraten in Ostdeutschland in den ersten Jahren nach der Wende
deutlich höher waren als in Westdeutschland, unterschieden sie sich in den folgenden Jahren kaum (vgl.
Giesecke/Verwiebe 2010: 251).

image
95
nachgeht). Insgesamt fiel die Beschäftigungsquote bei den ostdeutschen Männern stetig von
78,8 Prozent im Jahr 1991 über 69,3 Prozent im Jahr 1996 auf 62,9 Prozent im Jahr 2004. Bei
den Frauen ging sie noch deutlicher zurück: Von 78,7 Prozent im Jahr 1991 fiel sie auf
57,7 Prozent im Jahr 1996 und blieb dann bis 2004 weitgehend konstant (57,8 %) (Giesecke
/Verwiebe 2010: 255).
Die überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern hängt in hohem
Maße mit der genannten geringeren Produktivität der ostdeutschen Wirtschaft zusammen.
Diese ‚Produktivitätslücke‘ geht zum Teil auf die abweichende Branchenstruktur der
ostdeutschen Wirtschaft im Vergleich zu Westdeutschland zurück. So sind weit weniger
Menschen in der verarbeitenden Industrie und im Bausektor beschäftigt, weil in diesen
Bereichen im Laufe der 1990er Jahre viele Arbeitsplätze abgebaut wurden. Zudem ist ein im
bundesdeutschen Vergleich kleiner Anteil der ostdeutschen Unternehmen in der Finanz- und
Versicherungsindustrie oder dem hochproduktiven Dienstleistungssektor tätig. Hinzu kommt,
dass es viele eher kleine Betriebe und nur wenige internationale Großunternehmen gibt.
Letzteres bedeutet, dass ein verhältnismäßig kleiner Anteil der Beschäftigten in den neuen
Bundesländern bedeutenden wertschöpfenden Aktivitäten nachgeht (z. B. Forschungs- und
Entwicklungstätigkeiten, Vermarktung, Verwaltung und Führung); dagegen sind Personen, die
manuelle Tätigkeiten in der Produktion ausüben, überrepräsentiert (vgl. Giesecke/Verwiebe
2010: 252f.).
Seit 2005 ist die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern insgesamt rückläufig. Zwischen
2005 und 2013 hat sich die Arbeitslosenquote von 18,7 Prozent auf 10,3 Prozent beinahe
halbiert (BA 2014f).
106
Neben einer Verbesserung des ostdeutschen Arbeitsmarkts hängt der
Rückgang der Arbeitslosigkeit mit dem zunehmenden Fachkräftebedarf zusammen, der z. T.
auch dadurch bedingt sein dürfte, dass jahrelang junge Menschen aus Ostdeutschland
abgewandert sind und folglich die zurückgebliebene Bevölkerung überaltert ist. Auch in
Sachsen ist die Arbeitslosenquote zwischen 2005 und 2013 von 18,3 Prozent auf 9,4 Prozent
gesunken (BA 2014f; Statistisches Bundesamt 2014a).
Zudem ist die Anzahl der Erwerbstätigen in den neuen Bundesländern seit 2009 gestiegen,
wenn auch deutlich langsamer als in den alten Bundesländern. Das gilt insbesondere für
Sachsen, wo die Zunahme der Erwerbstätigen zwischen 2010 und 2012 (+1,8 %) zwar unter
dem gesamtdeutschen Zuwachs (+2,9 %) lag, aber über dem in den neuen Bundesländern
insgesamt (ohne Berlin) (+1,0 %) (SLFS 2013d: 191; Ludwig et al. 2011: 245; 2012: 263).
106
Dennoch ist die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland weiterhin deutlich höher als in Westdeutschland
(2013: 6,7 %).

image
96
Info-Box 10 Datenlage zur Arbeitsmarktsituation von Zuwanderern (in Sachsen)
Um die Arbeitsmarktsituation der in Sachsen lebenden Personen mit Migrationshintergrund zu
beschreiben, muss auf verschiedene Quellen zurückgegriffen werden. Neben Informationen
des Zensus 2011 (Info-Box 3) liegen Daten von der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor, für die
jedoch gewisse Einschränkungen gelten: Zwar enthalten sie sowohl Angaben zur
Arbeitsmarktintegration
von
Ausländern
als
auch
zu
der
von
Personen
mit
Migrationshintergrund. Vergleichbar sind aber nur die jeweiligen Daten und Quoten für
Ausländer und Deutsche, nicht die für Personen mit Migrationshintergrund. Angaben zum
Migrationshintergrund sind freiwillig (Fritz/Gehricke 2012: 24ff) und da nicht alle arbeitslos
gemeldeten Personen Angaben dazu machen, lassen sich die verfügbaren Daten nicht auf die
Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt hochrechnen. Folglich kann für sie auch
keine Arbeitslosenquote ermittelt werden. Im Hinblick auf die jeweilige Erwerbssituation
können lediglich die Anteile der Personen mit Migrationshintergrund an den jeweiligen
Personengruppen insgesamt (z. B. Arbeitslose, Empfänger von Arbeitslosengeld etc.)
berechnet werden. Insofern ist das Wissen über die Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern
nach wie vor unzureichend.
Anhand der Daten des Zensus 2011 lassen sich nur Erwerbsbeteiligung und
Erwerbslosenquote berechnen. Die Erwerbslosen im Zensus können jedoch nicht mit den
Arbeitslosen gleichgesetzt werden, die bei der BA registriert sind. Das Statistische Bundesamt
ermittelt die (international vergleichbare) Erwerbslosenzahl im Zensus (und Mikrozensus) nach
dem Erwerbsstatuskonzept der International Labour Organization (ILO). Danach gilt jede
Person von 15 bis 74 Jahren als erwerbslos, die zum Befragungszeitpunkt nicht erwerbstätig
war, aber in den vier Wochen vor der Befragung aktiv nach einer Beschäftigung gesucht hat.
Dies ist unabhängig davon, ob in die Suchbemühungen eine Agentur für Arbeit oder ein
kommunaler Träger eingeschaltet war oder nicht. Auch der zeitliche Umfang der gesuchten
Tätigkeit ist nicht entscheidend; es kommt nur darauf an, ob eine neue Arbeit innerhalb von
zwei Wochen aufgenommen werden könnte. Die Zahl der Erwerbslosen nach dieser Definition
unterscheidet sich also erheblich von der Zahl der Arbeitslosen, die die BA registriert, weil sie
bei einer Agentur für Arbeit oder einem kommunalen Träger gemeldet sind und erklärt haben,
dass sie eine Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden suchen. Folglich kann eine
Person erwerbslos sein, auch wenn sie nicht bei der BA als arbeitssuchend registriert ist.
Andererseits zählen bei der BA registrierte Arbeitslose, die geringfügig beschäftigt sind, nach
der ILO-Definition nicht als Erwerbslose, sondern als Erwerbstätige. Personen, die nicht
erwerbstätig sind, nicht nach Arbeit suchen und nicht kurzfristig eine Arbeit aufnehmen
könnten, gelten demgegenüber als Nichterwerbspersonen (vgl. Bersheim/Oschmiansky/Sell
2014: 2f.; Asef et al. 2012; SVR 2014: 110).
Bei der Interpretation der verschiedenen Datenquellen ist auch zu berücksichtigen, dass die
BA eine andere Definition von Migrationshintergrund verwendet als das Statistische
Bundesamt. Nach der Definition der BA liegt ein Migrationshintergrund vor, wenn 1. die
betreffende Person nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder 2. sie außerhalb der
heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland geboren und nach 1949 in das heutige
Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewandert ist oder 3. mindestens ein Elternteil
dieser Person außerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland geboren und
nach 1949 in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewandert ist (§ 6
MighEV). Personen mit mindestens einem Elternteil, der als Ausländer in Deutschland geboren
ist, zählen danach nicht zur Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund. Zudem wird als
Jahr der Zuwanderung hier 1949 zugrunde gelegt, im Zensus dagegen 1955 (Mikrozensus:
1949; Info-Box 3).

image
97
Erwerbsstatus
von
Personen
mit
Migrationshintergrund
in
Sachsen:
geringere
Erwerbsbeteiligung, höhere Erwerbslosigkeit
Erwerbsbeteiligung
und
Erwerbslosenquote
sind
zentrale
Indikatoren
der
Arbeitsmarktintegration (vgl. SVR 2013: 104). Die Erwerbsbeteiligung ist der Anteil der
Erwerbspersonen
(Erwerbstätige
und
Erwerbslose)
an
der
Gesamtbevölkerung
(Erwerbspersonen und Nicht-Erwerbspersonen). Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich also
um diejenigen Personen, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen. Die
Erwerbslosenquote stellt den Anteil der Erwerbslosen an allen Erwerbspersonen dar; ihr steht
die Erwerbstätigenquote gegenüber, also der Anteil der Erwerbstätigen an der
Gesamtbevölkerung (Tab. 11). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Zahl der Erwerbslosen im
Zensus oder Mikrozensus nicht der Zahl der Personen entspricht, die bei der Bundesagentur für
Arbeit (BA) offiziell als arbeitslos registriert sind (Info-Box 10).
Seit Juni 2014 stehen die Ergebnisse des Zensus 2011 für Auswertungen zur Verfügung. Das
Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen hat für den SVR-Forschungsbereich eine
Sonderauswertung durchgeführt, die nun erstmals differenzierte Aussagen zum Erwerbsstatus
der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Sachsen erlaubt (SLFS 2014d; Info-Box 3). Die
Daten zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund im Alter von 25 bis unter 65 Jahren,
die in Sachsen leben, eine deutlich niedrigere Erwerbsbeteiligung und Erwerbstätigenquote und
eine deutlich höhere Erwerbslosenquote aufweisen als die vergleichbare Altersgruppe ohne
Migrationshintergrund (Tab. 11). Das gilt insbesondere für Frauen mit Migrationshintergrund.
Wird nach Staatsangehörigkeit differenziert, so zeigt sich ferner, dass Ausländer seltener
erwerbstätig und häufiger erwerbslos sind als Deutsche mit Migrationshintergrund; zudem ist
ihre Erwerbsbeteiligung geringer. Gleiches gilt für Zugewanderte (sog. erste Generation)
gegenüber in Deutschland Geborenen (sog. zweite Generation). Bei den Spätaussiedlern –
deren Zahl vom Statistischen Landesamt mit Hilfe eines Modells geschätzt wurde
107
– ist die
Erwerbsbeteiligung vergleichsweise gering; auffällig sind hier jedoch vor allem die hohe
Erwerbslosenquote und die geringe Erwerbstätigenquote. Diese Befunde ergeben sich für
Gesamtdeutschland so nicht: Spät-/Aussiedler sind in der Regel „in hohem Maße auf dem
deutschen Arbeitsmarkt aktiv. Ihre Erwerbs- bzw. Arbeitslosigkeit ist insgesamt verhältnismäßig
gering, scheint jedoch insbesondere ältere Menschen und Personen ohne beruflichen Abschluss
zu betreffen, aber auch Akademiker, die Schwierigkeiten haben, ihr Qualifikationsniveau in eine
107
„Als Spätaussiedler werden Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit bezeichnet, die nach dem 1.
Januar 1993 aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, Russland, Rumänien, Polen sowie
Kasachstan zugewandert sind“ (SLFS 2014d).

image
98
adäquate Beschäftigung umzusetzen“ (Worbs/Bund/Kohls/Babka von Gostomski 2014: 7, 64–
66; vgl. SVR 2010: 173). Folglich scheint die Gruppe der Spätaussiedler, die in Sachsen lebt,
von solchen arbeitsmarkt- und erwerbsbezogenen Problemen überproportional betroffen zu
sein. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Regierung der 5. Legislaturperiode in Sachsen sich
laut Koalitionsvertrag besonders dafür einsetzt, „die Möglichkeiten zur Anerkennung der im
Ausland erworbenen beruflichen Qualifikationen insbesondere von Aussiedlern zu verbessern“
(CDU/FDP 2009: 12; vgl. SMS 2012b: 6).
Tab. 11 Erwerbsstatus von 25- bis unter 65-Jährigen in Sachsen nach Herkunftsgruppen 2011
Erwerbs-
beteiligung
Erwerbslosen-
quote
Erwerbstätigen-
quote
ohne
Migrationshintergrund
insgesamt 85,6 %
6,7 %
79,8 %
männlich
88,1 %
6,8 %
82,1 %
weiblich
82,9 %
6,7 %
77,4 %
mit
Migrationshintergrund
(insgesamt)
insgesamt 76,1 %
14,6 %
65,0 %
männlich
82,8 %
12,7 %
72,3 %
weiblich
69,3 %
16,9 %
57,5 %
Deutsche mit
Migrationshintergrund
insgesamt
78,5 %
13,6 %
67,8 %
Ausländer
insgesamt
74,0 %
15,6 %
62,5 %
in Deutschland Geborene insgesamt
80,8 %
8,5 %
73,9 %
Zugewanderte
insgesamt
75,1 %
16,0 %
63,1 %
Spätaussiedler
insgesamt
73,8 %
24,3 %
55,9 %
Quelle: SLFS 2014d; eigene Darstellung
Erwerbstätigkeit von Zuwanderern: Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt
Im
Laufe
der
letzten
Jahre
ist
die
Zahl
der
Ausländer,
die
in
Sachsen
sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, deutlich gestiegen (Abb. 17); ihr Anteil an allen
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat sich innerhalb von viereinhalb Jahren von
1,0 Prozent auf 1,9 Prozent fast verdoppelt. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass seit
2009 und vor allem seit 2011 mehr Ausländer nach Sachsen zuziehen (s. Kap. 1.2).

image
99
Abb. 17 Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ausländer in Sachsen sowie ihr Anteil an allen
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Sachsen, März 2009 bis September 2013
Quelle: BA 2010; 2011; 2012; 2013d; eigene Darstellung
Erwerbstätige nach Wirtschaftszweigen und Selbständige
Ausländische Erwerbstätige in Sachsen sind im Vergleich zu Deutschen mit und ohne
Migrationshintergrund überproportional häufig im Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr
tätig (Abb. 18; vgl. auch Statistisches Bundesamt 2013e). Der Anteil der Personen mit
Migrationshintergrund im produzierenden Gewerbe ist demgegenüber vergleichsweise gering.
0,8
1,0
1,2
1,4
1,6
1,8
2,0
8.000
12.000
16.000
20.000
24.000
28.000
32.000
%
Anzahl
Anteil
absolut

image
100
Abb. 18 Erwerbstätige zwischen 25 und unter 65 Jahren in Sachsen nach Wirtschaftszweigen
2011
Quelle: SLFS 2014d; eigene Darstellung
Die weitaus meisten Erwerbstätigen in Sachsen mit (79,5 %) und ohne Migrationshintergrund
(85,3 %) zwischen 25 und unter 65 Jahre sind als Angestellte beschäftigt. Der Anteil der
Angestellten ist bei den Frauen mit (83,6 %) wie ohne Migrationshintergrund (89,3 %) etwas
höher als bei den Männern (76,3 % bzw. 81,7 %). Zudem sind Zugewanderte (75,8 %)
seltener als Angestellte tätig als in Deutschland Geborene (81,5 %) und Ausländer (73,0 %)
seltener als Deutsche mit Migrationshintergrund (86,1 %). Überdurchschnittlich hoch (92,1 %)
ist der Anteil der Angestellten bei den Spätaussiedlern zwischen 25 und unter 65 Jahre.
Eine wichtige Alternative zu abhängiger Beschäftigung und zugleich ein möglicher Weg aus der
Arbeitslosigkeit ist wirtschaftliche Selbständigkeit, die als Integrationspfad zunehmend an
Bedeutung gewinnt (vgl. SVR 2010: 179). Der Anteil der Selbständigen an allen Erwerbstätigen
mit Migrationshintergrund zwischen 25 und unter 65 Jahren lag zum Erhebungszeitpunkt des
Zensus 2011 bei 19,0 Prozent und damit deutlich über dem entsprechenden Anteil bei den
44,1%
43,6%
49,0%
38,3%
31,0%
26,0%
22,4%
24,2%
22,9%
29,2%
27,8%
35,9%
0%
20%
40%
60%
80%
100%
ohne Migrations-
hintergrund
mit Migrations-
hintergrund
Deutsche mit
Migrations-
hintergrund
Ausländer
sonstige Dienstleistungen
produzierendes Gewerbe
Handel, Gastgewerbe, Verkehr
Land-/Forstwirtschaft, Fischerei

image
101
Erwerbstätigen
ohne
Migrationshintergrund
(11,7 %)
(Abb. 19).
Insbesondere
bei
Zugewanderten und Ausländern ist die Selbständigenquote besonders hoch.
Der hohe Anteil von Selbständigen hängt vermutlich auch mit der spezifischen
Zuwanderungsgeschichte Ostdeutschlands und der wirtschaftlichen Entwicklung nach der
Wende zusammen (s. Kap. 2.1): Im Vergleich zur Bundesrepublik wurden in der DDR viel
weniger Ausländer angeworben (vgl. Bade/Oltmer 2007: 161), und die meisten Ausländer, die
bis 1990 in staatlichen Betrieben beschäftigt waren, verloren nach der Wende ihren
Arbeitsplatz.
Abb. 19 Anteil der Selbständigen an allen Erwerbstätigen zwischen 25 und unter 65 Jahren in
Sachsen 2011
Quelle: SLFS 2014d; eigene Darstellung
11,7%
19,0%
12,5%
25,3%
16,6%
19,7%
0%
10%
20%
30%
ohne Migrationshintergrund
mit Migrationshintergrund
Deutsche mit Migrationshintergrund
Ausländer
in Deutschland Geborene mit Migrationshintergrund
Zugewanderte

image
102
Auffällig ist auch, dass die Selbständigenquoten von Zuwanderern in Sachsen deutlich über den
entsprechenden Quoten in Gesamtdeutschland liegen (vgl. SVR 2013: 107; 2014: 115).
108
Die
höhere Bereitschaft der in Ostdeutschland – und vor allem in Sachsen – lebenden Zuwanderer,
sich selbständig zu machen, dürfte auch damit zusammenhängen, dass sich die
Zuwandererbevölkerung hier anders zusammensetzt als in den alten Bundesländern (s.
Kap. 2.1, 2.2): In der Nachwendezeit entschieden sich vor allem Vietnamesen, von denen die
meisten beim bzw. unmittelbar nach dem Zusammenbruch der DDR ihren Arbeitsplatz verloren,
ein eigenes Unternehmen zu gründen (vgl. Illgen 2013: 285ff.).
109
Einer Untersuchung zufolge
gehörten noch 2010 – also zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung – ca.
22 Prozent aller ausländischen Unternehmen in Sachsen Vietnamesen. Zu diesem Zeitpunkt
gab es keine andere Ausländergruppe, die im Freistaat mehr Unternehmen betrieb (Risch/Vogel
2011: 14). Neben den ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern und ihren unmittelbaren
Familienangehörigen haben sich im Laufe der letzten Jahre immer mehr Osteuropäer
entschieden, ein Unternehmen zu gründen. Insbesondere Polen melden in den letzten Jahren
zunehmend ein Gewerbe an (Tab. 12). Das hängt auch mit der Grenznähe und der relativ
hohen Zuwanderung aus Polen zusammen sowie damit, dass für polnische Staatsangehörige
seit 2011 volle Freizügigkeit gilt.
Tab. 12 Gewerbeanmeldungen für Einzelunternehmen nach ausgewählten
Staatsangehörigkeiten in Sachsen 2011–2013
2011
2012
2013
polnisch
885
1.075
1.143
rumänisch
326
549
415
bulgarisch
322
295
249
vietnamesisch
321
310
222
türkisch
207
208
202
ungarisch
128
172
137
Quelle: Sächsischer Ausländerbeauftragter 2013: 252; SLFS 2013c; 2014f; eigene
Darstellung
108
Zum Vergleich: In Gesamtdeutschland liegt die Selbständigenquote bei den 25- bis 64-jährigen
Zuwanderern unter 11 Prozent (vgl. SVR 2014: 115).
109
Der Grund dafür ist, dass viele der in Deutschland verbliebenen Vietnamesen keine andere
Möglichkeit sahen, sich und ihre – häufig aus der Heimat nachgeholten – Familienangehörigen zu
ernähren. Der ehemalige Sozialarbeiter für den Brandenburger Ausländerbeauftragten, Dao Minh Quang,
schätzte im Jahr 2005, dass sich ca. 55 Prozent aller in Deutschland verbliebenen Vietnamesen in der
Nachwendezeit für die Gründung eines eigenen Unternehmens entschieden haben (Dao 2005: 119,
zitiert nach Illgen 2013: 288).

image
103
Von den neuen Betrieben wird zwar ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Zuwanderern
gegründet,
110
doch bestehen viele dieser Unternehmen nur kurze Zeit: Laut einer Untersuchung
von 2010 halten sich zwei Drittel aller Firmen, die im Freistaat von ausländischen
Staatsangehörigen gegründet werden, weniger als fünf Jahre (Risch/Vogel 2011: 16). Zudem
ist davon auszugehen, dass viele dieser Gründungen nach längerer Arbeitslosigkeit als ‚letzter
Ausweg‘ erfolgten. Außerdem sind viele ausländische Selbständige trotz ihrer wirtschaftlichen
Tätigkeit auf öffentliche Transferleistungen angewiesen, in der Regel Arbeitslosengeld II (vgl.
Risch/Vogel 2011: 15–19). Im Hinblick auf ‚Startprobleme‘ und die finanziellen Unsicherheiten,
die mit einer Existenzgründung einhergehen, gilt es, die wirtschaftlichen Potenziale der von
Ausländern gegründeten Unternehmen zu stärken, ihre spezifischen Bedarfe und
Besonderheiten zu erkennen und sie bei der Bewältigung alltäglicher Schwierigkeiten zu
unterstützen (vgl. SVR 2010: 7f.).
Arbeitslosigkeit von Zuwanderern in Sachsen: höher als in der Bevölkerung ohne
Migrationshintergrund
Als Indikatoren für Arbeits- und Erwerbslosigkeit werden üblicherweise zwei Zahlen
herangezogen:
einerseits
die
nach
dem
Erwerblosenkonzept
der
Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) ermittelten Erwerbslosen im Zensus bzw. Mikrozensus und
andererseits die bei der BA registrierten Arbeitslosen (Info-Box 10).
Seit 2009 ist die Arbeitslosenquote der in Sachsen wohnhaften Ausländer rückläufig: Im Mai
2014 lag sie bei 19,1 Prozent und somit rund anderthalb Punkte unter dem
Jahresdurchschnittswert von 2012 (20,7 %) und fünfeinhalb Punkte unter dem entsprechenden
Wert von 2009 (24,5 %) (SLFS 2011: 186; SLFS 2013d: 184). Trotz dieser ruckläufigen
Tendenz liegt sie weiterhin deutlich über der Arbeitslosenquote der Deutschen (Tab. 13). Der
überwiegende Teil ist dem Rechtskreis des SGB II zuzuordnen; dazu gehören alle Arbeitslosen,
die Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen. Der Anteil der
ausländischen Arbeitslosen, die diesem Rechtskreis zuzuordnen sind, liegt deutlich über dem
entsprechenden Anteil der deutschen Arbeitslosen. Alle anderen Arbeitslosen sind dem
Rechtskreis SGB III zugeordnet. Dieser umfasst Arbeitslose, die Arbeitslosengeld erhalten und
110
Aus einer Sonderauswertung des KFW-Gründungsmonitors 2012 geht hervor, dass in Deutschland
rund
ein
Viertel
aller
neuen
Unternehmen
von
Zuwanderern
gegründet
werden
(vgl.
http://www.presseportal.de/pm/41193/2283371/-korrektur-kfw-fast-jeder-vierte-gruender-hat-einen-
migrationshintergrund
, 20.08.2014.).

image
104
nicht hilfebedürftig sind, sowie Arbeitslose, die keinen Rechtsanspruch auf Arbeitslosengeld
haben.
Tab. 13 Arbeitslose in Sachsen, Mai 2013 bis Mai 2014
Arbeitslose
Arbeitslosenquote davon im
Rechtskreis SGB II
Aus-
länder
Deut-
sche
Aus-
länder
Deut-
sche
Aus-
länder
Deut-
sche
Mai
2013
9.124
190.088
20,0 %
9,1 %
85,4 %
70,6 %
August
2013
9.104
183.247
19,9 %
8,8 %
85,1 %
70,9 %
Novemb
er 2013
8.973
176.342
19,6 %
8,5 %
84,4 %
72,1 %
Februar
2014
9.874
204.036
21,6 %
9,8 %
82,8 %
66,7 %
Mai
2014
9.612
176.308
19,1 %
8,5 %
85,3 %
72,0 %
Anmerkung: Die Arbeitslosenquoten beziehen sich auf alle zivilen Erwerbspersonen.
Quelle: BA 2013a; 2013b; 2014a; eigene Darstellung
Den größten Anteil an allen ausländischen Arbeitslosen in Sachsen (insgesamt: 9.612) hatten
im Mai 2014 Staatsangehörige der Russischen Föderation (10,8 %). Danach folgen
Vietnamesen mit 9,2 Prozent, Ukrainer mit 8,5 Prozent und Polen mit 7,7 Prozent. Der Anteil an
allen arbeitssuchenden Ausländern (insgesamt: 17.604) betrug für Staatsangehörige der
Russischen Föderation 10,7 Prozent, für Vietnamesen 9,9 Prozent, für Ukrainer 8,5 Prozent und
für Polen
111
15,0 Prozent. Die von der BA veröffentlichen Zahlen zeigen zudem, dass (in
absoluten Zahlen) nur wenige Ausländer aus den EU2-Staaten Bulgarien und Rumänien
arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet sind, obwohl aus diesen Staaten mehr Menschen
zugezogen sind. Nachdem Rumänen und Bulgaren zum 1. Januar 2014 die vollen
Freizügigkeitsrechte gewährt wurden, sind die Arbeitslosenzahlen zwar gestiegen, liegen aber
absolut nach wie vor auf einem recht geringen Niveau: Zwischen Dezember 2013 und Mai 2014
stieg die Zahl der in Sachsen arbeitslos gemeldeten Rumänen von 149 auf 184 Personen
(+23,5 %), die der Bulgaren von 110 auf 137 Personen (+24,6 %) (BA 2013c; 2014b).
111
Im Vormonat lag ihr Anteil mit 6,5 Prozent deutlich darunter.

image
105
Anteil der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund: überproportional hoch
Der Anteil der arbeitslos gemeldeten Personen mit Migrationshintergrund an allen Arbeitslosen
in Sachsen lag nach Angaben der BA von Dezember 2012 bis Dezember 2013 etwa zwischen
12 und 13 Prozent (Abb. 20).
112
Sowohl bei Ausländern als auch bei Deutschen mit
Migrationshintergrund ist somit der Anteil an allen gemeldeten Arbeitslosen, gemessen an
ihrem Bevölkerungsanteil insgesamt (s. Kap. 2.3), überdurchschnittlich hoch. Dies gilt auch für
den Rechtskreis des SGB II (ohne Abbildung): Im Dezember 2013 hatten 15,6 Prozent aller
Arbeitslosen nach SGB II einen Migrationshintergrund; 6,6 Prozent waren Ausländer,
8,7 Prozent Deutsche. Die Staatsangehörigkeit von 0,2 Prozent der Arbeitslosen mit
Migrationshintergrund konnte nicht festgestellt werden.
113
Dieser hohe Anteil spiegelt sich auch
in den Zahlen der BA zu Langzeitarbeitslosen
114
wider: Der Anteil der Personen mit
Migrationshintergrund an allen Langzeitarbeitslosen in Sachsen liegt mit 15,7 Prozent deutlich
über dem Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an der sächsischen Bevölkerung
insgesamt. Gleiches gilt für den Anteil an den Langzeitarbeitslosen, die bereits zwei Jahre und
länger arbeitslos sind (15,8 %) (BA 2014d).
112
Allerdings ist zu bedenken, dass diese Zahlen auf freiwilligen Angaben Arbeitsloser basieren, die von
der Bundesagentur für Arbeit betreut werden. Sie weichen möglicherweise von den tatsächlichen Daten
ab, die jedoch nicht zu ermitteln sind.
113
Zu anderen Zeitpunkten werden hier keine Angaben gemacht. Die Angaben zum
Migrationshintergrund in der Statistik der BA sind freiwillig. Für andere Zeitpunkte liegen zu geringe
Fallzahlen vor, weshalb eine „erhöhte Unsicherheit der Ergebnisse“ besteht (BA 2014d).
114
Langzeitarbeitslose sind Personen, die über ein Jahr bei den Agenturen für Arbeit oder einem Träger
der Grundsicherung für Arbeitssuchende gemeldet sind. Die Beteiligung an einer Maßnahme der aktiven
Arbeitsmarktpolitik und bestimmte, sog. unschädliche Unterbrechungen (z. B. zur Pflege von
Familienangehörigen) werden nicht als Zeiten der Arbeitslosigkeit betrachtet (zur Berechnung der Dauer
der Arbeitslosigkeit vgl. Gehricke/Hartmann/Kurtz 2012: 5f.).

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106
Abb. 20 Anteil von Ausländern und Deutschen mit Migrationshintergrund an allen in Sachsen
gemeldeten Arbeitslosen, Dezember 2012 bis Dezember 2013
Quelle: BA 2013e; 2013f; 2013g; 2014d; 2014e; eigene Darstellung
Wenngleich sich die Situation auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt in den letzten Jahren – u. a.
durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den zunehmenden Bedarf an qualifizierten
Fachkräften – auch für Personen mit Migrationshintergrund verbessert hat,
115
ist ihr Anteil an
allen Arbeitslosen nach wie vor überdurchschnittlich hoch. Die Arbeitslosenquote der
ausländischen Bevölkerung liegt nach wie vor deutlich über der der Deutschen (Weiss 2013:
391). Dies deutet darauf hin, dass Personen mit Migrationshintergrund bei der Suche nach
einem Arbeitsplatz vor besonderen Problemen stehen. Eine solche Schwierigkeit sind
Sprachdefizite, die besonders ältere Zuwanderer der ersten Generation aufweisen (vgl. Haug
2008: 23f.). Ein anderes Problem besteht darin, dass sich Personen mit Migrationshintergrund
in Wirtschaftsbereichen mit geringen Qualifikationsanforderungen konzentrieren, wo die
Arbeitsplätze oft sehr konjunkturabhängig sind und im Zuge des Strukturwandels auch etliche
weggefallen sind (Risch/Vogel 2011: 11). Ein weiteres Problem ist schließlich, dass Personen
115
So sank die Erwerbslosenquote der Personen mit Migrationshintergrund im Alter von 15 bis unter 65
Jahren in den neuen Bundesländern zwischen 2005 und 2011 von 39,0 Prozent auf 20,5 Prozent. Zum
Vergleich: Bei den gleichaltrigen Ostdeutschen ohne Migrationshintergrund ging sie im selben Zeitraum
von 18,1 Prozent auf 8,9 Prozent zurück (vgl. Länderoffene Arbeitsgruppe 2013: 224).
7,3
7,0
7,3
7,3
7,4
4,8
4,6
5,1
5,3
5,3
0
4
8
12
16
20
Dez 12
Mrz 13
Jun 13
Sep 13
Dez 13
mit Migrationshintergrund (ohne nähere Angaben)
Ausländer
Deutsche mit Migrationshintergrund

image
107
mit Migrationshintergrund oft weniger Berufserfahrung und niedrigere Bildungsabschlüsse
haben oder aber dass ihre Studien- und Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden (vgl.
Möller/Walwei 2009: 289–290, Weiss 2013: 391; Reiche/Tröger/Scheibe 2010). Letzteres
betrifft insbesondere Spät-/Aussiedler, von denen ein beträchtlicher Anteil im jeweiligen
Herkunftsland einen Berufs- oder Hochschulabschluss erworben hat. Die hohen
Arbeitslosenquoten erklären sich aber zum Teil auch daraus, dass gerade Personen mit guten
Berufsqualifikationen
in
die
westlichen
Bundesländer
weiterwandern,
weil
die
Arbeitsmarktperspektiven im Osten der Republik schlechter sind. Diejenigen, die bleiben, sind
also
tendenziell
schlechter
qualifiziert
und
haben
in
der
Regel
größere
Integrationsschwierigkeiten (Weiss 2007: 40).
Arbeitsmarktintegration: Bemühungen weiter vorantreiben
Die Befunde zur Arbeitsmarktintegration verdeutlichen, dass die Sächsische Staatsregierung
ihre Bemühungen, Zuwanderer erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, verstärken muss,
u. a. durch eine vereinfachte und schnellere Anerkennung ausländischer Qualifikationen (SMS
2012b: 23–25). Die chancengleiche Teilhabe von Zuwanderern am Arbeitsmarkt ist
zwangsläufig ein langfristiges Ziel. Das im April 2014 in Kraft getretene Anerkennungsgesetz
des Bundes und das Anerkennungsgesetz des Freistaats, das – vergleichsweise spät (vgl. SVR
2014: 144) – im Januar 2014 in Kraft getreten ist, bieten eine längst überfällige Grundlage, um
die Arbeitsmarktsituation von Zuwanderern zu verbessern. Neben der verbesserten
Anerkennung beruflicher Abschlüsse ist jedoch auch ein „Ausbau der Nachqualifizierung […]
erforderlich, um das qualifikatorische Potenzial der zugewanderten Drittstaatsangehörigen nicht
weiterhin brachliegen zu lassen“ (SVR 2014: 19). Darüber hinaus muss der Übergang von der
Schule oder einer dualen Ausbildung in den Arbeitsmarkt erleichtert und verbessert werden,
denn dieser stellt für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund nach wie vor „eine
Sollbruchstelle in der Berufslaufbahn“ dar (SVR 2014: 20). Hier müssen u. a. Maßnahmen
ergriffen werden, um (bewusste oder unbewusste) Vorurteile von Personalverantwortlichen
abzubauen. Wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des SVR-Forschungsbereichs (2014a) zeigt,
werden Jugendliche mit ausländisch klingenden Vor- und Nachnamen seltener zu
Vorstellungsgesprächen eingeladen und müssen 1,4-mal so viele Bewerbungen schreiben wie
Jugendliche mit deutschen Namen. Da Arbeitsmarkterfolg eng mit dem Bildungsabschluss
zusammenhängt, muss die Staatsregierung zudem stärker auf ihr im ZIK formuliertes Ziel
hinwirken, dass Zuwanderer höhere Bildungsabschlüsse erlangen und die Anzahl der
Schulabgänger ohne Abschluss sinkt (SMS 2012b: 21). Außerdem muss das Angebot zur Aus-

image
108
und Weiterbildung weiter ausgebaut werden, um die Zahl der An- und Ungelernten zu
reduzieren (vgl. SMS 2012b: 9). Denn bei den in Sachsen lebenden Personen mit
Migrationshintergrund von 25 bis unter 65 Jahren beträgt der Anteil derer ohne Ausbildung
24,2 Prozent (Personen ohne Migrationshintergrund: 7,2 %); bei den Spätaussiedlern sind es
21,3 Prozent, bei den Zugewanderten 25,1 Prozent (in Deutschland Geborene: 20,4 %) und bei
den Ausländern sogar 31,7 Prozent (Deutsche mit Migrationshintergrund: 15,9 %) (SLFS
2014d).
3.2.3 Einbürgerung und politische Teilhabe
Die Teilhabe von Zuwanderern an politischen Willensbildungsprozessen ist sowohl
integrationspolitisch als auch aus demokratietheoretischer Sicht von elementarer Bedeutung.
Zuwanderer haben je nach aufenthaltsrechtlichem Status unterschiedliche Möglichkeiten
politischer Partizipation. In bestimmten Bereichen, z. B. in Bezug auf Meinungsfreiheit,
Petitionsrecht oder Versammlungs- und Vereinsfreiheit, haben sie zwar die gleichen
Partizipationsmöglichkeiten wie Deutsche. Solange sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit
haben, ist ihnen jedoch das zentrale politische Bürgerrecht, das aktive und passive Wahlrecht,
verwehrt, denn das ist qua Grundgesetz Deutschen vorbehalten. Die einzige Ausnahme davon
ist, dass Unionsbürger an Kommunal- und Europawahlen teilnehmen dürfen.
Das aktive und passive Wahlrecht können Ausländer, die schon lange im Land leben, durch
Einbürgerung erhalten. Diese ermöglicht somit eine „chancengleiche Teilhabe“ am politischen
Willensbildungsprozess (SVR 2010: 13).
Politische Partizipation von Zuwanderern: integrationspolitisch und demokratisch geboten
Die Möglichkeit zu voller politischer Teilhabe ist in einem Einwanderungsland wie Deutschland
aus demokratietheoretischen Gründen wichtig: Demokratie beruht auf dem Grundsatz, dass die
Staatsgewalt vom Volk, also von den Bürgern ausgeht (Art. 20 Abs. 2 S. 1 GG; vgl. auch
Schmidt 2000) und dass ein möglichst großer Anteil der erwachsenen Bevölkerung die
staatsbürgerlichen Rechte besitzt (vgl. Barber 1985; Dahl 1989). Personen ohne deutsche
Staatsangehörigkeit sind jedoch nicht Bürger im staatsrechtlichen Sinne und somit auch nicht
Teil des Staatsvolks. Daraus ergeben sich demokratietheoretische Fragen, die sich mit der
zunehmenden Dauer des Aufenthalts des Ausländers (ohne Wahlrecht) immer dringender
stellen, denn es besteht (dann auch langfristig) keine „Kongruenz zwischen den Inhabern
demokratischer politischer Rechte und den dauerhaft einer bestimmten staatlichen Herrschaft

image
109
Unterworfenen“ (BVerfGE 83, 37 (52)). Um dem entgegenzuwirken, bieten sich theoretisch
zwei Wege: 1) ein Ausländerwahlrecht einzuführen und 2) Möglichkeiten der Einbürgerung zu
schaffen (Bauböck 2002; 2005).
Ersteres hat das Bundesverfassungsgericht bereits 1990 in seinem Urteil zum kommunalen
Ausländerwahlrecht für verfassungswidrig erklärt (BVerfGE 83, 37 (58)). Bei Einführung der
Unionsbürgerschaft im Rahmen des Maastrichter Vertrags wurde 1992 zwar das Grundgesetz in
Art. 28 Abs. 1 GG um eine Regelung ergänzt, die das Kommunal- und Europawahlrecht auf
Staatsangehörige der EU-Mitgliedstaaten ausweitet. Ob ein Ausländerwahlrecht auch für
Drittstaatsangehörige verfassungsrechtlich möglich ist, ist jedoch nach wie vor umstritten.
Teilweise wird vertreten, dass die Einführung eines Ausländerwahlrechts grundsätzlich
ausgeschlossen ist, da die sog. Ewigkeitsklausel in Art. 79 Abs. 3 GG den betreffenden Art. 20
Abs. 2 GG („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“) vor Änderungen schützt (vgl. dazu SVR
2010: 190). Danach wäre es grundsätzlich nicht möglich, das Grundgesetz zu ändern, um ein
Ausländerwahlrecht auch für Drittstaatsangehörige einzuführen.
Dies hat jüngst auch ein Urteil des Staatsgerichtshofs der Freien Hansestadt Bremen vom
31. Januar 2014 bestätigt (StGH Bremen, 31.01.2014 – St 1/13). Das Gericht sollte einen
Gesetzentwurf zur Ausweitung des Wahlrechts, den die Bremische Bürgerschaft in erster
Lesung beschlossen hatte, verfassungsrechtlich prüfen. Nach dem Gesetzentwurf sollte das
Wahlrecht für die Wahlen zur Bürgerschaft (Landtag) auf Unionsbürger ausgeweitet werden,
also auf Ausländer mit einer Staatsangehörigkeit eines EU-Staats. Des Weiteren sollten
Drittstaatsangehörige, also Ausländer mit einer Staatsangehörigkeit eines Nicht-EU-Staats, das
Wahlrecht für die Beirätewahlen in der Stadtgemeinde Bremen erhalten. In seinem Urteil
betonte der Staatsgerichtshof, dass es den Ländern nach dem Homogenitätsgebot des
Grundgesetzes (Art. 28 Abs. 1 GG) nicht möglich sei, eigene Regelungen bezüglich der
Zusammensetzung des Wahlvolks zu treffen. Zudem stellte er fest, dass das
Staatsangehörigkeitsrecht „[n]ach der Konzeption des Grundgesetzes […] das geeignete Mittel
[ist], um der durch Migration geänderten Zusammensetzung der Wohnbevölkerung Rechnung
zu tragen“ (StGH Bremen, 31.01.2014 – St 1/13).
Einbürgerung als Weg zu voller politischer Teilhabe
Um das Wahlrecht zu erlangen, steht Ausländern folglich nur der Weg offen, die deutsche
Staatsangehörigkeit zu erwerben, sofern sie schon länger in Deutschland leben. Anfang der
1990er Jahre wurden zum einen neue Einbürgerungsmöglichkeiten geschaffen, zum anderen
wurde für niedergelassene Ausländer ein Rechtsanspruch auf Einbürgerung eingeführt

image
110
(Thränhardt 2008: 8). Dieser wurde durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts
1999/2000 erweitert: Seither haben Ausländer bereits einen Anspruch auf Einbürgerung, wenn
sie sich acht Jahre rechtmäßig gewöhnlich in Deutschland aufhalten; zuvor waren es
mindestens
15
Jahre.
Weiterhin
müssen
die
betreffenden
Personen
für
eine
Anspruchseinbürgerung (§ 10 Abs. 1 StAG) einen auf Dauer angelegten Aufenthaltsstatus
haben, ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben,
116
sie müssen ausreichende Kenntnisse
der deutschen Sprache (Niveau B1 des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für
Sprachen) und in einem Einbürgerungstest auch ihre Kenntnis der Rechts- und
Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse in Deutschland nachweisen und sich zur
freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Darüber hinaus müssen sie ihren
Lebensunterhalt bestreiten können, ohne Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, und dürfen
nicht strafrechtlich verurteilt sein.
117
Geburtsortprinzip: deutsche Staatsangehörigkeit für in Deutschland geborene Kinder
ausländischer Eltern
Kinder von Ausländern, die schon lange in Deutschland leben, können die deutsche
Staatsangehörigkeit zudem durch das Geburtsortprinzip (ius soli) erlangen: Danach erhalten
Kinder, die ab dem 1. Januar 2000 in Deutschland geboren sind, neben der Staatsangehörigkeit
ihrer Eltern automatisch auch einen deutschen Pass unter der Voraussetzung, dass mindestens
ein Elternteil zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes seit mindestens acht Jahren in Deutschland
lebt und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt (§ 4 Abs. 3 StAG). Allerdings sah die sog.
Optionspflicht vor, dass sie sich als junge Erwachsene, zwischen ihrem 18. und ihrem 23.
Lebensjahr, für eine ihrer Staatsangehörigkeiten entscheiden müssen. Die Bundesregierung hat
nun beschlossen, dass diese „Abwahlpflicht“ (Masing 2001: 8) nur noch in bestimmten Fällen
bestehen soll: Künftig sollen die betreffenden Personen beide Pässe behalten dürfen, wenn sie
sich bei Vollendung ihres 21. Lebensjahres mindestens acht Jahre gewöhnlich in Deutschland
aufgehalten haben, sechs Jahre in Deutschland eine Schule besucht, einen Schulabschluss
erworben oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben (vgl. CDU/CSU/SDP 2013: 105; BT-
116
EU-Bürger und Schweizer sind von dieser Verpflichtung ebenso ausgeschlossen wie
Einbürgerungswillige, bei denen die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit nicht möglich ist
bzw. auf unverhältnismäßige Schwierigkeiten stößt (vgl. § 12 StAG).
117
Ehegatten und minderjährige Kinder können auch ohne mindestens achtjährigen Aufenthalt mit
eingebürgert werden (§ 10 Abs. 2 StAG). Darüber hinaus kann die Aufenthaltsdauer für eine
Anspruchseinbürgerung auf sieben bzw. sechs Jahre verkürzt werden, wenn die betreffende Person ihre
erfolgreiche
Teilnahme
an
einem
Integrationskurs
nachweist
oder
andere
besondere
Integrationsleistungen, zum Beispiel Sprachkenntnisse über dem Niveau B1 (§ 10 Abs. 3 StAG).

image
111
Drs. 18/1312).
118
Über das ius soli hat zwischen 2000 und 2012 knapp eine halbe Million in
Deutschland geborener Kinder von Ausländern die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten
(Statistisches Bundesamt 2013d); in Sachsen sind es 2.763 (SLFS 2014c). Hinzu kommen 103
Optionspflichtige, die nach der Übergangsregelung des § 40b StAG eingebürgert wurden
(Deutschland: ca. 49.000) (Statistisches Bundesamt 2014f). Nach dieser Übergangsregelung
konnten Kinder ausländischer Eltern, die vor dem 1. Januar 2000 geboren waren, aber das
zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, auf Antrag der Eltern unter den Bedingungen
der Optionspflicht eingebürgert werden; der Antrag konnte nur im Jahr 2000 gestellt werden.
Einbürgerungen in Sachsen: gegenläufiger Trend zum Bundesgebiet
Seit der Staatsangehörigkeitsreform 1999/2000 wurden in Deutschland insgesamt mehr als
1.765.000 Ausländer eingebürgert (Abb. 21). In Sachsen waren es 9.866 Personen; hier haben
sich die Einbürgerungen seit der Reform (Abb. 22) etwas anders entwickelt als in der
Bundesrepublik insgesamt. Nach Verabschiedung des neuen Staatsangehörigkeitsgesetzes war
in Deutschland kurzzeitig ein „Einbürgerungsboom“ (SVR 2014: 64) zu beobachten; dieser
beruhte allerdings zum Teil auch auf „Nachholeffekten“
119
(Worbs 2008: 17) und auf der
Übergangsregelung im Rahmen der neu eingeführten Optionspflicht (§ 40b StAG).
120
Danach
sank die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland bis 2008, stieg dann wieder moderat an und
stagniert derzeit.
118
Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Abschaffung der Optionspflicht wurde Anfang Juli 2014 im
Bundestag beschlossen. Zu Redaktionsschluss dieser Studie im August 2014 war vorgesehen, dass die
Regelung im September 2014 im Bundesrat beraten wird.
119
Es gibt Ausnahmeregelungen für Personen aus Staaten, die eine Entlassung aus der
Staatsangehörigkeit rechtlich nicht vorsehen oder die Entlassung aus der Staatsangehörigkeit regelmäßig
verweigern (z. B. Iran und Marokko): In diesen Fällen wird bei einer Einbürgerung Mehrstaatigkeit
hingenommen (vgl. Worbs 2008; BMI 2009).
120
Nach der Übergangsregelung des § 40b StAG konnten Kinder von Ausländern, die zum Zeitpunkt der
Reform des Staatsangehörigkeitsrechts das zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, auf Antrag
der Eltern rückwirkend das ius soli (verbunden mit der Optionspflicht) in Anspruch nehmen, wenn bei
ihrer Geburt die entsprechenden Voraussetzungen vorlagen. Der Erwerb der deutschen
Staatsangehörigkeit erfolgte in diesen Fällen als Einbürgerung (und ging somit in die
Einbürgerungsstatistik ein). Eine Antragstellung war nur im Jahr 2000 möglich.

image
112
Abb. 21 Entwicklung der Einbürgerungen in Deutschland 2000–2013
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014d; eigene Darstellung
In Sachsen ergibt sich ein anderes Bild (Abb. 22): Ausgehend von einem niedrigen Niveau im
Jahr 2000 (472 Einbürgerungen) zeigt sich ab 2004 ein deutlicher Aufwärtstrend mit
Steigerungsraten von bis zu 22 Prozent innerhalb eines Jahres. Dieser Trend wird in den Jahren
2008 und 2009 kurzzeitig unterbrochen; das ist vermutlich – wie im Bundesgebiet insgesamt –
darauf zurückzuführen, dass mit dem Gesetz zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher
Richtlinien der Europäischen Union im August 2007 der Einbürgerungstest und die höheren
Sprachanforderungen eingeführt wurden (vgl. auch Lämmermann 2009). Ab 2010 setzt sich
der Aufwärtstrend in Sachsen jedoch fort; so liegen die Einbürgerungszahlen im Jahr 2013 bei
1.168.
-5%
-13%
-9%
-10%
-8%
+6%
-9%
-16%
+2%
+6%
+5%
+5%+-0%
0
20.000
40.000
60.000
80.000
100.000
120.000
140.000
160.000
180.000
200.000
20002001200220032004200520062007200820092010201120122013

image
113
Abb. 22 Entwicklung der Einbürgerungen in Sachsen 2000–2013
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014d; eigene Darstellung
Eingebürgerte in Sachsen: Vietnam ist wichtigstes Herkunftsland
Bei den Personen, die im Jahr 2013 in Sachsen eingebürgert wurden, war das
Geschlechterverhältnis ausgeglichen (je 50,0 %). Fast drei Viertel (73,6 %) der Fälle waren
Anspruchseinbürgerungen nach § 10 Abs. 1 StAG (mindestens achtjähriger Aufenthalt), nur
15,3 Prozent waren Ermessenseinbürgerungen (§§ 8, 9 StAG). In ca. 1,4 Prozent der Fälle
konnten die Bewerber bereits nach sieben oder sechs Jahren eingebürgert werden, weil sie
entweder die erfolgreiche Teilnahme an einem Integrationskurs (§ 10 Abs. 3 S. 1 StAG) oder
sog. besondere Integrationsleistungen nachweisen konnten (z. B. Sprachkenntnisse über dem
Niveau B1; § 10 Abs. 3 S. 1 StAG). In 9,4 Prozent der Fälle wurden Ehegatten oder
minderjährige Kinder mit eingebürgert (§ 10 Abs. 2 StAG); drei Einbürgerungen (0,3 %)
wurden nach Art. 2 des Gesetzes zur Verminderung von Staatenlosigkeit vorgenommen.
Bei insgesamt 31,8 Prozent der Einbürgerungen wurde Mehrstaatigkeit hingenommen (SLFS
2014b). Diese wird bei EU-Bürgern und Schweizern generell akzeptiert, darüber hinaus auch in
Fällen, wo das Herkunftsland rechtlich keine Entlassung seiner Staatsangehörigen vorsieht bzw.
+16%
-9%
-1%
-1%
+9%
+16%
+22%
+-0%
-4%
+20%
+6%
+20%
+7%
0
200
400
600
800
1.000
1.200
1.400
2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

image
114
die Entlassung regelmäßig verweigert oder sie von unzumutbaren Bedingungen abhängig
macht, oder wenn der Einbürgerungsbewerber als Flüchtling anerkannt ist (§ 12 Abs. 2 StAG).
Ein großer Teil der Personen, die 2013 in Sachsen eingebürgert wurden (ca. 44 %), hatte zuvor
die Staatsangehörigkeit eines asiatischen Staats (Abb. 23), wobei Vietnam insgesamt das
wichtigste Herkunftsland ist. Ein Fünftel hatte vor der Einbürgerung einen Pass der Russischen
Föderation (5,8 % aller Eingebürgerten) oder der Ukraine (13,5 %). Ein weiteres Fünftel der
Eingebürgerten sind EU-Bürger, vorwiegend aus Polen (22,6 % der eingebürgerten EU-Bürger),
Bulgarien (20,5 % der eingebürgerten EU-Bürger) und Ungarn (9,7 % der eingebürgerten EU-
Bürger).
Abb. 23 Einbürgerungen in Sachsen 2013 nach Herkunftsregion
Quelle: SLFS 2014b; eigene Darstellung
Der überwiegende Teil der Eingebürgerten ist jünger als 35 Jahre, nur ein kleiner Teil ist 45
Jahre oder älter (Tab. 14). Im Vergleich mit dem Bundesgebiet insgesamt zeigt sich, dass sich
Ausländer in Sachsen früher einbürgern lassen (Tab. 15): Zwei Drittel (67,0 %) der
betreffenden Personen wurden hier nach weniger als 15 Jahren Aufenthalt eingebürgert, im
Vietnam
21,3%
sonstiges Asien
22,8%
EU
16,7%
Russische Föderation
und Ukraine
19,3%
sonstiges Europa
11,0%
Afrika
4,7%
Amerika
3,3%
staatenlos
0,9%

image
115
Bundesgebiet waren es nur etwas mehr als die Hälfte (11,2 % unter 8 Jahre und 43,0 % von 8
bis unter 15 Jahre) (vgl. Statistisches Bundesamt 2014d).
Tab. 14 Einbürgerungen in Sachsen 2013 nach Altersgruppen
Altersgruppen
absolut
anteilig
unter 18 Jahre
247
21,2 %
18 bis unter 23 Jahre
208
17,8 %
23 bis unter 35 Jahre
282
24,1 %
35 bis unter 45 Jahre
254
21,7 %
45 bis unter 60 Jahre
153
13,1 %
60 Jahre und älter
24
2,1 %
insgesamt
1.168
100,0 %
Quelle: SLFS 2014b; eigene Darstellung
Tab. 15 Einbürgerungen in Sachsen 2013 nach Aufenthaltsdauer
Aufenthaltsdauer
absolut
anteilig
unter 8 Jahre
125
10,7 %
8 bis unter 15 Jahre
674
57,7 %
15 bis unter 20 Jahre
240
20,6 %
20 Jahre und mehr
129
11,0 %
insgesamt
1.168
100,0 %
Quelle: SLFS 2014b; eigene Darstellung
Obwohl Ausländer in Sachsen tendenziell früher eingebürgert werden und die Zahl der
Einbürgerungen deutlich gestiegen ist, wird das Einbürgerungspotenzial, also das Verhältnis
von erfolgten zu möglichen Einbürgerungen, nur zu 2,8 ausgeschöpft Prozent (Bundesgebiet:
2,3 %).
121
Dies bedeutet, dass die Einbürgerungszahlen in Sachsen – wie auch in der
Bundesrepublik insgesamt – noch deutlich höher liegen könnten. So stehen etwa für Sachsen
im Jahr 2012 über 40.000 möglichen Einbürgerungen 1.168 tatsächlich erfolgte gegenüber. Die
Gründe für diese Differenz sind vielfältig, sie können auf jeden Fall nicht pauschal darauf
zurückgeführt werden, dass die einbürgerungsberechtigen Ausländer generell kein Interesse an
121
Das
Statistische
Bundesamt
weist
das
ausgeschöpfte
Einbürgerungspotenzial
in
der
Einbürgerungsstatistik aus. Es bezieht die Zahl der Einbürgerungen eines Jahres auf die Zahl der
Ausländer, die seit mindestens 10 Jahren in Deutschland leben. Bezugsgröße ist jeweils die Zahl der
Ausländer nach dem AZR, die zu Beginn des Berichtsjahres die geforderte Aufenthaltsdauer aufweisen.
Das ausgeschöpfte Einbürgerungspotenzial für 2013 ist also das Verhältnis aller Einbürgerungen im Jahr
2013 zu allen Anfang 2013 im Bundesgebiet lebenden Ausländern mit mindestens 10 Jahren Aufenthalt.
Dabei wird eine Aufenthaltsdauer von mindestens 10 Jahren „vereinfachend mit dem Sachverhalt
gleich[gesetzt], dass ‚alle Anforderungen für eine Einbürgerung‘ erfüllt sind“ (Statistisches Bundesamt
2014d).

image
116
einer Einbürgerung haben. Ein beachtlicher Anteil der Zuwanderer in Deutschland interessiert
sich durchaus für politische Beteiligung und Einbürgerung (vgl. SVR 2014: 31, 118). Dieses
Interesse hängt jedoch von der jeweiligen Staatsangehörigkeit der Ausländer ab. Das SVR-
Integrationsbarometer (s. Kap. 3.1) zeigt beispielsweise für die Region Leipzig, dass bei
Ausländern aus nichteuropäischen Drittstaaten (sog. übrige Welt) das Einbürgerungsinteresse
höher ist als bei Ausländern aus europäischen Nicht-EU-Staaten (sog. übriges Europa) und
Unionsbürgern. Das vergleichsweise geringe Einbürgerungsinteresse von Unionsbürgern wird
häufig damit erklärt, dass sie Deutschen rechtlich weitgehend gleichgestellt sind, u. a. durch
das kommunale Wahlrecht, und der ‚Zusatznutzen‘ einer Einbürgerung (gegenüber dem
gegenwärtigen Status) zu gering ist (vgl. SVR 2013; Diehl 2005; Worbs 2008; Niesten-Dietrich
2012; Sauer 2013; Weinmann/Becher/Babka von Gostomski 2012).
Wie die steigenden Einbürgerungszahlen in Sachsen zeigen, ist der Freistaat auf einem guten
Weg, insofern immer mehr Zuwanderer durch die Einbürgerung „eine direkte und
gleichberechtigte politische Partizipation erlangen“ (SMS 2012b: 27). Es gibt jedoch
verschiedene vielversprechende Möglichkeiten, um die Einbürgerungszahlen noch weiter zu
erhöhen. Wichtig wäre insbesondere, die Ausländer besser über Einbürgerung und die
entsprechenden Möglichkeiten zu informieren. Denn die BAMF-Einbürgerungsstudie 2011 etwa
hat gezeigt, dass 52 Prozent der Ausländer, die die grundlegenden Voraussetzungen für eine
Einbürgerung erfüllen, diese gar nicht kennen. Diese Kenntnis ist jedoch sehr wichtig, denn
90 Prozent der Einbürgerungsanträge werden erst gestellt, wenn die Betreffenden wissen, dass
sie die Voraussetzungen erfüllen (Weinmann/Becher/Babka von Gostomski 2012: 183–185).
Potenzielle
Einbürgerungskandidaten
sollten
daher
gezielt
auf
Möglichkeiten
und
Voraussetzungen der Einbürgerung aufmerksam gemacht werden. Besonders erfolgreich ist es,
die Kandidaten persönlich anzuschreiben, wie es z. B. in Hamburg und Stuttgart getan wird. Im
Rahmen der Hamburger Kampagne, die auf drei Jahre angelegt ist, werden pro Monat ca.
4.000 Ausländer mit mindestens achtjährigem Aufenthalt angeschrieben und auf die
Möglichkeit der Einbürgerung und die entsprechenden Voraussetzungen hingewiesen. Dadurch
ist bereits nach kurzer Zeit die Zahl der Einbürgerungsanträge um ca. 36 Prozent gestiegen und
die Zahl der Beratungsgespräche um über 50 Prozent (Cellikol/Kersten 2012). Eine
entsprechende Kampagne würde sich auch für den Freistaat Sachsen anbieten. Sie wäre
verhältnismäßig kostengünstig und einfach durchzuführen, denn es wären nur rund 50.000
Ausländer anzuschreiben, die seit acht Jahren und länger in Deutschland bzw. Sachsen leben
(vgl. SLFS 2013d: 38). Darüber hinaus könnten in Deutschland geborene Ausländer zu ihrem
16. Geburtstag ein Schreiben erhalten, das sie darüber informiert, dass sie nun eigenständig

image
117
einen Einbürgerungsantrag stellen können (vgl. Weinmann/Becher/Babka von Gostomski
2013).
Eine solche Einbürgerungskampagne könnte etwa vom SMI koordiniert werden, das für
Ausländerangelegenheiten und Staatsangehörigkeit zuständig ist, und in Zusammenarbeit mit
dem Sächsischen Ausländerbeauftragten und/oder der Sächsischen Staatskanzlei durchgeführt
werden. Das Schreiben sollte vom Ministerpräsidenten, dem Innenminister und/oder dem
Sächsischen Ausländerbeauftragten unterzeichnet werden. Darin sollten auch die (zusätzlichen)
Vorteile der Einbürgerung bzw. der deutschen Staatsangehörigkeit hervorgehoben werden,
nämlich (1) die Tatsache, dass Eingebürgerte durch ihr Wahlrecht politisch Einfluss nehmen
können und dadurch (2) auch den besonderen Belangen von Personen mit
Migrationshintergrund
mehr
Gewicht
verleihen
können,
(3)
dass
die
deutsche
Staatsangehörigkeit nicht nur rechtliche Vorteile und Aufenthaltssicherheit in Deutschland mit
sich bringt, sondern auch (4) eine größere Reisefreiheit, da viele Visumpflichten für
Auslandsreisen bei Deutschen wegfallen (vgl. Weinmann/Becher/Babka von Gostomski 2013).
Ähnlich wie das zentrale Einbürgerungsfest, das der Ausländerbeauftragte gemeinsam mit dem
SMI veranstaltet (vgl. SMS 2012b: 37), setzt ein solches Schreiben ein deutliches Signal im
Sinne einer Willkommens- und Anerkennungskultur. Darin spiegelt sich ein vor allem mit Blick
auf Fragen der Zugehörigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts elementarer weiterer
Vorteil (5): dass die Bundesrepublik Deutschland und der Freistaat Sachsen die ‚neuen
Deutschen‘ auch gerne als Mitbürger willkommen heißen würden und die Zukunft des Landes
gerne gemeinsam mit ihnen – und zum Wohle aller – gestalten würden. Die Erlangung der
Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung stellt in diesem Sinne ein wichtiges Band der
Zugehörigkeit für beide Seiten dar.
Alternative Formen der Interessenvertretung: Ausländer- und Migrantenbeiräte, Sächsischer