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Nummer 70, seit 1999
Juni 2021

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Die Gefangenenzeitung „HaftLeben“ hat das erste Mal zwei „eigene Zellen“ -
Danke, Danke und nochmals Danke!
Nach Ostern war es endlich soweit, wir konnten uns den neuen Redaktionsraum anschauen. Welch eine
Freude, ist doch der „Schreibraum“ sogar mit Teppich ausgelegt und alles schön neu vorgerichtet, sehr hell
und freundlich eben. Die drei Hausmeister haben sich große Mühe gegeben, so waren die Computerplätze
schon vorbereitet und sie unterstützten uns beim „Umzug“ aus dem Mehrzweckraum, vor allem bei den
schweren Sachen. Somit war die schnelle Weiterarbeit für die Zeitung gegeben und dafür möchten wir uns -
die Redaktionsmitglieder und Herr Richter - von ganzen Herzen bedanken!
Wir schätzen die schnelle und unkomplizierte Arbeitsweise von Ihnen allen! Vielen Dank dafür!
Ebenso möchten uns auch bei all den Entscheidungsträgern der JVA Chemnitz bedanken, vor allem bei
Ihnen Frau König-Bender, die uns diesen schönen Raum zum Arbeiten geben haben und überhaupt unsere
Gefangenenzeitung schon langjährig unterstützen! Dankeschön!
Die „HaftLeben“ der Zukunft?
Bieten neue Räume auch neue Möglichkeiten? Nachdem wir uns bei der Vorbereitung dieser Ausgabe ganz
gut im neuen Arbeitsbereich eingewöhnt haben, sind wir direkt ein wenig nostalgisch geworden und auch
etwas ins Schwärmen gekommen. Gaaanz früher gab es ja mal Zeiten, da wurde das Layout und das Setzen
der „HaftLeben“ gleich hier im Haus erledigt, damals wohl als Maßnahme in der Schule(?), da war noch
einiges mehr möglich und die Zeitung wurde sozusagen mit Anleitung in „reiner Eigenleistung“ erstellt. Doch
daran kann sich selbst Herr Richter, und der ist seit 2008 am „HL-Steuerrad“, kaum noch erinnern.
Könnte das ein neues Projekt für die Zukunft sein? Vielleicht könnte sogar - wie das bei den meisten
anderen Gefangenzeitungen der Fall ist - ein Arbeitsplatz für eine Redakteurin geschaffen werden.
Das wäre toll!
Könnten wir mehr von der Verantwortung - halt auch Verpflichtung, naja, einen Haken gibt es immer - wieder
in die eigenen Hände nehmen. Unterstützung, Rat und „fachliche Expertise“ durch unseren ehrenamtlichen
Redakteur von draußen brauchen wir natürlich immer und ewig und auf ihn würden wir um nichts in der Welt
verzichten wollen!!!
… wir träumen einfach mal ein bisschen weiter…
Der neue Haft
Leben - Redaktionsraum
Fotos unserer zwei neuen „Haft
Leben-Zellen mit Durchgangstür“
Der HL-Newsroom - der Arbeitsplatz der Redakteurinnen
Im HL-Newsroom - laufen alle Fäden zusammen
Der HL-Konferenzraum

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
…..……..……..……...…..
4
HL - Kinderseite
…………...…………………...….…...
5
GefangenenMitVerantwortung
……….………….
6
Reso - der Partner für das Leben?
…..…..…...
7
Resozialisierung - echt jetzt
…..……………...…..
9
Aus meinem Tagebuch
…………..…..…..…..…...
10
Das Gefängnis der Zukunft
..…………………....
11
Die Gedanken sind frei
………….………….…......
12
Wenn ich könnte, wie ich wollte
……….…......
13
Meine Gedanken zum Interview mit der
Staatsministerin der Justiz,
Katja Meier
………………………………………...…...
15
Anstaltsbeirat, Teil 4
………..………………….…...
16
Comic - Serie, Teil 4,
..………………….……..…...
18
Interview mit Herrn Brinkmann,
stellvertretender Anstaltsleiter
………….……
20
HL - SOS-Tricks gegen Streit
………....…..…...
22
HL - Rezension zum Buch
„Straffällige
Frauen - Erklärungsansätze, Lebenslagen
und Hilfeangebote“
Teil 1
………..…..…….……
23
Leserbriefe und Stellungnahme JVA
...........
24
Das HL - Preisrätsel
……….……………..….…......
26
Kirche 2021
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Songtext
……………………………..……….…...
30
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
...………….….….….…….………………...
32
Worte sind Meinungen und keine Tatsachen!
Inhaltsverzeichnis
Herzlich Willkommen
Sarah-Luise in der Redaktion
„HaftLeben“.
Danke für deine Hilfe,
Jacqueline.
Titelbild: © UNDINE, 2021, für „HaftLeben“
Ich hatte es vergessen, und
jetzt habe ich es wieder
vergessen.
Es gibt Dinge, die vergessen
werden müssen, wenn man
weiter leben will.
James Myers
„Jim“
Thompson ,
1906 - 1977,
US-amerikanischer Schriftsteller,
Schauspieler und Drehbuchautor
Viel Spaß und Freundliche Grüße!
Teddy Tietz
Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„“
…..……..……..……...…..
…………...…………………...….…...
……….………….
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…..……………...…..
…………..…..…..…..…...
..…………………....
………….………….…......
……….…......
………………………………………...…...
………..………………….…...
..………………….……..…...
………….……
………....…..…...
………..…..…….……
……….……………..….…......
…………….…………………...….…...…..
….………...………..….…...…………….....
……………………………..……….…...
….………...……..…………….………….
………….….….….…….………………...
“.
„“

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Haft Leben Nr. 70
4
Ellis Kaffeekränzchen - diesmal etwas
nachdenklicher …
Hallo ihr Lieben,
auf meinen letzten Streifzügen durch allerlei Dienst-
zimmer, über sämtliche Etagen, in alle Winkel der
Arbeitsbereiche und hinein in die entlegenste Zelle
ist mir oft eine etwas schwermütigere Atmosphäre
begegnet. An einer Pinwand konnte ich den Spruch
„Das Schwierigste ist, dass man nie etwas erreicht“
entdecken - das hat mich schon etwas
mitgenommen. Ist das die Apathie, die mit den
ewigen Verzögerungen zwischen Anträgen,
negativen Entscheidungen, erneuten Anträgen,
Nachfragen, Beschwerden, Einsprüchen und nach
langer Zeit doch ergebnislosen Resultaten einher-
geht. Selbst wenn sich am Ende herausstellt, du
hättest Recht gehabt, kommt diese Feststellung u.U.
so spät, dass es dann schon lange keine Rolle mehr
spielt. Verliert man da auch nicht die Kraft, das
nächste Mal noch für etwas zu kämpfen. Wie lange
kann man gegen den Strom schwimmen.
Auch in anderen Zusammenhängen machen sich
einige von euch ernsthafte Gedanken zu hoch-
karätigen Themen. Ich bin da immer wieder
beeindruckt. Ein besonders wichtiges möchte ich mal
aus den Gesprächen mit euch zusammenfassen:
Meinungsfreiheit, ein hohes Gut. Auch im Knast?
Oder hier überhaupt möglich?
Meinungsfreiheit gehört zu den wichtigsten Werten
einer demokratischen, aufgeklärten und eben freien
Gesellschaft. Das Konzept, auch unpopuläre
Meinungen ungestraft sagen, äußern, schreiben zu
können, gilt als ein hohes Gut und gern auch als
Messlatte dafür, wo auf der Skala zwischen
repressiver Diktatur und offener Demokratie sich ein
Land befindet.
Aber was heißt Meinungsfreiheit schon für einen
persönlich, und was heißt schon ungestraft.
Will ich einfach nur offen alles sagen können oder
will ich eigentlich dafür gemocht werden. Will ich nur
sagen, was ich denke oder vor allem Zustimmung
und Anerkennung dafür haben. Ich will es nicht nur
sagen, ich will auch gehört werden. Ich will wissen,
mir wird zugehört und am besten auch noch
zugestimmt. Und ist es nicht am schönsten, wenn
meine Meinung als die einzige Wahrheit angesehen
wird, ich als Wahrheitsbringerin anerkannt werde. Ich
will mich äußern und ich will Liebe. Ich will alles auf
einmal.
Will ich manchmal auch den
bewussten Eklat? Sage ich
kontroverse Dinge, von denen
ich weiß, dass sie umstritten
sind, gerade weil ich umstritten
sein will, weil ich mich streiten
will. Streit ist wenigstens eine
Form von Aufmerksamkeit.
Auch wer mich anfeindet, musste mir erstmal
zuhören.
In Haft sind das jedoch Sorgen auf elfenbein-
türmlichen Höhen. Da steht die Meinungsfreiheit
vielleicht noch auf dem Papier, aber wird sie
zwischen Gittern und verschlossenen Türen auch
gelebt? Kann ich mir hier Streitbarkeit oder
Wahrhaftigkeit überhaupt leisten. Wie frei kann ich
Meinungsfreiheit ausleben, wenn sich Streitbarkeit
auf den Vollzugsplan auswirkt. Wie schonungslos
werde ich Meinungsfreiheit umsetzen, wenn
bestimmte Wahrheiten den Entscheidungsträgern
nicht gefallen. Wie deutlich werde ich sprechen,
wenn es die Äußerungen von Entscheidungsträgern
als Lügen entlarvt. Sind mir die Konsequenzen
meine freie Meinung wert?
Straflos heißt eben nicht folgenlos. Und im
Gefängnis können die Folgen einer Reaktion auf
eine freie Meinungsäußerung sehr wohl den
Charakter einer Strafe annehmen. Werden dadurch
Lockerungen oder Hafttermine nicht gewährt, dann
sind es sogar tatsächlich Bestrafungen.
Ja, Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, im Gefängnis
kann es vor allem sehr teuer sein. Anstatt die
Wahrheit oder etwas Unbequemes einfach
auszusprechen, muss ich mich fragen, ob ich mir das
leisten kann. Leisten will?
In welchen Spiegel will ich schauen? In den in
meiner Wohnung Freiheit, den ich mir mit
Schweigen, auf die Zunge beißen und dem
Verstecken meiner freien Meinung erkaufen musste.
Oder in den angeklebten in der Zelle, in dessen
Spiegelbild meine freie Meinung leuchtend auf der
Stirn prangt. Dieses Leuchten ist die Krone meines
Rückgrats, der Lohn dafür, mir selbst treu zu bleiben.
Aber ich bezahle dafür mit verspäteter, vertagter
körperlicher Freiheit.
Die eine Freiheit mit der anderen bezahlen zu
müssen - kann es wirklich nicht anders gehen?!
Ciao und Miau eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
Miss P. (8 Jahre) Antwortet
HL-Frage: Was möchtest du mal werden?
Miss P. : Ich will Tierärztin werden, da sind immer
Tiere da und ich kann denen helfen.
HL-Frage: Hast du ein Lieblings-wildes-Tier?
Miss P. : Pferd
Bemerkung an P: Ein wildes Tier
Miss P. : Ein Wildpferd
Bemerkung: Sie geht gerade voll auf jede Art von
Pferden ab
HL-Frage: Kann man jedes Tier essen?
Miss P. : Die Spatzen und Meisen nee
Bemerkung: Sie hat dieses Thema gerade in der
Schule dran.
HL-Frage: Wie findest du Zoos?
Miss P. : Was?
HL-Frage: Wie findest du Tierparks?
Miss P. : Ja die sind voll schön und ich war da
schon öfters mal gewesen.
HL-Frage: Welche Jahreszeit magst du?
Miss P. : Sommer, weil da ist es schön warm und
man kann baden gehen
HL-Frage: Wohin willst du mal in den Urlaub?
Miss P. : An so`nen Strand mit nem Pferd und noch
eins
HL-Frage: Was isst du gern beim Grillen?
Miss P. : Pommes.
Bemerkung: Es könnte sein, dass sie sich gerade in
so einer Phase befindet, wo sie nur eines isst ;)
HL-Frage: Was würdest du machen wenn du
Königin von Deutschland wärst, also von allen
Menschen?
Miss P. :
Ich würde erstmal dich und die anderen
freilassen. Dann ganz viele Süßigkeiten kaufen und
sie euch schenken, aber auch den anderen. Ich würd
mir noch ein Pferd kaufen und dann für Karlo (Hund)
einen Mädchen-Hund, damit die kleine Baby-Hunde
machen können. Dann ist Karlo auch Papa. Die
Erwachsenen müssten nur ein wenig Arbeiten, weil
man ja auch Geld braucht zum Einkaufen, aber die
sollen nicht so lang arbeiten, weil die sonst immer so
spät zu Hause sind.
Alle dürfen mal in den Urlaub fahren, an den Strand
oder so. Und alle müssen das Gleiche haben, denn
sonst streiten alle immer so und streiten ist doof. Das
ist nur okay, wenn der Streit stimmt.
Dann sollen alle noch eine Freundin oder einen
Freund haben und vielleicht ein Tier.
HL-Frage: Was wünschst du dir für die ganzen
Menschen?
Miss P. : Na Liebe und dass man ganz oft lacht.
HL-Frage: Warst du schonmal verliebt?
Miss P. : Ja, na klar
HL-Frage: Und in wem?
Miss P.
: Hihi, das sag ich nicht und in dich.
HL - Kinderseite
HL - Fragen an meine Kinder -
„Wie würde dein Deutschland aussehen, wenn du
alles entscheiden könntest?
Antwort A., 17 Jahre jung, in Ausbildung zum
Erzieherberuf
Es würde Ausbildungsplätze für alle geben und das
in seinem gewünschten Gebiet.
Wenn Eltern Kinder bekommen, sollte ein Elternteil
immer zu Hause bleiben oder Teilzeitarbeiten bzw.
sehr viel Zeit für die Kinder haben, immer frisches
gemeinsam gekochtes Essen, viel gemeinsame Zeit,
spielen an der frischen Luft, usw.
Keiner sollte Essen entsorgen, welches noch zum
Essen gut wäre, keiner sollte auf der Welt hungern,
Alles sollte in Deutschland hergestellt werden.
Jeder erhält eine Wohnung, die an die Anzahl der
Kinder angepasst wird. Jedes Kind hat ein eigenes
Zimmer.
Mehr Kinderfreundlichkeit, viel mehr Spielplätze,
mehr Geld für Eltern mit Kindern, Kinderbetreuung
sollte frei sein, kostenloses Essen für alle Kinder in
Kindergärten und Schulen. Ich wünschte mir
Ganztagsschulen, weniger Unterricht von
unwichtigen Fächern, mehr Zeit zum Spielen und
weniger Hausarbeiten.
Alle Menschen erhalten eine Arbeit und damit
regelmäßigen Lohn, es gibt keine Arbeitslosigkeit
und keine Armut mehr.
Jeder hat Geld für alles Wichtige und für Urlaub.
Es gibt keine Unterschiede mehr zwischen den
Menschen.
Umweltfreundlichkeit ist wichtig, wenn Stau ist, dann
hat jeder einen Hubschrauber.
Es gibt viel Geld für Forschungen, wenn die gut sind
und umgesetzt werden.
Es sollte keine Drogen, Alkohol, Tabak, sonstige
Suchtmittel geben.
Viele Kinder werden nach Talent gefördert.
Antwort M., 14 Jahre jung, in der 9. Klasse
Ich habe für alles Spezialisten, die informieren mich
täglich, dann entscheiden wir gemeinsam.
Später habe ich Zeit für mich und meine Freunde
zum Spielen, keine Ahnung was ich noch ändern
soll, kann vieles so bleiben.
Bild: © King A, 2021,
„Mein König von Deutschland“

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Haft Leben Nr. 70
6
G
efangenen
M
it
V
erantwortung
Seit der letzten Ausgabe haben wieder mehrere
GMV-Sitzungen stattgefunden, auch außerplan-
mäßige Treffen, speziell zum Thema Corona. Hier
die neuesten Info‘s.
AstraZeneca: Der Impfstoff wird in der JVA nicht
mehr genutzt. Stattdessen wird nun mit Moderna
geimpft. Nach der ersten Impfung folgt die zweite
drei Wochen später.
Vollzugsplan: Es wurde mehrfach festgestellt, dass
sich auf den ausgehändigten Vollzugsplänen nicht
immer alle Unterschriften befanden. Dies wurde nun
geprüft und ''behoben''. Bedeutet, bei Aushändigung
des Vollzugsplanes bitte selbstständig darauf achten
und dann gegebenenfalls mittels eines Antrags an
Frau König-Bender wenden.
Hofgang: Wie vielleicht schon bemerkt, gibt es ab
dem 1. Mai wieder den Hofgang zur Sommerzeit.
Also wieder 1,5 h. Wem das zu lang ist, der kann
bereits nach 45 min. hochgehen.
Skype: Wer einen Skype-Besuchstermin hat, kann
bei Vorhandensein seine eigenen Kopfhörer mit-
nehmen. Angeregt wurde auch, dass es praktisch
wäre, wenn man sich in dem Elektro-Katalog selbst
welche bestellen könnte, da viele von den Kopf-
hörern, die es bisher zu bestellen gab, nicht mit
einem Mikrofon ausgestattet sind.
Sporthalle: Die Bauarbeiten gehen fleißig weiter,
also bis 2023 sollte machbar sein.
Gefangenenwarteraum-Besuch: Angesprochen
wurde, dass es der Wunsch von vielen Gefangenen
wäre, in dem Warteraum der Gefangenen, bevor sie
zum Besuch gehen, eine Uhr an der Wand
anbringen zu lassen. Wir alle kennen ja wahr-
scheinlich das Gefühl, wie schnell man plötzlich kein
Zeitgefühl mehr hat. Deshalb würden wir uns sehr
freuen, wenn die Uhr genehmigt wird sowie ein
Spiegel auf der Toilette. Voraussetzung für die Uhr
ist natürlich, dass sich alle mal zusammenreißen und
die Batterie dann auch da lassen, wo sie hingehört.
Auch eine Nicht-Beschädigung der Dinge im Raum
sollte selbstverständlich sein. Wie man aber sieht,
allein schon aufgrund von den Sitzbänken, ist es
eben NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH!
Aufschlusszeiten: In den nächsten Monaten wird
sich um neue Aufschlusszeiten bemüht. Eine
entsprechende Unterschriftenliste ging bereits um,
worauf jeder bei der gewünschten Uhrzeit eine
Unterschrift setzen kann/konnte.
Volleyballgruppe: Freizeitangebote wie die Volley-
ballgruppe finden bereits statt. Bisher noch auf dem
Freistundenhofgang im Haus 3, aber nur, bis die
Markierungen auf dem des Hauses 1 gesetzt und
getrocknet sind.
Massak: Es fand ein Treffen mit Massak und der
GMV statt. Na ja lange Rede, kurzer Sinn - gar kein
Sinn.
Essen bestellen: Erneut wurde die Problematik
„Essen bestellen'' angesprochen. Also sollte
Interesse bestehen, dann vorerst einen Antrag an
den zuständigen Sozialdienst. Auf diesem Antrag
oder im Gespräch dann den Anlass nennen und,
falls es nur eine bestimmte Gruppe auf der Station
gibt, die anlassbedingt etwas ''feiern'' möchte, dann
die Gruppenteilnehmer. Es sollte jedoch klar sein,
dass es was Besonderes ist und bleibt. Demzufolge
kommt es nicht in Frage, jede Woche so einen
Antrag zu stellen.
Anmerkung der Anstaltsleitung:
In den Vollzugsabteilungen können im Rahmen
von Behandlungs- oder Freizeitmaßnahmen
externe Essensbestellungen in Absprache mit
dem Leiter der jeweiligen Gruppenmaßnahme
durchgeführt werden.
Kunsttherapie/Trommelkurs/Hundetherapie: Finden
ab Juli wieder statt.
Gottesdienst: Bei größeren Veranstaltungen wird,
coronabedingt, der Hof genutzt.
Speisesaal: Im Moment wird der Speisesaal
renoviert (Brandschutz). Die Weihnachtsfeier wird
wahrscheinlich dann dort wieder stattfinden.
Notfalltabletten: Im Falle von Schmerzen, einer
Allergie o. ä. wurde erneut angesprochen, ob man
nicht personenbezogen etwas im Dienstzimmer
hinterlegen könne. Das wurde und wird abgelehnt.
Aufgrund von Missbrauch will man dem einfach
entgegenwirken.
HBD: In der Vergangenheit kam es häufiger zu
Missverständnissen im Hinblick auf die JVA und den
Notarzt. Hier wurde uns mitgeteilt, dass im Falle,
man benötigt einen Notarzt, zu einer Zeit, in der sich
kein medizinisches Personal vom med. Dienst mehr
hier befindet, der Stationsbedienstete in der
Torwache anruft. Dieser ruft dann beim Notarzt an
und erst der Notarzt entscheidet, wann und ob er
kommt. Das erfolgt in der Regel nach einer
Prioritätenliste.

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
(HL-fabula)
Hallo zusammen,
ich will mich euch kurz vorstellen, denn es wird
mich sicher noch keine von euch kennen, schon gar
nicht näher. Mein Name ist Reso ..., also in kurz,
mein Nachname tut erst mal nix zur Sache. Ich bin
ein ganz dufter Typ. Ich bin nicht bloß was für eine
Nacht, sondern so richtig mit Beständigkeit was fürs
Leben, das ist jedenfalls meine feste Zielstellung.
Ich will euch kennenlernen, ich will mein Leben mit
euch verbringen. Noch wichtiger, ich will euer
Leben mit euch verbringen! Klingt zu gut, um wahr
zu sein, oder. Eher wie ein Fabelwesen aus der
schönen bunten Märchenwelt - und wenn sie nicht
gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich
zusammen hinter den sieben Bergen in der Stadt
mit den sieben Toren im güldenen Haus mit den
sieben … und so weiter und so fort ...
Also ich gebe zu, das mit meiner Existenz ist so
eine Sache - die einen schwören ganz inbrünstig,
dass es mich auf jeden Fall gibt. Da werden
Sichtungen beschworen. Man sei völlig sicher, da
und dort, zu jener Zeit und an jenem Ort, hätte man
mich auf jeden Fall gesehen. Das war kein Traum
und auch keine Halluzination, kein Fall von
Drogengebrauch - nein, nein, mich gäbe es schon.
Als wahre und greifbare Manifestation.
Ich selber tue mich bei der Argumentation meiner
Existenz durchaus schwer, denn so simpel wie „Ich
denke, also bin ich!" ist es leider nicht. Das klingt
verrückt, aber macht mal die Gegenprobe: „Was
nicht denkt, das ist auch nicht." Bei der Menge
vorhandener Gedankenlosigkeit in der Welt kann
man dieses erste Existenzargument schon mal
vergessen. Es gibt so viele, die nicht denken, und
trotzdem sind.
Ich habe zweifellos einen Namen, aber auch das
heißt ja noch nichts. Wie viele Bezeichnungen für
alle möglichen Fantasiegebilde hat die Menschheit
schon erfunden. Ich weise da nur auf Big Foot,
Loch Ness oder Yetis hin. Die wollen ja schon so
einige Leute persönlich gesehen und getroffen
haben, trotzdem glaube nicht mal ich an solche
Kreaturen. Und dennoch scheint manchen deren
Existenz deutlich wahrscheinlicher und plausibler
als meine Existenz. Das muss ich natürlich Quatsch
finden. Ich weiß ja, zu wissen, dass es mich gibt,
und zu wissen dass ich das weiß, muss ja
zwangsläufig bedeuten, dass es mich gibt, dass ich
echt bin. Kann mir noch jemand folgen? Nein,
macht nichts.
So Logikloopings können schon mal Kopf
schmerzen auslösen. Fühlbare Schmerzen müssen
eigentlich eine echte Ursache haben - da könnte
man wieder sagen, ich muss ja echt sein. Kann
aber auch sein, dass sich die Leute einfach zu
angestrengt den Kopf zerbrechen, wie und wo sie
mich finden können.
Ganz besonders entnervend kann so einen Suche
sein, wenn man mit den falschen Mitteln an der
falschen Stelle sucht.
Aber bevor ihr euch jetzt auch noch alle
fürchterliche Schädelschmerzen holt, während ihr
euch die niedlichen Köpfchen über meine Existenz
oder meine Identität zerbrecht, will ich es mal nicht
übermäßig spannend machen.
Mein Name ist Zialisierung, Reso Zialisierung. Oft
komme ich mir allerdings vor wie das sagen-
umwobene, traumhaft ersehnte und doch nie
greifbare Einhorn. So ein wunderschönes,
mystisches Wesen voller Gutmütigkeit, Weisheit
und wundersamer magischer Kräfte. Jeder wünscht
sich, mich zu finden, will mich unbedingt mit
eigenen Augen sehen und träumt davon, auf
meinem Rücken in eine rosige glückliche Zukunft
davon zu reiten. Welch fantastische Vorstellung ...
Und glaubt mir, es liegt gar nicht daran, dass ich
euch den Gefallen nicht tun will oder dass ich mir
für die Aufgabe zu fein bin. Ein Anfangsproblem
liegt schon mal darin, dass ein An-euch-rankommen
mehr als schwierig ist. Ein förderlicher, stabili-
sierender Umgang ist zwar gewünscht, das wird
dann allen aber wieder so schwer gemacht, dass
jeder positive Effekt fast augenblicklich verpufft. Die
Hürden für die Besuchsgenehmigung sind recht
heftig und da meine ich noch nicht mal die aktuellen
Corona-Beschränkungen, das ist echt zum Mähne
raufen.
Wirklich viel Zeit verbringen darf man mit euch dann
auch nicht. Wenn wir Glück haben zwar regel-
mäßig, aber dann trotzdem nur stundenweise. Nur
bin ich so gar nicht der Quickie-Typ. Damit ihr was
spürt, nehm ich mir schon gern die Zeit für echte
Gefühle, für echte tiefe Berührtheit. So ist es euch
doch auch am liebsten oder erzählen die neuer-
dings auf Frauenversteher-Seminaren was ganz
anderes und ich habe es bloß noch nicht
mitbekommen?
Ich meine, klar, ich kann die Notwendigkeit für
gewisse Regeln verstehen, aber Resozialisierung
ist nun mal kein One-Night-Stand und keine
schnelle Nummer. Und am allerwichtigsten für die
Erfüllung ist ja wohl, auf die genauen Bedürfnisse
der Einzelnen einzugehen. Also so wirklich und
ernsthaft, nicht einfach denken 'aha Frau, das wird
schon an der Stelle bei ihr kribbeln.' und fertig.
Nein, ich möchte gerne ehrlich für euch da sein,
möchte euch wirklich das Gefühl geben,
aufgefangen zu sein und nicht nur mit ein paar
schöngeistigen Kalendersprüchen auf den Weg
schicken.
Reso - der Partner für das Leben?
Weiter nächste Seite

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Haft Leben Nr. 70
8
Ich möchte euch bei vielen langen und tiefgründigen
Gesprächen in eure ausdrucksstarken, wunder-
schönen Augen schauen. Ich möchte wissen, was
wirklich in euch vorgeht, was ihr braucht und was
euch hilft, nicht nur so oberflächlich. Ich möchte da
eine echte, dauerhafte, belastbare und zukunfts-
orientierte Verbindung aufbauen. Ich möchte jemand
sein, auf den ihr euch verlassen könnt. Der mit euch
den Problemen der Gegenwart begegnet und die
Probleme der Zukunft mit euch angeht. Das ist sicher
kein einfacher Weg, ich bin - gebe ich zu - auch kein
einfacher Typ. Mit mir braucht ihr natürlich Durch-
haltevermögen. Der Weg über die sieben Brücken
hin zum verheißenen Land kann sehr lang werden.
Aber ich gebe nicht auf. Ich gebe euch nicht auf!
Und wenn das genau euer Ding ist und ihr mutige
Girls zum Einhörner stehlen seid, dann hey, meldet
euch doch einfach. Ich würde mich wahnsinnig
freuen, von euch zu hören was ihr so alles mit mir
vorhabt.
Euer Reso
Reso - der Partner für das Leben?
Danke! pINNselstrich
© Kathi Bacher
www.pinnselstrich.de

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
(HL/Fam)
Wie oft hört man hier dieses Wort, es
kommt in jedem Vollzugsplan, in fast jedem Gespräch mit
den Psychologen oder Sozialarbeitern vor, auch wenn es
nur unterschwellig ist. Manche fragen sich, was wollen die
mir damit sagen, was meinen die genau damit? Laut
Wikipedia geht der „Begriff der Resozialisierung […] von
der Vorstellung aus, ein Straftäter habe sich durch seine
Tat außerhalb der Gesellschaft gestellt oder jedenfalls
offenbart, dass er nicht im erforderlichen Maße in diese
Gesellschaft eingebunden sei. Ziel des staatlichen
Strafens habe es daher zu sein, den Täter wieder in die
Gesellschaft einzugliedern!“
Heute möchte ich gleich mal mit meiner Meinung
anfangen, egal ob es euch gefällt oder nicht! Ich glaube es
ist eine Resozialisierung möglich, ich denke aber, es
funktioniert nur, wenn eine gute Verbindung zwischen der
Arbeit des Behandlungsteams und der Unterstützung der
echten Freunde besteht. In einer Freundschaft redet jede
viel freier, viel offener und ehrlicher über die Tat, die
Beweggründe und vor allem über die jetzige Meinung
dazu, Schuldgefühle usw. Da solche Gespräche nur im
Vertrauen möglich sind und es eine Weile dauert um es
aufzubauen, ist klar, dass der Psychologe da nicht sofort
rankommt. Dann stellt sich allgemein die Frage, ob es
100%iges Vertrauen den Justizmitarbeitern gegenüber
geben kann. Vor kurzem hätte ich diese Frage noch mit ja
beantwortet, aber jetzt hat mir die Erfahrung gezeigt, nein
es ist besser vorsichtiger zu sein! Wie oft verdrehen diese
Vorbildsfunktionäre das Gesagte, wem glaubt man dann,
wenn ich als Gefangene dies klarstellen möchte? Der
Gefangenen oder doch eher dem Justizmitarbeiter? Die
Antwort ist uns allen klar! Wie kann es denn sein, dass
man von diesen angelogen wird? Wie soll da eine
Resozialisierung stattfinden? So gab es z.B. zur
Weihnachtszeit
Schokoladenweihnachtsmännerhohlkörper, diese mussten
beim Kauf sofort zerstört werden, alles kein Problem, aber
nur für Haus3. Hier im Haus1 wurde dieser Kauf komplett
verboten. Auf Nachfrage, erhielten wir die Antwort, es sei
allgemein verboten gewesen, in allen Häusern, auch
nirgendwo ausgegeben worden. Eine glatte Lüge, denn es
gibt Beweise, Einkaufsscheine!!! Wie kann es sein, dass
Psychologentermine geplant und den Gefangenen
mitgeteilt werden, wenn den Entscheidungsträgern schon
längst klar ist, dass besagte Psychologen über längere
Zeit ausfallen werden? Von uns erwartet man ja
schließlich, dass man Termine absagt, wenn man nicht
kann. Auch finde ich in einer Resozialisierung sehr
wichtig, dass die üblichen Anstandsregeln eingehalten
werden, vor allem von den Vorbildsfunktionäre. Sind denn
Bitte, Danke, Guten Morgen, Auf Wiedersehen zu viel
verlangt? Ich habe das meinen kleinsten Kindern schon
beigebracht! Hat das nicht auch etwas mit Würde und
Respekt zu tun? Oder habe ich bei meiner Inhaftierung
meine Würde und den respektvollen Umgang mit meiner
Person an dem Knasttor abgegeben? Wie kann es sein,
dass man den Entscheidungsträgern hilflos ausgeliefert
ist, dass man kaum Möglichkeiten hat sich zu wehren? So
z.B. ist man bei allem, was wir tun oder sagen, der
Interpretation der Entscheidungsträger ausgeliefert! Sehen
sie unsere Fortschritte auch wirklich als solche an,
entscheiden sie sich für die negative oder für die positive
Sichtweise. Es sei denn, man hat es endlich verstanden,
für sich selbst zu kämpfen, sich nichts mehr gefallen zu
lassen, nicht mehr nur Dinge in sich reinzufressen und still
zu allem ja zu sagen. Ich habe gelernt, meine eigene
Meinung zu vertreten und dann auch standhaft zu ihr zu
stehen. Ich muss nicht mehr die Erwartungen anderer
erfüllen, die Anerkennung hole ich aus mir selbst heraus.
Das gibt mir die Kraft, diesen Weg weiter zu gehen und
mein Selbstbewusstsein weiter zu stärken. Man ist so stolz
auf diese positive Entwicklung und dann wird es von den
Entscheidungsträgern mit dem Satz „das ist doch nur
Zweckverhalten, um hier rauszukommen“, alles zerstört!!
Wo ist das Resozialisierung? Wo baut das einen auf? Wo
gibt das Veränderungsmotivation?
Wichtig für uns ist es zu wissen, dass jeder Schwächen
und Stärken hat, dass er in seinem Leben viel Gutes
getan hat, jedoch auch weniger Gutes und Fehler
begangen hat. Dieses Wissen, gibt mir die Chance, auf
meine Schwächen Rücksicht zu nehmen, um nicht
nochmal dieselben Fehler zu machen. Ich erkenne, wer es
gut mit mir meint oder wer meine Schwächen nur
ausnutzt. Wer wohlwollend mir gegenüber ist, hilft mir,
meine Stärken zu stärken. Wobei mein Glauben an
Hoffnung, Kraft, Veränderung, 2.Chancen Erhalten,
Vergebung und das Gelingen meines Lebens dazu gehört.
Ebenso wie der Glaube daran, den Menschen in meiner
Umgebung positive Impulse geben zu können. So sehe
ich eine gelungene Resozialisierung oft nur zwischen uns
Gefangenen selbst als möglich an. Wie oft hat uns ein
tiefes Gespräch zwischen uns Frauen (wo Vertrauen da
ist, wo man ehrlich zueinander ist) weiter gebracht, zum
Nachdenken angeregt, erst dadurch hat sich unsere
Meinung geändert und konnten wir auch unser Handeln
anpassen! Wäre es nicht sinnvoller, wenn unsere
Gedanken zu dem gehen, was ich habe, was ich kann,
was ich anderen Gutes tun kann? Nicht immer nur das
Vergleichen, nicht immer den Blick zu dem was andere
haben, wenden. Ich muss den Blick auf meine
Ressourcen wenden und all meine Kraft sinnvoll
einsetzen! Somit glaube ich schon sehr an
Resozialisierung, aber es ist vom Willen desjenigen
abhängig, ob er es wirklich schaffen möchte und wie
viel
Kraft er darauf verwendet. Ich habe manchmal auch das
Gefühl, es geht viel zu viel um Statistiken, es muss gut
aussehen, Haken auf dem Papier gesetzt, fertig. Aber
hallo, es geht hier um Menschenleben und nicht um blöde
Zahlen!!! Viel zu viel wird in den Mantel des Schweigens
gehüllt, es wird weggesehen oder es wird den „Blendern“
mehr geglaubt als denen, die die Wahrheit sagen. Ja,
Kritik tut weh, aber sie sollte nicht nur von der Seite der
Justizbeamten, Psychologen, Sozialarbeitern etc. möglich
sein, sondern auch unsere Kritik sollte konstruktiv
behandelt und nicht einfach abgebügelt werden. Auch die
Justizmitarbeiter brechen sich dabei „keinen Zacken aus
der Krone“, sondern, ganz im Gegenteil, eine ehrlich
geäußerte Entschuldigung ist unabdingbarer Bestandteil
einer gegenseitigen Vertrauensbasis!
Einzelfallentscheidungen sind wichtig, aber schaut genau
hin und seht alles mit Blick auf die Resozialisierung.
Jedoch kann ich sagen, dass viele Beamten Vorbilder
sind, dass sie sich wirklich für den einzelnen Menschen
interessieren, dass sie einem ehrlich helfen wollen und
genau hinter die Fassade schauen, einem die Chance
geben resozialisiert zu werden! Ob man das Angebot
jedoch annimmt, hängt von jedem einzelnen ab! Jeder hat
eine 2. Chance verdient, es wird weh tun, man muss hart
an sich arbeiten, konsequent dran bleiben und somit kann
es jeder zum guten Ende bringen.
Du selber entscheidest, du hältst deine Zukunft in der
Hand, mach was draus! Geht mal was schief, jammert
nicht lange rum, aufstehen und erneut versuchen, trefft
verantwortungsbewusste Entscheidungen, beweist euch
selbst was in euch steckt!
Auch aus Steinen, die euch in den Weg gelegt werden,
kann man „Schönes“ bauen!!!
Resozialisierung - echt jetzt

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Haft Leben Nr. 70
10
(HL-UNDINE)
Liebes Tagebuch,
es ist zum Mäuse melken. Ich bin schon fort und doch
noch hier. All meine Gedanken schweben über die
Mauern, schmieden Pläne in der Welt dort draußen,
verlieren sich im schnellen Tagesgeschehen.
Wie lange noch? Wie lange noch muss ich in diesem als-
ob-Zustand leben? Ich habe mich verabschiedet und kann
mich nicht von diesem Ort lösen, mein Körper muss
verharren, muss stillhalten, muss warten. Worauf nur? Auf
die Schneckenschleifspur der Bürokratie. Diese bewegt
sich in einem Tempo, als wäre das einzelne Leben
endlos. Ich kann nur hoffen, dass die Lebenszeit, die ich
derzeit in der Warteschleife verbringe, von höheren
Mächten am Ende drauf geschlagen wird, als eine Art
Bonus angehängt. Schließlich muss bei uns Menschen
alles einen Sinn ergeben, immer nach Belohnung
suchend.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. So sagt man. Was für ein
Quatsch. Als wäre Hoffnung die letzte Brotzeit.
Dieses widersprüchliche Gefühl von still-halten-müssen
und los-laufen-wollen hebt sich letztlich auf und ich
rutsche in einen Zustand von Lethargie, die zeitlos wird,
sich anfühlt wie eine feste Blase, in der die Luft zum
Atmen langsam abnimmt.
Manchmal erlebe ich Tage voller Zorn. Dann möchte ich
meine Fäuste in die stabilen Betonwände schlagen, mit
dem Kopf regelrecht gegen die Mauern rennen, mich
blutig machen, einfach das Druckventil lösen. Doch mein
Körper ist über die Jahre in Haft träge und faul geworden,
hat sich mit unnützen Kilogramm beladen und hat keine
Kraft mehr für solche destruktiven Aktionen. Möglicher-
weise auch besser so, denn im bereits vergangenen
Leben wurden beide Arme bereits gebrochen. Gemachte
Erfahrungen muss man nicht unbedingt wiederholen.
Wie werde ich also die nächsten Wochen erleben? Seit
Oktober letzten Jahres beschäftige ich mich schließlich
mit diesem stumpfsinnigen Antrag für eine Maßnahme zur
Rehabilitation. Dabei war ich sogar anfänglich motiviert,
eine drogenentwöhnende Behandlung aufzunehmen.
Nun ist von meiner milden Begeisterung fast nichts mehr
geblieben. Gedankengestützte Notmotivation kann ich es
nennen; auf die Fresse gefallen trifft es wohl eher.
So warte ich wieder oder immer noch. Alle beteiligten
Stellen befürworten eine Behandlung und lehnen gleich
darauf die Maßnahme aus administrativen Hindernissen
ab. Ein Hoch auf die deutschen Ämter und Behörden und
Danke auch an die Wälder dieser Erde für ihre Papier
spendenden Hölzer.
Ich brauche einen Kaffee, und dann brauche ich noch
einen Kaffee und einen dritten Kaffee. So werde ich nach
und nach zur Kaffee trinkenden Bürotante, die Anträge
und Briefe in Empfang nimmt und Anträge und Briefe
wieder versendet.
Wie oft sollen sich diese Vorgänge denn noch
wiederholen? Wann werde ich den letzten Bürohengst
vollends zufriedengestellt haben? Hallo, Ihr Renten-
versicherungsmitarbeiterinnen; hinter jedem Antrag steckt
ein Einzelschicksal! (Dies war nun wirklich eine sinnlose
Bemerkung.)
Vorsorglich, in überschwänglichem Übermut habe ich so
manchen Gegenstand bereits mit der Post nach Hause
geschickt und all die Kleinigkeiten verschenkt, von denen
ich annahm, ich bräuchte sie nicht mehr. Hier war der
Wunsch der Vater des Gedankens. Monate ist das nun
her. Nehmen Sonneneinstrahlung und Wärme zu, fehlt mir
schon einmal der Ventilator.
Ach was, ich sollte mich nicht entmutigen lassen. So oder
so, es ist, wie es ist. Auch wenn ich im Hier und Jetzt
lebe, es versuche zu leben, haben alle Träume für die
Zukunft ihre Berechtigung. Ich freue mich auf meine
Wohnung, die ich nach Jahren der Brache erst einmal von
Grund auf putzen und aufräumen darf. Dann die erste
Pizza von meinem Lieblingslieferanten. Der Trubel auf
den Straßen meiner kleinen Multi-Kulti-Welt.
Zahnarztbesuch. Frisörbesuch. Führerschein machen.
Klarinette spielen. Gitarre spielen lernen. Nähen.
Spazieren gehen. Hund kaufen. Hund trainieren. Mit Hund
spazieren gehen. Shoppen, Geld in Händen halten und
ausgeben. Möbel bauen. Tango tanzen lernen. Kochen.
Backen. Abfall entsorgen. Bücher lesen. Fahrrad fahren.
Reisen. Haus sanieren. Garten anlegen ... Und - meine
Kinder knuddeln. Wieder frei atmen.
Doch langsam. Zuvor liegt noch ein halbes Jahr Drogen-
entwöhnungstherapie. Wieder ein halbes Jahr in einer
totalen Institution leben. Die gleichen Menschen um mich
herum erleben wie in Haft. Fremdbestimmt durch ähnliche
Regeln und Einschränkungen. Streitbares Personal.
Doch ich werde auch diese Phase meines Lebens
überstehen. Eines werde ich während des Kranken-
hausaufenthaltes aber schon tun können: Endlich wieder
meine Lieblingsschokolade essen!
Aus meinem Tagebuch
Hier zu Ihrer Info der Originaltext und Bild aus dem Buch:
Das ist ja zum Mäuse melken!
B E D E U T U N G: Das ist zum Verzweifeln! Etwas geht
nicht, aber du versuchst es immer weiter. Früher war es ein-
fach unmöglich! Die Tiere sind zu klein, du bist zu groß und
die Milch reicht niemals.
H E R K U N F T: Aus der Zeit, als Melken und Mäuse noch
zu jedermanns Alltag gehörten.
Ü B R I G E N S: Inzwischen ist es Forschern gelungen,
Mäusemilch zu Versuchszwecken zu gewinnen. Sie hat zum
Beispiel dabei geholfen, ein Malaria-Medikament zu entwi-
ckeln. Es ist eine wahnsinnig aufwendige Prozedur, diese
Tiere zu melken. Und mit bloßen Händen tatsächlich nicht
möglich. So müssen für einen Liter Milch etwa 4000 Nager
mit einer Pipette gemolken werden und das kostet dann
rund 20 000 Euro. Prost!
M A N K A N N A U C H S A G E N: Ich werd’ verrückt.
Das ist ja zum Aus-der-Haut-fahren.
Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt.
Viel Spaß damit!
Herzliche Grüße
Mirja Winkelmann
Art Direktion & Illustration -
www.frauwinkelmann.de

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
Wie würde meine JVA aussehen ...
Das Gefängnis der Zukunft
(HL/XY)
Wenn ich an den Knast der Zukunft
denke, dann fallen mir so viele Vorschläge dazu ein,
dass ich viele danach gleich wieder verwerfen muss,
da es sich sonst nicht mehr um eine Strafe handelt.
Das eine oder andere Buch zu diesem Thema oder
ähnlichen Themen habe ich bereits gelesen, so dass
es mir schwerfällt, eine unvoreingenommene Vor-
stellung zu diesem Thema zu haben.
Zu jedem meiner spontanen Einfälle kommt mir
gleich ein Gegenargument, weswegen vermutlich
dieser Artikel zum einen sehr sprunghaft sein wird
und zum anderen keine definitive Lösung beinhalten
wird.
Ich glaube, mal gesehen oder gelesen zu haben,
dass es so etwas wie Gefängnis auch auf einer Insel
gibt. Mit der absoluten Selbstversorgung, ohne Gitter
und Zäune. Völlig logisch - wenn man flüchten würde
wollen, landet man sowieso nur irgendwo mitten im
Meer. Worin liegt dann da aber die sogenannte
Resozialisierung? Da man spätestens, wenn man
seine Haftzeit verbüßt hat, in dem normalen Alltag
wohl eher kaum auf einer Insel leben wird.
Demzufolge wäre diese Art von Strafe nur sinnvoll
bei Menschen, bei denen sowieso nicht geplant ist,
dass sie zurück in die Gesellschaft integriert werden
sollen. Also ist diese Art von Strafe schon mal nicht
für alle oder den größten Teil von Menschen
geeignet, welche dreiviertel der Kriminalitätsrate
ausmachen.
Als nächstes fällt mir nur die Fußfessel ein. Welche
ich nicht nur für die Resozialisierung sehr gut finde,
sondern auch im Hinblick auf die Kosten. Genaue
Zahlen kann ich jetzt nicht nennen, ich weiß nur,
dass die Kosten für eine Fußfessel im Vergleich zu
den Kosten eines Inhaftierten für den Staat pro Tag
um so viel günstiger ist. Aber anscheinend
interessiert das keinen und das, obwohl Deutschland
doch so verschuldet ist?! Okay, lass ich mal so im
Raum stehen...
Vielleicht sollte man auch erstmal irgendwie zu mehr
Aufschluss kommen.
Mehr als jetzt, aber spürbar weniger. Das wiederum
wird mit Beamtenmangel gekontert... okay, auch das
lasse ich mal so stehen. Ich weiß es nicht, aber
vielleicht fängt man erst einmal ganz am Anfang an
und beachtet die Hintergründe JEDER Tat. Das ist
natürlich mit Zeit und Arbeit verbunden und wie es
damit aussieht, wissen wir ja alle...oder auch nicht.
Schlussendlich kann es keine Strafe ohne Knast
geben. Der Knast ist wahrscheinlich die einzige
größere Einrichtung, in welcher man alle und alles im
Rahmen gewisser Möglichkeiten unter Kontrolle hat
und dem „Täter", welcher auch Opfer sein kann, so
etwas wie Strafe vermitteln kann. Nur dabei sollte
man auch beachten, dass jede Strafe, welche an den
„Täter" gerichtet ist, auch die Menschen mit
hineinzieht, welche mit der eigentlichen Tat nichts zu
tun haben. Nur wessen Schuld kann man wem da in
die Schuhe schieben? Eigentlich auch nur dem
„Täter", denn er wusste ja, was welches Handeln,
welche Konsequenzen mit sich bringt oder bringen
kann. Nur auch da kann man nicht alle in eine
Schublade stecken, denn was ist mit der alten Omi,
die sich beispielsweise zum zigsten Mal das Brot in
die Tasche gesteckt hat, weil sie dieses nicht von
ihrem wenigen Geld bezahlen konnte. Darauf folgt
eine Strafanzeige mit Bußgeld, welches sie ja
logischerweise auch nicht bezahlen kann. Daraufhin
folgt Gefängnis, daraufhin folgt soziale Isolation
eventuell während und nach der Inhaftierung. Das
wiederrum macht psychisch krank, das physisch und
das kostet wieder Geld, was mit viel Glück die
Krankenkasse bezahlen muss/kann/darf/wird - oder
auch nicht. Na und dann Prost Mahlzeit.
Sooo, jetzt bin ich extrem weit von dem eigentlichen
Thema abgedriftet, habe keine logische Antwort auf
die Frage zum Thema, wie stelle ich mir den Knast
der Zukunft vor, aber vielleicht wird dieser Artikel ja
mal von dem ein oder anderen höher Gestellten
gelesen und dieser zum Nachdenken bewegt.
Vielleicht aber auch nicht... in diesem Sinne... ;)
Foto: Archiv HL

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Haft Leben Nr. 70
12
Die Gedanken sind frei...
(HL/XY)
Es gibt da doch so ein Lied „Eins kann mir
keiner nehmen...'', ich habe festgestellt, dass das gar
nicht stimmt. Denn wer vor lauter Schwarzmalerei
kein Ende mehr sieht, sollte sich eventuell mal
einiges durch den Kopf gehen lassen. Man kann uns
so vieles nicht nehmen, die Gedanken, die sind
immer frei. Die Liebe zu Menschen, Familie, Tieren
kann einem keiner nehmen und auch die Hoffnung.
Na ja, zumindest nicht die Hoffnung auf wirklich
Großes und die Erinnerungen. Klar, das kann positiv
und negativ sein. Das ist eben Ansichtssache,
jedoch kann uns niemand die Erinnerungen an zum
Beispiel positives nehmen (außer man hat sich zu
dem Zeitpunkt völlig die Birne mit Stoff weggeballert,
dann ist es halt kein Wunder, wenn die dann weg
sind - selber Schuld. Bedeutet aber nicht, dass nur,
weil man sich an schönes nicht mehr erinnert, alles
beschissen war). Man sollte sich gerade in diesen
Zeit weder nur an die Vergangenheit, noch
Gegenwart oder Zukunft klammern. Wofür wir alle
uns momentan aber mal ein wenig mehr Zeit
nehmen sollten ist, die Wertschätzung der
Menschen, die wir lieben und die uns lieben. Gerade
durch Corona, Abstand, Quarantäne und den ganzen
Mist stellt vielleicht der eine oder andere fest, wie
sehr man Menschen, die man vorher zwar auch
schon liebte und brauchte, jetzt aber irgendwie noch
mehr. Manchmal kann ein Abstand (egal ob
erzwungen oder gewollt) Dinge ans Licht bringen, die
wir in diesem Ausmaße gar nicht mehr so intensiv
gefühlt hatten. Vor lauter Sehnsüchten, Angst und
Verzweiflung sollte dennoch nicht jeder nur in sich
kehren oder gar nur auf sich schauen, denn das läuft
dann eben auch in die falsche Richtung. Diese
Zeiten bringen gute und schlechte Seiten von
Menschen ans Licht. Genauso wie eben alles etwas
positives und negatives. Ich meine, irgendwo kann
ich es sogar verstehen, jeder hatte auch vor Corona
die einen oder anderen Problemchen und
Wehwehchen und durch die Pandemie wird einem
auch das noch deutlicher gezeigt
und somit hat jeder für sich das
Gefühl, nur
ihm
allein geht es
so
schlecht. Aber ich bezweifle, dass
das so stimmt. Klar hat ja jeder ein
anderes Empfinden darüber, was
für ihn schlimm ist und wo seine
eigenen Grenzen sind. Aber statt
nur auf sich selbst zu schauen und
ohne Rücksicht auf Verluste oder
irgendwen, lebt es sich doch für
alle nicht so besonders … und
jaaaaa, wir befinden uns zwar hier
im Knast, aber muss sich denn die
Mehrheit auch so verhalten wie
typische Knastis?
Für viele scheint das ja regelrecht
die Erfüllung ihres Lebens zu sein.
Na dann Prost Mahlzeit, dann
bleibe ich lieber wie ich bin, mit
auch 'ner Menge Ecken und
Kanten wie alle, aber dennoch
nicht so!
Wessen Umfeld dann nur aus Lakaien besteht, man
darauf vielleicht noch stolz ist, statt sich mal wieder
verschiedene Werte vor Augen zu führen, dem ist
dann auch nicht mehr zu helfen. Aber auch zu dieser
Situation gehören immer zwei Sichtweisen, der eine
der sich davon profiliert und der andere, der sich
wahrscheinlich für völlig wertlos halten muss.
Genauso schlimm sind dann die Menschen, die dann
auch noch auf solche Personen aufschauen? An alle
die, die sich da jetzt vielleicht angesprochen fühlen,
jeder Mensch kann sich ändern, die Situation, in der
er sich befindet (außer an dem facto das mal sich
gerade hier befindet) und seine Zukunft wenigstens
versuchen so zu gestalten, wie er es sich wünscht
oder vorstellt. Man muss eben nur wollen!
Vielleicht denke ich eben gerade auch nur „zu
einfach“, keine Ahnung. Schlussendlich weiß ja auch
jeder selbst, dass er mindestens für sich und sein
Leben selbst verantwortlich ist und gerade in diesen
Zeiten der Pandemie sollte es vielen zeigen, dass es
manchmal schneller vorbei sein könnte, als man
denkt. Man wünscht es niemanden und doch
passiert es. Also was bleibt einem am Ende?
Auf dieser ständigen Suche nach dem immer
perfekteren, immer besseren Leben werden sich die
einen oder anderen noch völlig verlieren und vor
lauter Selbstoptimierung werden sich bestimmt viele
selbst kaputt machen, sind blind für das wirklich
Wichtige im Leben und wieder da landen, wo sie vor
all ihren Plänen standen.
Was uns am Ende bleibt und was uns niemand
nehmen kann, sind die Gedanken, die Erinnerungen,
die Familie, die Menschen, die einen wirklich
wahrhaftig lieben, die Hoffnung und die Möglichkeit,
sein Leben zu jederzeit selbst in die Hand zu
nehmen und lenken zu können. Daran sollten wir
festhalten, glauben und stets vor Augen führen.
Foto: Mit allen guten Wünschen, Hermann Scherer

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
Wenn ich könnte, wie ich wollte ...
Olga Hopfauf,
2011
Mit freundlichen Grüßen
aus Osnabrück
,
Olga Hopfauf
Wie würde eine JVA aussehen, wenn ich sie
entwickeln kann
(HL/FAM)
Dies ist ein sehr schweres Thema,
gerade da uns die objektiven Einblicke fehlen oder
besser gesagt, da wir sehr befangen sind, stehen wir
ja auf der einen Seite. Gedanken und Wünsche hat
natürlich jeder, viele von denen sehe ich sogar als
realistisch oder sogar als realisierbar an, wenn es
denn gewünscht wäre. Aber was ist denn gewollt? Ist
die Gesellschaft nicht eher auf harte Strafen aus?
Wird der Vollzug von der Öffentlichkeit nicht sowieso
als zu weich gewaschen eingestuft? Sehen uns viele
nicht als den absolut bösen Menschen an, der weg-
gesperrt werden müsse? Sollte in der Gesellschaft
vielleicht zuerst ein Umdenken stattfinden? Was
nutzen Gefängnisse? Helfen diese wirklich einer
Resozialisierung? Welche Form davon ist die
effektivste? Welche Therapien werden wirklich
gebraucht und sind sinnvoll? Oder ist alles nicht nur
Augenwischerei, Schöngerede? Natürlich und auch
unumstritten ist, dass für einige Strafen ein
Gefängnis nicht umgänglich ist, aber es wäre wichtig,
eben genau hinzusehen und auch immer jeden Fall
einzeln zu bewerten.
Der erste, wichtigste Punkt wäre, dass ich den
offenen Vollzug in Sachsen als Regelvollzug
einsetzen würde. Was im Übrigen von einigen
Bundesländern so schon vollzogen wird! Natürlich
muss man da genau hinsehen, aber wer sich im
geschlossenen Vollzug an Regeln hält, wer
Therapien macht, wer wirklich hart an sich selbst
arbeitet, um ein Leben ohne Straftaten zu führen, der
hat es verdient, dass man das Vertrauen ihm und ihr
gegenüber im Rahmen der Resozialisierung
entgegenbringt und den offenen Vollzug versucht.
Sollte es dort zu Regelverstößen kommen, dann ist
die Prüfung für die Rückverlegung in den
geschlossenen Vollzug unumgänglich. Aber umso
länger man sich an Regeln hält, umso mehr
Lockerungen man erreicht hat, umso geringer ist die
Gefahr, dass man dies aufs Spiel setzt. Ist das nicht
die größte Rückfallprophylaxe? Heißt es nicht im
Sächsischen Strafvollzugsgesetz „… dem Leben
draußen anzugleichen“ und „…schädlichen Folgen
durch die Haft entgegenzuwirken“? Auch bei
Langstrafern würde ich so einiges ändern, gerade da
lohnt sich ein Gruppenvollzug, mehr Therapien, ein
eigenes Haustier, mehr Besuchszeit, viel eher
Ausführungen, viel mehr das Leben an das von
draußen angleichen usw. Ich würde den Vollzug sehr
viel familienfreundlicher gestalten, mehr Familien-
tage, mehr Besuchszeit mit Kindern, viel kinder-
freundlicher eben. Ich würde das Telefonsystem so
ändern, dass gerade die Familien, vor allem die
Kinder, hier die Mamas anrufen können, bzw. dass
es für alle das Skypen auf dem Haftraum gibt. Kann
ja gerne mit der schwarz/weiß Liste sein, kann gerne
der Computer ständig überprüft werden. Aber ich
sehe die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben, dass
die Kinder bei Problemen ihre Mama anrufen können
und so der Kontakt zur ihr erhalten bleibt, verfestigt
wird. Zu wissen, dass die Kinder sich melden
können, wenn sie Probleme haben, das beruhigt
eine Mama schon sehr. Auch die Kinder fühlen sich
doch besser, wenn ihre Mama jederzeit erreichbar
ist, sie Probleme gemeinsam bewältigen können,
was dann auch wieder die Mutter-Kind-Bindung
festigt. Vor allem, da dies in der heutigen Zeit mit
dem technischen Fortschritt, möglich wäre.
Weiter nächste Seite

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Haft Leben Nr. 70
14
Computer im Haftraum wäre doch möglich,
begrenzte Internetseiten, natürlich werden bestimmte
Seiten gesperrt, aber sich weiterbilden, informieren
können, wäre doch gut, dient auch der
Resozialisierung. Ich würde auch elektronische
Fußfesseln viel öfter anwenden, gerade bei denen
die Therapien erfolgreich abgeschlossen haben, die
Kinder und Familie draußen haben, sie können so
überprüfbar bei ihren Kindern sein. Ich würde auch
viel mehr Therapien anbieten, denn wenn ich die
Gründe der Straftat behandle, kann ich doch die
beste Rückfallprophylaxe schaffen! So fände ich eine
Traumatherapie als sehr wichtig, gerade da man hier
erlebt, wie viele Frauen Gewalterfahrungen in ihrem
Leben durchmachen mussten. Es ist auch in
medizinischen Studien erwiesen, dass viele
Drogenprobleme aus Gewalterfahrungen entstanden
sind. Auch Selbstverteidigungskurse empfinde ich
als einen sehr großen, wichtigen Baustein, der das
Selbstbewusstsein erhöht, Kraft gibt und andere
Wege aufzeigt. Man könnte auch Realschule, Abitur
und Studiengänge anbieten, eben genauso wie der
Bedarf ist. Alle Frauen, die keinen Schulabschluss
haben, sollten dies hier nachholen und die, die den
Hauptschulabschluss geschafft haben, sollten dann
auch weitermachen können. Dies kann so viel Kraft,
Sinn und Selbstbewusstsein geben, dass dies auch
eine Rückfallprävention ist. Auch die Berufs-
ausbildungen könnten erweitert werden, mehr
(frauenspezifische) Berufe wie Friseurin, Kosme-
tikerin, Kfz-Mechanikerin, Haushälterin, Köchin ….
Auch die Möglichkeiten für ein Studium sollten
gegeben sein und viel mehr Unterstützung erhalten.
100 % sollen die Drogentherapien unterstützt
werden, wer aber zum dritten Mal dort nicht
ankommt oder nach kurzer Zeit dies abbricht, sollte
weitere Therapien erst freiwillig nach Haftentlassung
erhalten. Aber wer die Therapie durchzieht, soll
umfangreiche Hilfe erhalten.
Auch würde ich mehr auf Seelsorger achten, sind
das doch die ganz neutralen Stellen und auch
diejenigen, die einen vom Glauben her auffangen
können.
Ebenso erachte ich es als sehr wichtig, auf feste
Stationsbedienstete zu achten, dies fördert sehr das
Vertrauen. Man kennt sich, lernt sich zu vertrauen,
und dies hilft dann in schweren Situationen über die
Sorgen, Ängste oder Probleme frei zu reden. Gerade
bei Langstraferstationen ist dies sehr wichtig, da uns
die Stationsbediensteten einen langen Weg
begleiten.
Vor allem jedoch würde ich sehr auf - wirkliche -
Gleichbehandlung, Gerechtigkeit achten. Denn nur
so kann ich zeigen, dass man die Person wirklich
sieht, dass man sie versteht, versucht zu verstehen,
ernst nimmt. Ist nicht bei allen die Gesamtschau
wichtig? Kann man nicht nur damit realistisch, im
Weitblick alles erkennen? Wie wenig wird denn dies
hier immer beachtet! Sind nicht schon immer die
groben Richtungen vorgegeben?
Egal bei was, dies ist in vielen Sachlagen zu sehen,
wie bei Vollzugsplänen, Therapien, Beurteilungen,
Disziplinarverfahren! Es schlägt uns, allen hier
einfach viel zu oft eine feste, vorgefertigte Meinung
entgegen? Man wird oft vorverurteilt, falsch
verdächtigt, weil es eben gerade so gut ins Bild
passt, egal ob es dann so war oder nicht, ob man
sich therapeutisch verändert hat oder nicht! Birgt
nicht gerade das die Gefahr, in diese Hilflosigkeit,
Hoffnungslosigkeit, egal was ich mache, es ist die
falsche Richtung, zu rutschen? Wie soll
Resozialisierung funktionieren, wenn einem selbst
die „Aufpasser“ schamlos ins Gesicht lügen und
genau das Verhalten an den Tag legen, das
sie
eigentlich als verwerflich und böse definieren? Das,
was sie bei dir unbedingt ändern wollen. Wie aber,
wenn diese Vorbildfunktionäre genau dies selber
tun? Wichtig ist es, dass jeder sich nützlich,
gebraucht, wertvoll, verstanden und gesehen fühlt!
Jeder Bedienstete sollte jeden Gefangenen mit
Würde, Respekt und Menschlichkeit behandeln,
eben als Menschen, der einen sehr fatalen Fehler
gemacht hat, aber es trotzdem verdient hat, dass
man ihm auf Augenhöhe begegnet - was ich
natürlich von beiden Seiten mir wünsche -. Ja, wir
haben gegen das Gesetz verstoßen, haben genug
mit der Schuld, Scham, den Folgen der Straftat, der
Trennung von unseren Liebsten zu tragen, aber die
Würde darf man uns deshalb nicht nehmen. Wir
haben eine faire Behandlung verdient, nicht immer
das Unterstellen, das Reduzieren auf etwas
Bestimmtes. Keiner darf das Gefühl haben, egal was
sie machen, es alles ist falsch. Ist das nicht gerade
das Gegenteil von Resozialisierung? Was macht das
mit Menschen, wenn die Ohnmacht und Hilflosigkeit
übermächtig werden? Dieses Gefühl darf es hier
nicht geben, denn das hat viele hierher gebracht und
das sollte immer beachtet werden!
Grafik: BOB, 2011
Wenn ich könnte, wie ich wollte ...

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
Meine Gedanken zum Interview mit der
Justiz Staatsministerin Meier, HL 01/2021
(HL/B&F/Red.)
In einem Interview der
Leipziger Gefangenenzeitung „Aufschluss“,
abgedruckt in der letzten „HaftLeben“, 01/2021,
sprach Frau Meier, seit Dezember 2019 Sächsische
Staatsministerin der Justiz und für Demokratie,
Europa und Gleichstellung über den Vollzug, ihre
Arbeit als Anstaltsbeirat sowie über Pläne und Ziele
der Justiz.
Ein paar locker geschriebene Zeilen von einer von
uns brachte mich auf diesen Gedanken.
Im Gespräch mit anderen auf der Piste kamen nicht
nur mir viele Themen im Text bereits bekannt vor.
Da ist ganz viel die Rede von den nicht förderlichen
Bedingungen, davon, wie Abschottung und
Ausgrenzung schlecht für die Gefangenen sind.
Davon, wie negativ die Einflüsse auf Familie und alle
Bereiche der Lebensplanung sind. Dann gibt es
häufig das schöne Wort ‚wollen‘. Alle wollen und
sollen etwas ändern, an der „komplexen
Problemlage“, etwas verbessern. Da gibt es viel
Nachdenken, viel Planen, aber wenig konkretes Tun.
Der gute Wille allein versetzt noch lange keine Berge
und auch keine Haftbedingungen.
Das Interview ist sicher schon vor einiger Zeit von
den Leipzigern gemacht worden, denn um eine
aktuelle Stellungnahme handelt es sich nicht. Aus
meiner Sicht ist das Ganze eine allgemeine
Zusammenfassung. Seit 2019 ist Frau Meier nun in
Amt und Würden und so habe ich mir eigentlich
vielmehr Veränderungen in der Justiz und natürlich
auch für uns hier in Chemnitz erwartet.
Okay, Corona hatte sicherlich was dagegen, ich
warte also noch etwas, habe ja noch etwas Zeit in
Chemnitz abzusitzen.
Ich hätte auch andere Fragen gestellt, sicher durften
die das nicht - kann ich auch verstehen, interessiert
ja nur die und uns - die die einsitzen. Kurz, die
Fragen an die Justizministerin sind veraltet und ihre
Antworten sind sehr stino, ich habe die bestimmt
schon oft so gehört, was konkretes für uns, dass
hätte ich mir gewünscht. Etwas, nach dem sich was
ändert!
In allen JVAs fehlt es sicherlich an Geldmitteln, an
Bediensteten und Psychologen sowieso. Hier habe
ich eine Antwort von „darum sollte man sich unserer
Meinung nach zu allererst kümmern“. Hier habe ich
von Frau Meier als Sächsische Staatsministerin der
Justiz und für Demokratie, Europa und Gleich-
stellung mehr erwartet.
Sicherlich unüblich oder noch nie dagewesen,
vielleicht sollte doch mal über ein Einbeziehung von
Gefangenen gesprochen werden, denn wir sind die,
die hier sind und die Ernsthaftigkeit der Lage
verstehen wollen und nicht nur aus meiner Sicht
darüber reden wollen, um auch das Drumherum zu
verstehen.
Wie wäre es beispielsweise mit einer Umfrage zum
Thema oder noch besser mit Leuten aus dem
Justizministerium, die mit uns reden und unsere
Sorgen und Fragen anhören und später vielleicht
sogar beantworten.
Sorry, man wird ja noch träumen dürfen.
Ganz toll wäre es auch, wenn Sie, Frau Meier, als
Sächsische Staatsministerin der Justiz und für
Demokratie, Europa und Gleichstellung, mit uns das
Gespräch suchen könnten bzw. wir mit Ihnen reden
dürften. Ich habe ja gehört, dass Sie schon ab und
an die Amtsstuben der JVA Chemnitz besucht
haben.
Die Zeit von Planung bis Umsetzung dauert ewig,
das sagen sogar Bedienstete, natürlich unter der
vorgehaltenen Hand, selbst für noch so kleine Dinge.
Beispiel gefällig?
Wie will man da zum Beispiel Pilotprojekte
umsetzen?
In der JVA Chemnitz beschäftigte man sich fünf
Jahre lang mit dem Thema Skype und nur durch
Corona wurde dies zwangsläufig umgesetzt! Herr
Richter erzählte uns, dass das in mehreren JVAs
damals schon mit Erfolg getestet wurde. Nutzte aber
eben nur den „Erwählten“.
Im Interview sprach Frau Meier über Sucht-
therapiestationen, Ausbau des offenen Vollzugs,
familienorientiertem Vollzug sowie Resozialisierung.
Dazu hätte ich auch was zu sagen, irgendwann
jedenfalls, denn hier drin ist es besser, das „Maul“ zu
halten.
Nur was und wie soll das alles funktionieren?
Ein Beispiel: Im ZDF lief voriges Jahr ein Film, der
unter anderem über Frauen in der JVA Köln
berichtete. Ich sage nur, dort gab es sogar eine
Ausbildung zur Frisöse. In der JVA, weil es
Frauenberuf ist! Beim Frisör mussten nur die reinen
Materialkosten bezahlt werden, für Gefangene und
Bedienstete gleich, denn die durften auch hin.
Angleichungen an andere JVAs sind kaum möglich.
Ideen von den Bediensteten für Gefangene werden
faktisch nicht umgesetzt. Selbst intern funktioniert
eine Entlastung von Personal nicht, selbst wenn die
aus eigener Initiative der Gefangenen kommt. Vor
was hat man Angst? Etwa davor, dass die
Resozialisierung mehr und besser unter den
Gefangenen stattfindet und Wirkung zeigt, als die
Maßnahmen vom geschulten, wenigen Personal.
Was ist mit der Meinung von Beamt/innen, externen
und internen Mitarbeitern und der Sicht der
Ehrenamtlichen.
Am Ende klingen alle Pläne, Ziele und Vorhaben gut.
Doch in der Praxis sieht alles anders aus. Man ist
trotzdem dankbar dafür und hofft auf eine
erfolgreiche Umsetzung!

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Haft Leben Nr. 70
16
Unsere HL-Fragen an den Anstaltsbeirat
Ines Saborowski
Medizinisch technische Laborassistentin (zzt. beur-
laubt), Mitglied des Sächsischen Landtages
Briefkasten des Anstaltsbeirates oder über das
Wahlkreisbüro, Markt 4, 09111 Chemnitz
Es wird immer wieder Situationen geben, bei denen es
eventuell zu Schwierigkeiten oder Missverständnissen
zwischen Institution und Gefangenen kommt. Ich
möchte für die Gefangenen, aber auch für die
Bediensteten ein neutraler Ansprechpartner sein, an
den sie sich jederzeit mit ihren Anliegen, Fragen oder
Problemen wenden können. Aber auch Anregungen
und Verbesserungsvorschläge für die Gestaltung des
Vollzuges sind jederzeit willkommen. Nicht zuletzt sehe
ich es als wichtige Aufgabe an, ein besonderes Auge
darauf zu legen, dass die Eingliederung nach der
Entlassung gelingt. Der Weg zurück in ein geregeltes
Leben kann steinig sein. Ich möchte ein kleinwenig
dabei helfen, dass es gelingt.
"Momente verändern dein Leben, aber in welche
Richtung, dass entscheidest du allein."
Versuche immer ganz du selbst zu sein.
Oh je,
Da ich ein sehr geselliger Mensch bin, muss die
gesamte Familie mitkommen.
Maria Seifert
Leiterin der Beratungsstelle für
Inhaftierte, Haftentlassene und deren Angehörige
sowie im Ambulant Betreuten Wohnen für
Haftentlassene der AWO Soziale Dienste Chemnitz
gGmbH (Sozialarbeiterin M.A.)
Briefkasten des Anstaltsbeirates oder AWO Soziale
Dienste gGmbH, Wiesenstr. 10, 09111 Chemnitz
Das Aufgabenfeld meiner Tätigkeit umfasst, die
bevorstehende Haft bestmöglich vorzubereiten
sowie im Rahmen der Inhaftierung in Form von
Besuchen als externer Ansprechpartner zur Ent-
lassungsvorbereitung und insbesondere nach
Entlassung als beratende und begleitende Unter-
stützungsform zu fungieren. Während meiner Zeit
als Anstaltsbeirat möchte ich meine Expertise
bezüglich zu erwartenden Komplikationen nach
Haftentlassung und damit verbundener Schwierig-
keiten einbringen und mich für eine gelingende
Resozialisierung einsetzen.
Versuchen Sie, die Haftzeit für sich zu nutzen,
Angebote im Vollzug wahrzunehmen und das Beste
daraus zu machen.
Ein Vorbild oder eine direkte Lebensmaxime habe ich
nicht. Das Leben läuft oft anders als man es sich vorstellt
oder wünscht. Ich versuche dann, das Beste daraus zu
machen und positiv in die Zukunft zu sehen.
Genügend Essen und ein Motorboot.
Kontakt über ...
Kurzbeschreibung, weshalb Sie uns und in der 7. Legislaturperiode als
Anstaltsbeirat unterstützen wollen.
Was wollten Sie uns Gefangenen schon immer mal sagen?
Haben Sie ein Vorbild oder eine Lebensmaxime?
Fotos: Sabarowski und Seifert
Wen oder was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
Unsere HL-Fragen an den Anstaltsbeirat
Käse und Joghurt
An so einem Tag würde ich all das machen, wofür ich
sonst so wenig Zeit habe, meine Mutti, Schwestern
und Freunde besuchen, zum Friseur gehen…
Mein morgendliches Ritual ist die Gassirunde mit
meinem Hund und erst danach gibt´s Kaffee.
Eher anfangen.
Was darf in Ihrem Kühlschrank niemals fehlen?
Obst und Käse
Auf dem Balkon oder Sofa die Füße hochlegen.
Eine Tasse Kaffee am Morgen.
Bei unliebsamen Aufgaben fällt mir definitiv das
Anfangen schwerer.
Welches tägliche Ritual pflegen Sie?
Was finden Sie schwerer, anfangen oder aufhören?
Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer HL-Fragen!
Was machen Sie an einem überraschend freien Tag?
Narben
Ich trage Narben auf meiner Haut,
die kann jeder sehen.
Ich trage aber noch mehr Narben unter meiner Haut,
die niemand sehen kann.
Sie sind meine Erinnerung an die Vergangenheit.
Sie taten lange weh, hinderten mich.
Jetzt trage ich sie mit Stolz,
sie sind ein Mahnmal geworden,
erinnern mich immer daran,
was ich nie wieder will!
Sie sind meine beste Rückfallprävention.
Durch sie kann ich offener durch Leben gehen,
erkenne bei anderen die Narben beider Arten,
hab den Mut von meinem Weg zu berichten,
hab die Kraft, „ja“ zu ihnen zu sagen.
Durch sie bin ich stärker geworden,
es wirft mich nichts mehr um und wenn ich falle,
sind sie das Zeugnis, wie oft ich aufgestanden bin,
welche Tiefen ich schon überwunden habe.
Vielleicht ist das der Sinn der Narben,
ich kann andere verstehen, die Narben betrachten,
durch zuhören, durch die eigene Erfahrung.
Anonym, JVA-C

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Haft Leben Nr. 70
20
HL - Fragen an Vollzugsleiter Brinkmann
1. Würden Sie den offenen Vollzug auch für
Frauen als Regelvollzug befürworten?
Das Gesetz spricht nicht mehr von Regelvollzug.
Hier wird der offene Vollzug neben dem
geschlossenen Vollzug genannt. Grundsätzlich
müssen bestimmte Voraussetzungen wie eine
verantwortbare Flucht- oder Missbrauchsgefahr
vorliegen, um in den offenen Vollzug zu gelangen.
Das sind oft schwierige Entscheidungen, die nicht
immer für alle verständlich sein können. Darum
können sich alle Frauen, die sich falsch behandelt
fühlen, zur Überprüfung der Entscheidungen von
Mitarbeiterinnen der JVA Chemnitz an das
Vollstreckungsgericht wenden.
2. Wie kann Resozialisierung vor allem für
Frauen gelingen? Was sollte dabei beachtet
und eventuell geändert werden? Ist das
überhaupt und in Sachsen möglich?
Das sind Fragen, die mich seit Beginn meiner
Tätigkeit vor über 25 Jahren eigentlich durchgängig
begleiten. Gleichzeitig sind das auch Fragen, denen
sich im Prinzip nur angenähert werden kann. Den
Stein der Weisen hat wohl noch keiner gefunden.
Es steht wohl fest, dass reine Abschreckung im
Vollzug nicht funktioniert. Aber, wenn man wissen
will was funktioniert, gibt es sehr viele, zum Teil sehr
unterschiedliche Meinungen. Hier stellt sich natürlich
auch erst einmal die Frage nach den Ursachen von
Kriminalität. Da gibt es sehr unterschiedliche
Theorien, die von genetischen Veranlagungen über
Persönlichkeitseigenschaften zu gesellschaftlichen
Bedingungen, die Kriminalität bedingen sollen,
reichen.
Eine erfahrene ehemalige Kollegin aus dem Frauen-
vollzug schrieb, dass Kriminalität bei Frauen häufig
eine Folge von krisenhaften Lebenssituationen ist
und der mangelnden Fähigkeit, diese Lebens-
situationen erfolgreich zu bewältigen. Darüber hinaus
ist es auch für mich hier offensichtlich, dass eine
Drogen- oder Suchtproblematik bei den Ursachen
der Kriminalität ganz vorne steht. Die Sucht-
problematik stellt dabei aber nur eine Form von
psychischen Problemen dar. Daneben gibt es viele
weitere psychische Probleme wie psychotische
Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen
und vieles mehr, was mit Straftaten in Verbindung zu
bringen wäre.
Aus diesen Bemerkungen lässt sich leicht ent-
nehmen, dass sich Resozialisierung mit der Fähig-
keit, kritische Lebenssituationen zu bewältigen, mit
der Behandlung von Suchtproblemen und anderen
psychischen Problemen auseinandersetzen muss.
Hier kann nicht nur die Justizvollzugsanstalt in die
Pflicht genommen werden. Es müssen Hilfesysteme
außerhalb des Vollzuges in ausreichender Anzahl
und Qualität hinzukommen.
Dabei erscheint es mir auch wichtig, dass diese
Hilfesysteme schon möglichst früh in der Entwicklung
von Kindern und Jugendlichen ansetzen müssen.
Letztendlich ist es allerdings auch entscheidend, ob
diese Hilfe von den Frauen angenommen wird. Jede
von Ihnen hat schon davon gehört, dass Drogen-
therapien gar nicht erst angetreten wurden oder nach
kurzer Zeit abgebrochen werden, um nur ein Beispiel
zu nennen, dass das eigene Können oder Wollen,
diese Hilfen anzunehmen, verdeutlicht. Häufig sind
da also sehr lange Prozesse der Resozialisierung
erforderlich, um Änderungen so klar schaffen zu
können, dass sich auch wirklich etwas verändert.
Hier müsste also auch das Personal in aus-
reichender Anzahl und Qualifikation vorhanden sein.
Gerade im Bereich der psychiatrischen Versorgung
werden bundesweit Verbesserungen gefordert. Es ist
offenbar in allen Bereichen der Medizin schwierig,
die notwendigen Ärzte zu finden.
Dementsprechend stellt sich die Frage nicht so sehr
nach Resozialisierung oder keine, sondern nach den
besten und realistischen Möglichkeiten. Und hier
kann zumindest festgestellt werden, dass es auch in
Sachsen eine Vielzahl von Angeboten zur Unter-
stützung bei der Resozialisierung gibt. Diese sind
sicher verbesserungswürdig. Ich würde mir aber
auch manchmal wünschen, dass diese Angebote
ernsthafter angenommen würden.
3. Die sollte eine moderne JVA nach Ihren
Vorstellungen aussehen oder sehen Sie hier
eventuell sogar Alternativen? Wie stellen
Sie sich dann den Umgang mit inhaftierten
Frauen vor?
Ich bin kein Architekt und mir fehlt in dieser Hinsicht
auch das Vorstellungsvermögen. Aber ich habe in
den Jahren gelernt, dass viel Platz erst einmal gut
ist. Eine Anstalt sollte viel Raum bieten. Hier denke
ich an Hafträume, Flure, Gemeinschaftsräume,
Freiflächen, die möglichst grün sein sollen, sinnvolle
Arbeitsplätze, viele Möglichkeiten, sich zurück-
zuziehen, aber auch sich zu begegnen.
Den Umgang mit den Frauen stelle ich mir dann
grundsätzlich nicht anders vor als jetzt. Ich habe in
den ersten Tagen meiner Berufstätigkeit für mich
begriffen, dass sich Gefangene nicht grundsätzlich
von mir oder anderen Menschen, die ich privat
kenne, unterscheiden. Das habe ich im
Männervollzug über die ganzen Jahre so erlebt und
das erlebe ich auch hier im Frauenvollzug so.
Dementsprechend behandle ich hier alle so
respektvoll, wie es mir persönlich möglich ist (ich
habe allerdings auch Fehler und mache manchmal
auch Fehler). Dabei haben wir aber auch im Vollzug
Aufgaben, die nicht nur und immer für ein friedliches
Miteinander sorgen können. Wir entziehen eben
auch Freiheit und begrenzen damit jede Gefangene,
was auch für Probleme sorgen muss.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
HL - Fragen an Vollzugsleiter Brinkmann
Blick aus einem Fenster der JVA Chemnitz
,
Foto: Archiv HL/LR
4. Ist eine Resozialisierung sinnvoll und wie
sollte sie im Frauenvollzug später aus-
sehen?
Na klar, aber wie gesagt, hat auch etwas mit den
Frauen selbst zu tun, mit der Gesellschaft und den
Aufwuchsbedingungen und den Angeboten im
Gefängnis. Das kann in jeder Hinsicht verbessert
werden. Insoweit kann auch auf die Antwort zur
Frage 2 verweisen.
5. Welche Perspektiven könnten einmal das
straffreie Leben dieser Frauen erhöhen?
Gute Hilfesysteme, Drogenfreiheit, Kinderbetreuung,
gut funktionierende Schulen, Ausbildung, Arbeits-
plätze, Nachreifung der Persönlichkeit und vieles
mehr: für einen Teil dieser Perspektiven versuchen
wir einen Beitrag zu leisten.
6.
Könnten Sie sich in vorstellen, dass es in
unserem Haftraum in Chemnitz schon in
naher Zukunft einen Zugang in das große
"World Wide Web" geben wird? In einigen
Haftanstalten soll heute schon möglich
sein. Welche Bedingungen sehen Sie dafür?
Naja, vorstellen kann ich mir vieles. Das Problem ist,
dass hier die Chancen des WWW und die Risiken
gegeneinander abgewogen werden müssen.
Die aktuelle Situation und die höchstrichterliche
Rechtsprechung sehen noch eine sehr zurück-
haltende Internetnutzung vor.
Zum Teil kann auch in der JVA Chemnitz schon das
Internet genutzt werden. Hier sind allerdings bisher
nur Nutzungen für die Aus- und Weiterbildung aktiv.
Eine deutliche Öffnung dieser Angebote würde ich
aber nicht in der nahen Zukunft sehen. Ich glaube
aber auch, dass die Forderungen in diese Richtung
immer überzeugender werden.
7. Was halten Sie, als Mitglied der
Anstaltsleitung, vom Buch „Wege durch
den Knast“ und davon, dass es auch hier in
der JVA-C auf den Bücher-Index gesetzt
wurde? Dürfen es Gefangene für sich
überhaupt noch beim Verlag bestellen und
was ist zu beachten?
Ich habe das Buch nur in sehr kurzen Auszügen zur
Kenntnis genommen. Nach diesen kurzen Auszügen
und den Bewertungen durch unterschiedliche
Gerichte scheint dieses Buch eher dazu geeignet zu
sein, die an manchen Stellen vielleicht holprige
Zusammenarbeit von Gefangenen und Bediensteten
deutlich zu verschlechtern. Ich bin wirklich der
Überzeugung, dass Bedienstete und Gefangene so
gut wie möglich zusammenarbeiten sollten. Ich bin
auch davon überzeugt, dass wir sehr viele
gemeinsame Interessen haben. Zum Beispiel sollten
Drogen und Gewalt im Gefängnis möglichst keine
Rolle spielen.
Hier sind vielleicht die Interessen von einzelnen
Frauen in der JVA Chemnitz hoch, möglichst einfach
an Drogen zu kommen oder Gewalt anzuwenden,
aber für die große Mehrheit der Gefangenen und
Bediensteten gibt es ein großes Interesse daran,
Drogen und Gewalt weitgehend zu unterbinden.
Dazu sind eben auch Kontrollen erforderlich, die
nicht immer von allen positiv gesehen werden.
Zurück zu Ihrer Frage, Bestellungen können sicher
getätigt werden. Nach gegenwärtiger Beurteilung
dieses Buches werden wir es nicht an die
Gefangenen aushändigen.
Gez. Michael Brinkmann
Die Redaktion der Chemnitzer Gefangenen-
zeitung „HaftLeben“ bedankt sich bei Ihnen für
die ausführliche Beantwortung der HL-Fragen
.

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Haft Leben Nr. 70
22
„HaftLeben“ - SOS-Tricks gegen Streit
(HL-fabula)
Die Sammlung auf dieser Seite fing
mal mit einem der vielen austauschbaren Artikel in
einer der vielen austauschbaren Frauenzeitschriften
an. Da wurde erklärt, wie ein paar einfache Sätze in
jeglicher Streitsituation - egal ob mit Mutti, Schatzi,
den kleinen Balgen oder vielleicht auch den
Arbeitsdumpfbacken, Behördenstatisten und
Internetun- und -bekannten - helfen können.
Mir war von Beginn an aufgefallen, dass die Knast-
situation in der Vorstellung der Autorinnen keine
Rolle gespielt hatte - ist für Frauenzeitschriften an
sich aber auch ein eher kleineres Klientel, da darf
man nicht zu viel vordergründige Erwähnung
erwarten.
Dann stellt euch mal die folgenden Sätze auf der
Piste eurer Wahl vor oder im nächsten spannungs-
geladenen Gespräch mit der Budenfee. Ich würde ja
auch zu gern wissen, was ihr davon haltet. Oder
auch, welche Patent-Sätze ihr so gerne verwendet.
1)
„tschuldigung, es tut mir leid.“
Aufrichtig Fehler einzugestehen soll ja Verständnis
und Empathie fördern. Überhaupt sind
Entschuldigungen was schönes. Aber der Tipp: nicht
aus Entschuldigungen und Du-Anschuldigungen ein
Ping-Pong-Match machen.
2)
„Das hat gerade wirklich weh getan.“
Das hat in der Psychologie was mit Grenzen
aufzeigen zu tun. Man soll klar sagen, wo die
eigenen Gefühle angegriffen werden und was einen
berührt. Dabei soll man keinen Angriff auf sein
Gegenüber formulieren, sondern das eigene
Empfinden in den Vordergrund stellen, im besten Fall
die anderen für etwas sensibilisieren, das sie noch
nicht wussten. Danach kann man rücksichtsvoller
miteinander umgehen.
3)
„Sag mir doch mal, wie du das siehst.“
Hier geht es um Perspektivwechsel und Problem-
bewusstsein. Anstatt in gegenseitiger Abwehrhaltung
Vorwürfe hin und her zu donnern, sollten beide Seite
versuchen, die Sichtweise und das Problem des
jeweils anderen zu verstehen. Das kann vielleicht
schon helfen, den Konflikt aufzulösen.
4)
„Ich verstehe, was du mir sagen willst.“
Jeder Mensch wünscht sich ja Respekt, gerade auch
Respekt für die eigenen Standpunkte und Meinun-
gen. Gegenseitiger Respekt soll dann den Aus-
gangspunkt für den weiteren Umgang miteinander
bilden.
5)
„Komm, lass uns einen Kompromiss finden“
Die optimale Lösung für jeden Konflikt ist etwas, bei
dem beide Seiten gewinnen und keiner verliert.
Beide Seiten sollten also versuchen, die Wünsche
ihres Gegenübers mit zu berücksichtigen und ein
Ergebnis zu finden, mit dem beide zufrieden, oder
noch besser sogar glücklich sind.
6)
„Du bist mir sehr wichtig.“
So schmerzhaft Streit ist, sollten die Streitenden
nicht vergessen und nicht außer Acht lassen, was sie
einander bedeuten. Oft ist Streit ja gerade deshalb
so belastend, weil einem der andere so viel
bedeutet. Wer sich daran auch in schwierigen
Situationen erinnert, wird vielleicht eine bessere
Lösung finden.
Und wenn alles nichts hilft, dann gibt es auch
dafür noch eine Lösung. So wie ich es gelesen
habe, nun nicht mehr in Frauenzeitschriften,
sagen unsere polnischen Nachbarn dazu:
„Nie
mój cyrk, nie moje małpy.“
(für nicht polnisch-
Sprachige:
„Nicht mein Zirkus, nicht meine
Affen.“)
Das finde ich eine sehr schöne Umschreibung
dafür, Dinge doch besser am verlängerten
Rücken vorbeigehen zu lassen.
Nicht über alles, was einen aufregt, sollte man sich
auch wirklich aufregen. Einfacher gesagt als getan.
Was einem wirklich auf den Stimmbändern brennt,
lässt sich manchmal schwer mit Tee oder Kaffee
runterspülen. Aber ich habe tatsächlich festgestellt,
dass es sehr hilfreich sein kann, sich eine Szene wie
im Zoo oder nach dem Sprichwort eben auch im
Zirkus vorzustellen. Der Wahnsinn oder die Affen
sind in Manege los und ich sitze entspannt in den
Rängen oder auf der Zuschauerempore und sehe
mir das ganz amüsiert und belustigt an. Das braucht
ein wenig Übung, aber dann kann es sogar richtig
Spaß machen.
Einen Streit lösen kann man von Zuschauer-
rängen aus vielleicht nicht, einen entspannteren
Umgang damit bewirkt es allemal. In dem Umfeld,
in dem wir uns befinden, ist das doch schon ein
guter Anfang.
In diesem Sinne - zuckrige Grüße an alle eure Affen,
winkt ihnen aus gutem Abstand zu!
Foto: freepixelio.com

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
1. Teil einer HL-Rezension zum Buch
Straffällige Frauen -
Erklärungsansätze, Lebens-
lagen und Hilfeangebote"
von Gabriele Kawamura-
Reindl/ Linda Weber
herausgegeben von der
Verlagsgruppe Beltz
(HL/UNDINE)
Während männ-
liche Delinquenz im Mittelpunkt
empirischer Untersuchungen steht,
führt ihr weibliches Gegenstück eher
ein gesellschaftliches Schatten-
dasein. Nimmt man die Gefangenenpopulation insgesamt,
ist ihr Frauenanteil gering. In der kriminologischen und
sozialpädagogischen Literatur wird die Besonderheit
straffälliger Frauen wenig beachtet. Angebote für Frauen
sind weniger ausdifferenziert und ausgebaut, obwohl sie
oft andere Problemlagen, Anliegen und Bedürfnisse
aufweisen als die männlicher Insassen.
Welche Faktoren sind ursächlich, dass Frau kriminell
wird? Im vorliegenden Buch werden bestimmte
Erklärungsansätze und Kriminalitätstheorien vorgestellt,
um letztlich einen theoretischen Bezugsrahmen für die
Arbeit mit straffällig gewordenen Frauen zu schaffen.
In diesem Text kann ich nicht auf alle Modelle eingehen.
Wer umfangreiches Wissen möchte, kann sich das Buch
kaufen (Angaben am Ende des Textes).
Im ersten Teil der Rezension stelle ich die Kernaussagen
der verschiedenen Ansätze und Theorien vor, während im
zweiten Teil Lebenslagen, Sanktionen und Hilfeangebote
betrachtet werden sollen. Ich hoffe, mit dem Text ein
tieferes Interesse bei der Leserin für ihr eigenes
Problemverhalten und das ursächliche Zusammenwirken
zu wecken.
Strukturell orientiert sich der Frauenstrafvollzug an dem
des Männervollzugs. Obwohl Frauen im Mittel weniger
brutale Straftaten mit geringeren Schäden verüben und
verursachen, sind die Sicherungsmaßnahmen im Vollzug
gleich denen im Männervollzug. Genau hier sollte
untersucht werden, wie viel Sicherung bei Frauen
notwendig und sinnvoll erscheint und ob ein größeres
Maß, gerade bei Ersatzfreiheitsstrafen und Straftaten mit
niedrigem Strafmaß, an Lockerungen möglich ist. Offen
gehaltene Hafträume, leichterer Zugang zu Privatkleidung
und persönlichen Gegenständen, eine höhere Besuchs-
frequenz, Erhalt von Arbeitsplätzen und Wohnumfeld,
Ausbau des offenen Vollzugs in Wohnortnähe. Denn
Freiheitsstrafe stellt per se den größten Einschnitt in die
Souveränität eines Menschen dar, doch der Kollateral-
schaden um den Freiheitsentzug herum richtet regelrecht
unwiederbringlich Schaden für den Rest des Lebens an
und fördert bisweilen neue Regelverletzungen bei den
Betroffenen.
Es ist bequem für eine Gesellschaft, ihre „schwarzen
Schafe“ zu selektieren und außer Blickfeld zu internieren.
Viel unangenehmer ist es, sie so weit wie möglich in den
Strukturen einer freien Gesellschaft, denn sie gehören
schließlich weiterhin, wenn auch aus den Augen, dazu, zu
belassen und Strafen in Form von Nächtigung im
Gefängnis und Ausagieren von Sanktionen innerhalb
unserer Mehrheitsgesellschaft zu bestimmen. Nur wie
steht es andererseits mit der Motivation der Frauen für
alternative Wege? Und hier komme ich wieder zu den
Kernaussagen und Theorien des vorliegenden Buches.
Ist uns überhaupt bewusst, wie wir „ticken“?
Biologische Erklärungsansätze für straffälliges Verhalten
möchte ich nicht näher betrachten. Erbliche Faktoren und
hormonelle Schwankungen als Alleinstellungsmerkmal
sind heute in der Forschung veraltet und stellen in der
Summe der Faktoren lediglich ein Begleitrisiko dar.
Außerdem bildet sich z. B. beim Einfluss des Hormons
Testosteron eine Kausalitätsfrage (Was bedingt was?
Ursache-Wirkungs-Prinzip). Testosteron spielt vor allem
bei Männern mit Gewaltstraftaten eine Rolle. Ob es die
gleichen Ursache-Wirkungs-Mechanismen auch bei
Frauen bedient, bleibt die Frage.
Im Folgenden betrachte ich speziell antisoziales/
kriminelles Verhalten bei Frauen und stelle vier
diskussionsfähige Ansätze der Ursachen und Entstehung
dazu vor. Dem Leser wird hier ein gewisses Maß an
Abstraktionsfähigkeit abverlangt. Denn in der Phäno-
menologie der Wissenschaft kann ein und derselbe
Gegenstand aus unterschiedlichen Positionen und
verschiedenen Wissenschaftszweigen verschiedentlich
betrachtet werden. Bei der Betrachtung entstehen
Unterschiede, Übergänge und Zusammenspiele. Wissen-
schaft bedeutet: Größtmögliche Annäherung an die
Wahrheit. Die absolute Wahrheit gibt es also nicht.
Soziostrukturelle Kriminalitätstheorien
Die Soziostrukturellen Kriminalitätstheorien wurden, wen
wundert es, insbesondere für männliches kriminelles
Verhalten entwickelt. Ursächlich werden makrosoziale
Strukturen in einer Gesellschaft benannt. Soziale und
gesellschaftliche Ungleichheit führen an ihrem Endpunkt
zu kriminellem Verhalten. Die soziale Integration aller ihrer
Mitglieder gelingt nicht ausreichend.
Die Anomietheorie nach Merton untersucht die Folgen des
gesellschaftlichen Drucks „der von der Ungleichverteilung
der sozio-ökonomischen Ressourcen in der Gesellschaft
ausgeht." Die kulturelle Struktur gibt Handlungsziele wie
Wohlstand, Bildungsabschlüsse, Anerkennung für gesell-
schaftskonformes Verhalten, Macht u. a. vor. Die Mittel
zum Erreichen unterschiedlichster Ziele hält jedes
Individuum in der Hand und kann diese einsetzen. Doch
sie sind unter den Mitgliedern einer Gesellschaft nicht
gleich verteilt (Armut-Reichtum-Gefälle). Klassen- und
Schichtzugehörigkeit bestimmen dabei den Einsatz
legitimer und illegitimer Mittel. Untere soziale Schichten
verfügen über weniger finanzielle Mittel, um an den
Aufgaben einer Gesellschaft zu wachsen.
Ein Teil von ihnen richtet sich auf niedrigerem Niveau ein
und wird nicht auffällig. Doch diejenigen, die vom „Kuchen
ein Stück" abbekommen wollen, den „amerikanischen
Traum" träumen und denen die Mittel fehlen, wählen unter
diesem Ungleichgewicht illegale Handlungen und
legitimieren kriminelles Handeln mit Ungerechtigkeit im
System.
Die Anomietheorie als Ziel-Mittel-Konflikt erklärt nach
meinem Verständnis nicht nur antisoziales Verhalten in
unteren sozialen Schichten, sondern auch die Gier
mancher Manager und bereits Erfolgreichen. Auch ist zu
überlegen, ob bei diesen Menschen Ziele zu Mitteln
werden (Geld wird eingesetzt, um noch mehr Geld zu
machen, Macht führt zu größerer Macht.).
Inwieweit die Anomietheorie speziell kriminelles Verhalten
bei Frauen erklärt, bleibt offen.
Der Ettiketierungsansatz (Labeling Approach) ist eine
soziologische Denkrichtung, mit welcher abweichendes
Verhalten dadurch erklärt wird, dass die Abweichung
sozial zugeschrieben und nicht objektiv vorhanden sei.
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„Straffällige Frauen - Erklärungsansätze, Lebenslagen und Hilfeangebote"

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Haft Leben Nr. 70
24
Stellungnahme der JVA zum letzten Leserbrief
Anmerkungen der Anstaltsleiterin Frau König-Bender zu einem Leserbrief , veröffentlicht auf Seite 24 der
Ausgabe 1/2021 der Chemnitzer Gefangenenzeitung „HaftLeben“:
Ende Januar 2021 wurde auf der Zugangsstation eine inhaftierte Frau positiv auf SARS-CoV 19 getestet und unter
Quarantäne gestellt. Die positiv getestete Frau hatte zuvor Kontakt zu anderen Frauen auf der Zugangsstation gehabt.
Nach Rücksprache mit dem zuständigen Gesundheitsamt war wegen des Verdachtes auf eine Infektion mit dem Virus
SARS-CoV 19 veranlasst, jene Frauen von den neu aufgenommenen Frauen im Zugangsbereich vorsorglich zu isolieren.
Der Aufenthalt im Freien und andere Versorgungsgänge sowie das Duschen waren zu untersagen. Mit diesen
Maßnahmen sollte der Gefahr der Verbreitung einer zum damaligen Zeitpunkt nicht auszuschließenden
Infektionskrankheit begegnet und dadurch Gefangene und Bedienstete der Anstalt geschützt werden, denn es bestand
die Gefahr einer Aerosolbildung vor allem in dem Treppenhaus des Gebäudes 1 und dem sanitären Bereich. Eine
tägliche und gründliche Desinfizierung konnte hier nicht gewährleistet werden. Es wurden Lösungen gefunden, u. a. den
Abfall als Sondermüll zu entfernen, den Einkauf in Tüten in die Hafträume zu geben, die Mahlzeiten von Bediensteten mit
Einmalgeschirr zu verabreichen, die Wäsche gesondert waschen zu lassen. Es war uns jedoch nicht möglich, den
jeweiligen 13 Gefangenen täglich Einzelhofgang anzubieten. Daher haben wir uns entschieden, ein weiteres
Treppenhaus für die Abläufe der isolierten Frauen zum Hofgang zugänglich zu machen, um den betreffenden Frauen
täglich den Aufenthalt im Freien zu gewährleisten. Dieses Treppenhaus wurde belüftet und die regelmäßige Reinigung
der Treppenläufe war durchführbar. Bei dem gemeinschaftlichen Hofgang waren sodann das Tragen von
Gesundheitsmasken und die Einhaltung des Mindestabstands zwingend geboten.
Bei vorliegender Sachlage waren uns die Einschränkungen bewusst. Angesichts der andauernden pandemischen Lage,
die uns täglich vor Herausforderungen stellt, suchen wir Lösungen, um das Spannungsfeld zwischen Risikoreduzierung
und Einschränkungen so gering wie möglich zu halten.
Eike König-Bender, Anstaltsleiterin
Nicht kriminelles Handeln steht im Mittelpunkt, sondern die
gesellschaftliche Reaktion darauf, in Form bestimmter
Werte und Normen, rechtlicher Regeln und Sanktionen auf
den Täter. Machteliten prägen Normen und Gesetze, so
werden untere Schichten benachteiligt. Die soziale
Reaktion auf kriminelles Verhalten bildet negative
Etikettierungen, die wie „selbsterfüllende Prophezeiungen“
wirken. Der Mechanismus der Etikettierung treibt
Menschen letztlich in abweichende Karrieren, zur Über-
nahme krimineller Lebensstile sowie in ablehnende
Subkulturen. Auch mit dieser Erklärung können männliche
wie weibliche Phänomene erklärt werden.
Der Mehr-Faktoren-Ansatz beschreibt den Menschen als
Bio-Psycho-Soziale-Einheit. Für die Entstehung von Krimi-
nalität werden eine Vielzahl von Faktoren wie Umwelt-
einflüsse, Anlagefaktoren und Persönlichkeitsmerkmale zur
Diskussion gebracht. Auf den ersten Blick bietet der Mehr-
Faktoren-Ansatz erklärungswürdige Antworten auf die
Frage weiblicher Kriminalität. Doch eine Gleich-
berechtigung bezüglich der Einflüsse kann es nicht geben.
Zu beachten wäre auch, dass es zu einer „Über-
identifizierung“ und zufälliger Korrelationen in der
Bestimmung der biologischen, psychischen und sozialen
Argumente kommen kann. Ein frauenspezifisches
Erklärungsmodell ist auch dieser Ansatz nicht.
Das letzte Kapitel in der Ursachenforschung beschäftigt
sich speziell mit Ansätzen des Versuchs frauenspezifischer
Kriminalität. Es lohnt nicht, einen Abriss dieser Theorien
hier wiederzugeben. Die Vielzahl an Thesen scheint von
Männern erdacht und riecht hier und da nach alt-
hergebrachter feministischer Unterdrückung. Die Heran-
gehensweisen wissenschaftlicher Begutachtung wirken wie
Fischen in trübem Wasser der unbegrenzten Möglichkeiten
an Untersuchungsfaktoren.
Am Ende bleibt die Frage, ob es denn signifikante
Unterschiede in der Qualität zwischen Männer- und
Frauenkriminalität gibt, die einer wissenschaftlichen
Bestandsaufnahme und Aufarbeitung standhalten, sich
über bloße Alltagserscheinungen erheben.
Mann und Frau und all ihre Spielarten dazwischen sind
verschieden, das zweifelt wohl keiner an.
Solange Frauen in der Gesellschaft immer noch die
Hauptlast an Familie und Kindererziehung tragen, ist z. B.
eine Inhaftierung um ein vieles einschneidender als bei
Männern, der Schaden für die nachkommende Generation
offensichtlich. Männer richten vor allem durch die Härte an
Gewaltstraftaten den weit größeren gesellschaftlichen
Schaden an. Frauen agieren eher selbstdestruktiv, bevor
sie kriminell im Außen handeln.
Als Ausgangspunkt delinquenten Verhaltens sehe ich vor
allem die Familie. Wer behütet und liebevoll, in gegen-
seitiger Rücksichtnahme gebundener Werte und Normen
aufwächst, dessen Chancen stehen besser, ein nicht krimi-
nelles Leben zu führen. Hier sollten alle gesellschaftlichen
Kräfte präventiv zusammenwirken.
Ursachenforschung ist wichtig, wenn sie denn das
Phänomen weiblicher Kriminalität als Gegenstand auch
untersuchungswürdig herausstellt. Im vorliegenden Buch
wird dies nicht klar. Die Erklärungsversuche wirken etwas
wirr und reichen über Modellcharaktere nicht hinaus, was
das Agieren auf Handlungsebenen erschwert.
Wie sehen also Lebenswelten von delinquent
gewordenen Frauen aus und wie begegnet und
sanktioniert unsere Gesellschaft kriminelles Verhalten
bei Frauen?
Im nächsten Heft widme ich mich diesen Fragen.
Schattenspiele: Archiv HL

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
Leserbriefe
Eine Frage des Anstands? - Klopfen oder nicht Klopfen?
Gefangene N (geschlossener Vollzug):
Mir ist in Bezug auf das Anklopfen aufgefallen, dass es eine
riesige Bandbreite gibt. Von ‚der/die Bedienstete klopft immer an‘ bis ‚der/die einzelne
Bedienstete klopft nie an‘ und die Beispiele ‚mal so und mal so und mit wechselnder Lautstärke‘ gibt es auch. Oft wird
bei den Tagesablaufbedingten Sachen das Klopfen völlig eingespart. Beim Morgen-Aufschluss oder Abend-Einschluss
und z. B. dem ‚Nicht-Hofgang‘-Einschluss wird fast nie geklopft. Da geht der Schlüssel einfach ins Brett, das Brett auf
und zu und fertig. Die Zeiten sind einem ja bekannt, da ist man dann wohl selber schuld, wenn man grad im Schlüppi
oder eben ohne dasteht. Manchen ist es ja extrem wichtig, z. B. schon vorm Morgen-Aufschluss die Zelle tagesbereit zu
haben und dann zur Lebend-Kontrolle schon das ‚Fertig aufgeräumt und für den Tag bereit‘-Bild abzugeben. Am Anfang
hatte ich den Anspruch auch noch. Inzwischen ist es mir so egal geworden, dass ich eben entweder schon rechtzeitig
aufgestanden bin oder solange in die Decke(n) gewickelt liegen bleibe, bis die erste Schlüsseltour durch ist. Die festen
Schließzeiten heben mich gar nicht mehr an.
Schwieriger sind Momente, wo jemand außer dem Tagesablauf was von einem will. Da wird gern angeklopft, mehr oder
weniger kraftvoll - ich empfinde alle Türgeräusche als scheußlich, da ist das einzelne Klopfen nun kein Trauma für sich.
Was mich aber wirklich stört, ist der mangelnde Abstand, und damit meine ich den zeitlichen Abstand zwischen
Anklopfen und Eintreten. Der Schlüssel scheint dazu zu berechtigen, sofort nach Anklopfen die Tür zu öffnen. Wenn
man grad eingeschlossen ist sowieso, aber auch wenn ich gerade Aufschluss habe und die Tür auch von innen öffnen
könnte. Da gibt es nie ein Warten: Klopfen, auf! Steht man in der Situation grad nackig vorm Waschbecken oder vorm
Schrank, kommt man ja kaum noch dazu, das Handtuch vor sich hochzuziehen. Ich hab mich auch schon versucht,
hinter der Wand der Nasszelle zu verbergen und nur mit dem Kopf Richtung Zellentür vorzuluken und musste mich
hinterher fragen, ob sich meine nackte Rückseite nicht sowieso im Fenster gespiegelt hat. Für die Herstellung einer
Gesellschaftsfähigkeit bleibt jedenfalls niemals Zeit. Steht da in keiner Vorschrift ein ‚Anstands Bis 1,2,3 Zählen‘ bevor
man das Brett aufreißt. So ne Zelle ist ja nunmal kein Büro, wo man davon ausgehen kann, dass die Leute drinnen
zwingend angezogen und nur mit belanglosen Tätigkeiten beschäftigt sind.
Das wirklich Schlimme ist aber - merk ich zumindest an mir - ich hab mich an diesen scham- und schämfreien Zustand
schon so gewöhnt, dass es mich gar nicht mehr schockiert. Hier drin ist das auch notwendig, um nicht an diesen
ständigen Grenzverletzungen kaputt zu gehen. Aber krieg ich dann draußen meine Selbstachtung so einfach wieder.
Wir halten Ihnen
den Spiegel vor -
Wie hätten Sie es
den gerne, wenn
Sie in unserer
Situation wären?
Anmerkung der HL-Redaktion:
Zu dem Thema gibt es auch Vorschriften. Die Bediensteten sind zum Schutz der Privatsphäre und zur
Wahrung des Schamgefühls der Gefangenen angehalten. Im Alltag wird das von den Kollegen sehr
unterschiedlich umgesetzt. Über die Gründe dafür können wir nur spekulieren. Vielleicht ist es eine Frage der
Einstellung oder die berühmten „vollzugsdienstlichen Gründe“. Ähnlich wie jeder/jede Bedienstete individuell
damit umgeht, wird jede Gefangene darauf individuell reagieren. Verschiedene Geschichten dazu haben wir
mal gesammelt. Manche findet sich vielleicht darin wieder und manchem eröffnet es vielleicht auch einen
anderen Blickwinkel, als immer nur den Eigenen.

Haft Leben Nr. 70
26
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.
Das HL - Preisrätsel
1.
Wer sich keine Mühe gibt, der ...?
A: ist achtlos
B: büßt siebenein
C: ging sechsverlustig
D: hat fünfverloren
2. Ein Shanty-Chor singt die traditionellen
Arbeitslieder der ...?
A: Seeleute
B: Feuerwehrmänner
C: Holzfäller
D: Bergarbeiter
3. Welche dieser Pflanzen trägt rote, giftige
Früchte?
A: Mistel
B: Stechpalme
C: Sanddorn
D: Wacholder
4. Im sächsischen Dialekt überquert man einen
Fluss mittels einer ...?
A: Antwerpen
B: Brügge
C: Gent
D: Lüttich
5. Wozu kommen alte Autos in die Werkstatt,
und nicht mehr ganz junge Gäste auf die
Beautyfarm?
A: generalüberholen
B: majorausbremsen
C: feldwebeleinparken
D: oberstbeschleunigen
6. Was wird Studenten an der Uni häufig
abverlangt?
A: Staubsaugen
B: Hausarbeit
C: Essen kochen
D: Müll rausbringen
7. Die größten Arten welcher Insekten erreichen
eine Länge von etwa 3,5 cm?
A: Wappenschaben
B: Rüstungsflöhe
C: Schildläuse
D: Lanzenwanzen
8. Was schmeckt meist ofenfrisch am besten?
A: Stahlplätzchen
B: Nickelbrot
C: Eisensplittertorte
D: Blechkuchen
9. Was ist durchaus genießbar?
A: Kanonbirne
B: Haubitzpflaume
C: Granatapfel
D: Raketkirsche
10. Woran hat man vor allem im Sommer
Freude?
A: Kranballermann
B: Dampfwalzenstrand
C: Baggersee
D: Gabelstaplerbad
11. Viele Leute trinken gerne ...?
A: ruhigen Saft
B: schweigsamen Fusel
C: stummes Bier
D: stilles Wasser
12. Was zählt zur heimischen Fauna?
A: Herzschnecke
B: Kreuzspinne
C: Karokäfer
D: Pikfalter
13. Wobei handelt es sich um korrektes
Deutsch?
A: ich habbe
B: wir habben
C: er hatt
D: du hasst

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
14. Tick, Trick und Track, die Neffen von Comic-
Held Donald Duck, sind begeisterte ...?
A: Feuerwehrmänner
B: Messdiener
C: Pfadfinder
D: Schützenbrüder
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
18.08.2021
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
Juni
2021
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!
Das HL - Preisrätsel
Essenwünsche:
Die GMV bittet um Unterstützung!
Bitte tragt am Ende der Tabelle Euer „Wunschessen“ ein, es
dürfen auch zwei oder drei sein. Am Ende stellen wir alles zu-
sammen und dann sehen wir, was davon verwirklicht werden
kann.

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Haft Leben Nr. 70
28
Dieser Satz kam mir in den Sinn, als ich das Thema
für diese HaftLeben-Ausgabe las.
Wie ein Gefängnis der Zukunft strukturell oder auch
architektonisch aussehen könnte, damit mögen sich
Fachfrauen und -männer beschäftigen - obwohl auch
ich das durchaus interessant fände. Ich schaue auf
dieses Thema mit den Augen einer Pfarrerin.
Ich denke an Jesus, der Menschen begegnet ist, wo
sie gelebt und gearbeitet haben. An den Rändern
der Gesellschaft war er, wie die Bibel es überliefert,
besonders oft anzutreffen. So ließ er sich einladen -
von Zollbeamten, Prostituierten und anderen
Menschen, die aufgrund ihrer Stellung oder
betrügerischen Neigung keine angesehenen
Personen waren. Jesus sah in ihnen einfach
Menschen mit Sehnsüchten, Ängsten und auch
Freude darüber, dass er sich von ihnen einladen
ließ. Vertrauen konnte wachsen. Es war der Beginn
von
Resozialisierung
. Zuvor ausgegrenzte Men-
schen kehrten zurück in die Gemeinschaft.
Vertrauen und Wertschätzung
sind zwei Dinge, die
ich in der JVA als besonders wichtig schätzen
gelernt habe. Für gelingende, heilsame Begeg-
nungen sind beide unerlässlich. Wenn ich mir
Gefängnis der Zukunft vorstelle, dann hätten sie
sehr hohe Priorität. Viele Inhaftierte haben in ihrem
bisherigen Leben wenig oder keine Wertschätzung
erfahren. Wenn Gefängnis seinen ureigensten Sinn
erfüllen soll, dann ist es die Resozialisierung.
Damit Menschen nach ihren Taten wieder den Weg
in die Gemeinschaft finden können, braucht es die
Ermutigung, sich selbst zu achten sowie eigene und
fremde Grenzen zu respektieren, was letztlich
wiederum die Annahme und den Respekt der
anderen ermöglicht.
Wenn dies gelänge, dann wäre das Gefängnis
vielleicht weniger ein Schattenort, hinter dessen
Mauern viele Menschen draußen vor allem eines
sehen: eine unbekannte Zahl von anonymen
Inhaftierten. Wir leben im Hier und Jetzt und doch
können wir ein Stück Zukunft schon vorwegnehmen,
indem wir uns menschlich begegnen: das geht sofort
- auch hier im Gefängnis. Klar, kann das
anstrengend sein - wenn auf der „Piste“ Menschen
wohnen, die völlig anders sind als man selbst.
Manche versuchen das zu kompensieren, indem sie
andere mobben und damit unter Kontrolle
bekommen wollen. Das geht relativ leicht. Dem-
gegenüber ist das Einander begegnen und
Aushalten wesentlich schwieriger. Wirkliches Leben
aber ist nicht Mobbing, sondern Begegnung.
Jedenfalls, wenn es nach Jesus geht. Und was ich
von anderen erwarte, sollte bei mir selbst beginnen.
Steht auch in der Bibel.
Gutes Gelingen beim Ausprobieren - versuchen Sie
doch mal barmherzig zu sein: mit sich selbst und mit
anderen - auch, wenn’s vielleicht
nicht gleich gelingt
☺!
Ihre Anne Straßberger
evangelische Seelsorgerin
Kirche 2021
„I HAVE A DREAM“
„Stell Dir vor, es gibt ein Gefängnis und keine fühlt sich beschämt,
dort inhaftiert zu sein … .“
Foto: free, powerd by HaftLeben

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
29
Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 01-2021
1 - B, 2 - C, 3 - A,
4 - D, 5 - D, 6 - B,
7 - A, 8 - C, 9 - D,10 - B, 11 - D, 12 - B,
13 - A, 14 - A, 15 - C
Gewonnen haben diesmal:
EG: Alexandra S.
Stat. 1: Melanie B
.
Stat. 2: Doreen B
.
Stat. 3: Sandra E
.
Stat. 4: Beatrix F.
Stat. 5: Sue M
.
Stat. 6: Gisela B
.
Stat. 7: Antonia M.-F.
Haus III: Michelle S
.
OVA und Mutter und Kind: Jessika P
.
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe)
Herzlichen Glückwunsch!
Die Inhalte der „HaftLeben“ sind urheber-
rechtlich geschützt. Eine kommerzielle Nutzung
ist ohne Zustimmung der Anstaltsleitung der
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angegebenen Kürzel sind mit Klarnamen hinter-
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Für eingesandte Manuskripte, Briefe und Unter-
lagen jeglicher Art wird keine Haftung über-
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Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam:
fabula, FAM, Jemand, B&F, UNDINE und XY
Lektorat:
BR
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@T-Online.de oder
HaftLeben@Live.de
Seit 2017 online unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/content/950.htm
Redaktionsschluss für die Ausgabe 03/2021:
18.08.2021
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Anschrift der Redaktion “HaftLeben“:
Justizvollzugsanstalt Chemnitz
Redaktion der Gefangenenzeitung „HaftLeben“
Thalheimer Straße 29
09125 Chemnitz
Impressum

Haft Leben Nr. 70
30
HL - Songtext
Best of Us
One by one, looking back at everything we've done
Every setback that we've overcome
Now I won't stop if you don't stop (oh-ooh-ooh)
Two by two, shaken by the world we woke up to
But together we can make it through
Now I won't stop if you don't stop, yeah
Wait-wait, what you gonna say-say
When we get too close to letting go?
Wait-wait, if you gonna stay-stay
Come and hold me closer 'cause you know
Never get the high without the low
It's gonna be alright 'cause still I know
Even in the night we get to show
The best of us, the best of us
Keiner steht alleine irgendwo
Kein Weg ist zu weit und nichts zu hoch
Jeder von uns zeigt doch sowieso
The best of us, the best of us (oh-oh-oh-oh)
Schritt für Schritt, und wenn der Boden nachgibt, halt
ich dich
Keiner lässt hier irgendwen im Stich
Ich glaub an dich, glaubst du an mich? (Oh-ooh-ooh)
Weg für Weg, weil's zusammen so viel leichter geht
Wenn du die Welt auf deinen Schultern trägst
Trag ich sie mit, ich trag sie mit
Ey, wir-wir könn'n nicht verlieren-lieren
Weil wir Hand in Hand viel stärker sind
Wir-wir, alles kann passieren-ssieren
Ey, gemeinsam kriegen wir das hin
Never get the high without the low
It's gonna be alright 'cause still I know
Even in the night we get to show
The best of us, the best of us
Keiner steht alleine irgendwo
Kein Weg ist zu weit und nichts zu hoch
Jeder von uns zeigt doch sowieso
The best of us, the best of us
The best of-
Oh-oh, oh-oh-oh, oh-oh-oh
The best of us
Oh-oh, oh-oh-oh, oh-oh-oh
Gib mir deine Hand, ich halt dich fest
Wenn dich im größten Sturm der Mut verlässt
Oh, ich weiß, dass wenn der Regen fällt
Du zu mir hältst, zu mir hältst, zu mir hältst
Never get the high without the low
It's gonna be alright 'cause still I know
Even in the night we get to show
The best of us, the best of us
Keiner steht alleine irgendwo
Kein Weg ist zu weit und nichts zu hoch
Jeder von uns zeigt doch sowieso
The best of us, the best of us
The best of- (mmh, yeah-yeah)
Oh-oh, oh-oh-oh, oh-oh-oh
The best of us
Oh-oh, oh-oh-oh, oh-oh-oh
The best of us
Quelle: Musixmatch
Songwriter: Simon Mueller-lerch / Johannes Walter Mueller /
Pascal Reinhardt / Nico Santos / Joris Buchholz / Charlotte Rez-
bach / Steven Bashir
Songtext von Best of Us © Sony/atv Music Publishing Allegro
(germany) I, Djorkaeff Beatzarre Edition, Fisherman Songs Gmbh,
Budde Music Publishing Gmbh, Ed. Drublic, Joe Walter Musikver-
lag Inh. Johannes Walter, J.b. Publishing Inh. Joris Buchholz

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
31
Die besten HL - Rezepte
Apfel-Holunder-Streuselkuchen
Zutaten:
350 g Mehl
350 g Zucker
Salz
200 g weiche Butter
4 Eier
900 g Frischkäse (oder Quark)
2 Päckchen Vanillepudding
100 ml Milch
250 ml Holunderbeersaft
800 g Äpfel
Zitronensaft
wenn gewünscht - Schlagsahne, Vanillezucker, Zimt nach Belieben
Zubereitung:
(1) Mehl, 150 g Zucker und eine Prise Salz mischen. Butter und ein Ei zufügen und alles zu Streuseln
verkneten. Ca. 2/3 der Streusel in eine gefettete Springform ø 26 cm füllen, zu einem flachen Boden
andrücken und ca. 30 min kalt stellen.
(2) Frischkäse, 200 g Zucker und 1 Päckchen Puddingpulver glatt rühren. 3 Eier und Milch nach und nach
unterrühren. 500 ml der Frischkäsemasse abnehmen. Unter die restliche Masse 1 Päckchen Puddingpulver
und Holundersaft rühren. Holundercreme in die Form auf den Streuselboden geben. Im vorgeheizten
Backofen bei Umluft 160°C ca. 20 min backen.
(3) Äpfel waschen, schälen und in dünne Spalten schneiden, mit Zitronensaft mischen. Helle Käsemasse
vorsichtig auf die vorgebackene Holundermasse geben, Apfelspalten und restliche Streusel darauf verteilen.
Im heißen Ofen bei gleicher Temperatur weitere ca. 45 min backen. Kuchen mit ausgeschaltetem Ofen bei
leicht geöffneter Tür ca. 15 min abkühlen lassen. Dann herausnehmen und auf Kuchengitter vollständig
auskühlen lassen.
(4) Schlagsahne mit Vanillezucker steif schlagen, auf Kuchenstücke geben und ggf. mit Zimt bestreuen.
Käseklöße
Zutaten:
1 Packung Teig für Kartoffelknödel halb & halb
1 EL Kräuter
Salz
150 g Gouda am Stück
verschiedene Gemüse nach Belieben
Zubereitung:
(1) Knödelpulver mit den Kräutern und Salz nach Packungsbeschreibung anrühren und quellen lassen.
(2) Käse in ca. 1 cm große Würfel schneiden.
(3) Aus dem Knödelteig etwa 20 Klöße formen und je 2-3 Käsewürfel in der Mitte einschließen.
(4) Klöße in siedendem Salzwasser circa 15 min gar ziehen lassen.
(5) Gemüse nach Belieben zubereiten. Alles zusammen servieren.
Alle Abbildungen ähnlich.

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Haft Leben Nr. 70
32
HL - Rätselseite

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
33
HL - Rätselseite

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Haft Leben Nr. 70
HL - Rätselseite

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Foto: Frei, © Andreas Hermsdorf_pixelio.de - HaftLeben, 02-2021
© Marcel Jakob für HaftLeben, 02-2021
© Marcel Jakob für HaftLeben, 02-2021
© UNDINE für HaftLeben, 02-2021

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