Nummer 67, seit 1999

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Interview mit der
„Comic-
Zeichnerin“
Birgit Weihe aus
Hamburg
HL-LEA: Wie kam es zu
diesem Projekt "bähm"
in der JVA Chemnitz?
Frau Koch besuchte mich
im Jugendzentrum Chem-
nitz zu einem Workshop
von mir. Wir kamen ins
Gespräch und so wuchs
die Idee für einen Comic-
Workshop in der JVA
Chemnitz. Wir haben uns
dann zusammengesetzt und überlegt, wie man in
einem bestimmten Zeitraum eine Geschichte
entstehen lassen kann.
Leider kam uns dann Corona dazwischen und somit
hatten wir viel zu wenig Zeit, eine Geschichte zu
erfinden.
HL-LEA: Wie entsteht so eine Geschichte und
woher kommen die Ideen?
Für die Ideen gibt es verschiedene Kreativitäts-
techniken. Wir haben zuerst versucht, mit ganz
normal gezeichneten Tassen verschiedene Gefühle
auszudrücken. Mit Kindern zum Beispiel geht sowas
sehr schnell, damit man sie zum Zeichnen und
Geschichten erzählen motivieren kann. Dann haben
die Frauen über alte Postkarten mit den
entsprechenden Fragen sehr schnell zu ihren
eigenen Geschichten gefunden.
HL-LEA: Warum nannten Sie dieses Projekt
"bähm"?
Für Comics ist so eine kurzer, ausdrucksvoller Name
nichts Ungewöhnliches. Denn nur beim Comic kann
man Sprache an anhand von Bildern oder
Schlagwörtern umsetzen.
HL-LEA: Würden Sie nochmal einen Workshop
hier veranstalten?
Ja, sehr gern und darüber wurde auch schon
gesprochen. Man müsste aber beim nächsten Mal
mehr Zeit dafür einplanen. Immerhin muss die
Geschichte erst erfunden werden. Dann müssen die
Übergänge so gestaltet bzw. gezeichnet sein, dass
man die Geschichte auch versteht. Das alles
bedeutet, dass man mit viel Disziplin und Ausdauer
bis zum Ende arbeiten muss.
Comicprojekt - Eine illustre Truppe
(HL/Undine)
Spannung lag in der Luft, als der
erste Tag des Comic-Projektes heran war. Es dauerte
ein paar Sitzungen, bevor sich eine feste
Stammbesetzung von fünf Frauen zusammen-
gefunden hatte.
Mit jedem neuen Comic-Tag wuchs die Gruppe mehr
und mehr zusammen. Erstaunlich war, dass jede der
Frauen schnell eine Story fantasiert hatte und nun
nach und nach zu einer bebilderten Geschichte
formte.
Dabei begann der gesamte Prozess mit einer
Kaffeetasse auf einem gelben Post-it. Wie selbst-
verständlich gaben wir unseren Tassen ein Gesicht,
und das erste Comic- Bild war geboren.
So einfach kann es also sein.
Diese Erfahrung ganz zu Anfang des Projektes war
wichtig, damit die eigenen Ansprüche nicht in den
Himmel wuchsen und uns die Arbeit blockierten.
Wir
waren alle überrascht,
wie
fokussiert wir bei der Arbeit waren
und ein Bild nach dem anderen entstand. Jede lebte
nun in ihrer Geschichte und es wurde viel gelacht.
Die gelöste Stimmung war wichtig, denn Spaß und
Freude sollten schließlich im Vordergrund stehen.
Meine Geschichte entstand in der Rückschau wie von
selbst.
Ich hatte einen Bilderrahmen im Kopf und dieser
sollte auf Reisen gehen. Doch der Rahmen hatte
seine eigenen Vorstellungen und erzählte mir statt ich
ihm seine Geschichte. So konnte ich meine
Gedanken und Vorstellungen fast ausblenden, denn
der Rahmen fand seine Geschichten wie von
Geisterhand. Die Stories lagen einfach in der Luft.
Frau Weyhe, eine Comic- Zeichnerin aus Hamburg
nebst der Kunsttherapeutin Frau Koch begleiteten
das Projekt. Beide wirkten auf eine Art sanftmütig auf
uns ein. Es wurden eine Menge Kaffee, Kekse und
Schokolade verbrannt und samt unseres Schaffens-
prozesses konnten wir so zeitweise auf unseren
Comic- Wolken der Anstalt entfliehen.
Dieses Gefühl, zweimal wöchentlich fast
schwerelos bei sich selbst zu sein und dem
eigenen Phantastereien zu folgen, ist für mich die
wichtigste Erfahrung aus diesem Projekt.
Es bedarf also nicht viel, um dem Gefängnisalltag
zu entfliehen: einen Bleistift, ein paar Blätter
Papier und PHANTASIE.
Wie Comics in die JVA kamen, Teil 1

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
3
„Ellis“ Kaffeekränzchen
…..……..……..……...…..
4
GefangenenMitVerantwortung
……….………….
5
Neuer Anstaltsbeirat
…………...……….…………....
6
Was wäre wenn?
……….....… ……
7
bis
14
„HaftLeben“ - Interview - Melody
……………..…
15
Ferienerlebnisse - Melody
…..….………....……
16
„HaftLeben“ - Interview - P.
…... ….…………..…
17
Comic - Teil 2, Stephanie
……. ..….…...
18
und
19
Fragen an den Anstaltsbeirat
….…...
20
und
21
Tagebuch - Gedanken
……………...…...
22
und
23
Das HL - Preisrätsel
……….……….…......
24
und
25
HL - Songtext
.……………………….………….…......
26
Post an die „HaftLeben“- Redaktion
…........
27
Kirche 2020
…………….…………………...….…...…..
28
Impressum
….………...………..….…...…………….....
29
HL - Rezepte
….………...……..…………….………….
31
HL - Rätsel
…….….….……………...
30 und 32 bis 34
Der „HaftLeben“-Spruch des Quartals
stammt diesmal von Konrad Adenauer,
von 1949 bis 1963 erster
Bundeskanzler der Bundesrepublik
Deutschland
Wir leben alle unter dem
gleichen Himmel, aber wir
haben nicht alle den gleichen
Horizont.
Impressum
©butschkow/www.butschkow.de
Möge der Humor wie ein Sonnenstrahl im
grauen Zellenalltag sein.
Herzlichst,
P. Butschkow

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4
Haft Leben Nr. 67
Hallo ihr Lieben,
ich muss euch was erzählen. Mijau, hatte ich vor
einiger Zeit böse Zahnschmerzen. Mauz. Das tat
vielleicht weh. Die Schmerzen zogen sich bis in die
Fellhaarspitzen. Sowas wünsch ich niemanden. Aber
ich hatte Glück und konnte auf meinen Streifzügen
vor den Mauern einen guten Katzenzahnarzt
aufsuchen. Der hat mir auch schnell geholfen. Wisst
ihr, was war? Ein Zahn musste raus. Naja, die
Jüngste bin ich ja nun auch nicht mehr. Zahnersatz
so wie bei euch gibt es bei uns Katzen nicht. Von
dem ganzen habe ich nichts gemerkt. Ich habe ein
super tolles Leckerli bekommen. Danach konnte ich
zwar ne Weile nicht richtig schleckern und
schnurren, weil mein Katzenschnäutzchen taub und
irgendwie schief war. Aber das ging wieder vorbei.
Nun stellte sich mir die Frage, weil ich von Natur aus
neugierig bin, was macht ihr hier drinnen, wenn euch
die Zähne schmerzen? Ich beschloss, meine
Sensoren aufzustellen und zu lauschen, was so
hinter den Türen passiert, wo ich noch nicht dahinter
war. Es dauerte auch nicht lange und ich
beobachtete einige Mädels, wie sie in einen Raum
geschlossen wurden. Manche kamen schnell wieder
raus, bei anderen dauerte es länger. Einige von euch
waren richtig traurig. Bei manchen dachte ich, ein
paar Tränen gesehen zu haben. Eine hatte sogar ne
richtig dicke Wange. Mauz. Hätte sie am liebsten
getröstet.
Das musste ich mir natürlich näher ansehen. Als die
Tür das nächste Mal aufging, schlüpfte ich hinein.
Die Krankenschwester bemerkte mich nicht, da sie
abgelenkt war. Im Warteraum saßen ein paar von
euch. Ich glaube, mit meinem feinen Gespür konnte
ich bei manchen die Angst in den Augen sehen,
die sie vor dem Zahnarztbesuch
hatten. Warum nur? Als ich so
wartete und mir vorstellte, jetzt ein
paar
Streicheleinheiten
zu
bekommen, hörte ich merkwürdige
Geräusche hinter der nächsten
Tür. Die gingen mir durch Mark und Bein. Die
Nackenhaare stellten sich auf. Das war ein so
durchdringendes Pfeifen. Es stellte sich heraus, dass
es der Zahnbohrer war. Ich huschte, geduckt
natürlich, auch in diesen Raum und versteckte mich
unter dem Schreibtisch. Von da aus hatte ich den
Behandlungsstuhl im Blick. Bemerkt hat mich
niemand, außer der Patientin, die gerade an der
Reihe war. Bei ihr schaute der Zahnarzt in den Mund
und kontrollierte die Zähne. Er fand ein Loch, das
geschlossen werden musste. Da die Arme solche
Angst vor dem Bohren hatte, bekam sie eine Spritze
zur Betäubung. Davor hätte ich Angst. Der Zahn
sollte laut Aussage des Arztes nun betäubt sein. Und
die Patientin hätte nichts merken sollen. Er fing mit
seinem Werk an. Beim Pfeifen des Bohrers musste
ich mir mit meinen Samtpfötchen die empfindlichen
Öhrchen zuhalten. Aber was war da noch für ein
Geräusch? Die Patientin gab Laute des Schmerzes
von sich. Aber der Zahnarzt hörte nicht auf. Er
meinte, er habe wohl versehentlich den falschen
Zahn betäubt. Er könne ihr aber keine weitere
Spritze geben. Sie solle sich nicht so haben. Ich
kann euch sagen, sie tat mir ganz schön leid. Da
musste sie jetzt leider durch.
Bei einer anderen Patientin sollte ein Zahn gezogen
werden. Der Zahnarzt hatte wahrscheinlich nicht
abgewartet, bis die Betäubung wirkte und fing an,
den Zahn ziehen zu wollen. Auch sie hatte dabei
große Schmerzen. Das kümmerte den Arzt aber
herzlich wenig. Er machte einfach weiter. Was ist
das bloß für ein Zweibeiner?
Hatte er noch keine Zahnschmerzen, ein Loch im
Zahn oder ein Zahn gezogen werden. Mijau.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich alleine
helfen kann. Auch er braucht einen Zahnarzt.
Hoffentlich gerät er dann an einen guten. Ich drücke
euch, liebe Mädel‘s, ganz fest die Katzenpfötchen
und wünsche euch bloß keine Zahnschmerzen.
Eure Elli
„Ellis“ - Kaffeekränzchen“
Der Zahnarzt meinte,
ich brauche eine Krone.
Endlich jemand, der
mich versteht.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
5
G
efangenen
M
it
v
erantwortung
(HL-Jemand)
Hallo ihr da,
wie ihr ja sicher mitbekommen habt, haben wir eine
neue GMV Zusammensetzung.
Mitglieder daraus sind:
Astrid L.
-
Station EG
Sue M.
-
Station 2
Susanne Z.
-
Station 5 – „Schreiberling“
Adriana M.
-
Station 5
Solltet ihr Anliegen haben, dann könnt ihr euch gern
an alle Mitglieder der GMV wenden. Ihr könnt aber
auch einen Antrag oder einen Brief schreiben und
diesen in der 53 in den GMV-Briefkasten schmeißen,
wir leeren ihn regelmäßig.
Auch wenn ihr neue Ideen haben solltet, dann
wendet euch bitte an uns. Traut euch, denn es kann
sich nichts verändern, wenn es nicht ausgesprochen
und weitergegeben wird.
So ihr fleißigen Leser, was soll ich euch erzählen.
Wir besprechen zurzeit nicht viel in den GMV–
Sitzungen, da Miss Rona (Corona) einfach präsenter
ist.
Leider hat sich noch nichts getan oder verändert,
alles ist also noch beim altem.
Anmerkung der Anstaltsleitung:
Es gibt nach wie eine von der Aufnahmestation
abgetrennte
Station
mit
gesondertem
Tagesablaufplan, wo u.a. Zugänge, Selbststeller für
14 Tage untergebracht werden ehe sie dann auf die
anderen Stationen verlegt werden. Mit Aufnahme der
Gefangene erfolgt eine 1. Testung und vor
Verlegung eine 2. Testung auf Corona-Virusinfektion.
Im
Vordergrund
steht
natürlich
die
Entlassungsvorbereitung
sowie
die
Aufrechterhaltung familiärer Kontakte. Abstand und
wenig Kontakt mit anderen muss natürlich auch
gegeben sein. Der Mund-Nasen-Schutz muss immer
an der Frau/Mann sein. Manches ist sicher auch
Einzelfallentscheidung, es kommt eben immer darauf
an.
Beim Besuch ist auch alles unverändert - man darf
mit drei Personen Besuch haben für mehr als eine
Stunde, jedoch mit Abstand und Plexiglasscheibe.
Wenn man auf die Terrasse gehen möchte, gilt dort
das gleiche. Ihr und eure Besucher solltet auch
immer euren Mundschutz dabei haben.
Skype gibt es nach wie vor für eine halbe Stunde.
Wie ich aber gehört habe, sollen da jetzt auch
andere Regelungen kommen, zwar nicht für die
Dauer der Videotelefonie, aber für anderes.
Darüber werdet ihr aber noch hören und lesen.
Wir möchten euch auch bitten, immer mal wieder in
den Gefangenen-Terminal zu schauen, denn dort
wird alles aktuelle niedergeschrieben.
Foto: F 29 Architekten

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6
Haft Leben Nr. 67
Neuer Anstaltsbeirat in der JVA Chemnitz
Mit der Landtags-wahl
am
1. September 2019
und dem Ende der
Legislaturperiode des
sechsten
Säch-
sischen Landtags am
31. Oktober 2019
endete
auch
die
Amtszeit
des
vorhergehenden
Anstaltsbeirats
der
JVA Chemnitz. Dass
ein solcher Beirat in
jeder
Justizvollzugsanstalt
des
Freistaats
Sachsen bestehen muss, regelt der § 107 des
Sächsischen
Strafvollzugsgesetz.
Analoge
Bestimmungen gibt es für den Untersuchungshaft-
und Jugendstrafvollzug.
§ 107, Absatz 1 bestimmt, dass der Anstaltsbeirat
mindestens
aus
zwei
Abgeordneten
des
Sächsischen Landtags, einer* Vertreter*in der
jeweiligen Kommune bzw. des Landkreises, in der
oder dem sich die JVA befindet, sowie weiteren
Personen des öffentlichen Lebens bestehen muss.
Bis auf die Landtagsabgeordneten, die vom Landtag
selbst
benannt
werden,
werden
die
Anstaltsbeiratsmitglieder
vom
Sächsischen
Staatsministerium der Justiz als Aufsichtsbehörde
des Strafvollzugs ernannt.
Aufgrund der lange währenden Regierungsbildung
und den Einschränkungen in Folge der Corona-
Pandemie erfolgte die konstituierende Sitzung relativ
spät am 27. Mai 2020. Dem neuen Anstaltsbeirat
gehören an:
Frau
Ines Saborowski
, als Mitglied des
Sächsischen Landtags (Fraktion CDU) und Stadträtin
der CDU-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat
Frau
Susanne Schaper
, als Mitglied des
Sächsischen Landtags (Fraktion DIE LINKE) und
Stadträtin der Fraktionsgemeinschaft DIE LINKE/Die
PARTEI im Chemnitzer Stadtrat
Frau
Janette Berndt
, Geschäftsführerin des
Stadtsportbunds Chemnitz
Herr
Dirk Heide
, Vertreter der Polizeidirektion
Chemnitz
Frau
Angelika Hugel
, Leiterin der Agentur für
Arbeit in Chemnitz
Frau
Marion Männel
, Vertreterin des Sozialen
Diensts der Justiz Sachsen am Landgericht
Chemnitz
Herr
Frank Rettig
, Vertreter der Technischen
Universität Chemnitz
Frau
Maria Seifert
, Leiterin der Straffälligenhilfe
der Arbeiterwohlfahrt Chemnitz und Umgebung
Zur Vorsitzenden wählte der Beirat auf seiner
konstituierenden Sitzung Susanne Schaper, zu ihrer
Stellvertreterin Marion Männel.
Die Mitglieder des Beirats werden sich in dieser und
den kommenden Ausgaben der HaftLeben den
Gefangenen vorstellen.
Gemäß Absatz 2 des bereits erwähnten § 107 wirken
die Anstaltsbeiratsmitglieder unter anderem bei der
Gestaltung des Vollzugs und der Beratung der
Gefangenen mit. Sie nehmen Wünsche, Anregungen
und Beanstandungen der Gefangenen entgegen,
wofür ein Briefkasten des Anstaltsbeirats in der JVA
Chemnitz zur Verfügung steht. Dabei sind sie zur
Verschwiegenheit verpflichtet, auch nach Ende ihrer
Amtszeit. Sie haben weiterhin das Recht, sich über
Unterbringung, Beschäftigung sowie ärztliche
Versorgung und Behandlung der Gefangenen
unterrichten zu lassen. Außerdem können sie die
Anstalt besichtigen und Gefangene in ihren Räumen
aufsuchen.
Solcherlei
Unterhaltungen
oder
Schriftwechsel dürfen nicht überwacht werden. Der
Anstaltsbeirat trifft mindestens vier Mal pro Jahr
zusammen.
Schließlich möchte ich als Vorsitzende des
Anstaltsbeirats noch einige persönliche Worte an Sie
richten:
Im Sinne des gesamten Beirats wünsche ich mir eine
gute Zusammenarbeit, sowohl mit Ihnen als
Gefangenen, als auch mit der Anstaltsleitungen
sowie den Beamt*innen und Angestellten der JVA
Chemnitz.
Das
Einsitzen
in
einer
Justizvollzugsanstalt ist für jede einzelne Betroffene
eine schwierige Zeit. Die in der Vergangenheit oft
prekäre Personalsituation auch in der JVA Chemnitz
macht dies nicht einfacher, wenn z.B. deshalb
Freigangszeiten reduziert werden müssen oder
Therapie- und Freizeitangeboten nicht stattfinden
können. Wir als Anstaltsbeirät*innen wollen in dieser
Situation für Sie da sein.
Zögern Sie also nicht, mit ihren Vorschlägen und
Wünschen, aber auch ihren Beschwerden an uns
heranzutreten.
Susanne Schaper
Foto: Susanne Schaper

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
7
Was wäre wenn?
Was wäre, wenn sich jeder nur auf
sich konzentrieren würde?
(HL-HB)
Nicht im egoistischem Sinne,
sondern zum Beispiel eher in die Richtung gemeint,
dass sich nicht jeder in fremde Dinge einmischt, was
schlussendlich meist sowieso nur Probleme nach
sich zieht. Wenn sich jeder nur auf das Wesentliche,
das wirklich Wesentliche konzentriert. Ich denke,
jeder hat doch genug mit sich selbst zu tun.
Schließlich ist auch niemand perfekt!
Mir ist schon klar, dass das niemals passieren wird,
denn vor der fremden Tür zu kehren ist einfacher als
vor der Eigenen. Aber man wird ja wohl noch
träumen dürfen.
Alternativ kann ich ansonsten nur empfehlen, mal
mehr darüber nachzudenken über das, was man hat.
Ein oft gehörter und vielleicht sogar selbst gesagter
Satz. Aber wer hat danach denn wirklich mal gelebt
oder lebt danach? Leider die Wenigsten! Anstatt sich
nur selbst zu bemitleiden, sollte man wirklich mal
darüber nachdenken, dass es immer Menschen gibt
und geben wird, denen es, egal in welcher Hinsicht,
schlechter geht. Ich denke, der Fehler beginnt schon
damit, dass man sich zu viel und oft an all das
Schlechte in der Vergangenheit erinnert. Natürlich ist
das Reflektieren extrem wichtig, um alles, egal ob
positiv oder negativ, zu verarbeiten. Aber sich selbst
in der Vergangenheit zu verlieren, bringt gar nichts,
außer eventuell und im schlimmsten Fall eine
Depression. Aus eigener Erfahrung kann ich nur
sagen, dass es ein verdammt langer Weg ist, aber
es lohnt sich. Inmitten dieser Zeit, wird es einem
vorkommen wie ein endloser Weg, aber wie man so
schön sagt, was lange währt, wird endlich gut. Sogar
vielleicht noch besser! Zudem denke ich, egal vor
welchem Problem man steht, es ist sicherlich nicht
das Ende. Was würden denn unsere Großeltern
oder deren Großeltern zu unseren ''Problemen''
sagen? Würden sie vielleicht sogar darüber
schmunzeln oder einfach nur kopfschüttelnd gehen?
Wenn ich hier von Problemen spreche, meine ich
alles, was nicht mit Tod, Trauer, Verlust oder
ernsthaften Krankheiten zu tun hat!
Ferner würde ich mir für jeden wünschen, dass er
sein Leben genießt. Alles oder das meiste ist nur
eine Phase und schließlich leben wir alle ja nur
einmal.
Warum verschwenden wir also so viel Zeit und Kraft,
indem wir uns mit Dingen befassen, die wir nicht
ändern können und/oder sind auf der ständigen
Suche nach dem Sinn und dem perfekten Leben.
Alles was wir brauchen, haben wir direkt vor unserer
Nase, alles andere ist Luxus oder unnötig.
Hier reden ständig Menschen davon, dass man,
sobald man im Gefängnis ist, alles erst einmal lernt
wertzuschätzen. Nur was meinen diese Menschen
damit genau? Das Handy, die Spielothek, einen
Hamburger? Wer diese Sachen damit in Verbindung
bringt, hat meiner Meinung nach nichts verstanden.
Die Zeit sollte man in diesem Zusammenhang in
Verbindung bringen, ebenso wie die Familie, die
Freunde und die zahlreichen unvergessenen
Momente. Ich denke, es wäre mehr als lehrreich, mit
seinem jetzigen Ich gemeinsam in die Vergangenheit
und die Zukunft zu reisen. Denn was würde das
kleine Mädchen oder die alte Frau zu meinem
jetzigen Leben, was ich daraus mache und was mir
als wichtig erscheint, sagen?
Falls im traurigsten Fall an dieser Stelle jemand
nach Dingen sucht, die mehr Wert sind, als dass es
Worte beschreiben könnten ... wie wäre es denn mit
GESUNDHEIT? Bei all den unzähligen Krankheiten
auf dieser Welt sollten sich die Gesunden gerade
das mal richtig zu Herzen nehmen.
FAMILIE - Wie viele Menschen haben niemanden
mehr. Egal wie groß oder wie klein die eigene
Familie ist … sie ist immer da, selbst wenn alle
anderen gegangen sind. Oder was ist mit
FREUNDEN? Wahre Freunde? Die im schlimmsten
Fall, wenn man keine Familie mehr hat, diese im
besten Fall ersetzen? Oder eine schöne Kindheit,
die Schulzeit, Erinnerungen vor der Inhaftierung oder
anderen Schicksalen? Selbst hier im Gefängnis, mit
den richtigen Menschen, kann man Sachen erleben,
an die man sich so gerne zurück erinnert und welche
einem Kraft geben. Man muss nur die Augen auf-
machen und alles aus dem richtigen Blickwinkel
betrachten. Jeder hat auf seine eigene Weise Glück
und erkennt man es, sollte man es zu jeder Zeit
genießen, statt es sich immer selbst kaputt zu
machen!
Ein Freund ist jemand,
der dein Lächeln sieht,
aber spürt, dass deine Seele weint.“
Freundschaft ist,
wenn man beim ersten Wiedersehen
nach langer Zeit das Gefühl hat,
sich gerade erst gestern
gesehen zu haben.
Freunde sind die Menschen,
die nicht nach deinem Weg fragen,
sondern ihn einfach mit dir gehen.

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8
Haft Leben Nr. 67
Was wäre wenn?
Was wäre wenn…
die 90iger Jahre nochmal aufleben
würden und das, genau - Jetzt!
(HL-Jemand)
Ich bin ein
Kind der 90iger und ich kann
sagen, dass es die beste und
schönste Zeit war, um einfach nur
ein Kind zu sein.
Man war bei jedem Wetter draußen
gewesen, wirklich bei jedem -
Sonne, Wind Regen, Schnee, ganz
egal, für uns gab es keinen Grund
NICHT rauszugehen. Kennt ihr
noch die tollen Cordhosen, die
braunen? Die bunten Anoraks, die mega Winter-
mützen, wo nur ein Loch für das Gesicht drin war
oder die Handschuhe, die miteinander durch einen
Strick verbunden waren und aus den Ärmel
baumelten? Kennt ihr noch die hammer Discmans
oder dass man auf Videokassetten Lieder von MTV
aufgenommen hat? Wir sind in Pfützen gesprungen,
haben aus dem Matsch Regenwürmer gefischt,
haben Schneeengel im halben Dreck gemacht. Wir
haben uns auf unsere Fahrräder geschwungen und
sind
in
den
Wald
gefahren, haben kleine
Dämme im Fluss gebaut
oder Höhlen, Baum-
häuser, sind in Bäche
gefallen, ins Eis einge-
brochen, sind im Winter
mit einer blauen Tüte
oder auf dem Ranzen den
Hügel runtergerutscht. Sind mit dem Fahrrad auf
Schotter hingefallen, weil wir es übertrieben haben
oder sich die tollen Schlaghosen in der Kette
verfangen hatten und wirklich jeder hatte schonmal
die Handflächen oder Knie aufgeschabt oder
Kieselsteine in der Wunde stecken. Wenn es dunkel
wurde, sind wir ab nach Hause und erstmal in die
Wanne, ja wir mussten uns noch draußen im Flur
ausziehen und da gab es ein Donnerwetter, weil wir
wie die Schweine aussahen. Abends haben unsere
Ellis uns trotzdem liebevoll ins Bett gebracht und
alles war vergessen. Jeder hatte sicher ein
Poesiealbum oder hat in eines reingeschrieben, wo
man noch ein Passfoto einkleben musste und für die,
die sich verschrieben hatten, gab es leider kein
Tippex.
Kennt ihr noch die coolen Ranzen, die Reflektoren
an den Armen oder die kleine Umhängetasche, wo
ein paar Mark und Essens-
marken drin waren? Sagt
euch Elli Spirelli noch etwas
oder Joe Clever? Kennt ihr
noch Sega Atari oder den
grauen Gameboy? Kennt ihr
noch Infrarot, wie wir uns
Lieder hin und her geschickt hatten und es
tausendmal abgebrochen ist. Erinnert ihr euch noch
an das erste Mal Rauchen mit dem typischen Satz
„Mama kommt“? Wir konnten uns stundenlang selber
beschäftigen und das mit sämtlichen Dingen, Steine,
Äste, Holzklötzer, egal. Haben uns Rampen aus Holz
gebaut und uns die tollsten Fantasiegeschichten
ausgedacht. Wir haben für unsere Ellis noch Bilder
gemalt, haben an den Weihnachtsmann und die
Zahnfee geglaubt und jeder hatte extremen Schiss
und hat sich versteckt. Man hatte noch Zeit
füreinander und hat sich mit der Familie, Freunden
oder Nachbarn an ein Tisch gesetzt, ist noch auf
Dorffeste, Stadtfeste oder zum Tanz gegangen,
wenn man zum Beispiel in der Kneipe war und es
später wurde, haben wir auf zwei Stühlen geschlafen
und wurden dann heimgetragen.
Wenn die Ellis abends noch aus
waren, hat die Oma, Tante oder
Nachbar nach uns geschaut.
Viele können sicher vom Ostsee-
Urlaub erzählen, wie man
Matsch- oder Kleckerburgen
gebaut hat, man schön dick mit
Sonnencreme
eingeschmiert
wurde und wir nichts weiter als
einen Schlüpfer anhatten oder
gar nichts, da muss ich gleich an
den FKK Strand denken muhaha,
man Quallen hin- und herschoss,
sie in einem Loch gesammelt hat, in der
Strandmuschel dann Mittagsschlaf gemacht hat. Das
man auf der Fahrt noch in Karten schauen musste,
die das ganze Armaturenbrett belegt hatten. Oder
man an der Grenze noch den kleinen grünen
Reisepass mit Kinderfoto zeigen musste.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Türen
nie abgeschlossen waren, dass man fast jeden aus
der Nachbarschaft kannte, dass man erst
Hausaufgaben machen musste, eh man raus durfte,
man rote Smileys oder fette Einträge im
Hausaufgabenheft stehen hatte, dass man um eine
gewisse Uhrzeit zu Hause sein sollte, dass man mit
einem Zettel zum Einkaufen geschickt wurde und
man sich heimlich was Süßes gekauft hatte, die Ellis
es aber trotzdem mitbekommen haben, da man ja
den Kassenzettel mitbringen musste. Das wir die
Bravo, Wendy und Bummi gelesen haben und man
auch mal eine Wundertüte bekommen hat. Man
gemeinsam „Unsere kleine Farm“, „Bonanza“,
„Mash“ oder das „A-Team“ geschaut hat. Das sich
jeder schonmal am braunen Kachelofen verbrannt
hat sowie der Satz fiel „Geh da nicht soweit ran“
gesagt bekommen hat. Einige die gleiche massive
Schrankwand sowie den
Fliestisch
im Wohnzimmer
stehen hatten, den zum Hochkurbeln… und und und.
Was für eine schöne und unbeschwerte Zeit, die man
sich, wenn man in die heutige schaut, doch gern
zurückwünscht oder???
Denn was zählt heute?
Alle Bilder: free, Pexelio.com

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
9
Was wäre wenn?
Was wäre, wenn ich die Zeit
zurückdrehen könnte?
(HL/Pfl)
Wäre mein Leben anders verlaufen?
Wissen kann ich und niemand sonst, das nicht. Wenn
ich das eine nicht tue, mache ich was anderes oder
auch nicht. Wie weit würde ich zurückgehen? Ich
würde bis Ende 2007 zurückgehen und da eine
andere Entscheidung treffen. Den neuen Job würde
ich nicht antreten, sondern in meinem alten bleiben.
Ich würde nicht täglich 12 h und mehr hart arbeiten.
Ich würde nicht vergessen, dass es noch etwas
anderes gibt außer arbeiten. Ich wäre vielleicht mal in
den Urlaub gefahren bzw. hätte meinem Körper, Geist
und Seele eine Auszeit / Erholung gegönnt. Ich hätte
in der freien Zeit mit meinen Kindern etwas unter-
nehmen können. Ich hätte die Zeit gehabt, meine
geliebte Hündin auf ihrer letzten Reise begleiten zu
können. Das habe ich mir bis heute nicht verziehen.
Aber das Wichtigste dabei, ich wäre nicht krank
geworden, um für mehrere Jahre vom aktiven Leben
abgeschaltet zu sein. Mein Körper würde nicht
ausgelaugt sein und förmlich um Hilfe schreien, ich
soll kürzer treten. Als das alles nichts half, übernahm
er das für mich und ich konnte von jetzt auf gleich
nicht mehr arbeiten. Mein Körper überhäufte mich mit
Schmerzen. Ich würde in dieser Zeit nicht damit
beschäftigt sein, von einem Krankenhaus und einer
Reha zur nächsten zu pendeln. Dazu kommen die
starken Medikamente, mit denen die Schmerzen nur
betäubt werden konnten. Ich wäre sicher in keine
Depression gefallen. Ich würde nicht auf die
Menschen treffen, welche kein Glück in die Familie
gebracht haben. Vielleicht wäre ich dann in einer gut
laufenden Beziehung. Meine Mutter würde auf keinen
Fall da sein, wo sie heute ist. Sie wäre nicht
pflegebedürftig. Meine Tochter würde ihre Ausbildung
beendet haben und in diesem Beruf arbeiten können.
Sie wäre nicht die Treppe runtergestürzt, weil sie die
Situation zu Hause nicht mehr ausgehalten hat und
nur noch weg wollte. Danach konnte sie ihren Beruf
nicht mehr ausüben. Mein Sohn wäre weiter arbeiten
gegangen, hätte eine feste Anstellung bekommen.
Genau weiß ich das nicht, weil, das ist seine
Geschichte und sein Leben. Ich könnte nur
versuchen, ihn dabei zu unterstützen. Der Tag, an
dem mein heutiger Mann in mein Leben getreten
wäre, hätte nicht stattgefunden, da ich ja in meinen
Vorstellungen vom Leben in einer anderen Beziehung
wäre. Ich würde die Zeilen, die ich gerade schreibe,
nicht schreiben, weil ich nicht in Haft wäre und eine
lange Strafe absitzen muss. Aber hätte, wär, wenn
…….
die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Was
passiert ist, kann nicht ungeschehen gemacht
werden. Ich habe gegen das Gesetz verstoßen und
wurde dafür bestraft. Nun gilt es, nach vorne zu
schauen, auch wenn es manchmal schwer
vorzustellen ist, wie es dann draußen vor den Mauern
werden wird. Ich weiß, dass meine Familie auf mich
warten wird und sich freut, wenn ich endlich wieder da
bin.
Der Mann, der mich in diese Situation gebracht hat,
wird dann keine Rolle mehr spielen. Denn erst hier
drinnen habe ich es geschafft, mich von ihm zu
trennen. Dies wäre draußen nicht denkbar gewesen.
Ich hatte genügend Möglichkeiten und habe diese
nicht genutzt, aus Angst, was dann noch passieren
könnte. Oder war es falscher Stolz, mir einzu-
gestehen, wieder einmal Pech gehabt zu haben.
Aber nun sitze ich hier und schreibe den Artikel. Ich
bin hier mit Menschen zusammen, die ich draußen,
wenn ich nicht in Haft gekommen wäre, nicht
getroffen hätte. Jede hat ihre Geschichte, mit der sie
leben und zurechtkommen muss. Ich weiß, wenn ich
das hier geschafft habe, verstoße ich nie wieder
gegen das Gesetz und werde diese Mauern auch
nicht mehr von innen sehen.
Jetzt freue ich mich auf meinen ersten Ausgang
,
sobald das wegen Corona möglich ist. Wie es sein
wird für ein paar Stunden, Zeit vor den Mauern zu
verbringen. Ich werde dann mit meiner Begleitung
vielleicht in ein Café gehen und ein schönes Stück
Torte und einen Eisbecher essen. Ich freue mich
riesig auf den ersten Ausgang, wenn meine Lieben
mich vor dem Tor abholen und wir gemeinsam etwas
unternehmen können. Ich vielleicht einen meiner
Hunde sehen kann, weil nur der Dalmatiner gerne
lange Fahrstrecken mag. Wir machen jetzt schon
Pläne, obwohl noch einige Zeit vergehen wird, wie
und was wir machen, wenn ich das erste Mal auf
„Urlaub“ zu Hause bin. Die Vorfreude darauf ist nicht
in Worte zu fassen. Und dann kommt der Tag der
Entlassung. Er rückt unaufhaltsam Stück für Stück
näher. Ein neuer Lebensabschnitt wird beginnen.
Es wird sicher einige Hürden überwinden zu geben.
Aber wenn ich die Zeit hier drinnen geschafft habe,
schaffe ich das draußen auch. Davon bin ich
überzeugt. Ich sag immer, es geschieht nichts ohne
Grund. Ich wurde ausgebremst bzw. angehalten, um
wieder auf den richtigen Weg geführt zu werden. Wir
durchlaufen im Leben viele Stationen oder ver-
schiedene Wege und Pfade. Diese führen nicht immer
ans richtige Ziel. Manchmal kommt man vom Wege
ab und steht plötzlich vor einer Schlucht, einem
Abgrund oder einer Mauer. Also umdrehen und einen
anderen Weg einschlagen. Ich für meinen Teil habe
bereits damit begonnen und bin fest davon überzeugt,
dass dies der richtige Weg ist. Er mag lang sein,
holprig, steil und sicher liegen einige größere Steine
im Weg, aber das Gute daran, ich gehe gerne
wandern.
Ich hoffe für euch alle, dass auch ihr den für euch
richtigen Weg findet und ihn gehen werdet.

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10
Haft Leben Nr. 67
Was wäre wenn?
Das Licht in der Dunkelheit finden
(HL/LEA)
Was wäre, wenn ich mein
volles Gleichgewicht finden könnte, immer glücklich
sein könnte?
Mein Geist ist oft voller leichtfertiger oder gar
negativer Gedanken. Ich versuche dann, die
negativen Gedanken durch positive Gedanken zu
substituieren. Ich bin der Meinung, dass niemand von
uns jemals ein vollkommenes Gleichgewicht erlangt.
Wir erreichen Augenblicke der Vollendung, Wochen
großartiger Leistungen und Monate der Beständig-
keit, aber keiner von uns ist dauerhaft und ständig im
Gleichgewicht. In unserem menschlichen Dasein
suchen wir nach Glück und Erleuchtung, auf dass sie
Licht in unser Leben und unser Herz bringen. Oft
suchen wir in der Zukunft oder irgendwelchen von
anderen übernommenen Idealen, wo der Schlüssel
zu unserer Ganzheit und unserem Glück liegen
könnte, als ob er irgendwo anders sei. Der Ort für
Ganzheit, Licht und Erfüllung ist das Hier und Jetzt,
auch wenn wir mitten in Schwierigkeiten stecken. In
Zeiten solcher Dunkelheit sehnen wir uns nach einer
idealen Zukunft. Und indem wir nach einer
Vollkommenheit streben, verpassen wir die Voll-
kommenheit und das Geheimnis, die jeden Tag vor
uns liegen - den Sonnenaufgang, Vogelzwitschern
und ja, auch der Ruf einer Turmfalkenfamilie, die sich
jedes Jahr in der Anstalt der JVA Chemnitz einnistet.
Da fällt mir doch gleich ein Zitat von Hans Christian
Andersen (1805-1875) ein:
„Der große Reichtum unseres Lebens, das sind die
kleinen Sonnenstrahlen, die jeden Tag auf unseren
Weg fallen“.
Gerade jetzt aktuell in Zeiten von Corona haben wir
viel über unsere Gefühle und Ängste erfahren
können. Wir mussten miterleben, wie unser schönes
Gleichgewicht aus den Fugen geriet und jeder hat
dabei seine eigenen Erfahrungen gemacht.
Und sobald sich die Lage etwas entspannte, da
wollte aber wirklich fast jeder zur so geliebten
„Normalität" zurück. Die Pandemie lehrte uns vieles
über unsere Gesellschaft, über unser Miteinander
und die Welt. Wir sind näher zusammengerutscht.
Wir kennen jetzt die Bedeutung neuer wichtiger
Wörter wie "Aerosole", "Quarantäne" oder "system-
relevant". Nach Wochen des Homeoffice kam auch
noch ein neues Wort hinzu, nämlich die
"Paarantäne". Die fühlt sich an, als würden Mann und
Frau in Frührente geschickt. Sie hocken aufeinander
in Küche, Bad, Schlaf- und Arbeitszimmer, sehen,
hören und riechen alles, was man an einem Acht-
Stunden-Tag in einem netten aufgeräumten Büro so
schön ausblenden kann. Andererseits sind wir
achtsamer geworden im Umgang miteinander, indem
wir uns an Abstände halten, Mundschutz tragen und
uns oft die Hände waschen. Mag sein, dass die tief
im Unterbewusstsein verwurzelte Furcht vor der Pest
uns im Seuchenfall Klopapier horten lässt. So ist nun
wenigstens jeder gewappnet, jedenfalls auf dem
Klo ... falls eine neue Welle kommt. Corona hat zu
sehr an unserem Gleichgewicht gerüttelt, dass es
daher nun schwierig wird, zur Normalität zurückzu-
kehren. Mich selbst hat die Pandemie nachdenklich
gemacht. Vom Alter her gehöre ich schon fast zur
Risikogruppe. Früher habe ich still immer die
verspottet, die zu sämtlichen Vorsorgeunter-
suchungen gehen. Oookay ... jetzt denke ich, dass
man Bescheid wissen sollte, wie fit man in
Wirklichkeit ist. Ich habe aufgehört zu rauchen, ich
achte mehr auf meine Ernährung und ich mache
auch wieder etwas Sport (wobei bei letzterem die
Betonung auf „etwas" liegt). Ich will weniger nach-
lässig mit mir sein. Die nächste Aufforderung zur
Mammografie landet nicht wieder ungelesen im
Papierkorb und ich nehme mir vor, mich über die
Check-ups zur Vorsorge zu informieren. Eins
vielleicht noch: Früher habe ich Menschen, die ich
mag, gern gedrückt oder berührt zur Begrüßung. Ich
werde jetzt vorher überlegen, ob ich mit meinem
Gegenüber Viren austauchen möchte oder es lieber
sein lasse. Und wenn ich wieder in Freiheit bin,
möchte ich gern ein paar Fläschchen Sterillium
bunkern, für alle Fälle, versteht sich. Ansonsten
nehme ich mir in Sachen Gleichgewicht vor: mehr zu
lachen, mehr zu lieben... quasi mehr zu leben.
Free: Pixabay und Wikipedia

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
11
Was wäre wenn?
Was wäre, wenn
es keinen „Glauben“ gebe?
(HL-FAM)
Mit „Glauben“ meine ich nicht nur
den religiösen Glauben, es gibt so vieles mehr, an
das jeder persönlich glaubt. Sei es an die Familie, die
Freundschaft, die Liebe, an eigene Veränderung, an
Zuversicht, an Vergebung, an Vertrauen, an seine
persönlichen Entscheidungen, an den religiösen
Glauben, an Meditation oder einfach an sich selbst.
Diese Aufzählung könnte ich noch ganz lange so
weiterführen, aber jeder kann sehen, dass es in so
viele Richtungen gehen kann. Fakt jedoch ist, jeder
Punkt ist mit sehr vielen positiven Gefühlen/
Gedanken gefüllt. Ist es nicht gerade das, was einem
glücklich macht? Was einem den Sinn im Leben gibt?
Vor allem finde ich, dass der „Glaube“ an etwas ein
sehr starker Motor/Motivation ist. Er erfüllt das Tun
mit soviel Kraft, mit soviel Liebe, es macht die Sache
sehr authentisch, sehr lebhaft, einfach echt. Wenn
das dann sogar dazu führt, dass man andere damit
ansteckt und zum Mitmachen animiert, ist es einfach
traumhaft. Es gibt nichts schöneres, als eine Idee, an
die man glaubt, die sich entwickelt, immer größer
wird, diese in Taten umzusetzen, zum Leben
erwachen lassen. Das Ergebnis macht einen so stolz
auf sich, gibt Zuversicht, Kraft und Mut für das
nächste Projekt. Aus diesen positiven Erfahrungen
kann man Kraft und Motivation für spätere
Lebensprojekte schöpfen. Ist es nicht gerade hier in
dieser Umgebung ganz wichtig zu glauben? Daran zu
glauben, dass man aus seinen Fehlern gelernt hat,
dass man hierher nie wieder kommt, dass uns
Vergebung widerfährt. Ist der Glaube an uns selbst
nicht manchmal das Einzige, was wir haben? Werden
wir nicht ab und zu belächelt, oft wird uns nicht
geglaubt, dass wir uns geändert haben, wir werden
auf unser Delikt reduziert oder von manchen
ungerecht behandelt. Ist es dann nicht der „Glaube“
in uns, der uns weitermachen lässt? Manchmal ist es
aber auch genau andersherum. Ein anderer Mensch
glaubt an uns, wo wir es nicht mehr können. Zu
sehen, dass da jemand ist, der an uns glaubt, gibt die
Kraft weiterzumachen. Der Gedanke, da ist jemand,
der an dich glaubt, der mich versteht, der hinter mir
steht, gibt den Impuls umzudenken und weiter-
zukämpfen.
Von und für Jemand
Du bist bei mir - Ich bin bei dir
Spüre dich taub, sehe dich blind.
Immer wenn ich mich verlier,
führst du mich raus aus dem Labyrinth.
Der Tod könnte uns nicht einmal trennen,
ohne dich macht dieses Leben einfach keinen
Sinn.
Denn ohne die Richtung zu kennen,
fliege ich wie eine Feder im Wind.
Weil du meine inneren Regeln bestimmst,
was ich will, wie ich fühl, dass ich lieben kann.
Auch wenn alle gegen uns sind und es einfach
nicht sein soll, lauf ich mit dir, bis zum Schluss.
Egal wie steinig die Wege waren und sind,
für dich gehe ich bis aufs Blut.
Ich suchte meinen inneren Frieden
und bin dir begegnet.
Es ist wie eine Sucht mit dir,
doch dieser Kampf lässt mich klarer sehen.
Ich lasse mich leiten von deiner Erfahrung
und dem Instinkt.
Versuche mich treiben zu lassen
und die Reise mit dir, sie beginnt.
Auch wenn die Pfeile nicht
unsere Herzen treffen sollten,
so dreht es sich noch immer um uns beide.
Wir haben noch Zeit aber auch diese
ist irgendwann abgelaufen und gehört wem
anders.
Bevor du kamst, war mir nicht klar,
wie alleine wir ohne uns sind.
Doch wir Beide wissen, das alles gut wird.
Du bist bei mir – Ich bin bei dir – Wir sind bei uns
So wie du mich verführst
und mich aus dem Konzept bringst.
Wie du mich provozierst um zu hören,
wie lieb ich dich hab.
Wie du mich nennst mit deinen tausend Namen
und mich wieder zurück holst.
Ja die Liebe ist eine Kunst!
Mit dir verzieht sich der Smok
der endlosen Verletzung ,
denn heut bist du eine Art Navigation.
Ich war zwischen den vielen Masken
und Welten gefangen.
Deine helfende und warme Hand,
hab ich dringend gebraucht.
Vor dir war ich umzingelt von Rauch
und meine goldene Sonne schien matt-grau.
Doch sie geht gelb wieder auf, mit dir,
spür ich dieses kribbeln im Bauch.
Hab seit dem ersten Tag auf deine Zeilen vertraut,
nun bist du das Beste und Letzte was ich hör,
wenn ich schlafen gehe.
- Jemand - 2020

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12
Haft Leben Nr. 67
Was wäre wenn?
Wenn du - genau so wie du jetzt bist -
an jeden beliebigen Zeitpunkt deines
Lebens zurückkehren könntest?
(HL/NW)
Nur um dich selbst zu treffen,
würdest du es tun?
Wenn du dich für einen Tag entscheiden müsstest,
wohin würdest du zurückgehen?
Verhaftung verhindern?
Nimmst du vielleicht den Tag deiner Verhaftung?
Weißt du noch, wann du an dem Tag aufgestanden
bist? Was du wann gemacht hast und wo du dich
antreffen würdest. Du gehst also hin und klingelst und
musst dich nur selber überreden, dir die Tür
aufzumachen. Ist dein jüngeres Selbst schockiert,
sich nochmal zu sehen oder denkt sie einfach, dass
der Stoff von letzter Nacht bloß unglaublich gut war.
Was erzählst du dir selbst, um dich zu überzeugen,
dass du wirklich sie bist. Vergleicht ihr alte Narben
oder Leberflecken an denselben Stellen oder
überzeugst du sie mit dem alten Kinderversteck, von
dem niemand außer dir wusste. Beschäftigst du sie
nun einfach den ganzen Tag und feierst die beste
Party mit dir selbst und lässt keinen von euch beiden
aus dem Haus gehen. Oder erzählst du ihr genau,
was dir wann an dem Tag passiert ist. Was ihr an
dem Tag, so wie du ihn noch erlebt hast, noch
passieren wird. Warnst du sie einfach vor dem Zugriff
oder versuchst du, ihr die Tat an sich auszureden.
Soll sie mit solchen Sachen allgemein aufhören oder
soll sie einfach bloß nicht erwischt werden. Und wenn
sie (oder du) nicht mit der einen Tat erwischt würdest,
wäre es dann nur später eine andere. Kannst du nur
sie vor dem Zugriff retten oder rettest du damit
wirklich dich selbst. Denkst du darüber nach, was mit
dir passiert, wenn sie an dem Tag nun nicht mehr
verhaftet wird.
Verhängnisvolle Begegnung rückgängig machen?
Oder würdest du weiter in deinem Leben zurück-
gehen? Wäre es dir wichtig, dich vor einer ganz
bestimmten Person in deinem Leben zu warnen.
Wenn du denkst, du kennst dich selbst am besten,
wie überzeugst du dich am erfolgreichsten. Wie alt
bist du zu diesem Zeitpunkt? Würde dein jüngeres Ich
schon zweifelsfrei erkennen, dass du nur eine ältere
Version von ihr bist oder kannst du dich als jemand
anders ausgeben. Wohin zurück gehst du überhaupt?
Riskierst du einen Zeitpunkt, zu dem dein jüngeres
Selbst die Person schon kennt oder würdest du
versuchen, deren Treffen und Kennenlernen komplett
zu verhindern. Erinnerst du dich genau an den
Verlauf der verhängnisvollen Beziehung und welche
Warnsignale du damals schon alle ignoriert hattest.
Könntest du dich selbst dazu bringen, dich dazu
überreden, sie doch ernst zu nehmen und dem
Verhängnis zu entgehen. Wirst du, kannst du, willst
du deinem jüngeren Selbst die Hoffnung auf ein gutes
Ende ausreden.
Oder ist es doch sicherer, wenn du - wenn alle deine
Ichs, egal in welchem Alter - diese eine Person nie
kennenlernen. Wie willst du das bewerkstelligen? Wie
willst du sicherstellen, dass dir eine konkrete Person
niemals begegnet. Triffst du dich selbst und
veränderst dein Leben oder lenkst du die Bahnen der
anderen Person so um, dass sie dir niemals
begegnen kann. Ist damit deine Zukunft dann auch
wirklich gerettet? Oder kann auch eine andere
Person, von der du auf deinem gegangenen
Lebensweg nie erfahren konntest, auf einem anderen
Pfad, den du deinem jüngeren Ich dann eröffnest,
dich ähnlich schädlich beeinflussen oder aus der
Bahn werfen. Kannst du negative Wendungen und
Entwicklungen deines Lebens tatsächlich verhindern
oder begegnen sie dir - einmal vermieden - hernach
nur an anderer Stelle, mit anderem Gesicht, in
anderer Zusammensetzung. Kann auch jemand
anders wieder dieselbe Macht über dich ausüben?

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
13
Was wäre wenn?
„Was wäre, wenn nur 10 % und die
Gefängnisse übrig bleiben“
(HL-NW)
Hey Leute,
„Was wäre,
wenn“?
ist schon eine abgefahrene Frage und
manchmal oder sogar oft ist das Leben viel verrückter
als man vorher spinnen kann. Ich meine, wenn 2015
jemand gesagt hätte
„Was wenn Donald Trump zum
Präsidenten gewählt wird?“
haha, war der damals gut.
Also denken wir mal völlig verrückt und unrealistisch.
Stellt euch vor, da kommt noch eine zweite, viel
bösere Corona-Welle (wer will möge hier seine
beliebteste Verschwörungstheorie einfügen …), die
natürlich völlig außer Kontrolle gerät. Endergebnis ist,
dass 90 % der Weltbevölkerung in nur ein paar
Wochen sterben - keine Sorge, nicht unsere Familien,
die gehören natürlich zu den 10 oder so Prozent, die
überleben.
Durch schnelle und drastische Maßnahmen wurden
die Gefängnisse alle abgeriegelt mit den letzten
gesunden Bediensteten, die nun auch auf dem
Knastgelände untergebracht sind und einen
Rumpfbetrieb aufrechterhalten. Dann wird bald klar,
dass draußen kaum noch jemand übrig bleiben wird.
Erst bricht das Gesundheitssystem zusammen - wie
will man denn 90 % der Leute gleichzeitig behandeln
und womit? Danach folgen ziemlich schnell auch alle
anderen Bereiche. Die Wirtschaft bricht zusammen
ohne verfügbare Arbeiter, was vielleicht gar nicht so
sehr auffällt, weil ja auch kaum noch jemand zum
Kaufen da ist. Ohne Journalisten, Fernsehtechniker
und Moderatoren brechen alle Nachrichtenströme
sehr bald ab. Das Internet funktioniert nur noch mit
den Informationen der wenigen Überlebenden und
selbst das nur da, wo noch genügend Strom zum
Akku laden für die Smartphones aus der Steckdose
kommt. Dank der weitreichenden Automatisierung
läuft vieles weiter, es dürfen nur keine Zwischenfälle,
Unfälle oder Wartungsfälle auftreten, die dann
menschliche Techniker brauchen würden.
weiter von Seite 12
Dir als Kind helfen?
Vielleicht denkst du auch an dich als Kind zurück
und überlegst, ob ein bestimmtes Ereignis von
damals dich und deinen Lebensweg sehr stark in
eine Richtung gestoßen hat. Was darf dir nicht
passieren, wovor musst du dein kindliches Ich
schützen? Denkst du, dass du dir im Kindergarten
oder der Grundschule schon hättest vorstellen
können, wie du jetzt aussehen wirst. Als was wirst
du dich dem kleinen Mädchen, das du damals
warst, vorstellen. Welche Geschichte von einer
entfernten Tante oder anderen Person erfindest du,
damit sie glaubt, was du ihr erzählst. Wie gewinnst
du ihr Vertrauen und wie verhinderst du bei ihr das
Trauma, das dich die ganze Zeit auf deinem
Lebensweg beschwert. Eben jenes Trauma, das
keine Schatten mehr über den neuen, anderen
Lebensweg dieses kleinen Mädchens werfen soll.
Sind es körperliche Narben oder seelische, die du
zu verhindern versuchst. Kannst du dir vorstellen,
dass ein Leben jenes Mädchens ohne diese
bestimmte Erfahrung wirklich ganz anders und viel
glücklicher verläuft. Wie sehr wurde dein Leben von
nur einer Erfahrung gelenkt und beeinflusst und
könntest du es ohne sie wirklich entscheidend
verändern.
Wirklich ein besseres Leben?
Könntest du dann kontrollieren, ein anderes Leben
zu haben. Ein besseres? Würdest du riskieren,
auch alle Stärken einzubüßen, die du aus
schlechten Erfahrungen schöpfen konntest. Was
bedeutet für dich ein besseres Leben? Und besser
als was - besser als dein jetziges Leben, besser als
dein Leben vor deiner Haft, besser als das Leben
anderer? Kannst du dieses 'Besser' oder irgendein
Besser vielleicht auch von hier erreichen?
Wovon träumst du? Welche Träume hast du für das
Kind, das du warst, und welche Träume kannst du
noch verwirklichen.
Nach dem heutigen Stand der Physik und Technik
wird sich keine von uns ernsthaft diese Frage
stellen können, keine wird tatsächlich die Fähigkeit
haben, etwas in ihrem Leben rückgängig zu
machen oder zu verändern. Die Ungewissheit, ob
uns ein anderes Leben wirklich besser gefallen
würde, ob wir mit einem anderen Leben so viel
zufriedener wären, wird für uns alle bleiben.
Der Traum einer veränderten Vergangenheit wird
genau das bleiben: ein Traum. Doch die Wünsche
für eine Zukunft bleiben uns auch im Jetzt und
Heute.
Foto: F 29 Architekten, 2009, Archiv HL

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14
Haft Leben Nr. 67
Was wäre wenn?
weiter von Seite 13
...
Die Regierungen und Organisationssysteme brechen
überall zusammen, weltweit sind vielleicht noch eine
Handvoll Regierungschefs übrig und kein Ver-
waltungsapparat hat noch nennbares Personal zur
Verfügung.
Hier drinnen merken wir vor allem, dass kein
Nachschub mehr von draußen kommt - weder an
Gefangenen noch an irgendwas anderem. Der
Einkauf fällt aus, weil die Lieferketten nicht mehr
funktionieren. Für die Raucher wird es durchaus
brenzlig, und das geht den paar rauchenden
Bediensteten ganz genauso. Verhungern müssen wir
lange nicht, denn die Kühl- und Gefrierlager der
Küche sind gut gefüllt. Das Essen wird halt nur immer
eintöniger, weil nichts frisches oder abwechslungs-
reiches mehr dazu gekauft werden kann. Vier
Wochen lang nur Knastbrot, Margarine und die
immer gleiche Marmelade. Halleluhjah! Die ersten
fangen da schon an, mit getrockneten Brotrinden den
letzten Tabak zu strecken oder es gleich pur rauchen
– ughhh, dann lieber aufhören?
Fragt mich nicht, wie lange es dauert, aber früher
oder später wird dann der Außenwelt und den
Bediensteten klar, dass neben den paar Hanseln
draußen nur noch die Gefangeneninsassen übrig
sind. Wenn das mal keine schöne neue Welt ist? In
den USA wird das besonders lustig, weil Donald
Trump natürlich überlebt hat - den nimmt nicht mal …
- aber jetzt hat er fast nur noch schwarze
Staatsbürger. Na viel Spaß! In Deutschland gibt’s
kaum noch Politiker, Banker oder Steuerhinterzieher,
sondern eben uns. Und wir müssen jetzt die Welt
irgendwie weiterführen.
Spätestens wenn alle Lager leer sind, muss
irgendwer die Lebensmittelproduktion wieder
ankurbeln, und ich meine schon die Landwirtschaft
insgesamt und nicht nur die Graslandwirtschaft. Ich
weiß ja nicht, wie viele von euch Lust haben, sich
ihre Steaks und Beinscheiben wieder selber zu
fangen.
Wenn’s keine neuen Serien oder Filme mehr gibt,
braucht man sicher immer noch ne ganze Weile, bis
man Netflix leer geguckt hat. Wobei - ich weiß nicht,
wie es euch da geht - ich hätte durchaus ein paar
Filme, die ich auch in Endlos-Schleife
(***)
schauen
könnte. wären da nicht diese blöden Stromausfälle.
Einigen wir uns noch rechtzeitig, wer sich via
Smartphone schlau macht, wie man so ein
Stromkraftwerk am Laufen hält. Oder losen wir schon
mal aus, wer dann in die Bibliotheken einbricht, um
es sich wieder anzulesen. Oder will’s jemand neu
erfinden? Wir hätten ja dann die besten
Möglichkeiten, so viel so ganz anders zu machen.
Etwas neu zu denken und neu anzufangen, fällt ja
viel leichter, wenn man ganz von vorn beginnt als
immer weiter an einem vorhandenen Konstrukt
rumzupfuschen.
Ein Problem wär da allerdings noch: wenn draußen
nur 10 % überbleiben, dann sind das wahrscheinlich
trotzdem annähernd die Hälfte Männer und die Hälfte
Frauen. In Gefängnissen sind wir Frauen allerdings
nur 5 %, was wohl auch weltweit zutrifft. Klar sind
Frauen dann immer noch nicht so rar wie Diamanten
(so wertvoll sind wir ja unbestritten!), aber die
Weiblichkeit wird in der Minderheit sein. Frage an die
Mädels, wie wollen wir damit umgehen; Frage an die
Jungs, könnt ihr damit umgehen. Ich meine jetzt nicht
mal die Frage der Wiederbevölkerung der Welt, damit
können wir uns ja ruhig Zeit lassen, oder. Nein, ich
meine den Umgang miteinander, wenn Testosteron-
Überschuss herrscht. Obwohl es sich ja eh erst mal
verteilen müsste.
Ist Chemnitz dann plötzlich eine Stadt der Frauen?
Oder strömen wir alle sofort in die Freiheit, in die
eigenartig frei gewordene Welt. Für mich gibt es
sicher noch einige Orte auf der Welt, die ich gern
sehen möchte. Die sind ja jetzt auch nicht mehr so
touristisch überlaufen, aber finde ich noch Piloten, die
mich dahinfliegen. Oder gibt es noch genügend
Segler, die mich zusammen mit Greta Thunberg per
Hafen-Anhalter mitnehmen können. Ach halt,
Chemnitz hat ja weder einen Flugplatz noch einen
Hafen. Na irgendwie komm ich schon hin.
Ja okay, die Voraussetzung für eine solche neue
Welt, für eine viel schnellere, plötzliche Freiheit, wäre
eine ziemlich krasse Katastrophe, die ich mir so nie
wünschen würde. Aber die Frage war ja, „was wäre
wenn“.
Im Moment weiß ich nur zwei Dinge: Es sind schon
ziemlich krasse Sachen auf der Welt passiert, ohne
dass sie jemand vorausgesehen hat oder
voraussehen konnte. Fragt mal die Dinos! Und auch
wenn ich keine Zukunft, nicht mal meine eigene,
voraussehen kann, hält mich ja nix davon ab, über
meine Zukunftspläne nachzudenken.
(***) - Antworten zu euren Endlos-Schleifen-Filmen
könnt ihr gern mit den Rätsellösungen einreichen.
Danke.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
15
„HaftLeben“ - Interview mit Melody?
(HL/PFL)
Wir von der Redaktion
„HaftLeben“ hatten ja vor längerer Zeit eine Aktion
gestartet, um über Mutter/Kind und Oma/Kind zu
Besuch im Gefängnis zu berichten.
Dann sollten noch einige Treffen folgen, leider kam
Corona dazwischen.
Als nun so langsam die Lockerungen bei Besuch
kamen, wollten wir aber trotzdem noch kein Treffen.
Ihr wisst ja selbst wie es ist, jemandem, dem man
sehr nahe steht und den man liebt und fest in die
Arme schließen möchte, müsste man dann
gegenüber sitzen, ohne oder nur ganz flüchtige
Berührung. Aber irgendwann, hoffentlich bald, werden
wir die Corona Zeiten überstanden haben.
Diesmal habe ich ein kleines Interview mit meinem
Enkelkind geführt. Ich wollte wissen, was die Kid‘s so
bewegt.
HL-Frage: Als es darum ging, dass du wegen
Corona nicht mehr in den Kindergarten konntest,
was hat dir daran gefallen?
Antwort von Melody: Lange schlafen, zu Hause sein,
kein Mittagschlaf, wenn ich nicht wollte, viel spazieren
gehen mit Mama und den Hunden im Wald, Fahrrad
fahren, malen und über Skype mit der Oma reden.
Wir haben dann Spiele am Telefon gemacht.
Zum Beispiel Märchenrätsel, Rätsel über Tiere oder
welches Obst ich gerne mag. Ich esse sehr gerne
Erdbeeren und Oma hatte, als sie noch zu Hause
war, viel Erdbeermarmelade gekocht. Leider ist die
nun alle. Ich hätte aber gerne welche von Oma
gehabt.
HL-Frage: Was war nicht so schön?
Antwort von Melody: Als Mama von zu Hause aus
gearbeitet hat, da musste ich leise sein und öfter
alleine spielen oder malen. Ich konnte nicht mit
meinen Freunden spielen. Immer alleine auf Dauer
langweilig. Wir konnten nicht ins Schwimmbad, nicht
auf den Spielplatz, nicht ins Kino. Wir konnten die
Oma nicht besuchen. Ich konnte nicht auf ihrem
Schoß sitzen und sie festdrücken.
Und das ist nicht so schön, dass es jetzt keine von
der Oma eingekochte Marmelade gibt. Ich dachte ja,
dass die Bediensteten vielleicht welche mitbringen
können und die Oma kocht mir dann welche. Aber
leider geht das jetzt nicht. Schade!

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16
Haft Leben Nr. 67
Melodys schönstes Ferienerlebnis
(HL/PFL)
Meine
Enkelin
liebt,
eigentlich schon seit sie auf der Welt ist, das
Element Wasser. Es könnte vielleicht daran liegen,
dass sie unter dem Sternzeichen Fische geboren
wurde. Mit Wasser kann man soviel machen. Ob es
das ausgiebige Baden in der Wanne ist, im Pool,
einfach durch die Bachläufe waten oder durch jede
Pfütze nach einem größeren Regen springen. Mit
Sand und natürlich Wasser Kuchen backen, Burgen
bauen oder sich selbst einbuddeln lassen. Blumen
und Sträucher gießen.
So war es auch nicht anders zu erwarten, als ich
meine Enkelin fragte, was denn ihr schönstes
Ferienerlebnis war. Es war der Ausflug an einen
stillgelegten Baggersee. Sie fuhr zusammen mit
ihrer Mama und deren Freund sowie eine Freundin
und deren Eltern an den Baggersee. Durch Corona
war der Strand, trotz wunderschönem Wetter, nicht
überfüllt. Die Badegäste hielten den nötigen
Abstand. Der Eintritt war frei. Meine Enkelin war
natürlich voll ausgerüstet mit Schaufel, Förmchen
und Eimer.
Einige Plüschtiere, Hase und Teddy, die nie fehlen
durften, waren auch dabei.
Meine Enkelin war viel im Wasser, sammelte am
Rand mit ihrer Freundin Steine, die sie für die
Sandburgen brauchten.
Mit ihrem Flamingo-Schwimmreifen schwamm sie
laut eigener Aussage gaaaaanz weit auf den See.
Hunger musste auch keiner leiden. Die Mama hat
viel Essen und Trinken mitgenommen, weil, bei
frischer Luft, Sonnenschein und Wasser bekommt
man besonders großen Hunger und Durst. Ich fragte
sie dann so nebenbei, wo sie denn den Müll, also
die Verpackungen und leere Flaschen, hinräumen,
denn Verkaufsstände und Mülleimer gibt es dort
nicht. Sie sagte ganz stolz, Oma das nehmen wir
alles mit und zu Hause kommt es dann in den Müll.
Die Mama hat gesagt, dass die Menschen nur
solange hier baden dürfen, wie sie Ordnung halten.
Und ich möchte da noch oft hin. Meine Enkelin sagt
nach jedem Ausflug, egal wo sie war, Oma da musst
du auch mal mit. Wie lange dauert es noch? Ich
kann es kaum erwarten, wieder mit der Familie solch
Ausflüge zu unternehmen.
Darauf freuen wir uns alle sehr.
„Meerjungfrau im Baggersee“ , Melody, 5 Jahre

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
17
„HaftLeben“ - Interview mit P.
HL-Jemand:
Was hast du bis jetzt in den Ferien alles so schönes gemacht?
P., 7 Jahre:
Ich war ganz oft im Pool baden gewesen, manchmal sogar dreimal am Tag, weil da die Sonne so
doll geschienen hatte. War aber auch im Freibad, wo gar nicht so viele da waren.
Dann war ich mal im Zoo gewesen, wo ich echt viele Tiere gesehen habe, aber leider gar keine Löwen, die
haben da sicher geschlafen oder haben sich im Schatten erholt.
Fahrrad bin ich gefahren und da hab ich sogar den Opa und de Oma abgehängt. Spazieren und Wandern war
ich auch gewesen.
Im Hort war ich auch noch und da durften wir unser Spielzeug mitbringen, war voll schön gewesen. Da hab
ich sogar die anderen Kinder wieder gesehen.
Sonst hab ich ganz schön viel gespielt und gemalt. War halt den ganzen Tag auch draußen gewesen und hab
auch mit Karlo gespielt.
HL-Jemand: Was war das schönste Ferienerlebnis für dich?
P., 7 Jahre:
Das war, als du zu Hause bei mir warst. Das war voll schön, als ich dir meine ganzen Pferde
gezeigt habe - und jetzt hab ich ein kleines noch dazu bekommen, was ich dir beim nächsten Mal zeige, wenn
du nach Hause kommst. Als wir draußen waren, war das auch toll und der Karlo hatte sich ja auch riesig
gefreut, dich wieder zu sehen aber de Oma und der Opa auch. Du musst halt bald wieder nach Hause
kommen weil ich dir voll viel zeigen muss. Ich heb das so lange bei mir auf. Vielleicht dauert es ja gar nicht
mehr so lang.
Ferienerlebnisse, P., 7 Jahre

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18
Haft Leben Nr. 67
Wie Comics in die JVA kamen, Teil 2

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
19
Wie Comics in die JVA kamen, Teil 2
Herzlichen Dank an Stephanie für die Genehmigung zum Abdruck ihres
Comics!
Herzlichen Dank an Frau Weyhe und Frau Koch, die maßgeblich zum
Gelingen dieses Projektes beigetragen haben!
Herzlichen Dank an die Anstaltsleitung, die dieses Projekt ermöglicht
hat.
In den nächsten „HaftLeben
-
Heften“ möchten wir auch noch die
anderen fünf Comics abdrucken.
Redaktion „HaftLeben“

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20
Haft Leben Nr. 67
Unsere HL-Fragen an den Anstaltsbeirat
Susanne Schaper
Landtagsabgeordnete, examinierte
Krankenschwester, Diplom-Pflegewirtin (FH)
Anstaltsbriefkasten oder
das Bürgerbüro MdL Susanne Schaper im Rothaus,
Lohstr. 2,
09111 Chemnitz
Durch meine Fachbereiche der Sozial- und Gesund-
heitspolitik glaube ich einen wirklichen Beitrag leisten
zu können, den Gefangenen bei ihren Problemen zu
helfen. Auch Gefangene haben Grundrechte und
diese gilt es zu wahren.
Der Vollzug darf sich in einem demokratischen Rechts
- und Sozialstaat niemals in bloßer Verwahrung der
Gefangenen erschöpfen, sondern muss aktiv und
vordergründig zur Resozialisierung als
Wiedereingliederung ins gesellschaftliche Leben
beitragen. Dafür möchte ich mich einsetzen.
„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das
Unmögliche versucht werden“ - Hermann Hesse -
Meine Familie und meine Hunde.
Frank Rettig
Verwaltungsangestellter im öffentlichen Dienst
Anstaltsbriefkasten
Einem Außenstehendem sind die Abläufe und
Vorgänge in der JVA fremd und es herrschen zu
viele Vorurteile vor. Daher möchte ich gern Einblicke
in die JVA-Chemnitz erhalten, Abläufe verstehen,
Vorurteile abbauen und schauen wo ich mich
einbringen kann.
Die zweite Chance ist nicht immer gratis, aber es
lohnt sich um sie zu kämpfen.
Behandle andere Menschen so, wie du von Ihnen
behandelt werden willst (selbst die Unangenehmen).
Ein Lehrbuch, um auf einer einsamen Insel zu
überleben.
Kontakt über ...
Kurzbeschreibung weshalb Sie uns und in der 7. Legislaturperiode als
Anstaltsbeirat unterstützen wollen.
Was wollten Sie uns Gefangenen schon immer mal sagen?
Haben Sie ein Vorbild oder eine Lebensmaxime?
Wen oder was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Foto: S. Schaper und F.Rettig

Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
21
Unsere HL-Fragen an den Anstaltsbeirat
Was darf in Ihrem Kühlschrank niemals fehlen?
Käse für Nudeln, Cola Zero, Hühnchen und Zutaten
für einen guten Salat
Spazieren gehen, sehr viel Musik hören, Freunde
treffen, Essen gehen.
Ich laufe jeden Tag 30 min auf Arbeit und höre dabei
Musik oder Podcasts.
Kommt definitiv auf das Thema an. Meinen Laptop
kann ich nur sehr schwer weglegen aber mehrmals
die Woche muss ich mich zum Sport echt
überwinden.
Meerrettich, Eier und eine Flasche Sekt
Gerne auch einfach mal nichts.
Den Spaziergang mit den Hunden.
Aufhören, denn wenn ich angefangen habe, finde ich
es schwer, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Es
fällt mir dann immer noch etwas ein, was ich hätte
besser machen können.
Was machen Sie an einem überraschend freien Tag?
Welches tägliche Ritual pflegen Sie?
Was finden Sie schwerer, anfangen oder aufhören?
„Umpfghh“ - Wie bitte - was?
(HL/LEA)
Warum muss es Oberflächen geben, könnte man die Welt von ihnen befreien?
In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir gelernt, Oberflächen aller Art mit Misstrauen zu
begegnen. Oberflächen sind Landeplätze und Lauerstationen für das sattsam bekannte Virus, dessen
Namen ich nicht mehr aussprechen, geschweige denn hinschreiben möchte und ich nenne es daher
"
Umpfghh
". Wir wissen, dass
Umpfghh
am liebsten durch Husten oder Niesen, also "aerosol" übertragen
werden will und auch, dass seine Lebensdauer auf Oberflächen begrenzt ist. Doch was nützt uns das?
Husten und Niesen sind weitgehend geächtet, man verbirgt das entsprechende Geschehen in der Armbeuge.
Die Oberfläche aber lacht uns nackt entgegen, wahrscheinlich noch bedeckt von einem dichten Pelz aus
einzelnen
Umpfghh
, die alle miteinander nicht zu sehen, nicht zu fühlen, nicht zu riechen sind. Nur wer genau
hinlauscht, hört dieses irre widerliche Virenkichern, das
Umpfghh
von allen anderen Kleinstlebewesen
unterscheidet.
Ich habe Oberflächen hassen gelernt in diesen Tagen. Meine Abscheu gehört den Klinken, Griffen,
Türknöpfen, Armlehnen, Hebeln und Tischen, ja sogar der Kleidung, den Nägeln und der Haut gilt mein
Misstrauen. Es ist schlimm geworden mit mir, warum muss es Oberflächen geben? Wieso ist nicht alles, was
uns umgibt, reine Tiefe, in der
Umpfghh
und seine Genossen ersaufen oder ersticken?
Überall rücken uns Oberflächen zu Leibe. Die Meeresspiegel steigen. Noch vor kurzem waren Fernseher
unförmige Apparate, heute sind sie flach wie Buttermesser. Und wer ein Computer-Tablet in der Hand hält,
hat das Gefühl, das Gerät sei pure Oberfläche, sonst nichts. Wir sind umstellt, bedrängt von Oberflächen. Die
ganze Welt ist irgendwie Tapete. Es ist kein Wunder, dass
Umpfghh
so leichtes Spiel hatte. Es ist doch kein
Wunder.
(gelesen bei "Süddeutsche Zeitung - Magazin" und frei nacherzählt)
Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer HL-Fragen!

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22
Haft Leben Nr. 67
Tagebuch - Gedanken
Tagebuchauszug-
Ein langer Tag im Winter
(HL/UNDINE)
Es klingelt in den frühen
Morgenstunden. Gerade bin ich vom Gassiegang mit
meinem Hund zurück und öffne erneut die Tür: Die
Bullerie steht vor mir, ich stöhne und sie reden etwas
von 78 Tagen, am Ende werden es fast fünf Jahre
sein. Ich fasse es nicht, bin völlig unvorbereitet, noch
nicht einmal geduscht und gesellschaftsfähig
gekleidet, in den typischen Hundeklamotten eben.
Was soll ich jetzt zuerst tun, rufe in Eile meinen
Anwalt an, er versucht einen Haftaufschub, eine
knappe Stunde später kommt die Ablehnung durch
die Staatsanwaltschaft. Ich muss mit, sofort, ohne
Geld (ich weiß aus Erfahrung, was das in den ersten
Tagen der Haft bedeutet), ich fühle mich blank,
finanziell und körperlich, ertappt, gestresst und
überwältigt. In völliger Überforderung kralle ich mich
im Fell meines Hundes fest, er hält ganz still und
spürt, etwas ist gerade anders als sonst. Die einzige
Hilfe in diesen Morgenstunden ist mein Sohn, der
zufällig mit in der Wohnung ist, er ruft eine
Hundefreundin an, die kurz darauf auch im Flur
steht, langsam wird es eng. Beide bezeugen ihre
Hilfe, sie werden sich um meinen Hund kümmern
und eine Lösung finden. Ich muss loslassen und
vermag es doch nicht, kann den Hund nicht
übergeben, aus meinem Mund kommt ein Nein und
noch ein Nein; nein, nein, nein, nein.
Fast stehe ich vor einem Zusammenbruch und kann
diesen gerade noch abwenden, stelle mir das Drama
mit Arzt, Krankenwagen, Polizei in meiner Straße
und im Haus vor und schaffe es, schwach zwar,
gerade noch an mich zu halten. Irgendwann will ich
schließlich zurück, hoffe also, meine Nachbarn
bekommen von der Prozedur nicht all zu viel mit.
Scheiße, Scheiße, Scheiße dröhnt es in meinem
Kopf und löst gleichzeitig etwas die Verspannung.
Ich will den Moment ewig machen, will nicht gehen.
Die Bullerie wartet höflich, noch, bis ich soweit bin,
ich steige über meinen Hund, der demonstrativ vor
der Wohnungseingangstür liegt und allen damit sagt,
wie doof er das gerade alles findet. Zum ersten Mal
wünschte ich, mein Hund würde beißen, den
Polizeibeamten in die Beine. Er tut es nicht, er liegt
wie ein Fels im Flur, still und trauert vor. Verdammt,
verdammt, mein Hund, mein Hund. Ich will rückwärts
gehen und muss doch vorwärts laufen.
Minuten später sitze ich im Auto auf dem Weg zur
Bullerie-Dienststelle. Dort warte ich im Flur auf einem
Stuhl flegelnd und überlege ernsthaft, abzuhauen.
Doch fällt mir ein, die letzte Tür vor dem Ausgang
kann nur ein Mitarbeiter in der Kanzel öffnen, ich
würde vor die Glastür rennen. Die Peinlichkeit dieses
Gedankens im Nacken raubt mir den vorletzten
Widerstand, schließlich kenne ich dieses Haus zu
gut, musste mich wöchentlich hier melden und
dachte so, einer erneuten Verhaftung entgehen zu
können. Falsch gedacht und aufgewacht.

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
23
Tagebuch - Gedanken
"Es geht los, Frau B." Wie ich diesen Satz hasse,
und gleichzeitig ist er zu einem festen Bestandteil
meiner Biographie geworden. Was für ein Mist. "Es
geht nach Chemnitz." Den Weg kenne ich. Ich bin
stark entzügig, mir fehlte, noch zuhause, unter dem
Blick der Bullerie die Gelegenheit, noch schnell eine
Ladung Heroin in den Körper zu pumpen. Die letzte
Kraft beginnt sich gerade aufzulösen. Verzweifelt
suche ich nach meinen Medikamenten, die brauche
ich jetzt dringend, so glaube ich, jetzt sofort. Ich
krame herum und suche, die Polizeibeamtin vor mir
merkt es und will mich an der Einnahme hindern, ich
schreie die Luft im Wagen zusammen, wir rangeln,
sie schlägt mir ins Gesicht. Ich verstumme und bin
beeindruckt.
Nach dem Schock stecke ich nun mitten in der
zweiten Phase: Wut. Nun hält das Auto am
Straßenrand und der Fahrer öffnet die Seitentür und
gibt mir deutlich zu verstehen: "Wir können auch
anders." Ja, ja, ein schöner Filmtitel, denke ich,
obwohl ich nicht glaube, dass er diesen Film kennt.
Wir sind schneller in Chemnitz, als ich in Erinnerung
hatte. Die Mauer hat keine Lücke mehr, jetzt gibt es
eine Schleuse; das kannst du vergessen, sage ich
leise zu mir, wissend, was nur ich weiß. Flucht
ausgeschlossen. Die Energie kann ich dieses Mal
sparen. Das übliche Prozedere beginnt: Aufnahme,
Kammer, Arzt. Die erste seelisch-moralische Hilfe
kommt in Gestalt von Psychologe und Sozial-
arbeiterin. Sie bemerken meine fragile Verfassung.
Wir kennen uns gut. Gott sei Dank, liebenswerte
Menschen. Ich fühle mich erstmals an diesem Tag
gut aufgehoben.
Der Entzug schleicht durch meine Knochen.
Subutex bringt langsam Rettung. Ich möchte mich
nur noch aufs Bett knallen und schlafen. Doch zuvor
öffnet sich knallend die Zellentür. Psychologe und
Sozialarbeiterin versuchen mir kleinsilbig und
langsam etwas zu eröffnen. Ich ahne nichts Gutes.
Heraus kommt, mein Hund wird an den Züchter
zurückverkauft und anschließend an eine Familie
nach Schleswig- Holstein übergeben.
Den kleinen Tollpatsch werde ich nie
wiedersehen.
Jetzt ist es soweit: Was bis zur Stunde noch stand,
fällt nun. Ich erleide einen Nervenzusammenbruch.
Die Auswirkungen werden mich am Ende für Monate
ins Krankenhaus bringen. Doch erst einmal hat
dieser Tag noch viele Stunden.
Nachdem ich geschrien und geheult, geschrien und
geheult habe und glaube, nichts anderes je getan zu
haben, erhalte ich ein Angebot. Aus Angst, die
bekannte chronische Suizidalität gewinne wieder die
Oberhand, schlägt man mir den Aufenthalt im bgH
(besonders geschützter Haftraum) vor. Nun, was
wäre die Alternative? Zwangsweise Unterbringung
im bgH. Die Antwort wusste ich bereits. Ich schleppe
mich widerwillig in den Keller. Der Raum voll Nichts
ist schließlich auch ein alter Bekannter. Erneut muss
ich mich an diesem Tag nackt machen und
Gleichgültigkeit bekämpft die Scham. Ich lege, wie
gewohnt, die bgH-Uniform an, eine Kombination aus
dunkelblauer kurzer Shorts mit Shirt.
Nun bin ich allein. Die Lüftungsanlage rauscht stetig
und laut 24 Stunden lang. Die Fußbodenheizung
ballert durch die Fliesen. Ich laufe ein paar Schritte
und lasse mich dann auf die schwarze Matte am
Boden fallen. Fertig, ausgelaugt und körperlich
kaputt lege ich mich um. Am Rand entdecke ich
zwei tote Fliegen, der Staub unter meinen Füßen
fühlt sich schmutzig an. Das französische Klo stinkt
mir entgegen. Kein Raum zum Wohlfühlen. Meine
Wut weicht langsam zurück, die Depression steht
schon bereit. Ich werde ins Krankenhaus müssen,
das weiß ich. Hoffentlich kann ich ein wenig
schlafen, hier auf dem Boden ist jede körperliche
Position unbequem.
Jetzt komme ich etwas zur Ruhe und denke in mich
hinein.
Was wäre gewesen, wenn ich heute Morgen die
Wohnungstür nicht geöffnet hätte?
Fotos Seite 22 und 23: Bernd Kasper_pixelio.de

24
Haft Leben Nr. 67
1. Wenn ich sehr angestrengt über etwas
nachdenke, dann ...
A: zerbreche ich mir den Kopf
B: zerschlage ich mir die Synapsen
C: brennen meine Drähte durch
D: läuft mein Getriebe heiß
2. Ein auf Zelle sehr beliebtes Gerät zur
Beschäftigung ist die ...
A: Klarsichtfolie
B: Mattscheibe
C: Transparenzauflage
D: Kunststoffplatte
3. Wer hier und da immer wieder auffällt, ist
vielleicht ein ...
A: schiefer Hund
B: krummer Fisch
C: schräger Vogel
D: lahmer Frosch
4. Eines der berühmtesten Wahrzeichen von
Paris ist ...
A: das Rhönrad
B: das Rhone-Delta
C: der Hartzbogen
D: der Eifelturm
5. Einer der längsten Flüsse Frankreichs, der
auch durch die Hauptstadt Paris fließt, ist die ...
A: Meine
B: Seine
C: Deine
D: Ihre
6. Den Amtssitz des Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika nennt man:
A: Weißes Haus
B: Rotes Rathaus
C: Goldenes Amt
D: Blauen Palast
7. Farbige und dunkle Venen, die sich mit
zunehmendem Alter vor allem auf den Beinen
abzeichnen, nennt man landläufig:
A: Schwammadern
B: Bürstenkratzer
C: Besenreißer
D: Fegerborsten
8. Welches Geschenk für eine Mitgefangene
würde einen Diszi nach sich ziehen?
A: grüner Daumen
B: schwarzer Kaffee
C: rote Rose
D: blaues Auge
9. Wer Geld spart, egal ob Ü-Geld oder anderes,
der legt es ...
A: ins Eisfach
B: in den obersten Küchenschrank
C: in die unterste Schublade
D: auf die hohe Kante
10. Ursprünglich aus einem Kartenspiel – wenn
einem für etwas die Schuld zugeschoben
werden soll, bekommt man den …
A: schwarzen Peter
B: roten Michel
C: blauen Markus
D: grünen Roland
11. Will man etwas ganz genau nehmen,
vielleicht sogar zu genau, dann wird man es
A: nach der Atomuhr stellen
B: auf die Goldwaage legen
C: auf dem Silbertablett servieren
D: mit der Pinzette anfassen
12. Welcher Besteckteil kann beim Kochen nach
Rezept wichtig sein?
A: Gabelzinken
B: Löffelstiel
C: Essstäbchen
D: Messerspitze
13. Welche Position oder Technik ist beim
Fußball nicht erlaubt?
A: Flügelstürmer
B: Rasenflitzer
C: Libero
D: Fallrückzieher
Das HL - Preisrätsel
Nachlesen und Nachfragen sind ausdrücklich erlaubt!
Nur eine Antwort ist richtig.
Alle Fragen und Antworten hat sich diesmal
HL/NML
ausgedacht . Danke!

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
25
14. Welche Person gab es tatsächlich als
internationale Persönlichkeit?
A: Tante Emma
B: Vater Morgana
C: Mutter Teresa
D: Bruder Jakob
15. Bitte tragt hier euren
Lieblingsfilm
ein,
genau den, den ihr immer und immer wieder
sehen möchtet.
Verschiedene Preise, je nach Verfügbarkeit u. a.
(Produktbeispiele)
Aus allen Einsendungen mit mindestens
acht richtigen Antworten werden die
Gewinnerinnen gezogen.
Meistens eine Gewinnerin pro Station.
Es gilt dabei der Zeitpunkt der Abgabe!
Leider nur für die JVA Chemnitz!
Wie mache ich mit?
Die Lösungen bitte auf dem Lösungsbogen
ankreuzen und mit Name, Haftraumnummer,
Alter sowie ob Raucher oder Nichtraucher
angeben.
Lösungsblatt ausschneiden und in den
Briefkasten der Redaktion (z. B. Ausgang zum
Hof) bis zum
05.11.2020
einwerfen.
Name, Vorname:
________________________________________
Haftraum: __________
Haus:__________
Alter:
__________
Nichtraucher
Raucher
Sep
2020
A
B
C
D
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
Lieb-
lings-
film
Die Redaktion dankt dem Sponsor Rudolf H.
für die zur Verfügung gestellten Preise!
Das HL - Preisrätsel

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26
Haft Leben Nr. 67
HL - Songtext
Pyramiden - Songtext
Wir müssen nur daran glauben
Wir nehm'n Scherben und die Funken, die uns übrig
blieben
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das noch beeindruckender ist als diese Pyramiden
Wir alle woll'n etwas, das bleibt
Das länger da ist als heute
Etwas, das jahrelang leuchtet
Deutlich und klar wie die Träume
Wir geh'n nicht schlafen, sind im Wahn, bau'n
monumentale Gebäude
Wir ritzen Namen in Bäume, mal'n Initialien an Zäune
Und ja, wir atmen, doch wir jagen nur noch nach
etwas neuem
Wir müssen sparen um's zu haben und danach zu
bereuen
Mann, wir geraten aus der Bahn, aber könn'n die
Lage nicht deuten
Und darum latschen wir gradewegs in die Arme des
Teufels
Wir müssen in den sauren Apfel beißen, abreißen
und neu machen
Damit wir seh'n, es geht noch weiter, abseits von den
Scheuklappen
Los, wir schaffen etwas großes, auch wenn's nicht zu
seh'n ist
Irgendwas, das für immer bleibt (für immer bleibt)
Für immer und ewig
Wir müssen nur daran glauben
Wir nehm'n Scherben und die Funken, die uns übrig
blieben
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das noch beeindruckender ist als diese Pyramiden
Vielleicht findest du ein kleines Licht
In all den Trümmern, die zerstreut vor deinen Füßen
liegen
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das uns alle überdauert wie die Pyramiden
Wir alle woll'n großes bewirken um irgendwas zu
hinterlassen
Aber weil wir gierig sind schaffen wir nur Computer
und Waffen
Wir kaufen teure Klamotten, statt einfach Schuhe, die
passen
Wir stoßen an auf die Freiheit, doch haben Blut in
den Tassen
Uns ist leider nicht wichtig, was unsere Zukunft
gefährdet
Und die Zukunft der Erde? Schon okay, ist nur unser
Erbe
Weil alles Schlechte so nah ist und alles Gute so fern
Zieh'n wir los und suchen 'ne Zuflucht mit einem Flug
zu den Stern'n
Wir müssen in den sauren Apfel beißen, abreißen
und neu machen
Damit wir seh'n, es geht noch weiter, abseits von den
Scheuklappen
Los, wir schaffen etwas großes, auch wenn's nicht zu
seh'n ist
Irgendwas, das für immer bleibt (für immer bleibt)
Für immer und ewig
Wir müssen nur daran glauben
Wir nehm'n Scherben und die Funken, die uns übrig
blieben
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das noch beeindruckender ist als diese Pyramiden
Vielleicht findest du ein kleines Licht
In all den Trümmern, die zerstreut vor deinen Füßen
liegen
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das uns alle überdauert wie die Pyramiden
Und die paar wenigen Zeilen, die ein jeder von uns
schreibt
Sind allein vielleicht nichts großes
Ein bisschen Schwarz auf leerem Weiß
So wird man sich an uns erinnern
Denn wir war'n alle mit dabei
Als ein kleiner Teil des Ganzen und das bleibt
Für immer und ewig
Wir müssen nur daran glauben
Wir nehm'n Scherben und die Funken, die uns übrig
blieben
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das noch beeindruckender ist als diese Pyramiden
Vielleicht findest du ein kleines Licht
In all den Trümmern, die zerstreut vor deinen Füßen
liegen
Denn daraus könn'n wir etwas bauen
Das uns alle überdauert wie die Pyramiden
Writer(s):
Simon Müller
-
Lerch
, Johannes Oerding
Lyrics powered by
www.musixmatch.com,
Foto: Das Erste

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
27
Post an die „HaftLeben“-Redaktion
Diese Meinungen erreichten uns zum
Juni-Heft der Chemnitzer Gefangenen-
zeitung „HaftLeben“ per E-Mail.
Danke an alle für diese positive
Reaktion auf unsere Texte und das
gesamte HaftLeben-Heft!!!
WOW und Glückwunsch, dass in so
extrem hindernisreichen Wochen so
eine Zeitung entstehen konnte! Wer denkt sich denn
immer die witzigen Quiz-Fragen aus?
Gestaunt habe ich, dass die JVA so schnell Skype
organisiert bekommen hat. …
Viel-fältige Grüße
Angela H.
Red.-HaftLeben: Fragen und Antworten erstellen die
Frauen der Redaktion. Sie werden aber ab und an
wieder-verwendet. Skype wird laut Anstaltsleitung
gut angenommen.
… ich war angetan, sehr getan von dem aktuellen
HL-Heft.
Ihnen gilt mein großer Dank für die Unterstützung,
die Sie in diesen Zeiten geleistet haben. Ihnen ist
es gelungen, die Erscheinung der HaftLeben
motivierend zu fördern.
Ganz herzlichen Dank!
Es gibt keine gewünschten Änderungen - nicht zu
einem solchen Thema - dem Sie sich mit den
Frauen angenommen haben.
Eike König-Bender
Anstaltsleiterin
Habe eben die neue HaftLeben gelesen. Wirklich
sehr gut.
Gruß M.
Uwe aus Namibia schrieb uns zweimal:
Bewundernswert eure Arbeit, dass ihr etwas
Abwechslung in den tristen Alltag der Gefangenen
bringt. Das wäre hier in Afrika / Namibia undenkbar,
hier herrschen andere Haftbedingungen als in
Deutschland. Ich wohne in unmittelbarer Nähe einer
Haftanstalt und hatte schon die Möglichkeit mir die
Hafträume von Police und Justiz anzuschauen. Da
bestehen Welten zu euch.
Macht weiter so!
Gruß aus Namibia.
...
Ja die Welt ist klein, es war eigentlich schon ein
Zufall das ich auf die Haftanstalt Chemnitz
gekommen bin, aber ich hatte gestern Abend eine
kleine Grillfeier mit Beamten der JVA Gobabis
(Namibia) und Polizeibeamten vom Ort und wir sind
auf das Thema Haftbedingungen in Deutschland
und Namibia gekommen. Wir haben dann
verschiedene Haftanstalten gegoogelt und sind auf
die JVA Chemnitz gestoßen, da viele Beamtinnen
unter meinen Gästen waren.
Red.-HaftLeben: Die Red.-HL stellt die JVA
Chemnitz und uns als Redaktion in englischer
Sprache vor.
Wir haben uns sehr über diese Post gefreut.
Wer bekommt schon Post aus Namibia? Wir!!!
Dankeschön.
Deshalb wünschen wir uns für die inhaftierten
Frauen und Männer in Namibia ähnliche
Haftbedingen wie hier in der JVA Chemnitz oder in
Sachsen.
Liebe Redaktion Haftleben,
leider fehlt mir, Berufsbedingt, die Zeit für eine
ausführliche Heft-Kritik. Als langjährige externe
Leserin gefällt mir die Entwicklung von der
Redaktion „Haftleben“ besonders.
Vor allem die (selbstgeschriebenen?) Texte und die
tollen eigenen, nicht nur Haft-Themen, mit denen Sie
sich besonders in den letzten Heften Ihrer
Gefangenenzeitung auseinandergesetzt haben.
Vermutlich verstehe ich manche Texte nicht richtig,
dennoch bewundere ich den Mut einzelner
Autorinnen, wie sie sich mit dem Thema
auseinandersetzten und ihre Gegenwart mit den
Wünschen für ihre Zukunft verbinden.
Vermutlich ist es in Haft nicht einfach, Zeit und Ideen
zu diesen sicher recht schwierigen Themen zu
erübrigen.
Toll gemacht!
...
Schade, dass nur wenige Menschen Gelegenheit
haben ihre Gedanken zu verinnerlichen.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht ein
Buch mit Ihren besonderen Geschichten zu „Haft-
Themen“ zu veröffentlichen?
Fragen Sie doch mal im sächsischen
Justizministerium nach, vielleicht erhalten Sie von
dort oder einem/er der sächsischen Abgeordneten
Unterstützung.
Ich würde dann auf jeden Fall ein Buch kaufen.
Ihre treue Leserin Gabi H. aus den alten
Bundesländern
Red.-HaftLeben: Text redaktionell gekürzt.
Alle Texte die mit
HL/Zeichen
beginnen, sind
selbstgeschriebene Texte der Frauen der Redaktion
der Chemnitzer Gefangenenzeitung HaftLeben.
Danke für das Lob und die Ideen!!!

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28
Haft Leben Nr. 67
Kirche 2020
Liebe Leserinnen,
beim Thema dieser „HaftLeben“- Ausgabe
„Was
wäre, wenn ...“
muss ich an eine meiner
Lieblingsgeschichten denken.
Hier ist sie:
Der dänische Theologe und Philosoph Sören
Kierkegaard sagt:
„Verstehen kann man das Leben rückwärts;
leben muss man es vorwärts.“
Und das ist manchmal gar nicht so leicht – vor
allem, wenn es sich unsicher oder chaotisch
anfühlt oder wenn das Herz voller Angst und
Schmerz ist. Dann kann es helfen, ganz im Hier
und Jetzt zu bleiben, einmal alle Gedanken
beiseite zu schieben und sich nur auf das Ein- und
Ausatmen zu konzentrieren. In religiöser Sprache
heißt das Meditieren: mich auf mich selbst
besinnen, auf meine Wurzeln und auf die Quelle
meines Lebens.
Meditieren geht überall
– z. B. auch im Haftraum. Und Sie sind dabei nicht
allein. Gott ist Ihnen nahe – da, wo Sie sind. In
Freude und im Schmerz. Gott will jeder von uns
Geborgenheit und Orientierung geben, auch oder
gerade weil wir leider im Leben auch die Erfahrung
machen, dass Menschen unzuverlässig sind und
Beziehungen auseinanderbrechen können.
Was wäre, wenn ... in Sie in Ihrem Leben solche
(Gottes-)Nähe vielleicht gerade auch in schwieriger
Zeit versuchen zu entdecken?
Falls Sie darüber oder über andere Themen
einmal unter vier Augen reden möchten, bin ich als
Seelsorgerin für Sie da und höre Ihnen zu.
Kommen Sie gut durch diese Spätsommertage
und bleiben Sie behütet!
Anne Straßberger
Evangelische Seelsorgerin
Glück oder Unglück
Eines Tages lief einem Bauern das einzige Pferd
fort und kam nicht mehr zurück. Da hatten die
Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: „Du
Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen - welch ein
Unglück!“ Dieser jedoch antwortete: „Wer sagt
denn, dass dies ein Unglück ist?“ - Und tatsächlich
kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und
brachte ein Wildpferd mit. Da sagten die Nachbarn:
„Erst läuft dir das Pferd weg - dann bringt es noch
ein zweites mit! Was hast du bloß für ein
Glück!“ Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß,
ob das Glück bedeutet?“ Das Wildpferd wurde vom
ältesten Sohn des Bauern eingeritten. Dabei stürzte
er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten
herbei und sagten: „Welch ein Unglück!“ Aber der
Bauer gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein
Unglück ist?“ Kurz darauf kamen die Soldaten des
Königs und zogen alle jungen Männer des Dorfes
für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des
Bauern ließen sie zurück - mit seinem gebrochenen
Bein. Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück!
Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“
Glück und Unglück wohnen eng beisammen,
wer weiß schon immer sofort, ob ein Unglück
nicht doch ein Glück ist?
Christian Morgenstern (1871-1914)
Bild: frei dllpng.com

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
29
Auflösung des Rätsels aus „HaftLeben“ 02-2020
1 - C, 2 - D, 3 - A,
4 - B, 5 - B, 6 - C,
7 - A, 8 - A, 9 - D,
10 - C, 11 - B, 12 - D,
13 - A, 14 - B, 15 - C,
Gewonnen haben diesmal:
EG: Astrid L.
Stat. 1: Ulrike M.
Stat. 2: Mandy G.
Stat. 3: Keine Beteiligung
Stat. 4: Keine Beteiligung
Stat. 5: Anja S.
Stat. 6: Keine Beteiligung
Stat. 7: Keine Beteiligung
Haus III: Luisa G.
OVA und Mutter und Kind: Bianca S.
(Alle Stationsangaben gültig zum Zeitpunkt der
Abgabe)
Herzlichen Glückwunsch!
Reproduktionen von Artikeln, auch nur auszugs-
weise, nur mit schriftlicher Genehmigung der
Redaktion „HaftLeben“ und gegen kostenfreie
Zusendung eines Belegexemplars.
Für namentlich gekennzeichnete Beiträge (alle
angegebenen Kürzel sind mit Klarnamen hinter-
legt), übernimmt die Redaktion lediglich die
presserechtliche Verantwortung, diese müssen
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wiedergeben.
Bei eingesandten Manuskripten und
Leserbriefen setzen wir das Einverständnis zum
honorarfreien Abdruck und zur sinnwahrenden
Kürzung voraus.
Für eingesandte Manuskripte, Briefe und Unter-
lagen jeglicher Art wird keine Haftung über-
nommen.
Herausgeberin:
Frau König-Bender,
Anstaltsleiterin der JVA Chemnitz (V. i. S. d. P.)
HL-Redaktionsteam:
FAM, HB, Jemand, LEA, NW, PFL und UNDINE
Betreuer:
Herr Richter
ehrenamtlicher Betreuer
Frau Böttcher
Bedienstete, JVA-Chemnitz
E-Mail:
HaftLeben@T-Online.de oder
HaftLeben@Live.de
Seit 2017 online unter:
https://www.justiz.sachsen.de/jvac/content/950.htm
Redaktionsschluss für die Ausgabe 04/2020:
12.11.2020
Bild: Lizenzfrei Pixelio.de
Anschrift der Redaktion “HaftLeben“:
Justizvollzugsanstalt Chemnitz
Redaktion der Gefangenenzeitung „HaftLeben“
Thalheimer Straße 29
09125 Chemnitz
Impressum

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30
Haft Leben Nr. 67
HL - Rätselseite
HL -
Rätsel

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
31
Die besten HL - Rezepte
Wolkenkuchen: Blitz-Rezept für den fluffigsten Kuchen ever!
Zutaten:
Für den Wolkenkuchen-Teig
300 g Mehl
1 Pck. Backpulver
1 Pck. weiche Butter (250 g)
250 g Zucker
1 Pck. Vanillezucker
5 Eier (zimmerwarm)
Für die Schoko-Flecken
150 g Mehl
150 g Zucker
50 g Kakaopulver
150 g Butter
So geht die
Zubereitung:
Den Backofen auf 175 Grad Umluft vorheizen und ein Backblech sorgfältig einfetten.
Die weiche Butter zusammen mit dem Zucker und dem Vanillezucker schön schaumig rühren. Anschließend
die Eier einzeln unterrühren. Mehl und Backpulver anschließend esslöffelweise zum Teig geben.
Die Zutaten für die Schoko-Flecken bzw. Streusel in eine zweite Schüssel geben und mit den Händen
verkneten. Den Kuchenteig gleichmäßig auf das eingefettete Backblech streichen und die Schoko-Flecken
darauf verteilen.
Bei 175 Grad 20 Minuten backen. Der Wolkenkuchen geht durch die Eier und das Backpulver super schön
und fluffig auf, die Schoko-Streusel bleiben saftig. Sooo lecker!
Nudelsalat mit Tomaten
Für 2 Personen:
100 g Fusilli
200 g Cocktailtomaten
1 EL Pinienkerne
25 g getrocknete Tomaten
1 Handvoll Basilikumblätter
1 Beutel Salatkräuter
1 EL Öl
50 g Mini Mozzarella
Nudeln garen, abgießen. In kaltem Wasser abkühlen lassen.
Cocktailtomaten halbieren. Pinienkerne in Pfanne rösten. Getrocknete Tomaten und Basilikum in Streifen
schneiden.
Salatkräuter mit 1 EL Wasser und 1 EL Öl verrühren.
Mit Mozzarella und restlichen Zutaten mischen

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32
Haft Leben Nr. 67
HL - Rätselseite
HL -
Rätsel

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Gefangenenzeitung der JVA Chemnitz
33
HL - Rätselseite

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34
Haft Leben Nr. 67
HL - Rätselseite

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© HaftLeben, 03-2020
© free, Pixabay.com, powerd by HaftLeben, 03-2020
© Marcel Forker
HaftLeben, 03-2020
© HaftLeben, 03-2020

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Gefühle fragen nicht danach ob sie
auftauchen dürfen oder nicht,
sie sind einfach da…
Liebe ist…
Jemanden so zu sehen
wie er ist.
Nicht, wie man
ihn gerne hätte.