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Newsletter Wolf Juni 2015
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Inhalt
Aktuelles zu den Wölfen in Sachsen
Die Mitteleuropäische Flachlandpopulation
Wölfe in der Kulturlandschaft – Gefahr für den Menschen?
Verbreitung (Stand Juni 2015)
Das Monitoringjahr 2014/2015 (1. Mai 2014 – 30. April 2015) ist abgeschlossen, die
Datenauswertung läuft im Moment noch. Deswegen ist noch keine definitive Aussage zum Stand
des letzten Monitoringjahres möglich.
Im Monitoringjahr 2013/2014 waren in Sachsen zehn Wolfsrudel und zwei Wolfspaare bestätigt
worden. Zehn dieser Wolfsterritorien mit Reproduktion lagen ganz im Freistaat Sachsen: Daubitz,
Dauban, Kollm, Königsbrück, Milkel, Niesky, Nochten, Seenland, Rosenthal und Laußnitzer Heide.
Darüber hinaus wurden zwei Rudel nachgewiesen, die grenzübergreifende Reviere haben: Das
Spremberger Rudel, dessen Revier teilweise in Brandenburg liegt und das Hohwaldrudel, dessen
Revier sich zum Teil auf die Tschechische Republik erstreckt.
Zwei dieser Rudel existieren nach den bisher vorliegenden Monitoringdaten vermutlich nicht mehr:
das Kollmer und das Hohwald-Rudel. Das Gebiet des ehemaligen Kollmer Rudels wird inzwischen
von anderen Wölfen genutzt, wie Telemetriedaten der Nieskyer Wölfin und genetische
Untersuchungen zeigen. Im Bereich des ehemaligen Hohwaldrudels konnte im Monitoringjahr
2014/2015 nur noch ein einzelner Wolf, eine Jährlingsfähe die im Hohwald-Rudel 2013 geboren
wurde, nachgewiesen werden. Die Jährlingsfähe wurde anhand einer genetischen Probe, die im
März 2015 bei einem Damwildriss in Großdrebnitz genommen wurde, identifiziert. Dasselbe Tier
wurde bereits im Sommer 2014 im Grenzbereich auf Tschechischer Seite nachgewiesen.
Eine abschließende Bewertung für beide Gebiete kann aber erst nach Auswertung aller erhobenen
Daten im Spätsommer vorgenommen werden.
Der Bereich östlich von Niesky gehört zum Territorium des polnischen Ruszow-Rudels. Dies
konnte sowohl anhand von Genetikproben aus dem Biehainer Forst ermittelt werden, als auch
anhand der Telemetrieergebnisse der besenderten Fähe des Nieskyer Rudels. Diese hielt sich nie
im Bereich östlich von Niesky auf.
In den vergangenen Monaten wurden westlich (Gohrisch Heide, Landkreis Meißen) und südlich
(Raum Löbau und Bernstadt auf dem Eigen, beides Landkreis Görlitz) der etablierten
Rudelterritorien bestätigte Hinweise auf bzw. Nachweise von einzelnen Wölfen erbracht. Ob sich
die Tiere dort dauerhaft aufhalten wird im Rahmen des Monitorings weiter untersucht.
Weitere aktuelle Erkenntnisse
Aktuell sind die Wölfe in Sachsen mit der Aufzucht ihrer diesjährigen Welpen, die Anfang Mai
geboren wurden, beschäftigt. Für Informationen zu etwaigen Würfen ist es noch zu früh. Die ersten
Nachweise von Welpen werden meist erst im Laufe des Sommers erbracht, wenn die Welpen
schon aktiver sind.
Ende März 2015 wurde der Rüde des Spremberger Rudels (MT2, „Karl“) in seinem Revier tot
aufgefunden. Die Obduktion des Kadavers im Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung in
Berlin (IZW) ergab, dass er infolge einer Entzündung im Bauchraum gestorben ist, welche durch
die Perforation des Darmes durch ein großes, scharfkantiges Knochenstück entstanden war. MT2
Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz
Am Erlichthof 15 . 02956 Rietschen
Tel.: 035772 46762 . Fax: - 46771
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Wölfe in Sachsen

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wurde 2008 im Nochtener Rudel geboren und im März 2009 als erster Wolf im Rahmen der vom
Bundesamt für Naturschutz beauftragten „Pilotstudie zur Abwanderung und zur Ausbreitung von
Wölfen in Deutschland“ durch die Biologinnen von LUPUS mit einem Sendehalsband ausgestattet.
Der Wolf zeigte sich gleich unternehmungslustig, machte einen ca. 150 km (Luftlinie) weiten
Ausflug zum ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog in Brandenburg, kehrte danach wieder in
sein Elternterritorium zurück und wurde schließlich 2010 zusammen mit einer jungen Fähe aus
dem Milkeler Rudel im Spremberger Territorium sesshaft. Seit 2011 zogen die beiden Wölfe jedes
Jahr zusammen Welpen auf. Da „Karl“ zum Ende der diesjährigen Ranzzeit gestorben ist, ist
anzunehmen, dass er sich zuvor noch mit seiner Fähe verpaart hatte. Ob die Fähe Welpen
bekommen hat und ob sie diese ohne Partner groß ziehen kann, wird aktuell im Rahmen des
Monitorings beobachtet.
Die letzte im Rahmen des Projektes „Wanderwolf“ besenderte Wölfin Greta (FT8) hat nach
zweijähriger Sendezeit ihr Senderhalsband im Mai 2015 planmäßig verloren. Erfreulicherweise
konnte es geborgen werden. Während des Projektes „Wanderwolf“ waren insgesamt 3 Wölfe
besendert worden.
Das gemeinsame Projekt des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL)
mit der Projektgruppe „Wanderwolf“, die aus der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW),
dem Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland e.V.
(NABU) und dem World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) besteht, gilt nun als
abgeschlossen. Die Projektergebnisse werden zu gegebener Zeit veröffentlicht.
Die Mitteleuropäische Flachlandpopulation
Die Wölfe in Deutschland gehören zusammen mit den Wölfen im westlichen Teil Polens (westlich
der Weichsel) zur Mitteleuropäischen Flachlandpopulation (Central European Lowlands Population,
Abb. 1). Im Monitoringjahr 2013/2014 wurden in dieser Population mind. 60 Wolfsrudel bzw. -paare
nachgewiesen, ca. die Hälfte davon auf polnischer und auf deutscher Seite, sowie ein
neuetabliertes Rudel in der Tschechischen Republik, nahe der Grenze zu Deutschland und Polen.
Wie viele Wolfsterritorien grenzübergreifend sind, ist unbekannt. Es ist gut möglich, dass einzelne
Rudel sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite gezählt werden und es somit zu
Doppelzählungen kommt. Die regelmäßig tagende deutsch–polnische Arbeitsgruppe hat aktuell
Vorschläge für gemeinsame Monitoringstandards, die eine bessere Vergleichbarkeit der
Monitoringdaten ermöglichen sollen, erarbeitet (Reinhardt et al., 2015).
In Polen gibt es neben der Mitteleuropäischen Wolfspopulation noch zwei weitere
Wolfspopulationen: die Karpatenpopulation reicht bis nach Südpolen, die Baltische Population
erstreckt sich bis nach Nord-Ost-Polen.
In einzelnen Presseberichten wurden in letzter Zeit immer wieder Meinungen abgedruckt die zum
Ausdruck bringen, dass die Wölfe in Deutschland und Westpolen keine eigene Population
darstellen, sondern auf Grund der engen genetischen Übereinstimmung zur Baltischen Population
gehören würden. Dementsprechend würde der Wolf dann in Deutschland bereits in dem von der
EU geforderten „günstigen Erhaltungszustand“ sein, weshalb man ihn – folgt man dem Argument –
von Anhang IV in Anhang V der FFH-Richtlinie (Flora Fauna Habitat Richtlinie) überführen könnte,
womit eine Bejagung möglich wäre. Bei den Darstellungen bleibt außer Acht, dass eine Umstufung
von einem Anhang der FFH-Richtlinie in einen anderen ein langwieriger Prozess ist, der nicht von
einem einzelnen Bundesland vorgenommen werden kann. In diesem Zusammenhang ist auch zu
berücksichtigen, dass der Wolf in Polen zwar dem Anhang V der FFH-Richtlinie unterliegt, dort
aber trotzdem streng geschützt und nicht jagdbar ist.
Als vermeintliches Argument für eine einzige, zusammenhängende Population wird u.a. eine
Studie von polnischen Wissenschaftlern zur genetischen Struktur der Wölfe in Polen angeführt. Die
Studie von S. Czarnomska und Kollegen (2013) untersuchte die genetische Variabilität der Wölfe in
Polen. Es ging nicht darum die Wölfe den jeweiligen Populationen zuzuordnen. Die polnischen
Wissenschaftler stellten in ihrer Studie fest, dass die Wölfe in Polen genetisch in zwei Gruppen
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unterteilt werden können. Die Wölfe im polnischen Flachland, einschließlich den Tieren aus dem
baltischen Raum sowie den Wölfen in Westpolen und Deutschland, gehören zu einer Gruppe und
ähneln ihrem genetischen Ursprung nach den Wölfen aus Finnland, Litauen, Weißrussland und
Russland. Die Wölfe in den Karpaten, sowie der Ukraine und den Dinaren, gehören zur zweiten
Gruppe und unterscheiden sich genetisch deutlich von der anderen Gruppe. Beide Gruppen lassen
sich bereits seit dem Pleistozän (vor 2,5 Mio. – 12 000 Jahren) unterscheiden und diese Einteilung
steht in keinem Zusammenhang mit der Einteilung der Wölfe zu einer Population im ökologischen
Sinne.
Eine Population stellt im ökologischen Sinne eine Fortpflanzungseinheit mit einem kontinuierlichen
Verbreitungsgebiet dar. Das heißt, die Wölfe in Europa werden, vor allem anhand der zwischen
den Beständen klaffenden räumlichen Lücken, verschiedenen Populationen zugeteilt. In einzelnen
Fällen erfolgt die Unterteilung auch auf Grund von unterschiedlichen Managementregimen,
geographischen Grenzen oder wenn wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass es trotz
räumlicher Nähe zwischen benachbarten Beständen kaum genetischen Austausch gibt. Dies ist
zum Beispiel zwischen der Karpaten und Baltischen Population in Ostpolen der Fall. Andere
Populationen wiederum sind genetisch völlig isoliert (z.B. Iberische Population in Spanien). Auf
Grund der Ausbreitung der Wölfe ist zu erwarten, dass die Lücken zwischen den
Verbreitungsgebieten kleiner werden und somit der genetische Austausch zwischen einzelnen
Populationen zukünftig wieder häufiger wird.
Abb.1 Europäische Wolfspopulationen Stand 2013 nach LCIE (Large Carnivore Initiative for Europe), aus
Kaczensky et al. 2013.
Die Abgrenzung der aktuell 10 Wolfspopulationen in Europa geht auf einen Vorschlag der
Europäischen Kommission zurück, die dafür die oben genannten Kriterien vorausgesetzt hatte
(Abb.1). Die ehemals Deutsch–Westpolnische Population wurde wegen ihrer isolierten Lage

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(seltene Zuwanderung) zu den anderen Populationen als eigene Population eingeteilt. Dass sie
genetisch mit der baltischen Population eng verwandt ist, ist seit den genetischen Untersuchungen
im Jahr 2007 bekannt und bereits im ersten Managementplan für den Wolf in Sachsen aus dem
Jahr 2009 im Punkt „3.2 Vorkommensgebiet und Vernetzung“ vermerkt.
Aktuelle genetische Untersuchungen am Senckenberg Institut für Wildtiergenetik in Gelnhausen
zeigen, dass die Wölfe in Deutschland und Westpolen sich vor allem untereinander fortpflanzen
und somit eine aus sich selbst reproduzierende Population darstellen. Ein genetischer Austausch
mit der baltischen Population durch einzelne hin und her wandernde Individuen kommt vor,
insgesamt sind die Tiere in Deutschland und Westpolen jedoch deutlich stärker untereinander
verwandt als mit der baltischen Population. Somit ist die Einstufung der Wölfe in Deutschland und
dem westlichen Polen als eigene Population durch die Large Carnivore Initiative for Europe, einer
IUCN (Weltnaturschutzunion) Spezialistengruppe für Große Beutegreifer in Europa, auch genetisch
gerechtfertigt.
Referenz:
Czarnomska Sylwia D., Bogumiła Jedrzejewska, Tomasz Borowik, Magdalena Niedziałkowska,
Astrid, V. Stronen, Sabina Nowak, Robert W. Mysłajek, Henryk Okarma, Maciej Konopin´ ski,
Małgorzata Pilot, Wojciech S ´ mietana, Romolo Caniglia, Elena Fabbri, Ettore Randi, Cino
Pertoldi, Włodzimierz Jedrzejewski (2013). Concordant mitochondrial and microsatellite DNA
structuring between Polish lowland and Carpathian Mountain wolves. Conservation Genetics
Kaczensky, P., Chapron, G., von Arx, M., Huber, D., Andrén, H. and J. Linnell, Eds. (2013): Status,
management and distribution of large carnivores – bear, lynx, wolf & wolverine – in Europe. Report
prepared for the European Commission. Contract N°070307/2012/629085/SER/B3.
LCIE:
http://www.lcie.org/Largecarnivores/Wolf.aspx
Nowak, C. & V. Harms (2013): Genetisches Wolfsmonitoring in Deutschland – Erkenntnisse zu
Herkunft, Hybridisierungsgrad und Ausbreitungsverhalten des deutschen Wolfsvorkommens.
Vortrag auf der Fachtagung des Deutschen Jagdverbandes e.V. am 21.03.2014 in Berlin.
Reinhardt, I., Kluth, G., Nowak, S. & R. Myslajek (2013): A review of wolf management in Poland
and Germany with recommendations for future transboundary management. BfN-Skripten 356.
Reinhardt, I., Kluth, G., Nowak, S. & R. Myslajek (2015): Standards for the monitoring of the
Central European wolf population in Germany and Poland. BfN-Skripten 398.
Wölfe in der Kulturlandschaft – Gefahr für den Menschen?
Wölfe zählen zu den anpassungsfähigsten Tieren der Welt. Sie kommen keineswegs nur in
Gebieten mit wenigen Menschen vor, sondern auch in dichter besiedelten Kulturlandschaften in
Mitteleuropa und Nordamerika. Die wichtigsten Voraussetzungen für die Eignung eines Gebietes
als Wolfslebensraum sind ein ausreichend großes Beutetiervorkommen und Rückzugsräume, in
denen sie den Tag verbringen und Welpen aufziehen können. Diese Voraussetzungen sind auch in
der deutschen Kulturlandschaft vorhanden und ermöglichen dem Wolf eine seit nunmehr 15 Jahren
stetige, zunehmende Verbreitung in Deutschland.
Vor diesem Hintergrund wird in der öffentlichen Diskussion immer wieder die Frage gestellt, ob die
enge Nachbarschaft zwischen Wolf und Mensch in unserer Kulturlandschaft, insbesondere bei
fehlender Bejagung des Wolfes, dazu führen könnte, dass Wölfe sich zunehmend distanzlos
gegenüber Menschen verhalten und sie sogar angreifen könnten. Um diese Frage zu beantworten,
muss man sowohl allgemeine Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Wölfen heranziehen, als
auch spezielle Erfahrungen aus anderen Wolfsgebieten, welche hinsichtlich Bevölkerungsdichte
vergleichbar sind und in denen der Wolf ebenfalls nicht bejagt wird.
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Umfassende Informationen zum Gefahrenpotenzial von Wölfen liefert die 2002 vom Norwegischen
Institut für Naturforschung (NINA) veröffentlichte Studie „The fear of wolves: A review of wolf
attacks on humans“. Darin wurden Berichte über Wolfsangriffe auf Menschen und ihre Ursachen in
Skandinavien, Mitteleuropa, Asien und Nordamerika zusammengetragen und ausgewertet.
Demnach sind Übergriffe von Wölfen auf Menschen grundsätzlich sehr selten.
In der
Vergangenheit gab es nur einzelne Fälle, in denen gesunde Wölfe einen Menschen angegriffen
oder gar getötet haben. Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich vor allem auf drei Ursachen
zurückführen: Tollwut, Provokation und Futterkonditionierung.
Tollwut, eine tödlich verlaufende Viruserkrankung, die in früheren Zeiten als Hauptursache für
Wolfsangriffe galt, ist in Deutschland seit 2008 ausgerottet und gilt auch in den angrenzenden
Ländern durch die Immunisierung des Fuchses als weitestgehend bekämpft.
Auch die Provokation eines Wolfes ist unter den heutigen Gegebenheiten eine eher
unwahrscheinliche Gefahrenursache, da sie laut der Studie vor allem Tierhalter betraf, die mit
Knüppeln oder Heugabeln Wölfe in die Enge trieben, um ihre Nutztiere zu schützen bzw. Jäger die
Welpen aus dem Bau holten.
Die in unserer gegenwärtigen Kulturlandschaft am ehesten mögliche Ursache für gefährliches
Verhalten von Wölfen gegenüber Menschen ist eine starke Gewöhnung an die Nähe von
Menschen (Habituierung) verbunden mit positiven Reizen wie z. B. Gaben von Futter
(Futterkonditonierung). Futterkonditionierte Wölfe unterscheiden sich dahingehend von anderen
Wölfen, dass sie sich aufgrund von positiven Reizen für Menschen interessieren und aktiv deren
Nähe suchen. Bleiben die erwarteten positiven Reize (z.B. Futter) aus, kann das dazu führen, dass
die betroffenen Wölfe aufdringliches, dreistes und schlimmstenfalls aggressives Verhalten
entwickeln.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Alle Wölfe, die in direkter Nachbarschaft zum Menschen
leben, müssen ein gewisses Maß an Gewöhnung an menschliche Aktivitäten an den Tag legen
und werden deshalb auch nicht immer besonders scheu gegenüber Menschen sein. Dies gehört
zum normalen Verhalten von Wölfen. Schließlich kennen die unter diesen Bedingungen
aufgewachsenen Wölfe Menschen, sie sind an deren Geruch, Geräusche und vereinzelt auch an
deren Anblick gewöhnt. Wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass die Wahrnehmung
menschlicher Präsenz ohne negative Konsequenzen verläuft, reagieren sie bei Begegnungen mit
Menschen und Fahrzeugen in der Regel vorsichtig, aber nicht extrem scheu. Die Wölfe zeigen
sich typischerweise desinteressiert und traben meist ohne übermäßige Hast davon.
Wölfe, die in Kulturlandschaften leben, können - auch wenn dies selten ist - durchaus mal am
Tage in Ortsnähe gesehen werden, ähnlich wie dies von Füchsen, Rehen oder Wildschweinen
bekannt ist. Dies gehört ebenso zum Repertoire des normalen Wildverhaltens, wie die Tatsache,
dass Jungwölfe durch ihre Neugierde und Naivität bisweilen eine geringere Fluchtdistanz zu
Menschen aufweisen als erwachsene Wölfe.
Dieses Verhalten macht die in der Kulturlandschaft lebenden Wölfe nicht gefährlicher als ihre
Artgenossen, die in menschenleeren Gebieten leben oder die bejagt werden, wie auch
Erfahrungen aus anderen Ländern belegen. Wichtig ist, dass die Wölfe keine direkten positiven
Erfahrungen mit der Nähe von Menschen verknüpfen. Wolfsgebiete, die ähnlich dicht mit
Menschen besiedelt sind, wie die Wolfsgebiete in Deutschland, und in denen ebenfalls keine
(legale) Jagd auf Wölfe stattfindet, gibt es in Italien, Schweiz, Slowenien und Polen. Seit 1950 sind
in diesen Ländern keine Angriffe auf Menschen vorgekommen. Auch gibt es in diesen Gebieten
keine Hinweise darauf, dass Wölfe ihre Vorsicht vor Menschen verlieren. Eine Erklärung dafür
könnte sein, dass auch die in Kulturlandschaft lebenden Wölfe während ihrer Prägungsphase im
Welpenalter keinen Kontakt zu Menschen haben. Zu dieser Zeit sind die Welpen noch im bzw. in
direkter Nähe zum Bau. Außerdem bevorzugen Wolfseltern für Baue und Rendezvousplätze
üblicherweise ungestörte Bereiche.
Situation in Sachsen
In Sachsen leben seit mehr als 15 Jahren wieder Wölfe. In dieser Zeit wurden zahlreiche Wolfs-
sichtungen dokumentiert (seit 2002 systematisch erfasst), jedoch gab es noch keine Situation in
der Wölfe dem Menschen gefährlich geworden sind. Am häufigsten wurden Wölfe vom Auto
heraus beobachtet. Die meisten Beobachtungen bezogen sich auf einen einzelnen Wolf, dauerten
nur wenige Minuten und fanden auf größere Distanz statt. Nur selten wurden direkte Wolf-Mensch-
Begegnungen auf kurzer Distanz (unter 50m) beschrieben.
Auch die Daten der bisher in Sachsen in zwei verschiedenen Studien telemetrierten (besenderten)
Wölfe (Kontaktbüro berichtete) untermauern, dass Wölfe soweit es ihnen möglich ist, den
Menschen aus dem Weg gehen. Die in den Studien untersuchten Tiere zogen sich für ihre
Ruhephasen in störungsfreie Gebiete zurück und mieden tagsüber Ortschaften und Straßen. Auch

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die überwiegende Nacht- und Dämmerungsaktivität von Wölfen, die sowohl in Sachsen, als auch in
vielen anderen europäischen Wolfsgebieten beobachtet wird, kann als Strategie zur Vermeidung
eines Zusammentreffens mit Menschen interpretiert werden. Siedlungen und Straßen werden von
den Wölfen häufig erst im Schutze der Dunkelheit frequentiert, wie nicht nur anhand von
Telemetriedaten, sondern auch durch Sichtungen, Spuren und Rissfunde belegbar ist.
Das Verhalten von Wölfen wird im Freistaat Sachsen gemäß den Ausführungen im
Managementplan für den Wolf in Sachsen beurteilt. Darin ist auch der Umgang mit auffälligen
Wölfen geregelt.
Bisher gab es in Sachsen zwei Mal den Fall, dass das Verhalten von Wölfen als ungewöhnlich
eingestuft wurde. In beiden Fällen handelte es sich um Welpen, die sich nicht aggressiv verhielten,
sondern eher einen hilflosen/verwirrten Eindruck machten.
Der erste Fall betraf einen viereinhalb Monate alten Welpen des Milkeler Rudels, der im September
2008 tagsüber in Wittichenau in den Gärten von Einfamilienhäusern herumlief. Der Welpe wurde
von den Biologinnen vom LUPUS Institut lebend eingefangen und anschließend im Tierpark Görlitz
veterinärmedizinisch untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass das Jungtier auf Grund einer
fortgeschrittenen Augenkrankheit fast blind war. Da die Erkrankung nicht behandelbar war und zur
vollständigen Erblindung führte, war eine Entlassung in die Freiheit nicht möglich. Der Welpe
wurde auf tierärztlichen Rat hin eingeschläfert.
Der zweite Fall bezog sich auf einen offenbar an Räude erkrankten Welpen des Nochtener Rudels,
der im November 2013 am Rande der Ortschaft Reichwalde Essensabfälle vor einem Restaurant
fraß und dabei gesehen und fotografiert wurde. Auch in anderen Bereichen der Ortschaft bzw.
deren Umgebung wurde der klein und abgekommen wirkende Welpe wiederholt bei der
Nahrungssuche beobachtet. Entsprechend den Handlungsvorgaben des Managementplanes sollte
auch dieses Tier von den Biologinnen des LUPUS Institutes lebend eingefangen und tierärztlich
untersucht werden. Dazu kam es jedoch nicht, da der Welpe vorher verschwand bzw. keine
weiteren Sichtungen, die sich auf dieses Tier hätten beziehen können, mehr vorkamen.
In beiden Fällen hielten sich beide Tiere verstärkt im Siedlungsbereich auch tagsüber auf, ein
aufdringliches Verhalten gegenüber dem Menschen konnte jedoch nicht beobachtet werden.
Wie oben erwähnt wird die Futterkonditionierung als am ehesten mögliche Ursache für Angriffe von
Wölfen auf Menschen eingeschätzt. Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen es zu
gefährlichen Situationen durch solche Wölfe gekommen ist, z.B. Nordamerika, zeigen, dass diese
Situationen in der Regel nicht plötzlich auftreten, sondern die betreffenden Wölfe über einen
längeren Zeitraum durch immer aufdringlicheres und dreisteres Verhalten auffällig werden. Das
heißt, dass im Zuge des Wolfsmonitoring und der Entgegennahme von Sichtungsmeldungen eine
solche Entwicklung frühzeitig zu erkennen ist, um daraufhin durch das Wolfsmanagement
entgegenzusteuern. Das sächsische Wolfsmanagement ist strukturell und personell so aufgestellt,
dass es dieser Herausforderung gewachsen ist. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Bürger, die
Hinweise auf einen möglicherweise auffälligen Wolf haben, diese Information zeitnah an eine der
Meldestellen weitergeben (siehe unten).
In den beiden oben beschriebenen Fällen traf dies zu. Auch die zahlreichen Sichtungsmeldungen
die Ende November 2014 ein freilaufender Tschechoslowakischer Wolfshund auslöste, zeigten,
dass die Meldeketten funktionieren. Der männliche Hund wurde auf Grund seiner wolfsähnlichen
Färbung von vielen Beobachtern mit einem Wolf verwechselt. Das dunkle Halsband, das er trug,
wurde dabei für ein Senderhalsband gehalten. Der Hund war insgesamt mindestens drei Wochen
im Freistaat Sachsen unterwegs. Meist nutzte er Straßen für ein rasches Fortkommen, hielt sich
auch viel in Ortschaften auf. Insgesamt legte er eine Strecke von ca. 400 km zurück. Während
seiner Wanderung durch die Landkreise Görlitz, Bautzen, Meißen und den Nordrand der Stadt
Dresden gingen über 60 Sichtungsmeldungen ein, viele davon mit Fotos und Videos. Anhand derer
konnten die Wolfsexperten vom LUPUS
Institut
für
Wolfsmonitoring
und
-forschung
in
Deutschland
erkennen, dass es sich nicht um einen Wolf handelt. Wenn es aber tatsächlich ein auffälliger Wolf
gewesen wäre, so hätte man ihn durch die zahlreichen, zeitnah eingehenden Sichtungsmeldungen
gut auffinden und gegebenenfalls weitere Maßnahmen veranlassen können.
Ende November wurde der Hund schließlich von einem Bürger in der Nähe von Radeburg (LK
Meißen) eingefangen. Da der Hund einen Mikrochip aufwies, konnte die Herkunft des Tieres - eine
polnische Zucht ca. 80 km von der Grenze entfernt- ermittelt, und der Hund schließlich seinen
Besitzern zurückgegeben werden.

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Situation außerhalb Sachsens speziell in Niedersachsen
Abgesehen von Sachsen leben Wölfe auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-
Vorpommern
und
Niedersachsen.
Im
Monitoringjahr
2013/2014 waren
in
Deutschland
insgesamt 25 Wolfsrudel, 8 Wolfspaare und 3 sesshafte Einzelwölfe bestätigt. In Niedersachsen
wird seit 2015 eine Häufung von Sichtungen, in denen sich Wölfe gegenüber Menschen auffallend
distanzlos verhielten, bzw. teilweise aktiv annäherten, bekannt. Diese beziehen sich offenbar auf
Wölfe aus dem Munsteraner Rudel, welches seit 2012 rund um den Truppenübungsplatz Munster
nachgewiesen ist. Es gab mehrere Begegnungen, bei denen ein oder mehrere Wölfe Personen mit
Hunden bzw. auch Fahrzeugen sehr nahe kamen und ihnen teilweise hinterher liefen. Ein Jungwolf
des Rudels sorgte im März auf seiner Wanderung durch den Westen Niedersachsens und einen
Teil der Niederlande ebenfalls für Aufregung, da er häufig tagsüber entlang Straßen, auf kurze
Distanz und sogar in Wohnorten gesehen wurde.
Derartiges Verhalten kann nicht allein der Neugierde bzw. Naivität, die bei Jungwölfen vorkommen
kann, zugeschrieben werden. Anders als die Wölfe in der Lausitz scheint es, dass die Wölfe des
Munsteraner Rudels im Laufe ihrer Begegnungen mit Menschen auch deutliche positive Reize
erfahren haben.
Wie es zu einer solchen positiven Verknüpfung der Tiere vor Ort zu Menschen und Fahrzeugen
kam,
ob
Fütterung
dabei
eine
Rolle
spielte,
ist
noch
unklar.
Inzwischen hat das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz die
Intensivierung des Monitorings, welches bisher nur unzureichend durchführt wurde, sowie konkrete
Maßnahmen zur Untersuchung des Munsteraner Rudels eingeleitet. Diese beinhalten die
detaillierte Aufnahme von Meldungen sowie den Versuch einzelne Wölfe zur Besenderung zu
fangen.
Weiterer Handlungsbedarf (z.B. Vergrämung) wird basierend auf den gewonnenen
Untersuchungsergebnissen beurteilt werden.
Fazit
Wölfe können in Kulturlandschaften leben, ohne eine Gefahr für Menschen darzustellen. Dies gilt
auch, wenn sie nicht bejagt werden, wie Erfahrungen aus anderen Ländern und Deutschland
(Lausitz) belegen. Sie reagieren bei Begegnungen mit Menschen in der Regel nicht besonders
scheu, jedoch ist ihr Verhalten von arttypischer Vorsicht und Desinteresse gegenüber Menschen
gekennzeichnet. Je enger die Nachbarschaft von Mensch und Wolf allerdings ist, umso öfter
kommt es zu Begegnungen. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, dass die Situation und das
Verhalten
der
Wölfe
durch
ein
intensives
Monitoring
überwacht
werden,
um
Verhaltensänderungen, die z.B. auf eine Futterkonditionierung hinweisen könnten, möglichst rasch
zu erkennen. Durch konkrete Maßnahmen eines durchdachten Managements kann dann
verhindert werden, dass eine gefährliche Situation für Menschen entsteht. In Sachsen gibt es
derzeit allerdings - anders als im Munsteraner Rudel in Niedersachsen - keine Anzeichen für ein
auffälliges Verhalten einzelner Wölfe.
Bitte melden Sie Hinweise auf Wölfe (Sichtungen, Spuren, Kot, Risse) an eine der folgenden
Stellen:
-
das Landratsamt Ihres Landkreises
-
das Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“ (Tel. 035772 / 46762,
kontaktbuero@wolfsregion-
lausitz.de
)
-
das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland (Tel. 035727 / 57762,
kontakt@buero-lupus.de
).
Referenz:
Linnell J.D.C., Andersen R., Andersone Z., Balciauskas L., Blanco J.C., Boitani L., Brainerd S.,
Breitenmoser U., Kojola I., Liberg O., Løe J., Okarma H., Pedersen H.C., Promberger C., Sand H.,
Solberg E.J., Valdmann H., Wabakken P. (2002). The fear of wolves: A review of wolf attacks on
humans. NINA Norsk Institutt for naturforskning.
LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland, unveröffentl. Daten
Managementplan für den Wolf in Sachsen (2014, 3. Fassung). Sächsisches Staatsministerium für
Umwelt und Landwirtschaft.

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Newsletter Wolf Juni 2015
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McNay, Mark E. (2002). A case history of wolf-human encounters in Alaska and Canada. Alaska
Department of Fish and Game Wildlife Technical Bulletin 13.
Reinhardt Ilka und Gesa Kluth (2007). Leben mit Wölfen. Leitfaden für den Umgang mit einer
konfliktträchtigen Tierart in Deutschland. BfN-Skripten 201.
http://www.wolfsregion-lausitz.de/index.php/umgang-mit-woelfen