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Prof. Dr. Birgit Glorius, Professur Humangeographie, Schwerpunkt
Europäische Migrationsforschung
TU Chemnitz
Wie kann Teilhabe gelingen?
Impuls aus den Ergebnissen des Projekts „Zukunft für
Geflüchtete in Ländlichen Räumen“ (2018-2021)
anlässlich der digitalen Fachkonferenz „Teilhabe und Antidiskriminierung“
im Rahmen des Beteiligungsverfahrens zum Sächsischen Integrations-
und Teilhabegesetz, 23.06.2021

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Forschungsprojekt Zukunft für Geflüchtete in
ländlichen Räumen (2018-2021)
Konsortium: Friedrich-Alexander-
Universität Erlangen-Nürnberg,
Universität Hildesheim, TU Chemnitz,
Thünen Institut
Vier Bundesländer, acht Landkreise, 32
Untersuchungsgemeinden
Umfangreiche Datenerhebung:
Strukturanalysen, partizipative
Interviews mit Geflüchteten (n=137),
Leitfadeninterviews mit Expert*innen
aus Politik und Verwaltung (n=154)
sowie Zivilgesellschaft (n=81),
postalische Bevölkerungsbefragung
(n=906), Medienanalyse

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Ressourcen
Materielle Strukturen und
Ressourcen
Lokale governance-Kompetenz
„Sozialer Kitt“:
Bindungsfähigkeit, soziale
Netzwerke, Zivilgesellschaftliche
Brückenbauer
Kollektive Identität, lokale
Migrationsbiographie
Anwendung
Nutzung vorhandener Ressourcen
Proaktive politische Haltung
Offenheit, Toleranz
Einstellungen in Bezug auf
ethnische/kulturelle/religiöse
Vielfalt
Strukturelle
Rahmenbedingung
en
Politische
Akteur*innen und
Strukturen
Gesellschaft und
soziale Struktur
Überregionale Politiken und
Diskurse
Leitbegriff „Lokale Rezeptivität“

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Nachbarschaftliche Beziehungen als soziale
Ressource in ländlichen Räumen
Überschaubarkeit des Sozialraums:
Kurze Wege in den Ortskern, große
Bedeutung direkter Nachbarschaften sowie sozialer und gesellschaftlicher
Initiativen
Potenziale:
schnelle, persönliche, unmittelbare Hilfe für Geflüchtete
Grenzen:
hohe Anpassungserwartung, Enttäuschung über Nichtanpassung
führt zu sozialem Ausschluss
Quelle: eigene Erhebung 2019, n=904

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Soziale Bindeglieder ländlicher Gesellschaften
Rolle von Vereinen und Schlüsselpersonen
Vereine als „soziale Klebstoff“
ländlicher Gemeinden:
Potenziale:
Zugang zu sozialen
Netzwerken; lokale
Schlüsselpersonen sind häufig in
vielen Vereinen aktiv und
können dort Probleme und
Anliegen aufgreifen
Grenzen: Kaum interkulturelle
Erfahrung
in lokalen
(Organisations-) strukturen
vorhanden; mangelnde Reflexion
der eigenen Exklusivität
„Ja, Schützenverein spielt sicher eine Rolle.
Da wird das Zusammengehörigkeitsgefühl
gepflegt (…).
Da müssen sie [
die
Zugezogenen]
sich schon wirklich viel
Mühe geben, das funktioniert nicht
automatisch
.“ (D_II_3)
„Vor allen Dingen, weil hier im
[Regionsbezeichnung] der Alkohol eine
ganz große Rolle spielt. Und M. [
ein junger,
muslimischer Geflüchteter
], er trinkt keinen
Alkohol, und da braucht man mit 22 hier in
der Gegend – 99 Prozent der Begegnungen
finden mit Alkohol statt. Da ist er bei seinen
Altersgenossen KOMPLETT außen vor. «
(D_II_11)

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Soziale Bindeglieder ländlicher Gesellschaften
Politik / Zivilgesellschaft
Rolle von lokalpolitischen
Akteur*innen:
wirken durch ihre
öffentlich sichtbare Haltung auf
kollektive Orientierungen
ein.
Lokale Politikansätze in Bezug auf
Integration sind vielfach
defensiv.
Wunsch der
Zivilgesellschaft
, sich für
Vielfalt einzusetzen und sich gegen
Rassismus und Diskriminierungen zu
stellen, wird politisch teils
unterschätzt
Wenige politische Maßnahmen, die
direkt an
Diskriminierungs- und
Ausgrenzungserfahrungen
ansetzen
„Und wenn man dann so an den
Stammtischen unterwegs ist (…)
dann kommt ja doch viel, oh, die
nehmen uns alles weg und so weiter.
Wo man dann wirklich ganz klar und
knallhart argumentieren muss und
sagen, ‚Bitteschön, sagt mir mal
genau, was sie euch wegnehmen,
wodurch ihr jetzt darben müsst, wo
sie euren Arbeitsplatz
weggenommen
haben?‘“(D_lk_2_Pol)
„Das kann ich nicht Facebook und
der AfD überlassen so eine
Meinungsbildung.“ (A_ka_1_Pol)

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Offenheit als Basis für Integration
Was bedeutet
Integration
?
„Naja, unsere Gesellschaft erwartet aus
meiner Sicht überwiegend,
dass man
sich integrieren soll, wie das so schön
heißt, aber assimilieren meint
. Man
möchte natürlich NICHT BELÄSTIGT
werden (…) und sei es nur im
öffentlichen Bild, von (…) den jungen
MÄNNERN, die so fremdländisch
aussehen mit ihren schwarzen Bärten
und schwarzer Haarpracht und dann
mit Handy und Zigarette durch die Stadt
gehen oder sich vermeintlich
ZUSAMMENROTTEN.“ (Interview C_I_2)
Überwiegend assimilative Erwartungshaltung
„Integration“ als Bringschuld
„Integration“ wird an Leistung von
Indikatoren wie „Sprache“ und
„Arbeit“ geknüpft.
Diese sind nicht das Ziel, sondern
werden als Voraussetzung verstanden
Statische Vorstellung der
Gesellschaft, geringe
Diversitätstoleranz
viele kulturalisierende Narrationen
über die „kulturelle Andersartigkeit“
von Migrant*innen

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Soziale Identität in ländlichen Räumen
Wer gehört dazu? Wer kann Teil der lokalen
Gemeinschaft werden?
Kulturalisierung als Resultat geringer
Diversitätserfahrungen:
Naive, verkürzende und
stereotypisierende Vorstellung über
„die Anderen“
positive und negative Stereotype
Rassistische Denkmuster und Praktiken
Rassismus wird oft relativiert
Unterschwelliger, alltäglicher Rassismus
ist omnipräsent
(auch antizipierte) Rassistische
Denkmuster münden in rassistischen
Praktiken
„Wenn ich Ausländer
beschäftige, beauftragen mich
meine Kunden nicht mehr.“
(Sächsische Zeitung, 3.6.2019)
Das hab ich hier in der Verwaltung
tatsächlich mal erlebt, dass eine
junge Frau mit Kopftuch zu uns
hochgeschickt wurde, weil man
davon ausgegangen ist, da sie ja ein
Kopftuch
trägt, müsste sie in den
Migrationsbereich
, und sie wollte
eigentlich nachfragen, ob ihre
Bewerbung
hier beim Landkreis
angekommen ist, und hätte
eigentlich bei der
Personalabteilung
sich melden müssen. […] “ (D_I_1).

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Empfehlung: Umsetzung eines
teilhabeorientierten Integrationsverständnisses
Ziele/Merkmale
Prozess des aufeinander
Zugehens
Arbeit an gemeinsamen Zielen
Verständnis der jeweiligen
kulturellen und gesellschaftlichen
Hintergründe
Eigenständige Handlungsmacht
der Geflüchteten / Migrant*innen
Voraussetzungen/Mechanismen
Grundsätzliches Interesse beider
Seiten, aufeinander zuzugehen
Gegenseitige Offenheit
Betonung der Gemeinsamkeiten
bei Akzeptanz der Unterschiede
Dialog auf Augenhöhe
Es muss unsere Aufgabe sein,
nicht zu sagen, WIE jemand
zu leben hat oder an was jemand zu glauben hat, sondern
WIE dieser Mensch teilhaben kann
[…].“ (C_I_9)

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Kontakt:
Prof. Dr. Birgit Glorius, TU Chemnitz,
birgit.glorius@phil.tu-chemnitz.de