Anlage 5
zu Vorläufige Vollzugshinweise des SMUL
Schreiben vom 11.03.202021
(Az.41-8600/6/20)

 
2
Fachtechnische Arbeitshilfe zur
Prognoseentscheidung hinsichtlich des
ökologischen Zustands im Rahmen der
Prüfung des Verschlechterungsverbots
Sächsische Arbeitshilfe Version 1.1
Dipl.-Ing. (FH) Sebastian Döbbelt-Grüne, M. Sc. Patrick Modrak,; M. Sc. Ina Kimmerle, M. Sc. Fabian Bolik, M. Sc.
Klara Streppel, M. Sc. Tim Wiese, Dr. Uwe Koenzen (Planungsbüro Koenzen); Dr. Christian Feld (Universität
Duisburg-Essen)
Im Auftrag des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Freistaat Sachsen
Zitiervorschlag: LfULG - Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (2021): Fachtechnische
Arbeitshilfe zur Prognoseentscheidung hinsichtlich des ökologischen Zustands im Rahmen der Prüfung des
Verschlechterungsverbots. Sächsische Arbeitshilfe Version 1.1. Anlage 5 zu "Vorläufige Vollzugshinweise des
SMUL zur Auslegung und Anwendung des Verschlechterungsverbots".

3
Vorwort
In dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH) vom 1. Juli 2015 (Az. C 461/13) wurde festgestellt, was unter
einer „Verschlechterung“ des ökologischen Zustands eines Oberflächenwasserkörpers im Sinne der
Wasserrahmenrichtlinie zu verstehen ist. Danach ist zur Prüfung des Verschlechterungsverbots im
Zulassungsverfahren im Rahmen einer Prognoseentscheidung abzuschätzen, ob durch ein Vorhaben u. a. der
Wechsel einer biologischen Qualitätskomponente in eine schlechtere Zustandsklasse eintreten wird.
Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) hat mit den „Vorläufigen
Vollzugshinweisen des SMUL zur Auslegung und Anwendung des Verschlechterungsverbots nach § 27 Abs. 1 Nr.
1 und Abs. 2 Nr. 1 und nach § 47 Abs. 1 Nr. 1 WHG unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsprechung des
EuGH“ den rechtlichen und verwaltungstechnischen Rahmen abgesteckt.
Fachlich stellt diese Prognose eine besondere Herausforderung dar. Die Wahl einer geeigneten Methodik und
deren konsequente Anwendung auf den konkreten Fall mit Ableitung einer fachlich fundierten und
nachvollziehbaren Prognose ist angesichts der bisher fehlenden Standardmethoden und Fachkonventionen eine
anspruchsvolle Aufgabe.
Im Rahmen des Projektes „Sächsisches Fachprojekt zum Verschlechterungsverbot – Prognoseentscheidung
ökologischer
Zustand“
(LFULG)
wurden
Kenntnisse
zu
biologischen
Bewertungsmethoden
und
Wirkzusammenhängen zusammengetragen, interpretiert und daraus unter den gegebenen rechtlichen
Rahmenbedingungen die vorliegende Arbeitshilfe erarbeitet.
Die Arbeitshilfe kann sowohl die zuständigen Behörden als auch die durch den Vorhabenträger mit der Erstellung
eines „Fachbeitrags Wasserrahmenrichtlinie“ beauftragten Ingenieurbüros bei der Prüfung des
Verschlechterungsverbots unterstützen.
Mit dem Projekt wird an das parallel durchgeführte Projekt der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA)
„Fachtechnische Handlungsempfehlung zur Prognose beim Vollzug des Verschlechterungsverbots im Fachbeitrag
Wasserrahmenrichtlinie“ (Projekt-Nr. LFP O 1.18) angeknüpft. Im Ergebnis dieses LAWA-Projekts wurde die
Handlungsempfehlung „Fachtechnische Hinweise für die Erstellung der Prognose im Rahmen des Vollzugs des
Verschlechterungsverbots“ erstellt, in den LAWA-Ausschüssen abgestimmt und von der 160. LAWA-
Vollversammlung (17./18. September 2020, TOP 7.10) gebilligt und den Ländern zur Anwendung empfohlen. Die
Ergebnisse der abschließenden Abstimmungen in den betroffenen LAWA-Ausschüssen und der Vollversammlung
der LAWA wurden in die vorliegende Aktualisierung der sächsischen Arbeitshilfe in der Version 1.1 eingearbeitet.
Zudem wurden die Erfahrungen und Stellungnahmen der sächsischen Behörden und Rückmeldungen aus der
Vorstellung des Entwurfes der Arbeitshilfe am 12. November 2019 (Version 1.0) in Nossen berücksichtigt.
Ein besonderer Dank gilt dem Beirat mit Vertretern aus sächsischen Wasserbehörden, der das Projekt im Hinblick
auf seine Praxistauglichkeit von Anfang an konstruktiv begleitete und somit dessen Durchführung erst ermöglichte.
Entstanden ist ein komplexes Werk, das sich nun in der Anwendung bewähren muss. Sofern sich nach der
Praxiserprobung Fortschreibungsbedarf ergibt, wird dieser in einer zweiten Auflage berücksichtigt. Hierzu nimmt
das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie Ihre Hinweise gerne entgegen.

4
Projektleitung: Kerstin Jenemann (LfULG)
Mitglieder des projektbegleitenden Beirates
Name
Behörde
Gudrun Achtziger
LDS
Martin Bochmann
LDS
Claudia Fritzsch
SMEKUL
Nancy Göhler
LRA Mittelsachsen
Michael Hammer
Stadt Leipzig
Frank Michael Herrmann
LDS
Nicole Hinz
Stadt Leipzig
Robert Jehmlich
LRA Erzgebirgskreis
Anett Kaukusch
LRA Nordsachsen
Julia Köhler
LRA Erzgebirgskreis
Laura Kruschwitz
LRA Leipzig
Jürgen Neumann
Stadt Dresden
Dr. Markus Paul
BfUL
Dr. Kerstin Röske
SMEKUL
Annett Scholz
LTV
Heiko Sonntag
LDS
Franziska Ullrich
LTV
Mirko Wende
LRA Meißen
Dr. Wiebke Wendler-Groß
LRA Erzgebirgskreis

5
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ........................................................................................................................................................................ 3
1
Einleitung ..................................................................................................................................................... 11
2
Wirkpfadbasierter Ansatz zur Prognose von vorhabenbedingten Auswirkungen ............................... 16
3
Arbeitshilfe für die Prognoseentscheidung im wasserrechtlichen Vollzug .......................................... 18
3.1
Bildung von Prognose-Fallgruppen ............................................................................................................... 18
3.2
Potenzielle Wirkfaktoren ................................................................................................................................ 20
3.3
Inhalt und Aufbau der Vorgehensweise ........................................................................................................ 21
3.3.1
Vorstufe – Ermittlung des Prüfbedarfs .......................................................................................................... 23
3.3.2
Stufe 1 – Vorprüfung (Schritt 1 bis 3) ............................................................................................................ 25
3.3.3
Stufe 2 – Detailprüfung (Schritt 4) ................................................................................................................. 28
3.3.4
Prognose (Schritt 5)....................................................................................................................................... 30
3.3.5
Einzelfallprüfung ............................................................................................................................................ 31
4
Rahmenbedingungen und Hintergrundinformationen zur Prognose von vorhabenbedingten
Wirkungen und Auswirkungen .................................................................................................................. 32
4.1
Potenzielle Wirkungen auf hydromorphologische Komponenten ................................................................. 32
4.1.1
Hinweise zur Quantifizierung potenzieller Auswirkungen auf die hydromorphologischen Verhältnisse ....... 33
4.1.2
Habitatindex: Anwendbarkeit i. S. des Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzepts ............................................ 37
4.2
Potenzielle Wirkungen auf allgemeine physikalisch-chemische und chemische
Qualitätskomponenten .................................................................................................................................. 41
4.2.1
Hinweise zur Quantifizierung potenzieller Auswirkungen auf die Wasserbeschaffenheit ............................. 42
4.2.2
Abflussgewichtete Mischungsrechnungen als Quantifizierungsmethode potenzieller Auswirkungen
auf die Wasserbeschaffenheit ....................................................................................................................... 45
4.3
Potenzielle Auswirkungen auf biologische Qualitätskomponenten ............................................................... 47
4.3.1
Abiotische Beurteilungswerte zur Abschätzung potenzieller biotischer Auswirkungen ................................ 53
4.3.2
Lage des Bewertungsergebnisses innerhalb der Klassengrenzen ............................................................... 55
4.3.3
Metrics mit hohem Indikationsgewicht........................................................................................................... 55
4.4
Rahmenbedingungen für die Prognoseentscheidung ................................................................................... 55
4.4.1
Grundlegende Rahmenbedingungen ............................................................................................................ 56
4.4.2
Räumliche Abgrenzung des Wirkbereiches und Einschätzung der potenziellen Betroffenheit von
OWK .............................................................................................................................................................. 56
4.4.3
Repräsentative Messstellen .......................................................................................................................... 61
4.4.4
Zeitliche Abgrenzung potenzieller Wirkungen und Einschätzung der Relevanz temporärer Wirkungen ...... 63
4.4.5
Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer Verschlechterung .......................................................................... 63
4.4.6
Wirkungen auf nicht-berichtspflichtige Oberflächengewässer ...................................................................... 64
4.4.7
Umgang mit Unsicherheiten und messtechnischen Schwankungen ............................................................ 65
4.4.8
Berücksichtigung von Summationseffekten .................................................................................................. 66
4.4.9
Minderung von potenziellen Auswirkungen und Erhöhung der Prognosesicherheit durch Umsetzung
von Maßnahmen ............................................................................................................................................ 71
5
Anwendung der Arbeitshilfe an fiktiven Praxisbeispielen ...................................................................... 73
5.1
Verlängerung und Anpassung der Einleiterlaubnis für eine kommunale Kläranlage in einen
Mittelgebirgsbach .......................................................................................................................................... 73
5.1.1
Vorstufe - Ermittlung des Prüfbedarfs ........................................................................................................... 74
5.1.2
Schritt 1: Zuordnung des Vorhabens zu einer Fallgruppe............................................................................. 74
5.1.3
Schritt 2: Funktionale Systemanalyse – Ableitung potenzieller Wirkfaktoren ............................................... 74
5.1.4
Schritt 3: Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Wirkungen auf die unterstützenden
Qualitätskomponenten (und ggf. Abschichtung) ........................................................................................... 75

6
5.1.5
Schritt 4: Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Auswirkungen auf die biologischen
Qualitätskomponenten .................................................................................................................................. 77
5.1.6
Schritt 5: Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des Verschlechterungsverbots ........................ 79
5.2
Ausbau einer bestehenden Wasserkraftanlage mit Erhöhung des Stauziels ............................................... 79
5.2.1
Vorstufe - Ermittlung des Prüfbedarfs ........................................................................................................... 81
5.2.2
Schritt 1: Zuordnung des Vorhabens zu einer Fallgruppe............................................................................. 81
5.2.3
Schritt 2: Funktionale Systemanalyse – Ableitung potenzieller Wirkfaktoren ............................................... 81
5.2.4
Schritt 3: Ermittlung und Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Wirkungen auf die
unterstützenden Qualitätskomponenten (und ggf. Abschichtung) ................................................................ 82
5.2.5
Schritt 4: Ermittlung und Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Auswirkungen auf die
biologischen Qualitätskomponenten ............................................................................................................. 84
5.2.6
Schritt 5: Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des Verschlechterungsverbots ........................ 84
6
Ergänzende Hinweise und Empfehlungen ................................................................................................ 85
6.1
Empfehlungen zur Erstellung eines „Fachbeitrages Wasserrahmenrichtlinie“ ............................................. 85
6.2
Wasserrechtlich nicht genehmigungspflichtige Maßnahmen ........................................................................ 86
6.3
Maßnahmen zur Verhinderung einer Verschlechterung oder zur Erhöhung der Prognosesicherheit .......... 86
6.4
Datenverfügbarkeit und -eignung zur Beschreibung von potenziellen Auswirkungen und Datenbedarf
zum Nachweis von Prognoseentscheidungen .............................................................................................. 88
6.5
Hinweise zu Bewirtschaftungsermessen und Versagungsgründen gemäß § 12 WHG ................................ 89
7
Zusammenfassung ...................................................................................................................................... 90
8
Ausblick ........................................................................................................................................................ 91
Glossar ....................................................................................................................................................................... 92
Literaturverzeichnis .................................................................................................................................................. 95
Anhang 1:
Steckbriefe der Prognose-Fallgruppen zum Verschlechterungsverbot
Anhang 2:
Wirkfaktoren für Flüsse – Kurzbeschreibungen
Anhang 3:
Parametrisierung abiotischer Wirkungen
Anhang 4:
Potenzielle abiotische Wirkungen der Wirkfaktoren auf die unterstützenden Qualitätskomponenten
Anhang 5:
Potenzielle Auswirkungen abiotischer Wirkungen auf die Ergebnisse der biologischen
Bewertungsverfahren (qualitativ)
Anhang 6:
Sensitivität der biologischen Qualitätskomponenten in Bezug auf abiotische Wirkungen

7
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Prinzip des Wirkpfad-basierten Ansatzes zur Beurteilung eines Vorhabens hinsichtlich des
„Verschlechterungsverbotes“ für den ökologischen Zustand .............................................................. 16
Abbildung 2: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Übersicht ......................................................................................... 21
Abbildung 3: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Ermittlung des Prüfbedarfs (Vorstufe) ............................................. 23
Abbildung 4: Fließschema zur Ermittlung des Prüfbedarfs für ein Vorhaben .......................................................... 24
Abbildung 5: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Stufe 1 (Vorprüfung) ........................................................................ 25
Abbildung 6: Beispielhafte Darstellung potenziell relevanter Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Technischer
Ausbau/Verbau des Gewässers“ ........................................................................................................ 26
Abbildung 7: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Stufe 2 (Detailprüfung) .................................................................... 28
Abbildung 8: Entscheidungshilfe zur Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung als Folge
einer nachteiligen Veränderung der Lebensgemeinschaft in einem OWK – Ergebnis:
Verschlechterung un-wahrscheinlich .................................................................................................. 30
Abbildung 9: Für den Habitatindex verwendeter Berechnungsverlauf und Einzelparameter gemäß LANUV
NRW (2018) (Nummerierung entspricht LfULG 2014) ........................................................................ 37
Abbildung 10: Gegenüberstellung der biozönotisch besonders relevanten Einzelparameter (UBA 2014,
hellblau) sowie der Einzelparameter zur Berechnung des Habitatindex (Foerster et al. 2017)
und Zuordnung zu den Einzelparametern und Funktionselementen des Strahlwirkungs- und
Trittsteinkonzepts (LANUV NRW 2011) .............................................................................................. 39
Abbildung 11: Auswertungen von LTV/LfULG zur Überprüfung des Habitatindex für die Verwendbarkeit im
Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzept für sächsische Gewässer (Scholz 2019), Stand Juni
2019 (Bsp. OWK Jahna-3) .................................................................................................................. 40
Abbildung 12: Fließschema zur Ermittlung der relevanten Prüfansätze für flussgebietsspezifische
Schadstoffe in Abhängigkeit vom Ausgangszustand der jeweiligen UQN .......................................... 44
Abbildung 13: Schematische Darstellung zu Kenngrößen und Veränderung von Stoffströmen durch eine
Einleitung und zur Abgrenzung von funktionalen Gewässerabschnitten anhand der Zuflüsse .......... 46
Abbildung 14: Fließschema zur Ermittlung von relevanten Beurteilungswerten für hydromorphologische
Parameter in Abhängigkeit von der Bewertung der ökologischen Zustandsklasse einer
sensitiven BQK im Ausgangszustand ................................................................................................. 53
Abbildung 15: Fließschema zur Ermittlung von relevanten Beurteilungswerten für Parameter der
Wasserbeschaffenheit in Abhängigkeit von der Bewertung der ökologischen Zustandsklasse
einer sensitiven BQK im Ausgangszustand. ....................................................................................... 54
Abbildung 16: Verdünnungseffekt einer stofflichen Einleitung in Abhängigkeit der Zuflüsse unterhalb der
Einleitung (delta Q) für unterschiedliche Konzentrationen im Vorfluter (gestrichelt:
Orientierungswert für Mittelgebirgsgewässer nach OGewV, Formel s. Kapitel 4.2.2). ....................... 59
Abbildung 17: Schematische Skizze zur Darstellung verschiedener räumlicher Wirkbereiche durch
unterschiedliche Vorhaben in einem Fluss mit zwei Wasserkörpern.................................................. 62
Abbildung 18: Schematische Darstellung des zu prüfenden Wasserkörpers mit Angaben zu Einleitstelle und -
menge in den drei funktional zu trennenden Gewässerabschnitte (links) und drei Szenarien für
die Änderungen der Konzentrationen von ortho-Phosphat-P und Gesamtphosphor (rechts)............ 73
Abbildung 19: Potenziell relevante Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Einleitung mit vorrangig stofflicher
Wirkung - Kommunale Kläranlage“ (Auswahl angepasst an das fiktive Beispiel) .............................. 75

8
Abbildung 20: Schematische Darstellung des zu prüfenden Wasserkörpers mit Lage von Querbauwerken
und Wasserkraftanlagen sowie den Längen der Rückstaubereiche................................................... 80
Abbildung 21: Potenziell relevante Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Querbauwerk (Ausbau, Neubau, Betrieb)
– Wasserkraftanlage“ (Auswahl angepasst an das fiktive Beispiel) ................................................... 81

9
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Fallgruppen zur Beschreibung von Wirkpfaden für das „Verschlechterungsverbot“ im Rahmen des
Sächsischen Fachprojekts (Stand 20.09.2019; * = basierend auf entsprechender Fallgruppe im
LAWA-Projekt O1.18, Stand 26.07.2019) .............................................................................................. 19
Tabelle 2:
Vorhabenbedingte Wirkfaktoren mit potenziellen Wirkungen auf Fließgewässer (detailliertere
Beschreibung in Anhang 2) .................................................................................................................... 20
Tabelle 3:
Parameter-Gruppen zur Erfassung und Bewertung potenzieller abiotischer Wirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse (Hydromorphologische Qualitätskomponenten und Parameter
nach OGewV, Anlage 3, Nr. 2) ............................................................................................................... 33
Tabelle 4:
Parameter und Bewertungsverfahren für die Beurteilung abiotischer Wirkungen auf die
morphologischen Verhältnisse (vgl. Anhang 3) ..................................................................................... 34
Tabelle 5: Möglichkeiten zur Quantifizierung des Parameters „Ausuferungsvermögen“........................................ 35
Tabelle 6:
Parameter-Gruppen zur Erfassung und Bewertung potenzieller abiotischer Wirkungen auf die
Wasserbeschaffenheit (chemische und allgemeine physikalisch-chemische Qualitätskomponenten
nach OGewV, Anlage 3, Nr. 3) ............................................................................................................... 41
Tabelle 7:
Biologische Qualitätskomponenten für die Bewertung des ökologischen Zustands von Flüssen
(Anhang V EG-WRRL; Anlage 3, Nr. 1 OGewV) ................................................................................... 47
Tabelle 8:
Bewertungsverfahren und Bewertungsmodule zur Erfassung und Bewertung vorhabenbedingter
biotischer Auswirkungen ........................................................................................................................ 48
Tabelle 9:
Wer indiziert was? (nach van de Weyer et al. 2007 in LANUV NRW 2015, verändert) ........................ 50
Tabelle 10: Abschätzung der Reichweite von Fernwirkungen (oberhalb und unterhalb eines Vorhabens) infolge
unterschiedlicher vorhabenbedingter Wirkfaktoren. ............................................................................... 61
Tabelle 11: Paarweise synergistische (S) und antagonistische (A) Interaktionen von zehn Belastungen (– =
Kombination unwahrscheinlich), ohne additive und Dominanzeffekte (Beurteilung kann individuell
für jede Belastung erfolgen)* .................................................................................................................. 68
Tabelle 12: Mutmaßlich überwiegende Wechselwirkung zwischen den BQK und den Interaktionen häufiger
Belastungskombinationen...................................................................................................................... 69
Tabelle 13: Ökologische und abiotische Randbedingungen für drei Szenarien (Fälle) zum Beispiel
„Verlängerung und Anpassung der Einleiterlaubnis für eine kommunale Kläranlage in einen
Mittelgebirgsbach“ .................................................................................................................................. 74
Tabelle 14: Wirkmatrix mit Zuordnung von Wirkfaktoren zu relevanten (messbaren) unterstützenden
Qualitätskomponenten in der Fallgruppe „Einleitung mit vorrangig stofflichen Wirkungen -
Kommunale Kläranlage“ (Zuordnung angepasst an das fiktive Beispiel).............................................. 76
Tabelle 15: Matrix potenzieller Wirkfaktoren, zugeordneter unterstützender Qualitätskomponenten und
potenzieller Auswirkungen auf die Module der biologischen Bewertung für die Fallgruppe
„Einleitungen mit vorrangig stofflichen Wirkungen - Kommunale Kläranlage“ (Zuordnung angepasst
an fiktives Beispiel) ................................................................................................................................. 78
Tabelle 16: Bewertung der BQK im Ausgangszustand zum Beispiel „Ausbau einer bestehenden
Wasserkraftanlage mit Erhöhung des Stauziels“ ................................................................................... 80
Tabelle 17: Wirkmatrix mit Zuordnung von Wirkfaktoren zu relevanten (messbaren) unterstützenden
Qualitätskomponenten in der Fallgruppe „Querbauwerk (Ausbau, Neubau, Betrieb) –
Wasserkraftanlage“ (Zuordnung angepasst an das fiktive Beispiel)...................................................... 83

10
Abkürzungsverzeichnis
ACP
Allgemeine physikalisch-chemische Parameter (nach Anlage 3 Nr. 3.2 OGEWV)
AWB
Künstlicher Wasserkörper (englisch: artificial water body)
BFUL
Staatsbetrieb Staatliche Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft
BQK
Biologische Qualitätskomponente (nach Anlage 3 Nr. 1 OGEWV)
BVERWG
Bundesverwaltungsgericht
CIS
Gemeinsamen Umsetzungsstrategie der EU-Mitgliedstaaten zur EG-WRRL
(„Common Implementation Strategy“)
EG-WRRL EG-Wasserrahmenrichtlinie
EUGH
Europäischer Gerichtshof
FGS
Flussgebietsspezifische Schadstoffe (nach Anlage 3 Nr. 3.1 OGEWV)
HI
Habitatindex (nach FOERSTER ET AL. 2017)
HMWB
Erheblich veränderter Wasserkörper (englisch: heavily modified water body)
JD-UQN
Jahresdurchschnittswert für eine Umweltqualitätsnorm
LASUV
Landesamt für Straßenbau und Verkehr Sachsen
LAWA
Bund-/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser
LDS
Landesdirektion Sachsen
LFULG
Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
LTV
Staatsbetrieb Landestalsperrenverwaltung
MNQ
mittlerer Niedrigwasserabfluss
MQ
Mittelwasserabfluss
MZB
Makrozoobenthos
OWK
Oberflächenwasserkörper
OGEWV
Oberflächengewässerverordnung
OW
Orientierungswert
QK
Qualitätskomponente
SÄCHSWG Sächsisches Wassergesetz
SMEKUL
Sächsisches Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft
(oberste Wasserbehörde), seit Dez. 2019; vormals:
SMUL
Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, bis Dez. 2019
UQN
Umweltqualitätsnorm (nach Anlage 6 OGEWV)
UVPG
Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung
WHG
Wasserhaushaltsgesetz
ZHK-UQN
Zulässige Höchstkonzentration für eine Umweltqualitätsnorm

11
1 Einleitung
In Artikel 4 EG-Wasserrahmenrichtlinie
1
(EG-WRRL) sind Umweltziele formuliert, die Anforderungen an die
Gewässerbewirtschaftung stellen. Sie sind entsprechend ins Wasserhaushaltsgesetz (§§ 27 bis 31, § 44, § 47
WHG) eingegangen und u. a. über die Oberflächengewässerverordnung (OGEWV)
2
weitergehend unterlegt. Die
Bedeutung dieser Umweltziele, insbesondere des Verschlechterungsverbots (§ 27 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 2 Nr. 1
WHG), für konkrete genehmigungsrechtliche Fragestellungen blieb bis zum Urteil des Europäischen Gerichtshofs
(EuGH) im Jahre 2015 weitgehend ungeklärt. Der EuGH hat in dieser Entscheidung klargestellt, dass das
Umweltziel des Verschlechterungsverbots der EG-WRRL wasserrechtlich verbindliche Vorgaben für die
Zulässigkeit von Vorhaben darstellen.
3
Im Rahmen wasserrechtlicher Entscheidungen ist folglich auch zu bewerten,
ob ein Vorhaben dem Umweltziel des Verschlechterungsverbot der EG-WRRL entgegensteht. Dieser Sachverhalt
wird seither regelmäßig in gesonderten Gutachten – i. d. R bezeichnet als „Fachbeitrag Wasserrahmenrichtlinie“
(Fachbeitrag WRRL) – erörtert. Die Aussagen dieser Fachbeiträge müssen sich nach dem o. g. Urteil des EuGH
sowie den darauf aufbauenden rechtlichen Weiterentwicklungen u. a. des Bundesverwaltungsgerichts (BVERWG)
aus den Jahren 2016
4
, 2017
5
richten. Eine Übersicht über die aktuelle Rechtsprechung ist in der LAWA-
Handlungsempfehlung Verschlechterungsverbot (Stand: 154. LAWA-Vollversammlung November 2017, s. Fußnote
7) unter Nr. 5 enthalten. Zu den rechtlichen Einzelheiten, s. „Vorläufige Vollzugshinweise des SMUL zur Auslegung
und Anwendung des Verschlechterungsverbots nach § 27 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 2 Nr. 1 und nach § 47 Abs. 1 Nr. 1
WHG unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsprechung des EUGH“ (aktueller Stand: 3. März 2017 mit
aktualisierten Anlagen vom 11. März 2021, s. Fußnote 8; wird fortgeschrieben).
Die bisherigen Urteile und Hinweise hinterlassen dabei in der behördlichen Praxis fachliche Fragen für eine
transparente und nachvollziehbare Beurteilung eines Vorhabens hinsichtlich des Verschlechterungsverbots,
insbesondere bezüglich der Prognose u. a. in Bezug auf die Beschreibung von Wirkzusammenhängen oder die
räumliche und zeitliche Abschätzung von Auswirkungen eines Vorhabens.
Die vorliegende
Fachtechnische Arbeitshilfe zur Prognoseentscheidung ökologischer Zustand
liefert daher
maßgebliche methodische und fachliche Vor- und Grundlagenarbeiten. Diese beschreiben einen Ansatz zur
Prognose potenziell vorhabenbedingter Auswirkungen auf Oberflächenwasserkörper im Hinblick auf das
„Verschlechterungsverbot“ gemäß EG-WRRL. Das Vorgehen entspricht dem parallel entwickelten bundesweiten
Ansatz im LAWA-Projekt O 1.18 (Fachtechnische Hinweise für die Erstellung der Prognose im Rahmen des
1
Richtlinie 2000/60/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Oktober 2000 zur Schaffung eines
Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik
2
Verordnung zum Schutz der Oberflächengewässer vom 20. Juni 2016
3
Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache C-461/13 zur beantragten Weservertiefung vom 01.07.2015
Hinweis: Dieses Urteil des EuGH bezieht sich auf Fragen des Verschlechterungsverbots hinsichtlich des ökologischen
Zustands von Oberflächenwasserkörpern. Daher sind diese Aussagen nur eingeschränkt (bedingt) auf das
Verschlechterungsverbot hinsichtlich des chemischen Zustands von Oberflächenwasserkörpern übertragbar, gleiches gilt für
das Verschlechterungsverbot bezüglich Grundwasserkörpern.
4
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in der Rechtssache 7 A 1.15 zur beantragten Weservertiefung vom 11.08.2016
5
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in der Rechtssache 7 A 2.15 zur beantragten Elbvertiefung vom 09.02.2017

12
Vollzugs des Verschlechterungsverbots, Stand: 160. LAWA-Vollversammlung September 2020)
6
und geht darüber
hinaus auf landesspezifische Besonderheiten und Fragestellungen im Freistaat Sachsen ein.
Im Einzelnen wird das „Verschlechterungsverbot“ nach § 27 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 2 Nr. 1 WHG i. S. der Definition
des EUGH (2015) in Bezug auf den ökologischen Zustand bzw. das ökologische Potenzial thematisiert. Vor diesem
Hintergrund ergibt sich der folgende Anwendungsbereich der vorliegenden Arbeitshilfe:
Die Bewertung des ökologischen Zustands bezieht sich auf Oberflächenwasserkörper (OWK) und schließt
damit die Betrachtung des Grundwassers aus.
OWK umfassen verschiedene Typen von Oberflächengewässern, wobei der Sachverhalt in der vorliegenden
Arbeitshilfe für die Spezifika von Flüssen betrachtet wird.
Die allgemeinen physikalisch-chemischen Qualitätskomponenten (§ 5 Abs. 4 Satz 2 OGEWV) und die
chemischen Qualitätskomponenten (= flussgebietsspezifische Schadstoffe, § 5 Abs. 5 und Anlage 6 OGEWV)
mit Relevanz für die Bewertung des ökologischen Zustands, jedoch nicht die Parameter des chemischen
Zustands (Schadstoffe nach § 6 und Anlage 8 OGEWV), werden betrachtet.
Die Bearbeitung schließt das ökologische Potenzial und die Anwendung an erheblich veränderten (HWMB) und
künstlichen (AWB) OWK ein.
Eine Behandlung des „Zielerreichungsgebots“ nach § 27 Abs. 1 Nr. 2 und Abs. 2 Nr. 2 WHG erfolgt nicht.
Mit der „Handlungsempfehlung Verschlechterungsverbot“ der LAWA
7
sowie den
„Vorläufigen Vollzugshinweisen
des SMUL zur Auslegung und Anwendung des Verschlechterungsverbots“
8
werden die juristischen
Rahmenbedingungen für Begutachtungen im Fachbeitrag WRRL für Vorhaben im Freistaat Sachsen dargestellt,
die für die sächsischen Wasserbehörden (§ 109 SächsWG) bindend sind. Dementsprechend wird bei den
folgenden Ausführungen jeweils auf die entsprechenden Ausführungen in den „Vorläufigen
Vollzugshinweisen des SMUL“ (im Folgenden „SMUL 2017“) verwiesen.
6
LAWA - Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft Wasser (2020): Fachtechnische Hinweise für die Erstellung der Prognose im
Rahmen des Vollzugs des Verschlechterungsverbots. Beschlossen auf der 160. LAWA-Vollversammlung am 17./18.
September 2020 in Würzburg.
7
LAWA - BUND/LÄNDER ARBEITSGEMEINSCHAFT WASSER (2017a): „Handlungsempfehlung Verschlechterungsverbot“.
Beschlossen auf der 153. LAWA-Vollversammlung 16./17. März 2017 in Karlsruhe (unter nachträglicher Berücksichtigung der
Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Februar 2017, Az. 7 A 2.15 „Elbvertiefung“) als Anlage 1 zu Top 6.7
der 154. LAWA-VV.
8
SMUL – SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UMWELT UND LANDWIRTSCHAFT (2017): Vorläufige Vollzugshinweise des SMUL
zur Auslegung und Anwendung des Verschlechterungsverbots nach § 27 Absatz Nr. 1 und Absatz 2 Nr. 1 und Abs. 2 Nr. 1
und nach § 47 Absatz 1 Nr. 1 WHG“ des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landschaft. (Stand: 03.03.2017,
mit letzter Aktualisierung der Anlagen vom 11. März 2021)

13
Vorläufige Vollzugshinweise des SMUL
https://www.wasser.sachsen.de/recht-und-grundsaetze-wissenswertes-4272.html
https://www.wasser.sachsen.de/wrrl-daten-kompakt-10896.html
In Bezug auf die biologischen Qualitätskomponenten (BQK) sind darin die folgenden
Verbotstatbestände
hinsichtlich des ökologischen Zustands/Potenzials
genannt:
SMUL (2017), Nr. 6.1 und 6.2 und LAWA (2017
a
), Nr. 2.2.1.1
Verschlechterung mindestens einer BQK um mindestens eine Klasse. Dies gilt auch in folgenden Fällen:
Die Gesamtbewertung des betroffenen OWK verändert sich nicht.
Die BQK- oder Gesamtbewertung verschlechtert sich von „sehr gut“ zu „gut“ oder schlechter.
Weitere Verschlechterung des ökologischen Zustands/Potenzials mindestens einer bereits als „schlecht“
bewerteten BQK.
Eine
Zustandsverschlechterung
der
unterstützenden
Qualitätskomponenten
(unterstützende
QK:
hydromorphologische und allgemeine physikalisch-chemische Parameter, § 5 Abs. 4 Satz 2 OGEWV) ist in diesem
Kontext
irrelevant
, solange dies keine Verschlechterung einer BQK im o. g. Sinne auslöst.
SMUL (2017), Nr. 6.3 und LAWA (2017
a
), Nr. 2.2.1.2
Zudem gilt, dass verbessernde Maßnahmen in standörtlicher Nähe oder an anderer Stelle, jedoch unbedingt
innerhalb des gleichen OWK bzw. mit Wirkung auf den gleichen OWK ergriffen werden können, um
vorhabenbedingte Auswirkungen auf eine BQK in der „Gesamtbilanz“ derart zu reduzieren, dass eine
Verschlechterung ausgeschlossen ist.
SMUL (2017), Nr. 9.1 und 9.2 und LAWA (2017
a
), Nr. 2.4
Die flussgebietsspezifischen Schadstoffe (chemische QK) nehmen für die Bewertung des ökologischen Zustands
bzw. des ökologischen Potenzials eine besondere Rolle ein (§ 5 Abs. 5 Satz 1 OGEWV):
Umweltqualitätsnormen für flussgebietsspezifische Schadstoffe
: Auf Grund der chemischen
Barrierewirkung flussgebietsspezifischer Schadstoffe (FGS) für die Entwicklung der BQK wird die Zustands-
oder Potenzialklasse bei Überschreiten mindestens einer Umweltqualitätsnorm nach Anlage 6 OGEWV mit
maximal „mäßig“ bewertet, auch wenn die BQK insgesamt „gut“ oder besser bewertet sind (nach § 5 Abs. 5
Satz 1 OGEWV). Eine Verschlechterung liegt in dem Fall vor, wenn die erstmalige Überschreitung zumindest
einer UQN eines flussgebietsspezifischen Schadstoffes dazu führt, dass die Gesamtbewertung des betroffenen
OWK „mäßig“ oder schlechter ist.
SMUL (2017) Nr. 6.4 und LAWA (2017a), Nr. 2.2.1.3, Punkt 1

14
Strittig bzw. offen war, ob darüber hinaus auch eine Konzentrationserhöhung bei bereits überschrittenen UQN
sowie die Überschreitung weiterer UQN auch als Verschlechterung zu werten ist.
9
Gemäß Rechtsprechung des BVerwG stellen die flussgebietsspezifischen Schadstoffe (Anlage 3 Nummer 3.1 in
Verbindung mit Anlage 6 OGEWV), Ziffer 1.1 des Anhang V EG-WRRL folgend, lediglich „unterstützende QK“ dar.
Dementsprechend gilt:
Eine Verschlechterung ist zu bejahen, wenn bei einem OWK mit der Bewertung „sehr gut“ oder „gut“ die
Überschreitung einer Umweltqualitätsnorm (UQN) infolge eines Vorhabens zu einer Bewertung des
ökologischen Zustands mit „mäßig“ führt.
Bei einem OWK mit der Bewertung „mäßig“ führt eine Überschreitung einer UQN oder die
Konzentrationserhöhung über eine UQN nur dann zu einer Verschlechterung, wenn sich dadurch auch eine
biologische Qualitätskomponente um eine Klasse verschlechtert.
LAWA (2017a), Nr. 2.2.1.3
9
Nach LAWA (2017a, Nummer 2.2.1.3, Punkt 2) lediglich relevant, sofern dies auch den Zustand einer BQK wahrscheinlich
verschlechtert, im Wesentlichen dadurch begründet, dass die flussgebietsspezifischen Schadstoffe (FGS) ab dem mäßigen
oder schlechteren Zustand die Bedingungen stellen sollen, „unter denen die […] für die BQK beschriebenen Werte erreicht
werden können“ (Anlage 4, Tabelle 2 OGEWV) und damit lediglich unterstützenden Charakter für die Bewertung besäßen
(LAWA 2017a, S. 21).
Abweichend davon wurde nach SMUL (2017) Nr. 6.5 eine Verschlechterung auch in den folgenden Fällen bejaht:
Erstmalige Überschreitung einer UQN gemäß Anlage 6 OGEWV für FGS, sofern dies zur Abstufung des ökologischen
Zustands auf „mäßig“ oder schlechter führt.
Weitere messtechnisch nachweisbare und außerhalb der natürlichen Schwankungsbreite befindliche
Konzentrationserhöhung eines FGS mit bereits überschrittener UQN gemäß Anlage 6 OGEWV.
Jede weitere Überschreitung einer UQN eines FGS gemäß Anlage 6 OGEWV.
Für diese Auslegung könnten folgende Erwägungen sprechen: Die Aufstellung von UQN für die FGS lässt eine ähnliche
Handhabung wie für die Schadstoffe des chemischen Zustandes bereits in der Logik und Struktur der EG-WRRL
offensichtlich werden. Ein tatsächlicher Unterschied besteht lediglich darin, dass die UQN zur Bewertung des chemischen
Zustandes EU-weit festgeschrieben werden, wohingegen die UQN für die FGS durch die einzelnen Mitgliedstaaten festgelegt
werden. Ein Wechsel der Zuordnung einzelner Stoffe zu einer dieser beiden Gruppierungen, wie er auch bei der Erstellung
des Entwurfes der OGEWV 2015 stattgefunden hat, deutet darauf hin, dass zwischen den UQN gemäß Anlage 6 und Anlage
8 OGEWV 2016 keine grundsätzlichen, fachlich begründeten Unterschiede bestehen. Es kann ferner davon ausgegangen
werden, dass Konzentrationsveränderungen von FGS nicht unmittelbar auf die Bewertungsklassen der BQK übertragen
werden können, sodass eine Ableitung von Schwellenwerten für alle Klassen des ökologischen Zustandes fachlich nicht
möglich erscheint. Durch die unmittelbare Berücksichtigung der UQN für die FGS in der Bewertung des ökologischen
Zustandes, die eine Art „ökotoxikologisch begründetes Mindestmaß“ für den guten ökologischen Zustand in Verbindung mit
der Funktionsfähigkeit des aquatischen Ökosystems sicherstellen soll, ist eine solche Übertragung auch gar nicht
erforderlich.
Allerdings wird nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (BVERWG), Urteile vom 9. Februar 2017 (Az. 7 A
2/15, Rn. 496) und vom 29. Mai 2018 (Az. 7 C 18/17, Rn. 14) diese Auslegung rechtlich verworfen.

15
Diese Prognose ist für die biologischen QK im Hinblick auf ihre Reaktion auf die 67 flussgebietsspezifischen
Schadstoffe schwierig und derzeit oft auch nicht möglich. Einer
aus fachlicher Sicht vorzugswürdigen Lösung
für die flussgebietsspezifischen Schadstoffe der Anlage 6 wäre ein Vorgehen analog zu den chemischen Stoffen
der Anlage 8. Dem steht jedoch die geltende Rechtslage gemäß höchstrichtlicher Entscheidung (vgl. BVerwG, s.
Fußnote 10) entgegen. Kann in der 2. Fallkonstellation mangels fachlich begründbaren Kausalitätsnachweises eine
Verschlechterung nicht prognostiziert werden, bleibt unabhängig davon das Zielerreichungsgebot gesondert zu
prüfen (vgl. LAWA [2017a] Nummer 1.2).
Während die vorliegende Sächsische Arbeitshilfe auf Fließgewässer fokussiert, wurden auf Ebene der LAWA auch
Wirkpfade mit entsprechenden Grundlagen für Wirkungsprognosen in Seen erarbeitet. Diese können für
entsprechende Fälle in Sachsen herangezogen werden.

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16
2 Wirkpfadbasierter Ansatz zur Prognose
von vorhabenbedingten Auswirkungen
Die wasserwirtschaftliche Zulassungspraxis erfordert eine standardisierte Methode, die möglichst effizient ist,
gleichzeitig jedoch fachlich fundiert durchgeführt werden kann und vergleichbare Ergebnisse liefert. Diese Methode
muss auf die Frage eingehen, inwiefern (potenziell) durch ein Vorhaben ausgelöste Wirkungen auf ein
Oberflächengewässer („abiotische Wirkungen“) beschrieben und deren Bedeutung für die biologischen
Qualitätskomponenten („biotische Auswirkungen“) abgebildet und beurteilt werden können.
Der zentrale Ansatzpunkt für die Klärung und Bearbeitung der Wirkzusammenhänge ist die Definition von
Wirkpfaden, d. h. die Ableitung und Darstellung der Zusammenhänge zwischen potenziellen, vorhabenbedingten
Wirkungen und biologischen Qualitätskomponenten in Form von Ursache-Wirkungs-Beziehungen (Abbildung 1).
Die Wirkpfade können anhand von sogenannten Prognose-Fallgruppen in einem grundlegenden Ausmaß
standardisiert und vordefiniert werden (Kapitel 3.1).
Abbildung 1: Prinzip des Wirkpfad-basierten Ansatzes zur Beurteilung eines Vorhabens hinsichtlich des
„Verschlechterungsverbotes“ für den ökologischen Zustand
Das Prinzip kann vereinfacht wie folgt beschrieben werden:
Ein beantragtes Vorhaben kann in
Wirkfaktoren
übersetzt werden, d. h. in eine oder mehrere grundsätzlich zu
erwartende unmittelbare Veränderungen der Standortverhältnisse in einem Fließgewässer. Hierzu zählen das
Abfluss- und Fließverhalten, die Durchgängigkeit, die Gewässerstruktur und/oder die Wasserbeschaffenheit
(Kapitel 3.2).
Die Wirkfaktoren erzeugen potenzielle
abiotische Wirkungen
, mit denen die erwarteten Veränderungen der
unterstützenden QK i. S. der prognostizierten, zukünftigen Standortverhältnisse in einem
funktional betroffenen
Abschnitt
als Teil eines oder mehrerer OWK parametrisiert und quantifiziert werden können (Kapitel 4.1 und 4.2).
Die potenziellen abiotischen Wirkungen umfassen dabei sowohl Veränderungen, die direkt durch ein Vorhaben
ausgelöst werden können, als auch Folgewirkungen, die sich durch die Veränderung eines anderen Parameters
ergeben können.

17
Sie können sich in Abhängigkeit der Intensität des Wirkfaktors und der Verhältnisse im Gewässersystem
unterschiedlich
auswirken.
Die
funktionale
Systemanalyse
mit
ggf.
erforderlicher
Gliederung
des
Gewässersystems dient der räumlichen Differenzierung der abiotischen Wirkungen und berücksichtigt u. a.
mengenmäßig und/oder stofflich relevante Zuflüsse und Entnahmen, Abflussszenarien (z. B. Niedrig-, Mittel- und
Hochwasserführung)
sowie
gewässertypologische
und
hydromorphologische
Rahmenbedingungen
(Stauregulierung, Ausbauzustand) (Kapitel 4.4.2).
Auf dieser Grundlage wird die Bedeutung der veränderten Standortbedingungen für die bewertungsrelevanten
Zönosen (Gewässerflora und -fauna) interpretiert, um Einschätzungen zu den potenziellen
biotischen
Auswirkungen
eines Vorhabens für den funktional betroffenen Teil eines Gewässers treffen zu können (Kapitel
4.3).
Das Ergebnis dieses wirkpfadbasierten Ansatzes, d. h. die Einschätzung potenzieller vorhabenbedingter
Auswirkungen auf die Lebensgemeinschaften für einen funktional betroffenen Gewässerabschnitt bzw. eine
funktional betroffene Gewässerfläche, wird schließlich auf den
OWK als rechtlich bewertungsrelevanter
Raumbezug
übertragen und vor dem Hintergrund des Geltungsbereichs der fachgutachterlichen Aussagen
bewertet (Kapitel 4.4).
In
Bezug
auf
die
Prognose
vorhabenbedingter
Wirkungen
sind
auch
zustandsbegünstigende
Vorhabensbestandteile (Minderungsmaßnahmen) zu berücksichtigen. Die Umsetzung funktional verknüpfter
Minderungsmaßnahmen – i. S. v. Maßnahmen zur vorsorglichen Verhinderung
10
einer zu erwartenden
Verschlechterung – kann im Interesse eines Vorhabenträgers (verfahrens-) ökonomisch sinnvoll sein (z. B.
Anpflanzung von Gehölzen an Bächen mit zu erwartender Temperaturerhöhung durch eine Einleitung). Damit kann
möglicherweise erreicht werden, dass bereits auf der Stufe 1 (Vorprüfung) eine vorhabenbedingte
Verschlechterung ausgeschlossen werden kann oder unwahrscheinlich ist.
SMUL (2017), Nr. 9
10
Maßnahmen, die zwar nicht den Eintritt einer Verschlechterung ausschließen können, können aber dazu führen, dass das
Ausmaß der zu erwartenden Verschlechterung minimiert werden kann, s. dazu Kap. 4.4.9.

18
3 Arbeitshilfe für die
Prognoseentscheidung im
wasserrechtlichen Vollzug
Im folgenden Kapitel werden Arbeitshilfen für die Prognoseentscheidung dargestellt. Dazu werden zunächst
wesentliche Grundlagen aufgeführt, die die Bildung von Prognose-Fallgruppen (Kapitel 3.1) sowie die
Beschreibung potenzieller Wirkfaktoren (Kapitel 3.2) umfassen. Anschließend werden Inhalt und Aufbau der
Vorgehensweise zur Ableitung einer Prognoseentscheidung im Einzelnen dargestellt (Kapitel 3.3). Die Inhalte
basieren auf dem LAWA-Projekt O1.18 (Entwurf der Handlungsempfehlung vom 26.07.2019) und wurden anhand
landesspezifischer Fragestellungen in Sachsen angepasst und konkretisiert.
Rahmenbedingungen
und
Hintergrundinformationen
zur
Prognose
vorhabenbedingter
Wirkungen
und
Auswirkungen sind ausführlich in Kapitel 4 dargestellt, es folgt eine Darstellung anhand von fiktiven Fallbeispielen
in Kapitel 5.
3.1 Bildung von Prognose-Fallgruppen
Die vorhabenbezogenen Wirkpfade können für verschiedene (Kombinationen von) Wirkfaktoren einerseits und
unterschiedliche BQK andererseits definiert werden. Hierbei bestehen zahlreiche funktionale Ursache-Wirkungs-
Beziehungen.
Eine standardisierte Vorgehensweise wird durch die Bildung von „Prognose-Fallgruppen“ i. S. einer Typisierung
unterstützt, die sich seit vielen Jahren in verschiedenen wasserwirtschaftlichen Handlungsfeldern als zielführend
erwiesen hat. Diese Vorgehensweise bietet die Möglichkeit, definierte Typen von Vorhaben mit potenziellen
abiotischen Wirkungen und möglichen biotischen Auswirkungen zu verknüpfen. Das Baukastensystem ist
hierarchisch aufgebaut, sodass je nach erforderlichem Detaillierungsgrad z. B. weitere Untergruppen abgeleitet
werden können. Zudem können einzelne Bausteine zu neuen Kombinationen zusammengesetzt werden, die bei
komplexeren Vorhaben erforderlich sein könnten (Einzelfallprüfung, s. Kapitel 3.3.5). Das Baukastensystem erlaubt
damit systematische Prognosen zum Verschlechterungsverbot. Verschiedenste Vorhaben können auf einer
zielführenden Detaillierungstiefe transparent, nachvollziehbar und reproduzierbar bewertet werden.
Die Aufstellung der Fallgruppen (Tabelle 1) basiert grundsätzlich auf der Auswahl, die im LAWA-Projekt O1.18
(Entwurf der Handlungsempfehlung vom 26.07.2019) getroffen wurde. Für die vorliegende Arbeitshilfe ist die
Auswahl differenziert und um im Freistaat Sachsen relevante Fälle ergänzt worden.
11
Grundsätzlich gliedert sich die Aufstellung der Fallgruppen in Vorhaben, die aus wasserrechtlicher Sicht erlaubnis-,
bewilligungs- oder genehmigungspflichtig sind, d. h. grundsätzlich Gegenstand eines wasserrechtlichen
Zulassungsverfahrens sein können und damit dem Verschlechterungsverbot unterliegen
SMUL (2017), Nr. 1.1
11
Vorstellung und Diskussion der Auswahl in Beiratssitzung am 29.01.2019; Festlegung der Auswahl in Beiratssitzung am
08.05.2019

19
Diese Auswahl wird ergänzt durch Vorhaben, die zwar nicht Gegenstand des wasserrechtlichen Vollzugs sind,
jedoch i. d. R. erhebliche Auswirkungen auf die ökologische Funktionsfähigkeit von Gewässern verursachen
können (meist Vorhaben im Einzugsgebiet). Diese Vorhaben können z. B. im Rahmen von (strategischen)
Umweltverträglichkeitsprüfungen im Hinblick auf das Schutzgut „Wasser“ zu prüfen sein, wobei die Bewertung
durch die dargestellten Fallgruppen unterstützt werden kann.
Tabelle 1: Fallgruppen zur Beschreibung von Wirkpfaden für das „Verschlechterungsverbot“ im Rahmen
des Sächsischen Fachprojekts (Stand 20.09.2019; * = basierend auf entsprechender Fallgruppe im LAWA-
Projekt O1.18, Stand 26.07.2019)
Art
Fallgruppe
Gewässerausbau (inkl. Anlagen, ohne
Querbauwerke)
Technischer Ausbau/Verbau des Gewässers*
Bauliche Anlage(n) im/am Gewässer*
Nachholende Gewässerunterhaltung*
Gewässerentwicklung/Renaturierung*
Neubau/Umbau von Anlage(n) in der Aue*
Querbauwerk (Ausbau/Neubau/Betrieb)
Talsperre*
Hochwasserrückhaltebecken
Wasserkraftanlage*
Kulturstau/ Sonstiges Querbauwerk
Durchlass/Brücke, Verrohrung
Einleitung
Kommunale Kläranlage*
Industrielle Einleitung*
Einleitung aus bergbaulicher Aktivität*
Kraftwerkseinleitung*
Flächenentwässerung*
Überleitung (z. B. NW-Erhöhung, HW-Entlastung)
Ausleitung/Entnahme
Ausleitungsstrecken*
Flutung von Restseen
Brauchwasserentnahme
Sonstige Vorhaben/Nutzungen
Wassertourismus/Schifffahrt
Fischzucht/Aquakultur
Intensivierte Landwirtschaft
Die einzelnen Fallgruppen umfassen i. d. R. eine Vielzahl von möglichen Vorhaben, die zu „Ausprägungen“ mit
funktional vergleichbaren abiotischen Wirkungen zusammengefasst wurden. Vorhaben mit besonderer
wasserwirtschaftlicher Relevanz (d. h. besonders häufig auftretende Fälle) können eigenständige Ausprägungen
einer Fallgruppe darstellen.
Die Fallgruppen sind in Form von
Steckbriefen
beschrieben (Anhang 1), die Kurzbeschreibungen liefern und
fallgruppenspezifische Wirkpfade darstellen. Hinweise zur Zuordnung eines Vorhabens zu einer Fallgruppe werden
in Kapitel 3.3.2 gegeben.

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20
3.2 Potenzielle Wirkfaktoren
Vorhaben können mit der direkten Veränderung wesentlicher Standortverhältnisse in einem oder mehreren
Fließgewässerabschnitten einhergehen.
Anhand von
Wirkfaktoren
können diejenigen Veränderungen der Standortbedingungen beschrieben werden, die
grundsätzlich direkt und unmittelbar durch ein Vorhaben hervorgerufen werden können. Dabei werden
Kombinationen von bau-, anlage- und betriebsbedingten Wirkungen berücksichtigt. Nicht zu den Wirkfaktoren
zählen Veränderungen, die sich erst als Folgewirkung eines beeinflussten Wirkfaktors ergeben und daher lediglich
mittelbar durch ein Vorhaben hervorgerufen werden könnten. Diese Folgewirkungen werden u. a. über die
abiotischen Wirkungen (Kapitel 4.1 und 4.2) betrachtet.
Insgesamt werden bis zu
14 Wirkfaktoren
unterschieden (Tabelle 2), die über Piktogramme eingängig abgebildet
und in Anhang 2 inhaltlich erläutert sind.
Da diese Wirkfaktoren regelhaft für vergleichbare Vorhaben anzunehmen sind, können diese auf Ebene der
Fallgruppen hinsichtlich ihrer potenziellen Prüfrelevanz eingestuft werden. Durch die Angabe, ob ein Wirkfaktor für
eine bestimmte Fallgruppe regelmäßig oder im Einzelfall, d. h. in Abhängigkeit der vorhabenspezifischen
Eigenschaften, anzunehmen ist, kann die Prognose im Hinblick auf das Verschlechterungsverbot bereits frühzeitig
auf wesentliche Aspekte konzentriert werden.
Die
Einstufung
der
Prüfrelevanz
erfolgt
im
Rahmen
der
Fallgruppen-Steckbriefe.
Sie
gibt
einen
vorhabenübergreifenden Überblick und ist anhand der vorhabenspezifischen Eigenschaften zu validieren und ggf.
abzuschichten.
12
Tabelle 2: Vorhabenbedingte Wirkfaktoren mit potenziellen Wirkungen auf Fließgewässer (detailliertere
Beschreibung in Anhang 2)
Potenziell relevante Wirkfaktoren
Abfluss und Fließverhältnisse
Durchgängigkeit
Gewässerstruktur
Wasserbeschaffenheit
12
Wirkfaktoren, die i. d. R. nicht relevant sind, können im Einzelfall (Sonderfälle) dennoch relevant sein

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21
3.3 Inhalt und Aufbau der Vorgehensweise
Nachfolgend
werden
die
(bis
zu)
fünf
Bearbeitungsschritte
(Abbildung
2)
zur
Herleitung
einer
Prognoseentscheidung zum Verschlechterungsverbot im Einzelnen dargestellt und erläutert. Im Vorfeld der
Bearbeitung erfolgt in einer
Vorstufe
die
Ermittlung des Prüfbedarfs
für ein Vorhaben.
Die eigentliche Bearbeitung kann – sofern Prüfbedarf gegeben ist – vorhabenabhängig mit unterschiedlichem
Detailgrad durchgeführt werden. In Anlehnung an den CIS-Leitfaden zur Prüfung von Ausnahmen von den
Umweltzielen gemäß EG-WRRL (CIS 2017) wird der Wirkpfad-basierte Ansatz zur Prognoseentscheidung in ein
zweistufiges Prüfverfahren
mit einer
Vorprüfung (Stufe 1, Schritt 1 bis 3)
und einer D
etailprüfung (Stufe 2,
Schritt 4)
überführt. Dies ist insbesondere dadurch begründet, dass eine Vielzahl von zu prüfenden Vorhaben vor
dem Hintergrund möglicher Verschlechterungen voraussichtlich mit relativ geringem Aufwand im Rahmen einer
Vorprüfung geprüft werden kann, da Verschlechterungen z. B. bereits aufgrund fehlender funktionaler
Wirkzusammenhänge oder nur geringer möglicher Auswirkungen ausgeschlossen werden können. Die
Prognose
(Schritt 5)
erfolgt als abschließender Bearbeitungsschritt der Vorgehensweise.
Abbildung 2: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Übersicht
Im Einzelnen kann der mehrstufige Aufbau der Vorgehensweise zusammengefasst wie folgt beschrieben werden:
Vorstufe – Ermittlung des Prüfbedarfs
: Der eigentlichen Bearbeitung wird eine Ermittlung des Prüfbedarfs
(Kapitel 3.3.1) vorweggestellt, in der zunächst überprüft wird, ob ein Vorhaben überhaupt einer Prüfung
gegenüber dem Verschlechterungsverbot zu unterziehen ist oder eine Verschlechterung aufgrund der
Eigenschaften des Vorhabens sowie der Rahmenbedingungen im Gewässersystem bereits im Vorfeld
ausgeschlossen werden kann, sodass keine weitere Bearbeitung der nachfolgenden Schritte erforderlich ist.

22
Stufe 1 – Vorprüfung (Schritte 1-3)
: Im Rahmen einer „Vorprüfung“ erfolgt die Zuordnung des zu prüfenden
Vorhabens zu einer Fallgruppe (Schritt 1, Kapitel 3.3.2). Sofern ein Vorhaben durch keine der Prognose-
Fallgruppen hinreichend abgebildet werden kann, sind die folgenden Schritte in einer Einzelfallprüfung zu
bearbeiten (Kapitel 3.3.5). Im zweiten Schritt erfolgt eine funktionale Systemanalyse, in der potenzielle
Wirkfaktoren auf Basis der ermittelten Prognose-Fallgruppe abgeleitet werden (Schritt 2, Kapitel 3.3.2). Nach
einer Selektion der vorhabenrelevanten Wirkfaktoren werden mögliche abiotische Wirkungen auf die
unterstützenden QK identifiziert und quantifiziert (Schritt 3, Kapitel 3.3.2). Zudem werden mögliche direkte
Wirkungen auf die BQK betrachtet. Hierbei wird ersichtlich, ob durch das Vorhaben überhaupt potenziell
nachteilige Wirkungen zu erwarten sind, diese ggf. zu nicht nur kurzzeitigen bewertungsrelevanten biotischen
Auswirkungen führen könnten und daher einen detaillierteren Prüfbedarf auslösen oder bereits frühzeitig eine
vorhabenbedingte Verschlechterung auszuschließen bzw. unwahrscheinlich ist. Wenn im Ergebnis der
Vorprüfung keine oder mit hoher Prognosesicherheit nur kurzzeitige und vorübergehende oder nicht
bewertungsrelevante (z. B. sehr kleinräumige) potenziell nachteilige Wirkungen zu erwarten sind, kann durch
„Abschichten“ bereits nach dem Schritt 3 die Prognoseentscheidung in Schritt 5 getroffen werden. In diesem
Fall ist eine vorhabenbedingte Verschlechterung ausgeschlossen bzw. unwahrscheinlich.
Stufe 2 – Detailprüfung (Schritt 4)
: Sofern potenziell nachteilige, bewertungsrelevante und nicht nur
kurzzeitige Wirkungen zu erwarten sind, ist eine detaillierte Ermittlung und Quantifizierung möglicher
vorhabenbedingter Auswirkungen auf die BQK vorzunehmen (Schritt 4, Kapitel 3.3.3). Dies erfordert i. d. R.
detailliertere Datenauswertungen, z. B. zur Bestandssituation der BQK (ggf. bis auf Art-Ebene), jedoch auch zu
Veränderungen der hydromorphologischen oder physikalisch-chemischen Verhältnisse sowie nach Bedarf
Erhebungen von zusätzlichen Daten. Der für ein Vorhaben erforderliche Prüfumfang bzw. die Entscheidung
zwischen Vorprüfung und Detailprüfung ergibt sich durch die Art (z. B. stoffliche oder hydromorphologische
Wirkungen), den räumlichen und zeitlichen Umfang (z. B. auf Ebene eines OWK) und die Intensität (z. B.
relative Zunahme einer Stoffkonzentration) der zu erwartenden Wirkungen bzw. Auswirkungen des Vorhabens.
Die Art der wasserrechtlichen Abwicklung eines Vorhabens (z. B. Bewilligung oder Erlaubnis,
Gewässerunterhaltung oder Gewässerausbau) ist für diese Entscheidung nicht maßgebend, obschon natürlich
größere Vorhaben wie z. B. ein technischer Gewässerausbau im Rahmen einer Planfeststellung tendenziell
eher eine Detailprüfung erfordern als kleinere Vorhaben z. B. im Rahmen der Gewässerunterhaltung.
Prognose (Schritt 5)
: Die Ergebnisse der Vorprüfung bzw. Detailprüfung fließen in die Gesamtbewertung des
Vorhabens vor dem Hintergrund der aktuellen Rechtsprechung und des Geltungsbereiches der Prognose(n) ein
(Schritt 5, Kapitel 3.3.4). Dabei wird zusammenfassend geschlussfolgert, ob eine Verschlechterung
ausgeschlossen werden kann bzw. unwahrscheinlich ist oder ob eine solche nicht auszuschließen bzw.
wahrscheinlich ist. Sofern von einer Verschlechterung ausgegangen werden muss, können bereits an dieser
Stelle zielführende Maßnahmen zur Verhinderung einer Verschlechterung abgeleitet werden, um die
potenziellen vorhabenbedingten Auswirkungen zu minimieren oder aufzuheben. Die Ableitung von Maßnahmen
kann unabhängig vom Prüfumfang (Vorprüfung, Detailprüfung) erfolgen. Unter Annahme der Umsetzung und
Wirksamkeit dieser Maßnahmen kann eine erneute Überprüfung der Wirkungen und Auswirkungen des
Vorhabens vorgenommen werden (Rückkopplung zu Schritt 3), um ggf. eine entsprechend angepasste
Prognose (Verschlechterung ausgeschlossen/unwahrscheinlich) zu ermöglichen. Dadurch kann voraussichtlich
in zahlreichen Fällen in der Praxis eine formale Ausnahmeprüfung gemäß § 31 WHG bzw. Art 4 (7) EG-WRRL
vermieden werden.
Dieses Vorgehen wird schrittweise für zwei fiktive, vorrangig stofflich (Verlängerung und Anpassung der
Einleiterlaubnis für eine kommunale Kläranlage, Kapitel 5.1) bzw. hydromorphologisch (Ausbau einer bestehenden
Wasserkraftanlage, Kapitel 5.2) wirkende Vorhaben beispielhaft in Kapitel 5 angewendet. Zuvor werden die
einzelnen Schritte im Detail beschrieben (s. Kapitel 3.3.1 - 3.3.5) sowie Rahmenbedingungen und
Hintergrundinformationen zur Bearbeitung aufgeführt (s. Kapitel 4).

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23
3.3.1 Vorstufe – Ermittlung des Prüfbedarfs
Als erster Schritt der mehrstufigen Vorgehensweise erfolgt in einer Vorstufe eine Überprüfung, ob für ein Vorhaben
überhaupt Prüfbedarf i. S. d. Verschlechterungsverbotes gegeben ist. Abbildung 3 hebt diesen Teil im Kontext der
mehrstufigen Vorgehensweise hervor. Somit können im behörlichen Vollzug bereits im Vorfeld zahlreiche
Vorhaben – z. B. Verlängerungen bestehender Erlaubnisse und Bewilligungen ohne Veränderungen potenzieller
Wirkungen – fachlich hinreichend bearbeitet werden, ohne eine weitere Prüfung durchzuführen.
Abbildung 3: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Ermittlung des Prüfbedarfs (Vorstufe)
Die Ermittlung des Prüfbedarfs für ein Vorhaben kann in Anlehnung an das nachfolgend dargestellte Fließschema
(Abbildung 4) vorgenommen werden.
Dabei wird zuerst das Vorhaben mit einer potenziellen Wirkung auf ein Gewässer ermittelt. In erster Linie betrifft
dies sämtliche Vorhaben, die einer wasserrechtlichen Genehmigung bedürfen (z. B. Einleitung, Gewässerausbau).
Zusätzlich
können
Vorhaben
zu
berücksichtigen
sein,
die
lediglich
der
Anzeigepflicht
unterliegen
(z. B. Gewässerunterhaltung), von denen jedoch offensichtliche Anhaltspunkte der Prüfrelevanz bestehen.
Vorhaben aus anderen öffentlich-rechtlichen Verfahren können ebenfalls auf Prüfbedarf untersucht werden, sofern
sie wasserrechtliche Relevanz besitzen (z. B. Vorhaben des Straßenbaus). Aus diesen sowie aus Plänen und
Programmen (z. B. Bebauungspläne) lassen sich funktional begründet einzelne Vorhaben ableiten, die dann den
eigentlichen Gegenstand der Prüfung darstellen (z. B. Einleitung von Niederschlagswasser von Straßen).
Sofern sich durch dieses Vorhaben die
Art und/oder Intensität der Nutzung
im Vergleich zum Ausgangszustand
verändert (z. B. durch veränderte Stoffkonzentrationen einer Einleitung) bzw. diese neu ist, ergibt sich bei
potenzieller
direkter
oder
indirekter
Betroffenheit
eines
OWK
Prüfbedarf.
Letzteres
kann
auch
der Fall sein, wenn ein Vorhaben zwar im Vergleich zum Ausgangszustand keine Veränderung erwarten lässt
(z. B. Verlängerung einer Einleiterlaubnis ohne relevante Änderungen), im Gewässersystem jedoch mit
veränderten Rahmenbedingungen
zu rechnen ist (z. B. durch eine weitere, neue Einleitung in den OWK).

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Bei unveränderter Art und/oder Intensität der Nutzung und unveränderten Rahmenbedingungen besteht kein
Prüfbedarf, da eine vorhabenbedingte Verschlechterung in diesem Fall unwahrscheinlich ist bzw. ausgeschlossen
werden kann.
Abbildung 4: Fließschema zur Ermittlung des Prüfbedarfs für ein Vorhaben

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25
3.3.2 Stufe 1 – Vorprüfung (Schritt 1 bis 3)
Sofern sich als Ergebnis der Vorstufe
Prüfbedarf
ergibt, ist eine Prüfung des Vorhabens im Rahmen einer
Vorprüfung (Stufe 1)
erforderlich, die in den nachfolgend dargestellten Schritten 1 bis 3 erfolgt. Unter bestimmten
Voraussetzungen kann im Anschluss bereits eine
Prognose
erfolgen (s. Kapitel 3.3.4). Abbildung 5 hebt den im
Rahmen der Vorprüfung insgesamt relevanten Teil im Kontext der mehrstufigen Vorgehensweise hervor.
Abbildung 5: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Stufe 1 (Vorprüfung)
Schritt 1: Zuordnung des Vorhabens zu einer Fallgruppe
Zentraler Baustein für eine standardisierte Vorgehensweise ist die Zuordnung des prüfrelevanten Vorhabens zu
einer
Prognose-Fallgruppe
mit den jeweils definierten Wirkpfaden.
Anhand der vorhabenspezifischen Gegebenheiten, insbesondere der Art der geplanten Gewässerbewirtschaftung
bzw. -nutzung, kann eine Prognose-Fallgruppe zugeordnet werden. Die in den Steckbriefen (Anhang 1)
dargestellten Kurzbeschreibungen liefern einen ersten Überblick zur Orientierung. Zudem sind für alle Fallgruppen
Vorhaben nach den einschlägigen Rechtsvorschriften benannt.
Sofern keine eindeutige Zuordnung einer Prognose-Fallgruppe möglich ist, ist für die funktionale Systemanalyse
eine
Einzelfallprüfung
durchzuführen. Diese umfasst im Rahmen der Vorprüfung Schritt 2 und Schritt 3; das
Vorgehen wird in Kapitel 3.3.5 näher erläutert.

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26
Schritt 2: Funktionale Systemanalyse – Ableitung potenzieller Wirkfaktoren
Nachdem eine Fallgruppe zugewiesen wurde, ist im zweiten Schritt eine funktionale Systemanalyse des potenziell
betroffenen Gewässersystems durchzuführen. Die in den Fallgruppen-Steckbriefen dargestellten Skizzen und
Wirkfaktoren geben Hinweise auf mögliche Wirkpfade und deren potenzieller Reichweite. Die konkrete Ableitung ist
im Einzelfall unter Berücksichtigung der vorhaben- und gewässersystemspezifischen Rahmenbedingungen
vorzunehmen. Dafür wird der Betrachtungsraum zunächst in
funktionale Abschnitte
eingeteilt (z. B. oberhalb
Einleitung, unterhalb Einleitung, oberhalb Zufluss, unterhalb Zufluss). Mögliche Gründe zur Gliederung eines
Gewässersystems
sind
u. a.
mengenmäßig
und/oder
stofflich
relevante
Zuflüsse
und
Entnahmen,
hydromorphologische
Verhältnisse
(naturnahe
Strecken,
Stauregulierung,
Ausbauzustand)
sowie
gewässertypologische Rahmenbedingungen.
Die für ein konkretes Vorhaben potenziell relevanten Wirkfaktoren können aus den
Hinweisen in den
Fallgruppen-Steckbriefen
abgeleitet werden (s. Beispiel der Fallgruppe „Technischer Ausbau/Verbau des
Gewässers in Abbildung 6). Nicht relevante Wirkfaktoren werden gestrichen; bei Bedarf können zusätzliche
Wirkfaktoren ergänzt werden (z. B. aus einer anderen Fallgruppe).
Abbildung 6: Beispielhafte Darstellung potenziell relevanter Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Technischer
Ausbau/Verbau des Gewässers“
Im Ergebnis liegt eine
vorhabenspezifische Auswahl
von potenziell relevanten Wirkfaktoren vor. Zudem kann der
Betrachtungsraum
für die Vorhabenprüfung auf Grundlage des potenziellen Wirkbereiches vorläufig abgegrenzt
und funktional gegliedert werden.
Schritt 3: Ermittlung und Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Wirkungen auf die unterstützenden
Qualitätskomponenten (inkl. direkter Wirkungen auf die biologischen Qualitätskomponenten)
In diesem Schritt ist es zielführend, zunächst
alle potenziellen abiotischen Wirkungen
aufzuführen, die
funktional durch ein Vorhaben verursacht werden könnten, auch wenn diese augenscheinlich keine oder nur sehr
geringe Auswirkungen erwarten lassen. Tatsächlich nicht zu erwartende abiotische Wirkungen können
in einem
zweiten Schritt „abgeschichtet“
werden. Damit kann eine transparente und hinreichend detaillierte
Vorgehensweise sichergestellt werden, die den aktuellen Anforderungen der Rechtsprechung – insbesondere an
Nachvollziehbarkeit und Detaillierungsgrad – gerecht wird.
In den Fallgruppen-Steckbriefen sind mögliche Wirkungen den Wirkfaktoren zugeordnet. Die Auswahl der
Wirkfaktoren aus Schritt 2 ergibt damit direkt die möglicherweise betroffenen Parameter-Gruppen. Sofern in Schritt
2 Ergänzungen von Wirkfaktoren vorgenommen wurden, sind diese auch hier entsprechend zu berücksichtigen.

27
Die potenziellen abiotischen Wirkungen werden für die
funktional abgegrenzten Fließgewässerabschnitte
ermittelt und bei Bedarf differenziert. Diese Abschnitte stellen räumliche weitgehend homogene Einheiten dar, in
denen Art und Ausmaß potenziell vorhabenbedingter abiotischer Wirkungen auf die Standortverhältnisse
vergleichbar sind. Sofern sich innerhalb eines Abschnittes potenzielle Wirkungen mit Unterschieden in
entscheidungsrelevanter Größenordnung ergeben, müssen die funktionalen Abschnitte aus Schritt 2 angepasst
werden.
Für die Quantifizierung möglicher Wirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse
können vielfach
bestehende Verfahren
verwendet werden (z. B. Gewässerstrukturkartierung, Details s. Kapitel 4.1). Die
fallgruppenspezifisch relevanten Quellen sind in den Steckbriefen genannt. Zudem sind die relevanten Parameter
bestehender Verfahren den Parameter-Gruppen zugeordnet (Anhang 3). Sofern kein geeignetes Verfahren vorliegt
oder ein vorliegendes Verfahren die potenziellen Wirkungen nicht hinreichend abbilden kann, muss die
Parametrisierung und Quantifizierung einer Wirkung vorhabenspezifisch unter Berücksichtigung der spezifischen
Eigenheiten des potenziell betroffenen Gewässers entwickelt werden.
Wirkungen auf die
Wasserbeschaffenheit
können in Fließgewässern häufig mit abflussgewichteten
Mischungsrechnungen abgeschätzt werden. Erst bei sehr großen Flüssen sowie sehr großen Stauhaltungen, in
denen nicht vereinfacht von einer unmittelbaren Durchmischung von Einleitungen und Vorflut auszugehen ist, sind
Wirkungen auf die Wasserbeschaffenheit häufig entweder über numerische Modelle abzubilden (z. B.
Stauhaltungen) oder können unter Berücksichtigung der Uferseite anhand von entfernungsabhängigen,
gestaffelten Mischungsrechnungen abgeschätzt werden (z. B. an sehr großen Flüssen).
Neben Wirkungen auf die unterstützenden QK, die sich ggf. in Folge auf die BQK auswirken können, sind auch
direkte Wirkungen auf die BQK
bei der Betrachtung eines Vorhabens zu berücksichtigen. Dies kann z. B.
Wellenschlag durch Schifffahrt (Hub und Sunk im Uferbereich) oder eine direkte Entnahme/Zerstörung von Tieren
und Pflanzen (z. B. durch Sohlräumung von Gewässern) sein.
Die Ergebnisse dieses Arbeitsschrittes können parameterspezifisch ausgewertet werden, um ggf. mögliche
biotische Auswirkungen bereits auszuschließen („Abschichten“).
Dies kann als letzter Schritt der Vorprüfung
vorgenommen werden, wenn z. B. die zu erwartenden abiotischen Veränderungen im Vergleich zum
Ausgangszustand
so gering sind, dass diese sich nicht auf die Bewertung der sensitiven BQK auswirken können
(vgl. Kapitel 4.3). Gleiches gilt, wenn die prognostizierten Wirkungen messtechnisch nicht nachweisbar sind, da sie
sich innerhalb der natürlichen Schwankungsbreite bewegen (weiterführende Erläuterungen zum Umgang mit
messtechnischen Schwankungen in Kapitel 4.4.7). Auch über die räumlichen Verhältnisse im betroffenen OWK
kann ein Abschichten vorgenommen werden, z. B. wenn der potenziell betroffene funktionale Abschnitt eines
Flusses nur einen geringen Längenanteil aufweist und keine besonders bedeutenden Lebensräume betroffen sind
(z. B. Laichhabitate von Leitarten der Fischfauna) (Kapitel 4.4.2).
Wenn die Ergebnisse der Vorprüfung eindeutig ergeben, dass
keine potenziell nachteiligen Wirkungen auf
unterstützende QK und auf BQK (direkte Wirkungen) zu erwarten
sind, kann bereits nach dem Schritt 3 die
Prognose
in Schritt 5 vorgenommen werden. Gleiches gilt, wenn zwar potenziell nachteilige Wirkungen zu
erwarten sind, diese aber
kurzzeitig und vorübergehend
(s. Kapitel 4.4.4)
oder nicht bewertungsrelevant
sind.
In diesen Fällen ist keine Detailprüfung (Stufe 2) in Schritt 4 erforderlich.
Sind als Ergebnis der Vorprüfung
potenziell nachteilige, bewertungsrelevante und nicht nur kurzzeitige
Wirkungen zu erwarten
, kann eine Verschlechterung nicht ohne Weiteres belastbar ausgeschlossen werden.
Dann ist es möglich, mit der Ableitung von
Maßnahmen zur Verhinderung einer Verschlechterung
sowie einer
erneuten Prüfung im Schritt 3 sicherzustellen, dass im Ergebnis eine Verschlechterung unwahrscheinlich ist bzw.
ausgeschlossen werden kann. Andernfalls ist im Anschluss eine Detailprüfung (Stufe 2) in Schritt 4 durchzuführen.

image
28
3.3.3 Stufe 2 – Detailprüfung (Schritt 4)
Sofern im Ergebnis der Vorprüfung – auch unter Berücksichtigung von Maßnahmen zur Verhinderung einer
Verschlechterung –
potenziell nachteilige, bewertungsrelevante und nicht nur kurzzeitige Wirkungen zu
erwarten
sind, erfolgt eine vertiefte Prüfung im Schritt 4.
Abbildung 7 hebt die im Rahmen der Detailprüfung (Stufe 2) insgesamt relevanten Teile im Kontext der
mehrstufigen Vorgehensweise hervor. Es sind die Schritte 1 bis 5 durchzuführen, wobei die Ergebnisse der
Vorprüfung (Stufe 1) aus den Schritten 1 bis 3 vollumfänglich integriert werden können. Die Ergebnisse aus
Schritt
3
sind in der Detailprüfung
häufig zu ergänzen bzw. insgesamt detaillierter auszuarbeiten
, damit eine
hinreichend belastbare Ermittlung und Quantifizierung möglicher Auswirkungen auf die BQK überhaupt erfolgen
kann. Der wesentliche Teil ist im Unterschied zur Vorprüfung jedoch
Schritt 4
mit einer
detaillierten Betrachtung
der BQK
als Grundlage für die nachfolgende
Prognose
. Sofern keine eindeutige Zuordnung einer Prognose-
Fallgruppe möglich ist, muss auch im Rahmen der Detailprüfung eine
Einzelfallprüfung
vorgenommen werden –
für die Schritte 2 bis 4.
Abbildung 7: Fließschema zur mehrstufigen Vorgehensweise zur Herleitung einer Prognoseentscheidung
zum Verschlechterungsverbot – Stufe 2 (Detailprüfung)
Schritt 4: Ermittlung und Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Auswirkungen auf die biologischen
Qualitätskomponenten
Eine differenzierte Ermittlung und Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Auswirkungen auf die BQK ist nur
im Rahmen der Detailprüfung erforderlich.
Ausgangsbasis für die Ermittlung der biotischen Auswirkungen ist die
qualitative
Zuordnungsmatrix der
abiotischen Wirkungen zu den Modulen der biologischen Bewertungssysteme (Anhang 5). Die abiotischen
Wirkungen auf die unterstützenden QK ergeben sich dabei für die ggf. unterschiedenen funktionalen Abschnitte

29
aus Schritt 3. Die Zuordnung von (abiotischen) Wirkungen und (biotischen) Auswirkungen erlaubt es, BQK und
Bewertungsmodule (ggf. gewässertypspezifisch) zu ermitteln, die im Hinblick auf die angenommenen abiotischen
Wirkungen eines Vorhabens relevant sein können. Neben Wirkungen auf die BQK, die sich aus veränderten
unterstützenden QK ergeben, können dabei auch direkte Wirkungen durch ein Vorhaben auf die BQK
berücksichtigt werden (vgl. Kapitel 3.3.2).
Sind die potenziellen abiotischen Wirkungen eines Vorhabens eingegrenzt und quantifiziert (z. B. über
Mischungsrechnungen, vgl. Schritt 3), können somit auch die potenziellen biotischen Auswirkungen identifiziert
werden. Eine objektiv ausgerichtete
Quantifizierung
der biotischen Auswirkungen gestaltet sich im Gegensatz zu
den abiotischen Wirkungen jedoch als weitaus komplexer, da kaum nutzbare Beurteilungswerte zum mäßigen,
unbefriedigenden und schlechten ökologischen Zustand/Potenzial vorliegen und zudem für eine Beurteilung einer
Verschlechterung entscheidend ist, in welchem
ökologischen Zustand/Potenzial sich ein OWK im
Ausgangszustand befindet. Darüber hinaus sind auch bei Vorliegen relativ fundierter Beurteilungswerte (z. B.
Orientierungswerte zur Erreichung des guten Zustands) insbesondere Wechselwirkungen innerhalb eines
Gewässersystems von Bedeutung (vgl. Kapitel 4.4.8), die eine vereinfachte Abschätzung erschweren können.
Eine erste Hilfestellung zur Quantifizierung gibt die Übersicht zur
Sensitivität der BQK
gegenüber den abiotischen
Wirkungen (Anhang 6), in der insbesondere zwischen direkten und indirekten Wirkungen unterschieden wird.
I. d. R. gehen direkte Wirkungen mit stärkeren Auswirkungen einher als indirekte.
Insgesamt lässt sich der Umfang möglicher nachteiliger Veränderungen der Lebensgemeinschaften überwiegend
nur aus den unterstützenden QK ableiten. Dazu muss grundsätzlich angenommen werden, dass sich eine
bestimmte Veränderung einer unterstützenden QK innerhalb des insgesamt auftretenden Gradienten (z. B.
Sauerstoffkonzentration) bei sensitiven BQK in ähnlicher Größenordnung auch auf eine Veränderung der
Lebensgemeinschaft übertragen lässt. Dieser Gradient ist nicht notwendigerweise als lineare Beziehung zu
verstehen. Vielmehr ist anzunehmen, dass bessere Bewertungen (z. B. gute Zustandsklasse) tendenziell sensitiver
reagieren als schlechtere Bewertungen (z. B. unbefriedigende Zustandsklasse). Dies ist v. a. darin begründet, dass
besser bewertete Gewässer von einer größeren Anzahl sensitiver Arten geprägt sind, die i. d. R. entsprechend
sensitiver auf Belastungen reagieren, während schlechtere Zustände vielfach durch weniger sensitive Arten
(Ubiquisten) geprägt sind, die i. d. R. entsprechend robuster gegenüber Belastungen sind.
Insgesamt kommen verschiedene Ansätze für die Quantifizierung in Frage (Details s. Kapitel 4.2):
Berücksichtigung von
Beurteilungswerten gemäß OGewV
(Hintergrund- und Orientierungswerte zur
Wasserbeschaffenheit) bzw. gemäß Beschreibungen des sehr guten und guten Zustandes
(hydromorphologische Verhältnisse)
relevant für den sehr guten und guten Zustand.
Sonstige (Beurteilungs-)Werte
, die eine Einschätzung auch für den mäßigen und schlechteren Zustand
ermöglichen
diese fehlen bisher weitgehend, sodass eine fundierte Prognose häufig nur bedingt möglich ist.
Vielfach müssen daher bei der konkreten Anwendung Annahmen getroffen und Analogieschlüsse gezogen
werden.
Vergleich zum Ausgangszustand
Dieser kann meist vorgenommen werden (sofern Daten zum
Ausgangszustand vorliegen und das Vorhaben diesbezüglich definierbar ist) und ermöglicht einen relativen oder
absoluten Vergleich der prognostizierten Veränderungen. Da absolute Beurteilungswerte in diesem Kontext
überwiegend fehlen, kann i. d. R. zumindest ein relativer Vergleich vorgenommen werden (z. B. Erhöhung einer
Stoffkonzentration in %). Dieser schafft die Grundlage für eine verbal-argumentative Bewertung. Sofern keine
Schwellenwerte betroffen sind, lassen sich dadurch – unter Berücksichtigung natürlicher Schwankungen – bei
geringen Veränderungen (z. B. < 5 %) für viele Parameter relativ fundierte Prognosen ableiten.

image
30
3.3.4 Prognose (Schritt 5)
Im letzten Schritt der Vorgehensweise erfolgt eine vorhabenspezifische Prognose, die sowohl bei einer Vorprüfung
als auch bei einer Detailprüfung vorgenommen wird.
Schritt 5: Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des Verschlechterungsverbots
Aufbauend auf der Quantifizierung im Rahmen der Detailprüfung (aus Schritt 4) bzw. bei Abschichten im Rahmen
der Vorprüfung (bereits aus Schritt 3) steht letztlich die Frage, ob eine Verschlechterung unter den angenommenen
und/oder rechnerisch ermittelten Veränderungen der betrachteten unterstützenden QK und möglichen direkten
Wirkungen sowie im Hinblick auf ihre räumlich-zeitliche Wirkung im OWK wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist.
Die nachfolgend dargestellten Aspekte sind dabei insbesondere für die Detailprüfung relevant, die eine hinreichend
belastbare Einschätzung der Wahrscheinlichkeit erfordert.
Die
Beurteilung
der
Wahrscheinlichkeit
einer
Verschlechterung
hängt
dabei
von
mehreren
Rahmenbedingungen ab, insbesondere:
Wie hoch ist die
Wahrscheinlichkeit
einer nachteiligen Veränderung der BQK?
Wie groß ist der zu erwartende räumliche und zeitliche
Umfang
der nachteiligen Veränderung, unter
Berücksichtigung von direkten Wirkmechanismen und Interaktionen der Wirkfaktoren mit bestehenden
Belastungen?
Liegt der ökologische Zustand/ das ökologische Potenzial (auch auf Metric-/Modulebene) im
Grenzbereich zur
nächst schlechteren Zustandsklasse
(z. B. unteres Viertel, 25-Perzentil der Klassenbreite)?
Sind Bewertungsmodule (oder Metrics) mit
hohem Indikationsgewicht
betroffen, welche die
Gesamtbewertung überproportional bestimmen?
Die Prüfung der dargestellten Kriterien sollte teilweise gesondert für die einzelnen Metrics bzw. Module
durchgeführt werden, da einzelne Kriterien diese spezifische Betrachtung erfordern (z. B. Metric/Modul mit hohem
Indikationsgewicht). Abbildung 8 enthält eine Kombination der genannten Kriterien, bei der eine Verschlechterung
mit hoher Prognosesicherheit als unwahrscheinlich beurteilt werden kann.
Abbildung 8: Entscheidungshilfe zur Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung als Folge
einer nachteiligen Veränderung der Lebensgemeinschaft in einem OWK – Ergebnis: Verschlechterung un-
wahrscheinlich

31
In der Praxis treten häufig Fälle auf, die nicht derart klar eingestuft werden können, sodass die
Prognoseentscheidung mehr oder weniger stark von den konkreten Rahmenbedingungen abhängt und
entsprechend einer
Einzelfallentscheidung
bedarf. Die dargestellten Kriterien können dabei als Orientierung
dienen.
Im Ergebnis wird mit der
Prognoseentscheidung
die Frage beantwortet, ob aufgrund der zu erwartenden
Auswirkungen eines Vorhabens mit ggf. nachteiligen Veränderungen eine
Verschlechterung wahrscheinlich
oder unwahrscheinlich
ist.
Es wird zudem darauf hingewiesen, dass die Prognoseentscheidung gegenüber dem Verschlechterungsverbot
unabhängig von potenziellen Auswirkungen auf die Zielerreichung (z. B. Erreichen des guten ökologischen
Zustandes) für einen Wasserkörper i. S. des
„Zielerreichungsgebots“
ist. Eine pauschalisierte Beurteilung des
„Zielerreichungsgebots“ auf Grundlage der Entscheidung zum „Verschlechterungsverbot“ ist nicht möglich und
bedarf i. d. R. einer gesonderten Prüfung.
3.3.5 Einzelfallprüfung
Sofern in Schritt 1 der Vorgehensweise (Kapitel 3.3.2) keine eindeutige Zuordnung einer Prognose-Fallgruppe
möglich ist, ist für die funktionale Systemanalyse eine Einzelfallprüfung durchzuführen. Diese umfasst im Rahmen
der Vorprüfung Schritt 2 und 3 sowie Schritt 2 bis 4 bei einer Detailprüfung. Dabei können die einzelnen Schritte
nach dem gleichen Prinzip wie mit einer Fallgruppe sowie unter Berücksichtigung der gegebenen Hinweise
angewendet werden. Im Anschluss erfolgt die Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des
Verschlechterungsverbotes wie in Schritt 5 (Kapitel 3.3.4) dargestellt.
Die Arbeitshilfe ist so aufgebaut, dass eine
modulartige Verwendung
der einzelnen Bausteine der
Wirkpfadanalyse auch für eine Einzelfallprüfung möglich ist. Dabei können relevante Inhalte für Wirkpfade,
potenzielle Wirkungen und Auswirkungen den einzelnen Fallgruppen entnommen und entsprechend neu
kombiniert werden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass insbesondere
Folgewirkungen und Wechselwirkungen
sowie andere Querbezüge insgesamt überprüft und ggf. angepasst werden müssen.
Darüber hinaus stellen die in den Steckbriefen abgebildeten Prognose-Fallgruppen (Anhang 1) eine Auswahl
praxisrelevanter Fälle dar, mit denen das insgesamt relevante Wirkpfad-Spektrum nur bedingt abgebildet werden
kann. Im Einzelfall sind entsprechend die individuell erforderlichen Bestandteile der Wirkpfadanalyse zu ermitteln.

32
4 Rahmenbedingungen und Hintergrund-
informationen zur Prognose von
vorhabenbedingten Wirkungen und
Auswirkungen
Der Wirkpfad-basierte Ansatz beruht auf der Erkenntnis, dass vorhabenbedingte Wirkungen auf ein Fließgewässer
über die funktionalen Zusammenhänge zwischen beeinflussten Lebensraumverhältnissen („abiotische Wirkungen“)
und den durch bestimmte Lebensraumansprüche bedingten Auswirkungen auf BQK („biotische Auswirkungen“)
abgebildet werden können. Hinzu kommen direkte Wirkungen durch ein Vorhaben auf BQK. Darauf aufbauend
sind Prognosen zur Entwicklung des ökologischen Zustands im betroffenen Gewässerabschnitt möglich.
Diese zugrunde gelegten Ursache-Wirkungs-Beziehungen erfordern sowohl die hinreichend detaillierte Über-
setzung der potenziell vorhabenbedingten Wirkfaktoren in handhabbare und quantifizierbare Parameter, als auch
die Darstellung von funktionalen Wirkzusammenhängen zwischen diesen Parametern und den letztlich vor dem
Hintergrund des Verschlechterungsverbots bewertungsrelevanten BQK.
Im Folgenden werden Hinweise zur Parametrisierung und Quantifizierung von Wirkfaktoren anhand von
abiotischen Wirkungen auf die unterstützenden Qualitätskomponenten, d. h. die hydromorphologischen
Komponenten (Kapitel 4.1) sowie die Wasserbeschaffenheit (Kapitel 4.2), gegeben. Darauf aufbauend werden die
bewertungsmethodischen Grundlagen zu den BQK derart aufgearbeitet, dass diese zu den zuvor beschriebenen
abiotischen Parametern in Beziehung gesetzt und fachlich bewertet werden können (Kapitel 4.3).
Für die Prognoseentscheidung sind zudem weitere Rahmenbedingungen zu beachten, wie z. B. räumliche und
zeitliche Aspekte von Wirkungen, die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts, der Umgang mit Unsicherheiten,
die Berücksichtigung von Summationseffekten und Maßnahmen zur Verhinderung einer Verschlechterung sowie
weitere. Sie werden in Kapitel 4.4 thematisiert und müssen in die Prognoseentscheidung einbezogen werden.
Das vorliegende Kapitel liefert damit wesentliche Grundlagen und Hintergrundinformationen für die eigentliche
Bearbeitung der einzelnen Arbeitsschritte innerhalb der Vorgehensweise zur Prognoseentscheidung.
4.1 Potenzielle Wirkungen auf hydromorphologische
Komponenten
Die hydromorphologischen Qualitätskomponenten können die Bewertung der BQK unterstützen, erlangen jedoch
vor dem Hintergrund des „Verschlechterungsverbots“ i. d. R. erst Relevanz für die Bewertung, sofern eine mögliche
vorhabenbedingte
nachteilige Veränderung
Auswirkungen auf die BQK haben könnte (Ausnahme vgl.
Einleitung).
Eine nachteilige Veränderung meint in diesem Zusammenhang die vorhabenbedingte (weitere) Entfernung des
Ausgangszustands von den hydromorphologischen Verhältnissen im gewässertypspezifischen Leitbild, d. h. dem
heutigen potenziell natürlichen Zustand bei weitgehender Abwesenheit anthropogener Beeinträchtigungen (s. u.).
Grundsätzlich orientiert sich die Zusammenstellung der potenziellen abiotischen Wirkungen auf die hydro-
morphologischen Verhältnisse (Tabelle 3) an den Parametern der unterstützenden hydromorphologischen
Qualitätskomponenten „Wasserhaushalt“, „Durchgängigkeit“ und „Morphologie“ (nach OGewV, Anlage 3, Nr. 2).
Diese vergleichsweise abstrakten Parameter sind für die Arbeitshilfe durch
Parameter-Gruppen
untersetzt
worden. Spezifische Einschätzungen zur
potenziellen Beeinflussung einzelner Parameter-Gruppen
bei

33
Vorhandensein eines bestimmten Wirkfaktors ermöglichen es, die Prognosen aufbauend auf den Wirkfaktoren
weitergehend zu konkretisieren (Fallgruppen-spezifische Zuordnungen in Fallgruppen-Steckbriefen in Anhang 1;
fallgruppenübergreifende Darstellung in Anhang 4).
Tabelle 3: Parameter-Gruppen zur Erfassung und Bewertung potenzieller abiotischer Wirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse (Hydromorphologische Qualitätskomponenten und Parameter nach
OGEWV, Anlage 3, Nr. 2)
Qualitätskomponente
Parameter
Parameter-Gruppe
Wasserhaushalt
Abfluss und Abflussdynamik
Abflussverhältnisse/ Abflussdynamik
Fließverhältnisse/ Rückstau
Wasserstand/-dynamik, Auenanbindung
Verbindung zu Grundwasserkörpern
Grundwasseranbindung
Durchgängigkeit
-
Linear (aquatische Organismen)
Lateral (aquatische Organismen)
Vertikal (Hyporheisches Interstitial)
Sedimenthaushalt
Morphologische Verhältnisse
Tiefen- und Breitenvariation
Laufentwicklung
Längsprofil
Tiefen-/Breitenvarianz
Struktur/ Substrat Boden
Sohlstruktur
Substratbeschaffenheit/ Substratdynamik
Struktur Uferzone
Uferstruktur/ Querprofil
Uferbewuchs/ Beschattung
Gewässerrandstreifen/ Umfeldstruktur
4.1.1 Hinweise zur Quantifizierung potenzieller Auswirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse
Die Parameter-Gruppen enthalten jeweils einen oder mehrere
Einzelparameter
. Sie stammen i. d. R. aus
etablierten Bewertungsverfahren
, wodurch die Erfassung und Bewertung der einzelnen Parameter transparent,
nachvollziehbar und reproduzierbar durchgeführt und dokumentiert werden kann (Fallgruppen-spezifische
Auflistung relevanter Verfahren in Fallgruppen-Steckbriefen in Anhang 1).
Tabelle 4 zeigt beispielhaft einen Auszug aus der Zuordnung von Einzelparametern aus etablierten Verfahren zur
Gewässerstrukturkartierung
13
zu den Parameter-Gruppen (die Gesamtaufstellung wird in Anhang 3 gegeben). In
der Zuordnung sind zudem diejenigen Parameter aufgeführt, die nach den „hydromorphologischen Steckbriefen
der deutschen Fließgewässertypen“
14
und den Auswertungen zum Habitatindex
15
(s. u.) Habitatbedingungen mit
13
aus Gründen der Übertragbarkeit und der ggf. notwendigen Feinfühligkeit im Rahmen der Prognoseentscheidung wird
empfohlen, die 7-stufige Klassifizierung der Gewässerstruktur zu nutzen und die 5-stufige Bewertung insbesondere im
Rahmen der Berichtspflichten zur EG-WRRL zu verwenden
14
UBA (2014); Angabe zu Einzelparametern der Gewässerstruktur mit den potenziell stärksten Effekten auf die biologischen
Qualitätskomponenten (Makrozoobenthos, Fische, Makrophyten)

34
besonderer funktionaler Bedeutung zur Unterstützung der Erreichung des guten ökologischen Zustands abbilden.
Im Gegenzug sind diese Parameter i. d. R. besonders im Hinblick auf potenziell nachteilige Wirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse und die Umweltziele der EG-WRRL zu berücksichtigen.
Tabelle 4: Parameter und Bewertungsverfahren für die Beurteilung abiotischer Wirkungen auf die
morphologischen Verhältnisse (vgl. Anhang 3)
Parameter nach WRRL/OGEWV
Tiefen- und
Breitenvariation
Struktur und Substrat des
Bodens
Struktur der
Uferzone
Parameter-Gruppe
Laufentwicklung
Längsprofil
Tiefen-/Breitenvarianz
Sohlstruktur
Substratbeschaffenheit/
Substratdynamik
Uferstruktur/ Querprofil
Uferbewuchs/
Beschattung
Gewässerrandstreifen/
Umfeldstruktur
Einzelparameter
Laufkrümmung
Besondere Laufstrukturen
Lauftyp
Querbänke
Strömungsdiversität
Tiefenvarianz
Ausleitung
Breitenvarianz
Besondere Sohlstrukturen
Besondere Sohlbelastungen
Sohlsubstrat
Substratdiversität
Feinsedimentanteil
Grobsedimentanteil
dynamische/lagestabile Anteile
Totholz (Anteil an Sohlsubstrat)
Makrophyten (Deckung)
Besondere Uferstrukturen
Uferbewuchs
Beschattung
Gewässerrandstreifen
Besondere Umfeldstrukturen
Einzelparameter
relevanter Quellen mit
Hinweisen zum guten
ökologischen Zustand
UBA (2014)
1
1.1
1.4
neu
-
2.5
-
-
4.4
3.4
-
-
3.2
neu
neu
neu
neu
neu
5.3
5.1
-
6.2
6.01
FOERSTER ET AL. (2017)
2
-
-
-
2.4
2.5
2.6
2.7
-
3.4
3.01
3.1
3.2
-
-
-
-
-
5.3
5.1
5.02
-
-
Einzelparameter
relevanter
Gewässerstruktur-
verfahren
LFULG (2014)
1.1
1.4
-
2.4
2.5
2.6
2.7
4.4
3.4
3.01
3.1
3.2
5.3
5.1
5.02
6.2
6.01
LAWA (2019a, klein/mittelgroß)
1.1
1.4
-
2.4
2.5
2.6
2.7
3.4
4.4
-
4.1
4.2
-
-
-
-
-
5.3
5.1
-
-
-
LAWA (2019b, mittelgroß/groß)
1.1
1.4
1.2
2.1
2.4
2.4
-
3.4
4.4
4.5
4.1
4.2
-
-
-
-
-
5.3
5.1
-
-
6.3
1
Verbale Beschreibung des Zustands zur Unterstützung für den guten ökologischen Zustand. Wenn „neu“, dann in UBA (2014) noch nicht
einem Verfahren zur Gewässerstrukturkartierung zugeordnet. In diesen Fällen kann die Quantifizierung behelfsmäßig z. B. über LAWA (2017b)
erfolgen
2
Einzelparameter gemäß LANUV NRW (2012) bzw. LFULG (2014)
15
FOERSTER ET AL. (2017); zur Beurteilung der Anwendbarkeit des Habitatindex für die Prognoseentscheidung s. u. und Kapitel
4.4.8. Die verwendeten Parameter basieren auf der Kartieranleitung des LANUV NRW (2012)

35
Ein zielführender Detailgrad für die Bewertung potenziell nachteiliger hydromorphologischer Wirkungen kann in
Abhängigkeit vom Vorhaben und den potenziellen Wirkpfaden in unterschiedlicher Tiefe erreicht werden. Dies ist
z. B. durch die gewässertypspezifische und
referenzgestützte
Bewertung der Gewässerstruktur mit
entsprechenden Beschreibungen des sehr guten und guten hydromorphologischen Zustandes für Flüsse
möglich.
16
Dabei können morphologische Verhältnissen i. d. R. kleinräumig (Abschnitte mit einer Länge ab 100 m) mit
etablierten Bewertungsverfahren wie der Sächsischen Gewässerstrukturkartierung (LfULG 2014)
17
oder den
aktualisierten Verfahrensempfehlungen der LAWA zur Gewässerstrukturkartierung (LAWA 2019a, 2019b) erfasst
und Veränderungen gegenüber dem Leitbild
quantifiziert
werden.
Die Beschreibung des Wasserhaushalts
18
und der Durchgängigkeit erfolgt nicht referenzgestützt, sondern
belastungsorientiert
. Diese i. d. R. großräumigeren Betrachtungen (Maßstab des Wasserkörpers oder Ein-
zugsgebiets) können Hinweise auf potenziell bewertungsrelevante Standortfaktoren geben bzw. die refe-
renzgestützten Parameter ergänzen, die Anwendbarkeit für kleinräumige Eingriffe jedoch erschweren. Tabelle 5
zeigt beispielhaft mögliche Wege zur Quantifizierung des Ausuferungsvermögens als Teil des Wasserhaushalts.
Tabelle 5: Möglichkeiten zur Quantifizierung des Parameters „Ausuferungsvermögen“
Bewertungsverfahren Klassifizierung/ Zielzustand
Möglicher Ansatz zur Quantifizierung
UBA (2014)
Zumeist geringes Ausuferungsvermögen, in
Mulden- und Sohlentälern mittel bzw. kein in
Kerbtälern
Einschätzung, ob vorhabenbedingt
abiotische Wirkungen zu einer vom
Ausgangszustand ausgehenden
weiteren Entfernung vom Zielzustand
führen könnten
LAWA (2017b)
Mittelwert der Parameter „Querprofil“ und
„Gewässerumfeld“ (aus
Gewässerstrukturkartierung) oder Abschätzung
des Einflusses von Natürlichkeit und Eintiefung
des Gerinnes auf das Ausuferungsvermögen
des Wasserkörpers;
Prognose (Berechnung) mit
näherungsweise herangezogenen,
weiteren Parametern der
Gewässerstrukturkartierung oder
expertenbasierte Einschätzung des
prognostizierten Zustands
Liegen weder referenz- noch belastungsorientierte Quellen vor, die die Parametrisierung und/oder Quantifizierung
einer potenziell vorhabenbedingten abiotischen Wirkung anhand von etablierten, standardisierten, übertragbaren
und reproduzierbaren Verfahren erlauben, muss die Parametrisierung und Quantifizierung einer Wirkung
individuell erarbeitet und interpretiert
werden. Dies bedingt einen erhöhten Aufwand zur Aufarbeitung von
Daten und Begründung von Bewertungen, um die Nachvollziehbarkeit der Argumentation gewährleisten zu können
und sollte sich entsprechend auf möglichst wenige Fälle beschränken.
16
UBA (2014): „Hydromorphologische Steckbriefe der deutschen Fließgewässertypen“, aufbauend auf der Fließgewässertypo-
logie nach POTTGIEßER & SOMMERHÄUSER (2008) mit Angabe zu Einzelparametern der Gewässerstruktur mit den potenziell
stärksten Effekten auf die biologischen Qualitätskomponenten (Makrozoobenthos, Fische, Makrophyten)
17
Erfassung (2013 - 2016) mit geringen Abweichungen zur Kartieranleitung nach LANUV NRW (2012)
18
LAWA (2017b): Klassifizierung des Wasserhaushalts von Einzugsgebieten und Wasserkörpern

36
Zur
Prognose von hydromorphologischen Verhältnissen
sind i. d. R. Mittelwert-Szenarien zielführend, zudem
können in Abhängigkeit von Parametern und Gewässerkategorie auch Spitzenwert-Szenarien von Bedeutung sein:
Mittelwert-Szenarien
: Szenarien mit mittleren Abflüssen (z. B. MQ) und/oder Wasserspiegellagen (z. B. MW)
sind grundsätzlich für die Abbildung hydromorphologischer Verhältnisse geeignet, v. a. zur Darstellung
hydrologischer und morphologischer Parameter. Hierdurch können die Verhältnisse realistisch abgebildet
werden, die vielfach relevant sind (z. B. Breite/Beschaffenheit des Mittelwasserbettes, vorherrschendes
Substrat, vorherrschende Fließverhältnisse, durchschnittlicher Rückstau in Fließgeschwindigkeit und
Ausdehnung von Rückstaubereichen).
Spitzenwert-Szenarien
: Spitzenwert-Szenarien sind insbesondere bei hydrologischen Wirkfaktoren und damit
verbundenen Parametern sinnvoll. Dabei sind niedrige Abflüsse (z. B. MNQ, NQ) u. a. geeignet, um die
Habitatqualität und Durchgängigkeit in Ausleitungsstrecken in Flüssen zu bewerten (ggf. kann es zielführend
sein mit 1/3 MNQ zu rechnen). Demgegenüber sind höhere Abflüsse bzw. Wasserspiegellagen geeignet, um
die Anbindung bzw. Überflutungshäufigkeit von Auen zu ermitteln.
Weiterführende Informationen und Daten zur Gewässerstrukturkartierung
https://www.wasser.sachsen.de/strukturkartierung-12669.html
Durchflusskennwerte und Querbauwerke
https://www.wasser.sachsen.de/durchflusskennwerte-und-querbauwerke-11180.html
Pegelmessnetz
https://www.wasser.sachsen.de/pegelmessnetz-12631.html
Gewässerdurchgängigkeit
https://www.wasser.sachsen.de/gewaesserdurchgaengigkeit-10154.html
Weitere Detaildaten zu Überwachungsprogrammen an Oberflächengewässern können auf Anfrage
über die unteren und oberen Wasserbehörden bezogen werden
Neben der zwingend erforderlichen Dokumentation der methodischen Ansätze und der Ergebnisse zu
prognostizierten vorhabenbedingten Veränderungen der hydromorphologischen Verhältnisse innerhalb des
„Fachbeitrag Wasserrahmenrichtlinie“ enthält Anlage 1 der „Arbeitshilfe zu den Antragsunterlagen des
Vorhabenträgers“
19
(LDS 2018) ein standardisiertes Formular zur Dokumentation von Ausgangszustand und
Prognose der hydromorphologischen Verhältnisse zur Verfügung, das die vergleichbare Dokumentation von
Prognoseentscheidungen unterstützt. Die Prognosen können i. d. R. unmittelbar in das Formular übertragen
werden.
19
Anlage 1 zu „Arbeitshilfe zu den Antragsunterlagen des Vorhabenträgers“ von LDS/LTV („Vereinbarkeit von Vorhaben mit
den Anforderungen der auf der Grundlage der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) erlassenen §§ 27 ff., 47 WHG – Arbeitshilfe
zu den Antragsunterlagen des Vorhabenträgers – Abgestimmte Fassung der Referate 41, 42 und 46 der LDS und der LTV“,
Stand 31.08.2018)

image
37
4.1.2 Habitatindex: Anwendbarkeit i. S. des Strahlwirkungs- und
Trittsteinkonzepts
Hinweis: Die nachfolgenden Betrachtungen des „Habitatindex“ nach Foerster et al. (2017) dienen der Einordnung
der Anwendbarkeit im Hinblick auf Prognoseentscheidungen aufbauend auf rein hydromorphologischen
Veränderungen im Rahmen der vorliegenden Arbeitshilfe. Aspekte zu Interaktionen mit stofflichen Wirkungen
werden in Kapitel 4.4.8 thematisiert. Die grundsätzliche Eignung des Habitatindex zur Beschreibung geeigneter
Habitatverhältnisse bzw. der Korrelation mit der Allgemeinen Degradation nach LANUV NRW (2018) wird als
nachgewiesen vorausgesetzt.
Die „Auswertung der Ergebnisse aus dem biologischen WRRL-Monitoring der Fließgewässer in NRW“ (LANUV
NRW 2018) ergab, dass die zur Bewertung der hydromorphologischen Qualitätskomponenten von Fließgewässern
herangezogenen Hauptparameter und Funktionalen Einheiten der Gewässerstrukturkartierung auf lokaler Ebene
nur eingeschränkt für Auswertungen im Zusammenhang mit der Bewertung der BQK geeignet sind (FOERSTER ET
AL. 2017). Um diesen Zusammenhang im Zuge der Überprüfung des operativen Monitorings in NRW besser
darstellen zu können, wurde der
Habitatindex
(HI) basierend auf ausgewählten Einzelparametern der
Gewässerstrukturkartierung für
kleine bis mittelgroße Fließgewässer
mit einer maximalen Gewässerbreite von
20 m (Abbildung 9) entwickelt.
20
Abbildung 9: Für den Habitatindex verwendeter Berechnungsverlauf und Einzelparameter gemäß LANUV
NRW (2018) (Nummerierung entspricht LFULG 2014)
20
Die Datengrundlage für die Herleitung des Habitatindex bilden Bewertungsergebnisse für die BQK aus dem 2. und 3. Moni-
toringzyklus des operativen Monitorings in NRW sowie die Ergebnisse der landesweiten Gewässerstrukturkartierung aller
berichtspflichtigen Gewässer aus den Jahren 2011 bis 2013 (LANUV NRW 2012).

38
Die Auswahl der Einzelparameter für den Habitatindex ist nicht statistisch hergeleitet, sondern bildet fachlich
begründet die Strömungsverhältnisse (Komponente „Strömung“), die Beschaffenheit der Gewässersohle
(Komponente „Sohle“) sowie Bewuchs und Beschaffenheit der Ufer (Komponente „Ufer“) als entscheidende
hydromorphologische Einflussfaktoren auf die Fließgewässerzönosen ab. Der Habitatindex berechnet sich anhand
des arithmetischen Mittels der Komponenten, die wiederum das arithmetische Mittel der zugeordneten
Einzelparameter darstellen.
21
Der Habitatindex korreliert insbesondere mit den Bewertungsergebnissen des Makrozoobenthos (Modul
Allgemeine Degradation) und der Makrophyten (NRW-Verfahren) stärker als die Bewertungseinheiten der
Gewässerstrukturkartierung (FOERSTER ET AL. 2017, LANUV NRW 2018). Er bildet die Bewertungsklassen der BQK
besser ab. Da die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine gute biologische Bewertung neben der Habitatqualität auch
von der Einhaltung der allgemeinen physikalisch-chemischen Bedingungen (ACP) abhängt, ist eine Ableitung eines
einheitlichen Schwellenwertes, ab welchem der „gute ökologische Zustand“ erreicht wird, nur unter der
Voraussetzung
von
mindestens
guten
physikalisch-chemischen
Bedingungen
möglich.
Zu
Ableitung
differenzierterer Schwellenwerte müssen auch für die physikalisch-chemischen Bedingungen verschiedene
Qualitäten mit betrachtet werden. Nach Ergebnissen aus NRW ist eine gute Bewertung der Allgemeinen
Degradation (Makrozoobenthos, PERLODES) ohne zusätzliche Berücksichtigung der Wasserqualität generell sehr
wahrscheinlich, wenn der Habitatindex <= 2,8 ist. Ebenso ist eine gute Bewertung wahrscheinlich, wenn der
Habitatindex im Bereich von 2,8 bis 3,6 liegt und alle Orientierungswerte der ACP eingehalten sind.
Dagegen ist eine gute Bewertung der Allgemeinen Degradation unwahrscheinlich, wenn der Habitatindex > 3,6 ist
oder wenn der Habitatindex im Bereich von 2,8 bis 3,6 liegt und zusätzlich eine Überschreitung mindestens eines
Orientierungswertes der ACP vorliegt. Mit einer schlechten Bewertung der Allgemeinen Degradation ist dann zu
rechnen, wenn der Habitatindex >= 5,6 ist oder wenn der Habitatindex im Bereich von 4,5 bis 5,6 liegt und
mindestens ein Orientierungswert der ACP überschritten ist. Die Eintrittswahrscheinlichkeiten werden je nach
Kombination mit 30-78 % angegeben (vgl. LANUV NRW 2018, S 32).
Prinzipiell ist der in NRW abgeleitete Habitatindex auch auf sächsische Verhältnisse übertragbar. Die
Übertragbarkeit basiert grundsätzlich auf vergleichbaren Belastungssituationen in vorrangig kleinen bis
mittelgroßen, in Sachsen wie in NRW verbreiteten Mittelgebirgsgewässern. Die Erfassung und Bewertung der
relevanten Einzelparameter des Habitatindex erfolgt demnach überwiegend für vergleichbare hydromorphologische
und
biozönotische
Gewässertypen
auf
Grundlage
diesbezüglich
identischer
Verfahren
zur
Gewässerstrukturkartierung (LANUV NRW 2012, LFULG 2014). Eine Übertragung ist – begründet durch die in die
Herleitung des Habitatindex einbezogenen Gewässertypen – insbesondere für die auch in Sachsen weit
verbreiteten kleinen bis mittelgroßen Gewässer möglich. Eine näherungsweise Anwendung in mittelgroßen bis
großen Gewässern ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, sollte jedoch insbesondere aufgrund der i. d. R.
abweichenden typischen Belastungen sowie der Ausprägungen der Zönosen validiert werden.
Der Habitatindex erzeugt durch die ausschließliche Verrechnung von Indexwerten einen hohen Grad an
Standardisierung und Vergleichbarkeit gegenüber durch Varianzen der Gewässerstrukturkartierung durch die
jeweiligen Einschätzungen der einzelnen Bearbeiter. Statistisch liefert der Habitatindex im Vergleich zur
Gewässerstruktur etwas bessere Ergebnisse (mutmaßlich v. a. begründet durch die Nicht-Berücksichtigung der
21
Für die Berechnung müssen alle relevanten Einzelparameter erfasst worden sein. Für die Einzelparameter „Besondere
Sohlbelastung“ (EP 3.01) und „Besondere Uferstrukturen“ (EP 5.02) liegen keine Indexwerte vor; daher wurden zur
Berechnung des Habitatindex Indexwerte für diese Einzelparameter vergeben. Für die links und rechts erfassten
Einzelparameter Uferbewuchs (EP 5.1) und „Besondere Uferstrukturen“ (EP 5.3) wurde nach dem Worst-Case-Prinzip
jeweils die schlechtere Bewertung zur Berechnung herangezogen. Weitere Berechnungsvorschriften wurden basierend auf
dem Grundsatz der Gewässerstrukturkartierung eingeführt, z. B. dass das Fehlen einer Schadstruktur nicht zu einer
Aufwertung führt (siehe FOERSTER ET AL. 2017 und LANUV NRW 2012 zur detaillierteren Erläuterung).

image
39
Auenverhältnisse im Habitatindex, die in den überwiegend zugrunde gelegten Mittelgebirgsgewässern biozönotisch
eher
nachrangige
Relevanz
besitzen,
durch
die
i. d. R.
sichtbare
anthropogene
Veränderung
bewertungsmethodisch jedoch nachteilig in die Bewertung der Gewässerstrukturkartierungen einfließen).
Grundlegend neue funktionale Zusammenhänge werden durch den Habitatindex jedoch nicht dargestellt. So
reagieren Fische stärker auf die Habitatqualität auf längeren Strecken sowie auf die Durchgängigkeit, sodass die
Korrelationen der Bewertung mit dem lokalen Habitatindex geringer sind als bei den weniger bis kaum mobilen
BQK (MZB und Makrophyten).
Der Habitatindex kann dennoch sinnvoll in Kombination mit dem Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzept (LANUV
NRW 2011) angewendet werden; der Habitatindex sowie die Teilindices ist insbesondere zur Identifizierung der
Funktionselemente (z. B. Strahlursprünge) geeignet (Abbildung 10).
Abbildung 10: Gegenüberstellung der biozönotisch besonders relevanten Einzelparameter (UBA 2014,
hellblau) sowie der Einzelparameter zur Berechnung des Habitatindex (FOERSTER ET AL. 2017) und
Zuordnung zu den Einzelparametern und Funktionselementen des Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzepts
(LANUV NRW 2011)
Die tatsächliche Anwendung auf die Sächsischen Gewässer (Abbildung 11) zeigt, dass die Berechnung des
Habitatindex plausible Ergebnisse liefern können, um die Funktionselemente des Strahlwirkungs- und
Trittsteinkonzeptes abzubilden.
Dabei ist hervorzuheben:
Generell ist die lokale Anwendung des Habitatindex besonders geeignet, sofern Strukturen räumlich relativ
homogen sind (da großräumigere Strukturen dann mit abgebildet werden). Auch die Repräsentativität von
Messstellen kann mit Hilfe des HI überprüft werden (vgl. FOERSTER ET AL. 2017, LANUV NRW 2018).

image
image
40
Abbildung 11: Auswertungen von LTV/LFULG zur Überprüfung des Habitatindex für die Verwendbarkeit im
Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzept für sächsische Gewässer (SCHOLZ 2019), Stand Juni 2019 (Bsp. OWK
Jahna-3)
Der Habitatindex ist
unterstützend zur Defizitanalyse geeignet
; in der konkreten planerischen Anwendung (z. B.
zur Entwicklung eines Strahlursprunges und zur funktionalen Verknüpfung von Lebensräumen) sind jedoch weitere
Rahmenbedingungen/Parameter zwingend zu berücksichtigen. Hierzu zählen v. a. der Gewässerrandstreifen/ das
Gewässerumfeld (Defizite/Restriktionen/Entwicklungspotenziale in der Aue), Auenhabitate (für Fische), die
Durchgängigkeit für Organismen (linear, lateral, vertikal) und Sedimente (linear, lateral) sowie die
Abflussverhältnisse (z. B. temporäres Trockenfallen, hydraulische Belastungen).
Der Habitatindex ist
unterstützend zur Prognoseentscheidung verwendbar
, erlaubt aber
keine Berechnung
einer Verschlechterung
. Valide Schwellenwerte liegen bisher nicht vor. Die Mittelwerte des HI auf OWK-Ebene
(z. B. zur Erreichung des guten ökologischen Zustands) können zur Orientierung unterstützend herangezogen
werden, eignen sich allerdings nicht als „Grenzwert“. Der Habitatindex ist insbesondere für kleine bis mittelgroße
Gewässer anwendbar. Die Qualität der einzelnen Gewässerabschnitte, deren räumliche Verteilung und funktionale
Verknüpfung der Abschnitte ist für die Funktionsfähigkeit von Fließgewässersystemen entscheidend.
Die flächendeckende Berechnung des HI in Sachsen durch das LFULG stellt neben den Gewässerstrukturdaten
jedoch eine geeignete Hilfestellung bereit, um potenziell vorhabenbedingte nachteilige Wirkungen auf die
hydromorphologischen Verhältnisse in einem Gewässer sowie deren räumliche Bedeutung über den unmittelbar
betroffenen Abschnitt hinaus beurteilen zu können.
Vergleichbare Darstellungen werden für alle Oberflächenwasserkörper über das Datenportal iDA
(interdisziplinäre Daten und Auswertungen) zur Verfügung gestellt. Erreichbar sind die Darstellungen
unter dem Link (im Themenbaum Oberirdische Gewässer):
https://www.wasser.sachsen.de/index.html

41
4.2 Potenzielle Wirkungen auf allgemeine physikalisch-
chemische und chemische Qualitätskomponenten
Grundsätzlich orientiert sich die Zusammenstellung der potenziellen abiotischen Wirkungen auf die Wasser-
beschaffenheit an den Parametern der allgemeinen physikalisch-chemischen und chemischen Qualitätskom-
ponenten nach OGEWV, Anlage 3, Nr. 3 (Tabelle 6).
Spezifische Einschätzungen zur
potenziellen Beeinflussung einzelner Parameter-Gruppen
bei Vorhandensein
eines bestimmten Wirkfaktors (Kapitel 3.2) ermöglichen es, die Prognosen aufbauend auf den Wirkfaktoren
weitergehend zu konkretisieren (Fallgruppen-spezifische Zuordnungen in Fallgruppen-Steckbriefen in Anhang 1;
fallgruppenübergreifende Darstellung in Anhang 4).
Tabelle 6: Parameter-Gruppen zur Erfassung und Bewertung potenzieller abiotischer Wirkungen auf die
Wasserbeschaffenheit (chemische und allgemeine physikalisch-chemische Qualitätskomponenten nach
OGewV, Anlage 3, Nr. 3)
Qualitätskomponente
Parameter
Parameter-Gruppe
Flussgebietsspezifische Schadstoffe (FGS)
Schadstoffe nach Anlage 6
OGEWV
(nicht-)synthetische Schadstoffe
Allgemeine physikalisch-chemische
Parameter (ACP)
Temperaturverhältnisse
Temperaturverhältnisse
Sauerstoffhaushalt
Sauerstoffhaushalt
Salzgehalt
Salzgehalt
Versauerungszustand
Versauerungszustand
Nährstoffverhältnisse
Nährstoffverhältnisse
Schwebstoffgehalt
1
Schwebstoffe/ abfiltrierbare
Stoffe
1
Qualitätskomponente ergänzt
Zur Bewertung des ökologischen Zustandes/Potenzials eines Gewässers werden sogenannte
Beurteilungswerte
hinzugezogen, die sich für die flussgebietsspezifischen Schadstoffe (FGS) nach Anlage 6 OGEWV, für allgemeine
physikalisch-chemische Parameter (ACP) nach Anlage 7 OGEWV ergeben.
Bei den Beurteilungswerten der FGS handelt es sich um ökotoxikologisch abgeleitete Umweltqualitätsnormen, d. h.
„die Konzentration eines bestimmten Stoffes oder einer bestimmten Schadstoffgruppe, die in Wasser,
Schwebstoffen, Sedimenten oder Biota aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes nicht überschritten
werden darf“
(§ 2 OGEWV). Bei einer Überschreitung sind potenziell nachteilige Auswirkungen auf das Gewässer
und deren Lebewesen zu prüfen.
Die Orientierungswerte für den guten ökologischen Zustand gemäß Anlage 7 OGEWV wurden statistisch über die
Bewertungsergebnisse der biologischen Qualitätskomponenten bei unterschiedlichen Konzentrationen der
allgemein physikalisch-chemischen Parameter gewässertypspezifisch abgeleitet. Die Nichteinhaltung eines
Orientierungswertes ist ein Hinweis auf ein spezifisches, ökologisch wirksames Defizit, das die Etablierung des
guten ökologischen Zustands/Potenzials verhindert (RAKON II, LAWA 2015b)
Die Beurteilungswerte spiegeln grundsätzlich die Gesamtkonzentration eines Stoffes wider, welche nach einer
Durchmischung verschiedener Stoffströme im Gewässer potenziell nachteilige Auswirkungen hervorzurufen.

42
Die Beurteilungswerte lassen sich gemäß ihrer Rechtsverbindlichkeit differenzieren:
Für die ACP sind sogenannte Orientierungswerte (OW) i. S. v. Anforderungen an den guten ökologischen
Zustand definiert, die für sich
keine unmittelbare Rechtswirkung
entfalten, sondern über die biologischen
Qualitätskomponenten wirken (§ 5 Abs. 4 Satz 2 OGEWV „zur Einstufung unterstützend heranzuziehen sind“),
d. h. sie erlangen im vorliegenden Kontext erst Bedeutung, sobald vorhabenbedingte Überschreitungen mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass ein Vorhaben gegen die Umweltziele der EG-WRRL
verstößt.
Für flussgebietsspezifische Schadstoffe sind sogenannte Umweltqualitätsnormen (UQN) festgeschrieben, die
rechtsverbindlich sind und für OWK, die im „sehr guten“ oder „guten“ Zustand sind,
unmittelbare
Rechtswirkung
bei der Beurteilung entfalten (§ 5 Abs. 5 Satz 1 OGEWV). Demnach führt bei gutem oder sehr
gutem ökologischen Zustand im Ausgangszustand eine vorhabenbedingte Überschreitung einer UQN aufgrund
der chemischen Barrierewirkung direkt zum Verstoß eines Vorhabens gegen die Umweltziele der EG-WRRL,
auch wenn die biologischen Qualitätskomponenten keinen Klassensprung erwarten lassen (zur Frage der
Verschlechterung s. Kapitel 1, insbesondere Fußnote 9).
Bei Einhaltung der Beurteilungswerte (UQN und OW) kann davon ausgegangen werden, dass die allgemeine
physikalisch-chemische und die chemische Wasserbeschaffenheit der Erreichung des guten ökologischen
Zustands/Potenzials nicht entgegenstehen.
Um Überschreitungen der Beurteilungswerte hinreichend gesichert beurteilen zu können, kann es zielführend sein,
weitere, nicht rechtsverbindliche Beurteilungswerte mit ggf. mittelbarer Relevanz für die Bewertung der BQK
heranzuziehen, sofern z. B. durch Überschreitung einer dieser Werte eine bewertungsrelevante nachteilige
Auswirkung auf eine BQK zu erwarten wäre. Bei einer höchst vorsorglichen Betrachtung empfiehlt es sich jedoch,
möglichst alle fachlich begründeten Beurteilungswerte mit möglicher Relevanz zu betrachten, um die denkbaren
potenziell
nachteiligen
Auswirkungen
eines
Vorhabens
weitestgehend
zu
berücksichtigen.
Eine
fallgruppenspezifische Auswahl von Literaturquellen mit Angaben zu möglichen weiteren mittelbaren
Beurteilungswerten ist in den Fallgruppen-Steckbriefen (Anhang 1) enthalten.
4.2.1 Hinweise zur Quantifizierung potenzieller Auswirkungen auf die
Wasserbeschaffenheit
Die Wasserbeschaffenheit in einem Fließgewässer ergibt sich maßgeblich aus dem ihm zufließenden Wasser aus
oberhalb gelegenen Abschnitten und/oder natürlichen (z. B. Nebengewässer) und künstlichen (z. B. Einleitung)
Zuflüssen. Darüber hinaus können vertikale (z. B. Grundwasseraustausch) und laterale (z. B. diffuser
Nährstoffeintrag, Stoffeintrag durch Erosion) Austauschprozesse sowie hydromorphologische Verhältnisse (z. B.
Stauregulierung; Beschattung) erheblichen Einfluss auf die Wasserbeschaffenheit im Gewässerabschnitt ausüben.
Die Gewässer weisen bereits vor der Durchführung eines Vorhabens eine gewisse physikalisch-chemische und
chemische Wasserbeschaffenheit auf („
Ausgangszustand
“), die i. d. R. über die Parameter nach Anlage 6 (ACP)
und 7 (FGS) OGEWV abgebildet werden kann.

43
Einzelwerte der physikalisch-chemischen und chemischen Messungen an Oberflächengewässern
https://www.wasser.sachsen.de/messstellen-oberflaechenwasser-beschaffenheit-11496.html
Weitere Detaildaten zu Überwachungsprogrammen an Oberflächengewässern können auf Anfrage
über die unteren und oberen Wasserbehörden bezogen werden
Die Quantifizierung einer möglichen vorhabenbedingten (zusätzlichen) Belastung im Vergleich zu diesem
Ausgangszustand ist Grundvoraussetzung für die Beurteilung potenzieller Auswirkungen auf die BQK. Dabei
können insbesondere folgende Aspekte bedeutend sein:
Die Angabe prognostizierter absoluter Werte (z. B. Konzentrationen im Plan-Zustand in [mg/l]) ermöglicht die
Beurteilung vorhabenbedingter Wirkungen gegenüber den in der OGewV vorgegebenen Beurteilungswerten
(UQN, OW). Darüber hinaus kann für den Einzelfall ergänzendes Expertenwissen herangezogen werden.
Die Angabe prognostizierter relativer Veränderungen (z. B. Konzentrationszunahme gegenüber der
Ausgangslage in [%]) ist unerlässlich, da die Bewertung i. S. des Verschlechterungsverbotes immer auch eine
Beurteilung in Relation zur vorhandenen Belastung erfordert (insbesondere, wenn Beurteilungswerte bereits
überschritten sind).
In Fließgewässern kommt den Abflussverhältnissen im potenziellen Einflussbereich des Vorhabens neben dem
Ausgangszustand eine zentrale Bedeutung zu, da der Abfluss als Ausbreitungsvektor für potenziell
vorhabenbedingte Wirkungen fungiert.
Vorhabenbedingte Wirkungen können zur Verdünnung/Verringerung oder Aufkonzentration/ Erhöhung
physikalisch-chemischer und chemischer Parameter im potenziell beeinflussten Abschnitt eines oder mehrerer
OWK in Abhängigkeit der Abflussanteile im Vorflutsystem (Abfluss im Vorfluter, Zufluss, Entnahme) führen.
Die (zeitlich variable) Abflussmenge im Vorfluter beeinflusst das Ausmaß von vorhabenbedingten Wirkungen,
d. h. relative Veränderungen der Wasserbeschaffenheit nehmen mit zunehmendem Abfluss im Vorfluter ab.
Der Einfluss eines Zuflusses mit vorhabenbedingt veränderter Wasserbeschaffenheit (z. B. Einleitung) auf den
Vorfluter nimmt mit Erhöhung des zuströmenden Abflusses zu.
Der Abfluss im Vorfluter bestimmt maßgeblich die potenzielle Reichweite (Durchmischung, Selbstreinigung) von
vorhabenbedingten Auswirkungen, vorrangig in Fließrichtung (an Flüssen).

image
44
Bei
Prognosen zur Wasserbeschaffenheit
sind generell Mittelwert- und Spitzenwert-Szenarien anzuwenden. Die
Auswahl der Szenarien ist dabei auch abhängig von der stofflichen Wirkung und den Vorgaben der OGEWV bzw.
UQN-Richtlinie
22
:
Mittelwert-Szenarien
: Szenarien mit Berechnung von Werten für mittlere Stoffkonzentrationen bzw. Werte bei
mittleren Abflüssen (z. B. MQ) sind grundsätzlich relevant, z. B. für Nährstoffe. Zudem sind solche Szenarien
auch für Jahresdurchschnitt-Umweltqualitätsnormen (JD-UQN) zu empfehlen, die ebenfalls i. d. R. mittlere
Verhältnisse widerspiegeln.
Spitzenwert-Szenarien
: Szenarien mit Berechnung von Werten für hohe Stoffkonzentrationen bzw. Werte bei
niedrigen Abflüssen (z. B. MNQ, NQ) sind grundsätzlich z. B. bei UQN mit zulässiger Höchstkonzentration
(ZHK-UQN) anzuwenden, die ebenfalls Spitzenbelastungen repräsentieren. Zudem sind solche Szenarien
sinnvoll, um z. B. maximale Sommertemperaturen abzubilden. Bei den Nährstoffparametern bilden Ammonium-
N bzw. Ammoniak eine Ausnahme, da Ammoniak bei entsprechender Konzentration akut toxisch wirkt, sodass
hier ebenfalls Spitzenwert-Szenarien (hohe Konzentrationen bei niedrigen Abflüssen) zu empfehlen sind. Bei
potenziellem Aueneinfluss empfiehlt es sich, höhere Abflüsse (z. B. MHQ oder HQ1) zu rechnen, um potenziell
nachteilige Auswirkungen auf Auenhabitate abschätzen zu können, die insbesondere für die Fischfauna von
Bedeutung sind.
Die
zu betrachtenden Parameter
ergeben sich für alle Gewässerkategorien durch die Art und Größe der
Einleitung, die zu erwartende Art der physikalisch-chemischen Belastung sowie den Erkenntnissen über
bestehende physikalisch-chemische Belastungen in funktionalen Gewässerabschnitten bzw. -flächen (z. B. gemäß
gültigem Bewirtschaftungsplan).
Zu den ACP werden
konkrete Hinweise
zur Ermittlung von relevanten Wirkungen sowie zur Quantifizierung dieser
in Kapitel 4.2 gegeben, da die genannten Werte grundsätzlich im Kontext zur Bewertung der biologischen QK
stehen.
Die
Bewertung der flussgebietsspezifischen Schadstoffe
wird anhand der vorliegenden UQN vorgenommen.
Eine Übertragung auf die Bewertungsklassen der biologischen QK kann i. d. R.nicht erfolgen (vgl. auch Kapitel 1,
insbesondere Fußnote 9). Nachfolgendes Fließschema (Abbildung 12) zeigt die erforderlichen Ansätze in
Abhängigkeit vom Ausgangszustand der jeweiligen UQN. Die Bewertung wird stoffspezifisch durchgeführt.
Abbildung 12: Fließschema zur Ermittlung der relevanten Prüfansätze für flussgebietsspezifische
Schadstoffe in Abhängigkeit vom Ausgangszustand der jeweiligen UQN
22
Richtlinie 2008/105/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über Umweltqualitätsnormen
im Bereich der Wasserpolitik und zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinien des Rates 82/176/EWG,
83/513/EWG, 84/156/EWG, 84/491/EWG und 86/280/EWG sowie zur Änderung der Richtlinie 2000/60/EG

45
4.2.2 Abflussgewichtete Mischungsrechnungen als
Quantifizierungsmethode potenzieller Auswirkungen auf die
Wasserbeschaffenheit
Als Quantifizierungsmethode potenzieller physikalisch-chemischer und chemischer Wirkungen (in Fließgewässern)
hat sich die
abflussgewichtete Mischungsrechnung
etabliert, die für die Mehrzahl der Parameter nach Anlage 6
und 7 OGewV angewendet werden kann.
Diese Methode ist in der Anwendung ein mit vergleichsweise geringem Aufwand anwendbares, einfaches, aber
fundiertes Hilfsmittel zur Beurteilung von Ausmaß und Reichweite physikalisch-chemischer und chemischer
Wirkungen nach anerkannten Regeln der Technik. Die Mischungsrechnung dient zur Quantifizierung von
Werten/Konzentrationen:
am Ort der Umsetzung des Vorhabens durch Einleitung von Wasser in einer spezifischen Menge und Qualität
sowie
ausgehend von der quantifizierten Qualität am Ort der Umsetzung i. d. R. flussabwärts für einen oder mehrere
funktionale Gewässerabschnitte.
Als Ergebnis der Mischungsrechnung ergibt sich die Mischungskonzentration eines Stoffes/Parameters aus den
anteiligen Konzentrationen des Vorfluters („Ausgangszustand“, z. B. oberhalb einer Abwassereinleitung) und der
vorhabenbedingten Einleitung („Zusatzbelastung“, z. B. industrielle Abwassereinleitung) anhand folgender Formel:
=
(
×
)+(
×
)
+
( 1 )
C
Misch
Mischungskonzentration [mg/l]
C
V
Konzentration im Vorfluter (Ausgangszustand) [mg/l]
C
E
Konzentration in der Einleitung [mg/l]
Q
V
Abfluss im Vorfluter (Ausgangszustand) [l/s]
Q
E
Zufluss durch die Einleitung [l/s]
Die Formel für die Mischungsrechnung ist allgemeingültig und kann spezifisch an die jeweiligen Fragestellungen
angepasst werden (Abflusssituation zwischen Niedrig- und Hochwasserereignissen in Vorflut und/oder Einleitung;
Durchschnitts- und Spitzenkonzentrationen in Vorflut und/oder Einleitung).
Sind Konzentrationen nicht bekannt, können diese über Daten zu Stofffrachten hergeleitet werden. Die Stofffracht
entspricht der transportierten Stoffmasse in einem
definierten Zeitraum
(z. B. Jahr) durch
einen
Fließgewässerabschnitt als Produkt aus der Stoffkonzentration und des Abflusses (vereinfacht, ohne
Berücksichtigung etwaiger Abbauprozesse im Gewässer). Sofern die relevanten Faktoren vorliegen, kann die
Stoffkonzentration (näherungsweise, ohne Berücksichtigung zeitlicher Abfluss- und/oder Konzentrationsvariabilität)
wie folgt errechnet werden:

image
46
=
+
+
( 2 )
C
Misch
Mischungskonzentration [mg/l]
F
V
Fracht im Vorfluter (Ausgangslage) [g/s]
F
E
Fracht in der Einleitung [g/s]
Q
V
Abfluss im Vorfluter (Ausgangslage) [l/s]
Q
E
Abfluss der Einleitung [l/s]
Die Mischungsrechnung sollte auf Messwerten im Vorfluter (Ausgangszustand) und in der Einleitung basieren. Im
Einzelfall können auch belastbare Abschätzungen (z. B. durch Modellierung, bekannte Konzentrationen von
typischen Abwässern) herangezogen werden, wenn eine Messung nicht möglich ist oder Veränderungen der
Wasserbeschaffenheit nicht durch Einleitungen, sondern durch hydromorphologische Veränderungen zu erwarten
sind. Dem Vorsorgeprinzip entsprechend sollten Abschätzungen konservativ erfolgen, d. h. die maximalen
Belastungen im Sinne einer „Worst-case“-Betrachtung berücksichtigen.
Die Mischungskonzentrationen müssen i. d. R. spezifisch für jeden funktionalen Gewässerabschnitt errechnet
werden, da diese u. a. über Zuflüsse abgegrenzt werden und sich damit wesentliche Kenngrößen der Berechnung
(Konzentrationen, Abfluss) verändern können (Abbildung 13).
Abbildung 13: Schematische Darstellung zu Kenngrößen und Veränderung von Stoffströmen durch eine
Einleitung und zur Abgrenzung von funktionalen Gewässerabschnitten anhand der Zuflüsse
Die Methode liefert insbesondere für kleine bis mittelgroße Fließgewässer (Einzugsgebiet < 1.000 km
2
) valide
Ergebnisse.
23
Für größere Flüsse kann die Methode modifiziert angewendet werden.
24
Neben der oben genannten allgemeingültigen Formel für eine abflussgewichtete Mischungsrechnung können für
spezifische
Anwendungen
auch
abweichende
Berechnungsschritte
relevant
sein.
Insbesondere
für
Flächenentwässerungen kann es zielführend sein, Wassermengen über Jahresniederschläge und zu
entwässernde Flächen abzuschätzen und vorhandene Kenntnisse zu typischen Einleitkonzentrationen
heranzuziehen.
Nähere
Hinweise
liefert
dafür
z. B.
LASUV
(2018)
für
Einleitungen
aus
der
Verkehrsflächenentwässerung.
Sofern durch eine Einleitung komplexe Wechselwirkungen z. B. im Oberflächengewässer durch Aufstau oder durch
den Austausch mit dem Grundwasser in relevanter Größenordnung zu erwarten sind, kann eine
Modellierung
von
Parametern der Wasserbeschaffenheit für eine fundierte Prognose erforderlich sein. Dazu kann z. B. ein DWA-
23
Es wird dabei näherungsweise von einer vollständigen Durchmischung ab der Einleitstelle ausgegangen.
24
z. B. durch Abgrenzung von Zonen mit unterschiedlichem Durchmischungsanteil im Querprofil (z. B. 10 %, 25 %, 50 %). Dies
ergibt sich aus empirischen Erkenntnissen, nach denen Abwasserfahnen in großen Flüssen häufig einseitig im Uferbereich
auftreten und eine sukzessive Durchmischung stattfindet. Eine vollständige Durchmischung ist dabei teilweise erst nach
vielen Kilometern erreicht.

47
Gütemodell herangezogen werden. Hinweise zum teilweise kleinräumigen Wirkbereich unterhalb von Einleitungen
finden sich in BWK (2007). Bei einer kleinräumigen Wirkung von Stoffkonzentrationen kann eine außerhalb des
Wirkbereiches gelegene repräsentative Messstelle u. U. nachteilige Auswirkungen auf die BQK nicht abbilden.
Dennoch ist eine kleinräumige Betrachtung aufgrund von potenziell lokal auftretenden nachteiligen Wirkungen auf
die BQK erforderlich (vgl. Kapitel 4.4.3 für Hinweise zu Lagebeziehungen von Vorhaben gegenüber
repräsentativen Messstellen).
Neben der zwingend erforderlichen Dokumentation der methodischen Ansätze und der Ergebnisse zu
prognostizierten vorhabenbedingten Veränderungen der Wasserbeschaffenheit innerhalb des „Fachbeitrag
Wasserrahmenrichtlinie“ enthält Anlage 1 der „Arbeitshilfe zu den Antragsunterlagen des Vorhabenträgers“
(LDS 2018) ein standardisiertes Formular zur Dokumentation von Ausgangszustand und Prognose der
physikalisch-chemischen und chemischen Verhältnisse zur Verfügung, das die vergleichbare Dokumentation von
Prognoseentscheidungen unterstützt. Die Prognosen können i. d. R. unmittelbar in das Formular übertragen
werden.
4.3 Potenzielle Auswirkungen auf biologische
Qualitätskomponenten
Die Abschätzung der potenziellen biotischen Auswirkungen stellt einen zentralen Prüfschritt bei der Beurteilung
einer Verschlechterung dar und bildet die Verbindung zum ökologischen Zustand bzw. Potenzial. Die für
Fließgewässer relevanten BQK umfassen die Gewässerflora (Phytoplankton, Makrophyten inkl. Phytobenthos
[benthische Algen]) und Gewässerfauna (Makrozoobenthos und Fische) (Tabelle 7). Die Bewertung mit diesen
BQK ist fließgewässertypspezifisch. Phytoplankton ist nur in großen Flüssen und Strömen relevant. Die anderen
Qualitätskomponenten werden nach Anlage 10 OGEWV landesweit erhoben, sofern Sie für die Belastung
kennzeichnend sind.
Tabelle 7: Biologische Qualitätskomponenten für die Bewertung des ökologischen Zustands von Flüssen
(Anhang V EG-WRRL; Anlage 3, Nr. 1 OGEWV)
QK-Gruppe
BQK
Parameter
Gewässerflora
Phytoplankton
Artenzusammensetzung, Biomasse
Makrophyten
Artenzusammensetzung/ -häufigkeit
Gewässerfauna
Benthische wirbellose Fauna
Artenzusammensetzung/ -häufigkeit
Fischfauna
Artenzusammensetzung/ -häufigkeit, Altersstruktur
Kern des Prüfschrittes sind die in Deutschland im Zuge der Umsetzung der EG-WRRL für Flüsse angewendeten
Bewertungsverfahren. Sie sind in Anhang 5 OGEWV aufgeführt und verbindlich für die Bewertung der BQK.
25
Detaillierte und aktuelle Zusammenstellung aller relevanten Bewertungsverfahren
https://www.gewaesser-bewertung.de/
25
Das BVERWG bezeichnete die Behandlung der Fischfauna ohne Nutzung von fiBS als erheblichen Mangel des Fachbeitrags
WRRL im Planfeststellungsverfahren zum A20 Neubau (Nord-West-Umfahrung Hamburg; BVERWG, Urteil vom 27.11.2018 -
9 A 8.17 Rn 28)

48
Die im Wesentlichen für die Beurteilung der biotischen Auswirkungen herangezogenen Bewertungsmodule sind in
Tabelle 8 zusammengefasst.
Eine Betrachtung auf Ebene einzelner Metrics erfolgt nachfolgend nicht, da eine Darstellung – bedingt durch die
große Anzahl bewertungsrelevanter Metrics – nicht praktikabel ist und zudem die Prüfung sehr komplex gestalten
würde. Zudem ist die Metric-Auswahl häufig gewässertypspezifisch, sodass damit immer auch eine weitere, sehr
kleinteilige Betrachtungsebene verbunden wäre.
Tabelle 8: Bewertungsverfahren und Bewertungsmodule zur Erfassung und Bewertung vorhabenbedingter
biotischer Auswirkungen
BQK
Bewertungsverfahren
Modul(e)/Metric(s)
Fische
fiBS
Arten-/ Gildeninventar
Arten-/ Gildenverteilung
Altersstruktur
Migration
Fischregion
Dominante Arten
Makrozoobenthos
PERLODES
Saprobien-Index
Allgemeine Degradation
Säureklassen
Makrophyten
PHYLIB
Referenzindex
Phytobenthos
PHYLIB
Diatomeenindex
Trophieindex
Halobienindex
Bewertungsindex
PoD-Bewertungsindex (BI)
Phytoplankton
PhytoFluss
Eutrophierungsindex
Den meisten Bewertungssystemen ist dabei gemein, dass sie nicht Stressor-spezifisch, d. h. mit Fokus auf
einzelne Belastungen entwickelt wurden, sondern den Einfluss multipler Belastungen (= „allgemeine Degradation“)
auf die Biologie integrieren. Eine Ausnahme bilden zum Beispiel die Trophieindikatoren der Makrophytenbewertung
oder der Halobienindex, der explizit den Einfluss einer Salzbelastung mittels Diatomeen indiziert. Entsprechend
schwierig gestaltet sich daher grundsätzlich eine praktikable Zuordnung von vorhabenspezifischen abiotischen
Wirkungen (über die unterstützenden QK) zu biologischen Auswirkungen (Zuordnung fallgruppenspezifisch in
Anhang 1, fallgruppenübergreifend in Anhang 5).
Die Betrachtung aller relevanten BQK hat den Vorteil, dass damit die unterschiedlichen Wirkmechanismen
berücksichtigt werden können (HERING & JOHNSON 2006), mit denen Belastungen direkt und/oder indirekt auf die
BQK wirken. Stoffliche Belastungen durch Pflanzennährstoffe (z. B. Stickstoff- und Phosphorparameter) wirken
sich beispielsweise direkt auf die Primärproduktion der Makrophyten und der benthischen Algen aus, was über
Trophie-Indizes angezeigt wird. Ihre Wirkung auf die Gewässerfauna hingegen ist indirekt, da Tiere nicht direkt auf
die Nährstoffe, sondern nachgeschaltet auf die mit der erhöhten Trophie verbundene Sekundärsaprobie reagieren.
Sekundärsaprobie bezeichnet den Sauerstoffschwund beim aeroben Abbau von pflanzlicher Biomasse. Der Grad
der Sekundärsaprobie kann beispielsweise über den Saprobienindex bewertet werden. Die Gewässerfauna
hingegen kann morphologische Belastungen wie Strukturarmut oder Querbauwerke oft besser indizieren, da sie
vielfältigere und im Falle der wandernden Fischarten auch weiträumigere Habitatansprüche aufweist. Diese
Wirkmechanismen
bilden die Grundlage für die Prognose der potenziellen biologischen Auswirkungen von
Vorhaben.

49
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die o. g. Ansätze zur Quantifizierung der biologischen Auswirkungen
einer nachteiligen Veränderung in einem OWK mit einem z. T. hohen Maß an Expertenwissen verbunden sind.
Dies ist nicht grundsätzlich nachteilig für die Beurteilung, lässt aber Spielraum für eine subjektiv beeinflusste
Prüfung. Für eine objektive und
zudem verlässliche und statistisch valide Quantifizierung
von
vorhabenspezifischen biotischen Auswirkungen kann die Analyse umfassender Datensätze aus dem EG-WRRL-
Monitoring einen wertvollen Beitrag liefern. Mithilfe geeigneter Analysen kann die Basis für eine empirische
Ableitung von Schwellenwerten gelegt werden, ober-/unterhalb derer die Erreichung auch des mäßigen,
unbefriedigenden und schlechten Zustands/Potenzials unwahrscheinlich ist.
Gewässerflora: Phytoplankton
Die Bewertung des Phytoplanktons erfolgt nach dem Bewertungssystem PHYTOFLUSS (MISCHKE & BEHRENDT
2007). Es ist nur relevant in so genannten planktonführenden Fließgewässern
26
.
Verfahrenssteckbrief und Hinweise zur Bewertungssoftware
https://gewaesser-bewertung.de/files/mischke09_fg_anhang_kurzdarstellungenpp.pdf
Weiterführende Hintergründe zum Bewertungssystem PHYTOFLUSS
https://www.gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=84&clang=0
Das Verfahren bewertet den Grad der Eutrophierung über ein Eutrophierungsmodul, bestehend aus den fünf
Einzelmetrics:
Gesamtpigment-Index [
Chl
a]
Pennales-Index
Chloro-Index
Cyano-Index
Typspezifischer Indexwert Potamoplankton.
Für das Verfahren wurden Orientierungswerte für
Chl
a und Gesamtphosphor für alle fünf Zustandsklassen
abgeleitet,
27
wobei
für
die
Bewertung
ausschließlich
die
Phytoplankton-Biomasse
und
nicht
die
Phosphorkonzentration herangezogen wird, die jedoch als Orientierung zur Einschätzung der biotischen
Auswirkung einer Eutrophierung herangezogen werden können.
In natürlicherweise planktonarmen Fließgewässertypen verstärkt die Beeinträchtigung der Gewässermorphologie
und -hydrologie die Sensitivität für eine Eutrophierung, da strukturelle Beeinträchtigungen der Fließgewässer (z. B.
Aufstau, Erwärmung, fehlende Beschattung) das Wachstum des Phytoplanktons fördern können. Deshalb werden
auch alle grundsätzlich nicht bewertungsrelevanten Fließgewässertypen bei Überschreitung eines Richtwertes für
den Parameter Chlorophyll a (unkorrigiert) von 30 μg/l (bzw. bei Typ 22 von 60 μg/l) als degradiert angesehen
(MISCHKE & BEHRENDT 2007, S. 24).
26
LAWA-Fließgewässertypen 9.2, 10.1, 10.2, 15.1, 15.2, 17.1, 17.2, 20.1, 20.2 und 23
27
MISCHKE (2009), Kurzdarstellung Plankton-Begleittext, Tabelle 3

50
Gewässerflora: Makrophyten/ Phytobenthos
Die BQK Makrophyten wird über das Bewertungssystem PHYLIB (SCHAUMBURG ET AL. 2005) mit den
Teilkomponenten Makrophyten, Phytobenthos-Diatomeen und Phytobenthos ohne Diatomeen (PoD) bewertet.
Verfahrensanleitung zum Bewertungssystem PHYLIB
https://www.gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=441&clang=0
Das Bewertungssystem unterscheidet je nach Teilkomponente (Makrophyten, PoD, Diatomeen) verschiedene
Fließgewässertypen. Insgesamt werden sechs Bewertungsindizes (1 Makrophyten, 4 Diatomeen, 1 PoD)
berechnet, die dann zu einer Gesamtbewertung führen.
Makrophyten und Phytobenthos reagieren insbesondere auf Belastungen durch Saprobie, Nährstoffe, Versauerung
und Versalzung, daneben auch auf thermische und morphologische Belastungen (Tabelle 9).
Tabelle 9: Wer indiziert was? (nach VAN DE WEYER ET AL. 2007 in LANUV NRW 2015, verändert)
Belastung
Makrophyten
Phytobenthos-
Diatomeen
Phytobenthos ohne Diatomeen
(PoD)
Saprobie
nein
ja
ja
Trophie
ja
ja
ja
Kalkgehalt
ja
ja
ja
pH-Wert
(ja)
ja
ja
Salinität
ja
ja
ja
Temperatur
ja
(ja)
(ja)
Struktur
ja
(ja)
(ja)
Reaktionszeit
langsam
schnell
langsam/schnell
Die Teilkomponente Diatomeen bewertet den ökologischen Zustand über vier im Bewertungssystem getrennte
Module:
Trophie- und Saprobienindex
Artenzusammensetzung und Abundanzen
Halobienindex
Versauerungszeiger
Die ersten beiden Module werden zu einem Diatomeenindex „Fließgewässer“ verrechnet.
28
28
Einzelheiten zur Berechnung unter
https://www.gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=100&clang=0.

51
Für die Bewertung über die Teilkomponente Phytobenthos ohne Diatomeen wird zwischen dem vollständigen und
reduzierten Verfahren unterschieden. Im reduzierten Verfahren werden nur Taxa mit Deckungsgraden der
Abundanz-Klassen 3, 4 und 5 berücksichtigt. Zur Bewertung werden die Taxa in vier Gruppen A–D eingestuft:
Gruppe A: sensible Arten, charakteristisch für bestimmte Fließgewässertypen
Gruppe B: weniger sensible Arten, Vorkommen nicht so eng begrenzt wie bei den Arten der Gruppe A
Gruppe C: typunspezifische Störungsanzeiger (z. B. Eutrophierungszeiger)
Gruppe D: typunspezifische starke Störungsanzeiger (z. B. starke Eutrophierungszeiger)
Die relative Abundanz der Arten der vier Gruppen wird dann in einen Abundanz-gewichteten Bewertungsindex
überführt.
29
Gewässerfauna: Benthische wirbellose Fauna (Makrozoobenthos)
Das Makrozoobenthos (MZB) wird nach dem Bewertungssystem PERLODES (MEIER ET AL. 2006) mithilfe der
Software ASTERICS bewertet. In Sachsen werden insgesamt 15 Makrozoobenthos-Typen und -Subtypen für die
Bewertung mit PERLODES unterschieden.
Verfahrensanleitung zum Bewertungssystem PERLODES sowie Hintergründe und Downloads
https://gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=71&clang=0
PERLODES ist modular aufgebaut und unterscheidet drei Module:
Saprobie
Allgemeine Degradation
Versauerung.
Saprobie und Versauerung werden jeweils über einen einzelnen Metric bewertet.
30
Die Bewertung der
Versauerung über Säureklassen ist auf die versauerungsgefährdeten Fließgewässertypen 5 und 5.1 begrenzt.
Im Modul „Allgemeine Degradation“ werden je nach Gewässertyp ein bis fünf unterschiedliche Metrics zur
Modulbewertung herangezogen. Der Fauna-Index wurde primär zur Bewertung der hydromorphologischen
Belastung (Lorenz et al. 2004) entwickelt und geht mit 50 % Indikationsgewicht in die Gesamtbewertung ein.
Neben dem Fauna-Index werden oft auch der Anteil sensitiver Eintags-, Stein- und Köcherfliegen (% EPT-Taxa)
sowie der Anteil Rhithralarten (Oberlaufarten, nur in Mittelgebirgstypen) und Litoralarten (Stillgewässerarten, nur in
Tieflandtypen) berücksichtigt, wodurch eine Indikation von thermischen Belastungen ermöglicht wird. Das
Verhältnis von Rhithral- und Litoralarten sowie der Anteil EPT-Taxa geben zudem Hinweise zum Grad der
hydrologischen Belastung eines Wasserkörpers, zum Beispiel infolge einer Begradigung und Kanalisierung oder
bedingt durch den Rückstau oberhalb eines Querbauwerkes. Zudem bildet insbesondere der Anteil EPT-Taxa auch
die Habitatqualität ab (z. B. Art und Diversität des Substrates, besondere Sohl- und Uferstrukturen, Ufergehölze).
29
Einzelheiten zum Bewertungsindex unter
https://www.gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=108&clang=0.
30
Saprobienindex nach FRIEDRICH & HERBST 2004 mit typspezifischen Anpassungen nach ROLAUFFS ET AL. (2004),
Säureklassen nach BRAUKMANN & BISS 2004)

52
Gewässerfauna: Fischfauna
Die Bewertung der Fische in Fließgewässern erfolgt mit dem fischbasierten Bewertungssystem fiBS (DUßLING
2009). Als Bewertungsbasis dienen die sächsischen Referenzbiozönosen (Artenlisten und Häufigkeiten), die
allerdings aufgrund von zoogeografischen, längszonalen und regionalen Besonderheiten eine stärkere
Differenzierung der Fischlebensgemeinschaften erfordern, als dies auf Basis der LAWA-Fließgewässertypen
möglich ist.
Weiterführende Hinweise zum Bewertungssystem fiBS
https://www.gewaesser-bewertung.de/index.php?article_id=449&clang=0
Download der Software
https://www.gewaesser-bewertung.de/files/fibs-8.1.1_abxl2007_2014-10-17.zip
Weiterführende Hinweise zur Erfassung und Bewertung der Fischfauna sowie zu Referenzzönosen
https://www.landwirtschaft.sachsen.de/umsetzung-der-eu-wrrl-13820.html
Die Bewertung erfolgt über sechs Module mit insgesamt bis zu 18 Metrics (* Bewertungsmodul mit besonderer
Relevanz für die Gesamtbewertung):
Arten und Gildeninventar (10 Metrics)*
Arten und Gildenabundanz (3)*
Altersstruktur (1)*
Migration (1)
Fischregion (1)*
Dominante Arten (2)
Die Gesamtbewertung erfolgt auf Basis der Ergebnisse der Einzelmetrics, die hinsichtlich ihrer Abweichung vom
Referenzwert individuell klassifiziert und zu einem gewichteten Mittelwert zusammengefasst werden. Das
Bewertungsverfahren reagiert insbesondere sensitiv auf morphologische (z. B. Begradigung, Verbau) und
hydrologische (z. B. Ausleitungen, Rückstau) sowie stoffliche Belastungen (z. B. Feinsedimenteintrag).
Rhithralisierungs- und Potamalisierungseffekte z. B. durch Veränderung von Fließgeschwindigkeit oder Temperatur
spiegeln sich
häufig in der Bewertung
wider, insbesondere durch das Modul Fischregion.
Vor allem bei Wirkungen auf die
Wassertemperatur
wird empfohlen, neben den Bewertungsmodulen
insbesondere auch die Temperaturansprüche der vorgefundenen Leitarten (> 5 % Anteil in Referenzzönose) sowie
die Temperaturanforderungen der Fischgemeinschaften (z. B. Sa-ER, Sa-MR) nach Anlage 7 OGewV zu
berücksichtigen.
Als Bezugsbasis für den Ausgangszustand dient dabei die von der Temperaturerhöhung betroffene fiBS-
Abschnittsbewertung.

image
53
Erläuterungen der Fischgemeinschaften für die Anwendung von Anlage 7 OGewV bezüglich der
Temperaturanforderungen sowie Karten (PDF, Geodatensatz)
https://www.landwirtschaft.sachsen.de/fischgemeinschaften-und-temperaturanforderungen-gemaess-
oberflaechengewaesserverordnung-13840.html
Beeinträchtigungen der longitudinalen und lateralen Durchgängigkeit schlagen sich zwar häufig in der Bewertung
verschiedener Module nieder; das Verfahren ist jedoch nicht für eine Bewertung der überregionalen
Durchgängigkeit von Gewässersystemen erstellt worden und dazu entsprechend nicht geeignet.
4.3.1 Abiotische Beurteilungswerte zur Abschätzung potenzieller biotischer
Auswirkungen
Die hydromorphologischen Verhältnisse sind eine zentrale Steuergröße für die Ausprägung der BQK, sodass diese
als fundiertes Hilfsmittel für eine Abschätzung biotischer Auswirkungen herangezogen werden können. Für eine
Bewertung mit Blick auf den sehr guten hydromorphologischen Zustand liefert UBA (2014) länderübergreifende
Detailinformationen, mit denen die meisten Parameter abgebildet werden können (Abbildung 14). Die dargestellten
Werte können neben LANUV NRW (2011) auch zur Quantifizierung des „Guten Zustandes“ verwendet werden.
Zudem kann der Habitatindex für diese Einstufung ergänzend herangezogen werden (Kapitel 4.1.2). Für die
Klassen „mäßig“ und „unbefriedigend“ liegen kaum belastbare Informationen vor. UBA (2014) kann hier als
Hilfestellung dienen. Insbesondere für die Klasse „schlecht“ ist ein Vergleich zum Ausgangszustand von
besonderer Relevanz. Ein solcher kann jedoch auch für die anderen Klassen relevant sein, v. a. wenn nur wenige
bzw. wenig belastbare Werte vorliegen.
Da häufig absolute Werte für diesen Vergleich fehlen, kommt relativen Angaben eine sehr hohe Bedeutung zu. Die
ermittelte Differenz zwischen Ausgangszustand und Prognose (z. B. in Form von Klassen gemäß
Gewässerstrukturverfahren LFULG 2014) ermöglicht vielfach eine fundierte Abschätzung möglicher Wirkungen und
Auswirkungen. Falls keine Differenz „berechnet“ werden kann, ist eine verbal-argumentative Bewertung
zielführend.
Eine Auswahl von parameterspezifisch relevanten Quellen ist in den Steckbriefen jeweils aufgeführt.
Abbildung 14: Fließschema zur Ermittlung von relevanten Beurteilungswerten für hydromorphologische
Parameter in Abhängigkeit von der Bewertung der ökologischen Zustandsklasse einer sensitiven BQK im
Ausgangszustand

image
54
Als
Grundlage
für
die
Bewertung
möglicher
biotischer
Auswirkungen
durch
Veränderungen
der
Wasserbeschaffenheit
sind insbesondere
die Hintergrund- und Orientierungswerte gemäß OGewV
zu nennen
(Abbildung 15). Mit diesen Werten ist jedoch zunächst nur die Abschätzung möglich, ob ein sehr guter bzw. guter
Zustand unter den vorhabenbedingten abiotischen Bedingungen wahrscheinlich ist. Zur Beurteilung einer darüber
hinaus gehenden Verschlechterung ist eine Experten-gestützte Entscheidung notwendig. Zudem ist zu beachten,
dass die OGEWV nicht alle relevanten, zuvor betrachteten Wirkfaktoren und abiotischen Wirkungen (i. S. d.
unterstützenden QK) abdeckt, so dass weitere Quellen und Ansätze für eine möglichst transparente, Experten-
gestützte Quantifizierung der biologischen Auswirkungen herangezogen werden sollten.
Die
sonstigen Beurteilungswerte
sind insbesondere für die Klassen „mäßig“ und „unbefriedigend“ relevant,
können im Einzelfall jedoch auch für die Beurteilung möglicher Abweichungen vom guten ökologischen Zustand
bzw. Potenzial eine relevante Bedeutung haben. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn bisher in der OGEWV
festgeschriebene OW das fachlich erforderliche Niveau eines Schwellenwertes nur bedingt widerspiegeln. In
diesem Sinne haben neuere Studien (z. B. HALLE & MÜLLER 2014) beispielsweise festgestellt, dass bei
Überschreiten einer Chlorid-Konzentration von 40 bis 80 mg/l (Jahresmittelwert, gewässertypspezifisch) davon
ausgegangen werden muss, dass die Zielerreichung „guter ökologischer Zustand“ für das MZB unwahrscheinlich
wird. Die Spannweite der Konzentration ergibt sich dabei aus der unterschiedlichen Toleranz des MZB gegenüber
Chlorid in silikatischen (niedrigere Toleranz) und karbonatischen Gewässern (höhere Toleranz). Es sollte darauf
hingewiesen werden, dass die Belastbarkeit einer Lebensgemeinschaft und somit die Sensitivität gegenüber
Belastungen durch verschiedenste Wechselwirkungen beeinflusst werden kann, sodass generalisierte
Schwellenwerte stets auch im Kontext des Gewässersystems betrachtet werden müssen. Daher sollten derartige
Werte im Einzelfall mit Augenmaß statt pauschal in der Fläche angewendet werden.
Ein
Vergleich zum Ausgangszustand
kann für alle Bewertungsklassen relevant sein, insbesondere da häufig
belastbare Schwellenwerte fehlen. Die ermittelte Differenz zwischen Ausgangszustand und Prognose (z. B. als
prozentuale Konzentrationserhöhung) ermöglicht vielfach eine fundierte Abschätzung möglicher Wirkungen und
Auswirkungen. Zudem kann eine verbal-argumentative Bewertung zielführend sein.
Eine Auswahl von parameterspezifisch relevanten Quellen ist in den Steckbriefen jeweils aufgeführt.
Abbildung 15: Fließschema zur Ermittlung von relevanten Beurteilungswerten für Parameter der
Wasserbeschaffenheit in Abhängigkeit von der Bewertung der ökologischen Zustandsklasse einer
sensitiven BQK im Ausgangszustand.

55
4.3.2 Lage des Bewertungsergebnisses innerhalb der Klassengrenzen
Die Bewertung des ökologischen Zustands erfolgt in den meisten Fällen über die Verrechnung einzelner
Modulkomponenten (Teilindices), die je nach Gewichtung in einen Mittelwert überführt und dann einer von fünf
Klassen zugeordnet werden. Verschiedene Module (z. B. Saprobie, Versauerung, Allgemeine Degradation im
Bewertungssystem PERLODES) werden auch nach dem „worst-case“-Prinzip miteinander verrechnet, d. h. das
schlechteste Modulergebnis bestimmt die Gesamtbewertung. Bei der Gesamtbewertung kann es somit
vorkommen, dass eine geringe numerische Veränderung einer Bewertungskomponente zu einem Klassensprung
in die nächst schlechtere ökologische Zustandsklasse führt.
Für die Beurteilung einer Verschlechterung ist damit nicht nur die Quantität der zu erwartenden biologischen
Auswirkungen von Interesse, sondern vor allem die Frage, ob die Auswirkung auch zu einem Klassensprung führt.
Zur Beantwortung dieser Frage kann ermittelt werden, welche Bewertungsmodule und ggf. auch einzelnen Metrics
(z. B. Saprobienindex) bereits im Ausgangszustand im Grenzbereich zur nächst schlechteren Zustandsklasse
liegen. Als Grenzbereich kann dazu beispielsweise das untere (schlechtere) 25 %-Perzentil der Werte innerhalb
einer Klasse definiert werden. Diese Größenordnung lässt sich auch statistisch anhand von Standardabweichung
und Lage von Bewertungsergebnissen innerhalb von Bewertungsklassen von Mehrfachbeprobungen für das
Makrozoobenthos ableiten (z. B. CLARKE ET AL. 2006, CLARKE 2013, CLARKE & HERING 2006).
Befinden sich im Ausgangszustand bereits relevante Bewertungsmodule in diesem Grenzbereich, dann ist eine
Verschlechterung wahrscheinlicher; Liegen die relevanten Werte aber im Klassenmittel oder sogar im
Grenzbereich zur nächst besseren Zustandsklasse, ist eine nachteilige Auswirkung weniger wahrscheinlich.
4.3.3 Metrics mit hohem Indikationsgewicht
Einige Bewertungssysteme haben eine Gewichtung der bewertungsrelevanten Metrics eingeführt, um besonders
belastungssensitive Metrics oder Artengruppen entsprechend stark in die Gesamtbewertung einzubeziehen. Der
Faunaindex im Modul „Allgemeine Degradation“ des Bewertungssystems PERLODES geht beispielsweise zu 50 %
in die Modulbewertung ein. Ist vorhabenbedingt eine negative Auswirkung auf den Faunaindex zu erwarten (z. B.
bei Sekundärsaprobie nach Einleitung von Nährstoffen oder bei Rückstau oberhalb einer wasserbaulichen Anlage),
so ist eine negative Auswirkung dann auch für die Modulbewertung und letztlich für den ökologischen Zustand des
Makrozoobenthos wahrscheinlich zu erwarten. Ungleiche Metric-/Modulgewichte kommen zudem im fischbasierten
Bewertungssystem „fiBS“ vor. Liegt eine Gewichtung der Bewertungskomponenten vor, so sind die stärker
gewichteten Module/Metrics besonders bei der Beurteilung einer Verschlechterung zu berücksichtigen.
4.4 Rahmenbedingungen für die
Prognoseentscheidung
Nachfolgend werden grundlegende Rahmenbedingungen zur Prognoseentscheidung - insbesondere hinsichtlich
des Geltungsbereichs der zu treffenden Aussagen für die Beurteilung eines Vorhabens gegenüber dem
„Verschlechterungsverbot“ - thematisiert. Diese basieren grundsätzlich auf den skizzierten Inhalten im LAWA-
Projekt O1.18 (Entwurf der Handlungsempfehlung vom 26.07.2019), führen diese i. d. R. weiter und ergänzen
diese um spezifische Fragestellungen zur Prognoseentscheidung im Freistaat Sachsen. Sie berücksichtigen dabei
in besonderem Maße die juristischen Vorgaben nach SMUL (2017) und gehen – sofern relevant – auf etwaige
Abweichungen zum bundesweiten Vorgehen ein.

56
4.4.1 Grundlegende Rahmenbedingungen
Maßgeblicher Gegenstand der Beurteilung
SMUL (2017, Nr. 7.2)
31
Der maßgebliche Gegenstand für die Beurteilung auf Vereinbarkeit mit dem „Verschlechterungsverbot“ stellt das
beantragte Vorhaben dar. Das BVERWG (2017) stellte fest, dass wasserrechtlich weder auf europäischer, noch
nationaler Ebene
32
explizit die Berücksichtigung kumulierender Vorhaben wie z. B. im Naturschutzrecht
33
verlangt
wird. Kumulierende Vorhaben sind nicht im Rahmen der Prüfung des Verschlechterungsverbotes, sondern im
Rahmen des Bewirtschaftungsermessens nach § 12 Abs. 2 WHG zu berücksichtigen.
Maßgeblicher Ausgangszustand für die Beurteilung
SMUL (2017), Nr. 5.2 und LAWA (2017a), Nr. 2.1.4
Maßgeblich für die Prüfung, ob eine Verschlechterung zu erwarten íst, ist grundsätzlich der Zustand des WK, wie
er in dem zum Zeitpunkt der Prüfung geltenden Bewirtschaftungsplan dokumentiert ist. Sofern aktuellere,
belastbare und validierte sowie entscheidungsrelevante Erkenntnisse (z. B. aus dem
Entwurf des
Bewirtschaftungsplans) vorliegen, sind diese heranzuziehen (Details s. SMUL 2017, Nr. 5.2).
Aktuelle Steckbriefe der OWK (Internetplattform iDA):
https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/infosysteme/ida/p/owk_steckbriefe
Zustand der Wasserkörper:
https://www.wasser.sachsen.de/zustand-der-wasserkoerper-11447.html
Sächsischen Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen und Maßnahmenprogrammen Elbe und Oder:
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/25830
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/25829
4.4.2 Räumliche Abgrenzung des Wirkbereiches und Einschätzung der
potenziellen Betroffenheit von OWK
SMUL (2017), Nr. 2.1 und LAWA (2017a), Nr. 2.1.3
Der
maßgebliche Raumbezug
für Aussagen im Zusammenhang mit dem „Verschlechterungsverbot“ ist der
Wasserkörper mit Bezug auf die jeweilige „repräsentative Messstelle“ (Hinweise zu Lagebeziehungen von
Wirkungen gegenüber der repräsentativen Messstelle in Kapitel 4.4.3). Neben einem unmittelbar betroffenen
Wasserkörper (z. B. durch Einleitung von Abwasser in diesen) können auch mittelbar betroffene Wasserkörper für
die Bewertung relevant sein (z. B. im Unterlauf eines Flusses), sofern die prognostizierten Wirkungen über den
unmittelbar betroffenen Wasserkörper hinausgehen können.
31
In den juristischen Ausführungen der LAWA (2017a) wird der Aspekt der kumulierenden Vorhaben nicht thematisiert
32
d. h. weder in der EG-WRRL noch im Wasserhaushaltsgesetz
33
z. B. § 34 Satz 1 Bundesnaturschutzgesetz

57
Lage und Grenzen der OWK
https://www.wasser.sachsen.de/lage-und-grenzen-der-wasserkoerper-11396.html
Gewässernetz in Sachsen
https://www.wasser.sachsen.de/gewaessernetz-12793.html
Sofern von einem Vorhaben potenziell relevante Wirkungen ausgehen können, muss für Datenauswertungen,
Prognosen von zu erwartenden Wirkungen und der späteren Bewertung bis auf die Ebene einer oder mehrerer
OWK eine
Abgrenzung des Wirkbereiches
erfolgen, um einzugrenzen, wie weit die abiotischen Wirkungen
maximal reichen könnten.
Gemäß dem Vorsorgeprinzip ist dabei eine konservative Abschätzung unter Berücksichtigung pessimaler
Annahmen vorzunehmen. Für die Prognoseentscheidung ist es zweckmäßig, die abiotischen Wirkungen eines
Vorhabens auf alle potenziell betroffenen OWK zunächst unabhängig von der Lage der Messstellen zu bewerten.
Über die funktionale Systemanalyse und die Bewertung potenzieller Wirkungen auf Ebene
funktionaler
Gewässerabschnitte
eines oder mehrerer OWK kann sichergestellt werden, dass letztlich eine valide
Abschätzung der biotischen Auswirkungen erfolgt, die das Vorsorgeprinzip vollumfänglich beachtet.
Die Ergebnisse für die funktionalen Gewässerabschnitte werden im Anschluss auf den jeweiligen OWK übertragen,
um eine nach rechtlichem Maßstab relevante Beurteilung des Vorhabens auf OWK-Ebene zu treffen. So sind
potenziell nachteilige Auswirkungen in einem funktional abgegrenzten Gewässerteil nicht pauschal einer
Verschlechterung des Zustands i. S. der EG-WRRL auf OWK-Ebene gleichzusetzen. Bedeutend sind hierbei
insbesondere die
Längen- bzw. Flächenanteile
der potenziell betroffenen Abschnitte an der Gesamtlänge des
OWK
unter
Berücksichtigung
der
Erkenntnisse
des
Strahlwirkungskonzeptes
sowie
die
Habitatfunktionen
von und Lagebeziehungen zwischen funktional betroffenen Abschnitten innerhalb eines oder
mehrerer OWK (u. a. Kapitel 4.1.2). Wenn beispielsweise Laichhabitate von Leitarten der Fischzönose (z. B.
Kieslaicher) als bedeutende Teilhabitate voraussichtlich in relevanter Weise nachteilig durch ein Vorhaben
beeinflusst werden können, kann sich das auch auf Ebene des OWK auswirken, selbst wenn diese Bereiche nur
geringe Anteile am OWK einnehmen.
Zur Beurteilung des räumlichen Umfangs einer nachteiligen Veränderung ist zu ermitteln, welcher Längenanteil des
OWK von der prognostizierten Veränderung betroffen sein kann. Sind beispielsweise nur 10 % eines OWK von
einem Rückstau durch ein Querbauwerk betroffen, ist eine Verschlechterung der BQK im OWK eher
unwahrscheinlich. Derartige Beurteilungswerte liegen derzeit noch nicht umfänglich vor, so dass derzeit noch auf
die Einschätzung eines Experten in vielen Fällen zurückgegriffen werden muss. Gleiches gilt hinsichtlich der
zeitlichen Komponente, zu der derzeit kaum fundierte Beurteilungswerte vorliegen.
Ein weiterer Ansatz besteht darin, die nachteilige Veränderung über dokumentierte Beurteilungswerte
abzuschätzen. So kann der prognostizierte Zustand in Relation zum Ausgangszustand gesetzt werden, um den
absoluten oder relativen (prozentualen) Unterschied der Werte für die Prognose der biotischen Auswirkung
heranzuziehen.

58
Stand des Wissens zur Fernwirkung von Fließgewässerbelastungen
Da sich Wirkungen primär in Fließrichtung ausbreiten, nimmt die Wirkintensität i. d. R. mit zunehmender
Entfernung zum Vorhaben ab.
Fernwirkungen der Hydromorphologie
: Fernwirkungen von potenziell nachteiligen Veränderungen der
hydromorphologischen Verhältnisse lassen sich für alle in Sachsen relevanten Fließgewässertypen bzw. -
typengruppen aus den „Strategien zur Optimierung von Fließgewässer-Renaturierungsmaßnahmen und ihrer
Erfolgskontrolle“ ableiten (UBA 2014)
34
. Grundsätzlich reichen Fernwirkungen nach UBA (2014) weniger als
500 m flussauf- und abwärts (im Tiefland flussabwärts weniger als 1000 m). KAIL und HERING (2009) fanden
Zusammenhänge zwischen Gewässerstruktur und Makrozoobenthos bis etwa 2,5 km unterhalb von sowohl
strukturell guten (Strukturklasse 1-2) als auch schlechten (Strukturklasse 6-7) Abschnitten. Fernwirkungen von
strukturell mäßigen Abschnitten (3-5) sowie flussaufwärts wurden nicht nachgewiesen. Weitere Auswertungen
zum Erfolg von Renaturierungen in Abhängigkeit vom strukturellen Zustand oberhalb der Maßnahmen lassen
auf negative Fernwirkungen von bis zu 5 km (Makrozoobenthos) bzw. bis zu 10 km (Fische) schließen (LORENZ
& FELD 2013). Die Angaben der Studien zur Fernwirkung hydromorphologischer Degradation
35
variieren stark
(1-15 km), wobei strukturelle Fernwirkungen meist gemeinsam mit Wirkungen der Landnutzungen untersucht
wurden. Es bleibt somit eine Unsicherheit in Bezug auf die Ursachen der Fernwirkung bestehen, da bekannt ist,
dass insbesondere die Landnutzung oberhalb einer Messstelle (bis auf Ebene des gesamten Einzugsgebietes
oberhalb) deutliche negative Auswirkungen auf die BQK haben kann.
36
Hinsichtlich der quantitativen
Betrachtung des Abflusses eines Gewässers ist anzunehmen, dass dessen Veränderung (z. B. durch
Einleitungen oder Entnahmen) mittels Bilanzierung des Wassermengengerüsts, d. h. des Gewässernetzes mit
allen Zuflüssen und Entnahmen, grob abgeschätzt werden kann. So bestimmen ggf. weitere Einleitungen und
Entnahmen darüber, wie weit eine Veränderung der Abflussmenge reicht. Hierfür bedarf es der Definition von
Beurteilungswerten für die zulässige bzw. ökologisch tolerierbare Veränderung; diese Werte liegen jedoch nicht
vor. Veränderungen der Abflussdynamik können über den „Stauhaltungsindex“ (ISH) nach LEIBUNDGUT ET AL.
(2001), der den Anteil stauregulierter Abschnitte im Einzugsgebiet zugrunde legt, oder den Index für
hydrologische Veränderungen (IHA, engl. Index of Hydrological Alteration) nach RICHTER (1999), der das
Verhältnis von Hoch- zu Niedrigwasserereignissen betrachtet, beurteilt werden. Zudem kann auch das Kriterium
D4 (Rückstauwirkung und Kolmation) der LAWA-Verfahrensempfehlung zur Klassifizierung des
Wasserhaushaltes (LAWA 2017b) herangezogen werden. Diese Indizes bzw. Verfahren sind i. d. R. auf
Bezugsräume in größerem Maßstab (z. B. Einzugsgebiete) ausgerichtet oder erfordern langjährige Messreihen
sowie besitzen keine Verknüpfung zu Auswirkungen veränderter Abflussdynamik auf die BQK, sodass sie nur
orientierend verwendet werden können. Die Frage der Fernwirkung von Veränderungen der Abfluss- und
Fließverhältnisse bleibt damit auf Basis der vorliegenden Studien und Erkenntnisse unbeantwortet.
34
Die Studie zielte auf positive Fernwirkungen (i. S. d. Strahlwirkungs- und Trittsteinkonzeptes, LANUV NRW 2011) ab; die
Ergebnisse lassen sich mutmaßlich auch auf negative Fernwirkungen infolge nachteiliger hydromorphologischer
Veränderungen übertragen
35
u. a. SCHMUTZ ET AL. (2007), KOENZEN ET AL. (2008), SCHATTMANN (2008), SCHÜTZ ET AL. (2008), ARLE & WAGNER (2011)
36
u. a. DAHM ET AL. (2013), FELD (2013), LORENZ & FELD (2013)

image
59
Fernwirkungen der Wasserbeschaffenheit
: Fernwirkungen von potenziellen nachteiligen Veränderungen der
Wasserbeschaffenheit werden in Bezug auf stoffliche Belastungen, die Temperaturverhältnisse und den
Sauerstoffhaushalt unterschieden. Alle drei Wirkfaktoren wirken sich mutmaßlich ausschließlich unterhalb eines
Eingriffs aus, es sei denn, sie wirken negativ auf die Passierbarkeit eines Gewässerabschnittes für Fische
(Beispiel: Ein durch Kühlwassereinleitung stark erwärmter Gewässerabschnitt kann unpassierbar für
kaltstenotherme Arten (z. B. Bachforelle) werden und sich somit auch auf den Zustand der BQK Fische
oberhalb der Einleitung auswirken). Hinsichtlich der Fernwirkung stofflicher Belastungen können gute
Abschätzungen über Mischungsrechnungen erreicht werden (vgl. Kapitel 4.2.2). Für die Reichweite einer
Belastung ist entscheidend, welcher Verdünnungseffekt durch zugeführtes Wasser (vor allem aus
Nebengewässern) über welche Distanz erreicht werden kann (vgl. Beispiel Fallgruppe „Einleitung mit vorrangig
stofflicher Wirkung - Kommunale Kläranlage“, Kapitel 5.1). Über einfache Modellrechnungen kann der
Verdünnungseffekt in Abhängigkeit vom zugeführten Wasser unterhalb einer Einleitung berechnet werden
(Abbildung 16).
37
Abbildung 16: Verdünnungseffekt einer stofflichen Einleitung in Abhängigkeit der Zuflüsse unterhalb der
Einleitung (delta Q) für unterschiedliche Konzentrationen im Vorfluter (gestrichelt: Orientierungswert für
Mittelgebirgsgewässer nach OGEWV, Formel s. Kapitel 4.2.2).
Mit Kenntnis der individuellen Abflusssituation im betrachteten OWK kann dann ermittelt werden, über welche
Distanz unterhalb der Einleitung mutmaßlich mit Auswirkungen auf die BQK zu rechnen ist, beispielsweise über
den Vergleich mit Orientierungswerten und anderweitig verfügbaren Beurteilungswerten. Für die Abschätzung der
Fernwirkung von Stickstoff- und Phosphorkomponenten (viele Pflanzennährstoffe) ist zu beachten, dass hierfür
auch die Retentionskapazität infolge der Primärproduktion im Gewässerabschnitt unterhalb der Einleitung eine
wichtige Rolle spielt. Eine allgemeine Abschätzung des Retentionspotenzials ist an dieser Stelle nicht möglich. Die
Abschätzung einer thermischen Belastung kann ebenfalls über Mischungsrechnungen erfolgen (ZIMMERMANN &
KOBUS 1973).
37
In BKW (2007) wird ein pauschaler Ansatz zur Herleitung des maximalen Einflussbereichs von Misch- und
Niederschlagswassereinleitungen anhand der mittleren Wassertiefe und Fließgeschwindigkeit vorgeschlagen. Dieser
unterliegt jedoch zahlreichen, vereinfachten funktionalen Annahmen (Vereinfachter Nachweis) und bezieht sich lediglich auf
akute Ammoniumkonzentrationen sowie Sauerstoffdefizite.

60
Die Berechnung erfolgt auf Basis der Formel:
=
+∆ =
×(
)
( 3 )
Q
K
Kühlwassermenge [l/s]
Q
F
Flusswassermenge [l/s]
ΔT
Aufwärmspanne [K]
T
K
Temperatur des erwärmten Kühlwassers [°C]
T
O
Temperatur oberhalb der Einleitung [°C]
Nach ROHN ET AL. (2016) waren Temperatureffekte infolge Tiefenwasserableitung aus Talsperren noch bis zu
10 km unterhalb einer Talsperre messbar. Die rechnerische Abschätzung von Veränderungen des
Sauerstoffhaushaltes hingegen ist mit einer großen Unsicherheit verbunden, da der Sauerstoffhaushalt auch von
mehreren Randbedingungen abhängt. Ein Sauerstoffdefizit kann je nach Turbulenzgrad der Strömungsverhältnisse
relativ schnell über den Eintrag von Sauerstoff aus der Luft wieder ausgeglichen werden. Auch die
Primärproduktion beeinflusst den Sauerstoffgehalt durch Sauerstoffproduktion (tagsüber) und Respiration (nachts),
ebenso wie die Wassertemperatur, die wiederum vom Grad der Beschattung durch die Ufervegetation abhängt.
Die individuellen Randbedingungen im OWK oberhalb einer Messstelle sind demnach bei der Abschätzung der
Fernwirkung eines Eingriffs zu berücksichtigen.
Zusammenfassung des Wissenstands zur möglichen Fernwirkung von potenziell vorhabenbedingten
nachteiligen Veränderungen der hydromorphologischen Verhältnisse und der Wasserbeschaffenheit
Die Fernwirkung von hydromorphologischen Maßnahmen ist auf Basis der verfügbaren Literatur nicht generell
ableitbar, da die einzelnen Ergebnisse der Studien z. T. stark variieren. Es liegen Hinweise vor, dass ihre
Reichweite in Mittelgebirgsbächen geringer ist als in Tieflandflüssen. Ferner ist davon auszugehen, dass die
Reichweite von Fernwirkungen bei Fischen deutlich höher ist als beim Makrozoobenthos. Zur Gewässerflora liegen
kaum auswertbare Erkenntnisse vor. Hinsichtlich der Abflussdynamik ist eine Quantifizierung von Veränderungen
zwar grundsätzlich möglich, jedoch in Bezug auf die benötigte Datengrundlage vergleichsweise aufwändig und in
Bezug auf ihre Fernwirkung unsicher. Die Ergebnisse werden zusammenfassend in nachfolgender Tabelle
dargestellt.

61
Tabelle 10: Abschätzung der Reichweite von Fernwirkungen (oberhalb und unterhalb eines Vorhabens)
infolge unterschiedlicher vorhabenbedingter Wirkfaktoren.
Wirkfaktor
flussaufwärts des Vorhabens
flussabwärts des Vorhabens
Abfluss (Menge)
Keine
kleinräumig bis großräumig in Abhängigkeit von
Art und Ausmaß sowie Ausprägung des
Gewässers
Abflussdynamik
(Fließverhältnisse,
Rückstau)
Fische: bis in oberhalb gelegene
OWK, tlw. ganze EZG (inkl.
Nebengewässer), wenn Rückstau als
Wanderhindernis wirkt
Andere BQK: mindestens
Rückstaubereich
Fische: bis in unterhalb gelegene OWK (inkl.
Nebengewässer, wenn Rückstau als
Wanderhindernis wirkt)
Durchgängigkeit (linear)
Fische: bis in oberhalb gelegene
OWK, tlw. ganze EZG (inkl.
Nebengewässer)
Fische: bis in unterhalb gelegene OKW (inkl.
Nebengewässer)
Gewässerstruktur
(Morphologie)
Fische: 2,0 km
Andere BQK: Mittelgebirge: 0,5 km
Tiefland: bis 0,5 km
Fische: bis 10 km
andere BQK: bis 5 km
Wasserbeschaffenheit:
Temperaturverhältnisse
Keine
Abschätzung über Mischungsrechnung (v. a. bei
kleineren Gewässern abhängig von
Beschattung, GW-Einfluss)
Wasserbeschaffenheit:
Sauerstoffhaushalt
Keine
kleinräumig bis großräumig in Abhängigkeit von
Art und Ausmaß sowie Ausprägung des
Gewässers
Wasserbeschaffenheit:
Nährstoffverhältnisse
Keine
Abschätzung über Mischungsrechnungen
4.4.3 Repräsentative Messstellen
SMUL (2017), Nr. 2.2; LAWA (2017a), Nr. 2.1.3
In Sachsen wurden für jeden Wasserkörper eine oder mehrere repräsentative biologische und eine repräsentative
chemische Messstelle(n) ausgewiesen. Die biologischen Messstellen liegen, sofern möglich, entsprechend des
Einzugsgebietes repräsentativ (z. B. im Wald bei walddominiertem Einzugsgebiet) und können sich zwischen den
BQK unterscheiden (z. B. für Fischfauna andere Messstellen als für das Makrozoobenthos), wohingegen
chemische Messstellen möglichst im unteren Drittel eines OWK liegen, um die Belastung des Einzugsgebiets
abzubilden. In zwei von drei Fällen liegen die chemischen und biologischen Messstellen am gleichen Ort, um
Aussagen der physikalisch-chemischen Parameter exakter auf die BQK übertragen zu können.
Lage der Messstellen
https://www.wasser.sachsen.de/messstellen-oberflaechenwasser-beschaffenheit-11496.html
Für die Prognoseentscheidung sind die Auswirkungen eines Vorhabens auf den gesamten Wasserkörper anhand
der Auswirkungen an der repräsentativen Messstelle als maßgeblicher „Ort der Beurteilung“ abzuschätzen.

image
62
Ob ein Eingriff tatsächlich mit messbaren Auswirkungen im gesamten Wasserkörper verbunden ist, hängt von
mehreren Parametern ab (s. o.), vor allem von Intensität und Umfang der Wirkungen des Vorhabens sowie
räumlicher Ausdehnung des Wirkbereichs. In den Fällen, in denen der Wirkbereich unterhalb der repräsentativen
Messstelle liegt, stellt sich die Frage, ob das Vorhaben überhaupt wasserkörperrelevante Auswirkungen in diesem
OWK hervorrufen wird oder ob nicht vielmehr die Auswirkungen den angrenzenden, unterliegenden OWK
betreffen. In der Praxis stellt sich bei der Prognoseentscheidung die Frage, inwieweit die repräsentative Messstelle
eines OWK potenziell vorhabenbedingte Auswirkungen und daraus resultierende veränderte Zustände eines OWK
überhaupt abbilden kann. Abbildung 17 stellt einige der denkbaren Lagebeziehungen von Vorhaben, Reichweite
potenzieller Wirkungen (Wirkbereich) und repräsentativen Messstellen in zwei fiktiven OWK dar:
Vorhaben A: Die repräsentative Messstelle befindet sich im direkten Wirkbereich eines Vorhabens innerhalb
eines OWK (OWK 1). In diesem Fall kann davon ausgegangen werden, dass die Auswirkungen von Vorhaben
A durch die Messstelle abgebildet werden können.
Vorhaben B: Das Vorhaben wirkt sich potenziell auf beide OWK aus. Die Auswirkungen auf den OWK 2 können
voraussichtlich mit der unterhalb gelegenen Messstelle abgebildet werden, da sicher der Wirkbereich des
Vorhabens mit dem überwiegenden Teil des OWK 2 überschneidet. Die potenziellen Auswirkungen auf den
OWK 1 können für die meisten Parameter wahrscheinlich nicht mit der Messstelle in diesem abgebildet werden.
Vorhaben C: Die potenziellen Auswirkungen des Vorhabens sollten mit der unterhalb gelegenen Messstelle im
OWK 2 dargestellt werden können, sofern die Auswirkungen bewertungsrelevant für den OWK sind. Falls sich
diese im Bereich der Messstelle nicht widerspiegeln, kann davon ausgegangen werden, dass der OWK
insgesamt nicht in relevanter Weise nachteilig beeinflusst wird.
Abbildung 17: Schematische Skizze zur Darstellung verschiedener räumlicher Wirkbereiche durch
unterschiedliche Vorhaben in einem Fluss mit zwei Wasserkörpern
Sofern bei der Prognose eines Vorhabens nur kleinräumige Auswirkungen zu erwarten sind, die sich
voraussichtlich nicht auf Ebene des Wasserkörpers auswirken (z. B. bei einem Brückenneubau), aber im Bereich
einer repräsentativen Messstelle liegen, ist die zuständige Wasserbehörde zu informieren.
Nachteilige Auswirkungen in einem Fließgewässer, die sich nicht durch eine repräsentative Messstelle abbilden
lassen, sind im Hinblick auf das Verschlechterungsverbot nicht relevant. Dennoch sind weitere Versagungsgründe
zu prüfen sowie das Bewirtschaftungsermessen auszuüben (s. Kapitel 6.5).

63
4.4.4 Zeitliche Abgrenzung potenzieller Wirkungen und Einschätzung der
Relevanz temporärer Wirkungen
SMUL (2017), Nr. 8 und LAWA (2017a), Nr. 2.1.5
Die
maßgebliche Dauer
einer Verschlechterung schließt kurzzeitige und vorübergehende temporäre
Auswirkungen vom Verbotstatbestand aus, wenn mit Sicherheit davon auszugehen ist, dass sich der
Ausgangszustand kurzfristig wiedereinstellt. Dies betrifft insbesondere Bauvorhaben, wobei jedoch i. d. R. erst die
Verhältnisse nach Abschluss der Baumaßnahme zu beurteilen sind. Abweichend hiervon können auch
baubedingte Wirkungen in Bezug auf das Verschlechterungsverbot beurteilungsrelevant sein, wenn sich die
Baumaßnahme über einen langen Zeitraum erstreckt.
Zur zeitlichen Abgrenzung von kurzzeitigen Auswirkungen kann auf die bewertungsrelevanten Zeiträume i. S. der
operativen Monitoringzyklen zur Berichterstattung der EG-WRRL (i. d. R. dreijährig, vgl. Anhang 5, Nr. 1.3.4 EG-
WRRL) als Maßstab zurückgegriffen werden (SMUL 2017, Nr. 8 und 10a). In deren Folge können Auswirkungen
als kurzzeitig und vorübergehend eingestuft werden, sofern davon auszugehen ist, dass die BQK innerhalb eines
operativen Monitoringzyklus („Überwachungsintervall“) zum Ausgangszustand zurückkehren. Dabei ist zu
beachten, dass sich die Bewertungen zwischen den Monitoringzyklen auch vielfach bedingt durch natürliche
Schwankungen, Rahmenbedingungen der Probenahme etc. unterscheiden (weiterführende Hinweise in Kapitel
4.4.7).
Neben der Definition der „Kurzzeitigkeit“ anhand der Berichtspflichten der EG-WRRL ist Grundvoraussetzung für
eine kurzfristige Wiederherstellung des Ausgangszustands, dass grundsätzlich geeignete Habitatbedingungen im
ggf.
zeitlich
begrenzt
beeinträchtigen
Gewässerabschnitt
vorliegen
und
ein
hinreichendes
Wiederbesiedlungspotenzial im erreichbaren Umfeld gegeben ist. Zudem müssen die Organismen den betroffenen
Bereich auch tatsächlich erreichen können, d. h. dass die Wandermöglichkeiten nicht z. B. durch Wehre erheblich
beeinträchtigt sind. Diesbezüglich sind Besonderheiten der einzelnen BQK zu beachten.
Während Fische grundsätzlich sehr mobil sind und – bei entsprechender Durchgängigkeit – Gewässerabschnitte
schnell wieder besiedeln können, brauchen einige Artengruppen des Makrozoobenthos dazu längere Zeiträume,
insbesondere entgegen der Fließrichtung. Flugfähige Insekten können hingegen auch größere Distanzen in relativ
kurzer Zeit zurücklegen und auch Querbauwerke überwinden. Diese benötigen zur Orientierung jedoch vielfach
Gehölzstrukturen im Uferbereich. Makrophyten können Gewässerabschnitte i. d. R. schnell wieder besiedeln, da
diese häufig aus Samen in der Diasporenbank im Boden wachsen.
4.4.5 Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer Verschlechterung
SMUL (2017), Nr. 7.1, Nr. 7.3 und LAWA (2017a), Nr. 2.1.6
Der Verstoß gegen das „Verschlechterungsverbot“ bedarf einer
hinreichenden Wahrscheinlichkeit
des
möglichen Schadenseintritts, abweichend vom strengeren Maßstab z. B. im europäischen Habitatrecht
38
(BVERWG
2017).
Die Verschlechterung muss gemäß SMUL (2017, Nr. 7.1) zumindest im Bereích des Wahrscheinlichen Iiegen.
Hierzu kann im Wesentlichen auf die Ausführungen in der Arbeitshilfe des UBA zur Anwendung des § 31 Absatz 2
WHG (UBA 2014b) verwiesen werden. Danach müssen sich Art, Umfang und lntensität der zu prognostizierenden
Beeinträchtigungen sowie deren Wahrscheinlichkeit mit hinreichender Zuverlässigkeit und Genauigkeit
vorhersagen lassen. Die Prognose sollte danach so zutreffend sein, wie sie im [konkreten] Einzelfall unter
38
z. B. Artikel 6 FFH-Richtlinie

64
Berücksichtigung der zu ihrer Zeit [mit verhältnismäßigem, angemessenem Aufwand] verfügbaren Erkenntnismittel
und der Venwendung fachlich geeigneter Methoden sein kann. Unsicherheiten bei der Prognose und den
Erkenntnislücken sind dementsprechend zu dokumentieren, ihre Relevanz für die Bewertung ist abzuschätzen.
Eine Einschätzung zur Wahrscheinlichkeit muss im WRRL-Fachbeitrag getroffen werden.
4.4.6 Wirkungen auf nicht-berichtspflichtige Oberflächengewässer
SMUL (2017), Nr. 2.2 und LAWA (2017a), Nr. 2.1.2.1
Der maßgebliche Raumbezug für Aussagen im Zusammenhang mit dem „Verschlechterungsverbot“ ist der OWK
(vgl. Kapitel 4.4.2). Da die wasserrechtlichen Regelungen zum Verschlechterungsverbot gemäß WRRL stets
wasserkörperbezogen sind (SMUL 2017, Nr. 2.1), sind potenziell vorhabenbedingte Auswirkungen auf nicht-
berichtspflichtige Gewässer hinsichtlich des Verschlechterungsverbots nur bewertungsrelevant, sofern und soweit
diese Auswirkungen auf berichtspflichtige OWK haben (vgl. BVERWG Urteil vom 9.2.2017, Rn. 506).
Lage und Grenzen der Wasserkörper
https://www.wasser.sachsen.de/lage-und-grenzen-der-wasserkoerper-11396.html
Die nicht-berichtspflichtigen Gewässer stellen meist kleine Zuflüsse und Oberläufe der OWK dar, die insbesondere
für die Besiedlung und – größenbedingt in begrenztem Maße – auf die Standortverhältnisse im OWK (zumindest
unmittelbar im Bereich des OWK-Beginns) wirken können. Die Bedingungen im und aus dem nicht-
berichtspflichtigen Gewässer wirken damit direkt auf die BQK.
Es können demnach folgende Aspekte unterschieden werden, die eine Berücksichtigung von nicht-
berichtspflichtigen Gewässern für die Beurteilung hinsichtlich des „Verschlechterungsverbots“ in einem OWK
erfordern könnten:
Direkte abiotische Wirkungen
aus einem nicht-berichtspflichtigem Gewässer, die durch ein Vorhaben
ausgelöst werden können und bis in einen OWK hinein wirken könnten
Direkte biotische Auswirkungen
in einem nicht-berichtspflichtigen Gewässer, die durch direkte abiotische
Wirkungen im nicht-berichtspflichtigen Gewässer hervorgerufen werden und die BQK derart beeinflussen, dass
sich dies im Zustand der Zönosen im OWK widerspiegelt (z. B. Beeinträchtigung von Laichhabitaten)

65
4.4.7 Umgang mit Unsicherheiten und messtechnischen Schwankungen
Die Prognose potenzieller Auswirkungen von Vorhaben auf den ökologischen Zustand bzw. das ökologische
Potenzial kann mit Unsicherheiten und Wissenslücken verbunden sein, die die Belastbarkeit der
Bewertungsergebnisse und Schlussfolgerungen verringern können. Sie können u. a. aus den folgenden
übergeordneten Ursachen entstehen:
Datengrundlagen
: Maßgeblich für die Beurteilung sind qualitativ und quantitativ hinreichende Beschreibungen
des Ausgangszustandes und des Vorhabens bzw. der damit verbundenen Wirkfaktoren und potenzieller
Wirkungen. Im Vorlauf einer Bewertung wird es notwendig sein, den jeweiligen Datenbestand
39
zu sichten und
zu beurteilen, ob dieser für die jeweils erforderliche Prognose ausreichend belastbar ist. Dies wird vor dem
Hintergrund durchgeführt, dass eine Bewertung möglicher Verschlechterungen grundsätzlich anhand der
Bewertungen in den vorliegenden Bewirtschaftungsplänen erfolgen soll. Im Regelfall ist auf die vorliegenden
Daten der Bewirtschaftungspläne zurückzugreifen, um die Fragestellungen in hinreichender Detailschärfe zu
beantworten. Ausnahmsweise kann bei Großvorhaben mit komplexeren Auswirkungen eine zusätzliche
Datenerfassung erforderlich sein.
Wirkzusammenhänge
: Die Bewertung abiotischer Wirkungen setzt voraus, dass diese hinreichend über
Parameter, deren Bedeutung für den Zustand der BQK hinreichend bekannt ist, zu beschreiben sind.
Wirkpfadanalyse
: Die Prognosen basieren i. d. R. auf der Darstellung von Wirkpfaden, die wiederum auf
potenziellen abiotischen Wirkungen aufbauen. Die Wirkungen sind häufig räumlich und (jahres-)zeitlich
unterschiedlich, sodass eine sehr stark vereinfachende Darstellung teilweise zu kurz greift. Neben einem
Mittelwert-Szenario, das sich häufig aus rechtlichen Vorgaben ableitet (z. B. mittlere Konzentration eines
Stoffes) sollte daher gemäß dem Vorsorgeprinzip parallel auch ein Szenario mit konservativen Annahmen (i. S.
des „Worst-case“ Ansatzes) erstellt werden. Auf dieser Grundlage kann die Belastbarkeit der Aussagen
verbessert und die Prognoseentscheidung abgesichert werden.
Messtechnische Schwankungen
: Schwankungen in Bewertungsergebnissen können u. U. auf
messtechnische Ursachen zurückzuführen sein. Hierbei können grundsätzlich zeitliche, räumliche sowie
methodische Faktoren unterschieden werden, die potenziell vorhabenbedingte Auswirkungen überdecken
können. Veränderungen, die
nicht sicher messtechnisch nachweisbar
sind oder innerhalb einer natürlichen,
typspezifischen Schwankungsbreite liegen, haben – unabhängig vom Zustand des betroffenen OWK – außen
vor zu bleiben.
39
Maßgebliche Bewertungsergebnisse (Ausgangszustand) sind grundsätzlich die im aktuellen Bewirtschaftungsplan
veröffentlichten Bewertungen der relevanten Qualitätskomponenten. Im Einzelfall können von diesem Grundsatz abweichend
weitere Bewertungen für die Beurteilung relevant sein, beispielsweise wenn aktuellere Monitoringdaten vorliegen oder im
Bewirtschaftungsplan bisher keine Bewertungen enthalten sind. Generell können nur ergänzende Daten herangezogen
werden, die methodisch vergleichbar und plausibilisiert sind.

66
4.4.8 Berücksichtigung von Summationseffekten
Im vorliegenden Kapitel geht es um „Summation“ verschiedener Wirkungen bzw. Belastungen, die im Rahmen der
Prognoseentscheidung für ein Vorhaben relevant sein können, da von einem Vorhaben verschiedene Wirkungen
ausgehen können, die summarische Effekte bedingen. Diese Effekte sind nicht mit „Kummulation“ gleichzusetzen,
die möglicherweise summarische Wirkungen verschiedener Vorhaben bezeichnet.
Etwa 40 % der berichtspflichtigen Fließgewässer in Europa unterliegen multiplen Belastungen (EEA 2018), die zu
nicht linearen Summationseffekten führen können, d. h. die gemeinsame Wirkung mehrerer Belastungen ist nicht
gleich der Summe der Einzelwirkungen, die daher nicht mehr individuell betrachtet werden können. Ursache sind
vier sogenannte Interaktionen (BIRK ET AL. 2018):
Additive Effekte
: Die einzelnen Belastungen wirken über unterschiedliche Umweltvariablen, ohne dass die
Reaktion einer BQK auf Belastung 1 ihre Widerstandkraft gegenüber Belastung 2 wesentlich schwächt. Additive
Effekte treten auch auf, wenn zwei Belastungen auf dieselbe Umweltvariable wirken, ohne sich dabei aber
gegenseitig zu verstärken.
Beispiel: Gewässerausbau und veränderte Fließbedingungen wirken additiv auf die Qualität der
Sohlhabitate.
Dominanzeffekte
: Eine Belastung wirkt deutlich stärker als weitere Belastungen.
Beispiel: Hohe Saprobie und Überformung der Sohlhabitate; die saprobielle Belastung wirkt deutlich stärker
auf die Fauna.
Synergistische Effekte
: Zwei Belastungen verstärken sich in ihrer Wirkung; die gemeinsame Wirkung ist höher
als die Summe der individuellen Wirkungen. Synergistische Effekte treten auf, wenn zwei Belastungen
gleichsinnig auf eine Umweltvariable wirken.
Beispiel: Ausleitung, Beseitigung des Uferbewuchses und Kühlwassereinleitung (Erwärmung) wirken
gleichsinnig auf die Wassertemperatur; Ausleitung, Rückstau, Beseitigung der Ufervegetation, Kühlwasser,
organische Belastung und Nährstoffbelastung wirken alle gleichsinnig auf den Sauerstoffhaushalt eines
Gewässerabschnittes.
Antagonistische Effekte
: Zwei Belastungen schwächen sich in ihrer Wirkung ab; die gemeinsame Wirkung ist
geringer als die Summe der individuellen Wirkungen. Antagonistische Effekte treten auf, wenn zwei
Belastungen gegensinnig auf eine Umweltvariable wirken.
Beispiel: Gewässerausbau (Rhithralisierung) kann den Sauerstoffeintrag ins Gewässer erhöhen und somit
Auswirkungen von Ausleitung, Rückstau, Beseitigung der Ufervegetation, Kühlwasser, organischer
Belastung und Nährstoffbelastung auf den Sauerstoffhaushalt abmildern oder ausgleichen, während
gleichzeitig aber die Habitatverfügbarkeit reduziert wird.
Zur Quantifizierung von Interaktionen werden häufig Regressionsmodelle eingesetzt (FELD ET AL. 2018). Im
Rahmen des EU-Projekt MARS
40
wurden Belastungspaare ausgewertet und ergaben u. a.:
Nährstoff- und Temperaturerhöhungen wirken synergistisch auf das Phytoplankton. Der Effekt tritt nur in nicht
bis mäßig Nährstoff-belasteten Gewässern auf.
40
Ergebnisse
unter
http://www.mars-project.eu/index.php/results.html

67
Nährstoff- und Abflusserhöhungen wirken antagonistisch auf das Phytoplankton. Der Effekt tritt nur in frei
fließenden Gewässern auf.
Nährstoff- und Abflusserhöhung (Abflussspitzen) wirken antagonistisch auf das Phytobenthos. Der Effekt wurde
nur für nicht bis mäßig Nährstoff-belastete Mittelgebirgsgewässer ermittelt.
Nährstoffe und Gewässerausbau (Rhithralisierung) wirken antagonistisch auf Makrozoobenthos und Fische. Der
Effekt ist jedoch nur gering.
Die Wirkungsstärke einer Interaktion von Belastungen ist im Vergleich zu den individuellen (additiven)
Wirkungen der Belastungen häufig vernachlässigbar. Die Ergebnisse können im Einzelfall aber stark variieren.
Bisherige Ergebnisse zeigen, dass Interaktionen von Belastungen häufig mit der individuellen Situation im
betrachteten Fließgewässer zusammenhängen, nur bedingt allgemeingültig beschrieben werden können und
biologische Wirkungen einer Interaktion von der Art der betrachteten Antwortvariablen (Metric, Index,
Gesamtbewertung EQR) abhängen können. In der Zusammenschau der wissenschaftlichen Erkenntnisse ergeben
sich folgende Empfehlungen für den Umgang mit mutmaßlich interagierenden Belastungen bei der Beurteilung
einer Verschlechterung von OWK:
Die Kenntnis möglichst aller in einem Wasserkörper wirksamen Belastungen ist notwendig, um mögliche
Summationseffekte zu erkennen und ihre mutmaßliche Wirkung auf die BQK abzuschätzen.
Die Interaktion von Belastungen kann im Einzelfall stark variieren. Es ist daher immer eine OWK-spezifische
Betrachtung notwendig. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf ähnliche OWK kann in Ausnahmefällen möglich
sein, sollte aber grundsätzlich überprüft werden.
Konkret kann ein zu beurteilendes Vorhaben zu einer zusätzlichen Belastung bzw. Wirkung und/oder zur Erhöhung
einer bereits bestehenden Belastung im OWK führen. Resultieren eine oder mehrere neue Belastung(en), so
können diese sich mit bereits bestehenden Belastungen synergistisch auswirken.
In diesem Fall können die Orientierungswerte für die unterstützenden Qualitätskomponenten nicht schematisch
angewandt werden, weil sie auf Basis individueller Wirkungen der Belastungsvariablen abgeleitet wurden, sondern
müssen unter Berücksichtigung der konkreten örtlichen Situation entsprechend zur Beurteilung herangezogen
werden.
Mögliche Hinweise zur Bedeutung der physikalisch-chemischen Verhältnisse in Zusammenwirken mit der
gewässerstrukturellen Qualität eines Gewässers können aus den Auswertungen zum Habitatindex (LANUV NRW
2018) entnommen werden.
Ist hingegen eine antagonistische Wirkung der neuen Belastung(en) mit bestehenden Belastungen zu erwarten,
sind sogar positive Wirkungen auf die BQK möglich. Sie deuten daher auch auf mögliche Minderungsmaßnahmen
hin, mit denen negative Effekte von Belastungen verringert werden können.
Vor diesem Hintergrund sollte angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen prognostizierten
Erwärmung bei der Beurteilung einer Verschlechterung besonderes Augenmerk auf mögliche Interaktionen (z. B.
von Nährstoffen, organischer Verschmutzung) mit der Wassertemperatur gelegt werden.
Bei ausschließlich zu erwartenden additiven Effekten oder Dominanzeffekten können die Belastungen individuell
betrachtet und anhand von Orientierungswerten oder anderweitig verfügbaren Beurteilungswerten beurteilt werden.
Tabelle 11 zeigt für eine Auswahl von Wirkfaktoren zehn Interaktionen von häufigen Belastungen. Eine nähere
Beschreibung erfolgt in Tabelle 12. Sind die entsprechenden Belastungen im zu beurteilenden Wasserkörper
wirksam, sind nicht-lineare Wechselwirkungen wahrscheinlich. Es ist dann von Auswirkungen auf die BQK

68
auszugehen. Eine Abhängigkeit der Wechselwirkungen vom Fließgewässertyp wurde bislang nicht eingehend
untersucht, so dass an dieser Stelle keine gesicherten Aussagen zur gewässertypspezifischen Unterscheidungen
getroffen werden können. Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass die individuelle Belastungssituation
entscheidender für die Stärke möglicher Wechselwirkungen ist als gewässertypspezifische Eigenschaften der
OFWK, sodass nach derzeitigem Kenntnisstand von der Übertragbarkeit der Interaktionen zwischen
Gewässertypen ausgegangen wird.
Tabelle 11: Paarweise synergistische (S) und antagonistische (A) Interaktionen von zehn Belastungen (– =
Kombination unwahrscheinlich), ohne additive und Dominanzeffekte (Beurteilung kann individuell für jede
Belastung erfolgen)*
Wirkfaktor
Belastung
Ausleitung / Restwasser
Rückstau
Feinsedimenteintrag
Ausbau (Rhithralisierung)
Habitatverlust
Fehlender Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Therm. Belastung: Erwärmung
Therm. Belastung: Abkühlung
Organische Belastung
Nährstoffbelastung
Belastung
Fließverhalten
Ausleitung / Restwasser
S
S
S
S
Fließverhalten
Rückstau
S
S
S
A
S
S
Morphologische Verhältnisse (Sohle)
Feinsedimenteintrag
A
S
S
S
S
Fließverhalten, Morphologische Verhältnisse
(Sohle)
Ausbau (Rhithralisierung)
A
A
A
A
Morphologische Verhältnisse (Sohle)
Habitatverlust
Morphologische Verhältnisse (Sohle, Ufer, Aue)
Fehlender Uferbewuchs (keine
Beschattung)
S
Temperaturverhältnisse
Thermische Belastung: Erwärmung
S
S
Temperaturverhältnisse
Thermische Belastung: Abkühlung
A
Sauerstoffhaushalt
Organische Belastung
Nährstoffverhältnisse
Nährstoffbelastung
* Angaben beziehen sich auf die mutmaßlich überwiegende (nicht-lineare) Wechselwirkung der Belastungen und können im Einzelfall davon
abweichen oder auch für bestimmte BQK irrelevant sein (vgl. Tabelle 2).

69
Tabelle 12: Mutmaßlich überwiegende Wechselwirkung zwischen den BQK und den Interaktionen häufiger Belastungskombinationen.
Belastung 1
Belastung 2
Interaktion
Biologische Wechselwirkung zwischen BQK und Belastungen/Interaktionen
Fische
Makrozoobenthos
Makrophyten
Diatomeen
Phytobenthos (ohne Dia)
Ausleitung
(Fließreduktion)
Feinsedimenteintrag
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
Habitatverlust
keine Wechselwirkung
Habitatverlust
Habitatverlust
Ausleitung
(Fließreduktion)
Erwärmung
(Kühlwasser)
Synergistisch
O
2
-Konzentration sinkt, -
Bedarf steigt
O
2
-Konzentration sinkt, -
Bedarf steigt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausleitung
(Fließreduktion)
Organische Belastung
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
O
2
-Defizit verstärkt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausleitung
(Fließreduktion)
Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
Zunahme potamaler Arten,
höhere Abundanz (Licht)
höhere Abundanz (Licht)
höhere Abundanz (Licht)
Rückstau
(Fließreduktion)
Feinsedimenteintrag
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
Habitatverlust
Zunahme potamaler Arten
Habitatverlust
Habitatverlust
Rückstau
(Fließreduktion)
Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
Zunahme potamaler Arten
höhere Abundanz (Licht)
höhere Abundanz (Licht)
Rückstau
(Fließreduktion)
Erwärmung
(Kühlwasser)
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
O
2
-Defizit verstärkt
(Erwärmung)
Zunahme potamaler Arten,
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
Rückstau
(Fließreduktion)
Organische Belastung
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
O
2
-Defizit verstärkt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Rückstau
(Fließreduktion)
Nährstoffbelastung
Synergistisch
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Zunahme potamaler Arten,
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
Rückstau
(Fließreduktion)
Abkühlung
(Tiefenwasser)
Antagonistisch
verminderte
Rückstaueffekte möglich
verminderte
Rückstaueffekte möglich
verminderte
Potamalisierung möglich
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausbau
(Rhithralisierung)
Feinsedimenteintrag
Antagonistisch
bessere Durchströmung
der Laichhabitate
Habitatverlust vermindert
keine Wechselwirkung
Habitatverlust vermindert
Habitatverlust vermindert
Ausbau
(Rhithralisierung)
Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Antagonistisch
O
2
-Defizit infolge von
Erwärmung vermindert
O
2
-Defizit infolge von
Erwärmung vermindert
Potamalisierung infolge
Erwärmung vermindert
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausbau
(Rhithralisierung)
Erwärmung
(Kühlwasser)
Antagonistisch
O
2
-Defizit infolge von
Erwärmung vermindert
O
2
-Defizit infolge von
Erwärmung vermindert
Potamalisierung infolge
Erwärmung vermindert
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausbau
(Rhithralisierung)
Organische Belastung
Antagonistisch
O
2
-Defizit abgeschwächt
O
2
-Defizit abgeschwächt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Ausbau
(Rhithralisierung)
Nährstoffbelastung
Antagonistisch
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
verminderte
Trophieerhöhung
verminderte
Trophieerhöhung
verminderte
Trophieerhöhung
Feinsedimenteintrag
Erwärmung
(Kühlwasser)
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
Habitatverlust
Zunahme potamaler Arten
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung

70
Belastung 1
Belastung 2
Interaktion
Biologische Wechselwirkung zwischen BQK und Belastungen/Interaktionen
Fische
Makrozoobenthos
Makrophyten
Diatomeen
Phytobenthos (ohne Dia)
Feinsedimenteintrag Organische Belastung
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
O
2
-Defizit verstärkt,
Habitatverlust
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Feinsedimenteintrag Nährstoffbelastung
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
O
2
-Defizit verstärkt,
Habitatverlust
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Feinsedimenteintrag
Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
O
2
-Defizit verstärkt,
Habitatverlust
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
Organische
Belastung
Erwärmung
(Kühlwasser)
Synergistisch
O
2
-Defizit verstärkt
O
2
-Defizit verstärkt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Organische
Belastung
Abkühlung
(Tiefenwasser)
Antagonistisch
O
2
-Defizit abgeschwächt
O
2
-Defizit abgeschwächt
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
keine Wechselwirkung
Nährstoffbelastung
Uferbewuchs (keine
Beschattung)
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
O
2
-Defizit verstärkt,
Habitatverlust
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
Nährstoffbelastung
Erwärmung
(Kühlwasser)
Synergistisch
Verlust von O
2
-reichen
Laichhabitaten
O
2
-Defizit verstärkt,
Habitatverlust
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie
höhere Abundanz (Licht),
höhere Trophie

71
4.4.9 Minderung von potenziellen Auswirkungen und Erhöhung der
Prognosesicherheit durch Umsetzung von Maßnahmen
SMUL 2017, Nr. 9.1 bis 9.3 und LAWA 2017a, Nr. 2.4
Zur
Minimierung
potenziell nachteiliger Auswirkungen, die von einem Vorhaben in seiner beantragten Gestalt
ausgehen könnten und dazu führen, dass dieses Vorhaben wahrscheinlich gegen das Verschlechterungsverbot
verstößt, sind – soweit zumutbar und verhältnismäßig - funktional wirksame („verbessernde“) Maßnahmen zu
ergreifen. Die Prüfung praktisch geeigneter Maßnahmen zur Verringerung der nachteiligen Auswirkungen des
Vorhabens hat regelmäßig zu erfolgen. Zum einen sind die vorhabenbedingten Beeinträchtigungen auch unterhalb
der Schwelle der Verschlechterung so gering wie möglich und verhältnismäßig zu halten (vgl. § 12 Abs. 1 Nr. 1
WHG), zum anderen ist bei Bejahung einer potenziellen Verschlechterung Voraussetzung für die
Inanspruchnahme einer Ausnahme, dass „alle praktisch geeigneten Maßnahmen ergriffen werden, um die
nachteiligen Auswirkungen auf den Gewässerzustand zu verringern“ (§ 31 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 WHG). Diese
können in der Gesamtbilanz der Prognoseentscheidung unter bestimmten Voraussetzungen berücksichtigt werden.
Innerhalb der Prognoseentscheidung erfolgt also eine Rückkopplung unter Berücksichtigung minimierender
Wirkungen (von Schritt 5 zu 3 gemäß Abbildung 5).
Außerdem kann die Umsetzung funktional verknüpfter Maßnahmen zur Erhöhung der Verlässlichkeit einer
Prognoseentscheidung zum Verschlechterungsverbot sinnvoll sein. Dies gilt insbesondere, aber nicht
ausschließlich, wenn eine Prognoseentscheidung relativ wenig belastbar ist, da diese z. B. auf einer geringen
Datenbasis fußt oder die Ermittlung und Quantifizierung der Wirkungen und Auswirkungen mit vielen
Unsicherheiten behaftet ist.
Die nachfolgende Auflistung gibt einen weiten, aber nicht abschließenden Überblick über grundsätzlich geeignete
„verbessernde Maßnahmen“:
Optimierung der Abflussverhältnisse (z. B. durch Mindestwasserführung)
Optimierung der Fließverhältnisse (z. B. durch Laufverlängerung, Reduzierung von Rückstau)
Verbesserung der Habitatqualität – Sohle/Ufer (z. B. durch Einbau von Totholz, Profilaufweitung)
Verbesserung der Habitatqualität – Umfeld (z. B. durch Anbindung von Auengewässern, Ausweisung von
Gewässerentwicklungsflächen)
Reduzierung hydraulischer Belastungen (z. B. durch Anlage/Optimierung von Rückhaltebecken,
Anlage/Entwicklung naturnaher Profile zur Erhöhung der Ausuferungshäufigkeit)
Herstellung/Verbesserung der linearen Durchgängigkeit (z. B. durch Anlage von Fischpässen,
Umgehungsgerinnen)
Herstellung/Verbesserung der lateralen Durchgängigkeit (z. B. durch Deichrückverlegung/Sohlaufhöhung zur
Anbindung der Primäraue, Anlage von Sekundärauen)
Herstellung/Verbesserung der vertikalen Durchgängigkeit (z. B. durch Verbesserung von Geschiebetransport
und -dynamik, Entwicklung naturnaher Grundwasserstände)
Reduzierung von Feinsedimenteinträgen (z. B. durch Anpassung der Flächenbewirtschaftung, Anlage von
Gewässerrandstreifen)

72
Reduzierung von Nährstoffeinträgen (z. B. durch Optimierung von Kläranlagen, Anpassung der
Flächenbewirtschaftung, Anlage von Gewässerrandstreifen)
Reduzierung von Schadstoffeinträgen (z. B. durch Aufbereitung von Abwasser, Aufbereitung von
Sümpfungswasser)
Verbesserung der Wassertemperatur (z. B. durch Anlage/Entwicklung von Ufergehölzen, Reduzierung von
Tiefenwasserabschlägen)
Ökologisch optimierte Gewässerunterhaltung (z. B. durch wechselseitige Mahd, Belassen von Totholz)
Die Aufstellung orientiert sich u. a. an den Aufstellungen potenzieller Maßnahmen zur Erreichung des guten
ökologischen Potenzials für erheblich veränderte Wasserkörper (LAWA 2015a). Zur Auswahl möglicher
„verbessernder“ Maßnahmen können u. a. auch die Aussagen zu antagonistischen Effekten entsprechend
herangezogen werden (Kapitel 4.4.8). Zudem sind sie auf Grundlage der regelmäßig relevanten abiotischen
Wirkungen den einzelnen Prognose-Fallgruppen in den Fallgruppen-Steckbriefen zugeordnet worden (Anhang 1).

73
5 Anwendung der Arbeitshilfe an fiktiven
Praxisbeispielen
5.1 Verlängerung und Anpassung der Einleiterlaubnis
für eine kommunale Kläranlage in einen
Mittelgebirgsbach
Die Einleiterlaubnis für eine kommunale Kläranlage soll verlängert und angepasst werden. Die Anpassung der
Erlaubnis betrifft die geplante Erhöhung der Kapazität (Anzahl angeschlossener Haushalte), womit die Erhöhung
der mittleren Einleitmenge von aktuell 0,1 m³/s auf zukünftig 0,5 m³/s einhergeht. Angenommen wird zudem eine
Erhöhung der Nährstoffkonzentrationen (ortho-Phosphat-Phosphor, Gesamtphosphor) im Vorfluter. Beim
Vorflutgewässer handelt es sich um einen kleinen schottergeprägten Bach im Mittelgebirge (LAWA-Typ 5). Der
OWK ist frei fließend und im Uferbereich gehölzfrei (d. h. unbeschattet). Für die Bearbeitung der Fragestellung ist
eine Unterteilung in NWB oder HMWB unerheblich, da hydromorphologische Wirkungen nicht relevant sind.
Die Rahmenbedingungen der geplanten Veränderungen von Abfluss- und Nährstoffbedingungen sind für drei
Szenarien in Abbildung 18 schematisch dargestellt, wobei der Beispiel-OWK zusätzlich in drei funktionale
Abschnitte unterteilt wurde, um auch den Einfluss eines Nebengewässers abbilden zu können. Zudem werden für
die drei Szenarien (Fälle) verschiedene ökologische und abiotische Rahmenbedingungen im Ist-Zustand
angenommen (Tabelle 13).
grün = Orientierungswerte [OW] eingehalten, rot = OW
überschritten
Abbildung 18: Schematische Darstellung des zu prüfenden
Wasserkörpers mit Angaben zu Einleitstelle und -menge in
den drei funktional zu trennenden Gewässerabschnitte
(links) und drei Szenarien für die Änderungen der
Konzentrationen von ortho-Phosphat-P und
Gesamtphosphor (rechts).
Abfluss Vorfluter
Ist: 1,5 m³/s
Plan: 1,5 m³/s
Ist: 1,6 m³/s
Plan: 2,0 m³/s
Ist: 3,6 m³/s
Plan: 4,0 m³/s
Zufluss: Ist/Plan 2,0 m³/s
Einleitung
Zufluss
Vorfluter
OWK
Funktionale Abschnitte
1
2
3
Fall A
Einheit
OW/
UQN
Abschn. 1
Abschnitt 2
Zufluss
Abschnitt 3
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff [%]
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff [%]
P
ges
mg/l
≤ 0,05
0,030
0,034
0,048
0,005
0,018
0,026
o-PO
4
-P
mg/l
≤ 0,02
0,001
0,004
0,013
0,010
0,007
0,012
Fall B
Einheit
OW/
UQN
Abschn. 1
Abschnitt 2
Zufluss
Abschnitt 3
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff [%]
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff [%]
P
ges
mg/l
≤ 0,05
0,030
0,038
0,060
60%
0,005
0,019
0,033
67%
o-PO
4
-P
mg/l
≤ 0,02
0,001
0,007
0,026
258%
0,010
0,009
0,018
104%
FGS (Cu)
2
mg/kg
160
130,0
137,8
161,3
17%
130,0
133,5
145,6
9%
Fall C
Einheit
OW/
UQN
Abschn. 1
Abschnitt 2
Zufluss
Abschnitt 3
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff
Ist/Plan
Ist
Plan
Diff
P
ges
mg/l
≤ 0,05
0,100
0,106
0,125
+ 0,019 + 18 %
0,005
0,050
0,065
+ 0,015
+ 30 %
o-PO
4
-P
mg/l
≤ 0,02
0,025
0,030
0,044
+ 0,014 + 47 %
0,010
0,019
0,027
+ 0,008
+ 43 %
T (Winter)
1
°C
≤ 10
7,0
7,3
8,8
+ 1,4 + 20 %
5,0
6,0
6,9
+ 0,8
+ 14 %
T (Sommer)
1
°C
< 20
14,0
14,3
15,8
+ 1,5 + 11 %
11,0
12,4
13,4
+ 0,9
+ 7 %

74
Tabelle 13: Ökologische und abiotische Randbedingungen für drei Szenarien (Fälle) zum Beispiel
„Verlängerung und Anpassung der Einleiterlaubnis für eine kommunale Kläranlage in einen
Mittelgebirgsbach“
5.1.1 Vorstufe - Ermittlung des Prüfbedarfs
Die Beurteilung beginnt mit der Prüfung, ob das Vorhaben überhaupt prüfrelevant ist. Da die geplanten Ver-
änderungen der Abfluss- und Nährstoffbedingungen im Kläranlagenabfluss mit einer Veränderung der Intensität
der Nutzung verbunden sind, ist ein Prüfbedarf unabhängig von den drei betrachteten Szenarien immer gegeben
(vgl. Abbildung 4). Dies wäre anders, wenn lediglich die Verlängerung der Betriebserlaubnis ohne eine
Veränderung der Intensität der Nutzung bei gleichen Rahmenbedingungen im Gewässersystem zu betrachten
wäre.
5.1.2 Schritt 1: Zuordnung des Vorhabens zu einer Fallgruppe
Beim geplanten Vorhaben handelt es sich um eine Gewässerbenutzung, namentlich um eine Einleitung mit
vorrangig stofflicher Wirkung (s. Steckbrief in Anhang 1). Die vorrangig stoffliche Wirkung ergibt sich aus der
geplanten Veränderung der Konzentrationen von ortho-Phosphat-Phosphor und Gesamtphosphor im
Kläranlagenabfluss und mutmaßlich auch im Vorfluter. Eine thermische Wirkung infolge des Vorhabens ist
grundsätzlich nicht auszuschließen, wird aber als nachrangig betrachtet. Eine hydraulische Wirkung wird aufgrund
der Abflussverhältnisse im Vorfluter und der damit verbundenen vergleichsweise geringen Erhöhung der Einleitung
(Abbildung 18) für das Beispiel ebenfalls als nachrangig betrachtet. Dieser Schritt ist unabhängig von den drei
betrachteten Szenarien.
5.1.3 Schritt 2: Funktionale Systemanalyse – Ableitung potenzieller
Wirkfaktoren
Aufgrund der im ersten Schritt getroffenen Annahmen ist vorrangig von einer Veränderung der Wasserbe-
schaffenheit auszugehen (vgl. Abbildung 19), insbesondere der Nährstoffverhältnisse. Vorhabenbedingte
Veränderungen des Salzgehalts, des Versauerungszustands sowie des Schweb- und Schadstoffgehalts sind in der
zugeordneten Fallgruppe ebenfalls möglich, werden jedoch für das Beispiel ausgeschlossen. Wirkungen auf den
Sauerstoffhaushalt können sich zwar zeitweise (vor allem im Spätsommer und Herbst) ergeben, wenn eine erhöhte
Trophie zur Sekundärsaprobie und damit zur Sauerstoffzehrung führt; als potenzielle abiotische Wirkung des
Nährstoffeintrags ist dies hier jedoch noch nicht relevant. Die nachrangige Bedeutung der thermischen Wirkung
sowie der Wirkung veränderter Abfluss- und Fließverhältnisse ist gemäß der Fallgruppe bereits durch die
unterbrochenen Umrahmungen in Abbildung 19 gekennzeichnet.
Fall A
Fall B
Fall C
Ökologischer Zustand
Gut
Gut
Unbefriedigend
Fische
Gut
Gut
Mäßig
Makrozoobenthos
Gut
Gut
Mäßig
Makrophyten
Gut
Gut
Unbefriedigend
Allgemeine physikalisch-chemische Parameter
Eingehalten
Eingehalten
Nicht eingehalten
Flussgebietsspezifische Schadstoffe
Eingehalten
Eingehalten
Eingehalten

image
75
Abbildung 19: Potenziell relevante Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Einleitung mit vorrangig stofflicher
Wirkung - Kommunale Kläranlage“ (Auswahl angepasst an das fiktive Beispiel)
5.1.4 Schritt 3: Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter Wirkungen
auf die unterstützenden Qualitätskomponenten (und ggf.
Abschichtung)
Die Zuordnung der Wirkfaktoren zu messbaren Parametern der unterstützenden Qualitätskomponenten (QK) ist in
Tabelle 14 dargestellt. Die im Beispiel vorrangig angenommene Veränderung der Nährstoffverhältnisse kann direkt
über die Nährstoffkomponenten (hier: o-PO
4
-P und P
gesamt
) und deren Konzentrationsänderungen abgebildet
werden. Die Abschätzung einer potenziellen Wirkung erfolgt über den Vergleich mit den geltenden
gewässertypspezifischen Orientierungswerten (OGEWV 2016, vgl. Spalte „UQN/OW“ in Abbildung 18).

image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
76
Tabelle 14: Wirkmatrix mit Zuordnung von Wirkfaktoren zu relevanten (messbaren) unterstützenden
Qualitätskomponenten in der Fallgruppe „Einleitung mit vorrangig stofflichen Wirkungen - Kommunale
Kläranlage“ (Zuordnung angepasst an das fiktive Beispiel).
Über eine abflussgewichtete Mischungsrechnung ist es möglich, die Veränderungen der Nährstoffverhältnisse für
unterschiedliche funktionale Abschnitte im zu beurteilenden OWK abzuschätzen (Abbildung 18, Fälle A bis C). Je
nach räumlicher Ausdehnung der Wirkung kann dann in Bezug auf den gesamten OWK abgeschätzt werden, ob
eine Wirkung relevant ist und weiter betrachtet werden muss. Im konkreten Beispiel wird von einer Wirkung auf die
Nährstoffverhältnisse (o-PO
4
-P, P
gesamt
) ausgegangen. Neben direkten Wirkungen der Nährstoffe sind auch
indirekte Wirkungen möglich, zum Beispiel infolge einer Sekundärsaprobie, wodurch es zur Verringerung des
Sauerstoffgehaltes im Wasser kommen kann. Davon kann auch das Interstitialwasser betroffen sein, was dann
funktional einer Barriere zwischen Freiwasser und Interstitial gleichkommt. Veränderungen des Sauerstoffgehalts
sind direkt messbar, wenngleich der Sauerstoffgehalt sowohl starken tageszeitlichen als auch jahreszeitlichen
Schwankungen unterliegen kann. Zur verlässlichen Beurteilung ist die Kenntnis der meist nächtlich auftretenden
Minima erforderlich, die über eine kontinuierliche Messung (Logger) während der Vegetationsperiode zu ermitteln
sind.
QK
Parameter
(WRRL)
Verb.
GW
Param eter-Gruppe
Abflussverhältnisse/
Abflussdynamik
Fließverhältnisse/
Rückstau
Wasserstand/-dynamik,
Auenanbindung
Grundwasseranbindung
Linear (aquatische
Organismen)
Lateral (aquatische
Organismen)
Vertikal (Hyporheisches
Interstitial)
Sedimenthaushalt
Laufentwicklung
Längsprofil
Tiefen-/Breitenvarianz
Sohlstruktur
Substratbeschaffenheit/
Substratdynamik
Uferstruktur/ Querprofil
Uferbewuchs/
Beschattung
Gewässerrandstreifen/
Umfeldstruktur
(nicht-)synthetische
Schadstoffe
Temperaturverhältnisse
Sauerstoffhaushalt
Salzgehalt
Versauerungszustand
Nährstoffverhältnisse
Schwebstoffe/
abfiltrierbare Stoffe
Habitatindex
2.3
2.4
2.5-2.7 3.4 3.01
3.1, 3.2
5.3
5.02, 5.1
Abfluss
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
Fließverhalten
-
X
X
X
X
-
X
X
X
X
X
X
X
X
-
-
X
X
-
-
X
X
Wasserspiegel-
lagen
-
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
X
X
X
-
X
X
-
-
-
-
Durchgängigkeit
(linear)
-
-
-
-
X
X
X
X
-
X
X
X
X
X
-
-
-
-
-
-
-
-
-
Durchgängigkeit
(lateral)
X
X
X
X
-
X
-
X
-
X
X
X
X
X
X
X
-
-
-
-
-
X
X
Morphologische
Verhältnisse
(Sohle, Ufer)
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
-
-
X
X
-
-
X
X
Morphologische
Verhältnisse
(Aue)
X
X
X
-
-
X
-
X
X
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
X
Temperatur-
verhältnisse
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
X
-
-
-
-
Sauerstoff-
haushalt
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
1
X
1
-
-
-
-
-
X
-
X
X
X
1
Salzgehalt
-
-
-
-
X
4
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
Versauerungs-
zustand
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
X
-
X
X
-
Nährstoff-
verhältnisse
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
-
X
X
-
Schw ebstoff-
gehalt
-
-
-
X
-
-
X
-
-
-
-
X
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
X
Schadstoff-
gehalt
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
-
Potenzielle abiotische Wirkungen
Hydromorphologische Verhältnisse
Wasserbeschaffenheit
Wasserhaushalt
Durchgängigkeit
Morphologische Verhältnisse
FGS
Allgemeine physikalisch-chemische
Parameter (ACP)
Abfluss /
Abflussdynamik
Tiefen-/
Breitenvariation
Struktur /
Substrat
Boden
Struktur Uferzone
Potenzielle Wirkfaktoren
Abfluss und
Fließverhältnisse
Durchgängigkeit
Gewässer-
struktur
Wasserbeschaffenheit
keine weitere
Betrachtung im Beispiel
keine weitere
Betrachtung im Beispiel
keine weitere
Betrachtung im Beispiel

77
Die im Beispiel als nachrangig eingestuften Wirkfaktoren „Abfluss“, „Fließverhalten“ und „Temperaturverhältnisse“
werden nachfolgend nicht weiter betrachtet, da diese voraussichtlich nicht bewertungsrelevant sind. Zudem wird
angenommen, dass Nährstoffeinträge im Beispiel keine Wirkungen auf die Sohlsubstratbeschaffenheit und -
dynamik besitzen.
Schritt 3 markiert das Ende der Vorprüfung. Steht am Ende der Vorprüfung das Ergebnis, dass keine potenziell
nachteiligen Veränderungen der unterstützenden QK im OWK infolge des Vorhabens zu erwarten sind, ist die
Vorprüfung abgeschlossen. Für das konkrete Beispiel und die drei Szenarien lauten die Ergebnisse demnach:
Fall A: Verschlechterung ausgeschlossen bzw. unwahrscheinlich, da keine potenziell nachteiligen
Veränderungen im OWK feststellbar sind.
Fall B: Verschlechterung ausgeschlossen bzw. unwahrscheinlich, da potenziell nachteilige Veränderungen im
OWK nur ein geringes räumliches Ausmaß haben (z. B. in < 20 % der Fließlänge im OWK auftreten).
Fall C: Verschlechterung nicht ausgeschlossen bzw. wahrscheinlich, da potenziell nachteilige Veränderungen
im gesamten OWK feststellbar sind.
5.1.5 Schritt 4: Quantifizierung möglicher vorhabenbedingter
Auswirkungen auf die biologischen Qualitätskomponenten
Schritt 4 markiert den Beginn der Detailprüfung, für die nach Schritt 3 nur noch der Fall C relevant ist.
Aufgrund der vorrangig betrachteten Veränderungen der Nährstoffverhältnisse (Trophie) im Fall C ist eine direkte
Auswirkung vor allem auf die Gewässerflora (Makrophyten und Phytobenthos) zu erwarten (Tabelle 15). Beide
Teilkomponenten werden bundesweit mit dem Bewertungssystem PHYLIB bewertet. Es sind hier vor allem
Auswirkungen auf den Referenzindex (Makrophyten) sowie auf die Trophie-Indikatoren der Diatomeen (z. B.
Trophieindex) zu prüfen.
Ist eine Sekundärsaprobie infolge der Trophieerhöhung möglich bzw. wahrscheinlich (s. o.), kann es zu
verringerten Sauerstoffgehalten und damit zu direkten negativen Auswirkungen auf die Gewässerfauna kommen
(vgl. Tabelle 15). Im Bewertungssystem PERLODES sind vor allem negative Auswirkungen auf den
Saprobienindex und das Modul „Allgemeine Degradation“ zu prüfen (u. a. Faunaindex, % EPT-Taxa, Anzahl
EPTCBO-Taxa). Hinsichtlich der Fische sind potenziell alle Module betroffen, da diese nicht spezifisch reagieren
(Tabelle 15).
Die o. g. potenziellen direkten und indirekten Auswirkungen auf die Biokomponenten führen zu folgenden
Einschätzungen für das Szenario Fall C:
Die Überschreitung der OW für o-PO
4
-P und P
gesamt
im gesamten OWK ist mit potenziell nachteiligen Aus-
wirkungen auf die Gewässerflora verbunden.
Das Artenspektrum wird wahrscheinlich zugunsten der Trophiezeiger verschoben werden.
Die Massenentwicklung einzelner Arten und damit die Produktion einer großen Menge pflanzlicher Biomasse ist
aufgrund der fehlenden Beschattung des OWK wahrscheinlich.

78
Dadurch bedingt können auch potenziell nachteilige Wirkungen infolge von Sekundärsaprobie auftreten. (Es
sollte empfohlen werden, kontinuierliche Messungen des Sauerstoffgehaltes über Logger im Rahmen eines
vorhabenbegleitenden Monitorings durchzuführen, insbesondere, um die nächtlichen Sauerstoff-Minima zu
erfassen.)
Sekundärsaprobie ist potenziell mit nachteiligen Auswirkungen auf die Gewässerfauna (Tabelle 15) verbunden.
Das Ergebnis für Fall C nach Schritt 4 lautet:
Potenziell nachteilige Auswirkungen auf die Gewässerflora sind zu
erwarten. Potenziell nachteilige Auswirkungen auf die Gewässerfauna sind wahrscheinlich, wenn das Vorhaben
zum Auftreten einer Sekundärsaprobie im OWK führt, auch wenn diese nur zeitweise im Spätsommer oder Herbst
auftritt.
Tabelle 15: Matrix potenzieller Wirkfaktoren, zugeordneter unterstützender Qualitätskomponenten und
potenzieller Auswirkungen auf die Module der biologischen Bewertung für die Fallgruppe „Einleitungen mit
vorrangig stofflichen Wirkungen - Kommunale Kläranlage“ (Zuordnung angepasst an fiktives Beispiel)
Makro-
phyten
Bew ertungsverfahren
Phylib
Bewertungsmodul
Arten-/ Gildeninventar
Arten-/ Gildenverteilung
Altersstruktur
Migration
Fischregion
Dominante Arten
SaprobienIndex
Allgemeine Degradation
Säureklassen
Referenzindex
Diatomeenindex
Trophieindex
Halobienindex
Bewertungsindex
PoD-Bewertungsindex (BI)
Abflussverhältnisse/ Abflussdynamik
X
X
X
-
X
X
-
X
-
X
-
-
-
X
-
Fließverhältnisse/ Rückstau
X
X
X
X
X
X
X
X
-
X
-
-
-
X
X
Wasserstand/-dynamik, Auenanbindung
X
X
X
X
X
X
-
X
-
X
-
-
-
-
-
Verb. GW
Grundwasseranbindung
X
X
X
-
X
X
-
X
-
-
-
-
-
X
-
Linear (aquatische Organismen)
X
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
-
-
Lateral (aquatische Organismen)
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
Vertikal (Hyporheisches Interstitial)
X
X
X
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
Sedimenthaushalt
X
X
X
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
-
-
Laufentwicklung
X
X
X
-
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
Längsprofil
X
X
X
-
X
X
-
X
-
X
-
-
-
-
-
Tiefen-/Breitenvarianz
X
X
X
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
Sohlstruktur
X
X
X
X
X
X
-
X
-
X
-
-
-
X
-
Substratbeschaffenheit/ Substratdynamik
X
X
X
X
X
X
-
X
-
X
X
-
-
X
-
Uferstruktur/ Querprofil
X
X
X
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
Uferbewuchs/ Beschattung
X
X
X
-
X
X
-
X
-
X
X
-
-
-
-
Gewässerrandstreifen/ Umfeldstruktur
X
X
X
-
X
-
-
X
-
-
-
-
-
-
-
(nicht-)synthetische Schadstoffe
UQN (Anlage 6 OGew V)
Temperaturverhältnisse
X
X
X
X
X
X
X
X
-
X
-
-
-
X
-
Sauerstoffhaushalt
X
X
X
X
X
X
X
2
X
-
-
-
-
-
-
-
Salzgehalt
-
X
X
-
-
-
-
X
-
X
X
-
X
-
X
Versauerungszustand
-
-
X
-
-
-
-
-
X
-
X
-
-
-
-
Nährstoffverhältnisse
X
X
X
-
X
X
-
2
X
-
X
X
X
-
X
X
Schwebstoffe/ abfiltrierbare Stoffe
-
X
X
-
X
X
X
X
-
X
X
-
-
-
-
FiBS
1
PERLODES
Phylib
Bew ertungsmodule
Fische
MZB
Phytobenthos
FGS
Allgemeine
physikalisch-chemische
Parameter
(ACP)
Potenzielle abiotische Wirkungen
Hydromorphologische Verhältnisse
Abfluss/
Wasserhaushalt
Abfluss-
dynamik
Morphologische Verhältnisse
Durchgängigkeit
Tiefen-/
Breiten-
variation
Struktur/
Substrat
Boden
Struktur
Uferzone
Wasserbeschaffenheit

79
5.1.6 Schritt 5: Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des
Verschlechterungsverbots
Die abschließende Beurteilung des Verschlechterungsverbotes erfolgt über die konkret zu erwartenden Aus-
wirkungen auf die BQK, allerdings gegenüber dem Ist-Zustand der Bewertung (vgl. Tabelle 16).
Für die Fälle A und B hat bereits die Vorprüfung ergeben, dass eine vorhabenbedingte Verschlechterung
ausgeschlossen bzw. unwahrscheinlich ist.
Anmerkung: Die Beurteilung für Fall B kann abweichen, wenn der OWK signifikant von Rückstau beeinflusst ist
(z. B. auf 70 % der Fließlänge). In diesem Fall wären die veränderten Fließbedingungen im Ist-Zustand bei der
Beurteilung der potenziell nachteiligen Wirkungen von o-PO
4
-P und P
gesamt
mit zu betrachten.
Für Fall C führt die abschließende Beurteilung zu folgendem Ergebnis:
Der Ist-Zustand ist aufgrund der Bewertung mit Makrophyten (inkl. Phytobenthos) bereits „unbefriedigend“.
Eine vorhabenbedingte Verschlechterung des ökologischen Zustands ist wahrscheinlich bzw. kann nicht
ausgeschlossen werden.
Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, wenn sich die Bewertung der Makrophyten bereits am Übergang zur nächst
schlechteren Klasse („schlecht“) befindet.
Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, wenn infolge des Vorhabens eine Sekundärsaprobie auftritt (oder verstärkt
wird).
Anmerkung: Die Abhängigkeit der Beurteilung von der Habitatqualität im OWK deutet auf mögliche
Verbesserungsmaßnahmen hin, die geeignet sind, die prognostizierten nachteiligen Auswirkungen des
Vorhabens zu begrenzen. Dies ist für den Fall C obligatorisch, um ein Ausnahmeverfahren gemäß Art. 4 (7) EG-
WRRL zu vermeiden. Für den Fall B werden entsprechende Maßnahmen empfohlen, um mögliche Auswirkungen
zu verringern. Für den Fall A ergeben sich vor dem Hintergrund des Verschlechterungsverbotes keine
entsprechenden Maßnahmen (zur Verbesserung hingegen auch hier zu empfehlen). Eine Massenentwicklung
von Makrophyten und damit die Sekundärsaprobie sowie eine Erhöhung der Temperatur (mit Auswirkungen auf
die Trophie) kann im betrachteten LAWA-Typ 5 durch eine dem Gewässertyp entsprechende Beschattung durch
Anpflanzung lebensraumtypischer Gehölzstreifen limitiert werden.
5.2 Ausbau einer bestehenden Wasserkraftanlage mit
Erhöhung des Stauziels
Im Beispiel ist der Ausbau einer bestehenden Wasserkraftanlage (Laufwasserkraftwerk) an einem bestehenden
Querbauwerk (QBW) geplant, der durch eine Verlängerung und Anpassung der Benutzungserlaubnis erfolgen soll.
Dazu soll eine Erneuerung der Turbine sowie eine Erhöhung des Stauziels um 0,3 m vorgenommen werden, um
die elektrische Nennleistung der Anlage von 50 auf 60 KW zu erhöhen. Bei dem Gewässer handelt es sich um
einen kleinen Fluss des Mittelgebirges (Typ 9) mit einem mittleren Abfluss von 5,0 m³/s (MQ) und einem mittleren
Sohlgefälle von 2,0 ‰. Der betroffene Wasserkörper befindet sich in der Äschenregion. Neben der betrachteten
Anlage sind bereits zwei weitere QBW-Standorte mit Wasserkraftanlagen (WKA) im OWK vorhanden. Beide
Anlagen sind mit Fischpässen und Feinrechen versehen, sodass diese aufwärts und abwärts passierbar sind. Die
betrachtete Anlage weist bisher keine Einrichtungen zum Fischaufstieg und -abstieg auf. Der OWK hat eine Länge
von 9,2 km und ist als natürlicher OWK ausgewiesen (NWB). Der ökologische Zustand ist mäßig (Tabelle 16).

image
80
Tabelle 16: Bewertung der BQK im Ausgangszustand zum Beispiel „Ausbau einer bestehenden
Wasserkraftanlage mit Erhöhung des Stauziels“
Neben dem betrachteten Standort mit 900 m Rückstaulänge weisen auch die anderen QBQ Rückstaubereiche auf
(500 m, 300 m). Insgesamt 1.700 m (etwa 18,5 % des OWK mit 9.200 m Länge) oberhalb der drei vorhandenen
QBW
mit WKA sind damit rückstaugeprägt. Dadurch werden in diesen Bereichen insbesondere
Fließgeschwindigkeit und -dynamik, Sohl- und Uferstrukturen sowie die Verknüpfung zum Grundwasserkörper und
die Wasserstandsdynamik in der Aue beeinträchtigt. Der vorherrschende Teil des OWK ist freifließend (s.
Abbildung 20).
Abbildung 20: Schematische Darstellung des zu prüfenden Wasserkörpers mit Lage von Querbauwerken
und Wasserkraftanlagen sowie den Längen der Rückstaubereiche
Darüber hinaus haben die vorhandenen QBW deutliche Auswirkungen auf den Geschiebetransport, insbesondere
von Schottern und Kiesen, sodass der Sedimenthaushalt zudem insgesamt beeinträchtigt ist. Uferbefestigungen
durch Steinschüttungen in landwirtschaftlich genutzten Abschnitten verstärken diese Belastung. Der betrachtete
Standort mit dem vorhandenen Wehr und der WKA beeinträchtigt die auf- und abwärts gerichtete lineare
Durchgängigkeit für Organismen, insbesondere für Fische.
Der naturferne Ausbau des Gewässers in den landwirtschaftlich genutzten Teilabschnitten beeinträchtigt zudem
die hydromorphologischen Bedingungen, insbesondere die morphologischen Verhältnisse. In anderen
Teilabschnitten liegen naturnahe Abschnitte in Waldbereichen vor, die als Strahlursprünge klassifiziert werden
können.
Die Messstelle zur Bewertung der BQK liegt in einem freifließenden Waldabschnitt im unteren Drittel des
Wasserkörpers, oberhalb des betrachteten Standortes. Stoffliche Belastungen (v. a. mit Nährstoffen) sind nur
gering, sodass die OW gemäß OGewV für alle Parameter eingehalten werden. Dies erklärt die gute Bewertung der
Komponente Makrophyten/Phytobenthos. Eine mäßige Bewertung des ökologischen Zustandes anhand von
Beispiel
Ökologischer Zustand
Mäßig
Fische
Mäßig
Makrozoobenthos
Mäßig
Makrophyten/Phytobenthos
Gut

image
81
Fischen und Makrozoobenthos spiegelt die räumlich wechselnden Verhältnisse von naturnahen und ausgebauten
Abschnitten sowie die beeinträchtigte Durchgängigkeit wieder.
5.2.1 Vorstufe - Ermittlung des Prüfbedarfs
Durch den geplanten Ausbau der Wasserkraftnutzung in Kombination mit der Erhöhung des Stauziels ergibt sich
eine Veränderung der Intensität der Nutzung. Das Vorhaben ist daher als prüfrelevant eingestuft.
5.2.2 Schritt 1: Zuordnung des Vorhabens zu einer Fallgruppe
Das geplante Vorhaben kann direkt der Fallgruppe „Querbauwerk (Ausbau, Neubau, Betrieb) – Wasserkraftanlage“
zugeordnet werden, sodass die relevanten Bausteine als Basis für die Bearbeitung dem zugehörigen Steckbrief
(Anhang 1) entnommen werden können.
5.2.3 Schritt 2: Funktionale Systemanalyse – Ableitung potenzieller
Wirkfaktoren
In Abbildung 21 sind die potenziellen Wirkfaktoren für das betrachtete Vorhaben dargestellt. Diese entsprechen der
Darstellung im Steckbrief zur Prognose-Fallgruppe. QBW und WKA sind zwar bereits im Ausgangszustand
vorhanden, der Wirkfaktor „Schwebstoffgehalt“ wird dennoch in diesem Schritt mitgeführt, da insbesondere die
Erhöhung des Stauziels Arbeiten im Bereich des Bauwerkes erfordern, die baubedingte Einträge von
Schwebstoffen verursachen können.
Aufgrund der bisher nicht gegebenen linearen Durchgängigkeit am betrachteten Standort wird durch den Betreiber
der WKA im Zuge der Antragstellung auch der Bau einer Fischaufstiegsanlage (naturnahes Umgehungsgerinne)
sowie der Einbau eines Feinrechens (10 mm Rechenabstand) beantragt. Dadurch ist von einer Verbesserung der
Aufwärtspassierbarkeit auszugehen. Mit der Anlage eines Feinrechens sowie dem Umgehungsgerinne verbessern
sich zudem der Fischschutz und die Abwärtspassierbarkeit des Standortes.
Abbildung 21: Potenziell relevante Wirkfaktoren für die Fallgruppe „Querbauwerk (Ausbau, Neubau,
Betrieb) – Wasserkraftanlage“ (Auswahl angepasst an das fiktive Beispiel)
Folgende potenzielle Wirkfaktoren werden daher im nächsten Schritt detaillierter betrachtet:
Fließverhalten und Wasserspiegellagen: Die Erhöhung des Stauziels führt zu einer weiteren Reduzierung der
Fließgeschwindigkeit sowie zur Erhöhung der Wasserspiegellagen oberhalb des Querbauwerkes. Der
Staubereich wird vergrößert und die Wassertiefe oberhalb des Wehres nimmt zu.

82
Durchgängigkeit (linear): Der nicht durchgängige Standort wird mit einer Fischaufstiegsanlage versehen
(Aufwärtspassierbarkeit). Die Wasserkraftanlage wird mit einem Feinrechen zum Fischschutz ausgestattet
(Abwärtspassierbarkeit).
Morphologische Verhältnisse Sohle/Ufer: Durch die Anpassung des Querbauwerkes und der WKA können sich
bau-, anlage- und betriebsbedingte Veränderungen der morphologischen Verhältnisse auf der Sohle und am
Ufer im Nahbereich des Standortes ergeben.
Schwebstoffgehalt: Potenzielle baubedingte Einträge von Schwebstoffen.
5.2.4 Schritt 3: Ermittlung und Quantifizierung möglicher
vorhabenbedingter Wirkungen auf die unterstützenden
Qualitätskomponenten (und ggf. Abschichtung)
Bei der Überprüfung der tatsächlichen Relevanz möglicher vorhabenbedingter Wirkungen ergibt sich auf Basis der
potenziellen Wirkfaktoren ein differenzierteres Bild, sodass einige theoretische Wirkungen bereits „abgeschichtet“
werden können.
In Bezug auf die lineare Durchgängigkeit ist von einer deutlichen Verbesserung (aufwärts/abwärts) auszugehen,
sodass dieser Wirkpfad im Folgenden nicht weiter betrachtet wird. Mögliche Veränderungen der Sohle und des
Ufers, die z. B. durch die bauliche Anpassung des Querbauwerkes verursacht werden können, treten nur
kleinräumig auf. Diese können daher auf Ebene des Wasserkörpers keine bewertungsrelevanten Auswirkungen
bewirken. Ein möglicher Eintrag von Schwebstoffen während der Bauzeit kann ebenso allenfalls kleinräumig sowie
nur kurzzeitig und vorübergehend auftreten, sodass auch dieser Wirkpfad nicht weiter berücksichtigt werden muss.
Lediglich die zu erwartenden Wirkungen auf die Fließverhältnisse und die Wasserspiegellagen oberhalb des
Standortes bedürfen einer genaueren Analyse. Durch die Stauerhöhung bzw. die Verlängerung des Rück-
staubereichs werden sich die morphologischen Verhältnisse auf der Sohle und am Ufer insbesondere im Bereich
der Stauwurzel verändern. Der Staubereich wird vergrößert und die Wassertiefe oberhalb des Wehres nimmt zu.
Durch den verstärkten Rückstaueinfluss erhöht sich die Sedimentation von Feinsedimenten und Nährstoffen sowie
tendenziell die Wassertemperatur. Als mögliche Folgewirkungen können eine erhöhte Trophie und verringerte
Sauerstoffgehalte auftreten.
In Tabelle 17 sind die verbleibenden Wirkfaktoren mit potenziell relevanten, abiotischen Wirkungen für das
betrachtete Beispiel dargestellt. Für die Beurteilung möglicher Wirkungen ist für diese eine überschlägige
Quantifizierung erforderlich.
Die Länge des Rückstaubereiches am betrachteten Standort beträgt etwa 900 m bei Mittelwasserbedingungen.
Dieser wird durch das bestehende Stauziel von 1,80 m verursacht. Die Erhöhung des Stauziels um 0,30 m ergibt
ein geplantes Stauziel von 2,10 m für das Vorhaben. Unter Berücksichtigung des mittleren Sohlgefälles von 2,0 ‰
kann daraus die zusätzliche Rückstaulänge überschlägig berechnet werden, die im Ergebnis 150 m beträgt.
Insgesamt ist demnach für den Plan-Zustand eine Rückstaulänge von 1.050 m für den Standort zu erwarten. Im
Vergleich zum Ausgangszustand entspricht dies einer rechnerischen Zunahme von etwa 17 %. Summarisch
betrachtet weist der OWK im Ausgangszustand eine Rückstaulänge von insgesamt 1.700 m auf (drei Standorte,
s. o.). Im Vergleich dazu ergibt die rechnerische Zunahme durch das Vorhaben eine Erhöhung des Rückstauanteils
von etwa 9 %. Betrachtet man den Rückstauanteil am OWK im Ausgangszustand von etwa 18,5 % (1.700 m von
9.200 m), so ergibt die Prognose eine vorhabenbedingte Zunahme von etwa 1,6 Prozentpunkten zu einem Wert
von etwa 20 % (1.850 m von 9.200 m). Diese berechnete Zunahme des Rückstaus kann insgesamt auf Ebene des
Wasserkörpers als gering eingeschätzt werden. Ebenso können auch alle damit einhergehenden Folgewirkungen
als gering eingestuft werden, da diese vor allem in dem Bereich mit der verringerten Fließgeschwindigkeit zu

image
image
image
image
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image
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image
83
erwarten sind. Schlüsselhabitate, die sich räumlich weitaus weiter auf die entsprechenden Lebensgemeinschaften
auswirken könnten (z. B. bedeutende Laichhabitate für Leitarten) sind in diesem Bereich nicht vorhanden.
Tabelle 17: Wirkmatrix mit Zuordnung von Wirkfaktoren zu relevanten (messbaren) unterstützenden
Qualitätskomponenten in der Fallgruppe „Querbauwerk (Ausbau, Neubau, Betrieb) – Wasserkraftanlage“
(Zuordnung angepasst an das fiktive Beispiel).
Insgesamt sind bewertungsrelevante nachteilige Auswirkungen auf die BQK auf Ebene des OWK
unwahrscheinlich. Damit kann eine vorhabenbedingte Verschlechterung im Rahmen der Vorprüfung
ausgeschlossen werden; eine Detailprüfung ist in diesem Beispiel nicht erforderlich.
Da die vorliegenden Messstellen nicht im Bereich des erweiterten Rückstaus liegen, lassen diese auch keine
messbaren Auswirkungen erwarten. Nach einer möglichen Umsetzung des Vorhabens kann die Messstelle auch
zukünftig als repräsentative Messstelle herangezogen werden.
QK
Parameter
(WRRL)
Verb.
GW
Param eter-Gruppe
Abflussverhältnisse/
Abflussdynamik
Fließverhältnisse/
Rückstau
Wasserstand/-dynamik,
Auenanbindung
Grundwasseranbindung
Linear (aquatische
Organismen)
Lateral (aquatische
Organismen)
Vertikal (Hyporheisches
Interstitial)
Sedimenthaushalt
Laufentwicklung
Längsprofil
Tiefen-/Breitenvarianz
Sohlstruktur
Substratbeschaffenheit/
Substratdynamik
Uferstruktur/ Querprofil
Uferbewuchs/
Beschattung
Gewässerrandstreifen/
Umfeldstruktur
(nicht-)synthetische
Schadstoffe
Temperaturverhältnisse
Sauerstoffhaushalt
Salzgehalt
Versauerungszustand
Nährstoffverhältnisse
Schwebstoffe/
abfiltrierbare Stoffe
Habitatindex
2.3
2.4
2.5-2.7 3.4 3.01 3.1, 3.2
5.3
5.02, 5.1
nicht relevant
Abfluss
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
Fließverhalten
-
X
X
X
X
-
X
X
X
X
X
X
X
X
-
-
X
X
-
-
X
X
Wasserspiegel-
lagen
-
X
X
X
-
X
-
-
-
-
-
-
-
X
X
X
-
X
X
-
-
-
-
Durchgängigkeit
(linear)
-
-
-
-
X
X
X
X
-
X
X
X
X
X
-
-
-
-
-
-
-
-
-
Durchgängigkeit
(lateral)
X
X
X
X
-
X
-
X
-
X
X
X
X
X
X
X
-
-
-
-
-
X
X
Morphologische
Verhältnisse
(Sohle, Ufer)
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
X
-
-
X
X
-
-
X
X
Morphologische
Verhältnisse
(Aue)
X
X
X
-
-
X
-
X
X
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
X
Temperatur-
verhältnisse
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
X
-
-
-
-
Sauerstoff-
haushalt
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
1
X
1
-
-
-
-
-
X
-
X
X
X
1
Salzgehalt
-
-
-
-
X
4
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
Versauerungs-
zustand
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
X
-
X
X
-
Nährstoff-
verhältnisse
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
X
-
X
X
-
Schw ebstoff-
gehalt
-
-
-
X
-
-
X
-
-
-
-
X
X
-
-
-
-
-
X
-
-
-
X
Schadstoff-
gehalt
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
X
-
-
-
-
-
-
Potenzielle abiotische Wirkungen
Hydromorphologische Verhältnisse
Wasserbeschaffenheit
Wasserhaushalt
Durchgängigkeit
Morphologische Verhältnisse
FGS
Allgemeine physikalisch-chemische
Parameter (ACP)
Abfluss /
Abflussdynamik
Tiefen-/
Breitenvariation
Struktur /
Substrat
Boden
Struktur Uferzone
Potenzielle Wirkfaktoren
Abfluss und
Fließverhältnisse
Durchgängigkeit
Gewässer-
struktur
Wasserbeschaffenheit

84
5.2.5 Schritt 4: Ermittlung und Quantifizierung möglicher
vorhabenbedingter Auswirkungen auf die biologischen
Qualitätskomponenten
Da bereits in Schritt 3 nachteilige Veränderungen der biologischen Qualitätskomponenten auf Ebene des
Wasserkörpers über die Betrachtung der unterstützenden QK und Berücksichtigung der räumlichen Verhältnisse
ausgeschlossen wurden (Vorprüfung), ist Schritt 4 nicht erforderlich (keine Detailprüfung). Es wird direkt in Schritt 5
die Beurteilung der möglichen Auswirkungen vorgenommen.
5.2.6 Schritt 5: Beurteilung möglicher Auswirkungen hinsichtlich des
Verschlechterungsverbots
Im Zuge der Vorprüfung (Schritt 3) wurde ermittelt, dass der Ausbau der Wasserkraftanlage mit Stauzielerhöhung
im dargestellten Beispiel nicht zu einer Verschlechterung des ökologischen Zustands führen wird. Dies ist vor allem
durch die geringe räumliche Ausdehnung zu erwartender Wirkungen und Auswirkungen im Verhältnis zur Länge
des Wasserkörpers und dem bereits mäßigen ökologischen Zustand des Wasserkörpers bedingt.
Um die nachteiligen Auswirkungen der Rückstauerweiterung zu minimieren, wurde die Umsetzung von Minde-
rungsmaßnahmen durch die zuständige Behörde im Rahmen des Bewirtschaftungsermessens veranlasst. Diese
zielen durch Sohlerhöhung und Totholzeinbau insbesondere auf die Dynamisierung der Fließverhältnisse im
Rückstaubereich ab. Die Durchgängigkeit des Standortes ist bei dem beantragten Vorhaben ohnehin verpflichtend
herzustellen.

85
6 Ergänzende Hinweise und Empfehlungen
6.1 Empfehlungen zur Erstellung eines „Fachbeitrages
Wasserrahmenrichtlinie“
Die Relevanz von Auswirkungen ergibt sich dabei aus den jeweiligen Rechtsvorschriften, die für eine
Zulassungsentscheidung maßgebend sind. In Bezug auf die Gewässerbewirtschaftung stellen die Umweltziele der
EG-WRRL in ihrer Umsetzung durch §§ 27 bis 31, § 44 und § 47 WHG, d. h. unter anderem das
„Verschlechterungsverbot“, die wasserrechtlich verbindlichen Vorgaben für die Zulässigkeit von Vorhaben dar.
41
Es besteht damit rechtlich die Notwendigkeit zur Betrachtung der Umweltziele der EG-WRRL im Rahmen der
Zulassungsentscheidung. Es liegt im pflichtgemäßen Ermessen der Genehmigungsbehörde in Abhängigkeit von
Umfang und Intensität der zu erwartenden Auswirkungen, ob diese in eigenständigen Fachbeiträgen oder
innerhalb bestehender Unterlagen (z. B. in einem Kapitel zum Schutzgut „Wasser“) behandelt werden können,
sofern potenziell vorhabenbedingte Auswirkungen auf ein Gewässer nicht auszuschließen oder zu erwarten sind.
Der „Fachbeitrag Wasserrahmenrichtlinie“ kann nicht durch die Umweltverträglichkeitsuntersuchung im Rahmen
der UVP ersetzt werden, da hinsichtlich der Umweltziele nach WRRL ein anderer Bewertungsmaßstab
zugrundeliegt (vgl. dazu BVERWG, Urteil vom 11.08.2016 (7 A 1/15), Rn. 161- 164).
Zur Erhöhung der Transparenz und Beschleunigung der Verfahren sollte die zuständige Wasserbehörde den
notwendigen Umfang der Antragsunterlagen möglichst frühzeitig mit dem Antragsteller erörtern und festlegen.
Für die Entscheidung über die Notwendigkeit eines „Fachbeitrag WRRL“ können die folgenden Hinweise und
Empfehlungen als Hilfestellung zurate gezogen werden:
Vorhaben können potenziell dem „Verschlechterungsverbot“ entgegenstehen, sofern von ihnen eine veränderte
Art und/oder Intensität der Beanspruchung eines Gewässers ausgeht. Vorhaben, die einer Fallgruppe
zugeordnet werden können, können grundsätzlich geeignet sein, derartige Auswirkungen auszulösen.
Der Wirkpfad-basierte Ansatz dient dem Abbilden komplexer Wirkzusammenhänge. Mit zunehmender
Komplexität von Vorhaben kann die schematisierte und damit transparente und nachvollziehbare Prüfung
potenziell vorhabenbedingter Auswirkungen sowohl die Beurteilung eines Vorhabens, als auch dessen
Rechtssicherheit unterstützen.
Für das Prüfverfahren ist ein zweistufiger Ansatz vorgesehen, der eine effiziente und hinreichend detaillierte
Bewertung eines Vorhabens (Vor- und Detailprüfung) ermöglicht und damit die Grundlage für eine zielführende
praktische Umsetzung der rechtlichen Anforderungen schafft. Sofern potenziell nachteilige Auswirkungen nicht
im Rahmen einer Vorprüfung auszuschließen sind, ist eine vertiefende Detailprüfung durchzuführen, die trotz
des vielfach hohen Komplexitätsgrades standardisiert, nachvollziehbar und reproduzierbar erstellt werden kann.
41
EuGH (2015), Leitsatz, und BVerwG (2016)

86
Die potenzielle Betroffenheit des „Verschlechterungsverbots“ sollte vorhabenspezifisch beurteilt werden. Die
Notwendigkeit zur Erstellung eines „Fachbeitrages WRRL“ kann nicht direkt aus der wasserrechtlichen
Einordnung eines Vorhabens abgeleitet werden. Demnach sind für die Entscheidung insbesondere die Art und
der Umfang der zu erwartenden Auswirkungen relevant. Dabei können die UVP-Pflicht sowie die Durchführung
eines Planfeststellungsverfahrens als Indizien herangezogen werden. Allerdings kann die Notwendigkeit zur
Erstellung eines „Fachbeitrag WRRL“ nicht pauschal damit begründet werden, wenn beispielsweise andere
Umweltfachbeiträge (z. B. FFH-Verträglichkeitsprüfung) vorgesehen sind, da sich die Bewertungsgegenstände
und -maßstäbe unterscheiden.
Dabei sei darauf hingewiesen, dass die hier beschriebenen fachlichen Empfehlungen eine möglichst konsistente,
nachvollziehbare Beurteilung eines Vorhabens im Rahmen eines Fachbeitrages ermöglichen sollen. Sofern kein
eigenständiger Fachbeitrag erstellt werden soll, können einzelne Bausteine dennoch für eine Vorhabenbeurteilung
herangezogen werden.
6.2 Wasserrechtlich nicht genehmigungspflichtige
Maßnahmen
Zur Geltung des Verschlechterungsverbots bei Zulassungen in anderen als wasserrechtlichen Verfahren und für
nicht zulassungsbedürftige Maßnahmen, s. SMUL (2017) Nr. 1.1 - 1.3 und LAWA (2017a) Nr. 2.1.2.2.
Demnach fallen wasserrechtlich nicht genehmigungspflichtige Maßnahmen, für die die rechtliche Verpflichtung zur
Umsetzung in Einklang mit den Umweltzielen der EG-WRRL besteht (z. B. die Gewässerunterhaltung nach § 39
(2) WHG), nur in Ausnahmefällen unter diese Arbeitshilfe (SMUL 2017 Nr. 1.2).
Zur Geltung des Verschlechterungsverbots in anderen öffentlich-rechtlichen Zulassungsverfahrens, s. SMUL
(2017) Nr. 1.3.
6.3 Maßnahmen zur Verhinderung einer
Verschlechterung oder zur Erhöhung der
Prognosesicherheit
Bereits auf Grundlage der allgemeinen Grundsätze der Gewässerbewirtschaftung (§ 6 WHG) sowie des
Bewirtschaftungsermessens (§ 12 Abs. 2 WHG) bzw. im Rahmen der Abwägung bei der Planfeststellung müssen
die Wasserbehörden nach pflichtgemäßem Ermessen bei jeder Zulassung entscheiden, ob und welche Inhalts-
und Nebenbestimmungen (§ 13 WHG) erforderlich und verhältnismäßig sind, um Beeinträchtigungen der
Gewässer so gering wie möglich zu halten. Diese generelle Anforderung gilt auch im Rahmen des
Verschlechterungsverbotes.
Das gilt zum einen auf der Ebene der Prüfung, ob durch das jeweilige Vorhaben eine „Verschlechterung“ zu
erwarten ist. Dabei ist zu prüfen, ob Maßnahmen möglich und verhältnismäßig sind, die den Eintritt einer
„Verschlechterung“ verhindern oder zumindest das Ausmaß der „Verschlechterung“ minimieren
(Minimierungsmaßnahmen i. S. von Maßnahmen zur Verhinderung des Eintretens einer Verschlechterung
[„verbessernde Maßnahmen“], s. SMUL 2017 Nummer 9, S. 29ff.) . Beispiele möglicher Maßnahmen zur
Verhinderung einer Verschlechterung sind in Kapitel 4.4.9 und fallgruppenspezifisch in Anhang 1 aufgeführt.
Zum anderen gilt das Erfordernis der Prüfung von möglichen Minimierungsmaßnahmen auch auf der Ebene der
Prüfung von Ausnahmemöglichkeiten:

87
Nicht immer können Maßnahmen eine Verschlechterung ganz verhindern. In solchen Fällen ist zwingend die
Ausnahmefähigkeit nach § 31 Abs. 2 Satz 1 WHG zu prüfen. Dabei ist eine zwingende Voraussetzung nach § 31
Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 WHG, dass „alle praktisch geeigneten Maßnahmen ergriffen werden, um nachteilige
Auswirkungen auf den Gewässerzustand zu verringern“.
42
Sofern in einer wasserrechtlichen Zulassung eine Ausnahme vom Verschlechterungsverbot nach § 31 Abs. 2 WHG
gewährt wird, ist diese von der zuständigen Wasserbehörde dem Sächsischen Landesamt für Umwelt,
Landwirtschaft und Geologie (LFULG) anzuzeigen, dagemäß § 83 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 WHG Ausnahmen nach § 31
Abs. 2 WHG und deren Gründe in den Bewirtschaftungsplan aufzunehmen sind. Die Berücksichtigung erfolgt im
Rahmen der nächsten Aktualisierung des Bewirtschaftungsplanes (s. SMUL 2017 Kap. 10 d, S. 34).
Darüber hinaus muss in Bezug auf das Zielerreichungsgebot sichergestellt sein, dass im betroffenen WK durch die
nachteiligen Auswirkungen des Vorhabens die Erreichung des guten Zustands/Potenzials zum maßgeblichen
Zeitpunkt nicht ausgeschlossen ist. Soweit eine verbessernde Maßnahme bereits im Rahmen der Prüfung des
Verschlechterungsverbots als Maßnahme zur Verhinderung der Verschlechterung herangezogen wurde, kann die
verbessernde Wirkung dieser Maßnahme in diesem Umfang nicht nochmals als Beitrag zur Zielerreichung
herangezogen werden. Dies gilt nicht, soweit die Verbesserung über die Verhinderung der Verschlechterung
hinausgeht (SMUL 2017, zu Nr. 9.1, S. 30).
Abgesehen davon können „verbessernde Maßnahmen“ zur Erhöhung der Planungs- und Rechtssicherheit
beitragen und somit auch im Interesse des Antragstellers liegen. Das kann z. B. der Fall sein, wenn eine
Prognoseentscheidung relativ wenig belastbar ist, da diese z. B. auf einer geringen Datenbasis fußt oder die
Ermittlung und Quantifizierung der Wirkungen und Auswirkungen mit vielen Unsicherheiten behaftet ist.
42
Verschlechterungen von einem zum anderen Bewirtschaftungsplan sind OWK-genau und für jede biologische
Qualitätskomponente sowie für flussgebietsspezifische Schadstoffe und den chemischen Zustand gegenüber der EU zu
melden. Für jede vorhabenbedingte Verschlechterung ist die Geltendmachung von Ausnahmen notwendig. Sofern die
Verschlechterung nicht nur vorübergehend ist (§ 31 Abs. 1 WHG, Artikel 4 (6) WRRL), kommen nur Ausnahmen nach § 31
Abs. 2 WHG (Artikel 4 (7) WRRL) (Abs. 2 Satz 1 Nr. 1: „neue Veränderungen der physischen Gewässereigenschaften“) in
Frage. Die Gewährung von Ausnahmen nach § 31 Abs. 2 WHG sind u. a. an die Bedingung gebunden, dass alle praktikablen
Vorkehrungen getroffen werden, um die negativen Auswirkungen auf den Zustand des Wasserkörpers zu mindern und auf
Vorhaben von übergeordnetem öffentlichen Interesse begrenzt. Ein Sonderfall des § 31 Abs. 2 WHG ist die Ausnahme
wegen nachhaltiger Entwicklungstätigkeiten des Menschen, die aber nur eine Verschlechterung von sehr gut nach gut
vorsieht (§ 31 Abs. 2 Satz 2 WHG). Zu den Ausnahmen nach § 31 Abs. 2 WHG, Art. 4 Abs. 7 WRRL vgl. Urteil des EUGH
vom 4. Mai 2016 - Wasserkraft Sulm.

88
6.4 Datenverfügbarkeit und -eignung zur Beschreibung
von potenziellen Auswirkungen und Datenbedarf
zum Nachweis von Prognoseentscheidungen
Die Beurteilung von Vorhaben vor dem Hintergrund des „Verschlechterungsverbotes“ kann – in Abhängigkeit der
Komplexität und der als notwendig erachteten Betrachtungstiefe – teilweise umfassende Datengrundlagen
erfordern, um sowohl den Ausgangszustand als auch die potenziellen Wirkungen hinreichend abzubilden.
Die Qualität der zugrundeliegenden Daten bemisst sich dabei unter anderem an der Vollständigkeit (zeitlich, z. B.
Messreihen und Prognosen sowie räumlich, z. B. an relevanten Punkten im Gewässer), der Aktualität
(hinreichende Abbildung des Ausgangszustandes) und Nachvollziehbarkeit von Erstellung und Erfassung
(Erfassungsmethoden, Modellgrundlagen) der Daten.
In vielen Fällen werden die im Rahmen der Berichterstattung der EG-WRRL erfassten Daten insbesondere zur
Darstellung des Ausgangszustandes geeignet sein.
Geodatendownload des Fachbereichs Wasser
https://www.wasser.sachsen.de/geodatendownload-12834.html
Weitere Detaildaten zu Überwachungsprogrammen an Oberflächengewässern können auf Anfrage
über die unteren und oberen Wasserbehörden bezogen werden
Auch für die Prognose von vorhabenbedingten Auswirkungen liefern
vorliegende Monitoringdaten
wesentliche
Grundlagen. Vorhabenbezogene Informationen (z. B. Prognose Wassermengen und Wasserqualität) müssen
durch den Vorhabenträger ermittelt und bereitgestellt werden. Teilweise können darüber hinaus
ergänzende
Datengrundlagen
erforderlich werden, um Prognosen überhaupt zu ermöglichen (z. B. durch Modellierung) bzw.
die Belastbarkeit der Bewertung eines Vorhabens zu verbessern. Letztere nimmt tendenziell mit der Qualität der
Datengrundlagen zu. Solche ergänzenden Datengrundlagen sind – sofern fachlich für eine hinreichende
Prognosesicherheit erforderlich – durch den Vorhabenträger bereitzustellen.
Nach Umsetzung eines Vorhabens, für das relevante nachteilige Auswirkungen auf Ebene von OWK als un-
wahrscheinlich prognostiziert wurden und entsprechend eine Verschlechterung nicht zu erwarten war, kann Bedarf
für ergänzende Untersuchungen gegeben sein. Zwar gilt auch hier grundsätzlich, dass mögliche Auswirkungen
bzw. das Nichteintreten dieser auf die Bewertung der OWK durch das WRRL-Monitoring der Länder dargestellt
werden. Dennoch können im Einzelfall vorhabenbezogene Untersuchungen erforderlich sein, z. B. um
nachzuweisen, dass getroffene Annahmen tatsächlich zutreffend sind oder sich Prognosen der Wasserqualität von
Einleitungen in den realen Werten widerspiegeln, z. B. durch Messungen im Abstrom.

89
6.5 Hinweise zu Bewirtschaftungsermessen und
Versagungsgründen gemäß § 12 WHG
Nachteilige Auswirkungen in einem Fließgewässer, die sich nicht durch eine repräsentative Messstelle abbilden
lassen, sind im Hinblick auf das Verschlechterungsverbot nicht relevant. Es sind aber alle weiteren
Versagungsgründe nach § 12 Abs. 1 WHG zu prüfen sowie das Bewirtschaftungsermessen nach § 12 Abs. 2 WHG
auszuüben. So ist insbesondere bei nachteiligen Auswirkungen durch die zuständige Wasserbehörde zu prüfen, ob
eine „schädliche Gewässerveränderung“ im Sinne von § 3 Nr. 10 WHG zu erwarten ist, die auch durch
Nebenbestimmungen im Sinne von § 13 WHG nicht vermeidbar und nicht ausgleichbar ist. Unter „schädliche
Gewässerveränderung“ fallen insbesondere alle Veränderungen, die nicht den wasserrechtlichen Anforderungen
entsprechen. In diesem Fall ist eine Erlaubnis oder Bewilligung gemäß § 12 Abs. 1 Nr. 1 WHG zwingend zu
versagen.
Neben der Prüfung der zwingenden Versagungsgründen ist stets das Bewirtschaftungsermessen auszuüben. Zum
Bewirtschaftungsermessen siehe SMUL 2017 Nummer 7.2.

90
7 Zusammenfassung
Die bisherigen Urteile und Hinweise zum Verschlechterungsverbot hinterlassen in der behördlichen Praxis
fachliche Fragen für eine transparente und nachvollziehbare Beurteilung eines Vorhabens, insbesondere bezüglich
der Prognose u. a. in Bezug auf die Beschreibung von Wirkzusammenhängen oder die räumliche und zeitliche
Abschätzung von Auswirkungen eines Vorhabens. Dieser Sachverhalt wird regelmäßig in gesonderten Gutachten
– i. d. R. bezeichnet als „Fachbeitrag Wasserrahmenrichtlinie“ (Fachbeitrag WRRL) – erörtert.
Die vorliegende Fachtechnische Arbeitshilfe zur Prognoseentscheidung hinsichtlich des ökologischen Zustands
(Sächsische Arbeitshilfe Version 1.1) liefert daher maßgebliche methodische und fachliche Vor- und
Grundlagenarbeiten. Diese beschreiben einen Ansatz zur Prognose potenziell vorhabenbedingter Auswirkungen
auf Oberflächenwasserkörper im Hinblick auf das „Verschlechterungsverbot“ gemäß EG-WRRL. Das Vorgehen
entspricht dem parallel entwickelten bundesweiten Ansatz im LAWA-Projekt O 1.18 (Fachtechnische Hinweise für
die Erstellung der Prognose im Rahmen des Vollzugs des Verschlechterungsverbots, Stand: 160. LAWA-
Vollversammlung September 2020)
43
und geht darüber hinaus auf landesspezifische Besonderheiten und
Fragestellungen im Freistaat Sachsen ein.
Nach einer thematischen Einführung wird der Wirkpfadbasierte Ansatz zur Prognose von vorhabenbedingten
Auswirkungen dargestellt. Es folgt der Aufbau der Arbeitshilfe mit wesentlichen Inhalten wie Prognose-Fallgruppen
und
potenziellen
Wirkfaktoren
sowie
einer
mehrstufigen
Vorgehensweise
zur
Herleitung
einer
Prognoseentscheidung zum Verschlechterungsverbot.
In einer Vorstufe wird zunächst der Prüfbedarf für ein Vorhaben ermittelt. Nur wenn sich Prüfbedarf ergibt, wird ein
Vorhaben im Rahmen einer Vorprüfung (Stufe 1) weiter behandelt. Im Ergebnis der Vorprüfung (Prognose) kann
sich bereits abzeichnen, dass ein Vorhaben nicht gegen das Verschlechterungsverbot verstößt. In diesem Fall ist
keine weitere Prüfung erforderlich. Ggf. können auch verbessernde Maßnahmen nötig sein, um zu diesem
Zeitpunkt eine Verschlechterung bereits sicher auszuschließen. Sofern eine vorhabenbedingte Verschlechterung
möglich ist, ist eine Detailprüfung (Stufe 2) durchzuführen. Mit dieser kann – über eine vertiefte Prüfung – ggf.
dennoch eine Verschlechterung ausgeschlossen werden.
Im Weiteren werden Rahmenbedingungen und Hintergrundinformationen zur eigentlichen Prognoseentscheidung
gegeben. Dabei werden sowohl die unterstützenden Qualitätskomponenten gemäß EG-WRRL (hydro-
morphologische, physikalisch-chemische und chemische Parameter) als auch die biologischen Qualitäts-
komponenten detailliert betrachtet. Letztere bilden die zentrale Basis für die Prognose zum Verschlechte-
rungsverbot.
Die Vorgehensweise wird anhand von zwei fiktiven Praxisbeispielen Schritt für Schritt veranschaulicht sowie mit
ergänzenden Hinweisen und Empfehlungen dargestellt. Abschließend zeigt ein Ausblick Handlungsbedarf u. a. zur
Ableitung von Schwellenwerten für eine vergleichbare und effiziente Anwendung in der Praxis auf.
43
LAWA - Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft Wasser (2020): Fachtechnische Hinweise für die Erstellung der Prognose im
Rahmen des Vollzugs des Verschlechterungsverbots. Beschlossen auf der 160. LAWA-Vollversammlung am 17./18.
September 2020 in Würzburg.

91
8 Ausblick
Die Beurteilung einer Verschlechterung auf Basis der in dieser Arbeitshilfe dargelegten Quellen und darin
enthaltenen Beurteilungswerte erfordert vom Bearbeiter ein hohes Maß an Systemkenntnis und einen sicheren
Umgang mit existierenden Beurteilungswerten. Unbenommen von der Expertise erfolgt die Beurteilung damit aber
meist indirekt, d. h. auf Basis allgemeiner Zusammenhänge zwischen abiotischen Wirkfaktoren und deren
Auswirkungen auf die BQK.
Vor dem Hintergrund der umfassenden Datengrundlagen, die im Rahmen des EG-WRRL-Monitorings
deutschlandweit und mit standardisierten Methoden in den letzten etwa 15 Jahren erhoben wurden, wird aus-
drücklich empfohlen, diese Daten heranzuziehen, um potenzielle Verschlechterungen systematisch empirisch zu
untersuchen und die Wirkzusammenhänge damit quantitativ zu untermauern.
Die empirische Analyse dieser Daten kann wichtige Antworten zu folgen Fragen liefern:
Welche Schwellenwerte abiotischer (unterstützender) QK kennzeichnen Übergänge zu mäßigen,
unbefriedigenden und schlechten Zuständen?
Welche Rahmenbedingungen (z. B. Rückstau, Gewässerumfeld) interagieren mit den Wirkungen von Trophie
und Saprobie?
Welche räumliche Ausdehnung einer Belastung (z. B. in OWK-Fließlänge oder -fläche ausgedrückt) wird i. d. R.
von den BQK „toleriert“, ggf. auch in Abhängigkeit von der Vorbelastung?
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von Klassensprüngen für Bewertungen in der Nähe des Klassenmittels bzw.
an den Grenzen zu benachbarten Klassen?
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Klassensprungs für eine Reihe von Beispielszenarien und
Fallgruppen?
Als ein grundlegender Schritt wird derzeit im Rahmen des laufenden Projektes "Prognoseentscheidung im
Fachbeitrag WRRL" eine Zusammenstellung und Strukturierung von bereits vorliegenden, für Sachsen relevanten
sonstigen Beurteilungswerten für die unterstützenden Qualitätskomponenten vorgenommen. Die Werte werden vor
dem Hintergrund des Verschlechterungsverbotes klassifiziert, sodass auf dieser Basis eine erste „Sächsische
Interpretationsliste“ erstellt werden kann.

92
Glossar
Abiotische Wirkung
: Prognostizierte bzw. zu erwartende Veränderung der
Standortbedingungen
durch einen
oder mehrere
Wirkfaktoren
eines
Vorhabens
in einem oder mehreren
funktionalen Gewässerabschnitten
.
Ausgangszustand
(unterstützende QK) :
Zustand
der
auf
Grundlage
der
unterstützenden
Qualitätskomponenten
ggf. weitergehend zu konkretisierenden
Standortbedingungen
vor Umsetzung des
Vorhabens
in einem oder mehreren
funktionalen Gewässerabschnitten
als Grundlage der Beschreibung von
abiotischen Wirkungen
.
Ausgangszustand
(biologische QK): Zustand der einzelnen
biologischen Qualitätskomponenten
gemäß
aktuellem Bewirtschaftungsplan oder ggf. aktuellerer Erkenntnisse als Grundlage der Ermittlung und Beurteilung zu
erwartender
biotischen Auswirkungen
im Hinblick auf eine
Verschlechterung
.
Biologisches Bewertungsverfahren:
Etabliertes und nach Anlage 5 OGEWV für die Erfassung und Bewertung
des
ökologischen Zustands
bzw.
ökologischen Potenzials
einer
biologischen Qualitätskomponente
vorgeschriebenes Verfahren, das sich i. d. R. aus mehreren
Modulen
und
Metrics
aufbaut.
Biologische Qualitätskomponente:
Zönose der Gewässerflora (Makrophyten, Phytoplankton und Phytobenthos)
oder Gewässerfauna (benthische wirbellose Fauna und Fischfauna) nach Anlage 3 Nr. 1 OGEWV, die maßgeblich
zur Einstufung des
ökologischen Zustands
bzw.
ökologischen Potenzials
ist (§ 5 (4) OGEWV).
Biotische Auswirkung:
Prognostizierte bzw. zu erwartende Beeinflussung einer oder mehrerer
biologischer
Qualitätskomponenten
durch eine oder mehrere
abiotische Wirkungen
eines
Vorhabens
, ausgedrückt durch
die prognostizierte Veränderung einzelner oder mehrerer
Metrics
bzw.
Module
der jeweiligen
biologischen
Bewertungsverfahren
; kann als
nachteilige Veränderung
Grundlage einer prognostizierten
Verschlechterung
sein.
Eintrittswahrscheinlichkeit:
Berücksichtigung von daten-, methoden- oder natürlich bedingten Unsicherheiten in
der Prognose bei Annahme einer nicht auszuschließenden
Verschlechterung
als Grundlage für die
Prognose
-
Entscheidung
.
Funktionaler Gewässerabschnitt:
Teil eines oder mehrerer
Oberflächenwasserkörper
mit relativ homogenen
Standortbedingungen
im
Ausgangszustand
, in dem
abiotische Wirkungen
in vergleichbarem Ausmaß
auftreten können.
Funktionale Systemanalyse
: Schematisierte Abbildung eines
Vorfluters
oder (Teil-) Einzugsgebiets mit
mehreren Vorflutern im potenziellen
Wirkbereich
eines
Vorhabens
zur Abgrenzung von
funktionalen
Gewässerabschnitten
.
Metric
: Konkret zu erfassende, messbare und quantifizierbare Größe innerhalb eines
biologischen
Bewertungsverfahrens
, die in Abhängigkeit der jeweiligen Verfahren in die Berechnung von
Modulen
einfließen
kann.
Modul
: Übergeordneter Baustein eines
biologischen Bewertungsverfahrens
, der i. d. R. aus der Verrechnung
mehrerer
Metrics
resultiert und i. d. R. mit anderen Modulen die Bewertung der jeweiligen
biologischen
Qualitätskomponenten
ergibt.
Nachteilige Veränderung
: Durch eine oder mehrere vorhabenbedingte
abiotische Wirkungen
zu erwartende
(weitere) Entfernung der
Standortbedingungen
in einem
funktionalen Gewässerabschnitt
von den
gewässertypspezifischen Leitbildern/Referenzbedingungen gegenüber dem
Ausgangszustand
, in deren Folge

93
biotische Auswirkungen auftreten können, die jedoch erst im Rahmen der
Prognose-Entscheidung
dahingehend beurteilt wird, ob von ihr eine
Verschlechterung
ausgeht.
Oberflächenwasserkörper
: Einheitlicher und bedeutender Abschnitt eines oberirdischen Gewässers (nach § 3 Nr.
6 WHG) als Bezugsraum für die
Prognose-Entscheidung
über eine vorhabenbedingte
Verschlechterung
des
ökologischen Zustands
oder des
ökologischen Potenzials
.
Ökologischer Zustand
: Gesamtbewertung eines
Oberflächenwasserkörpers
, sofern dieser nicht nach § 28
WHG als künstlich oder erheblich eingestuft ist, auf Grundlage der
biologischen Qualitätskomponenten
, wobei
i. d. R. die am schlechtesten bewertete Komponente maßgeblich ist (one-out-all-out-Prinzip).
Ökologisches Potenzial
: Gesamtbewertung eines
Oberflächenwasserkörpers
, sofern dieser nach § 28 WHG
als künstlich oder erheblich eingestuft ist, auf Grundlage der
biologischen Qualitätskomponenten
, wobei i. d. R.
die am schlechtesten bewertete Komponente maßgeblich ist (one-out-all-out-Prinzip).
Ort der Beurteilung
: Repräsentative Messstelle eines
Oberflächenwasserkörpers
als Bezugspunkt der
Prognose-Entscheidung
über eine
Verschlechterung
für die Übertragung von
biotischen Auswirkungen
in
einem
funktionalen Gewässerabschnitt
auf die Ebene des
Oberflächenwasserkörpers
.
Ort der Umsetzung
: Punktueller (z. B. Einleitstelle), linienhafter (z. B. Uferverbau) oder flächenhafter (z. B.
Sohlräumung) Raumbezug, an/in dem die Umsetzung eines
Vorhabens
geplant ist und
Wirkfaktoren
unmittelbar auftreten; die
abiotische Wirkungen
können ggf. auch in weiteren
f
unktionalen
Gewässerabschnitten
im potenziellen
Wirkbereich
auftreten.
Parametrisierung
: Übersetzung der
unterstützenden Qualitätskomponenten
in i. d. R. aus etablierten
Bewertungsverfahren entliehenen Kenngrößen, mit denen
abiotische Wirkungen
weitgehend einheitlich,
transparent und nachvollziehbar beschrieben und quantifiziert werden können.
Prognose-Entscheidung
: Abschließende Beurteilung eines Vorhabens gegenüber dem „Verschlechterungsverbot“
vor
dem
Hintergrund
der
aktuellen
Rechtsprechung
unter
Berücksichtigung
einer
hinreichenden
Eintrittswahrscheinlichkeit
einer
Verschlechterung
am maßgeblichen
Ort der Beurteilung
.
Prognose-Fallgruppe
: Typen von
Vorhaben
mit funktional vergleichbaren
abiotischen Wirkungen
und
möglichen
biotischen Auswirkungen
, für die
Wirkpfade
nach einem einheitlichen Schema standardisiert und
vordefiniert sind.
Standortbedingungen
: Im Hinblick auf die zu erwartenden
Wirkfaktoren
und
abiotischen Wirkungen
hinreichend
konkretisierte
Darstellung
der
unterstützenden
Qualitätskomponenten
im
Sinne
der
hydromorphologischen, physikalisch-chemischen und chemischen Verhältnisse in einem
funktionalen
Gewässerabschnitt
im potenziellen
Wirkbereich
.
Temporäre (Aus-) Wirkung
: Nicht dauerhafte
abiotische Wirkung
oder
biotische Auswirkung
eines
Vorhabens
, die im Rahmen der
Prognose-Entscheidung
als „kurzzeitig“ oder „vorübergehend“ einzustufen
und entsprechend im Hinblick auf die maßgeblichen rechtlichen Folgen (u. a. nach § 31 (1) WHG, s. LAWA 2017a,
Nr. 2.1.5) zu behandeln ist.
Unterstützende Qualitätskomponente
: Hydromorphologische,
allgemeine
physikalisch-chemische
und
chemische Qualitätskomponenten nach Anlage 3 Nr. 2 und 3 OGEWV, die i. d. R. unterstützend zur Einstufung des
ökologischen Zustands
bzw.
ökologischen Potenzials
herangezogen werden können (§ 5 (4) OGEWV) und
Grundlage für die
Parametrisierung
von
abiotischen Wirkungen
sind.

94
Verschlechterung
: Prognostizierte, vorhabenbedingte Abwertung einer
biologischen Qualitätskomponente
um
mindestens eine Klasse im jeweiligen relevanten
biologischen Bewertungsverfahren
bzw. jede weitere relevante
nachteilige Veränderung
einer bereits schlecht bewerteten biologischen Qualitätskomponente.
Vorfluter
: Natürlicher oder künstlicher Wasserlauf, der Wasser aufnimmt und weiterleitet (nach DIN 4049) und als
Ort der Umsetzung
oder durch seine Lage im oder Wirkung auf den potenziellen
Wirkbereich
eines
Vorhabens
Teil der
funktionalen Systemanalyse
ist.
Vorhaben
: Gegenstand eines Genehmigungsverfahrens, in dessen Rahmen über wasserrechtliche Belange zu
entscheiden ist und daher die Anforderungen der EG-Wasserrahmenrichtlinie u. a. im Hinblick auf das Verbot der
Verschlechterung
des
ökologischen Zustands
zulassungsrelevant werden.
Wirkbereich
: Potenzielle Reichweite von
abiotischen Wirkungen
eines
Vorhabens
ausgehend vom
Ort der
Umsetzung
als Grundlage der
funktionalen Systemanalyse
und Ermittlung potenziell betroffener
funktionaler
Gewässerabschnitte
.
Wirkfaktor
: Zu erwartende Veränderung der
Standortbedingungen
, die grundsätzlich direkt und unmittelbar
durch ein
Vorhaben
hervorgerufen werden und
abiotische Wirkungen
auslösen können (Insgesamt werden
bis zu 14 Wirkfaktoren unterschieden).
Wirkpfad
: Ableitung und Darstellung von Zusammenhängen zwischen potenziellen
abiotischen Wirkungen
und
biotischen Auswirkungen
in Form von Ursache-Wirkung-Beziehungen auf Grundlage von Kenntnissen über ggf.
räumlich und (jahres-) zeitlich variierende spezifische Lebensraumansprüche einzelner Arten, Artengruppen oder
Zönosen der
biologischen Qualitätskomponenten
.
Wirkpfadanalyse
: Transparenter, nachvollziehbarer und bewährter bewertungsmethodischer Ansatz zur
handhabbaren Beurteilung eines
Vorhabens
gegenüber dem Verschlechterungsverbot auf Grundlage von
Wirkpfaden
.

95
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