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Planung und Gestaltung
von Querungshilfen für Fledermäuse
Eine Arbeitshilfe für Straßenbauvorhaben im Freistaat Sachsen

1
Zielstellung der Arbeitshilfe
4
2
Rechtsgrundlagen und Begriffsbestimmungen
7
2.1
Schutz des kohärenten Netzes Natura 2000
7
2.2
Vorschriften des Artenschutzes
9
2.3
Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung
12
3
Vorkommen und Ökologie der Fledermausarten in Sachsen
13
3.1 Einleitung
13
3.2 Jahresrhythmus
14
3.3 Quartiere
15
3.4
Nahrung und Jagdgebiete
16
3.5
Verbindende Flugwege
17
3.6 Raumnutzung
18
3.7
Orientierung und Flugverhalten
19
3.8
Lebensraumansprüche, Verhalten und Verbreitung der in Sachsen
20
heimischen Fledermausarten
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen von Fledermäusen
28
durch den Straßenverkehr
4.1
Tierverluste durch Kollisionen mit dem Straßenverkehr
28
4.2
Beeinträchtigung von Funktionsbeziehungen durch Trennwirkungen
30
4.3
Verlust und Beeinträchtigung von Nahrungshabitaten
32
4.4
Verlust/Beeinträchtigung von Quartieren
(Wochenstuben, Winterquartiere, Tagesverstecke)
33
4.5
Bewertung der Erheblichkeit von Beeinträchtigungen
34
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen
42
Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
5.1
Anforderungen an die Bestandserfassung
42
5.2 Erfassungsmethoden
46
5.3
Anforderungen an die Darstellung und Aufbereitung der Ergebnisse
54
6
Entwicklung von Vermeidungs- und Minderungsmaßnahmen in
55
Abhängigkeit von allgemeinen örtlichen Gegebenheiten
6.1
Allgemeine Grundsätze
55
6.2
Querung geschlossener Waldgebiete mit Funktion als Nahrungshabitat
56
6.3
Querung von Flugkorridoren außerhalb des Waldes (strukturgebundene Arten)
58
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
60
7.1
Planung und Gestaltung von Querungsbauwerken
61
7.1.1 Tunnel
61
7.1.2
Überspannende Brücke / Aufständerung der Trasse
61
7.1.3
Abdecken oder Einhausen sensibler Abschnitte
61
7.1.4 Grünbrücken
62
7.1.5 Durchlässe
65
ZiEL
REchTSGRuNDLAGE
VORKOmmEN / ÖKOLOGiE
GEFähRDuNG / BEEiNTRächTiGuNGEN
ERFASSuNG
mASSNAhmEN
PLANuNGSVORSchLäGE
Inhaltsverzeichnis

7.1.6
Wirtschaftswegüberführung mit beidseitigen hecken („heckenbrücke“)
68
7.1.7 hop-Over
72
7.1.8
Technische Lösungen
73
7.2
Gestaltung von Leitstrukturen
74
7.3
Leit- und Sperreinrichtungen
78
7.4
Vermeidung von Beeinträchtigungen durch Lichtwirkungen
82
7.5
Einschätzung der Wirksamkeit von Querungshilfen
83
7.6
Erste Erfahrung bei der Gestaltung von heckenbrücken und Leitpflanzungen
86
7.6.1
Begrünte heckenbrücken
86
7.6.1.1 Vegetationssubstrat
87
7.6.1.2 Pflanzenauswahl und umsetzung
88
7.6.2
Anpflanzung von Leitstrukturen mit Anbindung an die Querungshilfen
89
7.6.2.1 Pflanzenauswahl und umsetzung
89
7.6.3
Ausführungszeitpunkt von Leitpflanzungen
90
7.6.4
unterhaltung und Pflege
91
7.6.5
Erhaltung der technischen Querungshilfen
91
8
Vorschläge zur Verbesserung der Lebensraumfunktion für Fledermäuse
92
8.1
Grundsätze für maßnahmen zur Verbesserung der Lebensraumfunktion
92
8.2
Naturwaldzellen und Extensivierungen in Wäldern
93
8.3
halboffene Weidelandschaften
94
8.4 Streuobstwiesen
94
8.5 Gewässer
95
8.6
hecken, Alleen, Solitärbäume
95
8.7
Quartiere im Siedlungsraum
96
8.8
Bedeutung von Fledermauskästen
96
8.9
Fledermausquartiere in Brückenbauwerken
96
9
Monitoring / Erfolgskontrolle
99
9.1
Was bedeutet monitoring?
99
9.2
Anforderungen an ein mehrstufiges monitoring
100
9.3 monitoring-methoden
102
9.4 Zeiträume
102
10
Fazit und Zusammenfassung
104
11 Quellenverzeichnis
106
11.1 Literatur
106
11.2 Gesetze
113
11.3
Normen und Richtlinien
113
11.4 Abbildungsnachweise
114
11.5 Fotonachweise
114
11.6 Kontaktdaten
114
VERBESSERuNG DER LEBENSRAumFuNKTiON
mONiTORiNG / KONTROLLE
FAZiT
QuELLENVERZEichNiS

4 |
1
Zielstellung der Arbeitshilfe
Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, wel-
che die Fähigkeit zum aktiven Flug entwickelt
haben. insofern scheint es zunächst verwun-
derlich, dass diese Tiere Querungshilfen benö-
tigen sollen, um Straßen überwinden zu kön-
nen. untersuchungen aus den letzten 20 Jahren
belegen jedoch, dass fast alle einheimischen
Fledermausarten auf ihren Flugwegen oder bei
der Jagd mit Fahrzeugen kollidieren können.
Andere Arten meiden die Überquerung von be-
stehenden Autobahnen und nehmen auf ihren
nächtlichen Flugwegen in die Jagdgebiete gro-
ße umwege in Kauf, um die Straße an einer
unterführung sicher zu queren. Es kann heute
als gesichert angesehen werden, dass Fleder-
mäuse in bestimmten Situationen durch den
Aus- und Neubau von Straßen beeinträchtigt
und in ihrem Bestand gefährdet werden kön-
nen.
Fledermäuse sind hochmobile Tiere, die räum-
lich voneinander getrennte Teillebensräume
nutzen. So ziehen die mausohren ihre Jungen
z.B. in einer alten Kirche auf und fliegen wäh-
rend der Sommermonate allnächtlich in die
angrenzenden Wälder zur Nahrungssuche. im
herbst besuchen die Weibchen die männchen
in ihren Paarungsquartieren in benachbarten
Ortschaften. mit ihren Jungen fliegen sie zu
Winterquartieren in entfernten höhlen und
Stollen. Nur dieses Netz verschiedener Lebens-
räume mit einer Vielzahl von funktionalen Zu-
sammenhängen in Kombination mit einem
hervorragenden Orientierungssinn und dem
außerordentlichen Raumgedächtnis garantiert
den Fledermäusen ein Überleben in unserer
heutigen Kulturlandschaft.
Aufgrund starker Bestandsrückgänge in mittel-
europa seit den 50er Jahren des letzten Jahr-
hunderts zählen alle Fledermausarten heute zu
den national und auch europarechtlich streng
geschützten Tierarten, die im Rahmen der Pla-
nung und Ausführung von Straßenbauprojek-
ten zu berücksichtigen sind.
Es liegt daher auf der hand, dass gerade linien-
hafte Eingriffsprojekte wie der Straßenneubau
eine Zerschneidung zusammenhängender Le-
bensraumkomplexe von Fledermäusen und Be-
einträchtigungen funktionaler Beziehungen
zwischen den Teillebensräumen verursachen
können. Dabei sind von den 20 in Sachsen hei-
mischen Fledermausarten insbesondere dieje-
nigen Arten betroffen, die sich auf ihren nächt-
lichen Flugwegen eng an Strukturen orientieren
und Straßen nur in niedriger Flughöhe über-
queren. Zu diesen Arten gehört zum Beispiel
die Kleine hufeisennase, die in Sachsen eines
ihrer letzten Rückzugsgebiete in mitteleuropa
besitzt, und sachsen- wie bundesweit als vom
Aussterben bedroht eingestuft wird.
Als ein zentraler Lebensraumverbund dieser Art
durch den Neubau der Bundesautobahn BAB
A17 zwischen Dresden und Prag und der
Staatsstraße S 170 n beeinträchtigt zu werden
drohte, wurde ein umfassendes Konzept von
Vermeidungsmaßnahmen erarbeitet, um den
Lebensraumverbund auch über die Verkehrswe-
ge hinweg aufrecht zu erhalten. Aufgrund des
außerordentlich hohen Schutzbedarfes der be-
troffenen Kolonie der Kleinen hufeisennase
(BiEDERmANN et al. 2004) wurden hier spezi-
elle Querungshilfen für die Art entwickelt und
gebaut. Die Wirksamkeit der Vermeidungsmaß-
nahmen wird im Rahmen eines monitorings
seit 2006 überprüft. Damit bietet sich in
Deutschland erstmals die möglichkeit, über Er-
fahrungen mit der Anlage von Querungshilfen
zu berichten. Viele weitere Projekte in Deutsch-
land und dem mitteleuropäischen Ausland, wo
1 Zielstellung der Arbeitshilfe

image
| 5
Querungshilfen speziell für Fledermäuse er-
richtet werden, befinden sich aktuell noch im
Planungsstadium oder in der Bauphase. Erst
bei wenigen Vorhaben wurden geplante Que-
rungshilfen bereits umgesetzt. Für noch we-
niger Vorhaben liegen Ergebnisse von Wirk-
samkeitskontrollen vor. in vielen Fällen sind
die monitoring-untersuchungen zwar begon-
nen worden, es liegen aber noch keine Zwi-
schen- oder Endergebnisse vor. Für diese
Arbeitshilfe wurden die verfügbaren informa-
tionen zur Gestaltung und Wirksamkeit von
Querungshilfen aus Deutschland und auch
aus benachbarten Ländern zusammengetra-
gen. Dennoch ist bei vielen im Rahmen dieser
Arbeitshilfe dargestellten Beispielen zu be-
rücksichtigen, dass diese speziell für die Klei-
ne hufeisennase und unter Berücksichtigung
der besonderen Schutzsituation an der BAB
A 17 und der S 170 n geplant und realisiert
wurden. Ob eine Übertragbarkeit der darge-
stellten maßnahmen auf andere Fledermaus-
arten und andere Planungssituationen mög-
lich ist, muss in jedem Einzelfall geprüft
werden. Für die Querungsbauwerke an der
BAB A 17 ist mittlerweise erwiesen, dass ne-
ben der Kleinen hufeisennase auch andere
Arten die Bauwerke nutzen (vgl. 7.5). Eine
systematische Auswertung der Ergebnisse des
monitorings an der BAB A 17 für andere Arten
als für die Kleine hufeisennase steht derzeit
noch aus bzw. ist aktuell geplant.
insgesamt ist der Kenntnisstand zur Zer-
schneidung von Lebensräumen und den damit
verbundenen Auswirkungen auf lokale Fleder-
mauspopulationen in mitteleuropa noch sehr
begrenzt. Dennoch stellt sich bei Straßenpla-
nungen in Sachsen und auch im übrigen
Deutschland die Frage, ob und ggf. wie Le-
bensraumzerschneidungen durch technische
maßnahmen in der Praxis überwunden wer-
den können. Bei vielen Vorhabensträgern, den
beteiligten Fachplanern und Fachgutachtern
sowie den Naturschutzbehörden bestehen
jedoch unsicherheiten darüber, in welcher
Form die Anforderungen, die sich aus den
strengen gesetzlichen Vorgaben an den
Schutz der Fledermausarten ergeben, bei der
Planung zu berücksichtigen sind. Wie können
Konflikte ermittelt werden? Wie kann das Vor-
haben optimiert werden, damit erhebliche
Beeinträchtigungen der lokalen Populationen
vermieden werden können? Wie können tech-
nische maßnahmen konkret aussehen? Dies
sind nur einige Fragen, die im Rahmen der
Planung zu beantworten sind.
Systematische untersuchungen, insbesondere
Kontrollen der Wirksamkeit von Querungshil-
fen oder auch langfristige Beobachtungen der
Auswirkungen von Straßenneubauten auf die
lokalen Fledermauspopulationen liegen bisher
– von wenigen Ausnahmen abgesehen – noch
nicht vor (z.B. NAchTAKTiV
&
SWiLD 2008).
Erst die jetzt oder in naher Zukunft bei eini-
gen Projekten umgesetzten maßnahmen
bieten die möglichkeit, systematische und
vertiefende untersuchungen mit dieser Ziel-
richtung durchzuführen.
Dennoch können auf Basis zahlreicher Verhal-
tensbeobachtungen von Fledermäusen an
Straßen sowie der teilweise recht gut er-
forschten Lebensraumnutzung vieler Fleder-
mausarten Prognosen über die Gefährdung
der Tiere an Straßen, aber auch hinsichtlich
möglicher Schutzmaßnahmen getroffen wer-
den (vgl. z.B. AG QuERuNGShiLFEN 2003,
2008). Gerade im Zusammenhang mit Stra-
ßenplanungen wurden in den vergangenen
Jahren Fledermäuse intensiv erfasst, wodurch
sich der Kenntnisstand zur Ökologie und
Raumnutzung einzelner Arten deutlich erwei-
tert hat.
Foto 1
Für die Erhaltung der verbliebenen Vorkommen der
bundesweit vom Aussterben bedrohten Kleinen
hufeisennase trägt der Freistaat Sachsen ganz besondere
Verantwortung. Über ein Drittel des deutschlandweiten
Bestandes lebt im Raum meißen-Dresden-Osterzgebirge.

image
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6 |
1
Zielstellung der Arbeitshilfe
in dieser Arbeitshilfe sollen die bislang vorhan-
denen Kenntnisse zum Themenfeld Querungs-
hilfen zusammengetragen und bewertet wer-
den, um möglichst konkrete und praktisch
umzusetzende Empfehlungen und hinweise für
den umgang mit diesen Fragestellungen bei
Straßenplanungen in Sachsen zu geben. mit der
Vorlage dieser Arbeitshilfe soll auch ein ein-
heitliches Vorgehen bei der Planung und Ge-
staltung von Fledermausquerungshilfen im
Rahmen von Straßenbauvorhaben ermöglicht
werden.
in der folgenden Arbeitshilfe werden daher
die rechtlichen Rahmenbedingungen für die
Errichtung von Querungshilfen erläutert,
die Lebensraumansprüche, das artspezi-
fische Verhalten und die Verbreitung
der Fledermausarten in Sachsen dargestellt,
die spezifischen Gefährdungsfaktoren von
Fledermäusen an Straßen aufgezeigt,
methoden zur Erfassung von Fledermäusen
und Ermittlung von Funktionsbeziehungen
erläutert sowie
konkrete hinweise zur Planung und
Gestaltung von Querungshilfen gegeben.
Für viele der zu lösenden Probleme existieren
keine empirischen Erfahrungen, sodass zurzeit
nur Empfehlungen, z.B. zur Dimensionierung
oder Gestaltung von Querungshilfen, auf der
Basis von theoretischen Überlegungen bzw.
Ableitungen ausgesprochen werden können.
Von daher kommt es entscheidend darauf an,
aus den in den nächsten Jahren durchgeführ-
ten Projekten und den damit verbundenen Er-
fahrungen zu lernen. Deshalb sollte bei allen
Projekten auch eine ausführliche und systema-
tische Wirkungskontrolle, ergänzt durch ein
monitoring der betroffenen lokalen Populatio-
nen, durchgeführt werden. Aufgrund der Be-
deutung wird diesem Thema in der Arbeitshilfe
ein eigenes Kapitel gewidmet (Kap. 9).
Nach der Veröffentlichung des ersten Entwurfs
der Arbeitshilfe 2008 sind mittlerweile vier Jah-
re vergangen. in diesem Zeitraum wurde das
monitoring der Kleinen hufeisennase an der
BAB A 17 fortgeführt und auf die neu gebaute
Staatsstraße S 170 Ortsumgehung Friedrichs-
walde-Ottendorf ausgedehnt. Dort wurden
Querungshilfen errichtet, die - basierend auf
den Erfahrungen mit Querungshilfen an der
BAB A 17 - weiter optimiert wurden. insgesamt
liegen somit aus diesem Projekt zahlreiche
neue Erkenntnisse vor. Zwischenzeitlich wurden
auch bei anderen Projekten neue Erkenntnisse
gewonnen, die ebenso in die Überarbeitung
dieser Arbeitshilfe einfließen.
Der erste Entwurf der Arbeitshilfe ist zudem in
der Praxis der sächsischen Straßenbauverwal-
tungen angewendet worden, woraus sich eben-
falls zahlreiche Anregungen und hinweise bzgl.
einer Präzisierung ergeben haben. Diese Praxi-
serfahrungen werden jetzt in der überarbeite-
ten Fassung der Arbeitshilfe berücksichtigt.
Eine erneute fachliche Rückkoppelung mit der
sächsischen Straßenbauverwaltung und betei-
ligten Planungsbüros und Gutachtern sowie
eine Auswertung der landesweit bei verschie-
denen Projekten in Sachsen durchgeführten
Wirkungskontrollen sollte wiederum die Grund-
lage für die Fortschreibung dieser Arbeitshilfe
in spätestens fünf Jahren bilden.
Foto 2:
Kleine hufeisennase im Winterschlaf. Sie hüllen sich ganz in
ihre Flughäute ein und hängen einzeln und frei an der Decke.

| 7
Aufgrund der europäischen Normen der FFh-
Richtlinie (Artikel 6, 12, 13 und 16 der Richtli-
nie 92/43/EWG (Fauna-Flora-habitat-Richtli-
nie)) und den damit verbundenen nationalen
Schutzbestimmungen (§§ 34 bzw. 44 und 45
Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG)) rücken
bei Straßenneu- und -ausbauvorhaben Prob-
lemstellungen in den Vordergrund, die sowohl
die minimierung von Zerschneidungseffekten,
die Optimierung verkehrstechnisch notwendi-
ger Bauwerke als auch die Schaffung spezifi-
scher Querungshilfen für Fledermäuse zum
inhalt haben.
Alle in Sachsen heimischen Fledermausarten
werden im Anhang iV der FFh-Richtlinie ge-
führt und zählen damit gemäß § 7 Abs. 2 Nr.
14 BNatSchG zu den streng geschützten Fle-
dermausarten. Fünf dieser Arten, die Bechstein-
fledermaus, die Kleine hufeisennase, die mops-
fledermaus, das Große mausohr und die
Teichfledermaus werden zusätzlich in Anhang
ii der FFh-Richtlinie geführt. Für diese Arten
wurden in Sachsen spezielle Schutzgebiete als
Teil des europäischen Schutzgebiets-Netzes
NATuRA 2000 ausgewiesen.
Darüber hinaus hat sich die Bundesrepublik
Deutschland im Rahmen von internationalen
Abkommen zum weitreichenden Schutz der
Fledermausarten verpflichtet (EuROBATS, Ber-
ner Konvention, Bonner Konvention).
2 Rechtsgrundlagen und Begriffsbestimmungen
2.1 Schutz des kohärenten Netzes Natura 2000
Werden FFh-Gebiete durch Straßenbauvorhaben
betroffen, in denen Fledermausarten des An-
hangs ii der FFh-Richtlinie als Schutz- und Er-
haltungsziele genannt sind, sind die Vorgaben
des § 34 BNatSchG, in denen die Verträglichkeit
und unzulässigkeit von Projekten sowie die Vo-
raussetzungen für Ausnahmen dargelegt sind,
zu berücksichtigen. Danach ist ein Straßenbau-
vorhaben nur zulässig, wenn es nachweislich
nicht zu erheblichen Beeinträchtigungen der
Schutz- und Erhaltungsziele der im Gebiet ge-
meldeten Fledermausarten des Anhangs ii der
FFh-Richtlinie führt.
Aufgrund der großen Aktionsradien von Fleder-
mauspopulationen nutzen diese nicht nur die
Lebensräume in den für sie ausgewiesenen
Schutzgebieten, sondern auch weitere essenti-
elle Teillebensräume außerhalb der Schutzgebie-
te oder in benachbarten NATuRA 2000 Gebieten.
Daher wird es in der Regel erforderlich sein, bei
Straßenbauvorhaben auch außerhalb und teil-
weise weit ab von FFh-Gebieten zu prüfen, ob
wichtige Flugwege von Fledermäusen gekreuzt
und ggf. beeinträchtigt werden. im Einzelfall
können durch die Straßenplanung wichtige
Funktionsbeziehungen z.B. zwischen Winter-
und Sommerquartieren der Fledermäuse betrof-
fen sein, deren Aufrechterhaltung zur Wahrung
der Kohärenz des Schutzgebietssystems NATuRA
2000 von großer Bedeutung ist. in diesem Fall
ist die Errichtung von Querungshilfen auch au-
ßerhalb der eigentlichen Schutzgebiete notwen-
dig, um erhebliche Beeinträchtigungen der
Schutz- und Erhaltungsziele zu vermeiden.

8 |
2
Rechtsgrundlagen und Begriffsbestimmungen
Zentrale Vorschriften zum Schutz des kohärenten Netzes Natura 2000
Artikel 6 FFH-Richtlinie 92/43/EWG
Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere
und Pflanzen
(2)
Die mitgliedstaaten treffen die geeigneten maßnahmen, um in den
besonderen Schutzgebieten die Verschlechterung der natürlichen Le-
bensräume und der habitate der Arten sowie Störungen von Arten, für
die die Gebiete ausgewiesen worden sind, zu vermeiden, sofern solche
Störungen sich im hinblick auf die Ziele dieser Richtlinie erheblich aus-
wirken könnten.
(3)
Pläne oder Projekte, die nicht unmittelbar mit der Verwaltung des
Gebietes in Verbindung stehen oder hierfür nicht notwendig sind, die
ein solches Gebiet jedoch einzeln oder in Zusammenwirkung mit an-
deren Plänen und Projekten erheblich beeinträchtigen könnten, erfor-
dern eine Prüfung auf Verträglichkeit mit den für dieses Gebiet fest-
gelegten Erhaltungszielen. unter Berücksichtigung der Ergebnisse der
Verträglichkeitsprüfung und vorbehaltlich des Absatzes 4 stimmen die
zuständigen einzelstaatlichen Behörden dem Plan bzw. Projekt nur zu,
wenn sie festgestellt haben, dass das Gebiet als solches nicht beein-
trächtigt wird, und nachdem sie gegebenenfalls die Öffentlichkeit
angehört haben.
(4)
ist trotz negativer Ergebnisse der Verträglichkeitsprüfung aus zwin-
genden Gründen des überwiegenden öffentlichen interesses ein-
schließlich solcher sozialer oder wirtschaftlicher Art ein Plan oder
Projekt durchzuführen und ist eine Alternativlösung nicht vorhanden,
so ergreift der mitgliedstaat alle notwendigen Ausgleichsmaßnahmen,
um sicherzustellen, dass die globale Kohärenz von Natura 2000 ge-
schützt ist. Der mitgliedstaat unterrichtet die Kommission über die
von ihm ergriffenen Ausgleichsmaßnahmen.
§ 34 BNatSchG
Verträglichkeit und unzulässigkeit von Projekten, Ausnahmen
(1)
Projekte sind vor ihrer Zulassung oder Durchführung auf ihre Verträg-
lichkeit mit den Erhaltungszielen eines Natura 2000-Gebiets zu über-
prüfen, wenn sie einzeln oder im Zusammenwirken mit anderen Pro-
jekten oder Plänen geeignet sind, das Gebiet erheblich zu
beeinträchtigen, und nicht unmittelbar der Verwaltung des Gebiets
dienen. Soweit ein Natura 2000-Gebiet ein geschützter Teil von Natur
und Landschaft im Sinne des § 20 Absatz 2 ist, ergeben sich die maß-
stäbe für die Verträglichkeit aus dem Schutzzweck und den dazu er-
lassenen Vorschriften, wenn hierbei die jeweiligen Erhaltungsziele
bereits berücksichtigt wurden. Der Projektträger hat die zur Prüfung
der Verträglichkeit sowie der Voraussetzungen nach den Absätzen 3
bis 5 erforderlichen unterlagen vorzulegen.
(2)
Ergibt die Prüfung der Verträglichkeit, dass das Projekt zu erheblichen
Beeinträchtigungen des Gebiets in seinen für die Erhaltungsziele oder
den Schutzzweck maßgeblichen Bestandteilen führen kann, ist es
unzulässig.
(3)
Abweichend von Absatz 2 darf ein Projekt nur zugelassen oder durchge-
führt werden, soweit es
1. aus zwingenden Gründen des überwiegenden öffentlichen interesses,
einschließlich solcher sozialer oder wirtschaftlicher Art, notwendig ist
und
2. zumutbare Alternativen, den mit dem Projekt verfolgten Zweck an
anderer Stelle ohne oder mit geringeren Beeinträchtigungen zu errei-
chen, nicht gegeben sind.

| 9
2.2 Vorschriften des Artenschutzes
Neben dem Gebietsschutz sind die zentralen Vor-
schriften des Artenschutzes bei Straßenbauvorha-
ben zu berücksichtigen. Diese finden sich in den §§
44 und 45 BNatSchG. Die den Artenschutz betref-
fenden Verbote sind in § 44 Abs. 1 BNatSchG sowie
die Zulassung einer Ausnahme bei unvermeidba-
rem Eintreten von Verbotstatbeständen in § 45 Abs.
7 BNatSchG geregelt.
Gemäß den Vorgaben des § 44 Abs. 5 BNatSchG
sind für die Abarbeitung der artenschutzrechtli-
chen Belange für die nach § 15 BNatSchG zulässi-
gen Eingriffe in Natur und Landschaft sowie für
Vorhaben im Sinne des § 18 Abs. 2 Satz 1
BNatSchG alle Fledermausarten als Arten des An-
hangs iV der FFh-Richtlinie relevant. Auch in FFh-
Gebieten gelten für alle Fledermausarten (Arten des
Anhangs iV der FFh-Richtlinie) die artenschutz-
rechtlichen Bestimmungen. Neben der Prüfung
nach § 34 BNatSchG ist daher eine eigenständige
Prüfung nach § 44 BNatSchG erforderlich.
Zentrale Vorschriften des Artenschutzes
Artikel 12 Abs.1 der FFH-Richtlinie 92/43/EWG
Die mitgliedstaaten treffen die notwendigen maßnahmen, um ein
strenges Schutzsystem für die in Anhang iV Buchstabe a) genannten
Tierarten in deren natürlichen Verbreitungsgebieten einzuführen; dieses
verbietet
a)
alle absichtlichen Formen des Fangs oder der Tötung von aus der Natur
entnommenen Exemplaren dieser Arten;
b)
jede absichtliche Störung dieser Arten, insbesondere während der Fort-
pflanzungs-, Aufzucht-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten;
c)
jede absichtliche Zerstörung oder Entnahme von Eiern aus der Natur;
d)
jede Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflanzungs- oder Ruhe-
stätten.
§ 44
BNatSchG – Vorschriften für besonders geschützte und bestimm-
te andere Tier- und Pflanzenarten
(1)
Es ist verboten,
1.
wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen,
sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsfor-
men aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,
2.
wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen
Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, mauser-, Über-
winterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören; eine erheb-
liche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungs-
zustand der lokalen Population einer Art verschlechtert,
3.
Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der beson-
ders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen
oder zu zerstören,
4.
wild lebende Pflanzen der besonders geschützten Arten oder ihre
Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, sie oder ihre
Standorte zu beschädigen oder zu zerstören.
(5)
Für nach § 15 zulässige Eingriffe in Natur und Landschaft sowie für
Vorhaben im Sinne des § 18 Absatz 2 Satz 1, die nach den Vorschriften
des Baugesetzbuches zulässig sind, gelten die Zugriffs-, Besitz- und
Vermarktungsverbote nach maßgabe der Sätze 2 bis 5. Sind in Anhang
iV Buchstabe a der Richtlinie 92/43/EWG aufgeführte Tierarten, eu-
ropäische Vogelarten oder solche Arten betroffen, die in einer Rechts-
verordnung nach § 54 Absatz 1 Nummer 2 aufgeführt sind, liegt ein
Verstoß gegen das Verbot des Absatzes 1 Nummer 3 und im hinblick
auf damit verbundene unvermeidbare Beeinträchtigungen wild leben-
der Tiere auch gegen das Verbot des Absatzes 1 Nummer 1 nicht vor,
soweit die ökologische Funktion der von dem Eingriff oder Vorhaben
betroffenen Fortpflanzungs- oder Ruhestätten im räumlichen Zusam-
menhang weiterhin erfüllt wird. Soweit erforderlich, können auch
vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen festgesetzt werden. Für Stand-
orte wild lebender Pflanzen der in Anhang iV Buchstabe b der Richt-
linie 92/43/ EWG aufgeführten Arten gelten die Sätze 2 und 3 ent-
sprechend. Sind andere besonders geschützte Arten betroffen, liegt
bei handlungen zur Durchführung eines Eingriffs oder Vorhabens kein
Verstoß gegen die Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsverbote vor.

10 |
ist ein Verbotstatbestand nach § 44 Abs. 1
BNatSchG unvermeidbar, wird in Folge eine Prü-
fung der naturschutzfachlichen Voraussetzun-
gen für eine
Ausnahme von den Zugriffsver-
boten
gemäß § 45 Abs. 7 BNatSchG erforderlich.
Artikel 16 Abs. 3 der FFh-Richtlinie ist dabei zu
beachten. in der Begründung für die Ausnahme
sind folgende drei Aspekte gemäß § 45 Abs. 7 Nr.
4 und 5 BNatSchG darzulegen:
1.)
dass zwingende Gründe des überwiegen
den öffentlichen interesses einschließlich
solcher sozialer oder wirtschaftlicher Art
die Ausnahme erfordern,
2.)
eine zumutbare Alternative (Alternativen
planungen bzw. maßnahmen zur
Vermeidung) nicht gegeben ist und
3.)
sich der Erhaltungszustand der Populatio-
nen einer Art nicht verschlechtert.
Für alle Arten, für die sich aufgrund der Daten-
lage eine Befreiungsnotwendigkeit gemäß § 67
BNatSchG ergibt, muss eine Darlegung der oben
genannten Voraussetzungen für die Zulassung
einer Ausnahme nach § 45 Abs. 7 BNatSchG er-
folgen.
Querungshilfen oder sog. Kollisionsschutzein-
richtungen für Fledermäuse werden im Zuge von
Straßenbauvorhaben zur Vermeidung der Ver-
botstatbestände nach § 44 eingesetzt. Nachfol-
gende Verbotstatbestände sind dabei von beson-
derer Relevanz.
Durch den Betrieb einer Straße kann es zu
Ver-
letzungen und Tötungen von Fledermäusen
(§ 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG) durch Kollisionen
mit Fahrzeugen kommen. Nach einer Begrün-
dung zum Gesetzentwurf der Bundesregierung
zur änderung des BNatSchG erfüllen sozialad-
äquate Risiken wie unabwendbare Tierkollisionen
im Verkehr jedoch nicht die Tatbestände der
Tötungs- und Zugriffsverbote des § 44 Abs. 1
BNatSchG. Sie sollen vielmehr im Rahmen der
naturschutzfachlichen Eingriffsregelung berück-
sichtigt werden. „unabwendbar“ bedeutet in
diesem Zusammenhang jedoch, dass abwendba-
re Tierkollisionen zu vermeiden sind.
Auch die Europäische Kommission weist darauf
hin, dass unbeabsichtigtes Töten im Straßenver-
kehr nicht unter die Verbote des Art. 12 Abs. 1
Buchst. a FFh-Richtlinie fällt. Vielmehr soll nach
Art. 12 Abs. 4 FFh-Richtlinie auf der Ebene der
mitgliedstaaten überwacht werden, dass sich
aus dem unbeabsichtigten Töten keine negativen
Auswirkungen auf die betroffenen Arten erge-
ben (Eu-KOmmiSSiON 2007, Rn 83). Eine solche
Überwachung könnte in Deutschland im Rah-
men eines bundes- bzw. landesweiten monito-
rings der Fledermauspopulationen etabliert
werden.
Für die Beurteilung von Straßenplanungen ver-
festigt sich die fachliche interpretation des Tö-
tungsverbotes in der Form, dass betriebsbeding-
te Kollisionen von Fledermäusen im Verkehr
dann als tatbestandsmäßig einzustufen sind,
wenn es zu regelmäßigen Kollisionen im Bereich
von tradierten Flugkorridoren kommt und das
Töten der Tiere ohne entsprechende Vermei-
dungs- / minderungsmaßnahmen bewusst in
Kauf genommen wird. Das Tötungsrisiko geht
dann über das allgemeine Lebensrisiko hinaus
und ist „signifikant“ erhöht. Der Tötungstatbe-
stand ist damit im Grunde immer individuenbe-
zogen zu betrachten und auszulegen. Ein signi-
fikant erhöhtes Tötungsrisiko kann z.B. immer
dann angenommen werden, wenn traditionelle
Flugwege von den sich strukturgebunden orien-
tierenden und damit grundsätzlich durch Kolli-
sionen im Verkehr gefährdeten Fledermausarten
durch einen Straßenneubau gequert werden (vgl.
z.B. BAucKLOh et al. 2007, LÜTTmANN 2007,
ROLL et al. 2008, SPORBEcK et al. 2008, TRAuT-
NER 2008 u.a.).
Das
Störungsverbot
(§ 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG)
tritt in Kraft, wenn Störungen während der
Fortpflanzungs- und Aufzuchtzeiten zu einer
Verschlechterung des Erhaltungszustandes der
lokalen Population führen. hier ist die Be-
zugsebene der Bewertung entsprechend nicht
das individuum, sondern die lokale Population.
Störungen während der Fortpflanzungs- und
Aufzuchtzeiten von Fledermäusen können z.B.
auftreten, wenn Flugwege zwischen den Wo-
chenstubenquartieren und Jagdhabitaten oder
auch auf dem Weg zu den Paarungsquartieren
durch Straßenbauvorhaben geschnitten werden,
in deren Folge punktuell ein erhöhtes Kollisions-
risiko besteht und sich dadurch der Erhaltungs-
zustand der lokalen Population verschlechtert.
Ebenso können Flugwege von Fledermäusen
während der Wanderungszeiten auf dem Weg in
die Winterquartiere geschnitten und beeinträch-
tigt werden. Zur Vermeidung oder Verminderung
erheblicher Störungen auf den Flugwegen kön-
nen in bestimmten Situationen Querungshilfen
eingesetzt werden.
2
Rechtsgrundlagen und Begriffsbestimmungen

image
| 11
Durch den Bau einer Straße kann es auch zu
Beeinträchtigungen oder Zerstörungen von Fort-
pflanzungs- und Ruhestätten kommen, was
nach § 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG ebenfalls ver-
boten ist. Eine erhebliche Beeinträchtigung einer
Lebensstätte kann neben der direkten Überbau-
ung auch durch Zerschneidungswirkungen im
umfeld der Lebensstätte verursacht werden. Dies
ist immer dann der Fall, wenn essentielle Jagd-
habitate oder essentielle funktionale Beziehun-
gen (z.B. regelmäßig genutzte Flugrouten vom
Quartier in die Jagdhabitate) zerstört oder deut-
lich beeinträchtigt werden. in diesem Fall kann
die Lebensstätte ihre ökologische Funktion im
Lebensraumzusammenhang nicht mehr wahr-
nehmen. Eine solche Beeinträchtigung ist somit
einer unmittelbaren Zerstörung gleichzusetzen
und zu vermeiden. Querungshilfen können hier
geeignete minderungs- oder Vermeidungsmaß-
nahmen darstellen.
Der Verbotstatbestand des Tötens von Fleder-
mäusen im Zusammenhang mit der
Beschädi-
gung und Zerstörung von Fortpflanzungs-
oder Ruhestätten
(§ 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG)
wird auf die Fälle eingeschränkt, bei denen die
ökologische Funktion der Fortpflanzungs- und
Ruhestätten im räumlichen Zusammenhang
nicht erhalten bleibt. Werden Fortpflanzungs-
oder Ruhestätten von Fledermäusen (z.B. Baum-
höhlen) im Zuge eines Straßenbauvorhabens
beschädigt oder zerstört und werden in diesem
Zusammenhang unvermeidbar auch individuen
getötet, so tritt der Verbotstatbestand nicht ein,
wenn die ökologische Funktion der von dem
Vorhaben betroffenen Fortpflanzungs- oder Ru-
hestätten im räumlichen Zusammenhang wei-
terhin erhalten bleibt.
Auch das Abfangen von Tieren vor der Zerstö-
rung ihrer Fortpflanzungs- oder Ruhestätte stellt
somit keinen Verbotstatbestand dar. Vorausset-
zung dafür ist, dass die ökologische Funktion im
Sinne von § 44 Abs. 5 BNatSchG erhalten bleibt.
Das Fangen ist in solchen Fällen „unvermeidbar“,
da anderenfalls die Tötung der Tiere zu erwarten
wäre. Daher handelt es sich in diesem Fall um
eine „Vermeidungsmaßnahme“ zur Verhinderung
artenschutzrechtlicher Verstöße (hier: Vermei-
dung des Tötens). § 44 Abs. 5 BNatSchG ermög-
licht ausdrücklich die Durchführung von vorge-
zogenen Ausgleichsmaßnahmen, um die
ökologische Funktion im räumlichen Zusammen-
hang kontinuierlich zu erhalten und damit Ver-
botstatbestände zu vermeiden (LBV-Sh 2008).
Während das Tötungsverbot individuenbezogen
zu beurteilen ist, sind Störungen in ihren Aus-
wirkungen auf die
„lokale Population“
zu
bewerten. im BNatSchG wird der Begriff der
Population definiert als „eine biologisch oder
geographisch abgegrenzte Zahl von individuen
einer Art“ (§ 7 Abs. 2 Nr. 6 BNatSchG). um Tier-
bestände auch während ihrer Wanderungs- und
Überwinterungszeiten einzuschließen schlagen
SPORBEcK et al. (2008) folgende Definition vor:
„Eine lokale Population i. S. des Gesetzes lässt
sich daher als eine Gruppe von individuen einer
Art definieren, die eine Fortpflanzungs- oder
Überdauerungsgemeinschaft bilden und einen
zusammenhängenden Lebensraum gemeinsam
bewohnen. im Allgemeinen sind Fortpflanzungs-
interaktionen oder andere Verhaltensbeziehun-
gen zwischen diesen individuen häufiger als
zwischen ihnen und mitgliedern anderer lokaler
Populationen derselben Art.“
Foto 3:
in so genannten Wochenstuben finden sich
Fledermausweibchen zusammen, um ab Ende mai ihre
Jungtiere zur Welt zu bringen und aufzuziehen.
Das Große mausohr kann dabei Kolonien mit mehreren
hundert Tieren bilden.

image
12 |
Aufgrund der sehr unterschiedlichen Lebens-
weisen der Fledermäuse müssen Populationen
bei den einzelnen Arten auf sehr verschiedene
Weise abgegrenzt werden. So wird z.B. eine
einzelne Wochenstubenkolonie der Bechstein-
fledermaus in einem Waldgebiet als lokale Po-
pulation definiert. Bei ziehenden Arten, wie z.B.
Abendsegler und Rauhautfledermaus, ist die
präzise Abgrenzung von Fortpflanzungsge-
meinschaften (lokalen Populationen) aus me-
thodischen Gründen schwieriger. Wahrschein-
lich sind auch hier in naher Zukunft neue
Kenntnisse zur Populationsstruktur zu erwar-
ten, so dass sich lokale Populationen besser
definieren lassen. Für die Beurteilung von Ein-
griffswirkungen im Sinne des BNatSchG wird
vorgeschlagen, bei Fledermäusen Wochenstu-
benverbände und/oder Winterschlafgesell-
schaften, ggf. auch Paarungsgesellschaften als
lokale Populationen abzugrenzen. insbesonde-
re Fledermaus-Wochenstuben dürften in vielen
Fällen eine geeignete Größe darstellen, um
Eingriffswirkungen wie z.B. eine erhöhte mor-
talität in Folge von Kollisionswirkungen zu be-
urteilen. im Einzelfall können aber auch andere
Abgrenzungen einer lokalen Population sinnvoll
sein. in jedem Fall sollte für ein Planungsver-
fahren dokumentiert werden, welche Definiti-
onen und Abgrenzungen gewählt wurden.
um den Erhaltungszustand der lokalen Popu-
lationen beurteilen zu können, ist es wichtig,
die Bestandsgrößen in den zentralen Quartieren
zu kennen. Neben dem Faktor Populationsgrö-
ße sind auch das habitatangebot und die ha-
bitatqualität sowie die bekannten Gefährdun-
gen im Gebiet entscheidende Beurteilungs-
faktoren. Zur Beurteilung der Erheblichkeit von
Eingriffen/Störungen und entsprechend auch
zur Notwendigkeit von Vermeidungsmaßnah-
men muss daher im konkreten Vorhaben in der
Regel nicht nur die Aktivität von Fledermäusen
an den potenziell bedeutsamen Konfliktpunkten
ermittelt werden, sondern es sind auch Daten
zur Einordnung und Bewertung der Ergebnisse
zu erheben. Zu diesem Zweck dürfte in vielen
Fällen z.B. auch die Ermittlung der Wochenstu-
be der betroffenen Fledermausarten als Basis
für die Beurteilung des Erhaltungszustandes
der lokalen Population erforderlich sein.
Foto 4:
um den Erhaltungszustand der lokalen Populationen
beurteilen zu können, ist es wichtig, die Bestandsgrößen
in den Quartieren zu kennen. Bei einigen Fledermausarten,
wie dem Großen mausohr oder der Kleinen hufeisennase,
sind Zählungen im Quartier oder Ausflugbeobachtungen
möglich.
2
Rechtsgrundlagen und Begriffsbestimmungen
Straßenbauvorhaben unterliegen der Eingriffs-
regelung gemäß den §§ 13 bis 15 BNatSchG in
Verbindung mit den §§ 8 bis 10 SächsNatSchG.
Nach § 9 Abs. 1 Nr. 2 SächsNatSchG darf ein
Eingriff nicht zugelassen oder durchgeführt
werden, wenn vermeidbare erhebliche oder
nachhaltige Beeinträchtigungen nicht unter-
lassen werden (Vermeidungsgebot der Ein-
griffsregelung).
im Rahmen der Beurteilung eines Eingriffs
muss somit in jedem Fall geprüft werden, ob
eine Vermeidung oder minderung des Eingriffs
möglich ist. Dieses Gebot verpflichtet den Ein-
griffsverursacher, unter dem Gebot der Verhält-
nismäßigkeit der mittel, bei einer nicht völligen
Vermeidbarkeit seines Eingriffs zumindest eine
teilweise Vermeidbarkeit anzustreben.
Nach Auffassung des Bundesverwaltungsge-
richtes ist das naturschutzrechtliche Gebot,
vermeidbare Beeinträchtigungen von Natur
und Landschaft zu unterlassen, striktes Recht
(Bundesverwaltungsgericht vom 30. Oktober
1992 – 4 A 4.92 – uPR, S.62).
2.3 Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung

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| 13
in Sachsen kommen 20 Fledermausarten vor,
die zur Familie der Glattnasen (Vespertilionidae,
19 Arten) und der hufeisennasen (Rhinolophi-
dae, 1 Art) gehören. Darunter ist auch die erst
vor wenigen Jahren entdeckte Nymphenfleder-
maus (myotis alcathoe; vgl. Foto 5 ).
Die Neubeschreibung der Nymphenfledermaus,
die der Kleinen und Großen Bartfledermaus
sehr stark ähnelt und die in der Vergangenheit
vermutlich häufig mit diesen verwechselt wur-
de, zeigt, dass der Wissensstand zur Systematik
einiger Arten selbst in Europa noch immer un-
zulänglich ist. Dies gilt teilweise auch noch für
die Kenntnisse zur Verbreitung und Lebens-
weise dieser nachtaktiven und daher zumeist
schwierig zu beobachtenden Säugetiere.
3 Vorkommen und Ökologie der Fledermaus-
arten in Sachsen
Foto 5:
Die winzige Nymphenfledermaus wurde erst vor wenigen
Jahren als neue Fledermausart beschrieben. ihre
Verbreitung und ihre Lebensraumansprüche sind daher
weitgehend ungeklärt. Erste Nachweise dieser Art liegen
auch aus Sachsen vor.
3.1 Einleitung

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14 |
Foto 6:
Fledermausarten, wie das Große mausohr, beziehen
tagsüber ihre Quartiere in bzw. an Gebäuden oder leben
in Baumhöhlen.
Der
ausgeprägte Jahresrhythmus
mitteleuro-
päischer Fledermäuse stellt eine Anpassung an
den Wechsel der Jahreszeiten dar. Phasen ho-
her Aktivität wie die Wochenstubenzeit, der
Frühjahrs- und herbstzug werden in der nah-
rungsarmen Jahreszeit vom Winterschlaf un-
terbrochen.
Die Weibchen schließen sich zwischen mitte
April und Anfang mai zu
Wochenstubenge-
sellschaften
zusammen, die je nach Art bis zu
einige hundert Tiere umfassen können. Jedes
Weibchen zieht pro Jahr lediglich ein Jungtier
oder bei einigen Arten auch Zwillinge auf. Be-
reits nach 4-6 Wochen sind die Jungtiere flüg-
ge und beginnen, selbständig zu jagen. in die-
sem Zeitraum, etwa Ende Juli/Anfang August,
lösen sich die Wochenstubenkolonien allmäh-
lich auf, und die Phase des herbstzuges be-
ginnt. Wandernde Arten ziehen in Sachsen vor
allem vom Tiefland in die mittelgebirgsregio-
nen. Einige Arten suchen aber auch mehr als
1.000 km entfernte Winterquartiere auf, wäh-
rend andere ganzjährig ortstreu sind und in
unmittelbarer Nähe ihrer Sommerquartiere
überwintern.
im herbst beginnt auch die Paarungszeit, in der
die männchen mit artspezifischen Balzrufen
versuchen, so viele Weibchen wie möglich an-
zulocken. in dieser Zeit fliegen männchen und
Weibchen aus unterschiedlichen Regionen ge-
zielt unterirdische Quartiere an, vor denen sie
in großer Anzahl stundenlang schwärmen. Dies
dient offenbar der Erkundung von Winterquar-
tieren sowie der informationsweitergabe an
unerfahrene Jungtiere, aber auch dem geneti-
schen Austausch durch Paarungen von Tieren
aus weit voneinander entfernten Sommerle-
bensräumen. Die Kälteperiode zwischen Okto-
ber/November und märz/April verbringen mit-
teleuropäische Fledermäuse im Winterschlaf.
Dabei zehren sie ausschließlich von den vorher
gespeicherten Fettreserven und reduzieren, um
Energie zu sparen, ihren Stoffwechsel auf ein
notwendiges minimum. Damit gelingt es ihnen,
über monate hinweg ohne Nahrungsaufnahme
auszukommen.
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
3.2 Jahresrhythmus

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image
| 15
Fledermäuse nutzen eine Vielzahl verschiedener
unterschlupfmöglichkeiten, die ihnen tagsüber
bzw. während des Winterschlafes einen siche-
ren und ungestörten Aufenthalt ermöglichen.
Sommerquartiere
können sich sowohl in Bau-
werken als auch in Bäumen befinden. Zu den
häufigsten Gebäudequartieren zählen Dachbö-
den, Spaltenräume hinter Fassadenverkleidun-
gen aus holz oder Schiefer, Fensterläden, mau-
erfugen sowie hohlräume in Brücken und
Plattenbauten. Baumhöhlenbewohnende Arten
beziehen nicht nur Baumhöhlen, sondern sitzen
auch hinter abplatzender Borke oder in aufge-
rissenen Spalten und Zwieseln (Baumgabelun-
gen aus zwei Trieben). Vielen Fledermausarten
genügt eine schmale Einschlupföffnung, durch
die sie kriechend oder kletternd ins Quartier
gelangen können. Für einige Arten ist allerdings
eine Durchflugsöffnung unerlässlich. Alle Arten
benötigen Quartierkomplexe, bestehend aus
mehreren, oft eng benachbarten Quartieren,
zwischen denen gelegentliche, manchmal aber
auch tägliche Quartierwechsel stattfinden.
Als
Winterquartiere
dienen in Sachsen vor
allem ehemalige Bergwerksstollen und Kalk-
werke, aber auch unterirdische Kellergewölbe
oder ehemalige Bunker. Diese Winterquartiere
müssen ein ausgeglichenes mikroklima aufwei-
sen, das sich durch eine hohe Luftfeuchtigkeit
und niedrige, jedoch über dem Gefrierpunkt
liegende Temperaturen auszeichnet, damit die
lethargischen Winterschläfer weder erfrieren
noch vertrocknen. Natürliche Winterquartiere
sind die tiefen Felsspalten in der Sächsischen
Schweiz und dem Zittauer Gebirge. Von einigen
Arten werden auch Baumhöhlen als Winter-
quartiere genutzt.
Fledermäuse entwickeln eine enge Bindung an
ihre Sommer- und Winterquartiere, die sie
langfristig während der entsprechenden Jah-
reszeit immer wieder nutzen. Dies gilt sogar für
Quartiere, die während des Zuges nur kurzzeitig
besetzt werden. Daher ist die Erhaltung beste-
hender Quartiere von großer Bedeutung. Dar-
über hinaus betreffen Quartierverluste oft Ko-
lonien und damit große individuenzahlen, was
sich erheblich auf den Erhaltungszustand loka-
ler Populationen auswirkt.
Foto 7 (links):
Baumbewohnende Fledermausarten, wie z. B. die
Wasserfledermaus (hier im Bild), beziehen ihre
Sommerquartiere in ausgedienten Spechthöhlen oder in
Fäulnisspalten. Andere Arten, wie die mopsfledermaus,
nutzen sich ablösende Borke, um dahinter ihr Quartier zu
beziehen.
Foto 8 (rechts):
Eine Wasserfledermaus verlässt ihr Quartier, um auf
nächtlichen Jagdflug zu gehen
3.3 Quartiere

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16 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
Die mitteleuropäischen Fledermausarten er-
nähren sich ausschließlich von insekten und
anderen Gliederfüßlern. Zu ihren Jagdgebieten
gehören Wälder, Gewässer, gehölzreiche Sied-
lungen und Siedlungsränder, aber auch Wiesen
und Weiden, manchmal auch abgeerntete
äcker. Arten- und individuenreiche Gebiete sind
sehr abwechslungsreich strukturiert und verfü-
gen über ein hohes und dauerhaftes Angebot
an insekten.
um ihren
Energiebedarf
zu decken, fressen
Fledermäuse in einer Nacht ca. ein Drittel ihres
eigenen Körpergewichtes. Den höchsten Ener-
giebedarf haben trächtige und säugende Weib-
chen, die 2/3 und mehr ihres Körpergewichtes
an insekten zu sich nehmen müssen, um er-
folgreich ihre Jungtiere großzuziehen. Dabei
bevorzugen die einzelnen Arten bestimmte
Nahrungsräume und Beutetiergruppen. So ver-
folgen Wasserfledermäuse vor allem Zuckmü-
cken, die dicht über der Wasseroberfläche von
Gewässern schwärmen. Abendsegler fliegen
dagegen meist in großer höhe im freien Luft-
raum über Gewässern, Offenland und Wäldern,
wo sie Nachtfalter, Köcherfliegen und andere
Fluginsekten erbeuten. Große mausohren be-
vorzugen Laufkäfer, die sie unmittelbar vom
Boden aufnehmen, so dass für diese Art unter-
wuchsarme hallenwälder besonders günstige
Jagdhabitate darstellen. Zahlreiche Arten, z.B.
die Bechsteinfledermaus und Langohrfleder-
mäuse, jagen dicht an der Vegetation bis in
Baumkronenhöhe, wobei sie aufgrund ihres
wendigen Fluges in der Lage sind, flugunfähige
insekten oder Spinnen direkt vom Blattwerk
aufzunehmen.
Arten mit kleinem Aktionsradius benötigen
stets Jagdgebiete in unmittelbarer Quartiernä-
he, was sie gegenüber Eingriffen in diese Le-
bensraumzentren besonders empfindlich
macht. So liegen z.B. die Nahrungshabitate der
Bechsteinfledermaus während der Wochenstu-
benzeit selten weiter als einen Kilometer vom
jeweiligen Quartierbaum entfernt. Wie Quartie-
re werden auch Nahrungsräume traditionell
über Jahre genutzt, sofern deren Qualität sich
nicht verschlechtert.
Foto 9:
Die nahrungsarmen Wintermonate verbringen Fledermäuse
im Winterschlaf. Geeignete Winterquartiere befinden sich z.
B. in Bergwerksstollen des Erzgebirges. Das Fell der
Bechsteinfledermaus (oben) und des Großen mausohrs
(darunter) ist bedingt durch die hohe Luftfeuchtigkeit und
die niedrigen Temperaturen mit Tau benetzt.
3.4 Nahrung und Jagdgebiete

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| 17
3.5 Verbindende Flugwege
Die einzelnen Quartierstandorte, Balzplätze und
Jagdhabitate müssen räumlich gut miteinander
vernetzt sein, da sich die meisten Fledermäuse
während des Fluges zwischen ihren Teillebens-
räumen an den vorhandenen
Landschaftsele-
menten
orientieren. Besonders Arten, deren
Ortungsrufe nur eine geringe Reichweite ha-
ben, fliegen entlang von Waldrändern, Alleen
und Baumreihen, hecken und Gehölzsäumen,
um von ihren Quartieren in die Jagdgebiete zu
gelangen bzw. um zwischen verschiedenen
Quartieren oder Jagdgebieten zu wechseln.
Besonders in der intensiv genutzten Agrarland-
schaft fehlen häufig entsprechende Land-
schaftsbestandteile, sodass voneinander ge-
trennte Nahrungs- oder Quartiergebiete für
bestimmte Arten nicht oder nur auf umwegen
erreichbar sind. Ein Extrembeispiel hierfür ist
die Kleine hufeisennase, deren Ortungsrufe
höchstens 5 m weit reichen. Sie meidet daher
freie Flächen und überfliegt maximal kurze
Strecken im Offenland dicht über dem Boden.
Neben der Orientierungshilfe haben Gehölz-
streifen vor allem eine Schutzfunktion gegen-
über Wettereinflüssen (v.a. Wind) und Fraßfein-
den (v.a. Eulen).
in der Praxis ist die unterscheidung von Flug-
wegen und Jagdgebieten nicht immer einfach,
da Fledermäuse oft auch entlang von Gehölz-
strukturen jagen.
Abbildung 1:
Verschiedene Flugrouten von Fledermäusen führen
von ihren Quartieren, z. B. in Gebäuden, Bäumen
oder Bergwerksstollen, in Jagdgebiete oder zu
anderen Quartieren. Dabei orientieren sich etliche
Arten entlang von linienartigen Landschaftselemen-
ten (Talzügen, Gehölzreihen, Waldkanten etc.).
Andere wählen den direkten Weg im freien Luftraum
über das Offenland.

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18 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
im Sommerlebensraum nutzen die Fledermaus-
arten von ihren Quartier(-komplex)en aus die
umgebende Landschaft zur nächtlichen Nah-
rungssuche. Die Tiere der Wochenstubenkolo-
nien verteilen sich dabei auf alle erreichbaren
und nahrungsreichen Flächen (Jagdgebiete)
innerhalb ihres
artspezifischen Aktionsradius.
Dieser reicht von 1-2 km bei der Bechsteinfle-
dermaus bis über 20 km beim Großen mausohr.
Der nächtlich genutzte Aktionsraum ist jedoch
nicht nur artabhängig, sondern richtet sich
auch nach der räumlichen Verteilung geeigne-
ter Jagdhabitate und saisonaler änderungen
des Nahrungsangebotes. Letzteres kann zu auf-
fälligen Aktionsraumverschiebungen im Jahres-
verlauf führen. So suchen die sonst zumeist im
Wald jagenden mausohren Wiesen nach der
mahd oder äcker nach der Ernte auf, während
sich Breitflügelfledermäuse nach dem Auftre-
ten kotfressender Käfer auf Rinderweiden und
Wasserfledermäuse nach der Aktivität von
Zuckmückenschwärmen über ihren Jagdgewäs-
sern richten.
Zwischen den Sommer- und Winterlebensräu-
men finden saisonale
Ortswechsel
statt. Dies
geschieht u.a. entlang größerer Flussläufe in
ihrer Funktion als offenbar überregional be-
deutsame Zugwege, an denen sich vor allem
die wandernden Arten orientieren. Dies können
Weitstreckenzieher sein wie der Abendsegler
und die Rauhautfledermaus, die Distanzen von
1.500 km zurücklegen können, sowie über mitt-
lere Entfernungen von etwa 150–200 km wan-
dernde Arten wie das Große mausohr.
Aber auch standorttreue Arten, die nicht oder
nur gelegentlich ungerichtet wandern, wie die
Langohrarten und die mopsfledermaus, entfer-
nen sich im Spätsommer und herbst weiter von
ihren Wochenstubenquartieren als zur Zeit der
Jungenaufzucht und suchen meist 5-20 km
entfernte Winterquartiere auf.
Bei untersuchungen im Rahmen von Straßen-
planungen sind sowohl die artspezifischen
Aktionsräume als auch das räumlich und zeit-
lich differenzierte Raumnutzungsverhalten
von Fledermäusen zu berücksichtigen. Dem-
zufolge sind die Größe des untersuchungsge-
bietes und der untersuchungszeitraum ent-
sprechend zu wählen.
Foto 10:
Die gebäudebewohnende Breitflügelfledermaus jagt bevorzugt
im strukturreichen Offenland.
Da Dungkäfer zu ihrer Beute zählen, ist sie häufig im Bereich
von Viehweiden anzutreffen.
3.6 Raumnutzung

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| 19
Die nachtaktiven und dabei sehr mobilen Fle-
dermäuse orientieren sich, indem sie
Or-
tungsrufe im Ultraschallbereich
erzeugen
und die von den einzelnen Bestandteilen ihrer
umgebung reflektierten Echos zu einem
räumlichen Bild ihrer umwelt verarbeiten. Auf
diese Weise wird auch die Beute lokalisiert.
Die in Sachsen vorkommenden Fledermausar-
ten nutzen
Frequenzbereiche
zwischen 18
und 110 khz, wobei die Reichweite der Rufe
sehr unterschiedlich ist. mindestens 100 m
weit hörbar sind die Rufe des Abendseglers,
der im freien Luftraum und in großen höhen
jagt. Lange schmale Flügel ermöglichen ihm
hier einen sehr schnellen und wendigen Flug,
wohingegen er im hindernisreichen Gelände
weniger manövrierfähig ist. Demgegenüber
stehen Arten mit sehr breiten Flügeln und ei-
ner damit verbundenen geringen Gewichtsbe-
lastung je Flügelfläche, z.B. das Braune Lang-
ohr oder die Kleine hufeisennase. Sie sind
dadurch auch im hindernisreichen Raum äu-
ßerst wendig und in der Lage, dicht an der
Vegetation oder innerhalb von Baumkronen zu
jagen. ihr Flug ist vergleichsweise langsam,
und die Ortungsrufe besitzen eine vergleichs-
weise geringe Reichweite. Arten mit einer
Flügelbreite im mittleren Bereich und einer
großen Variabilität der Ortungsrufe können
zwischen sehr kleinräumigen wendigen Jagd-
flügen und schnellen Streckenflügen wech-
seln, ein Beispiel hierfür ist die mopsfleder-
maus.
Abbildung 2:
Die Flügelform der Fledermäuse bedingt die un-
terschiedliche Wendigkeit und Geschwindigkeit
im Flug (aus DiETZ, m. 2008a).
FLügELFORm
schmal, lang
breit, kurz
WEndigkEiT
gESchWindigkEiT
3.7 Orientierung und Flugverhalten
Als Faustregel kann gelten: je geringer die
Reichweite ihrer Ortungsrufe
und je manöv-
rierfähiger in hindernisreichen habitaten umso
stärker strukturgebunden fliegt die jeweilige
Fledermausart. Neben der Orientierung mittels
ultraschallrufen haben Fledermäuse ein außer-
ordentliches Raumgedächtnis. Dies kann z.B.
dazu führen, dass auch strukturgebundene Ar-
ten manchmal von Leitstrukturen abweichen
und Abkürzungen nehmen. Dieser Punkt muss
insbesondere bei der Beeinträchtigung oder
Neuanlage von Leitstrukturen berücksichtigt
werden.
Echoortungsverhalten
Bei aller Perfektion der Echoabbildung stellt
sich die Frage, warum Fledermäuse letztlich
überhaupt mit Fahrzeugen kollidieren. Evoluti-
onsbiologisch sind Fahrzeuge als sich bewe-
gende hindernisse, mit denen Fledermäuse
kollidieren können, bisher nicht relevant gewe-
sen. Auch die Feindvermeidung spielt bei den
nachtaktiven Tieren keine besondere Rolle. Die
Echoortung dient also vor allem dem Zweck der
hinderniserkennung und der Beuteortung. Die
Schallkeule des Rufes ist deswegen nach vorne
in Richtung Flugbahn gerichtet. hindernisse,
die sich von hinten oder von der Seite auf die
Fledermaus zu bewegen, wie dies bei Fahrzeu-
gen der Fall ist, werden vermutlich nicht wahr-
genommen. Darüber hinaus wird der hochfre-
quente Schall in der Luft extrem abgeschwächt,
so dass ein weit vorausschauendes Erkennen
von hindernissen nicht möglich ist. Das stro-
boskopartige Rufen und hören von Fledermäu-
sen über ihre Echoortung führt außerdem dazu,
dass die Tiere in der Nacht lediglich 8-20 %
ihrer Flugzeit wirklich „sehend“ sind, die meiste
Zeit – die Zeit zwischen den Rufen – bedeutet
Warten auf das Echo. Bei ungünstigem Zusam-
menwirken der genannten Faktoren kann es
schnell zu Kollisionen mit Fahrzeugen kommen.

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20 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
Die einzelnen Fledermausarten zeichnen sich
durch
artspezifische Verhaltensweisen
und
unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebens-
raum aus. Dies erfordert bei fledermauskundli-
chen untersuchungen die Anwendung verschie-
dener, sich ergänzender untersuchungs-
methoden und differenzierte Bewertungen.
Oft sind auch
regionale Besonderheiten
zu
berücksichtigen. So sind einige der in Sachsen
vorkommenden Fledermausarten nur in be-
stimmten Naturräumen anzutreffen. Dies gilt
z.B. für die Kleine hufeisennase im oberen Elbtal
und die Nordfledermaus in den mittelgebirgen.
Ortstreue Arten, z.B. Langohren, besiedeln ein
bestimmtes Gebiet ganzjährig, während Durch-
zügler wie die Rauhautfledermaus nur während
begrenzter Zeiträume beobachtet werden kön-
nen, in denen sie allerdings verstärkt auftreten.
Die folgende Tabelle 1 fasst den derzeitigen
Kenntnisstand zum artspezifischen Verhalten
sowie zur regionalen Verbreitung der in Sachsen
nachgewiesenen Fledermausarten (hAuER et al.
2009) sowie zu saisonalen Ortswechseln zusam-
men (STEFFENS et al. 2004).
Foto 11 (links oben):
Wasserfledermaus
Foto 12 (links mitte):
Größenvergleich: Zwergfledermaus auf Streichholzschachtel
Foto 13 (links unten):
Braune Langohren können in der dichten Vegetation jagen
Foto 14 (rechts):
Winterschlafende mopsfledermaus
3.8 Lebensraumansprüche, Verhalten und Verbreitung der in Sachsen
heimischen Fledermausarten
In Sachsen leben 20 verschiedene Fledermausarten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen,
darunter z. B. die über Gewässern jagende Wasserfledermaus, die spaltenbewohnende Zwergfle-
dermaus, die vom Aussterben bedrohte Mopsfledermaus oder das Braune Langohr.

| 21
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Ortswechsel
Literaturhinweise
Bechsteinfledermaus
myotis bechsteinii
in Sachsen bisher sehr selten
nachgewiesen
Sommerquartiere:
Baumhöhlen und hier insbesondere Spechthöhlen, gebietsweise Fledermauskästen
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen, möglicherweise auch Baumhöhlen und -spalten
Flugverhalten:
langsame wendige Beutesuche in hindernisreicher umgebung, dicht über dem Boden
bis Kronenhöhe, Ablesen der Beute vom Substrat und in dichter Vegetation
Jagdgebiete:
schwerpunktmäßig in mehrschichtigen, strukturreichen Wäldern, teilweise auch in
Obstwiesen und gehölzreichen und gut strukturierten Offenlandschaften; neben aktiver
Ortung auch passiv akustische Beutetierdetektion anhand von Raschelgeräuschen
Aktionsraum:
Jagdgebiete in unmittelbarer Quartiernähe, meist < 1-2 km vom jeweiligen Tagesquar-
tier entfernt
Ortswechsel:
ganzjährig standorttreu mit Winterquartieren in geringer Entfernung vom Sommerle-
bensraum
mESchEDE
&
hELLER
2000, KERTh 1998,
KERTh et al. 2002
SiEmERS
&
SWiFT 2006
DiETZ
&
PiR 2011
Braunes Langohr
Plecotus auritus
in ganz Sachsen häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Gebäude- und Baumquartiere (z.B. Dachböden, Fassadenverkleidungen, mauerspalten,
Baumhöhlen, -spalten, Fledermauskästen)
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen, Bunker, Keller, möglicherweise auch Baumhöhlen und
-spalten
Flugverhalten:
langsamer, sehr wendiger Flug, wobei die Beute von der Vegetation abgelesen wird, Jagd
dicht über dem Boden bis in Kronenhöhe, niedriger Flug über offenem Gelände
Jagdgebiete:
v.a. Wälder, daneben in gehölzreichen Siedlungen und Siedlungsrändern; neben aktiver
Ortung auch passiv akustische Beutetierdetektion anhand von Raschelgeräuschen
Aktionsraum:
Jagdgebiete wenige hundert meter bis reichlich 2 km vom Tagesquartier entfernt
Ortswechsel:
ganzjährig standorttreu, Winterquartiere in der Nähe der Sommerquartiere
FuhRmANN
&
SEiTZ
1994, ENTWiSTLE et
al. 1996, mESchEDE
&
hELLER 2000
Breitflügelfledermaus
Eptesicus serotinus
im Tief- und hügelland weit
verbreitet und häufig, in den
mittelgebirgen seltener
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Spaltenquartiere in und an Gebäuden, v.a. in Dachböden
Winterquartiere:
wahrscheinlich v.a. oberirdische Spaltenquartiere an und in Bauwerken
Flugverhalten:
bedächtiger Flug im freien Luftraum und entlang von Gehölzen, meist zwischen 5 m bis
Kronenhöhe
Jagdgebiete:
gehölzreiche Siedlungsränder, Grünland, Waldränder und -wege, an Straßen-
laternen
Aktionsraum:
Jagdgebiete in Quartiernähe bis 4,5 km Entfernung
Ortswechsel:
Überwinterung in der Nähe der Sommerquartiere,
Wanderungen von > 50 km selten
SchmiDT 2000, SimON
et al. 2004
Fransenfledermaus
myotis nattereri
in ganz Sachsen verbreitet
und relativ häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Baumhöhlen und -spalten, Spalten in und an Gebäuden, Dachböden, Fledermauskästen
Winterquartier:
ehemalige Bergwerksstollen, Bunker, Keller
Flugverhalten:
langsamer wendiger Flug in Vegetationsnähe, wobei die Beute dicht vor der Vegetation
oder direkt vom Blattwerk gefangen wird, oft in geringer höhe von 1-4 m, daneben
auch Aufnahme von Beutetieren vom Boden und in Kronenhöhe
Jagdgebiete:
unterholzreiche Wälder, Wiesen, Weiden, Viehställe, an Gewässern
Aktionsraum:
geringe Entfernung zwischen Quartier und Jagdgebiet von meist < 3 km
Ortswechsel: meist ortstreu, aber auch saisonale Wanderungen, z. B. in Winterquartiere
von > 100 km möglich
DiETZ et al. 2006
mESchEDE
&
RuDOL-
Ph 2004
SiEmERS
&
SWiFT
2006,
TRAPPmANN 2005
Tabelle 1: Lebensraumansprüche, Verbreitung und Verhalten der in Sachsen heimischen Fledermausarten

22 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Orts-
wechsel
Literaturhinweise
Graues Langohr
Plecotus austriacus
im Tief- und hügelland
verbreitet, insgesamt jedoch
selten
Sommer - und Wochenstubenquartiere:
Dachböden
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen, Bunker, Keller
Flugverhalten:
langsamer, sehr wendiger Flug, niedrig im freien Luftraum sowie kleinräumig
inmitten der Vegetation, Jagd dicht über dem Boden bis in Kronenhöhe, niedriger
Flug über offenem Gelände
Jagdgebiete:
Laubwälder, Gärten und Obstgärten, Waldlichtungen, extensiv genutztes Grün-
land; neben aktiver Ortung der Beute auch passiv akustische Beutetierdetektion
anhand von Raschelgeräuschen
Aktionsraum:
Jagdgebiete bis 5 km vom Tagesquartier entfernt
Ortswechsel:
ganzjährig standorttreu, Winterquartiere in der Nähe der Sommerquartiere
FLÜcKiNGER
&
BEcK 1995,
mESchEDE
&
hELLER 2000,
BRAuN
&
DiETERLEN 2003,
RAZGOuR et al. 2011
Großer Abendsegler
Nyctalus noctula
Sachsen dient als Wochen-
stuben-, Paarungs-, Rast und
Überwinterungsgebiet
Wochenstuben v.a. im
gewässerreichen Tiefland
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Baumhöhlen, Fledermauskästen, seltener Gebäudespalten
Winterquartiere:
Baumhöhlen, Spaltenquartiere an Gebäuden
Flugverhalten:
sehr schnell und geradlinig fliegende Art, Jagd vorwiegend im freien Luftraum
zwischen 10-40 m höhe bzw. über Baumkronenhöhe, teilweise aber auch in
großer höhe im freien Luftraum jagend, dazwischen blitzschnelle Sturzflüge auf
geringe höhen zum Ergreifen der Beutetiere
Jagdgebiete:
über Gewässern, Wäldern und Offenland, Siedlungen (Jagd an Laternen)
Aktionsraum:
sehr groß, Jagdgebiete können > 10 km vom Tagesquartier entfernt sein
Ortswechsel:
gerichtet ziehende Art mit saisonalen Wanderungen von 100-1.000 km von den
Wochenstuben- in Winterareale und zurück
DENSE
&
RAhmEL 2002,
BRAuN
&
DiETERLEN 2003,
LuSTiG 2010
Große Bartfledermaus
myotis brandtii
in Sachsen weit verbreitet mit
Schwerpunkt in waldreichen
Gebieten, relativ häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Dachböden, hohlräume in Brücken, männchen häufig in Baumhöhlen
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen
Flugverhalten:
zur Bodenjagd auf Laufkäfer langsamer Flug in Bodennähe, ca. 1 m über dem
Boden, Jagd um Baumkronen, Transferflüge in schnellem direkten Flug, Struktur-
bindung vor allem beim abendlichen Ausflug aus den Quartieren ausgeprägt
Jagdgebiete:
v.a. unterwuchsarme Wälder, daneben frisch gemähte Wiesen und abgeerntete
äcker, neben aktiver Ortung auch passiv akustische Beutetierdetektion anhand
von Raschelgeräuschen
Aktionsraum:
sehr groß, Jagdgebiete oft > 10 km, gelegentlich > 20 km vom Tagesquartier
entfernt
Ortswechsel:
saisonale Wanderungen von 100-300 km
AuDET 1990, ARLETTAZ 1995,
GÜTTiNGER 1997,
mESchEDE
&
RuDOLPh 2004
hERTWEcK
&
PLESKY 2006,
SiEmERS
&
SchAuB 2010
Tabelle 1: Lebensraumansprüche, Verbreitung und Verhalten der in Sachsen heimischen Fledermausarten

| 23
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Orts-
wechsel
Literaturhinweise
Großes Mausohr
myotis myotis
in Sachsen weit verbreitet mit
Schwerpunkt in waldreichen
Gebieten, relativ häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Dachböden, hohlräume in Brücken, männchen häufig in Baumhöhlen
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen
Flugverhalten:
zur Bodenjagd auf Laufkäfer langsamer Flug in Bodennähe, ca. 1 m über dem
Boden, Jagd um Baumkronen, Transferflüge in schnellem direkten Flug, Struktur-
bindung vor allem beim abendlichen Ausflug aus den Quartieren ausgeprägt
Jagdgebiete:
v.a. unterwuchsarme Wälder, daneben frisch gemähte Wiesen und abgeerntete
äcker, neben aktiver Ortung auch passiv akustische Beutetierdetektion anhand
von Raschelgeräuschen
Aktionsraum:
sehr groß, Jagdgebiete oft > 10 km, gelegentlich > 20 km vom Tagesquartier
entfernt
Ortswechsel:
saisonale Wanderungen von 100-300 km
AuDET 1990, ARLETTAZ 1995,
GÜTTiNGER 1997, mESchEDE
&
RuDOLPh 2004
hERTWEcK
&
PLESKY 2006,
SiEmERS
&
SchAuB 2010
Kleiner Abendsegler
Nyctalus leisleri
Vorkommen im westlichen
hügelland; selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Baumhöhlen, seltener Gebäude, Fledermauskästen
Winterquartiere:
fernwandernde Art, keine Winterquartiere in Sachsen bekannt
Flugverhalten:
schneller gewandter Flug im freien Luftraum und über weite Strecken
Jagdgebiete:
Wälder, Offenland, beweidetes Grünland, Siedlungsraum, Gewässer
Aktionsraum:
Entfernung zwischen Tagesquartier und Jagdgebieten bis 5 km,
gelegentlich > 15 km
Ortswechsel:
gerichtet ziehende Art mit saisonalen Wanderungen von 1.000-1.500 km,
von den Wochenstubenarealen in südlich oder südwestlich gelegene Gebiete
mit Winterquartieren und zurück
mESchEDE
&
hELLER 2000,
SchORchT 2002
Kleine Bartfledermaus
myotis mystacinus
in allen Naturräumen Sach-
sens verbreitet, insgesamt
jedoch selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Spaltenquartiere an Gebäuden, Baumhöhlen und -spalten
Winterquartier:
ehemalige Bergwerksstollen
Flugverhalten:
schneller, wendiger Flug, Jagd in Gehölznähe, oft sehr niedrig in ca. 1-3 m höhe,
aber auch in Baumkronenhöhe
Jagdgebiete:
flexible Jagdgebietswahl in gut strukturierten gehölzreichen Landschaften,
Wäldern, Siedlungen, an Gewässern
Aktionsraum:
Entfernung zwischen Quartier und Jagdgebiet etwa 1 km
Ortswechsel:
saisonale Wanderungen von > 100 km möglich
SimON et al. 2004, mESchDE
&
RuDOLPh 2004,
hOLDERiED et al. 2006

24 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Orts-
wechsel
Literaturhinweise
Kleine Hufeisennase
Rhinolophus hippo-
sideros
Elbtal und Nebentäler zwi-
schen Sächsischer Schweiz
und dem Raum meißen;
regional begrenzt, selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
dunkle, warme, zugluftfreie Dachböden, warme Kellerräume
Winterquartiere:
ehemalige Kalkbergwerke und Bergwerksstollen
Flugverhalten:
äußerst wendiger, langsamer Flug, Jagd sehr dicht an oder im Blattwerk von
Gehölzen, kleinere Freiflächen werden bodennah überflogen, größere Freiflächen
(> 200m) werden gemieden
Jagdgebiete:
vorzugsweise in strukturreichen Laubwäldern; daneben parkartige Bestände,
Streuobstwiesen und Siedlungsränder mit dichtem Gehölzbestand
Aktionsraum:
Entfernung zwischen Tagesquartier und Jagdgebiet wenige 100 m bis etwa 4 km
Ortswechsel:
Entfernung zwischen Sommer- und Winterquartier < 20 km
BONTADiNA et al. 2002, 2004
&
2006;
ZÖPhEL et al. 2004/05
Mopsfledermaus
Barbastella barbastellus
weit verbreitet,
Schwerpunkt im hügelland
sowie im Vogtland
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
meist hinter abplatzender Rinde, gebietsweise in Fledermauskästen, Spalten an
Gebäuden, z.B. hinter Fensterläden
Winterquartier:
ehemalige Bergwerksstollen, Bunker, Keller, Baumspalten
Flugverhalten:
Wechsel zwischen schnellem und langsamem wendigen Flug, Jagdflug niedrig
(ab 1,5 m) bis in den Kronenbereich und über dem Kronendach
Jagdgebiete:
v.a. strukturreiche Wälder, dabei bevorzugt entlang von Grenzstrukturen,
schneller Wechsel zwischen verschiedenen Jagdgebieten
Aktionsraum:
Jagdgebiete im unmittelbaren umkreis des Tagesquartiers und bis > 10 km
davon entfernt
Ortswechsel:
Sommer- und Winterquartiere meist < 40 km voneinander entfernt
SiERRO 1999,
STEiNhAuSER 2002, KLENKE
et al. 2004
Mückenfledermaus
Pipistrellus pygmaeus
v.a. im Tief- und hügelland;
selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Spalten in und an Gebäuden, Baumhöhlen und -spalten, Fledermauskästen
Winterquartiere:
Fels- und mauerspalten, daneben auch Baumhöhlen und -spalten
Flugverhalten:
sehr schneller, wendiger Flug, bodennah bis Baumkronenhöhe, vegetationsnah
und im freien Luftraum
Jagdgebiete:
v.a. in Gewässernähe entlang von Gehölzen, daneben Wälder, Waldränder, Parks
Aktionsraum:
Jagdgebiete im unmittelbaren umkreis des Tagesquartiers bis > 10 km davon
entfernt
Ortswechsel:
Sommer- und Winterquartiere meist < 40 km voneinander entfernt
ZÖPhEL et al. 2002,
BRAuN
&
DiETERLEN 2003
Tabelle 1: Lebensraumansprüche, Verbreitung und Verhalten der in Sachsen heimischen Fledermausarten

| 25
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Orts-
wechsel
Literaturhinweise
Nordfledermaus
Eptesicus nilssonii
in den Sächsischen mittelge-
birgsregionen häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Spaltenquartiere an Gebäuden, v.a. Fassaden- und Schornsteinverkleidungen
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen, Keller
Flugverhalten:
schneller wendiger Flug im freien und halboffenen Luftraum und über weite
Strecken, Jagd über und entlang von Baumkronen, über Wiesen in ca. 2-5 m
höhe, Streckenflüge entlang von Vegetationsstrukturen und Flussläufen
Jagdgebiete:
Wälder, Waldränder, Gewässer, Wie-sen, an Straßenlaternen
Aktionsraum:
Jagdgebiete in der Wochenstubenzeit < 1 bis 4 km entfernt, im Spätsommer mit
bis 15 km Entfernung zwischen Tagesquartier und Jagdgebieten bzw. nächtlichen
Erkundungsflügen bis zu 70 km weiträumiger aktiv
Ortswechsel:
selten, Fernfunde in > 100 km Entfernung
hAuPT et al. 2006, RYDELL
1986, DE JONG 1994,
STEiNhAuSER 1999, mESchE-
DE
&
RuDOLPh 2004
Nymphenfledermaus
myotis alcathoe
Verbreitung noch unklar,
erste Funde im Westsächsi-
schen Tiefland, im unteren
Erzgebirge und im Raum
Dresden
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
vor allem Spaltenquartiere in Laubbäumen
Winterquartiere:
bisher Einzelfunde in unterirdischen Quartieren
Flugverhalten:
jagt in Baumkronen und Gehölzen
Jagdgebiete:
feuchte Laubwälder mit hohem Altholzanteil und in Gewässernähe, entlang
gewässerbegleitender Gehölze
Aktionsraum:
Jagdgebiete in Quartiernähe bis etwa 1,5 km Entfernung;
Ortswechsel: größere Ortswechsel sind bislang nicht bekannt
BRiNKmANN
&
NiERmANN
2007, NiERmANN et al. 2007,
LuČAN et al. 2008, 2009
OhLENDORF et al. 2008, 2009
SchORchT et al. 2009, mEi-
SEL
&
ROSNER 2011
Rauhautfledermaus
Pipistrellus nathusii
im nördlichen Tiefland, v.a.
Durchzügler sowie einzelne
Fortpflanzungsnachweise;
selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Baumhöhlen und -spalten, Fledermauskästen, Spalten an Gebäuden
Winterquartiere:
Baumhöhlen und -spalten, mauerritzen
Flugverhalten:
schneller geradliniger Flug meist in 3–20 m höhe, auf dem Zug auch in großer
höhe fliegend, Jagd- und Transferflüge oft entlang linearer Landschaftselemente,
Transferflüge auch über offenes Gelände.
Jagdgebiete:
Gewässer, Feuchtgebiete, Wälder, Offenland
Aktionsraum:
Entfernungen zwischen Tagesquartier und Jagdgebieten bis 6,5 km
Ortswechsel:
saisonaler Langstreckenzug von 1.000-2.000 km
mESchEDE
&
RuDOLPh 2004,
ARNOLD
&
BRAuN 2002,
SchORchT et al. 2002
Teichfledermaus
myotis dasycneme
einzelne Nachweise im Elbtal
und der Teichlausitz, bisher
keine Quartiernachweise;
sehr selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Gebäude (Dachböden, Dachverblendungen)
Winterquartiere:
höhlen, Stollen, Keller
Flugverhalten:
schneller geradliniger Flug, Jagd in etwa gleichbleibender höhe von 10 – 60 cm
über dem Wasserspiegel, wobei ausdauernd dieselbe Strecke von mehr als 100 m
Länge beflogen wird
Jagdgebiete:
v.a. ruhige offene Wasserflächen, daneben Schilfbestände, Wiesen, Waldränder
Aktionsraum:
Entfernung zwischen Quartier und Jagdgebiet regelmäßig 10-15 km
Ortswechsel:
saisonale Wanderungen, z. B. aus Reproduktionsgebieten in die Winterquartiere
und zurück mit bis zu 300 km Entfernung
LimPENS et al. 1999, SiJPE et
al. 2004, DiETZ et al. 2007

26 |
3
Vorkommen und Ökologie in Sachsen
Art
Verbreitung / häufigkeit in
Sachsen
Quartiere / Flugverhalten / Jagdgebiete / Aktionsraum / saisonale Orts-
wechsel
Literaturhinweise
Wasserfledermaus
myotis daubentonii
ganz Sachsen mit Schwer-
punkt im gewässerreichen
Tiefland
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Baumhöhlen, Spalten in Brücken, seltener Fledermauskästen
Winterquartiere:
ehemalige Bergwerksstollen, Bunker, Keller
Flugverhalten:
schnell und wendig fliegende Art, Jagd meist dicht über der Wasseroberfläche
Jagdgebiete:
v.a. Stillgewässer und ruhige Flussabschnitte,
daneben in Wäldern und über Wiesen
Aktionsraum:
Jagdgebiete meist in der Nähe von Wochenstubenquartieren
bis 4 km Entfernung, seltener bis 8 km entfernt
Ortswechsel:
zwischen Sommer- und Winterquartier liegen oft > 100 km
mESchEDE
&
hELLER 2000,
NATuSchKE 2002, DiETZ
2008b
Zweifarbfledermaus
Vespertilio murinus
v.a. Durchzug und Überwin-
terung, einzelne Reproduk-
tionshinweise; im Sommer
kopfstarke männchenkoloni-
en bekannt, selten
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Felsspalten, Spalten in und an Gebäuden
Winterquartiere:
Felsspalten, Spalten in und an Gebäuden
Flugverhalten:
hohe Fluggeschwindigkeit in oft > 50 m höhe
Jagdgebiete:
im freien Luftraum, vor allem über Gewässern, daneben über Ackerflächen
und Siedlungen
Aktionsraum:
Jagdgebiete der Weibchen etwa 2-6 km vom Tagesquartier entfernt,
bei männchen bis 20,5 km
Ortswechsel:
saisonale Langstreckenwanderungen > 1.000 km
SAFi 2006
Zwergfledermaus
Pipistrellus pipistrellus
in ganz Sachsen häufig
Sommer- und Wochenstubenquartiere:
Spalten in und an Gebäuden, männchen und Paarungsgruppen oft in Bäumen
Winterquartiere:
Fels- und mauerspalten
Flugverhalten:
Jagd im freien Luftraum in Vegetationsnähe bis in Baumkronenhöhe, wendiger
Flug mit schnellen Sturzflügen nach der Beute, ausdauerndes Patroullieren ent-
lang von Gehölzstreifen oder Waldrändern, Streckenflüge entlang von Gehölzen
oder über unstrukturiertes Offenland
Jagdgebiete:
Gewässer und gehölzreiche Gewässer-ufer, Waldränder und Wälder, gehölzreiche
Siedlungen, Wiesen und Weiden
Aktionsraum:
Jagdgebiete maximal 2 km vom Tagesquartier entfernt
Ortswechsel:
Entfernung zwischen Sommer- und Winterquartieren meist < 20 bis 50 km,
selten > 100 km
SimON et al. 2004, VAuGhAN
et al. 1997, BRAuN
&
DiE-
TERLEN 2003, mESchEDE
&
RuDOLPh 2004, DAViDSON-
WATTS
&
JONES 2006
Tabelle 1: Lebensraumansprüche, Verbreitung und Verhalten der in Sachsen heimischen Fledermausarten

| 27
Tabelle 2: Flug- und Ortungsverhalten: Schematische Einteilung der Fledermausarten in strukturgebundenes, bedingt strukturgebundenes und
wenig strukturgebundenes (Jäger des freien Luftraums) Flugverhalten; Übergänge bei der Strukturbindung sind möglich (X)
Fledermausart/ -gattung
wissenschaftlicher name
strukturgebunden
bedingt strukturgebunden
wenig strukturgebunden
Bechsteinfledermaus
myotis bechsteinii
X
Braunes Langohr
Plecotus auritus
X
Breitflügelfledermaus
Eptesicus serotinus
X
Fransenfledermaus
myotis nattereri
X
Graues Langohr
Plecotus austriacus
X
Großer Abendsegler
Nyctalus noctula
X
Große Bartfledermaus
myotis brandtii
X
(X)
Großes Mausohr
myotis myotis
(X)
X
Kleiner Abendsegler
Nyctalus leisleri
X
Kleine Bartfledermaus
myotis mystacinus
X
(X)
Kleine Hufeisennase
Rhinolophus hipposideros
X
Mopsfledermaus
Barbastella barbastellus
(X)
X
Mückenfledermaus
Pipistrellus pygmaeus
X
Nymphenfledermaus
myotis alcathoe
X
Nordfledermaus
Eptesicus nilsonii
(X)
X
Rauhautfledermaus
Pipistrellus nathusii
X
Teichfledermaus
myotis dasycneme
(X)
X
Wasserfledermaus
myotis daubentonii
X
(X)
Zweifarbfledermaus
Vespertilio murinus
(X)
X
Zwergfledermaus
Pipistrellus pipistrellus
X
in der nachfolgenden Tabelle 2 ist das für Stra-
ßenbauvorhaben besonders relevante Flug- und
Ortungsverhalten der in Sachsen vorkommenden
Fledermausarten zusammenfassend dargestellt.

28 |
Zunehmend wird bekannt, dass Fledermäuse
trotz ihrer Flugfähigkeit durch
kollisionen
mit
Fahrzeugen zu Tode kommen. Von fast allen in
mitteleuropa vorkommenden Fledermausarten
wurden bereits Verkehrsopfer, mehrheitlich
„zufällig“ an Straßen gefunden (KiEFER
&
SAN-
DER 1993, KiEFER et al. 1994/95, hAENSEL
&
RAcKOW 1996). Die Dunkelziffer der Fleder-
maus-Verluste durch den Straßen- oder auch
den Schienenverkehr ist mit Bestimmtheit weit
höher anzusetzen, als es die Zahl der zufällig
nachgewiesenen Totfunde vermuten lässt.
Selbst bei systematischer Suche werden vor-
aussichtlich weniger als 10% der tatsächlich
getöteten Tiere entdeckt (SLATER 2002).
Aktuelle systematische Nachsuchen von Kolli-
sionsopfern entlang von Straßen, wie z.B. von
LESiÑSKi (2007), GAiLSER et al. (2009), DO-
BOuRG-SAVAGE (2011), LESiÑSKi et al. (2011),
PLANcKAERT 2011) zeigen, dass Totfunde ge-
häuft in den Trassenbereichen gefunden wur-
den, die von Fledermäusen bevorzugte Leit-
strukturen kreuzen oder attraktive Jagdgebiete,
wie z.B. Wälder oder Gewässer, aber auch Ge-
hölzbestände in Siedlungen queren. Jahreszeit-
lich traten bei den bisherigen untersuchungen
verstärkt
Totfunde im hoch- und Spätsom-
mer
auf. in dieser Zeit sind die Jungtiere be-
reits flügge und die Fledermäuse unternehmen
größere Ortswechsel zu ihren Balz-, Schwarm-
und Winterquartieren.
Fledermäuse können beim niedrigen Überflug
von Straßen (wie z.B. auf Transferflügen) oder
auch beim Beutefang (Jagdflug) mit Fahrzeu-
gen kollidieren. Auf den Transferflügen sind
insbesondere Arten betroffen, die sich sehr
strukturgebunden orientieren. Weniger struk-
turgebunden fliegende Arten, wie z.B. der
Abendsegler, sind vor allem während ihrer stra-
ßennahen Jagdflüge durch Kollisionen gefähr-
det. Aufgewärmte Asphaltdecken und starke
Lichtquellen (Autoscheinwerfer, Straßenlater-
nen) locken nachtaktive insekten an, die von
diesen Fledermausarten spontan als reichhalti-
ges Nahrungsangebot erkannt und als Nah-
rungsquelle sofort genutzt werden. Auf ihren
Transferflügen zwischen verschiedenen Teille-
bensräumen dagegen sind diese Arten in der
Regel nicht durch Kollisionen mit dem fließen-
den Verkehr gefährdet.
4 Gefährdungen und Beeinträchtigungen
von Fledermäusen durch den Straßenverkehr
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
4.1 Tierverluste durch Kollisionen mit dem Straßenverkehr
Straßen können direkte und indirekte Auswir-
kungen auf die Fledermausfauna haben. Zu den
direkten Auswirkungen gehören Tierverluste
durch Kollisionen mit dem fließenden Verkehr.
Zu den indirekten Auswirkungen auf Fleder-
mauspopulationen zählt die Zerschneidung
ihrer Lebensräume durch Straßen sowie der
Verlust oder die Beeinträchtigung von Quartie-
ren und Nahrungshabitaten.
im Folgenden stehen die Tierverluste durch Kol-
lisionen und die Zerschneidung von Lebensräu-
men im Vordergrund der Betrachtung, da diese
Gefährdungen durch Querungshilfen für Fle-
dermäuse vermieden oder zumindest vermin-
dert werden können.

image
| 29
in unserer durch vielfältige Verkehrsachsen
erschlossenen Zivilisationslandschaft sind
Kollisionen im Verkehr bereits jetzt ein
bedeu-
tender mortalitätsfaktor
. Bei Aus- und Neu-
bauplanungen von Straßen stellt sich die Frage,
inwieweit eine durch das Vorhaben zusätzlich
verursachte mortalität den Erhaltungszustand
der lokalen Populationen beeinflusst. Anhand
von modellrechungen wurde gezeigt, dass der
Verkehrstod von nur wenigen adulten individu-
en/Jahr (d.h. als zusätzliche verkehrsbedingte
mortalität) die Fledermausbestände spürbar
verringern und somit das Aussterberisiko loka-
ler Fledermauspopulationen erhöhen kann (vgl.
BiEDERmANN et al. 2004, DiETZ
&
BiRLENBAch
2006). So besteht in den untersuchten Fallbei-
spielen bei der Kleinen hufeisennase und dem
mausohr, d.h. bei zwei langlebigen Arten, be-
reits bei einer zusätzlichen, verkehrsbedingten
mortalität von 3 bis 7 erwachsenen Weibchen
pro Jahr bei einer Koloniegröße von insgesamt
100 Weibchen eine deutliche Gefahr einer ne-
gativen Bestandsentwicklung. Da alle Fleder-
mausarten verhältnismäßig langlebig sind und
nur maximal 1-2 Jungtiere pro Jahr bekommen,
reagieren Bestände empfindlich auf äußere ne-
gative Einflüsse und geschwächte Bestände
können sich nur langsam erholen.
Foto 15:
Die Dunkelziffer der Fledermausverluste durch den
Straßenverkehr ist mit Bestimmtheit höher anzusetzen,
als es die Zahl der zufällig nachgewiesenen Totfunde
vermuten lässt. Bisher wurden nur selten systematische
Suchen nach Kollisionsopfern entlang von Straßen
vorgenommen.

image
30 |
Straßen können die von Fledermäusen zu unter-
schiedlichen Tages- und Jahreszeiten genutzten
Teillebensräume (Sommerquartiere, Jagdgebiete,
Winterquartiere u.a.) zerschneiden. Bei den sich
strukturgebunden orientierenden Arten könnte
dies im Extremfall dazu führen, dass Flugwege
zwischen diesen Gebieten dauerhaft unterbro-
chen werden (für eine Übersicht der Empfindlich-
keit der einzelnen Arten gegenüber Zerschnei-
dungswirkungen siehe Tabelle 3).
in vielen Fällen dürften jedoch die funktionalen
Beziehungen zwischen den Teillebensräumen die-
ser Arten zumindest beeinträchtigt werden. Er-
hebliche Beeinträchtigungen können dadurch
entstehen, dass die Tiere versuchen, nach dem
Neu- oder Ausbau einer Straße ihrer traditionellen
Flugroute folgend, diese im fließenden Verkehr zu
überwinden, wobei sie damit einem erhöhten Kol-
lisionsrisiko ausgesetzt sind (vgl. Kap. 4.1).
Ebenso ist es als Beeinträchtigung anzusehen,
wenn die Arten ausweichen und versuchen, die
Straße an anderer Stelle, z.B. an einer unterfüh-
rung sicher zu queren. umwege verzögern die
Ankunft im Nahrungsgebiet und verkürzen dort
die Aufenthaltszeit. Dies kann zu physiologischen
Beeinträchtigungen des Ernährungszustandes
führen. So konnten bereits KRuLL et al. (1991) an
einer Kolonie der Wimperfledermaus im Rosen-
heimer Becken (Bayern) zeigen, dass die Tiere auf
dem Weg von ihrem Wochenstubenquartier in
einer Kirche in ihre Jagdhabitate in einem angren-
zenden Wald einen langen umweg zu einer Wirt-
schaftswege-unterführung in Kauf nehmen, um
die direkte Querung einer Bundesautobahn zu
vermeiden. Entsprechende Vermeidungsreaktio-
nen wurden mittlerweile an vielen Stellen und für
zahlreiche Arten nachgewiesen (vgl. z.B. BRiNK-
mANN et al. 2001, BRiNKmANN et al. 2006, wei-
tere eigene Daten).
Eine solche Anpassung lässt sich heute natürlich
nur an jenen lokalen Populationen dokumentie-
ren, die während des Anpassungsprozesses, z.B.
infolge eines erhöhten Kollisionsrisikos, nicht aus-
gestorben sind oder ihren Aktionsraum grund-
sätzlich verlagert haben. Dabei muss berücksich-
tigt werden, dass diese Beobachtungen an 40, 50
oder 60 Jahre alten Autobahnen gemacht werden,
die zur Zeit der inbetriebnahme noch nicht die
Verkehrsdichten aufwiesen, die heute bei einer
Verkehrsfreigabe einer neuen Bundesstraße oder
Autobahn zu erwarten sind, so dass vermutlich
günstigere Bedingungen für die Fledermäuse be-
standen, sich der neuen Situation anzupassen.
Eine wichtige Rolle als Leitstrukturen für Fleder-
mäuse spielen vor allem durchgängige und groß-
räumig vernetzte Landschaftsstrukturen, wie sie
z.B. in Fluss- und Bachtälern oder auch in wald-
reichen Landschaften ausgeprägt sind. Es wird
angenommen, dass solche großräumigen Vernet-
zungen, insbesondere auch für die weiträumige-
ren Transferflüge der Fledermäuse zu ihren Balz-,
Schwarm- und Winterquartieren, von großer
Bedeutung sind (iNSTiTuT FÜR TiERÖKOLOGiE
uND NATuRBiLDuNG 2007).
Foto 16:
Verkehrstrassen können wichtige Jagdgebiete oder
Leitstrukturen von Fledermäusen zerschneiden bzw.
entwerten.
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
4.2 Beeinträchtigung von Funktionsbeziehungen durch Trennwirkungen

image
| 31
Für Flüge zwischen den Quartieren und den
Jagdhabitaten, die während der Säugezeit sogar
mehrmals pro Nacht erfolgen, werden oft Land-
schaftsstrukturen, wie z.B. Alleen, hecken, Streu-
obstwiesen, Waldränder usw., zur Orientierung
genutzt. Optimale Funktionsbeziehungen wer-
den durch eine reich gegliederte Kulturland-
schaft mit Feldgehölzen, hecken, Obstwiesen
und naturnahen Fließgewässern gewährleistet.
in der Summe können die Zerschneidungswir-
kung und das Kollisionsrisiko dazu beitragen,
dass die Überlebenswahrscheinlichkeit einer
lokalen Fledermauspopulation beeinträchtigt
wird, indem wichtige Teillebensräume, wie z.B.
Quartiere innerhalb eines Quartierverbundes
oder auch wichtige Jagdhabitate, nicht oder nur
noch eingeschränkt erreichbar sind. Bei der Pla-
nung von Straßen muss daher erreicht werden,
dass wichtige Flugwege der Fledermäuse nicht
zerschnitten werden. Neben den konkret ermit-
telten Flugwegen sollten auch die für die groß-
räumigen Austauschbeziehungen und Wande-
rungen der Fledermäuse vermutlich besonders
wichtigen Flusstäler und zusammenhängenden
Waldgebiete grundsätzlich passierbar bleiben.
Damit wird auch eine grundlegende „Durchläs-
sigkeit“ der Landschaft gewährleistet, wenn sich
Aktionsräume und Aktivitätszentren der Fleder-
mäuse aufgrund der änderungen zentraler um-
weltfaktoren (habitatangebot, Klima) zukünftig
verschieben.
Die nachfolgende Abbildung 3 verdeutlicht, dass
auch innerhalb geschlossener Waldgebiete be-
vorzugte Fledermausflugverbindungen (Fließge-
wässer, Forstwege, Waldschneisen) durch eine
geplante Trasse unterbrochen werden können.
Abbildung 3:
Die Trassierung in geschlossenen Waldgebieten führt zur
unterbrechung von wichtigen Leitstrukturen und
Verbindungswegen der Fledermäuse (z.B. Forstwege,
Waldsäume, Fließgewässer)

image
32 |
Ein direkter Verlust von Biotopstrukturen, die als
Jagdgebiete in der umgebung von Quartieren
genutzt werden, führt zu
Einschränkungen der
nahrungsverfügbarkeit.
Fledermäuse nutzen im
umfeld ihrer Quartiere bestimmte Jagdgebiete
traditionell und suchen diese je nach saisonalem
Nahrungsangebot auf. Verringert sich die Dichte
verfügbarer Nahrung, müssen die Fledermäuse
auf entfernt liegende Jagdgebiete ausweichen
oder sich neue Flächen erschließen. Dabei müssen
die Tiere längere Flugwege in Kauf nehmen, die
die Energiebilanz der einzelnen individuen negativ
beeinflussen können (gerade in jahreszeitlich-
oder witterungsbedingten Nahrungsengpässen,
z.B. nach dem Winterschlaf).
Werden die Teilflächen geeigneter Biotoptypen zu
klein, verlieren sie ihre Bedeutung als Jagdgebiete
für das jeweilige Fledermaus-individuum. Am
stärksten betroffen sind hierbei kleinräumig aktive
Fledermausarten, wie beispielsweise Kleine hufei-
sennase, Bechsteinfledermaus oder Langohren.
ihre Jagdgebiete befinden sich mehrheitlich in
unmittelbarer Nähe der Quartiere. Eine weitrei-
chende Zerstörung oder Beeinträchtigung der
nahe gelegenen Biotopstrukturen könnte das Aus-
sterben oder Verlassen des gesamten Wochenstu-
benverbandes aus einem Gebiet zur Folge haben.
Auch Nahrungsgebiete, die straßennah liegen,
können beeinträchtigt sein. Diese werden dann
von Fledermäusen weniger genutzt, wie dies von
BERThiNuSSEN
&
ALTRiNGhAm (2011) vermutet
wird. Oder die nutzbaren Aktivitätsgebiete der
einzelnen Fledermaus werden dadurch kleiner
(KERTh
&
mELBER 2009). Nahrungshabitate kön-
nen auch indirekt durch
Licht- und Lärmemis-
sionen
, die vom fließenden Verkehr ausgehen,
beeinträchtigt werden. Fledermäuse, die insekten
oder Spinnen von Blättern und Boden ablesen
(sogenannte gleaning bats, wie Bechstein-, Fran-
senfledermäuse, mausohren, Langohren), jagen
entweder mit sehr leisen Echoortungsrufen (akti-
ve Echoortung) oder sind auf das hören von Be-
wegungen der Beuteinsekten angewiesen. Sie
„hören“ die sehr leisen Raschelgeräusche (wie
Lauf- und Fluggeräusche) oder Kommunikations-
laute ihrer Beuteinsekten. Diese Jagdstrategie
wird als „passiv akustische Beutedetektion“ be-
zeichnet (DiETZ et al. 2007, SchAuB et al. 2008).
Bei speziellen untersuchungen des Wirkfaktors
Verkehrslärm
haben SchAuB et al. (2008) über
Verhaltensversuche festgestellt, dass sich die Fre-
quenzbänder von Laufkäfergeräuschen und Ver-
kehrslärm weitgehend überlappen. Es kann daher
zu maskierungseffekten kommen, die den Jagder-
folg der Fledermäuse mindern bzw. sogar verhin-
dern. im Versuch konnten meidungsdistanzen an
Autobahnen von bis zu 25 m für mausohren
nachgewiesen werden. Ebenso wurde bei den un-
tersuchten mausohren festgestellt, dass Suchzei-
ten bis zum Beutefang mit zunehmender Distanz
zur Autobahn abnehmen und bis 50 m Entfernung
noch leicht erhöht sind. Es kann erwartet werden,
dass bei allen passiv detektierenden Fledermaus-
arten ähnliche Effekte auftreten (vgl. Tabelle 3).
Neben den Lärmemissionen könnten auch Licht-
emissionen des Verkehrs zu einer meidung von
straßennahen Jagdhabitaten einzelner Fleder-
mausarten führen. Bekannt ist, dass insbesonde-
re einige Waldfledermausarten wie Bechstein-,
Fransen-, Bartfledermäuse, mausohren und Lang-
ohren sowie auch hufeisennasen Licht meiden, da
sie sich durch Licht gestört fühlen bzw. einem
höheren Prädationsdruck, z. B. durch Nachtgreif-
vögel, ausgesetzt sein könnten. Wasserfledermäu-
se, mausohren und Kleine hufeisennasen verla-
gern sogar ihre Flugrouten bei Beleuchtung (z.B.
STONE et al. 2009) (vgl. Tabelle 3). Von anderen
Fledermausarten, wie der Zwergfledermaus und
dem Kleinen Abendsegler, ist im Gegensatz dazu
bekannt, dass sie an Lichtquellen jagen, wie z. B.
an Straßenlaternen, die durch ihr Licht Beutein-
sekten anlocken (z. B. RYDELL
&
RAcEY 1995,
ShiEL
&
FAiRLEY 1998). Diese Arten können im
beleuchteten Straßenbereich während ihres Jagd-
verhaltens zu Kollisionsopfern werden.
Foto 17:
insbesondere Fledermausarten, die sehr leise orten bzw. auf
das hören von Bewegungen der Beuteinsekten angewiesen
sind, können bei ihren Jagdflügen durch Verkehrslärm
beeinträchtigt werden. Dazu zählt die waldbewohnende
Bechsteinfledermaus. Sie ist darauf spezialisiert, ihre
Beutetiere direkt vom Blattwerk abzulesen und jagt im
gesamten Baumkronenbereich.
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
4.3 Verlust und Beeinträchtigung von Nahrungshabitaten

image
image
| 33
Fledermausquartiere sind im Zuge von Straßen-
planungen besonders gefährdet, da sie nicht
einfach verschoben oder ersetzt werden kön-
nen. Eine
aktive Umsiedlung
von Fledermäu-
sen ist in der Regel
nicht erfolgreich möglich
(z.B. BiEDERmANN, DiETZ
&
SchORchT 2007).
Quartiere sind als Lebensstätten streng ge-
schützt. Gefährdungen können bau- und anla-
gebedingt (Rodung, Überbauung, Abriss, Ver-
schluss) oder betriebsbedingt entstehen, etwa
wenn die Trasse nahe an dem Quartier vorbei
führt, so dass sich das Kollisionsrisiko erhöht.
Darüber hinaus können die Tiere durch Sekun-
därfaktoren (z.B. Licht, Lärm, Veränderungen
des Kleinklimas) veranlasst werden, das Quar-
tier dauerhaft aufzugeben. Quartiere werden
traditionell über Jahre und Jahrzehnte genutzt,
d.h. selbst wenn - jahreszeitlich bedingt - die
Fledermäuse nicht anwesend sind, ist das Quar-
tier eine gesetzlich geschützte „Lebensstätte“.
in Wäldern und teilweise auch im Siedlungs-
raum muss beachtet werden, dass die „Lebens-
stätte“ aus einem Quartierverbund mehrerer
Quartiere besteht. Durch die Fragmentierung
kann es zu einem, einer Zerstörung gleichzu-
setzenden und damit völligen Funktionsverlust
kommen, selbst wenn kein Quartier unmittelbar
in Anspruch genommen wird (ROTh et al. 2000)
Die Fragmentierungswirkung mit Beeinträchti-
gung der Lebensstätte ist auch gegeben, wenn
die Trasse zwischen Quartieren und essentiellen
Nahrungsräumen verläuft. Erreichen z.B. die
säugenden Weibchen einer Kolonie ihre Nah-
rungsräume nicht mehr oder nur unter perma-
nenter Kollisionsgefahr, wird sich dies auf die
Reproduktionsraten und damit auf die Popula-
tionsentwicklung negativ auswirken (vgl. Ab-
bildung 4).
Abbildung 4:
Lebensstätten von Fledermäusen können durch Trassen sehr unterschiedlich beeinträchtigt werden. Es entstehen bau- und
anlagebedingte Direktverluste (nördliche Variante) oder Fragmentierungen von essentiellen Nahrungsräumen (südliche Variante).
Foto 18 (links):
Gefällter höhlenbaum, der als Fledermausquartier diente
4.4 Verlust/Beeinträchtigung von Quartieren (Wochenstuben, Winterquartiere, Tagesverstecke)

34 |
Eine erhebliche Störung von Fledermausarten
liegt vor, wenn sich der Erhaltungszustand der
lokalen Population verschlechtert. Die Beein-
trächtigung oder Zerstörung von Lebensstätten
und essentiellen Jagdhabitaten oder Flugrouten,
bei deren Verlust die Lebensstätte nicht mehr
ihre Funktion erfüllen kann, ist ebenso als erheb-
lich zu bewerten. Tötungen von Fledermäusen
an Straßen sind dann als erheblich zu werten,
wenn sie über das allgemeine Lebensrisiko hin-
ausgehen (vgl. hierzu Kap. 2.1 und 2.2). Auch im
Rahmen einer FFh-Verträglichkeitsprüfung (§ 34
Abs. 2 BNatSchG) ist ein Projekt dann als unzu-
lässig einzustufen, wenn es zu erheblichen Be-
einträchtigungen eines FFh-Gebietes in seinen
für die Erhaltungsziele oder den Schutzzweck
maßgeblichen Bestandteilen führen kann (hier
Fledermausarten des Anhangs ii der FFh-Richt-
linie).
Für die Bewertung der Erheblichkeit gibt es keine
allgemein gültigen oder verbindlichen Schwel-
lenwerte, kein schematisches Bewertungsverfah-
ren. Jedes Planungsverfahren muss als Einzelfall
bewertet werden. Während das artenschutz-
rechtliche Tötungsverbot relativ streng auszule-
gen ist, existiert bei der Bewertung von Störun-
gen (mit Bezug auf die lokale Population) und
der Beeinträchtigung von essentiellen Jagdhabi-
taten oder Flugrouten ein größerer interpretati-
onsspielraum. Eine Bewertung kann in diesen
Fällen aufgrund der Komplexität der hier zu
beurteilenden Sachverhalte (z.B. Bedeutung von
Funktionsbeziehungen, Beurteilung der Qualität
von Jagdhabitaten) aktuell nur verbal-argumen-
tativ durchgeführt werden.
Dies gilt im Besonderen auch für die Bewer-
tung von Beeinträchtigungen im Rahmen der
Eingriffsregelung und der umweltverträglich-
keitsstudie. Der Erhalt von Fledermauspopula-
tionen in einem Landschaftsraum hängt davon
ab, dass wesentliche Aspekte der Fortpflanzung,
Ernährung, migration, des Durchzugs und der
Überwinterung – bzw. der „ökologischen Erfor-
dernisse der Art“ durch ein Straßenbauvorha-
ben nicht beeinträchtigt werden. in diesen
Fällen bietet sich eine separate Bewertung ge-
trennt nach Lebensraumfunktionen und/oder
auch nach den entsprechend zugeordneten
Funktionsräumen an.
Die
Fortpflanzung
i.e.S. wird erheblich beein-
trächtigt, wenn eine Gefährdung des Reproduk-
tionserfolges der individuen vorliegt und/oder
eine Verringerung der Populationsgröße zu pro-
gnostizieren ist. Dies ist insbesondere bei indivi-
duenverlusten durch Kollision mit dem fließen-
den Verkehr, beim Verlust der Quartier- und
essentiellen Nahrungsräume sowie bei der Frag-
mentierung der Teillebensräume gegeben.
Die
migration
wird erheblich beeinträchtigt,
wenn bedeutende Flug- und Austauschkorrido-
re, die von den Tieren genutzt werden, um zu
Paarungsquartieren oder zu Winterquartieren zu
gelangen, nachhaltig zerschnitten werden. Die
für die Aufrechterhaltung der für ein langfristi-
ges Überleben notwendigen Raumbewegungen
würde verhindert werden. Da sich die migration
meist sehr großräumig und weit über den ei-
gentlichen Trassenverlauf hinaus abspielt, wird
dieser Faktor oft übersehen, ist in jedem Falle
aber schwer einzuschätzen.
Die
überwinterung
i.e.S. wird erheblich beein-
trächtigt, wenn die Überwinterungsquartiere der
Tiere nicht mehr genutzt werden können. Dies
kann durch Zerstörung oder Schließung der Win-
terquartiere, aber auch durch abgeschnittene
Flugkorridore (vgl. migration) verursacht werden.
Die Bewertung der Erheblichkeit basiert zum
einen auf der Empfindlichkeit der betroffenen
Arten. Wie stark ist die betrachtete Art auf
Grund ihrer strukturgebundenen Flugweise
durch Kollisionen im Verkehr gefährdet? Wie
empfindlich reagiert die Art auf Licht- und/oder
Lärmemissionen? Zum anderen basiert die Be-
wertung auf der räumlichen Betroffenheit. Wie
nah führt die Trasse an der Wochenstube vorbei?
Wie breit ist die Trasse und wie stark werden die
Verkehrsströme sein? Sind wertvolle Jagdgebie-
te der Art betroffen?
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
4.5 Bewertung der Erheblichkeit von Beeinträchtigungen

| 35
Für die räumliche Beurteilung von Zerschnei-
dungswirkungen können folgende Parameter
der lokalen Populationen hilfreich sein, die in
der Regel im konkreten Planungsfall ermittelt
werden müssen:
Abstand der Wochenstubenkolonie als
Zentrum der lokalen Population) von der
geplanten Trasse,
Flächenanteil der durch die Zerschneidung
verloren gehenden bzw. getrennten Jagd-
habitate an der Gesamtheit der
genutzten Jagdhabitate,
Anteil der Tiere an der lokalen Population
oder am Bestand, der regelmäßig die
geplante Trasse überqueren würde
(z.B. als Summe für eine Saison),
ergänzend:
Anzahl der Tiere, die an einzelnen
Konfliktpunkten die Trasse queren werden
(zur vergleichenden Bewertung der
Konfliktpunkte),
Flächenanteil und Qualität der Jagdhabi-
tate im Nahbereich der Trasse, die ggf.
dauerhaft verloren gehen oder gestört
werden,
Anzahl und Lage möglicher Konflikt-
punkte, wo Querungen der Trasse für
großräumige funktionale Beziehungen,
wie Flüge zu den Winterquartieren, zu
Schwarmplätzen oder zu Paarungs-
quartieren, zu erwarten sind.
Wann sind Querungshilfen erforderlich?
Querungshilfen sind immer dann erforderlich,
wenn im Rahmen der Eingriffsregelung, der
FFh-Verträglichkeitsprüfung oder im Sinne der
Zugriffsverbote des Artenschutzrechtes erheb-
liche Beeinträchtigungen von Fledermäusen
(Tötungsverbote) oder ihren Lebensstätten
(Störungen, Beeinträchtigung essentieller Flug-
routen) festgestellt werden. mittels Querungs-
hilfen können die Beeinträchtigungen in der
Regel vermieden oder doch zumindest soweit
vermindert werden, dass keine erheblichen Be-
einträchtigungen verbleiben.
Grundsätzlich ist es erforderlich, erhebliche
Beeinträchtigungen aller Fledermausarten zu
vermeiden oder zu vermindern. So gelten z.B.
die Zugriffsverbote des Artenschutzrechtes für
alle Fledermausarten Sachsens gleichermaßen.
Können festgestellte erhebliche Beeinträchti-
gungen durch Querungshilfen vermindert und
mit einem verhältnismäßigen Aufwand umge-
setzt werden, so sind sie bei allen Arten glei-
chermaßen erforderlich. Die Erforderlichkeit
richtet sich dann nach der artspezifischen Be-
troffenheit durch Zerschneidungswirkungen.
Je enger strukturgebunden sich eine Art be-
wegt und je größer damit das Kollisionsrisiko
ist, desto notwendiger ist es, mittels Querungs-
hilfen die Eingriffswirkungen zu vermeiden
oder zu vermindern (vgl. Tabelle 3).
mit welcher Priorität Schutzmaßnahmen um-
gesetzt werden sollten, ergibt sich jedoch aus
der gemeinsamen Betrachtung der allgemeinen
artspezifischen Empfindlichkeit, der Schutzbe-
dürftigkeit der Art und der konkreten örtlichen
Situation. Eine Prioritätensetzung kann immer
dann erforderlich werden, wenn z.B. begrenzte
mittel für die umsetzung von maßnahmen zur
Verfügung stehen oder zwischen mehreren
maßnahmen entschieden werden soll. Ebenso
wird man maßnahmen zur Entschneidung am
bestehenden Verkehrsnetz an der Schutzbe-
dürftigkeit der Fledermausarten und lokalen
Populationen beurteilen.
Eine Beurteilung der Schutzbedürftigkeit kann
anhand folgender Kriterien vorgenommen wer-
den (vgl. auch Tabelle 3):
— Aktueller Erhaltungszustand der lokalen
Population / der Population
im betroffenen FFH-Gebiet
Je besser der Erhaltungszustand ist, desto eher
können Beeinträchtigungen toleriert und auch
kompensiert werden, wie sie z.B. durch einzel-
ne individuenverluste bei Kollisionen auftreten
können. Der Erhaltungszustand kann über die
Koloniegröße, die Bestandsdynamik (wie war
der Bestandstrend in den vergangen Jahren?),
das Angebot an geeigneten habitaten im um-
feld der Kolonie und auch die aktuelle Gefähr-
dungssituation definiert werden. Während
Daten zur aktuellen Verbreitung im untersu-
chungsraum, zu aktuellen Koloniegrößen und
der Qualität der habitate im Rahmen einer

image
36 |
konkreten Planung ermittelt werden können,
muss für Daten zur Bestandsentwicklung sowie
ergänzende Angaben zur Verbreitung der Popu-
lation über das Planungsgebiet hinaus auf Daten
der zuständigen Naturschutzverwaltungen und
der dort z.B. dokumentierten landes- und bun-
desweiten monitoring-Programme zurückgegrif-
fen werden (s.u.).
— Aktueller Erhaltungszustand der
Population in der Biogeographischen
Region
Je schlechter der Erhaltungszustand auch im
überregionalen Vergleich ist, desto eher besteht
die Gefahr, dass lokale Verluste sich sofort auf
die überregionale Bestandssituation auswirken.
So ist beispielsweise das Erfordernis, maßnah-
men zu ergreifen, bei der nur regional verbreite-
ten Kleinen hufeisennase sicher wesentlich
größer als bei der noch häufigen und weit ver-
breiteten Zwergfledermaus. Daten zum aktuellen
Erhaltungszustand in der Biogeographischen
Region werden regelmäßig vom Bundesamt für
Naturschutz publiziert (BfN 2007). Eine sachsen-
weite Einschätzung wird von den zuständigen
Landesbehörden durchgeführt. Die aktuellen
bundes- und landesweiten Einstufungen sind in
Tabelle 3 dargestellt.
— Gefährdungsgrad
Neben den Erhaltungszuständen der Popula-
tionen eignet sich auch der Gefährdungsgrad
einer Fledermausart für die Beurteilung, ob
und in welcher Form maßnahmen für die ein-
zelnen Arten ergriffen oder ihnen gegenüber
anderen Belangen Priorität eingeräumt wer-
den sollte. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen,
dass auch bereits bei der Definition der Erhal-
tungszustände die Gefährdung der Arten be-
rücksichtigt wurde.
Eine Übersicht über die Empfindlichkeit gegen-
über Zerschneidungswirkungen, Licht und Lärm
sowie gleichzeitig auch zum Erhaltungszustand
in der kontinentalen Region und in Sachsen so-
wie zu den aktuellen landes- und bundesweiten
Gefährdungseinstufungen kann den Angaben
der Tabelle 3 entnommen werden.
Aus der Zusammenschau der Kriterien Empfind-
lichkeit und Schutzbedürftigkeit lassen sich die
Arten gruppieren und diejenigen Arten identifi-
zieren, bei denen Vermeidungsmaßnahmen im
Rahmen der Planung eine große Priorität einzu-
räumen ist. Dazu gehören in Sachsen z.B. die Klei-
ne hufeisennase, die Bechsteinfledermaus, die
mopsfledermaus oder auch das Graue Langohr.
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
Foto 19:
Für die wenigen, verbliebenen Vorkommen der Kleinen
hufeisennase müssen verstärkt Anstrengungen
unternommen werden, um künftig einen günstigen
Erhaltungszustand der Populationen zu gewährleisten.

image
image
image
image
| 37
Andere Arten wie z.B. die beiden Abendsegler-
arten oder die Zweifarbfledermaus sind auf
ihren Transferflügen weniger durch Kollisionen
gefährdet, da sie die Wege zwischen ihren Teil-
lebensräumen in der Regel mit Flügen in grö-
ßerer höhe und mit Sicherheit außerhalb des
fließenden Verkehrs durchführen. Für diese
Arten sind i.d.R. deshalb auch keine Vermei-
dungsmaßnahmen in Form von Querungshil-
fen vorzusehen. Gleichwohl können die ge-
nannten Arten aber auf ihrem Jagdflug
entlang von Gehölze oder auch an Laternen in
den Straßenraum geraten und hier mit Fahr-
zeugen kollidieren. Anstatt Querungshilfen zu
errichten kann dieses Kollisionsrisiko bei die-
sen Arten durch andere maßnahmen gemin-
dert werden (Gehölze nur mit Abstand zur
Fahrbahn pflanzen, spezielle Beleuchtungen
wählen, vgl. Kap. 7.4). Dieser Sachverhalt wird
in der Tabelle 3 jedoch nicht berücksichtigt.
Die in der Tabelle 3 dargestellten Einschätzun-
gen zu den Wirkungen von Zerschneidungen
basieren auf einer verallgemeinernden Einstu-
fung. im konkreten Planfall können auf Grund
der besonderen lokalen Situation aber auch
davon abweichende Einschätzungen und Be-
urteilungen angezeigt sein.
Foto 22 (oben links):
Nordfledermaus
Foto 20 (oben rechts):
Braunes Langohr
Foto 23 (unten links):
Großes mausohr
Foto 21 (unten rechts):
mückenfledermaus

38 |
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
Tabelle 3:
Gefährdung und Empfindlichkeit der in Sachsen heimischen Fledermausarten gegenüber der verkehrsbedingten Zerschneidungswirkung und
Einschätzung der Notwendigkeit und Priorität von Querungshilfen als Vermeidungsmaßnahme (sortiert nach der Notwendigkeit und Priorität von
Querungshilfen)
Art
Empfindlichkeit gegenüber Kollision, Licht und Lärm
Gefährdung in Deutschland und Sachsen
Kollisionsrisiko
Lichtemissionen
Lärmemissionen
RL-D
RL-S
Bechsteinfledermaus
myotis bechsteinii
hoch - sehr
hoch
hoch
hoch, maskierung von
Beutetiergeräuschen im
Jagdhabitat möglich
2
R
Graues Langohr
Plecotus austriacus
hoch
hoch
hoch, maskierung von
Beutetiergeräuschen im
Jagdhabitat möglich
2
2
Kleine Hufeisennase
Rhinolophus hipposi-
deros
sehr hoch
hoch
gering (?)
1
1
Nymphenfledermaus
myotis alcathoe
sehr hoch
hoch (?)
gering (?)
1
keine Einschätzung
Große Bartfledermaus
myotis brandtii
hoch
hoch
gering (?)
V
2
Kleine Bartfledermaus
myotis mystacinus
hoch
hoch
gering (?)
V
2
Mopsfledermaus
Barbastella barbastel-lus
vorhanden
hoch (?)
gering (?)
2
1
Teichfledermaus
myotis dasycneme
sehr hoch
hoch
gering (?)
G
R
Beurteilung der Empfindlichkeit gegenüber Zerschneidung in fünf Stufen:
sehr hoch, hoch, vorhanden, gering, sehr gering; für das Kollisionsrisiko vgl. auch Tabelle 7 in Kap. 7.5;
Beurteilung der Empfindlichkeit gegenüber Licht- und Lärmemissionen in drei Stufen:
hoch, mittel, gering; (?) = unsichere Einstufung;
Einstufung der Gefährdungsgrade Deutschland (RL-D) nach MEINIG et al. 2009, Sachsen (RL-S) nach Rau et al. 1999, Gefährdungskategorien:
1- vom Aussterben bedroht; 2 - stark gefährdet; 3 - gefährdet; V - Art der Vorwarnliste; derzeit nicht gefährdet; D - Daten defizitär; G – Gefährdung
unbekannten Ausmaßes; R – extrem selten; N - Art nicht gefährdet; NR - Art noch nicht gefährdet aber Rückgang;

| 39
Erhaltungszustand der Kontinentalen Region (EHZ-KR) nach BfN 2007 und in Sachsen (EHZ-S) nach HETTWER et al. (2009);
Beurteilung der Notwendigkeit in drei Stufen:
besonders erforderlich, erforderlich, weniger erforderlich;
Beurteilung der Priorität in fünf Stufen:
sehr hoch, hoch, vorhanden, gering, sehr gering
Notwendigkeit und Priorität von Querungshilfen als Vermeidungsmaßnahme
EHZ-KR
EHZ-S
Notwendigkeit
Priorität
Begründung
unzureichend
unbekannt
besonders erfor-
derlich
sehr hoch
auf Transferflügen hohes Kollisionsrisiko,
gleichzeitig stark gefährdet und EhZ in KR
unzureichend
unzureichend
unzureichend
besonders erfor-
derlich
sehr hoch
auf Transferflügen hohes Kollisionsrisiko, stark
gefährdet und EhZ unzureichend
schlecht
günstig
besonders erfor-
derlich
sehr hoch
auf Transferflügen sehr stark kollisionsgefährdet,
gleichzeitig extrem gefährdete Art, schlechter
EhZ
unbekannt
keine Einschätzung
besonders erfor-
derlich
sehr hoch
auf Transferflügen sehr hohes Kollisionsrisiko,
extrem gefährdet, nur lokal verbreitet, sehr kleine
Populationen
unzureichend
unzureichend
erforderlich
hoch
auf Transferlügen hohes Kollisionsrisiko, gleich-
zeitig gefährdet und EhZ unzureichend.
unzureichend
unzureichend
erforderlich
hoch
auf Transferlügen hohes Kollisionsrisiko, gleich-
zeitig gefährdet und EhZ unzureichend.
unzureichend
unzureichend
erforderlich
hoch
auf Transferflügen Kollisionsrisiko vorhanden,
gleichzeitig sehr gefährdete Art mit unzureichen-
dem EhZ
unzureichend
unbekannt
erforderlich
hoch
auf Transferlügen sehr hohes Kollisionsrisiko,
gleichzeitig ggf. gefährdet und EhZ unzurei-
chend, sehr seltene Art

40 |
4
Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch den Straßenverkehr
Art
Empfindlichkeit gegenüber Kollision, Licht und Lärm
Gefährdung in Deutschland und Sachsen
Kollisionsrisiko
Lichtemissionen
Lärmemissionen
RL-D
RL-S
Braunes Langohr
Plecotus auritus
hoch
hoch
hoch, maskierung von
Beutetiergeräuschen im
Jagdhabitat möglich
V
N
Fransenfledermaus
myotis nattereri
hoch
hoch
gering (?)
N
2
Großes Mausohr
myotis myotis
vorhanden
hoch
hoch, maskierung von
Beutetiergeräuschen im
Jagdhabitat möglich
V
2
Mückenfledermaus
Pipistrellus pygmaeus
vorhanden
gering
gering (?)
D
keine Einschätzung
Rauhautfledermaus
Pipistrellus nathusii
vorhanden
gering
gering (?)
N
R
Wasserfledermaus
myotis daubentonii
hoch
hoch
gering (?)
N
N
Zwergfledermaus
Pipistrellus pipistrellus
vorhanden
gering
gering (?)
N
keine Einschätzung
Breitflügelfledermaus
Eptesicus serotinus
gering
gering
gering (?)
G
3
Großer Abendsegler
Nyctalus noctula
sehr gering
gering
gering (?)
V
3
Kleiner Abendsegler
Nyctalus leisleri
sehr gering
gering
gering (?)
D
R
Nordfledermaus
Eptesicus nilssonii
gering
gering
gering (?)
G
2
Zweifarbfledermaus
Vespertilio murinus
sehr gering
gering
gering (?)
D
R
Tabelle 3:
Gefährdung und Empfindlichkeit der in Sachsen heimischen Fledermausarten gegenüber der verkehrsbedingten Zerschneidungswirkung und
Einschätzung der Notwendigkeit und Priorität von Querungshilfen als Vermeidungsmaßnahme (sortiert nach der Notwendigkeit und Priorität von
Querungshilfen)

| 41
Notwendigkeit und Priorität von Querungshilfen als Vermeidungsmaßnahme
EHZ-KR
EHZ-S
Notwendigkeit
Priorität
Begründung
günstig
günstig
erforderlich
vorhanden
auf Transferflügen Kollisionsrisiko hoch, aber
ungefährdet und EhZ günstig
günstig
günstig
erforderlich
mittel-hoch
auf Transferflügen Kollisionsrisiko hoch, aber nur
bedingt gefährdet und EhZ günstig
günstig
günstig
erforderlich
vorhanden
auf Transferflügen, insbesondere beim Flug in die
Jagdgebiete Kollisionsrisiko vorhanden, aber nur
bedingt gefährdet und EhZ gut
unbekannt
unbekannt
erforderlich
vorhanden
auf Transferflügen Kollisionsrisiko vorhanden,
gleichzeitig aber vermutlich wenig gefährdet
günstig
günstig
erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko vorhanden,
aber ungefährdet und EhZ günstig
günstig
günstig
erforderlich
vorhanden
auf Transferflügen Kollisionsrisiko hoch, aber
ungefährdet und EhZ günstig
günstig
günstig
erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko vorhanden,
aber ungefährdet und EhZ günstig, Gefährdung
v.a. durch Kollisinen während des Jagfluges
günstig
günstig
weniger erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko sehr gering,
Gefährdung v.a. durch Kollisionen während des
Jagfluges
unzureichend
günstig
weniger erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko sehr gering,
Gefährdung v.a. durch Kollisionen während des
Jagfluges
unzureichend
unzureichend
weniger erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko sehr gering,
Gefährdung v.a. durch Kollisionen während des
Jagfluges
unzureichend
unzureichend
weniger erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko gering
unbekannt
unzureichend
weniger erforderlich
gering
auf Transferflügen Kollisionsrisiko sehr gering

42 |
Für die Beurteilung möglicher Auswirkungen
einer Straßenneu- oder -ausbaumaßnahme auf
die Fledermauspopulationen eines Raumes ist
eine genaue Bestandsaufnahme der vorkom-
menden Arten, der von ihnen genutzten Teille-
bensräume sowie der funktionalen Beziehun-
gen zwischen diesen erforderlich.
Folgende Fragen müssen beantwortet werden:
— Wo kommen welche Fledermausarten
im potenziellen Wirkungsbereich der
Straße vor?
— Wie wird die Landschaft im untersu
chungsraum von den vorkommenden
Arten konkret genutzt?
— Wo befinden sich Wochenstuben,
Einzelquartiere, Jagdhabitate,
Winterquartiere und wo die verbindenden
Flugwege?
— Welche saisonalen Aspekte wurden bei der
Bestandserfassung berücksichtigt?
— in welcher (relativen) häufigkeit kommen
die einzelnen Arten vor?
— Welche Auswirkungen ergeben sich durch
den Eingriff in Bezug auf Funktionszusam-
menhänge (Querung von Flugwegen,
Zerstörung oder Beeinträchtigung von
Jagdhabitaten und Quartieren z.B. in
Bäumen, Gebäuden oder Brücken)?
— Welche Auswirkungen sind in Bezug auf
die lokalen Populationen der einzelnen
Arten zu erwarten?
— Wie können Beeinträchtigungen
vermieden oder gemindert werden bzw.
wie können sie kompensiert werden?
Untersuchungsräume und Erfassungskonzept
Die Festlegung des untersuchungsraumes kann
immer nur projektspezifisch vorgenommen
werden. Er muss so gewählt werden, dass alle
projektspezifischen Wirkungen auf die funkti-
onalen Beziehungen zwischen den Teil-Lebens-
räumen der betroffenen Fledermausarten er-
fasst werden. Da Fledermäuse einen relativ
großen Aktionsraum besitzen, können lokale
Populationen auch mit Quartieren in mehreren
Kilometern Abstand zur Trasse vom Vorhaben
betroffen sein.
Die wichtigen funktionalen Beziehungen im
Raum können auf zwei Betrachtungsebenen er-
mittelt werden, die sich gegenseitig ergänzen:
1)
Ausgehend vom konkret geplanten Trassenver-
lauf wird ermittelt, wo
potenzielle Flugrouten
von Fledermäusen
geschnitten werden. mit-
tels
einfacher Strukturanalysen
auf der Basis
von Luftbildern und/oder vorhandenen Biotop-
kartierungen können Strukturen wie z.B. Talau-
en, Waldränder, hecken, Alleen usw. ermittelt
werden, die Fledermäusen als Leitstrukturen
dienen könnten (vgl. Abbildung 5). Diese Ergeb-
nisse müssen durch eine Geländeerfassung
überprüft werden, um die tatsächliche Nutzung
von Leitstrukturen und Jagdhabitaten durch
Fledermäuse zu bestätigen; ggf. ergeben sich
dadurch weitere Querungspunkte.
Soweit eine bestehende Trasse ausgebaut wird
oder der betroffene Lebensraum bereits durch
andere Trassen zerschnitten ist, bietet es sich
an, vorhandene Gewässer- oder Wegedurchläs-
se bzw. Brücken in hinblick auf deren Nutzung
durch Fledermäuse zu untersuchen. So können
sich wichtige hinweise auf bereits vorhandene
Funktionsbeziehungen ergeben.
2)
Die zweite Betrachtungsebene geht von den
Quartieren der Fledermäuse
aus, die für die
Arten einen zentralen Lebensmittelpunkt dar-
stellen. Durch die Auswertung von Vorinforma-
tionen können häufig bereits wichtige Quartie-
re, so z. B. von Gebäude bewohnenden Arten
wie dem Großen mausohr ermittelt werden.
5 Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung
von möglichen Beeinträchtigungen
und zur Planung von Querungshilfen
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
5.1 Anforderungen an die Bestandserfassung

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| 43
Quartiere der Baumhöhlen bewohnenden Ar-
ten sind oftmals unbekannt und können im
Rahmen der Grunddatenerhebung in den
trassennahen Wäldern mittels Netzfang und
Telemetrie ermittelt werden. Auch die auf den
Flugrouten gefangenen Tiere können mittels
Telemetrie bis zu ihrem Quartier zurückver-
folgt werden. Dies ist insbesondere bei höhlen
oder Spalten bewohnenden Fledermausarten
von Bedeutung, deren Quartiere über andere
methoden nicht oder nur mit einem deutlich
erhöhten Aufwand ermittelt werden können.
Dabei sind insbesondere solche Arten zu be-
rücksichtigen, die durch die Vorhabenswir-
kungen direkt betroffen sein könnten, also
vorrangig die strukturgebunden fliegenden
Fledermausarten.
Ausgehend von den Quartieren und dem zu
erwartenden Aktionsradius der betrachteten
Art und den in der Regel relativ gut bekann-
ten habitatansprüchen kann so abgeschätzt
werden, wo wahrscheinlich wichtige Funkti-
onsbeziehungen der Fledermäuse durch die
Trasse geschnitten werden können (z.B. eines
Wochenstubenverbandes). Für diesen Analy-
seschritt sollten bevorzugt habitatmodelle
eingesetzt werden, die mindestens auf Grund-
lage der in Sachsen flächendeckend vorliegen-
den Ergebnisse der ciR-Biotoptypen- und
Landnutzungskartierung basieren:
Experten-basierte modellierungen
können
berechnet werden (z. B. mit dem Programm
Grasp), wenn für die jeweilige Fledermausart
ein ausreichendes Wissen zu habitatpräferen-
zen aus dem betroffenen Naturraum vorliegt
(z. B. durch frühere untersuchungen).
meist reichen jedoch die vorhandenen infor-
mationen über besonders empfindliche und
schutzbedürftige Arten noch nicht aus (Kap.
4.5, vgl. Tabelle 3). Daher ist es oft notwendig,
Daten zur habitatnutzung über die methode
der Telemetrie (von einer repräsentativen An-
zahl Tieren) neu zu erheben und diese als ak-
tuelle Präsenzdaten (Fundpunkte) in eine
daten-basierte habitatmodellierung
ein-
zubeziehen (Abbildung 6).
mit den habitatmodellen wird eine deutlich
höhere Genauigkeit der Ergebnisse erreicht,
die für die Belastbarkeit der Aussagen für die-
se Artengruppe – häufig werden hier beson-
ders kostenintensive maßnahmen vorgesehen
– auch anzustreben ist.
Abbildung 5:
Auf der Basis von Luftbildern ist es in einem ersten Schritt
möglich, einen Überblick der fledermausrelevanten
Strukturen zu erhalten.

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44 |
Untersuchung der funktionalen
Beziehungen als Bestandteil des
allgemeinen Erfassungskonzeptes
Die untersuchung der funktionalen Beziehun-
gen zwischen Fledermauslebensräumen ist in
der Regel in eine umfassendere untersuchung
der Wirkungen des Vorhabens auf die lokalen
Fledermauspopulationen integriert. Für diese
umfassenderen Studien bietet sich ein mehr-
stufiges Verfahren an.
in einem
ersten Schritt
sind das
Artenspekt-
rum
und die
grobe Raumnutzung
der festge-
stellten Arten zu ermitteln. Einmalige Über-
sichtsbegehungen sind für diesen Zweck in der
Regel unzureichend. Bereits im Zuge der Über-
sichtsbegehung müssen nämlich solche metho-
den zum Einsatz kommen, mit denen auch alle
im Wirkraum vorkommenden Arten tatsächlich
sicher erfasst werden können. So sind z.B. in
Wäldern bereits Netzfänge zur Ermittlung der
mit dem Detektor nicht oder nur schwer be-
stimmbaren Arten durchzuführen. Der Stichpro-
benumfang muss so groß sein, dass witterungs-
bedingte, jahreszeitliche oder artspezifische
Variationen berücksichtigt werden können. Bei
dieser Übersichtskartierung sind auch potenziell
wichtige Querungspunkte zu ermitteln.
Für die im untersuchungsgebiet nachgewiese-
nen Fledermausarten, die durch die Zerschnei-
dungswirkungen betroffen sein könnten, sind
mögliche Quartierbeziehungen und Jagdhabi-
tate sowie bedeutende Flugrouten zwischen
den Teilhabitaten besonders genau zu ermitteln
Abbildung 6:
Beispiel für eine Daten basierte modellierung: Ermittlung
der habitateignung für die Kolonie der Kleinen
hufeisennase mittels Ökologischer Nischen-Faktoren-
Analyse (ENFA) im Gebiet der BAB A17 und der S170n auf
der Grundlage von Telemetriedaten (BiEDERmANN,
mEYER, SchORchT
&
BONTADiNA 2004). Grundlage sind
Präsenz-Fundpunkte (n= 463) von 10 telemetrierten
Kleinen hufeisennasen, die durch Kreuzpeilungen
ermittelt wurden. mit dem Programm BiOmAPPER wurde
ein hochauflösendes (5x5 m) habitatmodell erstellt.
Dabei wird mit den Daten der wenigen untersuchten
Tiere das Verhalten aller Tiere projiziert. So können die
habitateignung bzw. die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
für die Tiere der gesamten Kolonie (Stern) dargestellt
und damit auch die Raumempfindlichkeit und
Konfliktbereiche nachvollziehbar ermittelt werden
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen

| 45
(vgl. Tabelle 3, alle farbig markierten Arten). Für
diese Arten sind in einem
zweiten Schritt
ver-
tiefende untersuchungen erforderlich. Zu nen-
nen sind z.B. die genaue Erfassung der Nutzung
einer Leitstruktur mittels
automatischer Erfas-
sungssysteme
oder die
Telemetrie
einer reprä-
sentativen Anzahl von Tieren aus den betroffe-
nen Wochenstubenkolonien (vgl. Kap. 5.2).
Auch an den ermittelten Konfliktpunkten der
Trasse, z.B. wo die Trasse eine Talaue oder eine
Allee kreuzt, sind vertiefende untersuchungen
zur Nutzung dieser Leitstrukturen durch die
jeweils vorkommenden Fledermausarten vorzu-
sehen.
Neben den potenziell als konfliktträchtig ermit-
telten Querungspunkten muss eine genügend
große (evtl. gleiche) Anzahl von
Vergleichsor-
ten
(Referenzstellen zu den erwarteten Kon-
fliktstellen) mit denselben methoden erfasst
werden, damit die untersuchungsergebnisse
entsprechend beurteilt werden können. Diese
Referenzstellen sollten an möglichst unbeein-
flussten, zufällig ausgewählten Stellen im wei-
teren Gelände liegen. Beispielsweise können bei
einer heckenreihe, die von der geplanten Tras-
se geschnitten wird und somit als möglicher
Konfliktpunkt untersucht wird, als Referenz
dazu untersuchungen im benachbarten Offen-
land (mind. 100 m entfernt) parallel durchge-
führt werden, um zu zeigen, dass am „Konflikt-
punkt hecke“ deutlich mehr Fledermaus-
aktivität stattfindet, als abseits des identifizier-
ten Konfliktpunktes.
Vertiefende untersuchungen sind erforderlich,
um sicherzustellen, dass Querungshilfen an der
richtigen Stelle errichtet werden. Die genaue,
„richtige“ Lage von allen Typen von Querungs-
hilfen ist ein sehr entscheidender Faktor, um
die angestrebte Funktion (z.B. Vermeidung des
Verkehrstodes durch Kollision, Aufrechterhal-
tung von Verbundstrukturen) erfüllen zu kön-
nen. Zudem verursachen alle Querungshilfen,
insbesondere aber Grünbrücken oder Einhau-
sungen sehr hohe Kosten, weshalb ihre Not-
wendigkeit gut begründet und die Art der bau-
lichen Ausführung besonders gut mit konkreten
Daten belegt werden muss.
Die Ergebnisse der vertieften untersuchungen
bilden zudem die Basis anschließender Wir-
kungskontrollen und des monitorings. Da die
Erfahrungen bei der Errichtung von Querungs-
hilfen insgesamt noch sehr gering sind, ist es
aktuell von besonderer Bedeutung, die Wirkun-
gen der maßnahmen im Rahmen eines moni-
torings zu überprüfen (vgl. Kap. 9).
nachvollziehbarkeit der Bestandserfassung
Das gewählte untersuchungsdesign muss be-
züglich der Aspekte Raumumfang (Perimeter),
Saisonalität und intensität der untersuchungen
begründet werden. Die eingesetzten methoden
müssen den Aufgabenstellungen der untersu-
chung klar zugeordnet und nachvollziehbar be-
schrieben werden. Sämtliche methoden sind
genau zu dokumentieren (Erfassungstermine,
Anzahl der aufgebauten Netzmeter oder der ex-
ponierten Netzfläche pro untersuchungsnacht,
Ort und Dauer von Detektorkontrollen etc.).
Die Nachvollziehbarkeit der Erfassungen ist
wichtig, um die Qualität der Ergebnisse und
die Belastbarkeit der Bewertungen und Prog-
nosen beurteilen zu können. Zudem besteht
für alle Planungsbeteiligen damit die möglich-
keit (bis hin zu einer gerichtlichen Überprü-
fung) zu prüfen,
ob die methoden zur Erfassung und
Bewertung dem Stand der Technik bzw.
dem Stand der Wissenschaft entsprechen
und
ob die Gutachter in der Lage waren, die
in der Regel umfangreichen und fachlich
anspruchsvollen Erfassungen auch
fachgerecht durchzuführen.

46 |
Zur Erfassung der Fledermausfauna eines Gebie-
tes sind aufgrund unterschiedlicher Lebenswei-
sen der einzelnen Arten verschiedene methoden
- häufig auch kombiniert - anzuwenden. Die
Auswahl der methoden im konkreten Planungs-
fall richtet sich nach der Planungsaufgabe und
den daraus resultierenden spezifischen Frage-
stellungen. im Folgenden werden methoden für
eine Grunddatenerfassung beschrieben, die in
der Regel in jedem konkreten Planungsfall an-
zuwenden sind. Darauf aufbauend werden me-
thoden für spezielle untersuchungen beschrie-
ben, die seltener und nur bei bestimmten
planerischen Fragen zu nutzen sind. Einen Über-
blick über die methoden der Grunddatenerfas-
sung und der speziellen methoden differenziert
für die einzelnen Arten gibt Tabelle 5.
Bei einer Grunddatenerfassung im Rahmen ei-
nes Straßenbauvorhabens sollten in der Regel
folgende methoden zum Einsatz kommen (vgl.
BRiNKmANN ET AL. 1996, DENSE
&
RAhmEL
1999, für nähere Beschreibung der methoden
siehe auch DiETZ
&
SimON 2005):
— Auswertung von Vorinformationen
(Recherche vorhandener Daten bei
Naturschutzbehörden, Landesämtern,
Forstbehörden, Naturschutzverbänden,
ehrenamtlich tätigen Fledermauskundlern).
— Detektorerfassungen auf Transekten oder
auf ausgewählten Probeflächen
zur
Ermittlung von
Jagdhabitaten
(mindestens
6-8 Stichproben / untersuchungsfläche im
Zeitraum April bis Oktober),
Flugrouten
oder
zur Quartiersuche
über die
Rückverfolgung von Flugwegen oder die
Suche nach vor dem Quartier schwärmen
den Fledermäusen zur Ermittlung von
Quartieren vor allem in Siedlungen (im
Zeitraum mai bis Juli, Anzahl der
Begehungen entsprechend der Anzahl der
Siedlungsbereiche im engeren unter-
suchungsraum bzw. Trassenkorridor).
— Automatisierte akustische Erfassungen
in repräsentativen Lebensraumtypen (als
Alternative zu Detektorerfassungen) zur
Ermittlung der
Bedeutung einzelner
Jagdgebiete
(mindestens 10-12
Stichproben/Lebensraumtyp im Zeitraum
April bis Oktober), besonders geeignet in
sehr großen untersuchungsgebieten.
Netzfänge
von Fledermäusen in
Jagdhabitaten (mindestens 4-6 Fangnächte
je Probefläche mit über 100 metern
gesamter Netzlänge) und auf Flugrouten
(nach Bedarf) zur Feststellung der mit dem
Detektor nicht oder nur
schwer
bestimmbaren Fledermausarten
, wie z.B.
Bechsteinfledermaus oder Bartfledermaus,
vgl. auch Tabelle 5) sowie zur Feststellung
von Geschlecht, Alter und Reproduktions
status der gefangenen Tiere.
— Kurzzeittelemetrie
von einzelnen Tieren
zur Ermittlung z.B. von
Wochenstuben-
quartieren
(zur Wochenstubenzeit mitte
mai bis mitte Juli, in der Regel nur eine
Nacht, ggf. eine Auszählung der Anzahl der
ausfliegenden Tiere am nächsten Abend
oder eine Kontrolle des Quartiers tagsüber
zur Zählung der Wochenstubentiere).
— Kontrolle von Gebäudequartieren
(insofern solche im untersuchungsgebiet
oder in dessen Nähe vorhanden sind, wie
z.B. Brücken, Gebäude mit großem
Dachvolumen, wie Kirchen, Schlösser,
Burgen, Rathäuser etc.) sowie
Vogel- und
Fledermauskästen
(umfang nach Bedarf,
ganzjährig, im Winter häufig hinweise auf
Quartiere in Form von Kotspuren, von April
bis Oktober können auch Tiere im
Sommerquartier angetroffen werden).
Für eine spezielle Erfassung der funktionalen
Beziehungen von Fledermäusen werden im Fol-
genden einige methoden detailliert vorgestellt.
Solche speziellen Erfassungen sind in der Regel
erforderlich, wenn Arten mit einer spezifischen
Empfindlichkeit gegenüber Zerschneidungswir-
kungen nachgewiesen wurden und diese
gleichzeitig auch in hohem maße räumlich
durch die maßnahme betroffen sein können.
Vertiefende untersuchungen sind in Sachsen
z.B. immer dann durchzuführen, wenn Straßen-
planungen den Einflussbereich einer Wochen-
stube der Kleinen hufeisennase tangieren.
Weitere besonders empfindliche Arten sind z.B.
das Graue Langohr, die mopsfledermaus oder
die Bechsteinfledermaus. in FFh-Gebieten wird
auch das Große mausohr häufig detaillierter zu
untersuchen sein. Weitere, ebenfalls empfind-
liche Arten sind z.B. die beiden Bartfledermaus-
arten, die Fransenfledermaus, das Braune Lang-
ohr oder die Wasserfledermaus. Für welche
Arten Querungshilfen erforderlich sind, kann
der Tabelle 3 in Kap. 4.5 entnommen werden.
Das Erfassungskonzept ist insbesondere auf
diese Arten auszurichten
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
5.2 Erfassungsmethoden

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| 47
Methodisches Vorgehen zur Erfassung von
Fledermäusen und ihrer Aktivitätsdichte
an möglichen Konflikt- bzw. Referenz-
punkten
Eine methode zum Nachweis von Fledermäu-
sen ist die
Erfassung mit dem Bat-Detektor.
Bat-Detektoren wandeln hochfrequente Or-
tungs- und Soziallaute der Fledermäuse in für
den menschen hörbare Signale um. Für den
professionellen Einsatz sollten solche Detek-
toren zum Einsatz kommen, die mindestens
über mischer- und Zeitdehnungsverfahren zur
Fledermausbestimmung verfügen und zudem
die möglichkeit bieten, digitale Echtzeitauf-
nahmen zur Dokumentation und ggf. Über-
prüfung der Artbestimmung zu erstellen. Die
an potenziellen Konfliktpunkten nachgewie-
senen Fledermaus-Flugrouten können in
günstigen Fällen unter genauer Beobachtung
der Flugrichtung und des Flugverhaltens der
Tiere bis zum Quartier zurückverfolgt werden
(vgl. LimPENS 1993). Die artspezifische Wahr-
nehmbarkeit und Bestimmung mit hilfe von
Fledermausdetektoren ist sehr unterschied-
lich. Es kann auch nicht jede Art zweifelsfrei
über ihre Rufe bestimmt werden.
Die akustische Erfassung kann durch den
Ein-
satz eines Nachtsichtgerätes
wesentlich opti-
miert werden. mit dem Einsatz eines qualitativ
hochwertigen Nachtsichtgerätes oder besser
Nachtsehbrillen ist es möglich, das Flugverhal-
ten von Fledermäusen gut zu beobachten und
so wertvolle informationen z.B. zur Flughöhe
und zur Strukturbindung an Konfliktpunkten zu
gewinnen. Es bietet sich eine Kombination mit
der Detektorerfassung an, da durch die Rufe die
Art oder zumindest die Gattung bestimmt wer-
den kann. Alleine mit Nachtsichtgeräten ist eine
Artbestimmung nur in Ausnahmefällen möglich.
Steht bereits fest, dass die Grunddatenauf-
nahme auch für ein späteres monitoring und
die Wirksamkeitskontrolle von Querungsbau-
werken genutzt werden soll, kann auch eine
optische Erfassung
mittels
Infrarot-Video
oder der
Thermographie
(Wärmebildkameras)
sinnvoll sein. Diese methoden bieten die mög-
lichkeit, das Flugverhalten der Tiere am Kont-
rollpunkt aufzuzeichnen und sowohl qualita-
tiv als auch quantitativ auszuwerten. Für eine
genauere Beschreibung der methoden vgl.
Kap. 9 - monitoring.
Foto 24 (rechts):
mit hilfe von Netzfängen können Fledermausarten in
ihrem Jagdhabitat nachgewiesen werden.
Foto 25 (unten):
mit hilfe von infrarotkameras können Fledermäuse nachts
„sichtbar“ gemacht werden. Oftmals bieten sich optische
methoden zur Verhaltensbeobachtung an, um z. B. das
Queren von Durchlässen zu dokumentieren.

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48 |
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
Neuartige möglichkeiten zur Erfassung an Kon-
fliktpunkten ergeben sich durch eine Reihe neu-
er technischer Geräte, die eine
automatische
akustische Erfassung
der Fledermausaktivität
ermöglichen. Sie können allerdings personenbe-
zogene Kontrollen nicht gänzlich ersetzen, da
bei den akustischen Erfassungen keine Rich-
tungsinformationen über die erfassten Fleder-
mäuse erhoben werden können. Zum Einsatz
sollten nur Geräte kommen, die die Daten digital
speichern und auch Aufzeichnungen über meh-
rere Tage bis Wochen ermöglichen. Bislang häu-
fig eingesetzte analog arbeitende „horchkisten“
sollten nicht mehr eingesetzt werden, da bei
diesen die Datenaufnahme und -auswertung in
der Regel nicht reproduzierbar ist.
An allen Kontrollpunkten sind zusätzlich zu den
akustischen Erfassungen auch
Netzfänge
zur
Überprüfung des Artenspektrums und insbeson-
dere zum Nachweis von Arten der Gattung myo-
tis erforderlich. Selbst bei den qualitativ beson-
ders guten akustischen Aufnahmen, kann auch
bei den Nachbestimmungen die Fledermausart
nicht immer angesprochen werden. Einzelne
Arten gelten zudem auf Grund der Variabilität
ihrer Rufe praktisch als akustisch nicht bestimm-
bar. Diese Einschränkung trifft insbesondere
auch auf alle bislang verfügbaren Verfahren der
automatischen Artbestimmung von Fleder-
mausrufen zu. Der Fangerfolg an den Netzen
kann fallweise dadurch gesteigert werden, in
dem am Netz Soziallaute von Fledermäusen
mittels eines ultraschalllautsprechers abgespielt
werden (z. B. durch den Einsatz des Sussex Au-
tobat vgl. hiLL
&
GREENWAY 2005 oder auch
mittlerweile verfügbare andere Abspielgeräte).
An möglichen K
onfliktpunkten mit der künf-
tigen Trasse
sollten
potenzielle Flugwege
der
Fledermäuse im Zeitraum April bis Oktober an
mindestens 7 – 10 Kontrollterminen überprüft
werden (monatlich, Wiederholung von 2 bis 3
Kontrollen in Zeiträumen mit erwarteter hoher
Aktivität). Die Prüfung dieser Zeitspanne ist er-
forderlich, um die saisonale Variabilität abzubil-
den. Diese umfasst: Flüge aus den Winterquar-
tieren im April, nächtliche Nahrungsflüge zur
Wochenstubenzeit von mai bis Ende Juli, Flüge
während der Wanderungen nach Auflösung der
Wochenstuben, z.B. zu den Paarungsquartieren
im August und September, Flüge in die Winter-
quartiere im Oktober. Werden die Kontrollen mit
automatischen Aufzeichnungsgeräten durchge-
führt, so sind an mindestens drei Terminen er-
gänzend auch optische Kontrollen durch perso-
nenbezogene Erfassungen durchzuführen. Beim
Einsatz von automatischen Erfassungsgeräten
können alternativ zu den 10 Einzelerfassungen
in jedem Zeitraum auch 7 bis 14-tägige Erfas-
sungsblöcke in den angegebenen Aktivitätsperi-
oden durchgeführt werden.
Sollen im Rahmen der vertiefenden untersu-
chungen bereits Grundlagen für eine Wirkungs-
kontrolle oder ein monitoring erarbeitet werden,
wird eine dauerhafte automatische Aktivitätser-
fassung – so wie sie später auch in einem ge-
bauten Durchlass realisiert werden würde –
empfohlen.
Methodisches Vorgehen zur Erfassung der
Raumnutzung einer Kolonie und der Ablei-
tung von Konfliktpunkten
im Rahmen einer Vorplanung, z.B. zur Linien-
bestimmung einer Straße, kann eine erste Ana-
lyse möglicher Konfliktpunkte über die Ermitt-
lung der potenziellen habitatnutzung der im
untersuchungsraum zu erwartenden Fleder-
mausarten erfolgen. Für diesen Analyseschritt
ist es jedoch bereits wichtig, zumindest die
Foto 26:
Wärmebildkameras ermöglichen hochauflösende
Aufnahmen von Fledermäusen, die sich unter geeigneten
Bedingungen als „warme“ Flugobjekte gut von der
kühleren umgebung absetzen.
Foto 27 (mitte):
Batcorder
mit hilfe moderner, automatischer Erfassungsgeräte
können verschiedene Standorte im Gelände im hinblick
auf das vorhandene Fledermausartenspektrum und die
-aktivität standardisiert untersucht werden.
Foto 28 (unten):
Anabat-Gerät

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| 49
Quartiere als zentralen Orientierungspunkt ei-
ner Fledermauskolonie für die gegenüber Zer-
schneidungswirkungen empfindlichen Fleder-
mausarten zu ermitteln. Die Analyse der
genutzten Jagdhabitate und Flugrouten kann
über die modellierung der Lebensraumnutzung
auf Basis vorhandener Grundlagendaten erfol-
gen. Für die habitatanalyse ist es günstig, wenn
in der Region die habitatnutzung der betroffe-
nen Arten bereits bekannt ist, z. B. nach abge-
schlossenen Telemetriestudien, die im Rahmen
anderer Projekte durchgeführt wurden. Bei
konkreten Trassenplanungen ist dann ein deut-
lich erhöhter Detaillierungsgrad der habitat-
modelle erforderlich, der in der Regel nur über
eine Telemetrie einer repräsentativen Anzahl
von Fledermausindividuen im konkreten Pla-
nungsgebiet selbst ermittelt werden kann (s.u.).
Für viele Fledermausarten ist die
Besenderung
(die markierung mit Radio-Sendern) bzw.
Tele-
metrie
(die Fern-Überwachung eines mit einem
Radio-Sender markierten Tieres) die effektivste
und genaueste methode zur Ermittlung exakter
Daten zur räumlichen und zeitlichen Nutzung
einer Landschaft. Es werden Nutzungsmuster
in der Landschaft erkennbar, insbesondere
Funktionsräume wie Jagdhabitate, Quartiere
und Flugkorridore lokalisiert. Ebenso liefert die
Telemetrie Daten zur habitatwahl und zum Ak-
tionsraum von einzelnen individuen oder Kolo-
nien. Die verwendeten Spezialsender sind sehr
leicht und werden mit hautkleber in das Na-
ckenfell der Fledermäuse geklebt. Nach einigen
Tagen lösen sich die Sender oder werden von
der Fledermaus ausgekratzt (vgl. Foto 29).
Telemetrie ist insbesondere zur Ermittlung von
funktionalen Beziehungen bei weniger deutlich
ausgebildeten Leitstrukturen (z.B. im Wald oder
in Waldnähe) und/oder bei Arten, die mit dem
Detektor nicht oder nur in besonders günstigen
Situationen erfasst und sicher bestimmt wer-
den können, anzuwenden (z.B. Bechsteinfleder-
maus, Kleine hufeisennase), wobei die räumli-
che Auflösung eingeschränkt bleibt. Eine
Ergänzung mit akustischen methoden zur
Überwachung oder Kontrolle von spezifischen
Orten kann notwendig sein.
Bei der Telemetrie sollten folgende Grundsätze
beachtet werden (vgl. AG QuERuNGShiLFEN
i. Vorber.):
Die Anzahl der zu telemetrierenden Tiere
(Stichprobenumfang) kann nur im Einzelfall
bestimmt werden und muss sich an der
konkreten Fragestellung orientieren. Als
relevante Einflussgrößen können z.B. Größe
der Kolonie, von Zerschneidungswirkungen
voraussichtlich betroffener Anteil der
Kolonie, Anzahl potenziell wichtiger
Flugwege genannt werden.
Als Richtgröße für die Stichprobe sollte ein
Wert von mindestens 10 % der betroffenen
Kolonietiere oder 8-10 Tieren nicht
unterschritten werden. Bei sehr großen
Kolonien (>300 Tiere) sollte die Telemetrie
von etwa 30 Tieren (je 10 für 3 Saison-
abschnitte) ein repräsentatives Bild der
Raumnutzung ergeben.
Jedes Tier ist mehrere, mindestens jedoch 3
komplette Nächte zu telemetrieren.
Die untersuchung sollte durch gezielte
Wahl der untersuchungszeiträume
innerhalb des hauptaktivitätszeitraumes
(mai bis September, bei Weibchen jedoch
keine Besenderung im Zeitraum kurz vor
der Geburt der Jungen) saisonal
unterschiedliche Raumnutzungsmuster
abbilden können.
Die Auswahl der Sendertiere muss sich
ebenfalls eng an der Fragestellung
Foto 29:
mit einem miniatursender (ca. 0,4g), der den Fledermäusen
ins Rückenfell geklebt wird, können die Quartiere, die
beispielsweise zur Jungenaufzucht unentbehrlich sind,
über das Sendersignal exakt lokalisiert werden.

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50 |
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
orientieren, um zu einem verwertbaren
Ergebnis zu gelangen. Differenziert werden
kann nach Geschlecht, Alter, Reprodukti
onsstatus.
Je nach Fragestellung muss die Stichprobe
der ausgewählten Tiere zufällig am
Quartier oder am Eingriffsort fokussiert
erfolgen.
Zeitgleiche Kreuzpeilungen mit einer
Rhythmik von 3-5 minuten sind ein
empfehlenswerter Standard für stabile
Ergebnisse bei der Ermittlung von
Jagdgebieten, die Anzahl der auswertbaren
Peilpunkte sollte mehr als 80 pro
individuum betragen (bei großer Anzahl
der untersuchungstiere ist eine Anzahl von
>50 Peilpunkten bereits nutzbar).
Bei der „homing-in-on-the-animal“-
methode werden Fundpunkte a
ufgezeichnet, bei denen sich der
Beobachter sehr nahe am besenderten Tier
befand (Signal im Abschwächer oder
Sichtbeobachtung), d.h., z.B. bei der
direkten Verfolgung von Tieren auf
Flugrouten.
Bei Raumanalysen sollten keine adaptiven
(sich ändernde) Glättungsfaktoren
eingesetzt werden, sondern ein konstanter
Wert für alle Tiere verwendet werden.
Bei Ableitungen zur Raumnutzung ist zu
berücksichtigen, dass nur Stichproben
untersucht und die Ableitung für die ganze
Kolonie begründet wird.
im Gutachten muss die Datenaufnahme
transparent und nachvollziehbar
dokumentiert sein (wer, wann, wie viel,
wie lange, wie?).
Gleiches gilt für die Datenauswertung
(Programme, Peilpunkte, Glättungsfaktor).
Funktionsräume müssen eindeutig
definiert sein.
Neben der ausführlichen Ermittlung von Akti-
onsräumen und Nahrungshabitaten über den
Zeitraum von mehreren Nächten kann die Te-
lemetrie sehr effizient zur Quartiersuche ein-
gesetzt werden. Dazu werden Tiere im Jagdha-
bitat oder auf der Flugroute gefangen und
besendert. Noch in derselben Nacht oder am
nächsten Tag kann das Quartier durch die Te-
lemetrie lokalisiert werden. insbesondere bei
schwer auffindbaren Baum bewohnenden Ar-
ten (z.B. Bechsteinfledermaus, Braunes Langohr,
mopsfledermaus), aber auch bei Gebäude be-
wohnenden Arten mit großen Aktionsräumen,
ist die Telemetrie zur Quartiersuche hoch effi-
zient und liefert qualitativ wertvolle Daten. Der
Aufwand, Quartiere über andere methoden zu
finden, wie z.B. über die Suche nach morgend-
lich schwärmenden Tieren oder die Kontrolle
von potenziell geeigneten Dachböden, ist in der
Regel wesentlich aufwendiger. Nach erfolgrei-
cher Quartier- und damit meist Kolonielokali-
sation können über Zählungen wertvolle infor-
mationen zu Koloniegrößen gewonnen werden.
Die gewonnenen informationen zu Aktionsräu-
men, Jagdhabitaten und Flugrouten der reprä-
sentativ aus der Fledermauskolonie ausgewähl-
ten Einzeltiere bilden die Grundlage für die
Analyse der Raumnutzung mittels eines Daten
basierten Habitatmodells
. Reicht der Stichpro-
benumfang der telemetrierten Tiere aus (es
sind mindestens 8-10 Tiere erforderlich), kann
mit statistischen methoden die habitatpräfe-
renz der Fledermausart im untersuchungsge-
biet ermittelt werden. Über eine habitat-Struk-
turanalyse kann die potenzielle Raumnutzung
der gesamten Fledermauskolonie im untersu-
chungsraum sichtbar gemacht werden.
Entsprechend können die Auswirkungen der
Planung - ggf. auch verschiedener Trassenva-
rianten - auf die betroffene lokale Population
sehr genau ermittelt und bilanziert werden.
habitatmodelle sind mittlerweile eine einge-
führte und ausgereifte methode in der Natur-
schutzplanung. Die methode stellt jedoch be-
sondere Anforderungen an die Kenntnisse und
Erfahrungen der Fachgutachter, die bei einer
Auftragsvergabe durch den Auftraggeber spe-
ziell abgefragt werden sollten.
Foto 30:
mit speziellen Flügelklammern der markierungszentrale
Dresden (LfuLG) können Fledermäuse - im Bild ein Kleiner
Abendsegler - individuell markiert („beringt“) werden.

image
| 51
Abbildung 7:
Auf der Grundlage eines habitatmodells (ENFA siehe Abb. 22; grün = habitateignung >25%) wurden Trassenabschnitte der
BAB A17 und der S170n nach ihrer Konfliktträchtigkeit eingeschätzt bzw. zuvor gefasste Analogieschlüsse der theoretischen
Planung überprüft (BiEDERmANN, mEYER, SchORchT
&
BONTADiNA 2004). Demnach ergab sich an allen roten Abschnitten
entlang der Trassen ein dringlicher Bedarf, in jedem Fall dort Schadensbegrenzungsmaßnahmen wie Querungshilfen
umzusetzen. Durch das habitatmodell wurden auch neue Konfliktstellen aufgezeigt, die anhand von Analogieschlüssen
allein nicht „sichtbar“ geworden wären

52 |
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
Der nachfolgenden Tabelle 4 ist die zusammenfassende Darstellung der Erfassungsmethoden sowie
der Erfassungszeiträume von Fledermausarten zu entnehmen.
J
F
m
A
m
J
J
A
S
O
n
d
Detektorkontrollen bei der Grunddatenaufnahme
• •
Detektor- Erfassung an Konfliktpunkten
• •
• •
• •
automatische akustische Erfassung an Konfliktpunk-
ten
Netzfänge im Jagdgebiet oder an Konfliktpunkten
Suche v. Sommerquartieren über Schwärmverhalten
Kontrolle von Gebäuden, Brücken und Nistkästen
Kurzzeit-Telemetrie zur Erfassung von Quartieren
Telemetrie von repräsentativen Tieren zur Erfassung
der Raumnutzung der Kolonie
Auswertung von Vorinformationen
Tabelle 4:
Zeiträume für die Erfassung von Fledermäusen als Grundlage für die Planung von Querungshilfen, differenziert nach den jeweiligen Methoden
Effektive Erfassungszeiträume
mögliche Erfassungszeiträume
Empfohlene Begehungstermine
Zeiträume (14-tägig) mit permanenter akustischer Erfassung)
3 Nächte / Tier

| 53
kleine hufeisennase
Bechsteinfledermaus
große Bartfledermaus
kleine Bartfledermaus
nymphenfledermaus
großes mausohr
Wasserfledermaus
Teichfledermaus
Fransenfledermaus
Zwergfledermaus
mückenfledermaus
Rauhautfledermaus
nordfledermaus
Breitflügelfledermaus
Zweifarbfledermaus
großer Abendsegler
kleiner Abendsegler
mopsfledermaus
graues Langohr
Braunes Langohr
Detektorkontrollen
bei der Grunddatenaufnahme
2
1
1
1
2
2
2
2
1
3
3
3
3
3
3
3
3
3
1
1
Detektor- Erfassung
an Konfliktpunkten
2
1
1
1
2
2
2
2
1
3
3
3
3
3
3
3
3
3
1
1
automatische akustische Erfas-
sung an Konfliktpunkten
3
1
1
1
2
2
2
2
1
3
3
3
3
3
3
3
3
3
1
1
Netzfänge im Jagdgebiet
oder an Konfliktpunkten
-
3
3
3
2
3
3
2
3
2
2
2
1
1
1
2
2
3
3
3
Suche v. Sommerquartieren
über Schwärmverhalten
1
1
1
1
-
1
1
1
1
3
2
2
2
2
2
2
2
2
2
2
Kontrolle von Gebäuden, Brücken
und Nistkästen
3
3
2
2
-
3
3
2
2
2
2
3
2
2
2
3
3
2
2
3
Kurzzeit-Telemetrie
zur Erfassung von Quartieren
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
Telemetrie von repräsentativen
Tieren zur Erfassung
der Raumnutzung der Kolonie
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
Auswertung von
Vorinformationen
3
2
2
2
2
3
2
2
2
3
2
3
2
3
2
2
2
2
3
2
Tabelle 5:
Mögliche und empfohlene Erfassungsmethoden (Standardprogramm und spezielle Untersuchungen), differenziert für die sächsischen Fledermausarten
3
besonders geeignete Erfassungsmethode
2
geeignete Erfassungsmethoden
1
bedingt geeignete Erfassungsmethode
-
ungeeignete Erfassungsmethode
Standardprogramm - empfohlene untersuchungen bei zu erwartendem Vorkommen der Arten
spezielle untersuchungen je nach Situation möglicherweise erforderlich
Bei den farblich nicht hervorgehobenen Methoden handelt es sich um solche, die entweder
weniger als andere Methoden geeignet sind oder wo vergleichbar gute Methoden zur Verfügung
stehen, die mit einem geringeren Aufwand und ähnlichem Erkenntnisgewinn durchgeführt
werden können.

54 |
5
Erfassung von Fledermäusen zur Beurteilung von möglichen Beeinträchtigungen und zur Planung von Querungshilfen
Die Ergebnisse der Fledermauserfassungen stel-
len die wesentliche Grundlage für die Pla-
nungsschritte Bewertung, Konfliktanalyse so-
wie die Begründung der Notwendigkeit und
konkrete Ausgestaltung von Vermeidungsmaß-
nahmen dar. Dem Aufzeigen der räumlich-
funktionalen Zusammenhänge zwischen ver-
schiedenen Teillebensräumen kommt bei der
späteren Festlegung von fledermausgerechten
Querungshilfen eine grundlegende Bedeutung
zu. Die nachvollziehbare und problembezogene
Darstellung und Aufbereitung der Ergebnisse
der Erfassung stellt damit eine wesentliche Vo-
raussetzung dar. in diesem Zusammenhang
sollten Grenzen der interpretation der Ergeb-
nisse aufgezeigt werden. im Folgenden wird
eine checkliste vorgeschlagen, anhand derer
nachvollziehbar geprüft werden kann, ob alle
relevanten inhalte bearbeitet und dargestellt
wurden.
CHECKLISTE
geprüft
Beschreibung der Vorgehensweise (methodik) aufgeführt
untersuchungszeitraum wurde aufgeführt
Alle untersuchungs- /Probeflächen wurden dargestellt einschließlich der
Standorte eingesetzter Erfassungsgeräte (z.B. Batcorder) und Netzfänge
Benennen der ökologischen Ansprüche und Sensitivität der potenziell vor-
kommenden Arten gegenüber Straßen
Artenliste mit Schutzwürdigkeit der nachgewiesenen und vermuteten Arten
(überregionale, regionale und lokale Ebene, Erhaltungszustand der Arten in
der kontinentalen Region, Erhaltungszustand der lokalen Population)
Artenliste inkl. Rote Liste (Bund / Land), Schutzstatus
Qualifizierte Artenliste der erfassten Fledermäuse mit Zuordnung zu den
untersuchungsflächen
Darstellung der Empfindlichkeit der untersuchten Arten gegenüber den
projektspezifischen Wirkungen (potenzielle Konfliktzonen räumlich explizit
dargestellt und bewertet)
Alle aktuell nachgewiesenen sowie vermuteten habitatstrukturen wurden
aufgeführt und als solche gekennzeichnet
Alle bedeutenden (auch vermuteten) Verbundstrukturen wurden gekennzeich-
net und hinsichtlich ihrer Bedeutung unterschiedlich eingestuft (bedeutende
Flugkorridore wurden dargestellt)
Wichtige Teillebensraumbeziehungen wurden hervorgehoben. Diese haben
sich optisch von der Verbundstrukturdarstellung zu unterscheiden (Einschät-
zung des Quartierpotenzials, Abgrenzung von bedeutenden - auch vermute-
ten - Jagd- und Nahrungshabitaten)
mängel und unsicherheiten der durchgeführten Grundlagenuntersuchung
sind dargestellt und allenfalls Vorschläge für Zusatzuntersuchungen erstellt
Übersicht über die Originaldaten - getrennt nach Erfassungsmethoden - sind
vorhanden (z.B. Altdatenrecherche)
Angaben zu allen erfassten Fledermäusen mit x- und y-Koordinaten, bei
Netzfangergebnissen auch biometrische Angaben (Alter, Geschlecht und
Reproduktionsstatus)
Angaben zu allen erfassten Quartieren (mit x- und y-Koordinaten)
Benennen der erteilten Genehmigungen
5.3 Anforderungen an die Darstellung und Aufbereitung der Ergebnisse

| 55
Neben der festgestellten Artenvielfalt und Fle-
dermausaktivität sowie der artspezifischen
Empfindlichkeit gegenüber Zerschneidungs-
wirkungen hängt das Ausmaß der negativen
Wirkungen einer Straße auch von der Be-
schaffenheit (u.a. Breite, Damm- oder Gleich-
lage) und ihrer Lage in der Landschaft ab.
Daraus sowie aus den in Kapitel 4 genannten
hauptgefährdungsursachen ergeben sich für
die Anlage von Querungshilfen folgende all-
gemeine Anforderungen:
Die Vermeidung der Zerschneidung von
Lebensräumen und traditionellen Flugrou-
ten ist oberster Planungsgrundsatz. Die
Vermeidung von Beeinträchtigungen ist
der Schadensbegrenzung mittels
Querungshilfen vorzuziehen und zu
überprüfen (vgl. auch PFiSTER et al. 1997).
Die für die Fledermausarten relevanten
Aspekte müssen deshalb bereits bei der
Variantenprüfung mit einer hinreichenden
Tiefe berücksichtigt werden.
Vor dem hintergrund der ökologischen
Notwendigkeit, der rechtlichen
Anforderungen und der Kosten-Nutzen-
Effizienz, sind die Lage und Gestaltung
von Querungshilfen ebenso wie die Dichte
an Querungshilfen an den örtlichen
Gegebenheiten und dem bekannten
- zuvor untersuchten - Raumnutzungs
muster der Fledermäuse zu orientieren.
Dies ist auf der Grundlage einer
problemorientierten Fledermauserfassung
zu belegen.
Der umfang der Querungshilfen muss sich
an den zu erwartenden Beeinträchtigun-
gen des Lebensraumverbundes und der
Teillebensräume der betroffenen
Fledermauspopulationen orientieren.
Während Verkehrswege über lange
Zeiträume existieren, kann die
Raumnutzung einer Tierart mit der
Veränderung der Lebensräume (z.B.
Waldentwicklung, Sturmereignisse)
variieren. Verkehrswege müssen deshalb
so gestaltet werden, dass sie eine
grundsätzliche Durchlässigkeit aufweisen.
Damit wird die Erreichbarkeit alter und
neu entstehender habitate gesichert.
Vorzugsorte solcher Querungshilfen sind
Landschaftsausschnitte, die generell als
Leitlinien von Tieren genutzt werden, wie
z.B. Einschnitte, Tallagen und Flussauen.
Wird das Landschaftspotenzial genutzt,
kann sich auch der Aufwand für
Querungshilfen deutlich reduzieren.
Synergien mit Nutzen für andere Tierarten
sollen - wo immer möglich - gefördert
werden. Die maßnahmen des
Fledermausschutzes müssen in ein
Gesamtkonzept zur Wahrung der
„ökologischen Durchlässigkeit“ der Straße
eingebunden werden.
6 Entwicklung von Vermeidungs- und
Minderungsmaßnahmen in Abhängigkeit
von allgemeinen örtlichen Gegebenheiten
6.1 Allgemeine Grundsätze

image
56 |
6
Entwicklung von Vermeidungs- und minderungsmaßnahmen in Abhängigkeit von allgemeinen örtlichen Gegebenheiten
Trassierung in homogenen, nicht strukturier-
ten Waldgebieten
Wälder werden von allen Fledermausarten als
Quartier- und/oder Nahrungsraum genutzt. Je
nach Struktur des Waldes werden hier höchste
Arten- und individuenzahlen erreicht, wobei
grundsätzlich alte Laubwälder- und Laubmisch-
wälder von sehr hoher Bedeutung sind. Trassie-
rungen in geschlossenen Waldgebieten sind
damit besonders konfliktträchtig. Neben direk-
ten Quartier- und Nahrungsraumverlusten
werden bei Eingriffen in Wälder die Transfer-
möglichkeiten vom Quartier hin zu den Nah-
rungsräumen und zwischen den Nahrungsräu-
men zu beiden Seiten der Trasse beeinträchtigt.
Transferflüge in Wäldern sind meist wenig ka-
nalisiert, Fledermausflugwege lösen sich schnell
auf und die Tiere durchfliegen den Wald ge-
streut. Dies hat zur Folge, dass Trassenquerun-
gen diffus und nicht konzentriert erfolgen (Ab-
bildung 8). in solchen Fällen besteht kaum noch
eine möglichkeit, Fledermäuse gerichtet zu
Querungshilfen hinzuführen.
Trassierung in strukturierten Waldgebieten
Je nach Struktur und Relief des Waldgebietes
sind Vorzugsorte für Querungen festzustellen.
Dies ist z.B. an Waldschneisen innerhalb junger
und/oder dichter Bestände (Fichtendickungen)
oder entlang von Bach- und Flussläufen der Fall
(vgl. Abbildung 9 ff).
Querungshilfen im Wald müssen sich somit
— an den zuvor im Feld festgestellten
Querungsorten,
— an Vorzugsstrukturen für Tierquerungen
(z.B. Gewässerläufe, Täler, innere
Waldränder) und
— an einer allgemeinen Durchlässigkeit, die
mit einer Konstruktion von Querungshilfen
in regelmäßigen Abständen erreichbar ist,
orientieren (vgl. Abbildung 15 in Kap. 7.1.3).
Abbildung 8:
Zusammenhängendes Waldgebiet, das Fledermäusen
als Quartier- und Nahrungsraum dient. Flugwege oder
Konzentrationen der Fledermausaktivität können nicht
festgestellt werden, da das gesamte Gebiet „diffus“
genutzt wird.
6.2 Querung geschlossener Waldgebiete mit Funktion als Nahrungshabitat

image
image
image
| 57
Abbildung 9 (oben):
Zusammenhängendes Waldgebiet, das als Quartier- und
Nahrungsraum dient, jedoch durch Forstwege, Schneisen
und Bestandsgrenzen gegliedert wird.
Abbildung 10 (mitte):
Vorzugskorridore von Fledermäusen innerhalb des
zusammenhängenden Waldgebietes (z.B. entlang von
Fließgewässern, Schneisen, Forstwegen und
Bestandsgrenzen).
Abbildung 11 (unten):
Positionierung von Querungshilfen (blaue Kreise), die auf
der Grundlage bekannter Flugwege und bedeutender
Aktivitätszentren der Fledermäuse ermittelt wurden (vgl.
hierzu auch Abbildung 16 in Kap. 7.1.4).

image
58 |
Viele Fledermausarten orientieren sich außer-
halb des Waldes an Landschaftsstrukturen (z.B.
Baum- und Strauchreihen oder -solitäre, Obst-
wiesen, Gewässer), die neben einer Bedeutung
als Leitlinie auch eine Schutzfunktion gegen-
über Feinden erfüllen. Einige Arten fliegen dabei
vergleichsweise eng entlang der Vegetations-
strukturen (z.B. Langohren, Fransen-, Wasser-,
Teich- und Bechsteinfledermäuse, hufeisenna-
sen), andere mit einer Distanz von einigen me-
tern - allerdings immer noch erkennbar sich an
der Vegetation orientierend (Zwerg-, mücken-
und Rauhautfledermaus, Großes mausohr).
Die Leitlinien werden über die gesamte Nacht
genutzt, vorzugsweise jedoch während der
abendlichen Ausflugszeit beim hinflug ins Nah-
rungshabitat sowie bei der morgendlichen
Rückkehr ins Quartier. insbesondere in diesen
Zeiten kommt es zu hohen Konzentrationen
aus- bzw. einfliegender Tiere. Säugende Weib-
chen jedoch fliegen mehrmals in der Nacht ihre
Flugwege zwischen Quartier und Nahrungsha-
bitat.
Je nach struktureller Ausbildung kann die
Flug-
höhe
der verschiedenen Arten sehr variabel
zwischen bodennah, in Fahrzeughöhe und über
Fahrzeughöhe sein. in größeren Vegetationslü-
cken (> 5-10 m) kann die Flughöhe abgesenkt
werden, bisweilen kann auch die Vegetations-
spitze z.B. von Sträuchern und kleineren Bäu-
men als Leitlinie genommen werden. Das Flie-
gen entlang von Landschaftsstrukturen ist weit
verbreitet und vermutlich aufgrund der schüt-
zenden Wirkung auch obligat, es ist jedoch kein
Foto 31:
Die Wasserfledermaus nutzt als strukturgebunden
fliegende Art häufig traditionell ausgeprägte Flugwege
von ihren Quartieren in geeignete Jagdgebiete.
6
Entwicklung von Vermeidungs- und minderungsmaßnahmen in Abhängigkeit von allgemeinen örtlichen Gegebenheiten
6.3 Querung von Flugkorridoren außerhalb des Waldes (strukturgebundene Arten)

image
image
image
| 59
Automatismus. Fledermäuse kürzen z.B. Flüge
in bekannten Landschaftsräumen auch gerne
ab, was dazu führen kann, dass offene und
strukturlose Bereiche in geringer höhe (Fahr-
zeughöhe) durch- bzw. überflogen werden.
Werden Leitlinien durch Verkehrswege zer-
schnitten, kommt es zu einer deutlichen Erhö-
hung der Verkehrsmortalität, sofern keine
wirksamen Querungshilfen
konstruiert wer-
den. Bei entsprechendem zeitlichen Vorlauf
kann es funktionieren, das Bedürfnis der Fle-
dermäuse nach schützenden und Orientierung
gebenden Strukturen zu nutzen, um die Tiere
umzuleiten. Dazu muss jedoch die alte Leitlinie
abschnittsweise entfernt und die neue entspre-
chend aufgebaut werden und zwar
deutlich
bevor
die Trasse in Betrieb genommen wird (ca.
2-3 Vegetationsperioden vor Verkehrsfreigabe,
s. Kap. 7.2) . Eine grundsätzlich andere Rich-
tung kann man den Fledermäusen damit jedoch
nicht geben, denn sie müssen schließlich in ihre
bekannten Nahrungsräume gelangen. Sofern
eine neue Leitlinie ungünstig aufgebaut oder
räumlich falsch positioniert ist, behalten die
Tiere ihren ursprünglichen Flugweg bei, selbst
wenn dieser durch Strukturverlust und Straße
gestört ist.
Die gerichteten Flüge entlang von Strukturen
in der offenen Landschaft ermöglichen die Er-
mittlung von Konfliktpunkten mit der Trasse.
Sofern die Fledermausflugwege sorgfältig er-
mittelt wurden, sind das die Bereiche, wo Que-
rungshilfen geschaffen werden müssen (vgl.
Abbildung 13).
Abbildung 13 (unten):
Konfliktzonen (rosa Kreise), die zwischen Trassenführung
und fledermausrelevanten Strukturen bzw. Jagdhabitaten
erkennbar sind.
Kollisionsgefahr / Erhöhung der Verkehrsmortalität,
wenn neue Straßen die Flugwege zerschneiden
Abbildung 12:
Flugverhalten der Großen mausohren beim Verlassen
des Quartiers

60 |
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Auf der Grundlage fundierter Erfassungen der
Fledermäuse im Gelände (vgl. Kap. 5) lassen
sich Konflikte zwischen Fledermäusen und
Straße durch eine optimierte Trassenführung
bzw. die Verwirklichung von Alternativ-Trassen
am ehesten vermeiden. Sollten an der geplan-
ten Trasse weiterhin Konfliktpunkte bzw. -be-
reiche bestehen, müssen an diesen Stellen in
enger Abstimmung zwischen Fledermauskund-
lern und Planern maßnahmen zur Vermeidung,
minderung bzw. Schadensbegrenzung entwi-
ckelt und umgesetzt werden.
Dennoch bestehen in bestimmten Situationen
derzeit keine sinnvollen möglichkeiten, ein auf-
tretendes Kollisionsrisiko gänzlich zu vermeiden
oder zu vermindern. Eine solche Situation tritt
relativ häufig auf, z.B. bei breiten Trassen in
Gleichlage, wo weder Grünbrücken als Über-
führung noch größere Durchlassbauwerke als
unterführung möglich sind. Der Wirkungsgrad
von bislang in solchen Bereichen eingesetzten
Kollisionsschutzwänden als Überflughilfe wird
nach neuen Erkenntnissen bei den meisten Ar-
ten als relativ gering eingeschätzt (vgl. Kap.
7.3). Kann trotz der vorgesehenen konfliktver-
meidenden maßnahmen ein signifikant erhöh-
tes Kollisionsrisiko nicht ausgeschlossen wer-
den, so kann das Vorhaben nur in Verbindung
mit einer Artenschutzrechtlichen Ausnahmege-
nehmigung gemäß § 45 Abs. 7 BNatSchG
zugelassen werden. Voraussetzung für die
Erteilung einer Ausnahme sind u.a. habitat-
verbessernde maßnahmen, die die Sicherung
eines günstigen Erhaltungszustandes der Arten
gewährleisten. in Frage kommen z.B. FcS-maß-
nahmen (= favourable concervations status)
oder bei einer verbleibenden erheblichen Beein-
trächtigung der Erhaltungsziele eines FFh-
Gebietes auch maßnahmen zur Sicherung der
Kohärenz des Schutzgebietsnetzes Natura
2000. Wenn sich Kollisionsrisiken nur mit ei-
nem sehr hohen technischen Aufwand vermei-
den lassen, wird empfohlen zu prüfen, ob nicht
der Weg über eine Ausnahmegenehmigung, in
deren Folge statt der technischen maßnahmen
zur Vermeidung von Kollisionsrisiken maßnah-
men zur habitatverbesserung in den Lebens-
räumen der betroffenen Fledermausarten
durchgeführt werden können, zu einem aus
Naturschutzsicht besseren Ergebnis führt. in
vielen Fällen dürfte dann mit einem geringeren
mitteleinsatz für Schutz- und Entwicklungs-
maßnahmen in den Lebensräumen der betrof-
fenen Arten sogar ein größerer positiver Effekt
für die betroffenen Populationen zu erzielen
sein (vgl. Kap. 8).
im Gegensatz zu beispielsweise Amphibienleit-
einrichtungen existieren für fledermausspezifi-
sche maßnahmen bisher nur wenige belastbare
Datengrundlagen, die eine Beurteilung der Ef-
fizienz der Fledermausschutzmaßnahmen er-
möglichen. Deshalb müssen in Zukunft alle in
Projekten realisierten Querungshilfen einer
systematischen Wirkungskontrolle unterzogen
werden. Parallel dazu ist es erforderlich, be-
stimmte Reaktionen von Fledermäusen auf
verkehrsbedingte Wirkungen (z.B. Lichteinwir-
kungen) und maßnahmen zu deren Vermeidung
auch in Experimenten abseits von Straßen zu
überprüfen. mit dem zu erwartenden Kenntnis-
zuwachs wird auch eine Fortschreibung dieser
Arbeitshilfe erforderlich.
Der hier dargestellte Kenntnisstand zu Que-
rungshilfen für Fledermäuse basiert im Wesent-
lichen auf eigenen Erfahrungen der Autoren
und auf Arbeiten der AG Querungshilfen (AG
QuERuNGShiLFEN 2003, 2008). Darüber hinaus
wurden maßnahmenvorschläge aus den Nie-
derlanden (LimPENS et al. 2005) und Großbri-
tannien (NATiONAL ROAD AuThORiTY 2004),
O’cONNOR
&
GREEN 2011 hinzugezogen.
Die beschriebenen Gestaltungsvorschläge dür-
fen in der Praxis nicht in jedem Fall in schema-
tischer Art und Weise 1:1 umgesetzt werden.
Sie gelten als Orientierungshilfe und bedürfen
in der Regel einer Einzelfallprüfung im konkre-
ten Bereich der Trasse vor Ort. Die bauliche
Ausführung der Querungshilfen muss an die
örtlichen Gegebenheiten, z. B. die vorherr-
schende Geländemorphologie, angepasst wer-
den. Oftmals können wenige planerische De-
tails (wie der richtige Standort der Querungs-
hilfe oder die Anbindung an Leitstrukturen o. ä.)
über den Erfolg oder misserfolg der jeweiligen
maßnahme entscheiden. Eine „umweltbaube-
gleitung“ bei der umsetzung der maßnahmen
ist in der Praxis unentbehrlich. hierzu ist ent-
sprechendes Fachpersonal zu beauftragen, das
nachweislich über eine detaillierte Fachkunde
in Bezug auf Fledermäuse und Querungshilfen
verfügt.
7 Planungs- und Gestaltungsvorschläge
für Querungshilfen

image
| 61
Bei Querungsbauwerken kommen je nach Ein-
zelfall unterschiedliche Typen in Frage: Über-
führungen (z.B. Tunnel, Grünbrücken) und un-
terführungen (Fließgewässerdurchlässe,
unterführte Wirtschaftswege). Die Bauwerke
implizieren hohe Kosten für Bau, Betrieb und
unterhaltung. unter der zwingenden Vorausset-
zung der Wirksamkeit als Querungshilfe sind
daher neben artspezifischen und örtlichen Be-
sonderheiten auch wirtschaftliche Kriterien
unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit zu
berücksichtigen. Das gilt insbesondere für Tun-
nelbauwerke.
Folgende Ausführungen von Querungsbauwer-
ken kommen in Betracht, die in abgestufter
Reihenfolge in ihrer belegten oder anzuneh-
menden Wirkung beschrieben werden:
7.1.1 TUNNEL
Bei der Führung der Trasse im Tunnel wird die
Nutzung traditioneller bzw. die Wahl neuer
Flugwege von Fledermäusen nicht oder kaum
beeinflusst. Die Landschaftsausstattung kann
oberirdisch in ihrer Ausprägung erhalten blei-
ben. Diese Ausführung ist sinnvoll, wenn durch
den Trassenverlauf Jagdgebiete direkt zerschnit-
ten werden oder eine gefahrlose Querung für
die Fledermäuse auf einem breiteren Trassenab-
schnitt erforderlich wird. Das Konfliktpotenzial
reduziert sich auf die Tunnelöffnungen (Sogwir-
kung, Kollisionsrisiko), da hier Fledermäuse ver-
suchen könnten, die Tunnel als Quartiermög-
lichkeiten zu erkunden oder sich attraktive
Jagdmöglichkeiten über felsigen, aufgewärmten
Tunnelportalen ergeben.
7.1.2 ÜBERSPANNENDE BRÜCKE /
AUFSTäNDERUNG DER TRASSE
unter Brückenbauwerken mit großer lichter
Weite und höhe werden die angestammten
Flugrouten der Fledermäuse bzw. die Wahl neu-
er Wege wenig beeinflusst (siehe Foto 32). Die
Landschaftsausstattung kann weitgehend in
ihrer Ausprägung erhalten bleiben. Lineare oder
flächige Gehölzstrukturen können unter diesen
Bauwerken durchgängig gestaltet werden. Die-
se Ausführung ist sinnvoll, wenn Jagdgebiete
direkt zerschnitten werden oder auch hier eine
gefahrlose Querung für die Fledermäuse auf
einem breiteren Trassenabschnitt erforderlich
ist. Eine hohe konfliktmindernde Wirkung be-
steht bei dieser Ausführung nur dann, wenn die
lichte höhe des Bauwerkes deutlich über die
Baumkronen hinaus reicht, da strukturgebun-
dene Fledermausarten oft in Baumkronen jagen
oder diese als Verbindungselemente auf ihren
Flugwegen wählen. Sollten die Bauwerke mit
der Fahrbahn in den Bereich der Baumkronen
reichen und dadurch bedeutsame Fledermaus-
flugrouten betroffen sein, sind diese mit Sperr-
einrichtungen (Kollisionsschutz) zu versehen.
Konfliktbereiche können sich auch im Bereich
der Widerlager ergeben, die nicht selten an den
Böschungsoberkanten von bewaldeten hangla-
gen errichtet werden. hier treffen dann man-
cherorts strukturreiche Waldsäume bzw. Über-
gänge zum Offenland senkrecht auf die Trasse.
hier sind dann z.B. ableitende maßnahmen
(Kollisionsschutzwände) zu installieren, die die
Tiere entweder zum Abtauchen oder zumindest
zu einem höheren Überflug animieren.
7.1.3 ABDECKEN ODER EINHAUSEN
SENSIBLER ABSCHNITTE
Wenn eine Trasse im Einschnitt verläuft, können
durch Abdeckung gefahrlose Querungen auf
einem breiteren Abschnitt ermöglicht werden.
Ebenso ist das Einhausen von Trassenabschnit-
ten, die nicht oder nur teilweise im Einschnitt
verlaufen, eine Variante. Diese Bauausführun-
gen sind sinnvoll, wenn durch den Trassen-
verlauf Quartiere unmittelbar tangiert, Jagd-
gebiete direkt zerschnitten werden oder eine
gefahrlose Querung für die Fledermäuse auf
einem breiteren Trassenabschnitt erforderlich
ist. mit diesen Ausführungen werden mehrere
Konfliktfelder vermieden.
Die Bauwerke sollten durch Gestaltungsmaß-
nahmen (Anlage von Gehölzstrukturen über der
Trasse bei abgedeckten Einschnitten, Bepflan-
zung eingehauster Bereiche von beiden Seiten
mit Bäumen und Gehölzen) optimal in die Land-
schaft eingefügt werden, damit z.B. existierende
Flugwege von Fledermäusen erhalten werden
können. Bei eingehausten Straßenabschnitten
müssen die Seitenwände für Fledermäuse un-
durchlässig gestaltet werden.
An den Öffnungen bestehen jedoch auch Kon-
fliktpotenziale (Sogwirkung, Kollisionsrisiko), da
hier Fledermäuse versuchen könnten, die tun-
nelähnlichen Bauwerke als Quartiermöglichkei-
ten zu erkunden.
7.1 Planung und Gestaltung von Querungsbauwerken
Foto 32:
Durch weit überspannende Talbrücken werden die
darunter liegenden Leitstrukturen und Jagdhabitate der
Fledermäuse weitgehend geschont. Wichtige
Funktionsbeziehungen können aufrecht erhalten bleiben.

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62 |
7.1.4 GRÜNBRÜCKEN
Werden durch den Trassenverlauf relevante
Flugwege gekreuzt, können Grünbrücken wich-
tige Querungshilfen darstellen, wie sie bereits
für bodengebundene Säugetiere erfolgreich
geplant und gebaut werden. Durch eine ent-
sprechende Gestaltung mit Gehölzstrukturen
und einem beidseitigen Blendschutz können
diese Bauwerke einen gefahrlosen Überflug in
Jagdgebiete oder zu Quartieren ermöglichen
(vgl. BAch
&
mÜLLER-STiESS 2005).
Die Wirksamkeit von Grünbrücken hängt maß-
geblich von deren Ausgestaltung ab. Sie sollten
möglichst breit und mit dichter über das Bau-
werk führender Bepflanzung ausgestattet sein.
Außerdem stellt eine gute Anbindung an um-
liegende Gehölz- und Waldbestände (Verzah-
nung mit vorhandenen Landschaftsstrukturen)
eine wesentliche Voraussetzung für die Annah-
me dar. um irritationen durch Lichteinwirkun-
gen zu vermeiden, vor allem bei niedrigem
Bewuchs an den Brückenrändern, wird zusätz-
lich ein Blendschutz empfohlen (vgl. Kap. 7.4).
Der Bau von Grünbrücken bietet sich insbeson-
dere dann an, wenn die Trasse im Einschnitt
geführt wird. Bei allen Überflügen von Fleder-
mäusen bei Gleichlage der Trasse besteht die
Foto 33:
Grünbrücken können nicht nur bodengebundenen
Tierarten als eine geeignete Querungsmöglichkeit dienen,
sondern auch strukturgebundenen Fledermausarten.
Entscheidend für den Wirkungserfolg dieser maßnahme
sind wichtige Details, wie die richtige Position, eine
optimale Anbindung an Leitstrukturen der umgebung
sowie ein Schutz vor Blendwirkungen auf der Brücke.
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen

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| 63
Abbildung 15:
Werden zusammenhängende Waldgebiete, die von
Fledermäusen „diffus“ genutzt werden, durch neue
Verkehrswege zerschnitten, sollten Grünbrücken oder
Wirtschaftswegeüberführungen entsprechend
artspezifisch nachgewiesener Notwendigkeit positioniert
werden. um insbesondere strukturgebundene Fledermäuse
davon abzuhalten, in den Einschnitt „abzutauchen“, sollten
beidseits des Einschnitts 4 m hohe Zäune die Tiere zu den
Querungshilfen leiten.
Gefahr, dass die Tiere seitlich am überführten
Bauwerk vorbeifliegen und in den Verkehrs-
raum geraten. Deshalb sollte eine erforderliche
Querungshilfe zum einen so breit wie möglich
gestaltet werden, zum anderen sollten Leit-
strukturen direkt auf das Bauwerk zulaufen
(Abbildung 17).
Die für die Überführung von Wildtieren ange-
gebenen Brückenbreiten von 50 m (FGSV 2008)
dürften auch von allen Fledermausarten als
Querungshilfe gut genutzt werden können.
Selbst bei einer Brückenbreite von 30 m kann
man davon ausgehen, dass fast alle Fleder-
mausarten die Brücke nutzen, insofern sie
strukturell gut in die Landschaft eingebunden
ist. Bei schmaleren Brücken, z.B. heckenbrü-
cken, wird die Wirksamkeit für die meisten Ar-
ten zwar immer noch als hoch, aber insgesamt
geringer eingeschätzt als bei breiten Grünbrü-
cken (vgl. Expertenbefragung in Kap. 7.5). in
Einzelfällen kann es auch sinnvoll sein, Grün-
brücken deutlich breiter zu bauen – z.B. bei der
Überbrückung von sehr breiten Trassen oder in
geschlossenen Wäldern, wo Querungsbezie-
hungen über die Trasse hinweg häufig an meh-
reren Stellen gleichzeitig erfolgen und die Que-
rungspunkte nicht immer genau lokalisiert
werden können.
Abbildung 14:
Verläuft die Trasse in Einschnittlage, kann eine Grünbrücke
überführt werden. Beidseits der Brücke ist ein Blendschutz
mit
>2,0
m höhe vorzusehen.

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64 |
Grundriss der Planung:
Da bislang keine Erkenntnisse zur Funktion eines solchen
Bauwerks vorliegen, sind Kontrollen der Wirksamkeit bzw.
Verhaltensbeobachtungen der Fledermäuse im Rahmen
eines monitorings zwingend erforderlich.
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Abbildung 16:
Geplante Positionierung von regelmäßig angeordneten
Querungshilfen in einem zusammenhängenden
Waldgebiet im Bereich von Schneisen, Talzügen und
Forstwegen. Zwischen diesen Querungshilfen sind 4 m
hohe Zäune (blaue Zackenlinien) oder Abpflanzungen von
Waldrandstrukturen (grün) dargestellt, die das hinleiten zu
den Querungshilfen begünstigen sollen. Die jeweilige
Entscheidung für die eine oder andere Variante hängt von
der konkreten Planungssituation ab.
Abbildung 17:
Lösungsmöglichkeit bei Trasse in Gleichlage: Ein Durchlass
wird mit entsprechendem Erdkörper überdeckt, der die
Basis für eine hinreichende Begrünung bildet. Auch hierbei
ist ein Blendschutz mit
>
2,0 m höhe beidseitig zu
installieren.

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| 65
7.1.5 DURCHLäSSE
Verläuft die Trasse in Dammlage, können punk-
tuell Durchlässe zur gefahrlosen unterquerung
angeboten werden. Diese Ausführungen finden
Anwendung, wenn bereits schmale, lineare
Strukturen, wie z.B. bandartige Gehölzbestände
entlang kleiner Fließgewässer oder Wirtschafts-
wege, in der Landschaft bestehen. Durch ge-
zielte Anbindung der Durchlässe mit linearen
Gehölzstrukturen sollen Fledermäuse „gebün-
delt“ zu den Durchlässen geleitet werden und
dort möglichst gefahrlos die Trasse unterque-
ren können. Grundsätzlich sollten die Trassen-
abschnitte in Bereichen mit Durchlässen für
eine oberirdische Überquerung der Fledermäuse
unattraktiv gestaltet werden (gehölzfreie Bö-
schung, ggf. beidseitige Schutzwand entlang
der Fahrbahn).
Als wirkungsvoll für Fledermäuse haben sich
bisher schon groß dimensionierte, kastenför-
mige Durchlässe, aber auch Wellstahlrohr-
durchlässe (ø 4,6 m) erwiesen.
Bei Kombination von Durchlässen mit Wirt-
schaftswegen muss darauf geachtet werden,
dass in den Nachtstunden Fledermäuse hier
ungestört und gefährdungsfrei hindurch flie-
gen können (gering frequentiert, keine öffent-
lichen Straßen oder Schienenstränge, keine
Beleuchtung). „Negativerfahrungen“ können bei
Fledermäusen zu langen Phasen der meidung
führen.
Bereits vor inbetriebnahme der Trasse sollte die
volle Funktionsfähigkeit des Durchlasses und
der zuführenden Leitstrukturen nachweislich
gegeben sein.
Für Konfliktbereiche bei Straßen in Dammlage,
die eine gefahrlose Querung für die Fledermäu-
se auf einem breiteren Trassenabschnitt erfor-
dern, kann neben der Aufständerung der Trasse
auch eine Serie von Durchlässen in Betracht
kommen. Diese punktuellen Querungshilfen
müssen dann in ein System von Leit-/Schutz-
wänden oder –zäunen eingebunden sein (vgl.
Foto 36 und Foto 37). Der Abstand zwischen
den Durchlässen richtet sich nach der betrof-
fenen Fledermausart bzw. dem Abstand zum
Quartier und muss der Spezifik der Planung
entsprechend festgelegt werden.
Aber auch kleiner dimensionierte Durchlässe
werden von Fledermäusen genutzt, insbeson-
dere wenn es sich um geschlossene Führungen
kleinerer Fließgewässer handelt (vgl. Foto 38).
Dieses Verhalten ist an bestehenden Straßen
bei Arten wie der Wasserfledermaus häufig,
aber auch bei anderen Arten wie der Fransen-
fledermaus und der Kleinen Bartfledermaus
bereits belegt. insbesondere kleine Durchlässe,
die nicht dauerhaft Wasser führen, haben je-
doch den Nachteil, dass es dort Prädatoren, wie
mardern oder Katzen, leichter fällt, die durch-
fliegenden Fledermäuse zu erbeuten.
Die Kenntnisse über die Nutzung verschiede-
ner Durchlässe durch die einzelnen Fleder-
mausarten können aufgrund der Vielzahl von
Beobachtungen als relativ abgesichert gelten.
Entsprechend kann – bei sachgerechter Aus-
führung – auch die Wirkung von Durchlässen
relativ sicher vorausgesagt werden (AG QuE-
RuNGShiLFEN 2003, vgl. auch Tabelle 6). Neben
den breiten Grünbrücken stellen Durchlässe für
zahlreiche Fledermausarten die am besten ge-
eigneten Querungshilfen dar (vgl. BAch et al.
2004).
Foto 34 (oben):
Einbau eines Wellstahlrohrdurchlasses bei einer Trasse in
Dammlage. Über dem Durchlass wird beidseitig ein 4 m
hoher Schutzzaun mit Blend-/ irritationsschutz errichtet.
Der Durchlass wird mit einer Leitstruktur (hecke) an die
umgebenden Strukturen optimal angebunden
(s.a. Foto 50).
Foto 35 (unten):
unterführung eines Wirtschaftsweges und eines Baches
(A 5 Karlsruhe-Basel), die regelmäßig von zahlreichen
Fledermausarten genutzt wird:
Wasserfledermaus
Große Bartfledermaus
Kleine Bartfledermaus
Wimperfledermau
Fransenfledermaus
Bechsteinfledermaus
Braunes Langohr
Nymphenfledermaus
Zwergfledermaus
mückenfledermaus

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66 |
Foto 36:
Fledermausdurchlässe in Verbindung mit Leitpflanzungen
und trassenparallelen 4 m hohen Zäunen mit Leitfunktion
an der S 170 n Friedrichswalde-Ottendorf
Foto 37:
im Übergang zu begrünten heckenbrücken und Grün-
brücken mit beidseitigen Blend-/irritationsschutzwänden
Foto 38:
unterführung eines Baches
(A 5 bei Offenburg) mit irritationsschutzwand. Der
Durchlass wurde anstatt eines Rohrdurchlasses (DiN 1000)
angelegt und weist eine breite von 5 m und eine höhe von
ca. 2 m über dem Wasserspiegel auf. Er wurde für die Arten
Braunes Langohr, Fransenfledermaus und Wasserfledermaus
geplant, deren Querungsbeziehungen über eine nun 6
spurige Autobahn nach dem Ausbau verbessert werden
sollen. Ein monitoring beginnt hier erst 2012. im Bild fehlt
noch die geplante Leitstruktur mit beiderseits des Grabens
verlaufenden Gehölzreihen.
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen

| 67
Art
(Zahlenangaben für Durchlässe bis 30 m Länge)
Bechsteinfledermaus
myotis bechsteinii
Wirtschaftswegeunterführungen (4,5 m LH, 4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich
Fransenfledermaus
myotis nattereri
bei Gewässerdurchlässen kleinere Querschnitte ausreichend (1,5 m LH über MW, 2-3 m B)
Durchlassquerschnitte über Land deutlich größer (Wirtschaftswegeunterführung 4,5 m LH, 4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich
Große Bartfledermaus
myotis brandtii
Durchlässe möglichst groß (Wirtschaftswegeunterführung 4,5 m LH, 4-6 m Breite)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich
Große Hufeisennase
Rhinolophus ferrumequinum
verlässliche Aussagen zur Dimensionierung von Durchlässen nicht möglich
möglicherweise werden auch Durchlassbauwerke angenommen, die etwas geringere Dimensionen
als Wirtschaftswegeunterführungen aufweisen, insbesondere bei Gewässerdurchlässen
Großes Mausohr
myotis myotis
Wirtschaftswegeunterführung (4,5 m LH, 4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen erforderlich
Kleine Bartfledermaus
myotis mystacinus
bei Gewässerdurchlässen kleinere Querschnitte ausreichend (1,5-2 m LH über MW, 3-6 m B)
Durchlassquerschnitte über Land deutlich größer (Wirtschaftswegeunterführung 4,5 m LH, 4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich
Kleine Hufeisennase
Rhinolophus hipposideros
Anbindung der Querungshilfen durch Leitstrukturen ist zwingend erforderlich
verlässliche Aussage zur Mindest-Dimensionierung von Durchlässen ist derzeit nicht möglich,
aber Dimension einer Wirtschaftswegeunterführung ist ausreichend und wird von der Art angenommen
Mopsfledermaus
Barbastella barbastellus
Durchlässe mit Dimension Wirtschaftswegeunterführung (4,5 m LH, 4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen erforderlich
Nymphenfledermaus
myotis alcathoe
Durchlässe groß dimensionieren (4,5 m LH, 6 m B oder 3 m LH bei entsprechender Breite (> 10 m)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich und besonders wichtig
Teichfledermaus
myotis dasycneme
Bei Querung eines als Leitlinie genutzten Gewässers werden kleinere Durchlässe genutzt
(1 m Lh über mW, 2 m B, 5 m L)
bei Querungsbauwerken über Land Durchlassquerschnitte möglichst groß
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich
Wasserfledermaus
myotis daubentonii
bei Gewässerdurchlässen rel. geringer Querschnitt ausreichend
(1-1,5 m Lh über mW, 1,5-2 m B) oder Tunnelröhren mit 2 m Durchmesser
Durchlassquerschnitte über Land deutlich größer (Dimension Wirtschaftswegunterführung 4,5 m LH,
4-6 m B)
Anbindung mit Leitstrukturen wichtig
*
Wimperfledermaus
myotis emarginatus
Durchlässe groß dimensionieren (4,5 m LH, 6 m B oder 3 m LH bei entsprechender Breite (z.B. 10 m)
Anbindung mit Leitstrukturen zwingend erforderlich und besonders wichtig
Braunes Langohr
Plecotus auritus
Graues Langohr
Plecotus austriacus
Durchlässe mit Dimension Wirtschaftswegeunterführung (4,5 m LH, 4-6 m Breite)
bei Gewässerdurchlässen auch geringfügig geringere Maße möglich
Anbindung mit Leitstrukturen erforderlich
Breitflügelfledermaus
Eptesicus serotinus
Großer Abendsegler
Nyctalus noctula
Kleiner Abendsegler
Nyctalus leisleri
Nordfledermaus
Eptesicus nilssonii
Zweifarbfledermaus
Vespertilio murinus
Überflug von Trassen in größerer Höhe
Durchlässe mit Dimension Wirtschaftswegeunterführungen (4,5 m LH, 4-6 m B) sind nur als mögliche
Ergänzung zu betrachten (am ehesten Nordfledermaus) und nur in speziellen Fällen erforderlich
(z.B. besondere Ausflugssituation in Quartiernähe)
Mückenfledermaus
Pipistrellus pygmaeus
Rauhautfledermaus
Pipistrellus nathusii
*Weißrandfledermaus
Pipistrellus kuhlii
Zwergfledermaus
Pipistrellus pipistrellus
Überflug von Trassen
als Hilfsmittel kommen Ablenkungsmaßnahmen in Betracht
Durchlässe mit Dimensionen einer Wirtschaftswegeunterführung (4,5 m LH, 4-6 m B)
bei Gewässerdurchlässen auch geringfügig geringere Maße
Tabelle 6:
Hinweise für die Dimensionierung von Durchlässen (AG QUERUNGSHILFEN 2003 verändert und ergänzt) - [ * nicht in Sachsen vorkommend ]

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68 |
Abbildung 19 (unten):
Prinzipskizze Wirtschaftsweg mit beidseitig überführten
heckenstrukturen
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Foto 39 (rechte Seite oben):
realisierte heckenbrücke an der BAB A17, Abschnitt Pirna
bis Bundesgrenze D/cZ
Foto 40 (rechte Seite unten):
die geschlossene Leitstruktur führt über die Autobahn
Abbildung 18 (oben):
Wirtschaftsweg in Kombination mit beidseitigen
heckenpflanzungen und irritationsschutz auf dem
Bauwerk quer zur Trasse – 4 m hohe trichterförmig
abgewinkelt Fledermausleiteinrichtung mit
Trichterwirkung zur Querungshilfe
7.1.6 WIRTSCHAFTSWEGÜBERFÜHRUNG
MIT BEIDSEITIGEN HECKEN
(„HECKENBRÜCKE“)
um geplante Überführungen von Wirtschafts-
wegen (schmale Brücken) auch als attraktive
Querungsmöglichkeiten für Fledermäuse über
die Trasse hinweg zu gestalten, werden die
Wirtschaftswegeüberführungen beidseitig
mit gehölzreihen
ergänzt, wenn die darunter
liegende
Trasse
in
Einschnittlage
verläuft (vgl.
Abbildung 18 ff.). Durch entsprechende Anbin-
dung sollte es den Fledermäusen möglich sein,
an Leitstrukturen (lineare Gehölze) entlang zu
fliegen, dem Wirtschaftsweg mit beidseitigen
Strukturen zu folgen und dabei die darunter
verlaufende Trasse möglichst gefahrlos zu
überwinden. Wird der Wirtschaftsweg randlich
der Überführung geführt, ist es auch möglich,
einseitig einen dichten und breiteren Gehölz-
streifen anzulegen, der an die umgebenden
Leitstrukturen lückenlos angebunden ist.
in jedem Fall ist ein
beidseitiger irritations-
schutz
>
2,0 m höhe
auf den „heckenbrü-
cken“ aus langlebigem material zwingend vor-
zusehen, um einen von Scheinwerfern der
Fahrzeuge möglichst unbeeinflussten, abge-
dunkelten Flugkorridor zu schaffen, der nicht
durch die hecken allein gebildet werden kann.

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70 |
Wirtschaftsweg mit beidseitigen Hecken an der S 170 n Friedrichswalde-Ottendorf
Foto 41 (oben):
19.04.2009 nach der herstellung – Auf der heckenbrücke ist
ein, vor irritationen durch Licht und Lärm geschützter Raum
entstanden, der das Queren verschiedener Tierarten
ermöglichen soll. Ebenso ist tagsüber die Nutzung als
landwirtschaftlicher Weg möglich.
Foto 42 (mitte):
29.08.2010 – im 2. Jahr nach der Anlage mit Überfahrschutz
Foto 43 (unten):
29.11.2011 – mit Blend-/ irritationsschutz und Leitzäunen
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen

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| 71
Installation von Wildschutzzäunen – Details
sind entscheidend
Eng strukturgebundene Fledermausarten, wie
die Kleine hufeisennase, orientieren sich auch
entlang von künstlichen Strukturen im Gelän-
de (z. B. mauern, Zäune). Werden herkömmli-
che „Wildschutzzäune“ zur Vorbeugung von
Wildkollisionen und Verkehrsunfällen entlang
von neuen Straßen installiert, muss beachtet
werden, dass sie ungewollt auch als künstliche
„Leitstrukturen“ im Bereich von Querungshil-
fen fungieren. Sie sollten bei Einschnittlage
der Trasse deshalb nicht unter den Brücken-
kopf führen und somit strukturgebundene
Fledermausarten unter die Wirtschaftswege-
überführung („heckenbrücke“) bzw. auf die
Trasse leiten und somit zusätzliche Konflikte
provozieren, sondern oben am Brückengelän-
der bzw. an der zuführenden Leitstruktur eng
anschließen. Bei Zäunen, die gezielt z. B. zur
Überbrückung des „time lag“ (der zeitlichen
Verzögerung bis zur Wirkung der Pflanzung)
als temporäre Leitstruktur eingesetzt werden,
ist eine engere maschenweite zu wählen (sie-
he hierzu auch mAQ 2008) bzw. sind diese ggf.
zu bespannen (vgl. hinweise in Kap. 7.6.3).
Foto 44:
Wildschutzzäune als „künstliche“ Leitstrukturen dürfen
nicht im Bereich von heckenbrücken unterhalb des
Brückenkopfes anschließen und somit die
strukturgebundenen Fledermäuse unter die Brücke bzw. in
Richtung Einschnitt/Fahrbahn lenken (links). im Bild unten
ist die Anbindung des Zauns geeignet, um die Kleinen
hufeisennasen auf die heckenbrücke zu leiten.
falsch
richtig

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72 |
7.1.7 HOP-OVER
Die Entwicklung von Überleitungen im Kro-
nenbereich von Bäumen („hop-over“) in
Verbindung mit seitlichen Abschirmungen
(Wände, Sperrzäune) ist insbesondere bei ein-
bahnigen Straßenbauvorhaben (Querschnitte
entsprechend dem jeweils geltenden Regel-
werk) denkbar. hier kann mittelfristig eine
Vegetationsbrücke entstehen, an der sich die
Tiere orientieren und damit die Straße sicher
überfliegen können. Beidseitig der Trasse soll-
ten mindestens zwei großkronige Laubbäume
gepflanzt werden, die über einen gestuften
Übergang mit der Leitstruktur verbunden sind.
Parallel zum Fahrbahnrand sollten zumindest
während der Phase der Verdichtung der he-
cken beidseitig mind. 4 m hohe Kollisions-
schutzwände bzw. -zäune errichtet werden.
Die Bäume sind im unmittelbaren Anschluss
an die Fahrbahn zu pflanzen. Notwendige pas-
sive Schutzeinrichtungen zwischen Fahrbahn
und Baum sind entsprechend RPS 09 bzw. den
Grundsätzen dieser Richtlinie entsprechend
vorzusehen. um eine frühzeitige Wirksamkeit
zu erreichen, ist unter Berücksichtigung der
örtlichen Gegebenheiten eine Großbaum-
pflanzung (höhe >8-10 m) vorzunehmen.
Für Autobahnen können hop-Over unter be-
stimmten umständen ebenfalls vorgesehen
werden. hier muss neben den Bepflanzungen
am jeweiligen Fahrbahnrand auch eine mittel-
streifenbegrünung initiiert werden. Nach eige-
nen Telemetrie-Studien an verschiedenen Bun-
desautobahnen werden diese auch von sehr
strukturgebunden fliegenden Fledermäusen,
wie der Bechsteinfledermaus, genau an den
Stellen überquert, die über einen Gehölzbe-
stand auf dem mittelstreifen und gleichzeitig
auch über die Autobahn begleitende Gehölze
nahe an der Fahrbahn verfügen. Bei diesen Bei-
spielen handelt es sich aber ausnahmslos um
ältere Autobahnen, mit im Laufe der Zeit gut
entwickelten Gehölzbeständen, die teilweise
sogar in Einschnittlagen verlaufen.
Eine zurzeit bereits vielfach geplante maßnah-
me, den Überflug von Fledermäusen über die
Trasse zu fördern, besteht in der Errichtung
von Kollisionsschutzwänden oder –zäunen
direkt am Fahrbahnrand (siehe auch Kap. 7.3).
Die Wirkung dieser maßnahme ist bislang
nicht ausreichend untersucht. Eine Befragung
von Fledermausexperten zur Wirksamkeit von
Schutzwänden als Überflughilfen ergab für die
einzelnen Arten ein differenziertes Ergebnis
(vgl. Kap.7.5). Die Experten der AG Querungs-
hilfen 2008 schätzen ein, dass diese nur für
wenige Arten
bedingt
als geeignet erscheinen
und weisen darauf hin, dass die Wirksamkeit
auch von der speziellen Geländesituation ab-
hängig ist. insbesondere für die eng struktur-
gebundenen Arten wie z.B. Langohren und
auch Fransenfledermäuse wird die Wirksam-
keit als eher gering eingestuft, weil erwartet
wird, dass viele Arten ihre Flughöhe zwischen
den Wänden, die weit auseinander stehen,
wieder absenken. (vgl. auch Kap. 7.3). Selbst
eine zusätzliche Konstruktion einer Schutz-
wand auf dem mittelstreifen würde die Wirk-
samkeit für diese Arten nur geringfügig erhö-
hen (vgl. artspezifische Darstellung in Tabelle
7 in Kap. 7.5).
Der Vorteil einer Kollisionsschutzwand gegen-
über Gehölzen liegt eindeutig darin, dass so-
fort ein massives hindernis auf der Flugroute
errichtet werden kann. Die Entwicklung von
Gehölzen als Überflughilfe dauert dagegen
mehrere Jahre. Selbst wenn bereits große
Pflanzen verwendet werden, ist die Struktur
zunächst lückig und wenig dicht. mittel- bis
langfristig dürfte sich aber ein entscheidender
Vorteil dadurch ergeben, dass die Gehölze am
Fahrbahnrand und auch auf dem mittelstrei-
fen eine deutlich größere höhe erreichen kön-
nen als Schutzzäune oder –wände. Es ist an-
zunehmen, dass die Wirksamkeit mit der
Größe und Dichte der Gehölze deutlich zu-
nimmt. Da bislang – von Ausnahmen abgese-
hen – keine untersuchungen zur Wirksamkeit
von Kollisionsschutzzäunen oder „hop-over“
vorliegen, ist es dringend erforderlich, die in
Zukunft realisierten maßnahmen intensiv auf
ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen, um mit-
telfristig zu abgesicherten Erkenntnissen zu
gelangen.
Wenn Flugwege von Fledermäusen Straßen
auf Geländeniveau queren, ist es schwierig,
die Tiere gefahrlos in entsprechender höhe
über die Straße zu leiten. Ein Beispiel, wie dies
punktuell gelingen könnte, zeigen LimPENS et
al. (2005). Sie schlagen vor, in einem Abstand
von ca. 25 m von der Straße eine zur Straße
hin ansteigende Vegetationslinie aus Bäumen
und Sträuchern mit einer dichten Krone zu
schaffen (vgl. Abbildung 20).
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Abbildung 20:
Trifft eine Leitstruktur senkrecht auf eine Trasse mit
mittlerer bis geringer Breite, kann sich über einen Zeitraum
von mehreren Jahren eine Querungsstelle ausprägen und
für die Fledermäuse als günstig erweisen, um die Trasse
weitgehend ungefährdet über die Gehölze (Baumkronen)
zu überfliegen: sogenannter ”hop-Over” (Abbildung
verändert nach LimPENS et al. 2005).

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| 73
7.1.8 TECHNISCHE LÖSUNGEN
Als Alternative zu begrünten Querungshilfen
oder auch als Übergangslösung, bis sich die
Vegetationsstrukturen wie gewünscht entwi-
ckelt haben, werden zurzeit auch rein techni-
sche Lösungen diskutiert. Dabei handelt es
sich z.B. um Überspannungen von Straßen, die
eine Orientierung über die Straße bieten und
gleichzeitig ein Absinken der Flughöhe über
der Fahrbahn verhindern sollen. in den nach-
folgenden Abbildungen werden entsprechen-
de erste Konstruktionsskizzen vorgestellt.
Zurzeit ist es nicht möglich, die Wirksam-
keit solcher maßnahmen einzuschätzen
(O’cONNOR
&
GREEN 2011). Die hier darge-
stellten technischen Lösungen sind daher ent-
sprechend als ideenskizzen zu verstehen und
nicht regelwerkskonform. Zudem sind bei der-
artigen Lösungen die Anforderungen, die sich
sowohl hinsichtlich Verkehrs- und Standsicher-
heit als auch Dauerhaftigkeit an die ingenieur-
bauwerke stellen, für jeden Anwendungsfall zu
gewährleisten.
Zu berücksichtigen ist auch, dass diese maßnah-
men ganz auf den Fledermausschutz ausgerich-
tet sind und im Gegensatz zu unterführungen
oder breiten Grünbrücken keine Synergien mit
anderen Schutzzielen z.B. für bodengebundene
Säugetiere bieten.
Abbildung 21 (links):
Stahl-Bogentragwerk mit Teflon-Bespannung in Gleichlage
bzw. Schaffung einer „künstlichen“ Einschnittlage durch
straßenparallelen Erdwall. Es handelt sich hierbei um ein
Beispiel, das im Rahmen der Querung von
Verbundstrukturen der Kleinen hufeisennase im
nachgeordneten Straßennetz im Zuge des Neubaus der BAB
A 17 vorgeschlagen, jedoch bisher nicht realisiert wurde.
Abbildung 22 (unten rechts):
Stahl-Bogentragwerk im Grundriss. Derartige
Lösungsvorschläge wurden in der Praxis bisher nicht
realisiert.
Eine evtl. vorhandene Straßenbeleuchtung
sollte speziell, z. B. für Langohren und Was-
serfledermäuse, so ausgerichtet sein, dass der
Lichtschein nach unten gerichtet ist und die
Kronen der Bäume im Dunkeln bleiben. Es ist
denkbar, durch die Ausrichtung der Beleuch-
tung sogar eine „Lenkung“ der Fledermausar-
ten, die das Licht meiden, in die Kronenregion
zu erreichen ist (vgl. Tabelle 3 - Empfindlich-
keit gegenüber Licht). Das Beispiel aus den
Niederlanden zeigt auch, dass ”hop-over” auf
die Bereiche konzentriert werden sollten, wo
Flugwege von Fledermäusen bekannt sind
oder Überflüge auf einem breiteren Trassen-
abschnitt erwartet werden.
Von einer vollständigen Bepflanzung einer
Trasse in dieser Weise ist abzusehen, da nicht
zu verhindern ist, dass Fledermäuse diese
Strukturen auch auf ihren Jagd- oder Trans-
ferflügen entlang von Gehölzen nutzen und
so einem erhöhten Kollisionsrisiko ausgesetzt
sind. häufig sind dann andere Arten (z.B. die
Abendsegler-Arten) betroffen als die Arten,
für die diese Querungshilfe geplant wurde.
Gehölze mit der Funktion als Jagdhabitat oder
Leitstruktur sollten daher immer in einem ge-
wissen Abstand zur Trasse geplant werden.
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand kann für
Gehölze an Straßen als Grundprinzip gelten:
zur unterstützung von Überflügen so groß
und so nah wie möglich an der Straße,
als Leitstruktur und Jagdhabitat Abstand
halten.
Da bislang – von Ausnahmen abgesehen –
keine untersuchungen zur Wirksamkeit von
„hop-over“ oder Kollisionsschutzzäunen vor-
liegen, ist es dringend erforderlich, die reali-
sierten maßnahmen auf ihre Wirksamkeit
hin zu überprüfen, um mittelfristig zu abge-
sicherten Erkenntnissen zu gelangen.

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74 |
Die meisten Fledermausarten orientieren sich
entlang von Leitstrukturen bzw. linearen
Landschaftselementen, wie z. B. heckenstrei-
fen, Alleen, Waldsäumen, Feldrainen mit Stau-
denfluren, uferrandstreifen und Fließgewäs-
sern. Diese Strukturen bieten je nach Situation
ebenso geeignete Jagdhabitate. Zu den Anfor-
derungen, die an die Gestaltung von Leitstruk-
turen zu stellen sind, zählen insbesondere
— Durchgängigkeit und
— rechtzeitige Anlage.
Durchgängigkeit
Sind in einem Eingriffsraum durch eine fun-
dierte Voruntersuchung im Zuge der Linien-
findung bzw. der konkreten Trassenplanung
die Flugwege/-korridore und Punkte mit er-
höhter Fledermausaktivität bekannt, muss die
Planung sicherstellen, dass diese wesentlichen
Funktionsbeziehungen aufrechterhalten wer-
den. Folgerichtig werden an diesen Konflikt-
punkten Querungshilfen als Vermeidungs-/
minderungsmaßnahmen geplant.
in diesem Fall ist es wichtig, ein möglichst
dichtes Netz an Leitstrukturen aufrechtzuer-
halten, das die Querungshilfe mit einschließt.
Leitstrukturen müssen - so wenig unterbro-
chen wie möglich - bis an die jeweilige Que-
rungshilfe herangeführt werden. Lückig aus-
geprägte Leitstrukturen können und sollten
durch ergänzende Pflanzungen aufgewertet
werden.
7
Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
7.2 Gestaltung von Leitstrukturen
Foto 45 (oben):
Neuanlage geschlossener Leitstrukturen im Offenland -
durchgängige Verbindung von einem Jagdgebiet (Wald,
Bildmitte) zu einem Querungsbauwerk.
Foto 46 (unten):
Neu angelegte Leitstrukturen, die an das - wenn
vorhandene - Netz in der Landschaft optimal anbinden,
werden von den strukturgebundenen Fledermausarten
schnell erkundet und als Verbindungsweg zwischen
Quartieren und Jagdgebieten genutzt bzw. dienen sie sogar
selbst bald als geeignetes Jagdgebiet.

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| 75
Rechtzeitige Anlage entscheidend
Entscheidend für die Funktionstauglichkeit
einer Leitstruktur ist die rechtzeitige Pflan-
zung. Eine Neuanlage von Gehölzstrukturen,
die zum Zeitpunkt der inbetriebnahme einer
Straße bereits eine Leitstruktur bilden muss,
sollte mind. 2 bis 3 Jahre Vorlauf haben. Be-
währt haben sich mehrreihige Baumhecken
aus einheimischen Laubgehölzen (vgl.
Kap. 7.6.2).
Foto 47:
Neu angelegte Leitstrukturen (Bild oben) benötigen nach
ihrer Anlage 2-3 Jahre (Bild unten), um von
strukturgebundenen Fledermäusen genutzt werden zu
können. Daher sollten sie rechtzeitig im Vorfeld der
Verkehrsfreigabe gepflanzt werden.

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Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Foto 48:
neu angelegte Leitstruktur (Achlitz, BAB A 17):
Ein ehemals verrohrtes Fließgewässer wurde freigelegt
und renaturiert.
Das heute 20 m Breite, strukturreiche Fließgewässer mit
bachbegleitenden Gehölzstreifen führt durchgängig zu
einem großzügigen Durchlass als Querungshilfe
2007
2011
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2004

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Konflikte vermeiden und entschärfen
Generell sollte vermieden werden, dass durch
eine Straße zerschnittene oder beeinträchtigte
Leitstrukturen „blind“ auf die Trasse zuführen
und dort enden. Werden Leitstrukturen zer-
schnitten, müssen - je nach Bedeutung für die
Fledermäuse - die entstehenden Lücken durch
Querungshilfen ersetzt werden.
Sind Querungshilfen an bestimmten Konflikt-
punkten nicht realisierbar, muss in Abstim-
mung mit anderen Naturschutzzielen auch eine
Entfernung und Neuanlage von Leitstrukturen
in Form von „umleitungen“ zu einer geeigneten
Querungsstelle hin realisiert werden (vgl. Ab-
bildung 23).
Bei unterführungen ist darauf zu achten, dass
die Leitstrukturen die Fledermäuse nicht über
die Straße leiten, weil z.B. die Baumkronen der
Leitstrukturen die Tiere über die unterführung
und nicht durch die unterführung leiten. Die
Gehölzstruktur sollte also rechtzeitig vor der
unterführung deutlich an höhe bis unter das
Niveau der lichten höhe der unterführung oder
unter das Niveau der irritationsschutzwände
verlieren. Es müssen regelmäßig Pflegemaß-
nahmen durchgeführt werden, damit die Ge-
hölze nicht über das funktional erforderliche
maß hinauswachsen.
Abbildung 23:
Neuanlage und Optimierung von Leitstrukturen im Raum
einer geplanten Trasse
Bündelung von Leitstrukturen
„kappung“ von Leitstrukturen
Querungsbauwerke

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Eine Optimierung von Querungshilfen kann
durch zusätzliche Abschirmung vor Licht und
Lärm mittels Schutzwänden, ggf. in Verbindung
mit Lärmschutzwänden, erreicht werden. Seit
einigen Jahren werden Fledermausschutzwän-
de (-zäune) als maßnahmen zur Schadensbe-
grenzung, aber auch entlang von Straßenab-
schnitten und auf Brücken eingesetzt.
Zwei Funktionen
Diesen maßnahmen werden zwei Funktionen
zugeschrieben: Zum einen soll das Flugverhal-
ten von Fledermäusen beeinflusst werden, so
dass diese in ausreichender höhe die Straße
überqueren (Funktion als „
Überflughilfe
“, vgl.
Kap. 7.1.7) oder einen Durchlass bzw. eine Tal-
brücke unterfliegen.
Andererseits sollen Fledermäuse vom direkten
Trassenbereich durch Wände oder auch Zäune
abgehalten sowie ggf. zu punktuellen Que-
rungshilfen hingeleitet werden („
Ableitung
“).
Systematische untersuchungen zur Effizienz
und zu mindesthöhen von Schutzwänden/-
zäunen, um Kollisionen zwischen Fahrzeugen
und Fledermäusen zu vermeiden, liegen bislang
jedoch nicht vor
Dennoch hat sich in den letzten Jahren die
Empfehlung durchgesetzt, dass eine mindest-
höhe der Wände/Zäune von 4 m nicht unter-
schritten werden sollte, damit die Fledermäuse
in ihrem Flugverhalten so beeinflusst werden,
dass sie in ausreichender höhe bzw. außerhalb
des Kollisionsbereiches von LKW bleiben.
Erste Erkenntnisse
Bis auf eine untersuchung an Kleinen hufei-
sennasen liegen noch keine untersuchungen
zum Verhalten anderer Fledermausarten an
derartigen Zäunen vor. Die Ergebnisse eines
Zaunexperimentes bei der Kleinen hufeisenna-
se (SWiLD
&
NAchTAKTiV 2007) zeigten, dass 4
m hohe Zäune eher die Funktion als „Ablei-
tung“ erfüllen. im Zaunexperiment wurden
verschiedene Trassenbreiten simuliert (5, 8 und
12 m). Etwa 95% der Tiere flogen über kurze
Distanzen (ca. 20 m) entlang des Zaunes bis zu
dessen Ende und querten dann bodennah die
Trasse. Es zeigte sich, dass für die eng struktur-
gebundene Kleine hufeisennase Schutzzäune
daher eine wesentlich größere Bedeutung für
die Funktion „Ableitung“ besitzen als für die
Funktion „Überflughilfe“. Nur etwa 5% der un-
tersuchten Kleinen hufeisennasen überflogen
den Zaun, von denen mehr als die hälfte nach
dem Überqueren unter 3 m Flughöhe abtauch-
ten und damit in den kollisionsgefährdeten
Bereich auf einer Straße gelangen würden. Die-
se Überflüge erfolgten mehrheitlich bei einem
Zaunabstand von 5 m (40 von 45 Überflügen
gesamt).
inwieweit andere Fledermausarten sich durch
4 m hohe Schutzwände oder –zäune ableiten
lassen, muss künftig dringend in weiteren Zau-
nexperimenten näher untersucht werden. Ver-
mutlich kann Kollisionsschutzzäunen nur bei
geringen Trassenbreiten (wie z. B. eingleisigen
Bahnstrecken, schmalen Straßen) eine Funktion
als „Überflughilfe“ zugeschrieben werden. im
Rahmen einer Expertenbefragung zur Progno-
se der Funktion von Querungsbauwerken und
Überflughilfen wurde die Wirksamkeit von Kol-
lisionsschutzzäunen für viele Arten nur als
wenig geeignet eingestuft, weil erwartet wird,
dass viele Arten ihre Flughöhe zwischen den
Wänden wieder absenken Die Wirksamkeit
hängt auch von der speziellen Geländesituation
ab (vgl. Kap. 7.5).
Nach LimPENS et al. (2005) kann es bei Que-
rungen größerer Trassenbreiten oder gar von
4- bzw. 6-streifigen Straßen zu einem Absinken
der Flughöhen der Fledermäuse kommen. Ent-
sprechend hohe Vegetation bzw. eine Wand im
Bereich des mittelstreifens oder künstliche
Netzkonstruktionen über die Trasse könnten
evtl. den Fledermäusen helfen, in sicherer höhe
gefahrlos zu überqueren. Der Nachweis für den
Erfolg dieser Konstruktionen steht allerdings
noch aus.
Abbildung 25 (unten):
Schutzwänden bzw. –zäunen werden zwei Funktionen
zugeschrieben: „Überflughilfe“ und „Ableitung“, die sie je
nach Fledermausart und Geländesituation erfüllen sollen.
Akkumulierte Wärmebilder (montagen) zeigen, dass die
Zäune an der S170n beide Funktionen erfüllen: „Überflug“
ohne Abzutauchen oder auf Niveau Schutzzaunhöhe einer
Breiflügelfledermaus und „Ablenkung“ einer Kleinen
hufeisennase. (Foto oben: Situation am Tag – Foto unten:
Situation in der Nacht)
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Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
7.3 Leit- und Sperreinrichtungen
Abbildung 24 (oben):
Versuchsaufbau mit temporären, 4 m hohen Zäunen bei
einer angenommenen Straßenbreite von 8 m, um das
Verhalten Kleiner hufeisennasen zu testen (aus SWiLD
&
NAchTaktiv 2007)
Breitflügelfledermaus
Kleine hufeisennase

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Leit- und Sperreinrichtungen als funktionssi-
chernde Maßnahmen an Querungsbauwerken
Die empfohlene Durchlassgröße und deren opti-
male Anbindung an Leitstrukturen können keines-
wegs einen Kollisionsschutz am Querungsbau-
werk ersetzen. Vielmehr ist darauf zu achten, dass
durch Sperreinrichtungen in Form von Wänden
oder Zäunen Überflüge von Fledermäusen fahr-
bahnnah vermieden werden (vgl. Foto 49). Zudem
sollen durch diese auch als irritationsschutzwand
bezeichnete maßnahme die Auswirkungen von
Licht und Lärm gemindert werden, um so die At-
traktivität des Durchlasses für Fledermäuse, aber
auch für andere Tierarten zu erhöhen.
Gerade bei strukturgebundenen Fledermausarten,
wie der Kleinen hufeisennase, konnte im Rahmen
des monitorings zur Wirksamkeit von Querungs-
hilfen entlang der BAB A 17 mehrfach beobachtet
werden, dass sich Tiere in kritischen Bereichen, so
in der Nähe von Brückenköpfen und somit in
Fahrbahnnähe aufhielten, wenn kein Schutzzaun
über dem Durchlass bzw. der Talbrücke installiert
war (NAchTAKTiV
&
SWiLD 2006
&
2008).
um Konfliktsituationen zu entschärfen und die
Wirksamkeit des Querungsbauwerkes zu erhö-
hen, wird empfohlen, bei Überflughilfen wie
Grün- oder heckenbrücken ausgehend vom
Querungsbauwerk einen mind. 4 m hohen
Schutzzaun entlang des betreffenden Ab-
schnittes ggf. beidseitig zu installieren, der im
breiten Winkel trichterförmig zur Querungshil-
fe führt (vgl. Abbildung 26). Die erforderliche
Länge der Leiteinrichtung ergibt sich aus den
lokalen Anforderungen und kann nicht generell
festgelegt werden. häufig sind die Schutzzäune
auch Teile eines umfangreicheren Systems an
Leit- und Schutzzäunen zwischen verschiede-
nen Querungshilfen.
Foto 49:
irritationsschutzwände an der BAB A 5 bei Offenburg. Die Sperreinrichtung reicht ca. 25 m über das Bauende des
Wildtierdurchlasses (hier kombiniert mit einem Radweg) hinaus. Die Weite (8 m) und höhe (ca. 3 m) lassen eine Annahme
durch die meisten strukturgebunden fliegenden Fledermausarten erwarten. Auf dem Bild fehlt noch die geplante und
unbedingt erforderliche Bepflanzung als Leitstruktur (Aufnahme vom November 2011).

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Bei unterführungen muss eine Sperr- bzw. Leit-
einrichtung parallel zur Straße über die Länge
des Bauwerkes hinaus auf der Böschungsober-
kante vorgesehen werden, diese sollte keine
Lücken aufweisen (vgl. Foto 50 und Abbildung
26). Generell ist nicht wissenschaftlich belegt,
welche höhe der Schutzwand ausreichend ist.
Auch hier sollten mindestens 4 m angesetzt
werden (vgl. FGSV 2008). Auch über die Länge,
in welcher die Sperreinrichtung zu führen ist,
kann nur im Einzelfall entschieden werden. Es
ist zzt. noch in keinem Verfahren überprüft
worden, in welcher Länge die Wände/Zäune aus
dem Gefahrenbereich entlang der Trasse gezo-
gen werden müssen, damit sie nicht als Leitein-
richtung dienen und Fledermäuse an deren
Ende ungeschützt auf die Fahrbahn geleitet
werden und somit ungewollt einem erhöhten
Kollisionsrisiko ausgesetzt werden. im güns-
tigsten Fall reichen diese Leiteinrichtungen bis
zur nächsten Querungshilfe (z.B. Durchlass).
häufig wird mit der Errichtung von licht- und
lärmdichten Wänden das Ziel verfolgt, den Ein-
flug in die unterführung gegenüber diesen
Wirkungen des fließenden Verkehrs abzuschir-
men. in diesem Fall wurde bereits mehrfach im
Rahmen verschiedener Planungen vorgeschla-
gen, die Sperreinrichtungen über dem Bauwerk
und auf einer Länge von 25 m, gemessen von
den seitlichen Bauwerksenden, zu errichten.
Das freie Ende der Schutzzäune sollte so posi-
tioniert werden, dass keine Gehölzgruppen
oder –reihen unmittelbar anschließen.
Auf Grund der großen unsicherheiten zur
Funktion von Schutzwänden und Zäunen als
Überflughilfe und auch als Leiteinrichtung ist
es dringend geboten, die zzt. geplanten oder
bereits umgesetzten maßnahmen intensiv auf
ihre Funktion hin zu überprüfen.
Foto 50:
Fließgewässerunterführung in Kombination mit einer
notwendigen, darüber dauerhaft installierten
Sperreinrichtung, die gleichzeitig einen Blendschutz bietet,
um ein ungestörtes unterqueren der Trasse für
strukturgebundene Fledermausarten zu begünstigen (vgl.
auch Foto 49). Entsprechende Leitpflanzungen zum Bauwerk
sind noch zu ergänzen.
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Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
Abbildung 26:
Begrüntes Bauwerk mit trichterförmig ausgebildeten
Leitzäunen von 4 m höhe.

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Abbildung 27:
Beidseitig installierter 4 m hoher Sperrzaun ab
Fahrbahnoberkante im Bereich von Überflugsituationen im
Anschluss an das Bankett (Schutzplanken) – Leitpflanzung,
die nach entsprechendem time-lag einen Kronenschluss in
ausreichender höhe gewährleistet. Diese Lösung ist nur bei
schmaleren (zweispurigen) Straßen empfehlenswert.
Abbildung 28:
Trassenparallele, bis 3 m hohe Leitpflanzung in Verbindung
mit 4 m hohen Leitzäunen-/ -wänden – die Vegetation wird
niedriger als der Zaun ausgebildet bzw. gehalten. Die
Pflanzung erfolgt mindestens 10 m vom Fahrbahnrand. Die
Leitpflanzungen führen im Optimalfall zu einer
Querungshilfe, um dann strukturgebundenen
Fledermausarten ein Überqueren oder unterfliegen der
Trasse zu ermöglichen.
Wenn die Funktionserfüllung der Leitpflanzungen nachweislich erbracht ist, ist im Einzelfall und im
Einvernehmen zwischen Fledermausexperten und zuständigen Behörden zu entscheiden, inwieweit
die Zäune - unter der Voraussetzung der dauerhaft gesicherten Unterhaltungspflege der
Leitstrukturen - zurückgebaut werden können (vgl. auch Kap. 7.6.4 und 7.6.5).

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Planungs- und Gestaltungsvorschläge für Querungshilfen
7.4 Vermeidung von Beeinträchtigungen durch Lichtwirkungen
Abbildung 29:
heckenbrücke mit notwendigem Blend-/irritationsschutz
quer zur Fahrbahn (mindesthöhe
>
2,0 m)
Beobachtungen zeigen, dass Fledermäuse in der