aus: Infodienst der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Dresden, 03/2006 (S. 15-21)
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Dorfentwicklung mit wirtschaftlichen Leitbildern zur Erhöhung der
lokalen Wertschöpfung (Themendörfer)
Markus Thieme, Referat 34 – Ländliche Entwicklung
Kay-Uwe Birkigt, Student an der TU Dresden, Institut für Geographie
Die partizipative Erarbeitung und Umsetzung von Leitbildern ist bereits seit längerer Zeit ein
bewährter Bestandteil der ländlichen Entwicklung. Im Leitbild wird ein im Konsens erarbeite-
tes gemeinsames Zukunftsbild formuliert, aus dem sich konkrete Entwicklungsziele, Umset-
zungsstrategien, Handlungsfelder und Projekte ableiten. Die Dorfentwicklung hat hier eine
besondere Stärke, da durch den Bezug auf das unmittelbare Lebensumfeld eine starke Identi-
fikation und Mitwirkungsbereitschaft aufgebaut werden kann.
Auf Wertschöpfung orientierte Leitbilder gewinnen zunehmend an Bedeutung, da die Siche-
rung der ökonomischen Existenzgrundlagen des ländlichen Raumes in Verbindung mit der
demographischen Entwicklung eine Schlüsselfrage der ländlichen Entwicklung ist.
Ein inhaltlich-methodischer Ansatz, leitbildgestützte Entwicklungsprozesse mit wirtschaftli-
chen Schwerpunktsetzungen zu forcieren, ist die Themendorf-Kampagne in Niederösterreich.
Nachfolgend werden deren Ergebnisse und vergleichbare Ansätze aus Deutschland diskutiert.
Grundlage hierfür bildet eine Diplom-Arbeit
1
an der TU Dresden, die von der LfL, Ref. 34
betreut wurde.
In Verbindung damit soll die Frage der Berechtigung bzw. Notwendigkeit der Unterstützung
der lokalen bzw. gemeindlichen Ebene als einer eigenständigen Facette der Integrierten Länd-
lichen Entwicklung diskutiert werden.
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Die Themendorf-Kampagne in Niederösterreich
Die Aktion „Themendörfer – Dörfer mit Profil“ wurde im Oktober 2000 vom Landeshaupt-
mann von Niederösterreich, Dr. Erwin Pröll, gestartet. Themendörfer konzentrieren sich auf
lokale und regionale Stärken und machen diese zur Botschaft. Sie sind in ihrer Einzigartigkeit
identifizierbar und produzieren eine Vision, die zu neuen und Initiativen anregt. Dabei soll
durch identitätsstiftende Maßnahmen, beispielsweise der Wiederbelebung alter handwerkli-
cher Traditionen oder der Herausstellung anderer örtlicher Besonderheiten in Kooperation mit
der Bevölkerung, die Lebensqualität im eigenen Ort erheblich erhöht werden. Ausgangspunkt
war die auch auf wirtschaftswissenschaftlichen Erfahrungen beruhende Prognose, dass eine
Gemeinde, die sich auf einen Entwicklungsschwerpunkt konzentriert, auf diesem und auch
weiteren Gebieten erfolgreicher als andere Gemeinden sein kann.
Dörfer, Städte oder auch Regionen können sich um eine Aufnahme in die Aktion bewerben,
wobei jährlich maximal acht Bewerbungskandidaten als "Themendörfer" aufgenommen wer-
den. Förderungen für Projektumsetzungen werden im Rahmen der bestehenden Richtlinien
der Dorf- und Stadterneuerung gewährt. So werden Projekte, die die Vertiefung des Themas
bzw. seine Vermarktung nach außen unterstützen, wie z.B. Konzept- und Objektplanung,
Fachberatung und Veranstaltungen, Marketingberatung sowie Maßnahmen, Skulpturen und
Events, die das Thema zum Inhalt haben, mit insgesamt 11.000 Euro pro Jahr (für die Dauer
von zwei Jahren) gefördert. Derzeit sind 21 Gemeinden vom „Kommunikativen Dorf“
Allhartsberg bis zum „Schmiededorf“ Ybbsitz im Programm.
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Birkigt, K. (2005): „Lokale Wertschöpfung im ländlichen Raum durch thematisch auf wirtschaftliche Leitbil-
der gestützte Dorfentwicklung“. Diplom-Arbeit an der TU Dresden, Lehrstuhl für Geografie

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In einer Studie der Landesgeschäftsstelle Dorferneuerung der niederösterreichischen Landes-
regierung
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zu vier untersuchten Themendörfern erbrachte eine Bevölkerungsbefragung zu
Ergebnissen des Themendorf-Projektes die folgenden Resultate (siehe Abb. 1).
0
10
20
30
40
50
60
70
80
Zusammenleben verbessert
Belebung der Wirtschaft
Tourismus/Besucherfrequenz
erhöht
Gemeinde insgesamt
gestärkt
Motivation zur Mitwirkung
Steigerung Attraktivität der
Gemeinde
positive Einstellung zur
Gemeinde
Stolz auf die Gemeinde
[in Prozent]
Abb. 1: Bürgerbefragung zu Projektergebnissen (Anteil Nennungen „sehr gut bzw. eher gut“ in Prozent)
Untersuchungen zum Bekanntheitsgrad der Dörfer in der Region und darüber hinaus ergaben,
dass den Gemeinden eine „Markenbildung“ gelungen ist. Sie signalisieren eine klare und un-
verwechselbare Einzigartigkeit und haben damit eine beträchtliche Chance, diese auch tat-
sächlich in Wert setzen zu können. Das Grundkonzept, sich als Gemeinde auf eine besondere
Stärke zu konzentrieren und diese in einem bürgergetragenen Prozess zum vermarktungsfähi-
gen Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, wird als wirkungsvolles Instrument für die Kom-
munalpolitik bzw. ländliche Entwicklung eingeschätzt.
2
Untersuchung von einzelnen Themendörfern in Niederösterreich und vergleich-
baren Ansätzen in Deutschland
Im Rahmen der o.g. Diplom-Arbeit wurden die beiden österreichischen Dörfer Armschlag
und Ybbsitz und die drei deutschen Dörfer Fredelsloh, Mühlbeck-Friedersdorf und Lohmen
untersucht, deren Entwicklung auf wirtschaftlichen Leitbildern beruht. Dabei wurden leitfa-
dengestützte Interviews mit Bürgermeistern, Vereinsvorsitzenden und Projektleitern sowie
insbesondere auch Gewerbetreibenden geführt. Schwerpunkte waren:
-
Entwicklung des Leitbildes und Maßnahmen zur Umsetzung
-
Vermarktung des Themendorfes
-
wirtschaftliche Effekte (Arbeitsplatzsicherung, -schaffung, Unternehmensansiedlung,
Branchenstruktur, Tourismus, lokale und regionale Kooperationen/ Wertschöpfungs-
kreisläufe)
-
Bevölkerungsentwicklung
-
Effekte für die Dorfgemeinschaft
-
Ausstrahlung/ Einbindung in die Region.
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Landesgeschäftsstelle Dorferneuerung Niederösterreich (Hrsg.): Evaluierungsprojekt Themendörfer – Dörfer
mit Profil (keine weiteren Angaben)

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2. 1
Das „Mohndorf“ Armschlag (Niederösterreich)
Das „Mohndorf“ Armschlag (90 Einwohner) im niederösterreichischen Waldviertel
3
hat sich
entgegen dem allgemeinen Bedeutungsverlust der Landwirtschaft auf das traditionelle regio-
nale Landwirtschaftsprodukt Mohn besonnen und darauf sein Image aufgebaut.
Die Idee zur Wiederbelebung des bis in die 1930er Jahre regional sehr bedeutenden Mohnan-
baus wurde bereits 1985 geboren und in Eigeninitiative, d.h. unabhängig von der Themen-
dorf-Kampagne, umgesetzt. Die Ideenfindung und Konzepterstellung erfolgte ohne äußere
Hilfe in Zusammenarbeit von einem örtlichen Gastwirt (als treibender Kraft), Landwirten und
der Gemeindeverwaltung. Nach der Gründung des „Vereins zur Förderung und Vermarktung
des Mohndorfes e.V.“ im Jahr 1995 konnten Fördermittel der EU in Anspruch genommen
werden.
Auf rund 15 ha wird hier heute Waldviertler Graumohn angebaut. Dieser ist die Grundlage
einer durchgehenden Vermarktungskette mit folgenden Inhalten:
-
Homepage, Teilnahme an Wiener Ferienmesse
-
Dorfhotel (einheitlich gestaltete Unterkünfte in Privatzimmern mit dem Gasthof als
gemeinsamer Rezeption)
-
Mohnlehrpfad und -garten im Dorf
-
Ortsführungen, Ferien- und Kursprogramme (z.B. Malkurse)
-
Events mit überregionaler Ausstrahlung, wie z.B. „Tag des Mohns“ (im März mit
Mohnpflanzenmarkt), „Mohnblütensonntag“ (Juli) und „Mohnkirtag“ (Erntedank)
-
Entwicklung von Mohnprodukten, wie z.B. einer Mohnpflegeserie (mit Versand)
-
Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte über gemeinsamen Bauernladen.
Der Ort verzeichnet mittlerweile jährlich 30.000-40.000 Besucher aus ganz Österreich, davon
allein 6.000-8.000 Besucher zum „Mohnkirtag“. Wirtschaftlichen Effekte sind u.a.:
-
wirtschaftliche Stärkung der Landwirte (Zusatzeinkommen)
-
zusätzliche Beschäftigung von zwei Angestellten, drei Lehrlingen und Saisonkräften
in der Gastwirtschaft.
Fazit: In Eigeninitiative wurde aus dem Ursprungsgedanken eines Mohngasthofes die tragfä-
hige Idee eines „Mohndorfes“ entwickelt. Mit seinem eigenständigen Profil ist der Ort
zudem fest in das Regionalmarketing des Waldviertels eingebettet.
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Das Waldviertel gehört zum nördlichsten Bundeslandes Österreichs, Niederösterreich. Bereits im Jahr 1982
wurde das Waldviertel Management gegründet. Seit dieser Zeit initiiert und unterstützt es die regionale Ent-
wicklung. Über 1.000 Projekte wurden entweder selbst ins Leben gerufen oder durch Beratung mitgestaltet.
Durch diese zukunftsorientierten Aktivitäten hat das Waldviertel Management über die Grenzen Österreichs
hinaus Beispielwirkung
(http://www.wvnet.at/http://www.waldviertel-management.at/).

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2.2
Das „Schmiededorf“ Ybbsitz (Niederösterreich)
Das „Schmiededorf“ Ybbsitz (ca. 3.800 Einwohner) – ebenfalls im Waldviertel gelegen –
entwickelt seine Jahrhunderte alte Traditionen der Eisenverarbeitung unter dem Leitbild
„Schmiedezentrum“ weiter. Die Initiative ging aus einem 1985 begonnenen Dorfentwick-
lungsprozess und dem regionalen Entwicklungsprojekt „Niederösterreichische Eisenstraße“
(Vereinsgründung 1990 in Ybbsitz) hervor. Auf einer Zukunftskonferenz im Jahr 2000 wur-
den die bisherigen Aktivitäten gebündelt und ein Zukunftsbild entworfen. Treibende Kräfte
sind die Gemeinde und der Verein Schmiedezentrum Ybbsitz.
Inhalte sind u.a.:
-
Schmiedemeile (Lehrpfad zu Stätten des Schmiedehandwerks)
-
Logo
-
Maßnahmen der Ortsgestaltung mit Schwerpunkt Metall (z.B. Brücke)
-
Metallkurszentrum, Hauptsitz des Vereins „Ring der europäischen Schmiedestädte“
-
Schmiedefest „Ferraculum“ (zweijährig).
In Ybbsitz sind durch die Profilierung zum „Schmiededorf“ die folgenden wirtschaftlichen
Effekte zu verzeichnen:
-
verbesserte Marktchancen für Schmiedewerkstätten und Schlossereibetriebe
-
Image als weicher Standortfaktor, u.a. für metallverarbeitendes Großunternehmen mit
Stammsitz in Ybbsitz, das auf den Schmiedefesten auch Auszubildende anwirbt
-
steigende Anzahl Besucher (v.a. Tagesgäste, Übernachtungen konstant gehalten)
-
Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze in Handwerk und Gewerbe sowie Gastronomie
-
Umsatzsteigerungen bei Landwirten (Vermarktung regionaler Produkte).
Fazit: Das Thema Eisen gibt der Region eine Identität nach innen und zugleich ein Image
nach außen. Ybbsitz stellt einen Knoten in einem thematischen Netzwerk von Ge-
meinden dar und agiert zudem in einem europäischen Verbund. Im Ergebnis stehen für
die Gemeinde wesentliche Effekte für die Wirtschafts-, wie auch Ortsentwicklung (Er-
haltung Baustanz, Gestaltung Ortsbild). Reserven bestehen in der Erkennbarkeit für
Durchreisende.
Zielgerichtet unterstützt wurde die Entwicklung mit einem Mix aus Förderinstrumen-
ten (u.a. Dorferneuerung, LEADER, Themendorf-Aktion).
2.3
Das „Töpferdorf“ Fredelsloh (Niedersachsen)
Auch das „Töpferdorf“ Fredelsloh (ca. 1.100 Einwohner) versucht, eine seit dem Mittelalter
tradierte lokale Kompetenz in eine zukunftsfähige Entwicklung münden zu lassen. Ausgangs-
punkt für die Vermarktung als „Töpferdorf“ war 1973 die Initiative eines Keramik-
Unternehmens für Fabrikbesichtigungen und -verkauf (ausgeprägter Wochenend-Tourismus).
Eine in den 1980er Jahren ausufernde Vermarktung und ein zunehmendes Angebot unspezifi-
scher Massenprodukte führte zu Profilverlust und anhaltend rückläufigen Besucherzahlen.
Zugleich verlor der Ort insbesondere durch den ausgeprägten Wochenend-Besucherverkehr
einen Teil seines dörflichen Charakters.

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Zur Koordination und Förderung der Kooperation der touristischen Leistungsanbieter gründe-
te sich 1996 ein Fremdenverkehrsverein, der auch den jährlichen Handwerkermarkt „Pottli-
ckermarkt“ als Groß-Event organisiert. Geplant ist ein touristisches Entwicklungskonzept, das
die vorhandenen Potenziale aus dem Ort und der näheren Umgebung stärker integriert und
vernetzt.
Fazit: Die Entwicklung des „Töpferdorfes“ unterstreicht die Schwierigkeit, ein aufgebautes
Image zu pflegen und weiterzuentwickeln. Deutlich wird die Notwendigkeit von Au-
thentizität und Schärfe des angestrebten Profils.
2.4
Das „Buchdorf“ Mühlbeck-Friedersdorf (Sachsen-Anhalt)
Mühlbeck-Friedersdorf (ca. 900 Einwohner) im Raum Bitterfeld hat mit dem Leitmotiv
„Buchdorf“ einen für den Ort völlig neuen Weg eingeschlagen. Gleich 21 anderen Buchdör-
fern in Europa wird hier eine erstmals 1961 in dem walisischen Ort Hay-on-Wye umgesetzten
Idee, alte Bücher zu sammeln und in einem Dorf konzentriert anzubieten, adaptiert.
Das Projekt wurde privat von außen initiiert. Im Jahr 1997 gründete sich ein Förderverein
„Buchdorf“ und wurde ein erstes „Festival der alten Bücher“ durchgeführt. Der Verein wurde
erheblich durch Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen, ferner auch durch
den Landkreis und die Gemeinde unterstützt. Der Status als Expo-Dorf gab zusätzlichen Auf-
wind. Der Verein übernimmt Marketing und Öffentlichkeitsarbeit und finanziert sich durch
den Weiterverkauf gespendeter Bücher an die 15 mittlerweile ansässigen, zum Großteil im
Nebenerwerb (z.B. Gastwirt) geführten Buchläden und Antiquariate, die ihre jetzt thematisch
geordneten Sortimente in umgenutzten Gebäuden anbieten. Zudem gibt es monatlich Veran-
staltungen und ein jährliches Buchdorffest.
Aus persönlichen Gründen ist die Zusammenarbeit des Vereins mit den Buchhändlern aktuell
problematisch, was das Konzept, die geplante Weiterentwicklung und damit die Zukunft des
„Buchdorfes“ als Ganzes gefährden könnte.
Wirtschaftliche Effekte:
-
Existenzgründungen mit sechs neuen Arbeitsplätzen (z.T. ehemalige ABM-Kräfte)
-
Sicherung von zehn Existenzen (Buchladen als zweites Standbein/ Zuerwerb)
-
Auslastung Dienstleistungseinrichtungen (20.000 Besucher im Jahr)
-
Erhaltung/ Umnutzung von Gebäuden.
Fazit: Obwohl die Entwicklung des Dorfes von außen induziert wurde, überzeugen der Er-
folg und die wirtschaftlichen Effekte in der sehr strukturschwachen Region sowie die
Belebung des kulturellen Lebens im Ort. Das „Buchdorf“ hat inhaltlich keine Ver-
knüpfung mit der Region, kann wohl aber als lokaler Leuchtturm bezeichnet werden.
Es besteht eine überregionale Vernetzung als Veranstaltungsort der Leipziger Buch-
messe.

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2.5
Das „Gesundheitsdorf“ Lohmen (Mecklenburg-Vorpommern)
Das „Gesundheitsdorf“ Lohmen (ca. 850 Einwohner) in Mecklenburg-Vorpommern baut sei-
ne Entwicklung auf dem aktuellen Gesundheits- und Wellness-Trend auf. Dabei wird ein
ganzheitlicher Ansatz verfolgt, der auf die Inwertsetzung der intakten Natur- und Kulturland-
schaft und damit auf das endogene Potenzial des Dorfes setzt. Wettbewerbstitel, wie „um-
weltgerechter Fremdenverkehrsort“ (BMWA, 1996) und „umweltfreundliche Kommune“
(Land, 1997), und eine geringe Arbeitslosenquote von 4 Prozent bestätigen diese Strategie.
Wirtschaftlicher Mittelpunkt ist eine Reha-Klinik. Ein Marketing-Verbund der Klinik und
verschiedener lokaler und regionaler Unternehmen (u.a. Fischereihof, Gestüt, Hotels) arbeitet
an der Erweiterung der touristischen Infrastruktur, der Verbesserung des Leistungsangebotes
und der Vermarktung der Region unter der einheitlichen Leitidee „Natur und Gesundheit“.
Konkrete Aktivitäten der Kommune sind u. a. der Ausbau des Wanderwege- und Lehrpfad-
netzes, barrierefreier Infrastrukturen sowie Bemühungen um das Prädikat „Staatlich aner-
kannter Erholungsort“.
Wirtschaftliche Effekte:
-
bessere Auslastung von Dienstleistungsunternehmen
-
geringe Arbeitslosenquote von 4 Prozent.
Fazit: Die Entwicklung setzt erfolgreich auf einen wirtschaftlichen Trend, der zum eigenen
Potenzial passt. Dabei bringen die Diversifizierung der Angebote und die regionale
Vernetzung Synergieeffekte und langfristig mehr Stabilität, als bei einer einseitigen
Fixierung auf nur eine tragende Säule (Klinik).
3
Fazit: Themendörfer als Baustein in der Integrierten Ländlichen Entwicklung
Themendörfer bzw. mit wirtschaftlichen Leitbildern gestaltete Dorfentwicklungsprozesse sind
eine wirkungsvolle Möglichkeit für eine nachhaltige ländliche Entwicklung. Wesentliche
Effekte sind:
Innenwirkung: Das Leitbild gibt dem Dorf und seiner Entwicklung eine Richtschnur.
Gemeinsam wird eine Vision verfolgt, welche die Lebensgrundlagen der Bewohner ge-
währleisten und damit die Zukunftsfähigkeit des Ortes sichern kann. Die thematische
Ausrichtung bedingt intensive Bürgermitwirkung und Teilhabe in der Durchführung. Im
Ergebnis werden die Dorfgemeinschaft gefestigt, die Lebensqualität im Ort erhöht und
die Identität und Heimatbindung gestärkt. Hierdurch kann auch ein Beitrag zur Stabilisie-
rung der Bevölkerungsentwicklung geleistet werden.
Außenwirkung: Die leitbildgestützte Entwicklung von Alleinstellungsmerkmalen und de-
ren Vermarktung führen zu einer Steigerung der Attraktivität und Bekanntheit des Dorfes
und zum Aufbau eines positiven Images in der Region und darüber hinaus. Damit wird
langfristig die wirtschaftliche Grundlage des Dorfes und der Gemeinde stabilisiert bzw.
verbessert (Stärkung und Ansiedlung von Unternehmen, Entwicklung als regionales
Kompetenzzentrum, Förderung Tourismus, Arbeitsplatzsicherung und -schaffung).

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Gleichzeitig strahlen Themendörfer in die Nachbarschaft aus und stärken kleinregionale
Strukturen und Wertschöpfungsketten bzw. interagieren mit der regionalen Entwicklung.
Themendörfer können Keimzelle wie auch Kristallisationspunkt (Beispiel „Mohndorf“
Armschlag im Rahmen des Waldviertler Themenschwerpunktes Mohn) einer regionalen
Entwicklung sein. Dörfer werden nicht nur durch die sie umgebende Region geprägt, son-
dern prägen selbst als Teilräume und Entwicklungskerne maßgeblich die Region. Die
regionale Einbindung stabilisiert auch die lokale Entwicklung durch Vernetzung und
Synergien. Aber auch weitgehend isolierte Initiativen – wie das „Buchdorf“ – können Er-
folg haben.
Ein „klassischer“ Weg ist die Fortführung von handwerklichen Traditionen bzw. deren Wei-
terentwicklung in eine neue, zeitgemäße Qualität. Der Vorteil liegt darin, auf (noch) vorhan-
dene Kompetenzen und Strukturen (z.B. Gebäude und Anlagen) aufzubauen, ein entsprechen-
des Profil bzw. Image zu schärfen und in einem zeitgemäßen Kontext neu zu definieren.
Alternativ können völlig neue Themen und Profile entwickelt werden. Das angestrebte Image
muss authentisch sein und langfristig gepflegt und weiterentwickelt werden.
Themendörfer bzw. leitbildgestützte Dorfentwicklungen mit wirtschaftlichem Schwerpunkt
stellen somit einen wichtigen Baustein in einer Integrierten Ländlichen Entwicklung dar und
sollten entsprechend unterstützt werden. Die Ausgestaltung der niederösterreichischen Kam-
pagne zeigt dabei, dass Motivation, Mitwirkungs- und Umsetzungsbereitschaft sowie ein kre-
atives Milieu das Maß der Dinge sind und nicht die Höhe der eingesetzten Mittel.