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Archäologische Ausgrabungen
Bundesstraßenmeisterei Imnitz
LANDESAMT
für Archäologie
Sachsen
LANDESMUSEUM
für Vorgeschichte
Dresden

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Bundesstraßenmeisterei Imnitz
I
n der Gemarkung Imnitz der Stadt Zwenkau entsteht derzeit eine
Bundesstraßenmeisterei. Auf einer Fläche von ungefähr einem Drittel
Hektar Größe gruppieren sich nun mehrere Neubauten – Salzlager, Ge-
rätehalle, Bürotrakt mit Hausmeisterwohnung – entlang einer eigens
erbauten Ringstraße, die um einen gleichfalls neu ausgehobenen Teich
führt.
In den Jahrzehnten, ja vermutlich sogar Jahrhunderten, vor der Grund-
steinlegung wurde das Areal landwirtschaftlich genutzt. Zumindest wis-
sen wir es so von den älteren Mitbürgern der Stadt Zwenkau. Und viel
mehr als diese vagen Andeutungen können wir alten Flurkarten, dem
Stadtkataster und anderen – mehr oder weniger wissenschaftlichen –
Quellen nicht entnehmen.
Ohne umfangreiche archäologische Untersuchungen hätte sich an un-
serem Kenntnisstand nichts geändert. Als unbestritten gilt heute, dass
wir – würden wir unser Wissen ausschließlich auf Schriftquellen stützen –
kein ganzes Prozent der Menschheitsgeschichte erfassen würden. Ge-
rade einmal vor 5.000 Jahren wurden die ägyptischen Pyramiden erbaut.
Doch bereits vor 4,8 Millionen Jahren tritt ein Vormensch in Ostafrika ins
Rampenlicht der Geschichte – der über Jahrmillionen erhalten geblie-
bene Fuß bezeugt seine Zugehörigkeit zur hominiden Gruppe.
So sicher, wie dieser Fund menschliche Anwesenheit vor fast 5 Millionen
Jahren auf dem afrikanischen Kontinent bezeugt, so sicher ist auch, dass
die Leipziger Region erst viel später vom Menschen als adäquater Le-
bensraum erkannt wurde. In Markkleeberg und Zwenkau-Eythra gefun-
dene 220.000 Jahre alte Steinwerkzeuge belegen, dass Jägern und Samm-
ler immer wieder an den Ufern der Weißen Elster rasteten. Vielleicht
schlugen sie auch ihren Rastplatz einmal auf der sanften, heute von der
Straßenmeisterei überprägten Kuppe auf – ein Faustkeil, das typische
Werkzeug jener Zeit – wurde bei den archäologischen Untersuchungen
indes nicht geborgen.
Bei archäologischen Ausgrabungen auf einer Geländeerhebung findet
man aufgrund der jahrtausendelang angreifenden Erosion nämlich nur
jene Strukturen, die weit in den Untergrund eingegriffen haben. Die vor
220.000 Jahren nomadisch lebenden Menschen dürften beim Anlegen
ihres temporären Zeltplatz keine Veranlassung gesehen haben, tiefe Erd-
löcher anzulegen, die heute Archäologen als Bodenverfärbungen erken-
nen könnten.
Abfallgruben oder Fundamentgräber, die weit in den anstehenden Boden
reichten, treten erstmals in Zusammenhang mit dauerhaft genutzten
Siedlungen auf. Die ökonomische Änderung – vom Nomadentum zur
Sesshaftwerdung – fand vor ca. 12.000 Jahren statt. Wohl aufgrund der
nacheiszeitlichen Erwärmung änderte sich zunächst im Vorderen Orient,
später auch in Mitteleuropa, die bis dahin bewährte Lebens- und Wirt-
schaftsweise: Ackerbau und Viehzucht setzten sich durch, der Mensch
wurde sesshaft. Auf den erstmals angelegten, kleinen Rodungsinseln in-
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© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden. Alle Rechte vorbehalten.
Ausschnitt aus einem rekonstruierten bandkeramischen Dorf.
Computersimulation der zukünftigen Straßenmeisterei. Blick in die Baustelle.
Die im Bau befindliche Ringstraße.
Freilegen und Aufmessen eines Befundes.

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Bundesstraßenmeisterei Imnitz
nerhalb der noch geschlossenen Wäldern entstanden Felder und Nieder-
lassungen mit in Pfostenbauweise errichteten Häusern sowie Brunnen
und Zaunanlagen.
Genau solch eine Siedlung entstand am heutigen Standort Bundesstra-
ßenmeisterei. Doch woher wollen wir davon ohne Geschichtsbücher
wissen?
Vorgehensweise
Im Sommer 2003 führte das Landesamt für Archäologie Sachsen eine ar-
chäologische Ausgrabung durch. Nachdem mit einem Bagger der Ober-
boden abgenommen wurde, zeichneten sich archäologische Befunde
ab. Denn noch heute lassen sich im Untergrund alle vormaligen Boden-
eingriffe erkennen. Jedes noch so kleine Loch, das vor langer Zeit in den
Boden eingebracht wurde, verfüllte sich schneller oder langsamer mit
humosem, dunklen Material. Somit stellt eine dunklere Verfärbung im
anstehendem Boden, hier heller Löß, eine alte Eingrabung dar.
Der Grabungsplan (vgl. nebenstehende Abbildung) veranschaulicht die
erkannten Befunde nach Bodenabtrag in ca. 50 cm Tiefe. Eingezeichnet
sind die Grenze der Ausgrabungsfläche und die Umrisse der Verfärbungen
(archäologischer Befund). Hierfür wurden die einzelnen Befundgrenzen
im Gelände tachymetrisch aufgenommen und mit Hilfe moderner Com-
putertechnik zu einem Plan verarbeitet.
Nach der Planaufnahme werden die archäologischen Befunde im Detail
untersucht und ausgegraben. Zu jedem Befund wird ermittelt, wie tief
er noch erhalten ist und wie seine Verfüllung zusammengesetzt ist. Zwi-
schenschritte der Ausgrabung werden in Zeichnungen, Fotos und schrift-
lich dokumentiert.
Jedem Befund ist eine Individualnummer zugewiesen, so dass alle da-
raus geborgenen Funde eindeutig zuzuordnen sind. Das Fundmaterial,
d.h. Keramikscherben, Steingeräte, Kochen, etc., wird gereinigt und in-
ventarisiert.
Die Bandkeramische Besiedlung
Auf dem Gelände der Straßenmeisterei wurden aus Abfallgruben Ton-
scherben geborgen, die mit bandförmig angelegten Ritzlinien geziert
waren. Diese Keramikverzierung ist für die Zeit an der Wende vom 6.
zum 5. vorchristlichen Jahrtausend typisch – sogar so typisch, dass man
heute von der Bandkeramischen Kultur spricht (ca. 5.500 bis 4.800
v.Chr.). Es ist die Zeit der ersten Ackerbauern Mitteleuropas. Und erst
jetzt mit der Sesshaftwerdung setzten sich Utensilien aus Keramik, also
gebranntem Ton, durch – Nomaden hatten bislang leichte unzerbrechli-
che Behälter aus Tierhaut oder Holz favorisiert.
Ebenso wurden leicht transportable Zelte zugunsten geräumiger Häuser
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Grabung 2003
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Blick über die Grabungsfläche. Die Befunde zeichnen sich als dunkle Verfärbung ab.
Tachymetrische Aufnahme der Befunde.
Zeichnerische Dokumentation.
Konzentration von Keramikbruchstücken in einer Grube.
Zeichnung einer kegelförmigen Arbeitsgrube.
Gesamtplan: Lage der bandkeramischen Gebäude.

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Bundesstraßenmeisterei Imnitz
aufgegeben. Es waren sogenannte Holzpfostenhäuser von 5–8 m Breite
und bis zu 30 m Länge. Zwischen den Holzpfosten eingebrachte Hasel-
ruten bildeten das Grundgerüst der mit Lehm verstrichenen Außen-
wände. Die Satteldächer wurden mit Stroh oder Schilf gedeckt. Von ent-
sprechenden Gebäuden sind häufig nur noch die Fundamente überlie-
fert, meist kleine Gruben von ca. 20 cm Durchmesser – ehemalige
Fundamentgruben von Wand- oder dachtragenden Pfosten. Die Längs-
seite der Gebäude wurden stets von langgestreckten Gruben flankiert.
Derartige Längsgruben und charakteristische Anordnungen von Pfosten
lassen vier derartige Gebäude erkennen (vgl. Plan Seite 3). Der band-
keramische Weiler von Imnitz dürfte jedoch größer gewesen sein, denn
weitere Gebäude sind außerhalb der Untersuchungsfläche zu vermuten.
Neben Keramikbruchstücken gab der Boden zahlreiche Steingeräte frei.
Da man zu dieser Zeit noch nicht über die Kenntnis der Metallverarbei-
tung verfügte, nutzte man Feuersteingeräte zum Schneiden von Tierfel-
len und Fleisch. Für gröbere Arbeiten – hier sei das Fällen von Bäumen
genannt – griff man zum Steinbeil. Beile, mit denen die ersten Acker-
bauern die ausgedehnten Wälder rodeten, wurden aus feinkörnigem
Amphibolith hergestellt, den man so lange über eine Steinplatte rieb, bis
die richtige Form und Schärfe erreicht war.
Bronzezeitliche Besiedlung
Nachdem die bandkeramische Siedlung Imnitz – aus uns nicht bekann-
ten Gründen – aufgegeben wurde, lag das Gelände einige Jahrhunderte,
ja sogar Jahrtausende, brach. Erst in der späten Bronzezeit – um 1.000
v.Chr. – gewann der Imnitzer Geländesporen wieder an Bedeutung. Ein-
deutige Hausgrundrisse – jetzt bevorzugte man kleine 8 x 10 m große
Hütten – ließen sich bei den Ausgrabungen nicht erkennen. Möglicher-
weise haben wir nun vor 3.000 Jahren nicht mit einem Siedlungsplatz
zu tun, sondern einen so genannten „Funktionsplatz“ randlich ange-
schnitten. Diese Vermutung beruht auf kleinen, aus Ton gefertigten Tiegel.
Sie könnten zusammen – mit in Imnitz nicht gefundenen Tonsäulen –
einen Salzsiedeofen gebildet haben.
Salz ist ein unverzichtbarer Bestandteil menschlicher Ernährung; auch
bei der Konservierung von Lebensmitteln spielt es eine erhebliche Rolle.
Solequellen sind aus der Gemarkung Imnitz nicht belegt, ebenso fehlen
Hinweise auf salzhaltige Pflanzen. Im Raum Halle sind hingegen zahlrei-
che Solequellen bekannt. Verdunstet das Wasser aus der Sole, fallen
Salzkristalle aus. Da hierzulande eine Verdunstung allein durch Sonnen-
wärme allzu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, erzeugt man mittels
Feuer Wärme. Die heutige Forschung geht davon aus, dass aufgrund
des hohen Bedarfes an Feuerholz schon während der Bronzezeit der
Baumbestand in der Region Halle merkbar dezimiert war. Nun musste
man entweder aus größerer Entfernung das Brennholz herbeiholen oder
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Grabung 2003
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Fällen von Bäumen zur Zeit der Bandkeramik.
Steinbeile.
Bandkeramische Tongefäße.

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Bundesstraßenmeisterei Imnitz
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Grabung 2003
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man schaffte die Sole in noch dichter bewaldete Regionen. So können
wir uns heute erklären, warum man im Südraum Leipzig immer wieder
auf Reste der Salzsiederei stößt.
Eisenzeitliche und Kaiserzeitliche Besiedlung
Keramikscherben der Latènezeit und der Römischen Kaiserzeit zeigen,
dass der von den ersten Ackerbauern genutzte Platz vor allem ab 1.000
v. Chr. niemals an Attraktivität verlor.
Die Latènezeit – benannt nach der Ortschaft La Tène am Neuenburger
See in der Schweiz – datiert in die Zeit von ca. 450 bis Christi Geburt.
Nun ist seit gut 300 Jahren die Herstellung und Verarbeitung von Eisen
bekannt. Die Fertigung von Glas ist eine neue technische Innovation. Als
durchbrechende Errungenschaft dürfte die Einführung der schnelldre-
henden Töpferscheibe einzustufen sein. Wie schon aus der Bronzezeit
fehlen uns in Imnitz auch jetzt eindeutig belegte Hausgrundrisse. Unser
Wissen zur Imnitzer Latènezeit stützt sich fast ausschließlich auf aus Vor-
rats- respektive Abfallgruben geborgenen Funde. Zu dieser Zeit legte
man vorzugsweise kegelförmige Gruben an – gerne wurde hierin Ge-
treide eingelagert (vgl. Abb. Seite 3). Moderne Feldversuche haben er-
geben, dass hierin der Saatgutverlust geringer als bei heutiger Lagerhal-
tung ist. Ein zwangsläufig entstandenes Schimmelband entlang der Au-
ßenwandung der Erdkeller ist das probateste Mittel, Mäuse und andere
Nagetiere fernzuhalten.
Die Zeit nach Christi Geburt wird als Römische Kaiserzeit bezeichnet.
Auch aus dieser Epoche sind keine eindeutigen Hausgrundrisse überlie-
fert. Wieder sind es Fragmente von Keramikscherben, die uns die An-
wesenheit des Menschen belegen. Wie schon aus der Bronze- und La-
tènezeit fehlen uns die – sicher zahlreich – genutzten Metallgegenstän-
de; ihre Palette reicht von Schmuck über Alltagswerkzeuge und Münzen
bis hin zu Waffen. Der Wert des metallenen Rohmaterials war demnach
so hoch, dass man derartige Gegenstände nach Unbrauchbarwerden
nicht achtlos wegwarf, sondern einschmolz und einer neuen Funktion
zuführte. Also nicht erst heute, sondern bereits in vorgeschichtlicher Zeit
stand Recycling hoch im Kurs.
Slawische Funde bezeugen, dass auch in der 2. Hälfte des ersten nach-
christlichen Jahrtausends die siedlungsgünstige Lage – hohe Bodenqua-
lität verknüpft mit relativer Wassernähe – geschätzt wurde.
Bei zwei Befunden fällt die zeitliche Einordnung schwer. Hohe Konzen-
tration gebrannten Lehms sowie von Holzkohle legen nahe, dass wir
hier zwei Öfen vor uns haben. Im Durchmesser messen diese ca. 1 m.
Erosive Bodenbewegungen haben im Bereich der beiden Öfen bereits
derart stark angesetzt, dass offen bleiben muss, ob es sich lediglich um
in den Boden eingetiefte Bodenplatten handelt, auf denen ein Feuer
entfacht wurde oder gar um aufwändig gebaute Kuppelöfen.
Tiegel für die Salzsole.
Schematischer Schnitt durch einen Salzsiedeofen.
Metallzeitliche Keramikgefäße
und Spinnwirtel aus Ton.

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Bundesstraßenmeisterei Imnitz
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Grabung 2003
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Zusammenfassung
Die archäologischen Untersuchung brachten zahlreiche Siedlungsreste
verschiedener Zeitstellung ans Tageslicht. Während der gesamten Aus-
grabung wurde zur Beschleunigung der Arbeit neben Spaten und Schau-
fel auch ein Minibagger eingesetzt. Bei komplexen Befunden wie bei-
spielsweise den beiden Öfen, wurde auf feines Werkzeug – Kelle und
Stukkateureisen zurückgegriffen.
Diese kurze Zusammenschau der ersten Grabungsergebnisse zeigt, auf
welch geschichtsträchtigem Boden die Bundesstraßenmeisterei errichtet
wird und welch wichtiges geschichtliches Erbe für die nachfolgenden
Generationen durch die archäologische Tätigkeit bewahrt werden konn-
te.
Dank
An dieser Stelle sei allen beteiligten Behörden, Büros und Firmen für die
gute Zusammenarbeit gedankt: Regierungspräsidium Leipzig; Sächsisches
Immobilien- und Baumanagement Niederlassung I Leipzig; Ingenieur-
büro Bauer; Gunthermann-Decker GmbH; Fa. Sube; Arbeitsamt Leipzig
S. Friederich
LANDESAMT
für Archäologie
Sachsen
LANDESMUSEUM
für Vorgeschichte
Dresden
© Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte
Zur Wetterwarte 7
01109 Dresden
Telefon: 0351 / 89 26 603
Email:
Presse@archsax.smwk.sachsen.de
Fax:
0351 / 89 26 666
Internet:
www.archsax.sachsen.de
Vervielfältigungen nach vorheriger Absprache mit dem LfA.
Ausgrabung. Zur Beschleunigung der Arbeiten wird ein Minibagger eingesetzt.
Minuziöses Freilegen eines vorgeschichtlichen Ofens.
Maßstabsgerechte Zeichnung einer Brandplatte – vermutlich
Rest eines Ofens.
Alle Befunde werden mittels Foto und Zeichnung dokumentiert.