1
Fachkommission Städtebau
der Bauministerkonferenz
ARBEITSHILFE
Berücksichtigung des Art. 13 Seveso-III-Richtlinie im
baurechtlichen Genehmigungsverfahren in der Umgebung
von unter die Richtlinie fallenden Betrieben
beschlossen am 30. März 2017

2
Inhalt
1
Anlass ............................................................................................................................ 3
2
Abstandsgebot des Art. 13 Seveso-III-Richtlinie ............................................................. 4
2.1
Regelungsgegenstand ........................................................................................ 4
2.2
Schutzbedürftige Nutzung ................................................................................... 4
2.2.1
Ausschließlich oder überwiegend dem Wohnen dienende Gebiete
(Wohngebiete) .................................................................................................. 4
2.2.2
Öffentlich genutzte Gebäude ............................................................................ 5
3
Angemessener Sicherheitsabstand ................................................................................ 6
3.1
Prüfschritte ......................................................................................................... 7
3.2
Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstandes ......................................... 7
3.2.1
Achtungsabstand und angemessener Sicherheitsabstand ................................ 7
3.2.1.1
Achtungsabstand ....................................................................................... 7
3.2.1.2
Angemessener Sicherheitsabstand ............................................................ 8
3.2.2
Ermittlung
des
angemessenen
Sicherheitsabstands
anhand
störfallspezifischer Faktoren ............................................................................. 8
3.2.3
Gutachten zur Abstandsermittlung .................................................................. 10
3.2.4
Mitwirkung der Immissionsschutzbehörden ..................................................... 10
3.2.5
Darlegungslast ................................................................................................ 11
4
Zulassung eines Vorhabens innerhalb des angemessenen Sicherheitsabstandes ....... 11
4.1
Kein Verschlechterungsverbot .......................................................................... 11
4.2
Zulassung von Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten
Ortsteile (§ 34 BauGB) ...................................................................................... 12
4.2.1
Allgemeines .................................................................................................... 12
4.2.2
Nachvollziehende Abwägung .......................................................................... 12
4.2.3
Grenzen des Gebots der Rücksichtnahme ...................................................... 15
4.3
Zulassung von Vorhaben im Geltungsbereich eines Bebauungsplans (§ 30
BauGB) ............................................................................................................. 16
4.3.1
Bebauungspläne in der Nachbarschaft von Betriebsbereichen ....................... 16
4.3.2
Bebauungspläne, bei denen das Abstandsgebot nicht oder nicht
ausreichend berücksichtigt worden sind .......................................................... 17
4.4
Zulassung von Vorhaben im Außenbereich (§ 35 BauGB) ................................ 18
4.5
Bauaufsichtliches Verfahren ............................................................................. 18
4.5.1
Baugenehmigungsverfahren (§§ 63, 64 MBO) ................................................ 18
4.5.2
Genehmigungsfreistellung (§ 62 MBO) ........................................................... 18
4.5.3
Verfahrensfreie Bauvorhaben nach § 61 MBO ................................................ 19
4.5.4
Öffentlichkeitsbeteiligung nach § 70 MBO ....................................................... 19
4.5.5
Bekanntgabe der Baugenehmigung für Schutzobjekte .................................... 19
Anhang 1
Erläuterungen und Begriffserklärungen ............................................................ 20
Anhang 2
Schema Bauaufsichtliches Prüfverfahren......................................................... 22

3
1 Anlass
Mit Urteil vom 15. September 2011 (Az. C-53/10) hat der Europäische Gerichtshof (EuGH)
zur Umsetzung von Art. 12 der Richtlinie 96/82/EG (sog. Seveso-II-Richtlinie)
1
klargestellt,
dass das Gebot der Berücksichtigung angemessener Abstände zwischen Störfallbetrieben
und schutzwürdigen Nutzungen nicht nur bei der Bauleitplanung im Rahmen des § 50 Bun-
des-Immissionsschutzgesetz (BImSchG), sondern gegebenenfalls auch bei der Erteilung
einer Baugenehmigung zu beachten ist. Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
(BVerwG) vom 20. Dezember 2012
2
können die unionsrechtlichen Bestimmungen bei der
Prüfung der Zulässigkeit von Vorhaben im unbeplanten Innenbereich durch die richtlinien-
konforme Auslegung des nationalen Rechts über das in § 34 Abs. 1 Baugesetzbuch
(BauGB) enthaltene Gebot gegenseitiger Rücksichtnahme berücksichtigt werden. Das Ge-
richt zeigt aber auch die Grenze auf, bei der die Genehmigung des Vorhabens nur über die
Aufstellung eines Bebauungsplanes möglich sein wird.
Mit Wirkung zum 1. Juni 2015 ist die Seveso-II-Richtlinie durch Art. 32 der am 13. August
2012 in Kraft getretenen Richtlinie 2012/18/EU (Seveso-III-Richtlinie)
3
aufgehoben worden.
Bis auf einige redaktionelle Änderungen entspricht der Inhalt des Art. 12 Abs. 1 Seveso-II-
Richtlinie aber dem Art. 13 Abs. 1 und 2 Seveso-III-Richtlinie.
Der Bundesgesetzgeber hat die Seveso-III-Richtlinie durch das „Gesetz zur Umsetzung der
Richtlinie 2012/18/EU zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen
Stoffen, zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinie 96/82/EG des Rates“
vom 30. November 2016 (BGBl. I S. 2749) umgesetzt. Das BImSchG enthält seitdem auch
eine Ermächtigungsgrundlage für eine neu zu schaffende Verwaltungsvorschrift, die sog. TA
Abstand, die künftig bundeseinheitliche Maßstäbe für das Abstandsgebot des Art. 13 Se-
veso-III-Richtlinie vorgeben soll. Diese TA Abstand wird derzeit in einer Arbeitsgruppe unter
Mitwirkung der Länder erarbeitet und sich voraussichtlich auf den Inhalt der Arbeitshilfe aus-
wirken. Es ist jedoch nicht vor 2019 mit dem Inkrafttreten der TA Abstand zu rechnen und
ihre künftigen Regelungen lassen sich derzeit noch nicht abschätzen.
Die vorliegende Arbeitshilfe passt die am 11. März 2015 von der Fachkommission Städtebau
beschlossene Arbeitshilfe unter Berücksichtigung von aktuellen Entscheidungen und Litera-
tur an die geänderte Rechtslage an.
Die Arbeitshilfe gibt Empfehlungen zur Anwendung der Seveso-III-Richtlinie in baurechtli-
chen Zulassungsverfahren im unbeplanten und beplanten Innenbereich sowie im Außenbe-
reich und gibt Hinweise zur Frage des Planungsbedarfs. Ausführungen zur Berücksichtigung
des Abstandsgebotes in der Bauleitplanung werden nicht gemacht
4
.
1
Richtlinie 96/82/EG des Rates vom 9. Dezember 1996 zur Beherrschung der Gefahren bei schwe-
ren Unfällen mit gefährlichen Stoffen (ABl. L 10 vom 14. Januar 1997, S. 13), in der durch die
Richtlinie 2003/105/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 16. Dezember 2003
(ABl. L 345, S. 97) geänderten Fassung.
2
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, – 4 C 11/11 –, BVerwGE 145, 290-305 = DVBl. 2013, S. 645 =
BauR 2013, S. 887 = NVwZ 2013, S. 719.
3
Richtlinie 2012/18/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. Juli 2012 zur Beherr-
schung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen, zur Änderung und anschließenden
Aufhebung der Richtlinie 96/82/EG des Rates, ABl. L 197/1 vom 24. Juli 2012, S. 1.
4
Vgl. hierzu Hellriegel/Schmitt, NuR 2010, S. 98; Hendler, DVBl. 2012, S. 532; Kuschnerus, BauR
2011, S. 603 (Teil 1) und S. 761 (Teil 1), Kraus, ZfBR 2012, S. 324; Lau, DVBl. 2012, S. 678; Mit-
schang, UPR 2011, S. 281 (Teil I) und S. 342 (Teil II); Reidt/Schiller, BauR 2012, S. 1723; Weide-
mann, BauR 2014, S. 784; Reidt/Schiller, Gutachten im Auftrag der KAS „Erarbeitung und Formu-
lierung von Festsetzungsmöglichkeiten für die Umsetzung der Abstandsempfehlungen für Anlagen,
die einen Betriebsbereich im Sinne von § 3 Abs. 5a BImSchG bilden, nach den Vorgaben des
BauGB und der BauNVO“,
www.kas-bmu.de/publikationen/andere/Gutachten_Bauleitplanung.pdf
.

4
An der Erstellung dieser Arbeitshilfe haben Vertreter des Rechtsausschusses (RUV) der
Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) mitgewirkt.
2 Abstandsgebot des Art. 13 Seveso-III-Richtlinie
2.1 Regelungsgegenstand
Art. 13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten, dafür zu sorgen, dass in
ihren Politiken der Flächenausweisungen oder Flächennutzung oder anderen einschlägigen
Politiken sowie den Verfahren zur Durchführung dieser Politiken langfristig dem Erfordernis
Rechnung getragen wird, dass zwischen den unter die Richtlinie fallenden Betrieben einer-
seits und den in der Richtlinie genannten Schutzobjekten andererseits ein angemessener
Sicherheitsabstand gewahrt bleibt.
2.2 Schutzbedürftige Nutzung
Nach § 3 Abs. 5d BImSchG, der Art. 13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie umsetzt, ist das Ab-
standsgebot (nur) für folgende schutzbedürftige Nutzungen zu beachten:
ausschließlich oder überwiegend dem Wohnen dienende Gebiete,
öffentlich genutzte Gebäude und Gebiete,
Freizeitgebiete,
wichtige Verkehrswege
sowie unter dem Gesichtspunkt des Naturschutzes besonders wertvolle bzw. be-
sonders empfindliche Gebiete.
2.2.1 Ausschließlich oder überwiegend dem Wohnen dienende Gebiete
(Wohngebiete)
Wohngebiete sind nicht ausschließlich im Sinne der Gebietskategorien der BauNVO zu ver-
stehen. Abstrakt lassen sie sich dahingehend definieren, dass es sich um Flächen handeln
muss, die zumindest überwiegend dem Wohnen dienen oder die in einer Weise genutzt wer-
den, die unter Gesichtspunkten des Immissions- und Störfallschutzes ähnlich wie das Woh-
nen eines besonderen Schutzes bedürfen. Daher werden einzelne Wohngebäude in der Re-
gel nur dann erfasst, wenn sie einem Wohngebiet vergleichbare Dimensionen aufweisen
5
.
In dem am 13. und 14. November 2014 von der Bauministerkonferenz beschlossenen Kon-
zept zur Umsetzung der Seveso-III-Richtlinie in der Musterbauordnung (MBO)
6
ist das der
5
Anderer Ansicht Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI): Zwar werden in Art.
13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie einzelne Wohngebäude nicht ausdrücklich genannt. Der Umkehr-
schluss, diese würden deshalb grundsätzlich nicht vom Abstandsgebot der Richtlinie erfasst, wird
von der LAI nicht geteilt. Wenn schon durch Planung das Abstandsgebot nicht hinreichend berück-
sichtigt worden ist, muss dies auf jeden Fall auf der Ebene des konkreten Zulassungsverfahrens
nach Maßgabe des geltenden Rechts i. S. d. Auslegung durch das BVerwG (Urteil vom
20.12.2012, Az. 4 C 11.11, Fußn. 2) erfolgen. Ausführlich dazu Uechtritz, BauR 2014, S. 1098 ff.,
a.A. König, ZfBR 2014, 336 ff; krit. Wasielewski, UPR 2017, S. 1, 7f., und Schröer, NVwZ 2016, S.
1740, 1741.
6
Die Bauministerkonferenz hatte am 13. und 14. November 2014 den Entwurf zur Umsetzung der
Seveso-III-Richtlinie in der Musterbauordnung zustimmend zur Kenntnis genommen und den Aus-
schuss für Stadtentwicklung, Bau- und Wohnungswesen mit der Konkretisierung der Anforderun-
gen an die Öffentlichkeitsbeteiligung beauftragt.

5
Fall bei der Errichtung, Änderung oder Nutzungsänderung eines oder mehrerer Gebäude,
wenn dadurch dem Wohnen dienende Nutzungseinheiten mit einer Größe von insgesamt
mehr als 5000 qm
7
Brutto-Grundfläche geschaffen werden
8
. Soweit Länder verfahrensrecht-
lich über die Mindestanforderungen der EU-Richtlinie hinausgehende Definitionen der
Schutzobjekte vornehmen, hat dies auf die bauplanungsrechtliche Beurteilung keine Auswir-
kung.
Auch in der Literatur wird teilweise empfohlen, sich an dem Konzept zur Umsetzung der Se-
veso-III-Richtlinie in der MBO und der aktuell stattfindenden Implementierung in den Bauord-
nungen der Länder zu orientieren
9
.
Soweit aufgrund vorhandener Baulücken innerhalb des angemessenen Sicherheitsabstan-
des eines Störfallbetriebes in engem räumlichen Zusammenhang die Errichtung mehrerer
Wohngebäude nach § 34 BauGB im Umfang eines Baugebietes möglich wäre, kann sich aus
Art. 13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie ein Planungsbedürfnis nach § 1 Abs. 3 BauGB ergeben
(vgl. Kapitel 4.2.3.).
2.2.2 Öffentlich genutzte Gebäude
Öffentlich genutzte Gebäude dienen dem nicht nur vorübergehenden Aufenthalt eines wech-
selnden Benutzerkreises
10
wie
Anlagen für soziale, kirchliche, kulturelle, sportliche und gesundheitliche Zwecke
(z. B. Schulen, Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser),
Gebäude und Anlagen mit Publikumsverkehr (z. B. Einkaufszentren, Hotels, Parkan-
lagen) sowie Geschäfts-, Verwaltungs- und Bürogebäude, wenn diese nicht nur ge-
legentlich Besucher (z. B. Geschäftspartner) empfangen, die der Obhut der zu besu-
chenden Person in der Weise zuzuordnen sind, dass sie von dieser Person im Alar-
mierungsfall hinsichtlich ihres richtigen Verhaltens angehalten werden können.
Keine öffentlich genutzten Gebäude und Anlagen sind
7
Die insoweit dem Konzept in der MBO entsprechende Praxis der Stadt Frankfurt (konkret ging es
um die Schaffung von 24 Wohneinheiten in 3 Wohnhäusern auf rd.3000 qm Wohnfläche) wurde
vom Verwaltungsgericht Frankfurt akzeptiert (Beschluss vom 16.03.2016, Az. 8 L 553/16.F). Der
VGH Kassel (Beschluss vom 14. 07.2016, Az. 3 B 896/16 (1), NVwZ 2016, S. 1738 = BauR 2017,
S. 518) hat diese Entscheidung im Ergebnis bestätigt, aber ob das Bauvorhaben „wegen zu gerin-
ger Größe“ kein Schutzobjekt i. S. der Seveso-RL ist, wurde vom VGH aufgrund der nur summari-
schen Prüfung ausdrücklich offengelassen. Weitere Rechtsprechung dazu liegt bislang nicht vor,
insbesondere hat sich das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil vom 20.12.2012 (Fußn. 2)
nicht mit der Frage befasst, ob einzelne Wohngebäude vom Abstandsgebot der Richtlinie erfasst
werden, weil dies für seine Entscheidung nicht von Relevanz war.
8
Der Bundesrat ist der Auffassung, dass dieses Konzept in der MBO zur Konkretisierung der
Schutzobjekte nach Art. 13 Abs. 2 der Seveso-III-Richtlinie mit § 3 Abs. 5d BImSchG vereinbar ist.
Die Frage, was ein benachbartes Schutzobjekt ist, könne im Störfallrecht und im Baurecht nur ein-
heitlich beantwortet werden, da nicht vermittelbar wäre, wenn die Schutzbedürftigkeit zum Beispiel
einer Wohngebietsbegegnungsstätte davon abhängig wäre, ob diese in der Nähe eines Betriebs-
bereichs i. S. d. § 3 Abs. 5a BImSchG geplant werden soll oder ob ein Betriebsbereich in der Nähe
einer Begegnungsstätte verändert werden soll. Daher müssten im Störfallrecht und im Baurecht
einheitliche Maßstäbe angelegt werden. Die Verwendung der Wörter "überwiegend dem Wohnen
dienende Gebiete" in § 3 Absatz 5d BImSchG verdeutliche, dass jedenfalls kleinere Wohngebäude
keine Schutzobjekte in diesem Sinn sind, da ein einzelnes Gebäude kein Gebiet sein kann (Bun-
desrats-Drucksache 237/16 (Beschluss); zu den Einzelheiten des Bundesratsverfahrens vgl.
Wasielewski, UPR 2017, S. 1, 7f.).
9
Uechtritz/ Farsbotter, BauR 2015, S. 1919, 1927.
10
Vgl. VGH Mannheim, Beschluss vom 29.04.2015, Az. 3 S 2101/14, FStBW 2015, 990-991 = FStHe
2016, 85-87 (Fitnesscenter).

6
Vorhaben innerhalb des Betriebsbereichs
11
(z. B. externe Labore mit geschulten Mit-
arbeitern),
Wohngebäude, unabhängig davon, ob es sich um Ein- oder Mehrfamilienhäuser
handelt.
Der Bundesrat geht davon aus, dass öffentlich genutzte einzelne Gebäude nur dann von § 3
Abs. 5d BImSchG erfasst werden, wenn sie für die gleichzeitige Anwesenheit einer größeren
Zahl von Besuchern bestimmt sind
12
. In dem Konzept zur Umsetzung der Seveso-III-
Richtlinie in der MBO werden bauliche Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, nur dann ei-
nem besonderen Verfahren unterzogen, wenn dadurch die gleichzeitige Nutzung durch mehr
als 100 zusätzliche Besucher ermöglicht wird
13
.
Gewerbebetriebe können dann zu den öffentlich genutzten Gebäuden zählen und schutzbe-
dürftig sein, wenn sich dort ein relevanter, unbestimmter Personenkreis aufhalten kann, ins-
besondere eine ins Gewicht fallende Anzahl von Kunden (z. B. bei einem Fabrikverkauf in
einer Größenordnung, die einem großflächigen Einzelhandelsbetrieb entspricht). Im Übrigen
ist hinsichtlich der Besucher ähnlich wie bei Verwaltungsgebäuden zu differenzieren. Glei-
ches kann für den Großhandel in Abhängigkeit der Zahl der Besucher gelten.
3 Angemessener Sicherheitsabstand
Welcher Abstand „angemessen“ ist, ist im Unionsrecht nicht geregelt. Nach § 3 Abs. 5c
BImSchG ist der angemessene Sicherheitsabstand im Sinne dieses Gesetzes „der Abstand
zwischen einem Betriebsbereich oder einer Anlage, die Betriebsbereich oder Bestandteil
eines Betriebsbereichs ist, und einem benachbarten Schutzobjekt, der zur gebotenen Be-
grenzung der Auswirkungen auf das benachbarte Schutzobjekt, welche durch schwere Un-
fälle im Sinne des Artikels 3 Nummer 13 der Richtlinie 2012/18/EU hervorgerufen werden
können, beiträgt. Der angemessene Sicherheitsabstand ist anhand störfallspezifischer Fakto-
ren zu ermitteln.“
Die Einhaltung des angemessenen Sicherheitsabstands trägt als Element eines Konzepts
zur Begrenzung der Auswirkungen von schweren Unfällen an einem benachbarten
Schutzobjekt bei. Andere Elemente dieses Konzepts sind vom Anlagenbetreiber nach § 3
Abs. 1 der Störfall-Verordnung (StörfallV - 12. BImSchV) zu treffende Vorkehrungen zur Ver-
hinderung von schweren Unfällen und nach § 3 Abs. 3 StörfallV zu ergreifende vorbeugende
Maßnahmen zur Minimierung der Auswirkungen von schweren Unfällen
14
.
Der Begriff des angemessenen Sicherheitsabstandes ist im Bau- und Immissionsschutzrecht
identisch
15
.
11
Erläuterungen hierzu finden sich in Anhang 1.
12
Nr. 7 der Stellungnahme des Bundesrates zum „Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2012/18/EU
zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen, zur Änderung und an-
schließenden Aufhebung der Richtlinie 96/82/EG des Rates“ vom 17. Juni 2016 (Bundesrats-
Drucksache 237/16 (Beschluss).
13
Vgl. OVG Münster, Urteil vom 3.09.2009 - 10 D 121/07.NE -, BauR 2010, 572-576, jurion Rn. 144
(Datteln); enger VGH Kassel, Urteil vom 26.03.2015, Az. 4 C 1566/12 N, NVwZ-RR 2015, S. 612,
juris Rn. 41 („Bauhaus-Drive-in“).
14
Vgl. Begründung zu § 3 Abs. 5c BImSchG (Bundestags-Drucksache 18/9417, S. 24).
15
Soweit der Bundesrat im Gesetzgebungsverfahren zur Umsetzung der Seveso-III-Richtlinie der
Meinung war, dass der in § 3 Abs. 5c BImSchG definierte Sicherheitsabstand, anders als in der
Gesetzesbegründung erwähnt, nicht als der angemessene Abstand nach Artikel 13 der Seveso-III-
Richtlinie zu verstehen sei (Nr. 5 der Stellungnahme des Bundesrates zum Entwurf eines Gesetzes
zur Umsetzung der Richtlinie 2012/18/EU zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit ge-
fährlichen Stoffen, zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinie 96/82/EG des Ra-

7
3.1 Prüfschritte
Damit obliegt es den zuständigen Genehmigungsbehörden und Gerichten, die angemesse-
nen Sicherheitsabstände im jeweiligen Einzelfall anhand aller relevanten störfallspezifischen
Faktoren festzulegen, soweit kein Bebauungsplan vorliegt oder aber zwar ein Bebauungs-
plan vorliegt, in diesem die Belange der Seveso-III-Richtlinie aber nicht abgearbeitet worden
sind. Das erfordert eine Abschätzung nicht nur der Risiken und Schäden, sondern auch aller
anderen in jedem Einzelfall relevanten störfallspezifischen Faktoren, die je nach den beson-
deren Gegebenheiten der Gebiete unterschiedlich ausfallen können
16
.
Es muss deshalb in einem ersten Schritt (hierzu Kapitel 3.2) ermittelt werden, welcher Si-
cherheitsabstand „angemessen“ ist und ob das Vorhaben innerhalb dieses Abstands liegt. Ist
der angemessene Sicherheitsabstand nicht eingehalten, muss die Bauaufsichtsbehörde in
einem zweiten Schritt (siehe Kapitel 4.1) entscheiden, ob ein Unterschreiten des angemes-
senen Sicherheitsabstandes vertretbar ist
17
.
Diese Prüfungen sind entbehrlich, wenn das Vorhaben im Geltungsbereich eines Bebau-
ungsplans liegt, der sich mit der Seveso-III-Thematik befasst und diese abgearbeitet hat, und
das Vorhaben den Festsetzungen des Bebauungsplans nicht widerspricht. Etwas anderes
kann gelten, wenn es konkrete Anhaltspunkte (oder Erkenntnisse) für eine seit Inkrafttreten
des Bebauungsplans geänderte Gefährdungssituation gibt (vgl. Kapitel 4.3).
3.2 Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstandes
3.2.1 Achtungsabstand und angemessener Sicherheitsabstand
Der Leitfaden KAS-18
18
wurde zwar für die Bauleitplanung erarbeitet; die sich aus ihm erge-
benden Abstandsempfehlungen und die Kriterien zur Ermittlung des Abstandes mit Detail-
kenntnissen (angemessener Sicherheitsabstand) können aber auch im Genehmigungsver-
fahren herangezogen werden
19
.
3.2.1.1 Achtungsabstand
Sofern der angemessene Sicherheitsabstand nicht bekannt ist, ist zunächst zu prüfen, ob
das Vorhaben außerhalb der Achtungsabstände nach Nr. 3.1 Leitfaden KAS-18 liegt. Ist das
der Fall, kann regelmäßig davon ausgegangen werden, dass dem Abstandsgebot des Art. 13
Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie ausreichend Rechnung getragen ist.
Liegt das Vorhaben innerhalb des Achtungsabstandes, ist zu ermitteln, ob das Vorhaben
innerhalb des angemessenen Sicherheitsabstands liegt.
tes Bundesrats-Drucksache 237/16 (Beschluss), hat sich dem die Bundesregierung in ihrer Ge-
genäußerung nicht angeschlossen (Gegenäußerung der Bundesregierung, Bundestags-
Drucksache 18/9417, S. 52).
16
EuGH, Urteil vom 17.09.2011, C-53/10, Rn. 43 f.
17
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 15.
18
Kommission für Anlagensicherheit beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktor-
sicherheit, Leitfaden – Empfehlungen für Abstände zwischen Betriebsbereichen nach der Störfall-
Verordnung und schutzbedürftigen Gebieten im Rahmen der Bauleitplanung – Umsetzung § 50
BImSchG, 2. Überarbeitete Fassung, November 2010 (Leitfaden KAS-18),
http://www.kas-
bmu.de/publikationen/kas/KAS_18.pdf
.
19
Beschluss der Kommission für Anlagensicherheit vom 5./6. November 2013 (
http://www.kas-
bmu.de/publikationen/kas/KAS_18_ErsteKorrektur.pdf)
, VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015, Az. 4
A 654/13, DÖV 2015, S. 673 (Mücksch). Vgl. auch Wasielewski; I+E 2015, S. 145, 150 f.

8
3.2.1.2 Angemessener Sicherheitsabstand
Der angemessene Sicherheitsabstand definiert sich nach den Vorgaben des Bundesverwal-
tungsgerichts einzelfallbezogen „anhand aller relevanten störfallspezifischen Faktoren“
20
.
Erfolgte bereits in der Vergangenheit eine Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstan-
des i. S .v. Nr. 3.2 Leitfaden KAS-18 und liegen keine Umstände vor, die eine andere Bewer-
tung rechtfertigen (z. B. Änderungen der Beurteilungswerte für den abstandsbestimmenden
Stoff, Änderungen im Betriebsbereich o.ä.), kann davon ausgegangen werden, dass dem
Abstandsgebot entsprochen wird, wenn das Vorhaben außerhalb dieses Abstandes liegt.
Andernfalls ist der angemessene Sicherheitsabstand zu ermitteln, in der Regel durch ein
Gutachten.
Der im Einzelfall ermittelte angemessene Sicherheitsabstand wird meist geringer ausfallen
als der pauschale Achtungsabstand nach dem Leitfaden KAS-18. Ein behördlicher Wer-
tungsspielraum bei der Bestimmung des angemessenen Sicherheitsabstandes besteht nicht,
vielmehr unterliegt die Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstandes der vollen Über-
prüfung durch die Gerichte
21
. Der Begriff der Angemessenheit unterliegt somit keiner Abwä-
gung im Hinblick auf soziale, ökologische oder wirtschaftliche Belange (vgl. hierzu Prüfung
im zweiten Schritt).
3.2.2 Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstands anhand störfallspe-
zifischer Faktoren
Als störfallspezifische Faktoren, die im jeweiligen Einzelfall für die Festlegung des angemes-
senen Sicherheitsabstands relevant sein können, kommen sowohl anlagenspezifische als
auch vorhabenspezifische
22
Faktoren in Betracht
23
. Dabei sind auch technische Maßnahmen
zur Verminderung des Unfallrisikos oder zur weiteren Begrenzung möglicher Unfallfolgen zu
berücksichtigen,
sei es im Betriebsbereich, soweit diese dem Betreiber des Störfallbetriebs auferlegt
werden können oder er sich freiwillig dazu bereit erklärt,
sei es außerhalb des Betriebsbereichs, wie etwa Nutzungseinschränkungen oder be-
sondere bauliche Anforderungen an das an den Störfallbetrieb heranrückende Vor-
haben, sofern über diese Maßnahmen mögliche Schadensfolgen und damit auch die
Angemessenheit des Abstands beeinflusst werden können
24
.
20
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 16 ff.
21
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 20.
22
Weder das BImSchG noch die StörfallV verwenden die Begriffe „anlagenspezifische Faktoren“ und
„vorhabenspezifische Faktoren. In der Begründung zu § 3 Abs. 5c BImSchG wird (lediglich) ausge-
führt (Bundestags-Drucksache 18/9417, S. 24): „Der angemessene Sicherheitsabstand ist anhand
störfallspezifischer Faktoren zu ermitteln. Dazu zählen beispielsweise die Art der jeweiligen gefähr-
lichen Stoffe, die Wahrscheinlichkeit eines Eintritts eines schweren Unfalls und die Folgen eines
etwaigen Unfalls für die menschliche Gesundheit und die Umwelt (BVerwG, Urteil vom 20. Dezem-
ber 2012, Az.: 4 C 11.11, Rn. 18)“. In den allgemeinen Ausführungen zum Abstandsgebot (S. 15)
steht: „Die Prüfung des Abstandsgebotes einschließlich der gebotenen Abwägung der Interessen
für und gegen ein Vorhaben erfolgt durch die zuständigen Bauplanungsbehörden nach den ein-
schlägigen Maßgaben des Bauplanungsrechts. Dabei gelten die durch den Europäischen Ge-
richtshof (EuGH) und das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in der Rechtssache Mücksch for-
mulierten Maßstäbe (EuGH, Urteil vom 15. September 2011, Rs. C-53/10; BVerwG, Urteil vom 20.
Dezember 2012, Az.: 4 C 11.11)“.
23
Ebenso Uechtritz/ Farsbotter, BauR 2015, S. 1919, 1923; Emmerich-Schöpp/Güldner, NVwZ 2015,
S. 1397, 1398.
24
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 18.

9
Zu den störfallspezifischen Faktoren im Sinne der Rechtsprechung zählen sowohl Eigen-
schaften des Störfallbetriebes (anlagenspezifische Faktoren) als auch Eigenschaften des
Neuansiedlungsvorhabens (vorhabenspezifische Faktoren).
Zu den anlagenspezifischen Faktoren gehören insbesondere:
Art, Menge und Eigenschaften der gefährlichen Stoffe,
die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines schweren Unfalls
25
,
die Folgen eines etwaigen Unfalls für die menschliche Gesundheit und die Umwelt,
die sicherheitstechnische Ausrüstung der Anlage,
störfallverhindernde Maßnahmen,
technische Maßnahmen zur Verminderung des Unfallrisikos oder zur weiteren Be-
grenzung möglicher Unfallfolgen (z. B. Warnsystem, Werksfeuerwehr, Leichtigkeit,
mit der Notfallkräfte bei einem Unfall an der Unfallstelle eingreifen können, redun-
dante Sicherheitseinrichtungen).
Zu den vorhabenspezifischen Faktoren können z. B. gehören:
Art der beantragten schutzwürdigen Nutzung (wie Wohnen, Gewerbe),
Intensität der beantragten schutzwürdigen Nutzung, z. B.:
o
Anzahl zeitgleich anwesender Personen und deren Aufenthaltsdauer,
o
Personendichte und Einzelgruppenstärke,
o
ganztägige oder zeitlich begrenzte Nutzung,
o
Mobilität der Personen, Zuordnung der Nutzungen in „beruflichen“ oder „privaten“
Bereich,
o
typische Nutzungssituation,
o
individuelle Handlungs-/Einsichtsfähigkeit der Personen (Erwachsene/Kinder mit /
ohne Aufsicht),
o
Art und Dauer des Publikumsverkehrs,
o
Verhältnis ortskundiger Personen zu Ortsfremden,
o
besondere Schutzbedürftigkeit betroffener Personengruppen,
o
Leichtigkeit, mit der Notfallkräfte am schutzbedürftigen Vorhaben eingreifen kön-
nen,
vorhabenbedingte Veränderungen, etwa die Verschlimmerung von Unfallfolgen,
auswirkungsbegrenzende Maßnahmen, z. B.
o
bauliche Schutzmöglichkeiten (wie Dichtigkeit des Gebäudes gegenüber stofflicher
Exposition, Übersichtlichkeit von Gebäuden/Arealen inkl. Qualität der Fluchtwege,
Schutzwälle),
o
Eigensicherung (z. B. durch Schulung, Frühwarnsystem, Maßnahmen zur ersten
Hilfe und zur Gefahrenabwehr),
o
Nutzungseinschränkungen des heranrückenden Vorhabens
26
.
25
Der Begriff des „schweren Unfalls“ gem. Art. 3 Nr. 13 Seveso III-Richtlinie meint den „Störfall“ im
deutschen Recht nach § 2 Nr. 7 StörfallV.
26
Abweichende Position der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz: Der nach Art.
13 Seveso-III-Richtlinie zu berücksichtigende, angemessene Sicherheitsabstand wird in Deutsch-
land nach den allgemein anerkannten Regeln des KAS-18-Leitfadens ermittelt. Die Ermittlung des
Abstandes geht dabei stets von der Störfallanlage aus. Eine davon abweichende, auf etwaige
Schutzvorkehrungen am neu zu genehmigenden Bauvorhaben bezogene Abstandsermittlung ist
faktisch nicht möglich. Sie ist nach der Rechtsprechung auch rechtlich nicht erforderlich. Die Ent-
scheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 20.12.2012, 4 C 11.11 (Fußn. 2), Rn. 18 und Rn.
22, ist in dieser Hinsicht nicht eindeutig. Während nach der dortigen Rn. 18 auch „vorhabenbeding-
te Veränderungen“, „etwa Nutzungseinschränkungen oder besondere bauliche Anforderungen an
das an den Störfallbetrieb heranrückende Vorhaben“ zu den „störfallspezifischen Faktoren“ zu sub-
sumieren sein können, ist in Rn. 22 von dem „störfalltechnisch ermittelten angemessenen Abstand“
die Rede. Weiter heißt es dort, „störfallspezifische Faktoren“, zu denen das Gericht auch die vor-

10
3.2.3 Gutachten zur Abstandsermittlung
a) Die Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstandes wird in der Regel nicht ohne
Heranziehung technisch-fachlichen Sachverstands möglich sein. Aufbauend auf den vorhan-
denen Genehmigungsunterlagen und Sicherheitsberichten können durch aktuelle Begehun-
gen der Betriebsbereiche Detailkenntnisse über die tatsächlichen anlagenspezifischen Fak-
toren erlangt werden.
b) Bei Betriebsbereichen mit erweiterten Pflichten können für die Ermittlung des angemesse-
nen Sicherheitsabstandes auch die Informationen aus dem Sicherheitsbericht nach § 9 Stör-
fallV verwendet werden. § 9 Abs. 1 Nr. 5 StörfallV bestimmt, dass der Betreiber in dem Si-
cherheitsbericht darlegen muss, dass ausreichende Informationen bereitgestellt werden,
damit die zuständigen Behörden Entscheidungen über die Ansiedlung neuer Tätigkeiten oder
Entwicklungen in der Nachbarschaft bestehender Betriebsbereiche treffen können. Gemäß
§ 9 Abs. 2 StörfallV muss der Sicherheitsbericht zum Umfeld des Betriebsbereichs insbe-
sondere mindestens die folgenden in Anhang II aufgeführten Angaben und Informationen
enthalten:
Beschreibung des Standorts und seines Umfelds einschließlich der geographischen
Lage, der meteorologischen, geologischen und hydrographischen Daten sowie gege-
benenfalls der Vorgeschichte des Standorts.
Verzeichnis der Anlagen und Tätigkeiten innerhalb des Betriebsbereichs, bei denen
die Gefahr eines Störfalls bestehen kann.
Beschreibung der Bereiche, die von einem Störfall betroffen werden könnten.
c) Sofern allgemeine „städtische Gutachten“ oder sonstige entsprechende Darstellungen
oder Karten mit eingezeichneten Abständen in Regional- und Flächennutzungsplänen vorlie-
gen, genügt es, die vorhabenspezifischen Faktoren gegebenenfalls durch ein Einzel- oder
Ergänzungsgutachten zu untersuchen. Damit können insbesondere auch vorhabenspezifi-
sche Notwendigkeiten betrachtet werden (z. B. die Einhausung von Parkplätzen oder die
Ausstattung mit Lüftungsanlagen).
3.2.4 Mitwirkung der Immissionsschutzbehörden
Regelmäßig wird die Bauaufsichtsbehörde nicht über Detailkenntnisse des zu beurteilenden
Störfallbetriebs verfügen. Sie ist daher auf die Unterstützung der Immissionsschutzbehörde
angewiesen, die u. a. aufgrund des ihr vorliegenden Sicherheitsberichts über die entspre-
chenden Informationen über den Störfallbetrieb verfügt. Die Immissionsschutzbehörde kann
erforderlichenfalls die für ein Gutachten benötigten Informationen zur Verfügung stellen.
Insbesondere kann die Immissionsschutzbehörde für die Prüfung des Achtungsabstands den
Stoff im Betriebsbereich identifizieren, der den größten Achtungsabstand in Bezug auf das
Schutzobjekt generiert. Sofern der Achtungsabstand unterschritten werden soll, kann die
Immissionsschutzbehörde zu einem nach KAS-18 einzuholenden anlagenbezogenen Gut-
achten weitere betriebsbereichsbezogene Informationen im Sinne des technischen Teil des
Leitfadens KAS-18 geben (z. B. Stoffidentifikation, Identifikation der Leckage, Wirksamkeit
von auswirkungsbegrenzenden Maßnahmen, Toleranzwerte für ernste Gefahr, wie z. B.
habenbedingten Veränderungen zählt, und „sozioökonomische Faktoren“ seien „in die Gleichung“
im Rahmen der Abwägung einzustellen. Damit bleibt letztlich in der Entscheidung des Bundesver-
waltungsgerichts unklar, ob vorhabenbezogene Faktoren oder Veränderungen auf der ersten Stufe
Gegenstand der Ermittlung des angemessenen Sicherheitsabstands sind oder ob diese erst auf
der zweiten Stufe – wenn der hiernach allein nach (störfall-) anlagenspezifischen Faktoren ermittel-
te angemessene Sicherheitsabstand unterschritten wird – als Abwägungsmaterial bei der behördli-
chen Entscheidung zu berücksichtigen sind. Klar ist insofern lediglich, dass sie nicht gleichzeitig
auf beiden Ebenen relevant sein können. Weil eine Berücksichtigung vorhabenspezifischer Fakto-
ren nicht möglich und sachgerecht ist, ist daher aus immissionsschutzrechtlicher Sicht eine Einbe-
ziehung dieser Faktoren allein auf der Ebene der Abwägung angezeigt.

11
ERPG 2). Den Immissionsschutzbehörden sind Aussagen zur technischen Ausführung und
Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen an den geplanten Vorhaben und zu sonstigen – z. B.
vom Gutachter – vorgeschlagenen Toleranzen oder anderen Maßnahmen außerhalb des
Betriebsbereichs im Rahmen ihrer Zuständigkeit nicht möglich. Die abschließende Entschei-
dung (insbesondere die ggf. erforderliche „nachvollziehende Abwägung“, vgl. Kapitel 4) ob-
liegt der Bauaufsichtsbehörde.
Im Übrigen wird darauf hingewiesen, dass das Konsultationsgebot des Art. 13 Abs. 3 Se-
veso-III-Richtlinie einen engen Informationsaustausch zwischen den mit der Thematik be-
fassten Behörden, insbesondere den Baugenehmigungs- und Immissionsschutzbehörden,
verlangt. So werden die Immissionsschutzbehörden jede Vergrößerung oder Veränderung
der Abstände den Baugenehmigungsbehörden mitteilen, damit dies in laufenden Bauge-
nehmigungsverfahren oder für künftige Fälle berücksichtigt werden kann.
3.2.5 Darlegungslast
Nur wenn die für die Einschätzung eines angemessenen Sicherheitsabstands notwendigen
Informationen auch durch Beteiligung der Immissionsschutzbehörden nicht erlangt werden
können und wenn aufgrund der vorhandenen Erkenntnisse wegen der Nähe zum Störfallbe-
trieb Zweifel an der Genehmigungsfähigkeit des Vorhabens bestehen, die anders nicht aus-
geräumt werden können, kommt es in Betracht, ein Gutachten erstellen zu lassen, das die
anlagen- und vorhabenspezifischen Faktoren zur Bestimmung des angemessenen Sicher-
heitsabstandes in den Blick nimmt.
Als Auftraggeber kommen aus Gründen der Praktikabilität die Bauaufsichtsbehörde oder der
Störfallbetrieb in Betracht. Im Einzelfall kann die Gemeinde in Vorleistung gehen, wenn z. B.
mehrere Ansiedlungsvorhaben betroffen sind. Die Vorlage eines entsprechenden Gutach-
tens kann auch vom Bauherrn aufgrund der Bauvorlagenbestimmungen der Länder verlangt
werden.
Die Immissionsschutzbehörde soll bei der Beauftragung des Gutachtens beteiligt werden
und dessen Erstellung bzw. Ergänzung fachlich begleiten, damit alle relevanten anlagen-
und stoffbezogenen Aspekte in das Gutachten einfließen und Berücksichtigung finden, Über-
schneidungen von Gutachtenaufträgen vermieden und die Immissionsschutzbehörde eine
Übersicht über die Gutachten erhält.
4 Zulassung eines Vorhabens innerhalb des angemesse-
nen Sicherheitsabstandes
4.1 Kein Verschlechterungsverbot
Art. 13 Abs. 2 der Seveso-III-Richtlinie gebietet nicht, alle Vorhaben abzulehnen, die die an-
gemessenen Abstände zu existierenden Störfallbetrieben unterschreiten. Es gilt kein striktes
„Verschlechterungsverbot“ in dem Sinne, dass die Ansiedlung (weiterer) schutzbedürftiger
Nutzungen in der Nachbarschaft eines Störfallbetriebes schon deshalb ausscheidet, weil auf
diese Weise die Folgen eines Dennoch-Störfalls gravierender ausfallen können als ohne die
Ansiedlung. Eine Unterschreitung des störfallspezifisch ermittelten Abstands ist möglich,
wenn im Einzelfall hinreichend gewichtige Belange für die Zulassung des Vorhabens streiten.
In Betracht kommen insbesondere soziale, ökologische und wirtschaftliche Belange
27
. Dabei
ist jedoch die erstmalige Schaffung einer Gemengelage in der Regel unzulässig, weil ein
angemessener Sicherheitsabstand, der bisher eingehalten ist, auch in Zukunft - langfristig -
gewahrt bleiben muss
28
.
27
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 22.
28
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 24.

12
Wenn das neu hinzukommende Vorhaben außerhalb des angemessenen Sicherheitsab-
standes liegt, ist es, sofern auch die übrigen Voraussetzungen der Zulässigkeit von Vorha-
ben nach den §§ 29 ff BauGB eingehalten werden, bauplanungsrechtlich zulässig.
4.2 Zulassung von Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang be-
bauten Ortsteile (§ 34 BauGB)
4.2.1 Allgemeines
Konstellationen, in denen die Genehmigungsfähigkeit eines Ansiedlungsvorhabens innerhalb
des angemessenen Sicherheitsabstands zu beurteilen ist, begründen nicht per se das Be-
dürfnis nach einer planerischen Abwägung. Das Entscheidungs- bzw. Prüfprogramm des
§ 34 Abs. 1 BauGB kann ausreichen, um die Anforderungen des EuGH zu berücksichtigen.
Der EuGH hat Art. 12 Abs. 1 Seveso-II-Richtlinie dahin ausgelegt, dass die Verpflichtung der
Mitgliedstaaten, langfristig dem Erfordernis der Wahrung angemessener Abstände zwischen
einem Störfallbetrieb und öffentlich genutzten Gebäuden Rechnung zu tragen, auch von
Baugenehmigungsbehörden bei gebundenen Entscheidungen über die Zulassung von Vor-
haben zu beachten ist. Diesem unionsrechtlichen Erfordernis ist durch eine richtlinienkon-
forme Handhabung des in § 34 Abs. 1 BauGB enthaltenen Rücksichtnahmegebots Geltung
zu verschaffen
29
. In der Nachbarschaft eines Störfallbetriebs hat ein Neuansiedlungsvorha-
ben somit auf die europarechtlich normierten Anforderungen des Störfallschutzes und die
Belange des Störfallbetriebs Rücksicht zu nehmen.
Nach den Vorgaben des Bundesverwaltungsgerichts ist in zwei Schritten vorzugehen:
In einem ersten Schritt ist zu ermitteln, welcher Abstand „angemessen“ ist und ob das Neu-
ansiedlungsvorhaben innerhalb dieser Abstandsgrenze liegt (zur Ermittlung des angemesse-
nen Sicherheitsabstands vgl. Kapitel 3). Ist der angemessene Sicherheitsabstand nicht ein-
gehalten, muss sich die Bauaufsichtsbehörde in einem zweiten Schritt darüber Gedanken
machen, ob ein Unterschreiten des angemessenen Sicherheitsabstands im Einzelfall vertret-
bar ist
30
. Denn auch die Nichteinhaltung des angemessenen Sicherheitsabstands führt nicht
zwingend zur Unzulässigkeit des Ansiedlungsvorhabens. Insbesondere wenn hinreichend
gewichtige soziale, ökologische und wirtschaftliche (in der Terminologie des EuGH „sozio-
ökonomische“) Belange für die Zulassung des Vorhabens sprechen, kommt eine Genehmi-
gung dennoch in Betracht. Die Risiken der Ansiedlung innerhalb der angemessenen Sicher-
heitsabstände müssen allerdings im Genehmigungsverfahren gebührend gewürdigt werden.
Darüber hat die Genehmigungsbehörde im Wege einer „nachvollziehenden Abwägung“ zu
entscheiden.
4.2.2 Nachvollziehende Abwägung
Das BVerwG versteht unter der „nachvollziehenden Abwägung“ einen gerichtlich uneinge-
schränkt überprüfbaren Vorgang der Rechtsanwendung, der eine auf den Einzelfall ausge-
richtete Gewichtsbestimmung verlangt
31
. Anders als die planerische Abwägung einer Ge-
meinde im Rahmen eines Bauleitplanverfahrens geht die „nachvollziehende“ Abwägung nicht
mit Gestaltungsspielräumen der Baugenehmigungsbehörde einher
32
.
Welche Belange sich im Einzelfall durchsetzen, ist eine Frage ihres jeweiligen Gewichts und
der Abwägung mit dem Vorhaben, zu dem es konkret in Beziehung zu setzen ist
33
. Anknüp-
fungspunkt für die „nachvollziehende“ Abwägung ist das in § 34 Abs. 1 BauGB enthaltene
29
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 12, 14.
30
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 15.
31
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 26.
32
VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015, a.a.O. (Fußn. 19), Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch)
33
BVerwG, Urteil vom 19.07.2001 – 4 C 4/00 –, BVerwGE 115, 17-32, juris Rn. 18.

13
Rücksichtnahmegebot
34
. Dessen Zielrichtung ist, unter Vermeidung von Spannungen und
Störungen einander abträgliche Nutzungen in rücksichtsvoller Art und Weise zuzuordnen.
Die Anforderungen, die sich hierbei ergeben, hängen davon ab, was nach den Umständen
des jeweiligen Einzelfalles dem Rücksichtnahmebegünstigten und dem Rücksichtnahmever-
pflichteten zuzumuten ist
35
.
Die Dogmatik des Rücksichtnahmegebots bedarf im störfallrechtlichen Zusammenhang al-
lerdings insoweit einer Anpassung, als Art. 13 Abs. 2 der Seveso-III-Richtlinie verlangt, dass
der angemessene Abstand bei der Risikobewertung auch im Falle der bestehenden Vorbe-
lastung tatsächlich berücksichtigt wird. Daher sind die Belange, die an der Einhaltung des
störfallspezifisch angemessenen Abstandes bestehen, um durch die Einhaltung des störfall-
spezifisch angemessenen Abstandes Risiken für Dritte zu begrenzen, in die Abwägung ein-
zustellen
36
.
Gegeneinander abzuwägen sind somit in einer einzigen Abwägung die für die Ansiedlung
des Vorhabens sprechenden „sozioökonomischen Belange“ des Bauherrn, die Schutzwür-
digkeit des betroffenen Betriebs, die Intensität der Beeinträchtigung, das, was beiden Seiten
billigerweise zumutbar oder unzumutbar ist sowie der Schutzzweck der Seveso-III-Richtlinie.
Feste Regeln lassen sich dabei nicht aufstellen. Erforderlich ist eine Gesamtschau der von
dem Vorhaben ausgehenden Beeinträchtigungen
37
.
Zu beachten sind aber folgende Besonderheiten:
Die erstmalige Schaffung einer störfallrechtlichen Gemengelage (erstmalige Zulas-
sung einer schutzbedürftigen Nutzung innerhalb des angemessenen Sicherheitsab-
stands) ist im Regelfall unzulässig, weil ein angemessener Sicherheitsabstand, der
bisher eingehalten ist, auch „langfristig“ gewahrt bleiben muss
38
.
Eine bestehende Vorbelastung (= Existenz anderer schutzbedürftiger Nutzungen in-
nerhalb des angemessenen Sicherheitsabstands) darf nicht zur Rechtfertigung der
ausnahmsweisen Zulassung des neuen Vorhabens herangezogen werden. Die Vor-
belastung ist vielmehr Voraussetzung dafür, dass überhaupt der Wertungsspielraum
für das Regel-Ausnahmeverhältnis eröffnet wird
39
.
Ein Vorhaben, das den angemessenen Sicherheitsabstand unterschreitet, ist nur
ausnahmsweise zulässig. Das Bundesverwaltungsgericht statuiert somit ein Regel-
Ausnahmeverhältnis, wonach die Ablehnung eines Baugesuchs für ein schutzbedürf-
tiges Vorhaben innerhalb des angemessenen Sicherheitsabstands die Regel sein
soll. Es bedarf somit einer besonderen Rechtfertigung, wenn ein Vorhaben trotz Un-
terschreitens des angemessenen Sicherheitsabstands zugelassen werden soll.
Die Leistungsgrenzen des Rücksichtnahmegebots dürfen nicht überschritten wer-
den
40
.
Eine Unterschreitung des „störfalltechnisch“ ermittelten angemessenen Sicherheitsabstan-
des ist möglich, „wenn im Einzelfall hinreichend gewichtige Belange für die Zulassung des
Vorhabens streiten.
34
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 31.
35
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 32.
36
VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015, a.a.O. (Fußn. 19) Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch).
37
BVerwG, Beschluss vom 10.01.2013 - 4 B 48.12 -, BauR 2013, 934, VGH Kassel, Urteil vom
11.03.2015, a.a.O. (Fußn. 19), Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch).
38
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 34; VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015,
a.a.O. (Fußn. 19), Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch).
39
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 34.
40
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 35.

14
Zugunsten des Vorhabenträgers sind vor allem dessen individuelle, wohl meist wirtschaftli-
che Gründe in die Wertung einzubeziehen. Im Rahmen dieser Wertung ist zu berücksichti-
gen, dass der Bauherr grundsätzlich ein schützenswertes Interesse daran hat, sein Grundei-
gentum durch Errichtung eines Vorhabens sinnvoll zu nutzen
41
. Dieses Interesse wiegt umso
mehr, wenn sich die angestrebte Nutzung aufdrängt, etwa im Fall der Erweiterung einer be-
stehenden baulichen Anlage oder wenn alternative wirtschaftlich sinnvolle Nutzungsmöglich-
keiten ausscheiden
42
.
Das Vorhaben ist unzulässig, wenn die Interessen des Betreibers des Störfallbetriebs die
Interessen des Bauherrn überwiegen. Dabei wird das Hauptinteresse des Betreibers des
Störfallbetriebs regelmäßig darauf gerichtet sein, vor der Anordnung weiterer Schutzmaß-
nahmen verschont zu bleiben und nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, seine Betreiber-
pflichten nach § 5 BImSchG nicht einzuhalten. Eine Unterschreitung des angemessenen
Sicherheitsabstands dürfte daher nicht hinnehmbar sein, wenn eine neu hinzukommende
schutzbedürftige Nutzung dazu führt, dass es innerhalb eines Betriebsbereichs zusätzlicher
Schutzvorkehrungen und sonstiger Maßnahmen bedarf, weil das neu hinzukommende Vor-
haben im Hinblick auf die Auswirkungen eines Störfalls einen weitergehenden Schutzbedarf
als die bisherige Bebauung auslöst
43
.
44
Somit ist maßgeblich, ob die bislang von dem Betreiber des Störfallbetriebs nach § 3 Abs. 3
StörfallV für den Eintritt eines Dennoch-Störfalls zu treffenden auswirkungsbegrenzenden
Maßnahmen auch die Auswirkungen auf das neu hinzutretende Vorhaben abdecken. Nur
wenn dies nicht der Fall ist, kommen eine nachträgliche Anordnung nach § 17 BImSchG o-
der sogar ein – entschädigungspflichtiger - Widerruf der immissionsschutzrechtlichen Ge-
nehmigung nach § 21 BImSchG in Betracht
45
. Der Betreiber muss aber grundsätzlich unab-
hängig von der Zahl der Betroffenen alle Maßnahmen treffen, die zu ihrem Schutz erforder-
lich sind. Zusätzliche Betroffenheiten können allerdings, z. B. weil sie an anderer Stelle ein-
treten oder weil die bislang erforderlichen Schutzräume, Flucht- oder Rettungswege nicht
41
OVG Münster, Beschluss vom 21.02.2012, - 2 B 15/12 -, juris Rn. 30, 32.
42
Uechtritz, NVwZ 2013, 724, 725.
43
Vgl. OVG Münster, Beschluss v. 21.02.2012 – 2 B 15/12 –, juris Rn 30.
44
Ergänzender Hinweis der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) zu den
vorstehenden Absätzen:
Für das Bundesverwaltungsgericht bietet „das in § 34 Abs. 1 BauGB enthaltene Rücksichtnahme-
gebot […] eine geeignete Anknüpfung für die unionsrechtlich geforderte "nachvollziehende" Abwä-
gung“ (BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, Az. 4 C 11.11, Fußn. 2, Rn. 31), wobei das Gericht unter
Bezugnahme auf die Anforderungen aus Art. 12 der Seveso-II-Richtlinie ausdrücklich „eine richtli-
nienkonforme Auslegung des in § 34 Abs. 1 BauGB enthaltenen Rücksichtnahmegebots“
(BVerwG, wie vor, Rn. 28) fordert. Das Bundesverwaltungsgericht versteht „das Gebot gegenseiti-
ger Rücksichtnahme […] als wertungsoffenes Korrektiv (vgl. auch Berkemann, ZfBR 2010, 18
<30>:"planerisches Korrektiv"), das auch für störfallrechtlich vorgegebene Wertungen offensteht.
Es erlaubt die in Art. 12 Abs. 1 der Richtlinie 96/82/EG geforderte abwägende Gegenüberstellung
von störfallspezifischen und nicht störfallspezifischen, insbesondere "sozioökonomischen" Fakto-
ren, um auf dieser Grundlage entscheiden zu können, ob im Einzelfall ein Unterschreiten des ei-
gentlich erforderlichen "angemessenen" Abstands ausnahmsweise vertretbar ist“ (BVerwG, wie
vor, Rn. 33). Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass das Bundesverwaltungsgericht § 34 BauGB
über seine traditionelle Funktion hinaus für eine richtlinienkonforme Umsetzung von Art. 12 Se-
veso-II-Richtlinie öffnet und hierfür insbesondere störfallspezifische und nicht störfallspezifische,
insbesondere "sozioökonomischen" Faktoren als zulässiges Abwägungsmaterial mobilisiert.
45
Bei Betriebsbereichen mit ausschließlich immissionsschutzrechtlich nicht genehmigungsbedürfti-
gen Anlagen (z. B. weil ein Mengenschwellenwert in Anhang I der 12. BImSchV, der gewisserma-
ßen den Betriebsbereich geriert, kleiner ist als der zur Genehmigungspflicht führende Schwellen-
wert in der 4. BImSchV) sind §§ 24, 25 BImSchG Rechtsgrundlage für Anordnung und Untersa-
gung.

15
mehr ausreichen, auch zusätzliche Vorkehrungen zur Begrenzung der Auswirkungen eines
Störfalls erfordern
46
.
Hält ein Störfallbetrieb geltende Anforderungen nicht ein und bedarf es daher ohnehin einer
Nachrüstung, kann es, dem im Rücksichtnahmegebot angelegten Prinzip der Gegenseitigkeit
folgend, in Betracht kommen, dass auch eine weitere schutzbedürftige Nutzung realisiert
werden darf und bei dieser Nachrüstung berücksichtigt werden muss. Dabei wird man hier
aber fordern müssen, dass der Träger des Vorhabens, das an den Betriebsbereich heranrü-
cken soll, seine Obliegenheit zur Minderung der Gefahrensituation erfüllt hat
47
.
Ebenso kann es eine Rolle spielen, ob ein störfallrelevantes Vorhaben „sehenden Auges“ in
der Nachbarschaft etwa eines Wohngebietes angesiedelt wurde und daher der Betreiber von
vornherein damit rechnen musste, dass die schutzbedürftige Nutzung noch erweitert wird. In
einem solchen Fall ist nicht die neue schutzbedürftige Nutzung als „Störer“ einzuordnen,
sondern ein vorhandener Betrieb, wenn er die Aufnahme von nach § 34 BauGB an sich zu-
lässigen Nutzungen verhindert, obgleich in seinem Betrieb dann erforderliche Maßnahmen
ohne weiteres möglich sind
48
.
Unter Berücksichtigung des Schutzzweckes von Art. 13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie kann es
jedenfalls in „Bagatellfällen“ zulässig sein, bei der Entscheidung zu berücksichtigen, dass es
nur in geringem Umfang zu einer Risikoerhöhung kommt. In Betracht kommen z. B. folgende
Fälle, bei denen die Zahl der potentiell von einem Störfall Betroffenen sich nicht derart er-
höht, dass der Störfallbetrieb weiterreichende auswirkungsbegrenzende Maßnahmen ergrei-
fen müsste
49
:
Es ist bereits eine intensive schutzbedürftige Nutzung vorhanden (Wohngebiet mit
vielen Wohneinheiten), geplant ist die Ansiedlung eines kleineren öffentlich genutzten
Gebäudes mit begrenztem Publikumsverkehr
50
.
Das neue Vorhaben ist vorrangig auf Personen ausgerichtet, die sich auch sonst im
Risikobereich befinden (z. B. Einkaufsmöglichkeiten oder Einrichtungen der sozialen
Infrastruktur für die nähere Umgebung).
Das neue Vorhaben löst einen ähnlichen umfangreichen Besucherverkehr wie bereits
vorhandene Einrichtungen aus, wird aber zu anderen Zeiten genutzt.
Zu Gunsten des Bauherrn kann auch zu berücksichtigen sein, wenn er den Ersatz oder die
Änderung eines bestehenden Vorhabens beabsichtigt und sich dadurch das Gefahrenrisiko
verringert
51
.
4.2.3 Grenzen des Gebots der Rücksichtnahme
Das BVerwG hat ausgeführt, dass die Leistungsgrenzen des Rücksichtnahmegebots von
vornherein überschritten sind, wenn die nach Art. 12 Abs. 1 der Richtlinie 96/82/EG zu be-
rücksichtigenden „sozioökonomischen Faktoren“ den Rahmen der im Rücksichtnahmegebot
abgebildeten gegenseitigen Interessenbeziehung zwischen Rücksichtnahmebegünstigten
einerseits und Rücksichtnahmeverpflichteten andererseits verlassen. Dies liege insbesonde-
re vor, wenn nicht individuelle, sondern städtebauliche Gründe für die Ansiedlung des Vor-
46
OVG Münster, Beschluss vom 21.02.2012, - 2 B 15/12 -, juris Rn. 30, 32.
47
BVerwG, Urteil v. 23.09.1999 – 4 C 6.98 –, BVerwGE 109, 314, juris Rn. 30.
48
Reidt, BauR 2012, 1182, 1188, unter Verweis auf BVerwG, Urteil v. 23.09.1999 – 4 C 6.98 –, BauR
2000 234; VGH München, Beschluss v. 03.08.2001 – 1 B 99.2106 –, BauR 2002 435; OVG Müns-
ter, Urteil v. 01.06.2011 – 2 A 2058/09 –, UPR 2011 451.
49
Vgl. OVG Münster, Beschluss vom 21.02.2012, - 2 B 15/12 -, juris Rn. 33.
50
Uechtritz, NVwZ 2013, S. 725.
51
Vgl. OVG Münster, Beschluss vom 23.04.2013 – 2 B 141/13 –, BauR 2013, 1251, juris Rn. 18; vgl.
für die Bauleitplanung Grüner, UPR 2014, 161, 165.

16
habens sprechen bzw. städtebauliche Spannungen zu befürchten sind, die einer planeri-
schen Bewältigung bedürfen
52
.
Eine Berücksichtigung städtebaulicher Belange, die für das Bauvorhaben sprechen, als aus-
schlaggebendes Kriterium ist nicht möglich, da es bei dem Gebot der Rücksichtnahme um
eine gegenseitige Abwägung privater Interessen geht. Städtebauliche Gründe sind jedoch
öffentliche Belange und passen nicht in das bipolare Abwägungsprogramm des Rücksicht-
nahmegebots
53
. Soll ein Vorhaben aus öffentlichen Interessen, insbesondere städtebauli-
chen Gründen, zugelassen werden, kann dies nur auf der Grundlage eines Bebauungsplans
erfolgen, bei dessen Aufstellung die Anforderungen des Art. 13 Abs. 2 der Seveso-III-
Richtlinie im Rahmen des Abwägungsgebots planerisch zu bewältigen und vor allem auch zu
verantworten sind
54
. Eine herausgehobene Berücksichtigung städtebaulicher Belange ist bei
der Abwägung aber auch nicht erforderlich, da das Rücksichtnahmegebot ohnehin erst als
Kriterium einzubeziehen ist, wenn ein Vorhaben aus städtebaulicher Sicht grundsätzlich zu-
lässig ist. Daher kann sich der Bauherr zunächst darauf berufen, dass das Städtebaurecht
für die Zulässigkeit seines Vorhabens spricht.
Auch ökologische Gründe können als nicht individuelle Gründe nicht zugunsten der Ansied-
lung einer schutzbedürftigen Nutzung herangezogen werden.
Nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts sind die Leistungsgrenzen des Rücksichtnah-
megebots überschritten, wenn Alternativstandorte für die Verwirklichung des Vorhabens in
Frage stehen
55
. Dies kann sich nur danach beurteilen, ob dem Vorhabenträger zumutbare
Alternativen zur Verfügung stehen.
Die Leistungsgrenzen des Rücksichtnahmegebots sind zudem überschritten, wenn eine
rechtsfehlerfreie Konfliktbewältigung auf das Festsetzungsinstrumentarium der Bauleitpla-
nung angewiesen ist. Wenn ein Neuansiedlungsvorhaben nach den vorstehenden Ausfüh-
rungen einen Koordinierungsbedarf auslöst, dem nicht das Konditionalprogramm des Rechts
der Vorhabenzulassung, sondern nur eine förmliche Planung Rechnung zu tragen vermag,
ist die Baugenehmigung auf der Grundlage des § 34 Abs. 1 BauGB zu versagen
56
.
Ein qualifizierter (gesteigerter) Planungsbedarf besteht etwa, wenn die Genehmigungspraxis
auf der Grundlage von § 34 Abs. 1 und 2 BauGB städtebauliche Konflikte auslöst oder aus-
zulösen droht, die eine Gesamtkoordination der widerstreitenden öffentlichen und privaten
Belange in einem förmlichen Planungsverfahren dringend erfordern. Die Gemeinde muss
planerisch einschreiten, wenn ihre Einschätzung, die planersetzende Vorschrift des § 34
BauGB reiche zur Steuerung der städtebaulichen Ordnung und Entwicklung aus, eindeutig
nicht mehr vertretbar ist
57
.
Ein Anspruch auf Planung hat der Vorhabenträger nach § 1 Abs. 3 BauGB nicht.
4.3 Zulassung von Vorhaben im Geltungsbereich eines Bebau-
ungsplans (§ 30 BauGB)
4.3.1 Bebauungspläne in der Nachbarschaft von Betriebsbereichen
Das Abstandsgebot des Art. 13 Abs. 2 Seveso-III-Richtlinie ist auch bei der Zulässigkeit von
Vorhaben in überplanten Gebieten nach § 30 BauGB zu berücksichtigen, wenn es nicht be-
reits im Bebauungsplanverfahren berücksichtigt wurde.
52
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 35.
53
VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015, a.a.O., Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch).
54
VGH Kassel, Urteil vom 11.03.2015, a.a.O., Urteilsumdruck S. 31 (Mücksch).
55
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 4), Rn. 35.
56
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2), Rn. 35.
57
OVG Münster, Beschluss vom 21.02.2012, - 2 B 15/12 -, juris Rn. 17.

17
Bestehen Anhaltspunkte, dass ein Vorhaben innerhalb eines angemessenen Sicherheitsab-
stands verwirklicht werden soll, ist zu prüfen, ob dem Abstandsgebot bereits im Bebauungs-
plan Rechnung getragen wurde. Aus der Planbegründung sollte erkennbar sein, dass der
Plangeber sich im erforderlichen Umfang damit auseinandergesetzt hat, welche schutzbe-
dürftigen Gebiete nach § 50 Satz 1 BImSchG bezogen auf den Planungsfall und im Hinblick
auf die Zuordnung von Flächen unterschiedlicher Nutzung zu betrachten waren. Ist dies der
Fall, so ist für eine weitergehende „nachvollziehende Abwägung" (Kapitel 4.2.2) im Bauge-
nehmigungsverfahren kein Raum mehr, da in der planerischen Abwägungsentscheidung
nach § 1 Abs. 7 BauGB die Belange mit eingeflossen sind. Etwas anderes gilt dann, wenn
der Bebauungsplan die Konfliktbewältigung in das nachfolgende (Bau-) Genehmigungsver-
fahren verlagert hat.
4.3.2 Bebauungspläne, bei denen das Abstandsgebot nicht oder nicht ausrei-
chend berücksichtigt worden sind
a) Sofern der Bebauungsplan dem Abstandsgebot nicht ausreichend Rechnung trägt, muss
es im nachfolgenden Genehmigungsverfahren von der Bauaufsichtsbehörde berücksichtigt
werden.
Dies kann zum einen bei alten Bebauungsplänen auftreten, die vor der Umsetzung der Richt-
linie durch § 50 BImSchG am 27. Oktober 1998 bekannt gemacht worden sind. Zum anderen
kann dies aber auch neuere Bebauungspläne betreffen, bei denen neuere Entwicklungen
nach Inkrafttreten eingetreten sind oder wenn die Problematik im Bebauungsplan nicht ab-
schließend berücksichtigt wurde.
b) Die Seveso-II-Richtlinie wurde mit der am 27. Oktober 1998 in Kraft getretenen Änderung
des § 50 BImSchG umgesetzt. Seit diesem Zeitpunkt sind bei raumbedeutsamen Planungen
und Maßnahmen die für eine bestimmte Nutzung vorgesehenen Flächen einander so zuzu-
ordnen, dass schädliche Umwelteinwirkungen und von schweren Unfällen im Sinne des Art.
3 Nr. 5 der Richtlinie 96/82/EG in Betriebsbereichen hervorgerufene Auswirkungen auf die
ausschließlich oder überwiegend dem Wohnen dienenden Gebiete sowie auf sonstige
schutzbedürftige Gebiete soweit wie möglich vermieden werden.
c) Bebauungspläne, deren Abwägungsbeschluss vor dem 27. Oktober 1998 gefasst wurde,
sind mit der späteren Änderung des § 50 BImSchG nicht unwirksam geworden.
Nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts bietet das bauplanungsrechtliche Rück-
sichtnahmegebot eine geeignete Anknüpfung für die Behandlung der Seveso-Problematik
58
.
Es ist daher im Einzelfall zu prüfen, ob das Vorhaben nach § 15 BauNVO unzulässig ist, ob-
wohl es den Festsetzungen des Bebauungsplanes nicht widerspricht.
Eine Problemlösung über § 15 BauNVO ist nur möglich, soweit der Bebauungsplan eine
Frage bewusst oder unbewusst offen gelassen hat und eine Entscheidung im Rahmen des
bauaufsichtlichen Vollzugs nicht auf eine Korrektur der planerischen Entscheidung hinaus-
läuft, der Plan für eine Problemlösung also noch „offen“ ist.
Bei vorhabenbezogenen Bebauungsplänen dürfte für eine nachträgliche Problembewältigung
nach § 15 BauNVO regelmäßig kein Raum sein.
d) Wird auch im Ergebnis der nachvollziehenden Abwägung das Abstandsgebot nicht ge-
wahrt, ist das Vorhaben abzulehnen, auch wenn es im Übrigen den Festsetzungen des Be-
bauungsplanes nicht widerspricht. In diesen Fällen handelt es sich nicht um die Verwerfung
eines Bebauungsplanes als solchen oder die Erklärung seiner Unwirksamkeit, sondern es
handelt sich um eine Rechtsanwendung im Rahmen des auch über § 15 BauNVO vermittel-
ten baurechtlichen Rücksichtnahmegebots.
Den Gemeinden bleibt es unbenommen, eine Änderung der Bauleitplanung oder ein erneu-
tes Planaufstellungsverfahren bzw. ein Planaufhebungsverfahren vorzunehmen.
58
BVerwG, Urteil vom 20.12.2012, a.a.O. (Fußn. 2).

18
4.4 Zulassung von Vorhaben im Außenbereich (§ 35 BauGB)
Eine Zulassung eines Vorhabens im Außenbereich ist nur möglich, wenn bei privilegierten
Vorhaben öffentliche Belange nicht entgegenstehen (§ 35 Abs. 1 BauGB) bzw. bei sonstigen
Vorhaben nicht beeinträchtigt werden (§ 35 Abs. 2 BauGB). Eine Beeinträchtigung öffentli-
cher Belange liegt nach § 35 Abs. 3 Nr. 3 BauGB insbesondere vor, wenn das Vorhaben
schädliche Umwelteinwirkungen hervorrufen kann oder ihnen ausgesetzt wird. Schädliche
Umwelteinwirkungen sind gemäß § 3 Abs. 1 BImSchG Immissionen, die nach Art, Ausmaß
oder Dauer geeignet sind, Gefahren, erhebliche Nachteile oder erhebliche Belästigungen für
die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft herbeizuführen. Diese immissionsschutzrechtliche
Definition findet auch im Bauplanungsrecht Anwendung. Nach Auffassung des Bundesver-
waltungsgerichts finden die Grundsätze der Entscheidung vom 20. Dezember 2012 auch im
Rahmen des öffentlich-rechtlichen Belangs des § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 BauGB, der eine
besondere Ausprägung des nachbarlichen Gebots der Rücksichtnahme darstellt, entspre-
chende Anwendung
59
. Im Einzelnen wird auf die Ausführungen zur Zulassung eines Vorha-
bens nach § 34 BauGB verwiesen.
4.5 Bauaufsichtliches Verfahren
4.5.1 Baugenehmigungsverfahren (§§ 63, 64 MBO)
Bauliche Anlagen müssen den öffentlich-rechtlichen Vorschriften entsprechen. Dies gilt auch
dann, wenn eine bauaufsichtliche Prüfung entfällt (§ 59 Abs. 2 MBO). Ist die Durchführung
eines Baugenehmigungsverfahrens aufgrund des in der jeweiligen Landesbauordnung ge-
wählten Moduls der §§ 62 bis 64 MBO oder in der Genehmigungsfreistellung aufgrund des
Antrags der Gemeinde erforderlich, gehört die bauplanungsrechtliche Zulässigkeit der bean-
tragten Baumaßnahme sowohl im vereinfachten als auch im „normalen“ Baugenehmigungs-
verfahren zum Prüfumfang (zum materiellen Recht vgl. Kapitel 4.3).
4.5.2 Genehmigungsfreistellung (§ 62 MBO)
Nach dem von der Bauministerkonferenz beschlossenen Konzept zur Umsetzung der Se-
veso-III-Richtlinie in der Musterbauordnung ist die Genehmigungsfreistellung nicht anwend-
bar auf die Errichtung, Änderung oder Nutzungsänderung
1. eines oder mehrerer Gebäude, wenn dadurch dem Wohnen dienende Nutzungseinhei-
ten mit einer Größe von insgesamt mehr als 5 000 m
2
Brutto-Grundfläche geschaffen
werden, und
2. baulicher Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, wenn dadurch die gleichzeitige Nut-
zung durch mehr als 100 zusätzliche Besucher ermöglicht wird,
die innerhalb eines Achtungsabstands eines Betriebsbereichs liegen. Diese Herausnahme
aus dem Anwendungsbereich der Genehmigungsfreistellung gilt nicht, wenn die Immissions-
schutzbehörde bestätigt hat, dass sich das Vorhaben außerhalb des angemessenen Sicher-
heitsabstands des Betriebsbereichs befindet.
Bei der Genehmigung von Sonderbauten wie Krankenhäuser oder Schulen ist gesichert,
dass eine Prüfung des Bauplanungsrechts möglich ist, da für diese nicht das Genehmi-
gungsfreistellungs-, sondern das Genehmigungsverfahren anwendbar ist.
Damit ist insgesamt gewährleistet, dass bei allen Bauvorhaben, die als Schutzobjekt im Sin-
ne des Artikels 13 Abs. 2 der Seveso-III-Richtlinie zu behandeln sind, eine Prüfung der bau-
59
BVerwG, Beschluss vom 28.03.2013, Az. 4 B 15.12, BauR 2013, S. 1248, juris Rn. 5.

19
planungsrechtlichen Zulässigkeit erfolgt, die auch die Anforderungen der Seveso-III-
Richtlinie umfasst.
4.5.3 Verfahrensfreie Bauvorhaben nach § 61 MBO
Bei den verfahrensfreien Bauvorhaben handelt es sich nicht um Vorhaben, die im Sinne des
Art. 13 der Seveso-III-Richtlinie Ursache von schweren Unfällen sein oder das Risiko eines
schweren Unfalls vergrößern oder die Folgen eines solchen Unfalls verschlimmern können.
Eine Beurteilung dieser Bauvorhaben im Hinblick auf die Seveso-III-Problematik ist daher
unabhängig davon entbehrlich, ob sie im unbeplanten Innenbereich, im Außenbereich oder
in einem Bebauungsplangebiet ausgeführt werden sollen.
4.5.4 Öffentlichkeitsbeteiligung nach § 70 MBO
Art. 15 der Seveso-III-Richtlinie verlangt, dass die betroffene Öffentlichkeit frühzeitig Gele-
genheit erhält, sich zu einzelnen Bauvorhaben zu äußern. Ein Äußerungsrecht besteht nicht
nur vor der Genehmigung für Vorhaben, die Teil eines Betriebsbereichs sind, sondern auch
vor der Genehmigung von Schutzobjekten.
Art. 15 der Seveso-III-Richtlinie enthält Mindestanforderungen an die der Öffentlichkeit zur
Verfügung zu stellenden Informationen und die Möglichkeit, sich zu äußern. Die Konkretisie-
rung dieser Anforderungen für das bauaufsichtliche Verfahren erfolgt in § 70 MBO bzw. den
entsprechenden Regelungen der Landesbauordnungen.
4.5.5 Bekanntgabe der Baugenehmigung für Schutzobjekte
Nach Art. 15 Abs. 4 Seveso-III-Richtlinie ist die Öffentlichkeit über Inhalt und Gründe erteilter
Genehmigungen zu informieren. Auch diese Verpflichtung wird durch § 70 MBO umgesetzt.
Durch eine öffentliche Bekanntmachung der Baugenehmigung ist zwar auch der Inhaber des
Störfallbetriebs über die Erteilung einer Baugenehmigung für ein Schutzobjekt informiert.
Gleichwohl kann es im Hinblick auf baldige Rechtssicherheit ggf. sinnvoll sein, die Bauge-
nehmigung auch dem betreffenden Störfallbetrieb unmittelbar zuzustellen.

20
Anhang 1
Erläuterungen und Begriffserklärungen
Erläuterungen zur Störfall-Verordnung - 12. BImSchV (StörfallV)
Ziel der StörfallV ist es, den Schutz von Mensch und Umwelt vor den Folgen von Störfällen
bei überwiegend industriellen Tätigkeiten zu gewährleisten. Die aktuelle Fassung der Stör-
fallV setzt wesentliche Anforderungen der Seveso-III-Richtlinie in nationales Recht um.
Wie § 50 Satz 1 BImSchG gilt die StörfallV für Betriebsbereiche (§ 1 Abs. 1 StörfallV). Wäh-
rend § 50 Satz 1 BImSchG darauf abstellt, im Rahmen und mit den Mitteln der Raum- und
Flächenplanung gebietsbezogene Vorsorge zu treffen, um schutzbedürftige Gebiete auch
vor den Auswirkungen von schweren Unfällen so weit wie möglich zu schützen, fordert § 3
StörfallV von den Betreibern solcher Betriebsbereiche, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen,
um Störfälle von vornherein zu verhindern bzw. deren Auswirkungen auf den Menschen und
die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Dabei sind alle Gefahrenquellen zu betrachten,
die vernünftigerweise nicht auszuschließen sind (§ 3 Abs. 2 StörfallV)
60
.
Weitere Betreiberpflichten nach StörfallV sind bzw. können sein:
Erstellung eines Konzeptes zur Verhinderung von Störfällen,
Einführung eines Sicherheitsmanagementsystems,
Erstellung eines Sicherheitsberichtes,
Erstellung eines internen Alarm- und Gefahrenabwehrplan,
Information der Öffentlichkeit.
Darüber hinaus verpflichtet die StörfallV die zuständigen Behörden
zur Mitteilung der Ergebnisse ihrer Prüfung der Sicherheitsberichte gegenüber den
Betreibern,
zur Überprüfung eines Domino-Effektes zwischen Betriebsbereichen,
zur Einrichtung eines angemessenen Überwachungssystems für Betriebsbereiche,
mit Überwachungsplan und Überwachungsprogramm,
zur Berichterstattung an die Kommission der Europäischen Gemeinschaft über die
Meldung und Analyse von Ereignissen nach Anhang VI, Teil 1, Ziffer I.
Begriff „Dennoch-Störfall“
Für die Errichtung und den Betrieb von Anlagen in Betriebsbereichen, die der StörfallV unter-
liegen, sind bestimmte Gefahrenquellen zu betrachten. Der Verordnungsgeber unterscheidet
vernünftigerweise auszuschließende und vernünftigerweise nicht auszuschließende Gefah-
renquellen (§ 3 Abs. 2 StörfallV).
Vernünftigerweise nicht auszuschließende Gefahrenquellen können zu Störfällen führen, die
zu verhindern sind, indem Vorkehrungen nach § 3 Abs. 1 StörfallV werden müssen. Vernünf-
tigerweise auszuschließende Gefahrenquellen können zu sog. Dennoch-Störfällen führen,
deren Eintreten zwar nicht zu verhindern ist, gegen deren Auswirkungen jedoch unabhängig
von den störfallverhindernden Vorkehrungen nach § 3 Abs. 1 StörfallV störfallauswirkungs-
begrenzende Vorkehrungen zu treffen sind (§ 3 Abs. 3 StörfallV). Das Versagen von Vorkeh-
rungen nach § 3 Abs. 1 StörfallV stellt beispielsweise ebenso wie das zeitgleiche Wirksam-
60
Der neue § 3 Abs. 5 StörfallV stellt fest, dass die Wahrung angemessener Sicherheitsabstände
zwischen Betriebsbereich und benachbarten Schutzobjekten keine Betreiberpflicht darstellt.

21
werdens mehrerer voneinander unabhängiger Gefahrenquellen eine vernünftigerweise aus-
zuschließende Gefahrenquelle dar, die zu einem Dennoch-Störfall führen kann
61
“.
Begriff „Betriebsbereich“
Dieser Begriff ist in § 3 Abs. 5a BImSchG abschließend definiert. Danach ist ein Betriebsbe-
reich „der gesamte unter der Aufsicht eines Betreibers stehende Bereich, in dem gefährliche
Stoffe im Sinne des Artikels 3 Nummer 10 der Richtlinie 2012/18/EU des Europäischen Par-
laments und des Rates vom 4. Juli 2012 zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle
mit gefährlichen Stoffen, zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinie
96/82/EG des Rates (ABl. L 197 vom 24.7.2012, S. 1) in einer oder mehreren Anlagen ein-
schließlich gemeinsamer oder verbundener Infrastrukturen und Tätigkeiten auch bei Lage-
rung im Sinne des Artikels 3 Nummer 16 der Richtlinie in den in Artikel 3 Nummer 2 oder
Nummer 3 der Richtlinie bezeichneten Mengen tatsächlich vorhanden oder vorgesehen sind
oder vorhanden sein werden, soweit vernünftigerweise vorhersehbar ist, dass die genannten
gefährlichen Stoffe bei außer Kontrolle geratenen Prozessen an-fallen; ausgenommen sind
die in Artikel 2 Absatz 2 der Richtlinie 2012/18/EU angeführten Einrichtungen, Gefahren und
Tätigkeiten, es sei denn, es handelt sich um eine in Artikel 2 Absatz 2 Unterabsatz 2 der
Richtlinie 2012/18/EU genannte Einrichtung, Gefahr oder Tätigkeit“.
Die Errichtung und der Betrieb der zugeordneten Anlagen oder Tätigkeiten sowie deren we-
sentliche Änderungen bedürfen in der Regel einer Genehmigung nach dem BImSchG. Be-
triebsbereiche sind z. B. Industriestandorte mit Produktionsanlagen der Chemischen Indust-
rie sowie Lageranlagen, in denen gefährliche Stoffe oberhalb einer in der Seveso II-Richtlinie
festgelegten Mengenschwelle vorhanden sind oder vorhanden sein können.
Bestandteile eines Betriebsbereichs sind auch nach Immissionsschutzrecht nicht genehmi-
gungsbedürftige Anlagen
61
Vgl. Störfall-Kommission beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit,
Abschlussbericht Schadensbegrenzung bei Dennoch-Störfällen - Empfehlungen für Kriterien zur
Abgrenzung von Dennoch-Störfällen und für Vorkehrungen zur Begrenzung ihrer Auswirkungen,
Sfk-GS - 26
http://www.sfk-taa.de/publikationen/sfk/sfk_gs_26.pdf
, Kapitel 2, sowie die Arbeitshil-
fen des StMLU zum Vollzug der Störfall-Verordnung in Bayern, Stand 27.09.2000, S. 3 f,
https://www.stmuv.bayern.de/themen/luftreinhaltung/anlagensicherheit/doc/stoerfal.pdf
, beide zu-
letzt aufgerufen am 28. Februar 2016)

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22
Anhang 2
Schema Bauaufsichtliches Prüfverfahren