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Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e. V.
Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen
Jahrgang 10 / Nummer 1
Frühjahr 2020
VERTRIEBENE
UND SPÄTAUSSIEDLER
IN SACHSEN
Wiederaufgebaute
Kirchen an der Wolga
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Inhalt
Editorial
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Impressum
2
Titel
3
Wiederaufgebaute Kirchen an der Wolga
3
Nachrichten
5
Klausurtagung des Landesverbandes
5
Neues vom Landesvorstand
5
Vertriebene und Spätaussiedler im KV
5
Neuer Stiftungsvorstand
6
Neues aus Knappenrode
6
Fundstück
7
Bernsteinwege
7
Reportage
8
Herrnhuter Siedlungen: Neusalz
8
Vermischtes
10
Erinnerungen
11
Waldfriedhof am Lilienstein
11
Soldatengrab in Lasisk
12
Zum Schmunzeln
13
Ein Preuße in Niedersachsen
13
Wir gratulieren
13
Wir gedenken
15
Veranstaltungen
15
Reingelesen
16
Impressum
Herausgeber:
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler
im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V., Geschäftsstelle: Hein-
rich-Heine-Straße 6a, 02977 Hoyerswerda, Telefon: 03571/605187,
E-Mail: c.florian-lvs@outlook.de
Redaktion:
Dr. Lars-Arne Dannenberg, Tel.: 035795/16010
E-Mail: info@zkg-dd.de
Gesamtherstellung:
Zentrum für Kultur//Geschichte,
Dorfstraße 3, 01665 Käbschütztal OT Niederjahna
Diese Zeitschrift lebt von Ihrem Engagement. Artikel und Beiträge
senden Sie bitte an die Redaktion. Übernahme und Kürzung be-
halten wir uns vor, wir bitten um Ihr Verständnis. Es besteht kein
Anspruch auf Abdruck eingesandter Beiträge. Die Autoren tragen
die Verantwortung für die Bildrechte der Abbildungen ihrer Artikel.
Namentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht die Meinung des
Herausgebers bzw. der Redaktion wiedergeben.
Diese Maßnahme wird finanziert mit Steuermitteln auf Grundlage
des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen
Haushalts.
https://lsnq.de/JensBaumann
Liebe Heimatfreunde,
vor Ihnen liegt druckfrisch das neue Mitteilungsblatt unseres
Verbandes. Es erscheint im völlig neuen Gewand, denn der
mittlerweile 10. Jahrgang mit nunmehr schon Heft 27 ist auch
ein Neuanfang. Viele Jahre hat Mario Morgner die Zeitschrift
geprägt, ehe er seiner Krankheit erlegen ist (siehe Nachruf).
Auch er hatte bereits die Absicht, unsere Zeitung etwas fri-
scher und moderner zu gestalten. Dafür hatte er leider nicht
mehr die Kraft. Deswegen tun wir es jetzt – mit einem neuen
Layout, einem Titelthema für jede Ausgabe und neuen Rub-
riken. Insgesamt halten wir natürlich an Bewährtem fest, blei-
ben wir uns selbst treu. Wir sind froh, dass Dr. Lars-Arne Dan-
nenberg die Redaktion so kurzfristig übernommen hat. Er ist
mit unseren Themen bestens vertraut und verantwortete z. B.
bereits einige unserer Dauerausstellungen und leitet auch das
Gesamtprojekt der zukünftigen Ausstellung im außerschu-
lischen Bildungs- und Begegnungszentrum „Transferraum
Heimat“ im ehemaligen Empfangsgebäude der Energiefabrik
Knappenrode; außerdem tragen zahlreiche Publikationen
über Heimat und Vertreibung seine Handschrift. Wir hoffen,
die Zeitung gefällt Ihnen und Sie bleiben uns gewogen, vor
allem aber: halten Sie uns auf dem Laufenden! Bitte informie-
ren Sie uns über Ihre Aktivitäten und Veranstaltungen, ihre
Vorhaben und Jubiläen – es ist unsere Zeitschrift und unser
Schicksal, wir – Sie – müssen erzählen, initiieren, mitmachen.
Jemand anderes wird es nicht tun! Auf politische Unterstüt-
zung dürfen wir aber auch weiterhin zählen. Das beweist der
Koalitionsvertrag der neuen Staatsregierung (siehe Beitrag S.
5). Unser Handeln ist somit ein wichtiger Teil des gesellschaft-
lichen Lebens in unserem Freistaat. Dies ist für uns auch Ver-
antwortung für qualitätvolle und informative Veranstaltun-
gen. Die erste „Neuausgabe“ legt mit mehreren Beiträgen den
Fokus auch auf 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges, Ende
der Nazidiktatur - und zugleich die Vertreibung von Millio-
nen Deutschen aus ihren historischen Siedlungsgebieten in
Ostmittel- und Südosteuropa, die weiteres unsägliches Leid,
Entwurzelung und Orientierungslosigkeit mit sich brachte.
Daran zu erinnern und dies als Mahnung auch heute gegen
jegliche Art von Krieg und Vertreibung sowie die Anerken-
nung des Rechts auf Heimat zu verstehen, ist auch zukünftig
eine wichtige Aufgabe - genauso, wie wir die großartige Auf-
bauleistung und das Finden und Annehmen einer neuen Hei-
mat als beispielgebend herausstellen dürfen. Unsere Tagung
zu 75 Jahre Kriegsende im Mai musste leider aufgrund der
Corona-Krise entfallen, wir bereiten aber derzeit gemeinsam
mit dem Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in
Gleiwitz/Gliwice eine entsprechende Wanderausstellung vor,
so dass wir dann im Herbst dies öffentlich grenzüberschrei-
tend diskutieren können. Wir hoffen sehr, dass Sie und Ihre
Familien gesund und mit Optimismus über die uns schwer
treffende Corona-Krise hinweggekommen sind – und wir
so unsere gemeinsamen Projekte voller Kraft bald anpacken
können. Wir freuen uns auf ein baldiges gesundes Wiederse-
hen und auf das gemeinsame Miteinander!
Herzlichst, Ihr Frank Hirche, Landesvorsitzender,
und Ihr Dr. Jens Baumann, Beauftragter für
Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen
Editorial

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Die Autonome Sozialistische Republik der Wolgadeut-
schen wurde 1941 von Stalin aufgelöst, nachdem er die
Sowjetbürger deutscher Nationalität pauschal als Kolla-
borateure Nazideutschlands verunglimpfte und ihre Um-
siedlung nach Sibirien und Kasachstan anordnete. Den
Deportierten und ihren Nachfahren war die Rückkehr
verboten. Dennoch siedelten sich seit den 1980er Jahren
einige Russlanddeutsche wieder in der Wolgaregion an.
Die Mehrheit hatte freilich mit dem Kapitel Sowjetunion
abgeschlossen und ihre Ausreise in die Bundesrepublik
Deutschland beantragt. Auch nach 1990 hielt der Exodus
nach Deutschland an, so dass heute nur sehr wenige hun-
dert Personen sich zur deutschen Nationalität bekennen.
Nach der letzten statistischen Erhebung von 2010 lebten
im Kreis Marx 1.337 Deutsche, was einem Anteil von 2,1
Prozent entspricht. Marx ist auch die einzige Stadt des
Wolgagebiets, in der die Erinnerung an die russlanddeut-
sche Vergangenheit gepflegt wird. Vor der Vertreibung
1941 waren hier über neunzig Prozent der Einwohner
deutscher Nationalität.
Trotz dieser geringen Zahl ist die deutsche Minderheit er-
staunlich präsent. Dazu trägt auch die lutherische Dreifal-
tigkeitskirche bei (vgl. Titelbild). Sie ist das dominierende
Gebäude im Stadtzentrum von Marx, das 1767 als Ka-
tharinenstadt gegründet wurde, benannt nach der russi-
schen Zarin Katharina der Großen. Ihre Wiedererstehung
gleicht einem Wunder. Denn während der Atheismus-
Kampagne der 1930er Jahre, in der landesweit die Kirchen
geschlossen und Pfarrer verhaftet wurden, verloren auch
die Wolgadeutschen ihre Gotteshäuser. 1929 folgte auf die
Verhaftung des letzten Pastors wegen „antisowjetischer
Tätigkeit“ die Schließung der Kirche. Das Bauwerk dien-
te seit 1930 als Kulturhaus des Werks „Kommunist“. 1959
folgte die Abtragung des Glockenturms.
Jedoch konnte Anfang der 1990er Jahre die lutherische
Gemeinde wiedergegründet werden. Die kleine Gemein-
schaft übernahm das ruinöse Kulturhaus und hatte das
Glück, auf Viktor Schmidt zu treffen, einen russlanddeut-
schen Unternehmer, der sich bereit erklärte, den Wieder-
aufbau zu finanzieren. Auch die Familie Schmidt war 1941
nach Kasachstan deportiert worden. Viktor Schmidt baute
in den 1990er Jahren in Saratow das Unternehmen „Kron-
werk“ auf. Aus dem Rohstoffproduzenten für Sand, Ze-
ment und Kalk wurde die größte Wohnungsbaufirma des
Saratower Gebiets. 2014 begann der Wiederaufbau der
1840 im klassizistischen Stil errichteten Kirche. Der In-
nenraum wurde samt Altarwand nach historischen Fotos
rekonstruiert, während der Turm komplett neu errichtet
werden musste. Zwar fehlen noch Glocken, Orgel und das
Altarbild, aber Pastor Jakob Rüb, der selbst wolgadeutsche
Wurzeln hat und viele Jahre in Hessen lebte, nahm am 1.
Oktober 2019, im Beisein des Mäzens Viktor Schmidt und
seines Sohnes Alexander, die Kirche in einem festlichen
Gottesdienst in Gebrauch. Pfarrer Jakob Rüb, dessen Ge-
meinde nur 29 registrierte Mitglieder hat, hofft auf eine
Signalwirkung. Die Gottesdienste werden in russischer
Sprache gefeiert, enthalten aber einzelne deutsche Gebete
und Lieder.
Die evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche ist nicht
das einzige Bauwerk, das eine Wiederauferstehung erlebte.
In Sorkino, ehemals Zürich, eine halbe Stunde Autofahrt
von Marx entfernt, steht eine praktische, nagelneue Groß-
kirche im neogotischen Stil. Die Siedler in Zürich, ebenfalls
evangelisch-lutherischen Glaubens, hatten 1877 ein Got-
teshaus nach Entwürfen des Berliner Architekten Johann
Eduard Jakobsthal erbaut. Wie andernorts auch, endete
die kirchliche Nutzung Anfang der 1930er Jahre, als Glo-
cke und Kreuz entfernt wurden. Die Kirche diente als Lager
und Werkstatt. Nach einem Brand 1992 standen nur noch
die Außenwände. Als der russlanddeutsche Unternehmer
Karl Moor anbot, die Kirche wiederaufzubauen, glaubte
niemand, dass die überwachsene Ruine zu retten sei. Doch
Moor finanzierte im Gedenken an seinen gleichnamigen
Vater, der in Zürich geboren wurde, einen originalgetreu-
en Wiederaufbau, der 2015 abgeschlossen werden konnte.
Nach alten Bauplänen wurde sogar die Innenausstattung
Evangelisch-lutherische Kirche in Sorkino (Zürich)
Wiederaufgebaute Kirchen an der Wolga
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TITEL
© ZKG

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der Kirche samt Altar und Orgel rekonstruiert. Der Mäzen
finanzierte auch ein Gästehaus, das als Veranstaltungs- und
Kulturzentrum dient. Seit 2015 wird in Sorkino regelmäßig
zum evangelischen Gottesdienst und zu Kulturveranstal-
tungen eingeladen. Auch zahlreiche nichtdeutsche Bewoh-
ner des Wolgagebietes kommen nach Sorkino, um die neue
„Attraktion“, die gut beworben wird, zu besichtigen.
In Marx gab es heute auch eine römisch-katholische Kir-
che, am Ortseingang aus Richtung Saratow. Es handelt
sich freilich um einen Neubau. Die Christkönigskirche
wurde zwischen 1990 und 1993 vorwiegend mit finanziel-
ler Unterstützung aus Deutschland errichtet, als man nach
dem Ende der Sowjetunion an eine Rückkehr zahlreicher
Russlanddeutscher an die Wolga und die Wiedererrich-
tung einer Autonomen Republik der Russlanddeutschen
glaubte. Es war der erste katholische Kirchenneubau auf
dem Gebiet der früheren Sowjetunion nach der Okto-
berrevolution. Dazu gehören auch ein Gästehaus sowie
ein Kindergarten. Der Komplex wird von Pfarrer Bosco
Marschner betreut, der aus Schirgiswalde stammt. Auch
der Bischof seines Sprengels ist mit dem 1961 in Colditz
geborenen Clemens Pickel ein Sachse. Pickel kam 1990 in
die damalige Sowjetunion, wurde 1991 Pfarrer von Marx
und übernahm 1999 die Leitung der Apostolischen Ad-
ministratur für Südrussland, die 2002 zum Bistum St. Cle-
mens mit Sitz in Saratow erhoben wurde. Für die Gemein-
de, der nicht nur katholische Russlanddeutsche, sondern
auch Angehörige anderer Nationalitäten angehören, ist
die Kirche dennoch zu groß.
Weniger hoffnungsvoll ist es um die evangelisch-lutheri-
sche Kirche von Gnadentau bestellt. Schon von weitem
Werschnij Jeruslan (Gnadentau), Evangelisch-Lutherische Kirche
ist ihr steil aufragender Turm in der flachen Steppenland-
schaft zu erkennen, der auch die Holzhäuschen des Dor-
fes Werchnij Jeruslan überragt. Der 1898 im neogotischen
Stil errichtete rote Backsteinbau musste 1934 geschlossen
werden und diente fortan als Lagerraum. 1999 begann
man auf Initiative von Pastor Andrej Witaljewitsch Pau-
tow mit der Instandsetzung. Das Kirchenschiff erhielt ein
Blechdach, die Fenster wurden geschlossen und der Turm
notgesichert. Doch ist kein kirchliches Leben eingezogen,
scheinbar steht sie leer, und schon sind erste Anzeichen
von Vandalismus zu erkennen.
Dennoch sind die wiederaufgebauten Kirchen steinerne
Symbole für die Geschichte der Wolgadeutschen.
Dr. Matthias Donath, Dr. Lars-Arne Dannenberg
Römisch-katholische Christkönigskirche in Marx
Die Autoren mit Pfarrer Bosco Marschner vor der Katholischen Kirche in
Marx
© ZKG
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NACHRICHTEN
Besichtigung des Bildungs- und Begegnungszentrum Knappenrode
Neues vom Landesvorstand
Das vergangene Jahr konnten wir mit der harmonischen und
informativen Jahresabschlusstagung nebst dem Landesver-
bandstag auf Schloß Schweinsburg vom 6. bis 8. Dezember
2019 beenden. Über 30 Delegierte wählten einen veränderten
und verjüngten, trotzdem in der Sache wie auch dem Vorsit-
zenden verlässlichen Vorstand. Ich freue mich darüber, dass
Sie mich erneut als Ihren Landesvorsitzenden wählten und
damit mir Ihr Vertrauen in unsere vergangene wie auch zu-
künftige Arbeit aussprachen. Ich verspreche Ihnen, Sie und
unsere gemeinsamen berechtigten Anliegen weiterhin of-
fensiv zu vertreten und die bisherige gute politische Anbin-
dung zu wahren. Als meine Stellvertreter wurden Frau Liane
Labuhn, Herr Dr. Manfred Hellmund und Herr Alexander
Schulz gewählt, die Finanzen verwaltet Frau Vera Klass und
als Schriftführer entschieden Sie sich für Herrn Peter Wolf.
Ehrenvorsitzender wurde für seine langjährigen Verdienste
Herr Wolfgang Fiolka. Damit konnte sich der Vorstand deut-
lich verjüngen, auch finden sich die Spätaussiedler wieder,
und es wurden die Regionen berücksichtigt. Ich habe damit
ein schlagkräftiges und ideenreiches Team um mich, mit dem
ich gern zusammenarbeiten werde. Gleiches gilt auch für den
erweiterten Landesvorstand, in dem alle Landsmannschaften
wie auch der EuB vertreten sind.
Gelungen ist es uns mithilfe der Förderung durch das Innen-
ministerium, Frau Claudia Florian als Geschäftsführerin des
Landesverbandes fest einzustellen. Dies erleichtert uns viel
Arbeit bzw. macht neue Aufgaben überhaupt erst möglich.
Danken möchte ich an dieser Stelle unserem Landesbeauf-
tragten Dr. Jens Baumann, der während der Corona-Zeit alle
Projektanträge positiv beschieden hat, so dass Ihnen wie auch
dem Landesverband für dieses Jahr volle Planungssicherheit
gegeben ist. Ich bin mir sicher, dass wir unsere Projekte auch
in 2020 umsetzen können, wenn wir die Rahmenbedingun-
gen beachten. Um alle mitzunehmen und Ihre Anliegen auch
vor Ort besser abzusprechen, werden der Beauftragte, die
Geschäftsführerin und ich in der Zeit vom 6. bis 9. Juni alle
Verbände vor Ort besuchen. Frau Florian wird die Termine
entsprechend abstimmen.
Ihr Frank Hirche, Landesvorsitzender
Der erweiterte Landesvorstand
Die Klausurtagung zur Vorbereitung der Jahresabschlussver-
anstaltung fand vom 22. bis 24. November 2019 in Hoyers-
werda statt. Gegenstand unserer Beratungen waren vor allem
unser Großprojekt, die Einrichtung des außerschulischen
Bildungs- und Begegnungszentrums „Transferraum Heimat“
(BBZ) sowie die Neuausrichtung bzw. die künftige Zusam-
mensetzung des Vorstands. Nach den für uns alle unbefriedi-
genden Querelen um die Einrichtung des BBZ in einem Teil
des alten Bahnhofsgebäudes von Hoyerswerda konnten wir
zwischenzeitlich eine hervorragende Lösung mit dem frühe-
ren Empfangsgebäude der Energiefabrik Knappenrode fin-
den, wovon sich die Tagungsteilnehmer auch persönlich vor
Ort überzeugen konnten. Wir werden im Mitteilungsblatt
regelmäßig über die weitere Entwicklung berichten.
Dr. Jens Baumann
Klausurtagung des Landesverbandes
Vertriebene und Spätaussiedler im Koalitionsvertrag
Infolge der Landtagswahlen vom 1. September 2019 einigten
sich CDU, Bündnis 90/Die Grüne und SPD auf einen Koali-
tionsvertrag für die Jahre 2019 bis 2024. Im Kapitel „Migra-
tion und Integration“ wird auf die Belange der Vertriebenen
und Späzaussiedler eingegangen. Dort heißt es:
„Wir werden die Gruppe der Vertriebenen, Aussiedlerinnen

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NEUES AUS KNAPPENRODE
und Aussiedler und Spätaussiedlerinnen und -aussiedler
weiterhin unterstützen, ihre Kultur bewahren und die Ver-
wendung der deutschen Sprache befördern. Wir setzen den
Beirat für Vertriebenen-, Aussiedler- und Spätaussiedler-
fragen wieder ein. Flucht und Vertreibung, die ihre Ursache
in den Verbrechen des Nationalsozialismus haben, werden
wir stärker zum Gegenstand von Veranstaltungen machen
und durch außerschulische Projekte, wie zum Beispiel im
Rahmen von Schulfahrten zu Gedenkstätten, befördern.
Wir wollen die Erfahrungen und Leistungen sowie die Fä-
higkeit der Vertriebenen und Spätaussiedler als Brücken-
bauer zu den deutschen Minderheiten und den Regionen
in Ost-, Mittel- und Südosteuropa bewahren. Dem wer-
den wir durch eine außerschulische Bildungs- und Begeg-
nungsstätte ‚Transferraum Heimat‘ in Hoyerswerda Rech-
nung tragen. Die Entscheidung des Bundesrates, mit der
die Bundesregierung zur Prüfung der rentenrechtlichen
Situation der Spätaussiedlerinnen und -aussiedler und zur
Beseitigung von Benachteiligungen bei der Rentenberech-
nung aufgerufen wird, unterstützen wir weiterhin.“
Dr. Jens Baumann, Beauftragter für Vertriebene und
Spätaussiedler im Freistaat Sachsen
https://lsnq.de/JensBaumann
Nachdem es um den Standort unseres Bildungs- und
Begegnungszentrum (BBZ) „Transferraum Heimat“ – so
der derzeitige Projekttitel, der aber noch einer Diskus-
sion bedarf – eine längere Odyssee gegeben hat, haben
wir nun mit einem großzügigen Gebäude auf dem Ge-
lände der Energiefabrik Knappenrode einen sehr schönen
und zukunftsträchtigen Standort gefunden. Es handelt
sich um das frühere Empfangsgebäude. An dieser Stelle
werden wir künftig über die Fortschritte und Entwick-
lungen berichten. So war es zunächst notwendig, das auf
den Bahnhof Hoyerswerda zugeschnittene Konzept auf
die neuen Räumlichkeiten in Knappenrode anzupassen.
Dr. Lars-Arne Dannenberg hat das Konzept grundlegend
überarbeitet und auf die neue Liegenschaft adaptiert. Im
Moment bereiten wir mit einem Architekturbüro den Ein-
gangsbereich und den Einbau des Eisenbahnwaggons vor,
der schon von weitem auf unser BBZ aufmerksam machen
soll. Unterdessen haben wir uns mit einem Projektantrag
Außenansicht des BBZ Knappenrode
für das BBZ am Ideenwettbewerb zum Strukturwandel
Lausitz aus dem Mitmachfonds des Freistaates Sachsen
beteiligt. Jetzt heißt es abwarten und hoffen.
Amt von Frank Hirche, dem für seine jahrelange Arbeit
an der Spitze des Stiftungsrats und seinen leidenschaftli-
chen Einsatz, insbesondere auch im Sächsischen Landtag,
herzlich gedankt wurde. Zum Stellvertreter des Stiftungs-
ratsvorsitzenden wurde Gerald Otto MdL gewählt, der
versprach, den Staffelstab von Frank Hirche weiterzutra-
gen und sich ebenso für die Belange der Vertriebenen und
Spätaussiedler im Landtag einzusetzen.
Frank Hirche wurde hingegen zum Vorsitzenden des Stif-
tungsvorstands gewählt, um näher an der dringlichsten
Aufgabe der Stiftung, die Einrichtung des außerschulischen
Bildungs- und Begegnungszentrums in Knappenrode, zu
sein. Stellvertretender Vorsitzender ist nunmehr Dr. Man-
fred Hellmund. Das Amt der Schatzmeisterin bekleidet
Claudia Florian. Außerdem wurde Dr. Lars-Arne Dannen-
berg zum Kustos der Stiftungssammlungen ernannt.
Friedrich Zempel
Im vergangenen Winter gab es in den Vorständen der Or-
ganisationen der Vertriebenen und Spätaussiedler in Sach-
sen eine Reihe von Veränderungen. Auch die Gremien der
Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung
der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“ wurden auf der
Sitzung am 3. Februar 2020 neu gebildet. Der Stifter, der
Verein Erinnerung und Begegnung (EuB) e.V., bestellte in
Abstimmung mit dem Sächsischen Staatsministerium des
Innern die Mitglieder des Stiftungsrates neu. Es war zu be-
rücksichtigen, dass mindestens 40 Prozent der Berufenen
einer Gliederung des Landesverbands der Vertriebenen
und Spätaussiedler und des EuB angehören. Mindestens
ein Berufener muss Mitglied der Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland sein. Im Stiftungsrat sind außer-
dem das Sächsische Staatsministerium des Innern und die
Stadt Hoyerswerda mit je einem Mitglied vertreten.
Auf dieser Sitzung wurde Friedrich Zempel zum neuen
Vorsitzenden des Stiftungsrats gewählt. Er übernahm das
Neuer Stiftungsrat für Stiftung der Vertriebenen

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Aufruf an die Deutschen aus Russland und den übrigen
Nachfolgestaaten der Sowjetunion: Spenden Sie Aus-
stellungsstücke für unsere Erinnerungsstätte in Knap-
penrode/Hoyerswerda!
Für die Erinnerungs-, Begegnungs- und außerschulische
Bildungsstätte in Knappenrode suchen wir dringend Erin-
nerungsstücke der Deutschen aus Russland! Wir kennen
Ihre Geschichte. Wir wissen, dass Sie so gut wie keine Ge-
genstände aus den früheren Heimatgebieten an der Wolga
und den vielen anderen Siedlungsgebieten in der früheren
Sowjetunion nach Sachsen mitbringen konnten. Für uns
sind aber auch wichtig: Briefe und sonstige Dokumente,
Fotos, Bilder, Bücher und Kleidungsstücke, auch aus der
Zeit nach der Entlassung aus der Trudarmee, beispielswei-
se der Schriftverkehr über ihre Aussiedlung und natürlich
auch Gegenstände wie Geschirr und Haushaltsartikel.
Selbst ein paar Stricknadeln können ein interessantes Ex-
ponat sein, wenn diese mit einer Geschichte verbunden
sind. Wenn Sie sich nicht zutrauen, die Geschichten selbst
aufzuschreiben, helfen wir Ihnen gerne! Vor einigen Mo-
naten haben wir von einer Deutschen aus Georgien ein
Gesangbuch erworben. Die Eigentümerin hatte zunächst
Bedenken, es uns zu übereignen, weil es schon stark zer-
fleddert war. Aber gerade dieser Zustand war für uns wich-
tig; denn er ermöglichte uns, die Geschichte der Familie
seiner Eigentümerin zu erzählen. Mit einer druckfrischen
Ausgabe hätten wir das nicht tun können. Die Geschich-
te musste die Eigentümerin nicht selbst aufschreiben. Ich
habe sie interviewt.
Friedrich Zempel, Vorsitzender des Stiftungsvorstands
Es ist höchste Zeit!
Wir brauchen Ihre Erinnerungsstücke!
Bernsteinwege
Die Stiftung verfügt über eine umfangreiche Sammlung von
Exponaten und Erinnerungsstücken aus ehemaligen deutschen
Siedlungsgebieten in Osteuropa. Einige werden zur Zeit im Haus
der Heimat in Reichenbach/OL ausgestellt, andere befinden sich
in den Depots. An dieser Stelle werden künftig ausgewählte Stü-
cke und ihr Schicksal, das mitunter auch einen kuriosen Verlauf
nahm, in Wort und Bild vorgestellt.
Weil unsere Eltern Vertriebene waren, konnten sie uns
Kindern keine Reichtümer hinterlassen. Dennoch haben
wir von ihnen viele Schätze bekommen. Ein vor einigen
Tagen mit meinem Bruder geführtes Gespräch erinnerte
mich an unseren „Bernsteinschatz“, den ich dem Nach-
folger von Herrn Prof. Dr. Schirotzek, Herrn Dr. Dannen-
berg, übergeben werde.
Bei diesem „Schatz“ handelt es sich freilich nicht um alte
Familienerbstücke, denn meine Eltern sind erst nach dem
Krieg in seinen Besitz gekommen.
Nach dem Krieg unterstützen die Vertriebenen sich ge-
genseitig. Auch mein Vater bestellte und kaufte nach Mög-
lichkeit bei vertriebenen Handwerkern und Kaufleuten.
Dafür nahm er zu Fuß oder mit dem Fahrrad oft weite
Wege in Kauf. Zu unserem einarmigen Uhrmacher musste
er bspw. über 10 km fahren. Eines Tages brachte er von ei-
nem Besuch bei dem Uhrmacher mehrere Stücke Bernstein
mit. Sie waren offenbar früher Teil einer sehr großen und
schweren Halskette gewesen. Der Verlust der Heimat hatte
bei meinem Vater dazu geführt, dass er allem, was aus dem
Osten kam, einen besonders hohen Wert beimaß, denn von
dem Uhrmacher erfuhr mein Vater auch den erstaunlichen
Weg, den der Bernstein genommen hatte. Kurz nach dem
Krieg, als Lebensmittel knapp und das Geld nichts wert
war, hatte ein Bauer die Reparatur seiner Uhr mit eben
diesem Bernstein bezahlt. Der Bauer wiederum hatte den
Bernstein von einer Frau aus Westpreußen als „Währung“
für Milch bekommen. Sehr wahrscheinlich hat sie auch
die anderen Teile der Kette nach und nach gegen Lebens-
mittel eingetauscht. Den Weg zu dem Uhrmacher hatten
sie jedenfalls nicht gefunden. Wegen seiner Behinderung
hatte er die Einzelteile nicht zu neuen Schmuckstücken
verarbeitet, und nun also meinem Vater verkauft. So sind
die Stücke aus Westpreußen wieder in die Hände von Ver-
triebenen gelangt.
Friedrich Zempel
FUNDSTÜCK

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Die Herrnhuter Brüdergemeine gründete im Laufe des 18.
Jahrhunderts mehrere Siedlungen in Schlesien, von denen
vier bis Kriegsende 1945 existierten und eine besondere
Form deutschen Kultur- und Wirtschaftslebens entwickel-
ten. Die Autoren fragten, was es mit diesem spezifischen
Erbe deutscher Kultur auf sich hat und was davon eventuell
geblieben ist bzw. wie es um den Umgang mit diesem Erbe
heute in Polen bestellt ist. Teil 1 (Gnadenberg) erschien in
Jg. 8 (2018), Nr. 3, Teil 2 (Gnadenfrei) in Jg. 9 (2019), Nr. 1.
Teil 3: Neusalz
An das Stadtzentrum von Neusalz/Oder, heute Nowa Sól
in Polen, grenzt eine riesige Industriebrache. In den ver-
fallenen Backstein- und Betonbauten war einst eine Tex-
tilfabrik untergebracht. Der ehemals sozialistische Betrieb
musste vor einigen Jahren seine Produktion einstellen. Bis
1945 produzierte hier die Gruschwitz Textilwerke AG ein
breites Sortiment. Das Unternehmen war 1816 von Johann
David Gruschwitz gegründet worden. Der Sachse aus dem
Vogtland hatte eine Ausbildung im Leinwandhandel er-
halten und war 1801 in Gnadenfrei der Herrnhuter Brü-
dergemeine beigetreten. 1808 ging er nach Neusalz, wo er
die Weberei des Brüderhauses modernisierte und mit ei-
ner Zwirnmaschine ausstattete. 1816 machte er sich selb-
ständig. Die Zwirnfabrik entwickelte sich gut, so dass die
Fabrik nach der Jahrhundertwunde rund 3.500 Arbeiter
beschäftigte. Das Unternehmen, das 1906 in eine Aktien-
gesellschaft umgewandelt worden war, gehörte zwar nicht
der Brüdergemeine, war aber mit dieser eng verbunden.
Auch die Nachfahren des Fabrikgründers engagierten sich
in der Ortsgemeine Neusalz.
Die Geschichte dieses Textilbetriebes verweist beispielhaft
auf die Entwicklung von Neusalz, einer Stadt, in der die
Industrie vorherrschte und die dennoch von der Brüder-
gemeine geprägt war. Die Brüdergemeine war selbst Teil
des Wirtschaftsgefüges, das sich hier, im Norden Nieder-
schlesiens, herausgebildet hatte. Allerdings war der Ort
keine Gründung der Brüdergemeine. Die Mitglieder der
evangelischen Freikirche waren aus wirtschaftlichen Mo-
tiven an die Oder geholt worden.
Neusalz am Ufer der Oder geht auf ein 1563 von Kaiser
Ferdinand I. gegründetes Siedewerk zurück. In ihm wur-
de Meersalz, das auf der bis hierher schiffbaren Oder
ins Landesinnere gebracht wurde, zu Speisesalz verar-
beitet. Nach der preußischen Eroberung Schlesiens ver-
lieh König Friedrich II. von Preußen der Siedlung 1743
das Stadtrecht. Um diesen Ort zu fördern, schlug er den
Herrnhutern vor, sich hier anzusiedeln. Den Mitgliedern
der Brüdergemeine wurde ein Stadtviertel nahe dem Ha-
fenbecken des Oderhafens zugewiesen. Siegmund August
von Gersdorff, der Architekt der Brüdergemeine, unter-
teilte das Baugelände in zwei Parallelstraßen (die spätere
Gruschwitzstraße, heute ul. Muzealna, und die Breslauer
Straße, heute ul. Wrocławska) und verband diese durch
eine im Norden des Viertels verlaufende Querstraße
(Brüderstraße, heute Wróblewskiego). Im Mittelquartier
wurde eine Achse gebildet. Mit der Hauptfront zur Brü-
derstraße errichtete man den Kirchsaal, dahinter wurde
ein Garten angelegt, der in den 1745 angelegten Gottes-
acker mündete. Im Siebenjährigen Krieg plünderten rus-
sische Truppen Neusalz. Sie brannten das Herrnhuter
Viertel vollständig nieder. Erst nach Kriegsende kehrten
die Herrnhuter zurück. Das Viertel wurde unter Leitung
Gersdorffs wiedererrichtet, doch blieben die Parzellen an
der Gruschwitzstraße überwiegend unbebaut. Somit ist
der ursprüngliche Siedlungsplan nie vollendet worden.
Neusalz wuchs im 19. Jahrhundert zu einem Industrie-
zentrum Niederschlesiens. An dieser Entwicklung waren
Mitglieder der Brüdergemeine maßgeblich beteiligt. Von
Johann David Gruschwitz war bereits die Rede. Das Areal
der Gruschwitz Textilwerke AG befindet sich unmittel-
bar neben dem Herrnhuter Viertel. Die Nachfahren des
Unternehmensgründers lebten in der Gruschwitz-Villa in
der Gruschwitzstraße – nicht weit entfernt vom Betsaal
der Brüdergemeine.
Gruschwitz war kein Einzelfall. 1940 zählte man 19 Be-
triebe, die sich im Besitz der Brüdergemeine befanden
oder von brüderischen Unternehmern geleitet wurden.
Aus dem Laden der Brüdergemeine entwickelte sich un-
ter der Leitung des in Amsterdam geborenen Kaufmanns
Lüder Meyerotto das Handels- und Bankhaus Meyerotto
& Co. Bis 1945 bestanden drei Betriebsteile: ein Kolonial-
warenladen mit Kaffeerösterei, ein Dünger- und Futter-
mittelhandel und das Bankgeschäft. Die Brüdergemeine
REPORTAGE
Auf Spurensuche:
Herrnhuter Siedlungen in Schlesien
Ansicht des Herrnhuter Viertels in Neusalz um 1774
© ZKG

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unterhielt eine Leimfabrik (Gebr. Garve GmbH) und
betrieb Bäckerei, Tischlerei, Wäscherei und den Gast-
hof. Ein Zweiggeschäft von Abraham Dürninger & Co.
aus Herrnhut handelte mit Zigarren. Diese Unternehmen
sind alle 1945 untergegangen, als der Zweite Weltkrieg mit
dem Einmarsch der Roten Armee und der Angliederung
Schlesiens an die Volksrepublik Polen endete.
Die Bevölkerung von Neusalz wurde beim Herannahen
der Front im Januar 1945 evakuiert. Flüchtlingstransporte
brachten einen Teil der Einwohner, hauptsächlich Frau-
en und Kinder, in Richtung Westen. Einige kehrten nach
Kriegsende zurück. Seit Juni 1945 lag die Verwaltung in
den Händen polnischer Behörden, die in einer ersten
„wilden Vertreibung“ die deutschen Einwohner aus dem
Ort jagten. Es blieben nur diejenigen verschont, die ei-
nen Ausweis der sowjetischen Besatzungsmacht besaßen.
1946 erfolgte die Aussiedlung der verbliebenen deutschen
Bevölkerung durch Eisenbahntransporte, die in der bri-
tischen Besatzungszone endeten. Damit erlosch die Brü-
dergemeine in Neusalz.
Da es in Neusalz keine Kriegszerstörungen gab, sind die
Gebäude des Herrnhuter Viertels größtenteils erhalten
geblieben. Doch die Häuser haben eine neue Nutzung er-
halten. Der Kirchsaal wird als Sporthalle genutzt, das an-
schließende Gartenland ist heute ein Hinterhof. Der frü-
here Gottesacker ist Teil einer begrünten Platzfläche. Eine
Steintafel mit polnischer Inschrift weist darauf hin, dass
hier von 1744 bis 1945 Mitglieder der „Mährischen Brü-
der“ begraben worden sind. Im früheren Gasthaus der Brü-
dergemeine befindet sich immer noch eine Gaststätte. Das
Stadtmuseum in der Gruschwitz-Villa informiert auch über
die Brüdergemeine und die bedeutenden brüderischen Un-
ternehmen in Neusalz. Dieser bewusste Umgang mit der
Geschichte ist in Polen keineswegs selbstverständlich.
Nach einer langen Pause ist die Brüderunität wieder nach
Neusalz zurückgekehrt. Seit 2012 wohnt eine Missionars-
familie der Tschechischen Provinz der Brüderunität in der
Stadt. Bei der Auswahl dieses Missionsstandorts spielte
die Herrnhuter Vergangenheit die entscheidende Rolle.
Mehrmals konnte sich die Gemeinschaft, die als Stiftung
polnischen Rechts organisiert ist, im früheren Kirchen-
saal treffen und hier singen und beten. Im Alltag nutzt die
Missionarsfamilie ein kleines Häuschen am Stadtrand.
Die Gruschwitz Textilwerke AG gibt es immer noch – al-
lerdings nicht mehr in Neusalz. Sie ist eines der wenigen
Beispiele, dass ein Traditionsunternehmen sowohl die
Vertreibung als auch den Strukturwandel in der Textilin-
dustrie überlebte. Franz Alexander Doherr-Gruschwitz,
der 1945 alles verloren hatte, gründete den Betrieb neu
und baute 1950 im bayerischen Neu-Ulm zusammen mit
einigen früheren Mitarbeitern eine neue Zwirnprodukti-
on auf. Der Betrieb spezialisierte sich auf die Entwicklung
und Produktion technischer Zwirne, Garne und Nähfäden
– und ist heute auf diesem Geschäftsfeld eines der führen-
den Unternehmen Westeuropas. Die Tochtergesellschaft
Gruschwitz GmbH Tech-Twists forscht und produziert in
Leutkirch in Allgäu.
Dr. Matthias Donath und Dr. Lars-Arne Dannenberg
Ehemalige Siedlungshäuser in der Breslauer Straße
Ehemaliger Kirchensaal
Heutige Nutzung des Kirchensaales als Sporthalle
Gedenktafel am Standort des früheren Gottesackers
© ZKG
© ZKG
© ZKG
© ZKG

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VERMISCHTES
In diesem Jahr denken wir nicht nur an das Kriegsende
vor 75 Jahren, sondern auch daran, dass gleichzeitig die
Vertreibung der Deutschen aus ihren östlichen Heimat-
gebieten durch die Sowjetunion und ihre Marionetten-
regierungen begann. Wir sollten nicht vergessen, dass es
lange davor und lange danach in Mittel-und Osteuropa
viele weitere Unterdrückungs- und Vertreibungsmaß-
nahmen gegenüber den deutschen Minderheiten gab.
Wer mehr über dieses Thema wissen will, dem sei ein
Blick in die von Ira und Prof. Dr. Winfried Schirotzek
gesammelten, oft mühsam ergänzten Zeitzeugenberichte
empfohlen, die später von Mario Morgner digitalisiert,
ebenso mühsam verschlagwortet und dann ins Internet
gestellt wurden:
http://zeitzeugenberichte.vertriebene-in-Sachsen.de/
Das Zeitzeugenportal wird nach dem Tod seines Vaters Mario
Zeitzeugenberichte über die Vertreibung
Morgner von seinem Sohn Daniel betreut. Er erteilt auch die
Zugangsberechtigung, die Sie unter der oben genannten In-
ternetadresse beantragen können.
Die Befassung mit dem Leid der deutschen Vertriebenen und
Spätaussiedler darf uns nicht blind dafür machen, dass das
NS-Regime zuvor nie dagewesene Verbrechen an Deutschen
wie Nichtdeutschen begangen hat.
Wir sollten uns außerdem daran erinnern, dass auch Ange-
hörige anderer Nationen bereits im Laufe des Zweiten Welt-
krieges – und noch mehr danach – vertrieben wurden: Unter
anderem die Polen aus den polnischen Westgebieten durch
das NS-Regime und die Polen aus Ostpolen durch die UdSSR.
In Ungarn war der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbe-
völkerung noch deutlich höher als in Deutschland.
Friedrich Zempel, Vorsitzender des Stiftungsvorstands
Liebe Heimatfreunde,
seit 2016 vertrete ich die Vertriebenen und Spätaussied-
ler in der Versammlung der Landesmedienanstalt. Die
Landesmedienanstalt führt die Aufsicht über die privaten
Fernseh- und Rundfunkveranstalter in Sachsen – nicht
über die großen überregionalen Sender wie RTL etc. Fer-
ner ist sie für die Förderung der Verbreitungstechnologie
und bestimmte Projekte zuständig. Einen Einfluss auf die
Programminhalte können wir mit Rücksicht auf die Mei-
nungs- und Rundfunkfreiheit natürlich nicht nehmen.
Die Aufsicht bezieht sich daher nicht auf redaktionelle
Fragen, sondern auf die Einhaltung der für den Medien-
bereich geltenden Gesetze, beispielsweise auf die Pflicht
zur deutlichen Trennung von Werbung und Information
und den Jugendschutz. Trotz dieser begrenzten Aufgaben-
stellung wäre es für mich interessant zu wissen, in wel-
chem Umfang Sie Sendungen der privaten Fernsehe- und
Rundfunkveranstalter sehen oder hören, ob Sie als Verein
Pressemitteilungen an die Veranstalter versenden und ob
diese berücksichtigt werden.
Über Ihre Rückmeldung würde ich mich freuen.
Friedrich Zempel
Kastanienweg 11, 017 05 Pesterwitz
Vertriebene und
Spätaussiedler in den
Medien
Julia Herb näht
Mundschutz
Julia Herb bei der Arbeit an der Nähmaschine
Julia Herb ist auch von der verordneten Ausgangssperre
betroffen. Doch wollte die Vorsitzende der Ortsgruppe
Dresden nicht untätig bleiben. Also fragte sie, ob sie hel-
fen könne. Als man ihr sagte, dass dringend Mundschutze
gebraucht würden, suchte sie überall geeignete Stoffreste
zusammen, kramte ihre Nähmaschine hervor – und los
ging‘s! Auf diese Weise entstanden die originellen, sehr
farbenfrohen Mundschutze. Beinahe müsste sich Julia
Herb diese Kreation patentieren lassen…

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Es ist für uns ein fester Termin – im Mai besucht unsere
Sudetendeutsche Ortsgruppe Dresden den Waldfriedhof
am Lilienstein. Es ist eine Tradition für uns noch lebende
Sudetendeutsche, zu diesem Waldfriedhof zu fahren. Er
liegt am Fuße des Liliensteins und gehört zum Ort Wal-
tersdorf.
Der Friedhof wurde in die Liste der „Deutschen Kriegs-
gräberfürsorge“ aufgenommen. Auf diesem Waldfried-
hof am Lilienstein fanden über 146 Sudetendeutsche ihre
letzte Ruhestätte, die durch Flucht und Vertreibung hei-
matlos wurden und in der Fremde starben. Auf der Ge-
denktafel stehen Name, Geburts- und Sterbedatum, aber
auch, woher sie kamen.
In diesem Barackenlager fanden sie als Heimatlose eine
Unterkunft. Durch Schwäche und Krankheit zwischen
1945 und 1946 verstorben, ist es ihre letzte Ruhestätte.
Wir sind als Dresdner Ortsgruppe Kinder, die überlebt
haben. Seit einigen Jahren fahren wir zu diesem Gedenk-
ort, sprechen über das, was wir erlebt haben, und ehren
die Verstorbenen. Es ist für uns ein Moment der Erinne-
Waldfriedhof am Lilienstein (Waltersdorf )
„Und wir erinnern uns noch...“
rung – wir haben diesen Bruch in unserem Leben über-
lebt und sind dankbar dafür. Jedes Jahr pflanzen wir eine
Erinnerung, mal einen Rhododendron und dieses Jahr
eine Japanische Lavendelheide.
Ein großer Dank gilt der Nationalparkverwaltung Säch-
sische Schweiz und hier ganz besonders Herrn Tröber,
dem Revierleiter.
Die Gedenkstätte ist gepflegt, hat eine gut gestaltete Park-
anlage mit Informationstafeln zur Geschichte dieses Ortes
als Lager für Strafgefangene und Zwangsarbeiter im Zwei-
ten Weltkrieg, später als Unterkunft für die Flüchtlinge
1945/1946, als der Krieg zu Ende war. Diese nun heimat-
los Verstorbenen fanden hier ihre letzte Ruhestätte.
Wenn unsere Dresdner Ortsgruppe der Sudetendeut-
schen jedes Jahr diesen Waldfriedhof besucht, verbindet
uns eins: „Geboren im Sudetenland – aufgewachsen und
gelebt in Sachsen“ – unsere Wurzeln und unser Schicksal
verbinden uns.
Renate Hasert, Mai 2019
Gedenken auf dem Waldfriedhof am Lilienstein
ERINNERUNG

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Für den 16. September 2019 hatte unser Mitglied aus
Groß-Strehlitz/OS eine Zusammenkunft mit Zeitzeugen
zu einem Soldatengrab in Lasisk (Gemeinde Himmel-
witz) organisiert. So trafen wir uns mit diesen zu einem
Gespräch und zum Besuch des Grabes.
Karl Kozlik und Rosa Lamm erzählten von den Tagen um
den 20. Januar 1945. Es herrschte starker Frost, ca. minus
30 Grad, und es lag ca. 20 cm Schnee. Im Dorf wohnten
nur Kinder, Frauen und alte Leute. Die Männer befanden
sich alle im Krieg. Nach dem Russeneinfall fanden die
Jugendlichen aus dem Dorf fünf Leichen von deutschen
Soldaten im Wald, in Richtung Kolonowska. Sie waren
erschlagen worden, nicht erschossen. Ihre Gesichter wa-
ren schlimm zugerichtet, sie waren barfuß. Die Russen
hatten den jungen Soldaten die Stiefel und Strümpfe aus-
fassung und Kreuz wurde von Elisabeth Czetsch gespendet.
Auf diesem Grab steht jetzt irrtümlich der Satz „Hier ru-
hen in Gott drei deutsche Soldaten – Opfer des Krieges,
ermordet 1945 von der Roten Armee“. Es befinden sich
nach übereinstimmenden Zeugenaussagen fünf Soldaten
im Grab. Frau Lamm erzählte, dass man in den 1960er Jah-
ren die Soldaten bergen wollte. Es wurde jedoch nicht tief
genug gegraben, so wurden sie nicht gefunden. In der Zeit
der polnischen Kommunistenherrschaft war das Grab dem
Schuldirektor Habrat ein Dorn im Auge. Immer wieder äu-
ßerte er sich abfällig über die Deutschen und wollte von den
Kindern wissen, wer das Grab pflegte. Keines verriet es ihm.
Die deutsche Bevölkerung hielt zusammen. An einem Tag
war das Grab mit Unrat bedeckt, die Blumen ausgerissen.
Man vermutete den Schuldirektor hinter der Tat. Das Grab
wurde sofort wieder gesäubert und bepflanzt. Gepflegt hat
es all die Jahre Frau Rosa Lamm. Nach ihrer Ausreise nach
Deutschland übernahmen es andere Dorfbewohner, vor al-
lem aber Frau Czetsch.
Bei dem Zeitzeugengespräch war auch Frau Hedwig Giemza
dabei. Sie erzählte, dass sie und ihre Tante Gertrud Koston
auch die Leiche eines deutschen Soldaten fanden und be-
gruben. Bei einem Besuch des Priesters haben sie ihm davon
erzählt. Er hat sich das Grab angeschaut und daraufhin die
Familie des Toten benachrichtigt. Das war 1946. Er wurde
dann geborgen und überführt.
Die Dorfgemeinschaft hat auch einen fast erfrorenen deut-
schen Soldaten gerettet. Man versteckte ihn vor den Russen
im Speicher von Lasisk. Jeden Tag wurde er von einer ande-
ren Familie mit Essen, Trinken versorgt. Er brauchte lange
Zeit zur Erholung. Ihm gelang dann die Heimkehr, und er
bedankte sich nach dem Krieg bei den Dorfbewohnern.
In Absprache mit den Zeitzeugen wollen wir das Grab
dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge melden.
Als Ansprechpartnerin wird unsere Silvia Koziolek-Beier
fungieren. Der Volksbund wird sicher seine polnische
Partnerorganisation mit der Umbettung beauftragen. An-
schließend werden die sterblichen Überreste auf einem
großen Sammelfriedhof des Volksbundes in Polen bei-
gesetzt. Als Landsmannschaft Schlesien, Landesverband
Sachsen wollen wir die dann ehemalige Grablege erhal-
ten und mit einer aktuellen Gedenktafel und einer neu-
en Sitzbank ergänzen. Eine Inschrift könnte lauten: „Im
Gedenken an fünf unbekannte deutsche Soldaten, Opfer
des Krieges, ermordet von der Roten Armee, geborgen
und würdig bestattet von der Zivilbevölkerung in Lazisk,
die über viele Jahrzehnte ihre Ruhestätte liebevoll pflegte,
umgebettet am… auf die Kriegsgräberstätte in… Ruhet in
Gott.“ Eventuell könnte man eine kleine Plakette mit den
Sponsoren an der Rückseite anbringen. Vielleicht beteili-
gen sich Lazisk oder ein paar Privatpersonen aus dem Ort
an den Kosten; die Pflege des Denkmals könnten junge
Leute übernehmen. Das wird aber schon wieder eine an-
dere Geschichte.
Fr
iedemann
S
cholz,
S
eptember
2019
Ein unbekanntes Soldatengrab in Lasisk
gezogen und mitgenommen. Aus dem Dorf hatten die Rus-
sen auch fast alle Pferde kassiert. Es gab nur noch ein Pferd.
Mit ihm und einem Wagen wurden die Toten aus dem Wald
geborgen. Der damalige Ortsvorsteher Guzik war dabei und
sicherte die Papiere und Erkennungsmarken der Soldaten.
Papiere und Marken sind vermisst. Der Ortsvorsteher ver-
wahrte sie, seine Familie wusste nicht wo. Von den Polen
wurde er später eingesperrt, gefoltert und kurz vor dem Tod
entlassen. So blieb es ein Geheimnis, wo die Habseligkeiten
der Soldaten geblieben sind. Die Mutter von Rosa Lamm war
eine kluge Frau, wusste sehr viel und erzählte, dass ein Soldat
aus Hamburg, einer aus Köln sei… Bei milderen Tempera-
turen wurde von den alten Männern und den Jugendlichen
eine mindestens 2 Meter tiefe Grube gegraben. Das war we-
gen des sandigen Bodens nötig. Man musste in festen Boden
das Grab schachten. Vermutlich im März 1945 wurden die
Soldaten dann begraben. Der damals Jugendliche und heu-
te verstorbene Ewald Putzig sprang dabei noch einmal ins
Grab und zog den Soldaten Mützen auf die Gesichter, da sie
schlimm anzusehen waren und keiner es fertigbrachte, den
Soldaten die Erde auf die Gesichter zu werfen. Es war für alle
Beteiligten sehr traurig, dass die Soldaten nicht im Sarg be-
graben werden konnten. Das Grab wurde verschlossen und
anfänglich mit einem Holzkreuz gekennzeichnet, welches
die Brüder von Karl Kozlik besorgten. Die jetzige Grabein-
Rosa Lamm (geb. 1934), Hedwig Giemza (geb. 1931) und Karl Kozlik (geb.
1932) am Grab des unbekannten Soldaten (v.l.n.r.)

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ZUM SCHMUNZELN
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Ein Preuße in Niedersachsen
Nach dem Krieg hatte es den größten Teil meiner Fami-
lie nach Niedersachsen verschlagen. Die meisten waren,
wenn sie überlebt hatten, von Kriegsfolgen schwer getrof-
fen. Am einfachsten hatten es die jungen Erwachsenen.
Zu ihnen gehörte mein Lieblingsonkel Helmut. Doch
auch er musste sich erst an die unterschiedliche Mentalität
gewöhnen. Beispielsweise hieß dort ein gängiges Sprich-
wort „Tue Gutes und sprich darüber!“ Ein Satz, der in ei-
nem Preußen körperlichen Ekel erzeugt, vermutlich auch
in meinem Onkel, denn ich habe nicht nur seine Liebens-
würdigkeit, sondern auch seine preußische Bescheiden-
heit bewundert. Sie führte zu manchem Missverständnis.
Gegenüber den Zeiten wenige Jahre nach dem Krieg hat
sich heute vieles verändert, auch bei den Handwerker-
leistungen. Das Werkzeug war teuer und die Handwerker
billig. Daher überließen unsere Väter auch kleinere Repa-
raturen dem jeweils zuständigen Handwerker. Heute hat
jeder anständige Mann mehr Installationswerkzeug als
damals ein Installateur. Beim Bier diskutieren die Nach-
barn, wie die beste Heimwerkerausrüstung beschaffen
sein muss. Privilegiert sind Ofenbesitzer, die ihr Holz sel-
ber schlagen und spalten. Sie können ihren Partnerinnen
die Zustimmung zum Erwerb von Kreis-, Wipp-, Ketten-
und Baumsägen, hydraulischen Holzspaltern, Flaschen-
zügen und Autoanhängern abtrotzen.
In punkto Handwerkerleistungen war Onkel Helmut sei-
ner Zeit voraus. Selbstverständlich könnte sein Werkzeug-
kasten von damals nicht mit meiner Werkstatt von heute
verglichen werden, aber für die Nachkriegszeit verfügte
er über eine ungewöhnlich große Anzahl an Schrauben-
ziehern und Schraubenschlüssel, Zangen, zwei Hobel und
ein gutes Sortiment Schrauben. Alles war etwas abgenutzt,
auch das ist ein Unterschied zu meinen Akkuschraubern,
Bohrhämmern, Klebepistolen und vielen anderen Geräten.
Der Onkel wohnte in einem Mehrfamilienhaus und erle-
digte für seine Mitbewohner viele Arbeiten, für die nor-
malerweise ein Hausmeister zuständig ist. Diese manuelle
Tätigkeit war für ihn offenbar ein Ausgleich – denn Onkel
Helmut war Professor! Gegen Ende der Semester, wäh-
rend der Prüfungszeit, mussten freilich die Mitbewohner
auf seine Dienstleitungen verzichten. Dann korrigierte er
die schriftlichen Arbeiten seiner Studenten. Durch diese
saisonal bedingten Ausfälle hatten die Nachbarn mitbe-
kommen, welchen Beruf ihr „Haumeister honoris causa“
ausübte, denn auch damals schrieb ein Preuße seinen Titel
nicht auf das Klingelschild.
Nun ereignete es sich, dass der Inhaber einer Schlachte-
rei Ende Januar in das Haus einzog. Seine Wohnungstür
klemmte, und er erkundigte sich bei einem der Mitbewoh-
ner, wie man den Hausmeister erreichen könne. Dieser
entgegnete, dass es keinen Hausmeister gebe, aber Nach-
bar Schulte in Notfällen gerne helfen würde. Nur Ende Ja-
nuar und Anfang Februar sei dieser beruflich anderweitig
ausgelastet. Er solle einen Tischler kommen lassen.
Ein paar Tage später trafen sich die beiden Mitbewohner
wieder. Der ältere fragte den neuen Hausbewohner, ob er
inzwischen einen Tischler erreicht habe. Dieser entgeg-
nete, trotz aller Bedenken habe er Nachbarn Schulte um
Hilfe gebeten, die ihm auch gewährt worden sei. Der Alt-
bewohner äußerte seine Verwunderung. Darauf der Neu-
ling: „Ich kenne doch diese Leute, eine Flasche Bier und
fünf Mark und sie fressen einem aus der Hand!“
Friedrich Zempel
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Geboren am 25. September 1939 in Kirowka, einem
deutschen Dorf in Aserbaidschan, wurde Leontina mit
zwei Jahren, im November 1941, nach Nordkasachstan
zwangsumgesiedelt. Alles Hab und Gut der Familie be-
fand sich in zwei Koffern. Mehr durfte aus dem Haus nicht
mitgenommen werden. Leontina wuchs größtenteils ohne
Vater auf. Er wurde zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt,
weil er Pferdefutter an hungernde Menschen ausgegeben
hatte. Als der Vater zurückkam, war Leontina bereits 14
Jahre alt und sie erkannte ihn nicht mehr. Überhaupt war
es eine Kindheit in sehr ärmlichen Verhältnissen. Leon-
tina hatte keine Schuhe und nur Kleider mit Flicken. Sie
kam erst mit neun Jahren in die Schule und lernte dort die
russische Sprache. Zu Hause wurde nur Deutsch gespro-
Leontina Vollmer wurde 80 Jahre
WIR GRATULIEREN
chen. Im Jahr 1956 kehrte die Familie nach Aserbaidschan
zurück. Aber dort wollte sie keiner mehr. Deshalb zog die
Familie nach Georgien. Dort gab es Arbeit, und es konnte
endlich wieder ein Haus gebaut werden.
Als die ersten Verwandten nach Deutschland ausreisten,
stellte die Familie ebenfalls einen Ausreiseantrag. Dieser
wurde schon nach drei Monaten genehmigt, und so kam
Leontina Vollmer mit ihrer Familie im Januar 1977 nach
Dresden in die damalige DDR. Dort arbeitete sie viele Jah-
re in der Kantine im Kombinat Pentacon und war für ihre
Familie da.
Nach der Wende trat Leontina in die Landmannschaft der
Deutschen aus Russland e. V. (LmDR) ein. Dort leitete sie
lange Zeit einen Chor, der dann aus Altersgründen aufge-

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Leontina Vollmer
löst wurde. Jetzt singt sie seit vielen Jahren mit großer Lei-
denschaft im Chor „Silberklang“ der Ortgruppe Dresden.
Überhaupt ist Leontina – von allen liebevoll Tini genannt
– sehr aktiv in der Landsmannschaft. Sie hilft bei allen
Veranstaltungen und Chorauftritten. Immer wenn es nö-
tig ist, ist Tini zur Stelle. Seit vielen Jahren ist sie aktives
Mitglied im Vorstand der Ortsgruppe Dresden. Leontina
Vollmer zeichnet sich durch ihre große Hilfsbereitschaft,
Bescheidenheit und ihre Lebenslust aus. Trotz mancher
einschneidender Schicksalsschläge hat sie ihren Lebens-
mut und Humor nicht verloren. Dafür gebührt ihr Res-
pekt und vor allem ein großes Dankeschön.
Wir – die Mitglieder des Vorstandes der Ortsgruppe Dres-
den der LmDR e. V. und die Mitglieder des Chores „Sil-
berklang“ – gratulieren unserer Tini ganz herzlich zum
runden Geburtstagsjubiläum und wünschen ihr noch vie-
le Jahre Freude am Singen sowie beste Gesundheit!
Julia Herb, Vorsitzende der Ortsgruppe Dresden
Birgit Matthes, Migrationsberatung der LmDR e. V.
Lene Tschechlov wurde am 12. Dezember 1939 in Georgien
geboren. Als sie knapp zwei Jahre alt war – im November
1941 – wurde die Familie nach Nordkasachstan ausgesie-
delt. Nachdem sich alle auf einem Sammelplatz in Tiflis ein-
finden mussten, begann die Reise mit dem Schiff über das
Kaspische Meer. Dann ging es wochenlang in Viehwaggons
durch die Wüste – eine schlimme Zeit für die kleine Lene
und ihre Familie. Der Mutter gelang schließlich mit Lene
und ihren Geschwistern die Flucht in ein russisches Dorf.
Ab da ging es wieder ein bisschen aufwärts. Lene studierte
später Biologie und Chemie und arbeitete als Deutschlehre-
rin. Sie heiratete und zog 1968 mit ihrem Mann nach West-
georgien. Der Familie ging es gut. Alle hatten Arbeit. Die
sowjetische Ideologie prägte ihr Leben. Sie kannten nichts
Anderes und waren für den Sozialismus.
Immer mehr vermisste Lene jedoch die deutsche Spra-
che und vor allem die deutsche Kultur. Deshalb stellte
die Familie einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland.
Neun Jahre mussten sie warten, bis es endlich 1987 so weit
war: Mit dem Schiguli ging es in die damalige DDR, nach
Dresden, zur bereits ausgereisten Schwester. Bereits nach
vier Monaten erhielt Lene die Erlaubnis, an der TU Dres-
den zu arbeiten. Nach der politischen Wende wurde Lene
Russischlehrerin an der Dresdner Waldorfschule.
Über sich sagte Lene einmal: „Sprachen fallen mir nicht
schwer. Jede Sprache ist ein Stückchen Brot.“
Nun ist Lene Tschechlov 80 Jahre geworden – ein rundes
Geburtstagsjubiläum, zu dem wir ihr nachträglich ganz
herzlich gratulieren. Gleichzeitig sagen wir ihr „Danke-
schön“ für die unzähligen ehrenamtlichen Einsätze in der
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, für die
jahrelange Leitung unseres zweimal wöchentlich stattfin-
denden Senioren-Deutschkurses, für ihr Engagement und
Herzblut, ihre Einsatzbereitschaft und ihre Leidenschaft
für eine gute und schnelle Integration ihrer Landsleute.
Wir wünschen Lene Tschechlov noch viele Jahre Gesund-
heit, Schaffenskraft und persönlich alles Gute!
Julia Herb, Vorsitzende der Ortsgruppe Dresden
Birgit Matthes, Migrationsberatung der LmDR e. V.
Lene Tschechlov wurde 80 Jahre
Lene Tschechlov

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WIR GEDENKEN
wählen. Viele Delegierte waren zunächst skeptisch, weil
Mario Morgner bis dahin nicht auf der Landesebene aktiv
gewesen war. Aber da er die Empfehlung des Vorsitzenden
seines Kreisverbandes, Dr. Herbert Gall, mitbrachte, wur-
de er in den Landesvorstand gewählt.
Die Wahl von Mario Morgner in den Landesvorstand er-
wies sich als großer Glücksfall. In den folgenden Jahren
realisierte Mario eine Reihe von Projekten: Betreuung und
Ausbau der Wanderausstellungen, Organisation von Ver-
anstaltungen wie der Tag der Heimat, Treffen der Chöre,
Workshops, drei Schülerwettbewerbe einschließlich der
dazugehörigen Internetseite sowie die Erstellung eines
Kalenders, eines Malbuches und eines Memospiels, Mit-
arbeit an verschiedenen Publikationen, beispielsweise ei-
nem Buch über die Wiesenbaude.
Eine große Leistung vollbrachte Mario mit der Digitalisie-
rung und Verschlagwortung von über 200 Zeitzeugenbe-
richten über Flucht und Vertreibung. Mit einer sorgfältig
ausgewählten und angepassten Software schuf er für die
Berichte ein interaktives Online-Archiv, das eine große Re-
sonanz bei Wissenschaftlern und Journalisten findet.
Von besonderer Bedeutung für den Landesverband war die
Herausgabe und Redaktion der Verbandszeitung „Vertrie-
bene und Spätaussiedler in Sachsen“. Er leistete die gesamte
redaktionelle und gestalterische Arbeit sowie die Verteilung
und den Versand von 26 Ausgaben. Viele Artikel schrieb er
selbst. Das war der einfachere Teil der Arbeit. Schwieriger
war es sicherlich, die zugesandten Beiträge zu kürzen und
stilistisch zu überarbeiten. Man kann davon ausgehen, dass
jede Ausgabe 60-80 Arbeitsstunden erforderte.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles erwähnt habe, was er
für den Landesverband getan hat. Wenn ich etwas vergessen
habe, würde das aber der Wertschätzung dieser Dinge keinen
Abbruch tun. Mario Morgner war nicht nur fleißig, sorgfäl-
tig, umsichtig, fachlich qualifiziert und innovativ, sondern
vor allem ehrlich, freundlich zu jedermann, ausgeglichen,
verlässlich, hilfsbereit, großzügig und selbstlos. Ich bin mir
sicher, dass er für viele von uns einer der besten Freunde war.
Friedrich Zempel, Vorsitzender des Stiftungsrats
Mario Morgner verstorben
Wir haben einen guten Freund verloren
Am 13. September 2019 verstarb nach langer, schwerer
Krankheit unser Freund Mario Morgner, Mitglied im
Landesvorstand des Landesverbandes der Vertriebenen
und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lau-
sitz.
Mit unseren Gedanken sind wir bei seiner Familie, die wir
auch kennen lernen durften und die ihn bei seiner Ver-
bandsarbeit unterstützte.
Mario Morgner wurde am 20. Dezember 1966 geboren. Er
stammte aus keiner Familie von Vertriebenen oder Spätaus-
siedlern, aber er hatte sich intensiv mit den Heimatgebieten
der Vertriebenen und Spätaussiedler und deren Schicksal
befasst. Er hatte unter anderem ein Buch über das Bern-
steinzimmer sowie Artikel über die Heimatgebiete für die
allgemeine Presse geschrieben. Mehrere Hilfstransporte hat
er nach Rumänien organisiert und durchgeführt. Unsere
Heimatgebiete und das Schicksal der Deutschen aus Russ-
land waren für ihn keine weißen Blätter.
Ich lernte Mario Morgner bei der Gründung des Landes-
verbandes am 3. September 2011 kennen. Er war Dele-
gierter des BdV-Kreisverbandes Vogtland. Hubertus Un-
fried schlug vor, ihn als Vertreter des BdV-Kreisverbandes
Vogtland und für die Pressearbeit in den Vorstand zu
VERANSTALTUNGEN
Aufgrund der gegenwärtig unsicheren Situation durch
die Corona-Virus-Krise, die eine ordentliche Planung
und Organisation kaum zulässt, müssen wir unsere Ver-
anstaltungen auf die Zeit nach dem Sommerende verle-
gen und teilweise zusammenlegen. Bitte merken Sie sich
folgende Termine vor:
Chöretreffen und Gedenktag für die Opfer von
Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung am 13.
September in Reichenbach/Oberlausitz (alternativ in
Dresden oder Knappenrode)
Jahresabschlusstagung vom 6. bis 8. November 2020
in Hoyerswerda und Knappenrode

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REINGELESEN
Der Roman erzählt die Ereignisse zur Flüchtlingsproble-
matik des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive der
kindlichen Ich-Erzählerin Liselotte. Das Tagebuch setzt zu
Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Anfangs lebt die Familie
mit den Großeltern, die aus Neutomischel stammten, im
Posener Land, genauer in der Nähe von Brody, wo sie auf
dem Rittergut derer von Pflug arbeiteten. Hier werden ih-
nen neun Kinder geboren, Lieselottes Vater ist der Älteste.
Anschaulich wird der Alltag auf dem Land beschrieben,
die harte Arbeit der Bauern und Tagelöhner, nicht nur zur
Heuernte. Aber es gab auch schöne und lustige Momente,
so wird Lieselotte beinahe auf einer Heufuhre geboren.
Aber der Krieg macht vor diesem Idyll nicht Halt. Im Ge-
dicht „Das Dorf im Jahr 1945“ wird die Hoffnung genährt,
der Krieg möge enden und die Menschen wieder ihrer Ar-
beit nachgehen. Doch es
sollte anders kommen.
Eindringlich wird die
Flucht der Mutter 1945
aus Posen mit zwei klei-
nen Kindern beschrie-
ben, der beschwerli-
che Übergang über die
Oder sowie die Gefan-
genschaft des Vaters
in einem sowjetischen
Kriegsgefangenenlager
in Sibirien. Als Liese-
lottes Vater schließlich
heimkehrt, erkennt sie
ihn kaum wider.
Auf der Grundlage der von Dr. Lars-Arne Dannenberg
und Dr. Matthias Donath im Auftrag des Vereins Erinne-
rung und Begegnung e.V. (EuB) konzipierten Ausstellung
„Nation und Minderheit in Europa im 19. und 20. Jahrhun-
dert“ wurde nunmehr vom EuB eine gleichlautende Bro-
schüre herausgegeben, der zum einen die Tafelausstellung
in eine ansprechende Buchform überführt, ergänzt um Bei-
träge von Dr. Jens Baumann, Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll
und Falk Drechsel. Ausstellung und Publikation nehmen
die Nationenwerdung bei gleichzeitiger Wahrnehmung von
Minderheiten in den Blick. Im Fokus stehen die ehemali-
gen deutschen Siedlungsgebiete in Ostmittel- und Südost-
europa bzw. die Minderheiten und die Minderheitenpolitik
im heutigen Deutschland. Dabei wird der Bogen vom 19.
Jahrhundert und gele-
gentlichen Rückblicken
in die frühe Neuzeit bis
in die Gegenwart und
die Minderheitenpolitik
auf europäischer Ebene
gespannt. Die kompak-
te und zugleich höchst
informative Broschüre
kann gegen eine Schutz-
gebühr (bei Erhalt einer
Spendenquittung) über
die Geschäftsstelle des
Landesverbands bezo-
gen werden.
Lieselotte Maria Schattenberg: Tochter des Schmieds.
Tagebuchroman, Verlag neobooks, 2017, ISBN 978-
3-7427-7385-2, 269 Seiten, 16,99 €
Lars-Arne Dannenberg, Matthias Donath: Do
hoan uns die Polen nausgetriebm. Vertreibung,
Ankunft und Neuanfang im Kreis Zittau 1945-
1950, Via Regia Verlag Königsbrück, 2020, ISBN
978-3-944104-34-8, 268 Seiten mit zahlreichen
Abbildungen, 25,00 €
Erlebnissen befragt, Er-
innerungsberichte stu-
diert und in Archiven
die amtlichen Doku-
mente ausgewertet, wo-
bei auch die polnische
Neubesiedlung des Zit-
tauer Zipfels nach 1945
in den Blick genommen
wurde. Durch zahlreiche
Einschübe von Origi-
nalzitaten ist ein höchst
authentischen Bild von
den Ereignissen von
Vertreibung und Neu-
anfang beiderseits der
Neiße entstanden.
Nation und Minderheit in Europa im 19. und
20. Jahrhundert, Verein Erinnerung und Begeg-
nung e.V., 2020, 68 Seiten mit zahlreichen Abbil-
dungen und Karten, zu bestellen beim Verein Er-
innerung und Begegnung e. V., Kastanienweg 11,
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Der 22. Juni 1945 hat sich tief in das Gedächtnis der Be-
wohner des östlich der Lausitzer Neiße gelegenen sog.
Zittauer Zipfels eingebrannt. In den Vormittagsstunden
jenes Sommertages erhielten sie von polnischen Soldaten
den Befehl, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen und
sich an bestimmten Treffpunkten zu sammeln. Sodann
wurden sie in langen Marschkolonnen über die Neiße
getrieben und ihrem Schicksal überlassen. Die meisten
sollten nie wieder zurückkehren. In der DDR durften die
vertriebenen Sachsen nicht über ihr Schicksal sprechen.
Die Autoren haben Zeitzeugen und Betroffene nach ihren