image
1
___________________________
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz e. V.
Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen
Jahrgang 10 / Nummer 2
Herbst / Winter 2020
VERTRIEBENE
UND SPÄTAUSSIEDLER
IN SACHSEN
Besuch in
Katharinenfeld/Bolnisi,
Georgien
28

image
2
___________________________
Inhalt
Editorial
2
Titel
3
Zu Besuch in Katharinenfeld/Bolnisi
3
Nachrichten
5
Bericht durch den Landesvorsitzenden
5
70 Jahre Charta der Heimatvertriebenen
6
Stifterversammlung
7
Die „Liegnitzer Sammlung“
8
Vorstandssitzung Gruppe Ostpreußen
8
Sächsischer Gedenktag
9
Preisverleihung Sächsischer Mitmach-Fonds 9
30 Jahre LmDR in Sachsen
10
30 Jahre LM Ost- und Westpreußen
12
30 Jahre BdV Vogtland
12
Neues aus Knappenrode
13
Fundstück
14
Odyssee eines Pferdegeschirrs
14
Reportage
15
Herrnhuter in Schlesien: Gnadenfeld
15
Vermischtes
17
Sibyllenort
17
Schömberger Würstchen
18
Schlesischer Nachmittag in Wehlen
19
Weihnachten in Sibirien
20
Nachgefragt
20
Dora Thielemann aus Niederjahna
20
Erinnerung
21
Arbeitseinsatz auf dem Friedhof Giersdorf
21
Gedenkstein in Hinterhermsdorf enthüllt
21
Waldfriedhof am Lilienstein
22
Denkmal in Lohsa enthüllt
23
Friedhof in Nieder-Schreiberhau
23
Zum Schmunzeln
24
Brauereien in Stettin
25
Wir gratulieren
27
Wir gedenken
28
Veranstaltungen
29
Reingelesen
30
Impressum
32
Liebe Heimatfreunde,
wir freuen uns, Ihnen rechtzeitig vor Weihnachten und
zum Ende eines sicher denkwürdigen Jahres die zweite
Ausgabe unserer Verbandszeitschrift im Jahr 2020 vorle-
gen zu können. Trotz aller coronabedingten Erschwernis-
se konnten wir, die Vertriebenen und Spätaussiedler im
Freistaat Sachsen, unsere Arbeit erfolgreich und sichtbar
fortsetzen. Wir haben z. B. beim 7. Sächsischen Gedenktag
für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsied-
lung in Hoyerswerda viele schöne Momente miteinander
erlebt. Die Begeisterung der Besucher unserer außerschu-
lischen Bildungs- und Begegnungsstätte „Transferraum
Heimat“ in Knappenrode spornt für die vorliegenden Ar-
beiten bis zur Eröffnung im Herbst 2021 an.
Erstmals konnten wir den ZukunftErbe-Preis verleihen:
Freya Klier und Dr. Józef Zaprucki sind würdige und über
die Grenzen Sachsens hinaus bekannte Preisträger, die po-
sitive Aufmerksamkeit auf unseren Verband lenken. Beim
Sächsischen Mitmach-Fonds konnten wir erfolgreich ein
Projekt einwerben, das gleichfalls auf unsere Interessen
aufmerksam macht. Darüber berichten wir in der Zei-
tung, an deren klare, moderne Struktur Sie sich sicherlich
schon gewöhnt haben.
Auch dieses Mal hält unsere Verbandszeitung eine bunte
Mischung von Berichten zu Aktivitäten in den Kreisver-
bänden und Landsmannschaften bereit, erinnert wird an
die vor 70 Jahren erlassene Charta der Vertriebenen, aber
auch „Zum Schmunzeln“ ist etwas dabei sowie die neue
Rubrik „Nachgefragt“.
Wenn die Zeitung vor Ihnen liegt, werden Sie auch schon
unser Buch „Lieder der Deutschen aus dem östlichen
Europa“ in der Hand gehalten haben – das Team um Dr.
Manfred Hellmund, Peter Wolf, Dr. Lars-Arne Dannen-
berg und Dr. Matthias Donath hat eine wundervolle Ar-
beit geleistet, für die wir uns im Namen des Verbandes
und der Stiftung ganz herzlich bedanken.
Auch Sie, die Mitglieder vor Ort, haben trotz Verschiebung
von Veranstaltungen unsere Fahne hochgehalten, manches
absagen müssen, dafür den Kontakt untereinander intensi-
viert und dann mit noch mehr Energie durchgeführt. Das
alles macht einen lebendigen Verband aus, der mit seiner
guten Arbeit, seinem anerkannten Engagement gestärkt
nach vorn blickt und somit bei den Haushaltsverhandlun-
gen die Staatsregierung an ihre Versprechen im Koalitions-
vertrag erinnern kann. Mit dem vertriebenenpolitischen
Sprecher der CDU-Landtagsabgeordneten, Ronald Pohle
aus Leipzig, steht uns ein tatkräftiger Partner zur Seite. Wir
sind stolz, als Verbandsvorsitzender bzw. als Beauftragter
für Sie, für unsere Anliegen tätig zu sein. Bleiben Sie ge-
sund, bleiben Sie engagiert, nutzen Sie die vor uns liegende
Zeit für Erholung und Entspannung mit der Familie, und
blicken wir auf eine ertragreiche Vereinsarbeit in 2021.
Herzlichst, Ihr Frank Hirche, Landesverbandsvorsitzender,
und Ihr Dr. Jens Baumann, Beauftragter für
Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen
Editorial

image
3
___________________________
___________________________
Im Jahr 2015 erfuhr das georgische Städtchen Bolnisi uner-
wartet Aufmerksamkeit von Teilen der deutschen Industrie
und der Denkmalpflege, als die georgische Regierung den
Ort ausgewählt hatte, um ihn denkmalgerecht sanieren zu
lassen. Bei dem ca. 120 Kilometer südwestlich der Haupt-
stadt Tiflis (T’bilisi) gelegenen Ort im südlichen Kaukasus
handelt es sich ursprünglich um das 1820 von deutschen
Siedlern gegründete Dorf Katharinenfeld, in dem auch eini-
ge heute in Sachsen beheimatete Spätaussiedlerfamilien ihre
Wurzeln haben. Von georgischer Seite versprach man sich
aufgrund dieser Vergangenheit Hilfe aus Deutschland. Eine
Stiftung der deutschen Industrie wollte deutsches Kulturer-
be erhalten und dies in Form einer beruflichen Ausbildung
mit den heute hier lebenden Menschen umsetzen. Obgleich
eine interessante Idee, ist dieses Projekt über die Planungs-
phase nicht hinausgekommen.
Der Ort ist nicht etwa nach der russischen Zarin Kathari-
na II. benannt, sondern nach der früheren Landesmutter der
ersten, aus Württemberg stammenden Siedler, der Groß-
fürstin Katharina Pawlowna Romanowa (1788–1819). Die
Schwester des russischen Zaren Alexander I. (1777–1825)
hatte in zweiter Ehe den württembergischen Kronprinzen
und späteren König Wilhelm I. (1781–1864) geheiratet.
Angesichts der Thronbesteigung seines Schwagers weilte
Alexander im Oktober 1816 in Stuttgart und warb deutsche
Kolonisten zur Besiedlung der in den Russisch-Türkischen
Kriegen eroberten Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres
an. Der Zar versprach den Siedlern Religionsfreiheit, sie
durften weiter ihre deutsche Muttersprache sprechen, au-
ßerdem erhielt jeder Neusiedler freies Land, das die ersten
Jahre von Steuern und Abgaben befreit sein sollte. Auch soll-
ten die Söhne nicht zum Dienst in die russische Armee ge-
presst werden. Die Einladung stieß auf offene Ohren, wenn-
gleich die Auswanderungsmotive unterschiedlicher Natur
waren. Zum einen hatten pietistische und mennonitische
Strömungen im 18. Jahrhundert in Württemberg und Ba-
den zahlreiche Anhänger gefunden, die sich nicht der evan-
gelischen Landeskirche Württembergs unterstellen wollten.
Zum anderen hatte Württemberg unter den Plünderungen
und Zerstörungen der napoleonischen Fremdherrschaft
sowie den Hungersnöten sehr zu leiden. Schon 1803 wurde
eine größere Gruppe auf dem Seeweg nach Odessa gebracht,
die von dort im nördlichen Schwarzmeergebiet Siedlungen
gründete. Im Siebten Russisch-Türkischen Krieg 1806-1812
eroberte Russland weitere Gebiete im südlichen Kaukasus,
im heutigen Georgien, in denen sich auch alsbald deutsche
Kolonisten niederließen. Am 10. Mai 1817 brachen ca. 1.500
Familien mit insgesamt etwa 9.000 Personen aus dem süd-
deutschen Raum, vor allem aus Schwaben und dem Elsass,
auf. Ziel der Neuankömmlinge war eigentlich der Berg Ara-
rat, wo sie nach ihrer Vorstellung gemäß der Bibel das „ver-
heißene Land“ finden würden. Dort kamen nur etwa 500
Familien an, die anderen blieben in den Weiten nördlich
des Schwarzen Meeres. 1817 waren abermals 135 Familien
aus Württemberg, vor allem aus Backnang und Umgebung,
nach Russland aufgebrochen, dieses Mal östlich des Schwar-
zen Meeres in den südlichen Kaukasus. Sie gehörten zu den
sog. Schwarzmeerdeutschen, deren Gesamtzahl um 1900
auf etwa 270.000 angewachsen war. Bei der Anwerbung der
Kolonisten achtete die russische Regierung besonders auf
landwirtschaftliche Kenntnisse. Die Neusiedler lebten als
Bauern und Handwerker in eigenen Dörfern. 1817 wurden
die ersten Mutterkolonien Alexanderdorf, Tiflis, Elisabethtal
und Marienfeld gegründet wurden, 1818 kamen Annenfeld,
Helenendorf und Katharinenfeld und 1819 Petersdorf hinzu.
Der erste Siedlungsversuch von Katharinenfeld in der geor-
gischen Steppe war allerdings gescheitert. Die Böden waren
schlecht, und in dem sumpfigen Gebiet brachen Krankheiten
aus. 256 Menschen starben innerhalb eines Jahres an Mala-
ria. Daraufhin baten die Siedler Zar Nikolaus I. (1796–1855),
der die Politik seines Bruders Alexander I. fortsetzte, um ei-
nen neuen Siedelplatz. Aber auch der Neuanfang in der geor-
gischen Steppe, am Fluss Muschaweri, war nicht leicht. 1826
wurden die Kolonien Helenendorf, Annenfeld und Kathari-
nenfeld während des Russisch-Persischen Krieges verwüstet,
und es dauerte einige Jahre bis sich die Siedler von diesem
Rückschlag erholten. Auch war Katharinenfeld von muslimi-
schen Angehörigen eines der zahlreichen Turkvölker in der
Region heimgesucht worden. Viele Siedler wurden getötet
oder entführt, um sie als Sklaven in die Türkei zu verkaufen.
Nur wenige konnten entkommen und fanden Unterschlupf
in Alexandersdorf, Marienfeld und Elisabethtal. Zum An-
denken an dieses Ereignis feierten die Katharinenfelder bis
zur Deportation 1941 jährlich ein „Aufbaufest“.
Ab den 1830er Jahren hatten sich die Bauern zunehmend
auf bestimmte Anbauprodukte spezialisiert. Während sich
die Dörfer Marienfeld, Petersdorf, Elisabethtal und Katha-
rienfeld auf den Weinanbau konzentrierten, betrieben die
Bewohner von Alexanderdorf Obst- und Gemüseanbau.
1862 bekamen die Kolonisten aus Annenfeld und Katha-
rinenfeld auf der Londoner Weltausstellung sogar einen
Preis für die gute Qualität des ausgestellten Brotes.
Hatten sich die deutschen Kolonien bis dahin weitest-
Ehemalige deutsche evangelische Kirche in Katharinenfeld, heute
Turnhalle
Zu Besuch in Katharinenfeld/Bolnisi in Georgien
TITEL
© ZKG

image
image
4
___________________________
gehend selbstverwaltet, machte die seit dem ausgehenden
19. Jahrhundert betriebene Russifizierungspolitik unter Zar
Nikolaus II. (1868–1918) auch um die deutschen Siedlun-
gen keinen Bogen. Die Männer wurden zum mehrjährigen
Militärdienst gepresst, und in der Schule musste russisch
gelernt werden.
Nach der Einverleibung Georgiens in die Sowjetunion
1921 wurde Katharinenfeld in Luxemburg umbenannt.
Noch immer war Katharinenfeld/Luxemburg ein großes
Dorf mit überwiegend deutschen Bewohnern. Von den
5.500 Einwohnern waren bei der Volkszählung 1930 3.500
Deutsche, 200 Georgier, 450 Tataren, 750 Armenier, 120
Russen, 330 Perser und 150 Juden. Im Ort gab es ca. 30
Kaufmannsläden. Selbst ein Kino und einen Theatersaal
hatte man errichtet, und es gab mehrere Gesangsvereine.
Die Gemeindeverwaltung umfasste 20.000 Hektar Acker-
land, Weinberge und Forsten. Die Weinstöcke zogen sich
die Hänge an den sanft ansteigenden Hügeln ringsum hi-
nauf. Die Winzer waren berühmt für ihren grusinischen
Wein. Sie hatten eine eigene Genossenschaft gegründet,
die mehr als 50 Kilometer Bewässerungskanäle und vie-
le Kilometer Feldwege in Ordnung zu halten hatte. An
den Wochenenden gehörten Jagdausflüge, Fischfang und
Waldausflüge zu den Vergnügungen, bis auch die Deut-
schen Katharinenfelds 1941 völlig unberechtigt Stalins
Vorwurf der Nazikollaboration traf. Sie wurden enteignet
und nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Wer sich
weigerte, wurde ins Gefängnis geworfen, verprügelt und
misshandelt. Viele starben an den Misshandlungen, wie
der letzte Katharinenfelder Bürgermeister Raiser. Seine
Witwe musste die sieben Kinder allein großziehen. Einige
Katharinenfelder waren nach Dshetysai, eine kleine Stadt
im Bezirk Schymkent, im Süden Kasachstans, ca. 180 km
von Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans entfernt, ge-
zogen, zum Beipiel die Familie Brodt.
Die deutsche Vergangenheit ist dem Ort noch immer an-
zusehen. Von Katharinenfeld existiert ein Häuserplan, der
sämtliche Hausbesitzer zum Zeitpunkt der Deportation
1941 verzeichnet. Es zeigt einen regelmäßigen Grundriss
Wohnhaus in Katharinenfeld
mit Schachbrettmuster. Die beiden Hauptstraßen bildeten
ein Achsenkreuz zwischen der evangelischen Kirche und
dem deutschen Friedhof und der Ost-West-Linie. Entlang
diesem Raster aus 12 Straßen entstanden insgesamt 814
Hofstellen mit großen Einfahrten und dahinter liegenden
Wirtschaftsgebäuden.
Die Wohnhäuser sind meist zweistöckig. Die Erdge-
schosse sind aus Stein, zuweilen mit üppigen Weinkel-
lern unterkellert; die Obergeschosse oft in Holzbauweise,
zuweilen auskragend und umlaufenden Laubengängen
und Balkonen, die über Außentreppen erschlossen wer-
den. Die Häuser waren mit einer Ziegeldeckung versehen.
Noch heute sind diese Häuser größtenteils unverändert
erlebbar, auch wenn die fehlende Instandhaltung erhebli-
che Baulücken in die Hofreihen gerissen hat. Und obwohl
einige Straßen gerade asphaltiert wurden, sind die Spuren
des jahrzehntelangen Verfalls unübersehbar.
Die Kirche, auf ihrer Ostseite noch erkennbar an der
Chorapsis und den charakteristischen Strebepfeilern,
wurde entsprechend der sowjetischen Doktrin in eine
Turnhalle umgewandelt. Das älteste Friedhofsgelände un-
mittelbar neben der Kirche wurde zum Sportplatz. Der
deutsche Friedhof auf der Bergseite ist aufgelassen. Nur
noch eine Tafel erinnert an ihn. Die ehemalige Schule, die
2015 als Zentrum einer Wiederbelebung dieser Siedlung
auserkoren worden war, ist ein ruinöser Bau.
Dagegen ist in einem Hof gegenüber der Kirche/Turn-
halle ein Weinkeller eingerichtet, in dem man zu geor-
gischen Klängen Weinverkostungen des georgischen
Weins erleben kann. Und vor allem die ehemalige Kötz-
le-Mühle ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelun-
gene Wiederbelebung. Hier befindet sich heute ein mo-
dernes Hotel mit schönen hellen Zimmern und einem
gepflegten Restaurant, wo man gemütlich am Ufer der
Muschawera sitzen kann. Bolnisi stellt sich auf (deut-
sche) Touristen ein.
Dr. Lars-Arne Dannenberg und
Dr. Andreas Bednarek
Häuserplan von Katharinenfeld
© ZKG
© ZKG

image
5
___________________________
___________________________
NACHRICHTEN
Ministerpräsident Michael Kretschmer informiert sich beim Beauftragten über die Aktivitäten des Landesverbands
Vom 7. bis 9. Juni 2020 fand die Kreisbereisung des Vor-
standes statt; wir tauschten uns in Leipzig, Limbach-
Oberfrohna, Chemnitz und Dresden mit den einzelnen
Kreis- und Stadtverbänden sowie den Landsmannschaf-
ten aus; lediglich Freiberg und den Vogtlandkreis konn-
ten wir nicht erreichen. Dank an alle Teilnehmer!
Vereinbart wurden Regelungen zur Terminverschiebung
einzelner Veranstaltungen wegen Corona, der Vorstand
nahm die Wünsche für den Sächsischen Gedenktag
auf, Finanzfragen konnten ebenso wie der Fortgang in
Knappenrode geklärt werden. Zukünftig wollen wir dies
mindestens einmal jährlich durchführen, denn der per-
Hand in Hand: Verband, Stiftung und Beauftragter
Bericht zum Besuch der Kreisverbände
durch den Landesvorsitzenden
sönliche Kontakt kann nicht einzelne zentrale Veranstal-
tungen, die ja auch auf eine breite Öffentlichkeit gerich-
tet sind, ersetzen. Und es macht auch Spaß und gewährt
immer neue Eindrücke, zusammenzusitzen. Schließlich
sind wir ja auch kein reiner Kulturverein, sondern uns
verbindet ein gemeinsames Schicksal!
Unsere Ausstellungen wurden in Freital, Knappenrode,
Leipzig und Lohsa gezeigt. Mit Lohsa hatten der Vorsit-
zende Frank Hirche und der Beauftragte der Staatsregie-
rung, Dr. Jens Baumann, gemeinsam die Errichtung einer
Gedenkstätte an die Opfer von Flucht und Vertreibung
besprochen und umgesetzt (siehe Beitrag). Eine weitere

6
___________________________
70 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen
Am 5. August 1950 wurde die Charta der deutschen
Heimatvertriebenen in Stuttgart verabschiedet. Die Ver-
treter der Vertriebenendachverbände „Zentralverband
vertriebener Deutscher“ und „Vereinigte Ostdeutsche
Landsmannschaften“, beide Vorläufer des „Bundes der
Vertriebenen“, rangen damit auch um politische Teilha-
be in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Die
Charta fordert ein Recht auf Heimat, aber unter Verzicht
auf Rache und Vergeltung; Deutschlands Schuld am
Zweiten Weltkrieg wird weder verschwiegen noch abge-
stritten, vielmehr bieten die Vertriebenen auf dem Weg
zu einem geeinten Europa ihre Zusammenarbeit mit den
ehemaligen Heimatländern an.
Nach der Wiedervereinigung haben die in Sachsen und
den anderen neuen Ländern gegründeten Vertriebenen-
organisationen sich die Charta sofort zu eigen gemacht
und in Publikationen und Vorträgen behandelt. Daher
soll nur ein Aspekt besonders hervorgehoben werden:
Kein anderes politisches Dokument hat im Laufe der Ge-
schichte so an Anerkennung gewonnen wie die Charta.
Die politisch konservative Seite hat sich von Anfang an
zu den deutschen Heimatvertriebenen und der Charta
bekannt. In die Vorbereitung des Textes der Charta war
die Regierung Adenauer eingebunden. Mitglieder der
Bundesregierung wie auch der westlichen Besatzungs-
mächte waren bei der Verabschiedung und der Prokla-
mation im Kursaal von Bad Cannstatt anwesend. Dage-
gen kritisierte das politisch linke Spektrum die Charta,
allerdings weniger wegen ihres Inhalts, als vielmehr
durch die Tatsache, dass zu den Unterzeichnern mehrere
Personen mit einer unbestreitbaren NS-Vergangenheit
gehörten.
Auch von der DDR und den mit ihr befreundeten Staa-
ten wurde die Charta stets als ein Dokument des Revan-
chismus bezeichnet. Mit dem Zerfall des von der UdSSR
beherrschten Ostblocks wurde diese Kritik freilich ob-
solet.
Endlich wurden die Inhalte der Erklärung stärker zur
Kenntnis genommen. 2006 urteilte der damalige Bun-
desinnenminister Wolfgang Schäuble, die Charta sei
„ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Größe“.
Und bei der Feier zum 50. Jahrestag hob dessen Nach-
folger Otto Schily lobend hervor, dass die Vertriebenen
sehr früh in der Charta die europäische Einigung „un-
ter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen
Nachbarn“ gefordert hätten. Selbst der thüringische Mi-
nisterpräsident Bodo Ramelow von der Partei Die Lin-
ke bezeichnete die Charta als Schlüssel für Aussöhnung
und Frieden.
Einer der Schlusssätze der Charta hat bleibende Aktuali-
tät: „Die Völker müssen anerkennen, dass das Schicksal
der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge
ein Weltproblem ist…“
Friedrich Zempel,
Vorsitzender Erinnerung und Begegnung e.V.
Gedenkstätte wurde dieses Jahr durch den Beauftragten
in Hinterhermsdorf bei Sebnitz mit eingeweiht.
Am 1. Oktober bat unser Ministerpräsident Michael
Kretschmer den Beauftragten zum Gespräch und infor-
mierte sich über die Arbeit des Landesverbandes und
seiner Mitglieder (siehe Foto).
Die Stiftungsratssitzung musste vom 6. November auf
Mitte Dezember verschoben werden in der Hoffnung,
dass die Durchführung einer solchen Zusammenkunft
dann auch möglich sein wird; wichtige Punkte sind die
Möglichkeit der Stimmübertragung bei Verhinderung
eines Mitgliedes, der Finanz- und Jahresplan 2021 sowie
die Abstimmung der Arbeiten in Knappenrode. Auf einer
Klausur des Landesvorstandes und des Stiftungsvorstan-
des sowie dem Vorsitzenden des Stiftungsrates am 27. und
28. Oktober wurde die eingeschränkte Finanzlage durch
die Verschiebung des Haushaltsbeschlusses des Sächsi-
schen Landtages (voraussichtlich erst im Mai 2021) bera-
ten. In Abstimmung mit dem Beauftragten und dem ver-
triebenenpolitischen Sprecher kann gewährleistet werden,
dass alle Vereine die monatlichen Zuschüsse für die lau-
fende Tätigkeit erhalten; diese können ab Januar bei der
Landesgeschäftsführerin abgerufen werden. Auch die ers-
te Ausgabe der Zeitung, die Fortführung der grenzüber-
schreitenden Arbeit, die Verbandsversicherung, mindes-
tens drei Ausstellungen (Interesse bitte bei Frau Florian
anmelden) und die Kreisbereisung sind gesichert; ebenso
die Lehrerfortbildung und der Neujahrsempfang am 14.
Januar in Chemnitz. Daneben wird der Beauftragte jedem
Kreisverband bzw. jeder Landsmannschaft mindestens
eine Veranstaltung bis Mai finanziell zusichern können.
Ebenso konnte die Fortführung der Stellen der Landesge-
schäftsführerin und des Leiters der außerschulischen Bil-
dungs- und Begegnungsstätte „Transferraum Heimat“ bis
Mai auf einer Basis von 38 (statt 40) Stunden sichergestellt
werden; damit können auch die Arbeiten in Knappenrode
weitergehen. Offen ist noch die Miete für das Haus der
Heimat in Reichenbach/Oberlausitz, aber auch hier wer-
den wir eine Möglichkeit finden. Dank Ihrer Zuarbeiten
ist die Erarbeitung des Buches (in Verantwortung von
Herrn Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll) „Verspäteter Neuan-
fang: Flucht Vertreibung Integration – Aufarbeitung und
Engagement im Freistaat Sachsen 1990 bis 2000“ gut vor-
angegangen, es wird in 2021 erscheinen.
Frank Hirche, Vorsitzender des Landesverbandes
und des Stiftungsrats
Dr. Jens Baumann,
Beauftragter für Vertriebene und
Spätaussiedler im Freistaat Sachsen

image
image
7
___________________________
Stifterversammlung
Am 17. Oktober fand in den Dresdner Räumen der
Stiftung satzungsgemäß die alle zwei Jahre stattfin-
dende Stifterversammlung der Stiftung „Erinnerung,
Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen
im Freistaat Sachsen“ statt. Aus Zwickau war Gerald
Otto, MdL angereist. Der Stifterversammlung gehören
natürliche Personen und Vereine an, die über 1.000 €
bzw. 5.000 € gespendet haben. Das waren in den ver-
gangenen zwei Jahren Daniel Morgner, Falk Pusch,
Friedemann Scholz, Professor Schirotzek, Rodca Ti-
nes, Inga Zempel und Friedrich Zempel sowie die Ver-
eine EuB und der BdV-Freiberg. Ein Höhepunkt der
diesjährigen Stifterversammlung war die Überrei-
chung der Goldenen Ehrennadel des Bundes der Ver-
triebenen Vereinigte Landsmannschaften und Landes-
verbände e. V. an Friedrich Zempel sowie posthum an
Mario Morgner, die für letzteren stellvertretend seine
Familie entgegennahm. Mario Morgner hat über viele
Jahre die Verbandszeitung sowie die homepage betreut
und sich auch sonst engagiert für die Interessen der
Vertriebenen eingesetzt. Seine Frau und seine Kinder
führen die Arbeit fort, so betreut sein Sohn weiterhin
das Online-Zeitzeugenarchiv
(http://zeitzeugenbe-
richte.Vertriebene-in-Sachsen.de/). Wir gratulierten
mit Urkunde, Blumen und Champagner; insbesondere
die schönen Momente im Leben sollten wir festhalten,
auch wenn Trauer um einen guten Freund (1966 bis
2019) diesen Tag umwölkte ... Zitiert sei aus dem alten
Der Landesverbandsvorsitzende Frank Hirche überreicht stellvertretend
Friedrich Zempel die Goldene Ehrennadel
Preisverleihung Sächsischer Mitmach-Fonds
Am 27. September 2020 fand im Flughafen Dresden durch
den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer die Preis-
verleihung zum Sächsischen Mitmach-Fonds statt, der
speziell Projekte zur Revitalisierung in den beiden säch-
sischen Braunkohlerevieren förderte. Auch der Landes-
verband hatte sich mit einem Projekt zum „Erbe der Ver-
triebenen in der nördlichen Oberlausitz“ in der Kategorie
ReWIR beteiligt, das unter den über 2.000 Einreichungen
mit dem Höchstförderpreis von 5.000 € bedacht wurde.
Von den mehr als zwölf Millionen vertriebenen Deut-
schen gelangten ca. eine Million nach Sachsen. Viele von
Ihnen haben im Lausitzer Braunkohlerevier Arbeit und
eine neue Heimat gefunden und in erheblichem Maße
zum Wiederaufbau des Landes beigetragen. In der DDR
durften sie freilich nicht über ihr Schicksal sprechen. Um
die Erinnerung an diese wichtige Epoche deutscher und
europäischer Geschichte in die Zukunft zu tragen, sollen
diese Biografien und Lebenswege erfragt und dokumen-
tiert werden. Deshalb sind insbesondere Vertriebene, die
im Lausitzer Braunkohlerevier Arbeit gefunden haben,
aufgerufen, sich in der Geschäftsstelle des Landesver-
bands zu melden und uns ihren Lebensweg zu erzählen.
Preisverleihung mit Staatsminister Thomas Schmidt
Bis Mai 2021 wollen wir das Projekt umsetzen. Es ist ein
weiterer Grundstein zum Aufbau des Dokumentationszen-
trums im BBZ „Transferraum Heimat“ in Knappenrode.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
schönen Lied „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“:
»Im
Stillen werd ich Tränen weinen
und träumend dir zur Seite stehn,
und seh ich Gottes Sonne scheinen
werd ich für dich um Segen flehn.«

8
___________________________
Am 30. Juni 2020 begrüßte uns unser Vorsitzender
Reinhard Gerullis zu unserer Vorstandssitzung im
Esche-Museum in Limbach-Oberforhna und infor-
mierte uns über aktuelle Entwicklungen, vor allem wie
es mit den coronabedingten Einschränkungen weiter-
geht. Trotz aller Beschränkungen nimmt Frau Irmgard
Gläser jährlich an der Werkwoche der Ostpreußen teil,
wo sie ihre ostpreußischen Handarbeiten ausstellt.
Den Sicherheitsvorkehrungen ist aber unser typisches
Ostpreußen-Erntedankfest im September zum Op-
fer gefallen, so dass wir nicht in den Genuss des ty-
pischen ostpreußischen Schmandkuchens kamen und
uns auch nicht an den ostpreußischen Heimatliedern
und Gedichten der Kindergruppe unter der Leitung
unserer Lehrerin Anett Büchner wie auch dem Chor
aus Langenberg erfreuen konnten. Nun hoffen wir um
so mehr, dass unsere Weihnachtsfeier am 4. Dezember
2020 im Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna statt-
finden kann.
Wir wünschen allen Landsleuten eine gesegnete Zeit
und beste Gesundheit bis zum Wiedersehen!
Hannelore Kedzierski,
Chemnitz
ben – an die Vorstände der Bundesgruppe Liegnitz e.V.
und der Stiftung.
Ein zukünftiger Verbleib in der Patenstadt Wuppertal
war vor allem aus personellen, aber auch finanziellen
Gründen nicht mehr möglich. In dieser Situation erga-
ben sich Kontakte zum Freistaat Sachsen und der dor-
tigen Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration
– Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“. Aus
organisatorischen Gründen wurde mit Hilfe der Stif-
tungsaufsicht des Freistaates Sachsen eine Zusammen-
führung beider Stiftungen als sinnvoll angesehen. Ein
entsprechender Vertrag wurde im November 2017 zwi-
schen der SSH und der Stiftung „Erinnerung, Begeg-
nung, Integration“ abgeschlossen und in Folge dessen
in der Zeit bis heute bereits verschiedene Materialien
der Sammlungen in den Freistaat Sachsen verlagert.
Im Juni 2020 trat nun der Hauptteil der „Liegnitzer
Sammlung“, die zur „Stiftung Schlesische Heimatstu-
ben“ gehört, bzw. der Rest, der sich noch in Wupper-
tal befand, die Reise nach Sachsen an, genauer gesagt
nach Hoyerswerda, das zur früheren Provinz Schlesien
gehörte.
Die sächsische Stiftung „Erinnerung, Begegnung, In-
tegration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat
Sachsen“ wird das gesamte Material nach wissenschaft-
lichen und bibliothekarischen Gesichtspunkten aufar-
beiten, Teile davon der Öffentlichkeit präsentieren und
auch Leihgaben für eine begrenzte Zeit an andere Mu-
seen gemäß den üblichen Standards ausleihen.
Für uns ist damit gewährleistet, dass das Liegnitzer
Kulturgut auch zukünftig dauerhaft Zeugnis ablegen
kann von unserer deutschen Heimatregion Liegnitz in
Schlesien.
Peter Winkler und Dr. Ernst-Günter Lattka
für die Bundesgruppe Liegnitz e. V. und die ehemalige
Stiftung Schlesische Heimatstuben
Die früher in den sog. Haspelhäusern in Wuppertal,
ab dem Jahr 2009 im Rathaus Wuppertal-Vohwinkel,
untergebrachte „Liegnitzer Sammlung“ besteht aus
Büchern, Dokumenten, Möbeln, Bildern, Porzellan,
Trachten und vielem mehr. Alles das ist von heimat-
verbundenen Schlesiern, insbesondere aus dem Raum
Liegnitz, gerettet oder erworben und der Bundesgrup-
pe Liegnitz e. V. im Laufe der Zeit nach Gründung der
Patenschaft durch die Stadt Wuppertal im Jahr 1953
zur Verfügung gestellt worden, meist als Geschenk
oder als Leihgabe an die Bundesgruppe Liegnitz e. V.
mit Sitz in Wuppertal.
Im Rahmen der alle zwei Jahre in Wuppertal stattge-
fundenen Patenschaftstreffen wurde diese Sammlung
stets gern besucht. Hoch erfreut waren die Gäste über
das viele Material, dass sich im Laufe der Zeit ange-
sammelt hatte. In verschiedenen Vitrinen, Schränken
und an den Wänden konnten die heimatlichen Schät-
ze gesehen, bewundert und so Erinnerungen geweckt
werden.
Unser früherer Bundesvorsitzender Dr. Gerhard Kas-
ke sah 2009 die Zeit als gekommen an, die „Liegnitzer
Sammlung“ in eine von ihm neu gegründete „Stiftung
Schlesische Heimatstuben“ (SSH) als wesentlichen Be-
standteil einzubringen, um sie dauerhaft erhalten zu
können. Sogar aus Liegnitz wurde Interesse an der
Sammlung bekundet, doch die Hauptspender wollten
nach Befragen diese weiterhin im Gebiet der Bundes-
republik Deutschland gezeigt bzw. ausgestellt wissen.
Um die „Liegnitzer Sammlung“ für die Zukunft zu
bewahren, wurden mehrere Gespräche mit Vertretern
des Patenlandes Niedersachsen und mit interessierten
Gemeinden im Freistaat Sachsen geführt, die leider
nicht mit einem positiven Ergebnis endeten. Der Tod
von Herrn Dr. Kaske als unserem „spiritus rector“ ver-
lagerte alle Aufgaben der Bewahrung unserer Samm-
lungen – also auch der Stiftung Schlesische Heimatstu-
Die „Liegnitzer Sammlung“ geht in den Freistaat Sachsen
Vorstandssitzung der Gruppe Ostpreußen

image
image
9
___________________________
Preisverleihung an Freya Klier
Sächsischer Gedenktag für die Opfer von Flucht,
Vertreibung und Zwangsumsiedlung
und Tag der Heimat am 13. September 2020
in Hoyerswerda/Knappenrode
Der Sächsische Gedenktag für die Opfer von Flucht, Ver-
treibung und Zwangsumsiedlung 2020 war aus zwei Grün-
den etwas Besonderes. Wegen der Corona-Pandemie fand
er erstmals mit dem jährlichen „Tag der Heimat“ des Bun-
des der Vertriebenen (BdV) Stadtverband Hoyerswerda in
der Lausitzhalle Hoyerswerda statt, und dort wurde der
erste ZukunftErbe-Preis der Stiftung „Erinnerung, Begeg-
nung, Integration - Stiftung der Vertriebenen im Freistaat
Sachsen“ vergeben. Der Stiftungsratsvorsitzende Friedrich
Zempel erklärte: Die Preisträger leisten Herausragendes
zur Erforschung der Geschichte und zur Bewahrung des
kulturellen Erbes der Vertreibungs- und Aussiedlungsge-
biete der Deutschen aus Ostmitteleuropa.
Im Fokus der Veranstaltung stand die „Charta der deut-
schen Heimatvertriebenen“. Ihre Unterzeichner haben
1950 im Namen aller organisierten Vertriebenen West-
deutschlands auf Rache und Vergeltung verzichtet, sagte
die Vorsitzende des BdV Stadtverbandes Hoyerswerda
Gisela Lossack. Stattdessen wollten sie sich in ihre neue
Heimat integrieren und an der Schaffung einer europäi-
schen Friedensordnung mitwirken. Der Vorsitzende des
Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler
im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V. Frank Hir-
che formulierte: „Die
Charta ist eine Verpflichtung in
der heutigen Zeit, denn viele haben das miteinander und
aufeinander zugehen verlernt.“
Der Wissenschaftler Dr.
Christopher Spatz hatte in seiner Rede nicht nur der vie-
len Millionen Deutschen gedacht, die nach dem Zweiten
Weltkrieg ihre Heimat in Schlesien, Ostpreußen und an-
derswo verloren haben, sondern auch der ca. eine Million
Zivilisten, die in der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten
mussten. Wer als Überlebender in die DDR kam, durfte
nichts erzählen. Das galt dort auch für alle Vertriebenen,
deren Schicksal totgeschwiegen wurde, so Dr. Spatz.
Die DDR-Bürgerrechtlerin und Autorin Freya Klier arbei-
tet seit 1990 in ihren Büchern und Filmen das Schicksal
der zumeist nach Sibirien verschleppten Zwangsarbeiter
auf und bringt dieses lange vergessene Unrecht ins öffent-
liche Bewusstsein, erklärte Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll.
Dafür bekam sie den mit 2.000 € dotierten Hauptpreis des
ZukunftErbe-Preises. Der mit 1.000 € dotierte Sonder-
preis ging an den Germanisten Dr. Józef Zaprucki von der
Riesengebirgshochschule Hirschberg/Jelenia Góra, setzte
der Beauftragte des Freistaates Sachsen für Vertriebene
und Spätaussiedler, Dr. Jens Baumann, fort. Dr. Zapru-
cki übersetzt deutsche Literatur ins Polnische und umge-
kehrt, um das beide Völker verbindende kulturelle Erbe
bekannter zu machen. Das Förderstipendium des neuen
Preises erhielt der Doktorand der Geschichte an der Tech-
nischen Universität Dresden Daniel Wendorf, der das Le-
ben geflüchteter und vertriebener Menschen in Dresden
zwischen 1945 und 1952 erforscht, ergänzte der Stiftungs-
ratsvorsitzende Friedrich Zempel.
Nachmittags haben die Teilnehmer die entstehende Bil-
dungs- und Begegnungsstätte „Transferraum Heimat“ auf
dem Gelände der Energiefabrik Knappenrode besucht.
Dr. Lars-Arne Dannenberg erläuterte dort anhand einer
Zeichnung, wie künftige Generationen mithilfe moder-
ner Medien und einem alten Viehwaggon diesen Teil der
Geschichte erleben werden. In ca. einem Jahr sollen min-
destens die ersten Räume fertig sein, wo „die
wichtigsten
Vertreibungsgebiete vorgestellt werden“,
so der Historiker.
Gruppenbild vor dem BBZ Knappenrode
Katrin Demczenko

10
___________________________
30 Jahre Landsmannschaft
der Deutschen aus Russland in Sachsen
Deutsche aus Russland gab es auch schon vor 1990, da-
mals noch in der DDR. Viele kamen im Zuge der Fami-
lienzusammenführung. Im Einigungsvertrag von 1990
wurden diese Aussiedler nicht erwähnt. Die rechtliche Lage
für diese Menschen war 1990 höchst unklar. Sie waren als
Vertriebene bzw. Aussiedler nicht anerkannt und somit
von jeglichen in der BRD gültigen Gesetzen (Lastenaus-
gleich, Fremdrentenrecht usw.) ausgeschlossen. Einen sehr
schweren und mühsamen Weg hatten auch die Landsleute,
die nach dem 3. Oktober 1990, aber noch mit der Geneh-
migung der DDR nach Deutschland kamen. Für sie gab es
überhaupt keine Regelungen.
Zum damaligen Zeitpunkt war die am 22. April 1950 in
Stuttgart gegründete Landsmannschaft der Deutschen aus
Russland (LmDR) die einzige Institution, die die Sorgen
und Nöte der Deutschen aus Russland verstand und ernst
nahm. Die Bundesgeschäftsstelle befindet sich in Stuttgart.
Die LmDR ist in das Vereinsregister eingetragen und als ge-
meinnützig anerkannt.
Wir wussten, dass wir nur gemeinsam die rechtliche Gleich-
stellung mit den Landsleuten, die gleich in die BRD kamen,
erreichen können. Die LmDR sieht sich nach ihrer Satzung
(www.lmdr.de)
als Interessenvertretung, Hilfsorganisation
und Kulturverein aller Deutschen aus Russland. Vor allem
setzt sich die Organisation für die Deutschen in und aus
den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ein. Recht auf freie
Ausreise, auf freie Ausübung der Religion und auf freien Ge-
brauch der Muttersprache stehen dabei im Mittelpunkt der
Bemühungen. Auch das öffentliche Einfordern der Umset-
zung des Rechts auf kulturelle Autonomie und auf Wieder-
gutmachung für das 1941 und später erlittene Unrecht zählt
zu den Zielen der Landsmannschaft. Die LmDR unterstützt
die Deutschen aus Russland bei und nach ihrer Einwande-
rung in Deutschland. Auf sozialer, politischer und kultureller
Ebene trägt die Landsmannschaft zur Schaffung günstiger
Rahmenbedingungen für die Integration in der deutschen
Gesellschaft bei und arbeitet dabei mit den zuständigen Ver-
waltungsstellen auf Landes- und Bundesebene eng zusam-
men. Nach 1990 war das wichtigste Ziel die Gleichstellung
der in der DDR ansässigen Landsleute mit den Landsleuten
in der BRD. Erst 1995 war das so weit geklärt, dass uns der
Vertriebenenstatus anerkannt wurde. Die Deutschen aus
Russland, die in die DDR bis 1990 eingereist sind, erhielten
eine einmalige Zuwendung in Höhe 4.000 DM.
Als erste Ortsgruppe in den neuen Bundesländern nach
der Wende 1990 wurde am 3. Oktober 1990 die Ortsgruppe
Chemnitz gegründet, danach folgte am 17. November 1990
die Ortsgruppe Dresden und schließlich am 10. Mai 1998
die Ortsgruppe Leipzig. Die Landesgruppe Sachsen der
LmDR konstituierte sich am 1. November 1991, ihr erster
Vorsitzender war Adolf Braun. Der Mitgliedsbeitrag für die
neuen Bundesländer liegt bei einem Jahresbeitrag von 27
€, wobei nur ein kleiner Teil davon an die örtliche Gliede-
rungen zurückfließt. Der größte Teil des Beitrages wird für
die Herausgabe der Vereinszeitschrift „Volk auf den Weg“,
die einmal im Monat erscheint, verwendet. Fördermittel
werden ausschließlich für öffentliche Projekte ausgereicht.
Der massenhafte Zuzug der Spätaussiedler aus den Staa-
ten der Sowjetunion zwischen 1991 und 2000 stellte die
Regionalgruppen vor neue Herausforderungen. Die ers-
ten Jahre nach der Gründung der beiden Ortsgruppen
Chemnitz und Dresden standen im Zeichen des Kampfes
um die rechtliche Anerkennung. Das war das wichtigste
politische Ziel. Aber auch die Identitätsfindung spielte
eine große Rolle. Über Jahre oder besser über Jahrzehnte
war den Deutschen aus Russland in der DDR die Mög-
lichkeit genommen worden, sich in einem breiten Kreis zu
versammeln, zusammen zu sein, über sich selbst und über
eigene Geschichte zu sprechen. Was in Westdeutschland
als selbstverständlich empfunden wurde, mussten wir in
schwerer und mühsamer Arbeit, in ständigen Auseinan-
dersetzungen mit allen möglichen Behörden aufbauen.
Bei der Gründung der Ortsgruppen 1990/91 hatten wir
großen Zulauf von neuen Mitgliedern. Durch die schlech-
te Arbeitsmarktsituation in den 1990er Jahren haben viele
Landsleute Sachsen auf der Suche nach Arbeit Richtung
Westen verlassen. Ein weiteres Erschwernis der Entwick-
lung der Vereinsarbeit in den Regionen war bis heute die
Defizitäre Unterstützung durch die Kommunen.
Eine Belebung der Basisarbeit wurde 2011 mit der Grün-
dung des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaus-
siedler Sachsen/Schlesische Lausitz e.V. und seinem seither
immer wiedergewählten Vorsitzenden, Frank Hirche, er-
reicht. Mit ihm als damaligen Landtagsabgeordneten und
den Vertriebenenverbänden setzten wir gemeinsam den
vom Landtag beschlossenen „Sächsischen Gedenktag für
die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung“
durch, den wir in diesem Jahr zum siebenten Mal gemein-
sam begingen. Dank seiner Unterstützung und parlamenta-
rischer Überzeugungsarbeit konnten wir unsere gemeinsam
mit den Vertriebenenverbänden erhobene Forderung nach
der Berufung eines „Beauftragten der Sächsischen Staatsre-
gierung für Vertriebene und Spätaussiedler“ im Jahr 2018
durchsetzen. Seitdem bekleidet dieses Amt Dr. Jens Bau-
mann mit viel Engagement. Er hat stets ein offenes Ohr
für unsere Anliegen und vertritt diese auch gegenüber der
Staatsregierung sowie in der Versammlung der Beauftrag-
ten der Vertriebenen und Spätaussiedler. Ebenso haben wir
im Bundesvorsitzenden der Bundesorganisation der LmDR,
Johann Thießen, einen echten Partner gefunden. Mit der
Einrichtung von den von unserem Beauftragten unterstütz-
ten Begegnungsstätten 2019 in den Regionen erreicht die
Arbeit mit den Deutschen aus Russland eine neue Quali-
tät und sind auch die Mitgliederzahlen wieder im Steigen
begriffen. Wir freuen uns auch über die Anerkennung des
Integrationsbedarfs und den Abbau entstandener Defizite
bei unserer Bevölkerungsgruppe durch die in der letzten
Legislaturperiode als Staatsministerin für Gleichstellung
und Integration tätige und derzeitige Sozialministerin Petra
Köpping, die uns ermutigte, einen Dachverband der säch-

11
___________________________
sischen (Spät-)Aussiedler als eingetragenen Verein und
gleichberechtigt zum Dachverband der sächsischen Mig-
rantenorganisationen zu gründen, dessen Aktivitäten sie
unterstützt und fördert. Diese Aktivitäten wirken sich auch
auf die Belebung unserer Jugendarbeit positiv aus. So nahm
z. B. 2019 Helena Ehrler aus Chemnitz am 4. Sächsischen
Schülerwettbewerb „Flucht, Vertreibung und Integration /
geflohen – vertrieben – angekommen? Menschen und ihre
Schicksale in Deutschland, Polen und Tschechien“ teil. Für
ihre Arbeiter „Einfluss historischer Ereignisse auf die Fa-
miliengeschichten; Russlanddeutsche Familie Hauk“ erhielt
sie einen Hauptpreis in der Kategorie „Einzelarbeiten“. In
Leipzig entwickelt sich das seit über 20 Jahren existierende
Kinder- und Jugendensemble „Sonnenschein“ des Deutsch-
Russischen Zentrums Sachsen e.V. in neuen Dimensionen.
Zur Zeit kommen nur noch wenige Spätaussiedler nach
Deutschland. Die schon länger da sind, sind in der Regel
gut integriert. Heute gelten die Deutschen aus Russland so-
gar als Musterbeispiel für gelungene Integration. Dennoch
brauchen vor allem die älteren Menschen nach wie vor Un-
terstützung bei der Integration und im täglichen Leben. Für
die Landsleute, die derzeit noch immer nach Deutschland
kommen, ist die Lage sehr viel schwieriger. Es gibt keine
Übergangswohnheime für Spätaussiedler, keiner ist hier für
sie zuständig. Die Leute werden zusammen mit den Flücht-
lingen aus Afrika und den arabischen Staaten untergebracht
und auch als solche behandelt.
Das größte Problem ist die Rentenfrage. Die Ursachen
dafür, dass die Deutschen aus Russland in weit über-
durchschnittlichem Maße von Altersarmut betroffen
bzw. bedroht sind, sind die restriktiven Änderungen des
Fremdrentengesetzes in den 1990er Jahren und hier vor
allem die Bestimmungen des Wachstums- und Beschäfti-
gungsförderungsgesetzes. Die drei Hauptbestandteile der
restriktiven Änderungen seien hier genannt:
Kürzung der Beschäftigungszeiten auf fünf Sechstel;
Deckelung der im Ausland erworbenen anrechenba-
ren Entgeltpunkte, die eine Berechnungsgrundlage
für die Rentenhöhe bilden;
niedriger Bewertungsfaktor von 0,6.
Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland fasst
ihre Forderungen angesichts von Fehlentwicklungen im
Fremdrentenbereich wie folgt zusammen:
1. Festhalten am Generationenvertrag – weg vom Argu-
ment der Sozialverträglichkeit und Stützung des Ein-
gliederungsgedankens nach dem Kriegsfolgenbereini-
gungsgesetz (KfbG), d. h. Festigung der Integration in
das Gemeinwesen.
2.
Weg mit der Kürzung der Rente um 40 %, da die Be-
troffenen selbst bei einer Lebensarbeitszeit von 45
Jahren größtenteils unter das Existenzminimum fal-
len und Grundsicherung beantragen müssen, damit
sie ihr Überleben garantieren können.
3. Bei der Kürzung der Rente um 1/6 wird von den Be-
teiligten umfangreiches Material zum Nachweis von
früheren Tätigkeiten verlangt, die sie nicht leisten
können und die eine komplette Überforderung in ih-
rer persönlichen Situation darstellen. Deshalb Aufhe-
bung der 1/6 Kürzung. Damit wäre auch die Beweis-
last für die Betroffenen vom Tisch.
4. Keine Beantragung der Rente aus Russland verlan-
gen, da es hierfür an einem Sozialabkommen bzw. an
eindeutigen Gesetzesgrundlagen fehlt. Mit den Her-
kunftsländern wären daher entsprechende Sozialab-
kommen wünschenswert.
5. Keine Zwangsverrentung durch die Sozialbehörde.
Diese zieht nämlich eine weitere Kürzung nach sich,
da pro Monat der frühzeitigen Inanspruchnahme der
Rente 0,03 % weniger Rente bezahlt wird. Dies kann,
je nachdem wie lange man früher in Rente geht, eine
Kürzung von bis zu 18 % nach sich ziehen, und dies
auf Dauer. Hier ist auch die einheimische Bevölke-
rung betroffen und nicht nur Spätaussiedler.
6. Anpassung des Rentensystems an die veränderten
Rahmenbedingungen der Arbeitswelt. Das bedeutet
weniger Minijobs, weniger befristete Arbeitsverträge
und damit weniger Phasen der Erwerbslosigkeit und
niedriger Löhne.
Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit steht die Betreuung der
Landsleute in allen Fragen des täglichen Lebens. Was tun wir:
Wir vertreten die Interessen der Aussiedler.
Wir kämpfen für das Aus- bzw. Einreiserecht unserer
Landsleute.
Wir pflegen die Kultur der Russlanddeutschen.
Wir vermitteln Wissen über die Geschichte der Deut-
schen aus Russland.
Wir beraten und begleiten unsere Landsleute In Pro-
blemlagen.
Wir bieten an:
Begleitservice in Behörden und Institutionen
Dolmetschen, Übersetzen
Freizeitgruppenarbeit (Gesang, Heimatabende)
Hilfe im Schriftverkehr
Kultur- und Geschichtsveranstaltungen
Hobbys im Handarbeitzirkel
Kommunikationstraining Deutsch für Senioren
Nach der Eröffnung der Begegnungscenter in den Regi-
onen sind andere Einrichtungen und Vereine wieder auf
die LmDR aufmerksam geworden und nehmen unsere
Angebote in Anspruch. Die LmDR ist offen für eine Zu-
sammenarbeit mit anderen Organisationen und arbeitet
an der Gewinnung weiterer Kooperationspartner.
Wir sind optimistisch, ehemalige Mitglieder zurück zu
gewinnen und gleichzeitig mehr Deutsche aus Russland
für die aktive Mitarbeit in ihrer gesellschaftlichen Vertre-
tung zu motivieren. Die Zuversicht, dies erreichen zu kön-
nen, gibt uns nicht zuletzt, aber vor allen Dingen unser
seit 2005 ununterbrochen im Amt bestätigter Landesvor-
sitzender, Florian Braun, der unermüdlich Initiator und
kompromissloser Verhandlungspartner für die Rechte
und Anliegen der Spätaussiedler nach außen und fein-
fühliger, verständnisvoller Partner für die Mitglieder und
seine Vorstandskollegen/innen nach innen ist.
Lilli Tews und Dr. Manfred Hellmund

12
___________________________
Bund der Vertriebenen –Vogtlandkreis
Aufgaben und Ziele nach 30 Jahren
Der Bund der Vertriebenen des Vogtlandkreises beging
am 2. Oktober 2020 den 30. Jahrestag seines Bestehens.
Er konstituierte sich am letzten Tag der DDR. Die Ur-
kunde zum Eintrag in das Vereinsregister trägt neben
Datum und Unterschrift den Stempel „Deutsche De-
mokratische Republik – Kreisgericht Auerbach/Vogt-
land“.
Zu DDR-Zeiten waren Kontakte und Treffen der
Flüchtlinge und Vertriebenen unmöglich, da diese Per-
sonenkreise als „Revanchisten“ galten. Im September
1990 wurde in der Presse ein diesbezüglicher Aufruf
an Flüchtlinge und Vertriebene des Zweiten Weltkrie-
ges veröffentlicht. Die Initiatoren waren der Annahme,
dass sicherlich „einige“ der Betroffenen auch im Vogt-
land lebten. Dieser Aufruf sah ein Treffen am Altmarkt
und dann im Raum der Volkssolidarität vor, was sich
aber aus Platzgründen als völlig unmöglich erwies, da
nicht einige, sondern Hunderte erschienen waren! Am
27. Sept. 1990 wurde deshalb mit Unterstützung der
Stadt- und Schulverwaltung Auerbach das Gründungs-
treffen in der völlig überfüllten Aula der Geschwister-
Scholl-Schule ermöglicht. Es wurde die Gründung
des Kreisverbandes „Bund der Vertriebenen“ für das
Vogtland beschlossen, der Vorstand gewählt und die
Satzung auf der Grundlage der „Charta der Heimatver-
triebenen“ von 1950 beschlossen.
1992 hatte der Verein bereits ca. 550 Mitglieder. In der
Folgezeit wuchs die Mitgliederzahl auf mehr als 3000
an. Heute sind etwa noch 400 Mitglieder im Verein or-
ganisiert. 1995 wurde in der Parkanlage an der Willy-
Brandt-Straße in Auerbach ein Gedenkstein mit der
Innschrift „Zum Gedenken der Heimatvertriebenen
und der Verschleppten des 2. Weltkrieges“ gesetzt.
Unsere Ziele sind deshalb, solange es unseren Mitglie-
dern aus alters- und gesundheitsbedingten Gründen
möglich ist, die Realisierung „Erinnerung und Begeg-
nung“ mit unserer Jugend und mit unseren ehemali-
gen Heimatländern weiter zu verfolgen, insbesondere
auch anhand der Dauerausstellung „Flucht Vertrei-
bung Neubeginn – Heimatvertriebene im Vogtland“
im Museum Auerbach/Vogtland. Zahlreiche Projekte
in Schulen, Kirchen, Archiven, Museen sowie Ausstel-
lungen und Zeitzeugenberichte legen Zeugnis davon
ab. Dem MDR wurden etliche Zuarbeiten und Unter-
lagen bei einschlägigen Beiträgen gegeben. Jährlich ge-
stalten wir einen „Tag der Heimat“, auch in den Senioren-
heimen. Die Wandergruppe ist nicht nur im Vogtland
und Sachsen aktiv, sondern auch in Böhmen, Bayern
30 Jahre Landsmannschaft
Ost- und Westpreußen in Dresden
Im Dezember 1990 trafen sich im Pfarramt der Mar-
tin-Luther-Kirche zu Dresden Vertriebene aus Ost-
und Westpreußen sowie Landsleute aus Pommern und
der Region Weichsel und Warthe. Sie waren durch Zei-
tungsnotizen und persönliche Einladungen auf dieses
Treffen aufmerksam gemacht worden. Der Versamm-
lungsleiter Winfried Schmidt gab einen Überblick zur
Geschichte, zur Kultur und Literatur Ost- und West-
preußens. Im Anschluss an diesen Vortrag wurde die
Gründung einer Landsmannschaft beschlossen und
einstimmig der Vorstand gewählt. Ihm gehörten Max
Goetz als Vorsitzender und Reinhold Pletz, Josef Glatz
sowie Edith Wellnitz an.
30 Jahre später wurde dieses Ereignis in großer Runde
gefeiert. Bei Kaffe und Kurchen wurden Erinnerungen
an die vergangenen 30 Jahre ausgetauscht. So nahmen
wir mehrfach an den Bundestreffen der Landsmann-
schaft Ostpreußen teil, fuhren in das heute geteilte
Ostpreußen, insbesondere nach Königsberg, aber auch
in das Ostpreußische Landesmuseum nach Lüneburg,
organisierten und besuchten Ausstellungen, Buchle-
sungen, Vorträge zur Geschichte und Kultur sowie
Reiseberichte über Land und Leute oder die Veranstal-
tungen zum Tag der Heimat.
Früher pflegte die Frauengruppe mit Handarbeiten
heimatliches Brauchtum und Kulturgut. Bis heute sind
auch Sängerinnen unseres Chores aktiv. Ihnen liegen
die Gedichte und Lieder der 1854 in Ostpreußen gebo-
renen Heimatdichterin Johanna Ambrosius besonders
am Herzen, heißt es doch in einem dieser Lieder:
„Dann
überkommt mich solche Lust, dass ich`s nicht sa-
gen kann. Ich sing ein Lied aus voller Brust, schlag froh
die Saiten an. Und trägst du auch nur schlicht Gewand
und keine stolzen Höh`n – Ostpreußen hoch, mein Hei-
matland, wie bist du wunderschön.“
Edith Wellnitz
(geb. 22.1.1937 in Königsberg Pr.),
im Sommer 2020

image
image
13
___________________________
_______________________________________________
NEUES AUS KNAPPENRODE
und Thüringen. Etliche Veröffentlichungen zur The-
matik haben hier im Vogtland ihren Ursprung: Mari-
ka Trommer: Chronik 25 Jahre Kreisverband, Mario
Morgner: Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit – Neu-
anfang im Vogtland 1945-1949, Mario Morgner/Dr.
Jens Baumann: Kulturregion Riesengebirge – kultur-
historischer Streifzug…, Gebrüder Gall: Vertreibung
Neuanfang 1935-1952. Einige unserer Mitglieder sind
auch in den Redaktionen der Heimatzeitungen der
Bundesrepublik für ihre „ehemaligen“ Heimatgebiete
als Heimatortbetreuer tätig.
Die Heimatstube des Kreisverbandes Vogtland und das
Büro befinden sich im ehemaligen Rathaus, in Auer-
bach/ OT Rebesgrün, Hauptstr. 70, Tel.: 03744/81785,
mail: bdv-v@web.de, Internet:
www.bdv-v.de.
Dort
trifft sich auch unsere Handarbeits-, Trachten- und
Tanz-Gruppe. Hier können auch Besucher die histori-
schen Gegenstände und Dokumente betrachten sowie
Einsicht in unsere umfangreichen Projekte mit Schu-
len, Universitäten, Museen und Archiven und in zahl-
reiche Berichte unserer Zeitzeugen sowie die kleine
Bücherei nehmen.
Dr. Herbert Gall,
Mitglied des Vorstandes
Nach anfänglichen Startschwierigkeiten bei der Errich-
tung des BBZ „Transferraum Heimat“ konnte mit dem
ehemaligen Besucherzentrum der Energiefabrik Knap-
penrode ein geeignetes Gebäude gefunden werden. Da-
raufhin musste das Konzept völlig neu überarbeitet und
auf die Situation in Knappenrode angepasst werden (vgl.
Mitteilungen Jg. 10, Nr. 1). Grundsätzlich sieht das Kon-
zept nun vor, dass nach dem künftigen Eingangsbereich
an der nördlichen Giebelseite die wichtigsten Siedel- und
Vertreibungsgebiete anhand weniger Exponate aus dem
Fluchtgepäck vorgestellt werden, sodann die Epoche von
1918 (Ende des Ersten Weltkrieges) bis 1945 (Untergang
des Dritten Reichs) in diesem Raum erzählt wird. Die
Überleitung mit eigentlicher Flucht und Vertreibung wird
durch einen nachgebauten Waggon eindrucksvoll in Sze-
ne gesetzt, ehe im anschließenden hallenartigen Raum der
unterschiedliche Umgang mit den Vertriebenen in Ost und
West bis zur deutschen Wiedervereinigung und einer an-
schließenden europäischen Regelung dargestellt wird. Die
rückwärtigen Räume sind Sonderausstellungsräumen, Bü-
ros sowie dem großen Seminarraum vorbehalten.
Dr. Jens Baumann, Dr. Lars-Arne Dannenberg und Falk
Drechsel haben in mehreren Einsätzen die Gestaltungsideen
des Konzepts auf die Räumlichkeiten übertragen, damit die
Architekten und Bauplaner korrekte Bau-, Elektro-, Statik-
planungen usw. erstellen können. Mittlerweile sind die Pla-
nungen abgeschlossen und die Bauarbeiten zu den umfang-
reichen Umbaumaßnahmen haben begonnen. Davon konnte
sich schon Staatsministerin Barbara Klepsch überzeugen, die
der Baustelle des BBZ Knappenrode einen Besuch abstattete.
Türen und Wände wurden herausgebrochen und neu ein-
gesetzt. Ziel ist es, mindestens den Empfangsbereich, den
ersten der beiden großen „Ausstellungsräume“, den Wag-
gon sowie die Büros und den Seminarraum bis Schuljah-
resbeginn 2021 einweihen zu können.
Besuch von Staatsministerin Barbara Klepsch auf der Baustelle
3-D-Modell der neuen Einrichtung in Knappenrode

image
14
___________________________
___________________________
Odyssee eines Pferdegeschirrs
Die Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen verfügt
über eine reiche Sammlung zu Leben und Brauchtum der
Deutschen im östlichen Europa wie auch ihrer Vertreibung.
In loser Folge werden einzelne Exponate mit ihrer wechsel-
vollen Geschichte vorgestellt.
Bei Kriegsende mussten alle Deutschen aus dem Raum öst-
lich der Oder flüchten. Bis in den Januar 1945 achtete die
öffentliche Verwaltung streng darauf, dass die Bevölkerung
keine Fluchtvorbereitungen traf. Schließlich erhielten die
Bewohner von Neudorf am 20. Januar 1945 gegen 22.00
Uhr den Befehl, den Ort bis 8.00 Uhr zu räumen. Konrad
Zempel, der zum Volkssturm gehörte, wollte sich dem Be-
fehl widersetzen. Die polnische Arbeiter der Familie rieten
jedoch zur Flucht wenigstens der erwachsenen Männer, da
sie erfahren hatten, wie das sowjetische Militär mit diesen
umging. Die Alten, Frauen und Kinder sollten in der Hei-
mat bleiben, für die die polnischen Arbeiter sorgen wollten.
Konrad Zempel wollte jedoch seine hochschwangere Frau
und seine vier und zwei Jahre alten Kinder nicht allein las-
sen und entschloss sich, „vorübergehend“ hinter die ca. 100
km entfernte Reichsgrenze von 1919 zu fliehen. Er organi-
sierte den Treck des Dorfes. Als Fluchtfahrzeuge standen
nur pferdebespannte Ackerwagen zur Verfügung. Der pol-
nische Dorfstellmacher fertigte mit Unterstützung weiterer
Polen noch in der Nacht Kisten für das Fluchtgepäck der
deutschen Familien an. Als besonders schwierig erwies es
sich, die offenen Ackerwagen gegen Schnee und Kälte zu
sichern. Das Thermometer zeigte minus 18 Grad. Da zu
wenig Planen vorhanden waren, wurde der Wagen, auf dem
Ruth Zempel mit Ihren Kindern saß, mit einem Huzulen-
Teppich abgedeckt.
Am Morgen des 21. Januar 1945 startete der Treck aus Neu-
dorf, begleitet von einigen polnischen Hausmädchen und
Arbeitern. Konrad Zempel flüchtete mit drei Wagen und
acht Pferden. Einen Wagen benötigte die Familie selbst, auf
den beiden anderen Wagen nahmen sie Bekannte mit, die
selbst keine Wagen hatten.
Bereits vor der Ankunft in Pommern wurde klar, dass die
Familie noch weiter ziehen musste. Nach sieben Wochen
und einer Odyssee durch Pommern, Mecklenburg und das
östliche Niedersachsen kam der Treck am 8. März 1945
nach Hohne, Kreis Celle in Niedersachsen. Hier blieben die
meisten Deutschen. Inzwischen waren Berichte bekannt
geworden, dass die sowjetische Militärverwaltung und die
kommunistische polnische Regierung polnische Bürger, die
gute Beziehungen zu Deutschen unterhalten hatten, nicht
besser behandelten als die Deutschen selbst. Daher woll-
ten die meisten Polen, die mit der Familie Zempel nach
Westdeutschland gekommen waren, vorübergehend hier
bleiben, um später mit der Familie Zempel nach Neudorf
zurückkehren zu können. Nur dem Kutscher gelang es, in
Deutschland zu bleiben. Ein Hausmädchen und ein Arbei-
ter konnten nach England flüchten. Die übrigen wurden von
den Alliierten zwangsweise zurückgeschickt.
Das Fluchtgepäck der Familie war ziemlich bunt zusam-
mengewürfelt. Es bestand aus Lebensmitteln und Hausrat,
wie Kleidung Bettwäsche, Silberbestecken, Tischzeug, ei-
nem Gesangbuch und einer Bibel, außerdem Werkzeug für
die Ackerwagen sowie ein besonders sorgfältig gearbeitetes
Pferdegeschirr. Es ist vermutlich über 100 Jahre alt und dürf-
te schon vom Vater Konrad Zempels erworben worden sein.
Die Ackerwagen parkte Konrad Zempel in der Nähe seiner
Wohnung in Hohne. Die Pferde und auch das Pferdege-
schirr stellte er einheimischen Bauern zur Verfügung. Der
bereits erwähnte Teppich lag nach der Flucht noch etwa 15
Jahre in der Wohnung von Konrad und Ruth Zempel. Später
haben ihn die Kinder und Enkelkinder zum Spielen benutzt.
In Westdeutschland arbeitete der Gutsbesitzer Zempel als
Landarbeiter. Auf Grund seines Alters und mehrerer Ver-
letzungen war er häufig arbeitslos. In Hohne war man nicht
zu Hause. Er gehörte zu den Gründern der Vertriebenen-
organisationen und war ehrenamtlich als Vertriebenenbe-
treuer tätig. In ihrem neuen Wohnort hat sich die Familie
nie als integriert gefühlt. Das Pferdegeschirr hatte jahrelang
immer griffbereit im Schuppen gehangen. Falls man wieder
nach Hause fahren könnte, sollten es gleich zur Hand sein.
Nur Ruth Zempel knüpfte durch die Kirchengemeinde und
den Landfrauenverein Kontakte mit Einheimischen. So sind
auch alle fünf Kinder spätestens nach dem Studium in an-
dere Regionen gezogen. Als ein Sohn von Konrad Zempel,
Friedrich Zempel, 1997 seinen Lebensmittelpunkt in Sach-
sen fand, brachte er auch Teile des Fluchtgepäcks mit – dar-
unter auch das Pferdegeschirr.
Friedrich Zempel
FUNDSTÜCK
Das ausgebreitete Pferdegeschirr

image
15
___________________________
___________________________
Die Herrnhuter Brüdergemeine gründete im Laufe des
18. Jahrhunderts mehrere Siedlungen in Schlesien, von de-
nen vier bis Kriegsende 1945 existierten und eine besondere
Form deutschen Kultur- und Wirtschaftslebens entwickel-
ten. Die Autoren fragten, was es mit diesem spezifischen
Erbe deutscher Kultur auf sich hat und was davon eventuell
geblieben ist bzw. wie es um den Umgang mit diesem Erbe
heute in Polen bestellt ist. Teil 1 (Gnadenberg) erschien in Jg.
8 (2018), Nr. 3; Teil 2 (Gnadenfrei) in Jg. 9 (2019), Nr. 1; Teil
3 (Neusalz); in Jg. 10 (2020), Nr. 1.
Teil 4: Gnadenfeld
Pawłowiczki ist auf den ersten Blick ein nichtssagendes
Dorf, gelegen an einer Durchgangsstraße, mit einigen we-
nigen alten Häusern und Neubaublöcken aus den 1960er
Jahren. Es gibt einen Supermarkt, eine Bushaltestelle und
einen Spielplatz. An der Hauptstraße steht eine Büste zu
Ehren des polnischen Dichters Adam Mickiewicz. Wer
nicht weiß, dass sich hier einst eine Niederlassung der
Herrnhuter Brüdergemeine befunden hat, einer ehemals
sehr einflussreichen evangelischen Freikirche, kann das
an den vorhandenen Gebäuden nicht ablesen.
Pawłowiczki war die einzige Herrnhuter-Siedlung in
Oberschlesien. Der Ort liegt in einem ethnisch gemisch-
ten Gebiet. Hier, im früheren Landkreis Cosel (Koźle),
lebten Einwohner polnischer, deutscher und tschechi-
scher Sprache. Viele Familien polnischer Abstammung
hatten sich aber für eine deutsche Identität entschieden.
Bei der Volksabstimmung 1921 stimmten rund 60 Pro-
zent der Einwohner für die Zugehörigkeit zum Deutschen
Reich. 1945 kam auch dieser Teil Oberschlesiens zu Po-
len. Doch hier führten die Behörden nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs keine so radikale Vertreibung durch.
Wer sich als „Autochthoner“ einstufen ließ, durfte bleiben
und erhielt die polnische Staatsbürgerschaft. Als der po-
litische Druck nachließ, bekannten sich viele Einwohner
wieder zu ihren deutschen Wurzeln. Heute kann in Ge-
meinden mit mehr als zwanzig Prozent deutscher Bevöl-
kerung Deutsch zur zweiten Amtssprache erklärt werden.
Zahlreiche Ortschaften um Pawłowiczki haben das getan,
was man an den zweisprachigen Ortschildern am Orts-
eingang sehen kann. Die Gemeinde Pawłowiczki könnte
ebenfalls zweisprachige Ortstafeln aufstellen lassen, hat es
aber bisher nicht getan. Vielleicht liegt das daran, dass im
namengebenden Hauptort der Gemeinde keine Einwoh-
ner deutscher Herkunft mehr leben. Außerdem wurden
die einstigen Herrnhuter nicht als „Autochthone“ aner-
kannt und vollständig vertrieben.
Gnadenfrei war die letzte Siedlungsgründung der Herrn-
huter in Schlesien. Nachdem 1743 die Ortsgemeinen Gna-
denberg, Gnadenfrei und Neusalz entstanden waren, be-
mühten sich die Herrnhuter, auch in Oberschlesien Fuß zu
fassen. Ein erster Siedlungsversuch in Rösnitz (Rozumice)
bei Leobschütz (Głubczyce) scheiterte. Dass es dann doch
zu einer Ansiedlung kam, ist Ernst Julius von Seidlitz zu
verdanken, der bereits die Kolonie Gnadenfrei gründete.
Er kaufte 1766 für seinen Sohn Christian Friedrich von
Seidlitz das Gut Pawlowitzke. Anhänger der Brüderge-
meine, die Seidlitz nach Oberschlesien begleiteten, errich-
teten erste Handwerkerhäuser. 1777 überließ der Gutsherr
das Terrain um seinen Gutshof der Brüdergemeine, doch
erst 1780 erfolgte die offizielle Gründung der Ortsgemei-
ne Gnadenfeld.
Die Siedlung folgt einem rechtwinkligen Raster. Zwischen
der Hauptstraße von Cosel nach Leobschütz und einer
Parallelstraße wurde ein rechteckiger, begrünter Platz
angelegt. In der Mitte stand der Kirchensaal mit dem
Predigerhaus. An den Schmalseiten des Platzes wurden
Brüderhaus und Schwesternhaus angeordnet. An den
Längsseiten standen Wohnhäuser sowie die Knaben- und
REPORTAGE
Auf Spurensuche:
Herrnhuter Siedlungen in Schlesien
Ansicht von Gnadenfeld, um 1820
© ZKG

image
image
16
___________________________
die Mädchenanstalt. In den Seitenstraßen sowie an der
Hauptstraße errichtete man weitere Wohn- und Wirt-
schaftsgebäude. Hinter dem Schwesternhaus führte eine
Lindenallee zu dem axial angeordneten Gottesacker.
Gnadenfeld war die einzige Niederlassung der Herrn-
huter in einer katholischen Umgebung – denn in Ober-
schlesien hatten die Habsburger die Gegenreformation
durchsetzen können. Die Siedlungsgründung geschah in
der Erwartung, Glaubensflüchtlinge aus dem nahen Böh-
men aufnehmen zu können. Dazu kam es nicht, weil nach
dem Toleranzpatent 1781 die lutherische und reformierte
Konfession in der Habsburgermonarchie zugelassen war.
Gnadenfeld verzeichnete daher kein größeres Wachstum
und blieb eine kleine Handwerkersiedlung. Von überregi-
onaler Bedeutung war jedoch das Theologische Seminar
der Brüdergemeine, das sich hier über hundert Jahre, von
1818 bis 1920, befand. Aus der Töpferei der Brüderge-
meine entwickelte sich eine Ofenfabrik, die „Gnadenfel-
der Kacheln“ fertigte. Die Brüdergemeine hatte 1783 die
Domäne Pawlowitzke zum Geschenk erhalten. Brüder
und Schwestern arbeiteten deshalb auch in der Land- und
Forstwirtschaft.
Bis 1850 hatte allein die Brüdergemeine das Recht, über
den Zuzug von Einwohnern zu entscheiden. Nachdem
diese Beschränkung aufgehoben war, siedelten sich auch
Nichtbrüderische an. 1905 gehörte nur noch jeder zweite
Einwohner der Brüdergemeine an.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das verkehrsgünstig gelegene
Gnadenfeld zur „Lazarettstadt“ ausgebaut. Bis zu 320 Ver-
wundete wurden in dem kleinen Ort durch das Deutsche
Rote Kreuz und Schwestern der Brüdergemeine gepflegt.
Als im Januar 1945 die Rote Armee näher rückte und die
Front nur noch wenige Kilometer entfernt war, begann
die Evakuierung. Die Verwundeten im Lazarett wurden
abtransportiert, die Verantwortlichen der Unitätsbetriebe
luden alle wichtigen Unterlagen in LKWs und fuhren gen
Westen. Frauen und Kinder flüchteten ins nahe Sudeten-
land. Die arbeitsfähigen Männer mussten allerdings trotz
Räumungsbefehl in Gnadenfeld bleiben. Nachdem sich
die Front mehrere Wochen lang nicht bewegt hatte, starte-
te die Rote Armee im Morgengrauen des 15. März 1945 ei-
nen schweren Angriff. Da Gnadenfeld nahe der Frontlinie
lag, wurde der Ort stundenlang mit Artillerie beschossen.
Die Granaten machten aus Gnadenfeld ein Ruinenfeld.
Als die Sowjets einmarschierten, war der historische Orts-
kern nahezu vollständig zerstört. Nur noch ausgebrannte
Mauern zeigten an, wo sich einst der Kirchensaal und die
anderen Gebäude der Brüdergemeine befunden hatten.
Die deutschen Bewohner, die das Kriegsende in der Nach-
barschaft überlebt hatten, versuchten, sich in den Ruinen
neu einzurichten. Doch die polnischen Behörden wiesen
die Bewohner deutscher Sprache aus. Dafür kamen ab Juli
1945 Neusiedler in den Ort. Sie stammten vorwiegend
aus dem Osten Polens, der an die Sowjetunion gefallen
war. Es dauerte mehrere Jahre, bis die Ruinengrundstü-
cke beräumt waren. Beim Neuaufbau nahm man keine
Rücksicht auf die besondere Vergangenheit Gnadenfelds.
Anstelle des Kirchensaals wurde ein Flachbau errichtet, in
dem ein Lebensmittelgeschäft eingerichtet war. In das ein-
zige Gebäude am Kirchplatz, das unzerstört geblieben war,
zog die Gemeindeverwaltung. Noch heute befindet sich
hier der Sitz der Gmina Pawłowiczki. Auf dem Grund-
stück des Schwesternhauses errichtete man eine Schu-
le. Der Gottesacker verwilderte. Nur einige Alleebäume
zeigen seine einstige Lage an. Das Grundstück ist jedoch
überwuchert, Grabsteine sind nicht mehr zu erkennen.
Nur in einem Fall kam es zu einer bemerkenswerten Wei-
ternutzung: Das Gasthaus der Brüdergemeine, das „Ge-
meinlogis“, blieb Gastwirtschaft, und in der Gaststube
wurde weiterhin Bier ausgeschenkt. Noch heute wird an
dem gut erhaltenen Gebäude des 18. Jahrhunderts – mit
Toreinfahrt in den Innenhof und Freitreppe – für Brax-
Bier geworben. Allerdings ist die Kneipe vor einigen Jah-
ren geschlossen worden. Auch in Polen ist ein Niedergang
des ländlichen Raumes zu bemerken. Junge Leute ziehen
in die größeren Städte, Geschäfte schließen und Gebäude
stehen leer.
Die Erinnerung an die Herrnhuter Brüdergemeine ist in
Pawłowiczki, früher Gnadenfeld, vollkommen erloschen.
Selbst wenn sich das eines Tages ändern sollte: Eine Wie-
derentdeckung des Herrnhuter Erbes fällt schwer, denn es
sind kaum noch Orte und Gebäude vorhanden, an denen
sich diese Vergangenheit ablesen lässt.
Dr. Matthias Donath und Dr. Lars-Arne Dannenberg
Knabenanstalt, heute Gemeindeverwaltung
Gemeinlogis, bis vor wenigen Jahren Gasthof
© ZKG
© ZKG

image
17
___________________________
___________________________
VERMISCHTES
Am 28. Juli 2020 trafen sich der Vorsitzende und einige
Vertreter der LM Schlesien/ LV Sachsen mit dem säch-
sischen Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler,
Dr. Jens Baumann, zu einem „Arbeitsgespräch“ im Innen-
ministerium. Dabei wurden mehrere Projektvorschläge
der LMS auf eine Realisierung geprüft. Es kamen u.a. die
laufenden und zukünftigen Einsätze auf den ehemaligen
evangelischen Friedhöfen in Giersdorf bei Bunzlau, Sibyl-
lenort und Schreiberhau zur Sprache. Weitere Ideen be-
trafen die Teilnahme am „Tag der Sachsen“ sowie einem
zukünftigen Büro in Görlitz. Ein weiterer lang gehegter
Wunsch der LM Schlesien ist die Bereitschaft, bei der Re-
vitalisierung des Schlossparks in Sibyllenort mitzuwirken.
Hier wurden verschiedenen Ansätze und Möglichkeiten
besprochen. Dr. Baumann stimmte mit uns überein, dass
Sibyllenort ein geschichtsträchtiger Ort Sachsens und ein
passendes Verbindungsglied zu Schlesien ist. In Sibyl-
lenort starb 1932 der letzte sächsische König Friedrich
August III. So wurden wir uns einig, die verantwortli-
che Gemeinde Langewiese (Długołęka) zu kontaktieren
und ein Interesse an einer Zusammenarbeit zu erfragen.
Frau Koziolek-Beier übernahm diese Aufgabe und stieß
mit unserer Bereitschaft zur Partnerschaft in Langewiese
auf offene Ohren. Die Gemeinde lud uns darauf hin zu
einem
B
esuch
am
14.
S
eptemb
er
nach
Siby
l
lenor
t
ein.
Eine Delegation unter Leitung des Bürgermeisters Woj-
ciech Błoński empfing Dr. Baumann und uns, als Vertreter
der LM Schlesien, im Schlosspark zu einem ausgiebigen
Rundgang. 2019 wurde der Park, ehemals 23.000 Hektar
Fläche, in einem ersten Abschnitt revitalisiert. Nach 1945
verwilderte er völlig und diente vor allem als Müllkippe
und Spekulationsobjekt. Jetzt entstanden zwei große Spiel-
plätze, ein Labyrinth, Sportplätze, Liegewiesen mit Ruhe-
bänken, Plätze für Angler an den Wasserläufen und dem
ersten wiederhergestellten Teich. Die eingefassten Wege
säumen Informationstafeln, die leider nur in der Landes-
sprache verfasst sind. Der Park spricht somit viele junge
Familien an und wird sicher zukünftig für die Einwohner
Breslaus ein lohnendes Ziel werden. Schließlich liegt Si-
byllenort vor der Haustür der schlesischen Hauptstadt.
Der Bürgermeister erläuterte seine weiteren Ausbaupläne
für den Park. Dazu gehört ein Komplex mit Hotel, Gast-
stätten, Biergarten, der aber in der Hand der Gemeinde
bleiben soll und verpachtet wird. Außerdem warten noch
weitere Parkflächen auf die Revitalisierung. Ein großer
„Schandfleck“ ist leider unübersehbar. Die Schlossres-
te des ehemaligen „Schlesischen Windsor“ und das da-
zugehörige Grundstück bieten einen traurigen Anblick.
Die genannte Fläche befindet sich in privater Hand. Am
Anfang der 1990er Jahre an einen Italiener verkauft, ging
das Grundstück über drei weitere Besitzer jetzt an einen
Breslauer Eigentümer. Die Gemeinde möchte dieses gern
Sibyllenort (Szczodre):
Sächsisch-schlesische Geschichte
wieder in ihren Besitz bringen und auch dort investieren.
Im übriggebliebenen Theaterflügel des Schlosses könn-
ten dann Eigentumswohnungen entstehen. Außerdem
gibt es Pläne, ein paar Anbauten im Stil des ehemaligen
Schlosses zu realisieren. Sechs Prozent des ehemaligen
Schlosses sind mit dem Theaterflügel also noch sichtbar.
So kann man die wahre Größe dieses verlorenen Schlos-
ses nur erahnen. Solange das Schlossgrundstück noch in
privater Hand ist, können die Ideen der Gemeinde und
auch unsere Vorschläge zur Gestaltung der Fläche nicht
umgesetzt werden. Gedacht hatten wir an eine große
Informationstafel, die die ehemalige Größe des Schlos-
ses zeigt, oder auch die Hilfe bei der Rekonstruktion des
großen Springbrunnens an der ehemaligen Schlossmitte.
Laut Aussage des Bürgermeisters würden alle erforderli-
chen Leitungen noch vorhanden und funktionstüchtig
sein. Im Park befindet sich noch ein paar weitere Denk-
male. Ein Kriegerdenkmal des ersten Weltkrieges steht im
Wald in der Nähe des Besucherparkplatzes. Die Tafeln mit
den Namen der Gefallenen und weitere Teile wurden ent-
fernt. So steht nur noch der Obelisk. Im Teil des Parkes,
der dem Staat gehört, findet man auch das Denkmal für
König Albert I. von Sachsen, was ihm seine Frau Carola an
seinem Lieblingsplatz anlässlich seines Todes 1902 errich-
ten ließ. Auch dieses Denkmal und sein Umfeld sind stark
restaurierungsbedürftig. Das wäre als ein Projekt unserer
Landsmannschaft mit Hilfe von Fördermitteln des Frei-
staates denkbar.
Friedemann Scholz
Bürgermeister Wojciech Błoński (4. von rechts), Dr. Jens Baumann (5.
von rechts), Friedemann Scholz (6. von rechts), Silvia Koziolek-Beier (3.
von links) und Vertreter der Gemeinde und der LM Schlesien/LV Sach-
sen vor dem Denkmal für König Albert I. („Carolakreuz“)

image
image
18
___________________________
Schömberger Würstchen
Kulinarisch hat Schlesien viele Spuren hinterlassen. Erin-
nert sei nur an das Schlesische Himmelreich oder an Op-
pelner, Jauersche oder auch schlesische Weißwürste. Aber
was hat es mit den „Schömberger Würstchen“ auf sich?
Auf meine Anfrage erfuhr ich viel von manch altem Schle-
sier. Insbesondere Herr Schaal war mit seinen 99 Jahren
eine wahre Wissensgrube, der so plastisch erzählte, dass
man die originalen Schömberger förmlich zu schmecken
glaubte.
Die originalen „Schömberger“ sind eine Art Bockwurst,
aber kleiner, und kommen immer paarweise auf den Tel-
ler. Das Besondere aber ist, dass sie über Tannenzapfen ge-
räuchert wurden. Erfunden hat diese Art der Zubereitung
1834 Bernhard Springer, dessen Fleischerei sich gleich
am Markt Nr. 16 in Schömberg (heute Chełmsko Śląskie)
befand. In einer Beilage zum „Landeshuter Tageblatt“
(Schlesische Heimat. Monatsblätter für Heimatfreunde
und Heimatstolz, Nr. 8/1934) wird des 100-jährigen Ge-
burtstages der Würstchen und seines Erfinders Springer
gedacht. Nach anderer Überlieferung war es der Schöm-
berger Fleischermeister Reinhold Hoffmann, ebenfalls am
Markt Nr. 11 ansäs-
sig. Letzterer hatte
freilich in der Flei-
scherei Springer ge-
lernt. Rasch wurden
die Würstchen ein
Markenzeichen der
Stadt. Alle ansässi-
gen Fleischereien
boten sie an und
verschickten sie in
alle Welt. Die Flei-
scherei Hoffmann
spielte hier offenbar
eine dominieren-
de Rolle. Nach der
Vertreibung aus
der Heimat soll die
Familie zunächst
nach Kanada aus-
gewandert sein, ehe
die Fleischersfrau
mit einer Tochter
nach Deutschland
zurückkehrte. Das
Rezept der origina-
len „Schömberger
Würstchen“ wusste nur die Chefin und der Obergeselle.
Die Nachfahren führten bis 2014 in Walsrode eine Flei-
scherei. Ernst Hoffmann und später Reinhard, ein Enkel
von Reinhold Hoffmann, produzierten dort auch Schöm-
berger Würstchen, wenngleich in den letzten Jahren nur
noch für den Eigenbedarf. Eine größere Produktionsmen-
ge lohnte wegen des aufwändigen Verfahrens und der ho-
hen Kosten nicht. Mit Ernst Hoffmann, der 2014 verstarb,
ging auch das Familienrezept verloren, denn er hatte es
nie aufgeschrieben, und sein Sohn Reinhard Hoffmann
kannte es nicht mehr im Detail.
Auch die Witwe des letzten Schömberger Fleischermeis-
ters Springer konnte mit Hilfe des Landeshuter Arbeits-
kreises ausfindig gemacht werden. Sie lebt hochbetagt in
Leipzig. Ein Rezept zum „Schömberger Würstchen“ konn-
te auch sie leider nicht verraten. Dafür ließ sie mir durch
ihre Enkelin die beiden Abbildungen zukommen.
Insofern wäre es interessant zu erfahren, ob vielleicht doch
noch irgendwo das Rezept der originalen Schömberger
Würstchen aufzutreiben ist. Heute verkauft zwar Adam
Antas in den 12-Apostel-Häusern vor Ort die Würstchen,
eingeschweißt zum Mitnehmen, aber ob es sich um die
originale Rezeptur handelt, bleibt fraglich. Es gibt also
noch viele Geheimnisse um die schlesische Küche: Wel-
che Besonderheit verbirgt sich beispielsweise hinter den
„Schweidnitzer Kellerwürsten“? Haben sie etwas mit dem
Gasthaus „Schweidnitzer Keller“ im Breslauer Rathaus zu
tun? Vielleicht wissen Sie es ...
Friedemann Scholz
Postkarte aus Schömberg

image
19
___________________________
Am 17. September 2020 fanden sich ca. 35 Personen aus
Dresden, Pirna und Coswig in der Gaststätte „Alte Säge“
zu einem gemütlichen Beisammensein ein. Die Kreisgrup-
pe der Landsmannschaft Dresden hatte zum 3. Mal diesen
Schlesischen Nachmittag organisiert. Wie alljährlich hat
der Wirt und Vorsitzende der Kreisgruppe Falk Pusch den
Nachmittag mit schlesischem Kuchen und einem audio-
visuellen Vortrag gut vorbereitet. Obendrein gab es eine
musikalische Überraschung mit dem Duo „Basteifüchse“,
welches die Teilnehmer mit Liedern der verlorenen Hei-
mat und aus der Sächsischen Schweiz erfreute.
Anwesend war auch de Vorsitzender der Landsmann-
schaft Schlesien in Sachsen, Friedemann Scholz. Herr
Pusch berichtet in seinem Vortrag über die Aktivitäten
der Landsmannschaft in Schlesien zur Wiederherrichtung
alter deutscher Friedhöfe, z.B. in Brückenberg und der
Parkanlage von Sybillenort.
Schlesischer Nachmittag in Wehlen
Herr Kühn aus Pirna bereicherte das Programm mit Ge-
dichten in schlesischer Mundart und fand viel Beifall.
Trotz seines hohen Alters beherrscht er die Sprache seiner
Kindheit hervorragend und versteht s auch ,andere dafür
zu begeistern. Leider geht dieses Können immer mehr
verloren.
Mit dem Wunsch, im kommenden Jahr wieder beisam-
men zu sein, ging das Treffen zu Ende, dann hoffentlich
ohne Coronabeschränkungen.
Wir bedanken uns bei Falk Pusch für die freundliche Auf-
nahme und die spendierte „Runde“ Juchhaanlasoft, das
die Mitglieder des Chores „Heimatmelodie“ mit dem Lied
„Viel hundert Surten Medizin, die gib`s wull uf der Welt“
honorierten. Auch das Honorar für die Basteifüchse wur-
de vom Wirt gesponsert.
Helga Philipp
BdV Kreisverband Dresden
Das Duo „Basteifüchse“ in Aktion, September 2020

image
20
___________________________
1. Wo liegen
ihre familiären
Wurzeln?
Ich stamme aus
Herrmannsdorf
im Kreis Bres-
lau und wurde
1932 als jüngstes
von 14 Kindern
geboren. Mein
Vater, Wilhelm
Nikoleizig, hatte
ein Kohlenge-
schäft in Herr-
mannsdorf.
2. Wann und wie sind Sie nach Sachsen gekommen?
Mein Vater wurde im April 1945 erschossen. Meine Mut-
ter, meine Schwestern und ich wurden im Juni 1946 von
den Polen ausgewiesen. Wir mussten uns in Breslau in der
Jahrhunderthalle einfinden, unser Gepäck wurde kontrol-
liert und geplündert. Dann kamen wir in Viehwaggons; in
jedem Wagen waren 60 Personen. Wohin es ging, wussten
___________________________
Weihnachten in Sibirien
Das Weihnachtsfest erfordert nicht nur von den Müttern
gewaltigen Leistungen, sondern kann auch unter Männern
ungeheure Kräfte freisetzen. Das hat einmal mein Onkel
Paul erlebt. Onkel Paul wurde 1902 in der Heimat unserer
Familie im Posener Land geboren. Die Gnade der späten Ge-
burt schützt ihn davor, im Ersten Weltkrieg als Soldat einge-
zogen zu werden. Bei Kriegsende konnte er eine Lehrerausbil-
dung beginnen. Weil die Heimat unserer Familie 1919 in den
neu gegründeten polnischen Staat integriert wurde, musste
er Polnisch lernen und eine polnische Staatsprüfung ablegen.
Inzwischen gab es aber genügend junge Polen mit einer Lehr-
amtsbefähigung. Daher bekam er keine Anstellung als Lehrer.
Dennoch sollte ihm seine polnischen Sprachkenntnisse spä-
ter von großem Nutzen sein.
Polen und Russen verbindet seit Jahrhunderten eine innige, tief
empfundene Abneigung. In der Politik gibt es nämlich keine
Nächstenliebe, sondern nur eine Übernächstenliebe. Russen
und Deutsche lieben sich, weil Polen dazwischen liegt. Polen
und Franzosen lieben sich, weil Deutschland dazwischen liegt.
Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht. Aber trotz
aller gegenseitigen Abneigung haben Russen und Polen viele
Gemeinsamkeiten, zum Beispiel in der Sprache. Wer Polnisch
spricht, kann sich im täglichen Leben mit Fantasie und Ein-
fühlungsvermögen auch mit Russen verständigen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Onkel Paul zur Reichswehr ein-
gezogen und an der Ostfront eingesetzt. Kurz vor Kriegsen-
de geriet er in sowjetische Gefangenschaft. Er war schweren
Misshandlungen ausgesetzt, unter denen er sein ganzes Leben
lang litt. Während des Marsches in die Gefangenschaft über-
legten die russischen Soldaten, ihn in den Graben zu legen
und sterben zu lassen. Als er sie auf Polnisch ansprach, kam
ein Offizier auf die Idee, ihn als Dolmetscher einzusetzen. Er
durfte sich weiter mitschleppen und wurde unter ständigen
Schlägen mit den Gewehrkolben bis in ein Straflager in Sibi-
rien getrieben.
Am Heiligabend 1945 wurde sein Lager von einem Gebiets-
komitee besucht, zu dem auch Frauen gehörten. Der Lager-
kommandant ließ die Gefangenen antreten und befahl, die
Internationale zu singen. Onkel Paul übersetzte. Die Gefan-
genen schwiegen zunächst. Plötzlich begann einer, der hinten
stand, eine bekannte Melodie zu summen. Langsam stimm-
ten die andern erst leise und dann immer lauter ein und es
erklang „Stille Nacht, heilige Nacht“. Der Chef des Gebietsko-
mitees fragte, was das für ein Lied sei. Onkel Paul antwortete:
„Das
ist ein bekanntes deutsches Arbeiterlied.“
Als das Komitee abgerückt war, tobte der Lagerkommandant,
denn er hatte verstanden, dass in diesem Lied weder von Klas-
senkampf noch von Revolution die Rede war. Er schrie den
Onkel an, warum er nicht ein anderes Lied habe singen lassen.
Der antwortete: „Um uns zum Schweigen zu bringen, hätten
Sie alle erschießen müssen. Wie wollen Sie ohne Gefangene
die Arbeitsnorm erfüllen.“ Der Kommandant schwieg.
Friedrich Zempel
wir nicht. Der Transport endete in Freital. Anschließend
waren wir in einem Lager in Pirna und kamen von dort mit
einem Schiff nach Meißen. Auf dem Gelände der Jutespin-
nerei im Triebischtal lebten wir nochmals in einem Lager.
Am 14. August 1946 wurden 31 Personen aus diesem Lager
nach Niederjahna bei Meißen gebracht. Ich war 13 Jahre alt.
Aufgrund des Krieges und der Umstände der Nachkriegs-
zeit habe ich insgesamt nur vier Jahre die Schule besucht.
3. Wie wurden Sie aufgenommen? Ist die Integration
gelungen?
Das erste, was ich hörte, war: „Zigeunerpack, macht euch
hin, wo ihr hergekommen seid!“ Wir erhielten ein Zimmer
bei Familie Thielemann, die selbst sehr arm war und uns
trotzdem herzlich aufgenommen hat. Später habe ich den
Sohn von Thielemanns geheiratet. Ich bin schnell heimisch
geworden und habe mich immer wohl gefühlt. Ich bin für
vieles dankbar, und mein Glaube hat mich getragen.
4.Was bedeutet für Sie Heimat?
Heimat ist hier, in Niederjahna. Nach Herrmannsdorf
wollte ich nicht zurück, obwohl ich den Ort mehrmals be-
sucht habe.
Dora Thielemann aus Niederjahna
NACHGEFRAGT

image
image
21
___________________________
___________________________
Erhalt der dortigen alten evangelischen Langhans-Kirche.
Am 19. und 20. Juni 2020 trafen sich 12 Helfer zum Ar-
beitseinsatz. Nachdem im vorigen Herbst die Sichtachse
und der vordere Teil des Friedhofs beräumt und wieder-
hergestellt wurde, begann eine Gruppe dieses Mal mit dem
hinteren Stück. Die zweite Gruppe legte die Friedhofsmau-
er im Außenbereich zur Straße frei. Hunderte wildgewach-
sene Bäumchen, Gestrüpp, Büsche mussten mit der Motor-
säge gefällt werden. Diese schwere Arbeit fand teilweise im
strömenden Regen (Sonnabend) statt. Es gelang, eine große
Fläche vom hohen Bewuchs zu befreien, die Ruine der ehe-
maligen Aussegnungshalle kam zum Vorschein. In dem Be-
reich sind auch deutlich mehr Grabsteine stehen geblieben,
als im vorderen Teil mit den größeren Grabanlagen. Was
uns bei der Arbeit immer wieder begegnete und verstörte,
waren die aufgebrochenen Grüfte, teils mit Gebeinen, teils
mit Schutt oder Grabsteinen verfüllt. Gott sei Dank besin-
nen sich die jetzigen Bewohner verstärkt auch auf die deut-
sche Geschichte ihres Ortes.
Friedemann Scholz
Arbeitseinsatz „Evangelischer Friedhof Giersdorf“im Juni 2020
ERINNERUNG
Mitglieder des LV
der LM Schlesien
und der „Schlesi-
erfreunde“ verab-
redeten kurzfristig
einen Termin zur
weiteren Wieder-
herstellung des
alten evangeli-
schen Friedhofes
in Giersdorf bei
Bunzlau. Unter-
stützung erhielten
wir von Margit
Kempgen von der
„Kirchlichen Stif-
tung ev. Schlesien“
und Eleni Ioan-
nidou, Mitglied
der deutsch-polni-
schen Stiftung zum
Ruine der Aussegnungskapelle, Juni 2020
Gedenkstein in Hinterhermsdorf enthüllt
Am 5. September 2020 wurde vor über 100 Teilnehmern
ein Dank- und Gedenkstein in Hinterhermsdorf enthüllt.
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Ju-
gendgruppen beiderseits der Grenze. Der Gedenkstein
wurde aus Spenden finanziert und vom Bund mit geför-
dert. Initiiert hatte ihn die Sudetendeutsche Landsmann-
schaft, die damit einerseits an die sudetendeutschen Ver-
treibungsopfer 1945 erinnern will, andererseits auch an
diejenigen, die ihnen hier in Hinterhermsdorf in der Not
halfen, obwohl sie selbst nur wenig hatten. Beeindruckend
war die Rede des damals 16-jährigen Zeitzeugen Kittel,
der sich für die Errichtung des Denkmals besonders ein-
gesetzt hatte und dabei beim Oberbürgermeister der Stadt
Sebnitz, Mike Ruckh, auf offene Ohren stieß. Auch der
stellvertretende tschechische Bürgermeister der Nachbar-
gemeinde Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice) hielt ein
Grußwort. Der Beauftragte für Vertriebene und Spätaus-
siedler, Dr. Jens Baumann, erinnerte in seinem Grußwort
daran, dass die Vertriebenen nicht nur Bittsteller waren,
sondern am Aufbau Sachsens tatkräftig mitgeholfen ha-
ben, dass es auch ihretwegen heute so liebens- und le-
benswert ist. Heimat zu haben ist ein Grundbedürfnis
eines jeden Menschen; erst ein Heimatgefühl ermöglicht
bürgerschaftliches Engagement für die Gemeinde und für
das Land. Der Gedenkstein ist auch dafür, für ein solches
Engagement, ein gelungenes Beispiel.
Einweihung der Gedenkstätte in Hinterhermsdorf gemeinsam mit Ober-
bürgermeister Mike Ruckh
© Jens Baumann

image
22
___________________________
Unsere Sudetendeutsche Ortsgruppe Dresden ist eine so
wunderbare kleine Schicksalsgemeinschaft. Wir treffen
uns monatlich, und immer kommen auch fast alle. Zum
festen Programm gehört seit einigen Jahren auch der Be-
such des „Waldfriedhofs am Lilienstein“.
In unserer letzten Verbandszeitung Nr. 27 steht mein Be-
richt von 2019 zur historischen Erklärung der Gedenkstät-
te. Aber für Neuleser möchte ich kurz eine Info geben. Der
„Waldfriedhof am Lilienstein – Waltersdorf“ wird von der
Deutschen Kriegsgräberfürsorge betreut. Er ist Teil eines
ehemaligen Barackenlagers, das 1945 für vertriebene Sude-
tendeutsche errichtet worden war, von denen damals 146
an Hunger und Entkräftung starben und auf der proviso-
risch im Wald angelegten Bestattungsstätte ihre letzte Ruhe
fanden. Der Waldfriedhof steht unter der Verwaltung des-
Nationalparks Sächsische Schweiz. Für die Pflege und Auf-
sicht gilt unser besonderer Dank dem Revierleiter, Herrn
Tröber.
Nachdem wir früher Rhododendron, Blumengestecke
und Lavendelheide zum ehrenden Gedenken für die da-
mals umgekommenen Sudetendeutschen mitgebracht
hatten, war es dieses Mal auf Wunsch von Herrn Tröber
ein Dauergesteck. Auf der Schleife steht: „Im Gedenken –
Sudetendeutsche Ortsgruppe Dresden“.
Unser Gedenken am Waldfriedhof galt nicht nur den 1945
dort unter Heimatverlust und Krankheit Verstorbenen.
Dieses Jahr hatte unser Gedenken am Waldfriedhof noch
einen anderen Akzent; ich wollte den Fokus nicht nur auf
die Tragik der Verstorbenen von 1945 lenken, sondern mit
der Aussage von Historikern und Politikern „Nun schon
im vorigen Jahrhundert...“ einen größeren Bogen schlagen,
nämlich auf die 15 Millionen Deutschen, die im vorigen
Jahrhundert, vor 75 Jahren aus ihrer Heimat vertrieben
wurden oder sie in Flucht verlassen haben.
Wir sind eine Volksgruppe, die es fast nicht mehr gibt, von
der niemand mehr redet. Ich habe schmerzlich festgestellt,
wie viele Mitglieder wir aus unseren Dresdener Ortsgrup-
pen seit 1992 schon verloren haben ... Alles Zeitzeugen, die
mit ergreifenden, eigenen Erlebnissen in unseren Veranstal-
tungen berichtet haben. Sie sind für immer verstummt…
Aber unsere Mahnung bleibt: „Nie wieder Krieg, Vertrei-
bung, Heimatverlust!“, wie es in der Charta der deutschen
Heimatvertriebenen von 1950 heißt.
Renate
Has
er
t
Waldfriedhof am Lilienstein (Waltersdorf)
„Nun schon im vorigen Jahrhundert...“
Gedenken auf dem Waldfriedhof am Lilienstein

image
23
___________________________
Bereits im November 2019 hatten wir mit dem Bürger-
meister der Gemeinde Schreiberhau (Szklarska Poręba),
Mirosław Graf, einen Arbeitseinsatz zur Revitalisierung
des evangelischen Friedhofs vereinbart. Aufgrund der
coronabedingten Einschränkungen klappte es erst vom
18.-20. September 2020. Vor dem Arbeitsbeginn begrüß-
ten uns Mitarbeiter des Kulturzentrums. Der zuständi-
ge Leiter des Betriebsamtes übergab uns erforderliche
Werkzeuge und Arbeitsmittel. Zwei Großcontainer für
den Baumschnitt wurden ebenso bereitgestellt. Bis zum
frühen Nachmittag waren die Container schon befüllt. So
arbeiteten wir bis nach 17 Uhr, unterbrochen von einem
Mittagsimbiss mit Getränken in der nahegelegenen „Iser-
baude“.
Gespannt erwarteten wir am Sonnabend 10 Uhr die offi-
zielle Eröffnung des Friedhofseinsatzes durch den Bürger-
meister. Über die Resonanz waren wir positiv überrascht,
denn einige Mitarbeiter der Gemeinde und mehrere Ein-
wohner waren dem Aufruf gefolgt, und so fanden sich ge-
gen 10 Uhr ca. 20 Freiwillige auf dem Friedhof ein. In sei-
ner kurzen Ansprache dankte er uns für unsere Initiative.
Durch diesen gemeinsamen Einsatz geht auch ein starkes
Zeichen an die zuständigen Denkmalpfleger, die endlich
mehr für den Erhalt und die Restaurierung des Friedhofs
tun sollten. Unser Mitglied Robert Wollny übernahm die
Rolle des Dolmetschers und stellte unsere Gruppe den
polnischen Teilnehmern vor. Als Gastgeschenk über-
brachten wir dem Bürgermeister ein großes rundes Brot
mit der Verzierung „Danke“ in polnischer Sprache, außer-
dem je einen Klecks-, Streusel-, Mohn- und Heidelbeer-
kuchen für die gesamte Gemeinde. Nun konnte auch die
untere Hälfte des Friedhofs in Angriff genommen werden.
Auf diesem Teil wurden im Anschluss ebenfalls schon
erste Grabsteine freigelegt und geborgen. Manchmal fan-
den wir auch die ursprünglich auf dem Grab angebrach-
ten gusseisernen Grabstellennummern. Mit Hilfe dieser
werden wir im vorhandenen Grabstellenbuch
(http://jbc.
jelenia-gora.pl/publication/27789/edition/25956/grabstel-
lenbuch-im-original-von-nieder-schreiberhau-dokument-
elektroniczny?language=pl) von Nieder-Schreiberhau nach
den zugehörigen Namen suchen. Jeder neu geborgene
Stein wurde nach seiner Reinigung begutachtet. Sie zeig-
ten uns Namen und oft auch die Berufe der Verstorbenen.
Apotheker, Doktor, Fuhrwerksbesitzer, Gastwirt, Hotel-
besitzer, Glasschleifermeister, Glaspacker, Prokurist, Pos-
tagentin, Hotelbesitzer, Bäcker, Fleischer, Hausbesitzer,
Landwirt, Kaufmann und sogar den Rentenempfänger.
Während des Arbeitseinsatzes bekamen wir Besuch von
einem 1939 in Schreiberhau geborenen Herrn. Er nahm
sechs Stunden Autofahrt auf sich, um an diesem Tag dabei
Enthüllung des Denkmals durch Bürgermeister Leberecht (r) und Mitini-
tiator Dietmar Kugel am 19. September 2020
Denkmal für die Opfer
von Flucht und Vertreibung in Lohsa enthüllt
Am 19. September 2020 wurde im Beisein des Beauftrag-
ten für Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sach-
sen, Dr. Jens Baumann und des Vorsitzenden des Lan-
desverbands, Frank Hirche, durch den Bürgermeister der
Gemeinde Lohsa, Thomas Leberecht, und den Mitinitiator
Dietmar Kugel in Lohsa feierlich ein Denkmal zur Erinne-
rung an die Opfer von Flucht und Vertreibung eingeweiht.
In und um Lohsa, vor allem im Ortsteil Steinitz, fanden vie-
le Vertriebene eine neue Heimat! Neben zahlreichen Spen-
dern wurde die Errichtung des Denkmals von der Seen-
landstiftung sowie dem Beauftragten für Vertriebene und
Spätaussiedler gefördert. Das Denkmal wurde von Mar-
tina Rohrmoser-Müller und ihrem Ehemann geschaffen.
Es zeigt eine leidende Mutter mit Kleinkind auf dem Arm
sowie einen stilisierten Handwagen, das vermutlich meist-
gebrauchte Transportmittel für die wenigen Habseligkeiten,
die auf die Flucht mitgenommen werden konnten.
Initiative für Erhalt und Revitalisierung des evangelischen
Friedhofs in Nieder-Schreiberhau
Grenzübergreifende Zusammenarbeit der LM Schlesien und
Schlesierfreunden mit der Gemeinde Schreiberhau
© Jens Baumann

image
24
___________________________
Der evangelische Friedhof in Nieder-Schreiberhau
___________________________
ZUM SCHMUNZELN
Brauereien in Stettin
sein zu können. Sehr emotional und dankbar verfolgte er
unsere Arbeiten. Gegen 15 Uhr endete der Arbeitseinsatz
offiziell. Anschließend brutzelten Würste auf dem Grill
an der Iserbaude. Es entwickelte sich eine lebhafte Unter-
haltung zwischen den polnischen und deutschen Helfern.
Als einige nach der Verabschiedung noch einmal auf den
Friedhof zurückkehrten, überraschte uns ein Anwohner
eines benachbarten Grundstücks mit der Übergabe einer
zerbrochenen Grabtafel, die bei ihm viele Jahre auf dem
Boden lagerte. Eine andere Bewohnerin informierte über
einen Grabstein auf ihrem Dachboden.
Zunächst möchten wir uns beim Sächsischen Staatsminis-
terium des Innern mit dem sächsischen Beauftragten für
Vertriebene und Spätaussiedler, Herrn Dr. Jens Baumann,
für die erstmalige Förderung unseres Projektes herzlich
danken. Ein Riesendank gilt unserem Mitglied Armin
Hübner, dem Hübner-Bäcker aus Horka, der den Kuchen,
die Wochenendverpflegung und das Begrüßungsbrot
spendierte. Und damit wir etwas auf der „Bemme“ haben,
stellte uns unser Mitglied Roberto Pusch Wurstwaren aus
der eigenen Produktion seines Hofladens zur Verfügung.
Ein besonderer Dank gilt unserem Mitglied Robert Woll-
ny für seine professionelle Kontaktaufnahme mit der Ge-
meinde Schreiberhau, seiner perfekten Organisation bei
unserem Aufenthalt und seinen Diensten als Übersetzer.
Ein großer Dank gilt dem Bürgermeister Mirosław Graf
und seinen Mitarbeitern für ihre Gastfreundschaft und
die gute Zusammenarbeit. Wir sind uns an dem Wochen-
ende nähergekommen und auf dem Weg, verlässliche
Freunde zu werden.
Friedemann Scholz
In Westdeutschland gab es bis in die Sechzigerjahre in den
Schulen einmal im Jahr eine „Ostdeutsche Woche“, in der
mittel- und ostdeutsche Themen behandelt werden soll-
ten. Die Qualität dieses Unterrichts war recht unterschied-
lich. Sie hing weitgehend von dem jeweiligen Lehrer ab.
Bei der Wahl der Themen hatten die Lehrer anscheinend
große Freiheit. Unsere schwarzmeerdeutsche Lehrerin be-
handelte die Leistungen der Deutschen in Russland, der
aus Ostpreußen stammende Lehrer Ostpreußen.
In der Oberstufe bekamen wir für Geographie und Ge-
meinschaftskunde einen Lehrer aus Pommern. Erwar-
tungsgemäß ging für ihn Pommern über alles in der Welt.
Das hätte uns nicht gestört, aber „Jimmy“, so nannte er
sich selbst, war - gelinde gesagt - etwas seltsam.
Um unsere Aufmerksamkeit zu wecken, imitierte er den
Chemielehrer aus dem Film „die Feuerzangenbowle“. Mit
zunehmendem Alter wurde sein Gesicht zerfurchter und
sein Rollenspiel immer glaubhafter. Von Klassenfahrten
war bekannt, dass er die „Gerstenkaltschale“ schätzte und
die Schüler unter den Tisch trinken konnte.
Geographie und die anderen geisteswissenschaftlichen
Fächer wurden an unserem naturwissenschaftlichen
Gymnasium nicht besonders ernst genommen. Daher
hatten wir keine Hemmungen, den Geographieunter-
richt bei Jimmy als Spaßveranstaltung zu betrachten. Die
„Ostdeutsche Woche“ bildete keine Ausnahme. Mit dem
Beginn des elften Schuljahres war ich neu in die Klasse ge-
kommen. Das hatte Jimmys pädagogisches Konzept gehö-
rig durcheinander gebracht. Der Sohn des Schuldirektors,
ein sympathischer ausgezeichneter Schüler, besuchte die
gleiche Klasse und Jimmy wollte keinen anderen Schüler
genauso gut benoten. Also musste er die Konkurrenten,
zu denen auch ich gehörte, ausschalten. So kam es, dass
Jimmy in der ersten Stunde der ostdeutschen Woche mich
aufforderte: „Nenne
mir Brauereien aus Stettin!“
Bei Stet-
tin fiel mir alles mögliche ein: die Hakenterrasse, die hier
geborenen Zarinnen Katharina von Anhalt-Zerbst und
Sophie Dorothee von Württemberg, der Generalfeldmar-
schall von Wrangel und das Herzogsgeschlecht der Grei-
fen, die die Hohenzollern zum Erbe eingesetzt hatten, der
Hafen, die Autofabrik Stoewer usw. Aber Brauereien aus
Stettin kannte ich nicht. Ich wusste jedoch, dass manche
Brauereinamen häufig vorkommen. Also log ich ganz
frech: „In
Stettin gab es mehrere Brauereien unter anderem
die Ratsbrauerei, die Schlossbrauerei und die Hansebraue-
rei“.
Jimmy war überrascht. In seinem Feuerzangenbowle-Jargon
erklärte er: „De
Jonge is goat. Er weiß mär als der Lährer.“
Friedrich Zempel

image
25
___________________________
___________________________
Wir gratulieren unserem langjährigen Vorsitzenden des
Landesverbandes Sachsen zu seinem 70. Geburtstag,
wünschen Ihm und seiner Gattin Valeria, die diesen Mei-
lenstein wenige Wochen zuvor erreichte, zu diesem run-
den Jubiläum alles Gute, vor allem Gesundheit und die
Motivation, noch lange aktiv für die Interessen unseres
Verbandes und aller Deutschen aus Russland einzutreten.
Florian ist wie ein „nimmermüdes Stehaufmännchen“
mit dem Herzen und dem Mundwerk am rechten Fleck.
Er hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden für un-
sere Mitglieder und Landsleute, tritt aber auch unrecht-
mäßigen Forderungen mutig entgegen. Niederlagen sind
für ihn nichts Apokalyptisches oder Endgültiges, sondern
nur der Start zum erneuten Anlauf in Richtung Ziel. Das
macht ihn auch so sympathisch und spiegelt seine Aner-
kennung nicht nur in unserem Wirkungskreis wider. Ganz
zu schweigen von seiner Hilfsbereitschaft, für die ihn sein
breiter Freundeskreis als unersetzlich schätzt.
Diese, ihn auszeichnenden Eigenschaften, scheinen sei-
nem Erbgut zu entstammen. In der Ausgabe 6/2007 ff.
würdigte „Volk auf dem Weg“ das Lebenswerk seines
Vaters, David Braun, und die leidvolle, schicksalsschwe-
re Geschichte der Familie Braun, die mit mehrmaligem
Verlust des gesamten Hab und Guts verbunden war. Der
Weg führte sie von der ersten Vertreibung aus der Wol-
garepublik 1929 über den Nordkaukasus zurück in die
Wolgarepublik, um in den 1930er Jahren erneut nach
Weißrussland vertrieben und wieder in die Heimat zu-
Florian Braun wird 70
WIR GRATULIEREN
rückzukehren zu dürfen. Das ersparte ihnen auch nicht
die Deportation 1941 nach Sibirien, wo Florian 1950 nach
seinem Bruder Adolf in Kuraginski unter Kommandantur
(Deutsche durften ohne Genehmigung nicht von Dorf zu
Dorf gehen, um Verwandte zu besuchen) geboren wur-
de. Ihnen folgten noch drei weitere Geschwister, Amalia,
Hans und Lidia.
„Die
Kinder erlebten am eigenen Leib wie [die] Erwachse-
nen die Verspottungen und Beschimpfungen jener Zeit. ‚Fa-
schistenschweine‘ und ‚deutsche Schweine‘ nannte man uns.
Und ganz gebräuchlich waren Sprüche wie: ‚Euch müsste
man totschlagen‘. Obendrein wurden die Kinder oft verprü-
gelt und angespuckt.“
Trotzdem gingen sie ihren Weg.
1959, nach Florians 2. Klasse zog die Familie nach Kirgi-
sien in das Dorf Oktjabrskoje, einen Ort, wo mehr Deut-
sche lebten. Dort konnte sein Vater sogar zusammen mit
Gleichgesinnten eine Gruppe mit dem Namen „Deutsche
Landsmannschaft“ gründen und die Hoffnung aufglim-
men lassen, ein neues autonomes Gebiet für die Deutschen
aus Russland zu finden, die aber bald jäh zerschlagen wur-
de. Florian beendete in dieser Zeit seine Schulausbildung
und absolvierte ein Geologiestudium in Verbindung mit
einer Ausbildung zum Berufskraftfahrer.
Für die Eltern und die Familie war damit klar, dass sie eine
Zukunft nur in der Heimat ihrer Ahnen, in Deutschland,
haben konnten. Folglich stellten sie 1965 einen Antrag auf
die Ausreisegenehmigung. 1969 zogen sie deshalb in die
Hauptstadt Kirgisiens, Frunse (heute Bischkek), weil man
aus den Dörfern keine Antworten auf Ausreiseanträge be-
kam. Zehn Jahre lang versuchten sie dies über einen Ver-
wandten, der nach dem Krieg in Deutschland geblieben
war, leider vergebens.
Florian absolvierte in dieser Zeit seinen Wehrdienst und trat
danach seinen Job als Geologe an. Dabei ereilte ihn eine er-
neute Einberufung als Reservist. Danach war ihm ein landes-
weiter Einsatz als Geologe versagt, so dass er seinen Lebens-
unterhalt als Kraftfahrer bei der Dringlichen medizinischen
Hilfe verdiente. Mit der Familie, seinen Eltern und Geschwis-
tern, beteiligte er sich an Demonstrationen der Deutschen,
was wiederum mit Restriktionen verbunden war.
In dieser Zeit fand er aber auch seine große Liebe, Valeria,
die er 1974 heiratete und die ihm bis heute treu und unter-
stützend zur Seite steht, ihm zwei in Deutschland mittle-
rer Weile erfolgreiche Kinder zur Welt brachte, die ihnen
vier Enkel schenkten.
Zunächst in Kirgisien gab es nur noch einen Wunsch der
Familie – in Deutschland leben zu wollen. Dazu erfuhren
sie 1976, dass eine Halbschwester des Vaters in Karl-Marx-
Stadt (Chemnitz) lebte. So entschieden sie, in die DDR
auszuwandern. Dazu kam nunmehr im Oktober 1977 die
Ausreisegenehmigung für die Eltern und die Familien der
drei Söhne. Die Töchter, die inzwischen verheiratet waren
und nicht mehr im Haushalt der Eltern lebten, mussten
noch einige Jahre länger warten. Darüber hinaus war vor
allem der Vater großen Schikanen am Arbeitsplatz ausge-
Florian Braun

26
___________________________
setzt. Ihr Hab und Gut mussten sie zu Schleuderpreisen
veräußern, so dass kaum etwas übrigblieb.
Endlich aber, am 15. März 1978, kamen Florian mit seiner
schwangeren Valeria und neun weitere Familienangehörige,
darunter die Eltern, in Karl-Marx-Stadt an. „Willkommen-
sein“ wurde ihnen nicht vermittelt. Sie wurden als Russen
wahrgenommen, erhielten eine Starthilfe von 300,- DDR-
Mark und eine heruntergekommene Wohnung, um die sie
von den Einheimischen auch noch beneidet wurden. Nun
ging‘s wieder von „Null“ los, mit ähnlichen Beschaffungspro-
blemen im Lebensalltag wie sie schon bisher bekannt waren.
Die Arbeit als Geologe blieb Florian auch hier verwehrt,
weil ein Einsatz nur in der Sowjetisch-Deutschen Wismut
AG möglich gewesen wäre, die ihn aber als Verräter ge-
genüber seinem Herkunftsland betrachteten. So verdingte
er sich als Berufskraftfahrer beim Kraftverkehr Chemnitz
und lernte auf diese Weise seine neue Heimat kennen, in
die er sich mit seiner kleinen Familie schnell einlebte. Sie
waren auf deutschem Boden, hatten deutsche Erde unter
den Füßen und lernten nach und nach auch neue Freunde
kennen. Sie fühlten sich angekommen.
Mit dem Jahr 1990 und der Wiedervereinigung Deutsch-
lands stellten sich neue Herausforderungen. Während
Flucht und Vertreibung in und nach dem Zweiten Welt-
krieg in der DDR kein Thema waren, galten jetzt plötzlich
für alle die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland und
auch das Bundesvertriebenengesetz und die damit verbun-
denen Regelungen – aber leider nur mit Abstrichen. Dazu
kamen jährlich Hundertausende von deutschen Aussied-
lern aus der ehemaligen UdSSR und anderen osteuropäi-
schen Staaten. In den Alt-Bundesländern gab es schon seit
jeher den Bund der Vertriebenen und die LmDR.
Das war auch für Florian das Zeichen, sich jetzt im alten
neuen Sachsen zu organisieren. So war er von Anfang an
ehrenamtlich dabei, eine Ortsgruppe der LmDR in Chem-
nitz aufzubauen, Neuankömmlinge zu unterstützen und
zu beraten. Nicht zufällig war die Ortsgruppe Chemnitz
1991 die erste in Sachsen. Dazu fand sich ein großer Kreis
von Aktiven, dem natürlich auch sein Vater mit seinen
Erfahrungen und sein Bruder Adolf, der sich mit an die
Spitze stellte, angehörten. Unterstützt wurde dieser Pro-
zess durch den Bundesvorstand der LmDR, so dass es re-
lativ kurzfristig zur Bildung von Ortsgruppen in Dresden
und anderen Städten von Sachsen kam, die dann einen
Landesverband formieren und wählen konnten.
Florian ließ sich in seinem Engagement für die LmDR
bis zum Eintritt ins Rentenalter weder durch den Verlust
seiner Arbeit 1992, infolge Insolvenz seines Arbeitgebers,
eine Umschulung zum Klempner/Installateur noch sei-
ne spätere Tätigkeit in einer Hausverwaltung nicht be-
einträchtigen. Im Gegenteil, seit 2005 in Folge wurde er
immer als Landesvorsitzender der LmDR wiedergewählt,
repräsentiert die LmDR in den Landesorganisationen des
BdV sowie der OMV als geschätztes Mitglied. Mit dem
nunmehr seit fünf Jahren erreichten Rentenalter sind die
Belange der Deutschen aus Russland sein ehrenamtlich
„hauptberufliches“ Betätigungsfeld.
Das Vermächtnis seines Vaters ist Florian Ehre und Ver-
pflichtung. Er ist ein Kämpfer für die Gerechtigkeit ge-
genüber den Deutschen aus Russland und deren Gleich-
stellung zur Residenzbevölkerung sowie innerhalb und
zwischen den Bundesländern. Das betrifft insbesondere
Ziele, wie die Rentengerechtigkeit hinsichtlich der Ab-
schaffung der ungerechtfertigten Deckelung der (Spät-)
Aussiedlerrenten, den Abbau nach wie vor bestehender
Hemmnisse bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen,
auch im Vergleich zu anderen Zuwanderern, die schritt-
weise Reduzierung der Niveauunterschiede bei den Rah-
menbedingungen der Organisationsstrukturen der LmDR
zwischen den Bundesländern (gegenwärtig werden diese
durch die Praxis der Fördermittelvergabe eher vergrößert
– seit 10 Jahren werden Anträge aus Sachsen ständig ab-
gelehnt!), die Gleichstellung der Spätaussiedlerorganisati-
onen gegenüber anderen Migrantenorganisationen und
die Installierung von Ansprechpartnern für Vertriebene
und (Spät-)Aussiedler in den kreisfreien Städten und
Landratsämtern außerhalb der Migrantenreferate o. ä.,
analog den Beauftragten für Vertriebene und (Spät-)Aus-
siedlern bei den Landesregierungen, die Entwicklung der
Begegnungszentren zu Multiplikatorenzentren für die
Gewinnung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen im
Betreuungsprozess durch den Freistaat, die Einrichtung
von MbE für (Spät-)Aussiedler, mindestens in allen Städ-
ten über 500.000 Einwohnern, also Leipzig in Sachsen
durch das BAMF mit Unterstützung des BV der LmDR
sowie die Schaffung von Sozialberatungs- und Betreu-
ungszentren für Spätaussiedler in den Oberzentren durch
den Freistaat.
Dabei kann Florian eine positive Bilanz in Sachsen zie-
hen. Nach nunmehr 15 Jahren ununterbrochener Amts-
zeit als Landesvorsitzender in Sachsen ist es ihm und
seinem Team gelungen, in der vorangegangenen Legis-
laturperiode in Sachsen einen Beauftragten für Vertrie-
bene und Spätaussiedler der Staatsregierung berufen zu
lassen, im Vorstand des Landesverband der Vertriebenen
und Spätaussiedler Sachsen/Schlesische Lausitz (BdV
Sachsen) erstmalig einen vom LV der LmDR nominier-
ten stellvertretenden Vorsitzenden zu etablieren, in den
Regionalzentren Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie
in Hoyerswerda vom Land finanziell geförderte Begeg-
nungszentren gemeinsam für Vertriebene und Spätaus-
siedler zu schaffen, einen Dachverband der sächsischen
Spätaussiedler mit Unterstützungs- und Betreuungskapa-
zitäten für die Spätaussiedlerstrukturen aller Ebenen zu
schaffen und die Regionalverbände Dresden und Leipzig
sowie Chemnitz beantragt wie auch Erfurt in Thüringen,
die sich zum Landesverband Sachsen bekennen, als Ein-
satzstellen im Bundesfreiwilligendienst zu etablieren.
Dafür möchten wir Florian recht herzlich danken. Das
spricht für seine nach vielen Ablehnungen immer wieder
ungebrochene Motivation und das Vermögen, sein Team
nach Niederlagen erneut aufzubauen. Nicht zuletzt ist das
auch Ausdruck für sein über Jahre erworbenes Vertrauen
bei den politischen Entscheidungsvorbereitern und Ent-
scheidern, was sich auch in den Interviews der nunmehr
Sozialministerin, Petra Köpping und des Beauftragten für
Vertriebene und Spätaussiedler, Dr. Jens Baumann, die in
„Volk auf dem Weg“ erschienen, widerspiegelt.
Dr. Manfred Hellmund

image
27
___________________________
Der Nothelfer aus Leipzig
Dr. Manfred Hellmund zum 70.
Es hat sich – wohl seit vielen Jahrhunderten – in Deutsch-
land eingebürgert, verdienten Persönlichkeiten erst zu
danken, wenn sie keine Verdienste mehr erwerben kön-
nen. Der Dank ist damit fast eine Art Abschied nach dem
Motto aus Schillers „Verschwörung des Fiesko“: „Der Mohr
hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehen.“ Diese Sit-
te ist eine Unsitte. Daher hat mich der Landesvorsitzende
des Landesverbandes Sachsen der Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland, Florian Braun, gebeten, anläss-
lich des 70. Geburtstag von Dr. Manfred Hellmund ein
paar Dankesworte zu veröffentlichen. Ich will dieser Bitte
nachkommen, denn der Jubilar hat sich seit vielen Jahren
als aktiv und unersetzlich erwiesen.
Aktiv und unersetzlich ist Manfred Hellmund vor allen
Dingen für die Deutschen aus Russland in Sachsen. Er
selber bzw. seine Familie haben keine russlanddeutschen
Wurzeln. Das ist gut so! Wenn man selbst nicht Angehö-
riger der Gruppe ist, um die man sich bemüht, kann man
viel neutraler mit den Betroffenen kommunizieren und
viel objektiver und nachdrücklicher ihre Anliegen vertre-
ten. Man muss kein Wal sein, um für die Rechte der Wale
eintreten zu können.
Seit 2006 ist Dr. Hellmund Geschäftsführer des Deutsch-
Russischen Zentrums in Leipzig im Ehrenamt. In dieser
Eigenschaft hat er den Deutschen aus Russland in Leipzig
geholfen, sich zu organisieren und zu integrieren. Sehr
schnell hat der Landesvorsitzende erkannt, wie wertvoll
seine Hilfe in Leipzig ist und sie zunehmend auch für den
Landesverband in Anspruch genommen. Durch sein Stu-
dium der Betriebswirtschaft, während der Promotion und
danach als wissenschaftlicher Oberassistent an der Uni-
versität Leipzig hat er umfangreiche betriebswirtschaftli-
che theoretische Kenntnisse erworben. Bereits zum Ende
seines Studiums und in der nachfolgenden Berufstätigkeit
konnte er seine theoretischen Kenntnisse um vielfältige
praktische Erfahrungen in unterschiedlichen Unterneh-
men im In- und Ausland erweitern. Nach einer langen
wissenschaftlichen und beruflichen Karriere können hier
nicht alle Stationen aufgezählt werden. Für seine Tätigkeit
als „Nothelfer“ der Deutschen aus Russland sind vor al-
len Dingen seine Lehrtätigkeit als Honorardozent in der
Weiterbildung an verschiedenen Ingenieurschulen und
bei der Gesellschaft Urania von Bedeutung. Hilfreich war
auch, dass er sich wissenschaftlich und praktisch mit Pro-
duktionsabläufen und dem Personaleinsatz befasst hat.
Nach der Wiedervereinigung lag der Schwerpunkt seiner
Tätigkeit im Controlling sowie der Management- und
Marketingberatung.
Seine großen theoretischen und praktischen betriebswirt-
schaftlichen Kenntnisse waren aber nicht die einzigen
Voraussetzungen, die ihn zum Nothelfer prädestinier-
ten. Aufgrund seiner Abstammung, mütterlicherseits aus
Pommern und väterlicherseits von der deutschen Minder-
heit aus Slowenien, hat er auch die erforderliche Empathie
mitgebracht, damit die Deutschen aus Russland ihn als
ihren Fürsprecher anerkennen.
Empathie ist in der Zusammenarbeit mit Spätaussiedlern
besonders wichtig. Dies ist aus ihrem Schicksal zu erklä-
ren. Einerseits haben sie in ihren Herkunftsländern dar-
unter gelitten, dass die Menschenrechte viel weniger be-
achtet wurden als bei ihren Verwandten in Deutschland.
Wegen dieser Benachteiligungen wurden sie zur Aussied-
lung genötigt. Sie empfinden es als eine Beleidigung, wenn
sie als Russen bezeichnet werden. Andererseits fühlen sie
sich durch abfällige Bemerkungen über ihre Herkunfts-
länder, über die sie viel mehr wissen als die deutschen
Normalbürger, verletzt. Denn trotz aller Benachteiligun-
gen kennen sie auch die positiven Seiten – beispielsweise
die großartige russischen Kultur, die sich mit den Leistun-
gen der westeuropäischen Völker messen lassen kann. Sie
haben mehr Gastfreundlichkeit erfahren als in Deutsch-
land. Die meisten von ihnen sind emotional so betroffen,
dass sie außer Stande sind, dieses differenzierte Bild ohne
innere Erregung zu vermitteln. Manfred Hellmund dage-
gen versteht es, nachdrücklich und trotzdem verbindlich
Vorurteile und abfällige Bemerkungen zurückzuweisen.
Es wird niemand wundern, dass auch andere erkannt ha-
ben, wie wertvoll das Engagement von Dr. Manfred Hell-
mund sein kann. Im April 2017 wurde er in den Stiftungsrat
der Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration“ bestellt.

image
28
___________________________
___________________________
WIR GEDENKEN
zahlreiche Treffen für Vertriebene in seinem Heimatort.
Bei den Veranstaltungen warteten die Teilnehmer stets
gespannt auf die selbst erdachten Sketche der beiden in
schlesischer Mundart. Vielen ist Manfred Grandke auch
als Rübezahl in Erinnerung, da er meist in dieser Verklei-
dung auftrat. Vor allem aber war er begeisterter Sänger
und Mundharmonikaspieler. Jedes Chormitglied bekam
zum Geburtstag ein Ständchen gespielt. Am 17. März
2020 ist er verstorben. Er fehlt uns, aber wir sind dankbar
für die miteinander verbrachte Zeit!
Im Namen seiner ehemaligen Mitsänger und Mitsängerinnen
Brigitte Oeser, Schwarzenberg
Abschied von Manfred Grandke
Manfred Grandke (auf der Bank sitzend) bei einem seiner Auftritte als Rübezahl verkleidet
Der ehemalige Heimat- und Trachtenchor des BdV
Schwarzenberg trauert um einen Sänger, der vielen BdV-
Mitgliedern Sachsens nur als „Rübezahl“ bekannt war.
Manfred Grandke war Schlesier! Er wurde am 26. Novem-
ber 1933 in einer Waldenburger Bergmannsfamilie gebo-
ren. Die Familie war 1945 nicht geflohen und wurde auch
nicht während der wilden Vertreibung im Juni 1945 zum
Verlassen der Heimat gezwungen, da sein Vater als Berg-
mann bleiben durfte. Erst 1947 wurde der Vater ausge-
wiesen. Die Familie gelangte nach Zwönitz ins Erzgebirge,
wo sich die Familie an ihre Heimatregion erinnert fühlte.
Manfred Grandke lebte hier bis zu seinem plötzlichen Tod.
Er war ein sehr aktives und engagiertes Mitglied des
BdV, organisierte gemeinsam mit seiner Partnerin Ruth
Seit Februar 2020 ist er auch stellvertretender Vorsitzen-
der der Stiftung. Dem Landesvorstand des Landesverban-
des der Vertriebenen Sachsen/Schlesische Lausitz (LVS)
gehört er bereits seit März 2015 als Beisitzer, mittlerweile
als Stellvertretender Vorsitzender an. Er verantwortet zu-
dem die Internetseite des LVS.
Wenn die Leitung eines Vereins einen neuen Mitarbeiter
gewinnt, wird oft nach dem Hobby gefragt; denn es be-
steht immer die Angst, das Hobby könnte dem Ehrenamt
den Rang ablaufen. Bei Manfred Hellmund besteht die-
se Angst nicht. Zwar ist er ein begeisterter Kleingärtner,
aber wenn man ihn in seinem Garten anruft, hat er immer
Zeit, sich anderen Problemen zuzuwenden. Manchmal
hilft sein diesbezügliches Interesse auch uns, zum Beispiel
wenn man dringend einen Versammlungsraum sucht,
vermittelt er ein Vereinslokal der Kleingärtner.
Lieber Manfred,
ich habe gehört, Du sollst auch ein Fußballfan sein. Ohne Dir
zu nahe treten zu wollen, vermute ich, dass Deine Fußballlei-
denschaft mehr theoretischer als praktischer Natur ist. Das ist
gut so! Vor dem Fernseher sitzend kann man gut dienstliche
Telefonate erledigen. Bereits diese wenigen Zeilen haben ge-
zeigt, dass Du für uns unersetzlich bist. Im Namen der or-
ganisierten Spätaussiedler und Vertriebenen fordere ich Dich
auf: „Mach weiter so, Manfred!“
Friedrich Zempel

image
29
___________________________
___________________________
ersten Gruppen in Sachsen gründen. Horst Braczko ist ein
Mitbegründer der Kreisgruppe Limbach-Oberfrohna. Er
arbeitete die ganze Zeit aktiv im Vorstand unserer Gruppe
mit und brachte viele gute Ideen ein. Horst Braczko baute
eine Scheune um und richtete eine ostpreußische Heimat-
stube ein, wo wir uns zu unseren Vorstandssitzungen bis
heute treffen können. Er war auch ein aktiver Leser der
Preußisch Allgemeinen Zeitung. Innerhalb unserer Grup-
pe wurde viele Beiträge dieser Zeitung ausgewertet und
diskutiert.
Horst Braczko war viele Jahre Leiter der Freiwilligen Feu-
erwehr mehrerer Gemeinden und sang mit seiner Frau
im gemischten Chor Langenberg. Im Chor wurden viele
Heimatlieder gesungen, und zu unseren Veranstaltungen
konnten wir fröhlich mitsingen. Durch diese Aktivitäten
hatte einen hohen Bekanntheitsgrad.
Viele Fahrten mit seiner Familie unternahm er, um seine
Heimat Ostpreußen zu besuchen. Von seiner Heimat hat
er Getreide mitgebracht und auf seinem Feld ausgesät und
nach der Ernte eine echte ostpreußische Erntekrone gefer-
tigt. Er hat alles für seine Landsleute und seine traumhaft
schöne Heimat getan!
Plötzlich und unerwartet verstarben seine Frau und später
auch sein Sohn Uwe. Seine Tochter Ina stand bis zuletzt
ihrem Vater zur Seite und kümmerte sich liebevoll um ihn.
Durch seine ruhige, bescheidene und rücksichtsvolle Art
war er in der Öffentlichkeit beliebt. Für seine großen Ein-
satz erhielt er vom Bundesvorstand der Landsmannschaft
Ostpreußen die silberne Ehrennadel, und von der Landes-
gruppe Sachsen wurde er mit dem Kulturpreis geehrt.
Wir sind in tiefer Trauer, weil wir einen sehr wertvollen
Menschen verloren haben. Es war ihm sehr wichtig, dass
wir in Frieden und ein gutes Miteinander unserer Arbeit
in seinem Sinne weiterführen. In unserem Herzen wird er
ewig weiterleben!
Im Namen des Vorstandes
Hannelore Kedzierski, Chemnitz
Abschied von Horst Braczko
Am 4. April 1928 wurde Horst Braczko in Stanken im
Kreis Lyck in Ostpreußen geboren, am 14. August 2020
ist er verstorben.
Als er 1944 seine Heimat Ostpreußen durch Flucht und
Vertreibung verlassen musste, war 16 Jahre alt. Auf ei-
nem Wagen mit Kindern und Müttern musste er die
Zügel selbst in die Hand nehmen und half den hilflosen
Menschen auf der Flucht den Bombenangriffen zu ent-
kommen. Horst Braczko kam nach der Flucht in Sachsen
an und fand hier eine neue Heimat. Er lernte seine Frau
Brigitte kennen, und sie bekamen zwei Kinder. Er arbei-
tete fleißig und sorgte für seine liebe Familie, auf die er
stolz war. Seien Frau Brigitte lebte auf einem Bauernhof.
Dort half er kräftig in der Landwirtschaft. Seine beiden
Kinder Uwe und Ina waren stolz auf so einen tüchtigen
Vater. Nach der Wende, als es in Deutschland keine Gren-
zen mehr gab, unternahm die Familie Fahrten in die al-
ten Bundesländer. Dort besuchten sie die Gruppen der
Landsmannschaft von Ostpreußen und informierten sich
über deren Arbeit. So bekamen sie Hilfe und konnten die
VERANSTALTUNGEN
Bitte halten Sie sich folgende Termine 2021 frei, aber be-
achten Sie, dass coronabedingte Änderungen auftreten
können:
Am 14. Januar 2021 (Donnerstag), ab 18.30 Uhr wird in
Chemnitz der Neujahrsempfang des Landesverbandes
stattfinden, bitte melden Sie sich bei Frau Florian an.
Am 17. April 2021 (Samstag) ist der Landesverbands-
tag geplant (nähere Informationen folgen noch).
Am 27. Juni 2021 (Sonntag) wollen wir in Reichen-
bach/Oberlausitz das nächste Chöretreffen gemein-
sam mit dem Tag der Heimat in Reichenbach/Ober-
lausitz durchführen. Informationen folgen noch.
Am 12. September 2012 (Sonntag) ist der 8. Sächsi-
scher Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertrei-
bung und Zwangsumsiedlung geplant (nähere Infor-
mationen folgen).
Vom 5. bis 7. November 2021 (Freitag bis Sonntag):
findet die Jahresabschlussveranstaltung des Landes-
verbandes statt (nähere Informationen folgen).
Aktuelle Informationen erhalten Sie auch über
www.smi.
sachsen.de – dort suchen bei Schnelleinstieg, dann bitte
bei Beauftragter weiterlesen.

image
30
___________________________
alles wird sehr langsam,
und oftmals auch lang-
atmig erzählt. Der Au-
tor führt auch zahlreiche
weitere Figuren ein, um
beinahe holzschnittartig
gut und böse, schwarz
und weiß, vorzuzeigen. So
ist Großbauer März, den
alle nur Soldaten-März
nennen, ein übler Schlä-
ger und Schinder. Dass
es sich in diesem Prozess
um eine gesetzlose Ent-
eignung handelte, wird
nicht hinterfragt, konnte
der Autor wohl aber auch nicht, da ihn sonst die Mühlen
des stalinistischen Terrors schon viel eher zermahlen hätten.
Es ist nämlich die Tragik der Geschichte, dass Sawatzky,
der einer im 19. Jahrhundert ursprünglich im Schwarz-
meerraum beheimateten Familie entstammte, dann aber
später im Wolgagebiet wirkte und sich den Kommunisten
anschloss und der Propagandamaschinerie auf schriftstel-
lerischer Ebene zuarbeitete, dann selbst den stalinistischen
Säuberungen Ende der 1930er Jahre zum Opfer fiel, wobei
sein Ende nicht einmal bekannt ist, da sich seine Spur Ende
1938 verliert. Auch sein Manuskript war verschollen. Es ist
dem Spürsinn des Herausgebers Carsten Gansel zu verdan-
ken, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit russ-
landdeutschen Schriftstellern traf, die ihn auf dieses Werk
aufmerksam machten.
Das Nachwort nutzt Gansel zu einem umfangreichen Abriss
der Literatur der Russlanddeutschen und wie es zu dem Pro-
jekt gekommen ist, anstatt der Biografie des Autors nachzu-
forschen und herauszuarbeiten, worin denn nun die Bedeu-
tung von Sawatzkys opus magnum liegt, wie immer wieder
betont wird.
Eine Karte mit den wichtigsten Orten entlang der Wolga,
sowohl auf der Berg- als auch der Wiesenseite im hinteren
Klappendeckel illustriert den Handlungsrahmen.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
___________________________
REINGELESEN
Dieser Roman ist etwas Besonderes! Auch wenn er sprach-
lich nicht nobelpreisverdächtig ist und streckenweise sehr
langatmig die Handlung vor dem Leser ausbreitet, haben wir
hier die authentische Erzählung eines Zeitzeugen der auch
für die Wolgadeutschen gewaltigen Umbruchphase des frü-
hen 20. Jahrhunderts vor uns. Bemerkenswert ist dennoch,
dass die Erzählung gänzlich ohne Zeitangaben auskommt.
Nur durch Hinweise erfährt der Leser, dass der Roman zur
Zeit des Bürgerkriegs 1918/19, dem Ringen zwischen Roten
und Weißen, einsetzt, die Hungerjahre zu Beginn der 1920er
Jahre und dem Aufbau der Schreckensherrschaft der Sow-
jetmacht bis zur Durchsetzung der Sowjetmacht Mitte/Ende
der 1930er Jahre. Dies alles wird erzählt am Beispiel einer
Dorfgemeinschaft sowie anhand des Aufbaus einer Stricke-
reifabrik in einer wolgadeutschen Kleinstadt, die mit Balzer
identifiziert werden kann. Ganz deutlich liest man heraus,
dass es kein leichtes Leben an der Wolga war. Der Steppen-
boden gab nicht immer etwas her. Man bekommt Einblicke
in das entgegen aller Verklärung auch sehr kärgliche Leben.
Entgegen aller Sozialromantik wird deutlich, dass es auch
in den deutschen Dörfern große soziale Unterschiede gab,
von den wenigen reichen Großbauern, den „Kulaken“, über
die allein nicht wirtschaftenden Kleinbauern, die „Batraki“,
bis hin zu den „Udarniki“, die ursprünglich mittellosen Ta-
gelöhner, die sich in völliger persönlicher Abhängigkeit bei
den Groß- und Mittelbauern verdingen mussten. In der So-
wjetunion wandelte sich diese Bezeichnung zu einem Eh-
rentitel für „Bestarbeiter“. Tatsächlich waren die besitzlosen
Udarniki besonders anfällig für die kommunistischen Leh-
ren Lenins. Auch im Roman sind die Sympathien des Autors
eindeutig zugunsten der Udarniki und der Batraki verteilt.
Ja, der ganze Roman ist ein Loblied auf die Bolschewiki und
den Aufbau des Sozialismus bzw. die Sowjetisierung des
Landes. Man erfährt dadurch auch etwas zu den sprachli-
chen Eigenheiten der Wolgadeutschen, ihren Sprichwörtern
oder die mitunter etwas andere Grammatik, oder dass man
sich im Dorf mit „Vetter“ anredete, auch zu den Ess- und
Speisegewohnheiten.
Das monumentale Werk von über 1.000 eng bedruckten Sei-
ten kommt völlig ohne Bilder und Kapiteleinteilungen aus.
Es ist die (Liebes-)Geschichte des aus ärmlichsten Verhält-
nissen stammenden Heinrich Krempel und der Elly Kraus,
die eigentlich eine Enkelin des einst vermögenden Fabrik-
besitzers Karl Eduardowitsch Benkler ist. Die Schicksale
der Protagonisten sind auf geheimnisvolle Art miteinander
verwoben. Heinrichs Vater Friedrich Krempel hatte sich in
den Wirren des Bürgerkriegs den Roten angeschlossen, vor
denen der reiche Benkler flieht und dabei seine Enkelin Elly
verliert. Diese wächst bei einer mittellosen Familie auf. Jahre
später führen die Wege der beiden in der im Aufbau begrif-
fenen Spinnerei „Clara Zetkin“, die ausgerechnet auf dem
Gelände der Benkler‘schen Fabrik entsteht, zusammen. Das
Gerhard Sawatzky: Wir selbst, hrsg. und mit einem
Nachwort versehen von Carsten Gansel, Galiani Ver-
lag Berlin 2020, ISBN 978-3-86971-204-8, 1081 Sei-
ten, 13 Fotos, 1 Karte, Hardcover, 36,00 Euro
Agnese Bergholde-Wolf: Adliges Leben im Bal-
tikum. Herrenhäuser in Estland und Lettland/
The Life of the Baltic Nobility. Manor Houses in
Estonia and Latvia, hrsg. v. Deutsches Kultur-
forum östliches Europa, Potsdam 2020, ISBN
978-3-936168-87-7, 110 Seiten mit zahlreichen
Abbildungen, Softcover, 9,80 Euro
Sabine Bock: Herrenhäuser in Estland/Moisad
Eestis, Thomas Helms Verlag Schwerin 2020,
ISBN 978-3-944033-29-7, 128 Seiten mit zahlrei-
chen Fotos und Karten, Hardcover, 24,80 Euro

image
31
___________________________
Lange hat es gedauert, bis sich im Baltikum, vorwiegend
in den Staaten Estland und Lettland, ein Verständnis für
die kulturellen Werte der Schlösser und Herrenhäuser
entwickelt hat, von denen noch immer viele das Land-
schaftsbild prägen. Auch in Sachsen hatte es nach der
Wiedervereinigung einige Jahre gedauert, bis die Öffent-
lichkeit das Thema „Schlösser“ unvoreingenommen und
unbeeinträchtigt von der Frage einer Restitution behan-
deln konnte. 2004 fing ich mit der Erfassung der Schlösser
und Herrenhäuser an, und in 16 Bänden wurden 1.114
historische Rittergüter und Schlösser in ihrer Geschichte
und in ihrem heutigen Zustand vorgestellt. Für die bal-
tische Adelslandschaft liegt noch kein vollständiges Ver-
zeichnis dieser Art vor, aber zumindest sind im Jahr 2020
zwei bemerkenswerte Überblickswerke erschienen.
Was Estland und Lettland von Sachsen unterscheidet,
ist der mehrfache geschichtliche Bruch im 20. Jahrhun-
dert. Der Adel überwiegend deutscher Sprache in den
russischen Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kur-
land sah sich bereits 1905 einer gewaltsamen Revolution
ausgesetzt. Aufständische brannten zahlreiche Herren-
sitze nieder oder plünderten sie. In Estland waren 60 %
der Herrenhäuser von den Ereignissen betroffen. Weitere
Zerstörungen folgten im Ersten Weltkrieg, als deutsche
Truppen die Ostseeprovinzen eroberten. 1919 wurden die
Nationalstaaten Estland und Lettland gebildet. Damit ver-
loren die Deutschbalten ihre jahrhundertelange Machtpo-
sition auf dem Land und in den Städten. Mit einer umfas-
senden Bodenreform erreichten die Regierungen beider
Länder, dass der deutschbaltische Adel enteignet und sein
Land an Bauern estnischer oder lettischer Nationalität
verteilt wurde. Damit entzog man der deutschbaltischen
Ritterschaft ihre wirtschaftliche Grundlage und brach
ihre Machtstellung. Viele Schlösser und Herrenhäuser –
manche von ihnen waren erst 1906 wiederaufgebaut oder
neugebaut worden – wechselten in andere Hände. Man-
che Adelsfamilien behielten ihre Schlösser zusammen mit
einem kleinen Restgut. Der nächste Einschnitt kam 1940
mit der Besetzung durch die Sowjetunion. Laut Hitler-
Stalin-Pakt waren die baltischen Länder der sowjetischen
Einflusssphäre zugefallen. Die Deutschbalten durften ins
Reich ausreisen, mussten aber ihre Immobilien zurück-
lassen. Ähnlich wie in der DDR erfolgte eine Umnutzung
der Schlösser als Kinderheime, Kolchos- und Gemeinde-
verwaltungen usw. Damit war zwar eine Nutzung vorhan-
den, doch die Bausubstanz verschlechterte sich. Manche
Herrenhäuser verfielen zu Ruinen. 1991 konnten sich die
baltischen Länder vom Machtbereich der Sowjetunion
lösen. Und anfangs hatte man beim Wiederaufbau die-
ser Staaten andere Probleme als die Sicherung baufälliger
Herrenhäuser. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt,
denn die Schlösser und Herrenhäuser sind in den Augen
der estnischen und lettischen Bevölkerung positiv besetzt,
sie werden als Teil des eigenen Kulturerbes empfunden.
„Auch wenn es noch viele Herrenhäuser gibt, die auf ihre
Instandsetzung warten, ist die Zahl derer, die inzwischen
neue ‚Herren‘ und eine neue Nutzung gefunden haben, er-
staunlich groß und sie wächst stetig“, urteilt Sabine Bock.
Beide Neuerscheinungen geben einen eindrucksvollen
Überblick sowohl über die Gebäude des baltischen Adels
wie auch über Geschichte, Kultur und Lebensweise der
deutschbaltischen Adelsfamilien. Sie sind jeweils reich il-
lustriert und enthalten anschauliches Kartenmaterial.
Der Band der in Lettland geborenen Kunsthistorikerin
Agnese Bergholde-Wolf geht auf ein Projekt des Deut-
schen Kulturforums östliches Europa in Potsdam und
des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropafor-
schung in Marburg zurück. Es handelt sich um den Be-
gleitband einer Wanderausstellung, die seit diesem Jahr
durch Einrichtungen in Deutschland tourt. Das Buch
zeichnet sich durch eine gute Mischung von aktuellen,
brillanten Aufnahmen und historischen Bilddokumenten
aus, die aus der Sammlung des Herder-Instituts stammen.
Nach einer Einführung in die Geschichte des Baltikums
und der baltischen Gutshöfe folgt eine chronologisch
geordnete Überblicksdarstellung der Herrenhauskultur,
angefangen von den Burgen des Mittelalters bis hin zu
den Bauten des 19. Jahrhunderts. Im zweiten Teil steht
das Leben auf dem Gutshof im Mittelpunkt. Die Autorin
behandelt an markanten Beispielen den Aufbau der Guts-
höfe einschließlich der Wirtschaftsgebäude und Gärten.
Sie zeigt beispielhaft, wie die Herrenhäuser eingerichtet
waren, wie adliges Selbstverständnis demonstriert wurde
und wie die Gutsarbeiter lebten und arbeiteten. Das letz-
te Kapitel behandelt unter den treffenden Überschriften
„Entbrannter Zorn“, „Baltische Tragödie“ und „Ungelieb-
tes Erbe“ das Schicksal der Gutshöfe von 1900 bis heu-
te. Eine Übersichtskarte zeigt die Landschaften Kurland,
Livland und Estland sowie die heutigen Staatsgrenzen.
Vorbildhaft ist die konsequente Nennung der deutschen
Ortsnamen in Zusammenhang mit dem jeweiligen letti-
schen und estnischen Namen.
Dr. Sabine Bock, die Ehefrau des Verlegers Thomas Helms,
beschränkt sich in ihrem Band auf die Herrenhauskultur in
Estland, die sie sich auf zahlreichen Reisen gemeinsam mit
der estnischen Germanistin Sigrid Parts erschlossen hat.
Diese zeichnet auch für die estnische Fassung des Buches
verantwortlich. Die große Anzahl historischer Adelssitze
in Estland ist durch ein chronologisches Prinzip erschlos-
sen. In Etappen geht es durch die Jahrhunderte in die un-
mittelbare Gegenwart. Jedem Kapitel ist dabei eine sehr
anschauliche Karte vorangestellt, die die politischen Gren-
zen im Baltikum in der jeweiligen Epoche zeigt. Das Werk
zeichnet sich durch brillantes Bildmaterial aus, welches

image
image
32
___________________________
Lust macht, sich sofort auf eine Reise dorthin zu begeben.
Selbst Orte des Verfalls wirken auf den Fotos nahezu ma-
gisch. Eindrucksvoll sind auch die vielen Innenaufnahmen,
die Wand- und Deckenmalereien, Stuckarbeiten, Öfen u. v.
a. m. zeigen. Blättert man durch das Buch, so erfährt man,
wie viele kulturelle Einflüsse in Estland wirksam waren.
Man findet Barockbauten, die so auch in Sachsen hätten
stehen können, russische Holzhäuser wie auch Herrenhäu-
ser im finnischen Jugendstil. Ein Ortsregister erschließt die
behandelten Beispiele. Leider fehlt ein solches Register im
Buch von Agnese Bergholde-Wolf.
Wer mehr über die Lebenswelt des baltischen Adels wis-
sen oder die Landschaften an der Ostsee entdecken will,
dem seien beide Bücher gleichermaßen empfohlen.
Dr. Matthias Donath
Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath:
Heimatwechsel. Deutsche in Russland – Deut-
sche aus Russland in Sachsen. Eine Begleitbro-
schüre zur gleichnamigen Ausstellung
sens erkunden zu lassen,
weshalb sich heute in der
russischen Bergmanns-
sprache viele deutsche
Begriffe finden. Aber auch
weniger freundliche Mo-
mente werden nicht aus-
gespart, wie die russische
Besatzung Sachsens nach
der Niederlage Napoleons
1813/14, was sich 1945,
wenngleich unter gänzlich
anderen Vorzeichen, wie-
derholen sollte.
Ein Schwerpunkt der Aus-
stellung liegt auf den Lebensläufen von Deutschen aus Russ-
land, die nach ihrer Aussiedlung in Sachsen eine neue Heimat
gefunden haben. Deswegen der vielleicht auf den ersten Blick
befremdlich wirkende Titel „Heimatwechsel“, der aber wie
ein „Tapetenwechsel“ die Zerrissenheit und den Wandel von
Heimat, gerade der Deutschen aus Russland, treffsicher wi-
dergibt. Gepaart mit bedeutenden Ereignissen der Geschichte
werden ihre Lebensläufe exemplarisch für das Schicksal Hun-
derttausender erzählt.
Nun ist eine Broschüre zur Ausstellung erschienen, in der
die vielen Informationen nachgelesen werden können.. Ge-
wissermaßen auf späte Spurensuche haben sich die Autoren
der Broschüre begeben, als sie im September 2019 das ehe-
malige deutsche Siedlungsgebiet an der Wolga bereisten, wo
1924 mit der Autonomen Sozialistischen Republik der Wol-
gadeutschen der „erste sozialistische Staat deutscher Sprache“
errichtet worden war. Von ihren Erlebnissen kündet der ab-
schließende Beitrag.
Die Broschüre kann gegen Abgabe einer Spende über die Ge-
schäftsstelle des Landesverbands bezogen werden.
Impressum
Herausgeber:
Landesverband der Vertriebenen und Spätaus-
siedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V., Geschäfts-
stelle: Heinrich-Heine-Straße 6a, 02977 Hoyerswerda, Telefon:
03571/605187, E-Mail: c.florian-lvs@outlook.de
Redaktion:
Dr. Lars-Arne Dannenberg, Tel.: 035795/16010
E-Mail: info@zkg-dd.de
Titelbild:
Blick in die Nikolaistraße von Katharinenfeld, Foto:
Dr. Andreas Bednarek, 2019
Gesamtherstellung:
Zentrum für Kultur//Geschichte,
Dorfstraße 3, 01665 Käbschütztal OT Niederjahna
Diese Zeitschrift lebt von Ihrem Engagement. Artikel und
Beiträge senden Sie bitte an die Redaktion. Übernahme und
Kürzung behalten wir uns vor, wir bitten um Ihr Verständnis.
Es besteht kein Anspruch auf Abdruck eingesandter Beiträ-
ge. Die Autoren tragen die Verantwortung für die Bildrechte
der Abbildungen ihrer Artikel. Namentlich gekennzeichnete
Artikel müssen nicht die Meinung des Herausgebers bzw. der
Redaktion wiedergeben.
Diese Maßnahme wird finanziert mit Steuermitteln auf
Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Land-
tags beschlossenen Haushalts. https://lsnq.de/JensBaumann
Die Verbindungen zwischen Sachsen und Russland reichen
bis weit in das Mittelalter zurück. Eine Ausstellung des Zen-
trums für Kultur//Geschichte hat sich auf Spurensuche be-
geben und dabei schlaglichtartig den Etappen und Zäsuren
nachgespürt. In der frühen Neuzeit gehörte der vormalige
Assessor an der Philosophischen Fakultät der Universität
Leipzig, Adam Olearius (1599-1671), zu den Pionieren. Er war
1633 als Gesandtschaftssekretär einer 126 Mann starken Rei-
segruppe in das Zarenreich aufgebrochen, um Handelsbezie-
hungen mit dem Russischen Reich und weiter bis nach Persien
aufzubauen. Sein 1647 im Druck erschienener Reisebericht,
mit zahlreichen Zeichnungen versehen, erschien in vier Spra-
chen und wurde für das deutsche Russlandbild prägend.
Ein halbes Jahrhundert später war – nicht minder wissbegie-
rig – Zar Peter der Große (1672-1725) den umgekehrten Weg
gegangen und hatte während seiner Entdeckungstour durch
Westeuropa auch Sachsen, insbesondere die Freiberger Berg-
bauregion, gestreift, um schließlich einen der bedeutendsten
russischen Gelehrten, Michail Wassiljewitsch Lomonossow
(1711-1765), in Freiberg die Geheimnisse des Montanwe-