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Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz e. V.
Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen
Jahrgang 11 / Nummer 1
Frühling / Sommer 2021
VERTRIEBENE
UND SPÄTAUSSIEDLER
IN SACHSEN
Spurensuche
in der Gottschee
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Inhalt
Editorial
2
Titel
3
Spurensuche in der Gottschee
3
Nachrichten
5
Interview mit Staatsminister Oliver Schenk
7
Bericht aus den Vorständen von Stiftung und
Landesverband
8
Verleihung Goldener Ehrennadeln des BdV
9
Brief des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet 12
Ein Liederbuch entsteht
13
„Sonnenschein“ in Pandemie-Zeiten
14
Neues aus Knappenrode
14
Fundstück
14
Fluchtwagen aus Schimmerau
15
Reportage
15
Georgien, Tiflis und die Deutschen
15
Vermischtes
18
Volksabstimmung in Oberschlesien 1921
18
Aufruf: Der Klang der Heimat!
18
Aus der Heimat
für die Heimat
19
Katharina Schmidt und Elisabeth Sinowjewa 19
Robert Koch (1843
1910)
Arzt und
Virologe in Wollstein, Provinz Posen
20
Erinnerung
21
75. Jahrestag der Vertreibung der Ungarn-
deutschen
21
Am 27. Januar gedenken wir der Opfer
des Nationalsozialismus
21
Gedenken an 80 Jahre Auflössung der
Wolgarepublik
21
Drei Marjellchens aus Masuren
21
Förderverein Petersgrätz e. V.
22
Königsberg hat eine einzigartige Geschichte
23
Vertriebene Sachsen? Nachtrag zu „70 Jahre
Charta der Heimatvertriebenen“
24
Zum Schmunzeln
24
Strolche aller Länder, vereinigt euch!
24
Wir gratulieren
25
Wir gedenken
28
Veranstaltungen
29
Reingelesen
30
Impressum
32
Liebe Heimatfreunde,
Machen ist wie Wollen, nur krasser – sicherlich kennen Sie
diesen Spruch. Und er gilt jetzt erst recht, denn nach au-
ßen können wir weiterhin unsere Aktivitäten nicht wie bis-
her durchführen. Aber trotzdem lebt unser Verband, gibt
es viele Kontakte über Telefon und E-mail, wird in Knap-
penrode kraftvoll gebaut und innerhalb unseres Verbandes
fleißig publiziert. Die Ihnen vorliegende Zeitung zeichnet
ein lebendiges Bild von unserem Verbandsleben. Und es ist
Licht am Ende des Tunnels – mittlerweile kommt das Imp-
fen in Schwung und so können wir berechtigt auf ein sich
normalisierendes Leben ab Sommer/Herbst hoffen.
Wir wissen aber auch, dass nicht alle unsere Mitglieder bis-
her gut durch die Pandemie gekommen sind. Das bedrückt
uns sehr und unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind
bei ihren Angehörigen. Um so wichtiger erscheint es uns
daher, stets einander gewogen zu sein; für eine freundliche
Seele können wir nämlich selbst sorgen und die brauchen
wir zum Leben und um gesund zu bleiben. Lassen Sie uns
daher stets die gute Absicht hinter dem Tun des anderen zu
sehen und nicht das manchmal vielleicht falsche Wort auf
die Goldwaage legen.
In unserer Zeitung erwartet Sie diesmal ein Interview mit
Herrn Staatsminister Oliver Schenk; wir freuen uns sehr,
dass er so klare Botschaften für unseren Verband fand. Wir
haben auch eine neue Rubrik „Aus der Heimat – für die
Heimat“ eingeführt, in der wir nun in jeder Ausgabe eine
historische Persönlichkeit, die mit einem der ehemaligen
Siedlungsgebiete verbunden ist, vorstellen sowie einen jun-
gen Menschen, der unser Erbe bewahrt und lebendig hält.
Wir hoffen, die Zeitung damit noch interessanter gestalten
zu können. Überhaupt wird unsere Zeitung in Zeiten der
Schutzmaßnahmen zu einer unserer wichtigsten Formen
des Austauschs und des Miteinander. Das erfordert natür-
lich, dass Sie uns über ihre Aktivitäten auf dem Laufenden
halten. Deshalb finden Sie in unserer Zeitung auch nur die
landesweiten Termine.
Liebe Heimatfreunde, wir wünschen Spaß und viele An-
regungen beim Lesen. Bleiben wir uns untereinander und
unserer Sache verbunden.
Herzlichst, Ihr Frank Hirche,
Landesverbandsvorsitzender,
und Ihr Dr. Jens Baumann,
Beauftragter für
Vertriebene und Spätaussiedler
im Freistaat Sachsen
Editorial

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Gottschee? Der Name ist hierzulande unbekannt. Allen-
falls ein paar Historiker oder Germanisten können etwas
mit diesem Begriff anfangen. Geht es um deutsche Sied-
lungsgebiete und um die Vertreibungen, dann ist von die-
ser Landschaft fast nie die Rede. Das liegt wohl auch dar-
an, weil es sich um eine kleine und abgeschiedene Region
handelt, weit entfernt von den europäischen Metropolen,
mit kleinen Bauerndörfern und nur einer namengeben-
den Stadt: Gottschee (slowenisch: Kočevje). Und es hat
damit zu tun, dass die einheimische deutsche Bevölkerung
bereits 1941/42 durch Zwangsumsiedlung des nationalso-
zialistischen deutschen Staates ihre Heimat verlor – und
nicht erst durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.
Die Gottschee liegt im Süden der Republik Slowenien
nahe der Grenze zu Kroatien, etwa eine Stunde Autofahrt
von der Hauptstadt Laibach (Lubljana) entfernt. Es ist eine
Halbkarstlandschaft, geprägt vom Hornwald (Kočevski
Rog), einem bis zu 1100 Meter hohen Waldgebirge, in das
sich breite Flusstäler eingeschnitten haben. Wer heute in
dieser Landschaft unterwegs ist, wird kaum auf Hinweise
darauf stoßen, dass sich hier einst eine deutsche Sprach-
insel befand. Denn es gibt keine offiziellen Ausschilderun-
gen in deutscher Sprache und nur wenige versteckte Hin-
weistafeln, die z. B. auf die nach 1941 zerstörten Dörfer
hinweisen. Wer die Landschaft mit wachen Augen erkun-
den will, benötigt Hintergrundwissen.
Die Gottschee ist ein Teil des historischen Herzogtums
Krain und gehörte ab dem 15. Jahrhundert zum Herr-
schaftsbereich der Habsburger. Zuvor übten die Grafen
von Ortenburg und der Patriarch von Aquileja die Landes-
herrschaft aus. Diese riefen ab dem frühen 14. Jahrhundert
Siedler zur Kolonisierung des unwirtlichen Waldlandes.
Die Zuwanderer kamen aus Kärnten und Osttirol, den
Stammlanden der Ortenburger, doch beteiligten sich auch
slowenischsprachige Siedler. Als der Zustrom aus Kärnten
abbrach, wurden auch Siedler aus Franken und Thüringen
angeworben. Nach alter Überlieferung wird das Jahr 1330
als Beginn der deutschen Besiedlung angegeben. Aus den
Zuwanderern verschiedener Ethnien formierte sich eine
Mischbevölkerung, in der sich ein oberdeutscher Dialekt
als Umgangssprache durchsetzte. Die Gottschee wurde
dadurch zu einer deutschen Sprachinsel – Insel deshalb,
weil das Siedlungsgebiet rundherum von slawischspra-
chigen Gebieten umgeben ist. Der geschlossene deutsche
Sprachraum begann rund 100 Kilometer weiter im Norden
in Kärnten und in der Oberkrain. Das Gottschee-Deutsch
(Eigenbezeichnung: Göttscheabarisch) ist eine südbairische
Mundart, die aufgrund der isolierten Lage des Siedlungsge-
biets eine eigenständige Entwicklung genommen hat. Nahe-
zu alle Konsonanten, Vokale und Umlaute werden anders
ausgesprochen als im Hochdeutschen. So wird e zu a, o zu
einem unbetonten e, b zu p und w zu b. Diese Sprache ist
aber stets nur eine Umgangssprache gewesen, die man nicht
aufgeschrieben hat. Erst im 20. Jahrhundert wurde versucht,
dass Gottscheerisch in Wörterbüchern festzuhalten.
Die Siedler lebten in rund 180 Dörfern. Das Ackerland
musste mühsam dem Hornwald abgerungen werden. Die
Siedlungsfläche machte maximal nur zehn Prozent aus,
der Rest des Gebirgslandes blieb von Wald bedeckt. Die
Menschen lebten von der Land- und Forstwirtschaft –
und vom Wanderhandel. Denn 1492 hatte Kaiser Fried-
rich III. den Bewohnern des Gottscheegebiets in Aner-
kennung erlittener Verluste durch den Einfall der Türken
ein sogenanntes „Hausierpatent“ erteilt. Der Wander-
oder Hausierhandel brachte einen wichtigen Zuverdienst.
Etwa sieben Prozent der Männer brachen im Herbst auf
und transportierten auf Kiepen verschiedenste Waren in
alle Teile des Habsburgerreiches. Gehandelt wurde mit
Haushaltswaren, Glas, Schnitzereien, Südfrüchten, Back-
waren oder türkischem Honig. Etwa zu Ostern kehrten
die Händler in ihre Heimatdörfer zurück. Da das „Hau-
sierpatent“ von 1492 eine Geldzahlung verbot, entwickelte
sich – neben dem Bezahlen mit Geld, das dennoch üblich
war – eine besondere Form des Glücksspiels. Die Händ-
ler boten ein Zahlenlotto an. Ein Interessierter konnte für
den halben Preis der von ihm gewünschten Ware ein Los
kaufen. Gewann er, erhielt er die Ware, verlor er, behielt
der Wanderhändler den Einsatz. Der Handel sorgte da-
für, dass die Gottscheer neben ihrem heimischen Dialekt
oft auch mehrere andere Sprachen beherrschten. Die Be-
wohner des Gottscheegebiets waren gute Katholiken und
loyale Untertanen der Habsburger-Kaiser. Jedoch wehrte
man sich in zahlreichen Bauernaufständen gegen die hohe
Abgabenlast, die der örtliche Grundherr erhob. Das gan-
ze Gottschee-Gebiet gehörte seit 1641 den Fürsten von
Auersperg, die in der Stadt Gottschee eine große barocke
Schlossanlage errichteten. 1791 erhob Kaiser Leopold II.
die Gottschee zum Herzogtum und den Fürsten von
Auersperg zum Herzog
Der moderne Nationalismus, der sich im 19. Jahrhun-
dert in allen Teilen Europas entwickelte, beeinträchtigte
auch das friedliche Zusammenleben von slowenisch- und
deutschsprachigen Einwohnern des Herzogtums Kra-
in einschließlich der Gottschee. Es formierte sich eine
slowenische Nationalbewegung, der sich auch deutsche
Gottscheer anschlossen, etwa Peter Kosler, der 1854 die
Inschrift in Deutsch und Gottscheerisch an einer Kapelle auf dem
Friedhof Trata in Gottschee (Kočevje), 1989
Spurensuche in der Gottschee
TITEL
© ZKG

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erste Karte eines slowenischen Nationalstaates zeichnete.
Zu echten Nationalitätenkonflikten kam es aber erst nach
dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie. Die
Krain wurde dem Staat der Serben, Kroaten und Slowe-
nen angegliedert, einem südslawischen Vielvölkerstaat,
der seit 1929 Königreich Jugoslawien hieß. Unter den
Nachfolgestaaten von Österreich-Ungarn war Jugoslawi-
en das Land mit den schlechtesten Bedingungen für die
deutsche Minderheit. Das betraf auch die Gottschee. Die
deutschen Schulen wurden nach und nach geschlossen,
deutsche Vereine verboten. Es wundert nicht, dass die-
se Unterdrückung regionaler sprachlicher Eigenheiten
zu einem volkstumsbezogenen Nationalismus führte.
Die „Volksgruppe“ stand zusammen in einem „Abwehr-
kampf “ gegen die slawischen „Überfremdung“.
Wirtschaftliche Not hatte seit der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts zahlreicher Bauernfamilien aus der
Gottschee geführt. Haupteinwanderungsgebiet war die
USA, wo sich zahlreiche gottscheedeutsche Vereine bilde-
ten. Viele dieser Heimatvereine bestehen noch heute. Sie
sorgten dafür, dass eine gottscheedeutsche Identität auch
außerhalb der Heimatregion erhalten blieb.
Unter dem Eindruck des „Anschlusses“ von Österreich
1938 an das Deutsche Reich wandten sich viele Gott-
scheedeutsche dem Nationalsozialismus zu. Sie bejubel-
ten Adolf Hitler und stimmten in die Forderung vieler
deutscher Minderheiten nach einem „Heim ins Reich“
ein. Als im April 1941 deutsche und italienische Truppen
Jugoslawien besetzten, glaubten viele Gottscheer an eine
„Erlösung“. Doch die Ernüchterung kam bald: Mussolini
forderte den Großteil Sloweniens für sich und gliederte
die Provinz Laibach (Provincia di Lubiana) samt der Gott-
schee an das Königreich Italien an. Heinrich Himmler
hatte als „Reichskommissar zur Festigung des deutschen
Volkstums“ längst eine Umsiedlung der Gottscheer be-
schlossen. Die Volksgruppe sollte sich an der „Südost-
grenze des Reiches“ bewähren. Viele zögerten, weil sie
ihre Heimat nicht verlassen wollten, aber unter dem Ein-
druck einer bevorstehenden Italienisierung der Gottschee
stimmten 95 Prozent der Gottscheedeutschen einer Aus-
siedlung zu. Bei der Eintragung in die Aussiedlungslisten
wussten die Betroffenen aber noch nicht, wohin es gehen
sollte – viele glaubten an eine Ansiedlung im deutschspra-
chigen Osttirol. Erst als die Transporte im November 1941
begannen, wurde die Ansiedlungsregion bekannt: Die
Gottscheedeutschen wurden in die Untersteiermark im
Südosten Sloweniens gebracht, in eine Gegend nahe der
kroatischen Grenze, die zur Angliederung an das Deut-
sche Reich vorgesehen war. Die slowenische Bevölkerung
dieses Gebietes um Rann (Brežice) war zuvor zur Zwangs-
arbeit ins Reich abtransportiert worden. Himmler behan-
delte die Gottscheedeutschen als „Verschiebemasse“ bei
seinem Plan einer „Umvolkung“ Europas. Die mensch-
lichen Schicksale waren ihm egal. Von der Umsiedlung
waren rund 11.200 Siedler betroffen, während mehrere
Hundert Gottscheer vor allem aus den Dörfern im Mo-
schnitzetal in der alten Heimat blieben.
Die weitgehend entsiedelte Gottschee war in den folgende
Jahren eine wichtige Basis der jugoslawischen Partisanen.
Ausgehend von getarnten Basen im Hornwald, griffen sie
die italienische und deutsche Besatzungsmacht an. Die
Partisanen kontrollierten das Gebirgsland und nahmen
schließlich auch die Stadt Gottschee ein. Beim Gegen-
angriff der Wehrmacht und der slowenischen Heimwehr
im Dezember 1943 wurde die Altstadt einschließlich des
Schlosses der Herzöge von Auersperg vernichtet. Die
Wehrmacht hielt die Stadt Gottschee bis kurz vor Kriegs-
ende. Nach dem Sieg des „Antifaschistischen Rates der
Nationalen Befreiung Jugoslawiens“ nahmen die Tito-Par-
tisanen in den weitgehend unzugänglichen Waldgebieten
Massenerschießungen von Slowenen und Kroaten vor, die
mit der Besatzungsmacht verbündet gewesen waren. Die
Die Altstadt von Gottschee (Kočevje) liegt in einer Schleife des Flusses Rinse (Rinža). Die 1901 bis 1903 erbaute katholische Bartholomäuskirche ist erhal-
ten, das Schloss nicht.
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Toten wurden einfach in Karstschluchten hineingewor-
fen. Die jugoslawische Armee richtete im Hornwald ein
großflächiges Sperrgebiet ein. Die Dörfer, die in diesem
Speergebiet lagen, wurden aufgegeben, die Bauernhöfe,
Kirchen und Friedhöfe vernichtet. Dadurch gingen etwa
40 Orte verloren. Die Dörfer außerhalb der Sperrzone so-
wie die Stadt Gottschee wurden neu besiedelt.
Die in der Südsteiermark angesiedelten Gottscheedeut-
schen kamen nach Kriegsende in jugoslawische Lager, wo
sie Hunger und Krankheiten ausgesetzt waren. Im Ok-
tober 1945 wurden rund 10.000 Ausgesiedelte nach Ös-
terreich abgeschoben. Dort wurden sie nicht mit offenen
Armen empfangen, sondern kamen überwiegend eben-
falls in Lager. Einige fanden Zuflucht in Österreich oder
in Süddeutschland. 1950 wanderte der überwiegende Teil
der der in den Lagern gebliebenen Gottscheedeutschen in
die USA, nach Kanada oder Australien aus.
In der 1991 gegründeten Republik Slowenien leben nur
noch wenige Gottscheedeutsche. Es sind die Nachfahren
der rund 300 bis 600 Einheimischen, die 1941 keiner Aus-
siedlung zustimmten. Sie sind alle gut in die slowenische
Gesellschaft integriert. Die Slowenen mit deutscher Tra-
dition teilen sich aber in zwei Lager: Der Gottscheer Alt-
siedlerverein und der Gottscheer Verein Peter Kosler ste-
hen sich spinnefeind gegenüber und sprechen der jeweils
anderen Gruppe das Recht ab, die deutsche Minderheit zu
vertreten. Die Republik Slowenien garantiert zwar, dass
sich jeder Staatsbürger zu seiner Nationalität bekennen
darf, hat aber die deutsche Minderheit nicht anerkannt.
Das bedeutet, dass es keine staatliche Förderung zu Erhalt
von Sprache und Kultur gibt. Zwischenzeitlich wurde in
einigen Schulen Deutsch- und Gottscheedeutsch-Unter-
richt angeboten, doch ist dieses Programm wieder ein-
gestellt worden. Der Gottscheer Altsiedlerverein fordert
die Anerkennung der Deutschen als nationale Minder-
heit. Das Gottscheedeutsche ist inzwischen eine bedrohte
Sprache, der Dialekt wird nur noch von wenigen älteren
Menschen gesprochen.
Die Erinnerung an das Erbe der Gottscheer wird nur von
wenigen Einrichtungen aufrechterhalten. In Gottschee
selbst kann man ein Regionalmuseum (Pokrajinski muzej
Kočevje) besichtigen. Dort wird – ausschließlich in slowe-
nischer Sprache – auch auf die deutsche Geschichte des
Gottscheegebiets hingewiesen. Im Ortszentrum selbst,
wo eine stattliche katholische Kirche aus dem frühen 20.
Jahrhundert als letztes Relikt an die Altstadt erinnert, feh-
len Hinweise auf die Gottscheedeutschen. Lediglich im
Vorort Trata befindet sich an einer Friedhofskapelle nahe
der Fronleichnamskirche eine bereits 1989 gestiftete Ge-
denktafel in deutsche Sprache, die an das Siedlungsgebiet
der Gottscheedeutschen erinnert. Beigefügt ist auch ein
Spruch in Gottscheer Mundart.
Im Hornwald sind mehrere frühere Dorflagen durch
Schilder gekennzeichnet. Typisch ist die Erinnerungstafel
an das Dorf Steinwand (Podstenice), denn die Beschrif-
tung ist slowenisch, die Zusammenfassung englisch, wäh-
Hinweistafel auf das Zentrum des Gottscheer Altsiedlervereins in Krapflern (Občice)
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rend ein deutscher Text fehlt. Beschriftungen in deutscher
Sprache im öffentlichen Raum Sloweniens sind eine große
Seltenheit. Deutsche Ortsnamen werden immer vermie-
den, selbst in touristischen Veröffentlichungen.
Eine seltene Ausnahme ist die Hinweistafel des Gottscheer
Altsiedlervereins in Kraftlern (Občice). Der Verein be-
treibt dort ein Kulturzentrum und sammelt volkskundli-
che Objekte und landwirtschaftliche Geräte, etwa Bienen-
beuten. Die Arbeit des Vereins wird u. a. von Gottscheern
aus den USA unterstützt. Die Einrichtung für die Erhal-
tung des Kulturerbes Moschnitze (Zavod za ohranitev
kulturne dediščine Mošnice) hat Kinderbücher, ein Lie-
derbuch und ein Wörterbuch „Bearterpiechla göttsche-
abarisch-kroinarisch“ veröffentlicht, um die Sprache der
jüngeren Generation weiterzugeben.
Erinnerungsorte sind auch die Friedhöfe. Der Friedhof
in Altlag (Stari Log) zeichnet sich durch einen gepflegten
Zustand aus. Die Grabsteine wurden wieder aufgerichtet
und restauriert, die Grasfläche wird regelmäßig gemäht.
Ein Obelisk mit Aufschriften in deutscher und sloweni-
scher Sprache und Gottscheer Mundart erinnert an „alle
Toten des Gottscheer Landes, die in der Heimat ruhen“.
Ebenfalls sehr gepflegt ist der Friedhof in Nesseltal (Kop-
rivnik). In den noch besiedelten Dörfern sind die katho-
lischen Dorfkirchen erhalten geblieben, die überwiegend
aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen.
Noch mangelt es an einer touristischen Erschließung der
abgelegenen Region. Aber das deutsche Erbe der Gott-
schee kann durchaus eine Möglichkeit, um Besucher in
das Waldland zu holen, die einerseits Erholung suchen,
andererseits aber die kulturelle Vielfalt Sloweniens ken-
nenlernen wollen.
Für das Gottscheerisch wird es wohl keine Rettung geben.
Da die Sprache keine aktive Umgangssprache mehr ist,
Hinweistafel auf das verschwundene Dorf Steinwand (Podstenice)
weder in Slowenien noch innerhalb der Gottscheer-Ver-
eine in den USA, wird sie wohl in absehbarer Zeit end-
gültig verklingen.
Dr. Matthias Donath
Friedhof in Altlag (Stari Log)
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NACHRICHTEN
Interview mit Staatsminister Oliver Schenk,
Chef der Staatskanzlei, Staatsminister
für Bundesangelegenheiten und Medien
Sehr geehrter Herr Staatsminister, als Chef der Staats-
kanzlei und Staatsminister für Bundesangelegenheiten
und Medien sind Sie auch immer wieder mit der The-
matik der Flüchtlinge und Vertriebenen konfrontiert.
1945 verloren ca. 12 Millionen Deutsche durch Flucht
und Vertreibung ihre angestammte Heimat. Ca. eine
Million fand auf dem Gebiet des heutigen Freistaates
Sachsen zunächst Aufnahme und viele von ihnen später
eine neue Heimat, so dass heute geschätzt noch jeder
sechste Sachse familiäre Wurzeln von Vertriebenen hat.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Zahlen
hören?
Die Vertriebenen haben sprichwörtlich mit ihrer eigener
Hände Arbeit Deutschland und damit auch Sachsen wie-
der aufgebaut und sich selbst eine Heimat aus dem Nichts
geschaffen. Dies ist für mich auch noch heute beispielge-
bend. Mir geht dabei oft die Bedeutung von Heimat durch
den Kopf, denn nur wer sich beheimatet fühlt, wird sich
für unsere Gesellschaft einsetzen. Lebendige Vereine zeu-
gen von solchem Engagement, weil sie ein Ort der Be-
gegnung und Erzählung sind. Übrigens gehören für mich
auch immer die Spätaussiedler mit hinzu, die ebenfalls
dieses Land mitgestalten.
In der DDR durften die Vertriebenen nicht über ihr
Schicksal sprechen. Sie wurden verharmlosend als Um-
siedler bezeichnet, ihre Herkunft gänzlich tabuisiert.
Erst nach 1990 konnten sie ihre eigene Geschichte er-
zählen. Der Freistaat Sachsen hat sich von Beginn zu
diesem Erbe bekannt. Wie sieht der Freistaat künftig
sein Verhältnis zu dieser Bevölkerungsgruppe, wie will
er mit diesem Erbe umgehen?
Der Freistaat bekannte und bekennt sich zu seiner Ver-
pflichtung, die im Bundesvertriebenengesetz verankert
ist. Sachsen hat als einziges der neuen Bundesländer ei-
nen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und
Zwangsumsiedlung, immer am zweiten Sonntag im Sep-
tember, eingeführt. Außerdem haben wir seit 2018 einen
Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler ernannt.
Die konstante Förderung versuchen wir auch in diesen fi-
nanziell besonders herausfordernden Zeiten noch etwas
zu steigern. Auch der Koalitionsvertrag ist ein starkes Zei-
chen der Wertschätzung – ich denke an den Beirat, der
noch einzusetzen ist, und vor allem an das außerschuli-
sche Bildungs- und Begegnungszentrum „Transferraum
Heimat“ in Knappenrode. Uns geht es also nicht nur um
eine museale Bewahrung, sondern insbesondere auch um
Bildung. Und Bildung ist ein Zukunftsthema – die Ver-
triebenen und Spätaussiedler sind für mich weiterhin da-
mit im politischen Prozess abzubilden. Übrigens finde ich
den im letzten Jahr erstmalig verliehenen ZukunftErbe-
Preis ein starkes Signal.
Sie sprachen es gerade an, sowohl der Landesverband
als auch die Stiftung vereint nicht lediglich die Vertrie-
benen, sondern auch die sogenannten Spätaussiedler,
also Deutsche, deren Vorfahren im 18. und 19. Jahrhun-
dert nach Russland ausgewandert sind und die dann
unter Stalin eine Kollektivschuld abtragen mussten
und größtenteils in das heutige Kasachstan und Kirgis-
tan zwangsdeportiert wurden. Sie kehren verstärkt seit
den 1990er Jahren in die Heimat ihrer Vorväter zurück.
Viele kamen bereits in den 1980er Jahren in die dama-
lige DDR und hatten große Schwierigkeiten. Auch im
Einigungsvertrag sind sie mehr oder weniger vergessen.
Wie kann der Freistaat ihnen helfen?
Über das Sozialministerium erfahren Neuankömmlinge
vielfältige Unterstützung. In der Person des Beauftragten
für Vertriebene und Spätaussiedler gibt es für sie einen
wichtigen Ansprechpartner. Er hat ebenso die Aufgabe,
die Spätaussiedler bei der Bewahrung ihres speziellen

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Bericht aus den Vorständen von Stiftung und Landesverband
Die Corona-Pandemie hat uns weiter fest im Griff und da-
mit auch die entsprechenden Schutzmaßnahmen. So konn-
ten wir auch entgegen unserer Planungen die Sitzung des
Stiftungsrates der Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Inte-
gration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“
nicht in Präsenzform durchführen, sondern mussten auf
das hoffentlich nicht irgendwann zum Standard werdende
Videomeeting ausweichen. Gleichwohl bietet dieser Aus-
tausch wichtige Anregungen. Dort wurden verschiedenste
Themen wie Haushalts- und Satzungsfragen angesprochen.
Auch die konstituierende Sitzung des Stiftungsbeirats wur-
de ein Opfer der Schutzmaßnahmen und musste verscho-
ben werden. Somit wird die Zeitung zu einem wichtigen
Kommunikationsmittel untereinander. Insofern freuen wir
uns, dass wieder eine gewichtige Zeitung mit vielen Infor-
mationen vorgelegt werden kann.
Auch unser Liederbuch erfreut sich eines kaum erwarteten
Interesses (siehe dazu den nachstehenden Beitrag), aller-
dings vor allem außerhalb unseres Mitgliederkreises, was
dann doch wieder etwas betretene Mienen hervorruft...
In Kürze wird auch unsere Webseite freigeschaltet werden,
wo sie sich dann aktuell über die Aktivitäten der einzelnen
Verbände informieren können.
Apropos Termine: wie wir schon befürchtet haben, müssen
wir mit dem neuen Bundesinfektionsschutzgesetz unseren
Landesverbandstag vom 5. Juni auf den 10. Juli im Pentaho-
tel Chemnitz verlegen. Auch das Chöretreffen müssen wir
vom 27. Juni auf den 3. Oktober in Reichenbach/OL in Ver-
bindung mit dem Erntedankfest verschieben. Die Kirchge-
meinde bittet uns, heimatliches Brauchtum zum Erntedank
vorzustellen und auch typisches Gebäck mitzubringen –
bitte die Absprachen über den Beauftragten.
kulturellen Erbes als auch in der grenzüberbrückenden
Zusammenarbeit zu fördern und zu begleiten. 2019 hatte
ich selbst die Gelegenheit, mich von der Sinnhaftigkeit der
Büros und Begegnungszentren in den drei großen Städten
informieren zu können – ich möchte, dass diese auch zu-
künftig funktionieren. Der Freistaat Sachsen unterstützt
zudem auf Bundesebene Bemühungen zur Klärung der
Rentenfrage. Und wir werden, über den Beauftragten,
auch das diesjährige Gedenken an den 80. Jahrestag der
Auflösung der Wolgarepublik würdig begehen.
In Knappenrode entsteht auf dem Gelände der Ener-
giefabrik unter der Ägide der Stiftung „Erinnerung,
Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen
im Freistaat Sachsen“ der von Ihnen schon genannte
„Transferraum Heimat“. Wie finden Sie das Vorhaben?
Ich erhoffe mir eine moderne Einrichtung von deutsch-
landweiter Ausstrahlung. Über das Konzept habe ich mich
informiert – ich lese da Stichworte wie innovative Infor-
mationszugänge, eine Zugreise im Virtual Reality Format,
der unterschiedliche Umgang mit den Vertriebenen in Ost
und West. Das finde ich sehr ansprechend. Zudem ist mir
wichtig, dass der Erzählstrang über das Jahr 1990 und die
friedliche Wiedervereinigung hinaus weitergeführt wird,
letztlich mit dem Ankerpunkt 2006, als mit dem Schenge-
ner Abkommen eine europäische Regelung zum Umgang
mit Flüchtlingen und Vertriebenen gefunden wurde. Dies
ist eine gute Klammer. Deshalb ist für mich dieser Ort ein
Bildungszentrum – er wird ja auch einen Unterrichtsraum
enthalten – der auch feste Strukturen braucht. Knappen-
rode soll eine dauerhafte Bereicherung der Bildungsland-
schaft werden.
Was ist Ihnen noch wichtig, was wollen Sie den Lesern
mit auf den Weg geben?
Erstens denke ich gern an das Gespräch im Mai 2019.
Dieses will ich gern fortführen – aufgrund der Pandemie
erst einmal als Videokonferenz. Im weiteren Jahresverlauf
hoffentlich auch wieder als gemeinsamer Austausch vor
Ort. Ich nehme viel mit aus solchen Begegnungen. Zwei-
tens möchte ich mir das Bildungszentrum in Knappenro-
de anschauen. Und Drittens: Bleiben Sie alle gesund und
optimistisch. Für die Staatsregierung sind und bleiben der
Landesverband und die Stiftung wichtige Partner.
Das Gespräch führte per Videokonferenz
Dr. Jens Baumann
Dr. Jens Baumann während der Videokonferenz

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Verleihung Goldener Ehrennadeln des BdV
Im Rahmen einer Stifterversammlung der Stiftung Erinne-
rung, Begegnung, Integration am 17.10.2020 in Dresden
übergab Herr Frank Hirche als Vorsitzender des Landesver-
bandes die posthum an Mario Morgner verliehene Goldene
Ehrennadel des BdV der Familie Morgner. Als Beauftragter
der Sächsischen Staatsregierung für Vertriebene und Spät-
Verleihung der Goldenen Ehrennadel
an Friedrich Zempel
aussiedler würdigte Dr. Jens Baumann Herrn Morgners
Verdienste. Weiter überreichte Herr Hirche eine Goldene Eh-
rennadel des BdV an Friedrich Zempel. Hier folgen die von
Prof. Dr. Winfried Schirotzek gehaltene Laudatio auf Mario
Morgner und eine erweiterte Fassung der von Herr Hirche
gehaltenen Laudatio auf Friedrich Zempel.
Für sein jahrzehntelanges herausragendes Engagement
für deutsche Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler
erhielt Herr Friedrich Zempel die Goldene Ehrennadel
des BdV. Das Folgende ist eine erweiterte Fassung der
Laudatio, die der Vorsitzende des Landesverbandes, Frank
Hirche, gehalten hat.
Zur Person
Friedrich Zempel wurde am 27. Mai 1945 in Hohne, Kreis
Celle, geboren. Seine Eltern gehörten zur deutschen Min-
derheit im Posener Land, wo sie ein Gut besaßen. Zu den
dort beschäftigten polnischen Arbeitern pflegten sie gute
Beziehungen. Diese Herkunft prägte Friedrich Zempel
nachhaltig. Darauf wird noch einzugehen sein.
Nach dem Studium der Rechts- und Sozialwissenschaf-
ten in Erlangen und Göttingen war Herr Zempel in ver-
schiedenen leitenden Positionen als Verwaltungsbeamter
und als Dozent an einer Verwaltungshochschule in Nie-
dersachsen tätig. Nach der Friedlichen Revolution in der
DDR kam er nach Sachsen, wo er im Sächsischen Staatmi-
nisterium für Wissenschaft und Kunst bis zur Pensionie-
rung Referatsleiter war.
Tätigkeit in Westdeutschland
Als 18-Jähriger trat Friedrich Zempel in den BdV in Hoh-
ne ein und hielt zum Tag der Heimat seine erste Rede. Von
da an riss sein ehrenamtliches Wirken für Vertriebene
und Spätaussiedler nicht mehr ab. Von seinen vielfälti-
gen Aktivitäten in Westdeutschland seien hier nur einige
stichwortartig genannt:
1967 bis 1970 Redakteur der Jugendseite in der Mo-
natszeitschrift „Posener Stimmen“.
1977 bis 1980 Bundesvorsitzender der LM Ostpreußen.
1980 bis 1985 Leiter des Collegium Albertinum (Stu-
dentenwohnheim und Seminarstätte). Das Collegium
wird von der Gemeinnützigen Gesellschaft Alberti-
num in Göttingen unterhalten, die sich der Pflege der
geistigen Traditionen der Königsberger Universität
verpflichtet fühlt.
Neben seinen politisch-kulturellen Aktivitäten ist für
Herrn Zempel das soziale Engagement ein Herzensanlie-
gen. Bereits 1968 begann er, Spätaussiedlern und Vertrie-
benen rechtliche Beratung bis hin zur Prozessführung zu
geben. In diesem Sinne wirkte er auch als leitender Ver-
waltungsbeamter, indem er über das erwartbare Maß hin-
aus gegen Benachteiligungen ankämpfte. So setzte er sich
als Rechtsdezernent der Wissenschaftlichen Prüfungsäm-
ter für das Lehramt in Niedersachsen in besonderer Weise
für Akademiker aus dem Osten ein. Deren Graduierun-
gen wurden an westdeutschen Universitäten häufig sehr
Die Baumaßnahmen und Gestaltung unserer außerschu-
lischen Bildungs- und Begegnungsstätte Transferraum
Heimat in Knappenrode mitsamt der Außenstelle der
Seabreeze kommen gut voran; die Teileröffnung am 12.
September anlässlich des Sächsischen Gedenktages für
die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsied-
lung sollten Sie sich fest einplanen. Mit der Teileröffnung
in Knappenrode werden wir eine starke Stiftung mit einer
starken Botschaft haben – dafür arbeiten wir derzeit un-
ermüdlich und dafür danken wir allen Mitwirkenden, die
derzeit mit uns eine besondere Last und Verantwortung
tragen: Claudia Florian, Dr. Lars-Arne Dannenberg, Falk
Drechsel, Prof. Frank-Lothar Kroll, Dr. Manfred Hell-
mund, Friedrich Zempel.
Und bitte nicht vergessen: Auch dieses Jahr verleihen wir
wieder den ZukunftErbe-Preis. Vorschläge mit Begrün-
dung sind bis zum 30. Juni 2021 möglich.
Der französische Staatsmann Talleyrand-Pèrigord sagte
wohl einmal sinngemäß: Ein gutes Gewissen zu haben, ist
doch schließlich nur eine Frage der persönlichen Energie
– und von Thomas von Aquin stammt die Überlegung:
Alles, was gegen das Gewissen geschieht, ist Sünde. Ach-
ten wir auf unser Gewissen!
Frank Hirche, Landesverbandsvorsitzender
Dr. Jens Baumann,
Beauftragter für Vertriebene
und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen

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skeptisch bewertet. Ein spektakuläres Beispiel ist Herrn
Zempels Einsatz für den russischen Germanisten und Li-
teraturwissenschaftler Lew Kopelew, der nach seiner Aus-
bürgerung aus der Sowjetunion in Westdeutschland lebte.
Mit einem Rechtsgutachten konnte Herr Zempel durch-
setzen, dass Kopelews Nachweise für seine Lehrtätigkeit in
der UdSSR als äquivalent zu den Nachweisen eines west-
deutschen Professors angesehen wurden, und er erteilte
Kopelew die Prüfungsberechtigung für Lehramtsstuden-
ten des Slawistik-Studienganges. Dieser Rechtsauffassung
schloss sich die Universität Göttingen schließlich an.
Tätigkeit im Freistaat Sachsen
Auch als Referatsleiter im Sächsischen Staatministerium
für Wissenschaft und Kunst widmete sich Herr Zempel
sozialen Aspekten. So konzipierte er ein Georgius-Agri-
cola-Stipendium für Studenten aus den östlichen Nach-
barstaaten mit der Auflage, nach Abschluss des Studiums
in das Heimatland zurückzukehren, um dort dem Aufbau
der Wirtschaft zu dienen.
Friedrich Zempels ehrenamtliches Engagement für Ver-
triebene und Spätaussiedler in Sachsen ist beispiellos;
auch dies kann hier nur skizziert werden. Zuvor ein kur-
zer Rückblick: Der bald nach dem Mauerfall gegründe-
te BdV-Landesverband Sachsen musste 2001 Insolvenz
anmelden. Nun drohte die landesweite Vertriebenen-
arbeit zu erliegen. In dieser Situation sorgte zunächst der
Kreisverband Freiberg für die Weiterführung der Arbeit
auf Landesebene. 2009 wurde für diese Arbeit der Verein
Erinnerung und Begegnung e. V. (EuB) gegründet. Insbe-
sondere ist der Verein der Träger des Hauses der Heimat
(HdH), das 2009 von Innenminister Markus Ulbig in Rei-
chenbach/Oberlausitz eröffnet wurde. Zur dauerhaften
Bewahrung des Sammlungsgutes des HdH gründete der
Verein EuB im Herbst 2010 die Stiftung Erinnerung, Be-
gegnung, Integration. Schließlich wurde 2011 der Landes-
verband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat
Sachsen/Schlesische Lausitz e. V. geschaffen.
In allen diesen Strukturen nimmt Herr Zempel Leitungs-
aufgaben wahr: Er war Vorsitzender des Stiftungsvorstan-
des und ist nunmehr Vorsitzender des Stiftungsrates, er
ist erster Vorsitzender des Vereins Erinnerung und Be-
gegnung und er ist Mitglied des Vorstands des Landes-
verbandes. Das ist zunächst nur eine magere Aufzählung
von Funktionen – entscheidend ist, was Herr Zempel da-
raus macht: Er erarbeitete nicht nur die entsprechenden
Konzeptionen und Satzungen, sondern er ist auch der
maßgebliche Ideen- und Impulsgeber. Dank seiner Erfah-
rungen als Jurist und Verwaltungsfachmann hat er ent-
scheidend dazu beigetragen, dass es in Sachsen (wieder)
eine stabile und niveauvolle Vertriebenenarbeit gibt.
In enger Abstimmung mit Herrn Dr. Baumann, der als
Beauftragter der Sächsischen Staatsregierung die Förde-
rung von Projekten bescheidet, konzipiert Herr Zempel
vielfältige Maßnahmen und sorgt für deren Umsetzung.
Stellvertretend seine hier folgende genannt:
Friedrich Zempel ist an der Gestaltung des jährlich
stattfindenden Sächsischen Gedenktages für die Op-
fer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung
maßgeblich beteiligt. Gleiches gilt für die Konzipie-
rung des Tages der Heimat und des Treffens von Ver-
triebenenchören, wozu stets auch Chöre und Tanz-
gruppen aus Polen eingeladen werden.
Die jüngste Ausstellung des Vereins EuB – „Nation
und Minderheit in Europa im 19. und 20. Jahrhun-
dert“ – ist Herrn Zempel auf Grund seiner Herkunft
ein besonderes Anliegen. An einer Podiumsdiskus-
sion zu diesem Thema im Schlesischen Museum zu
Görlitz nahm er als Diskutant teil.
Angeregt und organisiert von Herrn Zempel, führt
der Verein EuB jährlich Vortragsveranstaltungen
durch, in denen einzelne Aspekte der Geschichte und
Kultur der Deutschen im Osten behandelt werden.
Dazu gewinnt Herr Zempel in der Regel externe Re-
ferenten. Einer ist der polnische Historiker Dr. Józef
Zaprucki, Dozent an der Riesengebirgshochschule
Hirschberg/Jelenia Góra; zu ihm besteht inzwischen
ein regelmäßiger Kontakt.
Bei dem jährlich stattfindenden Schülerwettbewerb
legt Herr Zempel großen Wert auf die Teilnahme von
Schulklassen aus Polen und Tschechien. Erfreulich ist
die gute Resonanz bei polnischen Schulen.
Diese Aufzählung weist auf einen Aspekt hin, der für Fried-
rich Zempel ein wichtiges Anliegen ist, nämlich die Begeg-
nung mit heutigen Bewohnern der ehemaligen deutschen
Siedlungsgebiete im Osten. Dem Gedanken der Verständi-
gung über Grenzen hinweg widmet er sich auch mit Vorträ-
gen und Artikeln. Dabei besticht sein umfassendes histori-
sches Wissen und die Weite seines Blickes, der auch über
Europa hinausreicht; man vergleiche seinen Beitrag über
den Koreakrieg 1950-1953 im EuB-Internetportal.
Spätaussiedler aus der Sowjetunion und ihren Nachfolge-
staaten haben in Herrn Zempel einen stets hilfsbereiten
Ansprechpartner, wenn es um die Beratung zur Aner-
kennung von Berufsabschlüssen oder Rentenansprüchen
geht. Als Rechtsanwalt (nach seiner Pensionierung) hat er
ihnen auch vielfach juristischen Beistand geleistet. Dieser
Einsatz geschieht eher im Stillen – und das gilt auch für
Herrn Zempels Großzügigkeit bei Spenden.
Herrn Zempels Aktivitäten beschränken sich aber nicht
auf den ideellen und geistigen Bereich, vielmehr packt er
bei Bedarf auch ganz praktisch an, z. B. im Haus der Hei-
mat mit der Bohrmaschine.
Friedrich Zempel denkt zukunftsorientiert. Da die Zahl
der Aktiven aus der Erlebnisgeneration immer kleiner
wird, bemüht er sich um die Gewinnung jüngerer Mit-
streiter – und dabei beginnt er in der eigenen Familie.
Und nun stellt er sich einer neuen großen Herausforde-
rung: dem Projekt Begegnungsstätte Knappenrode.
Friedrich Zempel ist ein rastloser Arbeiter. Es kommt
nicht selten vor, dass man eine E-Mail von ihm erhält, die
er früh um 6 Uhr gesendet hat. „Nichtstun ist halber Tod.
Das Leben äußert sich nur in der Tätigkeit“, schrieb Fried-
rich der Große. Diesem Lebensmotto folgt auch unser
hochgeschätzter „Friedrich der Unermüdliche“ in seinem
Einsatz für Vertriebene und Spätaussiedler – so ist er halt.
Frank Hirche, Prof. Dr. Winfried Schirotzek

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Laudatio zur posthumen Verleihung
der Goldenen Ehrennadel an Mario Morgner
Heute können wir
eine besondere Eh-
rung vornehmen,
die aber leider einen
schmerzlichen Hin-
tergrund hat:
Auf Antrag des Ver-
eins Erinnerung und
Begegnung verleiht
der Bundesvorstand
des BdV Herrn Mario
Morgner posthum die
Goldene Ehrennadel.
Marios Familie ist hier
anwesend – seien Sie
herzlich willkommen,
liebe Familie Morgner.
Die Goldene Ehrennadel ist die höchste Auszeichnung
des BdV, und die posthume Verleihung ist ein außeror-
dentliches Ereignis. Mit Mario Morgner wird denn auch
eine außerordentliche Persönlichkeit geehrt.
Mario Morgner, 1966 in Rodewisch geboren, hatte keinen
Vertriebenenhintergrund. Doch über sein historisches In-
teresse fand er schon sehr früh Zugang zur Geschichte der
Deutschen aus dem Osten und zu Flucht und Vertreibung.
Als freischaffender Journalist und Publizist ab Ende der
1990er Jahre verfasste er u. a. die Bücher „Flucht, Vertrei-
bung, Heimatlosigkeit“ und „Geheimsache Bernsteinzim-
mer“. An weiteren Büchern war er als Koautor beteiligt.
2009 wurde Herr Morgner Mitglied des BdV-Kreisverban-
des Vogtland. Dort war er an Schulprojekten zum Thema
Flucht und Vertreibung maßgeblich beteiligt. Auf seine Initi-
ative geht auch die Einrichtung einer Abteilung über Flücht-
linge und Vertriebene im Stadtmuseum Auerbach zurück.
Bei der Gründung des Landesverbandes der Vertriebenen
und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz
bot Herr Morgner sofort seine Mitarbeit an. Gemeinsam mit
Herrn Zempel und Herrn Dr. Baumann organisierte er drei
Schülerwettbewerbe. Hierzu erarbeitete er eine spezielle
Internetseite und eine Ausstellung. Aus einer Sammlung
ostdeutscher Trachten, die ihm die Heimatgruppe Schwar-
zenberg übergeben hatte, entwickelte Herr Morgner eine
Wanderausstellung. Jede Tracht erhielt eine sorgfältig re-
cherchierte Erläuterung zu ihrer Bedeutung und zu ihrem
Herkunftsgebiet. Mario führte dieses Projekt nicht einfach
als „Auftragsarbeit“ aus. Vielmehr gab er mit der Art der
Präsentation der Trachten einen einfühlsamen Einblick in
eine untergegangene Lebenswelt.
Eine besondere Leistung war der Aufbau eines digitalen
Zeitzeugenarchivs mit Berichten über Flucht, Vertrei-
bung, Zwangsumsiedlung und Neubeginn in Sachsen. Die
Grundlage dafür waren über 200 Berichte, die meine Frau
im Haus der Heimat gesammelt, registriert und klassifi-
ziert hatte. Nun ging es darum, die Berichte bei Beachtung
des Datenschutzes der Öffentlichkeit zugänglich zu ma-
chen. Darüber gab es vielfache Gespräche, auch mit Ex-
ternen, aber letztlich passierte nichts – bis Mario sich die-
ser anspruchsvollen Aufgabe annahm. Er digitalisierte und
anonymisierte die Berichte und ordnete ihnen Schlagworte
zu. Dank seiner Programmierkenntnisse konnte er eine
kommerzielle Software den Erfordernissen anpassen und
so ein interaktives Online-Archiv entwickeln. Im Oktober
2017 übergab er der Öffentlichkeit das Sächsische Zeitzeu-
genarchiv, so der offizielle Name. Das fand sehr schnell eine
große Resonanz. Das Archiv wird von Vertriebenen, aber
auch von Journalisten, Studenten und Schülern zu Recher-
chen unter unterschiedlichen Aspekten genutzt. Es wurde
inzwischen knapp 1550mal aufgerufen und ca. 60 Berichte
sind seit der Freigabe hinzugekommen.
Angesichts seiner schweren Erkrankung hatte Mario sei-
nen Sohn Daniel ab Anfang 2019 in die Administration
des Archivs eingeführt und der pflegt es nun weiterhin –
ehrenamtlich wie sein Vater. Dafür sollten wir Daniel Morg-
ner herzlich danken.
Die Redaktion und grafische Gestaltung der Verbands-
zeitung waren Mario Morgner ein besonderes Anliegen.
Das war eine zeitintensive, anspruchsvolle Arbeit. Viele
eingesandte Beiträge waren handschriftlich verfasst und
bedurften oft auch der redaktionellen Bearbeitung. Zahl-
reiche Beiträge hat Mario selbst verfasst und – in seiner
bescheidenen Art – nur mit mm signiert: mit Kleinbuch-
staben. Im Frühjahr 2019 gestaltete er die letzte Ausgabe
der Zeitung. Nach Auffassung von Journalisten ist die Zei-
tung eine der besten Verbandszeitungen ihrer Art.
Im Zusammenhang mit der Verbandszeitung sehe ich
immer noch ein Bild vor mir: Zu den Chöretreffen der
Vertriebenen in Reichenbach/Oberlausitz brachte Mario
die jeweils aktuelle Ausgabe der Zeitung mit: in Kartons
den diversen Kreisgruppen zugeordnet. Und am Ende des
Chöretreffens lagen viele Kartons noch immer im Haus
der Heimat: nicht mitgenommen aus Vergesslichkeit oder
weil sich keiner dafür zuständig fühlte. Mit großer Ge-
lassenheit packte Mario die verbliebenen Kartons wieder
in sein Auto, um sie dann von Rodewisch per Post den
Empfängern zuzuschicken – das Porto ging von seiner
pauschalen Aufwandsentschädigung ab.
Mario genoss im Kreis der Vertriebenen ein hohes Anse-
hen dank seiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft und
seiner außergewöhnlichen Bescheidenheit. Er hat wenig
geredet und viel geleistet. In einem Nachruf auf ihn im
EuB-Internetportal schrieb Herr Zempel: „Wir haben ei-
nen guten Freund verloren“. Treffender kann man es nicht
formulieren.
Liebe Heimatfreunde, ich bitte Sie nun, sich zu erheben
zum stillen Gedenken an unseren guten Freund Mario
Morgner. – Ich danke Ihnen. Unser Landesvorsitzender
Frank Hirche wird nun der Familie Morgner die Aus-
zeichnung überreichen.
Prof. Dr. Winfried Schirotzek

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Brief des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet
Alexander Schulz hat in seiner Funktion als Vorsitzen-
der der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen in
Sachsen auf einen Mitgliederbrief des neuen CDU-Vor-
sitzenden, Kanzlerkandidaten und Ministerpräsidenten
von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet reagiert und auf
die Sorgen und Nöte der Vertriebenen und Spätaussiedler
aufmerksam gemacht. Darauf erhielt er folgende Antwort,
die hier zum Abdruck kommt:

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Ein Liederbuch entsteht
Libelli habent sua fama – Bücher haben ihre Geschichte.
Und unser „Liederbuch der Deutschen aus dem östlichen
Europa“ eine ganz besondere! In Sachsen gab und gibt es
zahlreiche Chöre der Vertriebenen und Spätaussiedler, wie
Lied der Heimat in Leipzig, Heimatmelodie in Dresden, Sil-
berklang in Dresden, das Kinderensemble Sonnenschein in
Leipzig, den Kulturkreis „Simon Dach“ in Chemnitz oder
den Heimat- und Trachtenchor „Joseph Freiherr von Ei-
chendorff“ in Schwarzenberg u.a.m., die das heimatliche
Liedgut bewahren und ihr hohes Können zu den verschie-
densten Anlässen, nicht zuletzt zu den beeindruckenden
Chöretreffen in Reichbach/OL., alljährlich zeigen. Nicht
selten stand vor den Auftritten die mitunter hektische Su-
che nach den Noten, die Notenblätter wurden hin und her
getauscht, es wurde kopiert oder gar handschriftlich ab-
geschrieben. So entstand die Idee, ein Liederbuch des ost-
deutschen Liedguts mit Noten zu erstellen, die genau jene
Blättersammlungen von Kopien entbehrlich macht. Es ist
nicht einmal genau klar, wer genau als erster die Idee hat-
te, ein kompaktes, handliches Liederbuch zu erstellen; war
es der Beauftragte für Vertriebene und Spätaussiedler im
Freistaat Sachsen oder kam sie aus dem Kreis der Chöre
selbst? Egal wie, die Idee war jedenfalls geboren. Aber so
einfach war die Umsetzung dann doch nicht. Dem Projekt
gingen richtigerweise angestrengte systematische Überle-
gungen voraus, die das Projekt beinahe zum Scheitern ver-
urteilt hätten. Nicht weil man das Liederbuch nicht wollte,
sondern weil ein Buch mit Noten besondere Herausforde-
rungen bedeuten. Schließlich kann man nicht einfach pdf-
Dokumente vervielfältigen und abdrucken; vielmehr muss
jede Note einzeln händisch gesetzt werden. Dazu bedarf es
eines speziellen Notenprogramms. Ja, es braucht erst ein-
mal jemanden, der die Noten lesen kann, im Zweifelsfall
die verschiedenen Gesangsstimmen oder auch die Noten
für verschiedene Instrumente auseinanderhalten und zu-
ordnen kann. Auch sind die Urheberrechte genauestens zu
recherchieren, und viele andere Fragen und Stolpersteine
mehr waren zu klären.
Wenn man nicht mehr weiterweiß, bildet man `nen Ar-
beitskreis. Getreu dieser Devise ließ sich eine Gruppe um
– Ladies first – Vera Eichler, Julia Herb, Ingrid Labuhn,
Brigitte Oeser, Lilli Tews, Rosa Wegelin, Galina Zerr und
Florian Braun, Dr. Manfred Hellmund, Peter Wolf und
noch einige andere nicht abschrecken, sondern machte
sich mit Feuereifer und beinahe kriminalistischem Spür-
sinn ans Werk. Einige von ihnen fuhren sogar mehrere
Tage nach Tschechien, um gewissermaßen Graswurzelar-
beit zu betreiben und sich vor Ort auf Spurensuche nach
deutschem Liedgut in Böhmen zu begeben. Entstanden
ist eine mehrere Ordner umfassende Sammlung von wohl
mehr als tausend Liedern. Dabei wurde zunächst nicht ge-
prüft, ob diese Lieder tatsächlich jemals in den Heimatge-
bieten gesungen wurden, sondern es wurden auch Kom-
positionen oder auch nur Interpretationen von Liedern
in die Sammlung aufgenommen, deren Interpreten oder
Chorleiter schlesische, ost- und westpreußische, pommer-
sche, sudetendeutsche usw. Wurzeln haben. Wobei ganz
besonders hervorzuheben ist, dass die Mitglieder der Ar-
beitsgruppe Ingrid Labuhn und Rosa Wegelin auch eigene
Kompositionen und Texte beigesteuert haben. Das ist ein
wunderschönes Ergebnis!
Aber jetzt begann erst die eigentliche Arbeit bei der Erstel-
lung eines Liederbuches. Denn es musste eine Auswahl aus
dem überbordenden Material getroffen werden, es musste
aussortiert und jedes Lied auf seine Plausibilität geprüft wer-
den. Sodann musste eine Struktur entwickelt werden, wobei
sich gewisse Ungleichgewichte nicht vermeiden ließen.
Jetzt waren die Noten zu besorgen und die Rechte zu er-
fragen. Am schwierigsten und langwierigsten erwies sich
der Notensatz. Zeile für Zeile, Note für Note musste jedes
Lied händisch neu gesetzt werden, dazu noch im klassi-
schen Format, das der Form und Größe eines Gesangbuchs
entspricht. Außerdem wurde jedem Land, jeder Region,
jedem Heimatgebiet eine kurze geschichtliche Einführung
vorangestellt, die auch auf die Besonderheiten des Liedguts
hinweist. An den Beginn eines jeden Länderkomplexes
wurden die Landeshymnen gestellt, sofern man das von
dem jeweiligen Lied sagen kann, denn in der Regel hat sich
dies erst im 19., aber auch noch im frühen 20. Jahrhundert
durchgesetzt, ohne dass es dafür eine amtliche Bestätigung
gegeben hätte. Bis zuletzt wurde an dem Ergebnis gefeilt. Ja,
es musste sogar der Druck noch einmal gestoppt werden,
da keine Einigung über alle Landeshymnen herrschte, diese
doch aber im Druck besonders hervorgehoben werden soll-
ten. Also musste noch einmal recherchiert werden, noch
einmal gesetzt werden, noch einmal ...
Entstanden ist ein Kompendium, das alle (größeren)
Landschaften und Siedelgebiete im östlichen und süd-
östlichen Europa berücksichtigt. Im Ergebnis ist ein ein-
maliges „Liederbuch der Deutschen aus dem östlichen
Europa“ entstanden, um das uns andere Landesverbän-
de beneiden, wie uns von verschiedenen Seiten bestätigt
wurde, und für das bereits weit über 100 Bestellungen aus
ganz Deutschland – außer von unseren Mitgliedern – so-
wie der Schweiz, aus Österreich, den Niederlanden, aus
Tschechien und Polen eingegangen sind.
Hoffen wir, dass die Lieder der Deutschen aus dem östlichen
Europa nicht in Vergessenheit geraten und weiter gesungen
werden! Und wer weiß, viel-
leicht ist ja noch nicht das
letzte Wort gesprochen, oder
genauer das letzte Lied gesun-
gen …
Das Buch „Lieder der Deutschen
aus dem östlichen Europa“ ist ge-
gen eine Spende von 10 Euro zzgl.
5 Euro Versandkosten bei der Ge-
schäftsstelle des Landesverbandes
für Vertriebene und Spätaussied-
ler in Sachsen c.florian-lvs@t-on-
line.de zu beziehen

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Lia Cherkaskyy und Maxim Korchmenny –
„Sonnenschein“ in Pandemie-Zeiten
Herzliche Glückwünsche an Lia Cherkaskyy und Maxim Korch-
menny zur erfolgreichen Teilnahme am sächsischen Landesaus-
scheid des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend musiziert“!
Unser Kinder- und Jugendensemble „Sonnenschein“ ist
auch und gerade in diesen Zeiten weiterhin aktiv im Rah-
men der gegebenen Möglichkeiten. Wenn auch die Teil-
nahme am Deutschen Chorfestival im vergangenen Jahr
wegen Absage ins Wasser gefallen ist, dann lassen sie sich
dadurch nicht unterkriegen und setzen ihr gemeinsames,
engagiertes Hobby digital fort. Langweile kommt dabei
nicht auf, nur Publikum und Beifall fehlen ... leider ... zum
Bedauern beider Seiten.
Was lange währt, wird gut. Neue Bedingungen eröffnen
die Sicht auf neue Felder, besonders für diejenigen – wie
unser Spätaussiedler-Ensemble des Deutsch-Russischen
Zentrums Sachsen e.V. – die in der Vergangenheit schon
öfter den Rand ihrer existenziellen Rahmenbedingungen
gesehen haben. Zum Glück ist das nun vorerst Geschich-
te, Dank der weitsichtigen Verantwortlichen unseres Frei-
staates, aber es hat stark gemacht. Dazu gilt besonderer
Dank der Gründerin und Leiterin, Vera Eichler, sowie
ihren engagierten ehrenamtli-
chen Unterstützern.
Während in den Anfangsjah-
ren seit 1999 „nur“ die musi-
kalisch-ästhetische Erziehung
der Kleinsten und mit fort-
schreitendem Alter die Pflege
und Weitergabe der mitge-
brachten und zugewonnenen
Kultur und Traditionen im
Fokus standen, wuchs mit der
immer breiteren Vernetzung
sowie den schulischen und
musikalischen Erfolgen der
Mitglieder des En-
sembles der Ehr-
geiz des Messens
mit den resident
Aufgewachsenen
und ihren Forma-
tionen. Anlässe
dafür gab‘s genug,
wie Auftritte zu ei-
ner Abschlussver-
anstaltung in der
Musikschule Se-
bastian Bach oder
auch zunächst
im Rahmenpro-
gramm des Deut-
schen Chorfestival
bzw. auch erste
„Tests“ von Einzelnen bei regionalen Ausscheiden.
Wie ein Durchbruch war die Wirkung des preisgekrönten
Auftritts von Maxim in Begleitung von Peter Wegelin bei ei-
nem Festival in Prag 2019. Damit war das „Wettbewerbsfie-
ber“ im Ensemble geweckt. Maxim und Peter sowie Lia mit
Papa wollten es nun auch bei „Jugend musiziert“ wissen. Und
das unermüdliche Üben fand Anerkennung. Beide wurden
„mit hervorragendem Erfolg“ belohnt. Maxim zählt zu den
„Champions“ in Sachsen. Für die „kleinen“ Altersgruppen
endet die „Reise“ erstmal hier, aber sein Potenzial wird ihn in
den nächsten Jahren sicher noch sehr weit bringen. Lia ist nun
auch für den Bundeswettbewerb qualifiziert. Wir drücken ihr
ganz fest die Daumen und unterstützen sie natürlich mit der
Produktion des Videos. Beiden, sowie auch ihren hervorra-
genden musikalischen Begleitern nochmals unsere Glück-
wünsche und weiterhin viel Erfolg.
Dr. Manfred Hellmund
NEUES AUS KNAPPENRODE
Auf dem Gelände der früheren Brikettfabrik Werminghoff
in Knappenrode bei Hoyerswerda entsteht unter der Träger-
schaft der „Erinnerung, Begegnung und Integration – Stiftung
der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“ das außerschulische
Bildungs- und Begegnungszentrum (BBZ). An dieser Stelle
informieren wir über die aktuellen Entwicklungen dieser ehr-
geizigen, deutschlandweit einmaligen Einrichtung.
Nach einer intensiven Planungsphase gehen nun die Um-
bauarbeiten am BBZ Knappenrode sichtbar voran. Oft
mehrmals die Woche treffen sich Planer, Bauleiter, Vertre-
ter der Stiftung, der Beauftragte sowie der Kurator, um die
Baufortschritte zu überwachen und anstehende Aufgaben
und Fragen zu diskutieren und zu beraten.

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Fluchtwagen aus Schimmerau
Die Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen verfügt
über eine reiche Sammlung zu Leben und Brauchtum der
Deutschen im östlichen Europa wie auch ihrer Vertreibung. In
loser Folge werden einzelne Exponate mit ihrer wechselvollen
Geschichte vorgestellt.
Kürzlich konnte die Stiftung EuB für das BBZ Knappen-
rode ein geschichtsträchtiges wie spannendes Exponat er-
werben. Es handelt sich um einen Wagen, wie er früher
zur Erntezeit am Feldrain stand und den Erntehelfern als
Unterschlupf und auch Übernachtungsmöglichkeit mit
„Kanonenofen“ in der Ecke diente. 1945 wurde dieser
Wagen dann einer Familie aus Schimmerau (heute Wsze-
mirów), Kreis Trebnitz, zum Fluchtgefährt. Die Familie
FUNDSTÜCK
Der Fluchtwagen
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REPORTAGE
Georgien, Tiflis und die Deutschen
„strandete“ in der Nähe von Löbau, wo sie noch jahrelang
in dem Wagen lebte, ehe sie eine feste Unterkunft fand.
Der Wagen gelangte später nach Bischdorf bei Löbau, wo
er zum Hühnerstall umfunktioniert wurde. Als durch
Zufall die Herkunft und Geschichte des Wagens bekannt
wurde, bemühte sich der Kurator des BBZ, Dr. Lars-Arne
Dannenberg, um eine Überführung nach Knappenrode.
Tatsächlich gelang es, den Wagen nach Knappenrode zu
holen, wo er im Außenbereich des BBZ aufgestellt wer-
den wird und auf eindrückliche Weise das Schicksal einer
schlesischen Flüchtlingsfamilie dokumentiert.
Das Schicksal der Familie wie auch die Odyssee des
Fluchtgefährts soll nun durch Schüler in Projektwochen
erforscht werden, wodurch sie sich aktiv mit den Ereignis-
sen von Flucht und Vertreibung vertraut machen können.
Dr. Lars-Arne Dannenberg
Uwe Körner und Dr. Lars-Arne Dannenberg beim Abladen des Fluchtwagens
Georgien ist eine bedeutende Kulturlandschaft, die schon
in der Antike ein wichtiger Etappenort entlang der Seiden-
straße bis nach China war und zu den ältesten christlichen
Staaten überhaupt gehört, nachdem König Mirian III. im
Jahre 337 den christlichen Glauben angenommen hatte
und ihn zur Staatsreligion erhob. Die mächtigen georgi-
schen Könige erbauten prächtige Residenzen, Kirchen
und Klöster aus Stein. In der Mitte des 12. Jahrhunderts
Georgien, das Land östlich des Schwarzen Meeres und in der
südlichen Kaukasusregion gelegen, ist nur wenigen bekannt,
am ehesten wohl durch den georgischen Tee oder auch den
schweren georgischen Wein. Zu DDR-Zeiten standen wohl
nur bei wenigen Reisetouristen in das sozialistische Bru-
derland Sowjetunion geführte Touren in den Kaukasus und
auch nach Tiflis auf dem Programm. Über deutsche Spuren
in Georgien hat man dabei nur sehr wenig erfahren.

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suchte auch Kaiser Friedrich Barbarossa den Schulter-
schluss mit König Georgi III. und seiner ihm nachfolgen-
den Tochter Tamar, um die byzantinischen Kaiser in die
Zange zu nehmen. Aber spätestens seit der Neuzeit wurde
Transkaukasien zum Spielball auswärtiger Mächte. Zwar
versuchten habsburgische Kaiser während der Bedrohung
Europas durch die Osmanen im Rücken des Feindes eine
antitürkische Koalition zu schmieden, aber der Einfluss
der georgischen Könige schwand. Bald wechselten sich
Perser mit Osmanen in schöner Regelmäßigkeit ab, bis
Russland in den Türkenkriegen die Region eroberte und
zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinem Reich einverleibte.
Zar Alexander I. schickte 1801 eine halb wissenschaftli-
che, halb abenteuerlustige Expedition unter Führung des
russischen Grafen Apollos Mussin-Puschkin (1760–1805)
in die noch weitgehend unbekannte Kaukasus-Region,
darunter auch ein Sachse, genauer der Bautzener Heinrich
Theodor Wehle (1778–1805), der zu diesem Zeitpunkt an
der Kunstakademie in St. Petersburg weilte. Seine russi-
schen Sprachkenntnisse dürfte er sich aufgrund seiner
sorbischen Herkunft relativ leicht erworben haben, die
ihm aber bei den Georgiern oder den zahlreichen Min-
derheiten, wie den Mingreliern, wenig nutzten, denn
Georgisch zählt zu den südkaukasischen Sprachen, die
mit den germanischen oder slawischen Sprachen nicht
verwandt sind. Auch die Schriftsprache Mchedruli unter-
scheidet sich mit ihren Schwüngen, Bögen und überein-
ander liegenden Linien fundamental von den lateinischen
oder kyrillischen Buchstaben.
Von Wehle, der die erkundeten Gebiete zeichnerisch fest-
halten sollte, stammen die ältesten realistischen Ansichten
von Burgen und Klöstern sowie den Landschaften des Kau-
kasus und sind heute einzigartige historische Dokumente.
Aber Wehle wurde schwerkrank und musste die Expedition
vorzeitig abbrechen. Kaum zurück in seiner Heimat starb
er wenig später, 1805, noch nicht einmal 27 Jahre alt. Sein
Grab befindet sich auf dem Kirchhof von Kreba.
Russland verlegte den Gouvernementssitz von Kutaisi zu-
rück in die alte Königsresidenz und heutige Hauptstadt
Tiflis (georg. T’bilisi), hoch über dem Ufer der breiten,
gemächlich dahinfließenden Kura. Ende des 19. Jahr-
hunderts gehörte Tiflis aufgrund seines Klimas zu den
beliebten Aufenthaltsorten für Intellektuelle, Künstler
und Aussteiger, wie die Pazifistin und spätere Friedens-
nobelpreisträgerin Bertha von Suttner, geb. Gräfin Kinsky
(1843–1914), die gemeinsam mit ihrem Ehemann Arthur
von Suttner von 1882 bis 1884 in Tiflis lebte. Zu den Per-
sönlichkeiten der Stadt zählen auch renommierte deutsche
Architekten. Da ist der Dresdner Otto Jacob Simonson
(1826-1914), Schüler Gottfried Sempers, zu nennen. Auf ihn
geht der Palast des Stadthalters in Tiflis zurück. Der Bau der
Nationalgalerie ist hingegen eine Leistung des in Tiflis gebo-
renen deutschstämmigen Albert Salzmanns (1833–1897),
der den klassischen Architektentod sterben sollte, als er vom
Baugerüst fiel. Zuvor hatte er nach einem Studium in St. Pe-
tersburg zahlreiche Wohnhäuser, Kirchen und öffentliche
Gebäude entworfen. Das im Stile des Orientalismus gehalte-
ne Opernhaus am Rustwelli-Boulevard schuf Victor Schröter
(1839–1901). Auch er studierte in St. Petersburg und später
in Berlin. In Tiflis, aber auch im Zarenreich avancierte er zu
einem der gefragtesten Theaterarchitekten seiner Zeit.
Sein Schüler und Assistent war Paul Stern, nach dessen
Entwurf das Neue Rathaus am Freiheitsplatz, ebenfalls
durch maurische Formen geprägt, errichtet wurde. Auch
sein selbst entworfenes Wohnhaus am Davit-Aghma-
shenebeli-Boulevard, auf dem der historischen Altstadt
Blick von der Festung über die Kura zur Neustädter Seite von Tiflis. Im Hintergrund die Sameba-Kathedrale, zu Füßen lag die deutsche Kolonie Neu-Tiflis
© ZKG

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gegenüberliegenden rechten Kura-Ufer, hat sich erhal-
ten und fällt durch seine in Form eines Davidsterns ge-
fassten Fenster auf. Die prächtige Einkaufsmeile mit den
pompösen Bauten, die eklektizistisch alle Architekturstile
von Romanik, Barock über Klassizismus bis hin später
zum Jugendstil vereinen, lässt nur noch wenig von ihrer
deutschen Vergangenheit erahnen. Noch zu Zeiten der
Architekten hieß die breite Ausfallstraße Michaelstraße
und führte geradewegs in die 1818 von deutschen Sied-
lern angelegte Kolonie Neu-Tiflis. Als die größtenteils aus
dem süddeutschen Raum, aus Württemberg und dem El-
saß stammenden Siedler von den Zaren ins Land gerufen
wurden, nahmen sie ihren Weg nördlich des Schwarzen
Meeres, weshalb sie zu den Schwarzmeerdeutschen gezählt
werden. Wie in Katharinenfeld/Bolnisi (vgl. Titelgeschichte
Mitteilungsblatt 2/2020) bildeten sie etwa zwei Kilometer
außerhalb der historischen Altstadt Tiflis eine eigene Dorf-
gemeinschaft, mit den für die Kolonisten typischen Häu-
sern. Davon ist nur wenig erhalten geblieben. Vor allem auf
dem Weg zur monumentalen Sameba-Kathedrale, der 2004
fertiggestellten Hauptkirche der georgischen Orthodoxie
und größten Kirchengebäude Transkaukasiens, finden sich
links und rechts ihre Reste, steinerne Häuser mit einstmals
umlaufenden Balkonen, wie sie auch in Katharinenfeld/
Bolnisi zu finden sind. 1861 wurde Neu-Tiflis in die sich
ausbreitende georgische Metropole eingemeindet.
Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die Elektrofirma Siemens
& Halske die prosperierende Region entdeckt und 1860
eine Dependenz in Tiflis eröffnet. Walter (1833–1868)
und nach seinem Tod Otto von Siemens (1836–1871)
übernahmen nicht nur die Leitung vor Ort, sondern wur-
den auch zu Konsuln des Königreichs Preußen in Tiflis
ernannt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Neu-
zeichnung der territorialen Landkarte auf den Trümmern
des Zarenreiches wie auch des Osmanischen Reiches
keimte in Georgien Hoffnung auf einen eigenen Staat auf.
Im April 1918 wurde im Verbund mit Aserbaidschan und
Armenien die Transkaukasische Republik ausgerufen,
die aber schon einen reichlichen Monat später auseinan-
derfiel, da zu unterschiedliche Interessen im Spiel waren.
Die Türkei, einer der letzten Verbündeten Deutschlands,
wollte die gesamte Region unter seine Kontrolle bringen.
Aber auch Deutschland hatte wirtschaftliche Interessen
an der mit Erdöl und Bodenschätzen reich gesegneten
Region. Deutschland entsendete unter dem Befehl Fried-
rich Freiherrn Kreß von Kressensteins (1870–1948) ein
3.000 Mann starkes Expeditionskorps, das am 24. Juni
1918 Tiflis erreichte und die eben ausgerufene Demokra-
tische Republik Georgien gegen türkische Interventionen
unterstützen sollte. Schließlich rückten sogar englische
Truppen bis an den Schwarzmeerrand vor, ehe die Nie-
derlage im Ersten Weltkrieg jegliche deutsche Planspiele
im Kaukasus beendete. Aber auch für ein unabhängiges
Georgien, das dem Großmachtstreben der kommunisti-
schen Sowjetunion nicht gewachsen war und 1921 besetzt
wurde, ging die Geschichte zunächst nicht gut aus. Erst
1991 erlangte Georgien seine Unabhängigkeit zurück.
Mittlerweile gibt es in Tiflis auch wieder eine zahlenmäßig
beachtliche deutsche Community, die aber keine Nachfah-
ren der Schwarzmeerdeutschen sind. Mit der „Kaukasischen
Post“ der Redakteure Götz-Martin Rosin und Rainer Kauf-
mann hat die deutschsprachige Bevölkerung sogar ein eige-
nes Nachrichtenblatt. 1906 begründet, musste die Zeitung
1922 ihre Arbeit einstellen, bis sie 1994 wieder erscheinen
konnte. Daran zeigt sich, dass das Interesse an dem Land im
Kaukasus seit gut dreißig Jahren stetig zunimmt.
Aber Georgien kommt nur schwer zur Ruhe. Als sich das
Land aus den Klauen der Postsowjetunion löste, grollte
Russland. Begünstigt durch innenpolitische Auseinan-
dersetzungen und ungeschickte georgische Diplomatie
betrieb Russland eine Politik der feinen Nadelstiche und
unterstützte abtrünnige Regionen, wie Südossetien oder
Abchasien. Nach dem Kaukasuskrieg 2008, der erhebli-
che Schäden mit sich brachte, erklärte die nordwestliche
Schwarzmeerregion mit dem berühmten Seebad Suchumi
ihre Unabhängigkeit von Georgien, wird aber nur von vier
Staaten anerkannt. Kein Wunder, dass Georgien, das geo-
graphisch in Asien liegt, in die EU drängt und sich Schutz
vor dem mächtigen Nachbarn erhofft.
Dennoch sollte man sich nicht abschrecken lassen und
Georgien auf den Spuren deutscher Kolonisten bereisen,
von denen sich bei genauem Hinsehen doch noch einige
entdecken lassen.
Dr. Lars-Arne Dannenberg und Dr. Andreas Bednarek
Opernhaus von Tiflis
Straßenzug zur Sameba-Kathedrale
© ZKG
© ZKG

18
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VERMISCHTES
Nach der Zusage des US-Präsidenten Woodrow Wilson zur
Schaffung eines polnischen Staates entbrannte Streit über
dessen territorialen Zuschnitt. Insbesondere stritt man sich
um Oberschlesien, wo es neben der deutschen Bevölkerung
auch eine starke polnische Bevölkerung gab, die in einigen
Gebieten sogar die Mehrheit bildete. Oberschlesien hatte
nie zum Königreich Polen gehört, sondern war als Land
der böhmischen Krone seit dem 14. Jahrhundert ein Teil
des Heiligen Römischen Reiches. 1742 war Oberschlesi-
en an das Königreich Preußen angegliedert worden. Die
Mehrheit sprach einen schlesisch-polnischen Dialekt. Der
aufkommende Nationalismus zwang die Bewohner sich
zu entscheiden, ob sie Deutsche oder Polen sein wollten.
Polnischgesinnte Oberschlesier forderten die Angliederung
an Polen und versuchten in drei Aufständen, das Gebiet zu
erobern, was durch deutsche Freikorps verhindert wurde.
Gemäß dem Versailler Vertrag war 1921 eine Volksab-
stimmung vorgesehen. Jede Seite versuchte durch eine
eindringliche, oft sehr martialische Propaganda die Stim-
mung zu beeinflussen. Die Deutschen verwiesen auf den
wirtschaftliche Aufschwung, den die Region unter Preußen
genommen hatte, und dass die polnische Kultur der deut-
schen unterlegen sei, da von den Polen nicht einmal jeder
lesen und schreiben könne. Dagegen hatte Sowjetrussland
ein starkes Interesse an einem westlichen Gebietszuwachs
Polens, wollte es doch das besetzte polnische Siedlungsge-
biet behalten, um das noch der Polnisch-Sowjetische Krieg
Volksabstimmung
in Oberschlesien 1921
tobte. Auch Frankreich war für Polen, um Deutschland zu
schwächen. Polen argumentierte nicht nur mit der Germa-
nisierungspolitik, sondern auch mit der Unterdrückung
der Katholiken im protestantisch beherrschten Preußen.
Tatsächlich fanden sich nur vergleichsweise wenige katholi-
sche Oberschlesier in den höheren Verwaltungspositionen.
Auch die hohen Reparationszahlungen, die Deutschland
gemäß des Versailler Vertrags zu leisten hatte, würden die
Oberschlesier hart treffen, weshalb sie lieber für Polen vo-
tieren sollten. Auf beiden Seiten sprach man die Bauern an,
da diese neben den Arbeitern in den Schwerindustriezen-
tren noch immer die Hauptbevölkerung ausmachten. In
einem künftigen Polen wurde ihnen längst überwundene
feudale Abhängigkeitsverhältnisse angekündigt.
Das Ergebnis der Volksabstimmung am 20. März 1921 er-
brachte schließlich 59,6 Prozent der abgegebenen Stimmen
für Deutschland und demnach 40,4 Prozent für Polen. Aber
damit war die Sache noch nicht entschieden. Trotz dieses
eindeutigen Votums für einen Verbleib bei Deutschland
entschied die Pariser Botschafterkonferenz daraufhin eine
Teilung Oberschlesiens. Ostoberschlesien, östlich der soge-
nannten Sforza-Linie, wurde dem neugegründeten polni-
schen Staat zugeschlagen, was den angespannten Nationali-
tätenkonflikt in der Folge keineswegs entschärfte.
Dr. Jens Baumann
und Dr. Lars-Arne Dannenberg
Aufruf: Der Klang der Heimat!
Die Dialekte der Vertriebenen und Spätaussiedler
Jedes Jahr verschwinden weltweit über 100 Sprachen
und Dialekte. Vom Aussterben bedroht sind leider auch
die deutschen Mundarten aus dem östlichen und süd-
östlichen Europa. Dort gab es einst bedeutende deutsche
Sprachlandschaften. So sprachen vor 1945 etwa sieben
Millionen Menschen einen der schlesischen Dialekte oder
schlesisch geprägtes Hochdeutsch, und auch von den über
drei Millionen Sudetendeutschen gebrauchten viele ihre
Mundart. Alle diese Dialekte hatten ihre eigenen Begrif-
fe und ihre eigene Aussprache - oftmals auch in Kontakt
mit Nachbarsprachen und Dialekten. Dieser sprachliche
Reichtum ist durch Flucht und Vertreibung weitgehend
ausgelöscht worden. Zwar nahmen viele Vertriebene ihre
Mundart mit in die neue Heimat, aber sie konnten sie
nicht der nächsten Generation weitergeben.
Ein neues Projekt möchte den Dialekten der nach Sachsen ge-
kommenen vertriebenen Deutschen und Spätaussiedler nach-
spüren und an sie erinnern. Natürlich kann kein umfassender
Wortschatzkatalog, kein Wörterbuch entstehen, aber zumin-
dest signifikante Worte sollen Zeugnis ablegen vom Reichtum
der Sprachen und der kulturellen Vielfalt der Dialekte.
Helfen Sie bitte mit und senden Sie uns Wortbeispiele und
erklären Sie ggf. deren Bedeutung und Aussprache. Auch Ge-
schichten in Mundart wären schön. Wir suchen Einzelbegrif-
fe, Sprichwörter oder Formulierungen, die typische für die je-
weiligen Mundarten sind. Die Beiträge sind zu allen Dialekten
und Sprachen erwünscht, die einst in Ost- und Südosteuropa
gesprochen wurden: Ostpreußisch, Pommersch, Schlesisch,
sudetendeutsche Dialekte, Dialekte der Donauschwaben,
Siebenbürgsich-Sächsisch, Dialekte der Russkanddeutschen...
Dabei ist uns bewusst, dass die Mundartlandschaften von
einer großen Vielfalt an Ortsmundarten geprägt waren. Wir
freuen uns, wenn wir so viel wie möglich dokumentieren
können. Es soll ein Buch entstehen, welche die Eigenart der
Dialekte kurzweilig schildert und durch Sprachbeispiele den
Klang der Heimat festhält.
Die Wortbeispiele und Erklärungen senden Sie bitte an
die Redaktion dieser Zeitschrift.

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Katharina Schmidt und Elisabeth Sinowjewa –
zwei erwachsen gewordene „Sonnenschein“-Kinder
Es scheint, als wäre es erst gestern gewesen, als Katharina,
noch nicht ganz drei Jahre alt, und Elisabeth, gerade mal
18 Monate alt, zum ersten Mal mit ihren Muttis den Weg
zum musikalischen Training bei Vera Eichler in der Klein-
kindergruppe des Projekts „Ensemble Sonnenschein“ des
Deutsch-Russischen Zentrums Sachsen e. V. gefunden hat-
ten. Zu unserer Freude ließen sie uns miterleben, welche
Freude und welchen Spaß sie an der Musik gefunden haben
und wie sie sich sowohl als Instrumentalistinnen als auch
Sängerinnen im Chor zu tragenden Persönlichkeiten des
Ensembles entwickelten. Auch vor der Moderation scheu-
ten sie sich nicht.
Wir erinnern uns noch, als sie an ihrem ersten Schultag auf
dem Schulhof standen, mit einer Schultüte im Arm, die
fast so groß war wie sie selbst. Das, was uns heute noch
wie gestern erscheint, ist nun aber in Wirklichkeit schon
weitaus über ein Jahrzehnt her.
Seitdem hat sich viel getan. Sie sind Freundinnen gewor-
den, haben neue gemeinsame Freundinnen und Freunde
kennengelernt und den immer wieder hinzugekommenen
Jüngsten Geborgenheit gegeben. Sie haben gemeinsam
wie auch individuell gelernt, sind gereift und haben in ih-
rer Freizeit neben dem fleißigen Üben mit ihrem Ensemb-
le „Sonnenschein“ viele schöne Auftritte vor begeistertem
Publikum erlebt. Das Ensemble ist mit ihnen gewachsen.
Sie werden als ständige Gäste in den Sächsischen Landtag
zu unseren Gedenktagen und an viele andere attraktive
Auftrittsorte eingeladen. Dafür gilt ihnen nicht nur unser
Dank, sondern auch der, den wir vom Ministerpräsiden-
ten, Michael Kretschmer, der Staatsministerin für Sozia-
les, Petra Köpping, unserem Beauftragten für Vertriebene
und Spätaussiedler, Dr. Jens Baumann, und vielen ande-
ren mehr für die Darbietungen von „Sonnenschein“ er-
halten haben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch Beider Anteil an der
Erringung des Preises unserer sächsischen Stiftung „Erin-
nerung, Begegnung und Integration“, der dem Ensemble
anlässlich der Multiplikatorenschulung des Bundesverban-
des der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in
Anwesenheit der der Bundesgeschäftsführerin; Rita Heide-
brecht, im Oktober 2020 gemeinsam von Dr. Jens Baumann
und dem Stellvertreter des Vorsitzenden des Vorstandes der
Stiftung, Dr. Manfred Hellmund, überreicht wurde.
Inzwischen sind Katharina und Elisabeth erwachsen gewor-
den. Besonders im Frühjahr 2020 war hartes Arbeiten an-
gesagt, und obwohl es nicht immer leicht war, hat sich die
Mühe doch gelohnt: Beide haben nun ihr Abitur mit sehr gu-
tem Ergebnis in der Tasche! Darauf sind auch wir sehr stolz.
Sie konnten nunmehr die Immatrikulation jeweils für ihren
Wunschstudienplatz erreichen. Seit September studiert Ka-
tharina Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Mar-
tin-Luther-Universität Halle und Elisabeth Biologie an der
Universität Leipzig. Das erste Semester ist bereits absolviert.
Für ihre Zukunft wünschen wir ihnen alles Gute, viel Erfolg
sowie die besten Ergebnisse für einen erfolgreichen Berufs-
einstieg. Sie wissen, dass sie bei uns immer einen sicheren
Hafen haben, in dem sie Anker werfen können, wenn es
ihnen danach verlangt. „Sonnenschein“ ist eine Familie, in
der sie immer ihren Platz behalten werden. Ihre Verabschie-
dung zum Studium bedeutete auch für sie keinen Abgang,
sondern sie versicherten dabei, dass sie auch weiterhin im
Rahmen ihrer Möglichkeiten dem Ensemble treu bleiben.
Dr. Manfred Hellmund
Katharina Schmidt und Elisabeth Sinowjewa mit Vera Eichler
Katharina Schmidt und Elisabeth Sinowjewa mit Vera Eichler
AUS DER HEIMAT – FÜR DIE HEIMAT

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Robert Koch (1843–1910) – Arzt und Virologe
in Wollstein, Provinz Posen
Heinrich Hermann R o b e r t Koch, Namensgeber des
derzeit jeden Tag in der Presse stehenden Robert-Koch-
Instituts, wurde 1843 in Clausthal (seit 1924 Ortsteil von
Clausthal-Zellerfeld) im Harz geboren. Von 1872 bis 1880
lebte und forschte er in Wollstein (heute Wolsztyn) in der
damaligen Provinz Posen als „Kreisphysikus“. Hier ent-
deckte er den Tuberkulosebazillus. Auch konnte er in die-
ser Zeit nachweisen, wie Milzbrand entsteht, eine damals
fast ausschließlich tödliche Infektion bei Haustieren, die
zu großen wirtschaftlichen Schäden führte. Die Bedeutung
seiner Forschungen veranlasste die preußische Regierung,
Robert Koch 1880 an das Kaiserliche Gesundheitsamt und
1885 zum ordentlichen Professor für Hygiene der Fried-
rich-Wilhelms-Universität zu berufen. 1905 wurde er mit
dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Er arbeitete
eng mit dem Breslauer Professor der Mikrobiologie Julius
Cohn (1828
1898), dem Lehrer des aus dem schlesischen
Strehlen (heute Strzelin) stammenden Nobelpreisträgers
Paul Ehrlich (1854
1915), zusammen – auch Paul Ehr-
lich findet sich heute als Institutsname wieder. Cohn und
Koch gelten als Begründer der Wissenschaft der Bakterio-
logie. Paul Ehrlich wurde 1908, gemeinsam mit russischen
Bakteriologen Ilja Iljitsch Metschnikow (1845
1916), mit
dem Nobelpreis ausgezeichnet. Deutsch war damals die
Lingua franca der Wissenschaft. Die kleine lebendige und
freundliche Stadt Wollstein, ca. eine Stunde Autofahrt von
Posen (heute Poznań) entfernt, gehört seit Ende des Ers-
ten Weltkriegs zu Polen. Sie liegt auf einer Landenge zwi-
schen zwei Seen und beherbergt neben anderen Sehens-
würdigkeiten auch ein Robert-Koch-Museum. Robert
Koch starb 1910, nachdem er sich auf seinen vielen Aus-
landsforschungsreisen mehrfach mit Tropenkrankheiten
infiziert hatte.
Dr. Jens Baumann und Friedrich Zempel
Robert Koch (Foto: Robert-Koch-Institut)
Preußisches Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, um 1900, heute Robert-Koch-Institut

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ERINNERUNG
75. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sah sich auch die
deutsche Bevölkerung in Ungarn dem Vorwurf einer Kol-
lektivschuld als Nationalsozialisten ausgesetzt. Die Sieger-
mächte hatten auf der Potsdamer Konferenz im Sommer
1945 beschlossen, die deutsche Bevölkerung aus Ungarn
nach Deutschland auszusiedeln. Am 19. Januar 1946 ver-
ließ der erste Zug mit vertriebenen Ungarndeutschen den
Bahnhof Budaörs (Wudersch) bei Budapest in Richtung
Deutschland. Insgesamt mussten zwischen 1946 und 1948
knapp 200.000 Ungarndeutsche ihre Heimat verlassen.
Am 27. Januar gedachten wir
der Opfer des Nationalsozialismus
1924 wurde die Autonome Sozialistische Republik der Wol-
gadeutschen unter dem ersten Volkskommissar für Nationa-
litätenfragen Josef Stalin gegründet. Das sollte zugleich ein
Signal in Richtung Deutschland für den Aufbau eines Sow-
jetdeutschland sein. Der „erste sozialistische Staat deutscher
Sprache“ war ungefähr so groß wie Sachsen und hatte ca. eine
halbe Million Einwohner.
Eben jener Stalin, der sich nach Lenins Tod 1922 als Gene-
ralsekretär des ZK der KPdSU als oberster Machthaber der
Sowjetunion durchgesetzt hatte, war es auch, der 1941 die
Auflösung der Republik der Wolgadeutschen bestimmte. Un-
Das Datum bezieht sich auf die Befreiung des Konzen-
trationslagers Auschwitz-Birkwitz am 27. Januar 1945, als
erstmals das ganze Grauen der verbrecherischen Schre-
ckensherrschaft der Nationalsozialisten sichtbar wurde.
Es ist erschütternd, mit welcher menschenverachtender
Brutalität sie vorgegangen und zu welchen Grausamkeiten
Menschen fähig sind. Der 27. Januar ist seit 1996 nationa-
ler Gedenktag der Bundesrepublik Deutschland.
Gedenken an 80 Jahre Auflösung der Wolgarepublik
ter dem Vorwurf der Kollektivschuld und der Kollaboration
mit Nazideutschland wurden die deutschen Bewohner nach
Sibirien und vor allem dem heutigen Kasachstan zwangsde-
portiert. Diese Repressalien brachten über die Deutschen in
der Sowjetunion unsägliches Leid, viele wurden gequält, ge-
foltert und starben. Seit den 1980er Jahren nutzten ihre Nach-
fahren die Möglichkeit, in die Heimat ihrer Vorväter, nach
Deutschland zurückzukehren. Dir Vorbereitungen für eine
besonders würdevolle Festveranstaltung laufen zwischen der
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und dem
Beauftragten.
Drei Marjellchens aus Masuren
Wie drei Marjellchens Edeltraut Hesse, geb. Rutschkowski
(* 1942), und die Schwestern Irmgard Gläser, geb. Blaskow-
ski (* 1938), und Elli Springwald, geb. Blaskowski (* 1934),
sind alle in Stradaunen (heute Straduny), Kreis Lyck/Ost-
preußen, geboren. Wir waren schon öfter in der Heimat.
Auch zum Deutschlandtreffen der Ost- und Westpreußen
waren wir dabei. Ebenso nehmen wir an den Werkwochen
der Ost- und Westpreußen in Bad Pyrmont und jetzt in
Helmstedt teil, damit die ostpreußischen Handarbeitstech-
niken nicht vergessen und an jüngere Generationen weiter-
gegeben werden. In unserem Ort Limbach-Oberfrohna sind
Elli und Irmgard aktiv im BdV Ostpreußen. Mit ostpreußi-
schen Handarbeitsausstellungen, Gedichten und Erzählun-
gen sowie ostpreußischen Leckereien erfreuen wir bei den
Heimatnachmittagen nicht nur unsere Landsleute, sondern
halten auch die Erinnerung an unsere Heimat wach.
Unsere Heimat werden wir immer in unserem Herzen be-
wahren!
Irmgard Gläser, Limbach-Oberfrohna

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Förderverein Petersgrätz e.V.
Der Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Verstän-
digung und Zusammenarbeit mit Piotrówka (Petersgrätz)
ist ein ziemlich „junger“ Verein. Er bildete sich am 2. Juli
2005 in Nürnberg, am Rande des Deutschlandtreffens der
Schlesier. Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittel-
bar gemeinnützige Zwecke und ist überregional tätig. Der
Vereinssitz ist Oberschweinbach im Landkreis Fürstenfeld-
bruck.
Seine Ziele beschreibt der Vereinsname schon ziemlich ge-
nau. Vor allem sollen Schulpartnerschaften gepflegt, Part-
nerschaft mit der jetzigen polnischen Gemeinde gesucht,
die Heimatgeschichte von Petersgrätz und deren Mutterge-
meinden in Schlesien und Böhmen erforscht, Kontakt zu
ehemaligen Bewohnern und deren Nachkommen gesucht,
Zeitzeugenberichte gesammelt und Unterstützung bei der
Erhaltung
vorhandener
Denkmale
gegeben
werden.
Der Ort Petersgrätz ist ein besonderer in Oberschlesien. Er
wurde 1832 von den evangelischen Böhmischen Brüdern
gegründet. Ab 1740 ließ der preußische König Friedrich
der Große evangelische Glaubensflüchtlinge in sein Land.
Anfänglich siedelten sie in Hussinetz bei Strehlen. Spä-
ter 1752 wurde Friedrichsgrätz (Grodziec) in Oberschle-
sien gegründet. Als auch dort der Platz knapp wurde,
kam Petersgrätz als „Filiale“ dazu. 60 Kolonisten mach-
ten das Land urbar, bauten Häuser und Wege. Im Jahre
1891 wurde Petersgrätz eine eigenständige Gemeinde
und 1892 wurde die evangelische Kirche gebaut. Bei der
Volksabstimmung am 20. März 1921 votierten 79 Prozent
der Einwohner für den Verbleib bei Deutschland. 1932
waren von den 1535 Einwohnern 1225 evangelisch. In-
zwischen hatten sich also auch viele katholische Bürger
im Ort niedergelassen. In der Kirche gab es Gottesdiens-
te in tschechischer, deutscher und polnischer Sprache.
Am 21. Januar 1945 marschierte die russische Armee
in Petersgrätz ein. Ab 26. März 1945 kamen polnische
Verwaltungsmitarbeiter in den Ort, und ein Piotr Dada
übernahm die Aufgabe des Dorfschulzen. Er spielte in der
Anfangszeit eine üble Rolle. Während der Vertreibung der
Deutschen gingen einige polnische Einwohner und Ver-
waltungskräfte besonders brutal gegen die Evangelischen
vor. Einzelne wurden ermordet, kamen in ein Gefange-
nenlager für Deutsche in Blottnitz (Błotnica Strzelecka),
wurden gefoltert. Einige Nachkommen der böhmischen
Brüder wurden in die Tschechoslowakei „ausgesiedelt“.
Die Häuser der vertriebenen Bevölkerung nahmen Polen
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Der Förderverein mit seinen momentan deutschland-
weit 30 Mitgliedern fand nach seiner Gründung sofort
einen guten Draht zu den Verantwortlichen der Gemein-
de Himmelwitz, dem Ortspfarrer und seinen Bewohnern.
Einige Gründungsmitglieder des Vereines bereisten schon
vor 2005 den Ort ihrer Vorfahren und stellten die ersten
Verbindungen her. Mit einigen Spendenaktionen konnte
im Dorf viel erreicht werden. Ein Denkmal für die Dorf-
gründer, Gedenktafeln für den ersten Pfarrer in Peters-
grätz sowie für die Geschichte des Friedhofes wurden re-
alisiert. 2015 wurde das Kriegerdenkmal im Ort erneuert
und wird übers Jahr von einem Ortsverein gepflegt. Es gibt
starke Verbindungen zur örtlichen Schule, die in Bayern
an Schülerwettbewerben teilnimmt und schon oft auf dem
Siegertreppchen stand. Bei den Preisübergaben wurden die
Schüler von Mitgliedern des Fördervereins betreut. Bücher
und Lernunterlagen stellten die Mitglieder des Vereines
für den Deutschunterricht zur Verfügung, für den Kin-
dergarten gab es Spielzeug. Der Ortserneuerungsverein
von Petersgrätz wird finanziell und materiell unterstützt.
Für den Ortspfarrer ist der Förderverein ein treuer Part-
ner bei vielen Projekten in seiner Kirche. Ob Innenreno-
vierung, Heizungseinbau oder Orgelerneuerung, bisher
konnte der Verein immer helfen. Der Pfarrer besitzt noch
ein Taufbuch der Jahre 1881 bis August 1935 in der schö-
nen altdeutschen Schrift. Dieses transkribierten zwei Mit-
glieder des Fördervereins in die heute gebräuchliche Schrift.
So ist bei konkreten Anfragen von Nachfahren der ehe-
maligen Dorfbewohner oder Familienforschern auch eine
Auskunft möglich. Die Gemeinde honoriert die Arbeit des
Födervereins mit Einladungen zum jährlichen Erntedank-
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2019 übergab der langjährige Vorsitzende des Vereins die
Verantwortung in jüngere Hände. Dr. Daniel Franzkow-
ski leitet nun die Geschicke des Fördervereins. Mit seinen
polnischen und tschechischen Sprachkenntnissen bringt er
die besten Voraussetzungen mit, neue Wege zu gehen und
neue Ideen zu verwirklichen. Neuen interessierte Mitglie-
der heißt der Förderverein ausdrücklich willkommen. Die
Altersstruktur hat sich doch stark erhöht. Inzwischen ent-
stehen die ersten Verbindungen nach Böhmen, in die Her-
kunftsorte der damaligen Glaubensflüchtlinge. Gibt es unter
Ihnen vielleicht auch ein paar ursprünglich „Böhmische“?
Vielleicht kennen Sie jemanden mit diesen Namen oder Sie
sind selbst darunter? Sterzik, Horak, Kratochwil, Bredel,
Dlugosch, Skrowny, Kaudelka, Giesa, Deditius, Neveczerzel,
Standera, Pega, Utikal, Duschek, Nowak, Scherne, Radimer-
ski, Sezik, Kautetzki, Franz, Spura, Karliczek, Foltin, Krassni,
Neumann, Swoboda, Gatzka, Adamira, Malli, Obstroj, Rich-
ter, Krassa, Horak, Jellen, Mühlheim, Glensky, Kleinert, Pro-
haska, Schreiber, Malik, Viertel. Das sind die Nachnamen
der ersten Siedler des Ortes. Bestimmt gibt es geschichtsin-
teressierte Mitmenschen, die uns unterstützen wollen. Diese
besondere Geschichte begeistert und braucht Sie!
Die Ortsgeschichte und die seines ersten Pfarrers wurde
durch zwei vom Förderverein herausgegebene Bücher do-
kumentiert. 2009 erschien „Petersgrätz“ und 2012 „Pastor
Peter Schikora“, eine Biographie des Dorfgründers und
ersten Pfarrers von Petersgrätz. Letzterer Titel wurde in
polnischer, deutscher und tschechischer Sprache (in einem
Band) veröffentlicht. Petersgrätz besitzt wegen seiner star-
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Zum Ende noch der Verweis auf die neugestaltete Netzseite
des Vereines. Sie finden diese unter:
www.fv-petersgraetz.
de Schauen Sie rein!
Friedemann Scholz

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Königsberg hat eine einzigartige Geschichte
Als in Ostpreußen Geborener interessiere ich mich na-
türlich im Besonderen für diese alte deutsche Heimat.
Ich wurde im Mai 1946 in Pobethen (Ramonowo) im ost-
preußischen Samland geboren. Meine Angehörigen, die
Mutti und die Oma, lebten in Groß-Nuhr, Kreis Wehlau
(Snamensk). Die Eltern meiner Frau Barbara lebten in La-
biau (Polesk). Im Januar 1945 flüchteten sie mit tausenden
Anderen aus Ostpreußen. Barbara wurde im April 1945
(immer noch auf der Flucht) in Laage bei Rostock gebo-
ren. Sie landete mit ihren Eltern, ebenso wie ich mit Mutti
und Oma, in für uns unbekannten Dörfern in Thüringen.
1500 km für immer weg von zu Hause! Das Leben in der
DDR, ohne jegliche Informationen über die verlorene Hei-
mat, will ich nicht weiter erwähnen. Aus Königsberg wurde
Kaliningrad. Das gesamte nördliche Ostpreußen wurde das
Kaliningrader Gebiet, Oblast Kaliningrad. Ein Territorium
so groß wie Schleswig-Holstein wurde zum militärischen
Sperrgebiet erklärt. Für uns war also ein Wiedersehen un-
denkbar geworden.
Als wir, meine Frau Barbara und ich, 2010 dem Wunsch
meiner Tochter Katja entsprechend, die erste Reise orga-
nisiert und angetreten hatten, wussten wir nicht so richtig,
wohin sie geht. Wir wussten schon, dass wir in die ehema-
lige Sowjetunion fahren. Den Berichten, von vor uns dort
hin gereisten ehemaligen „Ostpreußen“ folgend, war nicht
viel Gutes zu erwarten. Sicher waren wir uns darüber, dass
wir gut aufgenommen werden. Das erwiesen uns die vor-
her aufgebauten Kontakte mit „Russen“ aus dem Oblask
Kaliningrad. Genau so war es!
Doch nun zur Reise und den Eindrücken zu Königsberg
(Kaliningrad) 2010. Unsere PKW-Reise führte uns in
Küstrin nach Polen. Dort fuhren wir ca. 600 km durch
Dörfer, Städte und Wälder, immer auf der alten Reichs-
straße 1 bis zur polnisch-russischen Grenze bei Heiligen-
beil (Mononowo). Man muss keine neonazistischen Ge-
danken hegen, um festzustellen, dass wir durch ehemalige
deutsche Gebiete gefahren sind. Sachsen, Brandenburg
(Landsberg), Pommern (Deutsch-Krone), Westpreußen
(Frauenburg, Elbing) bis Nord-Ostpreußen.
Nach der Grenzabfertigung in Braunsberg/Heiligenbeil, die
ohne Probleme verlief, machten wir hinter Heiligenbeil auf
einer kleinen Anhöhe eine Pause. Von hier ist das Frische
Haff zu sehen. Ich stand starr! Meine Tochter Katja fragt:
„Was ist mit dir, Papa?“ ... Ich sehe die Bilder der flüchten-
den Ostpreußen über das Eis des Frischen Haffs, wie ich
diese von Dokumentationen kenne. Diese Pause brachte
mich in meine Heimat Ostpreußen, getragen von tiefer
Trauer über das, was unsere Eltern erlitten hatten.
Nach 50 Kilometern fuhren wir durch das Brandenburger
Tor ins Stadtzentrum Königsbergs. Eine verrückte Stadt!
Pulsierend ... nicht ganz so modern wie Leipzig ... aber
aufregend auf den ersten Blick. Ein freundlicher Taxi-Fah-
rer zeigte uns den Weg nach Tabiau (Gwardeisk), unserer
ersten Unterkunft in Russland. Plötzlich fuhren wir wie-
der auf der Reichsstraße 1. Schnell fanden wir die Straße
1. Mai Nr. 6. Das ist ein Siedlungsgebiet, in der Nazizeit
errichtet, wie viele Orte im damaligen Deutschland. Der
Tacho zeigte 1100 Kilometer Fahrstrecke an.
Von Anna Micheeva und ihrer Familie wurden wir warm-
herzig begrüßt. Die erste russische Mahlzeit waren Pelle-
meni und ein lustiges Wässerchen (Wodka) dazu. An die-
sem Abend unterhielten wir uns lange über die sowjetische
Geschichte des Königsberger Gebietes und die Geschichte
der DDR. Anna sprach gut deutsch und ich ein wenig
russisch. Sehr interessant waren auch die Gespräche über
die Entwicklung in der „Neuen Zeit“ in beiden Gebieten.
Uns wurde deutlich, dass die jetzigen dort lebenden russi-
schen Menschen ein großes Problem mit der Entwicklung
von Privateigentum haben. Der Kapitalismus hatte dort
für alle ganz hart zugeschlagen. Die Menschen wurden
vom Feudalismus in den Kapitalismus geschickt. Privatei-
gentum und Selbständigkeit kannten sie nicht.
Die nächsten zehn Tage füllten wir mit der Spurensuche
der für uns wichtigen Orte, der Heimat unserer Eltern
(Groß-Nuhr, Groß-Bärwalde und Labiau) und meinem
Geburtsort Pobethen.
In meinem nächsten Beitrag berichte ich über die herr-
liche Stadt Königsberg, die deutsche Geschichte mit der
altbekannten Architektur, ihrer Kultur, der reizenden
Landschaft, den Ostseestrand mit Palmnicken, Pillau,
Rauschen, Cranz und der Kurischen Nehrung. Ich werde
über Begegnungen mit russischen Menschen und Verei-
nen berichten, mit denen wir freundschaftliche Gemein-
samkeiten haben.
Heimatliche Grüße erhalten Sie von
Barbara und Eberhard Grashoff
Tradition heißt nicht, Asche aufzubewahren,
sondern eine Fackel am Brennen zu halten
(Jean Jaurès)
Blick auf die Dominsel in Königsberg mit dem wiederaufgebauten Dom
© wikimedia, Gumerov Ildar

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ZUM SCHMUNZELN
Strolche aller Länder, vereinigt euch!
Eine nette Anekdote über das deutsch-polnische Verhältnis
Nach dem Abschluss meines Studiums Mitte der Siebzi-
gerjahre und dem Kauf meines ersten Autos habe ich fast
jedes Jahr polnische Bekannte meiner Eltern in der Hei-
mat unserer Familie in Polen besucht. Manche Gastgeber
waren innerhalb von Polen umgezogen. Dann musste ich
weite Strecken zurückgelegen. Das verleitete dazu, das
Gaspedal bis zum Anschlag durchzudrücken. Bei einem
alten Käfer war das völlig ungefährlich. Es reichte trotz-
dem aus, um die damals in Polen hauptsächlich gefahre-
nen Kleinwagen zu überholen. Diese fahrbaren Untersät-
ze der Trabiklasse hörten auf den romantischen Namen
Syrena (Meerjungfrau). Allerdings habe ich diesem Au-
toersatz selten eine der vielen hübschen jungen Polinnen
entsteigen sehen, geschweige denn eine halbnackte Meer-
jungfrau, sondern meistens ältere mürrische Männer.
Zudem verbreiteten diese Wägelchen nicht den Duft von
Seerosen, wie es die Pflicht einer Meerjungfrau gewesen
wäre. Sie stanken wie alle Zweitakter.
Bei einer Fahrt von Nakel/Naklo nach Neidenburg/Nid-
zica in Ostpreußen fuhr längerer Zeit eine Syrena vor
mir. Die Farben und der Geruch der Auspuffgase ließen
mich vermuten, dass mein Vordermann sein Auto mit
Schwarztorf befeuerte. Ich unterdrückte das Würgen im
Hals und versuchte, ihn zu überholen. Es gelang mir zu-
nächst nicht. Als wir an einer Bahnschranke warten muss-
ten, stieg ich aus. Auch mein Konkurrent öffnete seine
vernehmlich quietschende Fahrertür. Ich langte in mein
Auto und holte eine Büchse mit Ölspray. Mit Zeichen und
einigen deutschen Sprachbrocken machte ich ihm deut-
lich, dass die Türscharniere seines polnischen Autos seit
langem auf dieses deutsche Wundermittel gewartet hat-
ten. Er bedankte sich in Englisch und sagte dann lachend:
„Deutsch, gut!“
Nachdem sich die Bahnschranken gehoben hatten, ging
das Rennen weiter. Als die Straße breiter wurde und leicht
anstieg, wahrte ich meine Chance, die Poleposition zu
übernehmen, und überholte in einer leichten Kurve. Ich
schaffte es. Das Gefühl, ein zweiter Fangio zu sein, hielt
aber nicht lange an. Vor meinem Konkurrenten war ein
Polizeiauto gefahren, das mir mit der Lichthupe signali-
sierte, anzuhalten. Mein Konkurrent zeigte Fairness, blieb
ebenfalls stehen und übersetzte die peinlichen Fragen der
Polizisten. Dann zog er sich zurück, fuhr weiter und ich
bezahlte mein Bußgeld. Ich beschloss, meine Rennfahrer-
karriere zu beenden und gemütlich weiter zu fahren. Im
Rückspiegel konnte ich beobachten, dass die Polizisten
erstaunlicherweise keine Anstalten machten, ihre Fahrt
fortzusetzen.
Nach einigen Kilometern sah ich meinen Kollegen aus
dem „polnischen Rennfahrerstall“ am Fahrbahnrand ste-
hen. Er winkte, ich hielt an. Von ihm erfuhr ich, warum
sich Polizisten entschlossen hatten, ihren „Boxenstopp“
zu verlängern. Er hatte auf der dreckigen Frontscheibe ih-
res Autos das Ölspray ausprobiert. „Deutsch, gut!“ sagte
er wieder lachend zum Abschied.
Friedrich Zempel
Vertriebene Sachsen?
Nachtrag zu „70 Jahre Charta der Heimatvertriebenen“
Zu den Unterzeichnern der Charta gehörten keine Sach-
sen. Wie auch? Sachsen lag in der SBZ/DDR, das nach De-
finition der Vertriebenengesetze nicht zu den verlorenen
Heimatgebieten zählte. Das stimmt nicht ganz!
Sachsen reichte im Südosten des Landes über die Lausitzer
Neiße hinaus. Der sog. Zittauer Zipfel ist ein 142 Quadrat-
kilometer großes Gebiet mit 22 Gemeinden, in dem bei der
letzten Volkszählung 1939 etwa 24.000 Bewohner lebten –
Deutsche, Sachsen, Oberlausitzer! Sie wurden am 22. Juni
1945 aus ihrer Heimat vertrieben – „nausgeschmissn!“. Un-
gefähr ein Viertel von ihnen hat sich in Westdeutschland
niedergelassen. Für diese war es sehr schwer, in den Ge-
nuss des Lastenausgleichs zu kommen, denn den Behörden
konnte nur schwer verständlich gemacht werden, dass man
zwar landsmannschaftlich Sachse, Oberlausitzer gar sei,
aber eben auchzu den Vertriebenen gehören würde. Auch
in den Vertriebenenverbänden haben sie keine Heimstatt
gefunden. Einige wurden zwar Mitglied in den Schlesier-
gruppen, aber da man kein Schlesier war, fand man auch
da kein Gehör. Auch die Bundeslandsmannschaft Sachsen
war kein Interessenvertreter, da es hier vordergründig um
kulturelle Erinnerung an das in der SBZ gelegenen Gebiet
ging, nicht um materielle Entschädigung und Ansprüche.
So waren die vertriebenen Sachsen in einem doppelten Sin-
ne heimatlos, einerseits der tatsächliche Heimatverlust, an-
dererseits ohne Interessenvertreter, ohne Sachwalter ihrer
Interessen.
Dr. Lars-Arne Dannenberg

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Julia Herb zum 75. Geburtstag
WIR GRATULIEREN
Bereits am 2. September 2020 feierte Julia Herb ihren 75.
Geburtstag. Dass wir erst jetzt gratulieren, zeigt nur ihre
große Bescheidenheit. Julia Herb, geborene Bauer, wurde in
Kopejsk im Ural geboren, wo ihr Vater nach der Deportati-
on Arbeit in einer Kohlengrube gefunden hatte. Eigentlich
stammte ihre Familie aus Annenfeld im heutigen Aserbai-
dschan, weshalb ihre Familie zu den Kaukasusdeutschen
zählt. Nach Stalins Tod versuchte die Familie einen Neu-
anfang in der alten Heimat, wurde aber erneut vertrieben
und zog in ein Dorf nach Südkasachstan unter Deutsche
und Griechen. Julia studierte Technologie für Fleisch- und
Milchprodukte, trug sich aber schon lange mit dem Gedan-
ken nach Deutschland auszureisen. Für diesen Wunsch zog
sie sogar mit ihrem Mann nach Estland, da das Gerücht kur-
sierte, dass die Ausreise aus dem Baltikum leichter sei. Aber
es dauerte noch mehrere Jahre, bis Julia Herb schließlich
1994 ausreisen durfte und nach Dresden kam. Hier enga-
gierte sie sich sofort in der Landsmannschaft, singt im Chor
Silberklang und leitet nun schon seit mehreren Jahren aktiv
die Ortsgruppe Dresden, wo neben zwei Sportgruppen auch
eine Beratungsstelle für Migranten besteht. Dafür danken
wir Julia Herb ganz herzlich und wünschen alles Gute!
Dr. Lars-Arne Dannenberg
Silvia Koziolek-Beier zum 60. Geburtstag
Am 16. Januar 2021 feierte unser Mitglied Silvia Koziolek-
Beier ihren 60 Geburtstag. Sie wurde in Groß-Strehlitz in
Oberschlesien geboren. Aufgewachsen ist sie in Lasisk, einer
Gemeinde von Himmelwitz, ca. 10 km von Groß-Strehlitz
entfernt. Durch die Heirat mit Martin Beier, einem Baden-
Württemberger, kam sie zu ihrem Doppelnamen. Sie pendelt
momentan noch zwischen Groß- Strehlitz, Baden-Württem-
berg und Görlitz. Dort erwarb sie ein Haus, was sie ausbauen
und neu beleben will. Es soll auch der landsmannschaftli-
chen Arbeit für Schlesien dienen, denn Silvia Koziolek-Beier
ist eine Stütze unserer Landsmannschaft, da sie als vereidigte
Dolmetscherin die Verbindung zu den polnischen Partnern
unserer Projekte herstellt und hält. Durch ihren zweiten
Wohnsitz in Groß-Strehlitz/Oberschlesien kennt sie die Men-
talität der polnischen Menschen sowie die Arbeitsweise und
Gepflogenheiten der staatlichen Institutionen. Als Beispiel
ihrer Arbeit soll die Verbindung zur Gemeinde Langewiese
(Długołęka) genannt werden. Mit diesem Partner wollen wir
im Schlosspark Sibyllenort ein erstes Projekt beginnen. Da-
bei hat sie erfolgreich den Kontakt aufgebaut und bei einem
ersten Besuch vor Ort die Übersetzungsarbeit übernommen.
Frau Koziolek-Beier bekleidet weitere Ehrenämter. Unter an-
derem ist sie stellvertretende Vorsitzende im Verein EuB und
für die Landfrauen in Oberschlesien tätig. Wir wünschen al-
les Gute und viel Kraft!
Friedrich Zempel
im Namen der Landsmannschaft Schlesien

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Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag!
Peter Wegelin ist seit nahezu 25 Jahren musikalischer
Begleiter des Chores Lied der Heimat vom BdV-Kreis-
verband Leipzig, den seine Ehefrau Rosa Wegelin leitet.
Er ist ein exzellenter Solist für Klavier und Akkordeon,
musikalischer Leiter des Ensembles „Gshelka“, unterstützt
und begleitet öfter auch Sonnenschein, begleitet Solisten
des Ensembles „Sonnenschein“ bei Wettbewerbsteilnah-
men und hat u.a. mit einem Jungen 2019 in Prag einen
Preis gewonnen. Darüber hinaus hat er vor über einem
halben Jahrzehnt gemeinsam mit seiner Frau Rosa in
Leipzig-Grünau die Veranstaltungsreihe „Alles singt“(für
Senioren) mit Leben ausgefüllt, die sich nach wie vor mo-
natlich großer Beliebtheit erfreut und rege besucht wird.
In diesem Rahmen nimmt er auch während der „Grünau-
er Tastentage“ an Sommerkonzerten teil. Erwähnenswert
sind auch die seit vielen Jahren viermal jährlich organi-
sierten Familienkonzerte der Wegelins mit Kindern und
Enkelkindern, an denen auch ihr Sohn als Cellist und die
Schwiegertochter als Bratscherin, die jeweils als Profis in
einem Sinfonieorchester spielen, teilnehmen.
Peter und Rosa Wegelin sind Deutsche aus Russland (Ufa)
und neben dem BdV im Dachverband der sächsischen
(Spät-)Aussiedler (AVS e.V.) organisiert. Sie unterstüt-
zen ehrenamtlich aktiv auch die LmDR Sachsen und das
Deutsch-Russische Zentrum Sachsen e.V. (DRZ).
Dr. Manfred Hellmund
Peter Wegelin um 70. Geburtstag
Dr. Margarita Zyganow-Unruh zum 85. Geburtstag
Margarita Zyganowa wurde am 5. April 1936 in Taschkent
in einer deutschen Familie geboren, die aufgrund ihres
mennonitischen Glaubens im 19. Jahrhundert nach Russ-
land ausgewandert war. Wie alle Deutschen wurde auch
ihre Familie 1941 unter dem Vorwurf Nazikollaborateure
zu sein aus ihrer Heimat zwangsdeportiert. Ihre Familie
wurde nach Usbekistan, in die Nähe von Gischdowan aus-
gesiedelt, wo Margarita mit ihren beiden Schwestern unter
muslimischen Usbeken bei ihrer Tante aufwuchs, da man
ihre Mutter für zehn Jahre ins Gefängnis gesteckt hatte. Nur
zu Hause wurde deutsch gesprochen und gebetet. Da deut-
sche Kinder nicht zur Schule gehen durften, wurde Marga-
rita anfangs von ihrer älteren Schwester unterrichtet, ehe
sie später gleich in die 5. Klasse eingeschult wurde.
Nach dem Abschluss der 10. Klasse studiert sie in
Taschkent Chemie. 1966 promovierte Margarita im
Fach Chemie. Im selben Jahr trennte sie sich von ih-
rem Mann, einem Russen, der sie nicht gut behandelte
und sogar als Faschisten beschimpfte. Sie zog mit ihrer
Tochter in die Hauptstadt Taschkent. Aber schon lange
bemühte sie sich um die Ausreise nach Deutschland, die

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endlich 1992 genehmigt wurde. Gemeinsam mit ihren
beiden Schwestern kam sie aufgrund des Königsberger
Schlüssels in das sächsische Chemnitz, obwohl sie dort
keine Verwandten hatte.
In Chemnitz engagierte sich Margarita in mehreren Ver-
einen. Sie war aktiv in der AWO-Aussiedlerhilfe und
engagiert sich bis heute bei der Landsmannschaft der
Eberhard Grashoff zum 75. Geburtstag
sealien für ein Schulmuseum. Er arbeitet aktiv mit der
Landsmannschaft Ostpreußen auf Bundesebene sowie
auch seiner Heimatkreisgemeinschaft Wehlau und der
seiner Ehefrau, Fischhausen, zusammen und ist Impuls-
geber in der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen
in Sachsen. Die Familie und die Leipziger Ortsgruppe
der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen sind Mit-
glieder im Aussiedlerverband Sachsen und unterstützen
ehrenamtlich aktiv auch die Arbeit der Landmannschaft
der Deutschen aus Russland und des Deutsch-Russi-
schen Zentrums.
Friedrich Zempel
Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag an den
stellvertretenden Vorsitzenden der Landsmannschaft
Ost- und Westpreußen in Sachsen. Eberhard Grashoff
organisiert gemeinsam mit seiner Ehefrau, Barbara
Tews-Grashoff (die im vergangenenen Jahr 75 Jahre alt
wurde), seinen Kindern und Enkeln seit mehreren Jah-
ren Treffen der Ost- und Westpreußen in Leipzig, die
inzwischen auch über die Landesgrenzen hinaus Zu-
spruch gefunden haben. Jährlich organisiert er Reisen
ins Königsberg/Kaliningrader Gebiet und unterhält lau-
fende Kontakte zu den Menschen und Institutionen, u. a.
Museen, im russischen Teil Ostpreußens. Dabei leistet
er auch Unterstützung bei der Beschaffung von z.B. Mu-
Barbara Tews-Grashoff und Eberhard Grashoff auf der Düne in Nidden (Nida), Kurische Nehrung
Deutschen aus Russland, deren Mitglied sie seit 1994 ist.
Liebe Margarita – herzlichen Glückwunsch zum 85. Ge-
burtstag! Wir wünschen Dir beste Gesundheit und weiter-
hin ein erfülltes Leben!
Vorstand der Landesgruppe Sachsen
und der Ortsgruppe Chemnitz

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Lilli Tews wurde am 26. Mai 1956 in Bolschaja Retschka
im Gebiet Irkutsk als Kind deutschstämmiger Eltern ge-
boren. Sie wuchs in Sibirien auf und studierte in Irkutsk
Ökonomie und Organisation des Bauwesens. Dort lernte
sie auch ihren Ehemann kennen.
Lillis Vorfahren folgten einst dem Ruf Katharinas II. und
siedelten sich im Gebiet der späteren Wolgarepublik an.
1941 mit deren Zerschlagung teilten sie mit den Lands-
leuten das Schicksal der Deportation – ihr Weg führte
nach Sibirien. Die schwierigen Bedingungen unter sow-
jetischen Verhältnissen ließen den immer stärker werden-
den Wunsch und das Verlangen, die auch vererbt wur-
den, nach Rückkehr in die Heimat der Vorfahren – nach
Deutschland – beständig wachsen.
Nachdem bereits Ende der 1970er Jahre mehrere Ver-
wandte aus den Familien der Eheleute in die DDR ausge-
reist waren, denen 1980 auch die Eltern folgten, wollten
auch Lilli und ihr Mann nach Deutschland, in das Land
ihrer Vorfahren. Das gelang ihnen nach der Geburt ihres
ersten Sohnes 1981. Von Lillis Eltern in Karl-Marx-Stadt,
dem heutigen Chemnitz, freudig empfangen, ging´s an
den Aufbau der Existenz in der neuen Heimat. Lilli arbei-
tete sich bei der Ingenieurprojektierung ein und ihr Mann
als Elektriker. Bald darauf wurde auch der zweite Sohn,
dann schon in Karl-Marx-Stadt geboren, und später bau-
ten sie sich ein eigenes Haus, was für sie „der Inbegriff von
Heimat, von Angekommensein“ war.
Mit der Wiedervereinigung Deutschlands engagierte sich
Lilli sofort für die bis dahin nicht mögliche Organisierung
der Spätaussiedler in der ehemaligen DDR und speziell in
Chemnitz. Als neues Mitglied der Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland nahm sie sofort die Fäden in die
Hand und war bereits am 3. November 1990 Mitgründe-
rin der Ortsgruppe Chemnitz der LmDR.
Seitdem arrangiert sie sich aktiv als Vorstandsmitglied für
die Sozialarbeit sowie die Pflege der kulturellen Traditi-
onen und Bräuche der Deutschen aus Russland. Nur ein
Beispiel dafür ist ihre Mitwirkung bei der Gestaltung und
Herausgabe des jüngst erschienenen Buches „Lieder der
Deutschen aus dem östlichen Europa“. Folgerichtig wurde
sie von den Mitgliedern seit mehreren Legislaturperioden
auch in den Landesvorstand gewählt und nunmehr auch
als Beisitzerin in den Vorstand des Landesverbandes der
Vertriebenen und Spätaussiedler Sachsen/Schlesische Lau-
sitz. Darüber hinaus sind ihre Erfahrungen und Ratschläge
auch im Dachverband der Sächsischen Spätaussiedler –
Aussiedlerverband Sachsen gefragt und geschätzt.
Bei ihrem Engagement versteht es Lilli in hervorragender
Weise Job und Ehrenamt in Einklang zu bringen.
Heute, anlässlich ihres 65. Geburtstages, ist eine besonde-
re Gelegenheit, Dir unser herzlichstes Dankeschön aus-
zusprechen, Dir Gesundheit, persönliches Wohlergehen
und weiterhin die Motivation für Dein ehrenamtliches
Engagement zu wünschen, die Dir den nunmehr auch
beginnenden neuen Lebensabschnitt mit Freude erfüllen
sollen. Wir stehen fest an Deiner Seite und bauen auf eine
noch lange währende konstruktive und freundschaftliche
Zusammenarbeit.
Vorstand der OG Chemnitz und LG Sachsen
Lilli Tews
zum 65. Geburtstag

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WIR GEDENKEN
matfreunden übernommen hat oder nach Bildvorlagen neu
angefertigt hat. Mit der Trachtengruppe wurden diese oft
gezeigt. Im Handarbeitszirkel, den sie leitete, werden traditi-
onelle und allgemeine Techniken gepflegt. Im Museum der
Stadt Auerbach befindet sich die Dauerausstellung „Heimat-
vertriebene im sächsischen Vogtland – Flucht Vertreibung
Neubeginn“. Diese Ausstellung ist mit wesentlicher Zuarbeit
unseres Kreisverbandes entstanden. Sie enthält u.a. auch ei-
nen Video-Beitrag mit Frau Böhmer und viele Zeitzeugen-
berichte und Gegenstände der Heimatvertriebenen.
In der Heimatstube des Verbandes (Rebesgrün, Hauptstr.
70) können Besucher Einsicht in den Bestand an Literatur,
Bildern, Projektbeschreibungen und traditionelle Gegen-
stande der Heimatländer nehmen. Dort befindet sich jetzt
auch der diesbezügliche Nachlass von Frau Böhmer. Wir
hoffen, dass trotz Corona-Einschränkungen, die Heimatstu-
be und das Museum bald wieder öffnen können.
Dr. Herbert Gall,
Mitglied des Vorstandes BdV–Kreisverband Vogtland e.V.
Abschied von Gerda Böhmer
Der Bund der Vertriebenen im Vogtland trauert um Frau
Gerda Böhmer - langjähriges initiativreiches Vorstands-
mitglied. Im Alter von 91 Jahren ist sie am 5. Januar 2021
friedlich entschlafen. Sie stammt aus Pilgramsdorf, Kreis
Goldberg in Schlesien. Dort war sie nach Kriegsende zu
Zwangsarbeit verpflichtet worden, bevor sie dann vertrie-
ben wurde und ins Vogtland kam.
Frau Böhmer hat sehr aktiv dazu beigetragen, dass sich die
Vertriebenen der unterschiedlichen Heimatgebiete wieder
hier zusammenfanden und gemeinsam die Tradition und
Historie pflegen konnten. Herzensangelegenheit war ihr vor
allem, das Geschehen der Vertreibungen des 2. Weltkrieges
zu vermitteln und das Vermächtnis von Kultur und Traditi-
on der Heimatländer vorwiegend an jüngere Generationen
weiter zu geben. Viele Projekte mit Schulen, Universitäten,
Museen, Archiven und Zusammenarbeit mit Institutionen
in den Heimatländern legen davon Zeugnis.
Schlesische Mundart hat sie zu sehr vielen Gelegenheiten
gerne vorgetragen. Sie besitzt einen bemerkenswerten Be-
stand an Trachten der Heimatländer, den sie z. T. von Hei-
Abschied von Dietmar Hübler
Am 25. April 2021, genau an seinem 80. Geburtstag, starb
Dietmar Hübler an einer heimtückischen Krebserkran-
kung zu Hause in Dahlen im Beisein seiner Frau Erika und
seines jüngsten Sohnes. Dietmar Hübler wurde am 25.
April 1941 in Klösterle an der Eger (Klášterec nad Ohří)
geboren. Nach seiner Vertreibung fand er in Sachsen eine
neue Heimat, wo er heiratete und mit seiner Frau Erika
drei Söhne und mittlerweile elf Enkel und vier Urenkel
bekam. Er erlernte den Beruf des Elektrikers und entwi-
ckelte eine Sammelleidenschaft für alte Funkgeräte. Sein
besonderes Hobby war das Amateur-Funken, sodass er
schon immer einen „weiten“ Blick, auch über Landesgren-
zen hinweg, besaß. Ehrenamtlich engagierte er sich in der
Politik, wo ihm die CDU mit ihren konservativen Werten
Heimstatt war, und nicht zuletzt in der Sudetendeutschen
Landsmannschaft im Landesverband Sachsen e. V., deren
langjähriger Vorsitzender er war, um auf diese Weise die
Erinnerung an die frühere Heimat wachzuhalten.
Dr. Jens Baumann und Sophie Hübler
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VERANSTALTUNGEN
Bitte halten Sie sich folgende Termine 2021 frei, aber be-
achten Sie, dass coronabedingte Änderungen auftreten
können:
24.-26. Juni Kreisbereisung – verschoben
10. Juli Landesverbandstag in Chemnitz, Pentahotel
3. Oktober Chöretreffen in Verbindung mit dem Ernte-
dankfest in Reichenbach/OL
Aktuelle Informationen erhalten Sie auch über
www.smi.
sachsen.de – dort suchen bei Schnelleinstieg, dann bitte
bei Beauftragter weiterlesen.

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Etwa die tschechischen
Altansässigen, die schon
immer im Sudetenland ge-
wohnt und 1938 deutsche
Staatsbürger geworden
waren. Sie hatten – trotz
ihres tschechischen Nati-
onalismus – oftmals enge
soziale Beziehungen zur
deutschen Restbevölke-
rung. „Nun jedoch, da die
Deutschen besiegt, gede-
mütigt und marginalisiert
waren, mussten sie erken-
nen, wie viel Tschechen
und Deutsche im Grenz-
gebiet einander verdankten und dass die Einheimischen
untereinander mehr Gemeinsamkeiten teilten als mit den
Neuankömmlingen.“ (S. 55). Die ankommenden Tsche-
chen beargwöhnten die altansässigen Tschechen genau
wie die verbliebenen Deutschen. Und auch manche der
tschechischen Neusiedler, auf die man große Hoffnungen
gesetzt hatte, galten als „unzuverlässig“, etwa die Wolhy-
nientschechen, die ab 1946 aus der Sowjetunion in die
Tschechoslowakei umgesiedelt wurden. Ihre Vorfahren
waren zwischen 1868 und 1880 nach Wolhynien, damals
Russland, ausgewandert. Als neue „Wächter des tschechi-
schen Grenzlands“ waren die Wolhynientschechen im
entvölkerten Sudentenland zunächst willkommen. Doch
die Neusiedler hatten in der Sowjetunion den stalinisti-
schen Terror erlebt und standen daher den kommunis-
tischen Aufbauplänen ablehnend gegenüber. Auch sonst
unterschieden sie sich durch soziale, kulturelle und religi-
öse Prägungen von der Mehrheit. Missverständnisse und
Konflikte begleiteten auch die Ansiedlung tschechischer
Remigranten aus dem Ruhrgebiet, aus der Grafschaft
Glatz, aus Mittelschlesien und Rumänien.
Ein eigenes Kapitel sind die Roma (ehemals Zigeuner,
tschechisch: cikání), auf die Spurný ausführlich eingeht.
Diese stammten aus der Ostslowakei und sollten im ehe-
mals deutsch besiedelten Grenzland sesshaft gemacht
werden. Dabei folgte die Tschechoslowakei der sowjeti-
schen Doktrin, wonach es sich bei den „Zigeunern“ nicht
um eine eigene Nationalität handele, sondern um Asozi-
ale, die umerzogen und assimiliert werden müssten. So-
wohl Behörden als auch die tschechische Bevölkerung be-
gegneten den Roma mit unverhohlenem Rassismus. Nach
offizieller Lesart gab es gar keine Roma-Minderheit.
Das Buch kommt zu dem Ergebnis, dass um 1950 die eth-
nisch und kulturell „abweichenden“ Gruppen – deutsche
Restbevölkerung, Roma, tschechische Remigranten aus
Westeuropa, Wolhynientschechen, Tschechen, Slowaken
und Rusinen aus Rumänien, Griechen, Ungarn, Slowaken,
„Optanten“ aus der Karpatoukraine – etwa ein Viertel der
Bevölkerung des Grenzlandes ausmachten.
Was hier in wenigen Zeilen zusammengefasst wird, erzählt
Spurný in zahlreichen detaillierten Einzelgeschichten, die
den Leser berühren und erschüttern. Mit seinem Buch
___________________________
REINGELESEN
Wie ging es weiter im Sudetenland nach der Vertreibung
der Deutschen aus Böhmen und Mähren? Wer sich diese
Frage stellt, wird in dem Buch des 1979 in Prag geborenen
tschechischen Historikers Matěj Spurný zahlreiche Ant-
worten finden. Es ist die deutsche Übersetzung eines bereits
2011 in tschechischer Sprache publizierten Buches, das in
der Tschechischen Republik für Furore sorgte. Denn Spurný
bricht mit einem in der tschechischen Öffentlichkeit ver-
breiteten Denkschema, dass nämlich die Tschechoslowakei
nach 1945 eine demokratische Nachkriegsordnung erhal-
ten habe und erst 1948 in eine kommunistische Diktatur
geschlittert sei. Er zeigt unmissverständlich, dass Zwangs-
maßnahmen, Verfolgungen und Rassismus seit Kriegsende
die tschechoslowakische Nachkriegsgesellschaft prägten.
Im Gegensatz zur ersten Tschechoslowakischen Republik,
die faktisch ein Nationalitätenstaat war, strebte man nach
der Wiedergründung des Staates eine ethnisch und sozial
homogene Gesellschaft an. Alle Gruppen und Minderhei-
ten, die nicht in das Schema hineinpassten, litten unter
Ressentiments, Benachteiligungen, Stigmatisierungen oder
staatlich sanktionierter Gewalt.
Spurný erklärt das am Beispiel der Neubesiedlung des
früheren deutschen Siedlungsgebiets. Nach Ende der
Zwangsaussiedlung im Dezember 1946 waren viele Deut-
sche in der alten Heimat geblieben – weil sie als Antifa-
schisten galten, weil sie in „Mischehe“ mit einem tschechi-
schen Ehepartner lebten oder weil sie in Bergwerken oder
Betrieben gebraucht wurden. Es gab um 1950 im Böhmer-
wald und im Erzgebirge sogar noch Dörfer mit deutscher
Bevölkerungsmehrheit. Die zahlreichen Fallbeispiele be-
legen, welchem „Alltagsrassismus“ diese Deutschen aus-
gesetzt waren. Die Häuser waren konfisziert und wurden
auch denen, die die tschechoslowakische Staatsbürger-
schaft erhielten, nur selten zurückgegeben; der Lohn war
bis 1948 um 20 Prozent reduziert; wenn Deutsche ihre
Muttersprache verwendeten, wurden sie denunziert. Erst
1950 erhielten die meisten Deutschen die tschechoslowa-
kische Staatsbürgerschaft zurück, wobei sich allerdings
rund 40.000 weigerten und staatenlos blieben. Ein hoher
Druck lastete auf den deutschen Ehepartnern in „Misch-
ehen“, denn zeitweise wurde ihre Abschiebung erwogen.
Besonders schlimm erging es Juden deutscher Mutter-
sprache, die die Verfolgungen des NS-Regimes überlebt
hatten. Die „arisierten“ Vermögen wurden nicht zurück-
gegeben; die Opfer der nationalsozialistischen Rasseni-
deologie wurden als „Deutsche“ und damit als Staatfeinde
behandelt. Demzufolge verließ ein Großteil der deutsch-
sprachigen Juden die Tschechoslowakei.
Spurný erweitert die Perspektive, indem er auch andere
Gruppen in den Grenzgebieten in den Blick nimmt, die
ebenso Skepsis und Benachteiligung ausgesetzt waren.
Matěj Spurný: Der lange Schatten der Vertreibung.
Ethnizität und Aufbau des Sozialismus in tschechi-
schen Grenzgebieten (1945–1960), Verlag Harrasso-
witz Wiesbaden 2019, 340 Seiten mit 64 Abbildun-
gen, 38,00 Euro, ISBN 978-3-447-11186-7

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bringt er eine Vielzahl bislang unbekannter Dokumente
und Quellen an die Öffentlichkeit. Für eine Belebung sor-
gen die zahlreiche Abbildungen, die das Alltagsleben der
Minderheiten in der Tschechoslowakei zwischen 1945 und
1960 schildern und die Spurný in privaten Fotoalben ent-
deckt hat. Nur eine Sache ist zu kritisieren: Im Text werden
durchgehend nur die tschechischen Ortsnamen verwendet.
Das ist einerseits verständlich, weil die Verwendung deut-
scher Namen nach 1945 völlig undenkbar war. Andererseits
fehlt dem deutschen Leser dadurch ein Stück Orientierung.
Dr. Matthias Donath
empfinden von Heimat
scheint bei den betroffe-
nen Zeitzeugen nicht ega-
lisiert zu werden, obwohl
die heute noch Lebenden
damals kleine Kinder wa-
ren und im eigentlichen
Sinne Hab und Gut nicht
verloren haben, sondern
naturgemäß ihre Eltern
und Großeltern. Deren
Verlustverarbeitung sah
anfangs noch anders
aus, als in den 1960er bis
1980er Jahren viele Städ-
te und Kreise in West-
deutschland Patenschaf-
ten mit den Städten und
Kreisen in den Vertreibungsgebieten bzw. deren einstigen
Bewohnern übernommen haben und Heimatstuben ent-
standen, während in der DDR über Flucht und Vertreibung
der Mantel des Schweigens gedeckt wurde.
Heute wird freilich eine andere Erinnerungskultur gepflegt.
Wie also gehen die Museen mit diesem Thema um, wie wer-
den Emotionen museal inszeniert? „Diese Arbeit hat die
Konstruktion von Geschichte im Diskurs und im Museum
zum Gegenstand.“ (S. 19) Es werden aber nicht lediglich die
(unterschiedlichen) Darstellungen von Geschichte beschrie-
ben, sondern es kommen auch Akteure zu Wort, ohne dass
deren Sichtweise nun analysiert oder dechiffriert werden soll.
Auch die unterschiedlichen Narrative in den einzelnen Häu-
sern sollen nicht dekonstruiert werden, wenngleich Regente
der Meinung ist, „dass eine Annäherung an eine historische
Wahrheit [Hervorhebung im Original] möglich ist“ (S. 19).
Entsprechend dieser Vorstellung versucht der Autor in Kapi-
tel 3 „Flucht und Vertreibung der Deutschen als historisches
Ereignis“ (S. 95-144) objektiv zu erzählen, um in Kapitel 4 die
unterschiedlichen „Diskurse über Flucht und Vertreibung im
Kalten Krieg“ (S. 145-194) in der Bundesrepublik Deutsch-
land, in der DDR, in der Volksrepublik Polen und der Tsche-
choslowakei vorzustellen, die sich nach 1990 gewandelt ha-
ben, wie dann in Kapitel 5 (S. 195-274) gezeigt wird.
Natürlich lässt sich Geschichte niemals objektiv erzählen.
Es gibt nicht d i e historische Wahrheit, allenfalls kann
man versuchen, eine rein faktenbasierte Geschichte wie-
derzugeben. Aber selbst dabei wird es schon zu unter-
schiedlichen Darstellungen und Wiedergaben kommen.
Die eigentliche Analyse der Darstellung in den Museen
folgt dann der Unterscheidung in „Regionalhistorische
Museen“, womit die Schlesischen Museen zu Görlitz und
Kattowitz gemeint sind, und „Museumsprojekte mit eu-
ropäischem Anspruch“ (S. 369-512), das dann für die üb-
rigens Häuser bzw. auch zum damaligen Zeitpunkt nur
Konzeptpapiere meint. Es ist das umfangreichste Kapitel.
Regente hinterfragt nicht nur die inhaltlichen Konzepte,
sondern auch wie diese in die Museumsarchitektur „einge-
baut“ wurden. So zog das Schlesische Museum zu Görlitz
in den Schönhof, in eines der ältesten Häuser der Stadt,
weshalb Rücksicht auf die wertvolle Renaissancearchitektur
genommen werden musste. Dazu passt, dass es weniger ei-
Vincent Regente: Flucht und Vertreibung in euro-
päischen Museen. Deutsche, polnische und tsche-
chische Perspektiven im Vergleich, transcript-
Verlag Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-5169-0,
646 Seiten, Buchausgabe 60,00 Euro, kostenfreier
Download unter
https://www.transcript-verlag.de/
media/pdf/65/c7/38/oa9783839451694g0WTZ-
z2asHc82.pdf
75 Jahre nach den Ereignissen von Flucht und Vertreibung
hat diese Zeit nicht nur Eingang in Museen gefunden, son-
dern die Darstellung in den Museen ist ihrerseits Gegenstand
einer Bewertung geworden. 2019 hat Vincent Regente seine
Doktorarbeit mit dem gleichen Obertitel, aber einem ande-
ren Untertitel „Konflikte und Annäherungen in Deutsch-
land, Polen und Tschechien“ am Friedrich-Meinecke-In-
stitut der Freien Universität Berlin verteidigt, die nun, nur
ein Jahr später, gedruckt vorliegt. Schon sein Eingangszitat
verdeutlich die gesamte Brisanz dieses Themas, wenn er den
nationalkonservativen polnischen Publizisten Piotr Semka
zitiert, der angesichts der Eröffnung der Dauerausstellung
des Museums des Zweiten Weltkrieges in Danzig befürchtet,
„aufdringlich von der Erinnerung an die Deutschen als Op-
fer bei jedem Schritt verfolgt zu werden.“
Wie geht man damit um, wie wird ein emotionales Thema
in Museen verarbeitet? Das sind Fragen, die der vorliegende
Band klären und analysieren will. Eine neutrale, zumindest
versuchte objektivierte Annäherung scheint nahezu unmög-
lich. Insofern verspricht die Analyse vor dem Hintergrund
des Vergleichs spannende Einblicke. Als Vergleichseinrich-
tungen dienen eben jenes Danziger Museum, das Haus der
Europäischen Geschichte in Brüssel, die Planungen der Stif-
tung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin sowie das
Schlesische Museum zu Görlitz und das Schlesische Muse-
um in Kattowitz, außerdem die Planungen für das Museum
der deutschsprachigen Bewohner Böhmens in Aussig und
das Sudetendeutsche Museum in München, das zwar im De-
zember letzten Jahres endlich eröffnet wurde, aber aufgrund
der Schutzvorkehrungen zur Pandemiebekämpfung noch
nicht für Besucher zugänglich ist.
Es bieten sich also jeweils Danzig und Brüssel, Görlitz und
Kattowitz sowie München und Aussig als Vergleichspaare
an, wobei allein die mitunter (jahrzehnte-)langen Planungs-
phasen bis zur Eröffnung die Schwierigkeiten dieses bis heu-
te hochemotional besetzten Themas andeuten. Das Verlust-

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Impressum
Herausgeber:
Landesverband der Vertriebenen und Spätaus-
siedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz e.V., Geschäfts-
stelle: Heinrich-Heine-Straße 6a, 02977 Hoyerswerda, Telefon:
03571/605187, E-Mail: c.florian-lvs@outlook.de
Redaktion:
Dr. Lars-Arne Dannenberg, Tel.: 035795/16010
E-Mail: info@zkg-dd.de
Titelbild:
Blick auf Kirche und Dorf Pöllandl (Kočevske Pol-
jane), Foto: Dr. Matthias Donath, 2020
Gesamtherstellung:
Zentrum für Kultur//Geschichte,
Dorfstraße 3, 01665 Käbschütztal OT Niederjahna
Diese Zeitschrift lebt von Ihrem Engagement. Artikel und
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Es besteht kein Anspruch auf Abdruck eingesandter Beiträ-
ge. Die Autoren tragen die Verantwortung für die Bildrechte
der Abbildungen ihrer Artikel. Namentlich gekennzeichnete
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Diese Maßnahme wird finanziert mit Steuermitteln auf
Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Land-
tags beschlossenen Haushalts. https://lsnq.de/JensBaumann
Ostpreußisches Kulturzentrum Ellingen (Hrsg.):
Hörbuch „Ostpreußen - hören …“, 10,00 Euro
Prächtige Bildbände, umfassende historische Darstellun-
gen, zahllose Biografien – die Literatur zum Thema Ost-
preußen wird ständig umfangreicher. Publikationen, die
einen tieferen, anschaulichen Einblick in das alltägliche
Leben, die Sitten und Gebräuche der damaligen ostpreußi-
schen Bevölkerung bieten,
sind jedoch nicht sehr zahl-
reich. Besonders rar sind
Tondokumente, die diese
Lücke schließen könnten.
Mit dem neu herausgegebe-
nen Hörbuch „Ostpreußen
- hören …“ betritt das Kul-
turzentrum Ostpreußen in
Ellingen (Bayern) Neuland.
Was heute nicht aufgezeich-
net wird, geht für die Zu-
kunft verloren.
Zahlreiche Interviews bie-
ten ein buntes Bild vom Leben der Ostpreußen im Jah-
reslauf, ferner sind historische Tonbeispiele aus dem Ost-
marken-Rundfunk bzw. dem Reichssender Königsberg
auf den CDs zu finden. Besonders eindrucksvoll sind kur-
ze literarische Erzählungen in aktuellen Aufnahmen von
ostpreußischen Schriftstellern wie Arno Surminski oder
Herbert Somplatzki. Auch der Humor kommt durch Bei-
träge von Herbert Tennigkeit nicht zu kurz. So haben sich
die beiden CDs (jeweils etwa 75 Minuten Laufzeit) quali-
tätvoll füllen lassen. Ein kleines Booklet liefert weitere In-
formationen. Die Projektleitung und Redaktion hatte der
Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen Wolfgang Frey-
berg. Die Interviews führte Gabriela Czarkowska-Kusaj-
da, die später auch alle Beiträge für die CDs geschnitten
und arrangiert hat.
Dieses Hörbuch kann für 10,00 Euro plus Porto im Kultur-
zentrum Ostpreußen, Postfach 17, 91792 Ellingen bestellt
werden, auch per Mail: info@kulturzentrum-ostpreussen.
de oder Telefon 09141/86440.
nem geschichtsdidaktischen Museum gleicht, als vielmehr
einen „kunsthistorischen Charakter“ aufweist.
Was ergab nun die vergleichende Analyse? Bezüglich der
Geschichte Schlesiens „äußert sich [das] im SMG [Schlesi-
sches Museum zu Görlitz] in einem liberalen Europanarrativ
und im MSK [Schlesisches Museum Kattowitz] in einer na-
tionalpolnischen Schlesienerzählung.“ (S. 362). Bei der Re-
alisierung von letzterem haben dann also bereits die neuen
polnischen Sichtweisen auf die Geschichte Früchte getragen,
während sich das SMG möglichst einer Kontroverse aus dem
Wege gehend auf ein friedliches, ausgleichendes Europanar-
rativ zurückzieht. Bezüglich der sudetendeutschen Muse-
umsprojekte in München und Aussig musste sich der Autor
allein mit den Konzepten „begnügen“. Insofern verbietet sich
eigentlich eine Bewertung, da erfahrungsgemäß zwischen
Konzept und Umsetzung eine Diskrepanz besteht. Mit einem
wesentlich umfassenderen Anspruch, nämlich nichts weniger
als einem europäischen Kontext sind die Ausstellungen in
Berlin, Brüssel und Danzig herangegangen. Darin nehmen
die Darstellungen von Flucht und Vertreibung einen unter-
schiedlichen Stellenwert ein – und das gelingt natürlich unter-
schiedlich gut. Das Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs
hat dafür die formidable Ausstellungsfläche von 5.000 Quad-
ratmetern zur Verfügung, was sogar noch das Haus der Eu-
ropäischen Geschichte in Brüssel übertrifft. Alle drei Häuser
sind schon dem Anspruch nach unterschiedlich. Während die
Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung einem spezifischen
Gründungskontext, nämlich der Forderung des BdV nach
einem Zentrum gegen Vertreibung entspringt und sich nach
diversen Irrungen und Wirrungen als Dokumentationszent-
rum begreift, ist das Danziger Haus eher als klassisches Mu-
seum mit einem starken Narrativ zu werten, dem entgegen
die Brüsseler Einrichtung schon dem Namen nach als „Haus“
auftritt und eher Gesprächsangebote unterbreiten will, also
Debatten anstoßen möchte. Das streben allerdings auch die
Macher der anderen beiden Einrichtungen explizit an.
Studien wie diese sind enorm wichtig, machen sie doch
die unterschiedlichen, meist national gefärbten Herange-
hensweisen und nicht zuletzt auch die Manipulation der
Geschichte deutlich und dienen damit nicht lediglich der
Geschichtsvermittlung, sondern sind ihrerseits Ausdruck
politischer Konzeptionen.
Eine Besonderheit ist, dass das gesamte Buch als Digita-
lisat zum Download im Internet bereitsteht, womit eine
Förderbedingung umgesetzt wurde.
Dr. Lars-Arne Dannenberg