image
Jahresbericht 2012
STAATSMINISTERIUM
FÜR SOZIALES UND
VERBRAUCHERSCHUTZ
der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits-
und Veterinärwesen (LUA)

 
│1
Inhaltsverzeichnis
Sachberichte über wichtige Ereignisse, Untersuchungsschwerpunkte
und Untersuchungsergebnisse
Vorwort ........................................................................................................................................................................................................ 5
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und umweltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
Übersicht über das Leistungsspektrum ........................................................................................................................................................................... 6
Größter lebensmittelbedingter Ausbruch von akuter Gastroenteritis in Deutschland - Auswertung für Sachsen .................................. 8
Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA) an der LUA, 2007-2012 ....................................................................................................................10
Darminfektionen in Sachsen – Diagnostik an der LUA und überarbeitete Empfehlungen zu ihrer Verhütung und Bekämpfung .....11
Molekularbiologische Untersuchungen – ausgewählte diagnostische Schwerpunkte ..................................................................................14
Bedeutung der Serologie für die Diagnostik wichtiger sexuell übertragbarer Infektionen ..........................................................................15
Hygiene der Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen, Kurorthygiene ..................................................................................................16
Carbapenem-resistente Erreger: eine Herausforderung für Hygiene und Infektionsschutz ..........................................................................18
Umstrukturierung/Weiterentwicklung der sächsischen Trinkwasserdatenbank ...............................................................................................19
Umweltmedizinische und umwelthygienische Untersuchungs- und Beratungstätigkeit ..............................................................................20
Amtliche Lebensmitteluntersuchungen, Amtliche Futtermittelüberwachung
Übersicht über das Leistungsspektrum .........................................................................................................................................................................22
Lebensmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene ..............................................................................................................................................23
Getreide/Getreideerzeugnisse/Süßwaren/Kaffee/Tee/Kakao/Fette/Öle/Feinkosterzeugnisse/Speiseeis/Zusatzstoffe .............................26
Obst/Obsterzeugnisse/Gemüse/Gemüseerzeugnisse/Gewürze/Fertiggerichte ...................................................................................................28
Getränke ........................................................................................................................................................................................................29
Nahrungsergänzungsmittel/Diätetische Lebensmittel .............................................................................................................................................32
Kosmetische
Mittel ........................................................................................................................................................................................................34
Bedarfsgegenstände ........................................................................................................................................................................................................36
Pestizide/Dioxine ........................................................................................................................................................................................................38
Pharmakologisch wirksame Stoffe .................................................................................................................................................................................43
Amtliche Außendienstaufgaben .....................................................................................................................................................................................44
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und Krankheitsdiagnostik
Übersicht über das Leistungsspektrum ........................................................................................................................................................................46
Pathologische Diagnostik .................................................................................................................................................................................................47
Parasitologische Diagnostik .............................................................................................................................................................................................52
Spezielle Bakteriologie und Mykologie .........................................................................................................................................................................53
Milchhygienische Untersuchungen/Mastitisdiagnostik ...........................................................................................................................................56
Serologie, Virologie, diagnostische Molekularbiologie .............................................................................................................................................57
Epidemiologie, Datenverarbeitung und Berichtswesen ............................................................................................................................................62
Verwaltung
Informationen nach dem Verbraucherinformationsgesetz durch die LUA ........................................................................................................63
Qualitätsmanagement-Akkreditierung .........................................................................................................................................................................64
Öffentlichkeitsarbeit ........................................................................................................................................................................................................64
Abkürzungsverzeichnis ......................................................................................................................................................................................................65
Tabellarische Darstellung der Untersuchungsleistungen und
Öffentlichkeitsarbeit 2012
(nur als pdf-Dokument - siehe Homepage:
www.lua.sachsen.de
> Publikationen > Jahresberichte
)
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und umweltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
1.1: Klinische Mikrobiologie (Bakteriologie, Mykologie) - Einsendungen ........................................................................................................ 1
1.2:
Klinische Mikrobiologie (Bakteriologie, Mykologie) - Untersuchungen .................................................................................................... 1
1.3: Erregerspektrum der Blutkulturen .........................................................................................................................................................................2

2 │
1.4:
Gezielte Anforderungen zum Nachweis von MRSA und ESBL ...................................................................................................................... 3
1.5:
Untersuchte Humanproben mit Nachweis von MRSA/caMRSA und ESBL ................................................................................................ 3
1.6:
Mykobakteriologie - Einsendungen humanmedizinischer Materialien ..................................................................................................... 3
1.7: Mykobakteriologie - durchgeführte Untersuchungen .....................................................................................................................................3
1.8: Erregerspektrum der angezüchteten Mykobakterien .......................................................................................................................................4
1.9:
Untersuchungen auf darmpathogene Erreger (Bakterien/Viren/Parasiten) ............................................................................................... 4
1.10: Spektrum der nachgewiesenen darmpathogenen Erreger ............................................................................................................................. 5
1.11: Spektrum der nachgewiesenen Salmonellen-Serovare ...................................................................................................................................5
1.12: Spektrum der nachgewiesenen Shigella-Arten .................................................................................................................................................6
1.13: Spektrum der nachgewiesenen Campylobacter-Arten ....................................................................................................................................6
1.14: Spektrum der nachgewiesenen Serotypen von intestinalen E. coli (außer EHEC) ................................................................................... 6
1.15: Spektrum der nachgewiesenen EHEC-Serovare ................................................................................................................................................7
1.16: Spektrum der nachgewiesenen Serogruppen von Yersinia enterocolitica ................................................................................................. 8
1.17: Nachweis von darmpathogenen Viren .................................................................................................................................................................8
1.18: Klinische Parasitologie - Einsendungen .............................................................................................................................................................. 8
1.19: Ergebnisse der helminthologischen Untersuchungen ..................................................................................................................................... 8
1.20: Ergebnisse der protozoologischen Untersuchungen ........................................................................................................................................ 8
1.21: Entomologie und Schädlingskunde - Untersuchungsumfang und Artenspektrum ................................................................................. 9
1.22: Virusanzucht/Virustypisierung und Neutralisationsteste ............................................................................................................................... 9
1.23: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Virus-Antikörper und -Antigene .........................................................................10
1.24: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Bakterien-Antikörper und -Antigene .................................................................11
1.25: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Parasiten-Antikörper und -Antigene .................................................................11
1.26: Serologisch-immunologische Untersuchungen auf Pilz-Antikörper und -Antigene ............................................................................12
1.27: Nukleinsäurenachweise mittels PCR ..................................................................................................................................................................12
1.28: Untersuchungen von zentralen Trinkwasserversorgungsanlagen (ZWVA) ..............................................................................................13
1.29: Beanstandungen bei zentralen Wasserversorgungsanlagen (ZWVA) ........................................................................................................13
1.30: Untersuchungen von EU-Badegewässerproben ..............................................................................................................................................14
1.31: Einstufung der mikrobiologischen Qualität der EU-Badegewässer in Sachsen in der Badesaison 2012 durch die
Europäische Kommission .......................................................................................................................................................................................14
1.32: Pollenmessstation LUA Sachsen, Standort Chemnitz
Dekadenmittel der Pollenbelastung der Luft von 5 Pflanzenarten für die Pollenvorhersage im Vergleich der Jahre 2010,
2011 und 2012 .........................................................................................................................................................................................................15
1.33: Ausgewählte hygienische Untersuchungen......................................................................................................................................................16
1.34: Erfasste Infektionskrankheiten im Freistaat Sachsen Jahresvergleich 2011/2012
..............................................................................16
1.35: Influenza-Sentinel 2011/2012
Aufschlüsselung der Probeneinsendungen und der positiven Influenzavirus-Genomnachweise nach territorialen
Gesichtspunkten .......................................................................................................................................................................................................18
1.36: Influenza-Sentinel 2011/2012
Probeneinsender, Probenzahl, positive Proben und Positivrate nach PCR-Diagnostik ........................................................................18
1.37: Influenza-Sentinel 2011/2012
Probeneinsendungen, Influenzavirus-Nachweise (mittels PCR) und
Positivraten.................................................................................19
Amtliche Lebensmitteluntersuchung
2.1: Übersicht über Probeneingänge und Beanstandungen ................................................................................................................................20
2.2: Untersuchung amtlicher Lebensmittelproben .................................................................................................................................................22
2.3:
Untersuchung von Erzeugnissen, die dem Weinrecht unterliegen ............................................................................................................25
2.4: Untersuchung von Tabakerzeugnissen ...............................................................................................................................................................25
2.5: Untersuchung amtlicher Bedarfsgegenständeproben ..................................................................................................................................25
2.6: Untersuchung kosmetischer Mittel.....................................................................................................................................................................25
2.7: Untersuchung ausgewählter Warengruppen aufgeschlüsselt nach Produktgruppen ..........................................................................26
2.8: Transfettsäure-Gehalte in sächsischen Produkten .........................................................................................................................................28
2.9:
Zusatzstoffuntersuchungen in Lebensmitteln und Kosmetika ....................................................................................................................29
2.10: Beispiele aus der Untersuchung kosmetischer Mittel – Vitamine .............................................................................................................29
2.11: Elementanalytik: Anzahl der Proben und Beanstandungen .........................................................................................................................30
2.12: Untersuchungen auf Dioxine und dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle (incl. Proben NRKP) ....................................................31
2.13: Mykotoxine, ausgewählte Untersuchungsergebnisse ....................................................................................................................................32
2.14: Untersuchungen von Lebensmitteln auf Bestandteile aus gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP)
..........................................33
2.15 Untersuchungen auf Allergene ............................................................................................................................................................................33
2.16: Pflanzenschutzmittel-Rückstandssituation in Lebensmitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs
...........................................34
2.17: Beanstandete Proben aufgrund von Überschreitungen der geltenden Rückstandshöchstgehalte (RHG) gemäß
Verordnung (EG) Nr. 396/2005 und Rückstands-Höchstmengenverordnung (RHmV) ........................................................................35
2.18: Untersuchung auf ausgewählte organische Schadstoffe .............................................................................................................................36

│3
2.19: Untersuchung von Lebensmitteln auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe ......................................................................36
2.20: NRKP - Anzahl der Untersuchungen in den einzelnen Stoffgruppen (nach RL 96/23/EG) für verschiedene Tierarten nach
Probenahme von tierischen Erzeugnissen oder an Tieren im Erzeugerbetrieb .......................................................................................37
2.21: NRKP - Anzahl der Untersuchungen in den einzelnen Stoffgruppen (nach RL 96/23/EG) für verschiedene Tierarten nach
Probenahme an Tieren im Schlachtbetrieb .......................................................................................................................................................37
2.22: Proben aus der amtlichen Lebensmittelüberwachung ..................................................................................................................................38
2.23: Zusammenstellung von positiven Proben (MRL-Überschreitungen oder Nachweis verbotener bzw. nicht zugelassener
Stoffe) .........................................................................................................................................................................................................................39
2.24: Zusammenstellung von Proben mit Rückständen pharmakologisch wirksamer Stoffe, deren Konzentrationen die
zulässigen Höchstwerte bzw. den MRPL nicht überschreiten.....................................................................................................................39
2.25: Bakteriologische Hygienekontrolluntersuchungen, Salmonellen-Serotypen in Tupferproben ..........................................................39
2.26: Bakteriologische Fleischuntersuchung einschließlich biologischer Hemmstofftest .............................................................................39
2.27: Salmonellenfunde und nachgewiesene Serovare in Lebensmitteln ..........................................................................................................40
2.28: Nachweise von Listeria monocytogenes in Lebensmitteln ..........................................................................................................................40
2.29: Nachweise von Campylobacter in Lebensmitteln ...........................................................................................................................................41
2.30: Nationaler Rückstandskontrollplan – Biologischer Hemmstofftest .........................................................................................................41
2.31: Untersuchung loser Wasserproben (WC 59) ....................................................................................................................................................41
2.32: Untersuchung von Lebensmitteln auf Aromastoffe .......................................................................................................................................42
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und Krankheitsdiagnostik
3.1: Sektionen ..................................................................................................................................................................................................................43
3.2:
Untersuchungen zur Überwachung und Nachweis von ausgewählten anzeigepflichtigen Tierseuchen
........................................44
3.3:
Untersuchungen zur Überwachung und Nachweis von ausgewählten meldepflichtigen Tierkrankheiten
....................................44
3.4: Tollwutuntersuchungen - Tierarten ....................................................................................................................................................................45
3.5: Tollwutuntersuchungen und Nachweise - Trend ............................................................................................................................................45
3.6: Tollwut - Kontrolluntersuchungen von Füchsen .............................................................................................................................................46
3.7: TSE-Untersuchungen ..............................................................................................................................................................................................46
3.8: TSE-Untersuchungen Trend ...................................................................................................................................................................................46
3.9: Parasitologie - Proben und Untersuchungen ...................................................................................................................................................47
3.10: Parasitologie - Untersuchungen und Ergebnisse ............................................................................................................................................47
3.11: Parasitologie - ausgewählte Erregernachweise ..............................................................................................................................................49
3.12: Parasitologie der Fische - Untersuchungen und Ergebnisse........................................................................................................................50
3.13: Bakteriologie, Mykologie - Probenarten, Anzahl und Untersuchungen ...................................................................................................51
3.14: Untersuchungen auf Salmonellen .......................................................................................................................................................................51
3.15: Ausgewählte Ergebnisse der Salmonellentypisierung ausgewählter Tierarten ......................................................................................52
3.16: Untersuchungen auf Campylobacter spp. aus Kot- und Organproben .....................................................................................................52
3.17: Andrologische und gynäkologische Proben ......................................................................................................................................................53
3.18: Mastitisdiagnostik - Proben und Untersuchungen nach Kategorien ........................................................................................................53
3.19: Mastitisdiagnostik - Erregernachweise .............................................................................................................................................................54
3.20: Serologische Untersuchungen und Ergebnisse ................................................................................................................................................55
3.21: Virusnachweise - Anzüchtungen .........................................................................................................................................................................56
3.22: Sonstige Antigen-Nachweise (ELISA/Immunfluoreszenztest/Hämagglutination)
.................................................................................57
3.23:
Molekularbiologie ....................................................................................................................................................................................................58
3.24: BVDV - Untersuchungen und Ergebnisse ..........................................................................................................................................................61
3.25: Blauzungenkrankheit - Untersuchungen und Ergebnisse ............................................................................................................................61
3.26: Aviäre Influenza - Untersuchungen und Ergebnisse
......................................................................................................................................61
3.27: Untersuchungen auf Paratuberkulose ................................................................................................................................................................62
3.28: Untersuchungen auf Schmallenbergvirus .........................................................................................................................................................62
3.29: Elektronenmikroskopie - Virusnachweise .........................................................................................................................................................62
Öffentlichkeitsarbeit
Publikationen
........................................................................................................................................................................................................65
Lehrtätigkeit ........................................................................................................................................................................................................66
Vorträge ........................................................................................................................................................................................................67
Sonstige Öffentlichkeitsarbeit .........................................................................................................................................................................................70
Praktikantenbetreuung ......................................................................................................................................................................................................71
Mitarbeit in zentralen Gremien, Ausschüssen, Arbeitsgruppen .............................................................................................................................72
Teilnahme an Betriebskontrollen, Durchführung von Inspektionen, Begehungen vor Ort .............................................................................74

4 │

image
│5
Vorwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen (LUA) obliegt im System des öffentlichen Ge-
sundheitsdienstes die Untersuchung und Beurteilung von Human-, Lebensmittel- und Veterinärproben im Auftrag der Gesundheits-
ämter sowie der Lebensmittel- und Veterinärbehörden.
Schwerpunktmäßig werden für das Jahr 2012 Untersuchungsbereiche und Leistungen in diesem Bericht dargestellt.
Das komplette Leistungsspektrum einschließlich der Untersuchungszahlen und Ergebnisse finden Sie im Tabellenteil der
Internetprä-
sentation unter
http://www.lua.sachsen.de.
Die LUA ist mit ihrer Untersuchungstätigkeit Spiegelbild der jeweils aktuellen Anforderungen/Krisenlagen. Auf den Ergebnissen und
Befunden basieren die Maßnahmen der Gesundheits-, Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsbehörden.
Als eine der größten Herausforderung im Jahr 2012 stellte sich die Ursachenfindung für die Gemeinschaftserkrankungen in Schulen
und Kindertagesstätten verschiedener Bundesländer dar. Bereits nach den ersten Untersuchungen war zu erkennen, dass Lebens-
mittel der Gemeinschaftsverpflegung ursächlich für die Magen-Darm-Erkrankungen waren. Mit Proben der LUA Sachsen gelang der
entscheidende Nachweis von Noroviren des gleichen Typs in den Erdbeeren (Herkunft China) des Menüs als auch in den Stuhlproben
Erkrankter.
In der amtlichen Lebensmitteluntersuchung waren im letzten Jahr 12,2 % der 24.267 Proben zu beanstanden, das entspricht der
gleichen Quote wie in den beiden vorangegangenen Jahren.
Mit Auftreten des Schmallenbergvirus stand in der veterinärmedizinischen Diagnostik mit Beginn des Jahres 2012 die Diagnostik
einer neuen Erkrankung bei Rindern, Schafen und Ziegen im Fokus, die durch Missbildung der Feten charakterisiert ist. Auch hier
galt es, neue Untersuchungstechniken zu etablieren.
Die LUA definiert sich als wichtiger Bestandteil des präventiven und aktiven Verbraucher- und Infektionsschutzes, was anhand der
getätigten Untersuchungen und Beurteilungen auch 2012 unter Beweis gestellt wurde.
Den Mitarbeitern der LUA sei für das stetig aktive Mitwirken und den Behörden des Gesundheitsdienstes für die gute Zusammen-
arbeit gedankt.
Im Name aller Beteiligten bei der Erstellung dieses Berichtes wünsche ich Ihnen eine interessante und aufschlussreiche Lektüre.
Dr. Gerlinde Schneider
Präsidentin m. d. W. b.

 
6 │
Humanmedizinische infektions-, hygiene- und um-
weltbezogene Diagnostik und Beratungstätigkeit
Übersicht über das Leistungsspektrum
In der
Abteilung Medizinische Mikrobiologie
wird vorwiegend
im Auftrag der Gesundheitsämter des Freistaates Sachsen die
mikrobiologische Labordiagnostik auf bakterielle, virale, para-
sitäre und/oder Pilz-Infektionserreger aus menschlichen Unter-
suchungsmaterialien sowie aus Trink- und Badewasserproben
durchgeführt. Die Wasserproben werden darüber hinaus festge-
legten chemischen Analysen unterworfen. Aufgrund der Verfüg-
barkeit eines modernen Labors der Schutzstufe 3 kann auch mit
Krankheitserregern, die ein erhöhtes Gefährdungspotenzial be-
sitzen, also mit Keimen der Risikogruppe 3, gearbeitet werden.
Schwerpunktmäßig werden somit folgende Untersuchungsauf-
gaben wahrgenommen:
]
Diagnostik zum Nachweis und zur Abklärung von (Infek-
tions-)Erregern
]
beim Auftreten bevölkerungsmedizinisch relevanter über-
tragbarer Krankheiten (z. B. bei Häufungen, Ausbrüchen,
in Gemeinschaftseinrichtungen etc.)
]
nosokomialer Infektionen sowie mit speziellen und Multi-
Resistenzen (z. B. MRSA, VRE, ESBL-Bildner, Carbapene-
mase-Bildner)
]
sexuell übertragbarer Infektionen (STI)
]
mit bevölkerungsmedizinischer Relevanz bei Asylbewer-
bern
]
im Rahmen von Sentinels (z. B. Influenza-Sentinel,
En-
terovirus-Surveillance)
]
mit bevölkerungsmedizinischer Relevanz bei derem neuen
Auftreten oder bei deren schneller Verbreitung (emerging
infectious diseases)
]
mit erhöhtem Gefährdungspotenzial (z. B. Erreger der Risi-
kogruppe 3 wie
Mycobacterium tuberculosis
)
]
Diagnostik von Schädlingen (z. B. stechende Arthropoden wie
Läuse, Flöhe)
]
Kontrolle von Trinkwasser aus zentralen Wasserversorgungs-
anlagen hinsichtlich bakteriologischer und chemischer Para-
meter
]
Kontrolle von EU-Badegewässern und „wilden Badestellen“
hinsichtlich bakteriologischer Parameter, ggf. einschließlich
Blaualgen
Die Beiträge im Textteil stellen nur einige Haupttätigkeitsfelder
vor, ohne dass sie jedoch das gesamte Arbeitsspektrum abbilden
können.
Bei den Probenmaterialien, die im Rahmen von Häufungen und
Ausbrüchen von Infektionskrankheiten in Gemeinschaftseinrich-
tungen wie Kindergärten, Schulen, Alten- und Pflegeheimen etc.
entnommen wurden, stand auch 2012 v. a. die Abklärung infek-
tiöser Durchfallerkrankungen im Vordergrund. Im Berichtsjahr
wurden in der Abteilung
Medizinische Mikrobiologie
insgesamt
54.482 Untersuchungen auf Bakterien, Viren und Parasiten in
Stuhlproben durchgeführt. 6,3 % der Untersuchungen führten
zum Erregernachweis. Besondere diagnostische und organisa-
torische Herausforderungen waren in diesem Kontext durch
den bisher größten lebensmittelbedingten Ausbruch von akuter
Gastroenteritis in Deutschland, verursacht durch mit Noroviren
kontaminierte Tiefkühl-Erdbeeren aus China, zu meistern. Hier-
bei war innerhalb nur weniger Tage ein stark erhöhtes Proben-
aufkommen zu bewältigen.
Auch 2012 war wiederum ein weiteres Kern-Tätigkeitsfeld die
Mitwirkung des im Jahr 2010 ins Leben gerufenen sächsischen
MRE-Netzwerks
. Hierbei unterstützten LUA-Mitarbeiter als
Mitglieder bzw. Leiter die AG Hygienemaßnahmen/Kommuni-
kation und die AG Surveillance und Antibiotika-Strategie sowie
die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) MRE. In diesem Zusam-
menhang wurden im Auftrag der Gesundheitsämter 25 regio-
nale Fortbildungen abgehalten. Die AG Surveillance und Anti-
biotika-Strategie brachte u. a. ein „Fortbildungscurriculum zum
rationalen Einsatz von Antibiotika“ auf den Weg, denn ein rati-
onaler Antibiotika-Einsatz wirkt sich positiv auf die Resistenzsi-
tuation der Erreger aus. Das Curriculum wird in Kooperation mit
der Sächsischen Landesärztekammer und der Kassenärztlichen
Vereinigung Sachsen abgehalten.
Um Informationen über die Verbreitung von Carbapenemase-
Bildnern – die eine starke Einschränkung der therapeutischen
Möglichkeiten zur Folge hat – in Sachsen zu erhalten, wurde von
der Abteilung Medizinische Mikrobiologie die vom SMS initiier-
te diesbezügliche Punktprävalenzerhebung durchgeführt. Von
insgesamt 1.037 Patienten aus 53 sächsischen Kliniken wurden
von Oktober 2012 bis Februar 2013 Stuhlproben bzw. Rektal-
abstriche auf Carbapenemase-bildende gramnegative Bakterien
untersucht. Keime mit entsprechendem Resistenzmus ter wur-
den bei 3 Patienten (0,3 %) nachgewiesen. Dass 79 % aller re-
levanten Kliniken an der Prävalenzerhebung teilgenommen ha-
ben, lässt auf hohe Kooperationsbereitschaft bzw. Interesse bei
der Erfassung und Bekämpfung von multiresistenten Erregern
schließen.
Durch ihre Untersuchungstätigkeit unterstützt die Abteilung
Medizinische Mikrobiologie die Gesundheitsämter des Frei-
staates Sachsen in ihrer Aufgabe, die im Infektionsschutzge-
setz verankerte und im öffentlichen Interesse liegende Verhü-
tung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten umzusetzen.
Aber auch intensive Beratungs-, Vortrags-, Fortbildungs- und
Schulungstätigkeit sowie die Erstellung verschiedener Informa-
tionsmaterialien, Empfehlungen und Stellungnahmen, die ne-
ben der Labordiagnostik geleistet wurden, bilden einen weiteren
Aufgaben schwerpunkt der Abteilung Medizinische Mikrobiolo-
gie.
Arbeitsgebiete der
Abteilung Hygiene und Umweltmedizin,
Infektionsepidemiologie, Gesundheitsberichterstattung
sind
umweltbedingte Erkrankungen, Kommunalhygiene, Badegewäs-
serhygiene, Hygiene der Gesundheitseinrichtungen (allgemein
bekannt unter der Bezeichnung „Krankenhaushygiene“), Hygie-
ne in Gemeinschaftseinrichtungen, Kurorthygiene sowie Infekti-
onsepidemiologie einschließlich Gesundheitsberichterstattung.

│7
Der Schwerpunkt der Aufgaben im Fachgebiet
Umweltmedizin,
Kommunalhygiene
ist darauf gerichtet, die im Freistaat Sachsen
tätigen Gesundheitsbehörden sowie andere öffentliche Stellen
und Fachbehörden im Bezugsbereich Umwelt und Gesundheit
zu beraten und gegebenenfalls mit Untersuchungen und Stel-
lungnahmen zu unterstützen (Gesetz über den Öffentlichen Ge-
sundheitsdienst im Freistaat Sachsen). Das Anforderungsprofil
umfasst sowohl Beratungen über mögliche bzw. vermutete um-
weltmedizinische Zusammenhänge bis hin zu komplexen hygie-
nischen Einschätzungen und Expositionsanalysen, einschließlich
der hierzu notwendigen Probenahmen und Ortsbesichtigungen.
Hierzu gehören u. a.:
]
Umweltmedizinische Expositions- und Gefährdungsabschät-
zung, Immissionsprobleme
]
Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen im Rahmen von Pla-
nungs- und Genehmigungsverfahren
]
Untersuchungen im Bereich der Raumlufthygiene (z. B. In-
nenraumchemikalien, Schimmelpilzprobleme, Lüftungspro-
blematik in Gemeinschaftseinrichtungen)
]
Umsetzung der Sächsischen Badegewässer-Verordnung, Er-
stellung und Aktualisierung von Badegewässerprofilen
]
Berichterstattung an die Europäische Kommission zur Quali-
tätseinstufung der EU-Badegewässer
]
Bestimmung von luftgetragenen Pollen in der Außenluft
(Kooperation mit der Stiftung Deutscher Polleninformations-
dienst).
Nicht zuletzt waren zahlreiche komplexe Amtshilfeersuchen zu
speziellen gesundheitlichen Fragen der Bau-, Siedlungs- und
Kommunalhygiene für die Gesundheitsämter und andere Behör-
den zu bearbeiten.
Beratung der Gesundheitsämter zu Hygienemaßnahmen in
Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen bezüglich
mul-
tiresistenter bakterieller Erreger (MRE) war im Jahr 2012 ein
Schwerpunkt der Arbeit des Fachgebietes
Hygiene der Gesund-
heitseinrichtungen, Hygiene der Gemeinschaftseinrichtungen
und Kurorthygiene
. Die Arbeit in den auf Landesebene etab-
lierten Arbeitsgemeinschaften im Rahmen des Netzwerks multi-
resistenter Erreger im Freistaat Sachsen (MRE-Netzwerk Sach-
sen) wurde fortgesetzt. Nach der umfangreichen Novellierung
des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im Jahr 2011 trat auch in
Sachsen eine durch dieses Gesetz geforderte Landesverordnung
in Form der „Verordnung über die Hygiene und Infektionsprä-
vention in medizinischen Einrichtungen (SächsMedHygVO)“
vom 12.06.2012 in Kraft. Diese Verordnung löst die bereits seit
1998 in Sachsen bestehende Sächsische Krankenhaushygiene-
rahmenverordnung ab. Untersuchungen, Stellungnahmen und
Beratungen zur Umsetzung hygienischer Anforderungen in Ge-
sundheitseinrichtungen waren wichtige Aufgaben in diesem
Zusammenhang. Die operativen Tätigkeiten reichten von der
fachlichen Unterstützung im Rahmen von Routinebegehungen,
überwiegend in Krankenhäusern, Arztpraxen und
Altenpflege-
heimen, bis hin zu verschiedenen Probenahmen und Messungen
im Auftrag der Gesundheitsämter. Im Bereich Gemeinschafts-
einrichtungen betrafen die Tätigkeiten neben der Bearbeitung
zahlreicher Bauprojekte in Amtshilfe für die Gesundheitsämter
überwiegend Beratungen der Gesundheitsämter zu Fragen des
Hygieneregimes und der Umsetzung von Hygienemaßnahmen
in Hygieneplänen. Nicht unerwähnt bleiben sollen die länder-
übergreifende Mitarbeit an der Erarbeitung von Empfehlungen
und Richtlinien zum Thema Hygiene (Länder-Arbeitskreis) sowie
die Beurteilung von Anträgen zur staatlichen Anerkennung als
Erholungsort aus hygienischer Sicht.
Aufgaben des Fachgebietes
„Infektionsepidemiologie, Gesund-
heitsberichterstattung, humanmedizinische Informationssys-
teme“
sind die Zusammenfassung der Meldedaten zu Infekti-
onskrankheiten und Krankheitserregern aus den sächsischen
Gesundheitsämtern, Überprüfung, Bewertung und Weiterlei-
tung dieser Daten und von in Sachsen erhobenen Daten zum
Impfstatus von Kindern in Kindertagesstätten und Schulen an
das Robert Koch-Institut. Empfehlungen zur Verhütung und Be-
kämpfung bestimmter epidemiologisch bedeutsamer übertrag-
barer Krankheiten werden auf dem neuesten wissenschaftlichen
Stand gehalten. Diese „Herdbekämpfungsprogramme“, verfasst
von beiden humanmedizinischen Abteilungen der LUA, und
Empfehlungen zu Schutzimpfungen und anderen Maßnahmen
der spezifischen Prophylaxe, die die Grundlage für die öffentlich
empfohlenen Schutzimpfungen in Sachsen bilden, geben dem
Sozialministerium, Gesundheitsämtern, Krankenhäusern und
Ärzten vor Ort ein wichtiges Instrument bei ihren Anstrengungen
zur Prävention in die Hand. Umfangreiche Beratungstätigkeit,
insbesondere beim gehäuften Auftreten von Infektionskrank-
heiten und im Rahmen von Erkrankungsausbrüchen (Stichwort:
lebensmittelbedingter Ausbruch von akuter Gastroenteritis im
Herbst 2012 in fünf ostdeutschen Bundesländern), ist hiermit
verbunden. Krankheitsbezogene Analysen, epidemiologische
Einschätzungen, Gesundheitsberichterstattung einschließlich
Berichterstattung zu Trinkwasser gemäß EU-Richtlinie sowie die
Weitergabe wissenschaftlicher Informationen in Vorträgen und
Veröffentlichungen ergänzen die Tätigkeit dieses wie auch der
anderen Fachgebiete.
Die humanmedizinischen Abteilungen der LUA übernehmen ge-
mäß der Gemeinsamen Verwaltungsvorschrift des SMS und des
SMI für eine Bereitschafts- und Reaktionsplanung zur Bekämp-
fung außergewöhnlicher Gefahren und Schadenslagen durch
Bedrohungen von Menschen mit Infektionserregern die epide-
miologische Schlüsselfunktion für den Ansatz des Managements
und der Kontrolle auf dem Gebiet der Humanmedizin. Dazu ge-
hören die
]
Interpretation der Untersuchungsergebnisse und Erarbeitung
entsprechender Schlussfolgerungen,
]
Erarbeitung von speziellen Maßnahmeplänen zur Verhütung
und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten,
]
wissenschaftliche Beratung der Krisenstäbe Infektionsschutz
der Behörden des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

 
8 │
Größter lebensmittelbedingter Ausbruch von akuter Gastroenteritis in
Deutschland - Auswertung für Sachsen
Zwischen dem 19.09. und dem 07.10.12 ereignete sich in fünf
ostdeutschen Bundesländern der bisher größte lebensmittel-
bedingte Ausbruch von akutem Brechdurchfall in Deutschland.
Betroffen waren vor allem Kinder und Jugendliche sowie Be-
treuungspersonal von Gemeinschaftseinrichtungen (Kinderta-
gesstätten und Schulen).
Insgesamt wurden während des Ausbruchszeitraumes in den
betroffenen Bundesländern (Berlin, Brandenburg, Sachsen,
Sachsen-Anhalt und Thüringen) 10.950 Erkrankungsfälle in 390
Einrichtungen verzeichnet.
Epidemiologie in Sachsen
Im Freistaat wurden insgesamt 5.126, also annähernd die Hälfte
aller Erkrankungsfälle erfasst. Der Ausbruch lässt sich hierbei
in drei Wellen einteilen. Eine erste Welle, die zunächst neben
anderen Kreisen vor allem den Stadtkreis Dresden betraf, er-
eignete sich vom 20. bis 24.09.12. Insgesamt 1.518 Erkran-
kungsfälle (30 % aller Erkrankten) wurden nachträglich diesem
Erkrankungszeitraum zugeordnet. Die zweite Erkrankungswelle,
die zwischen dem 25.09. und 01.10.12 lag, stellte mit 3.022
Erkrankten (59 % der Gesamtfälle) in Sachsen wie auch bun-
desweit den Gipfel des Geschehens dar. Ab dem 02. bis zum
07.10.12 wurden während einer leichten dritten Welle noch-
mals 586 Erkrankungen an Brechdurchfall (11 %) registriert
(Abb. 1.1). Grundsätzlich zeigten sich bei den Betroffenen milde
Krankheitsverläufe und es kam zu rascher Genesung. Nur in ei-
nigen wenigen Fällen waren kurzzeitige Hospitalisierungen er-
forderlich.
Die in Sachsen übermittelten Erkrankungen traten in insgesamt
173 Einrichtungen auf. Neben 108 Schulen waren 51 Kinder-
einrichtungen (Kindertagesstätten, Horte), 7 Seniorenheime,
4 Krankenhausstationen sowie je eine Behinderteneinrichtung,
eine Jugendwohngruppe und ein Arbeitsteam betroffen.
Die absolut meisten Fälle wurden in der Stadt Dresden regis-
triert. Dort erkrankten während des gesamten Ausbruchszeit-
raumes insgesamt 1.359 Personen. Auch der Landkreis Mittel-
sachsen (898 Erkrankungen) sowie die Stadtkreise Chemnitz
(592 Erkrankungen) und Leipzig (504 Erkrankungen) waren stark
betroffen. Die wenigsten Meldungen wurden aus dem west-
lichsten (Vogtlandkreis) bzw. den östlichen (Bautzen, Görlitz)
Landkreisen Sachsens übermittelt.
0
5
10
15
20
25
30
35
20.9. 21.9. 22.9. 23.9. 24.9. 25.9. 26.9. 27.9. 28.9. 29.9. 30.9. 1.10. 2.10. 3.10. 4.10. 5.10.
Anzahl der Einrichtungen
Datum
Abbildung 1.1:
Verlauf des lebensmittelbedingten Gastroenteritis-Ausbruches
in Sachsen
Da in Brandenburg und Berlin direkt nach dem Ausbruch die
Herbstferien begannen, bat das Robert Koch-Institut die LUA
Sachsen am Samstag, den 29.09.12, um die Benennung einer
Schule und die entsprechende Voraborganisation einer Befra-
gung Betroffener an dieser Einrichtung durch Mitarbeiter des
RKI.
Am Montag, dem 01.10.12, sowie am Dienstag, dem 02.10.12,
führten Mitarbeiter des Robert Koch-Institutes eine Fall-Kon-
troll-Studie an einem Chemnitzer Gymnasium durch, um Hin-
weise auf das kontaminierte Lebensmittel zu gewinnen. In der
Studie wurde eine Gruppe an Brechdurchfall erkrankter Schüler
mit einer gesund gebliebenen Kontrollgruppe der Klassenstufen
5 bis 7 bezüglich ihrer Speisenauswahl in der Schulkantine ver-
glichen. Durch die vorliegenden Speisepläne - jeden Tag hatten
vier Gerichte zur Wahl gestanden - wurde die Befragung unter-
stützt.
Erste Auswertungen ergaben bereits am Nachmittag des
01.10.12 einen deutlichen Zusammenhang zwischen Erkran-
kung und dem Verzehr von Grießbrei, zu dem Erdbeerkompott
gereicht worden war. Da am Montag, dem 24.09.12, zu drei der
vier Menüs Erdbeeren ausgegeben wurden, wurde am Tag nach
den ersten Studienerhebungen (02.10.12) eine Nachbefragung
der Probanden durchgeführt mit dem Ergebnis, dass höchst-
wahrscheinlich die Erdbeeren (verarbeitet als kaltes Kompott)
als Vehikel des Ausbruchs fungiert hatten. Die errechnete In-
kubationszeit betrug weniger als zwei Tage, war aber länger als
nur wenige Stunden, was gegen eine Intoxikation durch mikro-
bielle Toxine sprach.
Da das RKI nicht vorschnell reagieren wollte, wurden noch (zum
Teil elektronische) Befragungen in einem Gymnasium in Döbeln
(Landkreis Mittelsachsen), in Saalfeld (Thüringen) und Berliner
Kindergärten angeschlossen und die Ergebnisse erst zum Wo-
chenende veröffentlicht.
Humanmedizinische Diagnostik im Rahmen des Norovirus-
Ausbruches
Aufgrund der vorliegenden Symptomatik bei den erkrankten
Kindern standen virale Gastroenteritiserreger (insbesondere
Noroviren) und Lebensmittelvergifter als mögliche Verursacher
des Ausbruchsgeschehens im Vordergrund. Schon am 25.09.12
konnten an der LUA in Stuhlproben Erkrankter Noroviren nach-
gewiesen werden. Da jedoch die Norovirus-Positivrate in ande-
ren beteiligten Bundesländern zunächst niedrig war und auch
die geringe Zahl an Sekundärfällen gegen eine Norovirus-Ätio-
logie sprach, wurden in der Anfangsphase des Ausbruchs die
eingesandten Proben, die im Zusammenhang mit dem Gesche-
hen standen, auf ein breites Spektrum an bakteriellen und vira-
len Enteritiserregern untersucht. Die Infektionsursache konnte
letztendlich am 08.10.12 geklärt werden (Ausbruch beendet und
aufgeklärt, Pressemitteilung von BfR und RKI).
Das Spektrum der bakteriologischen Diagnostik umfasste in
wechselnder Zusammensetzung die Untersuchung auf Salmo-
nellen, Shigellen, Campylobacter, Yersinien, darmpathogene
Escherichia coli, Bacillus cereus
und
Staphylococcus aureus
mittels Kultivierung sowie auf Enterohämorrhagische
E. coli
(EHEC) und
Clostridium perfringens
durch den Nachweis des

│9
Shigatoxins bzw. des Enterotoxins im ELISA. Bis zum 08.10.12
ließen sich insgesamt 372 Probeneinsendungen, die 1.349 bak-
teriologischen Untersuchungen unterworfen wurden, aufgrund
der Angaben auf den Untersuchungsanträgen dem Ausbruchs-
geschehen zuordnen. Hierbei sind 416 bakteriologische Einzel-
untersuchungen allein am 01.10.12, dem Tag mit dem höchsten
Probenaufkommen, angefallen. Während des Ausbruchszeit-
raums wurden u. a. jeweils 202 Proben auf die Toxinbildner
S. aureus
und
B. cereus
sowie 86 Proben auf
C. perfringens
-En-
terotoxin untersucht.
Insgesamt wurden in der Zeit des Ausbruchsgeschehens zudem
611 humane Probenmaterialien mit dem Bezug zum Essenver-
sorger auf Noroviren und davon 240 zusätzlich auch auf Rota-,
Adeno- und Astroviren untersucht. Des Weiteren wurden 208
von den Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämtern ent-
nommene Hygieneproben einer Norovirus-PCR unterworfen.
Nachdem sowohl die bakteriologischen Untersuchungen als
auch die viralen Antigennachweise auf Rota-, Adeno- und As-
troviren negative Ergebnisse brachten, konzentrierte sich die
Diagnostik zunehmend auf den Nachweis von Noroviren, dem
einzigen Erreger, bei dem die Diagnostik in einem beträchtlichen
Umfang zu positiven Ergebnissen führte.
Da sich im weiteren Verlauf des Ausbruchs die Hinweise auf
Noroviren auch durch ihren Nachweis in Proben von Erkrankten
aus Einrichtungen in weiteren Bundesländern häuften, rückte
dieser Erreger zunehmend in den Fokus der Ermittlungen der
an der Aufklärung beteiligten Stellen. Vom Konsiliarlabor für
Noroviren am Robert Koch-Institut wurden deshalb Proben zu
weiterführender Diagnostik (Genotypisierung der nachgewiese-
nen Noroviren) sowie zur weiteren differenzialdiagnostischen
Abklärung (Suche nach evtl. weiteren Erregern) auch von der
LUA angefordert.
Der zeitliche Beginn der Untersuchungsanforderungen im Zu-
sammenhang mit dem Ausbruchsgeschehen lag an der LUA am
24.09.12. An diesem Tag ging die erste größere Serie Unter-
suchungsproben von Mitarbeitern des Essenversorgers ein, ab
dem 27.09.12 stiegen die Untersuchungsanforderungen bedingt
durch die Erkrankungshäufungen in den Kindereinrichtungen
und die erforderlichen Kontrolluntersuchungen des Küchenper-
sonals beträchtlich an. Die hohen Norovirus-Positivraten, wie
sie im Untersuchungsgut der LUA vorhanden waren, trugen u. a.
dazu bei, den Verdacht, dass das auslösende Agens Noroviren
sind, zu erhärten. So konnten während des Geschehens bei über
der Hälfte der untersuchten Kinder und Jugendlichen Noroviren
nachgewiesen werden. Das positive Norovirus-Ergebnis aus tief-
gefrorenen Erdbeeren aus China am 08.10.12, das im Rahmen
0
20
40
60
80
100
120
24.09.2012
25.09.2012
26.09.2012
27.09.2012
28.09.2012
29.09.2012
30.09.2012
01.10.2012
02.10.2012
03.10.2012
04.10.2012
05.10.2012
06.10.2012
07.10.2012
08.10.2012
09.10.2012
10.10.2012
11.10.2012
Probenzahl
(Erstuntersuchung)
Norovirus positiv
Abbildung 1.2:
Ergebnisse bei Erstuntersuchungen im Zusammenhang mit
Essenversorger
von Lebensmitteluntersuchungen erbracht wurde, bestätigte
letztendlich die Norovirus-Ätiologie.
Gegen Ende des Ausbruchs gingen zunehmend auch Zweit- und
Dritteinsendungen des Personals des Essenversorgers sowie po-
sitiv getesteter Beschäftigter aus Kindereinrichtungen ein. Ab
dem 12.10.12 näherten sich die Untersuchungsanforderungen
wieder dem für die Jahreszeit üblichen Niveau mit deutlichem
Nachlassen der Untersuchungsanforderungen im Zusammen-
hang mit dem Ausbruchsgeschehen (Abb. 1.2).
In den Tagen der höchsten Untersuchungsanforderungen waren
auch die positiven Ergebnisse des Norovirus-Nachweises zum
überwiegenden Teil auf das Erkrankungsgeschehen zurückzu-
führen.
Da ab dem Herbst mit dem typischen saisonalen Anstieg der
Norovirusinfektionen zu rechnen ist und Noroviren auch unab-
hängig von dem Geschehen in Kindereinrichtungen und
Pfle-
geheimen kursieren, wurden zur Auswertung des Ausbruchsge-
schehens nur die Untersuchungsanforderungen herangezogen,
bei denen eindeutig ein Bezug zum Essenversorger erkennbar
war, evtl. wären im geringen Umfang noch weitere Untersu-
chungsproben dem Erkrankungsgeschehen zuzurechnen.
Die über das übliche Maß weit hinausgehenden Untersuchungs-
aufträge an einzelnen Tagen stellten hohe Anforderungen an
das Personal der Labors, in denen die Diagnostik durchgeführt
wurde. Nur durch die engagierte Mitarbeit und enorme Einsatz-
bereitschaft aller Beteiligten konnte das sich auf einige Tage
konzentrierte hohe Probenaufkommen unter dem Zeitdruck der
schnellen Ergebnisübermittlung bewältigt werden.
Lebensmitteluntersuchungen
Am 29.09.12 nahm aufgrund des überregionalen massiven Aus-
bruchs die Task Force „Lebensmittel– und Futtermittelsicher-
heit“ ihre Arbeit zur Aufklärung des Gastroenteritis-Ausbruchs-
geschehens auf. Ihr gehörten Vertreter des BVL, des BfR, des
RKI, der fünf betroffenen Länder Berlin, Brandenburg, Sachsen,
Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie des Sitzlandes des Cate-
ringunternehmens Hessen an. Auf allen Ebenen fand eine inten-
sive Zusammenarbeit der zuständigen Behörden statt.
Zu Beginn des Ausbruchs war noch nicht klar, welches das aus-
lösende Agens ist. Unter Berücksichtigung der vorhandenen
Kenntnisse zu Krankheitsverlauf und -symptomen kamen so-
wohl eine Lebensmittelintoxikation als auch eine Norovirusin-
fektion in Betracht.
Zur Ermittlung der Ausbruchsursache wurden auf Lebensmittel-
seite Rückstellproben, Proben der in den Küchen verwendeten
Lebensmittel und Tupferproben zur Überprüfung der Hygiene
vor Ort untersucht.
Insgesamt wurden in Sachsen über 150 Lebensmittelproben und
eine Vielzahl von Hygienetupfern untersucht.
Entsprechend der Empfehlung der Task Force sollten die Lebens-
mittelproben anfangs sowohl auf Noroviren als auch auf toxin-
bildende Bakterien wie
Bacillus cereus, Clostridium perfringens
und
Staphylococcus aureus
untersucht werden. Die Tupferpro-
ben wurden entsprechend den Anforderungen der zuständigen
Überwachungsbehörden entweder auf Noroviren oder auf bak-
terielle Erreger untersucht.
Die Untersuchung auf Noroviren in Lebensmitteln erfolgte ri-
sikoorientiert im Rahmen der Länderkooperation im Landesamt
für Verbraucherschutz (LAV) Sachsen-Anhalt.
Wie aus heutiger Sicht zu erwarten, ergaben alle Untersuchun-
gen von Lebensmittel- und Tupferproben auf bakterielle Patho-
gene ein negatives Ergebnis.

 
10 │
Anders zeigte sich das Bild bei den Ergebnissen der Untersu-
chung auf Noroviren. Insgesamt wurden 40 Lebensmittelproben
auf Vorhandensein von Noroviren untersucht. Während bei den
Rückstellproben kein Nachweis gelang, wurden Noroviren der
Genogruppe II in vier Proben TK-Erdbeeren aus Sachsen im LAV
Sachsen-Anhalt nachgewiesen. Die Erdbeeren wurden u. a. für
die Herstellung von Erdbeerkompott verwendet. Wie Nachfor-
schungen vor Ort ergaben, erfolgte die Zubereitung des Kom-
potts in den einzelnen Küchen unterschiedlich, teilweise ohne
Durcherhitzung der Erdbeeren. Dies kann als ein Grund dafür
angesehen werden, dass nicht in jedem Fall nach Verzehr von
Erdbeerkompott Erkrankungen auftraten. Dass nicht in allen un-
tersuchten Proben TK-Erdbeeren der gleichen Charge Noroviren
nachgewiesen werden konnten, kann verschiedene Ursachen
haben. Genannt sei hier eine mögliche heterogene Verteilung
der Noroviren innerhalb der Charge, eine Kontaminationsrate
unterhalb der Nachweisgrenze oder auch ein Matrixeinfluss
durch Inhibitoren der PCR.
Die Kontamination der Erdbeeren erfolgte nicht bei den Lie-
fer- bzw. verarbeitenden Betrieben in Sachsen, sondern bereits
beim Erzeuger in China. Durch den Nachweis von Noroviren der
Genogruppe II in den TK-Erdbeeren gelang es im Zusammen-
hang mit den epidemiologischen Studien den Gastroenteritis-
Ausbruch aufzuklären.
Während Sachsen durch den EHEC/HUS-Ausbruch im Frühsom-
mer 2011 in Norddeutschland nur marginal betroffen war, la-
gen Zentrum und Schwerpunkt des außergewöhnlich großen
ostdeutschen Norovirus-bedingten Geschehens jetzt in unserem
Bundesland. Fast die Hälfte aller insgesamt gemeldeten Erkran-
kungsfälle trat in Sachsen auf.
Der Ausbruch führte zu einer Zusatzbelastung des ohnehin per-
sonell knapp besetzten öffentlichen Gesundheitsdienstes. Zeit-
aufwändige Ermittlungstätigkeit, laufend aktualisierte Bericht-
erstattung durch die Gesundheitsämter und die LUA, die weit
über das übliche Maß hinausgehenden Untersuchungsanforde-
rungen und tägliche Telefonkonferenzen mit den verantwortli-
chen Behörden stellten hohe Anforderungen an alle Beteiligten.
Dank einer sehr guten Zusammenarbeit der zuständigen Behör-
den und Einrichtungen gelang jedoch eine rasche Aufklärung
des Geschehens. Bemerkenswert ist hierbei, dass epidemiologi-
sche Erhebungen zur Identifizierung der tiefgekühlten
Erdbee-
ren als Verursacher führten. Mittels gezielter mikrobiologischer
Lebensmitteluntersuchungen erfolgte dann die Bestätigung die-
ses Infektionsvehikels.
Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA) an der LUA, 2007-2012
Seit dem Jahre 2007 wird im mykobakteriologischen Labor
(Standort Dresden) ein Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA,
QuantiFERON®-TB Gold) zur Feststellung einer latenten Tuber-
kulose-Infektion durchgeführt. Der Test wird hauptsächlich bei
der Durchführung von Umgebungsuntersuchungen, aber auch
als Screening zur Ermittlung des Infektionsstatus (z. B. bei Aus-
ländern mit Herkunft aus Tuberkulose-Hochinzidenzländern)
genutzt. Das Ergebnis des IGRA dient der schnellen Erkennung
einer stattgefundenen Infektion nach Kontakt mit einer an Tu-
berkulose erkrankten Person. Der konsequente Einsatz dieses
Tests trägt nicht selten auch zur schnelleren Erkennung einer
bereits erkrankten Kontaktperson bei.
Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten (z. B. logistische Pro-
bleme - auch zu Spezifika des Probentransportes - mussten
bewältigt werden) wurde die Anforderung dieser Untersuchung
mehr und mehr fester Bestandteil des diagnostischen Vorgehens
der Gesundheitsämter. Die Anzahl der eingesandten Blutproben
ist im Berichtszeitraum kontinuierlich gestiegen. Im Jahre 2010
waren es mit 1.563 fast dreimal so viele Proben wie 2007 (577) .
Bis dahin wurde die Untersuchung entsprechend den im Jah-
re 2007 neu herausgegebenen „Empfehlungen für die Um-
gebungsuntersuchungen bei Tuberkulose“ (Diel et al. 2007)
durchgeführt. Der dort festgelegte Stufenplan sah vor, dass bei
Personen, bei denen ein Tuberkulin-Hauttest (THT) ein positives
Ergebnis erbracht hatte, dieser mittels eines IGRA kontrolliert
werden sollte. Demzufolge waren viele der eingesandten Blut-
proben diesbezüglich vorselektierte Proben.
Im Jahre 2011 wurde diese Handlungsempfehlung für die Ge-
sundheitsämter als überarbeitete Fassung neu herausgegeben
(Diel et al. 2011). Wesentliche Neuerung gegenüber der Fassung
von 2007 ist eine Abkehr vom Stufenplan zugunsten der sofort
durchzuführenden Blut-Untersuchung (ohne vorher durchge-
führten THT).
Nach der Publikation dieser neuen Empfehlungen Mitte 2011
zeigte sich, dass viele Einsender das neue Konzept bereits um-
zusetzen begannen. Von den 1.863 Blutproben des Jahres 2011
(insgesamt 300 Proben mehr als 2010) wurden 775 (42 %) im
letzten Jahresdrittel eingesandt.
Bei Betrachtung der Einsendungen je Monat (Abb. 1.3) erkennt
man Schwankungen in der Anzahl der monatlich eingeschickten
Blutproben, jedoch ohne erhebliche Lücken zu bestimmten Zei-
ten. Einzelne „Ausreißer“ nach oben waren meist durch Umge-
bungsuntersuchungen bedingt, bei denen innerhalb kurzer Zeit
eine große Anzahl von Kontaktpersonen untersucht wurde. Die
Kurve für das Jahr 2012 allerdings liegt augenfällig fast durch-
gängig über den Werten der Kurven für die vergangenen Jahre.
Hier wirkt sich das oben erwähnte Vorgehen nach den neuen
Empfehlungen sehr deutlich aus. Auch für die ersten Monate
2013 ist bereits ein weiterhin hoher Einsendetrend erkennbar.
0
50
100
150
200
250
300
350
Anzahl
Monat
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Abbildung 1.3:
IGRA-Einsendungen je Monat, 2007-2012

image
image
 
│11
0
500
1000
1500
2000
2500
3000
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Anzahl Blutproben für IGRA
Jahr
Summe
negativ
positiv
unschlüssig
nicht bewertbar/
nicht durchgeführt
Abbildung 1.4:
Ergebnisse der IGRA-Einsendungen, 2007-2012
Die Übersicht zu den absoluten Zahlen der eingesandten Blut-
proben (Abb. 1.4) verdeutlicht die stark angestiegenen Anfor-
derungen.
In den ersten 4 Untersuchungsjahren (2007-2010) lag der An-
teil von Blutproben mit positivem Ergebnis relativ konstant bei
ca. 20 % (19,7 % - 26,0 %). Da ein Großteil der Untersuchungen
in diesem Zeitraum nach oben erwähntem Stufenschema ange-
fordert wurden, ist ein so hoher Anteil positiver Ergebnisse zu
erwarten.
Ab dem Jahre 2011, mit der Umstellung auf die neuen Emp-
fehlungen, wird bereits an den Kurven zu den absoluten Ein-
sendezahlen erkennbar, dass die Proben mit positivem Ergebnis
eher weniger werden, wohingegen die negativen Proben stark
ansteigen. So fiel der Anteil positiver Proben von 18,1 % (2011)
auf inzwischen nur noch 10,2 % (2012) aller eingesandten Un-
tersuchungsanforderungen.
Erfreulicherweise gab es nur sehr wenige Proben, die keine ein-
deutige Bewertung erlaubten. Proben mit „unschlüssigem“ Er-
gebnis kommen u. a. zustande, wenn durch Fehler bei der Prä-
analytik (z. B. nach der Blutentnahme das Blut in den Röhrchen
nicht ausreichend gemischt, Transport nicht bei Raumtempera-
tur) das Gamma-Interferon im Mitogen-Röhrchen nicht in aus-
reichender Menge freigesetzt wird und damit eine Bewertung
durch das automatisierte Auswertesystem unmöglich wird. Der
Anteil solcher Proben fiel von 6,8 % (2007) aller Proben auf
mittlerweile 0,6 % (2012). Das zeigt, wie gut sich die Einsender
auf die besonderen Einsendemodalitäten zum IGRA eingestellt
haben.
Proben, deren Werte der drei zueinander gehörigen Teilproben
nicht plausibel sind, werden von uns als „nicht bewertbar“ be-
fundet mit der Bitte um Neueinsendung. Diese stellen, gemein-
sam mit den Proben, die nicht untersucht wurden (meist wegen
Befüllungsfehlern oder überschrittener Transportzeit), ebenfalls
einen geringen Anteil aller Einsendungen (2012: 2,1 %).
Literatur:
Diel R et al. 2007:
Empfehlungen für die Umgebungsuntersuchungen bei Tuberku-
lose - Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberku-
lose; Pneumologie 2007; 61: 440-455
Diel R et al. 2011:
Neue Empfehlungen für die Umgebungsuntersuchungen bei Tu-
berkulose - Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tu-
berkulose; Pneumologie 2011; 65: 359-378
Darminfektionen in Sachsen – Diagnostik an der LUA und überarbei-
tete Empfehlungen zu ihrer Verhütung und Bekämpfung
Darmpathogene Erreger verursachen mit Abstand die meisten
meldepflichtigen Erkrankungen in Deutschland und Sachsen. Sie
nehmen aufgrund des Risikos der Kontamination von Lebens-
mitteln und einer dann u. U. massenweisen Verbreitung eine
Sonderposition unter den übertragbaren Erkrankungen ein, was
sich auch in den Untersuchungszahlen der LUA widerspiegelt.
Bakteriologische Diagnostik
2012 wurden insgesamt 13.324 Stuhlproben mit 35.326 Unter-
suchungsanforderungen zur bakteriologischen Diagnostik ein-
gesandt (s. Homepage LUA, Tab. 1.9). Diese umfasst die Anzucht
der Erreger auf geeigneten Selektivnährmedien mit anschlie-
ßender biochemischer Identifizierung und serologischer
Dif-
ferenzierung sowie den Nachweis der erregertypischen Toxine
mittels Enzymimmunoassay (EIA) bei enterohämorrhagischen
Escherichia coli, Clostridium difficile
und
Clostridium perfrin-
gens
.
7,2 % der Untersuchungen auf Salmonellen erbrachten ein
positives Ergebnis (Tab. 1, Abb. 1.5), in der Differenzierung
fanden sich 32 unterschiedliche Serovare. Mit 44,9 % aller
Salmonellen-Erstnachweise wurde am häufigsten
Salmonella
Typhimurium
bzw.
S. Typhimurium
Variante
Copenhagen
diag-
nostiziert, gefolgt von
S. Enteritidis
mit 27,5 % (s. Homepage
LUA, Tab. 1.11).
S. Enteritidis
war auslösendes Agens bei einem
kleineren Ausbruch mit 7 Erkrankten und 2 Ausscheidern, die
Knüppelkuchen aus Teig mit Rohei verzehrt hatten. Leider stan-
den keine Teigreste für den Nachweis des Erregers im Lebens-
mittel zur Verfügung. Das Infektionsvehikel bei einem weiteren
Salmonellenausbruch unter Gästen einer Hochzeitsfeier konnte
dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Bei
3 von mindestens 10 Erkrankten sowie in einer Schweinezun-
Campylobacter spp.
auf Selektiv-
medium
Wachstum von
Salmonella spp.
auf
Leifson-Agar
Abbildung 1.5:
Die beiden häufigsten bakteriellen Gastroenteritis-Erreger,
die aus den Untersuchungsmaterialien der LUA angezüchtet
wurden

12 │
ge vom Festmahl konnte
S. Stanley
nachgewiesen werden. Die
Isolate stellten sich in der PFGE-Typisierung am Nationalen
Referenzzentrum (NRZ) für Salmonellen und andere bakterielle
Enteritiserreger als identisch heraus.
Campylobacter
spp. wurden in 7,0 % der entsprechend unter-
suchten Materialien gefunden (Tab. 1, Abb. 1.5), 91 % davon
waren
C. jejuni
(s. Homepage LUA, Tab. 1.13). Erkrankungen tra-
ten überwiegend als Einzelfälle oder familiäre Häufung auf.
Bei 6,8 % der Untersuchungen auf enterohämorrhagische
E. coli
(EHEC) konnte der Toxinnachweis im EIA molekularbiologisch
durch die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) bestätigt werden
(Tab. 1). Im Vergleich zum Vorjahr, in dem der EHEC-Ausbruch
stattgefunden hatte, stieg die Zahl der Untersuchungsanforde-
rungen noch einmal leicht an auf 6.162 (2011: 5.876 Unter-
suchungen, 2010: 2.771 Untersuchungen).
E. coli
O157 spielte
- wie schon in den vorangegangenen Jahren – in den Stämmen/
Materialien, die an das NRZ zur weiterführenden Diagnostik ge-
schickt wurden, mit 4 Nachweisen eine untergeordnete Rolle
(s. Homepage LUA, Tab. 1.15). Mit 14 Erstnachweisen wurde
dort am häufigsten
E. coli
O26:H11 mit Bildung von Shigato-
xin 1 identifiziert. Dieser Serovar wurde bei zwei umfangreichen
Umgebungsuntersuchungen in Kindertagesstätten gefunden.
Betroffen waren im ersten Fall zwei Geschwisterkinder sowie
2 weitere symptomlose Kinder in der betreffenden Einrichtung.
Im zweiten Fall erkrankten 5 Kinder in einer Kindertagesstätte,
weitere 8 symptomlose Ausscheider konnten in der Umgebungs-
untersuchung erfasst werden. Bei manchen von ihnen gelang
lediglich der Nachweis des Toxins bzw. des Toxingens.
Tabelle 1: Spektrum der nachgewiesenen darmpathogenen
Erreger
Erreger
Anzahl der
Nachweise
Nachweise in %
zur Anzahl der
durchgeführten
Untersuchungen
Nachweise in %
zur Gesamtzahl
der nachgewie-
senen darm-
pathogenen
Erreger
Noroviren
1.375
32,9
40,3
Salmonella enterica
584
7,2
17,1
Campylobacter spp.
423
7,0
12,4
EHEC (Toxin-Nach-
weis)
422
6,8
12,4
Giardia lamblia
175
7,5
5,1
Helminthen
79
3,8
2,3
Intestinale Escherichia
coli-Pathovare (außer
EHEC)
76
3,6
2,2
Clostridium difficile
(Toxine A+B)
74
6,2
2,2
Rotaviren
63
2,4
1,8
Adenoviren
43
1,5
1,3
Astroviren
31
1,2
0,9
Shigella spp.
23
0,3
0,7
Cryptosporidien
22
11,1
0,6
Yersinia enterocolitica
13
0,5
0,4
Entamoeba histolytica
6
0,3
0,2
Gesamtzahl der nach-
gewiesenen darmpa-
thogenen Erreger
3.409
6,3
100,0
Parasitologische Diagnostik
Im Jahr 2012 wurden 4.783 Untersuchungen auf Protozoen und
2.063 Untersuchungen auf Helminthen durchgeführt (s. Home-
page LUA, Tab. 1.9, Tab. 1.18). Der Großteil dieser Diagnostik
erfolgte im Auftrag der Zentralen Ausländerbehörde Sachsen. Es
konnten dabei Würmer/Wurmeier in 3,8 % der Stühle nachge-
wiesen werden, wobei ca. 86 % der Helminthen-Nachweise aus
Stuhlproben von Asylbewerbern erhoben wurden. Insbesondere
die Fadenwürmer
Ancylostoma duodenale
und
Ascaris lumbri-
coides
, die beide im Dünndarm siedeln, sowie
Trichuris trichi-
ura
und
Enterobius vermicularis
, welche im Dickdarm leben,
waren vertreten (s. Homepage LUA, Tab. 1.19). Beim Maden-
wurm
E. vermicularis
ist eine direkte Übertragung von Mensch
zu Mensch möglich, häufig erfolgt z. B. bei Kindern auch eine
Selbstinfektion.
In Sachsen wurden 2012 insgesamt 311 Fälle von Giardiasis
gemeldet, in der LUA wurden 175 Fälle diagnostiziert, wobei
der
Giardia lamblia
-Nachweis in unserem Untersuchungs-
gut in 7,5 % der entsprechend getesteten Stuhlproben gelang
(s. Homepage LUA, Tab. 1.20).
Trotz der geringen Prävalenz in der deutschen Bevölkerung soll-
te bei länger anhaltenden intestinalen Beschwerden, v. a. nach
entsprechender Reiseanamnese, auch eine Diagnostik auf Hel-
minthen und Protozoen durchgeführt werden.
Virologische Diagnostik
Wenn auch im Untersuchungsgut der LUA die Anforderungen
der Diagnostik auf bakterielle Enteritis-Erreger den überwiegen-
den Anteil ausmachten, so wurden in Deutschland und Sach-
sen 2012 – wie auch in den Vorjahren – Viren am häufigsten
als Ursache von Gastroenteritiden gemeldet. Mit ca. 13.000 bis
14.000 Meldungen in Sachsen während der letzten 5 Jahre la-
gen jeweils Noroviren auch im Freistaat, ebenso wie in Deutsch-
land, an der Spitze. 2012 betrugen die Inzidenzen für Norovirus-
Infektionen 310 pro 100.000 in Sachsen und 138 pro 100.000
Einwohner in Deutschland.
Im Berichtsjahr wurden an der LUA insgesamt 12.310 Untersu-
chungen auf darmpathogene Viren in Stuhlproben durchgeführt
(s. Homepage LUA, Tab. 1.9), in 12,3 % gelang ein Erregernach-
weis mittels PCR bzw. der Nachweis von Erreger-Antigenen im
EIA. Auch in unserem Untersuchungsgut prädominierten die
Noroviren. So wurden 32,9 % der entsprechend untersuchten
Proben Norovirus-positiv getestet (s. Tab. 1). Die Noroviren
machten dabei ca. 40 % aller nachgewiesenen darmpathogenen
Erreger aus (s. Homepage LUA, Tab. 1.10). Zahlreiche Norovirus-
Fälle traten dabei im Rahmen von Ausbrüchen in Kindereinrich-
tungen und Alten-Pflegeheimen auf.
Deutlich seltener wurden Rota-, Adeno- und Astroviren nachge-
wiesen. So zeigten 2,4 % der auf Rotaviren getesteten Materi-
alien ein positives Ergebnis. Die Rotavirus-Meldungen in Sach-
sen sind von 2011 auf 2012 auf ca. ein Drittel zurückgegangen
(2012: 3.350 Fälle) und betrugen somit im Berichtsjahr etwa ein
Viertel der Norovirus-Meldungen.
Empfehlungen zur Verhütung und Bekämpfung von Darm-
infektionen beim Menschen im Freistaat Sachsen
Da die Darminfektionen zu den häufigsten
Infektionskrankhei-
ten beim Menschen gehören, ist die Verhütung und Bekämpfung
dieser Infektionen eine Schwerpunktaufgabe des Infektions-
schutzes. Um ein schnelles Handeln gewährleisten zu können,
wurden im Freistaat Sachsen für die Gesundheitsämter Emp-
fehlungen zur Verhütung und Bekämpfung von Darminfektionen

│13
beim Menschen von der LUA gemeinsam mit dem Landesver-
band der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, AG Infek-
tionsschutz, erarbeitet und auf der Internetseite
„www.gesunde.
sachsen.de“ sowie in den LUA-Mitteilungen Nr. 1/2013 veröf-
fentlicht.
Grundlage für ein rechtzeitiges Eingreifen durch das Gesund-
heitsamt ist die Meldepflicht. Sie ist in den §§ 6 und 7 des IfSG
und in der Erweiterten Meldeverordnung des Freistaates Sach-
sen geregelt.
Nach § 6 IfSG ist der behandelnde Arzt zur Meldung des
Krank-
heitsverdachtes, der Erkrankung und des Todes verpflichtet bei
Auftreten von Cholera, HUS und Typhus/Paratyphus. Er muss
ebenso den Verdacht auf und die Erkrankung an einer mikrobi-
ell bedingten Lebensmittelvergiftung oder an einer infektiösen
Gastroenteritis melden, wenn eine Person betroffen ist, die eine
Tätigkeit im Sinne des § 42 IfSG ausübt oder wenn zwei oder
mehr gleichartige Erkrankungen auftreten, bei denen ein epide-
mischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet wird.
Folgende grundsätzliche Maßnahmen sollten bei Nachweis von
Darminfektionserregern durchgeführt werden:
]
Meldung und mikrobiologische Diagnostik
]
Einleitung und Durchführung von Ermittlungen zur Infekti-
onsquellenforschung und Ursachenbekämpfung
]
Sicherstellung und Untersuchung von verdächtigen Lebens-
mitteln
]
Festlegung gemeinsamer Maßnahmen durch Gesundheits-
amt und Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt
]
Information und Aufklärung der betroffenen Personen über
Übertragungsmodus, Hände-, Sanitär- und Küchenhygiene
]
Festlegung, Durchführung und Kontrolle von Desinfektions-
maßnahmen
]
Festlegung von Tätigkeits-, Beschäftigungs- und Berufsver-
boten
Zu beachten ist bei der Entscheidung über erforderliche Maß-
nahmen die Einteilung der Erkrankten, Ausscheider und Kon-
taktpersonen in folgende Risikogruppen:
Risikogruppe 1:
Personen im Verkehr mit Lebensmitteln gemäß
§ 42 IfSG
Risikogruppe 2:
Kinder und Beschäftigte in Gemeinschaftsein-
richtungen und Schulen
Risikogruppe 3:
ältere Kinder und Erwachsene in Einrichtungen,
in denen der für die Vermeidung einer Infektion erforderliche
Hygienestandard von den betreffenden Personen selbst nicht
ausreichend gewährleistet werden kann (z. B. Alten- und
Pfle-
geheime, Geriatrie)
Risikogruppe 4:
medizinisches Personal mit direktem Kontakt
zu empfänglichen Patienten, bei denen eine Infektion schwer-
wiegend sein kann (z. B. Immunsupprimierte, Früh- und Neuge-
borene, Patienten auf Intensivstationen)
Für die Festlegung antiepidemischer Maßnahmen ist die mikro-
biologische Diagnostik von besonderer Bedeutung. In Abhängig-
keit vom Erreger und der Risikogruppenzugehörigkeit differiert
die Anzahl der empfohlenen mikrobiologischen Stuhluntersu-
chungen, die vor einer Wiederzulassung durchgeführt werden
sollten.
Risikogruppe 1
]
Erkrankte und Ausscheider von Salmonellen, Shigellen, EHEC:
Vorliegen von 3 negativen Stuhlproben
]
Kontaktpersonen: Vorliegen von 2 negativen Stuhlproben
Risikogruppe 2
]
Salmonellen: Stuhlkontrollen im Ermessen des Amtes
]
Shigellen, EHEC: Vorliegen von 3 negativen Stuhlproben
Risikogruppe 3 und 4
]
Salmonellen: Stuhlkontrollen im Ermessen des Amtes
]
Shigellen, EHEC: Vorliegen von 3 negativen Stuhlproben
Bei Nachweis von
Clostridium difficile, Campylobacter
spp.,
Yer-
sinia enterocolitica
und Viren (Noroviren, Rotaviren, Adenoviren,
Astroviren) sind keine mikrobiologischen Nachuntersuchungen
erforderlich. Eine Wiederzulassung ist (frühestens) 48 Stunden
nach Abklingen der klinischen Symptome möglich.
Im § 42 IfSG ist festgeschrieben, dass Erkrankte an Typhus,
Pa-
ratyphus, Cholera, Shigellenruhr, Salmonellose oder einer ande-
ren infektiösen Darmerkrankung und Ausscheider von Shigellen,
Salmonellen, EHEC oder Choleravibrionen nicht im Lebensmit-
telverkehr tätig sein dürfen.
Auch für Beschäftigte in Gemeinschaftseinrichtungen gilt, dass
Personen, die an Cholera, Enteritis durch EHEC, Paratyphus, Shi-
gellose und Typhus abdominalis erkrankt oder dessen verdäch-
tig sind, in Gemeinschaftseinrichtungen nach § 33 IfSG keine
Tätigkeiten ausüben dürfen, bei denen sie Kontakt zu den dort
Betreuten haben. Gleiches gilt auch für die Betreuten in den
Einrichtungen, wobei auch Kinder, die das 6. Lebensjahr noch
nicht vollendet haben und an einer infektiösen Gastroenteritis
erkrankt oder dessen verdächtig sind, einem Besuchsverbot un-
terliegen.
In allen genannten Fällen sind Ausnahmen von diesen Verboten
durch das Gesundheitsamt zulässig, wenn Maßnahmen durch-
geführt werden, mit denen die Übertragung der aufgeführten
Erkrankungen und Krankheitserreger verhütet werden kann
(§§ 42(4) und 34(7)).

 
14 │
Molekularbiologische Untersuchungen –
ausgewählte diagnostische Schwerpunkte
Molekularbiologische Diagnostik auf spezifische
Carbape-
nemase-Gene
Insbesondere die Resistenz gegen Antibiotika aus den Gruppen
der Dritt-Generations-Cephalosporine sowie Carbapeneme ist
bei gramnegativen Bakterien in den letzten Jahren weltweit
zunehmend zu beobachten. Diese Entwicklung ist insofern be-
sorgniserregend, da vorwiegend Carbapeneme bisher als Reser-
veantibiotika zur Behandlung schwerer Infektionen eingesetzt
werden. Von entscheidender epidemiologischer Bedeutung ist
dabei die Übertragung einer Carbapenem-Resistenz innerhalb
einer Bakterienart bzw. zwischen verschiedenen Bakterienspezi-
es. Bei Vorliegen von Carbapenemasen muss daher durch Einsatz
entsprechender Hygienemaßnahmen die weitere Verbreitung
unbedingt verhindert werden.
Die Grundlagen der Carbapenem-Resistenz von Bakterien sind
speziesspezifisch etwas verschieden und es werden immer
wie-
der neue Mechanismen beschrieben. Deshalb ist der zuverlässi-
ge Nachweis von Carbapenemasen im mikrobiologischen Labor
eine wichtige Aufgabe.
Die vom SMS initiierte Punktprävalenzerhebung zum Vorkom-
men Carbapenemase-bildender gramnegativer Bakterien in
sächsischen Kliniken stand im Zusammenhang mit relativ er-
höhten Nachweiszahlen von
Klebsiella pneumoniae
mit der Car-
bapenemase vom Typ KPC-2 (
K. pneumoniae
carbapenemase 2)
im Freistaat Sachsen. Die erforderliche Labordiagnostik von
Stuhlproben bzw. Rektalabstrichen erfolgte in der LUA mittels
phänotypischer Untersuchungsverfahren. Bakterien-Isolate mit
Verdacht auf Carbapemase-Bildung wurden anschließend mit
Hilfe molekularbiologischer Methoden speziell auf das Carbape-
nemase-Gen KPC getestet. Diese Untersuchung erfolgte durch
Einsatz eines real time-PCR (Polymerase Kettenreaktion)-Ver-
fahrens, mit dem alle bisher beschriebenen KPC-Varianten (KPC
1/2 bis 11) erfasst werden können. KPC-positive Proben wurden
im Anschluss einer DNA-Sequenzanalyse zur Bestimmung der
KPC-Typen 2 bzw. 3 unterzogen.
Im Rahmen der Prävalenzerhebung wurden im Berichtsjahr 4
Bakterien-Isolate (ausschließlich
K. pneumoniae
) mittels mo-
lekularbiologischer Methoden auf KPC untersucht. In 2 Fällen
gelang der Nachweis von KPC-2.
PCR zum Nachweis von Chlamydia trachomatis-LGV-
Stämmen
Im Berichtsjahr ist bei den PCR-Untersuchungen von sexuell
übertragbaren Infektionen durch
Chlamydia trachomatis
und
Neisseria gonorrhoeae
ein Anstieg der Probenzahlen um ca.
19 % zu beobachten.
Das eingesetzte PCR-Verfahren zum Nachweis von
C. tracho-
matis
beruht auf dem Nachweis einer konservierten Region im
MOMP (major outer membrane protein)-Gen. Es werden dabei
sowohl die Serotypen D - K, die vorwiegend im Zusammenhang
mit Urogenitalinfektionen beschrieben sind, als auch die L-Sero-
typen (L1, L2, L3), die das besonders in den Tropen verbreitete
Lymphogranuloma venereum (LGV) hervorrufen, erfasst. Wie bei
den Serotypen D - K erfolgt die Übertragung der L-Serotypen
vorwiegend auf sexuellem Weg.
Mehrere Erkrankungsfälle von LGV sind in den vergangenen
Jahren auch in Deutschland aufgetreten. Es wurden bisher vor-
wiegend Erkrankungsfälle mit dem Serotyp 2 beschrieben. Die
Hauptbetroffenen-Gruppe stellen in unseren Breiten Männer,
die Sex mit Männern haben (MSM) dar. Während Infektionen
mit den Serotypen D - K auf die Schleimhaut beschränkt bleiben,
führen L-Serotypen zu Infektionen, die sich auch ins angrenzen-
de Bindegewebe und die regionalen Lymphknoten ausbreiten.
Als klinische Manifestationen sind neben einer Lymphopathia
venera auch – je nach sexueller Praxis – eine ulzeröse Proktitis
mit schleimigem oder blutigem Ausfluss, Tenesmen, Fieber oder
perirektale Abszesse und Fisteln beschrieben.
Im Berichtsjahr wurden im Rahmen einer Kooperation mit dem
RKI PCR-Testverfahren, die den speziellen Nachweis der L-Sero-
typen von
C. trachomatis
und die Bestimmung der Subtypen L1,
L2 bzw. L3 ermöglichen, entwickelt und stehen für entsprechen-
de Indikationen als Labordiagnostik zur Verfügung.
Exanthemische Viruserkrankungen (Röteln und Masern)
Die Europäische Region der WHO hat sich die Elimination
(endemischer) Masern und Röteln zum Ziel gesetzt. Dies war
ursprünglich für das Jahr 2000 vorgesehen, musste allerdings
mehrfach aufgrund der in den letzten Jahren steigenden Zahlen
an Masernerkrankungen verschoben werden. Derzeit wird dieses
Ziel für 2015 angestrebt.
Als problematisch erweist sich zum Teil die Diagnostik von Ma-
serninfektionen, die zwar i. d. R. ein relativ typisches Krank-
heitsbild zeigen, nun jedoch vermehrt auch atypische Verläufe
aufweisen. Es können unter anderem Verwechslungen mit Rö-
telninfektionen auftreten.
Im Berichtsjahr 2012 wurden an der LUA Sachsen 35 Patienten-
proben zu 12 verschiedenen Masernverdachtsfällen untersucht,
wobei keiner molekularbiologisch bestätigt wurde. In 7 Fällen
wurde zusätzlich die Rötelndiagnostik mittels real time-PCR zur
differentialdiagnostischen Abklärung bei Verdacht auf Masern-
infektion eingesetzt. Von den unterschiedlichen Patientenma-
terialien – geeignet sind Rachenabstriche in flüssigem
Trans-
portmedium, mit Speichel getränkter Tupfer und Urin – wurden
38,1 % positiv auf Rötelnviren getestet. Somit wurden 5 der 12
Masernverdachtsfälle mittels PCR als Rötelninfektionen diag-
nostiziert.

image
 
│15
Bedeutung der Serologie für die Diagnostik wichtiger sexuell über-
tragbarer Infektionen
Syphilis
Sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind ein nicht zu unter-
schätzendes Gesundheitsproblem. Nach Angaben des Robert
Koch-Institutes (RKI) stieg die Anzahl der Syphilis-Infektionen
in Deutschland auch 2012 weiter besorgniserregend an. So
wurden 2012 im Vergleich zum Vorjahr 707 Syphilis-Fälle mehr
gemeldet (4.411/3.704, Quelle: RKI SurvStat Stand 01.03.2013).
Das bedeutet einen Anstieg von 19,1 %. Damit setzte sich der
bereits 2011 beobachtete Trend drastisch zunehmender Syphi-
lis-Diagnosen (in Deutschland um 22,0 % gegenüber 2010) fort.
Im Jahr 2012 lag die Syphilis-Inzidenz in Deutschland bei 5,4, in
Sachsen mit 178 gemeldeten Syphilis-Fällen bei 4,3 pro 100.000
Einwohner. Von 2011 auf 2012 kam es u. a. im Stadtraum Leip-
zig zu einem Anstieg der Syphilis-Übermittlungen von 39 auf 59
und im Stadtraum Chemnitz von 12 auf 24 Fälle.
Als wahrscheinlicher Infektionsweg wurde 2012 in Deutschland
in 82 %, in Sachsen in 69 % der Syphilis-Fälle Sex mit Männern
(MSM) angegeben (bezogen nur auf die Fälle mit übermittel-
tem Infektionsweg). Das Vorliegen einer Syphilis begünstigt die
HIV-Übertragung. Daher ist es besonders wichtig, dass Syphilis-
Infektionen frühzeitig erkannt und behandelt werden.
Die Zunahme der Meldezahlen spiegelt sich auch in steigenden
Untersuchungsanforderungen wider. So erhöhte sich 2012 die
Zahl der in der LUA durchgeführten Syphilis-Teste gegenüber
dem Vorjahr um ca. 15 % (s. Homepage LUA, Tab. 1.24).
Seit mehr als 100 Jahren ist der Nachweis von Antikörpern
ein wichtiger Bestandteil der Syphilis-Diagnostik. August von
Wassermann publizierte bereits 1906 eine Methode, mit der
Antikörper gegen den Erreger der Syphilis im Blut nachgewie-
sen werden konnten. Der Begriff „Wassermann positiv“ wurde
schnell zu einem Synonym für die Diagnose „Syphilis“. Noch
heute ist der Antikörper-Nachweis die Methode der Wahl. Al-
lerdings wurde die „Wassermann-Reaktion“ durch modernere
immunologische Verfahren ersetzt. In der Praxis hat sich eine
serologische Stufendiagnostik aus Suchtest, Bestätigungstest
sowie Tests zur Beurteilung der Krankheitsaktivität und Behand-
lungsbedürftigkeit bewährt.
Abbildung 1.6:
Typische Agglutinationsmuster im TPPA-Test
(positiv: obere und untere Reihe; negativ: mittlere Reihe)
Die Infektion mit dem Syphilis-Erreger
Treponema pallidum
(
T. pallidum
) führt sowohl zur Bildung von unspezifischen
(Cardi-
olipin-) als auch von Treponemen-spezifischen Antikörpern. Als
Suchtest wird ein TPPA- oder TPHA-Test (T. pallidum-Partikel-
Agglutinations- bzw. -Hämagglutinations-Test) durchgeführt
(Abb. 1.6). Dies sind Antikörperteste, die gleichzeitig IgG- und
IgM-Antikörper gegen Treponemen (auch gegen apathogene
Schleimhaut-Treponemen) erfassen. Sie zeigen meist schon 2-3
Wochen nach einer Infektion eine positive Reaktion und sind
somit bei Vorliegen eines Syphilis-Primäraffektes i. d. R. positiv.
Ist das Ergebnis negativ, entfallen weitere Untersuchungen. Es
kann davon ausgegangen werden, dass keine Syphilis-Infektion
vorliegt. Bei einem fraglichen oder positiven Resultat erfolgt zur
Absicherung der Befundspezifität ein Bestätigungstest, der FTA-
ABS (Fluoreszenz-Treponema-Antikörper-Absorptions-Test). Vor
Durchführung des FTA-ABS müssen daher kreuzreagierende gat-
tungsspezifische Antikörper aus dem Patientenserum entfernt
(absorbiert) werden. Unabhängig vom möglichen Infektionssta-
dium gilt eine Syphilis-Infektion als gesichert, wenn Such- und
Bestätigungstest positiv sind.
Zur Differenzierung, ob es sich um eine aktive, behandlungs-
bedürftige oder um eine alte (ausgeheilte oder ausreichend
therapierte) Infektion (= Seronarbe) handelt, ist eine weitere
Diagnostik erforderlich. Untersuchungen zum Nachweis von
T. pallidum-spezifischen IgM-Antikörpern und unspezifischen
Lipoid-Antikörpern
(CMT
(Cardiolipin-Mikroflockungs-Test))
schließen sich an. Lipoidale Antikörper sind ein Marker für die
Entzündungsaktivität. So ist bei einer unbehandelten Syphilis
ein Lipoid-Antikörper-Titer von > 1:8 ein Hinweis auf eine akti-
ve Infektion. Der Nachweis von Lipoid-Antikörpern ist vor allem
auch für die Verlaufskontrolle und zur Beurteilung des Thera-
pieerfolges bei einer Syphilis-Infektion von diagnostischer Be-
deutung.
Im Untersuchungsgut der LUA wurden 2012 insgesamt 37 aktive
behandlungsbedürftige Infektionen nachgewiesen, bei 198 der
getesteten 4.627 Patienten fand sich eine Seronarbe, also eine
früher abgelaufene Syphilis-Infektion.
HIV-Infektionen
Auch bei den gemeldeten HIV-Neudiagnosen war in den letzten
Jahren ein Aufwärtstrend zu beobachten. So waren in den Jah-
ren 1993-2003 dem RKI durchschnittlich 37 HIV-Erstdiagnosen
pro Jahr aus Sachsen gemeldet worden. 2010, 2011 und 2012
wurden 112, 105 und 113 Neudiagnosen aus dem Freistaat
übermittelt. Insbesondere bei der Hauptbetroffenen-Gruppe
MSM ist die Anzahl und ihr Anteil an den HIV-Erstdiagnosen seit
2001 weitgehend kontinuierlich gestiegen, im Zeitraum 2002-
2011 in Deutschland von 41 % auf 55 %, in Sachsen von 44 %
auf 69 % der Meldungen. Das RKI geht nach aktuellen Schät-
zungen davon aus, dass Ende 2012 insgesamt ca. 2.000 HIV-
infizierte in Sachsen und ca. 78.000 HIV-positive Personen in
Deutschland leben (RKI, 2012). Die Zahl der HIV-Neuinfektionen
wird im Jahr 2012 auf etwa 230 in Sachsen und ca. 3.400 in
Deutschland geschätzt.
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die HIV-Diag-
nostik mit im Jahr 2012 durchgeführten 8.549 Screening- und

 
16 │
280 Bestätigungstesten die am häufigsten von den
Gesund-
heitsämtern angeforderte Untersuchung im Serologie-Labor der
LUA darstellt (s. Homepage LUA, Tab. 1.23). 98 Seren von 63
Patienten erwiesen sich hierbei als HIV-positiv.
Mit der Entdeckung und Beschreibung des Humanen Immunde-
fizienz-Virus (HIV) durch Montagnier, Barré-Sinoussi und Gallo
wurde unter anderem der Grundstein für die Entwicklung von
HIV-Antikörper-Nachweisen gelegt. 1985 kam der erste zuge-
lassene Test zum Nachweis von HIV-Antikörpern im Blut auf
den Markt. Heute sind mittlerweile kombinierte p24-Antigen/
HIV 1- und HIV 2-Antikörperteste der sogenannten 4. Genera-
tion verfügbar. Diese Suchteste erfassen nicht nur spezifische
Antikörper gegen HIV Typ 1 und HIV Typ 2, die im Serum mit
hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 4 Wochen und 3 Monaten
nach Infektion auftreten, sondern auch Teile des Virus (p24-
Antigen) selbst. Dadurch wird das diagnostische Fenster – die
Zeitspanne zwischen Übertragung des Erregers und dem erst-
maligen Auftreten labormedizinisch messbarer Infektionsmarker
wie Antikörper/Antigen – gegenüber den reinen HIV-Antikör-
pertesten um ca. 7 Tage reduziert. HIV-Screeningteste müssen
eine hohe Sensitivität (= Wahrscheinlichkeit eines positiven
Testergebnisses, wenn der Untersuchte infiziert ist) aufweisen.
Um unspezifische Reaktionen auszuschließen, muss ein
reakti-
ves Messergebnis im HIV-Screeningtest anschließend durch ein
Verfahren zum Nachweis der Spezifität der Antikörper, z. B. mit
dem sogenannten Western- oder Immunoblot, abgesichert wer-
den. In diesem Bestätigungstest wird untersucht, gegen welche
Hüll-, Kern- und Enzym-Proteine/-Glykoproteine des HI-Virus
im Patientenserum Antikörper vorliegen. Damit der Antikörper-
Bestätigungstest als positiv bewertet werden kann, muss ein
definiertes Reaktionsmuster vorhanden sein.
Eine frühzeitige Diagnose einer HIV-Infektion ist besonders
wichtig. Sie hilft einerseits, eine Übertragung der Infektion zu
vermeiden, andererseits ermöglicht sie den Patienten den Zu-
gang zu optimalen Behandlungsmöglichkeiten.
Hepatitis B-Infektionen
Die Hepatitis B ist eine weltweit beim Menschen vorkommende,
durch Hepatitis B-Viren (HBV) ausgelöste Leberentzündung, die
vorwiegend sexuell und durch Kontakt mit kontaminiertem Blut
oder Körperflüssigkeiten übertragen wird. Akute Hepatitis
B-In-
fektionen sind nach Infektionsschutzgesetz (IfSG)
meldepflich-
tig. In Sachsen müssen gemäß Erweiterung der Meldepflicht für
übertragbare Krankheiten und Krankheitserreger (IfSGMeldeVO)
auch HBV-Carrier übermittelt werden. Während der vergange-
nen 10 Jahre wurden in Deutschland zwischen 1.314 (2003) und
682 (2012) und in Sachsen zwischen 58 (2003) und 28 (2010)
akute Hepatitis B-Fälle registriert.
Zur Diagnostik einer Hepatitis B mit ihrem breiten Spektrum
von Erscheinungsformen wird serologisch sowohl der Nachweis
von Bestandteilen des Hepatitis B-Virus (HBs-Antigen (HBsAg),
HBe-Antigen (HBeAg)) als auch der Nachweis von Antikörpern
gegen die Virusbestandteile (HBc-, HBc-IgM-, HBs-, HBe-Anti-
körper (Anti-HBc, Anti-HBc-IgM, Anti-HBs, Anti-HBe)) heran-
gezogen. Es stehen somit 6 diagnostische Marker zur Verfügung,
die aus dem Serum des Patienten bestimmt werden können und
deren Vorhandensein im Jahr 2012 im Serologie-Labor in 17.579
Einzeluntersuchungen geprüft wurde.
Diese Marker ermöglichen eine Differenzierung zwischen den
verschiedenen Verlaufsformen der Hepatitis B sowie Aussagen
zur Infektiosität, Immunität und Prognose. Der Nachweis von
HBsAg ist Zeichen einer akuten oder chronischen HBV-Infektion.
HBsAg und HBeAg sind indirekte Marker der Infektiosität, wo-
bei das Vorhandensein von HBeAg i. d. R. für eine hohe Virämie
spricht. Ihre Positivraten lagen im Untersuchungsgut der LUA
2012 bei 1,7 % und 11,2 % der entsprechend getesteten Seren.
Als Durchseuchungsmarker gilt Anti-HBc, das bei einer akuten,
chronischen und abgelaufenen HBV-Infektion positiv ist. Sein
Nachweis gelang in 7,0 % der in der LUA 2012 entsprechend
untersuchten Proben. Anti-HBc-IgM zeigt hohe Werte bei einer
akuten Infektion, ggf. niedrigere Werte bei aktiver chronischer
Hepatitis B.
Bei fehlendem Immunschutz ist eine gezielte Prophylaxe durch
eine Schutzimpfung gegen Hepatitis B effektiv möglich. Zur
Kontrolle nach Impfung wird die Bestimmung des Immunitäts-
markers Anti-HBs durchgeführt.
Basierend auf den Ergebnissen der diagnostischen Marker kön-
nen akut oder chronisch Infizierte schnell einer weiteren
ärztli-
chen Betreuung mit ggf. antiviraler Therapie zugeführt werden
mit dem Ziel, Neuinfektionen zu reduzieren und Komplikationen
einer chronischen Hepatitis B zu vermeiden.
Hygiene der Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen,
Kurorthygiene
Beratungs- und Untersuchungstätigkeit
Wie in den Vorjahren war ein Schwerpunkt die Beratung der Ge-
sundheitsämter zu Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern und
Altenpflegeeinrichtungen bezüglich multiresistenter bakterieller
Erreger (MRE). Aus diesem Bereich traten in den letzten Jahren
immer mehr die gramnegativen stäbchenförmigen Bakterien in
den Vordergrund. Hierzu wird auf den Abschnitt „Carbapenem-
resistente Erreger: eine Herausforderung für Hygiene und Infek-
tionsschutz“ verwiesen.
Auch 2012 wurde die Mitarbeit im Netzwerk multiresistenter
Erreger des Freistaates Sachsen (MRE-Netzwerk Sachsen) fort-
gesetzt. Neben einer Fachtagung im Bildungszentrum Meißen
war die LUA im Berichtsjahr auch in zahlreichen Fortbildungen
und Schulungen auf regionaler Netzwerkebene eingebunden.
In der AG Hygienemaßnahmen/Kommunikation wurden im Jahr
2012 verschiedene Dokumente erarbeitet. Hierzu zählen Merk-
blätter zu verschiedenen MRE für den ambulanten Bereich, die
insbesondere für niedergelassene Ärzte und ambulante
Pflege-
dienste in kurzer, übersichtlicher Form alle wichtigen Hygiene-
hinweise enthalten. Weiterhin wurden Informationsblätter für
Patienten und Angehörige zur Verfügung gestellt, die Hinweise
zum Umgang mit MRSA-Trägern bzw. zur Durchführung einer
Sanierung im häuslichen Bereich geben.
Nach der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im
Vorjahr trat auch in Sachsen eine durch dieses Gesetz gefor-
derte Landesverordnung in Form der „Verordnung über die Hy-

│17
giene und Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen
(SächsMedHygVO)“ vom 12.06.2012 in Kraft. Diese Verordnung
löste die bereits seit 1998 in Sachsen bestehende, jedoch nur
für Krankenhäuser geltende Sächsische Krankenhaushygiene-
rahmenverordnung (SächsKHHygRVO) ab.
Neben dem erweiterten Geltungsbereich, der nun außer Kran-
kenhäusern auch Einrichtungen für ambulantes Operieren, Vor-
sorge- und Rehabilitationseinrichtungen, Dialyseeinrichtungen
und Tageskliniken umfasst, enthält die Verordnung zahlreiche
Regelungen, die auf eine weitere Verbesserung der Hygiene in
den genannten Einrichtungen abzielen. Außer der detaillierteren
Umsetzung der Forderungen des IfSG, wie z. B. die Erfassung no-
sokomialer Infektionen, werden darüber hinaus weitere Punkte
geregelt, so u. a. die Einbeziehung von Krankenhaushygienikern
und Gesundheitsämtern in Bauprojekte, die Ausstattung der
Einrichtungen mit Hygienefachpersonal, dessen Qualifizierung
und Tätigkeitsinhalte, die Zusammensetzung und Arbeitsauf-
gaben von Hygienekommissionen sowie die Übermittlung von
Informationen bei Verlegungen, Überweisungen oder Entlas-
sungen von Patienten, die zur Verhütung und Bekämpfung von
nosokomialen Infektionen, insbesondere in Bezug auf multire-
sistente Krankheitserreger, erforderlich sind.
Aufgrund der erforderlichen Qualifizierung von
Hygienefach-
personal und der bestehenden großen Nachfrage konnte an der
Sächsischen Landesärztekammer in Zusammenarbeit mit der
LUA bereits 2012 eine erste strukturierte, curriculäre Fortbil-
dung „Hygienebeauftragter Arzt“ mit dem Umfang von 40 Stun-
den erfolgreich angeboten werden. Die LUA beteiligt sich auch
aktiv an der Lehrtätigkeit im Rahmen dieser Fortbildung.
Die Tätigkeiten im Bereich Gemeinschaftseinrichtungen betra-
fen neben der Bearbeitung zahlreicher Bauprojekte in Amtshilfe
für die Gesundheitsämter überwiegend Beratungen der Gesund-
heitsämter zu Fragen des Hygieneregimes und der Umsetzung
von Hygienemaßnahmen in Hygieneplänen.
Im Rahmen des 27. Dresdner Kolloquiums „Umwelt und Gesund-
heit“ zum Thema „Aktuelle Aspekte der Kommunalhygiene in
Schulen und Kindertagesstätten“ beteiligte sich das Fachgebiet
mit einem Vortrag zur Umsetzung des Rahmenhygieneplanes
(Länder-Arbeitskreis) für Schulen und sonstige Ausbildungs-
einrichtungen als Grundlage für den gesetzlich geforderten
einrichtungsspezifischen Hygieneplan und zu den dabei noch
bestehenden hygienerelevanten Defiziten. Im Vorfeld wurden
ausgewählte sächsische Gesundheitsämter zu ihren Erfahrungen
bei Begehungen von Schulen befragt. Das Infektionsschutzge-
setz (IfSG) fordert die Festlegung innerbetrieblicher Verfahrens-
weisen zur Infektionshygiene in Form von Hygieneplänen für
verschiedene Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen,
darunter auch Schulen. Weiterhin unterliegen Schulen der in-
fektionshygienischen Überwachung durch das Gesundheitsamt.
Oft mangelt es aber in der Praxis an der Umsetzung der Vor-
gaben. So fehlen an den Schulen häufig Hygienepläne, bzw. es
erfolgt keine praktische Umsetzung des vorhandenen Planes.
Oft existieren lediglich Reinigungs- und Desinfektionspläne, die
unvollständig sind und von den Dienstleistern selten mit den
Schulen abgestimmt werden. Nicht befriedigend ist auch, dass
die Gesundheitsämter bei Um- und Neubaumaßnahmen selten
einbezogen werden.
Die Befragung zeigte, dass Schulhygiene wieder einen höheren
Stellenwert bekommen muss. Aufgrund der Fülle der Aufgaben
an den Gesundheitsämtern sind diese gezwungen, Prioritäten
bei den gesetzlichen Überwachungsaufgaben zu setzen, was
sich zumeist in der Frequenz routinemäßiger Begehungen äu-
ßert.
Gerade deswegen gilt es auch, das Bewusstsein der Schulleiter
als Hygieneverantwortliche zu schärfen und den Schülern im
Unterricht ein besseres Hygienebewusstsein zu vermitteln.
Die operativen Tätigkeiten reichten von der fachlichen Unter-
stützung im Rahmen von Routinebegehungen bis hin zu ver-
schiedenen Probenahmen und Messungen im Auftrag der Ge-
sundheitsämter (s. Homepage LUA, Tabelle 1.33 und Kapitel
Öffentlichkeitsarbeit), überwiegend in Krankenhäusern, Arzt-
praxen und Altenpflegeheimen. Weiterhin wurde die LUA von
den Gesundheitsämtern auch anlassbezogen zur Unterstützung
bei der Aufklärung von Schwachstellen im Hygieneregime nach
Infektionshäufungen angefragt und konnte vor Ort ihre fachli-
che Kompetenz einbringen.
Unter den Amtshilfeersuchen waren auch 3 OP-Säle, die nach
der neuen DIN 1946, Teil 4 (2008) konzipiert und von der LUA
hygienisch abgenommen wurden. Diese OP-Säle waren aus-
schließlich der Klasse Ib zuzuordnen, d. h. für die hygienische
Abnahme wurde ein sogenannter Recovery-Test durchgeführt,
bei dem die Abklingrate eines zuvor eingebrachten Aerosols ge-
messen und mit den Anforderungen der Norm verglichen wird.
Fortgesetzt wurde aufgrund der starken Nachfrage auch die
Vermittlung von Sachkenntnissen nach Sächsischer Hygienever-
ordnung als Voraussetzung zum Betreiben von Piercing-, Tat-
too-, Fußpflege- oder Kosmetikstudios, sofern bei der Tätigkeit
die Gefahr blutübertragbarer Erkrankungen besteht. Die LUA
vermittelte im Rahmen von 2 jeweils zweitägigen Kursen die
notwendigen Sachkenntnisse u. a. auf den Gebieten Anatomie,
Mikrobiologie, Hygiene und Instrumentenaufbereitung. Dan-
kenswerterweise wurden die Kurse wieder vom Gesundheitsamt
Meißen für Teilnehmer aus dem gesamten Freistaat Sachsen
organisiert.
Laboruntersuchungen
Die Labordiagnostik am Standort Chemnitz beinhaltet die ge-
samte Palette hygienisch-mikrobiologischer Untersuchungen.
Die Laboruntersuchungen wurden im Rahmen der operativen
Tätigkeit durch physikalische Methoden wie Luftpartikelzählun-
gen, Einsatz von Temperaturdatenloggern, Raumklima-, Luft-
strömungs- und Schallmessungen ergänzt.
Die Untersuchungen wurden im Auftrag der Gesundheitsämter
durchgeführt und betrafen hauptsächlich Probenahmen und
Messungen in Krankenhäusern, ambulant operierenden bzw. en-
doskopierenden Praxen sowie Altenpflegeheimen. Ferner
wur-
den auch Materialien direkt für andere Landesinstitutionen (z. B.
Justizvollzugsanstalten) sowie aus den krankenhaushygienisch
betreuten Kliniken untersucht.
Tabelle 1.33 (s. Homepage LUA) gibt eine Übersicht ausgewähl-
ter hygienischer Untersuchungen in Gesundheits- und Gemein-
schaftseinrichtungen im Berichtsjahr.
Mitwirkung bei der staatlichen Anerkennung von Kur-
und Erholungsorten
Als Mitglied des Landesbeirates für Kur- und Erholungsorte am
Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Ver-
kehr (SMWA) obliegt der LUA die Beurteilung der Voraussetzun-
gen der Antrag auf staatliche Anerkennung stellenden Orte im
Bereich Hygiene. Nach Sichtung aller Gutachten und Unterlagen
sowie Teilnahme an einer Ortsbegehung wird zu jedem Verfah-

image
 
18 │
ren eine schriftliche Hygienebewertung abgefasst, in die alle
hygienerelevanten Gesichtspunkte einfließen.
Im Berichtsjahr 2012 konnten 2 Verfahren zur staatlichen An-
erkennung als Kur- bzw. Erholungsort gemäß Sächsischem Kur-
ortegesetz (SächsKurG) für folgende Städte, Gemeinden bzw.
Ortsteile innerhalb des Landesbeirates abgeschlossen und nach
Abstimmung gegenüber dem SMWA zur Prädikatisierung emp-
fohlen werden:
]
Sayda (Erholungsort, Kreis Mittelsachsen)
]
Oberwiesenthal (Luftkurort, Erzgebirgskreis)
Carbapenem-resistente Erreger: eine Herausforderung für Hygiene
und Infektionsschutz
Die wachsende Bedeutung multiresistenter gramnegativer
stäbchenförmiger Bakterien hatte im Jahr 2012 umfangreiche
Auswirkungen auf die Hygiene in Krankenhäusern, anderen
Gesundheitseinrichtungen sowie ambulanten und stationären
Pflegeeinrichtungen. Das Auftreten von
Carbapenem-Resisten-
zen bei gramnegativen Infektionserregern, verbunden mit Resis-
tenzen gegenüber weiteren wichtigen Antibiotikagruppen, stellt
ein ernstes infektiologisches und krankenhaushygienisches Pro-
blem dar. Durch die ausgeprägte Resistenz der Erreger sind die
verbliebenen Optionen für eine Therapie mit Antibiotika stark
eingeschränkt.
In Deutschland sind Carbapenem-resistente gramnegative Er-
reger bisher noch wenig verbreitet, werden aber aufgrund zu-
nehmender Reisetätigkeit aus anderen Ländern, in denen diese
Erreger endemisch sind (hierzu zählen z. B. Griechenland, Türkei
und Indien), eingeschleppt und haben bereits zu Ausbrüchen
auch in deutschen Krankenhäusern geführt. Daher ist es von
großer Wichtigkeit, Ausbrüche, aber auch Einzelfälle besiedelter
Patienten schnell zu erkennen und durch effektive Hygienemaß-
nahmen eine Weiterverbreitung innerhalb der Einrichtung sowie
nach außen, vor allem in andere medizinische und
Pflegeein-
richtungen, zu verhindern.
Am Ende des Berichtsjahres erschien eine Empfehlung der
Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention
(KRINKO) beim Robert Koch-Institut (RKI) „Hygienemaßnahmen
bei Infektionen oder Besiedlung mit multiresistenten gramne-
gativen Stäbchen“ (Bundesgesundheitsblatt 2012
·
55:1311–
1354). In dieser Empfehlung erfolgt die Einteilung der Erreger
bezogen auf 4 wichtige bzw. Reserve-Antibiotikagruppen. Je
nachdem, ob der Erreger gegen 3 oder 4 dieser Antibiotikagrup-
pen resistent ist, wird er als „3MRGN“ bzw. „4MRGN“ (Abkür-
zung für
m
ulti
r
esistente
g
ram
n
egative Stäbchen) eingeordnet.
Dabei sind 4MRGN-Keime in der Regel resistent gegenüber An-
tibiotika aus der Gruppe der Carbapeneme.
Die somit bei 4MRGN am stärksten eingeschränkten Therapie-
optionen haben wiederum Einfluss auf die Ableitung strengerer
Hygienemaßnahmen im Vergleich zu 3MRGN. So gilt für Pati-
enten, die Träger von 4MRGN oder dessen verdächtig sind, bei-
spielsweise die Empfehlung, diese in einem Einzelzimmer mit
eigener Nasszelle zu isolieren. Zusätzliche Hygienemaßnahmen
müssen immer auf der Basis sorgfältig durchgeführter Stan-
dardhygienemaßnahmen aufbauen. Sanierungskonzepte liegen
für diese Erreger noch nicht vor.
Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2011
haben die KRINKO-Empfehlungen für medizinische Einrichtun-
gen verbindlichen Charakter.
Entscheidend für die Entwicklung und schnelle Umsetzung von
Hygienevorgaben in Sachsen und die Einführung der Melde-
pflicht war zusätzlich das gehäufte Auftreten Carbapenemase-
bildender Klebsiella pneumoniae (KPC) (Abb. 1.7) in einem säch-
sischen Klinikum. Aus diesem Haus wurden im Rahmen der ab
August 2011 gültigen Übermittlungspflicht nosokomialer (das
heißt im Krankenhaus erworbener) Häufungen insgesamt 63
Fälle (darunter auch 3 Todesfälle) mit KPC-Nachweis, die seit
Juli 2010 registriert worden waren, nachgemeldet. Zusätzlich zu
diesem sehr großen und langwierigen Ausbruch wurden 2012 in
einem anderen sächsischen Krankenhaus zwei weitere Gesche-
hen mit jeweils 4 bzw. 5 KPC-Nachweisen erfasst.
Vor allem aufgrund des einen beträchtlichen Ausbruchsgesche-
hens wurde von der LUA ein Merkblatt „Carbapenemase-Bild-
ner/Bakterien mit erworbener Carbapenem-Resistenz“ (Stand
Juli 2012) entwickelt, das über die LUA-Homepage verfügbar ist.
Die enthaltenen Vorgaben entsprechen inhaltlich prinzipiell der
zum Jahresende erschienenen, oben beschriebenen Empfehlung
der KRINKO zu MRGN. So werden neben allgemeinen Erläute-
rungen zu den Erregern, die von der Definition der KRINKO dem
Resistenzgrad „4MRGN“ entsprechen, vor allem Empfehlungen
zum Screening, der Umsetzung von Hygienemaßnahmen und
der Informationsweiterleitung innerhalb der Einrichtung sowie
an weiterbehandelnde Einrichtungen bzw. Hausärzte gegeben.
Neben dem 2011 entwickelten Überleitungsbogen des MRE-
Netzwerkes Sachsen ist im Merkblatt ein Formblatt als Anhang
enthalten, das bei 4MRGN ebenso zur Weiterleitung der Infor-
mationen zur Anwendung kommen soll.
Abbildung 1.7:
Klebsiella pneumoniae
auf ESBL-Chrom
Quelle: LUA Sachsen

 
│19
Erweiterung der IfSGMeldeVO
Auf die zunehmende Bedeutung multiresistenter gramnegati-
ver Erreger reagierte der Freistaat Sachsen mit dem Beschluss,
die Meldepflicht entsprechend zu erweitern. Bis zum Vorliegen
einer verbindlichen Rechtsgrundlage wurden die Krankenhäu-
ser und Labore im Freistaat mit einem Schreiben des Sächsi-
schen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz
vom 20.06.12 gebeten, Nachweise von Carbapenem-resistenten
Klebsiellen auf zunächst noch freiwilliger Basis an die jeweils
zuständigen Gesundheitsämter zu melden (Tab. 2).
Tabelle 2: Freiwillige Meldung der nachgewiesenenen
Carbapenem-resistenter Erreger
(20.06.-31.12.2012)
mit
darunter
Erreger
Gesamt-
Fallzahl
Carbapenemase-
Nachweis
Todesfall
Klebsiella
58
7
1
Pseudomonas
22
2
Acinetobacter
2
2
Enterobacter spp.
3
1
Gesamtzahl
85
12
1
Zum 16. Dezember 2012 trat dann die novellierte Verordnung
des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbrau-
cherschutz über die Erweiterung der Meldepflicht für
über-
tragbare Krankheiten und Krankheitserreger nach dem Infek-
tionsschutzgesetz (IfSGMeldeVO) in Kraft. In § 2 erfolgte eine
Erweiterung der namentlichen Meldepflicht auf die Nachweise
von Acinetobacter spp. und Enterobacteriaceae mit erworbenen
Carbapenemasen oder erworbener eingeschränkter Carbape-
nem-Empfindlichkeit sowie von Pseudomonas aeruginosa mit
erworbenen Carbapenemasen oder bei gleichzeitigem Vorlie-
gen von phänotypischer Resistenz gegen Acylureido-Penicilline,
Cephalosporine der 3. und 4. Generation, Carbapeneme und
Fluorchinolone. Die Labornachweise dieser multiresistenten
gramnegativen Erreger sind jeweils differenziert nach Infektion
und Kolonisation zu übermitteln. Da der bisherige sächsische
Labormeldebogen schon recht umfangreich war, wurde durch
die LUA ein neuer spezieller Meldebogen für multiresistente Er-
reger erstellt. Die Erreger MRSA sowie cMRSA wurden aus dem
bisherigen Meldebogen herausgenommen und in den neuen
speziellen Meldebogen mit integriert. Dieser MRE-Meldebogen
ist im Internet unter
http://www.gesunde.sachsen.de/download/
lua/LUA_HM_LabMeldebogen_MRE.pdf veröffentlicht.
Der Freistaat Sachsen war nach Hessen (Verordnung vom
29.11.2011) das zweite Bundesland, das auf die zunehmende
Problematik dieser Erregergruppe mit der Einführung einer Mel-
depflicht reagierte. Da die Bedeutung und Bedrohung durch
die-
se multiresistenten Erreger in besorgniserregendem Maße zuge-
nommen hat, wird seitens des Robert Koch-Institutes auch eine
bundesweite Meldepflicht angestrebt. Nur durch die Etablierung
einer Meldepflicht können ein Überblick über die Situation
ge-
wonnen, Infektketten nachvollzogen und unterbunden werden.
Umstrukturierung/Weiterentwicklung der sächsischen Trinkwasser-
datenbank
Die Trinkwasserverordnung enthält neben Festlegungen zur
hygienischen Qualität des Wassers und Kontrollpflichten auch
Festlegungen zur jährlichen Berichterstattung. Für diese gibt es
ein EU-weit einheitliches Berichtsformat, das seit dem Berichts-
jahr 2009 auch für die Bundesrepublik gültig ist. Zur Umsetzung
im Freistaat Sachsen wurde der organisatorisch effektive Weg
ausgewählt, die an die Gesundheitsämter per EDV übermittel-
ten Laboranalysen an die Wasserdatenbank Sachsen der LUA
weiterzuleiten und dort einheitlich auszuwerten. Das genutz-
te einheitliche Datenformat basiert auf der Übermittlung von
Analysedaten zu festcodierten Probenstellen. Zur Zuordnung der
Analysen werden in der EDV des Gesundheitsamtes die für den
Bericht nötigen Probenstellen zu Versorgungsgebieten zusam-
mengefasst. Mit Hilfe dieser Verfahrensweise wurden dem Um-
weltbundesamt schon die Berichte für die drei zurückliegenden
Jahre übergeben. Im Zusammenhang mit der jüngsten Novellie-
rung der Trinkwasserverordnung wird ab dem Berichtsjahr 2014
die Berichtspflicht für Wasserversorgungsanlagen/-Gebiete mit
mehr als 10 m
3
verteiltem Wasser pro Tag eingeführt. Aktuell
liegt die Grenze bei 1.000 m
3
/Tag. Das Einbeziehen der kleinen
zentralen Anlagen erhöht den Organisationsaufwand bei den
Gesundheitsämtern, zwischen der LUA und den Gesundheitsäm-
tern und bei der Pflege der Wasserdatenbank. Schließlich muss
eine große Anzahl zusätzlicher Probenstellen abgestimmt, neu
eingepflegt und verwaltet werden. Um diesen zukünftigen
An-
forderungen gerecht zu werden, wurde in den letzten Monaten
das Stammdatenkonzept der Wasserdatenbank umgestellt. Die
für den aktuellen Bericht gültigen Probenstellen werden nun
nach Zugehörigkeit zu den Anlagen und nur mit den nötigs-
ten Eigenschaften versehen zusammengefasst. Damit werden
die jährlichen Änderungen effektiver durchführbar. Nach Er-
stellung des Berichtes werden innerhalb der Datenbank die An-
gaben, welche Laboranalyse des laufenden Jahres von welcher
Probenstelle und welchem Gebiet verwendet wurde, in ein neu
gestaltetes Archiv übertragen. Dadurch können, ohne weitere
Abhängigkeiten zu beachten, die Stammdaten für den nächsten
Bericht frei angepasst werden. Aus dem Archiv können beliebi-
ge Auswertungen über zurückliegende Jahre bedient werden. Es
kann detailliert dargestellt werden, zu welchem Anteil die Kon-
zentrationen der Wasserinhaltsstoffe unter der Grenze für die
gesundheitliche Unbedenklichkeit lagen. Bei allem zusätzlichen
Aufwand: Durch die Novellierung des Berichtsformates wird nun
durch gesetzliche Regelungen gesichert, dass die Labordaten der
Kontrolle und Überwachung aller zentralen Wasserversorgungs-
anlagen in eine einheitliche Wasserdatenbank übertragen wer-
den und damit für weitere Auswertungen auf der Landesebene
des Freistaates zur Verfügung stehen.

 
20 │
Umweltmedizinische und umwelthygienische Untersuchungs- und
Beratungstätigkeit
Die Aufgabe des Fachgebietes Umweltmedizin/Kommunalhygie-
ne besteht darin, die im Freistaat Sachsen tätigen Gesundheits-
behörden sowie andere öffentliche Stellen und Fachbehörden
im Bezugsbereich Umwelt und Gesundheit zu beraten und ge-
gebenenfalls mit Untersuchungen und Stellungnahmen zu un-
terstützen. Entsprechend seiner interdisziplinären Ausrichtung
steht hier neben der Vermittlung aktueller Erkenntnisse in den
Fächern Umweltmedizin und Umwelt- bzw. Kommunalhygiene
ein breites Spektrum konkreter praxisbezogener Fragestellungen
zu umweltbezogenen Gesundheitsrisiken auf der Tagesordnung.
Insgesamt wurden im Berichtsjahr 2012 an das Fachgebiet
572
Anfragen zu hygienischen bzw. umweltmedizinischen Sach-
verhalten aus den kommunalen Gesundheitsämtern herange-
tragen. Hiervon waren
174
Amtshilfeersuchen in Form einer
ausführlichen schriftlichen Stellungnahme - einschließlich der
dazugehörigen Ortsbesichtigung und einer Probenahme für spe-
zielle Umfelduntersuchungen - abzufassen. Der Schwerpunkt
der Aktivitäten lag im Bereich der Raumlufthygiene (z. B. Ge-
sundheitsrisiken durch Innenraumchemikalien, Feuchtigkeits-
und Schimmelpilzprobleme in Gemeinschaftseinrichtungen,
Geruchsbelästigungen nach Neuausstattung bzw. nach Neu-
renovierung, thermohygrischer Diskomfort in Neubauten, Lüf-
tungsprobleme besonders in Schulen, Hygieneaspekte von RLT-
Anlagen).
Weitere hervorzuhebende Aktivitäten im Berichtsjahr 2012
richteten sich auf die Überwachung und Bewertung der Bade-
wasserqualität von 34 sächsischen EU-Badegewässern entspre-
chend den Vorgaben der sächsischen Badegewässerverordnung
(SächsBadegewVO vom 15. April 2008). Im Rahmen der jährli-
chen Berichtspflicht übermittelte die LUA alle
Überwachungs-
daten anhand vorgegebener Kriterien an die EU, wo eine ab-
schließende Qualitätseinstufung der EU-Badegewässer erfolgt.
Nicht zuletzt wurden auch im Berichtsjahr 2012 wieder zahl-
reiche Amtshilfeersuchen zu speziellen gesundheitlichen Fragen
der Bau-, Siedlungs- und Kommunalhygiene für die Gesund-
heitsämter und andere Behörden bearbeitet (38 Sachverhal-
te), die wegen ihrer Komplexität und des erheblichen Arbeits-
aufwandes stets eine besondere Herausforderung darstellten
(beispielsweise ist bei einigen kommunalen Planungsvorhaben
zunächst die Durchsicht von mehreren Ordnern mit Planungs-
unterlagen erforderlich). Hier bildeten Biogasanlagen und Tier-
haltungsanlagen, oft gekoppelt an Fragen über sekundär entste-
hende Hygieneprobleme (wie z. B. den hygienekonformen und
gesundheitlich unbedenklichen Umgang mit Gärresten, Abwäs-
sern usw.), den Schwerpunkt.
Der zum Fachgebiet gehörende Analytik- bzw. Laborbereich be-
sitzt eine moderne Ausstattung und dient der Unterstützung der
kommunalen Gesundheitsämter und staatlichen Behörden bei
ihren Hygieneinspektionen (z. B. in Gemeinschaftseinrichtun-
gen, Gesundheitsdiensteinrichtungen usw.). Gemäß § 8
Sächs-
GDG unterliegen solche Einrichtungen wegen ihrer gemein-
schaftlichen Nutzung und der damit verbundenen besonderen
Gesundheitsrisiken der Hygieneaufsichtspflicht durch den ÖGD.
Mit der vorhandenen Ausrüstung kann sowohl die Untersu-
chung von Schadstoffbelastungen (sog. „
f
lüchtige
o
rganische
V
erbindungen“, FOV) in der Innenraumluft als auch das Erfassen
bzw. Aufspüren von Schimmelpilzproblemen im Innenraumbe-
reich abgedeckt werden.
Das Niveau der Inanspruchnahme solcher Leistungen durch die
Gesundheitsämter ist seit Jahren – bedingt durch energiespa-
rende, immer dichtere Bauweisen sowie Lüftungsdefizite und
eine breite Palette verwendeter Baumaterialien und chemischer
Produkte – unverändert hoch. Die Untersuchungstätigkeit im
Berichtsjahr umfasste insgesamt
104
komplexe Innenraumana-
lysen auf Schadstoffe und/oder Schimmelpilzbefall (einschließ-
lich Ortsbesichtigung und Probenahme) sowie zusätzlich 4.276
Laboreinsendungen zur Schimmelpilzbestimmung unmittelbar
aus den Kommunen.
Überwachung der EU-Badegewässer in Sachsen
Die sächsischen EU-Badegewässer werden während der jährli-
chen Badesaison (15. Mai bis 15. September) durch die Gesund-
heitsbehörden regelmäßig überwacht. Die rechtliche Grundlage
hierfür bildet die Sächsische Badegewässerverordnung (Sächs-
BadegewVO) vom 15.04.2008, in der die Aspekte des Gesund-
heitsschutzes als zentraler Punkt fest verankert sind.
In der Badesaison 2012 gingen an das Fachgebiet von Landes-
kreisen und kommunalen Stellen 43 telefonische und schriftli-
che Anfragen zur Badegewässerproblematik ein, die unmittelbar
auf der Beratungsebene (fernmündlich oder per E-Mail) abge-
deckt werden konnten.
Im Berichtsjahr verfügte der Freistaat Sachsen über 34 EU-
Badegewässer, die sich folgendermaßen auf die Dienststellen-
bereiche der Landesdirektion Sachsen verteilen: Dresden - 15
Badegewässer, Leipzig - 10 Badegewässer und Chemnitz - 9
Badegewässer.
Aus hygienischer Sicht kann die Badewasserqualität – und da-
mit die menschliche Gesundheit – durch verschiedene Faktoren
beeinflusst und u. U. beeinträchtigt werden. Entsprechend den
EU-Vorgaben stellt eine regelmäßige Kontrolle (mindestens ein-
mal im Monat) der mikrobiologischen Badewasserqualität einen
der wichtigsten Aspekte der Überwachung dar.
In der Badesaison 2012 wurden in der LUA 208 Wasserproben
von EU-Badegewässern auf die etablierten bakteriellen Indi-
katorparameter Escherichia coli und intestinale Enterokokken
untersucht und bewertet. Über die aktuellen Untersuchungser-
gebnisse und Entwicklungen zur Wasserqualität der Badeseen
in Sachsen während der Badesaison 2012 berichtete die LUA
auf der
Internetseite.http://www.gesunde.sachsen.de/badege-
waesser.php
Nach Abschluss der Badesaison 2012 ist festzustellen, dass alle
im Berichtsjahr beprobten Badegewässer bakteriologisch nicht
zu beanstanden waren. Die mikrobiologischen Anforderungen an
die Wasserqualität in Bezug auf die Indikatorbakterien Escheri-
chia coli und intestinale Enterokokken waren stets erfüllt.
Als ein spezifisches Problem waren im Berichtsjahr erneut starke
Vermehrungen von Cyanobakterien (Blaualgen) und die damit
verbundenen Beeinträchtigungen der Wasserqualität an drei
sächsischen Talsperren zu verzeichnen. Das massenhafte Auf-
treten von Cyanobakterien beeinträchtigte in erster Linie opti-
sche Eigenschaften der Badegewässer. Durch die lokal extrem
hohen Blaualgendichten waren in Badebereichen zeitweise die

│21
Sichttiefen von <1 m festzustellen. Ursächlich für die Minde-
rung der Wasserqualität in den betroffenen Talsperren waren
hauptsächlich die Cyanobakterien der Gattungen Woronichinia
und Microcystis verantwortlich.
Es erfolgten aufgrund der zeitlich begrenzten Beeinträchtigun-
gen der Wasserqualität durch Blaualgen und zum Schutz der
Gesundheit und der Sicherheit der Badegäste durch die zustän-
digen Gesundheitsämter Warnhinweise an die Bevölkerung in
Form von Aushängen vor Ort bzw. Pressemitteilungen.
Jährlich wird die Qualität der EU-Badegewässer von der Euro-
päischen Kommission bewertet, eingestuft und die Ergebnisse
in einem zusammenfassenden Bericht veröffentlicht. Der ak-
tuelle Bericht kann im Internet unter
http://www.eea.europa.
eu/de/publications/qualitaet-der-europaeischen-badegewaes-
ser-2012 eingesehen werden.
Die Grundlage für die EU-Berichterstattung 2012 bildeten Über-
wachungsdaten für 30 sächsische EU-Badegewässer, die nach
der Beendigung der Badesaison an die Europäische Kommission
übermittelt wurden. Für 4 Gewässer lagen im Berichtsjahr die
für eine Qualitätseinstufung notwendigen Untersuchungsdaten
noch nicht vollständig vor. Die Einstufung der Wasserqualität
der einzelnen EU-Badegewässer in der Badesaison 2012 ist aus
der Tabelle 1.31 im Tabellenteil des Jahresberichtes zu entneh-
men. Daraus ist ersichtlich, dass alle darin verzeichneten Bade-
gewässer von der EU das Prädikat „Ausgezeichnete Badewasser-
qualität“ erhielten.
Aktuelle lufthygienische Probleme in Schulen
Schulbauten besitzen nach geltendem Baurecht in Sachsen
(Sächsische Bauordnung vom 28.05.2004) den Status von „Son-
derbauten“, weil ihre Nutzung gegenüber „normalen“ Wohn-
und Aufenthaltsbereichen eine Reihe spezifischer Merkmale
aufweist. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf
es kontinuierlich optimaler lufthygienischer Verhältnisse, die
ein Höchstmaß an physischem und psychischem Wohlbefinden
gewährleisten. Verschiedene hierzu durchgeführte Studien ha-
ben gezeigt, dass eine Optimierung der Frischluftzufuhr zu einer
Verbesserung der geistigen und schulischen Leistungsfähigkeit
führt, während es andererseits zu signifikanten
Leistungsein-
bußen und diversen Befindlichkeitsstörungen kommt, wenn die
Frischluftzufuhr nicht den lufthygienischen Anforderungen ent-
spricht (z. B. Wargotzki et al. 2000). Die Sicherstellung von ent-
sprechend hygienekonformen Verhältnissen in Schulen erfordert
eine systematische Kontrolle, die in Sachsen nach § 8
Sächs-
GDG vom 11.12.1991 den kommunalen Gesundheitsämtern
obliegt. Je nach personeller Ausstattung der Gesundheitsämter
wird dieser hygienischen Überwachungspflicht in
unterschiedli-
chem Maße nachgekommen. Konsistent sind jedoch die immer
wieder beobachteten und an die LUA gemeldeten erheblichen
Lüftungsdefizite sowie die Feststellung einer allgemein
nach-
lassenden Lüftungsdisziplin an den meisten Schulen. Offenbar
wird ein bewusst organisiertes Lüftungsregime – sog. „Lüftung
nach Plan“ – in der überwiegenden Zahl der Schulen immer
weniger angetroffen. Schon nach wenigen Minuten kann es
ohne adäquate Lüftung zu beträchtlichen Anreicherungen von
personenbezogenen Stoffeinträgen in der Raumluft kommen
(darunter Körpergerüche, Bioeffluenzen sowie eingeschleppte
Chemikalien durch den Gebrauch von Schreibutensilien, Büro-
materialien, Kosmetika usw.).
Um einen Eindruck über die Lüftungssituation sowie das Be-
wusstsein für die Thematik in den sächsischen Schulen zu
gewinnen, kamen unter Federführung des Öffentlichen Ge-
sundheitsdienstes (LUA, Gesundheitsämter) in einigen Klassen-
räumen von 4 Grundschulen und von 2 Gymnasien sog. „Lüf-
tungsampeln“ zum Einsatz. Eine Lüftungsampel ist ein einfach
handhabbares Gerät, das mit einer Anzeige (in Form einer Ampel
- grün, gelb, rot) ausgestattet ist, die Kohlendioxidkonzentration
der Raumluft misst und darüber informiert, wann einem Raum
frische Luft zugeführt werden soll. Es sollte u. a. erprobt werden,
ob diese Ampeln sich bei der Optimierung der Lüftung von Klas-
senräumen als hilfreich und praktikabel erweisen.
Unsere Beobachtungen in den Schulen zeigen, je mangelhafter
die Klassenräume insbesondere in der Heizperiode mit Frisch-
luft versorgt werden, desto schwieriger wird es, im Unterricht
ein hygienekonformes und folglich die Lernleistung förderndes
Raumklima zu gewährleisten. So lagen bei einem rein gefühls-
mäßigen und nicht nach Plan organisiertem Lüftungsverhalten
in den Grundschulen 83 % und in Gymnasien 76 % der im Un-
terricht gemessenen CO
2
-Konzentrationen über der Pettenko-
fer-Zahl von 1.000 ppm. Die prozentualen Zeitanteile, in denen
im Unterricht kein hygienekonformes Raumklima herrschte, be-
wegten sich in Grundschulen in einem Bereich von 80 % bis
95 % und in Gymnasien in einem Bereich von 53 % bis 93 %.
Es zeigte sich, dass die planlose Lüftung ihre Entsprechung in
häufigeren, länger andauernden und höheren Überschreitungen
von hygienekonformen CO
2
-Konzentrationen (<1.000 ppm) der
Raumluft findet. Meistens stieg die CO
2
-Belastung bereits in der
ersten Unterrichtsstunde auf ein hygienisch nicht vertretbares
Niveau und blieb so über den ganzen Schultag bestehen. Diese
sich regelrecht aufschaukelnden CO
2
-Konzentrationen wurden
insbesondere in den Doppelstunden (90-minütiger Unterricht),
aber auch in jeder 45-minütigen Unterrichtsstunde beobachtet.
Im Gegensatz zur planlosen Lüftung wird bei gezielter Lüftung
nach Lüftungsampel der CO
2
-Anstieg im Unterricht mindestens
einmal (manchmal mehrmals) durch entsprechende Lüftungs-
phasen unterbrochen, was in der Regel zu einer deutlichen Sen-
kung der CO
2
-Konzentrationen auf ein insgesamt (noch) akzep-
tables Belastungsniveau führte. Anhand der uns vorliegenden
Ergebnisse ist festzustellen, dass im Schulalltag eine gezielte
Lüftung nur dort dauerhaft funktioniert hat, wo ein anforde-
rungsgerechtes Lüftungsmanagement, z. B. mit Hilfe einer Lüf-
tungsampel, entsprechend den jahreszeitlich variablen Gege-
benheiten etabliert, erprobt und geübt wurde.
Alle an der Aktion beteiligten Schulen haben den Einsatz der
Lüftungsampel als nützlich für die Unterstützung des Lüftungs-
managements in den Klassenräumen eingeschätzt. Es hat sich
gezeigt, dass das Lüftungsbewusstsein mit Hilfe der Ampel ge-
schärft worden ist und die hygienischen Luftverhältnisse in den
Klassenräumen in der Regel verbessert werden konnten. Falls
die Beurteilung der Schulen über den Nutzen der Lüftungsampel
weiterhin so positiv ausfällt, sollte darüber entschieden werden,
inwiefern nicht auf einer breiteren Basis zukünftig auch ande-
re Schulen von derartigen Instrumenten zur Unterstützung der
Klassenraumlüftung profitieren können.

 
22 │
Amtliche Lebensmitteluntersuchungen
Amtliche Futtermittelüberwachung
Übersicht über das Leistungsspektrum
In den beiden Abteilungen „Amtliche Lebensmitteluntersuchun-
gen“ der LUA an den Standorten Dresden und Chemnitz wurden
im Jahr 2012 insgesamt 24.267 Proben untersucht und beur-
teilt. Die Beanstandungsquote bei Lebensmitteln, Bedarfsgegen-
ständen, kosmetischen Mitteln und Tabakerzeugnissen lag bei
12,2 % und hat sich gegenüber dem Vorjahr (12,3 %) praktisch
nicht geändert. Die detaillierte Auflistung der
Beanstandungs-
gründe kann den Tabellen 2.1 bis 2.7 (s. Homepage LUA) ent-
nommen werden. Der Tabellenteil zu diesem Jahresbericht wird
ausschließlich auf der Homepage der LUA unter dem Stichwort
„Publikationen“ eingestellt
(http://www.lua.sachsen.de).
Wie in den vergangenen Jahren fallen große Unterschiede bei
den Beanstandungsquoten der einzelnen Warengruppen ins
Auge. Diese reichen von 1,5 % bei Milchproben bis zu 54,9 %
bei Nahrungsergänzungsmitteln. Von 41 Kakaoproben wurde
keine einzige beanstandet. Die Warengruppen mit Beanstan-
dungsquoten über 20 % sind der Abb. 2.1 zu entnehmen. Auch
in dieser Auflistung gibt es gegenüber dem Vorjahr zwar
Ver-
schiebungen, aber keine grundlegenden Änderungen. In diesen
Warengruppen zeigt der risikoorientierte Ansatz bei der Proben-
planung und Probenahme die auffälligsten Erfolge.
54 Proben (45 Lebensmittel, 5 Bedarfsgegenstände und 4 Kos-
metische Mittel) mussten als gesundheitsschädlich bzw. ge-
sundheitsgefährdend beurteilt werden. Mit 0,2 % der Gesamt-
proben liegt auch diese Quote im langjährigen Mittel.
Ein Schwerpunkt der Beanstandungen bei Bedarfsgegenständen
mit Lebensmittelkontakt bzw. mit Körperkontakt sind (mögli-
che) Stoffübergänge aus den untersuchten Proben auf Lebens-
mittel bzw. auf den Menschen, die zwar nicht in jedem Fall akut
gesundheitsschädlich, aus Gründen des vorbeugenden Verbrau-
cherschutzes jedoch unerwünscht sind.
Der überwiegende Teil der Beanstandungen bei Lebensmitteln
und Kosmetika gründet sich auf irreführende oder nicht vor-
schriftsgemäße Kennzeichnung. Die Nichteinhaltung von Kenn-
zeichnungsvorschriften wurde in der Vergangenheit häufig als
„Kavaliersdelikt“ abgetan; dies ist jedoch in keiner Weise zu-
treffend. Der Verbraucher ist nicht nur vor gesundheitlichen Be-
einträchtigungen, sondern auch vor Irreführung und Täuschung
zu schützen. Aktuelle Beispiele wie die nicht deklarierte Ver-
wendung von Pferdefleisch in Fleischerzeugnissen belegen dies
nachdrücklich.
Der Gemeinschaftsgesetzgeber hat hier notwendige Nachbesse-
rungen erkannt und durch eine neue Verordnung betreffend die
Information der Verbraucher über Lebensmittel auch regulato-
risch umgesetzt. Diese Verordnung wird endgültig ab Dezember
2014 gelten.
Ebenfalls einer besseren Verbraucherinformation und dem
Schutz vor nicht zutreffenden Wirkungsbehauptungen bei Le-
bensmitteln dient die Verordnung über nährwert- und gesund-
heitsbezogene Angaben. Im Jahr 2012 erschien die erste Liste
der zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben für Lebensmit-
tel. Nur die dort veröffentlichten Angaben sind unter bestimm-
ten Bedingungen zulässig. Ein hoher Anteil der als irreführend
bezeichnet beurteilten Proben - speziell bei Nahrungsergän-
zungsmitteln, diätetischen Lebensmitteln und Säuglings- und
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
Nahrungsergänzungsmittel
Säuglings- und Kleinkindnahrung
Diätetische Lebensmittel
Zusatzstoffe
BG mit Körperkontakt
BG mit Lebensmittelkontakt
Spielwaren
Alkoholfreie Erfrischungsgetränke
Spirituosen
Wasch- und Reinigungsmittel
Konfitüren, Marmeladen
Honig, Brotaufstriche
Beanstandungsquote
Abbildung 2.1:
Beanstandungsquoten für ausgewählte Warengruppen

 
│23
Kleinkindnahrung – ist auf die Nichteinhaltung dieser Verord-
nung zurückzuführen.
Nicht zu vernachlässigen sind auch Verstöße gegen das Zusatz-
stoffrecht (fehlende Kenntlichmachung bzw. unzulässige Ver-
wendung von Zusatzstoffen), die in bestimmten Warengruppen
relativ häufig vorkommen.
Einzelheiten zu weiteren wesentlichen Beanstandungsgründen
sowie die Ergebnisse von Schwerpunktuntersuchungen sind den
folgenden Abschnitten zu entnehmen.
Auch auf analytischem Gebiet sind im Jahr 2012 neue Entwick-
lungen in die Wege geleitet worden. So wurde in den Fachge-
bieten „Lebensmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene“ an
den Standorten Chemnitz und Dresden mit der Einführung der
PCR-Analytik zur Keimbestimmung und Keimdifferenzierung
begonnen. Dies war schon länger geplant und erlangte durch
den „Norovirus-Skandal“ im Herbst 2012 ganz aktuelle Bedeu-
tung. Durch mit Noroviren kontaminierte Erdbeeren aus China
wurde eine große Erkrankungswelle in mehreren Bundesländern
ausgelöst. Neben der Norovirenanalytik wird derzeit auch der
EHEC-Nachweis auf Basis der Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
eingearbeitet.
Ebenfalls begonnen wurde am Standort Dresden mit der Analy-
tik von Nanopartikeln in kosmetischen Mitteln. Ende des Jahres
2012 wurde durch die sehr erfolgreiche Teilnahme an einem
weltweiten Ringversuch die grundsätzliche Eignung der Prüf-
methode nachgewiesen.
Im Fachgebiet Bedarfsgegenstände wurde weiter an der Opti-
mierung von Nachweis- und Bestimmungsverfahren für Mine-
ralölrückstände in Verpackungsmaterial und deren Migration in
Lebensmittel gearbeitet. Neu erprobt wurde in diesem Zusam-
menhang die Analytik mittels LC-GC-Kopplung. Die Methodik
wurde bei der Untersuchung von Adventskalendern und der da-
rin enthaltenen Schokoladen, die durch eine Veröffentlichung
der Stiftung Warentest in die Kritik geraten waren, sofort pra-
xisrelevant eingesetzt.
Die neu eingearbeiteten Verfahren stehen auch den Untersu-
chungseinrichtungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt im
Rahmen der mitteldeutschen Kooperation zur Verfügung. Im
Rahmen dieser Kooperation findet nach wie vor eine in
Jahres-
plänen abgestimmte gegenseitige Probenuntersuchung auf den
Gebieten Bedarfsgegenstände, kosmetische Mittel, Allergene/
GVO sowie pharmakologisch wirksame Stoffe statt. Künftig ist
die Ausdehnung der Zusammenarbeit auf die Untersuchung von
Pestizidrückständen vorgesehen. Die Optimierung der Analysen-
verfahren im Fachgebiet Pestizide der LUA hat im Übrigen dazu
geführt, dass im Jahr 2012 deutlich mehr Rückstandshöchst-
mengen-Überschreitungen festgestellt wurden.
Wie auch in den Vorjahren beteiligen sich die Sachverständi-
gen regelmäßig an Teamkontrollen in Betrieben des Freistaates
Sachsen. Betroffen sind hier vor allem GMP-Kontrollen bei Her-
stellern von Bedarfsgegenständen mit Lebensmittelkontakt so-
wie Kontrollen der Produktunterlagen in Kosmetikunternehmen.
Strukturell gab es im Berichtsjahr eine Änderung. Die bisher ge-
trennten Fachgebiete „Bedarfsgegenstände“ und „Kosmetische
Mittel“ am Standort Dresden wurden zu einem Fachgebiet ver-
einigt. Man verspricht sich davon eine größere Flexibilität im
Personaleinsatz und eine bessere Auslastung bestimmter Ana-
lysengeräte.
Zu den wesentlichen und meist sehr zeitaufwändigen Aufga-
ben der Sachverständigen gehört die Erarbeitung von Stellung-
nahmen für das Sächsische Staatsministerium für Soziales und
Verbraucherschutz. Im Jahr 2012 wurden dem Ministerium ins-
gesamt 131 derartige Zuarbeiten übergeben. Inhaltlich betrifft
dies vor allem Anmerkungen zu neuen Gesetzesvorhaben, aber
auch Antworten auf Anfragen aus dem Sächsischen Landtag
und die Zusammenstellung von Untersuchungsergebnissen zu
ganz speziellen Fragestellungen.
Gemäß der Verordnung (EG) Nr. 882/2004 über amtliche Kon-
trollen zur Überprüfung der Einhaltung des Lebensmittel- und
Futtermittelrechts muss sichergestellt werden, dass sich das ge-
samte Kontrollpersonal in seinem Aufgabenbereich regelmäßig
weiterbildet. Dafür sind die erforderlichen Mittel bereitzustel-
len, damit auch weiterhin amtliche Kontrolle auf dem aktuellen
Stand von Wissenschaft und Technik gesichert ist. Das Personal
der LUA wendet wiederum einen nicht unbeträchtlichen Zeitan-
teil für die Ausbildung von Lebensmittelchemikern im Rahmen
des Dritten Prüfungsabschnittes sowie für die Ausbildung von
Lebensmittelkontrolleuren und Chemielaboranten auf. Im Rah-
men von Praktika, Diplom- und Doktorarbeiten findet ein
in-
tensiver wissenschaftlicher Austausch zu beiderseitigem Nutzen
statt. Am Programm „Better Training for Safer Food“ beteiligen
sich Mitarbeiter sowohl als Tutor als auch als Teilnehmer.
Schließlich soll die Mitarbeit vieler Sachverständiger in den zen-
tralen Gremien des Bundes und der Länder hervorgehoben wer-
den. Diese häufig in ihrer Bedeutung unterschätzten Aktivitäten
dienen nicht nur der unerlässlichen fachlichen Weiterbildung.
Sie tragen darüber hinaus in herausragender Weise zum „guten
Ruf“ der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen in der Bundesre-
publik Deutschland bei.
Lebensmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene
RESET - Resistenzen bei Tier und Mensch
Im Forschungsverbund RESET, der seit November 2010 vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert
wird (Förderkennzeichen 01KI1013), haben sich verschiedene
Institutionen zusammengetan, um die Verbreitung von antibio-
tika-resistenten Bakterien zu erforschen. Dabei konzentrieren
sie sich auf eine Gruppe von Bakterien - die Enterobakterien -
die nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Tier und in der
Umwelt vorkommen. Zu den Enterobakterien zählen u. a.
Esche-
richia (E.) coli und Salmonella (S.) enterica
. Resistenzen gegen
wichtige Antibiotika bei diesen Bakteriengruppen können zum
Problem für den Gesundheitsschutz werden.
Die LUA Sachsen nimmt an diesem Programm teil. Die bishe-
rigen Ergebnisse belegen die hohe Belastung von Fleisch und
Fleischerzeugnissen mit ESBL-bildenden Bakterien (s. Tab. 1).
Resistente Enterobakterien treten in verschiedenen Tierarten,
der Umwelt, im Futter, in Lebensmitteln und beim Menschen
auf. Resistente Bakterien bei Tieren können über das vom Tier
stammende Lebensmittel wie Fleisch oder Eier auf den Men-
schen übertragen werden. Im Forschungsverbund RESET werden
vor allem die Bakterien betrachtet, die gegen besonders wich-
tige ß-Laktam-Antibiotika durch die Produktion von Enzymen,
den Extended Spectrum Beta-Lactamasen (ESBL),
unempfind-
lich werden. Wenn diese Bakterien auch gegen Fluorchinolone

image
image
image
24 │
(eine Gruppe von Antibiotika, die derzeit noch als Reserveme-
dikamente gelten) resistent sind, werden die therapeutischen
Möglichkeiten drastisch eingeschränkt.
Escherichia (E.) coli
und
Salmonella (S.) enterica
gehören zu den Keimen, bei denen der-
artige Resistenzen bereits nachgewiesen werden.
Das Ziel ist es, Daten über die Verbreitung resistenter Bakterien
zu sammeln. Diese Daten sollen dazu beitragen zu verstehen,
auf welchen Wegen ein Austausch resistenter Bakterien oder ih-
ren Resistenzgenen erfolgt und welche Faktoren einen Einfluss
auf die Risiken für den Menschen haben. Auf dieser Grundlage
sollen dann Risiken abgeschätzt und Empfehlungen für Maß-
nahmen zum Schutz von Mensch und Tier abgeleitet werden.
Tabelle 1: Untersuchungen ESBL
Erzeugnis
ESBL
Untersuchungen
ESBL
verdächtig
Rindfleisch
32
4
Hackfleisch vom Rind
36
5
Schweinefleisch
51
10
Hackfleisch vom Schwein
34
8
Hähnchen
18
13
Puten
20
8
Rohmilch, Rohmilchprodukte
34
6
Frisches Gemüse und Salate
33
0
Gesamt
258
54
Chemische Untersuchung tierischer Lebensmittel
Im Jahr 2012 erfolgte bei 1.360 tierischen Lebensmitteln eine
chemische Untersuchung auf Inhalts- und Zusatzstoffe.
Infolge der chemischen Untersuchung tierischer Lebensmittel
wurden die meisten Beanstandungen wegen nicht korrekter
Kennzeichnung/Nährwertkennzeichnung oder wegen fehlender
Kenntlichmachung von Zusatzstoffen ausgesprochen. Mitunter
waren allergene Zutaten wie z. B. Senf in der Kennzeichnung
nicht aufgeführt.
Wie in den Vorjahren erfolgten die meisten Beanstandungen
bei
Fleisch- und Wursterzeugnissen
. Siebzehn als „Schinken“
im Verkehr befindliche Erzeugnisse wurden als irreführend bzw.
Aliud beanstandet, weil neben hohen Wasser- oder Stärkezusät-
zen der Fleischeiweißgehalt im fettfreien Anteil als zu niedrig
analysiert wurde.
Histologische Untersuchungsergebnisse
Unter histologischer Untersuchung von Lebensmitteln versteht
man die feingewebliche Untersuchung der Zusammenset-
zung eines Lebensmittels. Nach entsprechenden Probenauf-
bereitungsschritten wie Fixieren, Schneiden sowie Färben des
Schnittpräparates wird das so aufbereitete Lebensmittel unter
dem Mikroskop anhand der vorhandenen Gewebe und Orga-
ne beurteilt. Fleisch ist das wichtigste Ausgangsmaterial für
die Herstellung von Fleischerzeugnissen. Nach Leitsatzziffer I
Nr. 1 der Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse des Deut-
schen Lebensmittelbuches (LS) sind Fleisch die Skelettmuskeln
von Tieren der Arten „Säugetiere“ und „Vögel“, die als für den
menschlichen Verzehr geeignet gelten, mitsamt dem wesens-
gemäß darin eingebetteten oder damit verbundenen Gewebe.
Bei der gewerbsmäßigen Herstellung von Fleischerzeugnissen
wird unter „Fleisch“ nur Skelettmuskulatur mit anhaftendem
oder eingelagertem Fett- und Bindegewebe sowie eingelagerten
Lymphknoten, Nerven, Gefäßen und Schweinespeicheldrüsen
verstanden (LS-Ziffer 1.1). Darüber hinaus werden bei bestimm-
ten hitzebehandelten Fleischerzeugnissen Innereien wie Leber,
Herz, Zunge ohne Schleimhaut (LS-Ziffer 1.51) sowie bei tradi-
tionellen Fleischerzeugnissen unter Kenntlichmachung der Ver-
wendung Lunge, Schweinemilz, Nieren, Magen und Vormagen
ohne Schleimhaut eingesetzt (LS-Ziffer 1.511).
Abbildung 2.2:
Probe Schinken – brätartiges Aussehen
Abbildung 2.3:
Probe Schinken, strukturlose Masse mit einzelnen Skelett-
muskelfasern, Hämatoxylin-Eosin-Färbung,
Vergrößerung 200x
Abbildung 2.4:
Probe Schinken, Knochenpartikel, Hämatoxylin-Eosin-Fär-
bung, Vergrößerung 100x

image
image
image
image
image
│25
Im Jahr 2012 wurden insgesamt 136 Lebensmittelproben his-
tologisch untersucht. Die Proben setzten sich aus 117 Planpro-
ben, 15 Verdachtsproben sowie 4 Beschwerdeproben zusam-
men. 20 Proben (14,7 %) wurden aufgrund ihrer histologischen
Untersuchungsergebnisse beanstandet. Die histologische Un-
tersuchung von 19 Proben mit unterschiedlichen Verkehrsbe-
zeichnungen (Kochschinken, Kochhinterschinken, Saftschinken,
Vorderschinken, Schinken, Pizza-Belag) ergab 9 Beanstandungen
(47,4 %). Bei den beanstandeten Proben war das Schnittbild in
der sensorischen Begutachtung brühwurstähnlich oder brätar-
tig mit oder ohne Einlage von kleineren Muskelfleischstücken.
In der histologischen Untersuchung wurden nur vereinzelt Ske-
lettmuskelfasern, aber überwiegend kohlenhydrathaltiges Bin-
demittel nachgewiesen. Bei einer Probe waren sogar Haut- und
Knochengewebe histologisch nachweisbar (Abb. 2.3-2.4). Diese
Erzeugnisse unterscheiden sich hinsichtlich Zusammensetzung,
Aussehen, Geruch und Geschmack von Kochschinken und dür-
fen nicht als „Schinken“ in den Verkehr gebracht werden. Die
zeitgleich veranlasste chemische Untersuchung von 13 Proben
bestätigte hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung der
Erzeugnisse die Ergebnisse der histologischen Untersuchung.
Hitzekonservierte Fleischerzeugnisse sind bei guter Herstel-
lungspraxis mikrobiologisch unbedenklich. Nicht jede Konserve
wies bei der histologischen Untersuchung die vorgeschriebene
gewebliche Zusammensetzung auf. Von 22 Konserven wurden 3
Proben aufgrund der Verarbeitung von Innereien (Herz und Lun-
ge bei einer Leberwurst, Lunge bei einer Hausmacher Blutwurst
und Niere bei Leberwurst) ohne Kenntlichmachung nach § 11
Abs. 2 Nr. 2b beanstandet (Abb. 2.5-2.6).
Anlass für die histologische Untersuchung bei einer Probe Wild-
schweinschinken waren beim Anschnitt sensorisch auffällige
dünne weiße Fäden. In der histologischen Untersuchung der
Probe wurden Veränderungen in den Skelettmuskelfasern fest-
gestellt. Diese Veränderungen wurden als Zyste von Sarcocystis
sp. diagnostiziert. Die Probe wurde aufgrund der sensorischen
Veränderungen im Zusammenhang mit dem Nachweis von Zys-
ten von Sarcocystis sp. als zum Verzehr nicht geeignet beurteilt
(Abb. 2.7-2.9).
Abbildung 2.5:
Knorpelgewebe (Pfeil) in der Probe Hausmacher Blutwurst,
Hämatoxylin-Eosin-Färbung, Vergrößerung 40x
Abbildung 2.6:
Lungenalveolen und Querschnitt eines Bronchiolus (Pfeil)
in der Probe Hausmacher Blutwurst,
Hämatoxylin-Eosin-Färbung, Vergrößerung 100x
Abbildung 2.7:
Wildschweinschinken – vereinzelt weiße Fäden im Anschnitt
Abbildung 2.8:
Wildschweinschinken, Hämatoxylin-Eosin-Färbung, Vergröße-
rung 40x, veränderte Skelettmuskelfaser (blauer Punkt, Pfeil)
Abbildung 2.9:
Wildscheinschinken, Hämatoxylin-Eosin-Färbung, veränder-
te Skelettmuskelfaser mit einer Zyste von Sarcocystis sp.,
Hämatoxylin-Eosin-Färbung, Vergrößerung 1000x

image
image
 
26 │
Bei 3 anderen Fleischerzeugnissen aus Wildschweinfleisch
wur-
den histologisch ebenso vereinzelt Zysten von Sarcocystis sp. in
den Muskelfasern festgestellt.
Sarkosporidien sind Einzeller, die in den Zellen, vor allem im
Muskelfleisch, von höheren Tieren parasitisch leben. Die
Sar-
kozystose ist bei allen Nutztieren, insbesondere bei Rind und
Schwein, sehr häufig. Hauptquelle für den Menschen (Endwirt)
sind rohes oder ungenügend erhitztes Rind- oder Schweine-
fleisch, das Gewebezysten enthält. Die Symptome der
Erkran-
kung durch Sarkosporidien sind Übelkeit, Bauchschmerzen und
Durchfall. Durch Erhitzung des Fleisches (mindestens 60 °C im
Kern des Fleisches) wird der Erreger sicher abgetötet. Auch das
Tiefgefrieren (insbesondere von Hackfleisch) bei minus 20 °C
über mindestens 3 Tage bietet einen wirksamen Schutz gegen
eine Sarkosporidien-Infektion.
Der Verzehr von ungenügend erhitztem Wildschweinefleisch
oder von kaltgeräucherten Wildschweinefleischerzeugnissen ist
aufgrund vorliegender histologischer Untersuchungsergebnisse
nicht zu empfehlen.
Eine Probe „Lasagne Bolognese erhitzt“ wurde aufgrund sicht-
barer unterschiedlich großer fester Bestandteile als Beschwer-
deprobe zur Untersuchung gebracht. Histologisch wurden
mäßige Mengen (mehr als 1,5 Partikel/cm
2
Schnittfläche)
Knor-
pel- und Knochenpartikel bestimmt (Abb. 2.10-2.11). Bei die-
sem Knochengehalt besteht der Verdacht auf eine Verwendung
von Separatorenfleisch bei der Herstellung des Erzeugnisses. Die
Verwendung von Separatorenfleisch und die Tierart, von der es
gewonnen wurde, müssen nach derzeitigen Rechtsbestimmun-
gen kenntlich gemacht werden. Der Kennzeichnung der mitge-
lieferten Verpackung fehlte eine Angabe über die Verwendung
von Separatorenfleisch. Die Probe war aufgrund des
Vorhanden-
seins von Knochenpartikeln zum Verzehr ungeeignet im Sinne
von Art. 14 Abs. 2 Buchstabe b) in Verbindung mit Art. 14 Abs.
5 der VO (EG) Nr. 178/2002. Darüber hinaus ist die Probe wegen
fehlender Kenntlichmachung der Verwendung von Separatoren-
fleisch gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 1 LFGB als irreführend beurteilt
worden.
Abbildung 2.10: Probe Lasagne Bolognese mit zahlreichen Knochenpartikeln
(rot-orange), Alizarin S-Färbung nach Pfeiffer, Wellhäuser
und Gehra, Vergrößerung 20xfach
Abbildung 2.11: Probe Lasagne Bolognese mit typischer Knochenstruktur
(Pfeil), Hämatoxylin-Eosin-Färbung, Vergrößerung 200x
Getreide/Getreideerzeugnisse/Süßwaren/Kaffee/Tee/Kakao/Fette/Öle/
Feinkosterzeugnisse/Speiseeis/Zusatzstoffe
„Schlank im Schlaf“ mit Eiweißbrot?
Eiweißbrot, Abendbrot, Gute-Nacht-Brot, Pro-Body-Brot oder
auch einfach Genussbrot - solche oder so ähnliche Bezeichnun-
gen konnte und kann man in nahezu jeder Bäckereifiliale lesen.
Verbunden werden diese Bezeichnungen mit dem so genannten
„Schlank im Schlaf“-Konzept. Eine gut klingende Diätform eines
Internisten und Ernährungsmediziners, welche jedoch bislang
wissenschaftlich nicht bewiesen werden konnte. Aber was ver-
birgt sich dahinter?
Dreh- und Angelpunkt bei dieser Ernährungsform ist das Hormon
Insulin. Insulin wird benötigt, um aus dem Essen aufgenommene
Kohlenhydrate (Zucker) aus dem Blut in die Zellen aufzunehmen
und dort verstoffwechseln zu können. Nimmt man viel kohlen-
hydratreiche Nahrung auf, wird verstärkt Insulin ausgeschüttet.
Insulin hemme die Fettverbrennung und fördere im Umkehr-
schluss die vermehrte Speicherung von Fett im Körper, so die
Theorie der Ernährungsform. Letztlich wird nach dieser Theorie
die Schlussfolgerung gezogen: „Wer viele Kohlenhydrate zu sich
nimmt, nimmt schnell zu.“ Das Ziel von „Schlank im Schlaf“ sei
daher, wenig Insulin zu produzieren. Um eine merkliche Fettver-
brennung nicht zu behindern, sollte daher vor allem abends auf
Kohlenhydrate verzichtet werden, um im Schlaf die Fettverbren-
nung zu begünstigen.
Des Weiteren spielt die richtige Abstimmung von Kohlenhydra-
ten und Protein (Eiweiß) ebenso eine beachtliche Rolle wie die
Nahrungsaufnahme als solche. Das Ganze muss in Form weniger
Mahlzeiten (3x/Tag) mit entsprechenden Pausen von 5 Stunden
aufgenommen werden.
Neben der Tatsache, dass die beworbenen Effekte bislang wis-
senschaftlich nicht bewiesen werden konnten, spielen auch an-
dere Aspekte eine entscheidende Rolle, insbesondere die Ener-
giebilanz. Abnehmen kann nur, wer mehr Kalorien verbraucht,

image
image
│27
als er zu sich nimmt, unabhängig von der Art der Nährstoffe.
Nur Schlafen und sich auf das Eiweißbrot verlassen, wird
defini-
tiv nicht zum gewünschten Ziel führen. Dies bedeutet, zusätzli-
che ausreichende Bewegung und eine vernünftige, ausgewoge-
ne und gesunde Ernährung sind entscheidend.
„Herkömmliches“ Brot als klassischer Kohlenhydratlieferant
(40 - 50 g/100g) mit einem relativ geringen Proteingehalt
(6 - 8,5 g/100g) fällt bei dieser Ernährungsphilosophie als
Abendmahlzeit gänzlich weg. Die Eiweißbrote weisen mit etwa
6 - 10 g/100g einen deutlich geringeren Kohlenhydratgehalt
und mit 21 - 28 g/100g einen stark erhöhten Proteingehalt auf.
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Fettgehalt bei konven-
tionellem Brot etwa 0,9 - 1,5 g/100g beträgt, bei Eiweißbrot
liegt der Fettgehalt zwischen 11 und 21 g/100g.
Bei der lebensmittelrechtlichen Beurteilung der Erzeugnisse an
der LUA muss beachtet werden, inwiefern die Brote und auch
Brötchen als lose Ware angeboten lediglich als Eiweißbrot,
Abendbrot oder Genussbrot bezeichnet werden oder ob hierzu
weitere Auslobungen in Form von Flyern, Etiketten, Angaben
etc. gemacht werden.
Bezeichnungen wie „Abendbrot“, „Genussbrot“ oder „Gute-
Nacht-Brot“ ohne weitere Angaben stellen nur Verkaufsbezeich-
nungen dar, welche bei losen Waren nicht näher geregelt und
somit in Ordnung sind. Bezeichnungen/Auslobungen wie „Ei-
weißbrot“ oder „wenig Kohlenhydrate/viel Eiweiß“ (Abb. 2.12-
2.13) stellen hingegen nährwertbezogene Angaben dar, welche
nach der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und
gesundheitsbezogene Angaben eine entsprechende Nährwert-
kennzeichnung nach sich ziehen, zudem müssen die Vorgaben
„weniger Kohlenhydrate“ (mind. 30 % weniger) bzw. „viel/mehr
Eiweiß“ (mind. 20 % des Brennwerts) den Anforderungen des
Anhangs I der genannten Verordnung erfüllen. Vergleiche wie
„weniger“ oder „mehr“ verpflichten zudem zu einer
Kennzeich-
nung, anhand derer der Verbraucher diesen Vergleich tatsäch-
lich nachvollziehen kann.
Weitere Auslobungen in Bezug auf das „Schlank im Schlaf“-
Konzept müssen dem allgemeinen Irreführungsverbot stand-
halten. Werbungen unter Bezugnahme auf ärztliche Empfeh-
lungen oder ärztliche Gutachten sind nach Verordnung (EG) Nr.
1924/2006 bzw. LFGB nicht zulässig.
Bei nährwertbezogenen Angaben ist natürlich auch eine kor-
rekte Nährwertkennzeichnung für den Verbraucher maßgeblich.
Dabei muss die Art und Weise der Nährwertkennzeichnung kor-
rekt sein, als auch die Nährwertangaben mit den tatsächlichen
Gehalten im Rahmen geduldeter Toleranzen übereinstimmen.
An der LUA wurden 36 derartige Brote und Brötchen beurteilt.
Davon wurden 27 Proben (75 %) beanstandet. Die Hauptgründe
lagen in einer fehlerhaften oder fehlenden Nährwertkennzeich-
nung (19 Proben/51 %) bzw. einem fälschlicherweise zu niedrig
deklarierten Fettgehalt (8 Proben/22 %).
Transfettsäure-Gehalte in Lebensmitteln
Die Aufnahme von Transfettsäuren (TFA, trans fatty acid) wird
seit vielen Jahren mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-
Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Transfettsäuren sind ungesättigte Fettsäuren mit mindestens
einer Doppelbindung in der “trans-Konfiguration“, womit eine
bestimmte räumliche Anordnung und Stellung der Doppelbin-
dung bezeichnet wird. Sie beeinflusst die Eigenschaften der
je-
weiligen Fettsäure und deren biologische Wirkung.
Für die Entstehung von Transfettsäuren sind biologische Prozes-
se (Biohydrierung von ungesättigten Fettsäuren im Pansen von
Wiederkäuern durch Bakterien - ruminante TFA), sowie die Teil-
härtung von Pflanzenölen (nicht-ruminante TFA) und Prozesse
bei der Raffination von Ölen verantwortlich.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, die
TFA-Aufnahme so gering wie möglich zu halten. Nicht mehr als
1 % der Nahrungsenergie sollte in Form von TFA aufgenommen
werden. Trotz erheblicher Anstrengungen der Lebensmittelin-
Abbildung 2.12: Eiweißbrot
Abbildung 2.13: Auslobungen bei Eiweißbrot

 
28 │
dustrie in den letzten Jahren, die TFA-Gehalte signifikant zu
senken, wird der Verzehr einiger Lebensmittel, wie Siedegebä-
cke (Pfannkuchen, Donuts) aber auch Pommes, weiterhin kri-
tisch betrachtet.
Vor diesem Hintergrund wird die Bestimmung und Beurteilung
von TFA-Gehalten in Lebensmitteln vorgenommen. Grenzwerte
für TFA-Gehalte sind in der Bundesrepublik Deutschland bisher
nicht festgelegt worden. Derzeit wird jedoch eine Kennzeich-
nung von Transfettsäuren in den zuständigen EU-Gremien dis-
kutiert. Mitte des Jahres 2012 wurde eine gemeinsame Initiative
des BMELV und der Lebensmittelwirtschaft vorgestellt und als
“Leitfaden zur Minimierung von Transfettsäuren in Lebensmit-
teln“ veröffentlicht.
Im Jahr 2012 wurden an der LUA 409 Proben aus 24 Waren-
gruppen auf Gehalte an TFA untersucht. Dabei konnten in 31
Proben, entspricht 7,6 %, TFA-Gehalte über 2 % ermittelt wer-
den. Bei Käse, auch als Belag auf Brötchen und Butter ist das
Ergebnis zu relativieren, da hier mit hoher Wahrscheinlichkeit
die trans-Vaccensäure (C18:1 trans-11) eine dominierende
Rolle spielt, die aber im Zusammenhang mit Herz-Kreislaufer-
krankungen nach dem heutigen Stand nicht kritisch anzusehen
ist. Proben aus den Warengruppen diätetische Lebensmittel,
Säuglings-und Kindernahrung und Speiseeis mit TFA-Gehalten
über 2 % sollten, bedingt durch den relativ geringen Fettanteil,
weniger kritisch betrachtet werden. Bei einigen Fertiggerichten,
Nahrungsergänzungsmitteln und Speisefetten konnten Gehalte
an trans-Fettsäuren weit über 2 % ermittelt werden. Hier ist
eine gezielte Auswertung der Untersuchungen dringend gebo-
ten. Die höchsten TFA-Gehalte konnten in Feinen Backwaren
bestimmt werden. In 5 von 11 Proben lagen diese deutlich über
2 %. Damit scheint die Fortführung der Untersuchungen und
Auswertung der Ergebnisse mit den Herstellern unerlässlich. Die
Untersuchungsergebnisse sind in Tabelle 2.8 (s. Homepage LUA)
zusammengefasst.
Obst/Obsterzeugnisse/Gemüse/Gemüseerzeugnisse/Gewürze/Fertigge-
richte
Im Frühherbst des Berichtsjahres kam es in Sachsen und vier
anderen ostdeutschen Bundesländern zu dem bisher größten
lebensmittelbedingten Ausbruch von akuter Gastroenteritis in
Deutschland.
In diesem Zusammenhang wurden 22 Proben tiefgekühlte Erd-
beeren zur Untersuchung auf Noroviren eingereicht. In vier Pro-
ben dieser tiefgekühlten Erdbeeren aus China wurde Norovirus-
RNA nachgewiesen, was für eine Kontamination mit Noroviren
spricht. Im Zusammenhang mit diesen Erkrankungsfällen wurden
weiterhin 90 Proben von 9 verschiedenen Essenversorgern vor-
rangig mikrobiologisch untersucht. In keiner der untersuchten
Essenproben wurden bakteriell Pathogene nachgewiesen. Die
Untersuchung auf Noroviren in Lebensmitteln erfolgte risiko-
orientiert. 17 Fertiggerichte wurden daraufhin auf Noroviren
untersucht, wobei alle Untersuchungen ein negatives Ergebnis
ergaben (siehe dazu auch Artikel „Größter lebensmittelbeding-
ter Ausbruch von akuter Gastroenteritis in Deutschland - Aus-
wertung für Sachsen“).
Im Jahr 2012 wurden insgesamt 4.200 Proben aus den Pro-
duktgruppen Suppen, Soßen, Hülsenfrüchte, Schalenobst,
Öl-
samen, Kartoffeln und Kartoffelerzeugnisse, Frischgemüse,
Gemüseerzeugnisse, Pilze, Pilzerzeugnisse, Frischobst, Obster-
zeugnisse, Konfitüren, Marmeladen und Gelees, Gewürze und
Würzmittel sowie Fertiggerichte und zubereitete Speisen un-
tersucht. Davon entsprachen 455 Proben den gesetzlichen Vor-
gaben nicht und mussten beanstandet werden. Mit einer Be-
anstandungsrate von 10,8 % liegen die Beanstandungen leicht
unter denen der Vorjahre (2011: 11,5 %; 2010: 11,3 %). Von
den 455 beanstandeten Proben wurden 261 Proben (= 57,4 %)
aufgrund von Verstößen gegen Kennzeichnungsvorschriften be-
anstandet. Die detaillierten Angaben zu den Beanstandungen
in den einzelnen Erzeugnisgruppen können dem Tabellenteil
(s. Homepage LUA) entnommen werden. Die Ergebnisse der
Pes-
tiziduntersuchungen
sind in ausführlicher Form im Abschnitt
Pestizide/Dioxine dargestellt.
Im Rahmen eines BÜP-Programms wurden 18 asiatische Suppen
aus Restaurants und Imbisseinrichtungen auf ihren Gehalt an
dem Geschmacksverstärker
Glutaminsäure
untersucht und die
Kenntlichmachung dieses Zusatzstoffes geprüft. In zwei Fällen
war die zulässige Höchstmenge von 10 g/kg erheblich über-
schritten. Die beanstandeten Gehalte lagen bei 13,9 und 15,5 g
Glutaminsäure pro kg Suppe. Bei allen Proben war der zugesetz-
te Geschmacksverstärker korrekt deklariert. Schwerpunktmäßig
wurden außerdem Speisen asiatischer Gaststätten und Imbiss-
einrichtungen auf den Geschmacksverstärker Glutaminsäure
untersucht. In sechs Proben war die zulässige Höchstmenge von
10 g/kg überschritten. Eine Probe
Gebratene Nudeln
enthielt
22,3 g/kg Glutaminsäure.
50 Sojaerzeugnisse, überwiegend Tofu sowie Drinks und Des-
serts auf Sojabasis, wurden schwerpunktmäßig auf
gen-
technisch veränderte Soja-DNA
untersucht. Es wurden keine
Auffälligkeiten festgestellt.
20 Proben Wildpilze aus dem osteuropäischen Raum, überwie-
gend frische Pfifferlinge, wurden auf Kontamination mit
radio-
aktivem Cäsium 134/137 untersucht. In keiner Probe überstieg
die kumulierte
Radioaktivität
von Cäsium-134 und Cäsium-137
den zulässigen Höchstwert von 600 Bq/kg Frischmasse. In 15
Proben betrug die Radioaktivität weniger als 100 Bq/kg, in den
übrigen Proben lag sie zwischen 100 und 200 Bq/kg.
Marmelade und Konfitüre - Der feine Unterschied
Umgangssprachlich sagt man meist zu allen Brotaufstrichen,
die aus Früchten hergestellt sind, „Marmelade“. Dass es feine
Unterschiede zwischen Marmelade und Konfitüre gibt, wissen
die wenigsten. In der Verordnung über Konfitüren und einige
ähnliche Erzeugnisse (Konfitürenverordnung) sind die Begriffe
„Konfitüre“ und „Konfitüre extra“, „Gelee“ und „Gelee extra“
und „Marmelade“ definiert. So werden als „Marmelade“ nur die
streichfähigen Zubereitungen, welche aus Zitrusfrüchten herge-
stellt worden sind, bezeichnet. Die Zubereitungen aus anderen
Früchten, wie z. B. Erdbeeren (Abb. 2.14), heißen - je nach Men-
ge der eingesetzten Früchte - Konfitüre extra oder Konfitüre.
Eine Ausnahme lässt die Verordnung jedoch zu: Erzeugnissen,
die auf örtlichen Märkten, insbesondere Bauernmärkten oder
Wochenmärkten, angeboten werden, können als Marmelade
bezeichnet werden, obwohl diese nicht aus Zitrusfrüchten her-

image
 
│29
Abbildung 2.14: Erdbeeren
gestellt wurden. Produkte aus Zitrusfrüchten werden dann als
„Marmelade aus Zitrusfrüchten“ bezeichnet.
Schon seit etlichen Jahren setzt sich der Trend zur kleingewerb-
lichen Produktion und Vermarktung von Konfitüren,
Marmela-
den und Fruchtaufstrichen fort. Diese Produkte fielen auch in
diesem Berichtsjahr wieder durch eine hohe Beanstandungsrate
von 23 % auf. Die Ursachen dafür liegen nicht selten in der
mangelnden Warenkunde und dem fehlenden Wissen über die
Rechtsvorschriften für diese Erzeugnisse auf Seiten der verant-
wortlichen Inverkehrbringer.
Der Gesetzgeber legte in der Konfitürenverordnung bestimmte
Anforderungen an Konfitüren, Gelees oder Marmeladen fest. So
muss sowohl bei Konfitüren und Gelees als auch bei
Marmela-
den der Mindestgehalt an löslicher Trockenmasse 55 % betra-
gen. Auch die Früchte und Zutaten, welche für die Herstellung
von Konfitüren, Gelees oder Marmeladen verwendet werden
dürfen, sind in dieser Verordnung festgelegt. Andere Zutaten,
als die in Anlage 3 genannten, dürfen für die Herstellung von
Konfitüren, Gelees oder Marmeladen nicht verwendet werden.
Zusätzlich zu den durch die Lebensmittelkennzeichnungsver-
ordnung geforderten Kennzeichnungselementen sind bei
Konfi-
türen, Gelees oder Marmeladen außerdem die folgenden Anga-
ben vorgeschrieben:
]
die verwendete Fruchtart oder die verwendeten Fruchtarten
in absteigender Reihenfolge des Gewichtsanteils der verwen-
deten Ausgangsstoffe,
]
der Fruchtgehalt durch die Angabe „hergestellt aus ... g
Früchten je 100 g“,
]
der Gesamtzuckergehalt durch die Angabe „Gesamtzuckerge-
halt ... g je 100 g“.
Diese Anforderungen einzuhalten, fällt vielen kleingewerblichen
Herstellern schwer. So fehlt z. B. bei vielen Konfitüren und
Mar-
meladen die Angabe des Gesamtzuckergehaltes. Hierbei handelt
es sich laut Konfitürenverordnung um den bei 20 °C ermittelten
Refraktometerwert der Saccharoseskala. Da kleingewerbliche
Produzenten in den seltensten Fällen über ein Refraktometer
verfügen und sich, wegen der oft recht kleinen Chargengrößen,
eine entsprechende Untersuchung in einem gewerblichen Labor
nicht rechnet, ist die Kennzeichnung dieser geforderten Angabe
kaum möglich.
Unsere Empfehlung für kleingewerbliche Erzeuger geht also im-
mer dahin, dass diese ihre Produkte als Fruchtaufstriche in den
Verkehr bringen. Fruchtaufstriche unterliegen nicht den Bestim-
mungen der Konfitürenverordnung.
Trotzdem ist auch bei Fruchtaufstrichen eine sehr hohe Bean-
standungsquote von 37 % zu verzeichnen. Hauptursache ist
hier ebenfalls die mangel- bzw. fehlerhafte Kennzeichnung
derartiger Produkte. Häufig weisen diese Fruchtaufstriche keine
korrekte Verkehrsbezeichnung auf. Die Produkte werden unter
Bezeichnungen wie
Ginger honey tea, Apfel mit Steinklee, Erd-
beeren mit Holunderblüten, Erdbeeren zum Kaffee, Zwetschgen-
Rotwein
in den Verkehr gebracht.
Hauptgrund für Beanstandungen ist jedoch, dass bei Fruchtauf-
strichen - im Gegensatz zu Konfitüren, Gelees oder Marmeladen
- die mengenmäßige Angabe bestimmter Zutaten oder Gattun-
gen von Zutaten gemäß § 8 Lebensmittelkennzeichnungsver-
ordnung erforderlich ist.
Weitere Beanstandungspunkte sind, dass bei zusammengesetz-
ten Zutaten, wie z. B. Gelierzucker, die geforderte Auflistung
der Einzelzutaten fehlt oder die Zutaten im Zutatenverzeichnis
nicht mit ihrer korrekten Verkehrsbezeichnung angegeben wer-
den. Außerdem werden oft Zusatzstoffe nicht vollständig oder
ohne den entsprechenden Klassennamen aufgeführt oder auch
das Mindesthaltbarkeitsdatum und der Hersteller nicht oder nur
unvollständig deklariert.
Getränke
Im Berichtszeitraum wurden 1.800 Getränkeproben zur Unter-
suchung vorgestellt, von welchen 293 Proben beanstandet wur-
den. Die Warengruppe mit der höchsten Beanstandungsquote
sind die alkoholfreien Erfrischungsgetränke (23,7 %), gefolgt
von Spirituosen (23,5 %), Bier und Mineral-, Quell- und Ta-
felwasser (je 19,7 %), weinhaltigen Getränken (16,0 %), wein-
ähnlichen Getränken (13,0 %), Fruchtsaft (10,9 %) und Wein
(7,3 %). Der überwiegende Teil der Beanstandungen wurde
wegen Kennzeichnungsmängeln ausgesprochen. Innerhalb der
Warengruppe der weinhaltigen Getränke standen jedoch sen-
sorische Beanstandungen im Vordergrund. Auch in der Waren-
gruppe der Mineral-, Quell- und Tafelwässer wurden überwie-
gend Beanstandungen aufgrund sensorischer und stofflicher
Abweichungen ausgesprochen. Diese Warengruppe umfasst
auch Proben aus Kanisterwasseranlagen in Imbisseinrichtungen
und Mundeis, welches Getränken in der Gastronomie zur Küh-
lung zugesetzt wird. Derartige Proben sind die Ursache für die
hohe Quote an mikrobiologisch auffälligen Proben (s. Homepage
LUA, Tab. 2.31). Auf spezielle Getränkegruppen, interessante
Untersuchungsergebnisse und besondere Ereignisse wird nach-
folgend im Detail eingegangen.

image
30 │
Trendgetränk Bubble Tea
Bubble Tea sind Getränke auf der Basis von gesüßtem grünen
oder schwarzen Tee, mit Milch und Fruchtsirup und eventu-
ell Eiswürfeln versetzt und wie ein Milchshake zubereitet. Die
Besonderheit dieser Getränke besteht in zugesetzten farbigen
Kügelchen oder Streifen aus Tapioka oder einer anderen Spei-
sestärke bzw. den „Popping Bobas“, Kügelchen aus Alginat mit
einer flüssigen Füllung, die mit einem breiten Strohhalm
an-
gesaugt werden können. Trotz hohem Kaloriengehalt und einer
ganzen Reihe enthaltener Zusatzstoffe erfreuen sich diese Ge-
tränke nach wie vor großer Beliebtheit, auch bei Kindern.
Neben neun Fertiggetränken wurden zahlreiche Zutaten für
diese Getränke wie Toppings in Form von Perlen und Gelee-
streifen (11x), Fruchtsirup (3x) und Grüntee (2x) untersucht.
Sieben der neun Fertiggetränke mussten beanstandet werden,
da enthaltene Konservierungsstoffe und Farbstoffe nicht in
den Angebotskarten bzw. Preisverzeichnissen vor Ort kennt-
lichgemacht wurden und/oder der EU-rechtlich vorgeschriebe-
ne Warnhinweis für bestimmte Farbstoffe („Bezeichnung oder
E-Nummer des Farbstoffs/der Farbstoffe: Kann Aktivität und
Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen.“) fehlte. Des Wei-
teren wurden zehn der elf untersuchten Toppings (Abb. 2.15)
und alle drei Fruchtsirupe beanstandet, da die Fertigpackungen
entweder nur englischsprachig gekennzeichnet waren, Zuta-
tenverzeichnisse mangelhaft gestaltet waren, die Anschrift des
Produktverantwortlichen fehlte oder die Verkehrsbezeichnung
als unzutreffend angesehen wurde. In einer Teeprobe wurden
Rückstände der Pflanzenschutzmittelwirkstoffe Acetamiprid,
Dinotefuran, Flonicamid, Imidacloprid, Permethrin und Fenpro-
pathrin bestimmt, die über den zulässigen Rückstandshöchstge-
halten lagen. Eine Risikobewertung ergab jedoch, dass eine Ge-
sundheitsgefährdung von Kindern und Erwachsenen mit hoher
Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.
Aufgrund der Zutat Tee enthalten Bubble Teas im Übrigen nicht
unerhebliche Mengen an Koffein. Der durchschnittlich ermittel-
te Gehalt lag bei 109 mg/l Fertiggetränk, der höchste Gehalt be-
trug 232 mg/l. Bei einer Bechergröße von 700 ml wird mit einer
Portion folglich eine Koffeinmenge zugeführt, die bis zu zwei
Tassen Kaffee oder zwei Dosen eines Energygetränks entspre-
chen kann. Warnhinweise zum hohen Koffeingehalt sieht der
Gesetzgeber jedoch nur bei Getränken vor, deren Koffeingehalt
nicht aus Tee oder Kaffee stammt und deren Verkehrsbezeich-
nung nicht die Wortbestandteile „Kaffee“ oder „Tee“ enthält.
In die Diskussion sind die Getränke aber aufgrund der Aspirati-
onsgefahr gekommen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung
(BfR) hat mit Stellungnahme vom 19.06.2012 für Bubble Tea
die Verwendung von Warnhinweisen empfohlen, um Kleinkin-
der vor der Gefahr des Einsaugens der Toppings in die Lunge zu
schützen. Sofern kein Warnhinweis ersichtlich war, wurde von
der LUA eine Angabe bei loser Abgabe der Getränke und auf den
Fertigpackungen der Toppings empfohlen.
Mangan in Ananassaft
Im Jahr 2012 wurden wiederum Ananassäfte auf ihren Mangan-
gehalt kontrolliert. Dabei wurden die erhöhten Mangankonzen-
trationen, wie sie bereits in den Vorjahren festgestellt wurden,
bestätigt. Die Konzentrationen lagen bei den vier Proben zwi-
schen 2,9 und 13,5 mg/l und damit im Bereich der Werte, die
bei etwa 400 Proben im Rahmen eines Bundesüberwachungs-
programmes 2011 ermittelt wurden. Es ist demnach davon aus-
zugehen, dass Ananas natürlicherweise Mangan sehr gut spei-
chern kann.
Mangan ist ein essentielles Spurenelement, welches in höhe-
ren Dosen aber auch toxikologisch (neurotoxisch) relevant ist.
Da in den Industriestaaten der tägliche Manganbedarf durch
die normale Ernährung mehr als gedeckt wird, sind in der All-
gemeinbevölkerung keine Manganmangelerscheinungen zu
befürchten. Vor dem Hintergrund der toxikologischen Eigen-
schaften des Mangans sind aber Lebensmittel mit hohen Man-
gangehalten wie eben Ananassaft oder besonders mit Mangan
angereicherte Nahrungsergänzungsmittel ggf. kritisch zu sehen
(BfR-Stellungnahme (2004): Verwendung von Mineralstoffen in
Lebensmitteln - toxikologische und ernährungsphysiologische
Aspekte). Zur Bindungsform des Mangans in Ananas, zur Toxi-
kologie dieser Verbindungen und deren Bioverfügbarkeit gibt es
keine Informationen. Eine Bewertung ist deshalb schwierig. Eine
alleinige Beurteilung auf Basis des TDI-Wertes würde zu einer
Beanstandungsrate von etwa 50 % führen, bei Zugrundelegung
des Körpergewichtes von Kindern wäre diese noch höher. Eine
Risikobewertung durch das BfR wurde zwischenzeitlich über das
BMELV veranlasst.
Schnellwarnung - Methanol in tschechischen Spirituosen
Anfang September 2012 gab es die ersten Meldungen im eu-
ropäischen Schnellwarnsystem von mit Methanol gepanschtem
Alkohol aus Tschechien. In den folgenden Wochen entwickelte
sich die Lage dramatisch und der Skandal weitete sich auf be-
nachbarte Staaten, insbesondere Polen und die Slowakei, aus.
Im Laufe des Geschehens starben in Tschechien 39 Menschen
nach Verzehr der methanolhaltigen Spirituosen, in Polen sollen
nach offizieller Meldung bis zu 10 Menschen gestorben sein.
Zahlreiche Personen mussten hospitalisiert werden. In Tsche-
chien untersagten die Behörden zwischenzeitlich den Verkauf
von alkoholischen Getränken mit mehr als 20 % vol. Auch ein
Ausfuhrverbot tschechischer Spirituosen wurde verhängt. Als
belastete methanolhaltige Erzeugnisse wurden letztendlich
mehrere Wodkasorten, verschiedene „Rum`s“ (Tuzemak) und
Obstbrandspirituosen identifiziert. Vorwiegend handelte es sich
um Alkohol, der im Internet vertrieben wurde. Aber auch Fla-
schenware wurde als belastet festgestellt. Methanol kann bei
Aufnahme größerer Mengen tödlich wirken, geringere Dosen
können zur Erblindung führen. Die Methanolgehalte in den ge-
panschten Spirituosen erreichten Gehalte bis 511 g/l r. A., was
bei einem Alkoholgehalt von 40 % vol. einem Gehalt von 200 g
Methanol/L (= 20 % Methanol!) entspricht. Damit wird bereits
bei einer Zufuhr von nur 25 ml die akute Dosis erreicht, d. h. es
muss mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen gerechnet wer-
Abbildung 2.15: Theke mit Toppings
den (BfR-Stellungnahme vom 09.12.2011). Im Oktober wurden

image
│31
dann erste Schuldige von der Polizei ermittelt. Illegale Vertriebs-
wege wurden aufgedeckt, gefälschte Etiketten und Steuerban-
derolen wurden sichergestellt. Seit November 2012 müssen
tschechische Spirituosen ein Ursprungszeugnis (Declaration of
origin), natürlich nach vorhergehender analytischer Freigabe,
tragen und mit einer neuen Steuerbanderole ausgestattet sein.
Übrigens waren renommierte tschechische Markenprodukte,
wie der Becherovka, nie von dem Skandal betroffen.
Sowohl das BMELV als auch das SMS reagierten bereits weni-
ge Tage nach Bekanntwerden der ersten Schnellwarnungen auf
das Ereignis. Da nicht auszuschließen war, dass auch hiesige
Verbraucher gepanschten Alkohol erworben hatten, wurde die
Öffentlichkeit vor dem Verzehr von unetikettiertem Alkohol
un-
bekannter Herkunft und Abstammung gewarnt. Besorgte Bürger
konnten sich an die zuständigen Lebensmittelüberwachungsbe-
hörden wenden. Infolgedessen gelangten 14 Proben zur Unter-
suchung an die LUA. Hierbei handelte es sich um einen Wodka,
zwei Pflaumenbrände, sechs „Rum`s“, vier Rumtöpfe und einen
Kräuterlikör. Alle Proben waren im Rahmen der durchgeführten
Untersuchungen (Sensorik, Alkoholgehalt, Gärungsbegleitstoffe)
unauffällig und besaßen normale Methanolgehalte.
Das Geschehen verdeutlicht sehr anschaulich, dass grenzüber-
schreitende Risiken nicht auszuschließen sind. Eine gut funkti-
onierende intensive Zusammenarbeit zuständiger Behörden, vor
allem auch im kleinen Grenzverkehr, ist hier wichtig. Im Rahmen
der risikoorientierten Probenplanung werden 2013 deshalb u. a.
osteuropäische Spirituosen einer stichprobenhaften Überprü-
fung unterzogen werden.
Bromat in ausländischen Mineral- und Quellwässern
Hintergründe und rechtliche Regelungen zu Bromat
Bromat entsteht während der Aufbereitung von Mineral- und
Quellwässern mit ozonangereicherter Luft als unerwünsch-
tes Nebenprodukt. In den meisten Fällen ist zur Entfernung
der unbeständigen Inhaltsstoffe Eisen und Mangan eine
Oxidation mit Luftsauerstoff ausreichend. Bei Wässern mit
problematischen pH-Werten gelingt die Abtrennung jedoch
nur unzureichend, so dass auf das stärkere Oxidationsmit-
tel Ozon zurückgegriffen werden muss. Der europäische Ge-
setzgeber hat den Einsatz von Ozon bei Mineral- und Quell-
wässern stark reglementiert. Das Oxidationsverfahren mit
ozonangereicherter Luft darf nur angewendet werden, wenn
die technologische Notwendigkeit besteht, die Wirksamkeit
und Unschädlichkeit der Behandlung gewährleistet ist und
das Verfahren bei der zuständigen Behörde angezeigt wurde.
So müssen auch die im Anhang II der Richtlinie 2003/40/EG
(national Anlage 3 der Mineral- und Tafelwasserverordnung)
festgelegten Höchstgehalte für die Prozesskontaminanten,
u. a. 3 µg/l für Bromat, eingehalten werden.
Bromat erzeugt bei Ratten Nierentumore. Die IARC (1999)
hat Bromat daher als für den Menschen möglicherweise
krebserregend eingestuft (Gruppe 2B). Risikorechnungen, die
davon ausgehen, dass keine Wirkungsschwelle für die karzi-
nogene Wirkung vorhanden ist, gehen bei einem Grenzwert
von 3 µg/l von
einem
zusätzlichen Krebsfall pro 100.000 Per-
sonen aus.
Verbraucher erkennen entsprechend behandeltes Wasser
durch einen innerhalb der Etikettierung vorgeschriebenen
Hinweis, der wortwörtlich lautet: „Dieses Wasser ist einem
zugelassenen Oxidationsverfahren mit ozonangereicherter
Luft unterzogen worden“.
Im Jahr 2012 wurden schwerpunktmäßig ausländische Mine-
ral- und Quellwässer (Abb. 2.16) mittels IC/UV-Detektion auf
Bromat untersucht (Hintergründe und rechtliche Regelungen zu
Bromat, siehe Infobox). Die insgesamt 16 Wässer kamen aus der
Türkei, Griechenland, Georgien, der Tschechischen Republik, aus
Italien und Polen. Bei den beprobten Einrichtungen handelte es
sich um Großhändler, Einzelhandelsgeschäfte, Imbisseinrich-
tungen und Gaststätten. In sechs Wässern waren Bromatgehalte
messbar. Den höchsten Gehalt mit 11,8 µg/l wies ein türkisches
Quellwasser auf. Neben der deutlichen Überschreitung des
Höchstgehaltes von 3 µg/l war der gesetzlich vorgeschriebene
Hinweis auf die Behandlung mit ozonangereicherter Luft nur in
englischer Sprache vorhanden. Von den anderen fünf Wässern
wurde der Höchstgehalt nicht überschritten. Ein griechisches
Mineralwasser mit einem Bromatgehalt von 1,0 µg/l wurde je-
doch ohne den entsprechenden Ozonisierungshinweis in Verkehr
gebracht. Bei nachweisbaren Bromatgehalten ist davon auszu-
gehen, dass ein Oxidationsverfahren mit ozonangereicherter Luft
stattgefunden hat. Es kann allerdings auch nicht ausgeschlossen
werden, dass das Wasser lediglich mit Ozon desinfiziert wurde.
Dann läge aber ein unzulässiges Behandlungsverfahren vor. Au-
ßerdem musste ein türkisches Mineralwasser beanstandet wer-
den, da der Wortlaut des Ozonisierungshinweises nicht korrekt
wiedergegeben war.
Abbildung 2.16: Mineral- und Quellwasserproben

 
32 │
Nahrungsergänzungsmittel/Diätetische Lebensmittel
Nahrungsergänzungsmittel
Von den 379 im Berichtsjahr untersuchten Proben waren 208
Proben (55 %) zu beanstanden. Im Vergleich zum Vorjahr ist
somit wieder ein leichter Anstieg der Beanstandungsquote zu
verzeichnen (50 % im Jahr 2011).
Ein Hauptbeanstandungsgrund bei Nahrungsergänzungsmitteln
sind Verstöße gegen das Irreführungsverbot im Zusammenhang
mit den Festlegungen der VO (EG) Nr. 1924/2006 (HCV). Das
heißt, ein Großteil der eingereichten Proben wurde mit gesund-
heitsbezogenen Angaben beworben, die wissenschaftlich nicht
hinreichend gesichert sind. Insgesamt waren dies 144 Proben
(38 % der Gesamtproben; 69 % der beanstandeten Proben).
Hervorzuheben sind hier vor allem Cranberry-Präparate mit ei-
nem Wirkbezug zur Blasengesundheit, Kieselerdeprodukte mit
Aussagen zur Gesundheit von Haut, Haaren und Nägeln, Pro-
dukte mit Ginkgo, die hinsichtlich ihres positiven Einflusses auf
kognitive Fähigkeiten beworben wurden bzw. Nahrungsergän-
zungsmittel mit Glucosamin oder Kollagenhydrolysat/Gelatine,
die laut Werbeversprechen zur Gelenkgesundheit beitragen sol-
len. Darüber hinaus wurde in 21 Fällen beanstandet, dass dem
Verbraucher durch die Gesamtaufmachung der Produkte sugge-
riert wurde, nicht nur die enthaltenen Vitamine bzw. Mineral-
stoffe, sondern auch die plakativ herausgestellten (pflanzlichen)
Hauptinhaltsstoffe seien für die ausgelobten gesundheitsbezo-
genen Wirkungen verantwortlich. Damit wurden für insgesamt
165 Proben (44 % aller Proben, 79 % der beanstandeten Proben)
Wirkungen mit Gesundheitsbezug in Anspruch genommen, die
nicht gerechtfertigt sind.
Darüber hinaus sind folgende Beanstandungsgründe besonders
hervorzuheben: Bei mehreren Proben Zeolith (hydratisiertes
kristallines Alumosilikat vulkanischen Ursprungs), die nicht nur
als Tierfutterzusatz und als pflanzliches Düngemittel, sondern
auch für den menschlichen Verzehr zur „Entgiftung“ und zur
positiven Beeinflussung einer Reihe von Körperfunktionen
an-
geboten wurden, erfolgte eine Beurteilung als nicht sicheres
Lebensmittel nach Art. 14 Abs. 2a) der VO (EG) Nr. 178/2002.
Bei den Erzeugnissen wurden nach Behandlung mit Magensäu-
resimulanz Aluminiumgehalte ermittelt, die den von der WHO
festgelegten PTWI-Wert (Provisional Tolerable Weekly Intake)
in erheblichem Maße überschreiten. Darüber hinaus handelt es
sich bei Klinoptilolith als Grundlage des Zeoliths um ein nicht
genehmigtes neuartiges Lebensmittel i. S. des Art. 1 Abs. 2 c)
der VO (EG) Nr. 258/97. Auch in zwei weiteren Fällen wurden
neuartige Lebensmittelzutaten festgestellt, für deren Verwen-
dung eine entsprechende Zulassung nach o. g. VO erforderlich
ist - ein Extrakt aus Epimedium sagittatum (Elfenblume) sowie
ein Kartoffelprotein-Extrakt, der auf einen Anteil von 5 % Pro-
teinaseinhibitor II (PI2) standardisiert war. Bei zwei Proben, die
einen Cistus Incanus-Extrakt (Graubehaarte Zistrose) enthiel-
ten, war auf der Internetseite des Herstellers ausschließlich auf
die äußerliche und innerliche Anwendung zur Behandlung von
Krankheiten wie Krebs bzw. Darmkrebs, Virusinfektionen, My-
kosen und Akne abgestellt, was zur Einstufung der Produkte als
Präsentationsarzneimittel führte. Insgesamt 9 der zur Untersu-
chung vorgelegten Proben erfüllten nicht die Definition eines
Nahrungsergänzungsmittels nach NemV.
Diätetische Lebensmittel
Diätetische Lebensmittel umfassen ein breites Spektrum an Le-
bensmitteln, die für eine besondere Ernährung bestimmt sind.
Hierzu zählen u. a. Säuglingsanfangs- und -folgenahrung, Bei-
kost, Lebensmittel für eine kalorienarme Ernährung, bilanzier-
te Diäten und Sportlernahrung. Aus der Warengruppe Säug-
lings- und Kleinkindernahrung (WC 48) wurden im Jahr 2012
155 Proben untersucht, von denen 81 Proben (52 %) zu be-
anstanden waren. Hier ist jedoch hervorzuheben, dass es sich
nur in Ausnahmefällen um stoffliche Abweichungen handelte.
Hauptbeanstandungsgrund waren Kennzeichnungsverstöße, die
insbesondere unzulässige nährwert- und gesundheitsbezogene
Angaben sowie bei Säuglingsanfangsnahrung die nicht zuläs-
sige Bewerbung „nach dem Vorbild der Muttermilch“ oder ähn-
liche, gleichbedeutende Angaben betrafen. Aus dem Sortiment
diätetischer Lebensmittel, die nicht für Säuglinge und Kleinkin-
der bestimmt sind (WC 49), wurden insgesamt 334 Proben zur
Untersuchung eingereicht. Davon wurden 154 Proben (46 %)
beanstandet.
Eine der in § 1 DiätV festgelegten grundsätzlichen Anforderun-
gen an diätetische Lebensmittel ist, dass sie sich für den an-
gegebenen Ernährungszweck eignen müssen. Insbesondere bei
ergänzenden bilanzierten Diäten und Produkten, die als diäteti-
sche Lebensmittel für Sportler in den Verkehr gebracht werden,
bestehen diesbezüglich oftmals erhebliche Zweifel.
Beurteilung ergänzender bilanzierter Diäten (EbD)
Zwar stellten ergänzende bilanzierte Diäten (Abb. 2.17) 2012
mit 13 Proben zahlenmäßig einen relativ kleinen Anteil an der
Gesamtprobenzahl dar, ihre Beurteilung ist jedoch sehr aufwän-
dig und erfordert in jedem Fall eine gründliche Einzelfallprü-
fung. Die Beanstandungsquote von 77 % spricht für sich.
Bei der Diskussion der Diäteignung von bilanzierten Diäten muss
grundsätzlich deren Sonderstellung berücksichtigt werden. Wie
aus der Definition des § 1 Abs. 4a DiätV hervorgeht, sind
ergän-
zende bilanzierte Diäten Erzeugnisse, die auf besondere Weise
verarbeitet oder formuliert und für die diätetische Behandlung
von
Patienten
bestimmt sind. Sie dienen
]
der teilweisen Ernährung von Patienten mit eingeschränkter,
behinderter oder gestörter Fähigkeit zur Aufnahme, Verdau-
ung, Resorption, Verstoffwechslung oder Ausscheidung ge-
wöhnlicher Lebensmittel oder bestimmter darin enthaltener
Nährstoffe oder ihrer Metaboliten oder
]
der Ernährung von Patienten mit einem sonstigen medizi-
nisch bedingten Nährstoffbedarf, für deren diätetische Be-
handlung eine Modifizierung der normalen Ernährung,
an-
dere Lebensmittel für eine besondere Ernährung oder eine
Kombination aus beiden nicht ausreichen.
Oft scheitert die Verkehrsfähigkeit ergänzender bilanzierter
Diäten bereits daran, dass sie keiner dieser Patientengruppen
zuzuordnen sind oder der Nährstoffbedarf des Patienten durch
Lebensmittel des allgemeinen Verzehrs, einschließlich Nah-
rungsergänzungsmitteln, ausreichend gedeckt werden kann.
Mit dieser Begründung wurde z. B. ein Produkt als EbD abge-
lehnt, das
„zur diätetischen Behandlung von Obstipation und zur
Förderung der Darmfunktion“
auf Basis löslicher Ballaststoffe
bestimmt war.

image
image
│33
Abbildung 2.17: Probenspektrum ergänzende bilanzierte Diäten
Grundsätzlich hat die Herstellung bilanzierter Diäten auf ver-
nünftigen medizinischen und diätetischen Grundsätzen zu be-
ruhen. Sie müssen sich gemäß den Anweisungen des Herstellers
sicher und nutzbringend verwenden lassen und wirksam sein
in dem Sinne, dass sie den besonderen Ernährungserfordernis-
sen der Personen, für die sie bestimmt sind, entsprechen. Diese
Wirksamkeit ist durch allgemein anerkannte wissenschaftliche
Daten zu belegen, wobei der Wirksamkeitsnachweis bereits zum
Zeitpunkt der Markteinführung des Produktes vorliegen muss.
Dass keine gesetzlichen Vorgaben existieren, wie dieser Wirk-
samkeitsnachweis auszusehen hat, war und ist immer noch Aus-
gangspunkt vieler Diskussionen und zum Teil widersprüchlicher
Gerichtsurteile. Von der amtlichen Überwachung wird jedoch
bundesweit die randomisiert doppelblind geführte Interventi-
onsstudie am Menschen als das am besten geeignete Mittel zur
Nachweisführung für die ausgelobte Wirkung angesehen.
Derartige Wirksamkeitsnachweise wurden 2012 beispielsweise
bei Produkten hinterfragt, die
]
aufgrund der enthaltenen
„physiologisch sinnvollen Kombi-
nation aus acht essentiellen Aminosäuren und B-Vitaminen“
zur Behandlung des Leaky-Gut-Syndroms und atopischer Er-
krankungen dienen sollen,
]
mit Hilfe einer
„speziellen Kombination der Mikronährstoffe
Magnesiumcitrat, Vitamin B2 (Riboflavin) und Coenzym Q10,
die auf den besonderen Bedarf bei Migränepatienten abge-
stimmt ist“
den Energiestoffwechsel im Gehirn unterstützen
und die Anzahl der Migräne-Tage reduzieren sollen,
]
„zur Behandlung von nutritiv bedingten Immundefiziten, wie
sie z. B. nach Chemo- und Strahlentherapie auftreten kön-
nen“
, eingesetzt werden,
]
„zur diätetischen Behandlung von Adipositas und Typ 2 Dia-
betes“
bestimmt sind, indem mit Hilfe einer speziellen Nähr-
stoff-Formulierung eine weitestgehend insulinunabhängige
Verstoffwechslung ermöglicht werden soll,
]
als
„Basis-Absicherung gegen die körperlichen Auswirkungen
von Stress bzw. Burn-out“
durch Deckung eines
„spezifisch
erhöhten Nährstoffbedarfs in diesen speziellen Anwendungs-
bereichen“
dienen sollen.
Bisher wurden der LUA lediglich zum ersten Produkt Studien
vorgelegt, die jedoch nicht geeignet waren, die Wirksamkeit in
Bezug auf die ausgewiesene Zweckbestimmung zu belegen. Das
Produkt entsprach daher nicht den Anforderungen des § 14b
Abs. 1 DiätV und wurde folglich als nicht verkehrsfähig beurteilt.
Beurteilung diätetischer Lebensmittel für intensive
Mus-
kelanstrengungen (Sportlernahrung)
Im Berichtsjahr wurden 85 Proben diätetische Lebensmittel
(Abb. 2.18) für intensive Muskelanstrengungen untersucht und
davon 61 Proben (72 %) beanstandet. Die häufigsten
Bean-
standungsgründe stellten irreführende bzw. wissenschaftlich
nicht hinreichend gesicherte Angaben dar, wobei Mehrfachbe-
anstandungen keine Seltenheit waren. Neben den Angaben auf
der Verpackung wurden insbesondere auch Werbeaussagen auf
Beipackzetteln bzw. auf der Webseite des Herstellers berück-
sichtigt.
Das Warensortiment der Sportlernahrung ist sehr heterogen. Im
Handel befinden sich u. a. Proteinpulver mit oder ohne
Vitamin-
zusatz zur Herstellung proteinreicher Getränke, freie Aminosäu-
ren in Form von Kautabletten, Getränke mit Zusatz von Koffein,
Taurin, Vitaminen und/oder Aminosäuren, kohlenhydratreiche
Liquids und Erzeugnisse zum Ersatz von Mineralstoffverlusten
während sportlicher Betätigung. Doch nicht alle Produkte, die
als Lebensmittel für Sportler vermarktet werden, eignen sich für
den angegebenen Ernährungszweck.
Diätetische Lebensmittel sind u. a. dann für eine besondere Er-
nährung bestimmt, wenn sie den Ernährungserfordernissen von
Personen, die sich in besonderen physiologischen Umständen
befinden - bei Sportlern durch extreme Muskelarbeit und/oder
Schweißverlust - entsprechen. Sportler müssen folglich einen
besonderen Nutzen aus der kontrollierten Aufnahme bestimm-
ter in der Nahrung enthaltener Stoffe ziehen können. Da es für
Sportlernahrung auf EU-Ebene bisher keine harmonisierten ge-
setzlichen Regelungen gibt, gelten die allgemeinen Festlegun-
gen der DiätV. Hilfestellung für die Beurteilung der zu ernäh-
rungsphysiologischen Zwecken zugesetzten Zusatzstoffe und
Zutaten geben ein Grundlagenpapier der GDCh-Arbeitsgruppe
„Fragen der Ernährung“ zu Sportlerernährung und Sportlernah-
rung sowie die Stellungnahmen der EFSA im Zusammenhang
mit der wissenschaftlichen Prüfung von Health Claims.
So kann z. B. eine Supplementierung mit kreatinhaltigen Pro-
dukten nachweislich zu einer Steigerung der körperlichen Leis-
tungsfähigkeit bei Hochleistungssportarten, die in Intervallen
kurzzeitig höchste Schnellkraft-Leistungen erfordern, führen.
Nicht belegt ist dagegen ein Nutzen für Ausdauersportarten. Der
Verbraucher benötigt somit eine detaillierte Angabe darüber,
für welche Sportarten das Erzeugnis geeignet ist. In einzelnen
Fällen fehlte diese Information, was zu einer Beanstandung der
Kennzeichnung führte.
Abbildung 2.18: Probenspektrum diätetischer Sportlernahrung

image
 
34 │
Des Weiteren wurde von der EFSA inzwischen eine Vielzahl von
Health Claims-Anträgen geprüft, die auf eine positive Beein-
flussung der für Sportler relevanten Körperfunktionen nach
Verzehr einzelner Aminosäuren abzielen. Beispielhaft zu nennen
sind Anträge zu L-Arginin, L-Glutamin und den verzweigtket-
tigen Aminosäuren L-Leucin, L-Isoleucin und L-Valin. In allen
Fällen kam die EFSA zu dem Ergebnis, dass auf Basis der vor-
gelegten Daten ein Nutzen für Sportler wissenschaftlich nicht
hinreichend belegt ist. Gleiches gilt für die Verwendung von L-
Carnitin zur Förderung des Fettstoffwechsels in Verbindung mit
körperlicher Betätigung. Die von der EFSA getroffenen Aussagen
finden ihre Bestätigung in dem von der GDCh-Arbeitsgruppe
erstellten Grundlagenpapier, das die in Sportlernahrung einge-
setzten Stoffe ähnlich bewertet hat. Somit fehlen insbesondere
bei Monopräparaten auf Basis der o. g. Stoffe wesentliche Merk-
male für die Einstufung als diätetisches Lebensmittel. Derartigen
Proben musste folglich die Diäteignung abgesprochen werden.
Kosmetische Mittel
Von insgesamt 824 untersuchten Proben waren 19,4 % zu bean-
standen; zusätzlich wurde vielfach schriftlich auf Mängel hin-
gewiesen, für die keine formale Beanstandung ausgesprochen
wurde. Damit bleibt die Beanstandungsrate auch 2012 im Ver-
gleich zu den Vorjahren weiterhin hoch.
Der weitaus größte Anteil der Beanstandungen beruht auf feh-
lerhaften Kennzeichnungen der kosmetischen Erzeugnisse. Irre-
führende Angaben wurden bei 26 % der beanstandeten Proben
registriert, wobei zwei Drittel auf unzutreffende Werbeaussagen
hinsichtlich der eingesetzten Vitaminwirkstoffe fallen. Die de-
taillierten Untersuchungsergebnisse befinden sich auf der LUA-
Homepage Tab. 2.10.
„Konservierungsmittelfrei“ – immer sicher?
Wie schon in den letzten Jahren berichtet, ist der mikrobiologi-
sche Status der auf dem Markt befindlichen kosmetischen
Er-
zeugnisse allgemein als sicher zu bewerten. Im Berichtszeitraum
wurden 177 Kosmetik-Proben auf mikrobiologische Kontamina-
tionen untersucht. Zwei Erzeugnisse - ein Kinderschaumbad
und ein Massage-Gel, das auch als Gleitmittel verwendet wird
- wurden aufgrund hoher mikrobiologischer Kontaminationen
mit fakultativ pathogenen Keimen (Enterobacter gergoviae
bzw. gramnegative Bakterien der Arten Stenotrophomonas
maltophilia und Serratia marcescens) als nicht sicher für die
menschliche Gesundheit beurteilt. Beide Erzeugnisse enthiel-
ten keine Konservierungsmittel. Die Herstellung unkonservierter
kosmetischer Erzeugnisse stellt an Rezeptur, Herstellungspro-
zess, Verpackung, Qualitätsmanagement und nicht zuletzt auch
z. T. an die Handhabung des Verbrauchers hohe Anforderungen.
Insbesondere Produkte mit einem hohen Wasseranteil und ei-
nem neutralen pH-Wert bilden ein ideales Wachstumsmilieu für
Mikroorganismen. Bei dem Massage-Gel wiesen Proben zweier
unterschiedlicher Chargen vergleichbare mikrobiologische Kon-
taminationen auf, so dass in diesem Fall das gesamte Produkti-
onsregime infrage gestellt werden muss.
Beeinflusst vom derzeitigen Trend zu Naturkosmetik favorisiert
ein Großteil der Verbraucherschaft konservierungsmittelfreie
kosmetische Mittel. Unsere mikrobiologischen Untersuchungs-
ergebnisse zeigen schon seit Jahren, dass es erfreulicherweise
nur wenige Kontaminationen mit Keimen gibt, die zu für die
menschliche Gesundheit nicht sicheren kosmetischen Erzeug-
nissen führen. Allerdings handelt es sich dabei fast ausschließ-
lich um unkonservierte Produkte (s. dazu auch das Statement
der AG kosmetische Mittel der GDCh „Pro und Contra der Kon-
servierung kosmetischer Mittel“ [Lebensmittelchemie 64, 50
(2010)]).
Babypuder - gefahrlose Anwendung?
In den Jahren 2011 und 2012 lagen uns 9 Babypuder-Proben
vor, die vier unterschiedlichen Herstellern zuzuordnen waren.
In einer Pressemitteilung „Talkumhaltiger Babypuder ist ein Ge-
sundheitsrisiko“ von 2011 weist das Bundesinstitut für Risiko-
bewertung (BfR) auf mögliche schwere Gesundheitsstörungen
bei unsachgemäßem Gebrauch hin. Eine typische Unfallsitua-
tion besteht, wenn das Baby beim Wickeln mit der Puderdose
spielt, der Dosendeckel sich löst und Puder auf Gesicht und in
Mund und Nase rieselt. Daraufhin kann der leichte Puder in die
Lunge eingeatmet werden und zu akut heftigem Husten, auch
mit Atemstörungen, sowie bis hin zu schwerer Lungenschädi-
gung führen. Die vier verschiedenen Babypuder-Dosen hatten
alle einen festverbundenen Streuaufsatz mit drehbarem Ver-
schlussdeckel, der 4, 6 oder 8 Streuöffnungen enthielt. Ein Ab-
schrauben des Deckels war nicht möglich, so dass nicht sofort
eine große Menge an Puder ausgestreut werden kann. Für den
sicheren Umgang mit diesen Produkten ist es wichtig, dass die
Abbildung 2.19: Palette Baby- und Kinderkosmetik

image
│35
vorgeschriebenen Warnhinweise „Von Nase und Mund des Kin-
des fernhalten“ und ggf. weitere Hinweise deutlich sichtbar auf
dem Etikett angegeben werden. Dies war nicht bei allen vorge-
legten Babypuderdosen der Fall. Bisher hat ein Hersteller das
Etikett so geändert, dass die Sicherheits- und Wahnhinweise
sich deutlich von den anderen Textteilen abheben.
Kinderparfüm – zum Teil mit hohem Anteil an allergenen
Duftstoffen
Schwerpunktmäßig wurden 2011/2012 zwölf verschiedenartige
Kinderparfümerzeugnisse auf den Gehalt an allergenen Duft-
stoffen untersucht. Erfreulicherweise wurden in drei Erzeug-
nissen gar keine allergenen Duftstoffe nachgewiesen. In vier
Produkten wurden jedoch Summengehalte von 11 bis 23 g/kg
festgestellt, wozu bis zu 15 der 26 kennzeichnungspflichtigen
allergenen Duftstoffe beitrugen.
Das allergene Potential der Duftstoffe ist differenziert zu be-
werten. Nach Studien des Informationsverbundes der Derma-
tologischen Kliniken können die Duftstoffe entsprechend der
beobachteten Sensibilisierungshäufigkeit in Patchtests in drei
Gruppen eingeteilt werden. Ein starkes allergieauslösendes Po-
tential haben z. B. Isoeugenol, Hydroxycitronellal und Farnesol;
diese kritischen Duftstoffe wurden in zwei Erzeugnissen mit be-
sonders hohen Summengehalten von 1,4 bzw. 4,4 g/kg ermittelt.
Die untersuchten Kinderparfüms sind u. E. für eine Verbraucher-
gruppe vorgesehen, die schätzungsweise 4 bis 10 Jahre alt ist.
Wenn Kinder schon in jungen Jahren vermehrt mit Stoffen, die
ein sensibilisierendes Potential aufweisen, in Kontakt kommen,
kann deren Allergierisiko stark ansteigen.
Aufgrund der nachgewiesenen hohen Anzahl an kontaktaller-
genen Duftstoffen in Verbindung mit deren hohen Summenge-
halten sowie einem hohem Anteil an Duftstoffen mit stark all-
ergieauslösendem Potential haben wir Zweifel an der Sicherheit
einiger dieser Kinderparfüms. Daher wurde für drei Erzeugnisse
die Einsichtnahme in die Produktunterlagen einschließlich der
Sicherheitsbewertung nach § 5b KosmetikV durch die für den
Hersteller zuständige Behörde für erforderlich gehalten.
Bestimmung der Partikelgröße von Bestandteilen in
kos-
metischen Mitteln
Vor dem Hintergrund, dass die Verwendung von Nanomateria-
lien in kosmetischen Produkten gemäß EU-Kosmetikverordnung
1223/2009 ab Juli 2013 in der Bestandteilliste zu kennzeichnen
ist, muss die amtliche Überwachung zukünftig in der Lage sein,
die chemische Zusammensetzung von Partikeln und deren Grö-
ße auch in komplexen, kosmetischen Matrices zu bestimmen.
Das stellt ein beträchtliches Problem dar und ist mit den derzeit
etablierten Analysentechniken nicht oder nur unbefriedigend zu
lösen. Standardisierte bzw. amtliche Methoden zur Erfassung
von Nanomaterialien in Kosmetik sind noch lange nicht in Sicht.
Derzeit existieren zwei Definitionen zu Nanomaterialien,
wo-
bei übereinstimmend festgelegt ist, dass Nanopartikel ein oder
mehrere Außenmaße in einer Größenordnung von 1 bis 100 nm
haben. Zusätzlich zur Definition in der EU-Kosmetikverordnung
ist in der Empfehlung der EU-Kommission vom Oktober 2011
ein Nanopartikel-Anteil von mindestens 50 % festgeschrieben.
Als Untersuchungstechniken zur Bestimmung des Nanopartikel-
anteils werden an der LUA Sachsen vorrangig die SP-ICP-MS in
Verbindung mit Separationsmethoden (Filtration) und seit Ok-
tober 2012 auch Laserstreulichtmethoden (DLS, SLS) verwendet
(Abb. 2.20).
Abbildung 2.20: Messplatz Nanopartikel
Die SP-ICP-MS wird weltweit gerade erst als routinefähige Me-
thode entwickelt und aufgebaut. An einem ersten Ringversuch
zu dieser Technik nahm die LUA Sachsen sehr erfolgreich teil.
Im Berichtszeitraum wurden in 18 Kosmetikproben Titandioxid,
Gold und Silber als partikuläre Bestandteile bestimmt. Von die-
sen Partikeln wurde der Medianwert (Anzahlverteilung) der Par-
tikelgröße bestimmt und der Anteil an nanoskaligen Teilchen
ermittelt.
Titandioxid ist als mikrofeines, beschichtetes Material als UV-
Filter zugelassen und wird überwiegend in Sonnenschutzmitteln
eingesetzt. Schon im Berichtszeitraum 2012 waren Sonnen-
schutzmittel am Markt, in deren Bestandteilliste mit der INCI-
Bezeichnung „Titandioxide (nano)“ auf den Einsatz von Nano-
Partikeln verwiesen wurde. Unsere Untersuchungsergebnisse zur
Partikelgröße konnten in allen derart gekennzeichneten Proben
den Einsatz von Nanopartikeln bestätigen.
An zwei Beispielen zum Einsatz von Silberpartikeln soll aufge-
zeigt werden, wie die amtliche Untersuchung von Proben (hier
u. a. Größenbestimmung von Silberpartikeln, Silbergehalt) sowie
die Einsichtnahme in die Produktunterlagen Auswirkungen auf
die Produktentwicklung sächsischer Hersteller hatte:
Hersteller 1: Hautcreme, Shampoo und Deo mit Mikrosilber
Die antibakterielle Wirkung von Silber ist von alters her be-
kannt. Diesen Effekt nutzen einige Kosmetikhersteller, indem
sie elementares Silber in Form kleinster Partikel (z. B. Mikro-
silber) ihren Produkten zusetzen. Der sächsische Hersteller der
genannten Produkte verwendete dafür ein elektrolytisch herge-
stelltes Material aus eigener Produktion. Für dieses Material lag
kein Untersuchungszertifikat vor, es wurde also ungeprüft den
Kosmetikartikeln zugesetzt. Die Untersuchung der Produkte und
des Rohstoffes ergab einen hohen Anteil an Partikeln kleiner
100 nm und einen sehr hohen Anteil an Silber-Ionen. Auf keinen
Fall lag der überwiegende Teil der Silberpartikel als Mikrosilber
(1-10 µm) vor. Im Resultat dieses Befundes wurde vom Herstel-
ler auf den Zusatz des eigenen „Mikrosilbers“ verzichtet; geplant
ist der Einsatz eines kommerziell erhältlichen und zertifizierten
Materials.
Hersteller 2: Zahnpasta mit Mikrosilber
Ein weiterer Kosmetikhersteller aus Sachsen setzte einer Zahn-
pasta Mikrosilber zu mit dem Ziel, die Mundflora zu verbessern

 
36 │
und dadurch Mundgeruch und Zahnfleischentzündungen
vor-
zubeugen. Bei diesem Mikrosilber handelte es sich um ein Silber-
salz, auf dessen Oberfläche Silberionen zu elementarem Silber
reduziert wurden. Sowohl in der Zahnpasta als auch im Roh-
stoff „Mikrosilber“ wurden diese Silberpartikel in einem Korn-
größenbereich von 60 nm bis 1,3 µm nachgewiesen. Obwohl
etwa 40 % der Teilchen kleiner 100 nm waren, sind derzeit die
Silberpartikel gemäß der Definition in der EU-Empfehlung nicht
als Nanomaterial zu werten. Der Hersteller legte eine fundierte
Sicherheitsbewertung zu seinen Silberpartikeln vor, wesentliche
Parameter wie Silberkonzentration oder Teilchengröße wurden
von uns analytisch bestätigt. Dieser Hersteller reduzierte auf-
grund einer geforderten erneuten toxikologischen Bewertung
die Einsatzmenge des Silbers in seinem Produkt.
Speziell über das mögliche gesundheitsschädliche Potential von
Nanosilber ist derzeit noch zu wenig bekannt, so dass das Bun-
desinstitut für Risikobewertung empfiehlt, auf die Verwendung
von nanoskaligem Silber in kosmetischen Mitteln bis zum Vor-
liegen einer abschließenden Sicherheitsbewertung zu verzichten
(BfR (2012): Nanosilber: Fortschritte in der Analytik, Lücken bei
Toxikologie und Exposition: Konferenz zum Stand des Wissens
über gesundheitliche Risiken von Nanosilber vom 27.02.2012)
Bedarfsgegenstände
Die Aktivitäten im Bereich Bedarfsgegenstände im Berichtszeit-
raum lassen sich in folgende wesentliche Schwerpunkte unter-
gliedern:
]
Analytische Untersuchung und Beurteilung von Plan-, Ver-
dachts- und Beschwerdeproben
]
Methodenentwicklung und Sonderuntersuchungen im Rah-
men von Forschungsprojekten der Bundesanstalt für Land-
wirtschaft und Ernährung (BLE) gemeinsam mit externen
Kooperationspartnern
]
Mitarbeit bei Gesetzgebungsinitiativen, Aus- und Weiterbil-
dung, wissenschaftliche Arbeiten
]
Betriebskontrollen im Rahmen eines Landesüberwachungs-
programms (LÜP) zur Kontrolle der guten Herstellungspraxis
und rechtskonformen Fertigung von Lebensmittelkontaktma-
terialien sowie weitere Teamkontrollen von lokalen Betrieben
Nachfolgend soll ausschließlich auf neu etablierte Untersu-
chungsverfahren sowie beispielhaft auf das Teilgebiet der
Wasch- und Reinigungsmittel eingegangen werden.
Analytik und Bewertung von Mineralölbestandteilen in
Lebensmittelkontaktmaterialien
Seit 2009 stehen Mineralöl-Verunreinigungen von Papier- und
Kartonverpackungen, die unter Verwendung von Recycling-
material hergestellt wurden, verstärkt im Fokus der Konfor-
mitätsprüfung. Mineralöle werden u. a. zur Formulierung von
Zeitungsdruckfarben verwendet. Aufgrund der für sehr unpolare
Stoffe ungenügenden Reinigungseffizienz des
Recyclingprozes-
ses können erhebliche Anteile von Mineralölen im Recycling-
karton enthalten sein. Typische Recyclingkartons enthalten um
500 - 700 mg/kg Mineralöl, aber auch erheblich höhere Werte
wurden bereits gemessen. Durch Verwendung vorsortierter Alt-
papierqualitäten und verbesserter Reinigungsverfahren lassen
sich aber auch Werte um 150 mg/kg und darunter erreichen.
Ca. 15 - 30 % der Mineralölfraktion bestehen aus aromatischen,
z. T. hoch alkylierten Verbindungen. Aus aktuellen Studien so-
wie einem unter Beteiligung der LUA Sachsen durchgeführten
Entscheidungshilfeprojekt des BMELV (Ausmaß der Migration
unerwünschter Stoffe aus Verpackungsmaterialien aus Altpa-
pier in Lebensmitteln;
http://download.ble.de/09HS012.pdf)
ist
bekannt, dass leicht- und mittelflüchtige
Mineralölbestandtei-
le über die Gasphase auf Lebensmittel übergehen können. Bei
Direktkontakt mit fettigen Lebensmitteln können zudem auch
höhermolekulare Anteile migrieren. Weiterhin konnten auch
Kontaminationen der Lebensmittel über Sekundär- und Tertiär-
verpackungen nachgewiesen werden.
Um derartige Stoffübergänge auszuschließen, formuliert die
Empfehlung XXXVI des Bundesinstitutes für Risikobewertung
folgende Anforderungen an die Verwendung von wiedergewon-
nenen Fasern als Papierrohstoffe:
„Grundsätzlich müssen die aus wiedergewonnenen Fasern ge-
fertigten Erzeugnisse den sonstigen Anforderungen der Empfeh-
lung XXXVI entsprechen. Zusätzliche Anforderungen bestehen
hinsichtlich von Stoffen, die z. B. als Bestandteile von Druck-
farben oder Klebstoffen in den als Rohstoff verwendeten Altpa-
pieren vorhanden sein können. Bezüglich der Übereinstimmung
mit den Regeln der guten Herstellungspraxis ist dem möglichen
Vorhandensein solcher Stoffe, abhängig von der vorgesehenen
Verwendung der aus wiedergewonnenen Fasern hergestellten
Papiere, Kartons und Pappen, durch eine sorgfältige Auswahl
der Altpapierqualitäten und die Anwendung von geeigneten
Reinigungstechnologien Rechnung zu tragen. Darüber hinaus ist
im Hinblick auf die Einhaltung der Anforderungen des Art. 3 der
VO (EG) Nr. 1935/2004/EG eine besondere Sorgfaltspflicht bei
der Analytik der Erzeugnisse hinsichtlich des möglichen Über-
gangs von gesundheitlich bedenklichen Stoffen auf Lebensmit-
tel geboten.“
Untersuchungen zeigen, dass diesem allgemeinen Passus der
Empfehlung XXXVI in der Praxis gegenwärtig nicht ausreichend
Beachtung geschenkt wird. So wurden in trockenen Lebensmit-
teln mit langer Lagerdauer Übergänge von Mineralölen bis zu
100 mg/kg Lebensmittel nachgewiesen, bei kurzzeitigem Direkt-
kontakt fettiger Lebensmittel mit Recyclingkarton werden leicht
Werte über 10 mg/kg Lebensmittel erreicht.
Hinsichtlich der gesundheitlichen Bewertung der nach vorlie-
genden Erkenntnissen anzunehmenden Stoffübergänge ist auf
die EFSA-Stellungnahme „Scientific Opinion on Mineral Oil
Hy-
drocarbons in Food“ aus 2012 sowie Äußerungen des BfR ab-
zustellen.
Danach ist für aliphatische Kohlenwasserstoffe der Kettenlänge
C16-C35 von der Möglichkeit der Akkumulation im menschlichen
Fettgewebe sowie in Milz, Leber und Lymphknoten auszugehen.
Zudem wird in der Literatur über Autoimmunerkrankungen und
Immundefekte nach parenteraler Gabe von aliphatischen Koh-
lenwasserstoffen im Tierversuch berichtet. Mangels geeigneter
toxikologischer Daten sieht sich die EFSA derzeit nicht in der
Lage, gesundheitlich basierte Richtwerte für eine noch akzepta-
ble Exposition gegenüber aliphatischen Kohlenwasserstoffen zu
benennen. Aufgrund der verbreitet hohen Exposition und Hin-
tergrundbelastung sieht die EFSA die Aufnahme aliphatischer
Kohlenwasserstoffe im o. g. Kettenlängenbereich allerdings mit
Sorge.

image
│37
Besonders kritisch bewertet die EFSA darüber hinaus die Auf-
nahme aromatischer Kohlenwasserstoffe (MOAH). Kohlenwas-
serstoffgemische (MOH) werden grundsätzlich als erbgutver-
ändernd (mutagen) angesehen, sofern die aromatische Fraktion
nicht vorab entfernt wurde. Aufgrund der angenommenen mu-
tagenen und potenziell krebserregenden Eigenschaften kann
eine sichere Aufnahmemenge nicht angegeben werden. Die
EFSA stuft die Exposition der Verbraucher gegenüber MOAH als
potenziell besorgniserregend ein.
Im Berichtszeitraum wurden über 80 Proben auf Mineralöl-
rückstände untersucht, darunter kartonverpackte Lebensmittel,
Pizzakartons, Tablettaufleger sowie Adventskalender. Alle
Piz-
zakartons waren bis auf eine Ausnahme aus Recyclingkarton
gefertigt und gemessen an der Mineralölmigration nicht für den
bestimmungsgemäßen Direktkontakt mit heißen, z. T. fettigen
Lebensmitteln geeignet. Eine analoge Situation wurde bei Tab-
lettauflegern festgestellt. In Folge der ausgesprochenen
Bean-
standungen wurden teilweise Rückmeldungen erhalten, dass die
Hersteller auf Frischfasermaterial umstellen werden.
Bei den untersuchten Adventskalendern wurden bei einer in
Amtshilfe für ein anderes Bundesland untersuchten Probe ali-
phatische Kohlenwasserstoffe zu 30 mg/kg und aromatische
Kohlenwasserstoffe zu 5,5 mg/kg in der Schokolade bestimmt.
Anhand der chromatographischen Muster ließ sich eine gute
Übereinstimmung der Mineralölbelastung von Karton und
Schokolade im Bereich der leichtflüchtigen Kohlenwasserstoffe
erkennen und somit ein kausaler Zusammenhang zum bedruck-
ten Karton nachweisen. Bei weiteren untersuchten Adventska-
lendern wurde hingegen eine signifikant niedrigere
Mineralöl-
belastung festgestellt, die sich zudem nicht über den Einfluss
der Primärverpackung erklären ließ (Abb. 2.21). Hier besteht die
Möglichkeit des Einflusses von Transportverpackungen,
glei-
chermaßen ist auch eine Kontamination während des Herstel-
lungsprozesses der Schokolade denkbar.
Übergang primärer aromatischer Amine (paA) aus farbig
bedruckten Papierverpackungen
Wie in den vergangenen Jahren wurden insbesondere bei Pa-
pierprodukten (Servietten, Bäcker- und Fleischerpapiere) wie-
derholt Freisetzungen potenziell krebserregender aromatischer
Amine oberhalb der zulässigen Höchstmenge von 10 µg/kg Le-
bensmittel festgestellt. Ursache ist die ungenügende technische
Reinheit der verwendeten Farbpigmente, die aus Arylaminen
hergestellt werden. Allerdings zeichnete sich im Vergleich zu
den Vorjahren eine Tendenz dahingehend ab, dass die Pigment-
hersteller zunehmend auf im Rahmen der CLP-Verordnung (EG)
Nr. 1272/2008 als kanzerogen oder mutagen eingestufte Amine
für die Pigmentsysteme verzichten und auf bisher toxikologisch
nicht bewertete Amine ausweichen. Aus Sicht des Verbraucher-
schutzes ist dies grundsätzlich ein zu begrüßender Schritt, der
aber in letzter Konsequenz als nicht ausreichend anzusehen ist,
da es sich bei aromatischen Aminen aus Sicht der Risikobewer-
tung grundsätzlich um besorgniserregende Strukturen handelt
und damit auch unbewertete Substanzen ein erhebliches Risiko
adverser Effekte bergen. Um migrierende Amine erkennen und
quantifizieren zu können ist es erforderlich, die in der
Druckfar-
benformulierung enthaltenen Pigmente sowie die zugehörigen
Synthesewege zu kennen. Dies ermöglicht eine zielgerichtete
Vorhersage der möglichen Verunreinigungen, auf die dann ge-
zielt geprüft werden kann. Im Rahmen einer im FG betreuten
Diplomarbeit wurden Informationen aus GMP-Dokumenten
sächsischer Betriebe gezielt im Hinblick auf relevante Amin-
strukturen ausgewertet und mehrere neue, bisher durch die
Überwachung nicht überprüfte Strukturen identifiziert und in
die bestehende Methode überführt. Nachfolgende Messungen
zeigten, dass vor allem etliche pigmentspezifische aromatische
Amine wie auch Intermediate der Pigmentsynthese bisher nicht
ausreichend berücksichtigt wurden und in relevantem Maße mi-
grieren können. Im Ergebnis der durchgeführten Prüfungen wur-
den 20 Proben von Lebensmittelkontaktmaterialien aus Papier
wegen überhöhter Migration von paA beanstandet, für weitere
5 Proben wurden die Hersteller auf problematische Übergänge
im Grenzbereich hingewiesen und um Stellungnahme ersucht.
Bedarfsgegenstände zur Reinigung und Pflege,
Imprägnier-
mittel, Raumluftverbesserer
Bei den Bedarfsgegenständen zur Reinigung und Pflege wurden
23 % der Proben beanstandet. Der überwiegende Teil der Bean-
standungen betrifft fehlerhafte Kennzeichnungen im Rahmen
des Wasch- und Reinigungsmittelgesetzes.
Im Rahmen des Pilotprojekts Internethandel wurde bei einem in
Sachsen ansässigen Inverkehrbringer eine Verdachtsprobe „Mi-
racle Mineral Supplement“ („MMS“) entnommen. Dabei handelt
es sich um eine in kleinen Flaschen angebotene Lösung mit der
chemischen Verbindung Natriumchlorit (nicht zu verwechseln
mit Kochsalz - Natriumchlorid), welche in Kombination mit ei-
ner zweiten Flasche, die eine verdünnte Säure enthält, angebo-
ten wird.
Wenn beide Lösungen miteinander vermischt werden, entsteht
Chlordioxid (ClO
2
), eine hochreaktive chemische Verbindung aus
Chlor und Sauerstoff. Eine der Probe beiliegende Anwenderin-
formation weist ausdrücklich auf eine orale Einnahme der Mi-
schung hin, die im Rahmen einer Vorsorge gesundheitsfördernde
Wirkungen aufweisen soll.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte in seiner
Stellungnahme Nr. 025/2012 vom 2.07.2012 fest, dass es sich
bei Natriumchlorit und dem daraus nach Ansäuerung entste-
henden Chlordioxid keinesfalls um sichere Lebensmittel han-
delt. So wurde dem BfR von gastrointestinalen Störungen wie
Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, teilweise
mit Blutdruckstörungen und erheblichen Flüssigkeitsverlusten
berichtet. Direkter Kontakt mit der unverdünnten oder falsch
gemischten gebrauchsfertigen Lösung kann zu Haut- und
Schleimhautreizungen bis hin zu Verätzungen führen. Zudem
erscheine eine Irreführung von Verbrauchern möglich, da es sich
bei der Verwendung von „MMS“ - anders als die Bezeichnung
Abbildung 2.21: Adventskalender können sowohl durch die Verwendung von
mineralölhaltigen Druckfarben als auch Recyclingkarton
Mineralölverbindungen an die verpackte Schokolade abgeben.
Das Einschweißen in Folie begünstigt den Gasphasentransfer
ins Innere der Packung.

38 │
nahelegt - nicht um eine sinnvolle Supplementierung oder Er-
gänzung der Ernährung mit Mineralstoffen handelt.
Beide Komponenten - „Wasseraufbereitungsmittel“ (Natrium-
chlorit) und „Reinigungskonzentrat zur Entfernung von Rost,
Kalkstein, Jodflecken u. v. m.“ (Zitronensäure) - wurden als
Wasch- und Reinigungsmittel in den Verkehr gebracht, aber
aufgrund der ausdrücklichen Empfehlung zur oralen Aufnah-
me sowie bekannt gewordenem Verzehr unabhängig von ihrer
Kennzeichnung auf dem Etikett auch als „Lebensmittel“ einge-
ordnet und infolge bekannt gewordener gesundheitlicher Beein-
trächtigungen nach oraler Aufnahme als nicht sicher (gesund-
heitsschädlich) im Sinne des Art. 14 Abs. 2 a) der VO (EG) Nr.
178/2002 beurteilt. Daraufhin wurde dem Inverkehrbringer vom
zuständigen Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt die
Bewerbung sowie das Herstellen und Inverkehrbringen des Pro-
duktes „MMS“ untersagt. Obwohl der Inverkehrbringer über die
Gefahr der möglichen Gesundheitsschädigungen in Kenntnis
gesetzt wurde, stellte dieser den Vertrieb über weitere Internet-
seiten zunächst nicht vollständig ein. Aufgrund des Verdachtes
des vorsätzlichen Handelns wurde zusätzlich Strafanzeige ge-
stellt. Das Verfahren wurde noch nicht abschließend von der
Staatsanwaltschaft bearbeitet.
Pestizide/Dioxine
Pestizide
Im Rahmen der amtlichen Kontrollen wurden im Jahr 2012 ins-
gesamt 1.398 Lebensmittelproben pflanzlichen und tierischen
Ursprungs auf Pflanzenschutzmittelrückstände untersucht. Bei
53 Proben waren Überschreitungen der gesetzlichen Höchstge-
halte zu verzeichnen (3,8 %), davon war die Höchstgehaltsüber-
schreitung bei 25 Proben (1,8 %) statistisch gesichert.
Gemäß Artikel 29 der Verordnung (EG) Nr. 396/2005 über
Höchstgehalte an Pestizidrückständen in oder auf Lebens- und
Futtermitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs sind die
Mitgliedstaaten verpflichtet, derartige Kontrollen
durchzufüh-
ren, um die Einhaltung der festgesetzten Rückstandshöchstge-
halte zu überprüfen. Liegen die Rückstandsgehalte über dem
geltenden Höchstgehalt, dürfen die Lebensmittel nicht in den
Verkehr gebracht werden.
Die ermittelte Belastungssituation ist in Tabelle 2.16 (s. Home-
page LUA) abgebildet. Alle Proben, die im Jahr 2012 aufgrund
ihrer Rückstandsgehalte an Pflanzenschutzmitteln beanstandet
wurden, sind in Tabelle 2.17 (s. Homepage LUA) zusammenge-
stellt.
Die Ergebnisse der Pflanzenschutzmitteluntersuchungen der
LUA sind auch im Pestizidreport Sachsen auf den Internetseiten
des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbrau-
cherschutz zusammengestellt
(http://www.gesunde.sachsen.de/
Pestizidreport/).
Tierische Lebensmittel
Im Berichtsjahr 2012 wurden insgesamt 189 Lebensmittelpro-
ben tierischen Ursprungs einschließlich Honig hinsichtlich ihrer
Belastung mit Pflanzenschutz- und
Schädlingsbekämpfungsmit-
teln untersucht. Dabei wurde vereinzelt in Proben von Hühner-
eiern der insektizide Wirkstoff DDT nachgewiesen, der aufgrund
seiner Langlebigkeit trotz des langjährigen Anwendungsverbots
auch heute noch in der Umwelt anzutreffen ist. Bei keiner Pro-
be war eine Überschreitung des geltenden Rückstandshöchst-
gehaltes zu verzeichnen. Insgesamt setzte sich der Trend aus
den vergangenen Jahren fort, wonach Lebensmittel tierischen
Ursprungs vergleichsweise gering mit Pflanzenschutzmitteln
belastet sind.
Mückenspray im Honig
Von den untersuchten Honigproben waren 75 % rückstands-
frei, 7 Proben enthielten je einen Wirkstoff, und nur ein Honig
wies Mehrfachrückstände auf. Bei lediglich drei Honigen war
für je einen Wirkstoff der entsprechende Rückstandshöchstge-
halt überschritten. Unter Beachtung der erweiterten Messunsi-
cherheit konnte jedoch nur bei einem Honig die Überschreitung
des Rückstandshöchstgehaltes als gesichert angesehen werden.
Dieser enthielt Icaridin, einen Wirkstoff, der in Biozid-Pro-
dukten zur Abwehr von Insekten, sog. Repellentien, enthalten
ist. Icaridin wird dementsprechend in der Verordnung (EG) Nr.
1451/2007 als Biozid-Wirkstoff für die Verwendung in der Pro-
duktkategorie „Repellentien und Lockmittel“ gelistet.
Als Wirkstoff in Mitteln zur Insektenabwehr, z. B. gegen Mücken,
wurde bislang verbreitet der Wirkstoff DEET verwendet, der je-
doch weitestgehend durch das besser hautverträgliche Icaridin
ersetzt wurde. Repellentien werden (anstelle von Rauch) auch
in der Imkerei zur „Beruhigung“ der Bienen eingesetzt. Ein Spray
mit dem Wirkstoff DEET wurde über einige Jahre als Imkereibe-
darf gehandelt. Auf diesem Wege wäre auch die Verunreinigung
von Honig mit einem Icaridin enthaltenden Nachfolgeprodukt
denkbar.
Eine Beurteilung des in der untersuchten Probe gefundenen
Rückstandes als Pestizidrückstand im Sinne von Verordnung
(EG) Nr. 396/2005 kommt nicht in Betracht, da es sich nicht
um einen in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoff
han-
delt. Dagegen wird in der nationalen Rückstandshöchstmen-
genverordnung (RHmV) in § 1 Abs. 4 Nr. 2 b) eine allgemeine
Höchstmenge von 0,01 mg/kg festgesetzt u. a. für Stoffe, die als
Wirkstoff in Schädlingsbekämpfungsmitteln enthalten und in
den Anlagen der
RHmV
nicht aufgeführt sind (was für Icaridin
zutrifft). Diese Höchstmenge wurde von dem in der untersuch-
ten Probe bestimmten Gehalt - auch unter Berücksichtigung
der erweiterten Messunsicherheit von 50 % - überschritten.
Desinfektionsmittelrückstände in Obst und Gemüse - wo
kommen sie her?
Im Jahr 2012 wurden in mehreren Proben Rückstände der quar-
tären Ammoniumverbindungen Benzalkoniumchlorid (BAC) und
Didecyldimethylammoniumchlorid (DDAC) bestimmt.
BAC wird in der Pestizid-Datenbank der Europäischen Kommis-
sion geführt; allerdings wurde es nicht in die Liste erlaubter
Wirkstoffe aufgenommen. Benzalkoniumchlorid-haltige
Pflan-
zenschutzmittel sind somit in der EU nicht zugelassen. Da es je-
doch als Pestizidwirkstoff gelistet ist, fällt Benzalkoniumchlorid
trotzdem unter die Verordnung (EG) Nr. 396/2005 und es gilt
für in Anhang I aufgeführte Erzeugnisse der allgemeine Rück-
standshöchstgehalt von 0,01 mg/kg.
DDAC hat zwar als Pflanzenschutzmittel-Wirkstoff die EU-
Wirkstoffprüfung durchlaufen, darf bisher aber nur im Zier-

│39
pflanzenbau verwendet werden. Daher gilt für alle Erzeugnisse
pflanzlicher und tierischer Herkunft, soweit sie im Anhang I der
oben genannten Verordnung definiert sind, der Standardwert
von 0,01 mg/kg als allgemeiner Rückstandshöchstgehalt.
Für verarbeitete und/oder zusammengesetzte Lebens- oder Fut-
termittel sind durch die Verarbeitung und/oder das Mischen
bewirkte Veränderungen der Pestizidrückstandsgehalte zu be-
rücksichtigen.
In 10 von 32 im Jahr 2012 an der LUA im Rahmen eines ver-
dachtsorientierten Kontrollprogramms untersuchten Lebens-
mittelproben wurden entweder einer oder beide Wirkstoffe be-
stimmt.
Quelle für die gefundenen Rückstände kann zum einen der
Einsatz von Desinfektionsmitteln, die quartäre Ammoniumver-
bindungen enthalten, in lebensmittelverarbeitenden Prozessen
wie Waschen und Verpacken sein oder aber die Rückstände
entstammen der Anwendung von Pflanzenstärkungsmitteln, die
diese Stoffe jedoch nicht als Wirkstoff sondern als sogenannte
Beistoffe zur Konservierung enthalten.
Die gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte für DDAC und BAC
gelten jedoch unabhängig davon, ob diese Stoffe zu
Pflanzen-
schutz-Zwecken oder als Biozide verwendet wurden.
Laut Erlass des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und
Verbraucherschutz (SMS) vom 6. August 2012 zu BAC- bzw. zu
DDAC-Rückständen in Lebens- und Futtermitteln wurde den Le-
bensmittelüberwachungs- und Veterinärämtern der Landkreise
und kreisfreien Städte (LÜVÄ) im Falle der Kreuzkontamination
durch die Verwendung von Reinigungs- und Desinfektionsmit-
teln, die derartige Wirkstoffe enthalten, mit Bezug auf die
L
eit-
linien des Ständigen Ausschusses für die Lebensmittelkette und
die Tiergesundheit (SCoFCAH) empfohlen, einen Durchsetzungs-
wert von 0,5 mg/kg für weitere Vollzugsmaßnahmen zugrunde
zu legen.
Laut den Leitlinien des SCoFCAH zu BAC- bzw. DDAC-Rückstän-
den sollen die dort genannten Lebens- und Futtermittel nicht in
den Verkehr gebracht bzw. vom Markt genommen werden, wenn
sie mehr als 0,5 mg/kg an BAC oder DDAC enthalten.
Während die gefundenen DDAC- und BAC-Rückstände in Obst-
und Gemüseproben unterhalb des Durchsetzungswertes von
0,5 mg/kg lagen, fielen zwei Milcheisproben aufgrund einer
Überschreitung des Durchsetzungswertes für DDAC auf. Die
Milcheis-Proben wurden hierbei laut Probenahmeschein gezielt
von der ersten Charge nach einer Reinigung/Desinfektion der
Eismaschine mit einem DDAC-haltigen Mittel entnommen. Als
Maßnahme im Betrieb ist folglich nach der Desinfektion der Eis-
maschine eine intensivere Reinigung bzw. Spülung zur Entfer-
nung der Desinfektionsmittelrückstände erforderlich. Eine akute
oder chronische Gesundheitsgefährdung aufgrund der bisher
gefunden DDAC-Rückstände ist laut einer Stellungnahme des
Bundesinstituts für Risikobewertung aber unwahrscheinlich.
Getreide und Getreideerzeugnisse, Hülsenfrüchte,
Ölsa-
men und Schalenobst
Bei den im Berichtszeitraum untersuchten 122 Proben Getrei-
de und Getreideerzeugnisse wurden bei 55 % der Proben keine
Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und bei 34 % der
Pro-
ben nur ein Wirkstoff nachgewiesen. Dieser erfreulichen Bilanz
stehen jedoch drei Überschreitungen von Rückstandshöchstge-
halten entgegen, wobei es bei einer Dinkelmehl-Probe sogar zu
einer Ausschöpfung der akuten Referenzdosis (ARfD) kam. Die
Ausschöpfung der ARfD gibt einen Hinweis auf ein Gesundheits-
risiko beim einmaligen Verzehr einer hohen Menge eines belas-
teten Lebensmittels während einer Mahlzeit bzw. an einem Tag.
Aus der Warengruppe Hülsenfrüchte, Ölsamen und Schalenobst
wurden 19 Proben zur Untersuchung eingereicht. Erfreulicher-
weise waren hier 75 % der Erzeugnisse rückstandsfrei und bei
keiner Probe lag eine gesicherte Überschreitung eines Rück-
standshöchstgehaltes vor.
Trendgetränk Bubble Tea
(siehe auch Abschnitt Getränke Seite 29-30)
Im Jahr 2012 wurden 36 Gewürzproben auf Rückstände von
Pflanzenschutzmitteln untersucht, erfreulicherweise gab es im
Unterschied zum Vorjahr keine gesicherten Überschreitungen
der Rückstandshöchstgehalte. Auch in der Warengruppe der
Kräutertees führten die Untersuchungen von 30 Proben im Be-
richtszeitraum zu keinen Auffälligkeiten.
Anders gestaltete sich die Lage beim schwarzen und grünen Tee
aus der Teepflanze
Camelia sinensis
. Hier kam es bei fünf von
55 untersuchten Proben (9 %) zu Überschreitungen der Rück-
standshöchstgehalte. Bemerkenswert dabei war, dass es sich bei
den betroffenen Proben hauptsächlich um Tees handelte, die
die Basis für das Trendgetränk Bubble Tea bildeten. Traurigen
Negativrekord erlangten zwei Proben halbfermentierter, grü-
ner Oolong-Tee aus Taiwan, in denen jeweils 19 verschiedene
Pestizid-Wirkstoffe, davon 6 bzw. 7 oberhalb der Rückstands-
höchstmenge, bestimmt wurden.
Bubble Tea
besteht aus gesüßtem grünen oder schwarzen Tee
und wird wahlweise mit Milch oder Fruchtsirup versetzt. Als Be-
sonderheit werden dem Getränk Kügelchen (Bubbles) aus Stärke
zugesetzt, die teilweise mit einer süßen Flüssigkeit gefüllt sind.
Positiv zu sehen ist, dass trotz der Höchstgehaltüberschrei-
tungen für z. T. mehrere Pestizide pro Probe bei allen Betrach-
tungsfällen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder die
ARfD-Werte nur wenig ausgeschöpft wurden, so dass eine Ge-
sundheitsgefährdung von Kindern und Erwachsenen mit hoher
Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.
Frischobst und Frischgemüse
Frischobst und Frischgemüse enthalten erfahrungsgemäß häufig
Rückstände von Pflanzenschutz- und
Schädlingsbekämpfungs-
mitteln und wurden deshalb vorrangig beprobt (408 Proben
Frischobst und 418 Proben Frischgemüse).
Die Proben stammten von Erzeugern aus 42 verschiedenen Län-
dern, wobei über 80 % der Produkte aus der Europäischen Union
(667 Proben) stammten.
Im Jahr 2012 ist der Anteil rückstandsfreier Proben bei Frisch-
obst von 26 % im Vorjahr auf 18 % (74 Proben) und bei Frisch-
gemüse von 58 % auf 52 % (212 Proben) zurückgegangen.
Waren Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachweisbar, so
wurden in 71 % der belasteten Proben zwei und mehr verschie-
dene Wirkstoffe analysiert. Insgesamt waren bei 13 Gemüse-
und 3 Obstproben gesicherte Höchstgehaltsüberschreitungen zu
verzeichnen.
Zitrusfrüchte und Beerenobst waren am häufigsten mit
Rück-
ständen belastet; Sprossgemüse wie Blumenkohl, Brokkoli,
Kohlrabi, Spargel und Zwiebel enthielt nur selten Rückstände.
Insgesamt wurden in den Frischobstproben 97 und in den Ge-
müseproben 96 verschiedene Wirkstoffe bestimmt. Die Abbil-
dung 2.22 zeigt das Spektrum der Wirkstoffe, die in mindes-
tens einem Prozent der Proben festgestellt wurden und deren
Häufig keitsverteilung.

40 │
Pestizidrückstände in Tafeltrauben
Im August des Jahres 2012 veröffentlichte die Umweltorga-
nisation Greenpeace eine Studie zu Pestiziden in Tafeltrauben
(http://www.greenpeace.de/themen/chemie/nachrichten/arti-
kel/pestizidtest_trauben/).
Die im Rahmen dieser Studie in den Tafeltrauben gefundenen
Wirkstoffgehalte wurden von der LUA hinsichtlich der Aus-
schöpfung der ARfD-Werte geprüft. Zur Berechnung der Aus-
schöpfung von ARfD-Werten wird in Deutschland das vom Bun-
desinstitut für Risikobewertung (BfR) entwickelte VELS-Modell
verwendet. Durch die Einhaltung der Rückstandshöchstgehalte
für Pestizide in Lebensmitteln sollte gewährleistet sein, dass es
beim Verzehr solcher Lebensmittel nicht zur Ausschöpfung der
akuten Referenzdosis kommt. Rückstandshöchstgehalte sollten
so niedrig angesetzt sein, dass ein nennenswertes Risiko für die
menschliche Gesundheit ausgeschlossen ist. In der Tabelle 2 sind
die Pestizidwirkstoffe in Tafeltauben aufgeführt, bei denen der
jeweils festgelegte Rückstandshöchstgehalt bei Zugrundelegen
des VELS-Modells nicht mit der akuten Referenzdosis im Ein-
klang steht. Da Beanstandungen von Obst- und Gemüseproben
wegen einer Überschreitung des Rückstandshöchstgehaltes erst
nach Berücksichtigung der erweiterten Messunsicherheit (i. d.
R. 50 %) ausgesprochen werden, fallen weitere
Pflanzenschutz-
mittelwirkstoffe auf, bei denen auch im Falle von statistisch
noch nicht gesicherter Höchstgehaltsüberschreitung mit einer
mehr als 100%igen Ausschöpfung der akuten Referenzdosis zu
rechnen ist. Bei Befunden der in der Tabelle 2 genannten Wirk-
stoffe in Tafeltrauben ist für die Bewertung eine zusätzliche
Sorgfalt notwendig. Die übliche Kontrolle der Einhaltung des
Rückstandshöchstgehaltes unter Berücksichtigung der erwei-
terten Messunsicherheit genügt hier nicht.
Im Jahr 2012 wurden in der LUA Sachsen 27 Proben „Tafel-
trauben“ auf Pestizidrückstände untersucht. Eine Überschrei-
tung der akuten Referenzdosis lag bei den von der LUA gefun-
denen Wirkstoffgehalten nicht vor.
Weinblätter
In der türkischen und griechischen Küche sind gefüllte Wein-
blätter ein beliebtes Gericht. Die verwendeten Weinblätter
0
2
4
6
8
10
12
14
16
Cyfluthrin
Pendimethalin
Flutriafol
Propamocarb
Chlorthalonil
Indoxacarb
Triadimenol
Thiophanat-methyl
Metalaxyl, Summe
Cypermethrin
Fenbutatinoxid
Propargit
Carbendazim, Summe
Spinosad
Bitertanol
Spirodiclofen
Spiroxamin
Tebufenpyrad
Methoxyfenozid
Linuron
Dimethomorph
Abamectin, Summe
Etoxazol
Chlorpyrifos-methyl
Phenylphenol, ortho-
Difenoconazol
Penconazol
Phosmet, Summe
2,4-D
Famoxadon
Profenofos
Prosulfocarb
Acetamiprid
Mandipropamid
Spiromesifen
Dodin
Etofenprox
Fenbuconazol
Captan
Pyrimethanil
Pyriproxifen
Flonicamid
Dithiocarbamate, UV
Azoxystrobin
Cyhalothrin-lambda
Myclobutanil
Prochloraz, Gesamt-
Thiacloprid
Chlorantranilipol
Imidacloprid
Tebuconazol
Pyraclostrobin
Iprodion
Thiabendazol
Cyprodinil
Fenhexamid
Fludioxonil
Pirimicarb, Summe
Trifloxystrobin
Dithianon
Chlorpyrifos
Imazalil
Boscalid
Probenanteile [%]
Obst
Gemüse
Abbildung 2.22: Häufigkeitsverteilung der Wirkstoffe in Frischobst- und
Frischgemüseproben
Tabelle 2: Kritische ARfD-Ausschöpfungen am Rückstandshöchstgehalt bei Tafeltrauben
Wirkstoff
„RHG
(mg/kg)“
Rückstandsgehalt,
beanstandungsrelevant
(mg/kg)
„ARfD
(mg/kg KG)“
„ARfD-Ausschöpfung bei
RHG*)
(%)“
„ARfD-Ausschöpfung bei
Rückstandsgehalt, beanstan-
dungsrelevant **)
(%)“
Fenbutatinoxid
2
4
0,1
131
262
Indoxacarb
2
4
0,125
105
210
Lambda-Cyhalothrin
0,2
0,4
0,0075
175
349
Tebuconazol
2
4
0,03
437
873
Triadimefon
∑ 2
∑4
0,08
164
327
Triadimenol
∑ 2
∑4
0,05
262
524
Pyraclostrobin
1
2
0,03
218
436
Cyfluthrin
0,3
0,6
0,02
98
196
Ethephon
0,7
1,4
0,05
92
183
Fenpyroximat
0,3
0,6
0,02
98
196
Imidacloprid
1
2
0,08
82
164
*) und **) berechnet nach derzeit gültigem VELS-Modell 2.0/ akut:
ermittelter Rückstand OR
Verzehrsmenge LP: 211,5 g
Variabilitätsfaktor v: 5
Unit weight: 663 g
Perzentil: 97,5
Fall: 2b
Körpergewicht bw: 16,15 kg
PSTI= LP*OR*v/bw

│41
stammen häufig aus dem Anbau von Wein- und Tafeltrauben.
Aufgrund der weitverbreiteten Anwendung von verschiedensten
Pflanzenschutzmitteln beim Traubenanbau sind auch im
„Ne-
benprodukt“ Weinblätter Rückstände an Pestiziden zu erwarten.
Daher wurden im Jahr 2012 an der Landesuntersuchungsanstalt
vier Proben Weinblätter, konserviert in Salzlake, auf ihren Ge-
halt an Pflanzenschutzmitteln untersucht. Drei der beprobten
Erzeugnisse stammten aus der Türkei, eine aus Griechenland.
Zwei der vier untersuchten Proben wiesen Rückstände von
Pflan-
zenschutzmitteln auf, die über den gesetzlichen Höchstgehal-
ten lagen. Dabei enthielt eine Probe insgesamt 7 verschiedene
Wirkstoffe, von denen vier über dem Höchstgehalt lagen. Damit
bestätigten sich Befunde aus anderen Bundesländern, wonach
bei Weinblättern nicht selten Höchstgehaltsüberschreitungen
sowie eine hohe Anzahl verschiedener Wirkstoffe zu finden sind.
Dagegen war eine Probe erfreulicherweise rückstandsfrei, eine
andere enthielt nur einen Wirkstoff, dessen Gehalt unter dem
Rückstandshöchstgehalt lag.
Sächsische Erzeuger
Jeweils 26,1 % (= 109 Proben) bzw. 23,5 % (= 96 Proben) der
insgesamt untersuchten Frischgemüse- und Frischobstproben
sowie 29 Kartoffel- und 23 Pilzproben stammten von sächsi-
schen Erzeugern. Davon betrafen 11 Proben Erzeugnisse aus
ökologischem Landbau, von denen 10 Proben rückstandsfrei
waren, d. h. die Rückstandsgehalte lagen unterhalb der analyti-
schen Bestimmungsgrenze von 0,01 mg/kg. Auch 76,6 % (= 82
Proben) der übrigen sächsischen Gemüse- und 20,9 % (= 19
Proben) der Obstproben enthielten keine Rückstände. In insge-
samt 7 Gemüse- und drei Obstproben wurden Rückstände fest-
gestellt, die einen Hinweis auf eine unzulässige Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln geben (s. Tab. 3).
Tabelle 3: Proben von sächsischen Erzeugern, in denen
unzulässige Wirkstoffe bestimmt wurden
Lebens-
mittel
Wirkstoff
Gehalt
[mg/kg]
RHG
[mg/kg]
Zulassung in BRD
Gurke
Metolachlor
Terbuthylazin
0,013
0,012
0,05
0,05
keine,
keine im Gurkenanbau
Gurke
Permethrin
0,10
0,05
keine
Gurke
Metalaxyl
0,023
0,5
keine im Gurkenanbau
Kohlrabi
Fluazifop, freie
Säure
0,40
0,2
keine im Kohlrabi-
anbau
Kopfsalat
Cyprodinil
0,034
10
keine im Kopfsalat-
anbau
Petersili-
enblätter
Biphenyl
0,013
0,1
keine
Petersili-
enblätter
Mandipropamid
Tebuconazol
0,022
0,014
10
0,05
jeweils keine im Peter-
silienblätteranbau
Apfel
Carbendazim
0,032
0,2
keine im Apfelanbau
Apfel
Dichlorvos
0,017
0,01
keine
Pflaume
Dithianon
0,024
0,5
keine im
Pflaumenan-
bau
Im Fall der Petersilienprobe mit positivem Biphenyl-Befund ist
anzumerken, dass seit dem Jahr 2008 bundesweit vergleich-
bare Biphenyl-Rückstände sowohl in konventionell als auch in
ökologisch angebauten Kräutern berichtet werden. Unzulässige
Pflanzenschutzmittelanwendungen sind daher nicht sehr
wahr-
scheinlich. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind
Kontaminationen aus der Luft, sei es durch Heizaktivitäten un-
ter Glas, sei es aus Emissionen des Straßenverkehrs, mögliche
Belastungsquellen.
In fünf Proben von sächsischen Erzeugern lagen Wirkstoffge-
halte oberhalb der jeweils geltenden Rückstandshöchstgehalte
vor. Nach Berücksichtigung der erweiterten Messunsicherheit
von 50 % lag bei drei Fällen keine gesicherte Höchstgehalts-
überschreitung vor. Gesicherte Höchstgehaltsüberschreitun-
gen wurden in je einer Probe Bio-Apfel und Zuchtchampignon
festgestellt. Der in der Bio-Apfel-Probe ermittelte Gehalt des
Insektizids Dimethoat (Summe aus Dimethoat und Omethoat,
ausgedrückt als Dimethoat) von 0,11 mg/kg lag weit über dem
geltenden Rückstandshöchstgehalt von 0,02 mg/kg. Vom BfR
wurde bestätigt, dass nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand
eine akute Gesundheitsgefährdung für Kinder durch den Ver-
zehr von Äpfeln mit dem o. g. Dimethoat-Gehalt möglich ist.
Als eventuelle gesundheitliche Beeinträchtigung sind reversible
klinische Symptome als Folge einer Hemmung der Acetylcho-
linesterase-Aktivität in Betracht zu ziehen. Eine gesundheitli-
che Gefährdung von Erwachsenen durch Dimethoat/Omethoat
aufgrund des Verzehrs dieser Äpfel ist laut BfR praktisch aus-
geschlossen bis unwahrscheinlich. Aufgrund des analytischen
Befundes wurde die Bio-Apfel-Probe darüber hinaus auch als
irreführend gekennzeichnet beanstandet.
In der Probe Zuchtchampignon wurde ein Gehalt des Fungizids
Carbendazim von 3,2 mg/kg bestimmt. Der geltende Rückstands-
höchstgehalt beträgt 1 mg/kg. Carbendazim-haltige Pflanzen-
schutzmittel sind in Deutschland nur für Anwendungen im
Getreideanbau zugelassen. Vermutlich sind die festgestellten
Rückstände nicht die Folge einer unzulässigen Anwendung,
sondern eines Stoffübergangs aus dem strohhaltigen Substrat.
Da im Berichtsjahr größere Probenanzahlen Tomaten und Äpfel
untersucht wurden, kann ein Vergleich der jeweils festgestellten
Rückstandssituation zwischen den Proben von sächsischen und
anderen Erzeugern durchgeführt werden (s. Tab. 4). Die Gegen-
überstellung zeigt vergleichbare Ergebnisse abgesehen von den
Proben übriger deutscher und ausländischer Erzeuger, die wäh-
rend der Herbst- und Wintermonate entnommen wurden. Diese
Proben enthielten häufiger und mehr Rückstände.
Tabelle 4: Untersuchungsergebnisse ausgewählter Lebens-
mittelproben von sächsischen (SN) und anderen
Erzeugern (Rest)
Lebensmittel
Tomate SN
Mai - Sept.
Tomate Rest
Mai - Sept.
Tomate Rest
Okt. - April
Apfel SN
Apfel Rest
Anzahl Proben
17
16
54
52
24
Anzahl (Anteil)
Proben mit
Rückständen
4
(23,5%)
3
(18,8%)
40
(74,1%)
49
(94,2%)
22
(91,7%)
Anzahl der
bestimmten
Wirkstoffe
4
3
41
18
22
mittlere
Anzahl
Wirkstoffe je
Probe
0,4
0,2
2,1
2,8
2,4
Anzahl (Anteil)
der Proben
mit Gehalten
oberhalb des
geltenden
RHG
-
-
-
1 (1,9%)
2 (8,3%)

42 │
Dioxinuntersuchungen
Im Berichtsjahr 2012 wurden 183 Lebensmittelproben (davon
13 Proben NRKP) auf Dioxine (PCDD/F) und dioxinähnliche poly-
chlorierte Biphenyle (dl-PCB) untersucht. Dabei handelte es sich
um 167 Proben tierischer Herkunft und 16 Proben pflanzlicher
Herkunft. Den Untersuchungsschwerpunkt bildeten Lebensmit-
tel sächsischen Ursprungs. Zum Untersuchungsspektrum gehör-
ten im Jahr 2012 auch 85 Proben aus der amtlichen Futtermit-
telüberwachung.
Die Zusammenfassung der Ergebnisse (nach Produktgruppen) ist
der Tabelle 2.12 (s. Homepage LUA) zu entnehmen.
Zum Schutz des Verbrauchers gelten rechtsverbindliche Höchst-
gehalte für verschiedene Lebensmittel. Diese werden durch Aus-
lösewerte ergänzt, die unterhalb der zulässigen Höchstgehalte
liegen, deren Überschreitung jedoch bereits eine überdurch-
schnittlich hohe Belastung aufzeigt.
Seit 01.01.2012 sind neu festgelegte Auslösewerte und Höchst-
gehalte für Dioxine und dioxinähnliche PCB gültig. So wurden
auch die Auslösewerte für Rindfleisch angepasst. In Folge
des-
sen ist festzustellen, dass im Jahr 2012 keine Überschreitungen
der Auslösewerte bei den untersuchten Rindfleischproben
auf-
traten.
Zur Feststellung der Belastungssituation wurden 2012 je 3 Pro-
ben Schaffleisch und Schafleber untersucht. Wie in den letzten
Jahren bereits analysiert, ist Schaffleisch hinsichtlich der
Be-
lastung mit Dioxinen und dl-PCB unkritisch. Hingegen weisen
Schaflebern hohe Gehalte dieser Kontaminanten auf. Die
un-
tersuchten Schaflebern wurden entsprechend dem Erlass des
SMS zum Umgang mit Schaflebern vom 02.12.2010 nicht in den
Verkehr gebracht.
Hohe Gehalte an Dioxinen und dl-PCB wurden in Lebern von
Wildtieren festgestellt. Es wurden zwei Lebern von Damwild und
eine Schwarzwildleber untersucht. Eine der Damwildlebern wies
sehr hohe Gehalte an Dioxinen (47 pg PCDD/F-TEQ/g Fett) und
dl-PCB (125 pg PCB-TEQ/g Fett) auf. In der Schwarzwildleber
hingegen wurden hohe Gehalte an Dioxinen (73 pg PCDD/F-
TEQ/g Fett) und moderate Gehalte an dl-PCB (3,2 pg PCB-TEQ/g
Fett) festgestellt. Für Wild sind bezüglich der Dioxine und dl-
PCB keine Auslösewerte und Höchstgehalte festgelegt. Das BfR
empfiehlt in seiner Stellungnahme aus dem Jahr 2011, Innereien
jeglicher wildlebender Tierarten nur in zwei- bis dreiwöchigem
Abstand zu verzehren.
Wie auch in den letzten Jahren konnten in den untersuchten
Dorschleberproben hohe Gehalte an den untersuchten chlorier-
ten Verbindungen bestimmt werden. Besonders auffällig war
eine Probe, welche den Höchstgehalt für die Summe an Dioxi-
nen und dl-PCB von 20 pg PCDD/F-PCB-TEQ/g (bis 01.01.2012:
25 pg) deutlich überschritt. Es konnte ein Summengehalt von
72 pg PCDD/F-PCB-TEQ/g analysiert werden. Der Sachverhalt
führte zu einer Meldung im europäischen Schnellwarnsystem
RASFF. Wie sich in der Verfolgung herausstellte, wurde die un-
tersuchte Charge bereits 2008 produziert. Die betroffene Charge
wurde aus dem Handel zurückgerufen und die Eigenkontroller-
gebnisse des Produktverantwortlichen überprüft.
Die im Jahr 2012 festgestellten Überschreitungen des Dioxin-
höchstgehaltes in Schweinefleisch und Schweineleber sind auf
Produkte eines einzigen Erzeugers zurückzuführen. Besonders
auffällig in diesem Zusammenhang ist die hohe Dioxinbelastung
der Schweineleber mit 91 pg PCDD/F-TEQ/g Fett bzw. 93 pg
PCDD/F-PCB-TEQ/g Fett. Es ist davon auszugehen, dass Inne-
reien zu den selten verzehrten Lebensmitteln gehören. Trotz der
geringen Bedeutung kann sich aufgrund des hohen WHO-PCDD/
F-PCB-TEQ-Gehaltes der Probe eine hohe WHO-PCDD/F-PCB-
TEQ-Aufnahme für Verzehrer ergeben. Derartig hohe Aufnah-
memengen allein über den Verzehr von Schweineleber können
aus Gründen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes nicht
hingenommen werden.
Bei Hühnereiern wurden nur sehr vereinzelt Überschreitungen
des Höchstgehaltes bzw. des Auslösewertes für Dioxine und di-
oxinähnliche polychlorierte Biphenyle festgestellt.
Des Weiteren wurden bei 1/3 der untersuchten Enten Über-
schreitungen der Auslösewerte und der Höchstgehalte analy-
siert.
Dioxine in getrockneten Blattgewürzen und Kräutern
Bereits 2011 wurde durch bundesweite Mitteilungen und über
das Europäische Schnellwarnsystem bekannt, dass in getrock-
neten Blattgewürzen erhöhte Gehalte an dl-PCB und insbe-
sondere an PCDD/F festgestellt wurden. In Sachsen wurden
daraufhin 2011 6 Proben getrockneter Basilikum untersucht.
Der Sachverhalt wurde im Jahr 2012 weiter verfolgt. In diesem
Zusammenhang wurden 4 Proben frische Petersilie und 8 Pro-
ben getrocknete Petersilie aus verschiedenen Herkunftsstaaten
untersucht. Die Untersuchungserbnisse sind in nachstehender
Tabelle 5 aufgeführt. Es sind derzeit keine Auslösewerte und
Höchstgehalte für Kräuter/Blattgewürze geregelt. Für
pflanz-
Tabelle 5: Ergebnisse Untersuchung Petersilie
Herkunftsland
(lt. Probenahmeschein)
Feuchte
(%)
Dioxin
WHO-PCDD/F-TEQ
ng/kg OS
dl-PCB
WHO-PCB –TEQ
ng/kg OS
Summe
WHO- TEQ
ng/kg OS
1
Deutschland
getrocknet
1,1
8,2
1,7
9,9
2
Deutschland
getrocknet
4,8
0,07
0,05
0,12
3
Deutschland
getrocknet
5,5
0,07
0,05
0,12
4
Deutschland
getrocknet
4,8
0,06
0,06
0,11
5
Deutschland
getrocknet
3,0
0,09
0,06
0,15
6
ungeklärt
getrocknet
3,3
0,08
0,18
0,25
7
Ägypten
getrocknet
8,6
3,7
1,1
4,9
8
Ägypten
getrocknet
8,9
6,1
1,4
7,6
9
Deutschland
frisch
81,5
0,04
0,01
0,05
10
Deutschland
frisch
81,1
0,04
0,01
0,06
11
Italien
frisch
84,3
0,04
0,01
0,05
12
Deutschland
frisch
88,9
0,01
0,02
0,03

 
│43
liche Lebensmittel werden lediglich für Obst/Gemüse/Getreide
Auslösewerte für Dioxine und dioxinähnliche PCB empfohlen.
Die bestimmten Gehalte in den Proben frischer Petersilie liegen
unterhalb der Auslösewerte für Obst/Gemüse/Getreide. Bei den
getrockneten Proben sind deutliche Unterschiede in der Belas-
tung festzustellen. Zur Erweiterung der Datenlage hinsichtlich
der Belastung von Kräutern/Blattgewürzen mit Dioxinen und
dl-PCB wird im Jahr 2013 ein bundesweites Projekt im Rahmen
des Lebensmittel-Monitorings unter der Federführung der LUA
Sachsen durchgeführt.
Dioxinuntersuchungen in Flussauen
Als Schadstoffe in den Flussauen sind neben Schwermetallen
(insbesondere Cadmium) und Arsen gebietsweise auch organi-
sche Schadstoffe wie Dioxine und dioxinähnliche PCB von Be-
deutung.
Die im Überschwemmungsgebiet der Elbe flussabwärts seit
längerem bekannte kontinuierliche Exposition und die damit
verbundene Belastung von Aufwuchs- und Futterproben ist vor
allem durch den altlastenbedingten Austrag am Industriestand-
ort Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) bedingt. Zu vermuten ist, dass
Waschwässer aus der Abgaswäsche zusammen mit anderen
industriellen und kommunalen Abwässern im Raum Bitterfeld
ohne Klärung in das Spittelwasser, einem Nebenfluss der Mulde,
geleitet wurden.
Die sächsischen Dioxinwerte von Grasaufwüchsen und Heupro-
ben von Mulde und Elbe geben bisher keinen Anlass zur Sorge.
Die ermittelten Werte liegen durchweg deutlich unter dem Ak-
tionswert von 0,5 pg/g (s. Tab. 6).
Tabelle 6: Dioxinwerte (pg/g) von Futtermittel der Mulde
und Elbe der Jahre 2010 bis 2012
Elbe
Mulde
Grasaufwüchse
Heu
Grasaufwüchse
Heu
2010
-
0,04 … 0,20
0,05 … 0,13
-
2011
0,06 … 0,17
-
0,05 … 0,13
0,17
2012
0,06 … 0,08
0,10 … 0,12
-
0,04 … 0,07
Pharmakologisch wirksame Stoffe
Pyrrolizidinalkaloide in Phytopharmaka, Lebens- und
Fut-
termitteln – wie gefährlich sind sie wirklich?
Pyrrolizidinalkaloide (PA) sind sekundäre Pflanzenstoffe, welche
als Fraßschutz in über 6.000 Pflanzenarten vorkommen.
Vorwie-
gend gehören PA-haltige Pflanzen den Familien der Korbblütler
(Asteraceae), der Rauhblatt- oder Borretschgewächse (Boragi-
naceae) und der Hülsenfrüchtler (Fabaceae oder Leguminosae)
sowie Echium-Arten (Natternkopf) an. Zu den bei uns einheimi-
schen Pflanzen zählen unter anderem das Jakobskreuzkraut, das
Gemeine Greiskraut und der Huflattich.
Chemisch gesehen handelt es sich bei diesen sekundären
Pflan-
zenstoffen um Ester aus einem 1-Hydroxymethylpyrrolizidin
(Necinbase) und aliphatischen Mono- oder Dicarbonsäuren
(Necinsäuren). Insgesamt sind mehr als 500 verschiedene Ein-
zelsubstanzen bekannt, von denen einige Vertreter lebertoxisch
sind und in hoher Dosierung lebensbedrohliche Leberfunktions-
störungen verursachen können. Im Tierversuch weisen sie z. T.
ein genotoxisches und krebserzeugendes Potential auf.
Das Krankheitsbild der PA-Vergiftung ist in der Veterinärmedi-
zin als Seneziose oder „Schweinsberger Krankheit“ bekannt und
wird meist durch Greiskrautbestand auf Weiden verursacht. Da-
rüber hinaus ist auch eine Aufnahme von PA aus Heu und Silage
möglich, da das toxische Potential dieser Substanzen bei der
Futterkonservierung weitgehend erhalten bleibt.
Der Eintrag in Lebensmittel kann durch direkte Kontamination
von Blattsalaten, Zubereitungen aus Kräutern (Tee) und Getrei-
deprodukten sowie durch carry-over aus dem Futtermittel in
tierische Produkte wie Eier, Milch und Käse erfolgen. Weitere
Quellen für die Aufnahme von PA können Honig, Blütenpollen
PA-haltiger Pflanzen und daraus hergestellte Präparate sein.
Für den PA-Gehalt in Lebens- und Futtermitteln ist, im Gegen-
satz zu den Arzneimitteln, bisher kein gesetzlicher Grenzwert
festgelegt. Grundsätzlich sollte die Gesamtexposition mit karzi-
nogen wirkenden PA aus verschiedenen Lebensmitteln so nied-
rig wie möglich gehalten werden. Als Beurteilungsgrundlage für
Lebensmittel empfiehlt das BfR, eine Tageszufuhr von 0,007 μg
PA pro kg Körpergewicht bzw. 0,42 µg PA für eine 60 kg schwere
Person möglichst nicht zu überschreiten.
Aufgrund der strukturellen Vielfalt der PA stellt deren Analytik
eine besondere Herausforderung dar. Derzeit erfolgt die Bestim-
mung an der LUA im Rahmen einer Summenmethode mittels
GC-MS. Zukünftig wird es jedoch notwendig sein, diese hin-
sichtlich ihrer Toxizität sehr verschiedenen Einzelsubstanzen
mittels LC-MS/MS zu untersuchen.
2012 wurden insgesamt 9 Proben auf PA untersucht. Bei 7 die-
ser Proben handelte es sich um Rucola, welcher dem Greiskraut
zum Verwechseln ähnlich sieht. Nachdem 2007 Greiskraut in
Rucola nachgewiesen wurde, sind auch in den darauf folgenden
Jahren deutschlandweit immer wieder Fälle solcher Verunreini-
gungen aufgetreten. 2012 konnten in keiner der untersuchten
Rucola-Proben PA nachgewiesen werden. Dennoch wird bei der
Ernte und Zubereitung von Salaten, Blattgemüse und Kräutern
zu besonderer Sorgfalt geraten, um eine Verunreinigung mit
Greiskraut und damit verbundene mögliche gesundheitliche
Risiken zu vermeiden. Verbraucher sollten diese Lebensmittel
vor dem Verzehr gut waschen und putzen sowie Pflanzenteile
aussortieren, die keinen essbaren Pflanzen zugeordnet werden
können.
Darüber hinaus wurden eine Probe getrocknete Huflattichblüten
und eine Probe Huflattichblüten-Aufstrich auf PA untersucht.
Huflattich gilt als bedeutsame Heilpflanze bei Hustenreiz, er
wirkt schleimlösend und wird in erster Linie als Tee oder in Tee-
mischungen eingesetzt. Im Ergebnis der Untersuchungen konn-
ten in der Probe Huflattichblüten-Aufstrich keine PA
nachge-
wiesen werden. In der Probe getrocknete Huflattichblüten wurde
jedoch ein PA-Gehalt von 2,0 mg/kg ermittelt. Eine aus diesen
Blüten hergestellte Tasse Tee würde die vom BfR empfohlene
Tageszufuhr an PA um ein vielfaches überschreiten. Diese Probe
wurde beanstandet. Aufgrund seines Gehaltes an PA sollte Huf-
lattich nicht über einen längeren Zeitraum (maximal 6 Wochen
pro Jahr) verwendet werden. Während der Schwangerschaft und
Stillzeit sollte auf eine Anwendung verzichtet werden.

 
44 │
Amtliche Außendienstaufgaben
Amtliche Futtermittelüberwachung
Im Jahre 2012 fanden auf Basis der Vorgaben des bundesein-
heitlichen Rahmenkontrollplanes 998 risiko- und zielorientierte
Futtermittelkontrollen statt. Es wurden unangemeldete Pro-
zess- und Produktkontrollen bei Herstellern, Händlern und Tier-
haltern auf allen Stufen der Produktion, der Verarbeitung, des
Vertriebs und der Verfütterung sowie Betriebs- und Buchprü-
fungen durchgeführt. Im Ergebnis mussten neben zahlreichen
Hinweisen/Belehrungen, Verwarnungen und anderen amtlichen
Maßnahmen im letzten Jahr auch 21 Bußgeldverfahren einge-
leitet werden.
Die Problematik der Dioxinbelastung von Überschwemmungs-
flächen bildete im zurückliegenden Jahr einen Schwerpunkt der
Untersuchungen (siehe Abschnitt Pestizide/Dioxine).
Amtliche Weinkontrolle
Im Jahr 2012 wurden insgesamt 385 Proben Wein (Warencode
33) sowie 94 weinhaltige Getränke (Warencode 34, z. B. Glüh-
weine) und 92 weinähnliche Getränke (Warencode 35, z. B.
Fruchtweine) zur Untersuchung und Begutachtung eingereicht.
Von den durch die zuständigen LÜVÄ eingesandten Proben
mussten im Durchschnitt etwa 15 % beanstandet werden. Er-
neut führten fehlerhafte Etikettierungen zu den meisten Bean-
standungen.
Einen Arbeitsschwerpunkt der Weinüberwachung bildete auch
2012 die Analyse und Begutachtung von Zollweinen. 189 Weine
wurden im Rahmen von Einfuhruntersuchungen als Zollproben
vorstellig. Hauptsächlich gelangten Weine aus Mazedonien und
Chile zur Untersuchung, aber auch Erzeugnisse aus Australien,
Südafrika, den USA, Neuseeland und der Türkei wurden mehr-
fach beprobt. Der Ursprung der eingeführten Weine hängt stark
von der Verfügbarkeit auf den internationalen Märkten ab und
richtet sich auch nach den präferentiellen Zolltarifen. In der
Vergangenheit gab es mehr Weine aus Südafrika und Kaliforni-
en, aber auch anderen Ländern der neuen Welt im Portfolio der
hiesigen Einkäufer, die inzwischen durch zunehmende Importe
aus dem osteuropäischen Raum ersetzt wurden.
Ziel der Analyse bei den Zollweinen ist in erster Linie die Über-
prüfung der Identität, d. h. Nämlichkeit der Erzeugnisse durch
den Vergleich mit dem obligatorischen Analysenbulletin auf
dem amtlichen VI1-Dokument. Des Weiteren werden risiko-
orientiert aber auch zusätzliche analytische Werte bestimmt,
z. B. gesamte schweflige Säure, flüchtige Säure,
Glycerinbegleit-
stoffe, Schwermetalle und andere Elemente sowie Mykotoxine
(Ochratoxin A), um Grenzwertüberschreitungen, Kontaminati-
onen sowie verbotene önologische Praktiken nachweisen oder
beispielsweise auch die Authentizität einer Rebsortenangabe
nachvollziehen zu können (z. B. durch Analyse der Rotweinfarb-
stoffe/Anthocyane). Diesbezügliche Beanstandungen aufgrund
der stofflichen Beschaffenheit sind jedoch selten.
Aus aktuellem Anlass müssen laut Anweisung der
Bundesfi-
nanzverwaltung Erzeugnisse aus der Türkei stets auf
Natamy-
cin
geprüft werden, da in letzter Zeit in anderen Bundesländern
wiederholt diverse Drittlandsweine von der Einfuhr zurück-
gewiesen werden mussten, in denen Natamycin oberhalb des
Eingriffswertes von 5 µg/l nachgewiesen wurde. Natamycin ist
ein Antimycoticum, welches u. a. als Zusatzstoff auf Käserinden
zulässig ist. Die Analyse gelingt mittels LC-MS und erfordert
einen relativ hohen Aufwand. Auch andere Parameter, die nicht
unmittelbar der Feststellung der Nämlichkeit der Erzeugnisse
dienen, werden regelmäßig veranlasst.
Nach Art. 40 EinfuhrDV müssen bei losem Wein risikoorientiert
mindestens 10 % der Weineingänge beprobt werden. Das hat
zur Folge, dass mit steigenden Importmengen der sächsischen
Kellereien auch die Untersuchungszahlen permanent zunehmen.
Waren es vor zehn Jahren jährlich noch weit unter 100 Zoll-
proben, so ist inzwischen die „200er-Marke“ in greifbare Nähe
gerückt.
Schlankmacher Glühwein
Einen ganz besonderen „Aufreger“ bescherte die Adventszeit.
Der Süßstoff aus der Steviapflanze fand Verwendung in einem
Glühwein - ein skandalträchtiges Thema für die einschlägige
Presse. Auf der Titelseite der Boulevardpresse wurde kolportiert:
„Landrat gegen Winzer“ und „Bizarrer Glühwein-Streit auf dem
Weihnachtsmarkt“. Was war geschehen? Ein tollkühner Coup?
Ein geschäftstüchtiger (bzw. kreativer) Gastwirt nahm es nicht
so genau mit den Herstellungsvorschriften für Glühwein. Er
nutzte die Gunst der Stunde und schwamm auf der Gesund-
heitswelle mit. Steviolglycosid wird im Handel als natürliche
Süße ohne Kalorien, aber mit hoher Süßkraft, angepriesen. Die
Zulassung als Zusatzstoff für bestimmte Lebensmittel erfolgte
durch die Verordnung (EU) Nr. 1131/2011 der Kommission vom
11. November 2011. Die Vermarktung der Steviapflanze selbst
oder Teilen davon bleibt jedoch verboten.
Glühwein darf nach einschlägigem Recht jedoch nur mit Zucker
bzw. Zuckerstoffen gesüßt werden. Der Zusatz von Süßstoff (Zu-
ckerersatzstoff) ist hingegen nicht zulässig.
Zunächst einvernehmlich wurde deshalb auf Initiative des
Landratsamtes mit dem Hersteller besprochen, dass Rezept
oder Kennzeichnung zu ändern seien. Der „Glühwein“ wurde
zunächst ohne Verkehrsbezeichnung und dann mit der Fan-
tasiebezeichnung „Heiße Rebe“ vermarktet und war auf dem
Weihnachtsmarkt fortan nur noch als das „Skandalgetränk“ in
aller Munde und entwickelte sich zum Verkaufsschlager. Derzeit
finden intensive Beratungen mit dem zuständigen LÜVA statt,
um den Fall abschließend zu bearbeiten und in der kommenden
Saison für ähnliche Fälle gewappnet zu sein.
Maschinentechnische Sachverständige
Seit mehr als 6 Jahren können die Lebensmittelüberwachungs-
und Veterinärämter im Rahmen ihrer Kontrolltätigkeit die
maschinentechnische Sachverständige (MTS) der LUA für die
technischen Überprüfungen von Maschinen und Anlagen der
Lebensmittelhersteller anfordern. Die MTS ist unabhängige
Sachverständige, die in Amtshilfe für die Lebensmittelüberwa-
chungs- und Veterinärämter tätig wird. Der Rechtsvollzug ob-
liegt ausnahmslos den Überwachungsbehörden.
Vorrangig wird die MTS für die Prüfung von Anlagen zur Erhit-
zung tierischer Lebensmittel sowie Anlagen zur Betäubung von
Schlachttieren angefordert. Die Zusammenarbeit zwischen den
Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämtern und der MTS
hat sich weiter gefestigt. Bei vielen Lebensmittelherstellern sind
maschinentechnische Überprüfungen zu einem festen Bestand-
teil der regelmäßig stattfindenden, behördlichen
Überwachun-
gen geworden.
Die Hilfestellungen, die die Überwachungsbehörde den Betrei-
bern bei der Umsetzung der zahlreichen gesetzlichen Forderun-

│45
gen und zu berücksichtigenden EU-Verordnungen und nationa-
len Gesetzgebungen geben kann, werden auch in Bezug auf die
Umsetzung technischer Anforderungen an die Maschinen und
Anlagen gern angenommen.
Bei den Kontrollen im Jahr 2012 konnte festgestellt werden,
dass die in vorangegangenen Kontrollen festgestellten Abwei-
chungen in überwiegendem Maß von den Betreibern abgestellt
worden waren.
Neben den Wiederholungsprüfungen wurden aber auch neue
oder bisher noch nicht maschinentechnisch geprüfte Anlagen
vorgestellt. Hierbei ist zu bemerken, dass es den Lebensmittel-
überwachungs- und Veterinärämtern freigestellt ist, die Sach-
verständige für die technischen Prüfungen hinzuzuziehen. Das
erklärt auch, dass bisher nicht alle in Sachsen existierenden Le-
bensmittelunternehmen, die z. B. Rohmilch erhitzen oder Tiere
elektrisch betäuben, maschinentechnisch geprüft sind.

 
46 │
Veterinärmedizinische Tierseuchen- und
Krankheitsdiagnostik
Übersicht über das Leistungsspektrum
Im Vordergrund der erbrachten Leistungen in der veterinärmedi-
zinischen Diagnostik stehen die per Gesetz, durch verschiedene
Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften sowie durch
Erlässe des zuständigen Ministeriums übertragenen Aufgaben.
An erster Stelle seien hier die diagnostischen Abklärungsunter-
suchungen und Freitestungen auf anzeigepflichtige Tierseuchen
und meldepflichtige Tierkrankheiten genannt. Ebenso gehören
die Überwachung und Auswertung der tiergesundheitlichen und
epidemiologischen Situation durch diagnostische Untersuchun-
gen im Rahmen von Tierseuchenbekämpfungsprogrammen von
EU, Bund und Land dazu. Ein weiterer Aufgabenbereich sind
labordiagnostische Untersuchungen und Bewertungen im Rah-
men von verschiedenen Programmen des SMS und der Sächsi-
schen Tierseuchenkasse. Die Diagnostik von Zoonosen und deren
Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit werden genauso
betrachtet wie die Begutachtung tierschutzrelevanter Vorgänge
in Auswertung von Sektionsbefunden. Die jährliche Erarbeitung
des Zoonosentrendberichtes zur Berichterstattung des Bundes
an die EU und die Teilnahme an vielfältigen
Zoonosemonitoring-
programmen soll hier nicht unerwähnt bleiben.
Eine Mitwirkung bei der Aufklärung von Tierverlusten und bei
der Verbesserung der Tiergesundheit vor allem der
Nutztierbe-
stände gehört zum Tätigkeitsprofil unserer Sachverständigen.
Die Erarbeitung von Gutachten und Stellungnahmen sowie die
Mitwirkung in Facharbeitsgruppen sind Bestandteile der tägli-
chen Arbeit.
Für alle zugewiesenen Aufgaben steht tierärztliches und techni-
sches Personal mit hoher Fachkompetenz zur Verfügung.
Die Diagnostik wird durch zwei veterinärmedizinische Abteilun-
gen an drei Standorten der LUA durchgeführt. Insbesondere sind
folgende Bereiche für unsere Einsender tätig:
]
Sektionspathologie mit Histologie und Bakteriologie
]
spezielle Mikrobiologie mit Bakteriologie, Mykologie, Parasi-
tologie, zuchthygienischer Labordiagnostik und milchhygie-
nischer Untersuchungen
]
Virologie und Serologie
]
diagnostische Molekularbiologie
]
elektronenmikroskopische Diagnostik
Innerhalb der veterinärmedizinischen Abteilungen gibt es zu-
sätzlich verschiedene Spezialisierungen und Zentralisierungen.
Beispielsweise wird die Blutuntersuchung, die Sektionsdiagnos-
tik, die spezielle Mikrobiologie und die Virologie an zwei Stand-
orten vorgehalten, die Milchserologie dagegen nur an einem
Standort. Auch die Ohrgewebeuntersuchungen, die milchhygie-
nische Diagnostik und die elektronenmikroskopische Diagnostik
sind zentralisiert. Die zentrale Versorgung mit Fertignährmedien
und selbst hergestellten Nährmedien wird durch das Labor am
Standort Chemnitz realisiert. Hierzu gehört auch die Haltung
und Pflege von Referenzstämmen und die Bereitstellung von
Gebrauchskulturen (siehe auch Textteil).
Besonders erwähnt werden muss die seit vielen Jahren beste-
hende gute Zusammenarbeit mit der Sächsischen
Tierseuchen-
kasse.
Das Berichtsjahr brachte erneut zahlreiche Neuerungen im
dia-
gnostischen Bereich mit sich. Einzelheiten entnehmen Sie bitte
den nachfolgenden zusammenfassenden Darstellungen und Ein-
zelberichten.
Im Besonderen machen wir auf folgende Herausforderungen
aufmerksam:
]
verpflichtende Nutzung von Untersuchungsaufträgen aus
HI-Tier, vorgeschaltet waren zahlreiche Tierhalterschulungen
durch das LUA-Fachpersonal
]
automatisierte Übertragung von Untersuchungsbefunden an
Balvi, Weiterführung in 2013 geplant
]
kurzfristige Erarbeitung neuer diagnostischer Methoden wie
zum Beispiel zum Nachweis von Schmallenbergvirus
(virolo-
gisch und serologisch), zum direkten Nachweis von
Myko-
plasmen aus Milchproben oder zum Nachweis des Usutu-
Virus
Eine Übersicht zu Untersuchungszahlen und einzelnen Schwer-
punkten in den Fachdisziplinen ist dem anschließenden Textteil
zu entnehmen. Leider kann in diesem Bericht nicht auf alle dia-
gnostischen Verfahren und Möglichkeiten eingegangen werden.
Die Proben- und Untersuchungsanzahl mit Ergebnissen sind in
gewohnter Weise dem Tabellenteil, veröffentlicht auf der LUA-
Homepage, zu entnehmen.

image
image
image
 
│47
Pathologische Diagnostik
Proben und Untersuchungszahlen
Hauptaufgabe der Pathologie ist die Untersuchung und die
Einleitung der Folgeuntersuchungen auf anzeige- und melde-
pflichtige Krankheiten sowie Zoonosen wie auch die
differen-
tialdiagnostische Abklärung der Ursachen von Krankheits- und
Verlustgeschehen bei Nutz- und Wildtieren. Außerdem werden
Untersuchungen im Rahmen des Tierschutzgesetzes
durchge-
führt.
Seit 2008 existiert das „Programm des SMS und der Sächs. TSK
zur diagnostischen Abklärung von Tierverlusten bei Pferden,
Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen“ (Sektionsprogramm).
Seitdem haben sich die Untersuchungszahlen auf hohem Niveau
stabilisiert. Die Sektionszahlen der Jahre 2008 bis 2012 sind in
Tabelle 1 zusammengestellt. In 4 Fällen wurde eine
anzeige-
pflichtige Tierseuche und in 43 Fällen eine meldepflichtige
Tier-
krankheit nachgewiesen (Einzelheiten sind im Tabellenteil auf
der LUA-Homepage zu finden).
Tabelle 1:
Anzahl Sektionen 2008-2012
(in Klammern Anteil Sektionsprogramm)
Probenart Tierart/Gruppe
2008
2009
2010
2011
2012
Tierkörper
Rind
372
(326)
404
(375)
542
(524)
460
(422)
439
(411)
Schwein
711
(242)
682
(264)
614
(535)
718
(539)
668
(478)
Schaf/Ziege
175
(25)
227
(82)
148
(95)
153
(107)
175
(101)
Pferd
38 (31)
49 (43)
42 (34)
40 (30)
36 (33)
Nutzgeflügel
717
684
638
712
626
Fische
326
1.006
412
603
687
Sonstige
1.281
1.036
968
814
660
Gesamt
3.615
4.088
3.364
3.500
3.291
Organe,
Gewebe
Gesamt
124
149
115
80
133
Fetus,
Eihaut
Rind
203
178
249
225
251
Schwein
283
355
374
281
159
sonstige
Tierarten
69
76
53
66
163
Gesamt
555
609
676
572
573
Schmallenbergvirus: eine neue Virusinfektion in Sachsen
Die folgende Darstellung bezieht sich insbesondere auf die Sek-
tionsdiagnostik. Einen ausführlichen Beitrag zur ätiologischen
Labordiagnostik können Sie im Abschnitt Serologie, Virologie,
diagnostische Molekularbiologie lesen.
Das Schmallenbergvirus wird durch Mücken übertragen. Die
Infektion breitete sich im Vergleich zur Blauzungenkrankheit
deutlich schneller in Deutschland von Westen nach Osten aus
und erreichte bereits im Spätherbst 2011 Sachsen.
Bei einer Infektion im 1. Trächtigkeitsdrittel folgt die Geburt
le-
bensschwacher Tiere mit neuronalen Defekten in Motorik und
Sensorik, bei einer Infektion im 2. Trächtigkeitsdrittel (Rind:
75-110. Tag / Schaf: 28-36 (56). Tag / Ziege: um den 40. Tag)
folgen Aborte, mumifizierte Feten, Früh-/Totgeburten bzw.
le-
bensschwache Tiere mit Missbildungen (AHS; Arthrogryphose,
Torticollis, Kyphose, Skolliose Hydrocephalus, Mikroencephalus,
Kleinhirnhypoplasie, -aplasie, Brachygnathie). Typische
Missbil-
dungen sind in Abb. 3.1 und 3.2 dargestellt. Bei einer Infektion
im 3. Trächtigkeitsdrittel zeigen sich keine Symptome.
Untersuchungszahlen können aus Tab. 3.28 (s. Homepage LUA)
entnommen werden.
Die Geburt der betroffenen Tiere wurde - ausgehend von den
o. g. Infektionszeitpunkten - für Februar bis April 2012 erwar-
tet und durch unsere Untersuchungen bestätigt. Die Anzahl der
nachgewiesenen Missbildungen stieg deutlich an. Insgesamt
konnte im eingesandten Organmaterial mittels PCR in 66 Fällen
eine SBV-Infektion als Abortursache festgestellt werden. In der
Mehrzahl der Fälle konnte bereits durch die Sektion der Ver-
dacht auf eine SBV-Infektion gestellt werden, da das pathomor-
phologische Bild mit Gliedmaßenversteifung, Halsverdrehung
und typischen Gehirnmissbildungen eine relativ sichere Diag-
nosestellung zulässt.
Abbildung 3.1a: Kalb mit Gliedmaßenmissbildung
Abbildung3.1b: Typisches Bild einer SBV-Infektion bei einem Schaflamm
Abbildung 3.2:
Gehirn vom Schaffetus mit Kleinhirnhypoplasie

48 │
Rinder
Die Untersuchungszahlen von Rindern sind fast gleich geblieben
und haben sich auf hohem Niveau stabilisiert. Die
Notwendig-
keit und Akzeptanz des Sektionsprogrammes wird durch den ho-
hen Anteil der mit dem Spezialfahrzeug angelieferten Tierkörper
unterstrichen.
Im vergangenen Jahr wurden 193 Rinder über 150 kg
Körperge-
wicht durch das Spezialfahrzeug der
Tierkörperbeseitigungsan-
stalt angeliefert. Die gestellten Diagnosen sind in Art und Häu-
figkeit mit denen des Vorjahr vergleichbar. Bei den Saugkälbern
stehen die Darmerkrankungen im Vordergrund. Bei 116 der 194
untersuchten Saugkälber wurde eine Darmerkrankung diagnos-
tiziert. Das sind 59 %. 2011 lag der Anteil bei 61 %. Bei 80
Saugkälbern wurde eine Atemwegserkrankung nachgewiesen.
Damit liegt der Anteil von 41 % deutlich höher als im Jahr 2011
mit 31 %.
Bei den 221 erwachsenen Rindern war die Mastitis mit 16 %
die am häufigsten gestellte Einzeldiagnose. Im Jahr davor lag
der Anteil bei 17 % der Diagnosen. Eine Endometritis wurde bei
14 % der Rinder nachgewiesen. Die Gruppe der
Stoffwechselstö-
rungen und Lebererkrankungen liegt mit 24 % auf dem gleichen
Niveau wie 2011. Atemwegserkrankungen (17 %) und
Darmer-
krankungen (19 %) wurden in 2012 weniger diagnostiziert als
in 2011, als der Anteil 29 bzw. 39 % betrug. Einen beachtlichen
Anteil von 25 % machen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus.
Seit einigen Jahren fällt ein relativ hoher Anteil innerlich ver-
bluteter Kühe auf (2012: 13, 2011: 12, 2010: 19, 2009: 8). Bei
den Tieren finden sich eine große Menge Blut in der
Bauchhöh-
le und eine starke blutige Durchtränkung des Bindegewebes im
Mesenterium zwischen Leber und Pansen. In einigen Fällen ist
ein Aneurysma nachweisbar. Die meisten Fälle sind idiopathi-
scher Natur. Beim Schwein kommen Aneurysmen in Verbindung
mit Kupfermangel, bei Pferd und Hund in Verbindung mit Para-
sitenbefall vor.
Paratuberkulose
Das zum 01.01.2010 aktualisierte „Programm des SMS und der
Sächs. TSK zur Kontrolle der Paratuberkulose in Sachsen“ findet
eine hohe Akzeptanz (s. Tab. 2). Nach nunmehr dreijähriger
Lauf-
zeit besteht für einzelne Betriebe die Möglichkeit, entsprechend
den Vorgaben der Bundesleitlinie den Status „Paratuberkulose
unverdächtig“ zu beantragen. In Betrieben, die den Hygiene-
und Sanierungsempfehlungen folgen, ist eine kontinuierliche
Reduktion der Ausscheider feststellbar. Somit zeigt sich, dass
trotz aller Probleme bei der Bekämpfung dieser wirtschaftlich
bedeutsamen Krankheit bei konsequenter Einhaltung der Vorga-
ben Sanierungserfolge erzielt werden können.
Tabelle 2:
Untersuchungen auf Paratuberkulose
(2010-2012)
2010
2011
2012*)
Kot
Anzahl
7.772
12.945
13.574
positiv
447
370
339
Sektion
Anzahl
81
58
14
positiv
4
6
2
Blut
Anzahl
70.207
61.844
51.470
positiv
2.548
2.338
2.199
*) Stand 05.04.2013
Aufgrund des hohen Untersuchungsaufwandes können derzeit
nicht alle Untersuchungsanfragen befriedigt werden. Es wird
an der Optimierung der Probenbearbeitung gearbeitet, um eine
Steigerung der Untersuchungszahlen zu ermöglichen. Die
kultu-
relle Untersuchung ist der „Goldstandard“ und dauert
mindes-
tens 12 Wochen. Entsprechend waren zum Redaktionsschluss
noch nicht alle Untersuchungen aus dem Berichtsjahr abge-
schlossen. Eine vorläufige Übersicht über die abgeschlossenen
Untersuchungen und Ergebnisse ist der Tabelle 3.27 (s.
Home-
page LUA) zu entnehmen.
Schweine
Zur Abklärung anzeigepflichtiger Tierseuchen, meldepflichtiger
Tierkrankheiten sowie Zoonosen und sonstiger Erkrankungen
wurden im Jahr 2012 insgesamt 913 Tierkörper, Organe und
Aborte von Hausschweinen pathologisch-anatomisch und his-
tologisch untersucht. Anzeigepflichtige Tierseuchen wurden im
Berichtszeitraum nicht festgestellt, insbesondere konnte, wie
auch in den Vorjahren, die Freiheit von Klassischer Schweine-
pest in allen untersuchten Fällen bestätigt werden. Aufgrund
der nach wie vor kritischen Situation in den transkaukasischen
Ländern, der Ausbreitung innerhalb der Russischen Föderation
und der Einschleppung in die Ukraine wurde in Einzelfällen ent-
sprechend den Empfehlungen des BMVEL eine Ausschlussdiag-
nostik auf Afrikanische Schweinepest durchgeführt, die aber in
allen Fällen negativ verlief.
In 25 Fällen wurde eine meldepflichtige Salmonellose
festge-
stellt. Damit bewegt sich diese Zahl fast auf dem Niveau von
2011 mit damals 21 festgestellten Salmonellosen. Das Spekt-
rum der Diagnosen war wiederum breit gefächert, nennens-
werte Veränderungen in Art und Häufigkeit der Erkrankungen
gegenüber den Vorjahren waren nicht zu beobachten. Nach wie
vor dominieren Erkrankungen des Atmungstraktes im Sektions-
gut. Schwere letale Lungenentzündungen, hervorgerufen durch
bakterielle Erreger wie
Actinobacillus pleuropneumoniae
,
Pas-
teurella multocida
, Streptokokken und
Mycoplasma hyopneu-
moniae
, machten wie in den Vorjahren den größten Teil der
Todesfälle aus.
Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Infektionserkrankungen
des Verdauungstraktes. Hier dominieren die durch pathogene
E. coli-Stämme hervorgerufenen Verluste das Krankheitsge-
schehen. Erfreulicherweise konnte 2012 im Sektionsgut jedoch
kein Fall von Schweinedysenterie diagnostiziert werden. Zur
ge-
zielten Therapie bakterieller Erkrankungen wurden für spezifisch
pathogene Keime Resistenzprüfungen durchgeführt und an die
behandelnden Tierärzte übermittelt.
Pathologische Sektionen stellen für die Tierseuchendiagnostik
und das frühzeitige Erkennen ökonomisch bedeutsamer
Erkran-
kungen gerade in der Schweinehaltung ein unverzichtbares In-
strument dar. Das Sektionsprogramm des SMS und der Sächs.
TSK bietet durch sein sachsenweites Abholprogramm und
güns-
tige finanzielle Bedingungen optimale Voraussetzungen für die
Inanspruchnahme dieses diagnostischen Instruments.
Abortuntersuchungen
Im Jahr 2012 wurden 566 Abortsubstrate von Nutztieren (Pferd,
Rind, Schaf, Schwein, Ziege) gemäß dem Abortprogramm der
Sächs. TSK pathomorphologisch sowie auf ein festgelegtes
Er-
regerspektrum bakteriologisch, mykologisch und virologisch
untersucht. Zusätzlich gelangten 7 Aborte anderer Tierarten
zur Untersuchung (s. Tab. 1 und Homepage LUA, Tab. 3.1). Die
Einsendungszahlen bei Abortmaterialien bewegten sich auf dem
Niveau der Vorjahre. Eine starke Zunahme gab es bei der
Unter-
suchung von Schaf- und Rinderfeten aufgrund der Abklärung

image
image
image
│49
von Infektionen mit dem Schmallenbergvirus (s. o.). Häufigste
bakterielle Abortursache bei Rindern waren Infektionen mit
Trueperella pyogenes
(Synonym:
Arcanobacterium pyogenes
).
In Einzelfällen wurde als Abortursache Listeriose und Q-Fieber
diagnostiziert. Schweinefeten wurden deutlich weniger als im
Vorjahr untersucht. Der Grund dafür ist nicht offensichtlich.
Geflügel
Bei der pathologisch-anatomischen Untersuchung von
Tierkör-
pern ist gegenüber 2011 ein Rückgang um etwa 12 % auf 626
Stück zu verzeichnen (s. Tab. 3). Größere Krankheitsgeschehen
bei Nutzgeflügel, über die im Jahresbericht 2011 berichtet
wor-
den war (u. a. LPAI-Ausbruch in der Region Chemnitz; Abklärung
eines massiven Entensterbens), sind im Berichtsjahr 2012 nicht
aufgetreten.
Tabelle 3:
Vergleich der Untersuchungszahlen ausgewähl-
ter Geflügel (2010 bis 2012)
2010
2011
2012
Ente
22
96
34
Gans
94
42
62
Pute
170
241
228
Huhn
271
250
203
Taube
81
83
99
Die Untersuchungszahlen bei Puten sind auf hohem Niveau.
Einzelne Betriebe nutzen im Rahmen der eigenen Kontrolle bei
der Neueinstallung regelmäßig die Möglichkeit, die
auftreten-
den Verluste untersuchen zu lassen, um einen Überblick über die
vorhandenen Erreger und die Resistenzen zu bekommen.
Bei der Untersuchung von Hühnern ist seit 3 Jahren ein leich-
ter Rückgang zu verzeichnen. Insbesondere in der Klein- und
Hobbyhaltung ist - aufgrund der Bedeutung für die
Nutzgeflü-
gelhaltung - das Wissen um den Gesundheitsstatus und ausge-
wählter tierseuchenrechtlich relevanter Parameter von Bedeu-
tung. Neben Untersuchungen zur Überwachung des Impferfolgs
gegen die Atypische Geflügelpest wurde von der Sächs. TSK ein
Programm zur Untersuchung auf Mareksche Krankheit aufge-
legt. Das Programm muss weiter propagiert werden. Im ganzen
Jahr kamen nur 9 Einsendungen mit insgesamt 12 Proben im
Rahmen dieses Programms zur Untersuchung.
Dottersackentzündung und Enteritis sind mit je 60 % die
häu-
figsten Diagnosen bei den Küken. In der Regel kommen sie
ge-
meinsam vor. Bei den Hühnern fanden sich in 38 % parasitär
bedingte Krankheiten, 27 % Darmerkrankungen, 25 %
Virus-
infektionen (11 % Mareksche Krankheit, 6 % Leukose), 24 %
bakterielle Infektionen, 20 % Atemwegserkrankungen, 19 %
Lebererkrankungen, 11 % Erkrankungen des Urogenitalsystems
und 7 % Herz-Kreislauferkrankungen.
Bienenkrankheiten
Im Berichtsjahr wurden 773 Proben bakteriologisch auf
Ameri-
kanische Faulbrut
untersucht. Bis zu 5 Proben werden i. d. R. zu
einer Sammelprobe vereinigt.
Paenibacillus larvae
wurde in 84
Proben aus 36 Einsendungen aus 22 Beständen nachgewiesen.
17 Proben betrafen 5 Einsendungen von Brutwaben, 4
Einsen-
dungen von Tierkörpern und eine Einsendung von Gemüll. Die
restlichen positiven Proben betrafen Futterkranzproben. Proben
aus 9 Imkereien wiesen einen hochgradigen Gehalt an
Paeni-
bacillus larvae auf. Die Nachweise konzentrierten sich auf drei
Regionen in Sachsen (Stadt Chemnitz, Landkreis Leipzig, Erzge-
birgskreis). Die amerikanische Faulbrut ist eine anzeigepflichtige
Tierseuche. 7 Faulbrutausbrüche wurden amtlich festgestellt (s.
Abb. 3.3). Zwei „Faulbrutbestände“ aus 2011 waren auch bei
der Untersuchung nach der Sanierung in 2012 noch schwach
positiv. Im Bereich Mittelsachsen wurden mehrere Proben mit
schwachen Sporengehalten gefunden. Faulbrut war bei der
Nachuntersuchung durch den Amtstierarzt klinisch nicht
nach-
weisbar.
Die Konzentration der Nachweise auf jeweils einen
einge-
schränkten Bereich ist ein Indiz dafür, dass die Erkrankung erst
erkannt wird, wenn sie sich bereits ausgebreitet hat. Es be-
steht also Schulungsbedarf auf diesem Gebiet. Anlässlich des
Faulbrutausbruchs im Landkreis Leipzig organisierte das LÜVA
eine Informationsveranstaltung in Naunhof, bei der auch die
LUA mitwirkte. Im November wurde eine länderübergreifende
Schulungsveranstaltung für Bienenseuchensachverständige am
Standort Leipzig durchgeführt.
Zwei Proben mit Brutveränderungen wurden an das nationale
Referenzlabor weitergeleitet, da die bakteriologische Untersu-
chung auf Amerikanische Faulbrut negativ verlaufen war. In den
Proben wurde
Sackbrutvirus
nachgewiesen. Die Infektion mit
dem Sackbrutvirus ist eine wichtige Differenzialdiagnose zur
Amerikanischen Faulbrut. Bei der Sackbrutvirusinfektion bleibt
die Larvenhülle intakt und die Innereien werden verflüssigt,
wo-
hingegen bei der Amerikanischen Faulbrut die ganze Larve zu
einer fadenziehenden Masse zersetzt wird (s. Abb. 3.4).
Zwei Proben wurden im Juni mittels Elektronenmikroskopie
untersucht. Dabei wurden Viruspartikel nachgewiesen, die als
Chronisches Paralysevirus
interpretiert wurden.
In 10 Proben aus 5 Einsendungen wurden
Nosema sp.
mikros-
kopisch nachgewiesen.
Varroa
wurde in 4 Proben aus 3
Einsen-
Abbildung 3.3:
Amtliche Feststellungen von Amerikanischer Faulbrut in
Sachsen 2012 (Quelle: TSN)
Abbildung 3.4:
links Amerikanische Faulbrut, rechts Sackbrut

image
image
image
50 │
dungen diagnostiziert. Die Varroamilbe ist im ganzen Freistaat
verbreitet. Die Imker erkennen die Milben in der Regel selbst. Die
Bekämpfung wird durch die Sächs. TSK durch die Bereitstellung
von Medikamenten gefördert. In der Regel sind eine Behandlung
im Herbst und eine im Winter erforderlich.
Fischkrankheitsdiagnostik
2012 wurden 687 Fische zur pathologisch-anatomischen Unter-
suchung eingeliefert, davon 369 Nutzfische (53,63 %), 33
Wild-
fische (4,80 %), 60 Versuchsfische (8,72 %) und 226 Zierfische
(32,85 %).
Anzeigepflichtige Fischseuchen bzw. meldepflichtige
Fisch-
krankheiten konnten im Sektionsmaterial nur relativ selten fest-
gestellt werden. Bei 10 Karpfen aus zwei Beständen und bei 5
Kois aus 5 Beständen wurden KHV-Infektionen nachgewiesen. 7
Regenbogenforellen aus einem Bestand wurden vorberichtlich
mit dem Verdacht auf VHS-Infektion nach Zukauf eingesandt.
Sie zeigten pathologisch-anatomisch typische Symptome einer
viralen Infektion (s. Abb. 3.5). In der anschließenden
virologi-
schen Untersuchung mittels Virusanzucht,
Immunfluoreszenz-
test sowie PCR konnte der VHS-Verdacht bestätigt werden.
Bei den zur Sektion eingelieferten Karpfen dominierten, wie be-
reits in den vorangegangenen Jahren, die parasitären Erkran-
kungen. Dabei standen Ektoparasitosen und Myxosporosen im
Vordergrund.
Die aus einer Versuchsfischzucht stammenden Zebrabärblinge
waren an Fischtuberkulose bzw. Mikrosporidien-Infektionen er-
krankt.
Interessant waren Metazerkarien-Nachweise in der
Muskula-
tur von Flussbarschen. Sie kamen in dem betroffenen Gewässer
offensichtlich häufig vor und konnten Saugwürmern der
Klas-
se der Digenea der Gattung Climostomum zugeordnet werden
(s. Abb. 3.6).
Abbildung 3.5:
VHS bei einer Regenbogenforelle
Abbildung 3.6: Metazerkarien in der Muskulatur eines Flußbarsches
(Foto: Kluß, Anglerverband „Elbflorenz“ Dresden e.V.)
Wildtierkrankheiten
Tollwut
Mit der Novellierung der Tollwutverordnung im Oktober 2010
erfolgt das Tollwutmonitoring nur noch an verendet
aufge-
fundenen, kranken, verhaltensgestörten oder anderweitig
auf-
fälligen erlegten, wild lebenden Füchsen, Marderhunden und
Waschbären. In der LUA wurden im Jahr 2012 insgesamt 385
Proben auf Tollwutvirus untersucht, wobei die Füchse mit ca.
71 % den größten Anteil einnahmen.
Bei einer Breitflügelfledermaus aus dem Landkreis Leipzig
wur-
de Fledermaustollwutvirus nachgewiesen. Der Virusnachweis
erfolgte mittels eines Immunfluoreszenztests am
Gehirngewe-
be (Ammonshorn, Kleinhirn und Hirnstamm, Abb. 3.7) und dem
Nachweis tollwutvirusspezifischer Nukleinsäure mittels PCR.
Durch das NRL wurde das Isolat als
EBLV1
(
European Bat Lys-
savirus 1; Genotyp 5
) charakterisiert. Einen weiteren Fall gab
es im Stadtgebiet Chemnitz (Untersuchungen nicht an der LUA
Sachsen).
Damit wurde nach mehr als 10 Jahren in Sachsen wieder
Toll-
wutvirus nachgewiesen. Die letzten Tollwutfälle in Sachsen gab
es 2002 (2 Fledermäuse) und 2001 (4 Füchse) im Bereich der
Landesdirektion Dresden (s. Homepage LUA, Tab. 3.5).
Deutsch-
land gilt nach Definition der OIE seit 2008 als frei von
terres-
trischer Tollwut. Die Feststellung von Fledermaustollwut hat
keinen Einfluss auf den tollwutfreien Status der Wild- und
Haustierpopulation. Der Nachweis von Fledermaustollwut
un-
terstreicht die weiterhin bestehende Bedeutung dieser Erkran-
kung und die Notwendigkeit der Einhaltung entsprechender
Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit Fledermäusen.
Tollwutviren gehören zum Genus
Lyssavirus
aus der Familie
der Rhabdoviren. Neben der durch das klassische Tollwutvirus
(Genotyp 1) ausgelösten terrestrischen Tollwut gibt es in der
europäischen Fledermauspopulation einen eigenen, durch Fle-
dermaustollwutviren unterhaltenen Infektionszyklus mit den
Genotypen 5 und 6 (EBLV 1 und 2) als Erreger. Infektionen von
anderen Säugetieren und auch dem Menschen sind selten, aber
beschrieben.
Tollwutviren sind neurotrop und verbreiten sich nach der
Infek-
tion z. B. durch Biss entlang der Nervenbahnen innerhalb von
2 - 8 Wochen zum Gehirn. Dort führen sie zu Entzündungsre-
aktionen und zum Untergang von Nervenzellen, verbunden mit
den typischen zentralnervösen Störungen wie Lähmungen,
Ver-
Abbildung 3.7:
Tollwutvirusnachweis im Gehirn einer Fledermaus mittels
Immunfluoreszenztest

image
image
│51
haltensänderungen oder Speicheln (Schlucklähmung). Eine
Aus-
breitung erfolgt weiterhin in die Tränen- und Speicheldrüsen.
Tollwut (sowohl klassische als auch Fledermaustollwut) ist nach
Ausbruch der klinischen Symptomatik prinzipiell nicht heilbar
und endet bei Mensch und Tier tödlich. Ein Therapieversuch
nach dem sogenannten „Wisconsin-Protokoll“ mit künstlichem
Koma, aktiver und passiver Immunisierung und antiviraler
The-
rapie kann aus Mangel an Therapiealternativen beim Menschen
unternommen werden. Allerdings ist nur im Einzelfall (ein 15-
jähriges Mädchen aus Wisconsin; Willoughby RE Jr et al.:
Sur-
vival after treatment of rabies with induction of coma, N Engl J
Med 2005, 2508–2514) ein Überleben dokumentiert.
Der beste Schutz vor Tollwut ist die Vermeidung von Kontakt zu
(verdächtigen) Wild- und Haustieren. Im Falle eines Bisses oder
Kratzers ist umgehend ein Arzt bzw. eine Impfberatungsstelle
zu konsultieren. Dieser/diese wird bei begründetem Verdacht
eine umgehende nachträgliche Impfung einleiten. Berufliche
Risikogruppen ebenso wie Hunde und Katzen sollten regelmäßig
prophylaktisch geimpft werden. Auch bei Auslandsreisen ist an
die Gefahr einer Tollwutinfektion zu denken. Dies beinhaltet den
möglichen Import eines symptomlosen, aber infizierten Tieres
(Hund/Katze) während der Inkubationszeit aus den Südländern.
Tollwut unterliegt bei Tieren der Anzeigepflicht und beim
Men-
schen der Meldepflicht.
Brucellose bei Wildschweinen
Brucellose ist bei Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen
an-
zeigepflichtig. Brucellen sind in der sächsischen
Schwarzwild-
population seit Jahren endemisch.
Im Berichtszeitraum wurden in den Landkreisen Mittelsachsen
(3 x) und Görlitz (2 x) Brucellen aus Organmaterial von
Wild-
schweinen angezüchtet (s. Abb. 3.8), mittels PCR bestätigt und
vom NRL als
Brucella suis Biovar 2
charakterisiert.
Sachsens Wildschweine stellen daher einen potentiellen Infek-
tionsherd für die Nutztierbestände dar. Deshalb ist eine
ausrei-
chende seuchenhygienische Abschirmung der Bestände und ver-
ordnungskonforme Untersuchung von Blutproben, Abort- und
Organmaterial bei Haus- und Wildtieren unerlässlich. Jagdaus-
übende sollten sich über das zoonotische Potential bewusst sein
und entsprechende Maßnahmen zum Selbstschutz und zur Ver-
hinderung der Verschleppung des Erregers durchführen.
Abbildung 3.8:
Brucella suis Kultur (Rinderblutagar nach 3 Tagen
mikroaero-
philer Bebrütung)
Aujeszkysche Krankheit
Im vergangenen Jahr wurden 6.842 Blutproben von
Wildschwei-
nen auf Antikörper gegen das Suid Herpesvirus 1 (SHV1), den
Erreger der bei Hausschweinen anzeigepflichtigen Aujeskyschen
Krankheit untersucht. 2.032 Proben wiesen ein positives Ergeb-