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Jahresbericht
der Gewerbeaufsicht des
Freistaates Sachsen 2008

Jahresbericht
der Gewerbeaufsicht des
Freistaates Sachsen 2008

4
Inhalt
1
Allgemeiner Teil
8
1.1 Organisation, Personal
8
1.1.1
Organisation
8
1.1.2 Personal
9
1.2 Übersicht über Tätigkeiten und Ergebnisse
9
1.2.1 Statistik über die Tätigkeit der Arbeitsschutzbehörden
9
1.2.2 Drei Jahre Arbeitsschutz-Allianz Sachsen
11
1.2.3 Schwerpunktthemen - Übersicht
12
1.2.4 ”Gesunde Arbeitsplätze. Ein Gewinn für alle. –
Die EU-Kampagne 2008/ 2009 zur Gefährdungsbeurteilung“
13
1.2.5 Tödliche und schwere Arbeitsunfälle 2008
14
1.3 Zusammenarbeit mit anderen Stellen
15
1.3.1 Länderübergreifender Erfahrungsaustausch zur Marktüberwachung
15
1.4 Öffentlichkeitsarbeit
16
1.4.1 Fachveröffentlichungen/Fachveranstaltungen
16
2
Technischer Arbeitsschutz, Unfallverhütung und Gesundheitsschutz
18
2.1 Arbeitsschutzorganisation
18
2.1.1 Schwerpunktrevisionen Unfallgeschehen
18
2.1.2 Zehn Jahre Baustellenvorankündigungen –
eine Einschätzung der quantitativen und qualitativen Entwicklung
20
2.1.3 Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Bürgerkontakt -
auch zu psychosozialen Belastungen
21
2.1.4 Neue Sicherheitskultur - ein Erfolgsfaktor im Kampf gegen auffällige
Häufung von Arbeitsunfällen
23
2.2 Arbeitsplätze, Arbeitsstätten, Ergonomie
25
2.2.1 Schwerpunktaktion Baustellenkontrollen
25
2.2.2 Schwerpunktaktion „Absturzsicherung – Aktion Gerüste“
27
2.2.3 Verringerung von Muskel-Skelett-Erkrankungen durch Fortbildung
der Gewerbeaufsicht zur Leitmerkmalmethode „Manuelle Arbeitsprozesse“
32
2.2.4 Anwendung der Leitmerkmalmethode zur Erfassung von physischen
Belastungen bei manuellen Arbeitprozessen bei Uhrmachern
33
2.2.5 Luftdrehkreuz der Postexpresstochter DHL nimmt Volllastbetrieb auf
34
2.2.6 Auswirkungen mangelhaft erstellter Gefährdungsbeurteilungen auf Baustellen
35
2.2.7 Großbaustelle Universitätsklinikum Leipzig - Herausforderung für Organisation
und Koordination eines unfallfreien Bauablaufs
37
2.2.8 Zweite Tunnelröhre des City-Tunnels-Leipzig erfolgreich fertig gestellt –
ein Rückblick aus sicherheitstechnischer und arbeitsschutzrechtlicher Sicht
38
2.2.9 Sanierung des Völkerschlachtdenkmals mit Gerüstsonderkonstruktionen
39
2.2.10 Todesfalle Kopfloch
40
2.2.11 Photovoltaikanlage auf `s Dach – mitunter ein Wagnis
41
2.2.12 Behindertenwerkstätten – hier sind Umsicht und Einfühlungsvermögen gefragt
43

5
2.3 Arbeitsmittel, Medizinprodukte
44
2.3.1 Nicht nur Gutes kommt von oben! -
Unachtsamkeit beim Umgang mit Lasthebemagneten
44
2.3.2 Warum erst aus Schaden klug werden? -
Brand an einer Silan-Flaschenversorgungsanlage
45
2.3.3 Gefährdungsbeurteilung für Hand-Arm-Vibrationen in einem Forstbetrieb
46
2.3.4 Umgang mit selbstfahrenden Schwenkarmbühnen - noch immer nicht sicher!
48
2.4 Überwachungsbedürftige Anlagen
49
2.4.1
Aktualität von Explosionsschutzdokumenten bei nachträglicher Errichtung
von Gas- und Bioethanoltankstellen
49
2.4.2 Flüssiggasbehälter vor Brandlasten schützen
51
2.4.3 Was lange währt wird gut? - Der schwierige Weg zur Anpassung des
Notrufsystems eines Aufzugs an den Stand der Technik
52
2.5 Gefahrstoffe
53
2.5.1 Sächsische Arbeitsschutzbehörden informieren sich im
Max-Bergmann-Zentrum der TU Dresden über Nanotoxikologie
53
2.5.2 Gesundheitsgefährdung beim Glasieren von Ofenkacheln mit bleihaltigen Glasuren
54
2.5.3 Hohe Bleibelastung in einer Kunstglaserei
56
2.5.4 Sanierung schwermetallbelasteter Industriebrachen
57
2.5.5 Fotovoltaik auf Asbestzement – billiger aber nicht nachhaltig
58
2.6 Explosionsgefährliche Stoffe
60
2.6.1
Überprüfung der Durchführung von Feuerwerken und der
Sicherheit von Abbrennplätzen
60
2.6.2 Schwerpunktaktion Pyrotechnik - Kontrollen von Verkaufseinrichtungen für
pyrotechnische Gegenstände der Klassen PI und PII zum Jahreswechsel 2008/2009
61
2.6.3 Büchsenmacher wurde die sprengstoffrechtliche Erlaubnis entzogen
63
2.6.4 Sprengabbruch eines Bandbrückenfeldes
64
2.7 Biologische Arbeitsstoffe
66
2.7.1
Belastung durch Biologische Arbeitsstoffe an Dauerarbeitsplätzen in
Recyclingunternehmen und Umsetzung der TRBA 214
66
2.7.2
MRSA – Eine neue Zoonose?
67
2.8 Beförderung gefährlicher Güter
68
2.8.1 Beförderungsgenehmigung für radioaktive Stoffe Eine Medaille – zwei Seiten
68
2.9 Psychische Belastungen
69
2.9.1
Wie groß ist das Problem „Mobbing“?
69
3
Technischer Verbraucherschutz / Marktüberwachung
71
3.1 Geräte- und Produktsicherheit
71
3.1.1
Schwerpunktaktion „Marktüberwachung nach dem Geräte- und
Produktsicherheitsgesetz (GPSG)“ der Gewerbeaufsicht Sachsen im Jahr 2008
71
3.1.1.1 Produkte, die in Kleinmengen oder als Nebenprodukte hergestellt werden
72
3.1.1.2 Großhändler mit Sonderposten
73
3.1.1.3 Sicherheit von Lichterketten zur Verwendung in Innenräumen – Zwischenbericht –
74

6
Inhalt
3.1.1.4
Sicherheit von Quellspielzeug
75
3.1.1.5
Sicherheit von Spielplatzgeräten
78
3.1.2
Bericht über die reaktive Marktüberwachung in Sachsen
79
3.1.3
Ressourcenknappheit erfordert neue Wege in der Marktaufsicht
80
3.1.4
Mangelhafte Umsetzung der EG-Maschinenrichtlinie durch den Hersteller
begründet ernstes Risiko
81
3.1.5
Sicherheits- und Gesundheitsschutzkennzeichnung –
ein Thema für die Marktaufsicht?
82
3.2 Inverkehrbringen gefährlicher Stoffe und Zubereitungen
83
3.2.1
Internethandel – Überwachung des Inverkehrbringens von gefährlichen Stoffen
und Zubereitungen – Bombenbastler haben keine Chance
83
3.2.2
Neue Vorschriften zum Inverkehrbringen gefährlicher Stoffe und Zubereitungen
85
3.3 Medizinprodukte
86
3.3.1
Vorkommnis beim Einsatz mit einem Patientenlifter
86
3.3.2
Probleme beim Inverkehrbringen von Medizinprodukten –
Zeitaufwendig und langwierig –
87
4
Sozialer Arbeitsschutz
89
4.1
Arbeitszeit
89
4.1.1
Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes – Arbeitszeit in Krankenhäusern
89
4.1.2
Arbeitszeitgesetz auch bei auftragsbezogenen Arbeiten mit terminlichen
Dringlichkeiten beachten
90
4.1.3
Arbeitszeitverstöße bei Inventuren in einer großen Handelskette
91
4.1.4
Arbeitszeitregelung einer Sanitärfirma für Montagebaustellen
92
4.2 Sozialvorschriften im Straßenverkehr
93
4.2.1
Neuerungen im Fahrpersonalrecht beim Tag der Ladungssicherheit vorgestellt
93
4.2.2
Missachten der Sozialvorschriften für das Fahrpersonal kann tödlich sein
94
4.3 Kinder- und Jugendarbeitsschutz
95
4.3.1
Tätigkeitsbericht des Landesausschusses für Jugendarbeitsschutz
95
4.3.2
Jugendarbeitsschutzkonferenz in Boxberg
96
4.3.3
Nachtarbeit im ersten Ausbildungsjahr
98
4.3.4
Verstoß gegen Jugendarbeitsschutz wird bestraft
99
4.4 Mutterschutz
100
4.4.1
Schwangere Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen
100
4.4.2
Messung der Exposition durch Radarstrahlung am Arbeitsplatz einer Schwangeren
101
4.4.3
Sozialer Arbeitsschutz zum Nulltarif
102
5
Arbeitsmedizin
102
5.1 Organisation, Personal
102
5.2 Übersicht über die Tätigkeiten und Ergebnisse
102
5.3 Zusammenarbeit mit anderen Stellen / Öffentlichkeitsarbeit
104

7
5.4 Berufskrankheiten
106
5.5 Arbeitsplatzbeurteilungen
110
5.6 Der besondere Fall
111
6
Anhang
114
Tab. 1
Personal der Arbeitsschutzbehörden laut Stellenplan 30.06.2008
(nur die besetzten Stellen)
114
Tab. 2
Betriebe und Beschäftigte im Zuständigkeitsbereich
115
Tab. 3.1 Dienstgeschäfte in Betriebsstätten
116
Tab. 3.2 Dienstgeschäfte außerhalb von Betriebsstätten
117
Tab. 4
Produktorientierte Darstellung der Tätigkeiten
118
Tab. 5
Marktüberwachung (aktiv/reaktiv) nach dem Geräte- und Produktsicherheitsgesetz
119
Tab. 6
Begutachtete Berufskrankheiten
120
Verz. 1
Bezeichnungen und Anschriften der Dienststellen der Arbeitsschutzbehörden
121
Verz. 2
Im Berichtsjahr erlassene Rechts- und Verwaltungsvorschriften von
besonderer Bedeutung
122
Verz. 3
Publikationen der sächsischen Arbeitsschutzverwaltung 2008
125
Impressum
126

8
1
Der Freistaat Sachsen hat im Be-
richtsjahr eine umfassende Reform
der Verwaltungsstrukturen vollzo-
gen. Damit einhergehend erfolgte
eine Neuordnung der Zuständigkei-
ten zwischen der staatlichen und
der kommunalen Ebene und eine
Verringerung der Zahl der Landkrei-
se im Freistaat. Hintergrund dessen
ist die demographische Entwick-
lung, die in den nächsten Jahren
zu einem Rückgang an Einnahmen
führen wird und Einsparungen gera-
dezu erzwingt.
Im Zuge der Verwaltungsreform wur-
den die Abteilungen Arbeitsschutz
unter Beibehaltung des zweistufigen
Aufbaus der Arbeitsschutzverwal-
tung von den Regierungspräsidien
Chemnitz, Dresden und Leipzig in
die Landesdirektion Dresden über-
führt und in einer Abteilung kon-
zentriert (
Abbildung 1
). Die Zentra-
lisierung der Aufsichtskräfte unter
Beibehaltung der bisherigen Stand-
orte erfolgte mit dem Ziel, den Auf-
sichtsdienst effizienter zu gestalten
und Einsparungen vor allem im ad-
ministrativen Bereich zu realisieren
ohne die territoriale Ankopplung an
die betreuten Betriebe und Unter-
nehmen aufzugeben.
Die Abteilung Arbeitsschutz der Lan-
desdirektion Dresden hat die lan-
desweite Zuständigkeit für den
Arbeitsschutz in den Bereichentech-
nischer, sozialer und medizinischer
Arbeitsschutz sowie für die Anla-
gensicherheit und den technischen
Verbraucherschutz. Die Fachaufsicht
obliegt dem Sächsischen Staatsmi-
nisterium für Wirtschaft und Arbeit.
Die Dienstaufsicht wird vom Sächsi-
schen Staatsministerium des Innern
wahrgenommen.
ALLGEMEINER
TEIL
1.1 Organisation, Personal
1.1.1
Organisation
Abb.1:
Organisationsstruktur der Arbeitsschutzverwaltung Sachsen
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Fachaufsicht
über
Außenstelle
Chemnitz
Außenstelle
Leipzig
Dienstsitz
Zwickau
Landesdirektion
Dresden
Abteilung Arbeitsschutz
Dienstsitz
Bautzen
Dienstsitz
Görlitz

9
1.1.2
Personal
Eine Übersicht über das Personal
der Arbeitsschutzverwaltung ist im
Anhang, Tabelle 1 enthalten. Die Ta-
belle gibt den Personalbestand am
30. Juni des Berichtsjahres wieder.
Danach ist der Personalbestand, vor
allem aufgrund von Altersabgängen
ohne Wiederbesetzung der Stelle,
gegenüber dem Vorjahr um zwölf
Stellen gesunken (
Abb. 2
). Das ent-
spricht einem Stellenabbau um fünf
Prozent. Gegenüber 2002 stehen
der Arbeitsschutzverwaltung 108,5
(33 Prozent) weniger Stellen zur
Erledigung der Pflichtaufgaben zur
Verfügung.
Mit der am 1. August wirksam ge-
wordenen Verwaltungsreform er-
gaben sich weitere Veränderungen
im Personalbestand durch die Ab-
ordnung von Bediensteten aus dem
Sächsischen Staatsministerium für
Wirtschaft und Arbeit an die Lan-
desdirektion Dresden, Abteilung Ar-
beitsschutz mit dem Ziel der späte-
ren Versetzung. Dies betraf:
>
drei Gewerbeärztinnen, eine Be-
rufskrankheiten-Sachbearbeiterin
>
vier Mitarbeiter der gewerbeauf-
sichtlichen Untersuchungsstelle,
>
drei weitere Bedienstete im mitt-
leren Dienst.
Eine detaillierte Übersicht über die
Dienstgeschäfte in Betrieben ist in
Tabelle 3.1 und außerhalb von Be-
triebsstätten in Tabelle 3.2 im An-
hang zu finden. Tabelle 4 enthält die
ausgeführte Tätigkeiten und dabei
berührte Sachgebiete. Die Akti-
vitäten der Arbeitsschutzbehörde
auf dem Gebiet der Produktsicher-
heit sind in Tabelle 5 dokumentiert.
Tabelle 6 gibt einen Überblick über
die von den Gewerbeärzten im
Berichtsjahr begutachteten Berufs-
krankheiten.
In Sachsen existierten im Berichts-
jahr 98 516 Unternehmen und Ein-
richtungen mit Arbeitnehmern, für
die die Arbeitsschutzbehörde in al-
len Belangen des Arbeits- und Ge-
sundheitsschutzes zuständig war.
Bei 8 546 Besichtigungen und In-
spektionen, 82 Messungen und
Analysen sowie 433 Unfall- bzw.
Berufskrankheitenuntersuchungen
revidierten die Bediensteten 8 102
Betriebsstätten (
Abb. 3
). In Betrie-
ben ohne Arbeitnehmer (46 494)
konzentrierte sich die Tätigkeit der
Bediensteten vor allem auf die Ein-
haltung der Vorschriften beim Um-
gang mit Gefahrstoffen und den
sicheren Betrieb technischer Anla-
gen und Einrichtungen.
1.2 Übersicht über tätigkeiten und Ergebnisse
1.2.1
Statistik über die Tätigkeit der Arbeitsschutzbehörden
Jahr
Stellenanzahl
2002
325
2003
310
2004
289
2005
255
2006
234
2007
228,5
2008
216,5
Abb.2:
Personalentwicklung in der Arbeitsschutz-
verwaltung

10
Abb.5:
Überwachungs- und Präventionsmaßnahmen in
ausgewählten Sachgebieten des Arbeitsschutzes
Die Aufsichts- und Beratungstätig-
keit in den Betrieben hatte vorran-
gig die Überprüfung der einschlägi-
gen Arbeitsschutzvorschriften und
die Beratung der Unternehmer und
Beschäftigten zur richtigen Umset-
zung der Arbeitsschutzanforderun-
gen zum Ziel.
Dazu waren die Bediensteten bei
10 826 Dienstgeschäfte in Betriebs-
stätten und 8 235 Dienstgeschäften
außerhalb von Betriebsstätten tätig.
Die Dienstgeschäfte in Betriebsstät-
ten konzentrierten sich auf die in
Abbildung 4
dargestellten Revisions-
schwerpunkte.
Außerhalb von Betriebsstätte stan-
den 7 261 Dienstgeschäfte bei
6 985 Besichtigungen und Inspek-
tionen auf Baustellen im Vorder-
grund. Dabei waren 6 906 Mängel
und Beanstandungen festzustellen.
Es ergingen 586 Anordnungen zur
Beseitigung der Mängel und in 18
Fällen wurde aufgrund der Schwere
der Verstöße ein Ordnungswidrig-
keitenverfahren eingeleitet oder der
Verdacht einer Straftat zur Anzeige
gebracht.
79 Prozent (47 604) aller Überwa-
chungs- und Präventionsmaßnahmen
in Betriebsstätten erfolgten zu Sach-
verhalten im technischen Arbeits-
schutz (
Abb. 5
). Bei elf Prozent der
Begehungen (6 839) wurde die Ein-
haltung sozialer Arbeitsschutzvor-
schriften kontrolliert.
Die bei den Betriebsbegehungen
vorgefundenen 39 469 Mängel und
Beanstandungen (
Abb. 6
) bezogen
sich zu 89 Prozent auf den techni-
Wirtschaftszweig
aufgesuchte
Dienstgeschäfte
Betriebe
Handel
1 715
2 357
Hochschulen,
Gesundheitswesen
1 238
1 563
Gaststätten, Beherbergung
630
703
Dienstleistung
565
636
Verwaltung
528
887
Kraftfahrzeugreparatur;
-handel, Tankstellen
509
574
Bau, Steine, Erden
416
520
Metallverarbeitung
385
581
Nahrungs- und
Genussmittel
368
496
Holzbe- und -verarbeitung
321
376
1% Messungen/ Probenahmen/
Analysen/ Ärztl. Untersuchungen
5% Untersuchungen von
Unfällen/ Berufskrankheiten
94% Besichtigungen / Inspektionen
Abb.3:
Tätigkeiten bei Betriebsrevisionen
Abb.4:
Revisionsschwerpunkte in Betrieben nach Wirtschaftszweigen
Abb.6:
Beanstandungen in ausgewählten Sachgebieten
des Arbeitsschutzes
15% Arbeitsschutzorganisation
4% Arbeitsschutz
13% sonstige
8% Gefahrenstoffe
17% Arbeitsmittel,
Medizinprodukte
4%
Mutterschutz
28% Arbeitsplätze,
Arbeitsstätten,
Ergonomie
5% überwachungs-
bedürftige Anlagen
5% Arbeitsmedizin
6% Geräte-und Produktsicherheit
20% Arbeitsmittel, Medizinprodukte
9% Gefahrenstoffe
15% Arbeitsschutz-
oragnisation
34% Arbeitsplätze,
Arbeitsstätten,
Ergonomie
7% überwachungs-
bedürftige Anlagen
8% sonstige

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image
11
schen Arbeits- und Gesundheits-
schutz und zu elf Prozent auf den
sozialen Arbeitsschutz. Im überwie-
genden Teil der Fälle konnten Gefah-
renmomente und vorschriftswidrige
Zustände einvernehmlich mit den
Verantwortlichen im Betrieb besei-
tigt werden. In 1 084 Fällen kam es
zur Anwendung von Zwangsmaß-
nahmen bei der Durchsetzung der
Forderungen. In 4 478 Fällen waren
festgestellt Verstöße als Ordnungs-
widrigkeit einzustufen und mussten
geahndet werden. In fünf Fällen er-
folgte eine Anzeige wegen des Ver-
dachts auf eine Straftat.
1.2.2
Drei Jahre Arbeitsschutz-Allianz Sachsen
Abb 7:
Logo der Arbeitsschutzallianz Sachsen
Abb 8:
Infokarte der Kampagne “Gefährdungsbeurteilung”
Dipl.-Bibl. Carmen Scholtissek
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Die im November 2005 gegründete
Arbeitsschutz-Allianz Sachsen ist ein
freiwilliges Bündnis überbetrieblicher
Akteure (Unternehmerverbände, Kam-
mern, Gewerkschaften, Unfallversi-
cherungsträger, Arbeitsschutzbehör-
den). Unter den 30 Partnern der Alli-
anz bestand auch im dritten Jahr
ihres Bestehens Konsens darüber,
die Aktivitäten mit großer Intensität
fortzuführen.
Auf die folgenden drei Ziele wurde
dabei besonderer Wert gelegt:
>
Die Sensibilisierung von Arbeit-
gebern und Beschäftigten für
Belange des Arbeits- und Ge-
sundheitsschutzes
>
Die kompetente Beratung, Moti-
vierung und Aktivierung der Ver-
antwortlichen im Unternehmen
>
Die Verbreitung der Ergebnisse
und die Publizierung erfolgreicher
Praxismodelle
Die Umsetzung dieser Ziele erfordert
einerseits ein abgestimmtes Vor-
gehen der Allianz-Partner unterei-
nander und andererseits konkrete
Aktivitäten jedes einzelnen Partners.
Der Koordinierungsrat der Allianz
tagte im Frühjahr und im Herbst und
beriet aktuelle Arbeitsschutzthemen,
gemeinsame Veranstaltungen und
strategische Fragen, um das An-
liegen der Allianz noch gezielter an
Unternehmen und die Öffentlichkeit
heran zu tragen.
Über die Beratungsergebnisse wur-
den alle Allianz-Partner informiert.
Der Schwerpunkt der Arbeit wurde,
wie schon im Jahr davor, auf die Öf-
fentlichkeitsarbeit gelegt. Die Kampa-
gne „Gefährdungsbeurteilung“, in der
mehr als 95 000 Infokarten (
Abb. 8
)
an kleinere sächsische Unternehmen
mit bis zu 50 Beschäftigten versandt
wurden, war ein zentraler Punkt in
der Öffentlichkeitsarbeit. Die Wahr-
nehmung dieser Kampagne und die
Rückäußerungen durch die Unter-
nehmen waren sehr intensiv. Neben
einigen negativen Äußerungen war der
Gesamttenor dieser Aktion positiv.
Bereits zum zweiten Mal wurde ein
„Kalender Jugendarbeitsschutz“ auf-
gelegt, um die Zielgruppe der Aus-
zubildenden frühzeitig für das Thema
Arbeitsschutz zu sensibilisieren. Der
Versand erfolgte direkt an rund 55
sächsische Berufsschulen, mit der
Bitte, die Kalender möglichst direkt
an die Jugendlichen auszureichen.
Es ist einzuschätzen, dass auf die
geeignete und ansprechende Ge-
staltung des Kalenders künftig noch
mehr Wert gelegt werden muss, da-
mit er von den Auszubildenden auch
bewusst wahrgenommen wird.
Der Sächsische Handwerkstag, die
DGB-Konferenz „Her mit einem bes-
seren Jugendarbeitsschutz!“, der DGB-
Workshop „Arbeits- und Gesund-
heitsschutz in Zeiten prekärer
>

12
Beschäftigungsverhältnisse“ und die
Meisterfeier der Handwerkskammer
zu Leipzig sind Beispiele vernetzter
Aktivitäten zwischen SMWA und
Allianzpartnern, bei denen das An-
liegen eines guten Arbeits- und Ge-
sundheitsschutzes deutlich gemacht
wurde.
Im Oktober fand unter Teilnahme des
Staatsministers Jurk die jährliche Voll-
versammlung aller Allianz-Partner statt
- eine Möglichkeit des fachlichen Aus-
tausches untereinander.
Darüber hinaus wurde über
Themen wie
>
Wirtschaftliche Effekte von Arbeits-
und Gesundheitsschutz
>
Die Kampagne „Gefährdungsbe-
urteilung“
>
Das Projekt „Gesunde Arbeit“
>
Das Arbeitsschutzmanagement-
system EconoMed und
>
Fördermöglichkeiten für Arbeits-
schutzmanagementsysteme
informiert.
Mit der Broschüre „Gute Praxis der
Arbeitsgestaltung - Beispiele zum Ar-
beits- und Gesundheitsschutz“ wur-
den wiederholt engagierte sächsi-
sche Unternehmen vorgestellt, die
diese Philosophie schon umgesetzt
haben. Für sie nehmen Arbeits-
schutz und die Gesunderhaltung ih-
rer Mitarbeiter einen wichtigen Stel-
lenwert ein.
Resümierend sind für das dritte Al-
lianzjahr zahlreiche positive Aktivitä-
ten zu benennen. Unverzichtbar ist
jedoch ein noch stärkeres Engage-
ment aller Allianz-Partner, denn die
Sicherheit bei der Arbeit muss sich
vor Ort in den Betrieben weiter er-
höhen. Es ist außerdem notwendig,
die Zahl der Arbeitsunfälle und be-
ruflichen Erkrankungen zu senken.
Nicht zuletzt hat das positive Aus-
wirkungen auf die Wirtschaftlichkeit
von Unternehmen.
1.2.3
Schwerpunktthemen-Übersicht
Schwerpunktaktionen führen die Mit-
arbeiter der Arbeitsschutzverwaltung
regelmäßig durch, wenn besondere
Problemlagen im Arbeitsschutz er-
kannt wurden oder neue Regelun-
gen in einzelnen Bereichen in Kraft
getreten sind. Ziel ist dabei eine zeit-
weilig verstärkte Einflussnahme auf
das Sicherheitsniveau bzw. umfang-
reiche Überprüfung der Einhaltung
von Arbeitsschutzanforderungen. In
Bereichen wie dem Arbeitsschutz
auf Baustellen sind aufgrund der
speziellen Bedingungen besondere
Anstrengungen zur Aufrechterhal-
tung von Arbeits- und Gesundheits-
schutz am Arbeitsplatz notwendig.
Schwerpunktaktionen in diesen Be-
reichen sind deshalb von längerer
Dauer.
Im Jahr 2008 führten die sächsis-
chen Arbeitsschutzbehörden folgen-
de Schwerpunktaktionen durch:
>
Aktionsprogramm Baustellen
(in Zusammenarbeit mit BG’en),
>
Aktionsprogramm Marktüberwa-
chung nach dem GPSG,
>
Aufbereitung von Medizinprodukten,
>
Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes
– Arbeitszeit in Krankenhäusern,
>
Stand und Aktualität von Explo-
sionsschutzdokumenten (Plausi-
bilitätsprüfung) im Zusammen-
hang mit der nachträglichen
Einrichtung von Gastankstellen
im Bereich vorhandener Mineral-
öltankstellen bzw. der Nachrüs-
tung von Tankstellen mit Lager-
behältern und Abgabeeinrichtung
für Bioethanol,
>
Arbeitsschutz bei Tätigkeiten mit
beabsichtigt hergestellten Nano-
materialien (Fortsetzung),
>
Überprüfung der Durchführung
von Feuerwerken und der Si-
cherheit von Abbrennplätzen“ (in
Zusammenarbeit mit den zustän-
digen kommunalen Behörden),
>
Prüfung der Einhaltung der Be-
triebsanforderungen von Flüssig-
gaslagerbehältern,
>
Überprüfung von Tätigkeiten mit
Gefahrstoffen im Baugewerbe,
>
Kontrolle von Getränkeschank
anlagen.

image
13
1.2.4
„Gesunde Arbeitsplätze. Ein Gewinn für alle. - Die EU-Kampagne
2008/2009 zur Gefährdungsbeurteilung“
Jedes Jahr ereignen sich in der Eu-
ropäischen Union ca. 5 700 tödliche
Arbeitsunfälle, ca. weitere 160 000
Arbeitnehmer sterben laut Internatio-
naler Arbeitsorganisation europaweit
an Berufskrankheiten. Nimmt man
diese beiden Zahlen zusammen, ist
davon auszugehen, dass alle drei-
einhalb Minuten ein Mensch in der
EU an arbeitsbedingten Ursachen
verstirbt. Außerdem werden jährlich
Hunderttausende von Arbeitneh-
men am Arbeitsplatz verletzt; andere
werden wegen Stress, Arbeitsüber-
lastung oder Muskel-Skelett-Erkran-
kungen krank. Menschliches Leid,
die Belastung der Gesundheitssys-
teme und Produktionsausfälle sind
die Folgen.
Die meisten dieser arbeitsbedingten
Unfälle und Erkrankungen können
verhindert werden, und der erste
Schritt in diese Richtung besteht in
der Gefährdungsbeurteilung. Dies
ist die Botschaft von „Gesunde Ar-
beitsplätze. Ein Gewinn für alle“, der
europaweiten Informationskampag-
ne zur Gefährdungsbeurteilung, die
von der Europäischen Agentur für
Sicherheit und Gesundheitsschutz
am Arbeitsplatz (EU-OSHA) für den
Zeitraum 2008 bis 2009 initiiert wur-
de. Vor allem Klein- und Mittelbetrie-
be sollen für die Bedeutung und
praktische Notwendigkeit der Be-
urteilung der bei der Arbeit entste-
henden Gefährdungen sensibilisiert
werden.
Die Notwendigkeit zur Verbesserung
der Gefährdungsbeurteilung und ih-
rer praktischen Umsetzung wurde
durch die Überprüfung der EU-Rah-
menrichtlinie 89/391/EWG und ihrer
nachfolgenden fünf „Tochterrichtlini-
en“ erkannt. Bei dieser Überprüfung
zeigte sich – insbesondere in Klein-
und Mittel-Unternehmen – ein gene-
reller Mangel an Kenntnissen in Be-
zug auf die Anforderungen sowie die
Art und Weise der Durchführung der
Gefährdungsbeurteilung. Als Defizite
sind vor allem zu nennen:
>
Gefährdungsbeurteilungen
werden teilweise überhaupt nicht
durchgeführt
>
Gefährdungsbeurteilungen er-
folgen nicht vollständig, sondern
zumeist unter dem Gesichtspunkt
der offensichtlichen und akuten
Gefährdungen; Langzeitwirkun-
gen, wie beispielsweise Muskel-
Skelett-Erkrankungen, werden
vernachlässigt
>
psychosoziale und arbeitsorga-
nisatorische Faktoren finden sel-
ten Berücksichtigung
>
Gefährdungsbeurteilungen sind
oftmals eine einmalige Aktion,
eine Wiederholung zur Anpas-
sung an sich ändernde Gege-
benheiten erfolgt selten
>
Gefährdungen werden nicht un-
ter Einbeziehung der Beschäftig-
ten analysiert, infolgedessen wer-
den unkoordinierte und nicht ak-
zeptierte Maßnahmen eingeführt.
Arbeitgeber sind moralisch und ge-
setzlich verpflichtet, die Sicherheit
und Gesundheit der Beschäftigten in
Bezug auf alle mit der Arbeit verbun-
denen Gefährdungen zu gewähr-
leisten. Gemäß Arbeitsschutzgesetz
gehört die Gefährdungsbeurteilung
zu den Grundpflichten des Arbeitge-
bers. Als Teil eines guten Manage-
mentkonzepts ermöglicht die Gefähr-
dungsbeurteilung dem Arbeitgeber
wirksame Maßnahmen, mit denen
Arbeitsunfälle oder Erkrankungen
sowie damit verbundene Ausfall-
zeiten vermieden werden. Folglich
bringt die Gefährdungsbeurteilung
den Unternehmen eine Reihe von
Vorteilen, Fehlzeiten und Versiche-
rungskosten nehmen ab, während
die Motivation und die Produktivität
der Arbeitnehmer steigen.
Die europäische Kampagne 2008/
2009 bietet die Möglichkeit, auch
Sachsens Arbeitsplätze durch eine
bessere Gefährdungsbeurteilung si-
cherer und gesünder zu machen. So
wurden zur Umsetzung der Kampa-
gne in Sachsen 95.000 Infokarten
vom Sächsischen Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit versendet.
Die Infokarte soll auf die Notwen-
digkeit der Gefährdungsbeurteilung
hinweisen und den Betrieben helfen,
ihrer gesetzlichen Verpflichtung nach
§ 5 des Arbeitsschutzgesetzes nach-
zukommen, bestehende Gefährdun-
gen bei der Arbeit, also Unfall- und
Gesundheitsrisiken, zu ermitteln und
geeignete Maßnahmen zu deren Be-
seitigung einzuleiten. Unterstützung
erhalten die Unternehmen dabei von
der Abteilung Arbeitsschutz der Lan-
desdirektion Dresden sowie den
>
Dr. Karla Heinicke
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit

image
14
zuständigen Berufsgenossenschaf-
ten. Zahlreiche Unternehmen haben
sich darauf hin telefonisch gemeldet
und um Rat gebeten.
Als Handlungshilfe wurde vom SMWA
die Broschüre „Gefährdungsbeurtei-
lung in Betrieben“ in aktualisierter
Form zur Verfügung gestellt. Diese
beinhaltet neben methodischen Hin-
weisen auch viele Links zu prakti-
schen Umsetzungshilfen für die Ge-
fährdungsbeurteilung.
Darüber hinaus findet die Broschüre
„Arbeits- und Gesundheitsschutz in
kleinen Unternehmen“ guten Anklang
bei den Unternehmen. Die Überprü-
fung der Wirksamkeit der Kampagne
ist geplant.
Abb.10:
Verteilung der Anzahl der Arbeitsunfälle nach
Wirtschaftszweigen (Basis: tödliche und schwere Arbeits-
unfälle, gesamt; Angaben in Klammern beziehen sich
auf das Vorjahr)
Abb.11:
Verteilung der Anzahl der Arbeitsunfälle nach Unfall-
vorgängen (Basis: tödliche und schwere Arbeitsunfälle,
ge-samt; Angaben in Klammern beziehen sich auf das Vorjahr)
43% (37%) verarbeitendes Gewerbe
5% (5%) Land. und Forstwirtschaft
16% (17%)
Dienstleistungen
32% (37%)
Baugewerbe
1% (1%) sonstige
Wirtschaft
3% (3%) öffentliche
Verwaltung
12% (10%) Kollision mit Fahrzeuge(teil)en
20% (22%) Umgang mit Maschinen und Anlagen
1% (2%) elektrischer
Strom
28% (27%)
Absturz
22% (17%) herab-
stürzende Teile
8% (5%) Brand/
Explosion
9% (5%)
Sonstige
Arbeitsunfälle
2003
2004
2005
2006
2007
2008
tödiche Arbeitsunfälle
am Arbeitsplatz
26
17
15
23
16
18
schwere Arbeitsunfälle
am Arbeitsplatz
162
186
182
196
23
184
Gesamt
188
203
197
219
25
202
1.2.5
Tödliche und schwere Arbeitsunfälle 2008
Dipl.-Ing. (FH) Ines Käschel
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Für das Kalenderjahr 2008 wurden
18 tödliche und 184 schwere Ar-
beitsunfälle am Arbeitsplatz gemel-
det (
Abb. 9
). Während sich die An-
zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ge-
genüber dem Vorjahr um zwölf Pro-
zent (+ zwei Fälle) erhöhte, sank die
Anzahl der schweren Arbeitsunfälle
um 22 Prozent (- 51 Fälle).
Insgesamt (tödliche und schwere Ar-
beitsunfälle zusammen) verringerte
sich die Anzahl im Jahre 2008 ge-
genüber dem Vorjahr um 20 Prozent
(- 49 Fälle). Damit stoppte erstmalig
der seit 2003 anhaltende Trend des
stetigen Anstiegs der tödlichen und
schweren Arbeitsunfälle am Arbeits-
platz.
Mit 87 Fällen ereigneten sich die
meisten der tödlichen und schweren
Arbeitsunfälle am Arbeitsplatz im
verarbeitenden Gewerbe (
Abb. 10
).
Den größten Rückgang der tödlichen
und schweren Arbeitsunfälle verzeich-
nete 2008 das Baugewerbe.
Hier verringerte sich die Anzahl um
30 Prozent (- 28 Fälle).
Abb.9:
Gemeldete tödliche und schwere Arbeitsunfälle im Freistaat Sachsen

image
15
Abb.12:
Verteilung der Anzahl der Arbeitsunfälle nach Absturz-
stelle (Basis: tödliche und schwere Arbeitsunfälle, gesamt)
9% Arbeitsbühne
10% Hochbaustelle
10% Dach
9% Sonstige
21% Gerüst
6% Transportmitel
35% Leiter
Abb.13:
Verteilung der Anzahl der Arbeitsunfälle nach Ursa-
chenschwerpunkten (Basis: tödliche und schwere Arbeitsunfälle,
gesamt; Angaben in Klammern beziehen sich auf das Vorjahr)
9% (10%) übrige technische Mängel
22% (18%) Mängel in der Organisation
3% (2%) (noch) nicht
ermittelbar
9% (9%) fehlende
Koordination
1% (3%) technische
Mängel nach GPSG
56% (58%) sicherheits-
widrige Verhaltensweisen
1.3.1
Länderübergreifender Erfahrungsaustausch zur Marktüberwachung
Dipl.-Ing. (FH) Catrin Wagner
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
1.3 Zusammenarbeit mit anderen Stellen
Diese Entwicklung machte sich 2008
auch bei den Arbeitsunfällen auf
Baugewerbe bemerkbar. Waren es
2007 noch fast die Hälfte aller töd-
lichen und schweren Arbeitsunfälle
(46 Prozent), die sich auf Baustellen
ereigneten, so betrug dieser Anteil
2008 nur noch 36 Prozent.
28 Prozent aller tödlichen und
schweren Arbeitsunfälle am Arbeits-
platz sind auf einen Absturz zurück-
zuführen (
Abb.11
). Beim Umgang
mit Maschinen und Anlagen sind
die häufigsten Unfallursachen, die
zu einem tödlichen oder schweren
Arbeitsunfall führen, das Außerkraft-
setzten von Sicherheitseinrichtun-
gen und das Beseitigen einer Stö-
rung bzw. das Reinigen bei laufen-
der Maschine.
35 Prozent aller Absturzunfälle pas-
sieren im Zusammenhang mit dem
Benutzen einer Leiter (
Abb. 12)
. Hier
liegen die Ursachen oft in der man-
gelnden Standsicherheit, dem Trans-
port von Lasten über die Leiter, der
nicht bestimmungsgemäßen Benut-
zung oder der Benutzung einer de-
fekten Leiter.
87 Prozent der Mängel, die 2008 zu ei-
nem tödlichen oder schweren Arbeits-
unfall am Arbeitsplatz führten, sind auf
menschliche Handlungsfehler zurück-
zuführen (
Abb. 13
). Dazu zählen sicher-
heitswidrige Verhaltensweisen (der
verunfallten Person selbst, eines Vor-
gesetzen oder einer anderen am Unfall
beteiligten Peron), fehlende Koordina-
tion und Mängel in der Organisation.
Der 4. Sächsisch-Thüringische Erfah-
rungsaustausch zur Marktüberwa-
chung fand am 17./18. November
2008 zum zweiten Mal in Sachsen
statt. Als Gäste nahmen Vertreter aus
Bayern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-
Pfalz und von der Zentralstelle der
Länder für Sicherheitstechnik teil.
Hauptthemen der Veranstaltung waren
>
die Entwicklung im Bereich PSA-
Richtlinie,
>
Aktuelles aus dem Bereich Druck-
geräte bzw. Druckbehälter,
>
die allgemeine Entwicklung der
Marktüberwachung auf europä-
ischer Ebene
>
die Ziele der Marktüberwachung
in Deutschland sowie
>
die Arbeit der Zentralstelle der
Länder für Sicherheitstechnik.
Darüber hinaus informierten die Vertre-
ter der Bundesländer über Ergebnisse
ihrer aktiven Marktüberwachung.
>

image
16
1.4.1
Fachveröffentlichungen/Fachveranstaltungen
Im Rahmen der arbeitsteiligen Markt-
1.4 Öffentlichkeitsarbeit
überwachung zwischen den Bundes-
ländern wurde schwerpunktmäßig
z. B. über die Kontrollen von Spiel-
platzgeräten, Aquarientechnik, Leuch-
ten im Niedrigpreissektor, Quellspiel-
zeug und sie Sicherheit von Puppen
für Kinder ab drei Jahren sowie über
Quetsch- und Scherstellen an Klapp-
möbeln berichtet.
Die Kombination von Vorträgen und
Diskussionsrunden bot den Teilneh-
mern die Möglichkeit im gegenseiti-
gen Informations- und Erfahrungs-
austausch, ihre Kenntnisse zu erwei-
tern und zu vertiefen. Bei der Lösung
von Problemen ist die Zusammenar-
beit und gegenseitige Unterstützung
der an der Marktüberwachung betei-
ligten ein wesentlicher Faktor. Deut-
lich wurde dabei insbesondere, dass
der technische Verbraucherschutz,
auch im europäischen Rahmen, wei-
ter an Bedeutung gewinnt.
Die im Jahre 2005 gegründete Ar-
beitsschutz-Allianz Sachsen ver-
steht sich als aktivierende Plattform
für die Zusammenarbeit aller an der
Gestaltung des Arbeitsschutzes In-
teressierten und verfolgt das Ziel,
durch Einflussnahme auf Unterneh-
men das Niveau des betrieblichen
Arbeits- und Gesundheitsschutzes
im Freistaat Sachsen zu verbessern.
Eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit ist
unabdingbar dafür, dieses Ziel er-
reichen zu können. Dazu gehören
Fachveröffentlichungen, um mög-
lichst viele Adressaten anzusprechen
und Veranstaltungen, die sich an ein
bestimmtes Fachpublikum wenden
bzw. der Weiterbildung dienen.
Gute Beispiele regen bekannter Ma-
ßen zur Nachahmung an. Diesem
Grundsatz folgend erschien bereits
zum zweiten Mal die Broschüre
„Gute Praxis der Arbeitsgestaltung –
Beispiele zum Arbeits- und Gesund-
heitsschutz“.
Vorgestellt werden sechs sächsi-
sche Unternehmen, die den Ar-
beitsschutzgedanken fest in ihre
Unternehmensphilosophie verankert
haben. Es ist besser und zugleich
kostensparender, präventiv für ge-
sundheitsförderliche Arbeitsbedin-
gungen zu sorgen, als erst dann zu
reagieren, wenn arbeitsbedingte Er-
krankungen unter den Mitarbeitern
auftreten oder sich Arbeitsunfälle
ereignen.
Eine gute Praxis der Arbeitsgestal-
tung beinhaltet die Beurteilung der
Gefährdungen an den Arbeitsplät-
zen und ist als Pflichtaufgabe des
Unternehmers im Arbeitsschutzge-
setz fest geschrieben. Die Broschüre
„Gefährdungsbeurteilung in Betrie-
ben: Hinweise zur Durchführung und
Dokumentation“ möchte Interessier-
ten die Aufgabe näher erläutern und
Unterstützung geben.
Der Handlungsleitfaden „Gefährdungs-
beurteilung für Tätigkeiten mit Bür-
ger-/Kundenkontakt“ greift die Spe-
zifik der psychosozialen Arbeitsbe-
lastungen mit Auswirkungen auf
Leistung und Gesundheit der Be-
schäftigten auf. Eine Checkliste und
ein Maßnahmenkatalog zeigen Wege
auf, die Problematik zu erkennen und
mit geeigneten Maßnahmen Einfluss
nehmen zu können.
Ein ähnlich gelagertes Thema ist Mob-
bing in der Arbeitswelt. Ursachen,
Erscheinungsformen, Handlungs-
möglichkeiten gegen Mobbing und
die Frage der Hilfestellung beschreibt
die Veröffentlichung „Mobbing; Fak-
ten-Handlungen-Verlauf-Folgen/
Was können Sie dagegen tun?“
Junge Menschen vor Gefährdungen
bei der Arbeit zu schützen, sie für
Dipl.-Bibl. Carmen Scholtissek
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit

17
den Arbeitsschutz zu sensibilisieren
und über ihre Rechte und Pflichten
zu informieren, ist ein Anliegen des
Jugendarbeitsschutzes. Die Flyer
„Wissenswertes zum Thema Ju-
gendarbeitsschutz“ und „Ferienjob
– Hinweise für Schüler und Arbeitge-
ber“ greifen diese Themen auf.
Sächsischer Handwerkstag
Über das Anliegen der Arbeits-
schutz-Allianz sollte nach Möglich-
keit auch im Rahmen von Fachver-
anstaltungen des SMWA und der
Allianz-Partner informiert werden.
Am 12. Februar 2008 bestand auf
dem Sächsischen Handwerkstag in
Leipzig die Gelegenheit dazu. Vie-
le der anwesenden Obermeister
und Vorstände der Innungen, der
Landesinnungsmeister und weite-
re Partner des Handwerks nutzten
die Möglichkeit, sich am Stand des
SMWA näher zu informieren.
Her mit einem besseren Jugendar-
beitsschutz! Wie geht’s besser?
Der Deutsche Gewerkschaftsbund
hat am 28. April 2008 in das Kraft-
werk Boxberg der Vattenfall Europe
Mining & Generation zu einer Konfe-
renz zum Jugendarbeitsschutz ein-
geladen. Sie stand unter dem Motto
„Her mit einem besseren Jugendar-
beitsschutz! Wie geht’s besser?“
Die sächsischen Arbeitsschutzbehör-
den beteiligten sich mit eigenen Bei-
trägen an der Konferenzgestaltung. In
seiner Ansprache ging Staatsminister
Thomas Jurk auch auf die derzeiti-
gen Bestrebungen zur Modernisie-
rung des Jugendarbeitsschutzge-
setzes ein. Neben dem Festhalten
am erreichten Schutzniveau plä-
dierte er dafür, die überproportional
hohen Arbeitsunfallraten junger Be-
rufseinsteiger nicht allein mit immer
mehr gesetzlichen Regelungen zu
bekämpfen, sondern vor allem den
bereits bestehenden Jugendarbeits-
schutz noch besser umzusetzen.
Sächsischer Betriebsärztetag 2008
Am 25. Juni 2008 trafen sich die
sächsischen Betriebsärzte zu ihrem
jährlichen Erfahrungsaustausch.
Auf der Tagesordnung standen die
Themen:
>
Verordnung zur Rechtsvereinfa-
chung und Stärkung der arbeits-
medizinischen Vorsorge
>
Schwerpunktaktion „Prävention
von Knieerkrankungen in expo-
nierten Berufsgruppen“
>
Nanotechnologie und Arbeits-
schutz
>
Schwerpunktaktion „Vollzug des
Arbeitssicherheitsgesetzes im
holzverarbeitenden Gewerbe“
>
Präventionskampagne Haut
>
Betriebliche Organisation im
Pandemiefall
>
Arbeitsschutz-Allianz Sachsen
>
Informationen vom Verband
Deutscher Betriebs- und Werks-
ärzte e. V.
>
Die neue Weiterbildungsverord-
nung
Durch die Auswertung der Schwer-
punktaktionen der Gewerbeärzte zu
den Themen „Prävention von Knie-
erkrankungen“ und „Vollzug des
Arbeitssicherheitsgesetzes im holz-
verarbeitenden Gewerbe“ konnten
Erkenntnisse für die tägliche Arbeit
in den Betrieben gewonnen werden.
Neben Hinweisen zur kommenden
Verordnung „Arbeitsmedizinische Vor-
sorge“ wurde zum Stand der bundes-
weiten „Präventionskampa-gne Haut“
und zu betrieblichen Maßnahmen im
Pandemiefall informiert.

image
18
2
TECHNISCHER ARBEITSSCHUTZ,
UNFALLVERHÜTUNG UND GESUNDHEITSSCHUTZ
2.1 arbeitsschutzorganisation
2.1.1
Schwerpunktrevisionen Unfallgeschehen
Dipl.-Ing. Joachim Flex
Landesdirektion Dresden
Für 2008 wurden im Bereich der
Landesdirektion Dresden Betriebe
mit hoher Unfallhäufigkeit aufge-
sucht, um zu überprüfen, wie sie mit
dem Unfallgeschehen umgehen und
welche Maßnahmen eingeleitet wur-
den, um gesetzliche Vorschriften zu
erfüllen. Als Unfallschwerpunktbran-
chen wurden bearbeitet:
>
Holz
>
Textil und Leder
>
Steine, Erden, Glas und Keramik
>
Metallerzeugung und
-bearbeitung
>
Leiharbeitsfirmen.
Für ein einheitliches Vorgehen wur-
den Checklisten erarbeitet. Eine
Checkliste mit allgemeinen Fragen
zum betrieblichen Unfallgeschehen
und zur Sicherheitsphilosophie war
als Pflicht abzuarbeiten und je nach
erkanntem Unfallschwerpunkt be-
stand die Möglichkeit von Tiefen-
kontrollen anhand ergänzender
Checklisten zu den Themen:
>
Sicherheit an Maschinen
>
Sicherheit durch Persönliche
Schutzausrüstungen (PSA)
>
Sicherheit beim innerbetriebli-
chen Transport
>
Sicherheit beim Umgang mit
Gefahrstoffen
>
Sicherheit von Leiharbeitern
und Neulingen im Betrieb
>
Sicherheit bei Bau- und
Montagearbeiten.
Den Mitarbeitern wurden neben den
Checklisten die wichtigsten Bestim-
mungen mit Quellen in einer Erläu-
terung zur jeweiligen Checkliste zur
Verfügung gestellt.
Im Ergebnis der im Jahr 2008 durch-
geführten 106 Schwerpunktrevisio-
nen zu dieser Thematik ergibt sich
folgende Übersicht (
Abb. 14
).
>

19
Schwerpunktrevisionen auf Grundlage des Unfallgeschehens
Anzahl der Überprüfungen: 106
Lfd.
Prüfvorgaben
Prüfergebnis
Nr.
ja
nein
entfällt
1
Entspricht die Gefährdungsbeurteilung der derzeit rechtlichen und
betrieblichen Situation?
84
22
2
Werden die Arbeitsunfälle (AU) durch die Unternehmensleitung mit
allen Beschäftigten zeitnah ausgewertet?
105
1
3
Sind die Unterweisungen auf die konkreten Tätigkeiten der
Beschäftigten und alle damit verbundenen Gefährdungen
ausgerichtet?
102
4
4
Wurden Arbeitgeberpflichten an andere Personen übertragen
und ist sichergestellt, dass diese über den aktuellen Stand der
Anforderungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz informiert
sind?
76
29
5
Wird bei der Übertragung von Aufgaben auf Beschäftigte deren
Befähigung berücksichtigt? – Unfallursache Nr. 1 = Fehlverhalten!
97
2
6
Tagt im Unternehmen (das mehr als 20 Beschäftigte hat) ein
Arbeits-schutzausschuss → bei aktuellen Anlässen, jedoch
mindestens ¼ -jährl.?
56
32
15
7
Gibt es im Unternehmen psycho-soziale Belastungsfaktoren, die
sich auf das Unfallgeschehen auswirken können? ( wie häufige,
nicht planbare Überstun-den; Konflikte zwischen Mitarbeitern,
gehäufte Ausfälle durch Krankheit, ...)
23
55
25
Anschließende Schwerpunktkontrolle mittels Checkliste(n)
Sicherheit an Maschinen
28
Sicherheit durch Persönliche Schutzausrüstungen (PSA)
17
Sicherheit beim innerbetrieblichen Transport
22
Sicherheit beim Umgang mit Gefahrstoffen
18
Sicherheit von Leiharbeitern und Neulingen im Betrieb
21
Sicherheit bei Bau- und Montagearbeiten
5
Anzahl getroffener Maßnahmen:
Revisionsschreiben
45
Anordnungen
OWiG
Abb. 14
: Ergebnisse der Schwerpunktrevisionen

20
2.1.2
Zehn Jahre Baustellenvorankündigungen – eine Einschätzung
der quantitativen und qualitativen Entwicklung
Dipl.-Ing. (FH) Elke Reiche
Landesdirektion Dresden
Als positiv ist festzustellen, dass:
>
praktisch in allen Unternehmen
die Unterweisungen der Beschäf-
tigten auf die konkreten Tätigkei-
ten und alle damit verbundenen Ge-
fährdungen ausgerichtet sind und
>
Arbeitsunfälle durch die Unter-
nehmensleitung mit allen Beschäf-
tigten zeitnah ausgewertet werden.
Als relativ häufige Mängel mussten
festgestellt werden, dass
>
der Arbeitsschutzausschuss
nicht regelmäßig tagt und
>
es Informationsmängel zum ak-
tuellen Stand der Anforderungen
zum Gesundheits- und Arbeits-
schutz bei Personen gibt, die
Arbeitgeberpflichten über-
tragen bekommen haben.
Neben der Auswertung der Revision
im Betrieb machten sich 45 Revi-
sionsschreiben zur Abstellung ange-
troffener Mängel erforderlich.
Die neue Baustellenverordnung mit
ihren Instrumenten Vorankündigung,
Sicherheits- und Gesundheitsplan
sowie Koordinierung sollte die Vor-
aussetzung für eine Verbesserung
der Sicherheit und Gesundheit der Be-
schäftigten auf Baustellen schaffen.
Nach über zehnjährigem Bestehen
dieser Verordnung sollte die Ent-
wicklung hinsichtlich Quantität und
Qualität des Instruments „Voran-
kündigung“ aus der Sicht der staat-
lichen Arbeitsschutzbehörde einge-
schätzt werden.
Nachfolgende Tabelle (
Abb
.
15
) gibt
eine Übersicht über alle eingegan-
genen Vorankündigungen im Be-
reich der Außenstelle Leipzig.
Jahr
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
Ges.
Eingegangene
Vorankündigungen
43
521
467
526
502
573
616
608
608
605
530
5 599
davon unterliegen
nicht den Kriterien
der BaustellV
10
59
19
25
70
44
14
23
16
23
5
308
davon zu spät
bzw. erst nach
dem Baubeginn
4
189
152
129
146
201
242
234
162
404
460
2 323
eingegangen
davon
Koordinator in der
Planungsphase
8
151
179
321
304
375
360
396
388
453
377
3 312
davon Koordinator
in der Ausfüh-
rungsphase
27
400
409
489
434
493
528
567
574
570
506
4 997
Abb. 14
: Entwicklung der Baustellen-Vorankündigungen

image
21
2.1.3
Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Bürgerkontakt - auch zu
psychosozialen Belastungen
Durchschnittlich gingen jährlich 555
Vorankündigungen bei der Arbeits-
schutzbehörde ein. Davon wurden
ca. 41 Prozent verspätet bzw. erst
nach dem Baustellenbeginn einge-
reicht. Waren es 1999 noch 35 Pro-
zent die unter diese Gruppe fielen,
so stieg dieser Anteil im Jahr 2008
auf 86 Prozent an. Diese negative
Tendenz hat vor allem darin ihre Ur-
sache, dass viele Bauherren bzw.
anstelle des Bauherren verantwort-
liche Dritte erst nach einer Aufforde-
rung durch die zuständige Arbeits-
schutzbehörde prüfen, inwieweit die
Kriterien der Baustellenverordnung
für das Einreichen einer Vorankündi-
gung zutreffen.
Des Weiteren besteht nach wie
vor Unkenntnis bei den Bauherren,
hinsichtlich ihrer Pflichten nach der
Baustellenverordnung.
Über die Jahre hinweg wurden fol-
gende Qualitätsmängel ersichtlich,
die trotz umfangreicher Aufklärung
der Bauherren durch die Arbeits-
schutzbehörde nicht ausreichend
abgestellt wurden:
>
ungenaue Angaben zum
Standort der Baustelle
>
fehlende Angaben (genauer Sitz,
Telefonnummer und Ansprech-
partner) zum Bauherren und des
anstelle des Bauherren verant-
wortlichen Dritten sowie der ein-
gesetzten Koordinatoren für die
Planung und Ausführung des
Bauvorhabens
>
ungenaue Angaben zum
Baubeginn und Bauende
>
Angaben zu bereits ausgewähl-
ten Auftragnehmern
>
fehlende Hinweise zur Art der
Arbeiten (z.B. gefährliche Arbei-
ten, Arbeiten mit Gefahrstoffen)
Diese inhaltlichen Qualitätsmängel
vieler der eingegangenen Vorankün-
digungen machen es der Arbeits-
schutzbehörde schwer, die oben
genannten Probleme, im vorab zu
klären.
Durch das Zusammentreffen mit den
entsprechenden Verantwortlichen
bei Baustellenkontrollen, telefonische
Beratungen und durch Revisions-
schreiben ist es teilweise gelungen,
die Qualität so zu verbessern, dass
die grundlegenden Angaben in den
Vorankündigungen enthalten sind.
Auch die Angaben zum Einsatz der
Sicherheits- und Gesundheitskoor-
dinatoren hinsichtlich der Eignung
haben sich wesentlich verbessert.
Problematisch ist jedoch weiterhin
die Ausführung über ausgewählte
Auftragnehmer und der Durchfüh-
rung der Art der Arbeiten. Die Ur-
sache ist sicher auch in der unter-
schiedlichen Qualität der angewen-
deten Vordrucke, die den Bauherren
zur Verfügung stehen, zu sehen.
Hinsichtlich der termingerechten Über-
gabe besteht großer Nachholbe-
darf, so dass noch viel Überzeu-
gungsarbeit geleistet werden muss.
Hartnäckige Fälle werden bereits
mit Verwarnungen mit Verwarngeld
bzw. Bußgeld geahndet.
Die Entwicklung der Erwerbsarbeit
ist charakterisiert durch sich ver-
ändernde Arbeitsanforderungen.
Mischarbeitsformen und geistige
Tätigkeiten, auch gekoppelt mit Bild-
schirmarbeit, verdrängen immer
stärker die überwiegend manuellen
(Produktions-)Tätigkeiten. Damit ver-
bunden ist ein Anstieg der psycho-
sozialen Arbeitsbelastungen, oft-
mals in Form von Mehrfachbela-
stungen, mit Auswirkungen auf Lei-
stung und Gesundheit der Beschäf-
tigten. Davon betroffen sind auch
Tätigkeiten mit Bürgerkontakt. Diese
Zunahme psychosozialer Arbeitsbe-
lastungen erfordert ein ganzheitli-
ches Vorgehen im Arbeitsschutz in
Bezug auf Analyse und Gestaltung,
d. h., neben der Berücksichtigung
der klassischen Gefährdungen (wie
z. B. technische Sicherheit, Lärm,
Klima, Beleuchtung) erfolgt auch die
Einbeziehung der psychosozialen
Arbeits- und Gesundheitsschutz-
faktoren. Aus diesem Grund wurde
ein Handlungsleitfaden zur Gefähr-
dungsbeurteilung, bestehend aus
einer Checkliste für die Analyse der
Arbeitstätigkeit und -bedingungen
>
Dipl.-Ing. Heike Kramer
Landesdirektion Dresden

22
Abb. 16
: Auszug aus der Checkliste - Fragekomplex 6: Gefährdungen durch Bürger/Kunden
und dem Maßnahmenkatalog für
Veränderungen im Unternehmen/der
Behörde und am Arbeitsplatz, ent-
wickelt, der eine ganzheitliche Be-
trachtung ermöglicht.
Die Checkliste besteht aus folgen-
den sechs verschiedenen Fragekom-
plexen:
1. Arbeitsschutzorganisation
2. Standort –Beschaffenheit/
Ausstattung
3. Arbeitspatz/Arbeitsbereich –
Beschaffenheit/Ausstattung
4. Arbeitsinhalt/Arbeitsorganisation
5. Zusammenarbeit/Soziales Kli-
ma/Führungstätigkeit
6. Gefährdungen durch Bürger/
Kunden
Das Prinzip des Handlungsleitfadens
soll am Beispiel des Frage- und Maß-
nahmekomplexes 6 dargestellt wer-
den (
Abb. 16
).
Im Maßnahmekatalog werden zu den
sechs verschiedenen Fragekomple-
xen konkrete Maßnahmen/Lösungs-
ansätze angeboten (
Abb. 17
).
6.
Gefährdungen durch Bürger/Kunden
ja
nein
trifft
nicht
zu
Maßnahmen
Verant-wortl.
Termin
6.1
Gibt es im Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit
Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen durch
den Bürger/Kunden (vor Ort, telefonisch, schriftlich)?
6.4
Können die Beschäftigten bei körperlichen Übergriffen
schnell Hilfe durch Kollegen / Vorgesetzte oder durch
sonstige Personen (Wachschutz/Sicherheitsdienst/
Hausmeister) erhalten?
6.5
Ist der Arbeitsplatz so beschaffen, dass sich der
Beschäftigte bei Gefahr schnell in Sicherheit bringen
kann (Verbindungstüren zu Nachbarräumen oder andere
Fluchtmöglichkeiten)?
6.6
Ist am Arbeitsplatz ein geeignetes personenbezogenes
Notrufsystem vorhanden (z. B. Notruftaste am Schreibtisch,
an PC-Tastatur, am Telefon oder Handy)?
6.8
Erfolgt die Auswertung von kritisch-aggressiven
Situationen?
6.9
Sind die Beschäftigten zu Deeskalations- und
Konfliktlösungsstrategien geschult?
6.11
Ist organisatorisch gewährleistet, dass Beschäftigte im
Außendienst bei möglichem Konfliktpotenzial die Bürger zu
zweit besuchen?
6.13
Sind Regelungen für den Umgang mit Bürgern anderer
Nationalität getroffen (Zeitplanung, Dolmetscher, sonstige
Begleitpersonen etc.)?

23
Ziele
Maßnahmen/Lösungsansätze
Staatl. und
berufsgenossenschaftliches Recht
sowie weitere Quellen
6. Gefährdungen durch Bürger / Kunden
Gewaltprävention; schnelle Hilfe bei
aggressiven Vorkommnissen
Anheben der Aggressionsschwelle
der Bürger
Bürgerservice (dient auch der Ge-
waltprävention)
Verbesserung der Beziehung zwi-
schen Bearbeiter und Bürger
Vermeidung von Ängsten und Unsi-
cherheiten bei Beschäftigten
Sicherheitsorganisatorische und sicherheitstechnische
Maßnahmen:
>
bei viel Bürgerkontakt Besetzung des Ar-
beitszimmers mit mindestens zwei Be-
schäftigten
>
Präsenz des Wachschutzes/Sicherheits-
dienstes mindestens an den Sprechtagen
(ständige Begehung des Objektes)
>
Installierung eines Kundenleitsystems
(personell besetzte Informationsstelle im
Eingangsbereich und optisches Leitsys-
tem im Gebäude) …
Broschüren des Sächsischen
Staatsministeriums ür Wirt-schaft
und Arbeit, 2006
>
Psychische Fehlbelas-
tungen in der Arbeitswelt
vermeiden Sensibilisieren
>
Motivieren – Intervenieren
>
Mobbing Fakten - Hand
lungen - Verlauf - Folgen
Was können Sie dagegen
tun? …
Abb. 17
: Auszug aus dem Maßnahmenkatalog zum Fragekomplex 6
Eingesetzt werden soll der Hand-
lungsleitfaden in erster Linie von
Führungskräften mit Unterstützung
durch Sicherheitsfachkräfte, Betriebs-
ärzte und weitere betriebliche Fach-
leute des Arbeits- und Gesundheits-
schutzes.
Der Handlungsleitfaden „Gefähr-
dungsbeurteilung für Tätigkeiten mit
Bürger-/Kundenkontakt“ basiert auf
arbeitswissenschaftlichen Erkennt-
nissen und kann an die betriebsspe-
zifischen Bedingungen angepasst
werden. Dieser Handlungsleitfaden
wurde bereits in einem Sozialamt er-
folgreich eingesetzt und kann unter
folgender Adresse heruntergeladen
werden:
http://www.arbeitsschutz-sachsen.
de/publications/sachgebiete/index.
stm#arbschutz
Wesentliche Ziele der Tätigkeiten
der Arbeitschutzbehörden sind die
Vermeidung von Arbeitsunfällen
und arbeitsbedingten Erkrankungen
der Beschäftigten in den Unterneh-
men. Die Erfolge dabei lassen sich
nur schwer messen, da Unfälle und
Erkrankungen, die nicht geschehen
sind, in keiner Statistik erscheinen.
Dagegen lassen sich die Schwere
und Häufigkeit von Unfallereignissen
relativ einfach erfassen und auswer-
ten. Gesetzliche Vorgaben verpflich-
ten die Unternehmen, Arbeitsunfälle
den Unfallversicherungsträgern, in
den meisten Fällen den Berufsge-
nossenschaften, und den staatli-
chen Aufsichtsbehörden, mitzuteilen.
Der Landesdirektion Dresden war
bei der Auswertung dieser Unfall-
anzeigen aufgefallen, dass sich in
einem großen Unternehmen inner-
halb eines kurzen Zeitraumes von
nur wenigen Monaten viele, zum Teil
schwere Arbeitsunfälle einschließlich
eines tödlichen Unfalles ereignet hat-
ten. Da die einzelnen Untersuchun-
gen der Unfälle, die Auswertungen
und die festgelegten Maßnahmen
offensichtlich nicht ausreichten, die
gewünschten Erfolge dauerhaft
herbeizuführen, wurde nach weite-
ren Möglichkeiten gesucht, dieser
Tendenz entgegen zu wirken.
>
2.1.4
Neue Sicherheitskultur - ein Erfolgsfaktor im Kampf
gegen auffällige Häufung von Arbeitsunfällen
Dipl.-Chem. Matthias Schnabel
Landesdirektion Dresden

24
Daraufhin hat die Landesdirektion
Dresden die Geschäftsleitung auf-
gefordert, ihr Arbeitschutzmanage-
ment zu prüfen und Maßnahmen
einzuleiten, die einen wirksamen
Arbeitsschutz gewährleisten. Sei-
tens der Aufsichtsbehörde wurde
dem Unternehmen Unterstützung
angeboten. In einer gemeinsamen
Beratung, an der neben den Ver-
antwortlichen des Unternehmens
auch die Berufsgenossenschaft
teilnahm, wurden anhand eines Fra-
genkataloges mögliche Ursachen
analysiert und Lösungen erarbeitet.
Insbesondere musste sich die Ge-
schäftsleitung mit folgenden Fragen
auseinandersetzen:
>
Welche Arbeitschutzmaßnahmen
sind allgemein und speziell für das
Unternehmen festgelegt?
>
Wie werden diese Festlegungen
umgesetzt?
>
Wer ist für die Umsetzung
verantwortlich?
>
Wie wird die Umsetzung
kontrolliert?
>
In welchen Zeitabständen
erfolgen die Kontrollen?
>
Wie wird die besondere Situation
der Leiharbeitnehmer in diesen
Fragen berücksichtigt?
>
Wie ist die Geschäftsleitung als
Arbeitgeber in die Informations-
kette eingebunden?
>
Welche Sanktionsmaßnahmen
sind vorgesehen?
Bei der Untersuchung der betrieb-
lichen Situation konnte festgestellt
werden, dass innerhalb des Unter-
nehmens eine ausreichende Anzahl
arbeitsschutzrelevanter Regelungen
vorhanden war, es aber an der Um-
setzung in den betrieblichen Struk-
turen mangelte, um diese mit Leben
zu erfüllen.
Es liegen Gefährdungsbeurteilun-
gen, umfangreiche Betriebs- und
Arbeitsanweisungen sowie Check-
listen und ähnliche Dokumente in
Form von Handbüchern für alle Be-
triebsbereiche vor. Selbst die erfor-
derlichen Unterweisungen der Be-
schäftigten finden regelmäßig statt.
Im Ergebnis der Beratungen wurden
folgende Festlegungen durch den
Geschäftsführer getroffen:
>
Quartalsweise sollen Begehung-
en einzelner Abteilungen statt-
finden, an denen der Betriebsrat
und der Betriebsarzt teilnehmen.
>
Die Tätigkeit des Arbeitsschutzaus-
schusses wird reaktiviert.
>
Die Verantwortung der Sicher-
heitsbeauftragten in den einzel-
nen Abteilungen für die Einhal-
tung der betrieblichen Vorgaben
wird genauer definiert.
>
Maßnahmen zur Prämierung und
Sanktionierung zur Durchsetzung
von Arbeitsschutzmaßnahmen
werden festgelegt.
>
Das Thema Arbeitssicherheit
wird zu einem permanenten Ta-
gesordnungspunkt in der wö-
chentlichen Abteilungsleiterbera-
tung erklärt.
Neben wirtschaftlichen Zielen wur-
de noch für das Geschäftsjahr 2008
eine Halbierung der Arbeitsunfall-
zahlen als Unternehmensziel festge-
schrieben.
Erste Beobachtungen der Unfallent-
wicklung in diesem Unternehmen
zeigen, dass die getroffenen Festle-
gungen wirksam sind. Sollte es nun
noch gelingen in diesem Unterneh-
men ein zertifiziertes Arbeitsschutz-
managementsystem zu etablieren,
kann davon ausgegangen werden,
dass die negative Tendenz im Un-
fallgeschehen nachhaltig gestoppt
worden ist.

image
25
2.2 arbeitsplätze, arbeitsstätten, Ergonomie
Dipl.-Ing. Heike Heidl
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Im Freistaat Sachsen wird die
Schwerpunktaktion „Baustellenkon-
trollen“ bereits seit dem Jahr 1994
durchgeführt. Trotz des Rückgangs
der Zahl der Arbeitsunfälle gehört
das Baugewerbe nach wie vor zu
den gefahren- und unfallträchtig-
sten Wirtschaftsbereichen. Die hier
Beschäftigten sind bei ihrer Tätigkeit
in einem sich ständig verändernden
Arbeitsumfeld besonders hohen
Arbeitsunfallrisiken und Gesund-
heitsgefahren ausgesetzt. Jährlich
erleiden Beschäftigte auf Baustellen
schwere und auch tödliche Arbeits-
unfälle.
Besondere Bedeutung kommt der
Revisionstätigkeit der Aufsichtsbe-
diensteten vor Ort zu. Diese kann
wesentlich dazu beitragen, sicher-
heitsbedingte Schwachstellen auf
Baustellen unmittelbar aufzuzeigen
sowie Unfall- und Gesundheitsge-
fahren zu beseitigen.
Die Arbeitsschutzbehörde führte im
Berichtszeitraum 7 257 Dienstge-
schäfte mit 15 016 sachgebietsbe-
zogenen Überprüfungen auf Bau-
stellen in Sachsen durch. Das sind
ca. sieben Prozent weniger Dienst-
geschäfte als im Vergleichszeitraum
des Vorjahres bzw. ca. 55 Prozent
weniger als im Jahr 2001. Die rück-
läufige Anzahl der Dienstgeschäfte
resultiert vordergründig aus dem
Rückgang des Fachpersonals in
den Baureferaten von vormals 30
Bediensteten im Jahr 2001 auf 15
Bedienstete im Jahr 2008.
Newwben planmäßigen Revisionen
auf Baustellen und Unternehmerge-
sprächen nehmen auch Unfallunter-
suchungen schwerer oder tödlicher
Arbeitsunfälle einen Anteil der Tätig-
keit der Arbeitsschutzbehörde ein.
792 der Baustellenkontrollen erfolgten
in Abstimmung mit den gewerblichen
Berufsgenossenschaften. 1 232 Kon-
trollen waren Nachkontrollen. 412 Un-
ternehmergespräche wurden geführt.
Bei den Kontrollen wurden insge-
samt 8 771 Einzelmängel festgestellt.
Zur Abstellung der Mängel ergingen
1 998 Revisionsschreiben, 829 An-
ordnungen, zwölf Verwarnungenso-
wie sieben Bußgeldbescheide.
Die bei den Kontrollen festgestellten
Mängelschwerpunkte haben sich ge-
genüber dem Vorjahr kaum verändert
(
Abb. 18
).
>
2.2.1
Schwerpunktaktion Baustellenkontrollen
Beanstandungen, Mängel
Anteil der Kontrollen mit
Beanstandungen in %
2008
Vorjahr
Arbeiten unter Absturzgefährdung infolge fehlender oder
nicht vorschriftsmäßiger Absturzsicherungen
40
41
Mängel an Gerüsten, verursacht durch Gerüstersteller bzw.
durch Gerüstbenutzer
38
40
Verschüttungsgefährdung durch nicht bzw. ungenügend
abgeböschte oder unsachgemäß verbaute Baugruben und
Gräben
28
29
Mangelhafte Organisation und unzureichende
Sicherheitstechnik bei Abbrucharbeiten
26
28
Sicherheitswidriger Zustand ortsbeweglicher elektrischer
Betriebsmittel
25
29
Unzureichende Sicherung von Bodenöffnungen
21
23
Krane, technische Mängel an Bauaufzügen, Aufenthalt von
Beschäftigten im Gefährdungsbereich von Baumaschinen
bzw. in Schwenkbereichen von Kranen
20
20
Unsichere Verkehrswege
16
15
Fehlender bzw. unzureichender SiGePlan
15
21
Mangelnder Schutz vor herabfallenden Gegenständen,
fehlende Abdeckungen, Schutzdächer/-netze
14
17
Ungenügende Verwendung von PSA durch die
Beschäftigten, obwohl bereitgestellt
14
16
Koordinator nicht bestellt, obwohl erforderlich
8
9
Abb. 18
: Mängelschwerpunkte auf kontrollierten Baustellen

26
Überwachungsergebnisse
zur BaustellV
2008
Vorjahr
Anzahl
Anteil in %
Anzahl
Anteil in %
Eingegangene Vorankündigungen
2300
100
2077
100
-
davon unterliegen nicht den Kriterien der BaustellV (d.h.
hätten nicht angezeigt werden müssen)
123
5
130
6
-
davon erst nach Baubeginn angezeigt
799
35
695
33
-
davon Koordinator für die Planung der Ausführung bestellt
1642
71
1570
76
-
davon Koordinator für die Ausführungsphase bestellt
2181
95
1952
94
Abb. 19
: Überwachungsergebnisse zur Baustellenverordnung (BaustellV)
Im Berichtszeitraum wurden etwa elf
Prozent mehr Vorankündigungen als
im Vorjahr registriert. Über ein Drittel
der Vorankündigungen gingen erst
nach Baubeginn, vielfach nach Auf-
forderung durch die Arbeitsschutz-
behörde, ein (
Abb. 19
).
Bei ca. 3/4 der angezeigten Bau-
vorhaben wurden die Belange des
Arbeitsschutzes bereits bei der
Planung der Ausführung durch den
Einsatz eines entsprechenden Koor-
dinators berücksichtigt. Damit wird
ein wesentliches Instrument der Bau-
stellenverordnung zur Erhöhung der
Sicherheit auf den Baustellen umge-
setzt.
Die gründlichere Vorbereitung von
sicherheitstechnischen Belangen
bereits in der Planungsphase von
Baumaßnahmen und die rechtzeiti-
ge Erstellung von Sicherheits- und
Gesundheitsplänen ist auf den ver-
mehrten Einsatz von fachlich ge-
eigneten Koordinatoren und einer
zunehmenden Akzeptanz der ge-
setzlichen Regelungen der Baustel-
lenverordnung auch seitens der be-
treffenden Bauherren sowie Planern
und Architekten zurückzuführen.
Kritisch anzumerken ist, dass mit
der Deregulierung des Baugenehmi-
gungsrechts im Jahr 2005, Stellung-
nahmen der Arbeitsschutzbehörde
im Rahmen von Baugenehmigungs-
verfahren nur noch im Einzelfall er-
folgen. Die bisher seitens der Ar-
beitsschutzbehörde ausgeübte Ein-
flussnahme auf vorhandene arbeits-
schutzrelevante Planungsfehler ist
somit nur noch selten möglich.
Bei der Überwachung des Arbeits-
schutzes arbeiten die staatlichen
Arbeitsschutzbehörden eng mit
den Trägern der gesetzlichen Unfall-
versicherung zusammen. Das be-
trifft unter anderem gemeinsam ab-
gestimmte
Schwerpunktaktionen,
Kontrollen ausgewählter Schwer-
punktbaustellen sowie abgestimmte
Nachkontrollen und die arbeitsteilige
Erledigung von Revisionsaufgaben.
Die bei Baustellenrevisionen ermittel-
ten Mängel sowie das Arbeitsunfallge-
schehen erfordern unverändert eine
intensive Revisionstätigkeit der Ar-
beitsschutzbehörde auf den Baustel-
len (Vorort-Präsenz) sowie eine ver-
mehrte Durchführung von Unterneh-
mergesprächen. In diesem Zusam-
menhang ist die Kooperation mit den
gewerblichen Berufsgenossenschaf-
ten, u.a. im Rahmen der Gemeinsa-
men Deutschen Arbeitsschutzstra-
tegie (GDA), weiter zu intensivieren,
um die betriebliche Arbeitsschutzor-
ganisation in den Unternehmen und
damit das Sicherheitsniveau auf den
Baustellen nachhaltig zu beeinflussen
und zu verbessern.

image
image
27
2.2.2
Schwerpunktaktion „Absturzsicherung – Aktion Gerüste“
Dipl.-Ing. Petra Zahm
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Arbeiten an und auf Gerüsten ist für
Beschäftigte mit besonderen Ge-
fahren für die Sicherheit und den
Gesundheitsschutz verbunden. Un-
tersuchungen schwerer und tödli-
cher Arbeitsunfälle belegen, dass
ein nicht unerheblicher Anteil auf
Absturzunfälle zurückgeht. Arbeits-
und Schutzgerüste gehören dem-
zufolge zu den Kontrollschwerpunk-
ten der Arbeitsschutzbehörden auf
Baustellen.
Im Hinblick auf die Zielstellung der
Gemeinsamen Deutschen Arbeits-
schutzstrategie (GDA) „Verringerung
von Häufigkeit und Schwere von Ar-
beitsunfällen unter Einbeziehung der
Verringerung von psychischen Fehl-
belastungen und der Förderung der
systematischen Wahrnehmung des
Arbeitsschutzes in Unternehmen“
führten die Mitarbeiter der Abteilung
Arbeitsschutz der Landesdirektion
Dresden und die Staatliche Gewer-
beaufsicht des Freistaates Bayern
die Schwerpunktaktion „Absturzsi-
cherung – Aktion Gerüste“ durch.
Die inhaltliche Vorbereitung der
Schwerpunktaktion erfolgte in Zusam-
menarbeit mit der Gewerbeaufsicht
der Regierung von Niederbayern, der
Berufsgenossenschaft der Bauwirt-
schaft - BG BAU, Region Sachsen
und dem Sächsischen Staatsministe-
rium für Wirtschaft und Arbeit.
Die entsprechenden Prüfungen
auf den Baustellen ergaben, dass
während der Vorhaltung der Ge-
rüste durch die Benutzer oftmals
eigenmächtige Veränderungen an
den Gerüsten vorgenommen wer-
den. Infolgedessen sind sowohl die
Standsicherheit als auch die Sicher-
heit der auf dem Gerüst befindlichen
Beschäftigten bzw. Dritter erheblich
beeinträchtigt. Die Schwerpunktak-
tion konzentrierte sich demzufolge
vorrangig auf die Überwachung der
Unternehmen, die zur Ausführung
ihrer Arbeiten auf Baustellen Arbeits-
und Schutzgerüste, sowie fahrbare
Arbeitsbühnen benutzen. Mittelbar
betroffen von der Schwerpunktakti-
on waren aber auch Unternehmen,
die als Gerüstbauer tätig sind und
zwar in den Fällen, in denen die
festgestellten Mängel am benutz-
ten Gerüst vornehmlich auf Mängel
beim Gerüstaufbau zurückzuführen
waren.
Die Schwerpunktaktion „Absturzsi-
cherung – Aktion Gerüste“ orientiert
sich auf die Kontrolle gerüstspezifi-
scher technische Kriterien und auf
die betriebliche Arbeitsschutzorga-
nisation der Unternehmen. In die-
sem Zusammenhang wurde auch
die Tätigkeit des Koordinators für
Sicherheit und Gesundheitsschutz
bzw. dessen Wirksamkeit bezüg-
lich der Schnittstelle Gerüste in die
Überprüfung einbezogen.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Im Rahmen der Schwerpunktakti-
on kontrollierten die Mitarbeiter der
Landesdirektion Dresden im Zeit-
raum vom 1. August bis zum 30.
November 2008 anhand spezieller
Prüflisten 127 Baustellen, auf denen
Arbeits- und Schutzgerüste und/
oder fahrbare Arbeitsbühnen be-
nutzt wurden. Es wurden 106 Erst-
kontrollen und 21 Nachkontrollen
durchgeführt. 174 Betriebe, die als
Gerüstbauer und/oder Gerüstbe-
nutzer auf den Baustellen tätig wa-
ren, wurden in die Überprüfung der
betrieblichen Arbeitsschutzorgani-
sation einbezogen.
Zur Beseitigung der beanstandeten
Mängel führten die Bediensteten 58
Beratungen durch, erteilten 88 Re-
visionsschreiben und in 39 Fällen
Anordnungen.
Auf den kontrollierten Baustellen wa-
ren in ¾ der Fälle bis 20 Beschäf-
tigte tätig. Lediglich sieben der 127
kontrollierten Baustellen waren grö-
ßere Bauvorhaben mit über 50 Be-
schäftigten. Dieser Schwerpunkt
wurde bewusst gewählt, da bisher
insbesondere auf kleineren Bauvor-
haben entsprechende Mängel fest-
gestellt wurden.
>
Dipl.-Ing. Heike Heidl
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit

28
Abb. 20
: Verwendungszweck der Arbeits- und Schutzgerüste
Die Kontrollen ergaben, dass jedes
vierte Gerüst, das kontrollierte wur-
de, nicht ordnungsgemäß vom Ge-
rüstbauer an den Gerüstbenutzer
übergeben wurde und kein Überga-
beprotokoll vorlag. Bei jedem dritten
Gerüst fehlte die notwendige Kenn-
zeichnung über die Angaben der zu-
lässigen Last- und Breitenklasse. In
neun Fällen wurde das Gerüst zum
Zeitpunkt der Kontrolle für Arbeiten
genutzt, die entsprechend den An-
gaben zur Lastklasse bzw. Nutzlast,
nicht zulässig waren.
Bei jedem vierten Gerüst wurden
Mauerarbeiten
57,7
Dacharbeiten
55,5
Putzarbeiten
53,5
Andere Arbeiten
38,5
Malerarbeiten
31,1
Fensterbau
30,8
Zimmerarbeiten
23,4
Anteil in %
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
Fehlender 3-teiliger Seitenschurtz
an den Stirnseiten
60
Fehlender innenliegender 3-teiliger
Seitenschutz (Wandabstand >30 cm)
47
3-teilig. Seitenschutz nicht in allen Gerüstla-
gen mit mehr als 2 m Absturzhöhe angebracht
29
Nicht jede Gerüstlage vollflächig mit
Belägen ausgelegt
24
Keine sicheren Zugänge oder Aufstiege
voranden
18
Gerüstbeläge und -bohlen nicht gegen
Wippen und Abheben gesichert
18
Belagelemente beschädigt
10
Anteil in %
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
65
Abb. 21
: Ausführungsmängel an Arbeits- und Schutzgerüsten
Verwendungszweck des Gerüsts

image
image
Abb. 22
: Fehlender innenliegender dreiteiliger Seitenschutz, loser Gerüstbelag
Abb. 23:
Keine Standsicherheit des Gerüsts aufgrund fehlender Verankerungen
Anzahl absolut (von 24)
Ausbau von
Seitenschutzbauteilen
14
Montage von
Schuttrutschen
10
Montage von
Bauaufzügen
8
Entfernung von Belag
4
Entfernung von
Verankerungen
4
weitere Veränderungen
2
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
augenscheinliche Mängel an der
Stand- und Tragsicherheit festgestellt
(
Abb. 23
).
Weitere festgestellte Ausführungs-
mängel sind in der folgenden Abbil-
dung zusammengestellt (
Abb. 21
).
In 24 Fällen wurde festgestellt, dass
Gerüstbenutzer eigenmächtige Ver-
änderungen am Gerüst vornahmen,
ohne diese mit dem Ersteller der Ge-
rüste abzustimmen bzw. die sichere
Benutzung zu prüfen. In der Folge war
die Sicherheit der auf den Gerüsten
arbeitenden Beschäftigten erheblich
gefährdet (
Abb. 24
)
und (
Abb. 26
).
Mängelschwerpunkt war der Ausbau
von Bauteilen für den Seitenschutz
und die Montage von Schuttrutschen.
In der Mehrzahl der Fälle wurden die
eigenmächtigen Veränderungen bei
Zimmerarbeiten und bei Dacharbeiten
vorgenommen. Kritisch ist in dem Zu-
sammenhang anzumerken, dass die-
se Arbeits- und Schutzgerüste ohne
nochmalige Sicherheitsüberprüfung
benutzt wurden und die Absturzge-
fährdungen auch für die Beschäftig-
ten der im Bauverlauf nachfolgenden
Gewerke fortbestanden.
>
Abb. 24
: Eigenmächtige Veränderungen am Gerüst durch Gerüstbenutzer
29

image
image
30
Abb. 25
: Wandabstand > 30 cm, fehlender dreiteiliger Seitenschutz zur Wand
hin, sowie an den Stirnseiten des Gerüsts
Abb. 27
: Mängel beim Einsatz fahrbarer Arbeitsbühnen
Abb. 26
: Befestigung einer Schuttrutsche am Seitenschutz
ohne Abstimmung mit Gerüstersteller
Anteil in %
Aufbau- und Verwendungsanleitung
nicht auf der Baustelle mitgeführt
87
Aufbau entspricht nicht der Doku-
mentation
80
Unzureichende Ballastierung
75
Kein sicherer Zugang
75
Mangelhafte Arretierung der Rollen
67
Beschäftigte nicht in Aufbau und Ver-
wendung unterwiesen
47
Fehlende Absturzsicherung in der
Arbeitsebene
15
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
Beanstandungen gab es auch bei
den kontrollierten 15 fahrbaren Ar-
beitsbühnen (
Abb. 27
und
Abb. 29
).
Die fahrbaren Arbeitsbühnen wur-
den von den auf den Baustellen-
tätigen verschiedenen Gewerken
nicht nur benutzt, sondern zumeist
auch selbst aufgebaut. Lediglich die
Hälfte der kontrollierten Betriebe,
die fahrbare Arbeitsbühnen nutzten,
hatten ihre Beschäftigten in den si-
cheren Aufbau und in die Verwen-
dung unterwiesen. Die Aufbau- und
Verwendungsanleitung der Arbeits-
bühnen wurde überwiegend nicht
auf der Baustelle mitgeführt.
Bei einem Viertel der kontrollierten
Bauvorhaben war kein Koordinator
für die Arbeitssicherheit und den
Gesundheitsschutz für die Ausfüh-
rungsphase bestellt worden, obwohl
es für die Art des Bauvorhabens
entsprechend den Vorschriften der
Baustellenverordnung erforderlich
war. Es handelte sich hier vorrangig
um Bauvorhaben, die von privaten

image
image
Abb. 28
: Fehlender Seitenschutz bei Absturzhöhe > 2 m, mangelhafter
Gerüstbelag, nicht tragfähige Aufstellfläche
Abb. 29
: Fahrbare Arbeitsbühne ohne dreiteiligen Seitenschutz in der
Arbeitsbühne
Bauherren durchgeführt wurden. In
vier Fällen waren Bauvorhaben be-
troffen, bei denen Bund und/oder
Länder als Bauherr auftraten.
In den Fällen der kontrollierten Bau-
stellen, wo ein Koordinator benannt
war, wurde lediglich bei der Hälf-
te der kontrollierten Bauvorhaben
die Wirksamkeit des Koordinators
bezüglich der Schnittstelle Arbeits-
und Schutzgerüste, als ausreichend
bewertet.
Die Überprüfung der betrieblichen
Arbeitsschutzorganisation der Un-
ternehmen, die als Benutzter von
Arbeits- und Schutzgerüsten und
fahrbaren Arbeitsbühnen bei den
Baustellenkontrollen angetroffen wur-
den, ergab folgende Ergebnisse:
Insgesamt wurden 174 Unterneh-
men überprüft, die vorrangig in den
Gewerken Gerüstbau, Dacharbei-
ten und Maurerarbeiten tätig waren.
Mehr als die Hälfte der Unternehmen
beschäftigten zwischen 6-19 Arbeit-
nehmer. Lediglich 14 Unternehmen
beschäftigten mehr als 20 Arbeitneh-
mer (
Abbi. 30
).
Die Kontrollen der Unternehmen er-
gaben, dass in 26 Unternehmen kei-
ne Gefährdungsbeurteilung durch-
geführt wurde und dass vorhande-
ne Gefährdungsbeurteilungen nicht
auf die örtlichen Gegebenheiten der
Baustelle und den technologischen
Ablauf der Arbeiten abgestimmt
war. Zwei Drittel dieser Unterneh-
men waren kleine bzw. Kleinstunter-
nehmen und beschäftigen bis fünf
Arbeitnehmer.
Bei etwa einem Drittel, der auf der
Baustelle angetroffenen Unterneh-
men wurden die Beschäftigten nicht
über die sichere Benutzung von
Arbeits- und Schutzgerüsten unter-
wiesen. Auffällig waren die fehlende
Unterweisung bei Unternehmen, die
Malerarbeiten und /oder Putzerarbei-
ten ausführten sowie Unternehmen
die im Fensterbau tätig waren und
bis fünf Arbeitnehmer beschäftigten.
Die Ergebnisse der Schwerpunktakti-
on „Absturzsicherung – Aktion Gerü-
ste“ verdeutlichen, dass Gerüste un-
verändert einen Kontrollschwerpunkt
der Arbeitsschutzbehörde darstellen
müssen. Sie zeigen aber auch, dass
bei den Unternehmen, die Gerüste für
ihre Arbeiten lediglich benutzten, der
Aspekt der Gefährdung durch Ab-
sturz nicht ausreichend berücksichtigt
wird und Defizite hinsichtlich Unter-
weisungen zur sicheren Benutzung
von Arbeits- und Schutzgerüsten
sowie fahrbaren Arbeitsbühnen be-
stehen. Sehr häufig orientieren sich die
Gefährdungsbeurteilungen und Unter-
weisungen lediglich auf die unmittel-
baren fachlich orientierten Tätigkeiten
und lassen den Arbeitsplatz Gerüst
oder fahrbare Arbeitsbühne und die
damit im Zusammenhang stehenden
Gefährdungen unberücksichtigt.
Abb. 30
: Anzahl der Beschäftigten in den Unternehmen
36% 6 bis 9
56% 1 bis 5
4% ab 20
3%
Ich AG
k. A.
31

image
32
2.2.3
Verringerung von Muskel-Skelett-Erkrankungen durch Fortbildungen der
Gewerbeaufsicht zur Leitmerkmalmethode „Manuelle Arbeitsprozesse“
Dr. Karla Heinicke
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
Muskel- und Skeletterkrankungen
stehen in Deutschland noch immer
an der Spitze der Krankheitsstatisti-
ken. Nach wie vor verursachen sie
fast 25 Prozent der Arbeitsunfähig-
keit. Zum Schutz der Beschäftigten
vor diesen Erkrankungen ist die Ge-
fährdungsbeurteilung durch das Ar-
beitsschutzgesetz und die Lasten-
handhabungsverordnung seit 1996
gesetzlich geregelt. Mit den vom
Bundesministerium für Arbeit und
Soziales empfohlenen Leitmerkmal-
methoden zum „Heben und Tragen“
sowie „Ziehen und Schieben“ liegen
seit 1997 bzw. 2002 entsprechend
praktikable Verfahren zur Umset-
zung der Gefährdungsbeurteilung vor.
Die Veränderung der Arbeitsformen
hat in jüngster Zeit dazu geführt,
dass immer häufiger Muskel-Ske-
lett-Belastungen und -Erkrankun-
gen durch einseitige Arbeitstätigkei-
ten, welche durch eine hohe Wie-
derholung der Arbeitsverrichtungen
gekennzeichnet sind, auftreten. In-
folge dieser Entwicklung wurde von
der Bundesanstalt für Arbeitsschutz
und Arbeitsmedizin (BAuA) die Leit-
merkmalmethode (LMM) „Manuelle
Arbeitsprozesse“ entwickelt und zur
allgemeinen Praxistestung für den
Zeitraum von fünf Jahren bereit-
gestellt.
Mit dem Ziel, durch eigene Anwen-
dungserfahrungen an der Evaluie-
rung der LMM „Manuelle Arbeits-
prozesse“ mitzuwirken, fand im Ja-
nuar 2008 eine erste Fortbildung für
die Mitarbeiter der Arbeitsschutz-
behörden in Sachsen statt. Neben
der Vorstellung der LMM durch den
Entwickler bei der BAuA bildete die
gemeinsame Auswahl und Festle-
gung geeigneter Berufsgruppen für
die sächsische Methodenerprobung
den Mittelpunkt der Veranstaltung.
Nach einer mehrmonatigen Erpro-
bungsphase in Sachsen erfolgte im
Oktober 2008 eine erneute Fort-
bildung. Ziel dieser Fachveranstal-
tung war es, die in der sächsischen
Gewerbeaufsicht gewonnenen Er-
fahrungen anhand ausgewählter
Beispiele vorzustellen und gemein-
sam zu diskutieren. Zur fachlichen
Unterstützung stand wiederum der
Methodenentwickler zur Verfügung.
Darüber hinaus berichtete die Leite-
rin der LMM - Erprobungsphase in
der brandenburgischen Gewerbe-
aufsicht, über Anwendungsbeispiele
und Erfahrungen.
Anwendungserfahrungen mit der
LMM wurden in Sachsen in den Be-
reichen Nahrungsmittelherstellung
(Dauerbackwaren, Schlachtbetrieb),
Uhrenfertigung, Textilherstellung (Näh-
en, Verpacken), Autozulieferindustrie,
Kunstgewerbe und im Callcenter ge-
wonnen. Es zeigte sich, dass die ei-
gens gemachten Erfahrungen sehr
vielschichtig waren und zu reger
Diskussion führten. Nahezu über-
einstimmend führten die Beurteilun-
gen zur Zuordnung in den unteren
Bereich der Risikogruppe 3 (körper-
liche Überbeanspruchung möglich),
aber auch Beurteilungen in den un-
kritischen Risikobereich 2 waren zu
verzeichnen. Für die Zuordnung zur
Risikogruppe 3 ist insbesondere das
Leitmerkmal Zeit ausschlaggebend.
Im Ergebnis der Evaluierungsphase
wurde festgestellt, dass die LMM
„Manuelle Arbeitsprozesse“ bei er-
langter Anwendungserfahrung und
bei entsprechender Kenntnis des
jeweiligen technologischen Ablaufs
für die Grobbeschreibung der Be-
lastung und für mögliche Gestal-
tungsansätze zur Belastungsmin-
derung gut einsetzbar ist. Für eine
weitergehende Aussage bezüglich
der individuellen Belastung sind ne-
ben der LMM eine betriebsärztliche
Einschätzung sowie eine Befindlich-
keitsbefragung der Beschäftigten
erforderlich.
Die gewonnenen Erfahrungen und
zusammengetragenen Hinweise wa-
ren für die Weiterentwicklung der
Methoden wertvoll und werden in
den Evaluationsprozess in geeigne-
ter Form einfließen.
Eine weitere Fachveranstaltung zur
Schulung aller für das GDA-Thema
„Verringerung von MSE“ zuständi-
gen Mitarbeiter ist geplant.

image
image
2.2.4
Anwendung der Leitmerkmalmethode zur Erfassung von physischen
Belastungen bei manuellen Arbeitsprozessen bei Uhrmachern
Zur Gefährdungsbeurteilung bei Be-
lastungen im Hand-Arm-Schulter-
Bereich durch kleinere Aktionskräfte
und größere Häufigkeiten bzw. Dau-
er wurde von der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
(BAuA) eine „Leitmerkmalmethode
Manuelle Arbeitsprozesse“ entwik-
kelt. Diese neue Methode berücksich-
tigt sicher erkennbare Tätigkeitsmerk-
male und deren Wechselwirkungen.
Zu berücksichtigende Leitmerkmale
sind dabei:
>
Tägliche Dauer der Tätigkeit
>
Art, Höhe und Häufigkeit der
Kraftaufwendung
>
Körperhaltung
>
Hand-Arm-Stellung
>
Arbeitsorganisation
>
Ausführungsbedingungen.
Die Leitmerkmale werden in einzel-
nen Skalen quantifiziert und reichen
von minimal/optimal bis maximal/
schlecht. Die Einstufung auf die-
sen Skalen gibt Hinweise auf Bela-
stungsengpässe.
Die Landesdirektion Dresden, Abtei-
lung Arbeitsschutz, hat zusammen
mit dem Gewerbeärztlichen Dienst
diese Methode in zwei Uhrmacher-
betrieben in Vorbereitung eines Pro-
jektes im Rahmen der gemeinsa-
men deutschen Arbeitsschutzstrate-
gie (GDA) angewendet.
Folgende Tätigkeiten wurden
betrachtet:
Uhrenbetrieb 1
>
Tätigkeit Uhrenmontage
Uhrenbetrieb 2
>
Tätigkeit: Vormontage (
Abb. 31
)
>
Tätigkeit: Uhren- und
Werkemontage
>
Teiltätigkeit 1 – Reglage
(40 % der Schicht):
>
Teiltätigkeit 2 – Justieren
(60 % der Schicht)
>
Dipl.-Ing. Heike Kramer
Landesdirektion Dresden
Abb. 31
: Vormontage - Stein einsetzen
Abb. 32
: Bewertung der Ergebnisse
33
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0
Vergleich der Belastung Uhrenbetrieb 1 und 2
U 1 Uhrenmontage
U 2 Vormontage
U 2 Teiltätigkeit 1
U 2 Teiltätigkeit 2
Risikobereich Punktwert
Beschreibung
4
50
3
25 bis < 50
2
10 bis < 25
1
< 10
Hohe Belastung, körperliche Überbeanspruchung ist wahrscheinlich.
Gestaltungsmaßnahmen sind erforderlich.
Erhöhte Belastung, körperlich Überbeanspruchung ist auch für normal
belastbare Personen möglich. Gestaltungsmaßnahmen sind angezeigt.
Mittlere Belastung, eine körperliche Überbeanspruchung ist bei
vermindert belastbaren Personen möglich. Für diesen Personenkreis
sind Gestaltungsmaßnahmen sinnvoll.
geringe Belastung, Gesundheitsgefährdung durch körperliche
Überbeanspruchung ist unwahrscheinlich.

image
image
34
Dipl.-Ing. Jaqueline Kunze
Landesdirektion Dresden
2.2.5
Luftdrehkreuz der Postexpresstochter DHL nimmt Volllastbetrieb auf
Abb. 33
: Blick auf das Vorfeld und das Verteilzentrum
Die ermittelten Risikobereiche zei-
gen, dass im Uhrenbetrieb 1 eine
erhöhte Belastung vorliegt und eine
körperlich Überbeanspruchung auch
für normal belastbare Personen
möglich ist. Gestaltungsmaßnahmen
sind angezeigt.
Im Uhrenbetrieb 2 wurde für die
Vormontagetätigkeit eine mittlere
Belastung und für die Uhren- und
Werkemontage eine geringe Bela-
stung ermittelt. Bei der Vormontage
kann eine körperliche Überbean-
spruchung bei vermindert belastba-
ren Personen nicht ausgeschlossen
werden. Gestaltungsmaßnahmen sind
hier sinnvoll.
Die Betriebe wurden aufgefordert,
dieses Ergebnis in ihre Gefährdungs-
beurteilung nach § 5 Arbeitsschutz-
gesetz einzubeziehen und entspre-
chende Maßnahmen vorzusehen.
Der Vergleich zwischen den einzel-
nen Tätigkeiten (
Abb. 32
) zeigt, dass
zum Beispiel schon durch einen Tä-
tigkeitswechsel, wie bei der Uhren-
und Werkemontage, eine geringere
Belastung für den Beschäftigten er-
reicht werden kann. Den Betrieben
wurde empfohlen, die Beschäftigten
bei den Gestaltungsmaßnahmen mit
einzubeziehen und sie darauf hinzu-
weisen, dass jeder Beschäftigte so-
wohl bei der Arbeit als auch durch
eine aktive Freizeitgestaltung die
Arbeitsbelastungen verringern kann.
Zusammenfassung:
>
Auch „leichte Tätigkeiten“ kön-
nen bei einer hohen Gesamtdau-
er der Tätigkeit pro Schicht zu
einer erhöhten physischen Be-
lastung führen
>
Ein Tätigkeitswechsel innerhalb
der Schicht führt zur Verringe-
rung der physischen Belastung
>
Mit diesem Verfahren werden
nicht alle physischen Belastung-
en, wie z. B. die im Schulter-/
Nackenbereich, erfasst.
Im Mai 2008 ist das Luftdrehkreuz
der DHL am Flughafen Leipzig/Halle
nach einer dreijährigen Planungs-
und Bauphase vollständig in Betrieb
genommen worden.
Das Drehkreuz – eines der modern-
sten auf der Welt – wurde auf einem
Areal von insgesamt zwei Millionen
Quadratmetern errichtet und ist
einer der drei wichtigsten Knoten-
punkte im weltweiten DHL-Expres-
snetz (
Abb. 33
).
Es besteht aus einem Verteilzen-
trum mit Verwaltungsgebäude, einer
Flugzeugwartungshalle (Hangar) mit
Verwaltungsgebäude, dem Vorfeld
sowie einem Tanklager für Flugbe-
triebsstoff einschließlich einer Befüll-
station für Flugfeldtankwagen.
Über das Drehkreuz können 1 500
Tonnen Fracht pro Werktag um-
geschlagen werden. Derzeit sind
es durchschnittlich 1 200 Tonnen
Fracht pro Werktag (ca. 90 000 Pa-
kete und 50 000 Briefe). Aktuell star-
ten und landen 52 Flugzeuge pro
Nacht und es werden 46 Ziele auf
drei Kontinenten angeflogen.
Im bundesweit größten Verteilzen-
trum, das durch die DHL Hub Leipzig
GmbH betrieben wird, können
100 000 Pakete/Briefe stündlich sor-

image
35
tiert werden. Hierfür kommt eine mo-
derne Sortieranlage zum Einsatz. Die
DHL Hub Leipzig GmbH beschäftigt
derzeit 1 736 Arbeitnehmer, davon ca.
34 Prozent Vollzeitbeschäftigte und
ca. 66 Prozent Teilzeitbeschäftigte.
Bei den durch die DHL Hub Leipzig
GmbH auszuführenden Tätigkeiten
handelt es sich um
>
das Be-/Entladen von Flugzeugen,
>
das Be-/Entladen von LKW und
Transportern,
>
Transportleistungen vom Vorfeld
zum Hub und zurück,
>
den innerbetrieblichen Transport
(Stapler, Schlepper, Transport
von Hand),
>
Sortiertätigkeiten von Hand,
>
Bürotätigkeiten sowie
>
Securityaufgaben.
Ein großer Teil der genannten Tätig-
keiten stellt hohe Anforderungen an
die physische und psychische Be-
lastbarkeit der Beschäftigten. Trotz
hoher Automatisierung der Sortier-
anlage und Unterstützung durch
Flurförderzeuge ist die Be-und Ent-
ladung von Fahrzeugen/Flugzeugen
und Containern von Hand auszufüh-
ren und stellt damit eine hohe kör-
perliche Belastung für die Beschäf-
tigten dar. Auch die Ausführung des
überwiegenden Teils der Tätigkeiten
(ca. 80 Prozent) in der Nacht zwi-
schen 22.00 und 6.00 Uhr hat als
zusätzlicher Gefährdungsfaktor ei-
nen bedeutenden Einfluss.
Das Unternehmen hat die Gefähr-
dungsbeurteilungen für alle aufge-
führten Tätigkeiten erstellt. Erforder-
liche Betriebsanweisungen wurden
erarbeitet und den Beschäftigten zur
Kenntnis gegeben. Die Beschäftig-
ten werden gemäß den Ergebnissen
der Gefährdungsbeurteilungen min-
destens einmal jährlich unterwiesen.
Weiterhin erfolgen schwerpunktmä-
ßige Unterweisungen der Beschäftig-
ten zu Arbeitsschutzthemen in tägli-
chen/wöchentlichen Briefings durch
die verantwortlichen Supervisoren.
Zum Unfallgeschehen im Verteilzen-
trum, auf dem Vorfeld sowie in Hilfs-,
Neben- und anderen Bereichen wer-
den regelmäßige Auswertungen im
Arbeitsschutzausschuss und im Ma-
nagement mit der Ableitung erfor-
derlicher Maßnahmen vorgenommen.
Mit der geplanten Einführung eines
Arbeitsschutzmanagementsystems
nach dem OHSAS-Konzept ist zu-
künftig eine weitere Verbesserung
des Arbeits- und Gesundheitsschut-
zes im Unternehmen zu erwarten.
2.2.6
Auswirkungen mangelhaft erstellter Gefährdungsbeurteilungen auf Baustellen
Die Pflicht zur Beurteilung der Ar-
beitsbedingungen der Beschäftig-
ten, die Gefährdungsbeurteilung,
ist seit 1996 eine Kernforderung
des Arbeitsschutzgesetzes und
gilt auch für Baustellen. In Auswer-
tung der Baustellenkontrollen des
Jahres 2008 ist festzustellen, dass
häufig keine baustellenbezogenen
Gefährdungsbeurteilungen auf den
Baustellen vorlagen bzw. auch nicht
erstellt wurden. Notwendige und
ergänzende Betriebsanweisungen
für Arbeitsmittel, Gefahrstoffe und
spezielle Tätigkeiten fehlen. Die
mangelnde Umsetzung der For-
derungen zur Gefährdungsbeur-
teilung führt gleichfalls zu Mängeln
bei der Durchsetzung von arbeits-
schutzrelevanten Unterweisungen
am Arbeitsplatz. Aufgetretene Er-
eignisse/Unfälle weisen im Nach-
gang auf vorhandene Schwach-
stellen hin. Die Verantwortung im
Arbeitsschutz wird oft auf die unte-
re Leitungsebene bzw. die betroffe-
nen Arbeitnehmer delegiert. Große
Mängel werden immer wieder bei
Arbeiten mit Absturzgefährdung
deutlich. Entweder sind keine Ab-
sturzsicherungen vorhanden oder
sie werden zu spät vorgehalten und
sind baulich nicht geeignet.
Folgende Schwerpunkte sind bei den
Baustellenkontrollen zu erkennen:
1. Absturzgefahren
>
unzureichende Sicherung von
Absturzstellen (fehlender bzw.
unvollständiger Seitenschutz,
fehlende Abdeckung, keine
bzw. unzureichende Absper-
rung der Gefahrenbereiche)
>
fehlende Absturzsicherungen z.B.
beim Auswechseln von Deck-
enbalken (kein Raumgerüst
>
Dipl.-Ing. (FH) Klaus Päßler
Landesdirektion Dresden

image
image
36
gestellt, Klein- und Rollgerüste
entsprechen nicht der Aufbau-
und Verwendungsanleitung des
Herstellers, Persönliche Schutz-
ausrüstungen gegen Absturz
sind nicht vorhanden bzw. wer-
den nicht sachgerecht verwendet)
>
an Fassadengerüsten ist der Ab-
stand vom Gerüstbelag zum
Gebäude oft größer als 30 cm
(fehlender Seitenschutz, Redu-
zierung des Wandabstandes
durch Konsolen)
>
Schutznetze an Dachfanggerü-
sten werden unsachgemäß an-
gebracht bzw. fehlen
>
auf hohen Dächern mit Höhen-
unterschieden von mehr als
5,00 m waren bei Arbeitenauf der
Dachfläche zusätzliche Schutz-
wände nicht aufgestellt
2. Elektrische Anlagen und
Betriebsmittel
>
Bauleuchten sind nicht spritz-
wassergeschützt ausgeführt,
Handleuchten werden ohne
Schutzglas verwendet
>
Einsatz von ungeeigneten Lei-
tungsrollern (Steckdosen nicht
spritzwassergeschützt; das Elek-
trokabel nicht als Gummischlauch-
leitung HO7RN-F ausgeführt)
>
Überschreitung der Prüffristen
der elektrischen Anlagen und
Betriebsmittel
>
Baustromverteiler mit Überschrei-
tung der monatlichen Prüffristen
>
Sicherheitsrelevante Beschädi-
gungen an Verlängerungsleitung-
en sowie an Steckvorrichtungen
Durch Vorort erstellte Revisions-
schreiben und Anordnungen an den
Arbeitgeber wurden Maßnahmen ein-
geleitet, um Mängel abzustellen und
die Arbeitssicherheit herzustellen.
Im Rahmen der Betriebsrevisionen
und Gesprächen mit dem Unter-
nehmer vor Ort werden die Schwer-
punkte und Mängel der Baustellen-
kontrollen ausgewertet und auf die
Einhaltung der Arbeitsschutzbestim-
mungen Einfluss genommen.
Wesentliche Ansatzpunkte zur Ver-
besserung des Arbeitsschutzes und
der Arbeitssicherheit auf Baustellen
liegen in einer Stärkung der Orga-
nisation des gesamten Bauvorha-
bens. Hierzu müssen die Koordina-
toren aber auch die Unternehmen
ihren Beitrag leisten. Ein Koordinator
mit umfangreichen Fachkenntnissen
kann entscheidenden Einfluss auf
die Qualität der Arbeitsschutzbedin-
gungen auf der Baustelle nehmen.
Es konnte z. B. auch durch gemein-
same Baustellenbegehungen der
Arbeitsschutzbehörde mit den Ko-
ordinatoren eine erhöhte Qualität der
Arbeitssicherheit erreicht werden.
Der Arbeitgeber kommt durch die
Erstellung der Gefährdungsbeurtei-
lung zum einen seiner Pflichterfül-
lung nach den Rechtsverordnungen
nach. Zum anderen erfüllt er seine
Fürsorgepflicht gegenüber den Ar-
beitnehmern, um diese vor Unfällen
und arbeitsbedingten Gesundheits-
gefahren zu schützen. Der durch die
Erstellung einer Gefährdungsbeur-
teilung verfolgte präventive Ansatz,
Gefährdungen der Mitarbeiter im
Voraus zu erkennen und entspre-
chende Schutzmaßnahmen einzu-
leiten und zu kontrollieren, bringt
nicht zuletzt dem Arbeitgeber einen
wirtschaftlichen Gewinn durch sin-
kende Ausfallzeiten aufgrund von
weniger Arbeitsunfällen.
Bei Bauarbeiten mit wechselnden
örtlichen Verhältnissen müssen die
Unternehmen darauf achten, dass
eine ständige Aktualisierung der Ge-
fährdungsbeurteilung erfolgt und die
Einhaltung der Schutzmaßnahmen
kontrollfähig gestaltet wird.
Abb. 34
: Fehlender Seitenschutz an der Absturzstelle, aufgestellte
Stützen sind wirkungslos
Abb. 35
: Sicherheitswidrige Beleuchtung auf der Baustelle

image
image
image
37
Dipl.-Ing. (FH) Lutz Müller
Landesdirektion Dresden
2.2.7
Großbaustelle Universitätsklinikum Leipzig – Herausforderung für Organisation
und Koordination eines unfallfreien Bauablaufs
Im Jahr 1995 wurde die Entschei-
dung für die räumliche Zusammen-
legung aller medizinischen Zentren
der Universitätsklinik Leipzig für den
Standort Liebigstraße getroffen. Mit
all den Neu- und Umbauten wird
hier einer der modernsten Klinik-
komplexe Deutschlands entstehen.
Für den Bauherrn stellt die Groß-
baustelle eine große Herausforde-
rung hinsichtlich Planung, Ausfüh-
rung und Koordination der einzelnen
Bauvorhaben unter dem Gesichts-
punkt des Arbeits- und Gesund-
heitsschutzes dar. In diesem Zu-
sammenhang ist es von größtem
Interesse, dass der Koordinator
seine Aufgaben zuverlässig erfüllt.
Schließlich ist er der Normadressat
für das Sicherheitskonzept seiner
Baustellen. Der Koordinator muss
den am Bau Beteiligten vorgestellt
werden und bekannt sein.
Auf der Großbaustelle Universitätskli-
nikum Leipzig wurde für die Baulei-
ter und Unternehmer zur Pflicht ge-
macht, dass der Koordinator zu den
Baustellenbesprechungen eingela-
den wird und dass ihm Änderungen
im Bauvorhaben, Änderungen der
Technologie sowie der weitere Ein-
satz von Unternehmen sofort mitge-
teilt werden. Es soll erreicht werden,
dass keine bauausführende Firma
mit den Arbeiten beginnt, ohne vor-
her vom Koordinator eingewiesen
worden zu sein.
Bei dieser Strategie besteht der
Vorteil, dass die Unternehmen vom
Einsatz des Koordinators und sei-
nen Weisungen nicht überrascht
werden. Für die Unternehmen, bei
denen Sicherheit und Gesundheits-
schutz bisher noch keinen beson-
deren Stellenwert hatten, bedeu-
tete dies eine Umstellung ihrer Ar-
beitsweise. So mussten sie eigene
Sicherheitskonzepte in Form von
Gefährdungsbeurteilungen und Be-
triebsanweisungen erstellen und die
Einhaltung von Schutzmaßnahmen
und Verhaltensregeln überwachen.
Auch die Kontrolle der mitgebrach-
ten Arbeitsmittel stellte diese Firmen
vor neue Probleme hinsichtlich Eig-
nung und Überprüfung.
Nur durch konsequentes Handeln
von Koordinator und Bauherren kann
den aufgetretenden Schwierigkeiten
entgegengewirkt werden.
Der Bauunternehmer muss aufgrund
seiner Ausrüstung in der Lage sein,
die Bedingungen auf der Baustelle
herzustellen, die dem Sicherheits-
konzept des Koordinators entspre-
chen. In regelmäßigen Abständen
fanden unter dem Gesichtspunkt
Arbeits- und Gesundheitsschutz auf
den Baustellen Begehungen durch
Bauleitung, Koordinator, zuständi-
ge Berufsgenossenschaften und
Arbeitsschutzbehörde statt. Fest-
gestellte Mängel wurden dokumen-
tiert, ausgewertet und das Unter-
nehmen zur sofortigen Beseitigung
der Gefährdungen aufgefordert. Bei
wiederkehrenden Verstößen wurde
dem Unternehmen eine Abmahnung
durch den Bauherrn erteilt.
Durch gutes Zusammenwirken und
konsequentes Handeln aller Betei-
ligten konnten bisher auf der Groß-
baustelle Universitätsklinikum Leip-
zig schwere Arbeitsunfälle verhindert
werden.
Abb. 36
: Umbau ehemalige Hautklinik der Univer-
sität Leipzig zum zentralen Forschungszentrum
Abb. 37
: Fertig gestellter Neubau im Universitäts-
klinikum Leipzig, Zentrum für Konservative Medizin

image
image
image
38
2.2.8
Zweite Tunnelröhre des City-Tunnels-Leipzig erfolgreich fertiggestellt – ein Rückblick
aus sicherheitstechnischer und arbeitsschutzrechtlicher Sicht
Dipl.-Ing. Martin Wagner
Landesdirektion Dresden
Am 31.10.2008 erfolgte der letzte
Durchstich der Tunnelbohrmaschine
(TBM) am Haltepunkt Hauptbahn-
hof unter großer Beachtung der Öf-
fentlichkeit. Nach dem für die erste
Röhre des Tunnels ein Zeitraum von
ca. 14 Monate beansprucht wurde,
machten sich die gesammelten Er-
fahrungen insbesondere über die
schwierigen geologischen Verhält-
nisse bezahlt, so dass die zweite
Röhre in einer rekordverdächtigen
Zeit von sechs Monaten fertig ge-
stellt werden konnte.
Überschattet wurde das zügige Vor-
ankommen von einem schweren Un-
fall in der Station Markt. Bei Beweh-
rungsarbeiten am Ausfahrtopf stürz-
te ein Mitarbeiter der ausführenden
ARGE durch das Außerachtlassen
sicherheitsgerechten Verhaltens auf
Bewehrungseisen und wurde dabei
schwer verletzt. Glücklicherweise
konnte der Mitarbeiter seine Tätig-
keit auf der Baustelle nach wenigen
Wochen wieder aufnehmen. Trotz
hinreichender Kontrolle und Über-
wachung des Bauvorhabens durch
die am Bau beteiligten Sicherheits-
fachkräfte und Unterweisung des
Personals konnte dieser Unfall nicht
verhindert werden.
Durch die gute Zusammenarbeit
zwischen bauausführenden Unter-
nehmen, Sicherheits- und Gesund-
heitsschutzkoordinator, Berufsge-
nossenschaft und Arbeitsschutzbe-
hörde wurden sicherheitstechnische
Mängel frühzeitig abgestellt bzw.
zu erwartende Schwierigkeiten bei
der Ausführung durch Anwendung
erprobter sowie gemeinsam ge-
fundener neuer Lösungen besei-
tigt. Der Unfall zeigt dennoch, dass
trotz eingesetzter Hochtechnologie
beim Auffahren der Tunnelröhre im-
mer noch Menschen wesentliche
Arbeitsleistungen vollbringen und
diese Menschen eben auch Fehler
machen.
Die Erfahrungen beim Auffahren der
ersten Röhre wurden beim Vortrieb
der zweiten Röhre genutzt. Letzt-
endlich reduzierte sich dadurch
die Bauzeit auf ca. sechs Monate.
Gleichzeitig wurde nach Erreichen
der Station Wilhelm-Leuschner-Platz
der vorgesehene Querschlag aufge-
fahren. Dazu waren beim Auffahren
der Oströhre bereits Vorkehrungen
getroffen worden. Wegen der bes-
seren Demontierbarkeit wurden an-
stelle der herkömmlichen Betontüb-
binge Stahltübbinge eingebaut. Von
der bereits rohbaufertigen Oströhre
aus sind Bohrungen vorgetrieben
worden, über die später Vereisungs-
lanzen in den Boden eingebracht
wurden. Bei der Vereisung kam eine
geschlossene Ammoniakanlage zum
Einsatz. Die Erfahrungen der betei-
ligten Sicherheitsfachkräfte bei der
Vereisung im Bereich des Loses C
(Abschnitt Hauptbahnhof Unterque-
rung – nördliche Ausfahrt) konnten
dabei genutzt und erfolgreich umge-
setzt werden. Arbeitsunfälle konnten
weitestgehend - mit Ausnahme des
geschilderten Unfalles - vermieden
und das Projekt Tunnelvortrieb in
Rekordzeit erfolgreich beendet wer-
den.
Nach dem Erreichen der Station
Hauptbahnhof wurde der Nachläufer
Abb. 38
: Unfallort Ausfahrt Nordseite Haltepunkt Markt;
beim Übersteigen der Schalung rutschte die verwendete,
zu kurze Leiter an der Schalung ab und der Mitarbeiter
stürzte auf die Anschlussbewehrung
Abb. 39
: Blick in die fertiggestellte West-
röhre, Gleisanlage und Versorgungslei-
tungen sind bereits zurück gebaut.

image
image
image
von der Maschine getrennt, an den
Haltepunkt Bayerischer Bahnhof
zurückgezogen, demontiert und zur
weiteren Verwendung an einer neuen
Maschine an den Hersteller verkauft.
Die eigentliche Vortriebsmaschine in-
klusive Schneidrad wurde am Haupt-
bahnhof zerlegt und verschrottet.
Abb. 40
: Demontage der Tunnelbohrmaschine
Im Jahr 2013 wird das 200-jähri-
ge Jubiläum der Völkerschlacht bei
Leipzig begangen. Nicht zuletzt auch
aus diesem Grund erfolgt eine Kom-
plettsanierung des Völkerschlacht-
denkmales, an dessen Bausubstanz
der Zahn der Zeit bereits erheblich
genagt hat.
Das Hauptziel bestand in der Sa-
nierung der inneren und äußeren
Fassade bei der gleichzeitigen Auf-
rechterhaltung des Besucherbetrie-
bes. Dazu wurde das Denkmal au-
ßen abschnittsweise von oben nach
unten eingerüstet, um verschiedene
Galerien für den Besucherverkehr
frei zu halten.
Für die einzelnen Bauabschnitte
der Gerüste war der Nachweis der
Standsicherheit notwendig, da bei
der Aufstellung von der Regelaus-
führung abgewichen wurde. Auf der
Ostseite des Denkmales erfolgte mit-
tig eine vollständige Einrüstung der
Fassade vom Fuß bis zur Plattform,
um einen Aufzug zum Personen-
und Materialtransport anzubauen.
Gleichzeitig ist hier eine Nottreppe im
Gerüst eingebaut. Da sich das Bau-
werk nach oben verjüngt, wurde der
Aufzug um ca. zehn Grad geneigt
entsprechend den Gegebenheiten
des Bauwerkes errichtet (
Abb. 42
).
Bei der Verwendung eines senk-
rechten Aufzuges wäre ein erhöhter
Verankerungsaufwand aufgrund der
in der Höhe großen Windlast erfor-
derlich gewesen.
Um den Besucherverkehr im Inneren
des Denkmales so gering wie mög-
lich einzuschränken, wurde als Ar-
beitsebene ein Hängegerüst verwen-
det. So konnten Einschränkungen
>
Dipl.-Ing. (FH) Axel Schröter
Landesdirektion Dresden
2.2.9
Sanierung des Völkerschlachtdenkmals mit Gerüstsonderkonstruktionen
Abb. 42
: Schrägaufzug an der Ostseite
39

image
image
image
40
Abb. 43
: Hilfsrahmen mit Anschlagpunkten für die Ketten des Hängege-
rüstes in der Reiterkuppel
Abb. 44
: Einrichtung des Flächengerüstes in der Ruhmeshalle
durch Einbauten eines Standgerü-
stes in der Ruhmeshalle vermieden
werden.
Die Befestigung des Hängegerüstes
erfolgte über der Reiterkuppel mit
einem Hilfsrahmen aus Stahlträgern,
der als Anschlagpunkt für die Win-
den und Ketten diente (
Abb. 43
).
Um die Sanierung der Inneren Wände
des Kuppelbaues auf dem Hängege-
rüst gefahrlos durchführen zu können
und die Sicherheit der Arbeitnehmer
zu gewährleisten, musste für das
Hängegerüst die Standsicherheit mit
statischem Einzelnachweis vorgelegt
werden.
Das Hängegerüst wurde mittels
MERO Gerüstteilen in der Ruhmes-
halle komplett montiert und mit vier
Stahlseilwinden bis in die so genann-
te Reiterkuppel (Kopfbereich) nach
oben gezogen und dort mittels zu-
sätzlicher Anschlagketten gesichert.
Als Arbeitsebenen für diese Kuppel
wurden hier noch zwei Gerüstlagen
auf dem Hängegerüst errichtet. Die
Arbeiten wurden unter der Kuppel
begonnen und das Gerüst wird ab-
schnittsweise für die unteren Berei-
che herabgelassen.
Die Durchführung der Sanierungsar-
beiten erforderte einen hohen Auf-
wand an die Planung und Ausfüh-
rung der einzelnen Baumaßnahmen
sowie an die Gerüstkonstruktionen.
Nur durch eine gemeinsame Vorbe-
reitung und dem Zusammenwirken
von Bauherr,
Planer SiGe–Koordina-
tor
, Gerüstbauer, ausführenden Un-
Auf einer Tiefbaustelle in einem Wohn-
gebiet ereignete sich ein tragischer
Arbeitsunfall, bei dem ein Arbeit-
nehmer infolge Sauerstoffmangels
ternehmen sowie Arbeitsschutzbe-
hörde konnten die Arbeiten gefahr-
los ausgeführt werden. Das vom
Bauherrn beauftragte Ingenieurbüro
hat die Arbeiten ständig begleitet, so
dass ein Informationsaustausch hin-
sichtlich der Arbeitssicherheit mit al-
len Beteiligten jederzeit gegeben war.
in einem Kopfloch erstickte.
Was war geschehen?
Durch ein regionales Energieversor-
gungsunternehmen wurde eine Rohr-
leitungs- und Tiefbaufirma beauftragt,
in einem Wohngebiet eine neue Gas-
versorgungsleitung mit dazugehöri-
gen Hausanschlüssen zu verlegen.
Die Hauptleitung und ein Großteil der
Hausanschlüsse waren bereits fertig
gestellt, als sich der tragische Unfall
ereignete. Der verantwortliche Vorar-
beiter der Rohrleitungs- und Tiefbau-
firma war damit beauftragt, mit zwei
weiteren Kollegen die Hausanschlüs-
se der Grundstücke mit der in der
2.2.10
Todesfalle Kopfloch
Dipl.-Ing. (FH) Wulf Kühn
Landesdirektion Dresden

image
image
Anliegerstraße verlegten Gasleitung
herzustellen. Zwei derartige Hausan-
schlüsse waren noch zu realisieren.
Am Vortag grub der Vorarbeiter vor ei-
nem Grundstück ein Kopfloch, um die
vorhandene Hausanschlussleitung
vom Typ „d 32 PE“ mit der in der Stra-
ße neu verlegten Gasleitung (gleicher
Typ) verbinden zu können. Das Kopf-
loch hatte eine Tiefe von 1,25 m und
eine Sohlenbreite von 0,3 m x 0,3 m.
Die vorhandene Hausanschlusslei-
tung verlief unmittelbar auf der Soh-
le während der Leitungsstumpf der
neuen Gasleitung 0,2 m über der
alten Leitung in das Kopfloch rag-
te. Über ein Etagenstück sollten die
Leitungen miteinander verbunden
werden. Beide Leitungen waren mit
Gas gefüllt und mit einem Druck von
70 mbar (erhöhter Niederdruck) be-
aufschlagt.
Am Unfalltag wollte der Vorarbeiter
die Umbindearbeiten selbständig
durchführen. Seine beiden Kollegen
beorderte er in der Zwischenzeit an
eine andere Arbeitsstelle. Er begann
die Arbeiten damit, dass er die alte
Hausanschlussleitung im Kopfloch
mit einer kleinen Handbügelsäge
durchtrennte. Ein vorheriges Ab-
sperren der Gasleitung erfolgte
nicht, so dass nach dem Durchtren-
nen der Leitung das Erdgas (Methan)
in voller Stärke austreten konnte. Da
der Arbeitnehmer in Bauchlage un-
mittelbar über der Leitung arbeitete,
inhalierte er das Methangas, das
durch die extreme Beengtheit den
Sauerstoff im Kopfloch verdräng-
te. Durch den Sauerstoffmangel
wurde der Arbeitnehmer bewusst-
los, rutschte weiter in das Kopfloch
und erstickte. Geraume Zeit darauf
wurde er von einem Mitarbeiter ent-
deckt, der ihn aus dem Loch befrei-
te und die Erste Hilfe organisierte.
Die herbeigerufene Notärztin konnte
trotz sofort eingeleiteter Reanimati-
onsmaßnahmen nur noch den Tod
des Arbeitnehmers feststellen.
Unfallursächlich war, dass der ver-
storbene Arbeitnehmer die Umbin-
dearbeiten an der Hausanschluss-
leitung ohne Beachtung der Sicher-
heitsbestimmungen ausführte, die
ihm nachweislich bekannt waren. So
versäumte er es, die Gaszufuhr zu
unterbinden sowie für eine ausrei-
chende Arbeitsraumbreite im Kopf-
loch zu sorgen und am Böschungs-
fuß (Sohle) eine Breite von minde-
stens 0,5 m zuzüglich der Gas-
leitungsmaße zu gewährleisten. Da-
mit war es auch nicht möglich, eine
Absperreinrichtung in Form einer
Quetschvorrichtung für PE-Leitun-
gen (lag im Firmenfahrzeug neben
dem Kopfloch) an den zu trennen-
den Leitungen anzubringen. Eine
zweite Person (Aufsicht) bei der
Ausführung der Arbeiten stand nicht
zu Verfügung.
Durch das Unternehmen wurden in
Absprache mit einem Mitarbeiter der
Arbeitsschutzbehörde Maßnahmen
festgelegt, die solche Gefährdungen
zukünftig ausschließen sollen.
In Deutschland gehen jährlich welt-
weit mit die meisten Solarstroman-
lagen ans Netz. Durch gesetzliche
Rahmenbedingungen und Förder-
programme wird der Ausbau von
Strom- und Wärmeerzeugung aus
erneuerbaren Quellen gefördert.
Klimaschutz und Verringerung der
Abhängigkeit von fossilen Energie-
trägern wie Erdöl, Erdgas oder Kohle
sind dabei das Grundanliegen. Sicht-
barer Ausdruck dieses Booms sind
immer mehr Photovoltaikanlagen
>
Abb. 45
: Kopfloch des Hausanschlusses
Dipl.-Ing. Dietmar Buttig
Landesdirektion Dresden
2.2.11
Photovoltaikanlage auf's Dach – mitunter ein Wagnis
41

image
42
Abb. 45
: Absturzsicherung an einer Photovoltaikanlage auf einem Flachdach
auf Dächern gewerblicher Industrie-
und Lagerhallen und privater Ei-
genheime. Das nicht nachlassende
Kundenbedürfnis lässt auch neue
Firmen am Markt entstehen, die ent-
sprechende Anlagen auf Dächern
montieren.
In der Regel stehen diese Firmen
der Elektrotechnikbranche näher
als dem Dachdeckergewerbe und
ein Konflikt mit dem Arbeitsschutz
ist in vielen Fällen vorhersehbar. Bei
Wahrnehmung der Fürsorgepflicht
für die eigenen Mitarbeiter sollte je-
der dieser Arbeitgeber als Resultat
seiner Gefährdungsbeurteilung in
der Lage sein, zu erkennen, dass
die Montage von Photovoltaikanla-
gen auf Dächern als Dacharbeiten
einzustufen ist. Nach dem Stand der
Technik müssen diese Arbeiten auf
dem Dach auch mit den erforderli-
chen Sicherheitsmaßnahmen gegen
Absturz durchgeführt werden.
Wie stellt sich jedoch die Situation
auf Baustellen häufig dar? Werden
auf Satteldächern von Wohnhäu-
sern, Scheunen usw. Photovoltaik-
module befestigt, wird in der Regel
längsseits ein Gerüst vorgehalten,
was aber nicht immer als Dachfang-
gerüst ausgebildet ist. Schutznetze
werden dabei schon mal weggelas-
sen, es sei denn, ein Dachdecker
musste vorher auf das Dach. Auf
Fanggerüste am Ortgang der Häu-
ser wird ebenfalls häufig verzichtet.
Viel gefährlicher sieht die Situati-
on jedoch auf Flachdächern aus.
Dort fehlen nicht selten die Dach-
randsicherungen, die als kollekti-
ve Sicherungsmaßnahmen gegen
Absturz wegen des Umfangs der
Arbeiten erforderlich sind. Werden
die Beschäftigten daraufhin ange-
sprochen, ist kaum ein Gefahren-
bewusstsein feststellbar. Nun be-
steht unser Auftrag als staatliche
Arbeitsschützer nicht darin, darauf
zu warten, dass sich dieses durch
Risikoerlebnisse von selbst einstellt.
Vielmehr sind die Arbeitnehmer vor
Fehlhandlungen zu schützen, wenn
sie es selbst nicht vermögen oder
deren Verantwortliche Schutzpflich-
ten nicht wahrnehmen wollen oder
können. Natürlich helfen pauschale
Unterstellungen nicht, das Niveau
des Arbeitsschutzes auch bei dieser
Art von Dacharbeiten in geregelte
Bahnen zu lenken. Wir erinnern uns
noch daran, dass gleiche Probleme
vor Jahren auch bei den Dachdek-
kern auftraten. Nicht nachlassende
Kontrollen und der ständige Dialog
mit den Arbeitgebern haben dazu
geführt, dass sich der erforderliche
Sicherheitsstandard bei Arbeiten auf
Flachdächern eingestellt hat. Dies
wurde auch ermöglicht, weil die In-
dustrie entsprechende praktikable
technische Lösungen für Absturz-
sicherungen zur Verfügung stellte.
Also kann das Motto nur wieder lau-
ten: „Steter Tropfen höhlt den Stein“.
Der Objektivität wird jedoch kein
guter Dienst erwiesen, wenn der
Finger nur auf die „pflichtvergesse-
nen“ Unternehmer gerichtet würde.
Warum fehlen mitunter die notwen-
digen Sicherheitsleistungen in Aus-
schreibungen und damit auch in
Angeboten und Werkverträgen? Der
Bauherr ist hier ebenso in die Pflicht
genommen. Es gibt einige unter
Ihnen, die sehr wenig Verständnis
dafür aufbringen, dass Arbeiten auf
dem Dach immer Sicherungsmaß-
nahmen gegen Absturz bedingen.
Müsste das Dach erneuert werden,
würden sie sich weniger schwer
tun, denn bei Dachdeckerarbeiten
besteht nun einmal die Notwendig-
keit von Absturzsicherungen. Es
entsteht manchmal der Eindruck,
dass Bauherrn sich hinter dem po-
sitiven Beitrag, etwas für den Um-
weltschutz zu tun, verstecken und
damit ihr Versagen im Arbeitsschutz
bemänteln. Selbstverständlich sol-
len sich die Solarstromanlagen auch
finanziell rechnen und dies offenbar
schon beim Aufbau.
In der Regel unterliegt die Mon-
tage von Photovoltaikanlagen auf
Dächern nicht den Forderungen
der Baustellenverordnung, wie das
Einsetzen eines Koordinators oder
Erstellen eines Sicherheits- und Ge-
sundheitsschutzplans. Wenn jedoch
Mitarbeiter von Fremdfirmen Arbei-
ten auf den Dächern durchführen
sollen, obliegt dem Auftraggeber/
Bauherrn die Verkehrssicherungs-
pflicht. Die Anwendung von erfor-
derlichen speziellen Sicherungs-
maßnahmen sollte daher Inhalt von

image
Dipl.-Ing. Iris Schuhmann
Landesdirektion Dresden
2.2.12
Behindertenwerkstätten – hier sind Umsicht und Einfühlungsvermögen gefragt
Werkverträgen sein. Darin muss ge-
regelt sein, wo der Verantwortungs-
bereich der Fremdfirma beginnt und
welche Sicherheitseinrichtungen vor
Ort zur Verfügung stehen. Unbeach-
tet dessen gilt jedoch: Erkennt der
Bauherr, dass der Bauunternehmer
nachlässig arbeitet und die sogar
für Laien erkennbaren Sicherheits-
erfordernisse nicht einhält, muss er
einschreiten. Auch für spätere Arbei-
ten zur Wartung der Anlagen muss
der Auftraggeber/ Bauherr für die
Sicherung von Verkehrswegen und
Arbeitsplätzen auf seinen Dächern
sorgen.
Mit der Wahrnehmung der Verant-
wortung aller am Bau Beteiligten
für den Schutz von Leben und Ge-
sundheit der Beschäftigten sollte
der derzeit nicht befriedigende Zu-
stand des Arbeitsschutzes bei der
Montage von Photovoltaikanlagen
auf Dächern bald der Vergangenheit
angehören. Dies wird jedoch nicht
im Selbstlauf geschehen.
Die Arbeitsschutzbehörden werden
deshalb auch weiterhin ein wach-
sames Auge auf solche Arbeiten
richten, damit deren fortschrittlicher
Zweck nicht durch vermeidbare Un-
fälle getrübt wird.
Behindertenwerkstätten sind Arbeit-
geber für ca. 15.000 behinderte
Menschen in Sachsen. Sie bieten
Erwachsenen, denen wegen der Art
oder Schwere ihrer Behinderung kei-
ne betriebliche Berufsausbildung und
keine übliche Erwerbsarbeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt angeboten
werden, einen Arbeitsplatz. Den Be-
hinderten soll auf diese Weise ermög-
licht werden, ihre Leistungsfähigkeit
zu entwickeln, zu erhöhen oder wie-
derzugewinnen und dabei ihre Per-
sönlichkeit weiterzuentwickeln. Zum
überwiegenden Teil handelt es sich
um geistig behinderte Menschen. Zu-
nehmend ist der Anteil an psychisch
Behinderten.
Das breite Spektrum der Behinde-
rungen und die damit verbundene
sehr differierende Leistungsfähigkeit
erfordern das Bereithalten von sehr
einfachen Arbeitsvorgängen bis hin
zu anspruchsvollen Tätigkeiten. Diese
Angebotspalette spiegelt sich in den
verschiedenen Bereichen der Werk-
stätten wider. Beispielhaft hierfür
seien die Arbeitsfelder in der Verpak-
kung, Montage, Tischlerei, Zimmerei,
Näherei, Wäscherei, Keramikgestal-
tung, Garten- und Landschaftspflege
sowie Tierhaltung genannt. Führt man
sich die genannten Bereiche vor Au-
gen, liegt es auf der Hand, dass die
unterschiedlichsten Maschinen und
Geräte zum Einsatz kommen und an
die für den Arbeitsschutz verantwort-
lichen Personen hohe Anforderungen
gestellt werden.
Ausgehend von dem Grundgedan-
ken, die Leistungsfähigkeit zu för-
dern und auch für die Schwächsten,
die weder zählen noch lesen können,
sinnvolle Beschäftigung vorzuhalten,
sind an die Kreativität der Betreuer,
geeignete Hilfsmittel zu entwickeln,
keine Grenzen gesetzt. Schon hier
ist es wichtig, diesen Personenkreis
für den Arbeitsschutz zu sensibilisie-
ren und nur sichere Arbeitsmittel zur
Anwendung zu bringen.
Eine tägliche Herausforderung stellt
die Einschätzung der Leistungsfä-
higkeit (Tagesform) der Behinderten
dar. Diese ist Schwankungen un-
terworfen und kann es erforderlich
machen, einem Behinderten eine
andere Arbeit zuzuweisen, um eine
Gefährdung der betroffenen Person
und Dritter abzuwenden. Auch Un-
terweisungen müssen in Form und
Häufigkeit der Auffassungsgabe der
betroffenen Beschäftigten ange-
passt werden.
Ausgehend von den vorliegenden Un-
fallanzeigen kann festgestellt werden,
dass im Jahr 2008 keine schweren
Unfälle gemeldet wurden. Es handelte
sich lediglich um kleinere Verletzun-
gen, die auch nicht im Zusammen-
hang mit Tätigkeiten an Maschinen
standen.
Die Revisionen ergaben, dass der
überwiegende Teil der besichtigten
Werkstätten in Gebäuden unterge-
bracht ist, die vor ca. 10 bis 15 Jah-
ren errichtet wurden. Die Raumkon-
zeption dieser Gebäude ist zweck-
mäßig und berücksichtigt die Be-
stimmungen der Arbeitsstättenver-
ordnung. Der technische Stand
>
43

image
44
2.3 arbeitsmittel, Medizinprodukte
Dipl.-Ing. Horst Tonder
Landesdirektion Dresden
von Maschinen und Anlagen ent-
sprach den gesetzlichen Anforderun-
gen. Prüfungs- und Wartungsarbei-
ten wurden fristgerecht ausgeführt.
Die Anwendung von Gefahrstoffen
war erheblich eingeschränkt. Die
Lagerung erfolgte vorschriftsmäßig.
In einigen Einrichtungen musste das
Gefahrstoffverzeichnis
aktualisiert
werden. Sicherheitsdatenblätter wa-
ren vorhanden. Die erforderlichen
persönlichen Schutzausrüstungen
wurden bereitgestellt und getragen.
Eine Einrichtung war in einem Altbau
untergebracht. Hier wurden einige
bauliche Mängel festgestellt, die be-
hoben werden müssen. Ein Neubau
ist in Planung.
Es fiel auf, dass Feuerlöscher ver-
stellt waren und auch Not-Aus-
Schalter nicht gut zugänglich waren.
Auf Verkehrswegen lagerten Ge-
genstände und Bewegungsflächen
am Arbeitsplatz waren zum Teil
nicht ausreichend vorhanden. Die
Ursache hierfür war in zu geringen
Lagerkapazitäten zu sehen, so dass
Material auf Gängen oder im Ar-
beitsraum gelagert wurde. In diesen
Fällen mussten zusätzliche Lagerflä-
chen geschaffen werden. Länger-
fristig planen einige Einrichtungen
Erweiterungsbauten.
Die Begehungen hatten die Umset-
zung der arbeitsschutzrechtlichen
Anforderungen für die behinderten
Beschäftigten im Fokus, schlossen
aber die Betreuer aus der Betrach-
tung nicht aus. Für diesen Personen-
kreis ist die bestehende psychische
Belastung nicht zu vernachlässigen.
Die Betreuer sollten zudem verstärkt
zu den Themen Gewaltprävention,
Deeskalation und Konfliktvermeidung
geschult werden.
Alle Revisionen schlossen mit einer
Auswertung ab, in der bestehen-
de Mängel besprochen und Lö-
sungsvarianten diskutiert wurden.
Der Arbeitsschutz nahm in allen
besuchten Einrichtungen einen ho-
hen Stellenwert ein. Durch die gute
Zusammenarbeit mit der Arbeits-
schutzverwaltung konnten aufge-
tretene Probleme zügig gelöst und
Schwachstellen beseitigt werden.
In einem Metallbaubetrieb traten wie-
derholt Unfälle auf, bei denen Ar-
beitnehmer Frakturen und Prellun-
gen erlitten.
Diese Verletzungen wurden durch
herabstürzende Metallteile verursacht,
die mittels Permanent-Lasthebema-
gneten angehoben wurden. Aufgrund
der Häufung der Unfälle wurden diese
durch die Arbeitsschutzbehörde nä-
her untersucht.
Für das Lösen der Metallteile vom
Lasthebemagneten konnten zwei un-
abhängig voneinander aufgetretene
Ursachen ermittelt werden:
Unzureichende Oberflächenreinigung
Die auf einem sog. Leistungsblatt
und auf dem Kennschild des Gerä-
tes beigefügte Kraftkennlinie wurde
nicht beachtet. Diese zeigt die Ver-
ringerung der Verankerungskraft des
Magneten bei Vergrößerung des
Luftspaltes, der durch mögliche „Hin-
dernisse“ zwischen den Magnetpo-
len und der Last hervorgerufen wer-
den kann. Diese Hindernisse können
Zunder, Fremdkörper, Vertiefungen,
Verzerrungen u.ä. sein.
Unzulässige Werkstückabmessung
Die in der Gebrauchs- und War-
tungsanleitung angegebenen Merk-
male der Last wurden nicht beach-
tet. Diese Merkmale beinhalten u. a.
die zulässigen Abmessungen (max.
Länge, min. Dicke, max. Durchmes-
ser) der zu hebenden Werkstücke,
bei denen noch eine ausreichende
Tragkraft gewährleistet wird. Dabei
ist weiterhin zu beachten, dass La-
sten mit höherem Kohlenstoffanteil
(Edelstahl, Gusseisen) eine Verrin-
gerung der Tragfähigkeit bewirken.
Ebenso verringert sich die Trag-
fähigkeit, wenn die Materialdicke
die Polbreite unterschreitet oder
die Temperatur der Last 80°C über-
schreitet.
Im Ergebnis der Unfalluntersuchung
wurde im Einvernehmen mit dem Ar-
2.3.1
Nicht nur Gutes kommt von oben! – Unachtsamkeit beim Umgang mit Lasthebemagneten

image
image
45
2.3.2
Warum erst aus Schaden klug werden? – Brand an einer
Silan-Flaschenversorgungsanlage
Dipl.-Ing. (FH) Peter Johne
Landesdirektion Dresden
beitgeber festgelegt, die Beschäftigten
anhand der Gebrauchs- und War-
tungsanweisung des Herstellers des
Permanent-Lasthebemagneten inten-
siveren Spezialunterweisungen zu un-
terziehen. Dadurch soll weiteren ähn-
lichen Unfällen vorgebeugt werden.
In einer Solarzellenfabrik wird im
Herstellungsprozess das Gas Silan
zum Einsatz gebracht. Silan ist hoch-
entzündlich und entzündet sich bei
der Reaktion mit Luftsauerstoff von
selbst. Die Anlieferung des Gases
erfolgte in handelsüblichen Druck-
gasflaschen. Für die Lagerung und
Entnahme des Gases wurde ein
Gaskabinett mit belüfteten Spezi-
algasschränken sowie Gaswarn-
technik mit Signalweiterleitung an
die Ortsfeuerwehr eingerichtet. Der
Gasflaschenwechsel erfolgte je nach
Produktionsbedarf monatlich durch
das Betriebspersonal.
Bei dem Flaschenwechsel kam es
zweimal hintereinander zu einer Lek-
kage zwischen Flasche und Rohr-
leitungsanlage im Bereich der Fla-
schenanschlüsse. Da Silan selbstent-
zündlich ist, folgten zwangsläufig die
Entzündung des Gases und ein Brand
im Flaschenschrank des Gaskabi-
netts, der von der Feuerwehr durch
Schließen des Flaschenabsperrventils
gelöscht wurde.
Zum Glück wurden keine Arbeitneh-
mer verletzt und der Brandschaden
war nur gering. Der Produktionsaus-
fall und die Wasserschäden durch
den Einsatz der automatischen
Sprinkleranlage haben dem Betrei-
ber jedoch erhebliche Kosten verur-
sacht. Der kurz darauf aufgetretene
zweite Brand konnte vom Betriebs-
personal
selbstständig
ebenfalls
durch Schließen der Flaschenventile
beendet werden, ohne dass weite-
rer Schaden entstand.
Im Zusammenwirken zwischen Be-
treiber, Arbeitsschutzbehörde, Anla-
generrichter und Komponentenher-
steller wurde der Schadensfall unter-
sucht, um die Ursachen der Ereig-
nisse aufzudecken und wirkungsvoll
Abhilfe schaffen zu können.
Es wurde festgestellt, dass:
>
die Sicherheitssysteme wie Gas-
messung und Brandwarnung so-
wie die Sprinkleranlage ordnungs-
gemäß funktioniert haben und
>
zulässige Kunststoffdichtungen
zur Anwendung kamen, aber:
>
bei der Verwendung dieser
Kunststoffdichtungen an der Fla-
schenverschraubung besondere
Sorgfalt beim Einlegen und Fest-
ziehen der Verbindung nötig ge-
wesen wäre,
>
für das Anziehen der Überwurf-
mutter ein definiertes Anzugs-
>
Abb. 47
: Silan-Flaschen-Versorgungsanlage nach dem Brand

image
46
Dipl.-Phys. Agimar Junghans
Landesdirektion Dresden
2.3.3
Gefährdungsbeurteilung für Hand-Arm-Vibrationen
in einem Forstbetrieb
moment von mindestens 50 Nm
festgelegt ist, jedoch das real aus-
geführte Anzugsmoment nur ca.
20 Nm betragen hat,
>
fehlgeschlagene Lecktests nicht
ausreichend vom Betriebsperso-
nal beachtet wurden und
>
spezielle Unterweisungen der Ar-
beitnehmer, welche mit dem Wech-
sel der Gasflaschen beauftragt
waren, durch den Betreiber nicht
nachgewiesen werden konnten.
Diese Untersuchungsergebnisse wur-
den durch die Arbeitsschutzbehörde
mit dem Betreiber eingehend ausge-
wertet. Die Anlagenhersteller und die
Errichterfirma boten selbstständig
verschiedene Änderungsvorschlage
für das Entnahmesystem an. Vom
Anlagenbetreiber erfolgte daraufhin
zur Verhinderung weiterer ähnlicher
Ereignisse die Realisierung folgender
Maßnahmen:
>
Umbau des Anschlusssystems
auf eine Verbindung mit weniger
kompliziert zu handhabenden
Metalldichtungen,
>
Verwendung von Gasflaschen
mit hydraulisch anzusteuernden
Flaschenventilen, die von einem
sicheren Standort aus bzw. au-
tomatisch bei Branderkennung
ein Schließen der Flaschenarma-
turen ermöglichen,
>
vertragliche Bindung des Gaslie-
feranten zum Anschließen der
Gasflaschen durch deren Fach-
personal.
Durch das Ereignis wurden auch
Baumängel sichtbar. Der Einsatz
der Sprinkleranlage flutete das Erd-
geschoss des Gebäudes in großen
Bereichen, da die Bodenabläufe auf
Grund falscher Fußbodenneigung
nicht wirksam waren. Das Wasser
konnte nicht abfließen und bis in die
Räume zur Aufstellung der elektri-
schen Hausversorgungsanlagen vor-
dringen. Der Errichter der elektrischen
Hausversorgungsanlage und der Be-
treiber ergriffen Sofortmaßnahmen,
um die Anlagen auch im Notfall sicher
zu betreiben.
Der Schadensfall und die nachfol-
genden Maßnahmen wären vermeid-
bar gewesen, wenn bei der Konzipie-
rung der Gasversorgungsanlage und
der nachfolgenden Gefährdungsbe-
urteilung des Betreibers folgende Ge-
danken mit zugrunde gelegt worden
wären:
>
Die Arbeitnehmer des Betreibers
konnten die offensichtlich nötige
Ein Forstbetrieb mit 650 Arbeitneh-
mern stand vor der Aufgabe, nach
der Lärm-Vibrations-Arbeitsschutz-
verordnung seine Forstarbeitsplät-
ze, insbesondere diejenigen mit
Umgang mit Kettensägen und Frei-
schneidern, hinsichtlich der Schwin-
gungsbelastung zu bewerten und
gegebenenfalls geeignete Schutz-
maßnahmen zu treffen. Die Landes-
direktion Dresden unterstützte das
Unternehmen durch dienstbeglei-
tende Messungen.
Fachkompetenz und Versiertheit
nur schwer erlangen, da die Tä-
tigkeit in großen Abständen ggf.
von unterschiedlichen Mitarbei-
tern erfolgte und somit ein ausrei-
chender Übungseffekt nicht zu-
stande kommen konnte.
>
Es war zu erwarten, dass die Tä-
tigkeit unter Zeitdruck und nicht
mit der nötigen Aufmerksamkeit
erfolgte, da diese nicht zur plan-
mäßigen Hauptaufgabe eines Ar-
beitnehmers gehörte und somit
eher nebenher zwischen anderen
Aufgaben durchgeführt wurde.
Die Lärm-Vibrations-Arbeitsschutz-
verordnung verlangt vom Arbeitge-
ber eine Gefährdungsbeurteilung.
Dabei kann er auf Herstellerangaben
und Katalogwerte zurückgreifen. Sie
haben einen orientierenden Charak-
ter. Die Herstellerangaben sind un-
ter Normbedingungen ermittelt, von
denen die tatsächlichen Einsatz-
bedingungen erheblich abweichen
können. Messungen sind daher der
sicherere Weg, da die Vorortbedin-
gungen im Forst komplexer Natur
sind und bei der Schwingungsbela-
stung viele Faktoren eine Rolle spie-
len können, z.B. Wetterbedingun-
gen, Holzarten, Gerätehandhabung,
Art der Schneidgarnitur und deren
Wartungszustand.
Es wurden im Unternehmen befind-
liche Typen von Kettensägen und
Freischneidern der verschiedenen
Hersteller und Baujahre unter den
konkreten forstwirtschaftlichen Be-
dingungen erfasst, untersucht und

image
image
47
schwingungstechnisch bewertet.
Die Messungen erfolgten über ein
Jahr, so dass auch der Einfluss der
Jahreszeiten sowie die unterschiedli-
chen Baumholzarten erfasst wurden.
Die wesentlichen
Messergebnisse sind:
>
Die Tagesexpositionswerte A(8)
erreichen bei den üblichen Ein-
satzbedingungen nicht den Grenz-
wert von 5 m/s
2
. Der Auslöse-
wert von 2,5 m/s
2
wird in vielen
Fällen erreicht und überschritten.
>
Es wurden z. T. höhere Schwin-
gungsbeschleunigungen vor Ort
ermittelt als in den Hersteller-
angaben ausgewiesen waren.
Bei Kettensägen
>
Der Einfluss der Schneidgarnitur,
insbesondere der Schärfzustand
der Kette ist letztendlich aus-
schlaggebend für höhere ge-
messene Schwingungsbe-
schleunigungen.
>
Die Halte- bzw. die Angriffskraft
des Arbeitnehmers beeinflusst
auch die Schwingungsbeschleu-
nigung. Die gemessene Schwin-
gungsbeschleunigung kann von
Arbeitnehmer zu Arbeitnehmer
sehr unterschiedlich sein.
Bei Freischneidern
>
Wenn das einstellbare Griffrohr
der Handgriffe maximal nach
links verschoben wurde, verviel-
fachte sich an einem Gerät der
Schwingungsbeschleunigungs-
wert am rechten Griff. Bei wel-
chen Geräten dieser Effekt noch
auftritt und wie man ihn vermei-
det, ist noch zu untersuchen.
Folgende Vorsorge- und Schut
maßnahmen wurden veranlasst:
>
Eventuell noch vorhandene
veraltete Geräte mit hoher Vi-
brationsbelastung wurden im
Rahmen der regelmäßigen Prü-
fungen ausgesondert.
>
Neue Wartungshinweise für die
Forstgeräte werden erarbeitet,
geschult und umgesetzt.
>
Es werden nur gebrauchswert-
geprüfte (FPA) Kettensägen
bzw. Freischneider über den
Einkauf beschafft.
>
Die Auswertung der Messer-
gebnisse ist Bestandteil der
Arbeitsschutzbelehrungen.
Den arbeitsmedizinischen Vorsorge-
untersuchungen und Tauglichkeits-
beurteilungen liegen nun konkretere
Expositionsdaten zugrunde.
Abb. 48
: Einsatz einer Kettensäge
Abb. 49
: Einsatz eines Freischneiders

image
image
48
2.3.4
Umgang mit selbstfahrenden Schwenkarmbühnen – noch immer nicht sicher!
Dipl.-Ing. (FH) Jens-Gunnar Ludwig
Landesdirektion Dresden
Abb. 50
: Leider kein Einzelfall: Stemmarbeiten auf
Schwenkarbeitsbühne ohne Anseilschutz
Bei der Errichtung von Ingenieurbau-
werken wie Brücken und Stützmau-
ern, aber auch bei der Montage von
Gebäuden aus Betonfertigteilen kom-
men sehr oft selbstfahrende Schwen-
karmbühnen zum Einsatz.
Bei Baustellenkontrollen wurden im
Jahr 2008 immer wieder Mängel
beim sicheren Umgang mit diesen
Schwenkarmbühnen festgestellt.
Neben der unzureichenden Berück-
sichtigung der örtlichen Gegeben-
heiten für den Einsatz, wie Unter-
grund und Verkehrsweg sowie dem
Fehlen bzw. der Überfälligkeit der
Sachkundigenprüfung war einege-
nerelle Nichtnutzung der Sicherheits-
einrichtungen beim Arbeiten von der
Plattform aus festzustellen. Im Einzel-
nen waren dies:
>
Fehlen eines Sicherheitsgeschirrs,
>
Fehlen der Betriebsanleitung am
Gerät,
>
Unkenntnis der Beschäftigten
über die Pflicht zur Nutzung von
Sicherheitseinrichtungen,
>
Nichtbeachtung der Informatio-
nen aus den Kennzeichnungen
am Gerät, wie z.B. „Anschlagen!“,
„Anschlagpunkt“, „Betriebsanlei-
tung beachten!“.
Die Recherchen ergaben, dass für alle
untersuchten Arbeitsbühnen die Be-
triebsanleitungen vorschrieben, dass
Personen auf den Schwenkarmbüh-
nen Sicherheitsgurte zu tragen haben
und die Sicherheitsleine an der Platt-
form mittels der dafür vorgesehenen
Verankerung zu befestigen ist.
Zur Durchsetzung der Pflichten des
Arbeitgebers bzw. des Verantwortli-
chen und zur Herstellung eines den
gesetzlichen Anforderungen entspre-
chenden Zustandes der Baustelle ge-
mäß Betriebssicherheitsverordnung
(BetrSichV) und Arbeitsstättenverord-
nung (ArbStättV) mussten unter an-
derem folgende Maßnahmen ange-
ordnet werden:
>
Die Arbeiten dürfen erst wei-
tergeführt werden, wenn die Be-
schäftigten durch ein Anseilge-
schirr gesichert sind. Zum An-
schlagen ist der gemäß Betriebs-
anleitung vorgesehene Punkt zu
nutzen.
>
Die Betriebsanleitung hat sich an
der Arbeitsbühne zu befinden.
>
Alle Nutzer der Arbeitsbühne
sind über die Sicherheitsforde-
rungen des Herstellers und der
bestimmungsgemäßen Nutzung
zu unterweisen.
Die Pflichten des Arbeitgebers bzw.
des Verantwortlichen, aber auch des
Beschäftigten zum sicheren Umgang
mit fahrbaren Schwenkarmbühnen
ergeben sich eindeutig aus den Be-
stimmungen der Betriebssicherheits-
verordnung (BetrSichV) Anhang 2, so
unter anderem:
>
Der Arbeitgeber beschafft die
erforderlichen Informationen, die
Hinweise zur sicheren Bereitstel-
lung und Benutzung der Arbeits-
mittel geben. Er bringt den Be-
schäftigten die erforderlichen
Informationen zur Kenntnis.
>
Bei der Benutzung der Arbeits-
mittel müssen die Schutzeinrich-
tungen benutzt werden und dür-
fen nicht unwirksam gemacht
werden.
>
Zur Vermeidung von Gefährdung-
en bei der Benutzung von Ar-
beitsmitteln müssen an den Ar-
beitsmitteln oder in der Umge-
bung angemessene, verständli-
che und gut wahrnehmbare
Kennzeichnungen und Gefahren-
hinweise angebracht werden.
Diese müssen von den Beschäf-
tigten beachtet werden.
>
Die Benutzung der Arbeitsmittel
bleibt dazu geeigneten, unterwie-
senen oder beauftragten Be-
schäftigten vorbehalten.
Bei den durchgeführten Nachkontrol-
len auf den Baustellen konnte dann in
der Regel Folgendes festgestellt wer-
den: An den Schwenkarbeitsbühnen
waren Anseilgeschirre und Betriebs-
anleitung vorhanden. Betriebsanwei-
sungen lagen ebenfalls vor. Auch die

image
Unterweisung der Beschäftigten zum
sicheren Umgang mit den Schwenk-
arbeitsbühnen durch den Sicher-
heitsbeauftragten des Unternehmens
konnte dokumentiert werden.
Eine kontinuierliche Kontrolltätigkeit
erweist sich weiterhin als notwendig.
Einerseits ist auch künftig zu sichern,
dass durch die Unternehmen die Vor-
aussetzungen für ein sicheres Arbei-
ten auf Hubarbeitsbühnen geschaffen
werden, andererseits in einzelnen Fäl-
len noch „unbelehrbare“ Beschäftigte
an ihre Pflichten erinnert werden.
Anlass für die Schwerpunktaktion
an nachträglich errichteten Gas-
und Bioethanoltankstellen war der
Umstand, dass häufig bereits im
Erlaubnisverfahren der jeweiligen
Anlage Defizite bzgl. des im Verfah-
ren zu prüfenden Explosionsschutz-
konzeptes bzw. der Festlegung ent-
sprechender Verantwortlichkeiten
erkennbar waren, die sich wie folgt
darstellen:
>
Betreiber von Mineralöltankstel-
le und Flüssiggastankstelle sind
meist nicht identisch. Zudem
hat der jeweilige Betreiber, häu-
fig eine Mineralölgesellschaft
bzw. ein Flüssiggasunterneh-
men, meist keine eigenen Be-
schäftigten vor Ort, weswegen
er seine Pflichten mittels Vertrag
an den Pächter delegiert, der sich
jedoch eher in der Rolle eines Su-
permarktbetreibers sieht und zu-
dem vielfach nicht über die ein-
schlägigen Fachkenntnisse verfügt.
>
Die in § 6 der Betriebssicher
heitsverordnung normierte For-
derung bzgl. Erstellung des Ex-
plosionsschutzdokumentes rich-
tet sich an den Arbeitgeber, mit-
hin denjenigen, der Arbeitneh-
mer an der Anlage respektive
den Anlagen beschäftigt, also
zuerst an den Pächter der An-
lagen. Dieser ist jedoch bei der
Erarbeitung der Dokumentation
auf die Unterstützung bzw. Zu-
arbeit der Betreiber bzw. der An-
lagenplaner angewiesen.
Gemäß Betriebssicherheitsverord-
nung trifft den Arbeitgeber letztge-
nannte Pflicht unabhängig von der
Anzahl der Beschäftigten, mithin
bereits ab dem ersten Arbeitneh-
mer. Darüber hinaus hat er das Ex-
plosionsschutzdokument aktuell zu
halten, folglich eine kontinuierliche,
also eine jede Änderung der den
Explosionsschutz bestimmenden
Bedingungen nachzeichnende, Ak-
tualisierung des Dokumentes zu
gewährleisten. Denn allein mittels
eines aktuellen Explosionsschutz-
dokumentes ist nachweisbar, dass
ein ausreichender Explosionsschutz
tatsächlich gewährleistet ist. Insoweit
führt die Errichtung von Flüssiggas-
bzw. Bioethanoltankstellen an den
vorhandenen Mineralöltankstellen in
der Folge unweigerlich zu einer Ak-
tualisierung des Explosionsschutz-
dokumentes. Die Prüfung einer
solchen Aktualisierung war Anlass
und zugleich Kernpunkt der Schwer-
punktaktion.
In die Schwerpunktaktion waren
insgesamt 18 Tankstellen einbezo-
gen. In immerhin 14 Fällen konnte
ein Explosionsschutzdokument, zu-
mindest eine textliche Beschreibung
der Bereiche, in denen explosions-
fähige Atmosphäre auftreten kann,
vorgewiesen werden. In einigen
Fällen war dies jedoch lediglich eine
Muster-Vorlage, die die örtlichen
Gegebenheiten wie z.B. tanktech-
nische Einrichtungen, vorhandene
Entwässerungen sowie Wirkberei-
che nicht oder nur unzulänglich be-
rücksichtigte.
Auch die im Ergebnis der Gefähr-
dungsbeurteilung festzulegende
>
2.4.1
Aktualität von Explosionsschutzdokumenten bei nachträglicher
Errichtung von Gas- und Bioethanoltankstellen
Dipl.-Phys. Thomas Schorch
Landesdirektion Dresden
2.4 Überwachungsbedürftige anlagen
49

image
50
Abb. 51
: Kanaldeckel und Einläufe schränken die Aufstellmöglichkeiten von
Flüssiggastankstellen mitunter erheblich ein
Zonen waren zwar in 13 Fällen verbal
beschrieben, aber nur in neun Fällen
grafisch in Form eines Zonenplanes
dargestellt, was jedoch im Hinblick
auf Plausibilität und Praktikabilität, zu-
mal im Blick auf die Unterweisung der
Beschäftigten, wünschenswert ist.
Während in immerhin 13 Fällen die
im Normalbetrieb bestehenden Ge-
fährdungen erkannt und dokumen-
tiert worden waren, waren Gefähr-
dungen bei besonderen Betriebs-
zuständen wie z.B. im Falle von Be-
triebsstörungen, beim Reinigen bzw.
bei Verfahrens- bzw. Produktände-
rungen nicht erkannt und beschrie-
ben worden. Insbesondere wurden
nur in drei Fällen die Folgen von Ver-
fahrensänderungen auf das Explosi-
onsschutzdokument erkannt.
Bzgl. fest zu legender Explosions-
schutzmaßnahmen dominierten vor-
beugende Maßnahmen sowie eine
adäquate Auswahl geeigneter Be-
triebsmittel. Schriftliche Betriebsan-
weisungen konnten in zehn Fällen
vorgewiesen werden. Nur in neun
Fällen existierten Hinweise für Dritt-
firmen wie z.B. Service-, Reparatur-
oder Prüffirmen bezüglich der Ver-
wendung von Arbeitsmitteln. Folg-
lich verwundert es nicht, dass die
Dokumentation der Unterweisung
der Beschäftigten ebenfalls nur an
zehn Anlagen vorgewiesen werden
konnte.
Ein Arbeitsfreigabesystem war in
sechs Fällen beschrieben. Ähnlich
dürftig war die Bilanz hinsichtlich der
Beschreibung erforderlicher Instand-
haltungs-, Prüf- und Überwachungs-
intervalle.
Evidente Voraussetzung für den sys-
tematischen Explosionsschutz ist
die Festlegung von Verantwortlich-
keiten bzw. Beauftragungen. An
acht Tankstellen waren die Verant-
wortlichkeiten nicht festgelegt, in
neun Fällen war dies zwar der Fall,
allerdings fehlte es an der Kontrolle
deren Wirksamkeit. Auch die gerade
an komplexen Anlagen, an denen
Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber
arbeiten, so wichtige Koordinierung
der die Sicherheit und den Gesund-
heitsschutz der Beschäftigten be-
treffenden Maßnahmen war nur in
sieben Fällen im Explosionsschutz-
dokument erkennbar.
In Anbetracht der oben dargestell-
ten Unzulänglichkeiten überrascht
es nicht mehr, dass auch die Prüf-
bescheinigungen nicht an allen An-
lagen vorlagen. An zwei Mineralöl-
tankstellen, drei Füllanlagen sowie
zwei Bioethanolanlagen fehlte es an
denselben, weil diese zentral beim
Betreiber und nicht an der Anlage
aufbewahrt wurden.
Im Rahmen der Schwerpunktaktion
wurden die jeweiligen Normadres-
saten mittels 16 Revisionsschreiben
auf die festgestellten Unzulänglich-
keiten hingewiesen. In Anbetracht
des an den Anlagen für Beschäftigte
und Dritte bestehenden hohen Ge-
fährdungspotenzials ist es bedenk-
lich, wenn die Verantwortlichen ihre
Pflichten nur unzulänglich kennen
und die daraus resultierenden Ver-
antwortlichkeiten nur halbherzig
wahrnehmen. Davon ausgehend ist
es erforderlich, dass die Aufsichts-
behörde die in den mittlerweile ein-
gegangenen Realisierungsschrei-
ben in Aussicht gestellten bzw. be-
reits als realisiert angezeigten Maß-
nahmen nachdrücklich kontrolliert.

image
image
2.4.2
Flüssiggasbehälter vor Brandlasten schützen
Dipl.-Ing. Horst Tonder
Landesdirektion Dresden
In einem Abstand von ca. 4,5 m par-
allel zur Längsseite eines 2,9 t – Flüs-
siggaslagerbehälters wurde auf dem
Gelände einer benachbarten Firma
ein ausgedehntes Lager hölzerner
Kabeltrommeln festgestellt. Zwischen
diesem Lager, das eine Brandlast
darstellt, und dem Flüssiggasbehälter
befand sich nur ein metallischer Git-
terzaun.
Durch die Arbeitsschutzbehörde
wurden die beteiligten Firmen und
der Gaslieferant (Eigentümer des Be-
hälters) darauf hingewiesen, für den
Schutz des Behälters z.B. durch
Errichtung einer Schutzwand bzw.
eines Strahlungsschutzbleches oder
Umlagerung der Kabeltrommeln Sor-
ge zu tragen.
Diesem Hinweis wurde ablehnend
begegnet mit der Bemerkung, dass
die gelagerten Kabeltrommeln nicht
leicht entzündlich seien.
Daraufhin wurde gegenüber dem
Behältereigentümer die Veranlas-
sung einer gutachterlichen Äuße-
rung zur Brandlastbeurteilung ange-
ordnet. Dies sollte unter Zugrundele-
gung einschlägiger technischer Re-
geln durch eine zugelassene Über-
wachungsstelle oder einen Brand-
schutzsachverständigen erfolgen.
In Erfüllung der Anordnung wurde
von der TÜV SÜD Industrie Service
GmbH ein „Gutachten zu der Bewer-
tung der Aufstellung eines Druckgas-
behälters in der Nähe von Holz- und
Kabelbrandlasten“ erstellt. Im Ergeb-
nis wurde vorgeschlagen, durch eine
Verlagerung der dem Behälter am
nächsten liegenden Kabeltrommeln
einen ausreichenden Abstand zum
Schutz des Behälters vor der beste-
henden Brandlast zu erreichen.
Um weiteren Verwaltungsaufwand
und auch Kosten zu minimieren,
wurde das kabellagernde Unterneh-
men vorerst schriftlich gebeten, den
Vorschlag des Sachverständigen zu
realisieren.
Der Nachbarbetrieb verpflichtete sich
zwischenzeitlich zur vorgeschlage-
nen Abstandsregelung, so dass kei-
ne Brandlasten mehr im Gefahren-
bereich vorhanden sind.
In ein liebevoll und aufwändig sa-
niertes Mehrfamilienwohnhaus aus
der Gründerzeit in Chemnitz wurde
im Rahmen der Umbau- und Mo-
dernisierungsarbeiten im Jahre 1997
auch ein Personenaufzug eingebaut.
Abb. 52
: Brandlasten (Kabeltrommeln)
im Schutzabstand
51

image
52
2.4.3
Was lange währt wird gut? – Der schwierige Weg zur
Anpassung des Notrufsystems eines Aufzugs an den Stand der Technik
Dr.-Ing. Rudolf Gayde
Landesdirektion Dresden
Errichtung und Abnahme der An-
lage erfolgten nach den zu diesem
Zeitpunkt noch geltenden Techni-
schen Regeln Aufzüge TRA 200. Die
Notrufeinrichtung, bestehend aus
einer Hupe im Fahrschacht in Höhe
des Erdgeschosses entsprach an-
lagenseitig den Mindestanforderun-
gen dieses Regelwerks. Dass die-
se Kombination –Klingel/Hupe und
ständig präsenter Hausmeister/Auf-
zugswärter- ein Auslaufmodell war,
stand zu dieser Zeit schon außer
Frage, wurde der Stand der Technik
durch die schon anwendbare Auf-
zugsrichtlinie beschrieben. Doch bei
der Auftragsvergabe waren offen-
sichtlich die örtlichen Gegebenhei-
ten, mithin die Empfangsbedingun-
gen des Notsignals, nicht oder nicht
adäquat
berücksichtigt
worden.
Dieses Erfordernis war in der TRA
260.52 nur sehr indirekt formuliert:
„Der Notruf muss vom Aufzugswär-
ter oder von Personen … als sol-
cher erkannt werden können“. So
lange sich jemand im Treppenhaus
befindet, mag dies zutreffen. Doch
spätestens wenn sich alle Mieter
in ihre vier Wände zurückgezogen
haben, ist diese Bedingung nicht
mehr erfüllt, denn bei der Sanierung
erhielten die Wohnungen Eingangs-
türen mit sehr guten Schallschutz-
eigenschaften. Obendrein wurden
die Wohnungseingänge zum Trep-
penhaus hin zusätzlich durch Wind-
fangtüren abgetrennt. Damit war
der Wohnbereich – bautechnisch
gewollt – vom Treppenhaus und da-
mit vom Aufzug akustisch bestens
isoliert, mit der Folge, dass jeder
Notruf ungehört verhallt. Folgerich-
tig wurde bei allen folgenden wie-
derkehrenden Prüfung festgestellt,
dass keine Reaktion auf den zur
Funktionsprüfung ausgelösten Not-
ruf erfolgte. Deshalb wurde in den
Prüfbescheinigungen jedes Jahres
erneut der Einbau eines Fernnot-
rufleitsystems nach dem Stand der
Technik dringend empfohlen.
Da der Eigentümer als Betreiber
diesen Mangel ignorierte, wurde
er durch das Regierungspräsidium
Chemnitz mit einem Schreiben auf-
gefordert, Maßnahmen zur ständi-
gen Gewährleistung der Notbefrei-
ung zu ergreifen. Auch das wurde
nicht beachtet. Erst nach Monaten
und mehreren schriftlichen Mah-
nungen stellte der Betreiber die
„eingehende Prüfung einer Verbes-
serung der Aufzugsanlage“ in Aus-
sicht. Aus der Behauptung, ihm sei
seit der Inbetriebnahme kein Fall
bekannt geworden, dass auf einen
Aufzugsnotruf nicht reagiert worden
wäre, schlussfolgerte er, dass dies-
bezügliche Feststellungen der Sach-
verständigen in den Prüfberichten
von vornherein nicht geeignet wären,
Rechtsfolgen abzuleiten.
Dem Rechnung tragend, überprüf-
ten nunmehr zwei Bedienstete des
Regierungspräsidiums Chemnitz
unangekündigt das Notrufmanage-
ment der Aufzugsanlage. Der aus-
gelöste Notruf wurde trotz lang an-
haltender Betätigung wie auch bei
den vorangegangenen Prüfungen
nicht wahrgenommen und deshalb
keine Hilfeleistung ausgelöst. Einbe-
zogene Mieter bestätigten, dass der
Ruf, obschon vorangekündigt, in der
Wohnung auch ohne Radio oder
Staubsauger wegen des sehr guten
baulichen Schallschutzes nicht hör-
bar war.
Darauf hin wurde der Betreiber
schriftlich aufgefordert, ein dem
Stand der Technik entsprechendes
Notrufsystem zu installieren, ande-
renfalls würde eine entsprechende
Anordnung erlassen. Die einge-
räumte Frist verstrich, wie auch eine
zugestellte Mahnung ergebnislos.
Nachdem auch die mittlerweile wie-
der fällige Prüfung ergab, das sich
nichts geändert hatte, erging eine
Anordnung zum sofortigen Vollzug,
ein Fernnotrufsystem nachzurüsten.
Gegen diese Entscheidung legte der
Betreiber Widerspruch ein. Nach
eingehender Prüfung wurde der Wi-
derspruch zurück gewiesen. Dage-
gen wurde Klage beim Verwaltungs-
gericht eingereicht. Die nunmehr
vom Betreiber beauftragte Anwalts-
kanzlei lies nichts unversucht, die
Entscheidung anzufechten. Selbst
die Revisionstätigkeit der Behörde
an der Aufzugsanlage wurde be-
stritten. Um nicht das Ergebnis des
möglicherweise langwierigen Ge-
richtsverfahrens abwarten zu müs-
sen – seit dem ersten Schreiben
waren schon anderthalb Jahre ver-

image
strichen – , wurde die Festsetzung
des in der Verfügung angedrohten
Zwangsgeldes in Aussicht gestellt.
Nun erst wurde der Betreiber aktiv.
Die Wartungsfirma wurde – ohne
Anerkennung einer Rechtspflicht
und ohne Präjudiz, wie einschrän-
kend mitgeteilt wurde – beauftragt,
ein Notrufsystem einzubauen. Die
Installation und Aufschaltung auf
eine Notrufzentrale erfolgten danach
im üblichen Zeitrahmen.
Damit war das Schutzziel erreicht
und der Rechtsstreit in der Haupt-
sache erledigt. Wie das Verfahren
ausgegangen wäre, wenn das ge-
forderte Notrufsystem nicht einge-
baut worden wäre, lässt die Ent-
scheidung über die Gerichtskosten
erkennen. Das Verwaltungsgericht
begründete seinen Beschluss, dem
Betreiber die Verfahrenskosten in
voller Höhe aufzuerlegen, mit den
Worten:
„Denn nach Aktenlage (Behörden-
und Gerichtakte) spricht mehr dafür
als dagegen, dass die Forderungen
des Beklagten, als Notrufeinrichtung
für den Aufzug ein Fernnotrufsystem
zu installieren, gerechtfertigt war, zu-
mal die Begründung des Bescheids
.. in der Gestalt des Widerspruchs-
bescheids .. hinreichend war und
Ermessensfehler nicht erkennbar
sind und Ermessenserwägungen
noch ergänzt werden konnten.“
Die rasante und hoffnungsvolle Ent-
wicklung auf dem Gebiet der Nano-
technologien bringt die Frage nach
gesundheitlichen Risiken und Ar-
beitsschutzmaßnahmen beim Um-
gang mit Nanomaterialien zuneh-
mend in den Vordergrund. Rechtzei-
tige Kenntnisse bei Anwendern und
Arbeitsschützern tragen zu einer
sachlichen Behandlung dieses zu-
kunftsträchtigen Themas bei.
Nach dem die Bundesanstalt für Ar-
beitsschutz und Arbeitsmedizin und
der Verband der chemischen Indu-
strie im Jahre 2006 eine diesbezüg-
liche Umfrage zum Arbeitsschutz
durchgeführt hatten, führten Re-
cherchen der sächsischen Arbeits-
schutzverwaltung zu Arbeitsplätzen
mit Tätigkeiten mit Nanomaterialien
auch zum Kontakt mit Forschungs-
einrichtungen, wie dem Max-Berg-
mann-Zentrum für Biomaterialien
(MBZ) / Institut für Werkstoffwissen-
schaft (IfWW) der TU Dresden und
dem Fraunhofer-Institut für Kera-
mische Technologie und Systeme
(IKTS) Dresden.
Seit Anfang 2006 läuft im MBZ ein
Forschungsvorhaben im Rahmen
des Verbundprojektes „INOS“ (INOS
= Identifizierung und Bewertung von
Gesundheits- und Umweltauswir-
kungen von technischen nanoska-
ligen Partikeln) des Bundesministe-
riums für Bildung und Forschung
zum Thema Nanotoxikologie unter
Beteiligung des IKTS und weiterer
Institutionen und Unternehmen des
Freistaates Sachsen. Dieses kennen
zu lernen und so einerseits Kennt-
nisse zu spezifischen Gesundheits-
risiken der Teilchen mit Dimensionen
kleiner 100 Nanometer zu erlangen,
andererseits aber auch den For-
schungsinstituten die Gewerbe-
aufsicht als Ansprechpartner des
Arbeitsschutzes auf diesem neuen
Gebiet zu präsentieren, war Anlie-
gen dieses von Vertretern von INOS
organisierten Seminars.
Da sich das INOS Konsortium vor
allem mit technisch relevanten Ma-
terialien wie Hartmetallen, Metalloxi-
den und Kohlenstoffnanoröhrchen
und deren möglicher Toxizität be-
schäftigt, war der Bezug zum Ar-
beitsschutz naheliegend.
Neben einer Reihe von Vorträgen
wurde auch die Visualisierung aus-
gewählter Nanopartikel in Zellen mit
den Methoden der Elektronen- und
konfokalen Laserrastermikroskopie
an Geräten demonstriert.
Am Ende wurde vereinbart, dass die
Projektpartner des INOS-Verbun-
des die Landesdirektion Dresden
>
Dr. Erhard Schmidt
Landesdirektion Dresden
2.5.1
Sächsische Arbeitsschutzbehörden informieren
sich im Max-Bergmann-Zentrum der TU Dresden
über Nanotoxikologie
2.5 Gefahrstoffe
53

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image
image
image
54
weiter über ihre Arbeiten informie-
ren werden und auch als Berater
für Klein- und Mittelunternehmen
zur Verfügung stehen.
Abb. 53
: Mitarbeiter der sächsischen Regierungspräsidien und des BMBF-
Verbundprojektes INOS bei der Informationsveranstaltung über Nanotoxikologie
Abb. 54
: Vorführung der Visualisierung von Nanopartikeln in Zellen
2.5.2
Gesundheitsgefährdung beim Glasieren von
Ofenkacheln mit bleihaltigen Glasuren
Dipl.-Ing. Adelheid Breitenborn
Landesdirektion Dresden
Abb. 55
: Arbeitsplatz eines Glasierers
In einer seit 1894 bestehenden Fir-
ma werden keramische Produkte,
vorwiegend Ofenkacheln in hoch-
wertiger Ausführung, produziert.
Aus dem Naturmaterial Ton und
weiteren Zusatzstoffen bzw. Hilfs-
materialien werden in einem Form-
gebungs- und Trocknungsprozess
Kachelrohlinge hergestellt.
In der Glasiererei erhalten die Ton-
rohlinge ihre farbliche Gestaltung.
Das Auftragen der Glasur erfolgt
überwiegend im Spritzverfahren
mittels pneumatischer Spritzpistole
im abgesaugten einseitig offenen
Spritzstand.
Die beschichteten Rohlinge erhalten
nachfolgend im Brennofen einen ge-
meinsamen Roh- und Glasurbrand.
Durch den Brennprozess wird die
glasierte Kacheloberfläche verglast.
Glasuren sind dünne Glasüberzüge,
die den porösen Tonkörper nahezu
wasserdicht machen und ihm eine
leicht zu reinigende Oberfläche ge-
ben. Ein Großteil der aufzubringen-
den Glasurmasse, hergestellt nach
spezieller betrieblicher Rezeptur,
besteht aus einer bleihaltigen Zube-
reitung, teilweise mit sehr hohem
Bleianteil.

Beim Handhaben der Spritzpistole
im Spritzstand ist es nicht zu ver-
meiden, dass verspritzte Glasurflüs-
sigkeit nicht nur auf die zu beschich
tende Oberfläche gelangt, sondern
auch in Richtung Glasierer zurück
prallt. Im Atem- und Oberkörper-
bereich des Beschäftigten ist somit
eine Gefahrstoffkonzentration durch
das Sprühaerosol vorhanden. Der
Sprühnebel mit seinen Partikeln ver-
unreinigt Gesicht, Haut, Kopfhaar
und Bekleidung.
Die Aufnahme von bleihaltigen Sub-
stanzen und deren Wirkung im
menschlichen Organismus kann
schwere, vorwiegend chronische Ge-
sundheitsschäden verursachen.
Nach den Empfehlungen der MAK-
Kommission ist dieser Gefahrstoff
(Blei und seine Verbindungen) als
krebserzeugend der Kategorie K 2
eingestuft. Die Aufnahmewege sind
die Atemwege, der Verdauungstrakt
und die Haut. Es besteht die Gefahr
der Anreicherung von Blei im Körper.
Im Arbeitsschutzgesetz, der Arbeits-
stättenverordnung und der Gefahr-
stoffverordnung mit ihren Techni-
schen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS)
sind Pflichten des Arbeitgebers und
der Beschäftigten zur Gewährleistung
des Arbeits- und Gesundheitsschut-
zes im Betrieb festgelegt. Der Arbeit-
geber hat u. a. zu ermitteln, ob die
Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) von
Gefahrstoffen eingehalten sind. Die
TRGS 900 – Arbeitsplatzgrenzwerte
enthält für Blei und seine Verbindun-
gen keinen Grenzwert. Für Blei ist in
der TRGS 903 - Biologische Grenz-
werte (BGW) ein BGW von 400 µg/l
und von 300 µg/l für Frauen < 45 Jah-
re bestimmt.
Der Nachweis zur Einhaltung/Über-
schreitung der Grenzwerte am Ar-
beitsplatz erfolgt durch die Bestim-
mung der Bleikonzentration im Blut
im Rahmen der speziellen arbeits-
medizinischen Vorsorgeuntersuchun-
gen der exponierten Beschäftigten.
Bei der betriebsärztlichen Untersu-
chung der Glasierer wurde festge-
stellt, dass bei einzelnen männlichen
Beschäftigten der BGW für Blei teil-
weise erheblich überschritten war.
Dies war Anlass eine Besichtigung/
Kontrolle der betreffenden Arbeits-
bereiche durchzuführen und in einer
Beratung den Sachverhalt „bleihalti-
ge Zubereitungen“ zu erörtern.
Die Kontrolle ergab folgende Mängel
im Arbeits- und Gesundheitsschutz:
>
Unvollständige Gefährdungsbe-
urteilung,
>
Schlussfolgerungen aus den Er-
gebnissen der arbeitsmedizini-
schen Vorsorgeuntersuchungen
fehlten,
>
die erforderliche Umsetzung in
Betriebsanweisungen zum Um-
gang mit bleihaltigen Zubereitung-
gen erfolgte nicht.
>
Keine Unterweisungen der Be-
schäftigten mit ausreichender
Berücksichtigung der betriebli-
chen Gefährdungssituation.
>
Nichteinhaltung des Hygienere-
gimes z. B. durch
>
mangelnde Bereitstellung geeig-
neter Arbeitsbekleidung und der-
en Reinigung,
>
unzureichende Schwarz-Weiß-
Trennung der Pausen-/Sanitär-
bereiche, fehlende Einwegtücher
an den Waschplätzen.
>
Unzureichende persönliche Kör-
perhygiene insbesondere vor Pau-
sen und Arbeitsunterbrechungen.
>
Unzureichende Einbeziehung
des Betriebsarztes hinsichtlich
der Beratung der Beschäftigten
sowie der Einflussnahme auf die
Verbesserung der Arbeitsbedin-
gungen.
Im Ergebnis der Beratung wurde die
verbindliche Umsetzung der TRGS
505 – Blei gefordert. Neben den or-
ganisatorischen und technischen
Maßnahmen sind individuelle Schutz-
maßnahmen mit Vorgaben für die
persönliche Schutzausrüstung und
die persönliche Hygiene festzulegen
und den Beschäftigten in Form von
Betriebsanweisungen
und
Unter-
weisungen bekannt zu geben. Dazu
muss die hygienische Ausstattung
im Unternehmen verbessert und er-
weitert werden. Reinigungspläne sind
zu erarbeiten und zu kontrollieren.
Arbeitsmedizinische Untersuchun-
gen sind besonders für Beschäftigte
mit hoher Überschreitung des BGW-
Wertes kurzfristig zu wiederholen. Der
Betriebsarzt ist stärker einzubeziehen.
Die im Angebot stehende Sortiment-
spalette an Ofenkacheln (auch hi-
storische Kachelausführungen) lässt
es nicht zu, auf die Verwendung von
bleihaltigen Glasuren zu verzichten.
Für Kachel-Neuentwicklungen haben
bleifreie Glasuren den Vorrang. Ist
dies nicht erreichbar, strebt der Be-
trieb einen möglichst geringen Bleige-
halt in der Glasur an.
Die Oberflächenbeschichtung im
Spritzverfahren stellt ein stark gesund-
heitsgefährdendes Verfahren dar.
Eine Automatisierung der Glasierung
ist wegen der speziellen Anforderun-
gen an das Oberflächenbild der Ka-
chel nicht möglich.
So ist die Minimierung der gesund-
heitlichen Belastungen der Beschäf-
tigten durch bleihaltige Gefahrstoffe
nur durch zielgerichtete, konsequen-
te Beseitigung der Mängel und der
Einhaltung der Anforderungen aus
den zutreffenden Arbeitsschutzbe-
stimmungen durch Arbeitgeber und
Arbeitnehmer zu erreichen.
55

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56
2.5.3
Hohe Bleibelastung in einer Kunstglaserei
Albrecht Herziger
Landesdirektion Dresden
In einem Betrieb, der historische Blei-
verglasungen restauriert und Neuan-
fertigungen nach den alten Vorlagen
herstellt, sind die Blutbleikonzentra-
tionen der Beschäftigten im Rahmen
der Vorsorgeuntersuchung auffällig
hoch gewesen (über 300µg/l bei der
weiblichen Beschäftigten und über
500 µg/l bei den Männern). Eine
über den Messtechnischen Dienst
der Berufsgenossenschaft der ke-
ramischen und Glasindustrie 2005
durchgeführte Messung in den Ar-
beitsbereichen hatte zwar die siche-
re Einhaltung des Arbeitsplatzgrenz-
wertes von 0,1 mg/m³ für Bleistaub
ergeben. Hohe Blutbleikonzentratio-
nen sind ein untrügliches Zeichen für
eine inhalative Exposition und/oder
mangelhafte persönliche Hygiene.
Somit musste nach der Ursache ge-
forscht werden, um die Situation zu
verbessern. Nach TRGS 505 „Blei“
sind schon bei Blutbleispiegeln ab
100 µg/l bei weiblichen und ab 300
µg/l bei männlichen Beschäftigten
Maßnahmen zur Prävention ge-
fordert. Bei einer Revision Anfang
2006 gemeinsam mit BG und ge-
werbeärztlichem Dienst sind nach
Analyse der örtlichen Verhältnisse
Möglichkeiten der Verbesserung
aufgezeigt und in einem Revisions-
schreiben an die Firma weitergelei-
tet worden. Nach relativ niedrigen
Werten in 2006 stiegen diese 2007
und bei den männlichen Beschäftig-
ten auch 2008 wieder an. Zur Kon-
trolle der Realisierung geforderter
Maßnahmen und Ergründung wei-
terer
Verbesserungsmöglichkeiten
wurde im Oktober 2008 eine weitere
Revision vorgenommen. Wesent-
licher Bestandteil der Revision war,
der Betriebsleitung und auch den
Beschäftigten die gesundheitlichen
Auswirkungen der zu hohen Blei-
konzentrationen im Körper zu erläu-
tern. Blei kann das Nerven- und das
Blutbildungssystem und die Nieren
schädigen. Insbesondere ist jedoch
die Schädigung des Kindes im Mut-
terleib möglich.
Die 2006 geforderten Maßnahmen
waren nicht vollständig realisiert und
die Suche nach möglichen Expositi-
onsquellen begann erneut. Als erste
Maßnahme wurde die Wirksamkeit
der persönlichen Hygiene mit einem
Testverfahren überprüft. Dazu wur-
den die Hände der Beschäftigten
erst mit verdünnter Essigsäure und
nach kurzer Einwirkung mit Kalium-
iodid (jeweils 5%-ig) eingesprüht. Bei
Vorhandensein von Bleianhaftungen
würde eine Gelbfärbung auftreten.
Dies erfolgte hier nicht, womit eine
gute Säuberung der Hände vor der
Abb. 56
: Gelbfärbung auf Fußboden durch Bleiverunreinigung
(Foto: Dr. Senf, BG Glas/Keramik)
Abb. 58
: Probenahme auf Banklehne mit sichtbarem Staubbelag
(Foto: Dr. Senf, BG Glas/Keramik)

image
Probenahmeort
Bleigehalt im Liegestaub (mg/dm²)
Strebe Ablagetisch im Arbeitsraum
2,90
Banklehne Pausenraum
0,08
Papiervorlage auf Fensterbrett
0,05
Glasplatte Arbeitsplatz Glasmalerin
0,01
Vergleichsproben ohne Umgang mit Blei
< 0,003
Pause bescheinigt werden konnte.
Eindrucksvoll war jedoch die Gelb-
färbung des Fußbodens im Arbeits-
raum durch die von den Händen ab-
tropfenden Chemikalien (
Abb. 56
).
Damit konnte verdeutlicht werden,
dass am Zugang zum Pausenraum
der Fußboden stark mit Bleiverbin-
dungen behaftet ist und das Rei-
nigungsregime verbessert werden
muss.
Parallel dazu wurden Liegestaubpro-
ben genommen. Hier wurden mit je-
weils einem Stück Zellstoff und einer
Pappschablone mit ausgeschnitte-
ner Fläche von 10X10 cm an Arbeits-
plätzen und im Pausenraum Proben
gewonnen. Auf einer Strebe eines
Ablagetisches wurde die Probe voll-
flächig genommen und auf die ermit-
telte Fläche bezogen (
Abb. 57
):
Die Analysenergebnisse zeigen ein-
mal das große Sekundärstaubpo-
tential im Arbeitsraum und die un-
verständlich hohe Bleikonzentration
im Pausenraum. In
Abbildung 58
ist auch deutlich erkennbar, dass
Reinigung vernachlässigt wurde.
Nach der Probennahme auf der
Banklehne wurde der weitere Staub
mit einem anderen Papierstück ab-
gewischt und mit den Chemikalien
behandelt. Die sichtbare Gelbfär-
bung hat auch hier schon qualitativ
das Vorhandensein von Blei ange-
zeigt. Im Arbeitsraum ist die Situati-
on direkt an den Arbeitsplätzen ver-
gleichsweise gut.
Damit lassen sich wirksame Maß-
nahmen zur Reduzierung der Bleiauf-
nahme in der Beseitigung der Liege-
staubpotenziale im Arbeitsraum und
der besseren Abschottung und zu-
sätzlichen Reinigung des Pausenrau-
mes erkennen.
In einem Revisionsschreiben wur-
den erneut eine ganze Reihe Maß-
nahmen gefordert, die insbesonde-
Im Erzgebirge gelangte durch die in-
tensive bergbauliche Nutzung und
die große Palette der metallurgischen
Verfahren über die Jahrhunderte hin-
weg eine Vielzahl von Schadstoffen
und Abprodukten in die Umwelt. Ne-
ben den produktionsbedingten Bela-
stungen der Bergwerks- und Hütten-
standorte erfolgte aber auch im Be-
re auch der TRGS 505 entnommen
wurden, da in dieser Regel viele
praktische Erfahrungen zusammen-
gestellt und gezielte Schutzmaßnah-
men für die einzelnen Tätigkeiten ka-
talogisiert sind.
Die Überprüfung Wirksamkeit der
Maßnahmen anhand der Blutblei-
werte wird fortgesetzt.
eich von Haldenkomplexen eine er-
hebliche Kontamination.
Während bereits in den vergange-
nen Jahren verschiedene Altlasten-
projekte durch die Arbeitsschutzbe-
hörde begleitet wurden, standen im
Jahr 2008 Sanierungsmaßnahmen
insbesondere von Industriebrachen
an, die mit Blei, Kadmium, Kupfer,
Zink und anderen Schwermetallen
sowie durch Arsen, Dioxine, Schlak-
ken aus dem Bleihüttenprozess,
Zinn- und Wälzschlacke kontami-
niert waren.
Durch objektbezogene Sanierungs-
maßnahmen sollen die Schadstof-
femissionen reduziert bzw. unter-
bunden werden. Da es sich bei allen
diesen Maßnahmen um Arbeiten in
kontaminierten Bereichen handelt,
ist grundsätzlich ein erhöhter und
>
Abb. 57
: Ermittelter Bleigehalt bei Probenahmen
Dipl.-Chem. Gislind Hose
Landesdirektion Dresden
2.5.4
Sanierung schwermetallbelasteter Industriebranchen
57

image
image
58
Abb. 59
: Flächensanierung und Abdeckung
an die möglichen Gefährdungen an-
gepasster Arbeitsschutz erforderlich.
Vor Beginn der Sanierungsmaßnah-
men wurden deshalb gemeinsam mit
dem Auftraggeber, der Bauleitung,
den ausführenden Unternehmen,
dem Sicherheits- und Gesundheits-
schutzkoordinator (SiGe-Koordina-
tor), der Arbeitsschutzbehörde u.a.
die Erarbeitung und Umsetzung von
Maßnahmen beraten, die dem Ge-
sundheits- und Arbeitsschutz aller an
der Sanierungsmaßnahme Beteilig-
ten dienen.
Der erstellte Sicherheits- und Ge-
sundheitsschutzplan wurde aus-
führlich beraten, bei Erfordernis
fortgeschrieben und die Umsetzung
ständig überwacht. Die Kontrolle
festgelegter Maßnahmen zur Um-
setzung des Arbeitsschutz- und
Gesundheitsplanes erfolgte durch
die arbeitstägliche Anwesenheit des
SiGe-Koordinators.
In die wöchentlich stattfindenden
Bauberatungen und Besichtigungen
wurde die Arbeitsschutzbehörde re-
gelmäßig einbezogen. Dabei stan-
den neben den allgemeinen Arbeits-
schutzmaßnahmen, wie Absicherung
von Baugruben und Gräben in der
Nähe von Verkehrs- und Transport-
wegen insbesondere die spezifischen
Arbeitsschutzmaßnahmen bei Arbei-
ten in kontaminierten Bereichen bei-
spielsweise bei der Entfernung der
Wandbeschichtung aus dioxinbela-
stetem Material, die in entsprechen-
den Betriebs- und Arbeitsanweisun-
gen festgelegt wurden, im Vorder-
grund.
Durch die Gefährdungsbeurteilungen,
die eine frühzeitige Erkennung von
Unfall- und Gesundheitsgefahren er-
möglichen und eine stetige Begleitung
der Sanierungsmaßnahmen durch die
Arbeitsschutzbehörde mit dem jewei-
ligen Koordinator für den Sicherheits-
und Gesundheitsschutzplan konnten
die sicherheitsrelevanten Maßnah-
men zum Schutz der beschäftigten
Arbeitnehmer konsequent umgesetzt
werden und es gab bei beiden Sanie-
rungsmaßnahmen keine Arbeitsunfäl-
le oder Verletzungen zu verzeichnen.
2.5.5
Fotovoltaik auf Asbestzement – billiger aber nicht nachhaltig
Dipl.-Chem. Rüdiger Spahn
Landesdirektion Dresden
Insbesondere die Förderbedingungen
des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
(EEG) führen bei entsprechend großen
Photovoltaikanlagen und Laufzeiten
von mindestens 20 Jahren zu Gewin-
nerwartungen. Betreibergesellschaften
suchen daher seit einigen Jahren nach
größeren verwertbaren Dachflächen.
Hier erwecken die großen Hallen ehe-
maliger Landwirtschaftsbetriebe Be-
gehrlichkeiten! In der Regel sind diese
Gebäude noch aus der Zeit vor 1990
und mit Asbestzementplatten gedeckt.
Eine Überdeckung dieser Dachflächen
ist entsprechend dem Verwendungs-
verbot nach § 18 der Gefahrstoffver-
ordnung (GefStoffV) jedoch grundsätz-
lich nicht gestattet. In diesem Zusam-
menhang stehen offensichtlich meh-
rere Anfragen zur Überdeckung von
Asbestzementdachflächen mit Photo-
voltaikanlagen im Berichtszeitraum.
Auf schriftlichen Antrag des Arbeitge-
bers kann eine Ausnahmegenehmi-
gung von der zuständigen Behörde

image
image
image
nach § 20 der Gefahrstoffverordnung
erteilt werden, wenn folgende Voraus-
setzungen vorliegen:
1. die Anwendung der Vorschrift führt
im Einzelfall zu einer unverhältnis-
mäßigen Härte und
2. die Abweichung ist mit dem Schutz
der Beschäftigten vereinbar.
Nachfolgende bauliche Gegebenhei-
ten können als repräsentativ für die
Mehrzahl der Anfragen angesehen
werden (
Abb. 60 bis 62
):
Bewertung der Ausnahmevoraus-
setzungen:
1. Die bei einer Überdeckung not-
wendigen Durchbohrungen der
Asbestzementplatten sowie die
Herstellung eines für die Monta-
ge notwendigen Last verteilen
den Belages auf der spröden
Dachfläche führen, unter Beach-
tung von Schutzmaßnahmen
nach TRGS 519, auch hier zu
entsprechend höheren Kosten.
Lediglich der Aufwand der De-
montage der alten Dachdeckung
und deren Entsorgung wird ein-
gespart. Bei Zulassung der
Überdeckung werden diese vor-
erst nicht anfallenden Kosten in
die Zukunft verschoben. Spätere
Reparaturen bzw. Demontagen
der Photovoltaikanlage gestalten
sich dadurch sehr viel aufwendi-
ger. Dies trifft den Besitzer der
Halle in seiner Funktion als Dach-
vermieter wie auch als Anlagen-
betreiber. Darüber hinaus wird
eine Wirtschaftlichkeit primär
durch das EEG erreicht.
Das Ziel des EEG, „…eine nach-
haltige Entwicklung der Energie-
versorgung zu ermöglichen…“
(§ 1), wird mit einer Ausnahme-
genehmigung zur Überdeckung
damit konterkariert. Eine Über-
deckung widerspricht auch einer
Forderung, die in der „Dresdner
Erklärung“ auf der Asbestkon-
ferenz 2003 in Dresden formu-
liert wurde: „…alle Maßnahmen
zu ergreifen und zu unterstützen,
mit denen […] asbesthaltige Pro-
dukte aus dem Wirtschaftskreis-
lauf beseitigt […] werden“. Eine
unverhältnismäßige Härte, als
wesentliche Voraussetzung für
eine Ausnahmeregelung, kann
in den hier vorliegenden Kon-
stellationen einerseits und unter
Berücksichtigung der krebser-
zeugenden Wirkung von As-
bestfasern andererseits, damit
nicht geltend gemacht werden.
2. Die Vereinbarkeit von zugelas-
senen Überdeckungsarbeiten
mit dem Schutz der Beschäf-
tigten der Antrag stellenden
Montagefirma ist bei Einhaltung
der für den Umgang mit Asbest
üblichen Schutzmaßnahmen
gegeben. Für andere Beschäf-
tigte, von z.B. Wartungsfirmen
und Mitarbeitern der Firma, die
die Halle nutzen, kann dies so
nicht zweifelsfrei festgestellt
werden.
Insgesamt ist einzuschätzen, dass
allein kurzfristige wirtschaftliche Über-
legungen, wie sie von den Antragstel-
lern regelmäßig dargelegt werden, die
Überdeckung von Asbestzementdä-
chern mit Photovoltaikanlagen nicht
rechtfertigen.
Die Möglichkeit der Erteilung von Aus-
nahmen nach § 20 der Gefahrstoff-
verordnung sind bei den zur Diskus-
sion stehenden Bausubstanzen prak-
tisch nicht gegeben.
Abb. 60
: Typische Dachfläche einer landwirt-
schaftlich genutzten Halle: sichtbare Reparatur
im verwitterten Wellasbestzementbelag
Abb. 61
: Defektes Dach mit Ausblühungen an
der Unterseite
Abb. 62
: Dachunterseite mit asbesthaltigen
(defekten) Platten verkleidet
59

image
image
60
2.6 Explosionsgefährliche Stoffe
Dipl.-Ing. Martin Wagner
Landesdirektion Dresden
2.6.1
Überprüfung der Durchführung von Feuerwerken und der Sicherheit von Abbrennplätzen
Ziel der Kontrollen von Abbrennplät-
zen war das Aufdecken von Sicher-
heitsdefiziten und Gesetzesverstößen
beim Abbrennen von Feuerwerken.
Schwerpunkte der Überwachungs-
aufgaben waren:
>
Kontrolle der Anwesenheit der
für das Abbrennen benannten
Personen,
>
Planung des Feuerwerkes,
>
Verbringen (Befördern) der py-
rotechnischen Gegenstände
zum Abbrennplatz,
>
Einhaltung der Sicherheitsbe-
stimmungen am Abbrennplatz,
>
Aufbau der Feuerwerke und
Sicherung des Abbrennplatzes,
>
Kontrolle des Abbrennplatzes
nach Beendigung des Feuer-
werkes (Nachsuche, Blindgän-
gerbeseitigung) und
>
Brandschutz am Abbrennplatz.
Im Überwachungszeitraum von Mai
bis Oktober 2008 sind 32 Feuer-
werke/Abbrennplätze kontrolliert
worden. Schwerpunktmäßig kon-
zentrierten sich die Feuerwerke auf
den Raum Leipzig. Durch Information
der die Anzeigen entgegennehmen-
den Kreispolizeibehörden wurden der
Abteilung Arbeitsschutz sämtliche
Anzeigen zum Abbrennen von Feu-
erwerken weitergeleitet. Es handelte
sich dabei um ca. 250 Anzeigen im
Berichtszeitraum. Die Kommunika-
tion zwischen Kreispolizeibehörde
und Arbeitsschutzbehörde hat sich
in diesem Zusammenhang entschei-
dend verbessert und wird positiv
eingeschätzt. Durch eine Aufnahme
in den Verteiler der Kreispolizeibe-
hörden blieb der zusätzliche Verwal-
tungsaufwand auch überschaubar
und fand eine positive Resonanz.
An der Aktion waren seitens der
Arbeitsschutzbehörde
zwei
Mit-
arbeiter beteiligt. Die Auswahl der
zu besichtigenden Abbrennplätze
erfolgte schwerpunktmäßig nach
Häufigkeit und vorab eingeschätz-
ter Gefährdung von Menschen und
Sachgütern. Mit der Durchführung
von 90 % der Feuerwerke wurden
Pyrotechniker aus der Region be-
auftragt, das heißt es handelte sich
um Erlaubnisinhaber, die durch die
hier zuständige Arbeitsschutzbehör-
de eine Erlaubnis zum Abbrennen
von Feuerwerken hatten.
Mängelschwerpunkte waren:
>
ungenügende Absicherung des
Abbrennplatzes/ungeeigneter
Abbrennplatz,
>
nichtanwesenheit der in der An-
zeige benannten verantwortli-
chen Person,
>
nichtanwesenheit einer verant-
wortlichen Person beim Aufbau
bzw. Abbrennen des Feuerwer
kes,
>
mangelnde Schutzabstände.
>
keine Dokumentation der tat-
sächlichen Wetterbedingungen
(Wind).
Durch die Arbeitsschutzbehörde wur-
den vor Ort zehn Anordnungen zur
Gefahrenabwehr erlassen und ein
Bußgeldverfahren eingeleitet.
Die hohe Anzahl der Verstöße gegen
Sicherheitsbestimmungen beim Ab-
brennen von Feuerwerken bestätigte
den Verdacht, dass durch man-
gelnde Kontrollen der zuständi-
gen Sicherheitsbehörden eine Grau-
zone im Sicherheitsbewusstsein der
durchführenden Pyrotechniker entstan-
den ist. Die Präsenz der Arbeitsschutz-
behörde an ausgewählten Abbrenn-
Dipl.-Ing. Petra Zahm
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit

image
image
61
2.6.2
Schwerpunktaktion Pyrotechnik – Kontrollen von Verkaufseinrichtungen für
pyrotechnische Gegenstände der Klassen PI und PII zum Jahreswechel 2008/2009
Abb. 63
: Mangelhaft abgesicherter Abbrennplatz
während eines Volksfestes
plätzen hat jedoch dazu geführt,
dass die Anzahl und Schwere der
Verstöße zurückgegangen ist. Aus
Sicht der Arbeitsschutzbehörden ist
es erforderlich, Abbrennplätze auch
weiterhin zu kontrollieren.
Dies kann aber nicht Aufgabe der
Arbeitsschutzbehörde sein, sondern
sollte gemäß Zuständigkeitsverord-
nung als Kontrollaufgabe durch die
Kreispolizeibehörden konsequent
durchgeführt werden. Gemeinsa-
me Kontrollen mit den Kreispoli-
zeibehörden wurden auf Grund or-
ganisatorischer Probleme bei den
Kreisverwaltungen nicht durchge-
führt. Bei den Pyrotechnikern war
insgesamt eine positive Resonanz
auf die durchgeführten Kontrollen zu
verzeichnen.
Der Brauch den Jahreswechsel mit
einem zünftigen Feuerwerk zu bege-
hen ist nach wie vor beliebt. Die Fest-
legungen über den eingeschränkten
Verkauf und den kurzfristigen Bedarf
an größeren Mengen pyrotechni-
scher Gegenstände, stellt hohe An-
forderungen an die Logistik der Ein-
zelhandelsunternehmen.
Darüber
hinaus müssen aus Gründen der
Sicherheit besondere Anforderun-
gen des Sprengstoffrechts an die
Verkaufsbedingungen und die La-
gerung durch die Händler beachtet
werden.
Im Jahr 2008 gingen bei der Abtei-
lung Arbeitsschutz der Landesdirek-
tion Dresden 1888 Anzeigen bzw.
Änderungsanzeigen zum Verkauf py-
rotechnischer Gegenstände der Klas-
sen PI und PII ein, die entsprechend
bearbeitete wurden. Die Erfahrungen
der Aufsichtstätigkeit der sächsischen
Arbeitsschutzbehörden haben ge-
zeigt, dass nicht alle Handelseinrich-
tungen den Anforderungen gerecht
werden und somit Kontrollen ange-
zeigt waren.
Ziele der Schwerpunktaktion waren,
die Feststellung und Beseitigung von
Mängeln und die Beratung und Infor-
mation der verantwortlichen Perso-
nen (bspw. Unternehmer, Marktleiter,
Verkaufspersonal, Mitarbeiter der
Lagerwirtschaft) über die Anforde-
rungen des Sprengstoffrechts. Die
Kontrollen orientierten sich insbeson-
dere auf folgende Schwerpunkte:
>
Kontrollen von Lagereinrichtun-
gen hinsichtlich zulässiger La-
gerbedingungen und Lagermen-
gen von pyrotechnischen Ge-
genständen der Klassen P I und
P II in den Verkaufseinrichtungen
und in Großhandelseinrichtungen,
>
Überprüfung der Anzeigepflich-
ten gemäß § 14 Sprengstoffge-
setz (SprengG) über die Aufnah-
me der Verkaufstätigkeit ein
schließlich der Anzeige der ver-
antwortlichen Personen sowie
deren Wechsel aufgrund perso-
neller Veränderungen,
>
Kontrolle der Einhaltung der zu-
lässigen Verkaufstage vom 29.
bis 31. Dezember 2008 gemäß
§ 21 der 1. Verordnung zum
Sprengstoffgesetz (1. SprengV),
>
Überprüfung der Verkaufsbedin-
gungen gemäß §§ 21 und 22 der
1. SprengV,
>
Kontrolle der Zulassung, Kenn-
zeichnung und Verpackung so-
wie das Vorhandensein notwen-
diger Sicherheitshinweise für das
Verwenden pyrotechnischer Ge-
genstände der Klassen I und II,
>
Kontrolle der Bedingungen zum
Betreiben eines zweiten Ver-
kaufsstandes innerhalb einer Ver-
kaufseinrichtung.
Bereits im Vorfeld zu dem gesetzlich
festgelegten Verkaufszeitraum
>
Dipl.-Ing. Petra Zahm
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit

62
wurden in ausgewählten Handels-
einrichtungen Kontrollen durchge-
führt und die Verantwortlichen zu
den Verkaufs- und Lagerbedingun-
gen bzw. den zulässigen Lagermen-
gen beraten. In ausgewählten Fällen
wurden die zuständigen Brand-
schutzbehörden, die Umwelt- und
die Bauordnungsbehörden bei den
Ortsbesichtigungen beteiligt. So
konnten bestehende Fragen recht-
zeitig vor Beginn der Lagerung und
des Verkaufs der pyrotechnischen
Gegenstände geklärt und Mängel
abgestellt werden. Schwerpunkte
waren die Überprüfung der Verkaufs-
bedingungen, insbesondere die zu-
lässigen Mengen und die sicher-
heitstechnischen Randbedingungen
für die Nutzung ortsbeweglicher
Lagereinrichtungen (Container) zur
Aufbewahrung pyrotechnischer Ge-
genstände.
Zum Jahreswechsel 2008/2009 wur-
den in Sachsen durch die Abteilung
Arbeitsschutz der Landesdirektion
insgesamt 842 Verkaufseinrichtun-
gen überprüft. Insbesondere wurden
Handelseinrichtungen mit erfah-
rungsgemäß großen Umsatzmen-
gen an pyrotechnischen Gegenstän-
den sowie Sonderpostenmärkte als
Schwerpunkte für die Überprüfun-
gen ausgewählt. Bei den Kontrollen
in 842 Verkaufseinrichtungen wurden
insgesamt 388 Mängel in 218 Ver-
kaufseinrichtungen festgestellt.
Mängelschwerpunkte waren insbe-
sondere:
>
fehlende oder nicht aktuelle An-
zeigen zum Verkauf,
>
fehlende Unterweisung des Ver-
kaufspersonals,
>
Verstöße gegen die Auflagen
und Nebenbestimmungen der
Genehmigung bei genehmigten
Lagereinrichtungen,
>
Verstöße gegen das Rauchverbot,
>
unzureichende Aufsicht des Ver-
kaufsbereichs.
Die Mängelquoten sind in der fol-
genden grafischen Darstellung zu-
sammengestellt, dabei wurden Män-
gelquoten unter eins unberücksich-
tigt gelassen.
In zwei Verkaufseinrichtungen wur-
den bei den Kontrollen schwerwie-
gende Mängel angetroffen. In einem
Fall wurde eine gravierende Über-
schreitung der zulässigen Lager-
mengen im Verkaufsraum festge-
stellt. Der Händler wurde zur soforti-
gen Reduzierung der Lagermengen
aufgefordert. Bei einem weiteren
Händler wurde in einem Nebenraum
zum Verkaufsraum, der nicht den
bautechnischen Erfordernissen zur
Aufbewahrung pyrotechnischer Ge-
Mängel
ohne Mängel
21%
79%
Abb. 64
: Mängel bei Kontrollen von Verkaufseinrich-
tungen für pyrotechnische Gegenstände
Art der Mängel
Anteil in %
Mängelquote
Änderungsanzeige
(genehmigtes) Lager
Unterweisung des
Verkaufspersonals
Rauchverbot
Anzeige zum Verkauf
zulässige Mengen im
Verkaufsraum
Verkauf unter Aufsicht
Feuerlöscher
Zusammenlagerung mit
anderen gefährl. Stoffen
Anodnung befolgt
Verkauf an 2. Verkaufsstand
zulässige Mengen im
Nebenraum
Diebstahlsicherheit
0
2
4
6
8
10
12
14
16
18
20
22
24
Abb. 65
: Art der Mängel und festgestellte Mängelquoten bei Kontrollen von Verkaufseinrichtungen für pyrotechnische Gegenstände

image
63
2.6.3
Büchsenmacher wurde die sprengstoffrechtliche Erlaubnis entzogen
Dipl.-Phys. Albrecht Herziger
Landesdirektion Dresden
genstände entsprach, eine unzuläs-
sige Lagermenge festgestellt. Hier
wurde ebenfalls die Beräumung an-
geordnet. Diese Vorgänge wurden
aufgrund der Schwere der Verge-
hen an die zuständigen Strafverfol-
gungsbehörden übergeben.
Bis auf die genannten Ausnahmen
waren die überwiegende Anzahl der
Mängel als nicht schwerwiegend
einzustufen und wurden in den mei-
sten Fällen unmittelbar, d. h. noch im
Beisein des Aufsichtsbediensteten
behoben, so dass nur in wenigen
Fällen eine schriftliche Aufforderung
durch Anordnung oder Revisions-
schreiben bzw. Nachkontrollen er-
folgen mussten.
In 28 Fällen hat die Behörde auf der
Grundlage von Anordnungen die
Abstellung der Mängel gefordert. In
vier Fällen wurde eine Verwarnung
ausgesprochen und die Betroffenen
zur Zahlung eines Verwarngeldes
verpflichtet.
In der Regel standen nicht bewusste
Verstöße gegen gesetzliche Bestim-
mungen im Vordergrund, sondern
insbesondere Mängel in den orga-
nisatorischen Abläufen, die Verstö-
ße gegen gesetzliche Bestimmun-
gen bei der Lagerung und dem Ver-
kauf pyrotechnischer Gegenstände
verursacht bzw. begünstigt haben.
Die Durchsuchung der Wohn- und
Geschäftsräume eines Büchsen-
machers/Waffenfachhändlers durch
Beamte des Hauptzollamtes Erfurt
zur Durchsetzung zivilrechtlicher
Ansprüche nach Beschluss des zu-
ständigen Amtsgerichtes war Aus-
gangspunkt für die Beteiligung unse-
rer Behörde. Bei der Durchsuchung
fand man eine Vielzahl von Waffen
und Munition, deren Lagerung als
nicht rechtskonform angesehen
wurde. Das zuständige Landratsamt
widerrief daraufhin die Waffenhan-
dels- und Herstellungserlaubnis
sowie die Waffenbesitzkarten mit
Bescheid zur sofortigen Vollziehung.
Wesentlichste Begründung war das
Fehlen der erforderlichen Zuverläs-
sigkeit im Sinne des § 5 des Waffen-
gesetzes (WaffG). Der Betroffene leg-
te gegen den Bescheid Widerspruch
ein und beantragte die Aussetzung
der sofortigen Vollziehung des Wi-
derrufsbescheides.
Nachfolgende Schreiben des Betrof-
fenen enthielten einen Stempel, der
ihn als „Rechtssachverständigen des
Deutschen Reiches“ betitelte. Damit
kam bezüglich der Zuverlässigkeit ein
weiterer Gesichtspunkt hinzu, der die
Anerkennung der verfassungsmäßi-
gen Ordnung betraf.
Das vom Betroffenen angerufene Ver-
waltungsgericht wies elf Monate nach
Antragstellung den Antrag zurück. Die
Widerspruchsbehörde bestätigte im
darauf folgenden Widerspruchsbe-
scheid den Entzug der Waffenhan-
dels- und Herstellungserlaubnis.
Die Arbeitsschutzbehörde, die für
den Vollzug des Sprengstoffgeset-
zes zuständig ist, wurde wegen der
Prüfung des Widerrufes der Ge-
nehmigung zum Verkehr mit Treib-
ladungsmitteln einbezogen. Bis zu
diesem Zeitpunkt gab es bei den
regelmäßigen Kontrollen im Rahmen
des Pulverhandels keine Mängel-
feststellungen.
Nach Erteilung des waffenrechtli-
chen Widerspruchsbescheides ver-
anlasste die Arbeitsschutzbehörde
umgehend eine Zuverlässigkeitsprü-
fung, die jedoch keinerlei Anhalts-
punkte zur Versagung der Erlaubnis
ergab. Weder der fragliche Umgang
mit Waffen hat strafrechtliche Konse-
quenzen gehabt noch hat das Lan-
desamt für Verfassungsschutz Be-
denken zur Person geäußert.
Dem Betroffenen wurde eine Anhö-
rung zum vorgesehenen Widerruf
der sprengstoffrechtlichen Erlaubnis
zugestellt und angeboten, freiwillig
die Pulverhandels-Erlaubnis bis zur
Klärung der waffenrechtlichen Ange-
legenheiten zurück zu geben. Dies
wurde nicht wahrgenommen.
Im Rahmen der Anhörung äußerte
sich der Betroffene hinsichtlich der
Nichtanerkennung des Staates und
des geltenden Rechtes. Das wurde
zum Anlass genommen, das Landes-
amt für Verfassungsschutz nochmals
unter Vorlage der Rückäußerungen
>

image
image
64
Abb. 65
: Die Rechtsauffassung des
Waffenhändlers am Grundstückszugang
zur Anhörung und eines Bildes des
am Grundstück angebrachten Schil-
des (
Abb. 66
) zur Zuverlässigkeit zu
befragen. Auch diese Fakten führten
nicht dazu, dass Bedenken gegen die
Erteilung oder das Fortbestehen ei-
ner Erlaubnis im Sinne des § 8a Abs.
1 Punkt 3 des Sprengstoffgesetzes
(SprengG) geäußert wurden.
Vor dem endgültigen Erlass des
sprengstoffrechtlichen Widerrufsbe-
scheides wurde noch einmal ein
persönliches Gespräch mit dem Be-
troffenen geführt, um das Anliegen
der Anhörung mit der Möglichkeit
der freiwilligen Rückgabe der Erlaub-
nis und Übergabe des Pulvers an ei-
nen Berechtigten zu erläutern. Nach
kontroverser Diskussion wurde der
Widerrufs-Bescheid erstellt. Die Be-
gründung des Widerrufes stützte sich
auf die gerichtlich bestätigte waffen-
rechtliche Unzuverlässigkeit.
Im Zuge der Einziehung der Waffen
und der Munition infolge der ver-
sagten waffenrechtlichen Erlaubnis
sollten auch der Widerruf der Pul-
verhandels-Erlaubnis sowie die Be-
schlagnahme des Pulvers erfolgen.
Ein entsprechendes Amtshilfeer-
suchen wurde an das zuständige
Landratsamt gerichtet.
In Zusammenarbeit mit der Polizei
bereitete das Landratsamt die Voll-
streckung der Bescheide vor. Nach
einer Vorbesprechung unter Regie
der Polizei wurde mit mehr als 20
Polizisten, Feuerwehr, Notarzt, Sa-
nitätern und Mitarbeitern des Land-
ratsamtes sowie einem Mitarbeiter
der Arbeitsschutzbehörde der Wi-
derrufsbescheid durch persönliche
Übergabe zugestellt, Waffen, Muni-
tion und Pulver in Polizeigewahrsam
genommen und die Erlaubnis einge-
zogen.
Bei dieser Aktion wurden über 100
Feuerwaffen, 16 Luftgewehre, mehr
als 100.000 Schuss Munition und ca.
10 kg Pulver in Originalverpackung
beschlagnahmt. In verschiedenen
anderen Gefäßen waren Substanzen
unbekannter Identität.
Der Betroffene legte gegen den Wi-
derruf der Pulverhandels-Erlaubnis
kein Rechtsmittel ein.
Im Zusammenhang mit dem Ab-
bruch eines Generatorhauses im
Gewerbepark Schwarze Pumpe war
es notwendig, ein 32 m langes Feld
einer insgesamt 215 m langen Band-
brücke zu entfernen. Die restliche
Bandbrücke sollte für eine weitere
Nutzung erhalten bleiben. Aus Grün-
den der Effektivität wurde seitens des
Betreiberunternehmens entschieden,
die Entfernung des Bandbrückenfel-
des mittels Sprengung durchzufüh-
ren. Mit der Durchführung wurde ein
Unternehmen, welches bereits über
entsprechende Erfahrungen bei der
Sprengung derartiger Bauwerke ver-
fügt, beauftragt.
Bei der Bandbrücke handelte es
sich um eine Stahlkonstruktion, so
dass das Herauslösen des Band-
brückenfeldes ein Durchtrennen von
Stahlprofilen unterschiedlicher Ab-
messungen erforderte. Für derartige
Stahlsprengungen kommen beson-
dere Sprengverfahren unter Ver-
wendung sog. Schneidladungen zur
Anwendung. Bei der Vorbereitung
der Sprengungen waren insbeson-
dere die speziellen Gegebenheiten
des abzubrechenden Bauwerkstei-
les einschließlich des Fallverhaltens
sowie die Wirkungen auf die umlie-
gende Industrie- und Gewerbebe-
bauung und auf vorhandene An-
lagen zu berücksichtigen. Bei den
gegebenen Randbedingungen war
eine besonders sorgfältige Vorberei-
tung der Sprengungen erforderlich.
In einem zuvor erstellten Sachverstän-
digengutachten wurden solche Kom-
plexe wie
>
Abschätzung zu eventuellen Ge-
fährdungen benachbarter Ge-
2.6.4
Sprengabbruch eines Bandbrückenfeldes
Dipl.-Ing. Johannes Schade
Landesdirektion Dresden

image
image
65
bäude bzw. unterirdischer Lei-
tungen,
>
Sprengtechnologie/
Einsturzprinzip,
>
vorbereitende Maßnahmen, ins-
besondere notwendige Vorschwä-
chungen von Stahlprofilen bzw.
Teilen des Bandbrückenfeldes,
>
Maßnahmen zur Herstellung der
Standsicherheit des verbleiben-
den Teiles der Bandbrücke,
>
Prognose der Aufprallerschütte-
rungen sowie Maßnahmen zu
deren Verminderung,
>
erforderliche Sicherheitsvorkeh-
rungen
betrachtet. Dieses Gutachten war
die Grundlage für die Festlegung der
Sprengtechnologie durch das aus-
führende Unternehmen.
In dem vorliegenden Gutachten
des Sachverständigen sind die not-
wendigen Maßnahmen zur sicheren
Durchführung der Sprengung festge-
schrieben worden. Mit der Anzeige
der Sprengung wurden der Landes-
direktion Dresden die entsprechen-
den Unterlagen übergeben. Dadurch
war es der Arbeitsschutzbehörde
rechtzeitig möglich, die Sprengtech-
nologie sowie erforderlichen Siche-
rungsmaßnahmen zu bewerten.
In einer bereits vor dem Sprengtermin
durchgeführten Abstimmung wurden
zwischen der Landesdirektion Dres-
den, dem Auftraggeber sowie dem
ausführenden Sprengunternehmen
nochmals der Ablauf der Sprengung
sowie Einzelheiten der festgelegten
Sicherungsmaßnahmen, wie z.B.
Standsicherheit des zur Sprengung
vorbereiteten Bandbrückenfeldes,
Einzelheiten der Absperrmaßnahmen
(Festlegung des Absperrbereiches,
Einsatz und Standorte der Siche-
rungsposten) etc. besprochen.
Im Ergebnis konnte sich die Arbeits-
schutzbehörde davon überzeugen,
dass die Sprengung des Bandbrük-
kenfeldes sehr sorgfältig geplant und
vorbereitet worden war. Damit war es
möglich die Sprengung freizugeben.
Die Sprengung wurde am 4. Dezem-
ber 2008 ohne Zwischenfälle durch-
geführt. Das Sprengergebnis ent-
sprach den Erwartungen; das Band-
brückenfeld wurde, wie im spreng-
technischen Konzept vorgesehen,
zum Einsturz gebracht.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass
auch komplizierte Sprengung bei
sorgfältiger Vorbereitung sicher und
mit gutem Ergebnis durchgeführt
werden können.
Abb. 67
: Das zur Sprengung vorbereitete Bandbrückenfeld – deutlich erkenn-
bar ist das vorbereitete Fallbett, das eine Verringerung der Aufprallerschütter-
ungen bewirken soll
Abb. 68
: Währen der Sprengung – das Fallverhalten des Bandbrückenfeldes
entspricht den Vorgaben des Sachverständigen

image
image
66
2.7 Biologische arbeitsstoffe
Dipl.-Ing. agr. Ralph Zimmermann
Landesdirektion Dresden
2.7.1
Belastung durch biologische Arbeitsstoffe an Dauerarbeitsplätzen in
Recyclingunternehmen und Umsetzung der TRBA 214
In einem 2007 errichteten Recy-
clingunternehmen für Wertstoffe
des Dualen Systems Deutschlands
(Gelbe Tonne) wurde, durch die Be-
rufsgenossenschaft für Fahrzeug-
haltung (BGF) veranlasst und vom
Messtechnischen Dienst Hamburg
durchgeführt, eine orientierende
Messung zur Gefährdungsabschätz-
ung der Staub- und Schimmelpilz-
belastung vorgenommen.
Die Expositionsmessungen an Dau-
erarbeitsplätzen im Recyclingbe-
trieb, entsprechend der Forderung
nach der Technischen Regel für
Gefahrstoffe TRGS 402 und Tech-
nischen Regel für Biologische Ar-
beitsstoffe TRBA 214, erfolgten
mit dem Ziel, die Luftbelastung mit
Staub (aveolengängig = Feinstaub)
und Schimmelpilzen zu analysieren.
Messpunkte waren in der Sortier-
halle, in den Kabinen der Vor- und
Feinsortierung, im Radlader „Merlo
P 28.7 KT“ sowie als Referenzpunkt
auf der Wiese westlich des Hallen-
komplexes.
Im Ergebnis der Messung sind die
folgenden Werte zu beurteilen ge-
wesen:
>
Dieselmotoremissionen als „Koh-
lenstoff elementar“ 0,004mg/m³
>
Schimmelpilze in der DSD-Halle
20.500 KBE/m³
>
Schimmelpilze in der Radlader
kabine 15.000 KBE/m³
>
Schimmelpilze in der Sortierkabi-
ne ca. 1.000 KBE/m³
>
Außenluftkonzentration ca. 3.000
KBE/m³
Beurteilungsgrundlage für die Die-
selmotoremission bildete, da zur Zeit
kein verbindlicher Richt- oder Grenz-
wert existiert, die ehemals gültige
Technische Richtkonzentration (TRK)
von 0,1 mg/m³. Für die Bewertung
der Schimmelpilzkonzentrationen
wurde der Technische Kontrollwerte
(TKW) aus der TRBA 214 von 5 x 10
4
koloniebildenden Einheiten pro m³
Atemluft (KBE/m³) in Sortierkabinen,
Kabinen und Steuerständen heran-
gezogen.
Alle Messwerte, sowohl für die Die-
selmotoremission als auch für die
Schimmelpilzkonzentrationen, liegen
weit unter dem Richt- bzw. Kontroll-
wert.
Die Ausstattung des dieselgetriebe-
nen Radladers „Merlo P 28.7 KT“ mit
Partikelfilter und der beiden Gabel-
stapler mit Gasantrieb minimieren die
Dieselmotoremission in der Halle.
Der relativ geringe Wert von 20.500
KBE/m³ Schimmelpilze in der Halle
resultiert aus der sichtbar guten Um-
setzung der Vorgaben aus der TRBA
214 wie kurze Wege, niedrige Fall-
höhen, Abwurf der einzelnen Frak-
tionen in geschlossene Behältnisse,
Absaugungen und Kapselungen.
Der sehr niedrige Wert von 1.000
KBE/m³ in den Sortierkabinen ge-
genüber der ermittelten Außenluft-
konzentration von 3000 KBE/m³
dokumentiert den ausgezeichneten
Wirkungsgrad der Lüftungstechnik.
In der Radladerkabine wird der Tech-
nische Kontrollwert auf Grund der
geringen Umgebungskonzentration
zwar eingehalten, aber die lüftungs-
technische Anlage der Fahrerkabine
des Radladers entspricht nicht den
gesetzlichen Forderungen. Flurför-
derzeuge mit ständigem Arbeits-
platz müssen über eine geschlosse-
ne, klimatisierte Kabine mit Schutz-
belüftungsanlage nach BGI 581
verfügen. Hier muss, spätestens bei
einer Ersatzbeschaffung, das Unter-
nehmen handeln.
Abb. 69
: Messung in einem Recyclingunternehmen
Als ein weiterer Mangel wurde festge-

image
67
2.7.2
MRSA – Eine neue Zoonose?
Dr. Hannelore Döhler
Sächsisches Staatsministerium
für Wirtschaft und Arbeit
stellt, dass es Defizite hinsichtlich der
Bereitstellung von genormter Arbeits-
schutzkleidung nach TRBA 214 bei
den im Unternehmen beschäftigten
ausländischen Arbeitnehmern gab.
Diese Defizite konnten auf Grund des
guten Zusammenwirkens von Unter-
nehmen, Berufsgenossenschaft und
Arbeitsschutzbehörde kurzfristig be-
seitigt werden.
MRSA ist die Abkürzung für Methicil-
lin-resistenter Staphylococcus aure-
us. Dabei handelt es sich um einen
typischen Hautkeim des Menschen.
Dieser Keim kann ausgedehnte
Wundinfektionen, Blutvergiftung oder
Lungenentzündung auslösen. Da er
gegen viele Antibiotika resistent ist,
sind die Infektionen nur sehr schwer
zu beherrschen.
Bisher trat MRSA insbesondere als
Krankenhauskeim in Erscheinung.
Die Übertragung erfolgt von Patient
zu Patient, zumeist über die Hände
des Personals, und ist damit ein
krankenhaushygienisches Problem.
Etwa fünf bis zehn Prozent der
deutschen Bevölkerung tragen den
Keim unbemerkt im Nasen-Rachen-
Raum ohne davon zu wissen, denn
gesunden Menschen kann er nichts
anhaben. Aber bei geschwächten
Patienten oder offenen Wunden
schlägt er zu.
Nachdem in niederländischen Kran-
kenhäusern gehäuft ein neuer Ty-
pus des MRSA auftrat, begann die
Suche nach der Herkunft dieses
Keimes. Es wurde festgestellt, dass
alle betroffenen Patienten Kontakt
zu Schweinen hatten. Bis dahin
war zwar bekannt, dass MRSA bei
Tieren (z.B. Hunde, Katzen, Pferde)
vereinzelt vorkommt, ein eigener
schweinetypischer
MRSA-Stamm
aber, der noch dazu auf den Men-
schen übergehen kann, bringt eine
völlig neue Problemlage.
Dazu kommt, dass dieser Schwei-
ne-MRSA-Typus kurze Zeit später
bereits bei Menschen nachgewie-
sen werden konnte, die keinen di-
rekten Kontakt zu Schweinen hat-
ten. Dies lässt den Schluss zu, dass
der Keim nicht nur vom Schwein auf
den Menschen, sondern auch von
Mensch zu Mensch übertragbar ist.
Nach neueren epidemiologischen
Untersuchungen haben Landwirte
und veterinärmedizinisch tätige Per-
sonen eine erhöhte MRSA-Befalls-
rate und sind vermehrt gefährdet
eine schwere MRSA-Infektionen zu
erleiden bzw. MRSA zu übertragen.
Damit gewinnt diese Thematik auch
für den Arbeitsschutz in der Land-
wirtschaft und in der Veterinärme-
dizin an Bedeutung. Insbesondere
hinsichtlich bestimmter Schutz- und
Hygienemaßnahmen (Betriebsan-
weisung, Unterweisung) wird Aufklä-
rungsarbeit notwendig werden. Ein
Beispiel aus der Berufskrankheiten-
bearbeitung zeigt, dass die Proble-
matik bereits allgegenwärtig ist.
Ein Tierarzt, der in eigener Praxis
die komplette veterinärmedizinische
Versorgung zur Prophylaxe und
Therapie bei Nutz- und Heimtieren
durchführt, erkrankte 01/2007 an
einer Lungen- und Rippenfellent-
zündung, wobei es trotz antibioti-
scher Therapie zu Rückfällen kam.
Im Rahmen einer 03/2007 durch-
geführten stationären Diagnostik,
wurden in der Blutkultur und im
Rachenabstrich Erreger vom Typ
MRSA nachgewiesen.
Vor der Umstellung auf ein geeig-
netes Antibiotikum kam es zur Ent-
wickelung einer Sepsis, die u.a. zur
MRSA-Infektion eines Brustwirbels
mit nachfolgender chirurgischer
Sanierungsnotwendigkeit führte. In
der Zusammenschau von Berufs-
anamnese und Erkrankungsverlauf
kommt der zuständige Unfallversi-
cherungsträger zu der Feststellung,
dass in diesem Fall keine nosoko-
miale, dass heißt im Krankenhaus
erworbene Infektion vorlag, sondern
ein rechtlich wesentlicher Zusam-
menhang zwischen der Tätigkeit als
Tierarzt und der Erkrankung gege-
ben ist.
Es erfolgte die Anerkennung als Be-
rufskrankheit nach Nr. 3102 BKV.
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Die Übertragung von MRSA zwi-
schen Mensch und Tier wurde vor
wenigen Jahren noch als unvorstell-
bar negiert. Heute sind MRSA ganz
klar als Zoonoseerreger einzustufen.
Es besteht die Notwendigkeit der
Zusammenarbeit von Human- und
Veterinärmedizin, denn zwischen Tier-
gesundheit und menschlicher Ge-