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Bericht des Beirats zum Sachsen Monitor 2018
1. Grundsätzliches
Zum dritten Mal liegt nun nach 2016 und 2017 der Sachsen-Monitor vor, der vom Institut
dimap im Auftrag des Freistaates Sachsen erstellt wurde. Befragt wurden 1011 Erwachsene
– nach Zufallsprinzip.
Der Kern der Fragen wird dabei von der Staatsregierung erarbeitet, ein kleinerer Teil vom
Beirat eingebracht, um auf diese Art und Weise jährliche Akzente zu setzen.
Die Befragung zielt auf Einstellungen, nicht auf Verhalten und Handlungen.
Aus der Fülle der Daten ergibt sich die Möglichkeit, über den relativ kurzen Zeitraum von drei
Jahren bereits mittelfristige Trends und Tendenzen festzustellen. Aufgrund der Breite des
Fragenkatalogs bietet der Sachsen-Monitor ein politisch, gesellschaftlich und auch
wissenschaftlich breites Instrumentarium, das markante Einblicke in die Einstellungswelt der
sächsischen Bevölkerung und Korrelationen zwischen unterschiedlichen Themen und
Politikfeldern ermöglicht.
Dem Beirat des Sachsen-Monitors gehören an: Dr. Roland Löffler, Direktor der Sächsischen
Landeszentrale für politische Bildung (Vorsitz); Alexander Ahrens, Oberbürgermeister der
Stadt Bautzen; Dr. Christian Demuth, Vorsitzender des Vereins Bürger Courage e.V.; Gesine
Oltmanns, Vorstandsmitglied der Stiftung Friedliche Revolution, Leipzig; Prof. Dr. Beate
Neuss, Technische Universität Chemnitz; Prof. Dr. Barbara Wolf, Hochschule Mittweida.

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2. Zusammenfassung der Ergebnisse: Die sächsischen Probleme und ihre
Wahrnehmung
Der Sachsen-Monitor 2018 zeigt das Bild einer nervösen und gespaltenen Mitte der
Gesellschaft. Wie in den Vorjahren belegt die Umfrage 2018 eine hohe Ambivalenz in den
Bewertungen der gesellschaftlichen Entwicklungen. Bedeutsam in der Umfrage von 2018 ist,
dass von den Befragten erstmals der
Lehrermangel als dringlichstes politisches Problem
benannt wird
(20 Prozent - plus 7 Prozent Zuwachs).
Mit 47 Prozent bilden allerdings soziale Problemfelder den größten Bereich der
gesellschaftlichen Sorgen der Sachsen. Diese Zahl ergibt sich, wenn man all die Themen
zusammenrechnet, die die Befragten nannten wie Arbeitslosigkeit/Armut/Billiglöhne/soziale
Gerechtigkeit/Jugendarbeitslosigkeit, bezahlbaren Wohnraum. Diese Tendenz war bereits in
den zwei vorherigen Sachsen-Monitoren zu beobachten (37 Prozent in 2017 sowie 32
Prozent in 2016).
Ihnen folgen mit
36 Prozent Probleme der Daseinsversorgung
(ärztliche
Versorgung, Kitas/Pflege, Infrastruktur), die sich im Kontext der Angst um die Erosion der
eigenen Heimat ranken. Heimat wiederum hat auch in Sachsen einen hohen Stellenwert.
Themen der kulturellen Konfliktlinie
beschäftigen die Sachsen in hohem, aber
keineswegs wachsendem Maße: Der Bereich Asylpolitik/Integration von
Ausländern/Überfremdung liegt 2018 wie 2017 bei 22 Prozent, während 2016 noch 24
Prozent der Sachsen hier Sorgen äußerten. Die Angst vor Radikalismus und
Ausländerfeindlichkeit ist von 11 Prozent in 2016 auf 6 Prozent in 2017 und nun 7 Prozent in
2018 zurückgegangen.
Erschreckend bleibt die hohe Zahl an
fremdenfeindlichen Einstellungen
. 56
Prozent der Sachsen sehen – wie im Vorjahr – auch 2018 die Bundesrepublik in einem
gefährlichen Maße durch Ausländer überfremdet. Damit liegt Sachsen weiterhin deutlich über
dem Bundesdurchschnitt.
1
Angewachsen um plus 7 Prozent ist die Ablehnung von Sinti und Roma (auf 57
Prozent). So unerfreulich der Wert ist, so liegt er genau im Bundesschnitt und leicht unter
dem Durchschnittswert der neuen Länder von 60 Prozent.
Einen deutlichen Zuwachs lässt sich auch bei Ressentiments gegenüber
Langzeitarbeitslosen feststellen, die sich bei 50 Prozent der befragten Sachsen feststellen
lassen. Das ist ein Plus von 7 Prozent in 2018.
Auch bei Ressentiments ist Sachsen geteilt: Während ungefähr 15 Prozent der
Sachsen harte menschenfeindliche Aussagen voll unterstützt, lehnt rund die Hälfte der
Sachsen fast alle Ressentiments ab.
Im Sachsen-Monitor 2018 wurden auch die
Gründe für das Ungerechtigkeitsgefühl
abgefragt: 45 Prozent der Sachsen sagen, dass sie weniger oder sehr viel weniger als den
gerechten Anteil im Vergleich zu anderen Menschen in Deutschland erhalten. Sie beziehen
ihre Aussagen etwa zu 40 Prozent auf die
Löhne, die
immer noch geringer als in den alten
Bundesländern seien. 27 Prozent nennen ungleiche
Renten
. Immerhin 12 Prozent sagen, es
gäbe keine
Würdigung der jahrelangen, harten Arbeit
.
1
URL:
https://www.boell.de/de/2018/11/07/leipziger-autoritarismus-studie-2018-methode-ergebnisse-
langzeitverlauf?fbclid=IwAR0w00QC02ZoJkWH53b5PRNoigDuvNJTlzSZy9La6B0OYx_j6MSWKVfHR
4k
[abgerufen am 07.11.2018].

3
Dieses Ungerechtigkeitsgefühl beschreibt zudem eine Sorge für breite
Gesellschaftsschichten, etwa, dass die Rente nicht zum Leben ausreiche. Hier sind die
Zahlen seit 2016 deutlich gestiegen: 59 Prozent und damit 9 Prozentpunkte mehr als 2016
machen sich Sorgen vor Altersarmut. Hingegen nennt nur eine kleine Minderheit von 5
Prozent, „Ausländer und Flüchtlinge hätten es einfacher“ als Grund für das eigene
Ungerechtigkeitsgefühl. Das schließt allerdings nicht aus, dass Ungerechtigkeitsgefühle auf
Flüchtlinge projiziert werden.

4
3. Empfehlungen
3.1. Will man die gespaltene und nervöse Mitte der sächsischen Gesellschaft stärken,
braucht es eine Politik für die Mitte – ein anspruchsvolles Unterfangen, gilt es doch den
Stabilitätserwartungen der Mitte entgegenzukommen - und zugleich die Mitte als
integrierende Kraft der Gesellschaft zu öffnen: Sei es für Bildungsaufstieg aus unteren
Schichten oder für Zuwanderer unterschiedlicher Provenienz.
3.2. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen einen enormen Vermittlungs- und
Kommunikationsbedarf zwischen Politikern und Bürgern.
Kreative Wege der politischen
Kommunikation
sind hier zu suchen und
die flächendeckende politische Bildung
zu
realisieren, damit Austausch entsteht, während Niederschreien und Pöbeln aus der
politischen Kultur des Freistaates exkludiert werden. Zum Vermittlungsbedarf gehören
Wissen und Verständnis für das komplexe System der Demokratie (Kompetenzverteilung im
Föderalismus, Funktion von Pluralismus, Bedeutung eigenen Mittuns, Rolle des Rechts,
Notwendigkeit von Kompromissen, Soziale Marktwirtschaft). Dies gilt auch für die
Aufarbeitung der Zeitgeschichte Sachsens und ihrer Brüche – vom gespaltenen Freistaat der
ersten Jahrhunderthälfte über zwei Diktaturen bis zur für viele Sachsen traumatisch
empfundenen Transformationsphase nach 1990. Insgesamt sollten neue Formen gefunden
werden, die auch Bürger erreichen, die in Echokammern gefangen sind – etwa durch Online-
Angebote oder aufsuchende Angebote. Bemerkenswerterweise sehen 86 Prozent der
Sachsen in politischer Bildungsarbeit einen effektiven Schutz der Demokratie in Deutschland.
3.3. Der Wille zur gesellschaftlichen Partizipation ist in Sachsen deutlich erkennbar.
Bürgerschaftliches Engagement, das aus der Mitte und für die Mitte der Gesellschaft
erwächst
, das umfängliche gesellschaftliche Integrationsmaßnahmen stärkt, soziale
Missstände angeht, gegen Rassismus und für Demokratie eintritt und den Zusammenhalt in
Sachsen stärkt, sollte nachdrücklich unterstützt werden. Um ein Mehr an Partizipation zu
ermöglichen, sollten regionale Engagement fördernde Strukturen überdacht und
entsprechende Förderpolitiken überprüft werden. Zugleich sollten neue Formen der
Co-
Produktion von Wohlfahrt
gefördert werden, in denen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft im
Sinne des Gemeinwohls kooperieren. So entstehen wichtige Selbstwirksamkeitserfahrungen
und gesellschaftliches Vertrauen - die ein probates Mittel gegen Frustration und
Institutionenskepsis sind.
3.4. Zudem bleibt die Politik aufgefordert, die von der Bevölkerung als
Missstände
empfundenen Phänomene anzugehen. Dazu gehören vor allem
sozialpolitische
Maßnahmen für die Unterschicht
, die
Verbesserung der Bildungssituation und der
Infrastruktur
sowie – aus der Sicht Vieler – der
inneren Sicherheit
.
3.5. Es gilt deshalb genauer zu bedenken, welche Möglichkeiten Politik, Gesellschaft und
Tarifpartner haben, um der empfundenen oder auch realen Leistungsungerechtigkeit im
Bereich von Einkommen und Alterssicherung zu begegnen, die gerade weite Teile der
unteren Mittelschicht sehr beschäftigt. Hier liegt jedenfalls ein Nukleus gesellschaftlicher
Unzufriedenheit mit dem Potential, die gesellschaftliche Mitte zu spalten.
3.6. Der
Vertrauensverlust in die Gerichte und in die Sozialverwaltungen
bedarf
eingehender Untersuchungen, um die Ursachen für empfundene Ungleichbehandlung zu
erkennen.
3.7. Die
Evaluation von Programmen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus
sollte
vorangetrieben werden.
3.8.
Der Sachsen-Monitor sollte in den kommenden Jahren unbedingt fortgeführt
werden.
Dabei wäre der
Wechsel auf einen Zweijahresrhythmus
zu prüfen, wie ihn etwa

5
auch die seit 2002 erhobene Leipziger Autoritarismus-Studie gewählt hat. Gleichzeitig könnte
mit dieser Taktung eine quasi kostenneutrale Ausweitung
des Samples
der befragten
Sachsen einhergehen. Dies könnte zu einer Vertiefung sozio-demografischer Daten führen.
Qualitative Befragungen zu Einzelthemen wären ebenso zu begrüßen wie eine
wissenschaftliche Begleitforschung, die bei den vergleichbaren Monitoren
in Thüringen
und Sachsen-Anhalt bereits eingeführte Praxis ist.

6
4. Deutungen
Nervöse und gespaltene Mitte
Sachsen ist gegenwärtig durch eine
„nervöse Mitte“
2
und eine
„gespaltene Mitte“
3
der
Gesellschaft gekennzeichnet. Die „Mitte der Gesellschaft“ ist hier sowohl soziologisch als
auch als normativer Zielpunkt der Gesellschaft zu verstehen. Die Mitte der Gesellschaft
versteht sich immer als
Stabilitätszone der Gesellschaft
,
lehnt Turbulenzen ab, hat
Status- wie Konsumerwartung und vertritt kulturelle und soziale Werte
. Wer über die
Mitte der Gesellschaft spricht, muss auch deren Integrationsfähigkeit und deren
Konfliktbereitschaft thematisieren – bis hin zu Wohlstandskonflikten, die sich aus dem
Sachsen-Monitor ablesen lassen.
Trotz der sinkenden Arbeitslosigkeit und einer hohen Zufriedenheit mit den wirtschaftlichen
und persönlichen Entwicklungen ist die Mitte in Sachsen von erkennbaren Befindlichkeiten
getrieben, die sich in sozialen Sorgen (gefühlter Deprivation), in Misstrauen gegenüber
Politikern und Parteien, in autoritären und rassistischen Einstellungen niederschlagen.
Insgesamt sind die Vertrauenswerte in Sachsen nicht sehr stark ausgeprägt (43 Prozent
Vertrauen sowie 55 Prozent eher Misstrauen bzw. Skepsis gegenüber den Mitmenschen).
Nach einer Studie der Hamburger BAT-Stiftung von 2013 ist der deutsche Durchschnittswert
für Vertrauen in den Mitmenschen in den letzten drei Jahrzehnten auf bis 65 Prozent
gewachsen.
4
Nach dem Sachsen-Monitor fühlt sich die überwältigende Mehrheit der Sachsen der
Mittelschicht zugehörig (7 Prozent der gehobenen Mittelschicht; 47 Prozent der mittleren
Mittelschicht; 34 Prozent der unteren Mittelschicht).
Die Bedeutung bestimmter politischer Themen hängt zweifelsfrei von der sozialen
Schichtzugehörigkeit ab. Für Akademiker sind Fragen der Bildung sehr wichtig (27 Prozent),
während sich Hauptschulabsolventen stärker mit der Integration der Ausländer und
Arbeitslosigkeit auseinandersetzen (je 21 Prozent). Im ehemaligen Bezirk Chemnitz mit einer
höheren Unterschichtenzugehörigkeit spielt das Thema Armut/Billiglöhne/Altersarmut eine
größere Rolle (22 Prozent).
Es ist nicht verfehlt, von einer
Drei-Drittel-Gesellschaft in Sachsen
zu sprechen.
5
Das
untere Drittel der sächsischen Bevölkerung
fühlt sich offensichtlich
ungerecht
behandelt
, hat höhere finanzielle Sorgen und scheint
tief enttäuscht von der Politik
zu
sein. Dort finden sich zum Teil erhebliche Ressentiments gegenüber Fremden sowie
Misstrauen in Politik und Gesellschaft. Dieses Drittel rekrutiert sich vor allem aus der unteren
Mittelschicht und der Unterschicht.
Gleichzeitig meldet sich
in einem zweiten Drittel eine verunsicherte Mittelschicht zu
Wort
, von der sich die meisten der mittleren Mittelschicht, viele auch der oberen Mittelschicht
zuordnen
. Ihr geht es zwar wirtschaftlich relativ gut, sie artikuliert aber trotzdem teils
2
Vgl. Berthold Vogel, Wohlstandskonflikte, Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen, Hamburg 2009.
3
Vgl. Andreas Zick/ Beate Küpper/ Daniela Krause, Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände:
Rechtextreme Einstellungen in Deutschland 2016, Bonn 2016.
4
Vgl.
https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/aus-aller-welt/studie-deutsche-haben-mehr-
vertrauen-in-ihre-mitmenschen/9252278.html?ticket=ST-6448782-vlg1ZMjPkO7tkLpwSM1H-ap2
[abgerufen am 7.11.2018]. Der „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann-Stiftung von
2014 kommt zu ähnlichen Ergebnissen, konstatiert erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und
Westdeutschland. Vgl.
https://www.bertelsmann-stiftung.de/
fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Radar_Gesellschaftlicher_Zusammenhalt.pd
f
[abgerufen am 7.11.2018]
5
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007.

7
erhebliche Zukunftssorgen
. Auch dort finden sich zum Teil erhebliche Ressentiments und
Misstrauen gegenüber Politik und Gesellschaft. Es ist also keineswegs so, dass das untere
Drittel nur aus Sozialhilfe-Empfängern und das zweite, mittlere Drittel aus lauter zufriedenen
Gewinnern der sozioökonomischen und politischen Entwicklung besteht.
Ein weiteres Drittel der Gesellschaft
rekrutiert sich schließlich vor allem aus der mittleren
Mittelschicht. Sie weist eine
hohe Zufriedenheit
mit der sozialen Lage auf, sieht die
Zukunft
weit positiver
und lehnt fremdenfeindliche oder rassistische Einstellungen zumeist ab.
Die gesellschaftliche Stimmung in Sachsen ist insgesamt wie in den Vorjahren
ambivalent:
Grundsätzlich besitzen die Sachsen
persönlich positive Zukunftserwartungen
, ganz
gleich, welcher sozialen Herkunft sie sind. Allerdings zeigt sich: Je höher der
Schulabschluss, desto besser die Zukunftsaussichten für den Einzelnen. Dieser Trend hat
sich in den drei Befragungen verfestigt. Gleiches gilt für die Einschätzung der
wirtschaftlichen Lage sowohl persönlich wie insgesamt in Sachsen. Hier gehen die
Ergebnisse von 2016 bis 2018 um 3 Prozent bzw. 7 Prozent nach oben. Leicht angestiegen
ist 2018 auch die Hoffnung auf einen persönlichen Aufstieg oder den der Kinder (+3 Prozent
und +6 Prozent).
Dem stehen
große Zukunftssorgen gegenüber
: Dass die Gegensätze zwischen Arm und
Reich zunehmen (stabil bei 83 Prozent) und der gesellschaftliche Zusammenhalt abnimmt
(+7 Prozent - im Dreijahreslängsschnitt +6 Prozent), teilen sehr große Teile der Bevölkerung.
Deutlich angestiegen sind auch die Ängste vor einer nicht ausreichenden Rente (+5 Prozent)
und dem Verlust deutscher Kultur und Eigenart (+10 Prozent). Allerdings hängen auch diese
Sorgen sehr stark vom Bildungsgrad und dem sozialen Status der Befragten ab.
Unzweifelhaft ist aber ein Wachstum sozialer Deprivationsvorstellungen, das in keinem
Verhältnis zur allgemein optimistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsperspektive steht. Die
Ambivalenz der Einschätzungen bestätigt die These von der „nervösen Mitte“, die sich trotz
eines robusten Wirtschaftswachstums in ihrer Stabilitäts- und Statuserwartung beeinträchtigt
sieht.
Die Daten aller drei Umfragen des Sachsen-Monitors zeigen,
dass sich ein Drittel der
Sachsen in der Beschreibung der positiven wirtschaftlichen Situation nicht
wiederfindet. Das gilt vor allem für Menschen mit eher niedrigeren Bildungs-
abschlüssen und geringerem Einkommen
. Das ist allerdings kein sachsenspezifisches
Phänomen. Die Erfahrung, trotz Arbeit auf Sozialleistungen angewiesen und von Armut
betroffen zu sein, kann zu einem Gefühl führen, nicht gerecht behandelt zu werden.
Strukturelle und persönliche Faktoren überlagen sich bei diesen Gruppen: Beispielsweise
konkurrieren die Menschen mit einem niedrigen Bildungsabschluss mit Flüchtlingen bei
Arbeitsplätzen und Wohnraum. Insofern spiegelt der Sachsen-Monitor die Angst vor
Wohlstandskonflikten recht deutlich.
Ähnliche Erfahrungswerte weisen alle drei Sachsen-Monitore bei der Frage nach der
Durchsetzung sozialer Rechte in Verwaltungen und vor Gericht auf. So zeigen die Daten,
dass die Demokratiezufriedenheit auch davon abhängt, ob ein Mensch seine Rechte
gewahrt sieht oder nicht
. Die Gleichheit vor dem Recht ist eine zentrale Stütze der
Demokratie. Wenn dieser Punkt angezweifelt oder als unglaubwürdig gesehen wird, ist die
Demokratie einer ihrer Grundlagen beraubt. An dieser Stelle wären qualitative Aussagen
unbedingt notwendig, um zu erfahren, welche konkreten Sachverhalte zu derartigen
Empfindungen geführt haben.
Die Angst, dass es einem persönlich schlechter gehen werde, haben immerhin 37
Prozent
. Angst, dass man das, was man sich „seit der Wiedervereinigung erarbeitet habe,

8
wieder zu verlieren“, teilt zwar nur ein Fünftel der Sachsen. Darunter sind vor allem 30
Prozent der Aufbaugeneration der 45- bis 59-jährigen zu nennen, die mit sieben
Prozentpunkten mehr als in der Grundgesamtheit (23 Prozent) diese Sorge bedeutend
stärker teilen. Auch diese Werte bestätigen die These von der „nervösen Mitte“, die -
durchaus konfliktbereit – ihren erarbeiteten sozialen Status verteidigen möchte.
Hinzu kommt allem
Anschein nach die Verarbeitung von persönlichen oder
gesellschaftlichen Erfahrungen von Arbeitslosigkeit bzw. negativ bewerteten
Umbrucherfahrungen der Transformationszeit nach 1990
, die sich tief im „mentalen
Rucksack“ der Sachsen festgesetzt hat. Das Gefühl, den gerechten Anteil am Leben oder
sogar mehr zu erhalten, teilen 51 Prozent der Sachsen, das Gegenteil behaupten 45
Prozent. Trotz des stabil hohen Stolzes auf die Errungenschaften der Wiedervereinigung
nach 1990 (88 Prozent in 2018 / 87 Prozent in 2017 / 85 Prozent in 2016), auf die Friedliche
Revolution und die wirtschaftliche Spitzenposition in den neuen Bundesländern ist das
Gefühl, „in Deutschland Bürger zweiter Klasse“ zu sein, weiterhin hoch. Diese Einschätzung
teilen 52 Prozent in 2018 (plus 8 Prozent im Vergleich zu 2017 und 2016).
2009 hatte das Allensbach-Institut eine Zahl von 42 Prozent aller Ostdeutschen ermittelt, die
sich als Bürger zweiter Klassen verstanden. Diese Zahl ist also deutlich niedriger angesiedelt
als der Wert des Sachsen-Monitors 2018.
6
Blickt man weiter zurück, so besitzt eine Umfrage
des Nachrichtenmagazins
Der Spiegel
vom 12.11.1990 Bedeutung, in der sich bereits
ähnliche Tendenzen zeigten.
7
Wie auch immer die Zahlen im Detail zu deuten sind,
zweifelsfrei handelt es sich hier um langfristige, verfestigte Einstellungen.
Hat diese negative Selbstwahrnehmung möglicherweise auch Konsequenzen auf den
Umgang mit Fremden und mit Minderheiten? Die im bundesweiten Vergleich hohen
rassistischen und fremdenfeindlichen Befunde in Sachsen werden nämlich – trotz leichter
Schwankungen – auch im dritten Sachsen-Monitor bestätigt. Diese gilt es genauer zu
betrachten und in Verbindung mit Einstellungen zu bringen.
Rechtsextreme Einstellungen
16 Prozent der Sachsen weisen sehr starke rechte Einstellungen auf.
Sie sagen, die
Deutschen seien „anderen Völkern von Natur aus überlegen“. Weitere 12 Prozent halten die
Weißen für zu recht führend in der Welt. Fast genauso viele stimmen der Aussage voll und
ganz zu, die Bundesrepublik sei durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß
überfremdet und durch die vielen Muslime in Deutschland fühle man sich wie ein Fremder im
eigenen Land (14 Prozent - volle Zustimmung bzw. 35 Prozent teilweise Zustimmung).
Gewachsen ist die Zahl der Sachsen mit antiziganistischen Vorurteilen (57 Prozent - ein Plus
von 8 Prozent in 2018).
Erkennbar zurückgegangen ist die Zahl derer (2018 11 Prozent, 2017: 14 Prozent; 2016: 18
Prozent), die Verbrechen des Nationalsozialismus in der Geschichtsschreibung als
übertrieben ansehen. 11 Prozent der Sachsen neigen zu harten antisemitischen
Einstellungen („Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und
passen nicht so recht zu uns“). 21 Prozent stimmen einer „weicheren“ Aussage zum
Antisemitismus zu („Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der
Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind“).
Bei beiden Fragen antworten mit 13 Prozent
überproportional viele mit „weiß nicht“.
Harter Antisemitismus ist damit in Sachsen zwar
6
https://www.wiwo.de/politik/deutschland/allensbach-umfrage-42-prozent-der-ostdeutschen-fuehlen-
sich-als-buerger-zweiter-klasse/5579234-all.html
[abgerufen am 7.11.2018].
7
Vgl.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13503318.html
[abgerufen am 7.11.2018].

9
zurückgegangen, es fällt aber auf, dass die „weiß nicht“-Antworten seit 2016 um 6
Prozentpunkte zugelegt haben, was entweder soziale Erwünschtheit, Indifferenz oder
taktisch-politisches Antwortverhalten bedeuten könnte.
Diese Zunahme der „weiß nicht“- Angaben fand sich bereits im Sachsen-Monitor von 2017
bei der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen. Diese Altersgruppe weist besonders starke
gruppenbezogene menschenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen auf. Waren im
letzten Jahr die Zahlen massiv zurückgegangen und dafür die „weiß nicht“- Angaben
gestiegen, ähneln die Zahlen 2018 wieder eher den Ergebnissen von 2016. 17 Prozent
dieser Altersgruppe sagen, die „Verbrechen des Nationalsozialismus werden in der
Geschichtsschreibung übertrieben“ (6 Prozent mehr als im Durchschnitt der Befragten). Dass
„Juden etwas Besonderes haben“, sagen signifikante 4 Prozent (15 Prozent) mehr als die
Gesamtbevölkerung (11 Prozent). Im Falle antisemitischer Aussagen liegt Sachsen in etwa
im Bundestrend. Eher untypisch sind die unter jungen Menschen verbreiteten
antisemitischen Haltungen.
Auffällig ist die starke Zustimmung zu sozialdarwinistischen Aussagen bei einem Teil
der jungen Erwachsenen
: Auf die Frage, „von Natur aus sollte sich in der Gesellschaft
immer der Stärkere durchsetzen“ stimmten insgesamt nur 10 Prozent voll und eher zu, unter
den 18-29-Jährigen aber 23 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage, ob es
„wertvolles und unwertes Leben“ gibt, der voll und eher 12 Prozent aller Befragten
zustimmte, aber 20 Prozent bei den 18-29-Jährigen. Der Aussage, „Menschen, die wenig
nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten“, stimmten insgesamt 15 Prozent und
damit 4 Prozentpunkte mehr zu als im Bundesdurchschnitt (11 Prozent)
8
, aber 18 Prozent
der 18-29-jährigen. Die Ursachen für diese erhöhten Werte müssten durch weitere Studien
geklärt werden
. Unklar ist, ob sich an dieser Stelle rechtsextremes Denken breit macht
oder sich ein Nützlichkeitsdiskurs in unserer Gesellschaft abbildet, der Menschen
nach Kosten-Nutzen-Logiken betrachtet und sozial schwächere Gruppen abwertet
.
Die Gruppe der jungen Erwachsenen ist gespaltener als andere Generationen
: Auf der
einen Seite junge Sachsen, die Angst vor den Folgen der Globalisierung haben. Auf der
anderen Seite zeigt die Umfrage aber eben auch, dass die klare Mehrheit der jungen
Erwachsenen die Globalisierungsprozesse als Chance und Bereicherung wahrnimmt.
Ressentiments und Vorurteile reichen bis weit in die Mitte der Gesellschaft
Rassistische Einstellungen finden sich dabei in Sachsen in allen Gesellschaftsschichten.
Lediglich stärker akademisch geprägte Bürger artikulieren in geringerem Maße derartige
negative Haltungen.
Gleichzeitig reichen Ressentiments und Vorurteile aber weit bis in
die Mitte der Gesellschaft, auch wenn diese nicht als genuin rechtsextrem betrachtet
werden können
. In allen drei Umfragen sehen über die Hälfte der Sachsen (2018: 56
Prozent) Deutschland in einem gefährlichen Maß überfremdet, obwohl nur ein Fünftel
gegenüber 2017 plus 6 Prozent) ihre „persönliche Wohnumgebung“ als überfremdet
empfindet. Zudem hat der Sachsen-Monitor von 2017 bestätigt, dass Menschen, die keine
Ausländer im Kollegen- oder Freundeskreis kennen sowie in der eigenen Familie vorfinden,
mehr Vorurteile ihnen gegenüber hegen. Es bleibt zu fragen, in welcher Weise mediale
Wahrnehmungen sozialer Brennpunkte in westdeutschen Großstädten eine Rolle spielen.
Das Symbol für die Ablehnung und auch ein mögliches Bindeglied zu extrem rechten
Milieus ist klar der Islam, wie bereits oben dargelegt.
8
So Zick et altera: Gespaltene Mitte, 178.

10
Mit 49 Prozent dieser muslimfeindlichen Aussagen liegt Sachsen unter den mittlerweile 55
Prozent des Bundesdurchschnitts. Im Westen ergibt diese Frage einen Wert von 56,1
Prozent und im Osten von 54,8 Prozent, so die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018. 11
Prozent wollen laut Sachsen-Monitor 2018 (ein Plus von 3 Prozent im Vergleich zu 2017)
eine Zuwanderung von Muslimen völlig verbieten, weitere 30 Prozent könnten sich dies in
der Tendenz vorstellen. Diese 41 Prozent liegen leicht unter dem Bundesdurchschnitt von
44Prozent, den die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 mit der gleichen Fragestellung
ermittelt hat – und deutlich unter den 50,7 Prozent im Durchschnitt der ostdeutschen Länder.
Es verwundert deshalb nicht, dass die Sorge, deutsche Kultur und Eigenart könne verloren
gehen, um 10 Prozentpunkte gegenüber 2017 gestiegen ist.
Auffallend ist, dass 71 Prozent derjenigen, die sich zu den unteren Schichten der
Bevölkerung zählen, muslimfeindlichen Aussagen zustimmen und sich wegen der vielen
Muslime wie Fremde im eigenen Lande fühlen. Menschen, die eher Vertrauen in
Mitmenschen haben, stimmen mit 39 Prozent (voll 7 Prozent, eher 32 Prozent) deutlich
weniger zu als Sachsen ohne großes zwischenmenschliches Vertrauen (voll 21 Prozent,
eher 39 Prozent, alle 60 Prozent).
Grundsätzlich sind diese Werte kein Grund zur Beruhigung in Sachsen, sondern eher zur
Sorge über bundesweite Einstellungsveränderungen.
Allerdings stimmen auch 50 Prozent der Aussage zu,
Langzeitarbeitslose
machen sich auf
Kosten anderer ein schönes Leben. Ressentiments sind
also nicht nur um ein Problem,
das sich gegen „Fremde“ richtet, sondern auch gegen sozial schwache Einheimische.
Hier stellt sich die Frage, ob die Angst vor einer Unterschichtung durch Zuwanderung nicht
auch zu fremdenfeindlichen Haltungen führt. Die untere Mitte könnte ihre
Stabilitätserwartungen und ihren wirtschaftlichen Aufstieg dadurch gefährdet sehen, dass
neue Gruppen (wie Asylsuchende) Ansprüche auf soziale Transferleistungen erlangen,
während sie sich aber selbst ungerecht behandelt fühlt. Das führt dann zur Überlagerung von
Zukunftssorgen und Ressentiments.
Lebensweltliche Erfahrungen?
Die demografischen Veränderungen in Stadt und Land, vor allem in den Klein- und
Mittelstädten sorgen für weitere Irritationen der sächsischen Mittelschicht, die sich zu 89
Prozent als heimatverbunden ansieht. Dieser erstmals erhobene Wert verweist auf die
Verwurzelung der Sachsen in ihrem Nahumfeld. Gleichzeit wird Heimat nicht unkritisch
wahrgenommen, sondern durch die Folgen des demografischen, sozialen und
wirtschaftlichen Wandels kritisch rezipiert.
Bedroht sehen 77 Prozent der Sachsen
„Heimat“, wenn „nahe gelegene Einzelhandelsgeschäfte und Arztpraxen schließen“
und 73 Prozent, wenn öffentliche Einrichtungen der Daseinsversorgung
wie Schulen
oder Schwimmbäder verschwinden würden, auch Brauchtum und Tradition verloren gehen.
Diese Angst findet sich besonders in Orten von unter 20.000 Einwohnern (84 bzw. 83
Prozent), also Kleinstädten, die vom demografischen Wandel nachteiliger als Groß- und
Mittelstädte betroffen sind.
9
Das Ergebnis kommt nicht überraschend, zeigen doch Studien zum Umzugsverhalten in
Mitteldeutschland, dass sich Groß- und Mittelstädte in der Regel gut entwickeln, während
Kleinstädte unter Druck geraten – und einen Teil ihrer öffentlichen Infrastruktur in den letzten
9
Vgl. Manuel Slupina/ Theresa Damm / Reiner Klingholz, Im Osten auf Wanderschaft. Wie Umzüge die
demografische Landkarte zwischen Rügen und Erzgebirge verändern, Berlin 2016.

11
Jahren eingebüßt haben. Auch der massive Wegzug der Nachwende-Jahrzehnte bildet sich
im Sachsen-Monitor 2018 ab, wenn 73 Prozent der Befragten angeben, dass sie einen
Heimatverlust spüren, wenn Freunde und Bekannte nicht mehr in der Nähe wohnen.
Kritische Einschätzungen der sozialen Marktwirtschaft, der Politik und der
gesellschaftlichen Selbstermächtigungserfahrungen
Kritisch ist auch die Sichtweise vieler Sachsen auf Wirtschaft, Politik und Demokratie.
Deutlich weniger als in Westdeutschland stimmen die Menschen im Freistaat der Aussage
zu, „Rangunterschiede zwischen den Menschen sind akzeptabel, weil sie im Wesentlichen
ausdrücken, was man aus den Chancen, die man hatte, gemacht hat“. Soziale Ungleichheit
wird daher in Sachsen nicht in dem gleichen Maße wie von Westdeutschen als das Ergebnis
eigenverantwortlichen Handelns angesehen. Das zeigt sich auch an der
Zustimmung zur
Aussage
, dass
weniger die persönlichen Anstrengungen in Bezug auf die soziale Lage
eine Rolle spielen, sondern eher äußere Umstände
. Diese Befunde sind allerdings nicht
neu.
Betrachtet man soziale Ungleichheit als unverzichtbare Voraussetzung für die
Aufrechterhaltung der Leistungsmotivation, gibt es ebenfalls Unterschiede. 52 Prozent der
Sachsen stimmen der Aussage zu, dass Unterschiede im Einkommen und im sozialen
Ansehen einen Anreiz für persönliche Leistung bieten. Diese Form der Rechtfertigung
sozialer Ungleichheit wird in Westdeutschland viel stärker zugestimmt. Die Stabilitäts- und
Belohnung-für-Leistung-Erwartungen im Osten der Bundesrepublik sind anders codiert als im
Westen.
Der in den Aussagen zu Ökonomie und Leistungsgesellschaft erkennbare Trend lässt sich
auch bei der Beurteilung politischer Verantwortung feststellen: Zum einen wird der
Politik
die Hauptverantwortung für die Lösung
der gesellschaftlichen Probleme zugewiesen
(2018: 62 Prozent und damit ein Plus von 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Doch die
Politik erscheint zugleich in einem negativen Licht
hat sie doch die Probleme
anscheinend unbefriedigend gelöst. Zum anderen wird deutlich, dass die eigene
Engagementbereitschaft zur Veränderung gesellschaftlicher Umstände nicht sehr hoch ist.
Auch hier zeigt sich die Mitte der Gesellschaft ambivalent, denn 85 Prozent der Befragten
finden das Engagement von Bürgern in demokratischen Parteien sehr wichtig oder wichtig,
um die Demokratie zu schützen, 73 Prozent finden Bürgerinitiativen wichtig, 70 Prozent
Demonstrationen gegen extremistische Bestrebungen.
Noch immer ist die Diskrepanz groß zwischen der abstrakten Forderung nach mehr
Partizipation und der geringen Bereitschaft aktiv in Parteien und bürgerschaftlichen
Aktivitäten zur Politikgestaltung beizutragen.
Die Aufgabe Politik zu gestalten, wird
einseitig Politikern zugewiesen.
Zugleich ist die Skepsis gegenüber Politikern ausgeprägt,
während das Vertrauen in demokratische Institutionen hoch ist. Überhaupt gibt es im letzten
Jahrzehnt einen Zuwachs an Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie in den
neuen Ländern.
Dennoch meinen nur 25 Prozent (minus 3 Prozent) der Sachsen, dass Politiker einen engen
Kontakt zu Bevölkerung suchen. Nur 16 Prozent (minus 5 Prozent) erwarten, dass sich
Politikern um die Sorgen der „einfachen Leute“ kümmern. Sogar 63 Prozent der Sachsen
neigen zu
post-demokratischen Überzeugungen
, nach denen die Wirtschaft und nicht die
Parlamente das Sagen hätten.
Daraus lässt sich auch ein
Mangel an Selbstermächtigungserfahrungen
ableiten. Denn
nur wenige geben an, sich um Ämter und Mandate bewerben oder in politischen Parteien

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mitarbeiten zu wollen. 59 Prozent meinen, ihr Engagement würde keinen Ertrag bringen, 51
Prozent scheuen die Verantwortung eines Amtes, 39 Prozent meinen, zu wenig Zeit für ein
derartiges Engagement zu haben. Dabei gibt es riesige Unterschiede bei den
Bildungsabschlüssen. 79 Prozent der Sachsen mit Hauptschulabschluss bzw. ohne
Abschluss sowie 75 Prozent derer mit Realschulabschluss stimmen dieser Aussage voll oder
eher zu, dass sie nicht viel bewirken könnten. Sachsen mit höherer Bildung sind hier weit
selbstbewusster, wenngleich immer noch überwiegend kritisch. Vermutlich können sie aber
wirksamer agieren, weil sie die gesellschaftlichen Spielregeln besser kennen und eigene
Interessen besser durchsetzen können.
Die
Kritik an Politikern und Parteien geht einher mit einer Hochschätzung der direkten
Demokratie
. Durch die Form der direkten Mitbestimmung meinen 81 Prozent der Befragten
(keine Zuwächse im Vergleich zu 2017), dass die Einflussnahme der Bürger wachsen würde
und sich Politiker stärker am Volkswillen ausrichten würden (75 Prozent in 2018 – plus 4
Prozent). Sogar zu 57 Prozent halten die direkte Demokratie für die wahre Demokratie (plus
5 Prozent im Vergleich zu 2018). Hier lässt sich allerdings fragen, wie tief das Wissen über
die Funktionsweisen der parlamentarischen Demokratie in der Bevölkerung verankert ist.
Dies auch vor dem Hintergrund, dass 49 Prozent der Sachsen angeben, sich nicht für Politik
zu interessieren.
Der Aussage, „wenn das Volk mehrheitlich in einer Volksbefragung etwas fordert, dann sollte
das von der Politik auch umgesetzt werden – egal was Gerichte, Parlamente oder das
Grundgesetz dazu meinen“ stimmen voll 32 Prozent und eher 36 Prozent zu (insgesamt 68
Prozent). Auch hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bildungsabschlüssen,
aber eben auch eine Mehrheit der Sachsen mit höherer Bildung stimmt dieser bedenklichen
Aussage zu.
Sachsens Bevölkerung zeigt sich auch hinsichtlich der Erwartungen an Politik als „nervöse
Mitte“. Augenfällig ist und bleibt in allen Facetten des Sachsen-Monitors eine
überbordende
Stabilitätserwartung an Politik
, der aber nur eine begrenzt Eigeninitiative zur Beruhigung
gesellschaftlicher Verhältnisse gegenübersteht. Diese Ambivalenzen sollten auch die großen
Verbände und Organisationen zum Nachdenken aufrufen, welchen Beitrag sie intern und
extern für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts leisten können. Dass die
sächsische Bevölkerung durchaus konfliktbereit ist, erlangten Wohlstand verteidigen will bzw.
nur partiell bereit ist, neue soziologische Gruppen in ihrer Mitte aufzunehmen, ist ein
weiteres Ergebnis der drei Sachsen-Monitore, das in der Breite der Gesellschaft intensiv
diskutiert werden sollten. Dabei braucht eine
dynamische Gesellschaft
wie die des
Freistaates in der Mitte der Gesellschaft immer
Stabilität, soziale Absicherung und
Öffnung.