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Letzte Runde auf dem
Forststeig
Wolfram Claus ist der Mann für alle Fälle auf Sachsens beliebter
Trekking-Route. Ende Oktober, zum Saisonschluss, macht er
nochmal seine Runde, schließt die Hütten zu und schaut, ob auf
dem Steig alles in Ordnung ist. In diesem Jahr zum letzten Mal.
Text/Fotos: Hartmut Landgraf
Morgens, halb Zehn im Elbsandsteingebirge: Wenn auf den
Lagerplätzen am Forststeig noch hier und da der Kaffee in den
Emaillebechern dampft, die Sonne hell und warm über die
Fichtenwipfel schaut und die ersten Wanderer ihre Zelte
abbrechen, steigt Wolfram Claus in seinen weiß-grünen
Pickup. Der Motor meldet sich grollend zum Dienst, im Radio laufen die Frühstücks-Charts.
Wolfram Claus drückt aufs Gas. Denn es gibt viel zu tun: In der Haselmausbaude wird
allmählich das Brennholz knapp. Auf der Rotsteinhütte müssen die Rauchmelder überprüft
werden. Vielleicht ist an den beiden Schlaf-Boxen am Taubenteich wieder irgendwas
verklemmt. Oder die Dachrinne im Spitzstein-Biwak ist verstopft. Die Ticketboxen müssen

regelmäßig ausgeleert werden. Ab und zu auch die Toiletten. Und irgendwo auf dem
Forststeig ist garantiert wieder ein Stück Rinde von einer Fichte abgefallen – mitsamt der
draufgemalten gelben Wegmarkierung. So etwa sieht sie aus: die To-Do-Liste, die der Mann,
der für seine 63 Jahre erstaunlich muskulös und sportlich wirkt, abarbeiten muss. Er braucht
dafür keinen Merkzettel, denn er macht das alles nicht erst seit gestern. Aber diesen Herbst
macht er es zum letzten Mal.
Wolfram Claus geht in Rente. Nach über 40 Jahren beim Forst. Und nach dreieinhalb Jahren
in einem Job, für den es nicht mal eine reguläre Dienstbezeichnung, dafür aber eine Art
Ehrentitel gibt: Forststeig-Ranger. Soll heißen: Auf dem sächsischen Teil des deutsch-
böhmischen Elbsandstein-Trails mit seinen sechs Hütten und fünf Biwakplätzen ist er so
etwas wie der Haus- und Quartiermeister. Man könnte sagen: der Mann für alle Fälle.
Im Frühjahr 2018 wird die insgesamt 105 Kilometer lange Trekkingroute eröffnet. Seitdem ist
Wolfram Claus ihr guter Geist. Den Großteil der Woche muss er sich zwar um andere Dinge
kümmern: Er betreut Kinder- und Jugendgruppen im Walderlebniszentrum Leupoldishain,
macht mit Schulklassen Baum- und Naturführungen, organisiert Workshops und
Geländespiele. Doch obwohl er das alles gerne tut, mag er seinen Job am Forststeig am
liebsten: in der Ruhe des Waldes sein eigenes Ding zu machen – das Zupackende, die harte
körperliche Arbeit. Denn so ist er es gewohnt, so war das Zeit seines ganzen Berufslebens:
Vor der Wende schuftet Wolfram Claus jahrzehntelang als Waldarbeiter im Holzeinschlag.
Bäume fällen von Hand und im Akkord. Ein Knochenjob. „Das Zellstoffwerk in Heidenau war
unersättlich, die brauchten damals Holz ohne Ende“, erinnert er sich. Als die künstlichen
Hüftgelenke kommen, die OP an der Halswirbelsäule und der Herzschrittmacher, kann
Wolfram Claus die Arbeit nicht mehr machen. Er muss kürzer treten, findet beim Forst neue
Aufgaben, absolviert eine Weiterbildung zum Natur- und Landschaftspfleger, qualifiziert sich
in Waldpädagogik und arbeitet zehn Jahre lang mit Kindern. Bis der Forststeig hinzukommt.
Zweimal die Woche, jeden Montag und Freitag, macht Wolfram Claus seine „Hüttenrunde“.
Was wie eine entspannte Landpartie mit dem Pickup klingt, ist alles andere als gemütlich:
Hinten im Wagen holpern neben Brennholzscheiten mehrere Eimer und alle möglichen
Gerätschaften herum. Handfeger. Putzzeug. Alles, was man so braucht, um die Idee Trekking
im Elbsandsteingebirge heimisch zu machen und Lagerplätze mit mehreren Tausend
Übernachtungsgästen pro Saison in Ordnung zu halten. Der amerikanische Wanderpapst
John Muir verglich die Idee einer solchen Langstreckentour im 19. Jahrhundert noch ganz
simpel mit einem Sprung über den Gartenzaun. Ein alter Rucksack. Ein Kanten Brot. Ein
Pfund Tee. Mehr sei nicht nötig um loszuwandern. Die Zeiten haben sich geändert. Heute
gibt´s Brandschutzauflagen, Hygiene- und Naturschutzbelange. Und die Komposttoilette.
Die Sache mit dem Stock zum Beispiel stand nie im Arbeitsvertrag. An jedem Biwakplatz hat
Wolfram Claus einen versteckt. Für so etwas gibt´s keine Stellenbeschreibung. Eigentlich
nicht mal Worte: In einer Komposttoilette werden zwar die festen Hinterlassenschaften sehr
sauber und effizient von den flüssigen getrennt – doch mangels Wasserspülung und um
unerwünschte Anhäufungen im Behälter zu vermeiden, muss der Inhalt hin und wieder
händisch ausnivelliert werden. Bei dieser Operation hilft der Stock. Kurzer Eingriff, alles gut.
„Die Toiletten müssen eben in Ordnung sein“, sagt Wolfram Claus.

Ansonsten verlangt der Job eher sein handwerkliches Können. Hier muss eine Dachfläche
vergrößert werden, da der Hüttenfußboden neu verlegt. Manchmal verschwindet auf den
Biwakplätzen eine Axt, mal versucht sich ein Wanderer um die Übernachtungsgebühr zu
drücken, ein anderer vergisst seinen Müll. Aber solche Scherereien sind Ausnahmen. Die
allermeisten Trekker sind in Ordnung und „wollen einfach nur den Weg schaffen“, sagt
Wolfram Claus. Und es gibt andere, schönere, Erlebnisse. Nette Begegnungen mit Leuten aus
aller Welt. Fragen nach dem Woher und Wohin. Das gute Gefühl, dass die eigene Tätigkeit
anderen in die Spur hilft. Die Nähe zum Abenteuer. Und zu den Bergen. Mal ein dankbarer
Blick. Ein paar herzliche Worte. Wolfram Claus ist auf dem Forststeig nicht einfach nur – im
Dienst. Er fühlt sich dem Anliegen des Trails und der Trekkinggemeinde tief verbunden, geht
selbst gern wandern, bringt sich mit eigenen Ideen ins Projekt ein, erarbeitet wo nötig
Routenkorrekturen. Er ist schon zu Fuß über die Alpen gezogen und mit dem Zelt durchs
afrikanische Erongogebirge. Egal ob Hitze oder Schnee: „Ich bin völlig wetterfest“, sagt er.
Der Winter steht vor der Tür. Die Wälder der Sächsischen Schweiz leuchten in ihrer goldenen
Herbstpracht. Morgens steigt der Nebel aus den dunstnassen Wiesen bis hinauf zu den
Gipfeln der Tafelberge. Und am Forststeig kehrt Ruhe ein. Ende Oktober ist Saisonschluss.
Dann macht Wolfram Claus zum letzten Mal seine Runde, schließt die Toilettenhäuser zu,
lagert Feuerlöscher, Schaufeln und Äxte ein, sammelt hier und da Markierungsstangen vom
Weg, baut in den Hütten die Rauchmelder ab, verriegelt alle Fensterläden und Türen.
Irgendwann in der Rente, vielleicht schon im nächsten Frühjahr, will er auf den Forststeig
zurückkehren. Dann mit Rucksack und Zelt. Und seinen Weg zum ersten Mal – selbst
wandern.